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Kriecher - Marc-Alastor E.-E.

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Marc-Alastor E.-E.

Kriecher

De Joco Suae Moechae I

Dunkle Erzählungen aus dem Geisterdrache-Epos

fabEbooks

Geisterdrache:

Band 1: Kriecher

Band 2: Adulator

Band 3: Tetelestai

Band 4: Chroniken

Buch 1

Persönlichkeitsverlust, Leere, kaum mehr als ein Ding, das sich erinnert ... an eine Liebe, an einen Verrat und an Tod. Doch das Leben ist hartnäckiger ... ein Folterknecht der grausamsten Art, der das Ding ruhelos durch die Straßen großer Städte, durch Auen und Wälder treibt, der ihm nur den Wahnsinn und das Töten ermöglicht, der ihm nur die Qual lässt, sich zu erinnern ... an die Suche nach Absolution.

Das Mädchen hatte ihn hintergangen. Und dafür hatte er es hingerichtet. Doch es brach zugleich seine Menschlichkeit und zerstörte seine Hoffnungen. 

Er wandte sich seinem eigenen Ende zu, allein der Schatten des Trostes und der eigenen Vergebung wurden ihm nicht zuteil.

Es senkt sich der Schatten einer dunklen, mysteriösen Göttin über ihn, liest ihn auf, tröstet ihn, stärkt ihn und formt aus ihm ein Monstrum, das sie als Mörder einzusetzen gedenkt. Kriecher, wie sie das Wesen fortan nennt, steht in der Abhängigkeit zur ihrer trostspendenden Weiblichkeit und jener unermesslichen Wut seiner eigenen Erinnerungen, die ihn bis an den Irrsinn führte. Über ihn gebieten nur noch Gefühle und Instinkte. Als er aber von der Göttin schließlich verstoßen wird, weil er seiner Aufgabe nicht gewachsen zu sein scheint, beginnt sein Bußgang durch die untergehende Welt Praegaia auf der Suche nach seiner göttlichen Herrin und der Absolution seiner von Schuldgefühlen geplagten Seele. Doch auch dies scheint ihm verwehrt zu bleiben – wiewohl trifft er auf seine längst vergangene Unschuld, auf seine leibliche Mutter, auf eine Hexe, die ihm hilft, seine magischen Kräfte zu entwickeln und letzten Endes auf seine größte Herausforderung – sich selbst zu vergeben. 

Der Autor

Der Autor wurde 1971 geboren und begann mit 12 Jahren Horror und Fantasy zu schreiben. Dabei entstand das, gerne als sein Lebenswerk bezeichnete Okkultepos »Die Offenbarungen eines Dämons«, für das er auf fundiertes, okkultes Wissen einer hermetischen Loge zurückgreifen konnte.

Nach den ersten veröffentlichten Kurzgeschichten in den Jahren 1988 & 1989 im BASTEI-Verlag konzentrierte er sich auf seine Studien des okkulten Materials, seine schulische und berufliche Laufbahn und seine literarische Entwicklung.

1999 begann er die Erzählungen um den Geisterdrachen M’Zaarox und die Urgöttin Medoreigtulb im Internet zu veröffentlichen und zum Ende des Folgejahres für eine Sammlung phantastischer Novellen einen Verlag zu suchen. Ab 2001 wurden die ersten Bände aus dem Geisterdrachen-Epos veröffentlicht und viele weitere sollten folgen.

Immer wieder schreibt Marc-Alastor auch Phantastisches jenseits des Epos. Für die Serie »Wolfgang Hohlbeins Schattenchronik« steuerte er den Band Die Kinder der fünften Sonne bei. Er gab dabei in Zusammenarbeit mit Alisha Bionda der Serie einige Handlungsimpulse und hauchte auch einigen Seriencharakteren Leben ein. Im Verlag Lindenstruth erschien das Buch Maliziöse Märchen, eine Märchensammlung für Erwachsene in einem aufwendigen, bibliophilen Sonderband. Zuletzt stellte er einen Phantastikroman vor historischen Hintergründen fertig und widmet sich nun wieder dem nächsten Zyklus im epischen Dark Fantasy Epos Geisterdrache.

Noch heute lebt und arbeitet er sehr zurückgezogen am Fuße des Teutoburger Waldes.

Impressum

Cover: Marc-Alastor E.-E.

© 2016 by Fabylon Verlag

www.fabylon.de

eMail: team@fabylon-verlag.de

Originalausgabe. Alle Rechte vorbehalten.

ISBN: 978-3-943570-60-1

Für Syrinx.

» ... unter ihren verhehlenden Augen,

dunkel wie ein schwerer Waldhonig,

kroch er zu Kreuze

und betete zu seinem Alabaster Ch’i,

flehte um die Gnade seiner Göttin,

der Königin des Schnees.«

»Munus sigsigga ag bara ye

innin aggisch xaschxur gischnu urma

schaziga bara ye

zigaschubba na agsischamaziga

namza ye innin durre esch akki

ugu agba andagub!

Schadu yu dannu elikunu limqut – Meschamahbah!

Kanpa!«

Vorwort

Im Frühjahr 2015 entschied sich der kleine, renommierte Fabylon-Verlag alle bis dato veröffentlichten Werke des Dark-Fantasy Epos Geisterdrache neu aufzulegen. Waren zuvor schon die »Die Chroniken - Widerparte & Gefolge«, in der angesehenen Reihe Ars Litterae zum 25-jährigen Jubiläum des Epos erschienen, sollte es nun auch die erste Trilogie »De Joco Suae Moechae« mit einbeziehen. Gekrönt wurde dies Vorhaben mit dem Ziel, jeden Band in ein schmuckes Hardcover zu platzieren und mit einem neuen Design zu versehen.

Neben meiner Arbeit am neuen Zyklus »De Morbis Sanguinis« machte ich mich also daran, die vorangegangenen Werke editorial aufzubereiten und ihnen eine Zugänglichkeit zu geben, wie sie bislang nicht möglich gewesen ist. Dazu gehören kontextsensitive Glossars, die erweitert und verbessert wurden, sowie die Zusammenführung der Chroniken in einem Band.

Auch eine Überarbeitung verschiedener textlicher Inhalte folgte.

Bei diesen Arbeiten und der Auseinandersetzung mit dem alten Material erinnerte ich mich gern an die guten alten Zeiten, in denen wir Fantasy-Fans verwöhnt wurden mit großartigen Romanen und Erzählungen von Howard, Tolkien, Leiber, Moorcock und Wagner. Gerade Letztere genießen ein zwar anerkanntes und verehrtes Literatendasein, dabei aber werksabhängig hierzulande auch eines am Rande des Genres, denn ihre Antihelden Elric und Kane blieben Schattenfiguren nicht nur innerhalb ihrer Geschichten. Eines Schmunzelns kann ich mich nicht erwehren, wenn ich heute verfolge, wie viele Neuerscheinungen mit Bösewichtern und Antihelden zu glänzen versuchen, wo früher mehrheitlich und eindeutig der strahlende Heroe den Überlebenskampf im Fantasyboom zu gewinnen pflegte. Das dabei die heutigen Szenarien dem Zeitgeist strenger Bezüge zur weltlichen Historie folgen, gleicht sich auffällig dem Erfolg großer Autoren wie George R.R. Martin und seinem Hang zum Ritterwesen an. Oder sind es gar die üblichen, nicht totzukriegenden Vorwürfe von Konservatismus, Sexismus, Eskapismus und sogar Rassismus, die aus den Fantasten der Gegenwart einen Pseudohistoriker machen? Ist er gewillt (oder gar genötigt?), den Spiegel höher zu halten und zu sagen: »Seht nur, was in euerer eigenen Vergangenheit von all dem geprägt ist?« Wirft man diesen geschichtlichen Bezügen dann die Beihilfe zur Erschaffung von Authentizität vor oder dem Schöpfer den Versuch verzweifelter Etablierung? Verblassen als Folge die Einhörner oder die Orks unserer Hirngespinste vor den Wahrheiten und Wirklichkeiten, die uns tagtäglich einholen? Oder sind sie doch eher Ausdruck derer? Wie nah kommt die Fantasy der Realität, wenn man die Schminke einmal abwischt? Denken wir nur an den Rassismus unserer Tage – ein nicht totzukriegendes Übel. Wie nah soll die Fantasy eigentlich an die Realität rücken? Oder muss sie das gar, um dem ihr anhaftenden schlechten Ruf belangloser Trivialliteratur einen Hauch ehrwürdigen Kulturgutes verleihen zu können? Darf der Autor den Zeigefinger erheben, oder lieber doch nur eine banale Geschichte erzählen? Könnte er gefahrlos Denkanstöße geben oder läuft er nur Gefahr, als »verkopfter« Langeweiler zu gelten? Man sieht Fantasy ganz allgemein als eine Literaturform, die den Sagen und Heldenepen entlehnt ist, doch wie viel mehr hat sie von einem Märchen?

Ein Märchen ist befreit von Zeit und Ort oder der Verpflichtung zur Kaschierung und Schönfärberei. Es sagt uns mehr, als die archetypische Summe ihrer Teile. Und am Ende lädt es ein, mit seinen Bildern und seinen phantastischen Elementen zu spielen. Das ist der Zauber eines geliebten Tagtraumes und auch die Magie eines unauslöschbaren Alptraums – beides so sehr Bestandteil menschlichen Daseins wie Herzflattern und Kopfschmerzen. Und beides will uns etwas sagen. 

Ich möchte diese Auflage vor allem denen widmen, die nicht müde werden, zuzuhören. Eben jenen, die noch träumen, phantasieren und im Anschluss die Fragen annehmen, die uns ein gutes Märchen stets schenkt, und deren Antworten irgendwo dort draußen sind – im Inneren unserer Gedankenwelt.

Inhalt

PROLOG

Nahrung des Daseins

INTERLUDIUM I

Kummerstrang

INTERLUDIUM II

Nimm hin die letzte Umarmung

INTERLUDIUM III

Erstgeborene der Nacht

INTERLUDIUM IV

Und aus Engeln baut Straßen

EPILOG

Meine letzten Worte über ...

Anhänge

Glossar 

Prolog

Oft schon hatte die schattenhafte Gestalt sich ersehnt, diesen Moment zu erreichen. Unzählige Male hatte er gebetet, diese Situation erleben zu dürfen, und nun schwankten seine Gefühle zwischen der inneren Verhärtung, die ihm sein Wille aufzitierte, um diese Situation durchstehen zu können, und der Hilflosigkeit, ein Spielball der Geschehnisse zu bleiben.

»Weshalb bist du damals nicht einfach gegangen? Die Entscheidung war gefallen. Du konntest dich damit wohl nicht abfinden, wie?«, fragte sein Rivale gehässig und versuchte dabei, starr vor gespielter Kühnheit zu sein. 

Der Schatten aber erwiderte nichts. Und er überlegte dabei, auf welche Weise er seinen Rivalen töten wollte, denn er würde dessen Überheblichkeit keine weitere Zeitspanne dulden. Schon jetzt überkam ihn eine starke Übelkeit bei dessen spitzen Bemerkungen, die nur den einen Zweck zu haben schienen – ihn herauszufordern.

Und so sehr er sich auch dagegen auflehnte, er konnte nicht an sich halten, wenn er seinen Rivalen ansah, wie jener selbstgefällig dastand und doch vor innerer Unsicherheit nur so strotzte.

»Ich habe gekämpft. Auf meine Weise«, sagte der Schatten und war sich nicht wirklich sicher, ob er tatsächlich gekämpft hatte. Immerhin hatte er aber etwas besessen, das sein Nebenbuhler nie erreicht hatte. Ein seelisches Band – ein unvergänglicher Verbund zweier Seelen, die wie eine gewesen war. Wie eine.

Ein innerer Stolz ließ ihn die Luft in seine Lungen saugen und dort halten, alldieweil es ein angenehmes Gefühl war, in dieser Stunde der Wahrheit die Brust gebläht halten zu können. 

»Es war der Kampf eines Feiglings. Du hast dich zurückgezogen wie ein getretener Hund. Denn ich bin es gewesen, der ihr Bett wärmte, nicht du. Ich bin es gewesen, mit dem sie ihre Tageszeit verbrachte, nicht mit dir. Ich bin es gewesen, dem sie alles sagte, nicht dir. Ich bin es gewesen, dem sie ihr Herz schenkte, nicht dir«, höhnte sein Rivale und war sich seines Sieges noch immer mehr als gewiss.

Der Schatten musste sich eingestehen, dass sein Widerpart gewonnen hatte. Und deshalb würde er ihn töten. Nach all der langen Zeit würde er ihn töten und damit Frieden in diesen Orlog bringen.

Er schaute auf die Unsicherheit des Gegenübers, die in seiner Haltung und selbst in seinem maskierten Gesicht lag. Hatte sein Gegner möglicherweise doch nicht gewonnen und wollte ihm das nur glauben machen? War er am Ende nicht auch nur fehlgeleitet und übereifrig gewesen?

Sein wütender Hass überstieg die Grenzen seiner Selbsteinschätzung und seiner Beherrschtheit. Die schattenhafte Gestalt zitterte und bebte vor Erregung, als ihm gewahr wurde, wie sehr es ihn danach verlangte, das Leben des Rivalen zu nehmen. Doch in seinem Inneren gab es so viele qualvolle Einsprüche, von dem sich zwar nicht ein Einziger ihm gegenüber klar auswies, die ihn aber dennoch lähmten. Es widerstrebte ihm, zu töten.

»Als ich meine Liebe offenbarte«, begann sein Erzfeind seine letzte Querele in die Wege zu leiten, »da war sie gänzlich erfreut. Ich sei ihr Glück, hat sie gesagt. Aber um ehrlich zu sein, sie war eine von vielen. Etwas Besonderes zwar, denn sie schrie lauter, wenn ich in ihr war, doch sonst ... es war eine wahre Freude, ihr Herz zu gewinnen und ihr Vertrauen.«

Der Schatten musste schlucken. Er nötigte sich, die vermeintlichen Lügen und die möglichen Darstellungen seines Gegners herunterzuwürgen. Sein Atem ging schwer und schnell. Die Tränen drängten zwischen seinen Lidern hervor, doch er verkniff sich einen Zusammenbruch in einer bebenden Verspanntheit, die einzig und allein schmerzte.

»Du weißt nicht, was du tust«, sagte er und schluckte den Brocken, der ihm im Hals zu stecken schien, ein Stück weit hinunter. Seine Lippen bebten dabei, die Augen quollen über vor brennenden Zähren und sein Herz zersprang in viele Teile.

»Du hättest besser geschwiegen.« Die schattenhafte Gestalt verlor sich in all der inneren Verzweiflung und den Tränen, doch eine kurzzeitige Stärke durchflutete ihn, um ihn sofort wieder zu verlassen.

»Du wirst erkennen, wer du bist. Und dann wirst du auch erkennen, wer ich bin.« Seine Lippen bebten durch die Kraft der Wahrheit, die sie sprachen, seine Brust hob und senkte sich unter schwerfälligen Zügen und die Verbitterung raubte ihm den schlichten Verstand. Er würde seinen Rivalen und sein Gegenüber töten, ihn zerfleischen, er würde sich über ihn erheben. 

Nachdem der Schatten gesprochen hatte, schluckte er all seine innere Qual hinunter und wandte sich ab. Er hörte ihn noch hinter sich höhnen, doch es kümmerte ihn nicht länger.

Er fragte sich nur, ob es je einen solchen Nebenbuhler gegeben hatte. Hatte es je einen Tunichtgut gegeben, der dieses seelische Band infrage zu stellen vermochte? Nein. Es hatte ihn nie gegeben. 

Seine Lippen zuckten und seine hellen Augen verquollen vor ungeweinten Tränenmassen, die an den Augäpfeln klebten. Seine Wut und sein Hass flatterten in seiner Seele wie ein tollwütiges Fieber.

Du hättest besser geschwiegen, dachte er.

Nahrung

Seine Lippen bebten. Er wusste nicht, ob es an der nächtlichen Kühle oder an der Trauer lag. Aber immer wieder durchfuhren ihn zitternde Schauer, welche die matte Müdigkeit, die sich in ihm wie ein zäher, glühender Strom aus Lava voranschob, zu vertreiben suchte.

Liebevoll drehte die Gestalt eine schwarze Haarlocke seiner Liebsten zwischen Zeigefinger und Daumen. 

Das Haar war weich und geschmeidig.

Sein Blick war starr auf die wächserne Mimik des Mädchens gerichtet. In dieser Nacht wirkte ihre Haut leichenblass, während ihr Blut darauf verschmierte Flecken bildete, als wäre es von einem flapsigen Pinselschwinger aufgetragen worden.

Manchmal wurde die Gestalt von einem Fieber und einem Schüttelfrost erfasst. Dann würgte er an Übelkeit und an einem aufkeimenden Weinkrampf. Die Tränen der letzten Stunden hatten seine Augen schwellen lassen. Selbst seine Wangen fühlten sich angespannt an.

Wie sehr er dieses Mädchen liebte, wurde ihm stets gewahr, wenn die Erinnerungen der vergangenen Jahre in ihn einkehrten. All ihre Kräfte hatte Menona in der Vergangenheit aufgewendet, damit er von ihrem Vater, der lieber einen wohlhabenden Edelmann als Schwiegersohn gesehen hätte, akzeptiert wurde. Wie oft er Menonas Tränen nach den harten Auseinandersetzungen mit ihrem Vater getrocknet hatte, konnte er kaum nachzählen. Nur durch Fleiß, harte Arbeit und ausdauerndem Willen war es ihnen schließlich gelungen, Menonas Familienoberhaupt von der Liebe und Ehrbarkeit ihres Erwählten zu überzeugen.

Seit zwölf Jahren hatte Menona sich ihm versprochen. Seit zwölf Jahren hatten sie jeden Tag miteinander verbracht. Seit zwölf Jahren war sie so sehr Bestandteil seines Lebens geworden, dass er sich nicht hatte vorstellen können, wie man ohne ihre Nähe auch nur einen Atemzug lang überleben konnte.

Doch sie hatte alles zerstört. In nur einer Nacht hatte sie zehntausend Träume und hunderttausend Hoffnungen vernichtet. Sie hatte sich am Leib eines anderen Mannes verschmutzt. 

Die Gestalt würgte, verstärkte müde die Umklammerung des Dolches und begann wieder auf den zerfetzten Unterleib der Toten einzuhacken. Längst schlug die Spitze der Waffe auf den Asphalt, längst knirschten die letzten Bruchstücke des geliebten Beckenknochens.

Das Grauen der eigenen Tat und die Taubheit ihrer Schande verschmolzen in der dunklen Gestalt zu einer brodelnden Mischung böswilligster Wut. Seine Liebe schwamm auf den Wellen der Enttäuschung und der Verbitterung wie die weißliche Gischt. Noch immer spürte er diese verzehrende Liebe.

Schließlich brach er zusammen und weinte und grub sich in die Überreste ihres Leichnams.

Diese Erschütterungen seines Bewusstseins wichen einer bestürzten Leere. Wie ein schmelzender Schatten kroch er von der Leiche fort in irgendeine Gasse und von dort in eine andere Gasse. Irgendwann kam er irgendwo in eine finstere, stinkende Nische, legte sich nieder und kam sich wie ein brausender Sturm vor, der im Inneren wahre Ausgeglichenheit und Leere züchtet.

Er wollte seinen Namen vergessen.

Er wollte sein Leben vergessen

Er wollte einfach alles vergessen.

Nur ihren Liebreiz nicht.

Und somit vergaß er auch die Zeit.

Düstere Tage wurden von trüben Nächten abgelöst.

Und er lag immer noch still in dieser dreckigen Nische in irgendeiner Gasse. 

Innerlich geleert und hohl. 

Sein Geist zwang ihn, Erinnerungen an das Mädchen wie Legenden zu verehren, während Betrachtungen seiner ureigenen Vergangenheit mehr und mehr an Bestand verloren. Tage und Nächte stierte er in den Schmutz der Nische. Wenn die Ratten neugierig näher kamen, weil sie in ihm ein gefundenes Fressen sahen, erschlug er sie mit einem einzigen, blitzschnellen Faustschlag. Er selbst nahm das nicht wahr.

Auch nicht, dass andere Ratten die Leichname ihrer Artgenossen verschleppten.

Er nahm nicht den Regen wahr, der in einer Nacht und dem darauffolgenden Tag in die Nische fiel und ihn bis auf die Haut durchnässte.

Er nahm nicht den Hunger und den Durst wahr, den er verspürte.

Und als seine Sinne schließlich zu schwinden begannen, bemerkte er darin eine nie gekannte Wohltat. Er schöpfte Hoffnung, all den Schmerz und all die Qual bald überwinden zu können.

Da plötzlich spürte er eine zarte Berührung auf der Wange. Ein Schatten senkte sich über sein erstarrtes Blickfeld, und er musste sich mühen, seine mit einem Male pochenden und ziehenden Augäpfel bewegen zu können. Aber was er sah, erreichte kaum sein Bewusstsein. Doch die Stimme, die wie das warme Flüstern einer Frauenstimme seinen Verstand erklomm, erweckte seinen Geist mit dem Schrecken der Verwirrung.

»Was ist denn nur mit dir geschehen?«

Die warmen Finger einer zarten, filigranen Hand zogen seinen Kopf am Kinn in die Höhe. Diese Berührung flößte seinem Inneren eine neue, widerstrebende Kraft ein. Miteins floss auch all die Qual seiner Seele und die Pein des Geistes in ihn zurück. Und plötzlich erkannte er, dass man ihn um seine Ruhe zu bringen gedachte. Panik stahl ihm das Herz und ein verzweifelter Schrei entrang sich seinem Selbst.

Sofort legte sich die fremde Hand über seinen Mund. Er vernahm beruhigende Worte, die ihm zwar nicht die Ruhe erstatteten, jedoch seine Aufregung mit einer anheimelnden Lähmung beglichen.

Die Frau, die er nur als helleren Schemen vor dunklem Grund erkennen konnte, fragte ihn nach seinem Namen und ob er nun bereit sei, still zu sein.

Es gelangte zwar zu seinen geistigen Wurzeln, dass er etwas gefragt worden war, doch die Leere wurde dem als Antwort entgegengestellt. 

»Was hat man dir nur angetan, dass du so ängstlich bist? Doch nun brauchst du dich nicht länger zu fürchten. Du bist in Sicherheit.«

Sicherheit. 

Eine Regung schnappte in seinem Geist und qualvolle Bewegung kam in seinen Körper. Er spürte zwar die Steife der Muskeln und Sehnen, dennoch scharwenzelte er wimmernd wie ein Hund um ihre Füße. Dabei krümmte er sich und schien sich um sie herumwickeln zu wollen.

Mit den Armen fing der weibliche Schemen sein Kriechen ab und gestattete ihm eine Nähe, die ihn zwar in noch größere Verzweiflung trieb, der er aber auch bedurfte. Er wand sich um ihre Taille und bettete seinen Kopf unter ihre Brüste. Zarte Hände fuhren ihm durch das verfilzte Haar und durch die Hitze ihres Körpers nahm er zum ersten Mal wieder wahr, wie kalt und unlebendig er dagegen war.

»Willst du mir nicht deinen Namen sagen?«

Er hörte diese süße, verlockende Stimme. Er hörte ihren verführerischen Herzschlag. Und er hörte sein Blut durch die Adern schießen. Es war Wollust, die ihn packte und zugleich schmerzhaft an seine Vergangenheit erinnerte. Viele erotische Stunden hatte er mit der Frau seines Lebens zugebracht, und er sah Bilder in seinem Kopf, die er nicht länger verstand, doch die sein Geschlecht erhitzten. 

»Du brauchst Wärme und Liebe, mein Kleiner.«

Ja, er brauchte Wärme und Liebe.

»Hier«, sagte der weibliche Schemen und streckte ihm ihre Brust entgegen. 

Seine Lippen schlossen sich um die Brustwarze, und als sich diese durch diese Behandlung verhärtete, nahm er sie sanft zwischen die Zähne und begann instinktiv zu saugen.

»Ja, trink, mein Kleiner, es wird dich wärmen und erhitzen.«

Es wunderte ihn nicht, als plötzlich heiße Strahlen einer Flüssigkeit in seinen Mund schossen, die er gierig hinunterschluckte. Er konnte keinen Geschmack erkennen, aber es überkam ihn plötzlich eine Gier nach ihrem Geschlecht, dass es ihm schwindelte. Und nun bemerkte er, dass sie sein Glied erfasst hatte und es rieb, während sie ihn zum Trinken aufforderte.

Ihre Berührung an seinem Geschlecht ekelte ihn an, da sich unzählige Eindrücke seiner Vergangenheit in sein Befinden hochschwangen. Er empfand Schuld und Scham. Er gehörte doch Menona, seiner geliebten Menona, jener wundervollen Frau, die in ihrer Phantasie schon Kleiderstoffe für ihre gemeinsamen Kinder genäht hatte.

Er begann zu wimmern und sich zu quälen. Menona hatte sich schon Namen für die Sprösslinge ausgedacht. Aber er ... er konnte sich nicht erinnern.

Ein Zittern der Verbitterung überlief ihn und er hätte sich am liebsten entzogen. Dennoch nahm er den Missbrauch hin, da er befürchtete, man würde ihm sonst die Brust und den gelobten Lebenssaft entreißen. 

Dann spürte er einen schwachen Stich in der Leiste, und seine Hoden entluden sich gefühllos. 

Er schlotterte und bebte und begann sich zu hassen.

Matte Müdigkeit kehrte in sein Gemüt. Dabei leistete er im Tempel seines Herzens seiner liebsten Menona Abbitte.

»Du bist ein guter Kerl.« 

Er sah, wie sie die Hand, die sie an ihn gelegt hatte, ableckte.

»Ich werde dich annehmen«, sagte sie und naschte genüsslich von ihren Fingern. »Aber wir brauchen noch einen Namen für dich. Wie wäre es mit Kriecher? Ja, ich glaube, Kriecher würde zu dir passen.« 

Sie kicherte und meinte: »Und für den Fall, dass du deine Sprache wiederfindest, nenn mich Nytha, dieser Name ist einfacher zu merken.«

Ein monströs tiefes und gefälliges Gelächter drang aus ihr, die in seinen Augen kaum mehr als ein Schemen blieb.

Kriecher erkannte nach den Ereignissen, dass es sich bei diesem Schemen um eine Göttin handeln musste, da sie ihn gerettet hatte. Seltsamerweise fühlte er sich erstarkt und zumindest erfüllt von dem Bedürfnis, in ihren Armen liegen zu können und an ihren vollen Brüsten gesäugt zu werden. Also ließ er sie gewähren, als sie versuchte, ihn aus seiner Nische zu locken.

Noch in dieser Nacht brachte die Göttin Kriecher aus der schlimmen Gegend in ein heruntergekommenes Gasthaus, in dem sie offensichtlich eine Abmachung mit dem Wirt hatte. Auch wenn dieser den abgemagerten, verdreckten und noch dazu mit Blut befleckten Kriecher abfällig und misstrauisch betrachtete, duldete er die Entscheidung der Fremden, dieses verdorbene Geschöpf aufnehmen zu wollen. 

Die Göttin ließ Wasser bringen und begann dann, Kriecher gründlich zu reinigen, wobei sie es sich nicht nehmen ließ, erneut Hand an ihn zu legen und mit größter Hingabe seinen Erguss zu verzehren. Dieses Mal empfand Kriecher nur willfährigen Gleichmut. Wenn das die Bezahlung