Kaisersturz by Felix A. Münter by Felix A. Münter - Read Online

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Kaisersturz - Felix A. Münter

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Danksagungen

Kapitel I

Winter lag über dem Land. Der Himmel war grau, ein frostiger Wind wirbelte den feinen Pulverschnee auf und trieb ihn vor sich her. Das Land lag unter einer dicken Schneedecke, ganz ohne Ausnahme. So weit das Auge reichte, erstreckte sich das Weiß.

Der Verlauf der breiten Heeresstraße war lediglich an dem platt getrampelten Schnee und den vagen Spuren der Fuhrwerke zu erkennen. Der Winter war außergewöhnlich hart und kalt, und wer konnte, der mied die Straßen und die Entbehrungen der Reise.

Ein einsamer Reiter preschte nach Norden. Er hatte sich eng in seinen roten Mantel gewickelt, die Kapuze hochgeschlagen und das Halstuch bis zur Nase gezogen, um sich gegen die schneidende Kälte zu schützen. Der Mann saß tief im Sattel vorgebeugt, schmiegte sich, so dicht es ging, an den Hals seines Pferds. Das Tier, ein hellbrauner Wallach, kämpfte merklich mit dem eisigen Frost und der Anstrengung; sein Reiter verlangte ihm alles ab.

Philion konnte keine Rücksicht auf sein Pferd nehmen. Er hatte einen Auftrag und alles, was zählte, war Geschwindigkeit. In der Hauptstadt hatte man ihm eine Nachricht übergeben und es gab für ihn nur diese eine Aufgabe: nach Norden reiten und die Legionen alarmieren. Er war Botenreiter und als solcher schon fast ein ganzes Jahrzehnt im Dienst der kaiserlichen Armee. Zwei Jahre noch, dann wäre sein Dienst endlich vorbei. Mit seinem Sold wollte er dann in den Süden, sich dort niederlassen, ein kleines Stück Land kaufen. Vielleicht sogar eine Familie gründen. Er liebte den Süden. Dort waren die Winter nicht so hart und kalt, der Wind nicht so schneidend.

Je länger er im Sattel saß und die Kälte ihm in die Glieder kroch, seine Finger und Zehen taub machte, umso klarer wurde ihm, wie sehr er den Winter eigentlich verabscheute. Der Frost und der Wind trieben ihm die Tränen in die Augen und verschleierten seinen Blick. Die Straße führte sanft einen Hügel hinauf und Philion gönnte dem Pferd etwas Ruhe, ließ es in den Schritt fallen und machte oben auf der Hügelkuppe Rast.

Der Wind war gar nicht so stark, wie er angenommen hatte. Philion schwang hölzern sein Bein über den Sattel und stieg ab; die klammen Glieder machten das zu einem kleinen Abenteuer. Fluchend stampfte er ein paarmal auf und rieb sich die Hände, um das Blut wieder in Wallung zu bringen, dann tätschelte er den Hals des Wallachs.

»Hast dich gut gehalten«, murmelte er und rieb dem Tier die Flanken mit der Pferdedecke trocken. Der Wallach wieherte einmal auf und schwenkte den Kopf hin und her.

»Ja, ja. Natürlich«, lächelte der Botenreiter und holte aus einer der Satteltaschen ein wenig Hafer hervor.

»Wir haben noch ein gutes Stück vor uns, bis der warme Stall auf dich wartet. Halt einfach durch, ja?«

Philion klopfte dem fressenden Pferd wie einem guten Freund auf den Rücken, dann holte er seine Feldflasche und genehmigte sich einen kleinen Schluck. Er ließ den starken Alkohol im Mund kreisen, genoss den Geschmack und die wohlige Wärme, die ihm die Kehle hinabfloss und sich in seinem Magen ausbreitete. Sein Blick folgte der Straße, die sich irgendwo im schier endlosen Weiß verlor. Von hier aus waren es noch zehn Meilen bis zum nächsten Gasthaus. Bei richtigem Wetter war das mit einem guten Pferd keine Herausforderung. Mitten im Winter aber konnte sich diese verhältnismäßig kurze Distanz anfühlen wie ein Ritt durch einen Albtraum.

Der Botenreiter erlaubte seinem Pferd noch einige Minuten Ruhe und wanderte in dieser Zeit im Schnee auf und ab, ließ die Arme kreisen und genoss das prickelnde Gefühl des strömenden Bluts. Dann richtete er seine Kleidung, prüfte die Sattelgurte und schwang sich wieder auf den Rücken des Wallachs.

»Los geht es«, sagt er zu seinem Pferd und das treue Tier setzte sich tatsächlich wie auf Kommando in Bewegung, zurück auf die Straße und den Hügel hinab.

Diesmal ließ Philion sein Pferd nur traben und hing währenddessen seinen eigenen Gedanken nach.

Was waren das für Zeiten? Früher einmal, da war der Winter für jeden Soldaten eine willkommene Jahreszeit gewesen. Denn niemand führte im Winter Krieg. Die Kälte und der Schnee machten jegliche militärische Unternehmung aufwendig und forderten ihren Tribut unter den Truppen. Jeder Herrscher, jeder Stratege wusste das und vermied es genau deshalb. Es war ein ungeschriebenes Gesetz: Der Sommer war die Jahreszeit des Blutvergießens und im Winter leckte man sich die Wunden, stellte neue Armeen auf, nur um im darauf folgenden Sommer wieder von vorne anzufangen. Ein immerwährender, gleichbleibender Zyklus.

Bis jetzt.

Im Norden waren die unter ihrem neuen Hochkönig vereinten Clansmänner noch im Herbst eingefallen. Die Legionen marschierten und stellten sich dem Feind entgegen, doch beim ersten Schnee erstarrte die Front. Die Heere zogen sich in ihre Festungen und Winterlager zurück und beäugten sich. Hin und wieder kam es zu kleinen Scharmützeln zwischen Patrouillen, aber im Großen und Ganzen ließ die kalte Jahreszeit den Krieg sprichwörtlich erstarren. Und dann erreichten die Nachrichten aus dem Süden vor wenigen Tagen die Hauptstadt. Truppen der Fercino und der Al-Asmari waren dort eingefallen, hatten die ausgedünnte Verteidigung überrannt und marschierten nun auf Cyril. Die altehrwürdige Hauptstadt des Kaiserreichs hatte seit Jahrhunderten keinen Krieg mehr gesehen, ihre Mauern waren desolat. Schlimmer aber war, dass Cyril schutzlos dalag. Abgesehen von ein paar Tausend Mann der Kaisergarde gab es in der Hauptstadt keine Soldaten, die Legionen lagen im Norden in ihren Winterquartieren. Ob das Kaiserreich überhaupt noch den nächsten Frühling erleben würde, war ungewiss.

Auf den Schultern des Botenreiters lag eine große Verantwortung. Von seinem Auftrag hing schlimmstenfalls das Überleben des Reichs ab. Wobei, das war nicht ganz richtig. In der Hauptstadt war man nicht dumm, wichtige Nachrichten wurden immer mit mehreren Boten gesandt, die unterschiedliche Wege nahmen. Das schmälerte die Verantwortung jedoch in keiner Weise. In den vergangenen Jahrhunderten hatte sich der Kaiser immer auf seine Botenreiter verlassen und oftmals waren sie es, die im letzten Moment die Rettung brachten. Sie zweifelten nie und drückten sich vor keinem Auftrag, wie gefährlich und entbehrungsreich er auch immer sein mochte. Und auch diesmal hing das Schicksal von Westrin an ihnen.

Der Abend dämmerte bereits, da erreichte er den Gasthof. Warmes, goldenes Licht fiel durch die Fensterschlitze und der Geruch von dickem Eintopf lag in der Luft und ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Er war müde und wusste, dass es mitten im Winter Wahnsinn war, nach Einbruch der Dunkelheit weiterreiten zu wollen. Ein paar Stunden Ruhe würden ihm guttun.

Philions Faust hämmerte dreimal gegen das Holz, dann erst klappte die obere Hälfte der zweigeteilten Tür auf und ein rundlicher Mann mit kräftigem Bart blickte ihn an.

»Ja?«, krähte er unwirsch.

»Ich brauche ein Bett und einen Platz im Stall«, meinte Philion.

»Und ich brauche den Sommer. Nur blöd, dass wir nicht immer das kriegen, was wir wollen, was?«

Der Botenreiter zog unter seinem Halstuch eine Grimasse. »Ja, zu dumm. War es das jetzt?«

»Hmmpf. Normale Reisende kommen dann, wenn es noch hell ist.« Der Wirt funkelte ihn misstrauisch an.

»Kann sein.«

»Ich will mir niemanden ins Haus lassen, der Ärger macht.«

»Würde ich Ärger machen, hätte ich deine Tür längst eingetreten. Ich kann dir aber schwören, dass du Ärger bekommst, wenn du mich nicht gleich einlässt.«

»Ach, wirklich?«

In einer schnellen Bewegung öffnete Philion den Umhang ein kleines Stück und trat einen Schritt nach vorne. Der goldene Lichtstrahl fiel auf die bronzene Spange auf seiner Brust; sie zeige einen Flügel, der sich mit einer Schriftrolle kreuzte. Der Wirt riss die Augen auf und straffte sich.

»Ein kaiserlicher Bote! Warum habt Ihr dass denn nicht gleich gesagt! Natürlich habe ich ein Bett für Euch und einen Platz im warmen Stall für Euer Pferd! Kommt herein, kommt herein, seid mein Gast!«

Der rundliche Mann öffnete die Tür ganz, und noch während der Botenreiter sich den Schnee aus den Stiefeln klopfte, brüllte der Wirt schon Anweisungen. Er rief nach dem Stallburschen und wies seine Frau an aufzutischen.

Philion trat an ihm vorbei in die Schankstube und die Wärme traf ihn wie einen Hammer. Er zog die Handschuhe aus und rieb sich die Hände, steuerte zielsicher einen Platz am Kamin an. Gerade hatte er sich seines Umhangs entledigt und seine steifen Beine am Feuer ausgestreckt, da kam der Wirt auch schon mit einem Krug heran.

»Hier, hier. Geht alles aufs Haus. Es ist mir eine Ehre, einen kaiserlichen Boten bewirten zu können.«

Der Mann stellte den Krug ab. Philion warf nur einen kurzen Blick auf die Schaumkrone und winkte dann ab.

»Bring das weg. Trink es selbst oder gib es deinen anderen Gästen. Für mich nur verdünnten Wein.«

»Wie Ihr wünscht!« Der Wirt kam aus dem eifrigen Kopfnicken nicht mehr heraus und brachte den Krug zu den zwei anderen Gästen, die in einer Ecke des Schankraums saßen. Dann kam er mit einem Tonkrug und einem Weinschlauch zurück.

»Ihr wollt bestimmt selber mischen?«

»Danke«, meinte Philion knapp.

Die Wärme kroch ihm langsam in den Körper und vertrieb die klamme Kälte. Der Geruch des kräftigen Eintopfs und des prasselnden Feuers im Kamin brachten seinen Magen zum Rumoren. Jetzt erst nahm er sich die Zeit, sich richtig umzusehen.

Der Schankraum nahm etwa die Hälfte der Grundfläche des mehrstöckigen Hauses ein, an den langen Tischreihen hatten gut und gerne vierzig Reisende bequem Platz. Der Holzboden war blank gescheuert und auch der Rest hier machte einen ordentlichen Eindruck. An einer der Wände hing eine alte Legionärsrüstung samt Helm.

»Deine?«, fragte er den Wirt, als dieser mit einem großen, dampfenden Napf zurückkam. Der Mann stellte das Essen ab, folgte kurz dem Blick des Boten und nickte dann stolz.

»Jawohl! Hab in der Kaisergarde gedient, Herr, ein ganzes Soldatenleben.«

»Ach was«, meinte Philion und wendete sich seinem Essen zu. Zwanzig Jahre Dienst und nicht einen Kratzer. Da gab es immer nur drei Möglichkeiten. Entweder man war ein herausragender Kämpfer, ein Feigling oder in der Kaisergarde.

»Und wie lange ist das jetzt her?«, fragte er und blickte auf den runden Bauch des Mannes. Ertappt schmunzelte der und legte sich seine fleischigen Hände auf die runde Kugel, die er vor sich hertrug.

»Fünfzehn Jahre! Man sieht es, Herr, ich weiß!«

»So ist es. Danke, mehr hab ich nicht.«

»Natürlich. Wenn es Euch an was mangelt, lasst es mich wissen, Herr.«

Er nickte unmerklich und der Mann machte sich wieder davon, verschwand hinter einem Vorhang, der wahrscheinlich in die Küche führte. Philion hatte die Hälfte seiner Portion förmlich verschlungen, da hörte er schwere Schritte und das Klirren von Metall aus Richtung der Treppe, die hinauf zu den Schlafkammern führte. Er blickte auf und erkannte einen Mann in Rüstung, den Helm unter dem Arm. Es war die schwere Rüstung der Kaisergarde; der blaue Rosshaarbusch und der Umhang in der gleichen Farbe machten das Bild komplett. Für einen Moment blieb der Gardist am Fuß der Treppe stehen, dann kam er gemessenen Schrittes hinüber zu Philion.

»Ihr seid ein bisschen weit von Cyril, nicht?«, sagte der Bote und schob demonstrativ den Napf von sich weg. Der Gardist blieb stehen und sah ihn fragend an.

»Ach, kommt schon. Die beiden Kerle da gehören auch zu Euch.«

Philion nickte in Richtung der beiden Männer, die in der anderen Ecke des Schankraums saßen. Der Gardist wendete seinen Kopf ein kleines Stück in ihre Richtung und an seinem Gesichtsausdruck konnte der Botenreiter sehen, dass er recht gehabt hatte.

»Grüße«, meinte der Gardist nach der kurzen Unterbrechung.

»Grüße. Was verschlägt Euch so weit der Hauptstadt? Eine Patrouille?«

»Jawohl«, antwortete der Schwergerüstete merkwürdig kühl.

»Muss ja ziemlich gefährlich sein, wenn Ihr bei dem Wetter dort draußen so viel Metall am Körper habt, was?«

Stühle wurden gerückt und die beiden Männer in der Ecke standen auf. Philion sah die Kettenhemden unter ihren Mänteln aufblitzen.

»Ich muss ja nicht raus«, lächelte der Gardist.

Philions Nackenhaare stellten sich auf, als er bemerkte, wie die beiden Männer aus der Ecke langsam zu seinem Tisch aufschlossen.

»Was für ein Glück«, antwortete er lächelnd und legte seine Hände auf den Tisch. Er ließ zwei Atemzüge vergehen, dann warf er den Tisch um und sprang auf. Der schwer gerüstete Gardist taumelte zurück und ließ seinen Helm fallen, fast zeitgleich zogen die beiden Männer ihr Schwert. In einer fließenden Bewegung hatte der Botenreiter sein Kurzschwert in der einen und den Dolch in der anderen Hand, stand angriffsbereit.

»Erledigt ihn!«, knurrte der Gardist und zückte sein Schwert.

Auf das Kommando hin griffen die beiden Männer an. Philion blockte den Hieb des ersten Mannes mit seinem Kurzschwert und schlitzte ihm gleichzeitig mit seinem Dolch den Oberschenkel auf. Der Kerl schrie, dann aber sauste schon die Klinge des zweiten Mannes heran. Philion versuchte, sich wegzudrehen, doch die Spitze erwischte ihn am linken Oberarm und hinterließ einen tiefen Schnitt. Er ließ den Dolch fallen und wich zurück, den prasselnden Kamin im Rücken.

Der verletzte Angreifer fluchte und verzog das Gesicht, aber die Wunde hatte ihn nicht aus dem Kampf genommen. Die drei bildeten einen Halbkreis, versuchten, Philion den Weg abzuschneiden.

»Wer hat Euch geschickt?«, fragte der Bote, und sein Blick ging zwischen den drei Männern hin und her.

Der Gardist lachte heiser auf. »Das geht Euch nichts an.«

Der Kerl mit dem verletzten Oberschenkel machte einen Ausfallschritt und seine Klinge beschrieb einen engen Bogen. Philion parierte mit Leichtigkeit, doch die anderen Beiden drangen genau in diesem Moment vor. Einer Klinge konnte der Bote noch ausweichen, das Schwert des Gardisten jedoch traf ihn in der Seite. Hektisch taumelte der Botenreiter zurück, konnte die Hitze des Kamins nun deutlich im Rücken spüren. Schmerzen durchzuckten seine Körper und etwas Feuchtes und Warmes breitete sich an seiner Seite aus.

»Wer … hat … Euch … geschickt?«

Der Gardist lächelte böse und seine Begleiter setzten wieder zum Angriff an. Philion war nicht schnell genug. Die Klinge des Ersten schlug ihm das Kurzschwert aus der Hand, die Klinge des Zweiten drang ihm in die Brust. Mit einem Ruck zog der Mörder den Stahl heraus und Philion sackte auf die Knie. Blut lief ihm aus dem Mund und er spürte, wie er schwächer wurde. Sein Blick verschwamm, er konnte noch sehen, wie der Schwergepanzerte näher kam.

»Wer …«, begann er schwach und brüchig.

Der Kaisergardist setzte ihm den Stiefel auf die Brust und stieß den Sterbenden um. Stöhnend sackte Philion auf den Rücken. In aller Ruhe steckte der Mann sein Schwert in die Scheide und beugte sich zu dem Botenreiter hinab.

»Menas«, sagte er kalt.

***

Die beiden Männer ritten entlang der Mauern von Cyril. Der eine von ihnen war über sechzig Sommer alt, seine Haut wettergegerbt. Er trug eine Halbglatze und das wenige, schüttere Haar, das ihm noch geblieben war, war grau. Unter dem blauen Mantel der Kaisergarde trug er einen prunkvollen Brustpanzer, geformt wie der Kopf eines Löwen. Trotz des harschen Wetters hatte er die Kapuze zurückgeschlagen und reckte aufmerksam den Kopf in die Höhe, begutachtete die alten Wehranlagen. Sein Begleiter war vielleicht halb so alt. Er war hochgewachsen und dünn, hatte kurzes, schwarzes Haar und einen wohlgetrimmten Bart. Auch er trug den blauen Mantel der Kaisergarde, doch die Rüstung darunter war schmuckloser, auf der Brustplatte prangte lediglich ein goldener Stern, der ihn als General auswies.

»Die Mauern sind in einem erbärmlichen Zustand«, meinte der alte Offizier.

»Ja, Strategoi«, stimmte der Jüngere zu.

»Seit drei Jahrhunderten haben diese Steine kein Blut mehr gesehen. Und in unserer Arroganz haben wir es nicht für möglich gehalten, dass dies jemals wieder passieren könnte. Drei Kaisern habe ich gedient, General. Und jeden von ihnen wies ich auf diese alten Mauern hin. Keiner von ihnen tat etwas. Ich frage mich, General, ob ich vielleicht mit mehr Nachdruck hätte auftreten müssen?«

Der Jüngere dachte einen Moment nach und schüttelte dann den Kopf. »Nein, Strategoi. Es ist der Kaiser, der die Entscheidungen trifft. Wenn er sich dagegen entschieden hat, dann ist es nicht Euch anzulasten.«

»Oder es bedeutet ganz besonders, dass ich versagt habe«, meinte der Alte leise.

»Geht nicht zu hart mit Euch ins Gericht, Strategoi. Ein Kaiser hat ein ganzes Reich zu führen. Bei der Größe vergisst er die eigene Hauptstadt sehr schnell.«

»Und meine Aufgabe wäre es gewesen, ihn daran zu erinnern, General. So, wie es um die Mauern steht, brauchen wir eine Kaisergarde von der fünffachen Größe, um die Hauptstadt halten zu können.«

»Unterschätzt Ihr nicht die Schlagkraft der Garde, Strategoi?«

»Keinesfalls. Ich habe den Oberbefehl über sie, es sind meine Soldaten. Ich weiß, zu was sie in der Lage sind, und habe Vertrauen. Allein: Ich bin kein Narr. Die Stadt ist zu groß und die Mauern zu lang. Wir hätten die inneren Mauern niemals schleifen dürfen.«

»Aber Strategoi, das war lange vor Eurer Geburt.«

»Ein Fehler bleibt ein Fehler, General. Nur dass wir es sind, die die Zechen dafür zahlen müssen, und nicht diejenigen, die die Mauern geschliffen haben.«

»Ich glaube, wir können die Mauern halten, Strategoi.«

»Natürlich glaubst du das, General. Das ist deine Pflicht. Das wird von dir erwartet. Und vielleicht halten wir einem oder zwei Angriffen stand. Aber was ist, wenn sie von mehr als einer Seite angreifen? Dazu fehlen uns die Truppen. Und wenn der Feind erst einmal über die Mauer ist, dann hält ihn bis zum Kaiserpalast nichts mehr auf. Und noch dazu«, er drehte sich im Sattel und deutete auf die Häuser, die bis auf wenige Meter an die Mauer heranreichten, »sollten hier keine Häuser stehen. Wir könnten dort oben Tausende Bogenschützen aufstellen, es wäre wirkungslos. Wir geben dem Feind Deckung, bis es zu spät ist.«

»Und was wollt Ihr dagegen tun, Strategoi?«

»Wir werden die Handwerker und Händler aus ihren Häusern treiben müssen. Wir brauchen ein Schlachtfeld vor den Mauern, mindestens einhundert Schritt breit. Hier darf es keine Deckung geben.«

»Sie werden ihre Häuser nicht aufgeben, Strategoi.«

»Dann müssen wir sie uns mit Gewalt nehmen. Wenn sie nicht verstehen, dass dieses Opfer notwendig ist, damit wir alle überleben können, dann müssen wir für sie entscheiden.«

»Aber Strategoi, damit nehmen wir ihnen alles, für das sie bereit sind zu kämpfen.«

Der Ältere warf dem Jüngeren einen Seitenblick zu und schüttelte verächtlich den Kopf.

»Sie kämpfen für Westrin. Für ihren Kaiser. Für Cyril. Sind das nicht genug Gründe?«

»Für einen Soldaten vielleicht, Strategoi, aber für einen Händler oder Handwerker reicht das unter Umständen nicht aus.«

»Dann müssen sie motiviert werden. Wir lassen die ersten zehn, die sich weigern, einfach hinrichten. Das wird dem Rest ein mahnendes Beispiel sein.«

»Wenn Ihr das befehlt, Strategoi.«

Die beiden Männer ritten die nächsten Minuten schweigend an der Mauer entlang, dann erreicht sie das Kaisertor. Es durchbrach die Ringmauer um Cyril im Süden und war das prächtigste aller Tore. Links und rechts erhoben sich zwei Tortürme auf über zwanzig Schritt Höhe, dazwischen ein breites Tor. Die Torflügel waren mit Metall beschlagen und hoch oben wartete ein dickes Fallgitter auf seinen Einsatz. Hinter dem Kaisertor lagen nicht sofort die Straßen der Stadt, es folgte ein kleiner Hof, der von einem Wehrgang umgeben war, am Ende des Hofs ein zweites Tor.

Sie ritten an den Wachen vorbei, passierten das zweite Tor und machten am Torhaus halt. Ein Gardist eilte herbei und übernahm ihre Pferde. Sie stiegen zum Wehrgang hinauf und der alte Mann blickte auf den Innenhof hinab.

»Wenn doch nur jedes Tor so stark wie das hier wäre, was? Aber was nützt es denn, wenn der Feind über die Mauer kommt?«

Der Alte drehte sich und blickte auf die Hauptstadt, die im leichten Schneetreiben lag. Auch auf der anderen Seite der Mauer reichten die Wohnhäuser bis dicht an die Ringmauer heran. Ein Horror für jeden Offizier, der versuchte, die Stadt zu verteidigen. Doch Cyril war in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter gewachsen und der Krieg immer so weit entfernt. Früher einmal glich die Stadt mit ihrem System aus mehreren Mauern, ihren Kastellen und den Toren einer Festung. Aber mit den Jahren des Friedens wollten immer mehr Menschen in Cyril leben, jeder Quadratschritt innerhalb der Mauern wurde bebaut und das konsequent durchdachte Verteidigungskonzept völlig ruiniert. Der alte Offizier seufzte. Es half ja nichts. All das konnte er jetzt nicht mehr ändern.

»Wir geben unser Bestes, um ihn aufzuhalten, Strategoi.«

Der Alte verzog das Gesicht, zog den Mantel enger um die Schultern und ging in Richtung der Tortürme. Ein einsamer Gardist hielt im Windschatten des hohen Bauwerks bei einem Kohlebecken Wache. Trotz der Wärme zitterte der Mann, doch er nahm Haltung an, als die beiden Offiziere herankamen. Sie ignorierten ihn, betraten den Turm und marschierten die enge Wendeltreppe ganz nach oben, bis auf das zinnenbewehrte Dach. Der kalte Wind pfiff hier unnachgiebig und riss an ihren Mänteln. Der Alte stemmte sich gegen den Wind und blickte grimmig auf das die Häuser vor der Mauer.

»Gleich morgen beginnen wir damit, General! Uns läuft die Zeit davon. Diese Häuser sind das reinste Gift. Wenn sie stehen bleiben, dann können wir dem Feind gleich die Tore öffnen.«

Der General trat neben ihn und vergewisserte sich. Von hier oben war das, was der alte Mann meinte, wirklich offensichtlich. Die Häuser und die verwinkelten Gassen konnten einem großen Heer Schutz bieten, bis es kurz vor der Mauer war.

»Jawohl, Strategoi.«

»Gut. Und jetzt hör mir zu! Wenn der Feind vor der Mauer steht, will ich, dass du und deine Tausend sich in Reserve halten. Wir brauchen einen Verband, den wir dort einsetzen können, wo die Lage am schlimmsten ist.«

»Aber Strategoi! Ich bitte darum, mit meinen Männern auf den Mauern …«

»… und am liebsten willst du wohl dieses Tor hier bemannen, nicht wahr?«

»Was?«

»Tu nicht so, Menas. Ich weiß Bescheid. Hast dich mit ihnen ins Bett gelegt, was?«

Der General wich zurück und seine Hand ging zum Schwert.

Der Alte lachte. »Und dann, Menas? Was willst du dem Kaiser erzählen? Wie willst du ihm erklären, dass du seinen Strategoi erschlagen hast?«

Menas nahm seine Hand vom Schwert und hob die Hände. »Wir können doch sicher darüber reden, Batzas.«

»Worüber, Menas? Das ist Verrat. Da gibt es nichts zu besprechen.«

»Wie hast du …?«

»Ich bin nicht Strategoi geworden, weil ich meine Augen verschlossen habe. Jeder meiner Generale führt tausend Mann. Glaubst du wirklich, ich hätte dich nicht beobachten lassen, Menas?«

Der Angesprochene legte den Kopf schief. »Und wie geht es nun weiter, Batzas?«

»Du gibst mir jetzt dein Schwert. Danach gehen wir hinunter zu den Gardisten und wir bringen dich zum Kaiserpalast. Ich werde mich dafür einsetzen, dass dein Tod schnell und schmerzlos wird.«

Die Schultern des Generals sackten herab und er senkte den Kopf. Langsam glitten seine Hände zum Gürtel und er löste ihn. Er nahm die Schwertscheide am oberen und am unteren Ende und reichte die Waffe dem Alten. Gerade als Batzas seine Hand danach ausstrecken wollte, bleckte Menas die Zähne und knurrte, mache einen Satz nach vorne und drückte dem Oberkommandierenden der Kaisergarde die Waffe gegen die Brust. Dieser stieß einen erstaunten Laut aus. Der General trieb den alten Mann bis zur Brüstung, dann schob er ihn zwischen den Zinnen hindurch. Batzas klammerte sich nun verzweifelt an die Schwertscheide, Panik in den Augen.

»Du wirst niemandem etwas erzählen, alter Mann«, sagte der General düster und löste die Finger des Strategoi. Der höchste Offizier der Kaisergarde versuchte noch einmal, nach der Zinne zu packen, rutschte aber am Eis daran ab. Dann rauschte er mit einem lang gezogenen Schrei in die Tiefe und knallte auf das Pflaster, der Aufprall zerschmetterte ihm die Knochen im Leib.

***

Fünf Tagesmärsche südlich der Hauptstadt lag Hierei, eine kleine Stadt am Ufer des Vaan. Der Vaan, ein breiter Fluss, galt schon immer als die natürliche, erste Verteidigungslinie der Hauptstadt. Der Fluss war an den meisten Stellen mehr als einhundert Schritt breit und auf viele Meilen war Hierei die einzige Stelle, an der es eine steinerne Bücke über seine Fluten gab. Solange die Legion Hierei hielt, wurde Cyril eine Belagerung erspart. Dies war ehernes Gesetz für alle Generale des Kaiserreichs, doch in diesem Winter verlor das Gesetz seine Gültigkeit.

Fünfhundert Legionäre hatten die Anlagen beidseitig der Brücke besetzt, bereit, auch eine anrückende Übermacht aufzuhalten. Das Kommando über diese kleine Streitmacht hatte Symeon, ein Mann von mehr als dreißig Sommern. Ein Jahr zuvor war er bei einer Grenzpatrouille im Norden verletzt worden und sollte eigentlich als Versehrter die Armee verlassen. Doch der Offizier bestürmte den Kaiser so lange, bis dieser ihm ein vermeintlich ruhiges Kommando nahe der Hauptstadt gab. Wahrscheinlich hatte Symeon nur Glück, dass er den Kaiser aus seiner Dienstzeit in der Legion kannte, anderen Offizieren wäre diese Milde wahrscheinlich verwehrt geblieben. Das Kommando, das er bekommen hatte, war besser als nichts und Symeon hatte schon nicht mehr damit gerechnet, jemals wieder ein Schlachtfeld zu sehen. Dass der Krieg jetzt auf dem Weg zur Hauptstadt war, das hätte er sich nie träumen lassen.

Die Verteidigungsanlagen der Hierei-Brücke waren klug gebaut und stark genug, um sie mit wenig Männern halten zu können. Doch dieser Winter war außergewöhnlich hart, härter als jeder Winter, an den sich Symeon erinnerte. Die ersten Eisschollen, die über den Vaan trieben, ließen Böses ahnen. Und dann kam der Tag, an dem der Fluss zum ersten Mal seit Jahrzehnten von Eis überzogen war. Die Eisdecke war dünn, doch es war nur eine Frage der Zeit. Denn wenn das Wetter sich nicht aufklarte, wenn es weiter so kalt blieb, dann würde der heranmarschierende Feind die Brücke gar nicht brauchen.

Symeon schickte Tag für Tag seine Männer aus, ließ sie den dünnen Eispanzer entlang des Ufers zu beiden Seiten der Brücke mit Äxten einschlagen, doch er wusste genau, wie vergeblich diese Arbeit war. Mit fünfhundert Legionären konnte er unmöglich den Fluss entlang seiner gesamten Länge überwachen.

Und dann kam eines Abends die Botschaft, vor der er sich gefürchtet hatte. Der Feind war mit kaum mehr als seinen Schwertern in den Händen einige Meilen rechts und links von Hierei über das dünne Eis des Vaan gekommen und drohte nun die Garnison einzuschließen.

Symeon war kein Narr. Er ließ die Verteidigungsanlagen räumen und in Brand stecken, dann setzte er sich mit den Legionären schweren Herzens in Richtung der Hauptstadt ab. Die Truppe musste sich auf dem Rückmarsch einiger Angriffe leicht bewaffneter Plänkler erwehren, doch Symeon machte nicht den Fehler, sich ihnen zu einer Schlacht zu stellen. Die Legionäre waren mehr wert, wenn sie es bis nach Cyril schafften.

Von den fünfhundert Legionären erreichten etwa vierhundertfünfzig die Hauptstadt. Die feindlichen Heere der Fercino und Al-Asmari waren vielleicht noch zwei Tagesmärsche von Cyril entfernt. Der Marsch der abgekämpften Männer durch die Straßen der Hauptstadt war eine traurige Angelegenheit. Niemand war da, um ihnen zuzujubeln, überall hatten die Bürger der Stadt sich versammelt und betrachteten die Vorboten der Belagerung mit Angst und Argwohn. Spätestens jetzt war jedem in der Stadt klar, was ihnen bevorstand.

Kaum dass Symeon seine Männer durch das Kaisertor und zu ihren Ruhequartieren geführt hatte, war er von Kaisergardisten in blauen Mänteln umringt. Sie nahmen ihn in Gewahrsam und brachten ihn auf schnellstem Weg zum Palast. In ihren Augen hatte er die Befehle des Kaisers nicht ausgeführt, war er ein Flüchtling und Verräter.

Sie zerrten ihn durch die weiten Gänge und hohen Hallen, die verwaist und leer dalagen. Die bevorstehende Belagerung schien jede Art von Leben vom Hof verjagt zu haben. Nur hin und wieder passierten sie Dienstboten und Diener, hauptsächlich aber Männer der Garde. Wer es sich erlauben konnte, hatte die Hauptstadt schon längst verlassen. Es war eine Schande. Wie sollte man denn den Männern auf den Mauern und den Bürgern in der Stadt klarmachen, dass sie bleiben und sich dem Feind stellen sollten, wenn die Patrizier längst Reißaus genommen hatten?

Die Gardisten stießen die hohen Türen auf und zerrten ihn in das Besprechungszimmer. Ein großer Kartentisch aus Stein stand in der Mitte des prächtigen Raums. Auf dem Boden bildeten feine Mosaike Szenen aus längst vergangenen Zeiten westrinischer Kriegsführungen. Aus Zeiten, in denen das Reich von Sieg zu Sieg eilte und immer mehr wuchs. Eine Ära, die seit zweihundert Jahren vorbei war. Entlang der hohen Wände reihten sich die Ehrenzeichen der Legionen auf, Replikationen aus massivem Gold, über fünfzig an der Zahl. In Westrin gab es schon lange kein so großes Heer mehr. Sechs Legionen besaß das Kaiserreich noch, die anderen Standarten waren auch nicht mehr als die Erinnerung an eine glanzvolle Zeit.

Auf dem Tisch war nicht etwa eine Karte des Kaiserreichs ausgerollt, nein, es war eine Karte der Hauptstadt. Ein befremdlicher Anblick. Um den Tisch herum standen Offiziere und Generale in ihren Prunkrüstungen, vor Kopf der Kaiser.

Kaiser Antimus. Der blonde Mann Mitte dreißig war nach dem Tod seines Vaters vor fünf Jahren Kaiser geworden. Er war zu einer schlechten Zeit Kaiser geworden: Seit zweihundert Jahren schrumpfte Westrin immer weiter zusammen, verlor Provinz um Provinz. Seinem Vater, Kaiser Leontius, gelang es vor fünfzehn Jahren, diesem rasanten Fall mit blutigen und verlustreichen Kriegen Einhalt zu gebieten. Doch nach dem Ende der Kriege war Westrin nur noch ein Schatten seiner selbst, es musste machtlos zusehen, wie die Provinzen Fercino und Al-Asmari sich vom Reich lossagten. Der Kaiser, der angetreten war, um Westrin wieder zu altem Glanz zu führen, verstarb an den Verletzungen aus einem der Feldzüge, von denen er sich niemals ganz erholt hatte. Am Ende war er verbittert und gebrochen, hinterließ seinem Sohn ein weit kleineres Reich, als er zu Beginn seiner Regentschaft erhalten hatte.

Kaiser Antimus jedoch nahm die schwere Bürde an. Er bemühte sich, gute Verbindungen zu seinen Nachbarn aufzubauen, umgarnte sie mit Handelsverträgen und versuchte, sich ihre Gunst durch Tribute zu erkaufen, da er genau wusste, dass Westrin einen neuen Krieg vielleicht niemals überleben würde. Und jetzt war er da, dieser Krieg. Die letzten Wochen und Monate hatten ihre Spuren im Gesicht des Kaisers hinterlassen. Falten zogen sich über das einst so fröhliche Gesicht, der Glanz der wachen Augen war verschwunden. Seine Wangen waren leicht eingefallen, die Knochen zeichneten sich ab. Er war der einzige der Männer, der keine Rüstung trug, stattdessen kleidete er sich in Gewänder aus blauem und weißem Stoff. Seine Krone lag achtlos auf dem Rand des Tischs. Als die Türen aufgingen, hatte er die Hand gehoben und seinen Generalen bei ihrem Lagebericht Einhalt geboten.

Die Gardisten warfen Symeon nun zu Füßen der Anwesenden. Pflichtschuldig senkte er den Kopf und hörte, wie der Kaiser um den Kartentisch herumschritt. Der Unterschied zwischen Symeon und den anwesenden Generalen und Offizieren hätte kaum krasser sein können. Sie waren tadellos frisiert, trugen ihre vor Gold und Silber glänzenden Prunkrüstungen, während er von den Entbehrungen der letzten Tage gezeichnet war. Seine schwarzen Haare waren verklebt und fettig, ein stoppeliger Bart wucherte in seinem Gesicht. Sein linkes Auge war milchig und trüb, ein immerwährendes Andenken an die Verletzung vor einem Jahr. Das andere strahlte tiefgrün. Er war dreckig, die Uniform vom Schneematsch verkrustet, die Rüstung schimmerte nicht. Seinen linken Arm trug er in einer Schlinge um den Hals, eine Verletzung, die bei einem der Scharmützel auf dem Rückmarsch entstanden war.

»Was hat das zu bedeuten?«, wollte der Kaiser wissen.

»Eure Hoheit, wir stellten diesen Verräter, als er mit seinen Soldaten durch das Kaisertor marschierte«, erstattete einer der Gardisten Bericht.

»Symeon, erkläre dich!«

Der Angesprochene hob den Kopf und blickte dem stehenden Kaiser fest in die Augen.

»Mein Kaiser. Auf Euren Befehl hin sollte ich mit meinen Soldaten Hierei vor dem anrückenden Feind verteidigen und Euch in Cyril damit Zeit verschaffen, bis die Legionen aus dem Norden zu unserer Rettung hier sind. Ich knie hier und heute vor Euch und im Angesicht Eurer Berater, um Euch von meinem Versagen zu berichten.«

Ein Raunen ging durch die Versammelten.

»Was ist passiert, Symeon?«

»Getreu Eurem Befehl waren wir bereit, die Brücke von Hierei gegen eine Übermacht zu halten – wenn es sein musste, sogar bis zum letzten Mann. Getreu unseres Schwurs, mein Kaiser. Doch es ist Winter und der Vaan ist gefroren. Der Feind setzte auch ohne die Brücke über den Fluss. Ich hatte die Wahl, mit meinen Soldaten dortzubleiben und dem sicheren und nutzlosen Tod entgegenzugehen oder sie zurück nach Cyril zu führen, wo sie Eure Truppen auf den Mauern verstärken können und so vielleicht unser aller Überleben sichern können.«

»Warum hast du nicht versucht, den Feind aufzuhalten, als er über den Fluss war, Symeon?«

»Mein Kaiser. Die Fercino und die Al-Asmari rücken mit mehr als siebzigtausend Männern auf Cyril vor. Ich hätte sie an der Brücke aufhalten können, die Mauern dort sind stark. Zumindest eine Zeit lang wäre es mir gelungen. Aber in freiem Feld, da wäre ich mit meinen fünfhundert Soldaten zermalmt worden. Es wäre ein unnützes Opfer gewesen, und das in einer Zeit, in der wir uns keine Opfer erlauben können, mein Kaiser.«

Antimus dachte nach, nickte dann.

»Du hast recht, Symeon. Es wäre Wahnsinn gewesen. Wie nah steht der Feind nun an Cyril?«

»Nicht mehr als drei Tagesmärsche, mein Kaiser.«

»Dann bleibt uns nicht mehr viel Zeit.« Er drehte sich zu den Generalen um, welche der Unterhaltung schweigend gefolgt waren. In den Gesichtern der Männer spielten Angst, Abscheu und Hochachtung zu gleichen Teilen. »Bereitet alles vor. Cyril steht eine schwere Zeit bevor.«

Die Männer nickten und verließen gemessenen Schrittes den Raum, so dass nach kurzer Zeit nur noch der Kaiser und Symeon samt einigen Dienern zugegen waren.

»Steh auf, Schwertbruder. Ich muss mit dir über etwas sprechen.«

Symeon tat wie ihm geheißen.

»Sie wollen nicht kämpfen, Antimus.«

Der Kaiser ging zum Kartentisch und nahm sich einen Pokal mit Wein.

»Ich weiß. Es sind Männer der Kaisergarde, die meisten von ihnen sind alte Offiziere, die das letzte Mal Krieg unter meinem Vater gesehen haben. Zum Lohn bekamen sie ihre Posten hier in der Hauptstadt und ich fürchte, sie haben seitdem vergessen, wie man Krieg führt.«

»Wie gut, dass wir uns auf Batzas verlassen können. Ohne ihn wäre die Garde nur noch die Hälfte wert, Antimus.«

Der blonde Mann winkte eine Dienerin heran und ließ dem schwarzhaarigen Wein eingießen. Dann sah er ihn traurig an.

»Strategoi Batzas ist tot, Symeon.«

Der Weg der Erinnerungen begann auf der Rückseite des Kaiserpalasts. Von dort zog sich der breite Weg aus prächtigem Marmor eine Meile nach Osten, um vor den Portalen des Tempels zu enden. Das erste Stück des Wegs war zu drei Seiten von den Mauern des Palasts umgeben, die kunstvollen, bleigedeckten Dächer wurden von hohen, weißen Säulen getragen. Der Weg der Erinnerung war die letzte Ruhestatt der Kaiser von Westrin. Links und rechts des Wegs ragten Statuen der vergangenen Kaiser auf, einige prachtvoll, andere vom Zahn der Zeit gezeichnet. Jede dieser Statuen ruhte auf einem massiven Sockel und in feiner Schrift erzählte der Sockel die Geschichte eines jeden Kaisers. Es war Tradition, dass auf das Grab eines Kaisers ein junger Schössling gepflanzt wurde. So konnte ein Teil der Seele des Verstorbenen in dem wachsenden Baum aufgehen und wachte weiterhin über Westrin. Die Kaiser aus mehr als acht Jahrhunderten lagen hier begraben, ganze Dynastien. Bevor ein neuer Kaiser gekrönt wurde, musste er entlang des Wegs der Erinnerungen schreiten und der Statue jedes seiner Vorgänger unter die Augen treten, bevor er würdig war, die Krone zu tragen. Heiratete ein Kaiser, so schritt das junge Paar vor ihrer Vermählung den Weg entlang, um den Segen der vergangenen Kaiser zu bitten.

Der Weg der Erinnerungen war ein heiliger Ort und auch jetzt, im tiefsten Winter und im Angesicht der größten Bedrohung, war eine Heerschar Diener damit beschäftigt, den Weg und die Statuen vom Schnee zu befreien. Symeon und der Kaiser schritten über das Pflaster.

Der Offizier hatte gebadet und steckte in frischen Kleidern, lediglich der Stoppelbart und der Arm in der Schlinge waren noch ein Hinweis darauf, dass er gerade die Reste seiner Truppe in die Hauptstadt geführt hatte. Ein Heiler hatte sich seine Verletzung angesehen und sie versorgt. Nur widerwillig hatte er seine Rüstung abgegeben, doch an seiner Seite hing sein treues Schwert.

»Ich fürchte, das könnte das Ende sein, Symeon«, meinte der Kaiser, als er sich versichert hatte, dass sie außer Reichweite der Diener waren.

»Antimus, Cyril ist noch nicht gefallen«, stellte Symeon fest.

»Unsere Mauern sind desolat, wir haben nur die Kaisergarde und die Legionen stehen im Norden. Der Strategoi ist tot und mit ihm starb einer der verlässlichsten Offiziere in der Hauptstadt. Ich möchte ja an Wunder glauben, aber durch Wunder gewinnt man keine Kriege, Symeon.«

»Viele Kaiser vor dir haben an Wunder geglaubt. Und Westrin hat bis heute Bestand.«

Der blonde Kaiser blieb stehen, drehte sich zu seinem Schwertbruder um und lächelte schmallippig.

»Das kannst du nicht vergleichen. Zu ihren Zeiten war Westrin viel größer. Eine Niederlage bedeutete, dass wir vielleicht eine Provinz verloren. Sie verfügten über weite größere Armeen. Sie konnten an Wunder glauben, weil sie die Möglichkeiten dazu hatten. Und weil Verluste hinnehmbar waren. Es ging niemals um die Hauptstadt, niemals um den Fortbestand des Reichs.«

»Es ist einfach, das aus der heutigen Sicht zu sagen, Antimus. Sie haben es damals wahrscheinlich ganz anders gesehen.«

»Das spielt keine Rolle. Keiner von ihnen stand so mit dem Rücken zur Wand, wie wir es heute tun. Und so konnte jeder noch so große Verlust mit der Zeit als Wunder umgedeutet werden. Das hat unseren Blick verklärt, Symeon. Deshalb steuert Westrin seit zweihundert Jahren auf den Untergang zu.«

»Glaubst du wirklich?«, fragte der Offizier und sie blieben bei einem verwitterten Grabmal stehen. Die Statue war wenig gepflegt, der Stein verwittert. Es war die Ruhestätte von Kaiser Janis. Er war der Letzte seiner Dynastie, bevor diese vor dreihundert Jahren durch die Dynastie des amtierenden Kaisers in einem Bürgerkrieg abgelöst wurde. Seine Statue machte einen unfertigen Eindruck, der Baum auf dem Grab war zerzaust und verkrüppelt. »Meinst du nicht, er hat es damals ähnlich wie du gesehen, als die Armeen deiner Vorfahren Cyril belagerten?«

Antimus sah seinen Begleiter mit hochgezogener Braue an, dann blickte er zur Statue.

»Was willst du damit sagen?«

»Janis hat sich damals bestimmt ähnlich gefühlt wie du.«

»Janis war ein Wahnsinniger, der der halben Welt den Krieg erklären wollte! Ohne die Rebellion meiner Ahnen wäre Westrin schon damals untergegangen.«

»Ist es dann aber doch nicht.«

Antimus schnaubte.

»Das eine hat nichts mit dem anderen zu tun, Symeon. Das damals war ein Bürgerkrieg, kein Feind von außen stand vor unseren Toren. Der eine Herrscher wurde durch den anderen ersetzt, das Reich hatte weiterhin Bestand. Diesmal aber ist es anders.«

»Du glaubst wirklich an Untergang.«

»Die Fercino und die Al-Asmari sind nicht daran interessiert, einen neuen Kaiser zu stellen. Sie wollen ihre eigenen Geschichten schreiben, haben ihre eigenen Traditionen. Für sie ist Westrin das Reich, das Jahrhunderte über sie herrschte und dessen Jochs sie sich vor mehr als einem Jahrzehnt befreiten. In ihren Augen haben wir sie Jahrhunderte unterdrückt und ausgepresst, haben sie an ihrer Entfaltung gehindert.«

»Aber das war nicht so.«

»Natürlich nicht. Es waren Provinzen des Reichs und als solche mussten sie natürlich Steuern zahlen, Truppenkontingente stellen und Tribut entrichten. Aber im Gegenzug erhielten sie auch alle Vorzüge. Wir waren es, die ihnen Straßen bauten, unsere Legionen schützten ihre Grenzen. Und als wir schwächer wurden, erhoben sie sich und stehen nun kurz vor unseren Toren. Nein, Symeon, sie sind nicht daran interessiert, dass Westrin weiterlebt.«

Die Männer Schritten weiter den Weg entlang. Die Statuen waren besser in Schuss, die Bäume dafür aber auch kleiner. Der Wind trieb feinen Pulverschnee vor sich her.

»Hast du etwas getan, um sie zu verärgern?«, wollte Symeon wissen und fasste den Mantel um seine Schultern enger.

»Ich habe sie umschmeichelt. Es gab Handelsverträge zu unseren Ungunsten, ich zahlte sogar Tribut. Meine Berater meinten, dass dies ein Zeichen der Schwäche war. Ich sehe das anders. Ich habe uns damit Zeit erkauft. Fünf Jahre lang Frieden. In den fünf Jahren konnte ich drei neue Legionen aufstellen.«

»Und du meinst, dass sie das verärgert hat?«

»Mach dich nicht lächerlich, Symeon. Mit sechs Legionen sind wir keine Gefahr für unsere Nachbarn. Die Truppen reichen für einen Eroberungskrieg nicht aus. Nein, das war es nicht.«

»Was war es dann?«

Vor ihnen ragte der Tempel des Einen auf. Der Glaube an einen einzigen Gott hatte sich vor einem Jahrtausend langsam auf dem Kontinent ausgebreitet, und die Kaiser von Westrin waren die ersten Herrscher gewesen, die diesen Glauben angenommen