OCTAVE MIRBEAU

DER STREIK DER WÄHLER (1888)

Etwas kommt mir sehr seltsam vor — ich wage nicht zu sagen, dass ich darüber bestürzt bin — dass nämlich heutztage, in der Stunde, wo ich dies schreibe, nach den unzähligen Erfahrungen, nach den täglichen Scandalaffairen, in unserem »theuren Vaterland !wie man in der "udgetcommission zu sagen #flegt$ noch ein %ähler, ein einziger %ähler e&istiren kann, ein so unberechenbares, unorganisches, verblendetes 'hier, welches darin ein willigt, sich in seinen (eschäften, 'räumen und Vergnügungen st)ren zu lassen, um zu (unsten irgend eines *nderen für irgend etwas zu stimmen+ ,st dieses überraschende -hänomen — wenn man nur einen .oment darüber nachdenkt — nicht darnach angethan, um die scharfsinnigsten -hilos#hien zu zerst)ren und alle /aison zu beschämen 0 %o ist der "alzac, welcher uns die -h1siologie des modernen %ählers gibt0 2nd der 3harcot, welcher uns die *natomie und den (eisteszustand dieses 2nheilbaren aufdeckt 0 ,ch begreife, dass ein 4ochsta#ler noch immer *ctionäre findet, ich begreife, dass die 3ensur noch ihre Vertheidiger findet, ich begreife, dass historische 5ramen geschrieben werden+ — *ber dass ein *bgeordneter oder ein Senator oder ein .inister oder wer immer unter all den sonderbaren 4answursten, die eine gewählte 6unction beans#ruchen, einen %ähler findet, will sagen7 ein so unglaubliches %esen, einen so unwahrscheinlichen .ärt1rer, welcher ihn von seinem "rod ernährt, von seiner %olle

kleidet, von seinem 6leisch mästet, mit seinem (eld bereichert, mit der einzigen -ers#ective, zum 5ank für diese Verschwendung s#äterhin ignorirt oder mit h)flichen 6usstritten bedacht zu werden — wahrhaftig, das überschreitet die #essimistischesten "egriffe, die ich mir bisher über die menschliche 5ummheit gemacht habe8 %ohlverstanden, ich s#reche hier vom aufrichtigen, überzeugen %ähler, vom theoretischen %ähler, von dem armen 'eufel, welcher sich einbildet, die 'hat des freien "ürgers zu vollbringen, seine Souveränität zu demonstriren, seiner .einung *usdruck zu geben, #olitische -rogramme und sociale 6orderungen — o bewunderungswürdige und betrübende 9arrheit8 — durchzusetzen+ — 9icht vom %ähler, der in sich diesen Sachen »auskennt und darüber mo:uirt+ 5ie Souveränität dieses »%issenden besteht darin, auf ;osten des allgemeinen %ahlrechtes zu wohlgefüllten 'aschen zu kommen+ 5er ist hier in seinem wahren Element, für dieses eine .oment interessirt er sich aus (eschäftsinteresse, das 2ebrige ist ihm gleichgiltig+ Er weiss, was er will+ *ber die *nderen 0 *ch <a+ die *nderen8 5ie Ernsthaften, die 2nerbittlichen, die 4erren »Souveränes Volk , =ene, welche zu einer *rt 'runkenheit kommen, wenn sie sich ansehen und sagen7 »,ch bin %ähler+ 9ichts geschieht ohne mich+ ,ch bin die (rundlage der modernen (esellschaft+ — %ieso e&istiren noch >eute von solcher "eschaffenheit0 So eingenommen, so sicher, so #arado& sind sie, wie kommt es, dass sie nicht entmuthigt werden, nicht beschämt vor ihrem %erke stehen0 %ie kann es kommen, dass noch irgend ein guter ;erl, meinetwegen aus dem verstecktesten (ebirgsnest, so stu#id, so unverständig, so blind und taub gegenüber den 'hatsachen ist, um noch weiss oder schwarz, oder roth zu wählen, ohne bestochen, ohne betrunken worden zu sein 0 %elchem wunderlichen (efühl, welcher m1steri)sen Suggestion muss dieser denkende ?weifüssler gehorchen, der von einem starken %illen getrieben ist, von dem man etwas verlangt und der es thut, stolz auf sein /echt, überzeugt, dass er eine -flicht erfüllt, wenn er in eine %ahlurne irgend einen ?ettel legt, was immer er auch daraufschreibt0 @ %as muss er sich wohl innerlich sagen, wenn er sich diese e&travagante 4andlung rechtfertigt oder wenigstens klarmacht0 %as erhofft er0 5enn schliesslich, um einzuwilligen, dass er sich einigen geschwätzigen oder habgierigen 4erren ausliefert, die ihn benützen und bedrücken, muss er sich doch irgend etwas sagen, irgend etwas erhoffen, was wir nicht vermuthen+ Er muss irgend welchen cerebralen Verirrungen erliegen, der (edanke »unser *bgeordneter muss irgend welche ,deen von %issen, (erechtigkeit, *ufo#ferung, von *rbeit und /edlichkeit ausl)sen+ Es muss wohl schon in den 9amen von /ouvier oder %ilson, oder wie sie anderswo heissen, ein s#ecieller ?auber liegen+

Eine 6ata morgana muss wohl in diesen 9amen liegen, Verheissungen künftigen (lücks und baldiger 4eilung+ 2nd das ist wirklich erschreckend+ 9ichts dient da zur >ehre, weder die burlesken 3om)dien noch die finsteren 'rag)dien des -arlamentarismus+ 2nd dennoch hat, so lange die %elt besteht, die (esellschaften sich folgen und abl)sen — eine gleicht der anderen — stets nur eine 'hatsache die (eschichte beherrscht7 5er Schutz der (rossen, die ?erschmetterung der ;leinen+ ;ann der naive ».ann aus dem Volke nicht dahin kommen, zu verstehen, dass es nur eine /aison in der %eltgeschichte gibt, das ist7 Sich o#fern für eine .enge von 5ingen, die er niemals geniessen wird, sich o#fern für #olitische 3ombinationen, die auf ihn gar nicht achten+ *uch die Schafe gehen ins Schlachthaus, aber sie wählen wenigstens nicht den Schlächter, der sie t)dten, den "ourgeois, der sie verzehren wird+ Sie sagen nichts, sie hoffen nichts+ .ehr Schaf als die Schafe, ernennt der %ähler seinen Schlächter und wählt seinen "ourgeois+ 6ür dieses /echt hat er /evolutionen gemacht+ A >eser, unsagbarer Schwachko#f, armer 'eufel, wenn 5u statt den absurden 4onigreden anzuhängen, welche 5ir <eden .orgen für einen Sou in schwarzen oder weissen oder rothen "lättern verkauft werden, wenn 5u, anstatt den eingebildeten Schmeicheleien, womit man 5eine Eitelkeit verzärtelt, wo man vor 5einer <ämmerlichen Souveränität auf den 6üssen liegt, wenn 5u 5ich, statt in die unbeholfenen "etrügereien der %ahl#rogramme vor 5einem ;amin in irgend einen ernsten 5enker vertiefen würdest, vielleicht würdest 5u da erstaunliche und nützlichere 5inge erfahren, vielleicht würdest 5u dann weniger rasch 5einen schwarzen (ehrock und 5eine würdevolle .iene aufsetzen, um zur verderblichen %ahlurne zu eilen, wo 5u im Vorhinein — welchen 9amen 5u auch hineinlegst — die 5ienste eines *nderen besorgst+ 5iese 5enker würden 5ir sagen, dass die -olitik ein ungeheurer Schwindel ist, dass dort <ede wahre Erregung verh)hnt, <ede einfache Vernunft verlacht wird und dass 5u dort gar nichts zu suchen hast, 5u, dessen /echnung im grossen "uch der menschlichen (eschicke besiegelt ist8 'räume danach, wenn 5u willst, von lichtvollen -aradiesen, von unm)glichen "rüderlichkeiten, von unwirklichen (lückszuständen+ 'räumen thut wohl, es besänftigt das >eiden+ *ber menge nie den .enschen in 5einen 'raum, denn wo der .ensch in *ction tritt, ersteht Schmerz, 4ass, .ord+ Erinnere 5ich besonders, dass die >eute, welche um 5eine Stimme ansuchen, unhonnete >eute sind, die mehr vers#rechen, als sie halten, als sie zu halten .acht haben+ 5er .ensch, den 5u erhebst, re#räsentirt nicht 5ein Elend, nicht 5eine Sehnsucht, nichts von 5ir+ Er re#räsentirt nur seine eigenen >eidenschaften, seine eigenen ,nteressen, die den 5einen entgegengesezt sind+ *lso, kehre heim, guter =unge, und mache dem allgemeinen %ahlrecht Streik+ 5u hast nichts dabei zu verlieren, sage ich 5ir, und vielleicht macht es 5ir eine zeitlang Vergnügen+ *uf der Schwelle 5eines 4auses sitzend, das den #olitischen 4ausirern verschlossen bleibt, lass das (edränge an 5ir vorbeidefiliren und rauche in /uhe 5eine -feife+

2nd wenn in irgend einem verborgenen %inkel ein .ensch lebte, fähig, 5ich zu leiten und zu lieben, lass 5irBs seinetwegen nicht leid thun+ Er wäre auf seine Ehre zu eifersüchtig, um sich in den schmutzigen Streit der -arteien zu mengen, zu stolz, um von 5ir ein .andat zu verlangen, welches 5u sonst der c1nischen (rosss#recherei, der "eschim#fung und der >üge gewährst+ 5eshalb sagB ich 5ir, mein =unge, kehre heim und streike8 !Actave .irbeau, „La grève des électeurs“, Figaro, CD 9ovember EDDD Fbersetzung7 Wiener Rundschau, EDGD, "d+ C, S+ HEI-HEJ$

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