Krebs by Franco Cavalli by Franco Cavalli - Read Online

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Krebs - Franco Cavalli

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2012

1. Kapitel

Was ist Krebs?

Das Wort »Krebs« geht auf das griechische karkinos und lateinische cancer zurück, die das Tier bezeichnen; in der Medizin dient der Krebs, der seine Beute in den Zangengriff nimmt, als Symbol für die Krankheit. Der auch »Jahrhundertkrankheit« genannte Krebs galt früher als eine grundsätzlich nicht heilbare Krankheit unbekannter Ursache. In der Wissenschaftssprache wird »Krebs« als Synonym für Karzinom verwendet, auch wenn dieser Ausdruck sich eigentlich nur auf die Tumoren bezieht, die sich vom Epithel (Deck- und Drüsengewebe) aus entwickeln. Da das in den meisten Fällen zutrifft, verwendet man den Begriff als Pars pro Toto. Manche Krebsarten entstehen aber im Blutsystem, wie die Leukämien und Lymphome, oder vom Stützgewebe von Organen aus, beispielsweise von Muskeln. Der wissenschaftliche Name dieser letzten Tumorart ist Sarkom.

Wenn man »Krebs« sagt, meint man damit heute einen bösartigen oder malignen Tumor. Das lateinische Wort tumor bedeutet Schwellung. Die Schwellung ist ein typisches Entzündungsmerkmal; in der Medizin verwendet man den Begriff tumor auch im Zusammenhang mit den fünf Hauptsymptomen der Entzündung: tumor, dolor, calor, rubor, functio laesa. Eine Entzündung dient im Allgemeinen dazu, einen Schaden zu beheben, der zum Beispiel infolge einer Verbrennung oder einer Prellung in unserem Organismus entstanden ist. Sobald die Stelle geheilt ist, verschwindet die Entzündung, außer wenn sie, wie im Fall von Rheumatismus, chronisch ist.

Ein Tumor ist also eine Schwellung oder eine Geschwulst, eine nicht entzündliche Vergrößerung einer unerwünschten Masse, die durch eine anomale Zellvermehrung innerhalb des normalen Gewebes unseres Organismus entsteht. Er ist eine Masse, die stetig wächst, weil ab einem gewissen Zeitpunkt von bestimmten, einander ähnlichen Zellen (in der Medizin spricht man von monoklonalen Zellen) mehr neue entstehen als absterben. Bleibt die Masse in einer Art »Beutel« eingeschlossen, handelt es sich um einen gutartigen Tumor. Dringt sie hingegen in die umliegenden Organe ein und bildet dort kleine Ableger (Metastasen), ist der Tumor bösartig. Eine solche nicht entzündliche Masse entsteht durch eine Fehlfunktion unserer biologischen Uhr, die uns im Erwachsenenalter hilft, das Gleichgewicht zwischen neu entstehenden und sterbenden Zellen zu erhalten.

Für diese Fehlfunktion gibt es viele mögliche Ursachen: Mindestens die Hälfte der Tumoren gehen auf giftige Substanzen und externe Krankheitserreger wie Tabak, Alkohol, falsche Ernährung und Viren zurück. Aber wie wir sehen werden, spielen auch genetische Faktoren und der Zufall eine große Rolle.

Tumoren gibt es seit vorgeschichtlicher Zeit. Ihre Typologie hat sich jedoch verändert. Bestimmte Tumorarten sind verschwunden, beispielsweise eine Form von Hautkrebs, die für die Kaminfeger typisch war, oder sie sind zumindest im Westen stark zurückgegangen, wie etwa, dank dem Aufkommen der Kühlschränke, der einst weitverbreitete Magenkrebs. In unseren Breitengraden ist infolge einer eindeutigen Verbesserung vor allem der männlichen Intimhygiene auch Gebärmutterhalskrebs seltener geworden. Andere Tumorarten hingegen, etwa in der Lunge, in der Brust und im Darm, sind heute häufiger.

Tumoren können in jedem Alter auftreten, aber ihre statistische Häufigkeit nimmt mit zunehmender Lebensdauer zu. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts lag die durchschnittliche Lebenserwartung nicht über 35 bis 40 Jahre, und so kam Krebs damals natürlich seltener vor. Grund für diese geringe Lebenserwartung waren die miserablen hygienischen Bedingungen, erst mit der Verbesserung der sanitären Situation begann die Lebenserwartung zu steigen.

Unsere Immunabwehr wird mit zunehmendem Alter immer schwächer: Das ist einer der Gründe, warum Tumoren dann häufiger werden. Generell ist unser Organismus aber weniger gut gegen Tumoren ausgerüstet als gegen bestimmte andere Krankheiten. Warum? Wahrscheinlich weil der größte Teil der Tumoren nach dem Zeugungsalter auftritt und somit keine Gefahr für den Erhalt der menschlichen Spezies darstellt. Wäre unsere Abwehr gegen Infektionskrankheiten so schwach wie die gegen Krebs, wäre die menschliche Spezies längst ausgestorben!

Von Land zu Land ist die Häufigkeit der verschiedenen Tumorarten unterschiedlich, auch wenn sich diese Unterschiede infolge der Migrationsbewegungen allmählich verwischen: So erkranken zum Beispiel Japaner, die in zweiter Generation in den Vereinigten Staaten leben, eher an Darmkrebs als am für das Land der aufgehenden Sonne typischen Magenkrebs. Das häufige Auftreten von Magentumoren in Japan hängt mit der Ernährung zusammen, vor allem mit der reichlichen Verwendung von Salz beim Konservieren von Fisch und mit einigen anderen Lebensmitteln. Aufgrund der Globalisierung verändert sich heute die Epidemiologie viel schneller, als es in der Vergangenheit der Fall war.

Gutartige Tumoren

Ein gutartiger oder benigner Tumor ist nichts anderes als eine an irgendeiner Stelle in unserem Körper zwecklos entstehende Masse. Diese ist von einer Membran umgeben, dringt deshalb nicht in das angrenzende Gewebe ein und bildet im Gegensatz zum bösartigen Tumor, der sich gern verästelt, keine Metastasen. Gutartig sind beispielsweise Muttermale auf der Haut (die sich in bestimmten Fällen allerdings auch in maligne Tumoren verwandeln können) oder auch Lipome, also kleine Fettklumpen unter der Haut. Mit einer Operation können sie einfach entfernt werden. Nicht entfernte Muttermale müssen gut beobachtet werden, weil sie sich in einen bösartigen Tumor verwandeln können.

Während ein maligner Tumor sich ausbreiten und Metastasen bilden kann, verbreitet sich ein gutartiger Tumor also nicht im Organismus. Dennoch heißt gutartig nicht immer ungefährlich, manchmal kann er auch zum Tod führen. Das ist zum Beispiel bei bestimmten gutartigen Tumoren im Gehirn der Fall, die aufgrund ihrer heiklen Lage, etwa in der Gehirnbasis, nicht operiert werden können. Dasselbe gilt auch für bestimmte gutartige Tumoren am Herzen, die man nicht immer entfernen kann.

Die meisten gutartigen Tumoren sind durch eine Operation heilbar, zumindest solange sie sich nicht zu einem bösartigen Tumor entwickeln, wozu es im Normalfall aber erst nach einigen Jahren kommt.

Bösartige Tumoren

Diese Tumorart, in der Wissenschaft auch Karzinom genannt, dringt in die umliegenden Organe ein und/oder bildet Metastasen, die den ganzen Organismus befallen. Was sind Metastasen? Metastasen sind kleine Wucherungen, die sich vom Haupttumor lösen und über die Blutbahnen oder die Lymphwege durch den Körper bewegen, bis sie sich an einer bestimmten Stelle niederlassen und dort wachsen. Im Fall von Dickdarmkrebs (Kolonkarzinom) geschieht das bevorzugt in der Leber. Erzeugt ein Tumor keine Metastasen, gilt er als nicht bösartig.

Sehr selten kommen auch Tumorarten vor, die als »semimalign« bezeichnet werden und die sich ausbreiten können, jedoch keine Metastasen bilden. Sie sind nicht immer heilbar. Erst ab einer bestimmten Größe kann ein Tumor Metastasen verursachen, im Allgemeinen ab einer Million Zellen, was einer Tumormasse von einem Kubikmillimeter entspricht. Er bleibt unseren diagnostischen Mitteln aber normalerweise verborgen, bis er eine Milliarde Zellen erreicht hat. Die Zeit, die vergeht, bis ein Tumor von einer Million auf eine Milliarde Zellen angewachsen ist und die Krankheit somit diagnostizierbar wird, entspricht dem Zeitvorsprung, den die Krankheit gegenüber der Wissenschaft immer noch hat (siehe grafische Darstellung S. 77). Wären wir in der Lage, Krebszellmassen zu lokalisieren, noch bevor sie aus einer Million Zellen bestehen, wären bösartige Tumoren fast immer heilbar. Immerhin gelingt das oft im Fall von Gebärmutterhalskrebs, wo ein Vaginalabstrich genügt, um ihn unter dem Mikroskop zu identifizieren, auch wenn es noch weniger als eine Million Zellen sind.

In der Anfangsphase wächst ein bösartiger Krebs viel schneller als später. Deshalb ist zu diesem Zeitpunkt die Chemotherapie wirksam. Wie ich später erklären werde, greift die Chemotherapie in der Tat vor allem die sich rasch vermehrenden bösartigen Zellen an. Oft verringert sich die Wachstumsgeschwindigkeit eines Tumors mit der Zeit oder das Wachstum kommt sogar zum Stillstand. Denn je größer ein Tumor ist, desto schwieriger wird es für ihn, sich ausreichend zu versorgen. Die Tumormassen enthalten wenige (und dazu oft auch »schlecht gemachte«) Blutgefäße, sodass manche Zonen des Tumors, wenn er größer wird, nicht mehr genügend durchblutet werden. Manchmal »nekrotisieren« solche Zonen sogar, das heißt, sie sterben ab.

Manche Tumoren wachsen sehr langsam, andere viel schneller. Eine Maßeinheit ist die sogenannte Verdoppelungszeit. Die kindliche Leukämie etwa ist ein sehr schnell wachsender Tumor und verdoppelt seine Masse innerhalb eines oder zweier Tage. Bei anderen Tumorarten, etwa Sarkomen, dauert das hingegen mehrere Monate.

Kurz gesagt reagieren Tumoren umso besser auf eine Chemotherapie, je aggressiver sie sind. Bei ganz aggressiven Krebsformen gibt es keine Zwischenstufen: Entweder wird der Patient sofort gesund oder er stirbt innerhalb kurzer Zeit.

2. Kapitel

Historisches zum Krebs

Krebs gab es schon immer und überall auf der Welt. Peruanische Mumien und verschiedene knöchrige Fossilien in Afrika, die etwa 5000 bis 6000 Jahre alt sind, weisen Krebsspuren auf. Bereits um das Jahr 3500 v. u. Z. wurden in ägyptischen Papyrusrollen bestimmte Tumoren, etwa in der Brust, beschrieben.

In der griechischen und römischen Medizin erwähnte man ebenfalls Krankheiten, die den heutigen Krebsformen entsprechen. So ist die erste Definition der Krankheit Hippokrates (460–370 v. u. Z.) zu verdanken. Er nannte sie karkinos, in Anlehnung an das Wort für das Krustentier. Der römische Physiker Celsus (Aulus Cornelius Celsus, 25 v. u. Z. bis 50 n. u. Z.) – unter anderem Autor von De re medica und bekannt wegen seiner Studien über den Ursprung von tumor, calor und dolor (Schwellung, Überwärmung, Schmerz), aber auch weil er mit Opiaten arbeitete – führte Hippokrates’ Theorie zum Thema Krebs weiter und verwendete zum ersten Mal die lateinische Bezeichnung cancrum. Auf ihn folgte der griechische Arzt Galen (Galenos von Pergamon, 129–216 n. u. Z.), geboren im heutigen Bergama in der Türkei. In seinem Buch De naturalibus facultatibus ordnete er Krebs der bösartigen und sauren »schwarzen Galle« zu. Schon Hippokrates hatte Krankheiten, die ihren Ursprung in der schwarzen Galle haben, als verhängnisvoll bezeichnet. Für Galen, der ab 162 n. u. Z. in Rom lebte und dessen Auffassungen sich in der europäischen Medizin während über tausend Jahren hielten, war Krebs »ein Tumor, der der Gestalt eines Krebses sehr ähnlich ist. So wie die Beine des Tieres an beiden Seiten des Körpers liegen, so verlassen die Venen den Tumor, der seiner Form nach dem Krebskörper gleicht.«¹ Der Oxford Dictionary gibt als früheste Verwendung des englischen Wortes cancer ungefähr das Jahr 1000 n. u. Z. an.

Über 1500 Jahre nach Galen, im 17. Jahrhundert, brachten der französische Philosoph René Descartes (1596–1650) und der italienische Astronom Galileo Galilei (1564–1642) die Theorie wieder ins Gespräch, wonach Krebs eine »generelle Krankheit« sei. Descartes setzte die Lymphe als Hauptverursacher des male obscurum an die Stelle der schwarzen Galle. Sie sei die Körperflüssigkeit, in der ein Tumor seinen Ursprung habe, und sie könne relativ rasch am einen oder anderen Ort im Organismus koagulieren und einen lokalisierten und klar umgrenzten Krebs erzeugen.²

Die Häufigkeit der verschiedenen Tumorarten unterschied sich von Epoche zu Epoche und veränderte sich parallel zur Gesellschaft. Der holländische Gelehrte Erasmus von Rotterdam (1466–1536) beschrieb schon im 16. Jahrhundert den Lungenkrebs der Minenarbeiter. Da es Zigaretten damals noch nicht gab, erkrankten nur sie daran. Heute ist Lungenkrebs weltweit die am weitesten verbreitete Krebsform.

1775 gelang es dem englischen Chirurgen Percivall Pott (1714–1788) in einer Studie über Hodensackgeschwüre bei Londoner Kaminfegerjungen, zum ersten Mal nachzuweisen, dass eine chemische Substanz, in diesem Fall nicht verbrannte Kohlenreste im Ruß, nach längerem Hautkontakt Krebs auslösen kann. Wegen der Hitze und der engen Platzverhältnisse stiegen die Kaminfegerjungen nämlich nackt in die Rauchabzüge. Percivall Pott wird deswegen als Wegbereiter der Krebsepidemiologie und der Untersuchung krebserregender Umweltfaktoren betrachtet. Obwohl er offenlegte, welche schlimmen gesundheitlichen Folgen diese Arbeitsbedingungen hatten, wurde die Kaminfegerarbeit für Jungen unter zehn Jahren erst 1840 verboten.

Umweltbedingte, soziale und natürliche Ursachen

Es gab schon immer (und gibt immer noch) große Widerstände gegen die Ausschaltung umweltbedingter Krankheitsursachen, auch wenn längst offensichtlich war, dass sie zumindest teilweise für die Tumoren verantwortlich waren.

Der erste große Wissenschaftler, der Krebs als »soziale Krankheit« betrachtete, die auf eine Reihe von Faktoren, darunter die Lebensweise, zurückzuführen war, und der die Auswirkungen der Umwelt, aber auch die genetischen Faktoren untersuchte, war Rudolf Virchow (1821–1902). Dieser bedeutende deutsche Pathologe ist nicht nur wegen seiner Forschungen in diesem Bereich bekannt, sondern auch wegen seines öffentlichen Engagements. Er betrachtete die Medizin als soziale Wissenschaft und die Politik als Medizin im Großen. Er glaubte deswegen, dass nur soziale und politische Veränderungen den medizinischen Fortschritt sichern können.

Besonders interessant, aber oft auch schockierend ist es zu beobachten, bis zu welchem Ausmaß und für wie lange Zeit die wirtschaftlichen Machteliten die Ausschaltung krebserregender Umweltfaktoren zu verhindern vermögen. Ein eklatantes Beispiel dafür ist die Geschichte des Asbests. Asbest (griechisch für »unzerstörbar«) ist eine Sammelbezeichnung für natürliche Materialien mit einer fasrigen Struktur. Asbest ist äußerst hitzebeständig, resistent gegenüber vielen Chemikalien und hat eine sehr hohe elektrische und thermische Isolierfähigkeit. Deswegen wurde er lange als ein industrielles Wundermittel betrachtet. Das Gefährliche daran ist der Feinstaub, der entstehen kann und durch die Atmung in die Lunge gelangt. Bereits um 1950 sprach man von der Gefährlichkeit des Stoffs und davon, dass er für das Auftreten von Mesotheliomen verantwortlich sei, einer Tumorart, die besonders schwer zu behandeln ist und die sich vom Brustfell und seltener vom Bauchfell aus entwickelt.

Trotzdem dauerte es noch fast vierzig Jahre und waren eine Reihe von Gewerkschaftskämpfen nötig, bis dieses Mineral verboten wurde. Und das nicht einmal überall. Noch heute widersetzen sich Industrieländer wie beispielsweise Kanada einem Totalverbot, und das, obwohl Asbestfasern ohne jeden Zweifel die Ursache dieser Tumorart sind, die Tausenden von Menschen den Tod bringt.³

Der Zusammenhang zwischen dem Kontakt mit Asbest und dieser speziellen Art von Lungenkrebs wurde in den frühen 1970er-Jahren zweifelsfrei nachgewiesen. So beschloss die Schweizer Firma Eternit 1976, bei ihrer Produktion auf diese krebserregende Substanz zu verzichten, doch der Übergang zu einer vollkommen asbestfreien Herstellung war erst 1994 abgeschlossen. Wegen dieser unangemessenen Verwendung von Asbest zog die schweizerische Eternit-Gruppe die internationale Aufmerksamkeit auf sich, was aber bis jetzt nur in Italien juristische Konsequenzen gehabt hat. Die im Jahr 1986 begonnene Liquidierung der Gruppe in Italien – das Land hat seinen Tribut in Form vieler Menschenleben bezahlt – war erst im Januar 2009 abgeschlossen.

Bereits 2001 begann aber der Turiner Staatsanwalt Raffaele Guariniello eine Untersuchung gegen die Eternit-Besitzer. Über 2000 Schadensersatzforderungen gingen ein und die Zivilkläger nehmen heute an, dass etwa 2000 Menschen nach der Kontaminierung mit Asbest ums Leben gekommen sind und 800 zurzeit immer noch krank sind. Im Oktober 2008 beantragte der untersuchende Staatsanwalt die Eröffnung des Hauptprozesses gegen den heute 64-jährigen Schweizer Industriellen, Milliardär und ehemaligen Besitzer der Eternit, Stephan Schmidheiny, und den 91-jährigen ehemaligen Verantwortlichen der Gruppe in Italien, den belgischen Baron Jean-Louis Marie Ghislain de Cartier. Die Staatsanwaltschaft warf der Eternit Italien wiederholte fahrlässige Tötung vor. Der Anklage zufolge wusste die Firma um die gefährlichen Auswirkungen von Asbest auf die Gesundheit, traf aber keinerlei Vorkehrungen, um ihre Angestellten zu schützen. Der Staatsanwalt ist überzeugt, dass die Sicherheitsnormen in Bezug auf das Einatmen von Staub und den Einsatz von Schutzmasken in den italienischen Fabriken in keiner Weise eingehalten wurden. Der Prozess gegen die beiden Angeklagten begann am 10. Dezember 2009 in Turin, am 13. Februar 2012 wurde nach 66 Anhörungen in Abwesenheit der Angeklagten das Urteil verkündet. Beide wurden zu je 16 Jahren Haft und Entschädigungszahlungen in Millionenhöhe verurteilt. Die Reaktionen in der Schweiz waren sehr geteilt. Während der Tages-Anzeiger am nächsten Tag titelte: »Das war kein Schauprozess«, obwohl Raffaele Guariniello in Italien als ein Starstaatsanwalt gilt, war die NZZ anderer Meinung (»Klassenkampf in Turin« lautete der vielsagende Titel ihres Beitrags). Diese sehr unterschiedlichen Auffassungen widerspiegeln auch die Tatsache, dass bis jetzt in der Schweiz keine befriedigende Lösung für die unzähligen Asbestopfer gefunden werden konnte, und dies vor allem wegen des politischen Widerstands der Industrielobby. Aber auch international weckte das Turiner Urteil großes Interesse: So titelte zum Beispiel Le Monde am 15. Februar auf einer ganzen Seite: »Amiante: le procureur qui a fait tomber Eternit« (Asbest: der Staatsanwalt, der die Eternit zu Fall gebracht hat). Ob der »Asbest-Gau«⁴ auch in anderen Ländern der Welt juristische Konsequenzen haben wird, ist zurzeit nicht voraussehbar.

Es ist aber zugegebenermaßen nicht immer einfach, den Zusammenhang von Ursache und Wirkung, also von äußeren, potenziell