Kreuz und quer durch Afrika - Band 2 by Rainer Grajek by Rainer Grajek - Read Online

Book Preview

Kreuz und quer durch Afrika - Band 2 - Rainer Grajek

You've reached the end of this preview. Sign up to read more!
Page 1 of 1

Dämmerung

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2014 novum publishing gmbh

ISBN Printausgabe: 978-3-99038-433-6

ISBN e-book: 978-3-99038-434-3

Lektorat: Dr. Gabriele Olveira

Umschlagfotos: Balint Radu, Dmitry Pichugin | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Inhaltsverzeichnis

Teil 2

The Leopard is coming!

Das Bett stand an einer idealen Position.

Ich wälzte mich auf die rechte Seite. Ute rückte an mich heran und stützte sich mit angewinkelten Armen auf meine linke Schulter.

„Ich bin gespannt, wer zuerst kommt", flüsterte sie so leise als sei zu befürchten, dass jemand mithören könnte.

Wir starrten gebannt durch das Panoramafenster, das sich parallel zu meiner Schlafstatt befand.

„Ich denke, dass es die Gazellen sein werden", raunte ich zurück.

„Ich tippe auf die Kaffernbüffel, die lungerten gestern stets in der Nähe des Teiches herum."

Im schmalen Zimmer breitete sich Schweigen aus. Am Firmament kletterten einzelne Lichtstrahlen über das Dunkel und verloren sich suchend in der Savanne. Aus der Dämmerung wurde zögernd Helligkeit. Die braunen Erdschatten röteten sich, und in der Ferne legten Büsche und Bäume schwärzliches Grün an.

Unser Bett stand in einem der fünfzig Zimmer der auf einem Hügel mitten im kenianischen Nationalpark Tsavo Ost errichteten Voi Safari Lodge.

Unter uns dehnte sich die Savanne mit roten und gelb-roten Erdflächen und zu Inseln zusammengedrängten Büschen und Bäumen. Die aus Steinen und Holz erbaute Lodge bot einen sagenhaften Rundblick in die Weiten des Nationalparks.

Am Fuß der Hügel hinderte eine Mauer die Tiere daran, die Lodge zu betreten. Hinter ihr führte eine Treppe zu Beobachtungsplätzen. Direkt an der Mauer hatten wir am gestrigen Tag eine Parade vorbeidefilierender Tiere abgenommen: vom roten Erdstaub gefärbte Elefanten, Löwen, Zebras, Büffel, Warzenschweine, Giraffen, Impalas. Prächtige Vögel bildeten das Dekor: Gaukler, Sekretäre, Kiebitze und Nachtwangenweihen.

Mit angestrengten Augen blickten wir in die Dämmerung. Rechts unten am Hügel glitzerte die Oberfläche des kleinen Weilers, dessen Ufer von den täglich hier versammelten Tieren festgetreten und ohne pflanzlichen Bewuchs waren. Links daneben befand sich die von den Elefanten angelegte Kuhle, aus der sie den roten, mit Lehm vermengten Sand entnahmen und sich über die Körper spritzten.

Noch weiter links, von unserem Fenster gerade noch zu erkennen, lag die mit einer niedrigen Mauer umgebene Wasserstelle mit eingestreuten Felsbrocken, die durstigen Vögeln ungestörtes Durstlöschen sicherten. Im Gelände verstreut ragten dicke Felsen aus dem Sand.

Mit angehaltenem Atem beobachteten wir die Umgebung des Gewässers. Plötzlich verschwand die Dämmerung und es wurde so hell, als habe jemand das Licht angeknipst. Aus allen Richtungen sausten graue Kugeln auf die Wasserstelle zu, bildeten wogende Streifen an den Seeufern und dicke Polster an den schmalen Wasserzuläufen. Hunderte Perlhühner löschten ihren Durst, tranken dicht aneinandergedrängt und fluteten dann eilig einige Meter zurück, um den nachrückenden Federbällen Platz zu machen. Wie Perlen blitzten die metallisch blauen Kopffedern in dem grauen Einerlei, in welchem einzelne Tiere mit hektischem Flügelschlag gelegentlich für Bewegung sorgten.

Nach einer Weile löste sich das Perlhuhntreffen auf, und Leere blieb am See zurück. Träge erhoben sich in der Ferne die Kaffernbüffel von ihrem Nachtlager und trabten geruhsam zum Wasser hin.

Die Voi Safari Lodge war die erste Unterkunft während unserer Reise durch fünf Nationalparks des wildtierreichen Kenia.

Gestern waren wir frühzeitig von unserem Hotel, das 33 Kilometer südlich der Stadt Mombasa am Indischen Ozean lag, mit zwei österreichischen Ehepaaren zur Safari aufgebrochen. Marie und Karl, ein Lehrerehepaar in mittleren Jahren und die Jungverheirateten Pia und Johann, sie Verkäuferin und er Notar, bildeten gemeinsam mit Ute und mir die Besatzung des Safarifahrzeuges, das von Idi gesteuert wurde. Weil das elfenbeinfarbene Auto ringsum einen breiten orangefarben lackierten Streifen trug, steckte Idi in einer hellen Hose und einem orangenen Hemd und schwenkte zur Begrüßung ein dunkles Basecape.

Idi beherrschte sein Handwerk. Er dirigierte das Fahrzeug durch den schon am Morgen auf Mombasa lastenden Smog und den unsäglichen Schmutz der Straßen, deren Ränder unter den dicken Schichten von Plastikabfällen nicht mehr zu erkennen waren. Mombasa ist die älteste Stadt Kenias, besitzt eine zweitausendjährige Geschichte und hat die zweitgrößte Einwohnerzahl des Landes. Sie wurde auf einer Insel erbaut und durch den Makupa-Damm mit dem Festland verbunden. Am Rande der Altstadt beherrschte das aus massivem Korallenstein von den Portugiesen 1593 erbaute Fort Jesus das Bild und die Hafeneinfahrt. Es galt als uneinnehmbar, wechselte jedoch neunmal den Besitzer.

In der Innenstadt tobte hektischer Verkehr, der laufend zu Staus führte. Meine Neugier richtete sich auf den großen Torbogen über der Moi-Avenue, dem Wahrzeichen Mombasas. Der Bogen war 1956 zum Empfang der britischen Prinzessin Margret errichtet worden. Die riesigen Elefantenzähne, ursprünglich aus Holz gefertigt und den früheren Reichtum der Stadt symbolisierend, wurden später aufgrund des internationalen Aufsehens, das sie erregten, durch Metallzähne ersetzt. Noch zieren auf den Postkarten zwei überdimensionale weiße Stoßzähne die Durchfahrt an der Straße. Als wir vorüberfuhren, boten sie rostzerfressen ein jämmerliches Bild und ordneten sich so in den Elendsanblick der Stadt ein, die in ihrem Schmutz zu ersticken drohte.

Während der Überfahrt mit der Fähre vom Strand zur Stadt unterhielt ich mich mit einem Kenianer, dessen Kleidung (er trug einen dunklen Anzug, Schlips und glänzende schwarze Lackschuhe) bestätigte, dass er städtischer Angestellter „in gehobener Position" war. Auf das Problem der gigantischen Schmutzberge in der Stadt angesprochen, erzählte er von Vorgängen, welche die Politik der Stadtväter vor einiger Zeit stark erschüttert hatten.

„Wir verzeichneten zu Beginn des Jahres 1999 den Rücktritt des beliebten arabischstämmigen Bürgermeisters Balala. Der hatte den Kampf gegen die korrupten Kräfte im Rathaus und in der Regierungspartei Kanu aufgenommen und brachte die Verantwortlichen der Tourismusbranche wie auch der Opposition und des Anti-Korruptionskomitees im Parlament hinter sich. Er vertrat den Standpunkt, dass die Privilegien einer Minderheit nicht über das Wohl der Allgemeinheit gehen dürfen. Mit seinen 32 Jahren sprühte er vor Optimismus. Aber bald erreichte ihn eine Welle von Morddrohungen gegen ihn und seine Familie aus Kreisen der korrupten Politiker, die über sehr gute Beziehungen zum Staatsoberhaupt Daniel arap Moi verfügten. Die Drohungen gegen den studierten Computerspezialisten und Geschäftsmann drängten ihn aus dem Amt. Dabei hatte Najib Balala Großartiges erreicht. Während Mombasa vor seinem Amtsantritt die Müllhalde am Indischen Ozean genannt wurde, in der auch die historisch wertvollen arabischen Residenzen und die alten Kolonialbauten vergammelten, gab er mit der Losung ‚Haltet Mombasa sauber‘ der Stadt ein neues Image."

„Die Losung allein wird den Umschwung aber nicht bewirkt haben."

„Nein. Die Unterstützung seiner Vorhaben fiel vor allem bei der städtischen Mittelschicht auf fruchtbaren Boden, und die Stadt tat das Ihre dazu. Die Straßenränder wurden aufwendig gesäubert und begrünt. Geschäftsleute stellten Blumenkübel auf die Straßen und legten Rabatten an. Korrupte und faule Stadtangestellte wurden rausgeschmissen und die Anzahl der städtischen Bauten reduziert. Dabei war er sich vor allem der Unterstützung der vielen arabischen Händler und weißen Geschäftsleute sicher, die sich auch gegenseitig annäherten. Ich muss hinzufügen, dass Balalas Vorfahren aus dem Jemen stammten und mit Teehandel Wohlstand erlangten. Der Moslem Balala fühlte sich als erfolgreicher Vermittler zwischen Indern, Arabern, Afrikanern und Weißen in unserer berühmten Stadt. Angesichts dieser Entwicklung jubelten die Macher der Tourismusindustrie."

„Und trotzdem erlitt er eine Niederlage?"

„Ja, seine Gegner hätten ihn kalt gemacht. Wenn es um Geld geht, schrecken die vor keiner Untat zurück."

„Weiß man, wer die Hintermänner waren?"

„Es wird allerhand gemunkelt. Balala wehrte sich dagegen, dass städtisches Land an Privatleute verkauft wurde. Das missfiel Rashid Sajjad, dessen Vorfahren aus Pakistan stammen. Das ist einer der am meisten gehassten Männer in Kenia. Seine Geschäfte sind unseriös und undurchsichtig, er soll auch hinter den Massakern von 1997 gestanden haben. Er verfügt über Beziehungen zu höchsten Kreisen. Nun sind gerade mal zwei Jahre seit dem Rücktritt Balalas vergangen und Mombasa ist wieder, was es vorher war, die kenianische Müllhalde am Ozean."

Idi steuerte den Wagen aus der Stadt hinaus. Unser Ziel war der Nationalpark Tsavo East. Idis Tätigkeit war jedoch mit dem Begriff „steuern" ungenügend beschrieben. Er tastete sich durch tiefe, mit übrig gebliebener Straße durchsetzte Bodenlöcher. Idi leistete Schwerarbeit mit Händen, Armen, Beinen, Füßen. Wenn noch schaumige Brecher auf uns niedergegangen wären, hätten wir uns auf offener, stürmischer See gewähnt. Das Auto schaukelte, wackelte, schwankte, tauchte abwärts, schoss jäh steil in die Höhe, stauchte seinen menschlichen Inhalt zusammen, ließ Köpfe und Körper aufeinanderprallen.

Nach alter englischer Tradition gelten in Kenia die Regeln des Linksverkehrs. Beim Abbiegen hat die linke Seite Vorfahrt, überholt wird rechts. Sagt die Theorie. Idi musste ein bestimmtes Tempo einhalten, denn die Straße war belebt. Manchmal schoss er auf die rechte Straßenseite und musste an deren abgebrochener Kante einem entgegenkommenden, hoch bepackten Ungeheuer ausweichen. Hinter uns drängten andere nach und drückten auf Tempo. Ute und ich hatten uns auf den hintersten Sitzen platziert, da dort drei Plätze existierten und es mehr Beinfreiheit gab als auf den vorderen. Dafür schüttelte es uns hinten mehr durch als die vorn Sitzenden. Fregattenkapitän Idi hatte ein wachsames Auge nach außen und innen. Mit seinem Fahrstil verhinderte er stets im letzten Moment, dass wir ihm die Bude vollkotzten.

Irgendwann erreichten wir die glatte Asphaltstraße A 109 und glitten auf ihr ruhig dahin. 250 Kilometer bis Tsavo East. Die Würgereize verschwanden.

Die Straße durchschneidet den Tsavo-Nationalpark und teilt ihn in einen Ost- und einen Westteil.

Tsavo East ist zwar der größere von beiden, jedoch haben Touristen zu zwei Dritteln des Parks keinen Zutritt. Das Gebiet nördlich des Galana-Flusses ist ausschließlich den Tieren vorbehalten und dient in idealer Weise der Forschung.

Die Gespräche unterwegs drehten sich um das, was wir im Nationalpark erwarteten.

Karl, dessen österreichischer Dialekt einen ruhigen, kameradschaftlichen Menschen vermuten ließ, beschäftigte sich vorbereitend mit seiner Kamera, seine Frau nahm an der Unterhaltung kaum teil. Wir hatten bisher nur wenige Österreicher kennengelernt. Und jene, welche wir kannten, sprachen diesen für das Land typischen Dialekt, dessen Klang in mir stets die Vorstellung von braven, freundlichen, ruhigen, verständnisvollen – eben gemütlichen – Menschen hervorrief. Den Dialekt hatte ich bisher als Ausdruck eines Gemütszustandes verstanden. So auch im Fall von Marie und Karl. Sie hatten sich rechtzeitig in den Wagen begeben, um die beiden Plätze hinter dem Fahrer zu sichern, weil sie glaubten, so die Tiere der Savanne eher und besser zu sehen als die weiter hinten Sitzenden. Marie saß etwas unruhig auf ihrem Platz. Sie trug, vorsichtig ausgedrückt, einige Pfunde zu viel mit sich herum, was ihre Beweglichkeit auf dem Platz und zwischen den Sitzen einschränkte und später auch die ihres Mannes.

Die beiden jungen Leute erwiesen sich als sympathische Menschen und ideale Reisegefährten: locker, lustig, lebensfroh und sie lagen voll auf unserer Wellenlänge.

Irgendwann standen wir vor dem Buchuma-Gate mit seinem Nashornsymbol und dem „welcome"-Schriftzug und erwarteten, bald die ersten Wildtiere zu sehen. Vor allem die berühmten Dickhäuter. Die roten Elefanten von Tsavo East. Wir hatten von dem Phänomen gehört, handelten jedoch nach der Devise: Die Botschaft hör ich wohl, allein, mir fehlt der Glaube.

Tatsächlich dauerte es nur ein paar Minuten, bis die ersten Vierbeiner vor den schussbereiten Kameras auftauchten: Paviane mit hauerartigen Eckzähnen, schwanzwedelnde Zebras, Kaffernbüffel mit breitflächigen Hörnern am gewaltigen Kopf. Als ob zu erwarten sei, dass uns kein weiteres Tier vor die Linsen käme, knipsten wir unter dem geöffneten Hubdach des Autos wild drauflos.

„Elefanten! Elefanten! Elefanten!"

Marie hatte sich von ihrem Platz erhoben und winkte begeistert nach draußen. Tatsächlich trabten in einiger Entfernung drei Elefanten parallel zum Wege. Auch wir rissen unsere Köpfe in den Fahrtwind, bereit, die roten Kolosse gründlich zu bestaunen. Aber von wegen rot! Köpfe und Rücken der Tiere waren mit einer rotbraunen, rissigen Erdschicht bedeckt, die in kleinen Stücken zu Boden fiel. Der Bauch und die unterste Kopfhälfte boten sich in ihrem natürlichen Elefantengrau dar. Sollten das die Vertreter der angeblich roten Kolosse sein? Ich blickte etwas enttäuscht hinüber. Ute dagegen mit Begeisterung. Sie begeistert sich für jeden Elefanten, egal wann, wo und in welcher Farbe er auftaucht. Sie bewahrt ihre Liebe zu den Elefanten wie einen Schatz, trägt ihn wohl verwahrt dicht am Herzen. Friedlich und an uns völlig desinteressiert wankten die Riesen ins fressbare Gebüsch. Weniger friedlich ging es indes in unserem Safariwagen zu. Nach dem „Elefanten!-Schrei seiner Gattin war Karl aufgesprungen, um die Angekündigten sofort auf den Film zu bannen und hatte seinerseits mit kreischendem „Joah, joah … zur Tat schreiten wollen. Aber seine Gattin hatte beim Aufstehen mit ihrer Körperlichkeit nicht nur ihren Sitz, sondern auch den schmalen Gang daneben reichlich ausgefüllt. Karl wurde an die Fensterseite gequetscht und konnte sich in dem eingeengten Raum kaum drehen. Sein Jagdtrieb ließ ihn alles vergessen, nur nicht, dass hinten, wo wir saßen, eigentlich drei Plätze existierten. Ute und ich hatten uns erhoben, um die Elefanten zu beobachten. Da kam Karl durch den Gang geschossen, den Fotoapparat wie ein zu schützendes Heiligtum über dem Kopf haltend und warf sich mit vollem Körpereinsatz zwischen uns, schubste Ute auf ihren Platz zurück und hatte mit erstaunlicher Geschwindigkeit das Stadium artikulierter Rede hinter sich gelassen, stieß nur noch erregte Gurgellaute hervor, die völlig unösterreichisch klangen.

Idi hatte in der Annahme eines Unglücksfalles erschrocken auf die Bremse getreten, sodass das Auto ruckartig zum Stehen kam, Karls Fotoapparat auf die Dachkante prallte und sein Körper auf dem Utes landete.

Während einer Safari entwickelt sich das Fotografieren zur Leidenschaft. Jagdinstinkte tauchen aus der Tiefe des menschlichen Wesens auf und steigern sich zur Sucht. Das Foto ersetzt die frühere Jagdbeute. Der Moment des Aufeinandertreffens von Tier und Mensch soll festgehalten werden, denn die Erinnerung verblasst mit der Zeit, und das Vergessen wäre die logische Folge. Deshalb ist das Fotografieren während der Safari ein ständiger Kampf gegen das Vergessen. In meinem Kopf schwirrte die Shakespeare-Formulierung vom „Vergessen, dem großen Scheusal aus Undankbarkeit" herum.

Karl. Was wir anfangs mit Verwunderung registriert hatten, wiederholte sich auf der gesamten Safari täglich. Der Mann vergaß sich völlig, wenn es um die vermeintlich beste Fotografierposition ging. Er rammte jeden und erwies sich als kalter Egoist, der auf niemanden Rücksicht nahm. Ich glaube, selbst im schwersten Krankheitsfall wäre sein Fieber nie über 38,5 Grad gestiegen. So kalt war Karl. Vielleicht bemerkte er am zweiten oder dritten Tag, dass er sich bei allen, außer Marie natürlich, lächerlich machte und gehörig zu unserem Amüsement beitrug. Jedenfalls suchte er abends lieber Gesprächspartner aus anderen Gruppen.

Während wir weiter durch die Savanne fuhren, erinnerte ich mich der weltweit kritisierten Elefantenabschüsse in den achtziger Jahren in Kenia, die den Bestand der frei lebenden Tiere um drei Viertel reduziert hatten. Mit den Stoßzähnen hatten organisierte Wildererbanden und deren Hintermänner massenhaft Geld verdient. Damals nahm der Druck der Weltöffentlichkeit auf den seit 1978 amtierenden Präsidenten Daniel arap Moi so zu, dass der sich zum Handeln gezwungen sah. Er setzte den weißen Kenianer Richard Leakey als Leiter der staatlichen Naturschutzbehörde ein und gestattete ihm, den Kenya Wildlife Service paramilitärisch aufzurüsten. Leakey bereitete der Wildererplage ein Ende und trug dazu bei, den Handel mit Elfenbein weltweit einzuschränken. Spektakuläre Bilder gingen damals um die Welt, als in Nairobi Berge von Stoßzähnen öffentlich verbrannt wurden. Präsident Daniel arap Moi zündete 1989 persönlich einen aus zwölf Tonnen Stoßzähnen errichteten Scheiterhaufen an, um das Ende der illegalen Elefantenjagd zu verkünden und seine Übereinstimmung mit dem 1989 von CITES (Convention on International Trade in Endangered of Wild Fauna and Flora) gefassten Beschluss zu demonstrieren. Das Sekretariat des Washingtoner Artenschutz-Abkommens CITES erließ damals das globale Handelsverbot, und Naturschutzverbände unterstützten es mit dem Slogan „Der letzte Elefant ist schon geboren."

Das wirkte sich auf das wildeste kenianische Naturschutzgebiet, den Tsavo-Nationalpark sehr positiv aus, und die Ideen des Mitbegründers dieses Parks, David Sheldrick, rückten wieder in den Vordergrund kenianischer Naturschutzpolitik. Präsident Moi, der vor drei Jahren (1998) seine fünfte Amtsbestätigung erhielt, wie auch die englische Königin ehrten ihn, der Ende der siebziger Jahre verstarb, indem sie seiner Witwe, Daphne Sheldrick, die in Kenia als „Mutter Teresa der wilden Tiere verehrt wird, gestatteten, ein privates Tierasyl, den „David Sheldrick Wildlife Trust, einzurichten. So positiv der Präsident den Tieren seines Landes gegenüberstand, umso eigenwilliger verhielt er sich manchmal in Bezug auf die Bevölkerung. Mit einer mehr als eigenwilligen Erklärung zog er sich Anfang des Jahres 2001 den Zorn der Frauen zu. In einer Rede zur Eröffnung des Frauenseminars in Nairobi gab er eine biologische Erklärung für die Benachteiligung der Kenianerinnen im öffentlichen Leben von sich. Das Staatsoberhaupt sagte allen Ernstes vor einigen Hundert Frauen: „Ihr Frauen könntet mehr erreichen, könntet mehr besitzen. Aber weil ihr so kleine Hirne habt, könnt ihr niemals bekommen, was ihr anstrebt." Wie groß und schwer mag wohl ein Präsidentenhirn sein?

Meine Gedanken wurden jäh durch laute Ausrufe der Fahrzeuginsassen unterbrochen. Nach einer Wegbiegung sahen wir das Wunder. Dicht am rechten Rand der Piste waren in der roten Erde mehrere kleine Vertiefungen und mittendrin ein größeres Loch von Elefantenfüßen und -rüsseln ausgehoben worden. In den Löchern hatte sich Regenwasser gesammelt, in dem kräftige Rüssel einen dicken roten Brei angerührt hatten. Eine Gruppe von vier erwachsenen und zwei jungen Elefanten hatte sich darin gewälzt und dann Köpfe und Rücken zusätzlich mit der leuchtenden Paste besprüht.

Das Suhlen im roten Schlamm schien ihnen ungeheures Vergnügen zu bereiten. Ihre Haut glänzte von der Feuchtigkeit. Das Wunder: Aus den roten Elefanten waren unter der schräg stehenden Sonne funkelnde Rubine geworden, die langsam schaukelnd an uns vorbeizogen und mit den elfenbeinenen Zähnen zu erkennen gaben, dass es sich um Elefanten handelte. Das großartige Bild erzeugte ein heißes Brennen in meiner Brust und ein nicht enden wollendes Gefühl der Freude stieg jubilierend aus meinem Körper.

Ich fand die Schönheit der roten Tiere so überwältigend, dass ich mich noch beim Abendbrot über die anderen Touristen in der Lodge wunderte, die so taten, als sei der heutige Tag ein ganz gewöhnlicher gewesen.

Wir waren weiteren roten, rotbraunen und grauen Elefanten begegnet und konnten uns nicht sattsehen. Sie bildeten wunderschöne Glitzersteine in dem in Grün-, Gelb- und Brauntönen angelegten Terrarium der Natur.

Aber die Aufregungen des Tages waren noch nicht vorüber.

Als wir nach der Nachmittagspirsch in das Camp zurückfuhren, stand zwei, drei Meter unterhalb der Bungalows ein Elefant, der direkt neben der Treppe Blätter von einem Busch abzupfte. Er hatte einen Pfad gefunden, der zur Lodge heraufführte, und nun vergnügte er sich zufrieden am saftigen Grün. Da wir über ihm standen, blieben wir zunächst ungefährdet und konnten ihn aus direkter Nähe beobachten. Plötzlich erschien auf der Treppe mit den weiß getünchten Stufen ein älteres Paar und betrachtete mit offensichtlichem Interesse das fressende Tier. Die Leutchen gingen weiter auf den Elefanten zu, setzten sich auf eine Bank und sahen aus einer Entfernung von wenigen Metern dem Spektakel auf dem Lodgegelände zu. Ein Bediensteter der Lodge trat zu uns auf die Felsenplattform und rief mit lauter Stimme hinunter: „Hallo, Sie beide! Gehen sie sofort dort weg. Da können Sie nicht sitzen bleiben. Beeilen Sie sich, gehen Sie weg!"

Der Elefant wurde unruhig. Die beiden Alten machten ihn nervös. Er begann, aufgeregt mit dem Kopf zu nicken, schleuderte den Rüssel auf und ab, bog ihn über den Kopf. Dann wedelte er mit den Ohren und stampfte nervös mit den Füßen auf den Boden. Zwischendurch zupfte er vom Blattwerk des Busches und eines danebenstehenden Baumes.

Die beiden Alten wiegten sich in der Sicherheit eines europäischen Zoos. Der Mann legte die Arme breit auf die Lehne der Bank und schien die Rufe von oben nicht zu hören. Der Wächter aus der Lodge fuchtelte heftig mit den Armen und schrie: „Hallo, hallo, Sie! Das da vor Ihnen ist ein wildes Tier. Sie sind in Lebensgefahr. Gehen Sie sofort weg, kommen Sie herauf zur Lodge."

Allmählich merkten beide, dass sie angesprochen waren, schüttelten aber ungläubig die Köpfe und schienen keine Gefahr zu sehen.

Nun begannen alle Versammelten mit den Armen zu rudern und zu schreien.

„Weg da! Seid ihr verrückt?"

„Das ist doch kein zahmer Elefant aus dem Zoo."

„He, verschwindet! Der trampelt euch nieder. Geht schnell weg da!"

Das Ehepaar stand missmutig auf. Es fühlte sich durch die Schreier und den Einheimischen aus der Lodge gegängelt. Langsam erhoben sich der Mann und die Frau, sie gingen zur Treppe und kamen nach oben geschlendert. Mit noch immer unwilligem, beleidigtem Gesichtsausdruck verschwanden sie in ihrem Quartier und verstanden die Welt nicht mehr. Wo doch ein Elefant so dicht vor ihnen gestanden hatte!

Ihnen war nicht bewusst geworden, dass sie tatsächlich in Gefahr geschwebt hatten.

Der große Graue beruhigte sich, zupfte, nun ziemlich lustlos, noch einige Blätter von den Zweigen und machte sich langsam nach Elefantenart auf den Weg nach unten.

Von der Voi Safari Lodge ist an jeder Stelle ein Rundblick über die Savanne möglich. Da direkt unterhalb des Anwesens zur Rechten der kleine See die Tiere anlockte und die von den Elefanten gegrabene rote Kuhle ständig neue Tiere magnetisch anzog und mit der ummauerten Wasserstelle eine weitere Tränke den Tieren auseinandersetzungsfreie Treffen anbot, waren ideale Beobachtungsmöglichkeiten gegeben.

Auf einem Felsen hinter der schützenden Mauer bezogen wir unseren Lauschposten und vergaßen die Zeit. Büffel kamen und rieben sich an kantigen Felsen. Ein Elefant stieg in die rote Grube und postierte sein gewaltiges Hinterteil am Rande, wo viele große Steine lagen und schwenkte es, halb sitzend, genussvoll darauf. Im Hintergrund ästen hunderte Kaffernbüffel ohne sich um die Elefanten zu scheren. Sie hielten ihre Schnauzen futtersuchend direkt am Boden. Einige standen im See und dösten still vor sich hin.

In einem metertiefen Grabenriss sickerte ein Bächlein, welches die erwachsenen Elefanten mühelos überstiegen, das aber einem Jungtier zum Hemmnis wurde. Es stand mit den vorderen Beinen im Wasser, mit den hinteren auf dem erhöhten trockenen Rand und kam nicht vor und nicht zurück. Durstig senkte es den kleinen Rüssel ins saubere Nass und genehmigte sich mit erhobenem Kopf einen Mut machenden Schluck. Die Mutter schaute seinen Kletterübungen eine Weile mit gesenktem Haupt und eingerolltem Rüssel von der anderen Uferseite zu. Dann trat sie mit den Vorderbeinen ins Wasser. Beide befühlten ihre Köpfe mit den Rüsseln und es schien, als flüstere die Erwachsene dem Kind Ratschläge ins Ohr, wie das natürliche Hindernis zu überwinden sei. Wirklich bewegte sich der Kleine nun rückwärts, drehte sich längs in den Bachverlauf ein und ging einige Schritte weiter, offenbar, um eine flachere Ausstiegsstelle zu suchen. Die Mutter stieß ein heiseres Trompeten aus, das von den vorübergehenden Familienmitgliedern ebenso beantwortet wurde.

Der große Rüssel der Mutter hob das Junge am Bauch an, und es erklomm das Ufer.

An der Wasserstelle mit der Umfassungsmauer hatten zwei sich gegenüberstehende jugendliche Elefanten mehr liebevoll spielerisch als aggressiv mit den Rüsseln ineinander verhakt. Einer der gewaltigen Elefantendamen gefiel das nicht. Mit schnellen Schritten und lautem Trompeten ging sie dazwischen und vertrieb einen der beiden.

Eine Elefantengruppe vor der Mauer nahm uns wahr. Die Tiere sahen gelegentlich zu uns herauf, breiteten dabei die Ohren aus und nickten mit dem Kopf. Aber sie drohten nur scheinbar, duldeten die Beobachter und gaben sich dem Genuss hin: Wasser mit dem Rüssel aus dem mauerbewehrten Teich ziehen und sich in der Senke im roten Staub wälzen. Die Kleinen ahmten alles nach, was mit ihren kurzen Rüsseln beim Wasserschlürfen oft nicht gelang und die menschlichen Zuschauer zu Lachsalven oder mitleidigem Schulterzucken verführte.

Keiner der Elefanten in unserem Blickfeld sah grau aus.

Wir waren im Land der roten Dickhäuter.

Die Farbe stand ihnen gut.

Gelegentlich kam es zu Streitigkeiten. Dann ging eine der Kühe mit erhobenem Rüssel trompetend auf eine andere zu und vertrieb sie.

Aufregend wie der ganze Tag wurde auch die Nacht.

Ein Mann aus der Lodge zeigte uns den Weg treppabwärts, der in einem Tunnel mündete. Dort tasteten wir uns weiter nach unten und gelangten am tiefsten Punkt in einen Raum, der an einen Keller erinnerte. In dem kleinen Gelass herrschte Dunkelheit. In den Wänden befanden sich vier mit Eisenstäben vergitterte kleine offene Fenster. Dieser Keller war ein raffiniert angelegtes Fotografenversteck. Es lag direkt an der ummauerten Wasserstelle. Nur das Mondlicht und die in einiger Entfernung stehende Laterne warfen einen diffusen Lichtschein herein.

Das Mauerwerk trennte die Fotografen vom Treiben da draußen. Vor jedem Fenster standen schweigend zwei Beobachter, und nur selten klang leises Flüstern auf. Einzig das Klicken der Kameras zeugte wie ein Metronom von der Anwesenheit von Menschen, deren Herzen im gleichen aufgeregten Rhythmus schlugen. Die im Raum herrschende Spannung war förmlich greifbar. Ute und ich starrten in die schwach erhellte Nacht. So dicht standen die Elefanten vor uns, dass man den nächststehenden mit der Hand hätte berühren können.

Draußen herrschte die gleiche Stille wie im Versteck. Gemächliche Bewegungen der Tiere. Noch langsamer als am Tage. Eine riesige Kuh stellte ein Vorderbein auf einen Stein und blieb mit angewinkeltem Bein und senkrecht herabgelassenem Rüssel etwa eine Minute bewegungslos stehen. Als sei er zu schwer, legte eine Elefantendame ihren Rüssel auf die Mauer. Das Rot der Elefanten glänzte wegen der unterschiedlichen Entfernung von der Laterne matt in abgestuften Brauntönen. Wir schauten und filmten mit angehaltenem Atem. Ute flüsterte mir mit vor Aufregung bebender Stimme ins Ohr, was sie sah. Aber ich sah dasselbe und nickte schweigend zu ihrer Beschreibung.

Obwohl sie kein wirkliches Hindernis darstellte, überstiegen die Elefanten die Mauer nicht. Nur einmal schob sich einer mit den Vorderbeinen darüber, um an einer tieferen Stelle Wasser zu entnehmen.

Das Bild der Elefanten bei Nacht nahm mich gefangen, faszinierte mich. Ich wähnte mich in einer anderen Welt. Diese stillen, friedfertigen Kolosse mit ihren langsamen Bewegungen schufen eine Atmosphäre der Spannung und Entspannung, des höchsten Nervenkitzels, sogar der Angst vor den Ungetümen und des Glücksgefühls, sich mitten unter diesen Tieren zu befinden. Die genannten Ausdrücke sind jedoch keineswegs erschöpfend, eigentlich kaum geeignet, die Empfindungen in diesem Keller nur einigermaßen zu erklären. Die Schwere und Eleganz der Elefantenkörper, die fließenden, ruhigen Bewegungen der Tiere, ihre überdimensionale Architektur aus Knochen, Fleisch und Elfenbein bewiesen im Gehen und Stehen die Vollkommenheit ihrer Art. Etliche, deren Durst gestillt war, gingen zu den herumliegenden Felsen, um sich die Bäuche und Flanken zu scheuern. Aber alles ebenfalls ganz, ganz langsam. Genussvoll eben.

Der Morgen graute und schuf die eingangs beschriebene Szene, in der unser hoch gelegenes Bett zum Austragungsort der Wette wurde, wer wohl morgens als Erster an der Wasserstelle erscheint.

Das Frühstück nahmen wir auf der Terrasse, dicht an der Balustrade ein, da dies den Blick in die Weite der Savanne ermöglichte.

Plötzlich tauchten Paviane auf und belästigten die Gäste. Am Nachbartisch riss ein starkes Tier im Sprung eine Banane an sich, wollte auch von unserem Tisch etwas mitnehmen und verschüttete die Milch über die gesamte Decke. Kaum vertrieben, schlichen sie erneut in organisierter Formation heran. Zwei lenkten den Kellner ab, was die Aufmerksamkeit aller Gäste auf sich zog. Das nutzte der verschlagene Dritte, um mitten auf einen Tisch zu springen und mit dem geklauten Weißbrot das Weite zu suchen. Das Zeter und Mordio der Beraubten hörten sie nicht mehr.

Die deutsch-österreichische Fahrgemeinschaft bestieg Idis Fuhrwerk und wagte sich erneut in die Wildnis von Tsavo East. Rasch stieg die Sonne empor und sandte dicke Bündel heißer weiß-gelber Strahlen in die grüne Welt auf rotem Boden. Paviane hockten in den Bäumen und taten sich an Fressbarem gütlich.

Ein Haubenzwergfischer (nach Idis Feststellung) mit seinen dunklen Querstreifen schaute misstrauisch ins hüfthohe gelbe Gras seiner Umgebung.

Büffel in felsigem Gelände. In den Augen der Wächter der äsenden Herde lag versteckt Feindseligkeit.

Grassavanne wechselte mit Dornsavanne und Galeriewäldern.

Der Inselberg Mudanda Rock, ein flacher, länglicher Felsen, der die Bezeichnung „Berg" wohl kaum verdiente, bot den Blick auf eine spärlich besetzte Wasserstelle, wartete jedoch mit possierlichen Felsenklippschliefern auf. Durch das Manyani-Gate verließen wir den Nationalpark.

Idi steuerte auf die von Mombasa kommende Autobahn zu, die zunächst nur eine Fahrbahn in beiden Richtungen besaß, sich aber gut befahren ließ. Ab da, wo der Nationalpark endete, begann die Straße wellig zu werden und wurde erst kurz vor der 1655 Meter hoch liegenden Hauptstadt wieder besser. Idi sprach kaum, und wenn, dann nur einige englische Brocken. Voll konzentriert unternahm er waghalsig-gefährliche Überholvorgänge.

Allmählich gewöhnte sich die Besatzung an seinen Fahrstil, in die Gesichter kehrte Farbe zurück und der unangenehme Druck in den Mägen machte einem natürlichen Magenknurren Platz.

Meine Gedanken kreisten noch immer um die Elefanten. Sechs bis sieben Tonnen Gewicht, eine Höhe von 3,50 Metern und – bei ausgestrecktem Rüssel – eine Länge von neun Metern kennzeichnen das größte Landsäugetier der Erde. Der größte Elefant, der bisher gesichtet wurde, war ein 1955 in Angola erlegtes Tier, das es auf vier Meter Höhe und zehn Tonnen Gewicht brachte.

„Wie viel an Blättern, Knollen, Gräsern wird so ein Dickhäuter am Tag verputzen?"

Die Antwort auf Utes Frage hatte ich gelesen: „Bis zu 200 Kilo. Außerdem trinkt er 150 Liter Wasser, schläft maximal vier Stunden in der Nacht und kann in freier Wildbahn 30 Jahre alt werden."

„Und das Liebesleben der Elefanten? Wir haben Löwen gesehen, die im 20-Minuten-Rhythmus miteinander kopulierten. Aber bei Elefanten spielte sich überhaupt nichts ab. Sind das Sexmuffel?" Auf Pias Frage war ich vorbereitet. Zuerst fiel mir eine Darstellung der Tragezeit einer Elefantenkuh im Naturkundemuseum in Maputo in Mosambik ein. Da sind alle Entwicklungsstufen von der Empfängnis bis zur Geburt in einem riesigen Schaubild dargestellt. Alle Etappen in der 22 Monate dauernden Tragezeit sind in Bildern und mit präparierten Föten veranschaulicht. Interessant dabei: In den ersten Monaten wächst der Fötus sehr langsam. Nach vier Monaten ist er erst vier Zentimeter groß, nach einem Jahr 30 Zentimeter. Eine sicher einmalige Präsentation in einem Museum.

„Nein, Sex haben Elefanten auch. Ihre Paarung beginnt mit einem ausgedehnten Vorspiel, das sich sechs Tage hinziehen kann. Der eigentliche Geschlechtsakt ist in 50 bis 60 Sekunden vorbei."

Bei meiner Erklärung hatten sich Pia und Johann zu mir nach hinten gedreht und lauschten interessiert. Das Thema Elefantensex war neu in der Runde. Pflichtschuldig mutierte ich zum Elefantenexperten.

„Kürzlich erschien ein Buch des Briten Martin Meredith über Elefanten. Es trägt den Titel ‚Der afrikanische Elefant. Eine Biografie‘. Das liest sich wie ein spannender Roman. Ute hat es zu Tränen gerührt. Detailreich beschreibt der Autor die Fortpflanzung der Elefanten und geht dabei auf lange Zeit nicht geklärte Phänomene ein. Zum Beispiel, dass 30-jährige Bullen in einen Zustand sexueller Aggression verfallen, den die Fachleute Musth nennen. Forscher hatten festgestellt, dass die aggressiven Bullen eine grünlich gefärbte Vorhaut bekommen und ständig Urin tröpfelt. Außerdem tritt aus den Schläfendrüsen eine dunkle, dickflüssige Substanz aus. Diese Erscheinungen werden dem hohen Testosteronspiegel des Tieres zugeschrieben. Der Zustand kann bis drei Monate anhalten, danach wird es wieder friedlich. Aber innerhalb der Musth-Zeit sind die Bullen auf ständiger, unruhiger Suche nach Kühen, die im Östrus sind. So nennt man die Zeit der Empfängnisbereitschaft. Die paarungswilligen Bullen ziehen den Familienherden nach und bekämpfen Rivalen mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Es wurde beobachtet, dass Unterlegene vom Sieger getötet wurden. Ziel jedes Musth-Bullen ist, möglichst viele Kühe zu begatten. Hat er sein Ziel bei einer Kuh erreicht, verlässt er sie nach zwei, drei Tagen und zieht weiter.

Mit ihrem scharfen Geruch und rumorenden Geräuschen im niedrigen Frequenzbereich, dem sogenannten Kollern, sind sie über weite Entfernungen auszumachen. Geschlechtsreife junge Bullen erhalten so Gelegenheit, rechtzeitig das Feld zu räumen und sich in Sicherheit zu bringen. Vor allem dann, wenn die Musth-Bullen größer und stärker sind.

Anders dagegen die Elefantenkühe. Sie paaren sich liebend gern mit ihnen. Allerdings bleibt ihnen nur wenig Zeit dazu, da sie nur vier Tage im Jahr in den Östrus kommen. Weil sie dann in den nächsten drei Jahren diesen Zustand nicht mehr erreichen, verknappen sich die Paarungschancen für die Bullen.

Wenn der Penis des Bullen erigiert, kann er zwischen 0,90 und 1,20 Meter lang werden und erreicht ein Gewicht von 25 Kilogramm. Das haben wir ja gestern bei einigen Bullen gesehen, zumindest, was die Ausmaße angeht. Damit er der Kuh auch richtig nahe kommen kann, ist er in der Lage, den Penis s-förmig zu biegen. Die untersten 30 Zentimeter sind sehr beweglich und suchen den mit der Öffnung nach unten gerichteten Scheideneingang.

Über die Kürze der Verweildauer haben wir ja schon gesprochen.

Armer Kerl."

Mein Blick fiel nach draußen.

Über dem geschlossenen Dach der sich duckenden Schirmakazien ragten drei schlanke Palmen und zwei Araukarien als Erektionen der Natur in den Himmel und bestätigten den Priapismus in der unendlichen Flucht der Savanne.

Gewissermaßen zur Nervenberuhigung der Gesprächsteilnehmer fügte ich weiteres – in weiser Voraussicht angelesenes – Wissen hinzu.

„Wenn das Elefantenbaby zur Welt kommt, ist es einen Meter groß und wiegt 100 Kilo. Es versucht sofort aufzustehen. Das gelingt ihm nach zehn Minuten, nach einer Stunde kann es gehen. Seine Gehübungen versetzen es in die Lage, nach zwei Tagen mit der Gruppe auf Wanderschaft zu gehen. Das Kalb ist aber auf die Mutter fixiert, weicht im ersten Lebensjahr nicht von ihrer Seite. Zwei Jahre lang wird es gesäugt. Ihr habt ja gestern gesehen, dass die Kälber ihren Rüssel noch sehr unbeholfen handhaben. Erst im zweiten Lebensjahr haben sie gelernt, ihn richtig einzusetzen. Dann verlieren sie ihr Milchstoßzähne, und es wachsen ihnen die, welche sie auf Dauer behalten."

Pia und Johann nickten mir anerkennend zu, als habe ich alles selbst erforscht und das müsse nun anerkannt werden. Auf der österreichischen Lehrerbank wurden die Köpfe nach vorn festgezurrt, und geheuchelte Gleichgültigkeit stieg über den Sitzen auf.

„Können Elefanten gut sehen, sie sind gestern sehr nahe an uns herangekommen?"

„Soviel ich weiß, sehen sie bis etwa 50 Meter weit recht gut, aber was weiter entfernt ist, können sie nicht mehr im Detail ausmachen. Es heißt, dass ihr am stärksten ausgeprägter Sinn der Geruchssinn ist."

„Elefanten sind kluge Tiere. Sie erkennen ihre Artgenossen an deren Rufen. In Gefangenschaft prägen sie sich einige hundert Wörter ihrer Betreuer oder Dompteure ein und befolgen sie. Wenn sie in unwegsamem Gelände leben, suchen und finden sie immer den günstigsten, also kraftsparendsten Weg auf die Plateaus. Ihre Haut soll sehr empfindlich sein und ist mehrere Zentimeter dick. Die Bezeichnung Dickhäuter besteht also zu Recht."

Johann hatte sein Elefantenwissen in die Waagschale geworfen. Wir waren beim Faktensammeln gut fündig geworden.

„Als Kind sah ich in einem Zirkus eine Vorführung, bei der ein Inder, nachdem er den Turban abgelegt hatte, seinen Kopf in das Maul des Elefanten steckte und sich hochheben ließ. Wir saßen wie erstarrt und glaubten den Dompteur in großer Gefahr", fügte ich hinzu.

Später hatte ich die Nummer ein weiteres Mal gesehen und mit den Zuschauern wiederum um das Leben des Menschen gebangt. Kann man wirklich ein solches Vertrauen zwischen Mensch und Tier aufbauen? Diese Frage hatte mich lange bewegt. Vor allem: Wie mag diese Nummer eingeübt worden sein? Mit welchem Gefühl hatte der Inder zum ersten Mal seinen Kopf in das feuchte Maul des Riesen gesteckt, der ihn ja glatt hätte zermalmen können?

Ohne Beteiligung des Lehrerehepaares trugen wir weiter lustvoll zusammen, was uns an Wissen und Halbwissen über Elefanten einfiel und empfanden die Freude von Schülern, die eine Leistungskontrolle gemeinsam gemeistert hatten.

Um sie zu Ende zu führen, standen Pia und Johannes auf (die ruhige Fahrt auf der Asphaltstraße ließ das jetzt zu.) und wandten sich nach hinten.

Pia hob die Hand, als müsse sie ihre Aussage anmelden. Ich übernahm die Lehrerrolle und nickte ihr zu.

„Ein Elefantenzahn kann bei einem erwachsenen Tier bis 100 Kilo wiegen. Wenn ständig gutes Futter zur Verfügung steht, wächst er rund zehn Zentimeter im Jahr und wird bis zweieinhalb Meter lang. Ein Viertel seiner Länge bleibt unsichtbar, weil er im Schädel verwurzelt ist."

„Ich habe in Mosambik die dortigen Rekordstoßzähne gesehen, warf ich dazwischen, „sie hängen im Maputoer Naturkundemuseum und wurden 1946 bei einer Jagd erbeutet. Mit ihrem Gewicht von 65 und 68 Kilogramm wurden sie sogar für würdig befunden, den Präsidentenpalast zu schmücken. Aber 1980 stellte sie Samora Machel der Allgemeinheit zur Betrachtung zur Verfügung. Seitdem sind sie einer der Anziehungspunkte des Museums. Die absoluten Renner und Weltrekordinhaber wurden einem Elefanten am Fuße des Kilimanjaro in Tansania entnommen. Der größere der beiden kam auf 105 Kilo und 3,20 Meter Länge. Das waren schon beinahe Mammutausmaße.

„Apropos drei Meter, ließ sich Johann hören, „der Rüssel wird bei großen Tieren auch bis zu drei Meter lang. Er ist ein Allerweltswerkzeug. Das Heben von Lasten und Knicken von Bäumen ist nur die eine Seite. Er ist auch sein Riechorgan, er tastet, schlägt, rupft und trinkt mit ihm, streichelt damit den Partner oder das Junge. Wassergeruch kann er über mehrere Kilometer wahrnehmen. Der Rüssel soll durch ungefähr 40.000 Muskeln bewegt werden.

Jetzt war das Staunen an uns.

„40.000? 40.000?"

„40.000!"

Da uns ohnehin nichts mehr zum Thema Elefant einfiel, versanken wir in einen Dämmerzustand, aus dem uns plötzlich Idi weckte.

Er reckte den rechten Arm nach oben und hielt mit der Linken das Lenkrad fest. Draußen erschienen Häuser von Nairobis Vororten.

„Kula? Kula? Kunywa?"

Alle schüttelten verständnislos die Köpfe. Keiner von uns sprach Kisuaheli.

„Hakuna matata! Idi lachte. Diese beiden Wörter sind jedem Besucher Kenias spätestens am zweiten Tag geläufig. Alle Kenianer führen sie im Mund. „Kein Problem!

Idi holte erneut aus.

„Hungry. Are you hungry? Be hungry? Thirst?"

Vorn tauchte die Skyline Nairobis auf.

Der Name leitet sich vom Maasai-Ausdruck „Enkare Nyorobi ab, was „Ort des kalten Wassers bedeutet. Im Zentrum nahm der über einhundert Meter hohe Turm des Kenyatta-Konferenz-Zentrums mit seinen 32 Stockwerken und dem drehbaren Restaurant in der 28. Etage den Blick gefangen.

Von der Anhöhe gesehen, schienen die Hochhäuser auf einer geraden Linie nebeneinandergesetzt, und sie wetteiferten mit vielgestaltiger Form und unterschiedlicher Höhe um die Gunst der Betrachter. Besonders einprägsam war jenes mit dem Dach in Form eines tiefen Tellers. Mit dem vorgelagerten Park formte das einen fast idyllischen Anblick, wenn nicht das unerträgliche Motorengeknatter jeden Anflug von Romantik im Ansatz erstickt hätte.

Halt am Uhuru-Denkmal. Das Suaheliwort „uhuru bedeutet „Freiheit. Der Uhuru-Park ist die grüne Lunge des Molochs Nairobi. Seine Bougainvilleen leuchten das ganze Jahr. Hibiskus, Aloen und Euphorbien auf gepflegten Rasenflächen. Das Denkmal ist der in Stein ausgedrückte Freiheitswille der Kenianer. Schlank, sich nach oben in einer lang gestreckten Spitze verjüngend, die auf zwei flachen Kegelstümpfen ruht. An der Basis des Denkmals befindet sich ein Durchgang in Parabelform. In der Mitte finden sich zwei gefaltete Hände, über denen ein Vogel auffliegt. Im breiten Sockel wiederholt sich die Parabel siebenfach. Das Denkmal führt den Kenianern ihre Geschichte vor Augen und will an die Erlangung der Unabhängigkeit erinnern. Rechts bemühen sich vier Menschen, auf einem kleinen Hügel einen Mast mit der kenianischen Flagge aufzupflanzen. In der Öffnung darunter, die an einen stilisierten Fisch erinnert, tobte bei unserer Ankunft eine Kinderschar mit lautem Geschrei. Im lichten Park picknickten Gruppen. Auf der linken wiederholt sich der Sockel. Auf ihm steht ein Mensch mit Symbolen des Freiheitskampfes. „THE NATIONAL MOMUMENT wurde „am 10. Dezember 1983 aus Anlass des 20. Jahrestages der Erlangung der Unabhängigkeit eröffnet durch „S. EXCELLENCY THE HON. DANIEL T. ARAP MOI President and Commander in Chief of the Armed Forces of the Republik of Kenya".

Idi brachte das Fahrzeug in der Langata Road vor dem „Carnivore zum Stehen. Zahlreiche parkende PKW und einige Busse deuteten auf ein größeres Lokal hin. Das „Carnivore warb unbescheiden für sich als „Nairobis most popular night club. Der war jetzt natürlich geschlossen. Wir wollten essen und nahmen zur Kenntnis: „The Carnivore is Africa’s Greatest Eatling Experience. Every type of meat imaginable including a selection of game is roasted over charcoal and carved at your table.

Angesichts unserer leeren Mägen hofften wir, dass das auf Holzkohle angerichtete Essen der Restaurantwerbung entsprechen würde. In einem großen Raum standen zwei Köche mit hohen weißen Hauben vor einem riesigen kreisrunden Grill, über dessen Holzkohlenfeuer auf Spieße aufgefädeltes Fleisch über eisernen Rosten brutzelte. Ein Geruch aus Bratenduft, verbranntem Fleisch und Holzkohlenqualm zog in Schwaden durchs Revier. Idi zeigte eine Begeisterung, als wäre er der Inhaber des Etablissements. Man war auf Massenbesuch eingestellt. Die Speisenfolge auch. Nach kurzer Wartezeit servierten die Kellner eine Gemüsecremesuppe, dazu Butter und Brot. Es folgten eine Salatplatte und die Soßen für die Fleischspieße. Alles in allem gehörte zu dem „nyama choma" genannten gegrillten Wildfleisch: Rostbratwürste, Hühnerfleisch in Fingerform, Beef, Hühnerschenkel, Antilopen-, Zebra- und Krokodilfleisch, Schweinerippe, Lammfleisch, gegrillte Kartoffeln, Chili-, Knoblauch-, Grill- und Minzesoße, Chutney.

Gesättigt verließen wir das Lokal und nahmen den Geruch der rauchgeschwängerten Luft in unseren Kleidern mit.

Nairobi im Regen.

Oben auf dem 2000 Meter hoch gelegenen Hügel, auf dem das Karen-Blixen-Haus steht, hatte der Wettergott ein Einsehen, gab einen schönen Blick auf die Ngongberge (Knöchelberge) frei. Die Hügelkette erinnert an eine geballte Riesenfaust, deren wellige Oberkante fantasievoller Namensgeber wurde.

Das Museum entpuppte sich als sehenswert. Es führt den Besucher in die Welt der Dänin zurück, die 17 Jahre auf ihrer Kaffeefarm verbrachte, anfangs auf großem Fuß lebte und dann unaufhaltsam in den Bankrott getrieben wurde.

„Ich hatte eine Farm in Afrika. Mit diesen Worten begann Tania (Karen) Blixen ihren Roman, der mit dem Titel „Out of Africa verfilmt wurde und sich in Deutschland als „Jenseits von Afrika" in die Herzen der Zuschauer schmeichelte. In der Rolle des Großwildjägers wurde Robert Redford ein internationaler Frauenschwarm. Die Gabe der Autorin, realistisch und künstlerisch vollendet die Menschen ihrer Umgebung zu erfassen und darzustellen, fand ihre Fortsetzung in den gemalten Porträtbildern der Eingeborenen.

Es sei erwähnt, dass das Filmbeispiel Schule machte und dazu beitrug, Kenia in ein beliebtes Film-Safari-Land zu verwandeln. Als Belege seien der Fernsehklassiker „Daktari und der Hollywoodfilm „Hatari mit John Wayne und Hardy Krüger genannt.

Mit dem Abstand der Jahre sind mir besonders die Inneneinrichtung der Räume ihres Hauses (aus irgendeinem Grund drängt sich stets das Bild ihrer Küche im Seitenflügel in den Vordergrund), das Haus in seinem gepflegten Umland und der Blick über den Garten auf die Ngongberge in Erinnerung geblieben. Ich teilte, auf der Wiese vor ihrem Haus stehend, ihr Schwärmen: „Die Luft des afrikanischen Hochlands stieg mir zu Kopf wie Wein, ich war immer leicht trunken."

Idi zeigte uns Nairobi. Die Stadtrundfahrt kostete Nerven. Wasserhölle, Busse, PKWs mit beschlagenen Scheiben, Lastkraftwagen, beißender Gestank, eine Armada von Regenschirmen. Pfützen und Reifen, die aus den Asphaltbahnen Felder entstehender und vergehender Fontänen machten. Der urbane Kern ist europäisch erbaut. Im strömenden Regen schoben wir uns durch verstopfte Straßen. Selbst die schweren Güsse konnten den Gestank der Abgase nicht mildern. Autos, Autos, Autos. In einer vierspurig angelegten Straße fuhren fünf Fahrzeugreihen nebeneinander. Bei einem Halt hätte niemand vermocht, eine Tür zu öffnen. Ein Nairobi-Neuling wäre unweigerlich im Sog der Blechlawine mitgerissen worden. Aber mit Idi saß ein Profi am Steuer, und er schaffte das nicht für möglich Gehaltene: jeweils in die Spur zu wechseln, die aus dem Chaos führte. Da kam uns das in einem Außenbezirk gelegene Landmarkhotel wie eine Oase vor. Eine gediegene Raststätte für gepeinigte Safariteilnehmer, ruhig, elegant. Baden. Kaffee. Breite, bequeme Betten und in der Nacht absolute Stille.

Und eine neue Erfahrung: In Kenia wird das Trinkgeld in Gaststätten gleich auf die Rechnung aufgeschlagen. Man muss mit fünf bis zehn Prozent des eigentlichen Betrages rechnen. Ich hatte für 2350 Ksh (Kenya Shilling) gegessen und getrunken, der Kellner schlug 180 Ksh drauf und kassierte 2530 Ksh. (2001 entsprach eine DM 36 Ksh. Der Kellner hatte also bei einer Rechnung von etwa 65 DM für sich 5 DM abgezweigt. Ungefragt.) Andere Länder, andere Sitten.

Apropos Hotelrestaurant. Beim „Espresso danach kam es noch zu einem interessanten Gespräch mit einem Mitarbeiter einer UNO-Organisation, der sich aus dienstlichen Gründen im Hotel aufhielt. Er äußerte sich zur Situation in Nairobi und gewährte einige Einblicke, die dem, der sich nur kurz in der Stadt aufhält, meist verborgen bleiben. Nairobi ist Sitz des UNO-Umweltprogramms Unep.Wie viele Metropolen Afrikas und der Dritten Welt wächst die Stadt explosionsartig. Von den gegenwärtig 3,6 Millionen Einwohnern leben über die Hälfte in Slums. Dort gibt es weder sauberes Trinkwasser noch eine funktionierende Kanalisation. Wenn man weiß, dass die Bevölkerungszunahme in der Hauptstadt sieben Prozent beträgt, wird die Feststellung des deutschen Unep-Chefs Klaus Töpfer verständlich: „Armut ist eine giftige Substanz. Der Kontinent hat die größten Umweltprobleme und die geringsten Mittel, sie anzugehen. Der Deutsche hat 1998 „die Leitung der Unep und ihrer Schwesternorganisation Habitat mit über 700 Mitarbeitern übernommen. In zähen Verhandlungen mit der keniatischen Regierung hat er erreicht, dass die UNO-Organisationen von der kenianischen Politik überhaupt wahrgenommen werden." Aber die Arbeit Töpfers leidet immer noch unter den Existenz- und Lebensbedingungen in Nairobi, wo sich die krassen Gegensätze von Arm und Reich vor allem in einem extremen Gewaltpotenzial entladen und Korruption und Kriminalität den Alltag bestimmen und gefährlich machen.

Der nächste Morgen begann mit aufgeregtem Herzklopfen. Unser Ziel war das weltberühmte Masai Mara National Reservat, die natürliche Fortsetzung der tansanischen Serengeti. Würden wir die legendären Massen wilder Tiere tatsächlich zu sehen bekommen?

Die Masai Mara liegt im Victoriaseebecken und ist in wechselnder Folge durch weitläufige Savannen mit wogenden Grasflächen, Galeriewälder und glatt gerundete Inselberge gekennzeichnet. Auf dem rund 1800 Quadratkilometer großen Gebiet tummelt sich eine riesige Artenvielfalt an Tieren, die, da das Areal kleiner ist als die weite Serengeti, in großer Dichte beieinanderstehen. Den staunenden Touristen kommt entgegen, dass die Safariautos nicht ausschließlich, wie beispielsweise im berühmten Krügerpark Südafrikas oder der Etoshapfanne in Namibia, an Wege und Straßen gebunden sind.

Mit der im Süden angrenzenden Serengeti bildet die Masai Mara ein intaktes Ökosystem, in dem die großen Herden der Wildtiere im Wechsel zwischen Regen- und Trockenzeit bei ihren Wanderungen nach Weidegründen und Wasser suchen. Die Konzentration gewaltiger Herden der Pflanzenfresser wie Gnus und Zebras bietet Löwen, Leoparden und Geparden schlaraffenlandähnliche Futterquellen. Begünstigend wirken die Wasser der Flüsse Mara (Enkipai) und Talek. In ihrem Einzugsbereich gedeihen die ausgedehnten Grasflächen, Wälder aus Fieber-, Schirm- und Flötenakazien, Dorngestrüpp und Kandelaber-Euphorbien. In den Flüssen drängen sich Flusspferde und Krokodile.

Da die grasfressenden Tiere unterschiedlich in ihren Ernährungsgewohnheiten sind, findet jede Spezies die von ihr bevorzugten Pflanzen. Gnus und Zebras weiden nur Gräser mit hohem Eiweißgehalt ab. Zebras fressen die oberen Halme, Gnus suchen das kurzstielige Gras darunter. Und sei die Dürre noch so groß, dem Besucher wird es nicht gelingen, ein mageres Zebra zu finden. Zebras sind stets und überall in der Savanne gut genährt und wohlgerundet. Der Regen lässt Gräser, Busch und Bäume gedeihen. Groß- und Greifvögel sowie Geier finden Futter im Übermaß. Ebenso die Trappen, Sekretäre, Haubenkraniche und Masai-Strauße.

Die Masai Mara ist Massaigebiet. Das Reservat existiert seit 1961. Von der kenianischen Regierung wurde den Massai das Zugeständnis gemacht, ihre Ziegen-, Schaf- und Rinderherden in den Randgebieten weiden zu lassen. Massai, das sind die Maa sprechenden, aus dem Norden eingewanderten Niloten. Daraus erklären sich auch die verschiedenen Schreibweisen, die im Zusammenhang mit dem Maa-Begriff entstanden sind, aber nicht einheitlich verwendet werden (Maasai, Massai, Masai Mara usw.). „Mara ist ein Maa-Wort und bedeutet „wirres Durcheinander, was sich zumindest auch auf die verschiedenen Schreibweisen übertragen lässt.

In der Massai-Kleinstadt Narok, an der viel befahrenen Straße B3 gelegen, hielten wir an. Vermutlich werden Touristen, die sich in der Gegend aufhalten, immer hierher gekarrt. Die vom Flüsschen Kamurar am Leben gehaltene Ortschaft bietet nichts Außergewöhnliches. Dass sie mir trotzdem gut in Erinnerung geblieben ist, hat folgende Bewandtnis. Beim Start am frühen Morgen war mir klar, dass wir in ein Gebiet mit relativ viel Wasser fuhren. Wo Wasser, Luftfeuchtigkeit und Hitze aufeinandertreffen, lauert eine tödliche Gefahr: die Anophelesmücke. Dieser Verbreiter der Malaria ist bis heute eine der Geißeln der Bevölkerung in tropischen Ländern. Eine wirksame Impfung dagegen gibt es nicht. Wer von der Mücke infiziert wird, trägt nach zwölf Tagen die Krankheit mit sich herum. Vor allem Kinder bis zum fünften Lebensjahr fallen ihr zum Opfer. Das Vorbeugungs- und Linderungsmittel Chlorochin, das wir noch in den achtziger Jahren einnahmen, hat längst seine Wirksamkeit verloren. Darum ist eine schützende Kleidung stets ein probates Mittel, sich die fliegenden, stechenden Bösewichter vom Leib zu halten. Also zog ich, auch gegen den modischen Trend, in den leichten Sandalen Socken an. Knallrote.

In Narok stellte Idi unser Auto vor einem geräumigen Souvenirladen ab, der neben dem üblichen Kitsch auch Waffen und Schmuck der Massai anbot. In einer verstaubten, überdimensionalen Kiste lagen Schnitzereien aus Ebenholz, Statuetten und Masken, die von irgendwo hergeholt waren, denn die Massai stellen diese Dinge nicht her. Mich interessierten die originalen Schlagstöcke der Massai. Das sind gefährliche Waffen aus hartem Holz, die am Ende einen Knauf haben oder mit einer großen Eisenschraube versehen sind. Die Massaihirten in der Savanne tragen stets einen langen, wehrhaften Stab bei sich, meist noch einen der erwähnten Schlagstöcke oder Speere.

Im Laden befanden sich nur wenige Leute. Ich prüfte Gewicht, Größe und Stabilität der Schlagstöcke, wog sie in der Hand und untersuchte die Schäfte auf ihre Griffigkeit. Plötzlich stellte ich fest, dass mich vier, fünf Massaimänner intensiv bei meinem Tun beobachteten und sich mir schließlich