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Tonke Dragt

Der Brief für den König


Tiuri – Band 01

Tiuri verläßt in der Nacht, bevor er seinen Ritterschlag empfangen soll, seine
Heimatstadt und nimmt einen gefährlichen Auftrag an: Er soll einen Brief mit einer
geheimen Botschaft in das ferne Königreich Unauwen bringen. Ritter, Reiter und
Spione verfolgen ihn, er muß Gefahren bestehen, wird gefangen genommen, aber es
gelingt ihm zu flüchten. Doch er findet auch Freunde, die ihm bei seiner schwierigen
Aufgabe helfen.
Tonke Dragt, geb. 1930 in Batavia (dem heutigen Djakarta) in Indonesien. Dort verbrachte sie den
größten Teil ihrer Kinderzeit. Während des zweiten Weltkriegs wurde sie mit ihren Angehörigen in
einem japanischen Gefangenenlager interniert; es war die Zeit zwischen ihrem zwölften und
fünfzehnten Lebensjahr.
»Ständig eingeschlossen hinter Stacheldraht; Hunger und Elend, wohin man nur sah – und das
gerade in diesem Alter. Es war dieselbe Altersgruppe, für die ich nun schreibe. Uns war dort alles
verwehrt, und so erfand ich in meiner Fantasie Geschichten, die in einer weiten Ferne spielen –
Geschichten voller Abenteuer und ohne Stacheldraht.«
Nach dem Krieg kam Tonke Dragt nach Holland. Sie machte ihr Abitur, besuchte anschließend die
Akademie für Bildende Künste in Den Haag und war als Zeichenlehrerin an verschiedenen Schulen
tätig. Sie wohnt als freie Schriftstellerin in Den Haag. Im Programm Beltz & Gelberg sind bisher
erschienen: Der Brief für den König, Der Wilde Wald, Die Türme des Februar und Das Geheimnis
des siebten Weges. Dieser Roman wurde als 13teilige Fernsehserie verfilmt. Der Brief für den
König wurde 1963 in Holland als »Das beste Jugendbuch des Jahres« ausgezeichnet.

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Nachtwache

Tiuri kniete auf dem steinernen Boden der Kapelle und starrte in die
Flamme der Kerze, die vor ihm stand. Wie spät war es wohl? Er sollte
ernsthaft über die Pflichten nachdenken, die er hatte, wenn er Ritter
war, aber seine Gedanken schweiften immer wieder ab. Manchmal
dachte er gar nichts. Er fragte sich, ob seine Freunde wohl dasselbe
fühlten? Tiuri schaute sich um nach Foldo und Arman, nach Wilmo
und Jiusipu. Foldo und Wilmo schauten auf ihre Kerzen; Arman hatte
das Gesicht in den Händen verborgen. Jiusipu saß aufrecht und blickte
in die Höhe, aber plötzlich änderte er die Haltung und blickte Tiuri
gerade ins Gesicht. Eine Weile blickten sie sich an; dann wandte Tiuri
den Kopf ab und richtete die Augen wieder auf die Kerze. Woran
dachte wohl Jiusipu? Wilmo bewegte sich und erzeugte mit den
Schuhen ein kratzendes Geräusch auf dem Boden. Die andern sahen in
seine Richtung. Wilmo neigte den Kopf, als ob er sich schämte. Wie
still es ist, dachte Tiuri bald darauf. So still ist es in meinem Leben
noch nie gewesen. Die fünf Jünglinge durften nicht miteinander
sprechen; kein Wort durften sie sagen, die ganze Nacht hindurch. Und
mit der Außenwelt durften sie auch keine Verbindung haben. Man
hatte sogar die Tür zur Kapelle geschlossen. Erst am Morgen, früh um
sieben Uhr, wurde sie wieder geöffnet, wenn König Dagonauts Ritter
die Wachenden abholten. Morgen früh! Tiuri sah den festlichen
Aufzug vor sich: die Ritter auf ihren schön gezäumten Pferden, die
farbigen Schilde und die flatternden Banner. Sich selbst sah er auch
auf einem feurigen Pferd sitzend, in einem glänzenden Mantel, mit
Helm und schwingendem Federschmuck. Er schüttelte dieses Bild von
sich ab. Er sollte nicht an Äußerlichkeiten des Rittertums denken,
sondern sich vornehmen, treu, ehrlich, tapfer und hilfsbereit zu sein.
Das Kerzenlicht schmerzte in seinen Augen. Er blickte zum Altar,
wo die fünf blanken Schwerter lagen. Darüber hingen die Schilde; sie
glänzten im flackernden Licht der Kerzen. Morgen wird es zwei Ritter
geben, die das gleiche Wappen führen, dachte Tiuri, der Vater und

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ich. Der Vater hieß auch Tiuri: »der Tapfere« wurde er genannt. Ob er
wohl wach lag und an seinen Sohn dachte? Hoffentlich werde ich ein
ebenso guter Ritter wie er, dachte Tiuri. Bald darauf kam ihm ein
neuer Gedanke: Wenn jemand an die Türe klopfen würde! Wir dürften
dann nicht öffnen. Er erinnerte sich jetzt an etwas, was Ritter
Fartumer, dessen Schildknappe er gewesen war, ihm einst erzählt
hatte. Als er in der Nacht vor seinem Ritterschlag in der Kapelle
wachte, wurde plötzlich hart an die Türe geklopft. Er war dort mit drei
Freunden, aber keiner öffnete – zu ihrem Glück, denn später ergab
sich, daß es ein Diener des Königs gewesen war, der sie auf die Probe
hatte stellen wollen. Tiuri blickte wieder nach seinen Gefährten. Sie
knieten noch in der gleichen Haltung. Es war sicher schon Mitternacht
vorüber. Seine Kerze war fast abgebrannt, sie war die kürzeste von
allen fünf; vielleicht weil er am nächsten bei einem Fenster kniete: Es
zog hier. Wenn meine Kerze aus ist, so stecke ich keine neue an,
dachte er. Es schien ihm angenehmer zu sein, im Dunkel zu knien, so
daß die andern ihn nicht sehen konnten. Er fürchtete nicht
einzuschlafen. Schlief Wilmo? Nein, er bewegte sich. Ich wache nicht
auf die richtige Art, dachte Tiuri. Er faltete die Hände und heftete die
Augen auf das Schwert, das er nur für etwas Gutes brauchen durfte. Er
dachte an die Worte, die er am nächsten Tag zu König Dagonaut
sprechen mußte.
»Ich gelobe, als Ritter Euch treu zu dienen, ebenso allen Euren
Untertanen und auch jedermann, der meine Hilfe anruft. Ich
gelobe…«
Da wurde an die Tür geklopft – leise, aber sehr gut vernehmlich.
Die fünf Jünglinge hielten den Atem an, aber sie blieben unbeweglich.
Wieder wurde geklopft.
Die Jünglinge blickten einander an, aber sie sprachen kein Wort und
bewegten sich nicht. Sie hörten, daß der Knopf an der Türe gedreht
wurde. Dann ertönte das Geräusch von Schritten, die langsam
verhallten. Sie seufzten auf, alle fünf gleichzeitig. Nun ist es
geschehen, dachte Tiuri. Es war seltsam, aber er hatte das Gefühl, daß
er während der ganzen Zeit, die er schon wachte, darauf gewartet
hatte. Das Herz klopfte in ihm so laut, daß er glaubte, die andern

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müßten es auch hören. Komm, bleib ruhig, nahm er sich vor.
Vielleicht war es ein Fremder, der nicht wußte, daß wir hier wachen,
oder jemand, der uns necken oder auf die Probe stellen wollte… Doch
wartete er gespannt, ob er wieder etwas hörte. Seine Kerze flammte
eben ganz hell auf und erlosch dann mit einem leise zischenden Ton.
Nun kniete er im Dunkeln. Er wußte nicht, wieviel Zeit vergangen
war, als er über seinem Kopf ein leises Geräusch hörte. Es war, als ob
jemand mit den Fingernägeln am Fenster kratzte!
Dann hörte er eine Stimme, die leise wie ein Atemzug war: »In
Gottes Namen, öffnet die Tür!«
Tiuri setzte sich auf und blickte zum Fenster. Er sah nichts – keinen
Schatten. Er konnte ja sowieso nicht tun, was die Stimme gewünscht
hatte, auch wenn sie noch so dringend geklungen hatte. Er verbarg das
Gesicht in den Händen und versuchte, alle Gedanken zu verbannen.
Aber nochmals hörte er die Stimme, ganz deutlich, auch wenn es
nicht mehr als ein Flüstern war: »In Gottes Namen, öffnet die Tür!«
Es klang noch dringender als vorher. Tiuri schaute zu seinen
Freunden. Sie sahen aus, als ob sie nichts gehört hätten. Was jetzt? Er
durfte die Tür nicht öffnen. Aber wenn es nun ein Mensch war, der
sich in Not befand, ein Flüchtling, der ein Versteck suchte? Er
lauschte. Es war wieder still. Die Stimme klang ihm aber in den Ohren
nach. Warum mußte dies gerade jetzt geschehen? Warum mußte
gerade er diese Bitte hören? Er durfte nicht antworten, aber er konnte
sich nicht ruhig fühlen, bevor er es doch getan hatte. Er zögerte. Dann
entschied er sich.
Leise stand er auf, mühsam, denn er war vorn langen Knien auf dem
kühlen Boden steif geworden. Er begann, sich der Mauer entlang zu
tasten und zur Tür zu schleichen. Ab und zu blickte er sich nach den
Freunden um. Er glaubte nicht, daß sie etwas gemerkt hatten – oder
doch: Arman blickte in seine Richtung. Aber Arman verriet ihn
bestimmt nicht.
Endlos lange schien es zu dauern, bis er im Vorraum angekommen
war. Noch einmal warf er einen Blick zurück, auf die Freunde, auf den
Altar und die Schilde darauf, auf das Licht der vier Kerzen und die
dunklen Schatten zwischen den Säulen und in den Gewölben.
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Dann eilte er durch den kleinen Vorraum zur Pforte und legte die
Hand auf den Schlüssel. Wenn ich öffne, dachte er, so habe ich gegen
die Regeln verstoßen. Dann kann ich mich morgen nicht zum Ritter
schlagen lassen.
Er drehte den Schlüssel, öffnete die Tür einen Spalt breit und
blickte hinaus.
Auf der Schwelle stand ein Mann, der in eine weiße Kutte gehüllt
war und die Kapuze über den Kopf gezogen hatte. Tiuri konnte seine
Gesichtszüge nicht erkennen; dazu war es zu dunkel. Er öffnete die
Tür etwas weiter und wartete schweigend, bis der andere etwas sagte.
»Ich danke Euch«, flüsterte der Unbekannte.
Tiuri schwieg.
Der Unbekannte wartete einen Augenblick und sagte dann, immer
noch flüsternd: »Ich bitte um Eure Hilfe; es geht um Leben und Tod!«
Als Tiuri keine Antwort gab, fuhr jener fort: »Wollt Ihr mir helfen?…
Wollt Ihr mir helfen?« wiederholte er. »Himmel, warum sagt Ihr
nichts?«
»Wie kann ich Euch helfen?« flüsterte Tiuri. »Warum kommt Ihr
hierher? Wißt Ihr nicht, daß ich morgen zum Ritter geschlagen werden
soll und daß ich mit niemand sprechen darf?«
»Das weiß ich«, erwiderte der Unbekannte. »Eben darum komme
ich hierher.«
»Ihr wärt besser anderswohin gegangen«, flüsterte Tiuri böse. »Jetzt
habe ich die Regeln übertreten und kann morgen den Ritterschlag
nicht empfangen.«
»Den Ritterschlag könnt Ihr Euch erst richtig verdienen«, sagte der
Unbekannte. »Ein Ritter soll doch helfen, wenn er darum gebeten
wird, nicht wahr? Kommt heraus, dann erzähle ich Euch, was Ihr für
mich tun sollt. Rasch, rasch, es ist nicht viel Zeit!«
Nun, dachte Tiuri, ich habe schon gesprochen und die Tür geöffnet,
warum sollte ich nicht auch aus der Kapelle gehen?
Der Unbekannte ergriff Tiuris Hand und führte ihn an der
Außenmauer der Kapelle entlang. Seine Hand fühlte sich knochig und
runzlig an – die Hand eines alten Mannes. Seine Stimme klingt auch
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alt, dachte Tiuri. Wer ist er wohl? Bei einer kleinen Nische blieb der
Unbekannte stehen.
»Verstecken wir uns hier«, flüsterte er, »und sprechen wir leise,
damit uns niemand hören kann.« Als sie in der Nische standen, ließ er
Tiuris Hand los und fragte: »Wie heißt Ihr?«
»Tiuri«, antwortete der Jüngling.
»Ach, Tiuri, Euch werde ich vertrauen können.«
»Was wollt Ihr von mir?« fragte Tiuri.
Der Unbekannte beugte sich zu ihm und flüsterte: »Ich habe hier
einen Brief, einen sehr wichtigen Brief. Ich kann wohl sagen, daß das
Wohl eines ganzen Königreiches davon abhängt. Ein Brief für König
Unauwen.«
König Unauwen! Tiuri hatte viel von ihm gehört. Er regierte über
das Land im Westen der Berge, und es wurde von ihm als von einem
edlen und rechtschaffenen Fürsten gesprochen.
»Dieser Brief muß dem König gebracht werden«, sagte der
Unbekannte, »so schnell wie möglich.«
»Ihr wollt doch nicht…« begann Tiuri ungläubig.
»Derjenige, der den Brief bringen soll, ist der schwarze Ritter mit
dem weißen Schild«, fiel ihm der Unbekannte ins Wort. »In diesem
Augenblick ist er in der Herberge Yikarvara im Wald. Nun frage ich
Euch, ob Ihr den Brief bringen wollt. Ich kann es nicht selber tun; ich
bin alt, und Feinde verfolgen mich.«
»Warum bittet Ihr nicht einen anderen?« fragte Tiuri. »Die Stadt ist
voller Ritter, Leute genug, denen Ihr vertrauen könnt.«
»Ich kann keinen dieser Ritter fragen«, antwortete der Unbekannte.
»Sie fallen zu sehr auf. Habe ich Euch nicht gesagt: Es sind überall
Feinde? In der ganzen Stadt liegen Spione auf der Lauer und hoffen,
den Brief rauben zu können. Nein, einen berühmten Ritter kann ich
nicht bitten. Ich brauche jemand, der unbekannt ist und nicht auffällt.
Aber gleichzeitig muß ich ihm diesen Brief anvertrauen können. Ich
suche jemand, der ein Ritter und doch kein Ritter ist. Ihr seid
derjenige, den ich haben muß: Ihr seid würdig befunden worden,

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morgen den Ritterschlag zu empfangen, aber Ihr seid auch jung und
habt noch nicht von Euch reden lassen.«
Gegen diese Worte konnte Tiuri nichts einwenden. Er versuchte
wieder, die Gesichtszüge des Unbekannten zu erkennen, aber es
glückte ihm nicht.
»Ist dieser Brief so wichtig?« fragte er dann.
»Unermeßlich wichtig!« flüsterte der Unbekannte. »Kommt, zögert
nicht länger! So verlieren wir zu viel Zeit! Hier ganz in der Nähe,
hinter der Kapelle, steht ein Pferd auf der Weide; wenn Ihr das nehmt,
so könnt Ihr in drei Stunden bei der Herberge sein. Wenn Ihr rasch
reitet, so könnt Ihr es wohl noch schneller schaffen. Es ist jetzt
ungefähr Viertel nach eins. Um sieben Uhr könnt Ihr zurück sein,
wenn Ihr abgeholt werdet, um vor König Dagonaut zu erscheinen.
Bitte, tut, was ich von Euch verlange!«
Tiuri fühlte, daß er sich nicht weigern konnte. Die Regeln, die ein
angehender Ritter zu befolgen hatte, waren wichtig, aber dieser
Hilferuf war noch wichtiger.
»Ich will es tun«, sagte er. »Gebt mir den Brief und sagt mir, wie
ich die Herberge finden kann.«
»Danke!« seufzte der Unbekannte. »Die Herberge heißt Yikarvara.
Kennt Ihr das Jagdhaus des Königs Dagonaut? Dahinter läuft ein Weg
in südwestlicher Richtung. Reitet auf diesem Weg, bis Ihr zu einer
offenen Lichtung im Wald kommt. Zwei Pfade führen von dort aus
weiter; schlagt den linken Pfad ein, und dann kommt Ihr direkt hin.
Was den Brief betrifft, so gelobt mir auf Eure Ritterehre, ihn zu
behüten wie Euer eigenes Leben und ihn niemand zu geben als dem
schwarzen Ritter mit dem weißen Schild.«
»Ich bin noch kein Ritter«, sagte Tiuri. »Aber wenn ich es wäre, so
würde ich es auf meine Ritterehre geloben.«
»Gut. Wenn jemand Euch den Brief rauben wollte, so müßtet Ihr
ihn vernichten, aber nicht, bevor es wirklich nötig ist. Verstanden?«
»Verstanden«, sagte Tiuri.
»Und merkt Euch gut: Wenn Ihr bei dem schwarzen Ritter mit dem
weißen Schild angekommen seid, so müßt Ihr ihn fragen: ›Warum ist
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Euer Schild weiß?‹ Dann wird er antworten: › Weil im Weißen alle
Farben sind.‹ Dann wird er Euch fragen: ›Woher kommt Ihr?‹ Ihr
müßt dann antworten: ›Ich komme von weit her.‹ Erst dann dürft Ihr
ihm den Brief aushändigen.«
»Das Losungswort«, murmelte Tiuri.
»Richtig, das Losungswort. Wißt Ihr jetzt genau, was Ihr tun
müßt?«
»Ja, Herr«, sagte Tiuri. »Gebt mir also den Brief!«
»Noch etwas!« sagte der Unbekannte. »Seid vorsichtig, beobachtet
gut, ob Ihr nicht verfolgt werdet. Hier ist der Brief, tragt Sorge dazu.«
Tiuri übernahm den Brief. Er war flach und nicht groß, und Tiuri
spürte, daß sich Siegel darauf befanden. Vorsichtig verbarg er ihn
unter dem Hemd auf der Brust.
»Könnt Ihr ihn nicht verlieren?« fragte der Unbekannte.
»Nein, hier ist er sicher aufgehoben«, erwiderte Tiuri.
Der Unbekannte ergriff Tiuris Hände und drückte sie.
»So geht«, sagte er. »Gott segne Euch!«
Dann ließ er Tiuris Hände los, wandte sich um und eilte weg. Bald
darauf war nichts mehr von ihm zu erkennen.
Tiuri wartete einen Augenblick. Er schaute zum schwach erhellten
Fenster der Kapelle, wo seine Freunde vor dem Altar wachten. Dann
machte er sich auf die Suche nach der Weide, wo ein Pferd
bereitstehen sollte.

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Ritt zur Herberge

Es war eine schöne Sommernacht. Am Himmel schimmerten viele


Sterne. Hinter der Kapelle fand Tiuri ein Pferd. Es war an einem Zaun
festgebunden und hatte weder Zügel noch Sattel. Zum Glück habe ich
früher ab und zu ein ungezäumtes Pferd geritten, dachte Tiuri,
während er den Strick zu lösen begann. Es war schade, daß er sein
Messer nicht bei sich hatte, denn der Strick war mit vielen Knoten
befestigt. Er hatte auch keine Waffe bei sich; die Waffen lagen ja in
der Kapelle. Das Pferd ließ ein leises Wiehern hören, das in der Stille
sehr laut zu hören war. Tiuri blickte sich um. Als die Augen an das
Dunkel gewöhnt waren, sah er nicht weit entfernt ein Gebäude –
wahrscheinlich war es der Bauernhof, zu dem das Weideland gehörte.
Endlich hatte er den Strick gelöst.
»Komm!« flüsterte er dem Pferde zu. »Vorwärts!«
Wieder wieherte das Tier. Ein Hund begann zu bellen, und einige
Augenblicke später gab es Licht im Bauernhaus. Tiuri bestieg das
Pferd und schnalzte mit der Zunge.
»Vorwärts!«
Langsam setzte sich das Tier in Bewegung.
»He!« rief plötzlich eine harte Stimme. »Wer ist dort?«
Tiuri dachte nicht daran zu antworten. Der Hund bellte laut und
wild, und aus dem Bauernhaus trat ein Mann mit einer Laterne in der
Hand.
»Dieb!« rief er. »Halt! Jan, Marten, kommt! Ein Schelm geht mit
meinem Pferd davon!«
Tiuri erschrak. Stehlen – dies war nicht seine Absicht! Aber er hatte
keine Zeit zu verlieren. Er beugte sich vornüber und trieb das Pferd
an, rascher zu laufen. Das Tier gehorchte und begann zu traben.
»Schneller!« flüsterte Tiuri erregt. »Schneller!«

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Hinter ihm lärmte es: Schreie, Rufe und wütendes Gebell. Das Pferd
erschrak, legte die Ohren nach hinten und lief schneller. Als Tiuri sich
nach einer Weile umschaute, lag der Bauernhof schon sehr weit weg,
und von Verfolgern war nichts zu merken. Trotzdem ritt Tiuri schnell
weiter. Er dachte, der Unbekannte hätte ihm erzählen müssen, daß das
Pferd einem andern gehörte. Der Brief mußte wohl sehr wichtig sein
und höchst geheim dazu. Er vergewisserte sich, ob er das kostbare
Dokument noch sicher bei sich trug. Ja, es befand sich noch an
derselben Stelle. Aufmerksam schaute er sich um, da er sich daran
erinnerte, daß der Unbekannte von Feinden gesprochen hatte. Aber er
sah niemand. Er blickte in Richtung Stadt und warf noch einen Blick
zur Kapelle, die klein und weiß auf dem Hügel schimmerte. Dann ritt
er auf den Wald zu. Der Wald war nicht weit von der Stadt von
Dagonaut entfernt. Er war sehr ausgedehnt, und es gab Stellen, wohin
noch nie ein Mensch den Fuß gesetzt hatte. Den Weg zum Jagdhaus
kannte Tiuri gut; er war dort oft im Gefolge des Königs auf der Jagd
gewesen. Im Wald war es viel dunkler, aber der Weg war breit, so daß
Tiuri weiterhin rasch reiten konnte. Er sah niemand, und doch hatte er
das Gefühl, daß der Wald von unsichtbaren Wesen bevölkert war, die
ihn beobachteten und belauerten und ihn anfallen wollten. Doch
erreichte er das Jagdhaus, ohne daß etwas geschehen wäre. Ohne
Mühe fand er den Weg, von dem der Unbekannte gesprochen hatte; er
war schmal und gewunden und zwang ihn, langsamer zu reiten.
Hoffentlich bin ich rechtzeitig zurück, dachte er. Wenn ich nicht
zurück wäre, wenn die Ritter des Königs uns abholen! Aber der
Unbekannte hat gesagt, ich kann die Herberge in drei Stunden
erreichen.
Er dachte an den schwarzen Ritter mit dem weißen Schild, dem er
den Brief bringen mußte. Noch nie hatte er von ihm gehört. Wer war
er? Woher kam er? König Dagonaut hatte keinen einzigen Ritter, der
eine solche Rüstung trug – also stand er wahrscheinlich im Dienste
des Königs Unauwen. Warum er hier war, so fern von seinem Lande,
war auch ein Rätsel. Tiuri erinnerte sich an Erzählungen von
Reisenden aus dem Süden, die Rittern von Unauwen begegnet waren.
Sie zogen manchmal auf dem großen Südweg dahin, um sich nach

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Evillan zu begeben, dem ungastlichen Land auf der andern Seite des
grauen Flusses. Einer von Unauwens Söhnen regierte dort.
Bald darauf gelangte er auf eine Fläche, wo kein einziger Baum
stand. Das mußte der Platz sein, den der Unbekannte genannt hatte.
Jetzt also den Weg links einschlagen! Er ritt über die Fläche, als er
plötzlich etwas hörte: Wiehern und Hufgetrappel! Er konnte einen
Teil des Waldes überblicken. Da sah er in der Ferne dunkle Gestalten
und das Glitzern von Waffen. Ein Reitertrupp zog rasch durch den
Wald. Tiuri zog sich unter die Bäume zurück und fragte sich, wer die
Reiter waren und was sie in dem Walde zu tun hatten, so mitten in der
Nacht. Nach einer Weile wagte er sich wieder hervor. Niemand war
mehr zu sehen oder zu hören; es schien, als hätte er geträumt. Er
grübelte aber nicht lange nach, sondern schlug den linken Pfad ein,
der von der Lichtung abwärts führte.
Inzwischen wurde es heller, und hier und da begannen Vögel zu
zwitschern. In dem grauen Augenblick unmittelbar vor Tagesanbruch
gelangte er auf eine zweite Lichtung. Dort stand ein kleines, hölzernes
Gebäude; es mußte die Herberge sein. Tiuri stieg vom Pferd und band
es an einem Baum fest. Dann eilte er der Herberge zu. Sie war still
und dunkel; alle Fenster und Türen waren geschlossen. Der Jüngling
ließ den Klopfer an die Haustür fallen; es gab einen harten,
dröhnenden Schlag, der sicher jedermann wecken mußte. Aber in der
Herberge entstand kein einziges Geräusch. Er rüttelte an der Tür, doch
sie war geschlossen. Ungeduldig ließ er den Klopfer nochmals
anschlagen. Nun öffnete sich ein Fenster im oberen Stockwerk. Ein
Mann mit einer Schlafmütze beugte sich heraus und fragte mit
schläfriger Stimme, was er wünsche.
»Ist das die Herberge Yikarvara?« fragte Tiuri.
»Ja, das ist sie«, antwortete der Mann unwirsch. »Müßt Ihr mich
deshalb wecken und vielleicht auch meine Gäste? Wir haben diese
Nacht nicht viel Ruhe!«
»Seid Ihr der Wirt?« fragte Tiuri. »Ich will einen Eurer Gäste
sprechen.«
»Mitten in der Nacht?« sagte der Mann böse. »Das geht nicht!
Kommt morgen wieder!«
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»Es ist wichtig!« sagte Tiuri in dringendem Ton. »Bitte… schließt
das Fenster nicht!«
Der Mann lehnte sich noch weiter heraus.
»Wer seid Ihr?« fragte er. »Und wen müßt Ihr sprechen?«
»Wer ich bin, tut nichts zur Sache«, flüsterte Tiuri. »Ich suche den
schwarzen Ritter mit dem weißen Schild.«
Der Wirt machte ein sonderbares Geräusch. Tiuri konnte nicht
herausfinden, ob es böse klang oder überrascht.
Jedenfalls sagte er: »Wartet, ich komme.« Der Kopf verschwand.
Kurz darauf hörte Tiuri das Knarren von Riegeln, die zur Seite
geschoben wurden.
Dann öffnete sich die Tür, und der Mann erschien auf der Schwelle.
Er war im Nachtgewand und trug eine brennende Kerze in der
Hand.
»So«, sagte er, während er Tiuri von oben bis unten betrachtete.
»Ich bin der Wirt von Yikarvara. Warum habt Ihr mich aus dem
Schlaf geholt?«
»Ich komme zum schwarzen Ritter mit dem weißen Schild«,
antwortete Tiuri. »Ich muß ihn sofort sprechen.«
»Das ist schon der zweite diese Nacht«, sagte der Wirt. »Aber
sofort, das geht nicht.«
»Ihr könnt ihn doch wecken!« sagte Tiuri.
»Das geht nicht«, sprach der Wirt noch einmal. »Der schwarze
Ritter mit dem weißen Schild ist nicht hier. Er ist früh in der Nacht
fortgegangen.«
Tiuri erschrak.
»Nein«, sagte er, »das kann nicht sein!«
»Warum kann es nicht sein?« fragte der Wirt ruhig.
»Wohin ist er gegangen?« fragte Tiuri hastig.
»Wenn ich das wüßte, so würde ich es Euch sagen«, antwortete der
Wirt. »Aber ich weiß es nicht.« Er schien Tiuris Schrecken zu
bemerken, denn er fügte hinzu: »Ich denke, daß er wohl

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zurückkommen wird, wenigstens wenn er ein so guter Ritter ist, wie er
aussieht. Ihr kommt zu ihm, nicht wahr – nicht von ihm?«
»Zu ihm«, sagte Tiuri.
»Was habt Ihr ihm zu melden?«
»Das kann ich Euch nicht sagen«, erwiderte Tiuri. »Aber es ist
dringend. Wißt Ihr, wann er zurückkommt?«
»Wenn ich's wüßte, würde ich's Euch sicher sagen«, antwortete der
Wirt. »Aber auch das weiß ich nicht. Gar nichts weiß ich von diesem
Ritter. Es ist eine merkwürdige Geschichte.«
Er kratzte sich den Kopf so fest, daß die Schlafmütze herunterfiel.
»Oh, aber Ihr müßt doch etwas wissen!« sagte Tiuri. »Wann ist er
fortgegangen und warum? Und in welche Richtung?«
»Das sind viele Fragen auf einmal«, sagte der Wirt.
Er bückte sich mühsam und hob die Schlafmütze auf.
»Kommt mit in die Wirtsstube«, sprach er dann. »Ich hab' die
feuchte Morgenkälte nicht gern; die ist nicht gut für meine steifen
Beine.«
In der Wirtsstube stellte er die Kerze auf den Tisch und setzte die
Schlafmütze wieder auf.
Tiuri, der ihm gefolgt war, fragte ungeduldig: »Wohin also ist der
schwarze Ritter gegangen?«
»Er kam gestern morgen«, sagte der Wirt. »Ein seltsamer Gast –
nicht daß ich daran zweifle, daß er ein tapferer Ritter ist, o nein, er hat
einen guten Eindruck auf mich gemacht. Er war ganz allein; nicht
einmal einen Schildknappen hatte er mit sich. Er trug eine
pechschwarze Rüstung. Nur der Schild, den er am Arm trug, war weiß
wie Schnee. Das schwarze Visier hatte er heruntergelassen. Er öffnete
es nicht, als er mich nach einer Kammer fragte, auch nicht, als er
hineinging. – Nun gut, er bekam natürlich eine Kammer. Später am
Tag brachte ich ihm das Essen. Ich dachte, ich könnte dann sein
Gesicht zu sehen bekommen. Aber es war nicht so, er hatte die
Rüstung zwar abgelegt und auch den Helm hatte er abgenommen,
doch jetzt trug er eine schwarze Seidenmaske, so daß ich nur die

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Augen sehen konnte. Merkwürdig, nicht? Er hat wohl ein Gelübde
abgelegt oder so etwas. Wißt Ihr etwas davon?«
»Wohin ist er gegangen?« fragte Tiuri nochmals.
Der Wirt schien ein wenig verärgert zu sein, aber er gab doch
Antwort.
»Das wollte ich gerade erzählen«, sagte er. »Um ein oder zwei Uhr
– ich lag im Bett – wurde plötzlich heftig an die Haustüre geklopft.
Ich blickte zum Fenster hinaus und sah dort noch einen schwarzen
Ritter stehen! ›Laßt mich ein!‹ rief er. ›Hält sich der schwarze Ritter
mit dem weißen Schild hier auf?‹ – ›Ja‹, sagte ich, ›aber es ist schon
spät…‹ – ›Öffnet die Tür!‹ rief er, ›oder ich schlage sie ein!‹ Ich eile
hinunter und mache die Tür auf. Der Ritter steht vor mir. Er steckt
auch in einer ganz schwarzen Rüstung, aber sein Schild ist rot wie
Blut. In barschem Ton fragt er: ›Wo ist der schwarze Ritter mit dem
weißen Schild?‹ – ›Er schläft‹, sage ich. ›So weckt ihn!‹ sagt er. ›Ich
muß ihn sprechen. Und ein bißchen flink, vorwärts!‹ Ich gebe zu, daß
ich erschrocken war, und ich beeilte mich zu gehorchen. Aber bevor
ich die Kammer des Gastes erreicht hatte, kam er bereits die Treppe
herab. Er war ganz angezogen und trug den schwarzen Harnisch und
den Helm mit heruntergelassenem Visier. So trat er in die Wirtsstube.
Der schwarze Ritter mit dem roten Schild ging ihm entgegen, und
dann blieben sie voreinander stehen. Der Ritter mit dem roten Schild
zog einen Handschuh aus und warf ihn dem anderen vor die Füße. Der
Ritter mit dem weißen Schild hob ihn auf und fragte: ›Wann?‹ –
›Jetzt‹, sagte der Ritter mit dem roten Schild.« Der Wirt schwieg, um
Atem zu schöpfen, und schloß: »Dann gingen sie nebeneinander aus
der Wirtsstube, ohne ein einziges Wort zu sagen, und ein paar
Minuten später ritten sie zusammen fort, in den Wald.«
»Um einen Zweikampf auszufechten«, sagte Tiuri.
»Ja, das denke ich auch«, sagte der Wirt. »Und bis jetzt ist keiner
von beiden zurückgekommen.«
»Also um zwei Uhr ritten sie weg?« fragte Tiuri. »Wie spät ist es
jetzt?«
»Etwa halb fünf, denke ich«, sagte der Wirt. »Es wird schon hell.«

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»In welche Richtung sind sie weggegangen?« fragte Tiuri.
Der Wirt ging mit ihm hinaus und zeigte es ihm.
»Aber ich weiß nicht, wohin sie reiten wollten«, fügte er hinzu.
»Ich versuche, ihren Spuren zu folgen«, sagte Tiuri hastig. »Ich
danke Euch.«
Bevor der Wirt noch etwas fragen konnte, war Tiuri zu seinem
Pferd gelaufen, aufgesprungen und davongeritten.

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Der schwarze Ritter mit dem weißen Schild

Im Osten war der Himmel rot und orange; die Sonne war am
Aufgehen. Die Vögel zwitscherten und pfiffen, kreischten und
trillerten fröhlich, wie wenn sie sich freuten über den schönen neuen
Tag. Tiuri freute sich nicht; er ärgerte sich, weil es schon so spät war
und er seinen Auftrag noch nicht einmal ausgeführt hatte. Wie konnte
er jetzt noch rechtzeitig in der Kapelle sein? Doch ritt er auf der Spur
weiter, die die beiden schwarzen Ritter hinterlassen hatten. Er hatte
nun einmal versprochen, den Brief zu überbringen, und dieses
Versprechen wollte er nicht brechen. Das hinderte ihn aber nicht
daran, in Gedanken fortwährend zu schimpfen: Er verwünschte den
schwarzen Ritter mit dem roten Schild, weil der den schwarzen Ritter
mit dem weißen Schild herausgefordert hatte, und er nahm es dem
Ritter mit dem weißen Schild übel, daß er die Herausforderung
angenommen hatte. Und er verwünschte beide zusammen, weil sie
keine deutlichen Spuren hinterlassen hatten, da sie nicht einem Pfade
gefolgt, sondern quer durch den Wald geritten waren.
Es ist sicher schon fünf Uhr, dachte er. Es ist schon ganz hell.
Wohin sind sie um Himmels willen gegangen? Er war auf eine
Lichtung geraten, und der sandige Boden war von Spuren völlig
zerwühlt und bedeckt! Welche waren nun von den beiden Rittern? Er
schaute sich aufmerksam um. Es schien, als wäre ein ganzer
Reitertrupp hier vorbeigekommen – vielleicht die Reiter, die Tiuri in
der Nacht gesehen hatte. Sie waren quer durch den Wald gestürmt und
hatten dabei viele Pflanzen zerdrückt und Äste gebrochen. Die Spur
der beiden Ritter konnte er aber nicht mehr finden. Schließlich folgte
er der Richtung, aus der die Reiter gekommen waren. Nach einer
Weile hörte er etwas – ein leises, unruhiges Gewieher. Einige
Augenblicke später sah er ein Pferd, das an einen Baum gebunden
war. Es war ein prächtiges, einfach gezäumtes schwarzes Tier. Es
blickte ihn mit traurigen, dunklen Augen an und wieherte wieder.

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Tiuri streichelte ihm über die Nase und flüsterte: »Wart geduldig;
ich will schauen, wo dein Herr ist. Er ist wohl in der Nähe, denke ich,
nicht?«
Er ritt ein wenig weiter und sah dann zwischen den Bäumen
hindurch etwas auf dem hellgrünen Gras liegen. Es war schwarz und
weiß und rot… Ihm stockte der Atem in der Kehle, aber trotzdem
sprang er rasch vom Pferd und eilte hin. Dort lag ein Mann in einem
schwarzen, beschädigten und eingedrückten Harnisch. Weiß war der
Schild, der neben ihm lag. Das Rote war Blut. Tiuri hatte den
schwarzen Ritter mit dem weißen Schild gefunden.
Tiuri kniete bei ihm nieder. Der Ritter war schwer verwundet, aber
er atmete noch. Er trug keinen Helm, doch war das Gesicht von einer
schwarzen Maske bedeckt. Tiuri starrte auf ihn nieder und zitterte an
allen Gliedern. Dann ermahnte er sich selbst: Er mußte etwas tun,
schauen, wie es mit dem Verwundeten stand, und ihn verbinden.
Da bewegte sich der Ritter und flüsterte: »Wer ist da?«
Tiuri beugte sich über ihn.
»Bleibt ruhig liegen, Herr«, sagte er. »Ich will Euch helfen. Wo
habt Ihr Schmerzen?«
Er sah, daß der Ritter ihn durch die Maske anblickte.
»Ich kenne Euch nicht«, sagte er mit schwacher Stimme, »aber ich
bin froh, daß jemand mich gefunden hat, bevor ich sterbe. Bekümmert
Euch nicht um meine Wunden; es gibt nichts mehr zu helfen.«
»Sagt das nicht«, bemerkte Tiuri, während er vorsichtig den
Harnisch zu lösen begann.
»Gebt Euch keine Mühe«, flüsterte der Ritter. »Ich weiß, daß ich
sterbe.«
Tiuri fürchtete, daß der Ritter recht hatte. Doch setzte er seine
Anstrengungen fort, die Leiden des Verwundeten zu erleichtern. Er riß
ein Stück seines eigenen Gewandes ab und verband ihn damit, so gut
er konnte.
»Danke«, flüsterte der Ritter bald darauf. »Wer seid Ihr, und wie
kommt Ihr hierher?«

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»Ich bin Tiuri«, antwortete der Jüngling. »Soll ich ein wenig
Wasser holen? Vielleicht wollt Ihr etwas trinken.«
»Nicht nötig«, sagte der Ritter. »Tiuri… den Namen kenne ich. Seid
Ihr verwandt mit Tiuri dem Tapferen?«
»Das ist mein Vater«, sagte Tiuri.
»Wie kommt Ihr hierher?« fragte der Ritter.
»Ich… ich kam zu Euch… es tut mir so leid, daß…«
»Zu mir kommt Ihr?« fiel ihm der Ritter ins Wort. »Kommt Ihr zu
mir? Gott sei Dank, dann ist es vielleicht nicht zu spät…« Er blickte
Tiuri mit Augen an, die hinter der schwarzen Maske glänzten, und
fragte: »Habt Ihr etwas für mich?«
»Ja, Herr«, sagte Tiuri. »Einen Brief.«
»Ich wußte, daß mein Schildknecht einen Boten findet«, seufzte der
Ritter.
»Wartet«, sagte er, als Tiuri den Brief hervorziehen wollte, »habt
Ihr mich nichts zu fragen?«
Da erinnerte sich Tiuri daran, daß er das Losungswort sagen mußte.
»Warum… warum ist Euer Schild weiß?« stotterte er.
»Weil im Weißen alle Farben sind«, antwortete der Ritter. Seine
Stimme klang viel kräftiger. Es war eine Stimme, die Tiuri großes
Vertrauen einflößte. Nun fragte er: »Woher kommt Ihr?«
»Ich komme von weither«, antwortete Tiuri.
»Zeigt mir jetzt den Brief«, befahl der Ritter, »aber schaut zuerst,
ob niemand uns beobachtet.«
Tiuri schaute sich um.
»Es ist niemand in der Nähe«, sagte er.
Er zog den Brief hervor und zeigte ihn dem Ritter.
»O Herr«, brach es dann aus ihm hervor, »wie leid tut es mir, daß
Ihr im Zweikampf geschlagen worden seid!«
»Zweikampf«, sagte der Verwundete, »es ist gar kein Zweikampf
gewesen! Mich hat noch nie jemand besiegt. Der schwarze Ritter mit

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dem roten Schild hat mich in einen Hinterhalt gelockt. Seine roten
Reiter haben mich überfallen und angegriffen.«
»Wie gemein!« rief Tiuri entsetzt.
»Aber sie haben nicht gefunden, was sie suchten«, erklärte der
Ritter. »Sie wollten nicht nur mich vernichten, sondern auch den
Brief, den Brief, den Ihr mir soeben gezeigt habt. Versteckt ihn wieder
gut – dann sage ich Euch, was Ihr damit tun müßt… Erzählt mir
zuerst, Tiuri, wie es kommt, daß Ihr mir den Brief bringt.«
Tiuri berichtete es ihm.
»Gut«, flüsterte der Ritter und schwieg eine kurze Zeit. »Schaut
nicht so besorgt!« meinte er dann freundlich.
Tiuri fühlte, daß der Ritter unter seiner Maske lächelte, und er
wünschte zu wissen, wie sein Gesicht aussah.
»Hört!« sprach der Ritter. »Ich muß mich kurz fassen, denn ich
habe nicht mehr viel Zeit… Dieser Brief ist für König Unauwen, und
er ist sehr wichtig. Da ich ihn nicht mehr überbringen kann, so müßt
Ihr es tun.«
»Ich?« flüsterte Tiuri.
»Ja, ich kenne sonst niemand, der es besser tun könnte. Ihr seid
dazu imstande; ich vertraue Euch. Ihr müßt Euch sogleich auf den
Weg machen; es darf keine Zeit mehr verlorengehen. Ihr müßt nach
Westen reiten, zuerst durch den Wald und dann den blauen Fluß
entlang, bis Ihr seine Quelle erreicht. Dort wohnt ein Einsiedler,
Menaures… Nehmt diesen Ring von meinem Finger; wenn Ihr ihn
dem Einsiedler zeigt, so weiß er, daß Ihr von mir geschickt seid. Dann
hilft er Euch, über die Berge zu kommen, denn das könnt Ihr nicht
allein. Auf der andern Seite der Berge ergibt sich der Weg von
selber.« Der Ritter hob eine Hand und sagte: »Hier, nehmt meinen
Ring… Ich weiß, daß ich viel von Euch verlange, aber Ihr seid in
diesem Augenblick der Richtige für diesen Auftrag.«
Tiuri zog den Ring vorsichtig vom Finger.
»Ich will es tun«, sagte er, »aber ich weiß nicht…«
»Ihr müßt es tun«, sprach der Ritter. »Aber ich will Euch nicht
verschweigen, daß es mühevoll sein wird. Ihr wißt schon, daß Feinde
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auf diesen Brief lauern; es werden Euch viele Gefahren drohen. Haltet
also Eure Sendung geheim; erzählt niemand etwas davon. Und gebt
den Brief nur dem König Unauwen!«
»Was… was steht darin?« fragte Tiuri, während er den Ring
langsam an seinen eigenen Finger schob.
»Das ist ein Geheimnis«, antwortete der Ritter. »Ihr dürft ihn nicht
öffnen. Nur, wenn Gefahr droht, daß Ihr ihn fortgeben müßt, so müßt
Ihr ihn lesen, so daß die Botschaft mündlich ausgerichtet werden
kann. Den Brief selber müßt Ihr dann natürlich vernichten. Dies aber
nur im Notfall.« Der Ritter schwieg und fragte dann mit viel
schwächerer Stimme: »Wollt Ihr den Brief bringen?«
»Ja, Herr«, antwortete Tiuri.
»Gelobt es mir auf Eure Ritterehre«, flüsterte der Ritter.
»Ich gelobe es auf meine Ritterehre«, sagte Tiuri. »Doch«, fügte er
bei, »bin ich noch kein Ritter.«
»Das werdet Ihr sein«, sagte der Ritter. »Nehmt mir jetzt die Maske
ab… Dem Tod muß man immer mit offenem Visier entgegentreten.«
Mit bebenden Händen tat Tiuri, was von ihm verlangt worden war.
Und als er das stille, edle Gesicht des schwarzen Ritters sah, war er so
betroffen, daß er dessen Hand ergriff und ihm schwor, den Brief
gewissenhaft zu besorgen.
»Und«, sagte er, »ich werde Euch an Euren Mördern rächen!«
»Das ist nicht Eure Aufgabe…« flüsterte der Ritter. »Ihr sollt nur
mein Bote sein.«
Er schloß die Augen. Die Finger bewegten sich noch in Tiuris Hand
und waren dann still. Tiuri blickte auf ihn und ließ die Hand sachte
los. Der Ritter war tot; dies wußte er, und er war tief betrübt, hatte er
den Ritter doch eben erst kennengelernt. Dann verbarg er sein Gesicht
in den Händen und betete um das Heil des Verstorbenen.

21
Die roten Reiter

Tiuri stand auf und schaute noch einmal auf das ruhige Antlitz des
schwarzen Ritters mit dem weißen Schild. Dann wandte er sich um
und eilte zu seinem Pferd. Nun mußte er den Auftrag erfüllen, den der
Ritter ihm gegeben hatte, und dem König Unauwen im Lande westlich
der Berge den Brief bringen. Tiuri blieb beim Pferd stehen und dachte
nach, wie er am besten vorgehen sollte. Nicht zurück in die Stadt von
Dagonaut; das würde zu viel Zeit kosten. Außerdem würde er dann
Auskunft geben müssen, und das wollte er nicht, denn sein Auftrag
mußte geheim bleiben. Doch mußte er einen Bericht in die Stadt
senden, an die Eltern, damit sie nicht unruhig wurden und ihn suchen
ließen. Auch mußte dafür gesorgt werden, daß der Ritter mit dem
weißen Schild ein gutes Begräbnis erhielt und daß bekannt wurde, wer
ihn ermordet hatte. Am besten, dachte er, reite ich zu der Herberge
zurück; die ist nicht weit von hier. Ich kann dem Wirt erzählen, daß
der Ritter mit dem weißen Schild tot ist, und ihn eine Botschaft in die
Stadt schicken lassen. Einen Augenblick später war er unterwegs, und
er fühlte sich viel älter und ernster als kurze Zeit zuvor.
Als er eine Weile geritten war, hörte er ein Krachen von Ästen, und
eine Strecke vor ihm erschien ein Mann zu Pferd, der ihm
entgegenkam. Er war wie zum Kampf ausgerüstet, mit Helm und
Panzerhemd, Lanze und Schwert. Sein Waffenrock, der Schild und die
Federn auf dem Helm waren rot wie Blut.
Einer der roten Reiter! dachte Tiuri.
Es fiel ihm ein, daß er gar keine Waffe bei sich trug. Trotzdem ritt
er ruhig weiter und versuchte dreinzuschauen, als ob nichts los wäre.
Der rote Reiter ging ein bißchen zur Seite, um ihn vorbeireiten zu
lassen. Tiuri ritt mit klopfendem Herzen auf ihn zu, aber bevor er an
ihm vorbeireiten konnte, sprach der Reiter ihn an: »He, Freund, was
tut Ihr so früh im Wald? Woher kommt Ihr und wohin geht Ihr?«
»Das ist meine Sache«, antwortete Tiuri kurz. »Guten Morgen.«
22
Er ritt weiter und erwartete jeden Augenblick, eine Waffe in seinem
Rücken zu spüren. Es geschah aber nichts. Er atmete auf, wagte sich
aber nicht umzudrehen oder den Gang des Pferdes zu beschleunigen.
Dann hörte er den Reiter hinter sich etwas rufen; er konnte nicht
verstehen, was es war. Nun blickte er sich doch um und sah, daß ein
zweiter roter Reiter hinzugekommen war. Beide schauten ihm nach.
Einer von ihnen ließ nochmals einen Ruf ertönen. Tiuri hörte, daß er
von jemand anderem weit weg eine Antwort bekam. Tiuri wurde
unruhig und ließ sein Pferd schneller laufen. Bald merkte er, daß die
roten Reiter ihm folgten! Er trieb sein müdes Pferd an, noch schneller
zu gehen; die Herberge konnte nicht mehr weit sein. Plötzlich kam
rechts von ihm noch ein roter Reiter zum Vorschein, der ihm in
barschem Ton befahl anzuhalten. Bevor Tiuri darauf antworten
konnte, erschien auf der andern Seite ein vierter Reiter, dem er kaum
entwischen konnte. Nun verlegte sich Tiuri wirklich auf die Flucht.
Und auf einmal schien der ganze Wald voller roter Reiter zu sein, die
es alle auf ihn abgesehen hatten. Sie jagten ihm nach und schrien ihm
zu, er solle anhalten. Natürlich tat Tiuri das nicht. Er ließ sein Pferd
abbiegen und stürmte in einen dicht bewachsenen Teil des Waldes im
verzweifelten Versuch, seinen Verfolgern zu entgehen.
Er wußte nicht, wie lange er davonjagte, hügelauf, hügelab, quer
durch allerlei Pflanzen und dornige Sträucher, mit dem Schreien und
Rufen hinter sich. Er wußte nur, daß er nicht ermordet werden wollte
wie der schwarze Ritter mit dem weißen Schild. Nach einer Weile
blickte er zurück und merkte, daß er einen Vorsprung gewonnen hatte.
Lange konnte er diesen aber nicht halten; das Pferd war müde, der
Wald schwer begehbar und die Verfolgerschar in der Übermacht.
Plötzlich kam ihm ein Gedanke: Er sprang vom Pferd, schlug es an
die Hinterbeine, so daß es weiterlief, eilte selber auf die andere Seite
des Weges und kletterte auf einen Baum so schnell er konnte. Dann
wartete er, gut versteckt im Laub, gespannt auf das, was geschehen
sollte.
Er sah ein paar Reiter unter dem Baum vorbeireiten. Sie erblickten
ihn nicht. Nach einiger Zeit hörte er sie in der Ferne wieder rufen; erst
dann durfte er sich bewegen, um es sich bequemer zu machen. Er

23
kletterte jedoch noch nicht hinab, denn er fürchtete, sie könnten
vielleicht zurückkehren. Eine Zeitlang blieb er auf dem Baume sitzen,
aber die roten Reiter zeigten sich nicht mehr. Der Wald sah wieder
friedlich und ruhig aus, und fast war es nicht zu glauben, daß in den
letzten Stunden so viel geschehen war. Tiuri schaute sich um und
holte dann vorsichtig den Brief hervor, um ihn nun einmal gut zu
betrachten. Viel Besonderes war ihm nicht anzusehen. Er war klein,
weiß und flach, und es stand nichts darauf geschrieben. Tiuri studierte
die drei Siegel, mit denen er verschlossen war. Auf allen drei stand ein
Krönchen, aber weiter gab es nichts zu sehen, was auf die Wichtigkeit
der Botschaft schließen ließ. Er versteckte den Brief wieder gut.
Plötzlich dachte er daran, daß es nun etwa sieben Uhr war. Er lehnte
sich an den Stamm und schloß die Augen. Vielleicht, dachte er, lassen
Dagonauts Ritter jetzt vor der Pforte der Kapelle ihre Hörner
erschallen. Vielleicht stehen Arman, Foldo, Wilmo und Jiusipu jetzt
auf und eilen zur Tür, um sie zu öffnen…
Tiuri sah die Ritter vor der Kapelle stehen, und er hörte sie sagen:
»Guten Morgen! König Dagonaut ruft Euch. Nehmt Eure Schwerter
und Schilde und folgt uns!«
Er versuchte sich vorzustellen, wie es weiterging, aber das glückte
ihm nicht. Nun erschien vor ihm das Bild des schwarzen Ritters mit
dem weißen Schild, und er hörte die Worte: »Ihr allein müßt mein
Bote sein.«
Er öffnete die Augen. Die Kapelle schien sehr weit zu sein und die
Nachtwache schon lange vorbei. Dort hatte er nun nichts mehr zu tun.
Er schaute nach unten, und weil er sich jetzt sicher fühlte, kletterte er
hinunter und begann vorsichtig durch den Wald zu gehen. Ständig
schaute er sich um.
Nach kurzer Zeit erlebte er eine Überraschung: er fand das Pferd,
das ruhig dastand und graste.
»Braves Tier«, sagte er, während er es bestieg. »Komm mit zur
Herberge; dort kannst du dir den Bauch voll essen.«
Dann erinnerte er sich daran, daß es nicht sein Pferd war. Stimmt ja!
dachte er erschrocken. Dieses Pferd muß zu seinem Eigentümer
zurück. Er ritt zur Herberge, ohne Weiteres erlebt zu haben.
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In der Wirtsstube fegte der Wirt den Boden. Er war jetzt angezogen,
trug aber die Schlafmütze noch auf dem Kopf. An einem der Tische in
der Nähe des offenen Fensters saßen zwei Männer und aßen. Als Tiuri
eintrat, schauten ihn alle ziemlich verwundert an.
»Lieber Himmel!« rief der Wirt. »Was habt Ihr getan?«
Plötzlich begriff Tiuri, daß er unordentlich aussah. Sein weißes
Kleid war von den Abenteuern, die er in der vergangenen Nacht erlebt
hatte, fleckig und zerrissen. Das Haarband hatte er verloren, so daß
ihm die Locken wild und struppig um den Kopf hingen, und überdies
war er mit Schrammen bedeckt, die er sich bei der Flucht vor den
roten Reitern zugezogen hatte.
»Habt Ihr den schwarzen Ritter gefunden?« fragte der Wirt.
»Ich habe ihn gefunden«, antwortete der Jüngling ernst.
Der Wirt betrachtete ihn von oben bis unten. Schließlich blieb sein
Blick an Tiuris linker Hand hängen, und der verwunderte Ausdruck
auf seinem Gesicht wurde argwöhnisch. Tiuri folgte dem Blick und
sah, was dem Wirt aufgefallen war. Der Ring, den er vom Ritter
erhalten hatte!
»Ist dieser Ring nicht…«, begann der Wirt.
»Der schwarze Ritter mit dem weißen Schild ist tot«, fiel ihm Tiuri
mit leiser Stimme ins Wort.
»Was sagt Ihr mir?« rief der Wirt entsetzt. »Tot? Hat der Ritter mit
dem roten Schild den Zweikampf gewonnen?«
»Es ist kein Zweikampf gewesen«, sagte Tiuri. »Der Ritter mit dem
weißen Schild ist ermordet…«
»Lieber Himmel!« rief der Wirt. »Ermordet!«
»Hört mich bitte an!« sagte Tiuri. »Ich habe nicht viel Zeit, und was
ich zu sagen habe, ist sehr wichtig.«
Die Männer am Tisch hatten aufgehört zu essen und schauten mit
offenem Mund auf ihn. Einer von ihnen stand auf und fragte: »Ist
etwas geschehen mit dem schwarzen Ritter, der gestern hier ankam?«

25
Bevor Tiuri etwas sagen konnte, flog die Tür zur Wirtsstube auf,
und eine harte Stimme rief: »Wem gehört das Pferd, das vor der
Herberge steht?«
Tiuri drehte sich um. Auf der Schwelle stand ein kräftiger Mann mit
einem erhitzten Gesicht, der mit bösen Augen von einem zum andern
blickte. Tiuri kannte ihn nicht, aber die Stimme kam ihm bekannt vor.
»Diesem jungen Mann hier«, sagte der Mann, der noch am Tische
saß. »Er ist auf einem Pferd gekommen.«
»Das stimmt«, sagte Tiuri. »Das ist mein Pferd… nein, es ist nicht
so…«
Er schwieg. Plötzlich wußte er, wer der Mann auf der Schwelle war;
er erkannte die Stimme… Der Eigentümer des Pferdes!
Der Mann trat auf ihn zu und tobte: »Nein, das ist bestimmt nicht
wahr! Mein Pferd ist es! Und Ihr seid der Dieb, der es diese Nacht
gestohlen hat!«
»Herr«, sagte Tiuri, »ich habe es nicht gestohlen! Ich habe es nur
entlehnt! Nehmt es mir nicht übel; ich war…«
Aber der Mann war zu böse, um ihm zuhören zu können. Er packte
Tiuri rauh am Arm und rief: »Euch hab' ich, Dieb!« Er wandte sich an
die andern und sagte: »Die halbe Nacht bin ich der Spur gefolgt, aber
dann gab ich's auf. Dann kam ich zur Herberge und schaue: da sehe
ich mein Pferd und den Dieb damit!«
Tiuri riß sich los.
»Ich bin kein Dieb!« rief er. »Ich hatte die Absicht, Euch Euer
Eigentum ehrlich zurückzugeben. Hört mir zu; dann will ich alles
erklären!«
»Schöne Sprüche!« schimpfte der Mann. »Davon glaube ich
nichts!«
»Herr…«, begann Tiuri.
»Ich bin kein Herr«, fiel ihm der Mann ins Wort. »Ich halte nichts
von dem Zeug, das Ihr verkaufen wollt! Ihr seid auch einer der
Jungen, die viel zu reden haben, aber zu nichts taugen!«
»Laßt es mich erklären!« rief Tiuri.
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»Tut das dann vor dem Richter«, sagte der Mann. »Ihr kommt mit
mir in die Stadt.«
In die Stadt? Das wollte Tiuri nicht! Das wäre Zeitverlust.
Außerdem begann er zu begreifen, daß er nichts erklären konnte. Er
mußte über seinen Auftrag schweigen und folglich auch über die
Ereignisse, die dazu geführt hatten.
Er tat einen Schritt zurück und sagte: »Ich komme nicht mit in die
Stadt! Ich bin kein Dieb; das versichere ich Euch auf mein
Ehrenwort!«
»Noch schöner!« rief der Mann. »Ehrenwort! Wie dürft Ihr das
sagen, ein Taugenichts wie Ihr!«
»Wie wagt Ihr es, mich einen Taugenichts zu nennen!« rief Tiuri.
Er war zornig, weil jemand ihn so nannte, ihn, der, wenn nichts
geschehen wäre, jetzt ein Ritter wäre, der von jedermann ehrerbietig
behandelt würde. Ein Taugenichts, er, der zu einem wichtigen Auftrag
auserkoren war!
»Ich verstehe nichts davon!« rief der Wirt. »Hat er Euer Pferd
gestohlen? Er kam in der Nacht zur Unzeit hierher, und vorhin hat er
mir erzählt, der Ritter mit dem weißen Schild sei ermordet worden. Er
trägt seinen Ring am Finger. Was bedeutet das alles?«
»Ich will alles erklären«, sagte Tiuri zum drittenmal, »aber Ihr gebt
mir ja keine Gelegenheit dazu.« Er sprach ruhig, aber innerlich war er
sehr unruhig. Die Gesichter der vier andern waren so drohend! »Ich
nahm Euer Pferd«, fuhr er fort, »weil ich eine Botschaft ausrichten
mußte, die dringend war…«
»Unsinn!« sagte der Eigentümer des Pferdes. »Dann hättet Ihr mich
doch bitten können, es Euch zu leihen! So viel Zeit kostet das nicht.
Und haltet jetzt den Mund und kommt mit! Ich hab' genug von dem
Geschwätz!«
»Nein, wartet noch!« rief der Wirt. »Er hat mir noch etwas zu
erklären! Wie ist das mit dem schwarzen Ritter mit dem weißen
Schild?«

27
»Der Ritter mit dem weißen Schild ist tot«, sagte Tiuri, »und ich
ersuche Euch, dafür zu sorgen, daß er ein Begräbnis bekommt, wie es
einem edlen Ritter gebührt. Ihr findet ihn nicht weit von hier…«
Er berichtete, wo es war.
»Wer hat ihn getötet?« fragte der Wirt.
»Die roten Reiter«, antwortete Tiuri. »Es war eine Falle.«
»Rote Reiter!« rief der Mann, der noch am Tische saß. »Die habe
ich gesehen. Sie ritten am Morgen früh vorbei, als ich…«
»Was kümmert Euch das?« rief der Eigentümer des Pferdes. »Er ist
ein Dieb, und ich will ihn strafen.«
»Es geht hier um einen Mord!« betonte der Wirt.
»Das kann er auch dem Richter erzählen«, sagte der Pferdebesitzer,
während er Tiuri aufs neue festhielt. »Es ist auf jeden Fall sicher, daß
dieser junge Mann nicht entwischen darf.«
»Der schwarze Ritter…«, sagte der Wirt.
Aber Tiuri wartete nicht ab, ob sie noch mehr zu sagen hatten. Er
riß sich los und lief aus der Wirtsstube. Sie sollten nur denken, er sei
ein Dieb; er ließ sich nicht in die Stadt bringen! Die vier Männer
folgten ihm unter lautem Geschrei. Tiuri eilte in den Wald. Bald hatte
er einen Vorsprung, doch fühlte er, daß es so nicht lange dauern
konnte. Das Herz klopfte ihm im Hals, und er sah schwarze Flecken
vor den Augen. Er verlangsamte den Lauf und blickte rückwärts.
Dann sammelte er alle Kräfte und kletterte zum zweitenmal auf
einen Baum. Auch diesmal glückte die List; bald darauf liefen die
Verfolger unter ihm vorüber, ohne ihn zu bemerken. Ein drittes Mal
kann ich das nicht tun, dachte er, als er ein wenig zu Atem gekommen
war. Man sagt, dreimal die gleiche List brauchen heiße den Teufel
versuchen!
Er war todmüde. Zum Glück konnte er jetzt ausruhen, denn er
mußte doch warten, bis die Gegend sicher war. Nach einer Weile sah
er den Wirt und den Eigentümer des Pferdes zurückkommen. Sie
sprachen leise miteinander und machten lange Gesichter. Der Wirt
hatte seine Schlafmütze verloren; fast mußte Tiuri deswegen lachen,
so ernst seine Lage auch war.
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Ja, es sah für ihn nicht schön aus! Er mußte in ein fernes Land
reisen, um einen wichtigen Brief zu bringen, und er hatte nichts bei
sich als die Kleider, die er trug: ein unordentliches Gewand. Er hatte
keine Waffen, kein Geld und kein Pferd. Man hielt ihn für einen Dieb.
Dazu hatte er noch gefährliche Feinde: die roten Reiter und den
schwarzen Ritter mit dem roten Schild, ihren Anführer.
Tiuri seufzte. Die Aufgabe, die vor ihm lag, war nicht leicht. Und
jetzt habe ich nicht einmal einen Bericht in die Stadt schicken können,
dachte er. Das muß doch noch geschehen, so oder anders. Der
Eigentümer des Pferdes ging ganz sicher zum Richter. Ob sie dann in
der Stadt begriffen, daß der sogenannte Dieb derselbe war wie der
Jüngling, der in der Nacht, bevor er zum Ritter geschlagen werden
sollte, aus der Kapelle verschwunden war? Vater, Mutter und die
Freunde werden nicht glauben, daß ich ein Dieb bin, dachte er, und
der König auch nicht, nehme ich an. Aber sie werden wohl besorgt
sein. Wieder seufzte er. So, dachte er weiter, du darfst nur an eines
denken; du mußt den Brief bringen. Das hast du dem Ritter
versprochen.
Er blickte auf den Ring am Finger. Es war ein schöner Ring mit
einem großen Stein darin; es schien ein Diamant zu sein. Vielleicht
war es nicht vernünftig, ihn einfach so an der Hand zu tragen – im
Gegenteil, es war sogar sehr dumm. Er löste die Schnur, mit der sein
Gewand am Hals geschlossen wurde, und band den Ring fest an. Dann
hängte er ihn um den Hals, unter das Hemd, so daß ihn niemand sehen
konnte.
Und jetzt mußte er sich aufmachen; er glaubte, es sei drunten ruhig.
Vielleicht kam er auf die eine oder andere Art zu Waffen und zu
einem Pferd. Ach, Dummkopf, der ich bin! dachte er dann. Da ist
doch noch das Pferd des Ritters; das kann ich doch nehmen! Er ließ
sich hinabgleiten. Nun wußte er, was zu tun war. Zuerst das Pferd
holen und dann auf den Weg!

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Unterwegs auf dem schwarzen Pferd

Vorsichtig ging Tiuri durch den Wald dort hin, wo er den


schwarzen Ritter mit dem weißen Schild gefunden hatte. Nach kurzer
Zeit hörte er jemand ein Liedchen pfeifen, nicht weit von ihm entfernt.
Er verbarg sich schnell im Gebüsch, und da sah er einen Jüngling
seines eigenen Alters, der damit beschäftigt war, Äste zu bündeln.
Er pfiff fröhlich und sah Tiuri nicht. Dieser beobachtete ihn eine
Zeitlang. Soll ich mich zeigen oder nicht? dachte er. Dann entschloß
er sich, verließ sein Versteck im Gebüsch und sagte: »Guten
Morgen!«
Der Junge erschrak, hörte auf zu pfeifen und blickte ihn mit
offenem Munde an.
»Guten Morgen«, sagte Tiuri nochmals. »Willst du etwas für mich
tun?«
Der andere starrte ihn weiter an. Schließlich rief er: »Du mußt der
Junge sein, den sie suchen, der Pferdedieb!«
»Ssst!« flüsterte Tiuri. »Schrei nicht so!«
Der Junge tat einen Schritt rückwärts und warf einen Blick auf das
Beil, das neben ihm auf dem Boden lag.
»Du brauchst keine Angst vor mir zu haben«, sagte Tiuri. »Ich habe
mehr Grund, dich zu fürchten, denn ich habe keine einzige Waffe bei
mir… Ja, ich bin der, der gesucht wird, aber ich bin kein Dieb; das
versichere ich dir auf mein Ehrenwort.«
»Was tust du denn hier«, fragte der Junge, »und was willst du von
mir?«
»Ich bitte um deine Hilfe«, antwortete Tiuri. »Willst du für mich in
die Stadt gehen und jemand eine Botschaft von mir bringen?«
»Eine Botschaft bringen?« meinte der Junge. »Warum? Warum soll
ich dir helfen?«

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»Ich frage ja nur«, sagte Tiuri. »Wenn du nicht willst, so kann ich
dich nicht zwingen. Aber ich wäre dir sehr dankbar, wenn du es tätest.
Sicher, ich bin kein Dieb!«
»Hm«, sagte der Junge, indem er die Augenbrauen zusammenzog.
»Was soll ich denn tun? Nicht, daß ich sicher bin, ob ich es tue. Ich
weiß es selber noch gar nicht.«
»Geh in die Stadt von Dagonaut und zum Ritter Tiuri dem Tapferen
und sag ihm, mit seinem Sohn sei alles in Ordnung, aber er könne
vorläufig nicht zurückkommen. Sag ihm, sein Sohn sei gesund, und
sag ihm auch, er solle ihn nicht suchen.«
»Kannst du das nicht selber tun?« fragte der Junge. »Die Stadt ist
ziemlich weit weg, und ich habe einen Haufen Arbeit, die getan sein
muß.«
»Ich kann nicht selber gehen«, erwiderte Tiuri. »Ich werde verfolgt,
das weißt du doch! Bitte, tu es und geh sogleich!«
»Ritter Tiuri der Tapfere? Was soll ich einem so mächtigen Herrn
sagen? Er wird mir nicht einmal zuhören!«
»Er wird dich bestimmt anhören, denn du bringst ihm ja eine
Botschaft von seinem Sohn. Du kannst auch nach meiner… nach
seiner Frau fragen und ihr sagen… Wart, hast du vielleicht eine
Schnur für mich?« fiel Tiuri sich selber ins Wort.
»Jawohl«, sagte der Junge und gab ihm ein Stück Schnur.
Tiuri legte seinen Gürtel ab und band an seiner Stelle die Schnur um
die Hüften. Den Gürtel reichte er dem Jungen. Es war ein sehr schöner
Gürtel; Tiuris Mutter hatte ihn gestickt, und der Vater hatte die
goldene Schnalle beim besten Goldschmied der Stadt gekauft.
»Schau«, sagte Tiuri, »gib das dem Ritter Tiuri oder seiner Frau;
dann wissen sie, daß ich dich geschickt habe. Und die Schnalle kannst
du als Lohn behalten.«
Zögernd nahm der Junge den Gürtel an. »Was soll ich denn sagen?«
fragte er.
Tiuri wiederholte die Botschaft. »Vergiß es nicht«, fügte er bei.
»Und geh sogleich! Noch eine Bitte: Erzähl niemand, daß du mir
begegnet bist.«
31
»Außer dem Ritter Tiuri«, sagte der Junge mit einem Lächeln.
»Du tust es also?« fragte Tiuri.
»Ja«, sagte der Junge, während er den Gürtel vorsichtig
zusammenrollte.
»Versprich mir, daß du es nicht vergißt.«
»Wenn ich ein Ritter wäre«, sagte der Junge und lachte wieder, »so
würde ich es auf meine Ritterehre geloben.«
»Ich danke dir«, sprach Tiuri ernst.
Der Junge blickte ihn durchdringend an.
»Ich mache mich sogleich auf den Weg«, bemerkte er, »und ich
sage nicht, daß ich dich gesehen habe. Ich glaube nicht, daß du ein
Dieb bist, obschon ich nicht gut begreife, was los ist.«
»Ich danke dir«, sagte Tiuri nochmals.
Der Junge grinste ihm ein bißchen verlegen zu, drehte sich um und
lief weg.
Das ist in Ordnung, dachte Tiuri, als er weiterlief. Der Junge hielt
sein Versprechen bestimmt; dessen war Tiuri sicher. Nun konnte er
sich ganz seiner Aufgabe widmen.
Nach kurzer Zeit war er wieder auf der Lichtung, wo der Boden von
Pferdehufen zerstampft war. Er schlich zu der Stelle, wo der schwarze
Ritter lag. Als er ganz nahe war, hörte er Stimmen. Ob die Leute aus
der Herberge schon dort waren? Er glaubte die Stimme des Wirtes zu
erkennen, doch konnte er nicht mehr verstehen als »oh!« und »ach!«
und »Mord!«. Er erreichte das schwarze Pferd, das noch immer an
einen Baum gebunden war. Im Nu hatte er es gelöst und war
aufgestiegen. Zuerst blieb das Tier ruhig stehen, aber sobald Tiuri ihm
auf dem Rücken saß, begann es zu steigen.
»Ruhig!« flüsterte der Jüngling. »Sei gehorsam! Ich habe einen
Auftrag von deinem Herrn!«
Das Pferd warf den Kopf nach hinten und wieherte. Tiuri hatte
Mühe, es zu meistern, aber es glückte ihm doch.
Er hörte rufen: »Dort ist jemand!«

32
Er drückte die Fersen in die Seiten des Pferdes, gab ihm einen
Klaps an den Hals und zischte: »Vorwärts!«
Das Pferd gehorchte und stob davon. Es galoppierte quer durch den
Wald, sprang über Sträucher, stieß Blätter zur Seite und brach Zweige.
Tiuri mußte sich festhalten. Er dachte, er höre einen Mann rufen, aber
das konnte auch Einbildung sein. Bald hatte er die Unglücksstelle
hinter sich gelassen.
Das Pferd war schön und schnell, ein Pferd, das des schwarzen
Ritters würdig war. Ob es spürte, daß es dem letzten Wunsch seines
Herrn gehorchte, indem es Tiuri so schnell wie möglich nach Westen
trug, nach dem Lande des Königs Unauwen? Tiuri ließ das Pferd
traben, bis sie auf einen breiten Weg gelangten. Dort hielt Tiuri an,
um sich einmal richtig umzuschauen und die genaue Richtung
herauszufinden. Er hatte Glück; nach dem Stand der Sonne konnte er
sehen, daß sich der Weg ungefähr in der Ost-West-Richtung
erstreckte. Das mußte der erste große Weg sein. Tiuri blickte nach
beiden Seiten des Weges. Es war niemand zu sehen. Es kann nichts
schaden, dachte er, wenn ich eine Strecke weit auf dem Wege reite,
das geht rascher und bequemer als durch den Wald.
Das Pferd lief flink und schien unermüdlich zu sein. Aber Tiuri
merkte zu seinem Ärger, daß er kaum aufrecht im Sattel sitzen bleiben
konnte. Das Geräusch der Hufe dröhnte ihm im Kopf, und manchmal
lag ein Schleier vor seinen Augen, so daß er alles wie durch einen
Nebel sah. Schließlich wurde ihm so übel, daß er fürchtete, vom Pferd
zu fallen. Er zog die Zügel an, schwenkte nach links ab und ritt ein
wenig in den Wald. Dort hielt er das Pferd an, ließ sich hinabgleiten
und sank auf den Boden. Tiuri legte sich bäuchlings mit dem Gesicht
ins kühle Gras. Nach einer Weile fühlte er sich besser. Jetzt merkte er,
daß er Hunger und Durst hatte! Seit dem Morgen des Vortages hatte er
nichts mehr gegessen und getrunken, und er begriff, daß dies die
Ursache seiner Schwäche war. Er setzte sich und schaute sich um. Er
mußte etwas essen, um neue Kraft zu gewinnen, aber wo sollte er
etwas finden? Vielleicht konnte er einige Früchte sammeln. Er schaute
zum Pferd, das ruhig neben ihm stand und graste. Sein Blick fiel auf
die Satteltasche… vielleicht gab es etwas Eßbares darin? Er stand auf

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und öffnete sie. Das Pferd hob den Kopf, ließ Tiuri aber gewähren.
Viel enthielt die Satteltasche nicht: zwei Stück altbackenes Brot, ein
in Leder gewickeltes Päckchen und einen Striegel. Das Brot freute
Tiuri sehr, und gleich nahm er einen Bissen davon. Das Pferd schaute
ihn an, als ob es auch ein Stückchen erwartete.
»Das Brot war sicher für dich bestimmt«, sagte Tiuri, »aber du
hältst es doch für richtig, wenn ich es esse. Du kannst Gras fressen,
ich nicht.«
Das Pferd blickte ihn mit verstehenden Augen an; wenigstens
meinte es Tiuri. Er aß noch einen kleinen Bissen und merkte dann, daß
der Durst noch größer war als der Hunger.
Er ergriff das Pferd am Zügel und sagte: »Komm, wir müssen
Wasser suchen – eine Quelle oder ein Bächlein.«
Eine Weile schritt er durch den Wald, das Pferd hinter sich, aber
nach einiger Zeit war es umgekehrt: Da schleppte sich Tiuri hinterher,
während das Pferd ihn führte. So kamen sie zu einem schmalen
Bächlein, das zwischen hohen Farnen sprudelte. Tiuri legte sich ans
Wasser und trank.
Dann richtete er sich auf und sprach zum Pferd: »Du bist ein
Wunder! Du bist so ein Pferd, wie es die großen Ritter hatten, von
denen die Spielleute singen; ein Pferd, das alles begreift und genauso
klug ist wie ein Mensch. Du hast mich zum Wasser gebracht, und ich
danke dir sehr.«
Er nahm das Brot wieder aus der Tasche und aß noch ein Stück
davon. Er gab aber auch dem Pferd etwas davon. Das restliche Brot
brach er in zwei Teile und legte diese in die Tasche zurück. Eines für
heute abend und eines für morgen früh, dachte er. Nachher muß ich
selber fürs Essen sorgen. Nun öffnete er vorsichtig das in Leder
gewickelte Päckchen. Es lagen drei Feuersteinchen darin. Die können
mir noch gelegen kommen, dachte er, während er sie wieder einpackte
und in die Tasche zurücklegte.
»Und den Striegel brauche ich dann auch«, sagte er zum Pferd. »Ich
weiß nicht, wie du heißt, aber ich nenne dich treue Hilfe, und
schwarzer Träger, und guter Kamerad. Ich bin froh darüber, daß du

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mich als Reiter haben willst, und ich will versuchen, deines früheren
Herrn würdig zu sein.«
Er dachte an den Weg, der vor ihm lag: durch den Wald, den blauen
Fluß entlang und über die Berge im Westen. Er mußte bald
weiterziehen. Aber nicht auf dem Großen Weg; da würde er zu sehr
auffallen. Er mußte im Wald bleiben, den Weg entlang reiten und
darauf achten, daß er die westliche Richtung einhielt. Einige Zeit
später war er wieder erfrischt und setzte die Reise fort. Das Wasser
und das Brot hatten gutgetan, wenn er auch immer noch hungrig war.
Eine Zeitlang zog er den Weg entlang, manchmal reitend, manchmal
gehend, je nach der Beschaffenheit des Geländes. Am Mittag gelangte
er zu einem Wildapfelbaum. Die meisten Äpfel waren leider nicht reif.
Er aß einen, und drei steckte er in die Satteltasche, obwohl sie hart
und sauer waren. Als die Sonne nahe über den Bäumen im Westen
stand, ging er weiter vom Weg ab, um für die Nacht einen Schlafplatz
zu suchen. Auf einem kleinen, mit Gras bewachsenen Platz band er
das Pferd an einen Baum, nahm Sattel und Zaumzeug ab und rieb das
Tier mit einem Stück seines zerschlissenen Kleides ab. Dann aß er die
Hälfte des Brotes und einen Apfel. Es wurde kühl. Er nahm die
Decke, die unter dem Sattel gelegen hatte, legte sich und wickelte sich
darein.
Er blickte zum Pferd und murmelte: »Gute Nacht. Weck mich,
wenn es Unrat gibt.«
Dann schloß er die Augen und fiel, müde von allen Anstrengungen
und Aufregungen, sogleich in Schlaf.
Als Tiuri wieder erwachte, war es hell, und aus den Bäumen klang
lautes Vogelgezwitscher. Er gähnte und streckte sich. Er war müde
und steif, und die Haare waren naß vom Tau. Das schwarze Pferd sah
frisch aus und schaute ihn mit wachen Augen an. Bald saß Tiuri
wieder im Sattel, gestärkt von seinem kargen Frühstück, das letzte
Stück Brot und ein Apfel. Er kam zum Großen Weg, der verlassen
aussah. Noch war es früh am Morgen, wahrscheinlich nicht viel später
als sieben Uhr. Doch begab er sich nicht auf den Weg, sondern ritt,
wie am Tag vorher, daneben hin. Er kam ziemlich schnell vorwärts,

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weil die Bäume hier weit auseinander standen und es nur wenig
Unterholz gab.
Eine Zeitlang ritt er dahin, ohne jemandem zu begegnen oder etwas
Besonderes zu sehen. Seine Müdigkeit verschwand, und er fühlte sich
froh und kräftig. Die Sonne schien durch die Bäume und malte
goldene Lichtkleckse auf die Blätter. Die Reise nach dem Reich von
Unauwen schien nicht mehr so weit und so gefährlich zu sein. Er kam
zu einigen Sträuchern, an denen rote Beeren wuchsen, und stieg ab,
um soviel wie möglich davon zu pflücken. Während er damit
beschäftigt war, traf ein bekanntes Geräusch seine Ohren: Geklapper
von Pferdehufen! Er duckte sich hinter die Sträucher und spähte
hindurch. Kurz darauf sah er sie daherreiten, und seine ganze
Munterkeit verging. Zwei rote Reiter! Sie ritten in westlicher Richtung
schnell vorüber und blickten weder nach links noch nach rechts. Er
blieb unbeweglich sitzen, bis das Geräusch der Hufe erstarb. Dann
stand er leise auf, schlich zum Weg und blickte nach beiden Seiten.
Niemand war mehr zu sehen, aber die Gefahr war ganz nahe gewesen.
Zum Glück war er nicht auf dem Weg geritten!
Er stieg wieder auf das Pferd und dachte: Ich muß noch weiter vom
Weg abgehen. Die beiden haben nicht aufgepaßt, aber wenn sie
geschaut hätten, so hätten sie mich oder wenigstens meine Spuren
gesehen. Ich muß noch weiter nach Süden ausweichen und quer durch
den Wald reiten. Er führte sein Vorhaben sogleich aus, obwohl er bald
merkte, daß es nicht bequem war, so die westliche Richtung zu
behalten.
Plötzlich rief eine Stimme hinter ihm: »He, schönes Pferd und
schöner Reiter! Wohin so eilig? Nicht geradeaus, nur diesen Weg
dürft Ihr einschlagen!«
Erschrocken drehte Tiuri sich um und sah eine wunderliche Gestalt
mit struppigen, dunklen Haaren und einem kurzen, krausen Bart auf
dem Weg stehen.
»Warum sagt Ihr nicht guten Tag, Fremdling auf dem schönen,
schwarzen Pferd? Euer Pferd hat mich bereits gegrüßt. Aber Ihr? Ich
bin der Narr von der Waldhütte, so könnt Ihr mich nennen. Alle
nennen mich so, nur meine Mutter ruft mich Marius.«
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»Oh, guten Tag«, antwortete Tiuri und zog die Zügel an.
»Reitet nicht fort!« rief der bärtige Mann. »Kommt mit in meine
Hütte und redet mit mir!«
Tiuri schaute dem Narren in die runden, hellblauen Augen und
dachte, daß dieser merkwürdige Mann gar nicht so gefährlich aussah.
Aber er hatte keine Zeit.
»Bester Marius«, antwortete Tiuri deshalb freundlich, »ich kann
leider nicht bei Euch bleiben, denn ich habe es sehr eilig und muß
weiter!«
»Wohin so eilig?« fragte Marius zurück. »Ihr könnt mich ruhig Narr
nennen, aber Ihr müßt mit in meine Hütte kommen und viel erzählen.
Ich habe es nie eilig und die Bäume auch nicht. Also kommt!«
»Ein andermal«, antwortete Tiuri.
»Wohin, wohin?«
»Weit weg«, antwortete Tiuri nun ungeduldig.
»Weit weg, der Sonne nach?« wollte Marius wissen.
»Ja, der Sonne nach«, sagte Tiuri mit gedämpfter Stimme.
Er wurde ärgerlich, weil der Narr so laut redete.
»Oh, es ist niemand hier, der uns hören könnte«, lächelte der Narr.
»Aber warum bleibt Ihr nicht bei mir? Niemand bleibt bei mir, um mir
etwas zu erzählen von dort, wo die Sonne auf- und untergeht!«
Tiuri bekam ein wenig Mitleid mit dem komischen Kauz.
»Wenn ich zurückkomme, bleibe ich in Eurer Hütte und sage Euch,
wie das ist, dort, wo die Sonne auf- und untergeht. Heute habe ich
keine Zeit!«
»Sst«, machte der Narr plötzlich, »etwas schleicht und hüpft und
Schlangen zischen…«
»Ich muß weiter«, sagte Tiuri hastig, »habt Ihr etwas gesehen?«
»Es ist noch nicht da!« Der Narr runzelte die Stirn. »Ihr seid ein
merkwürdiger junger Mann. Wer sucht Euch, Fremder?«
»Ich habe keine Zeit mehr«, antwortete Tiuri, »habt vielen Dank.«

37
»Ihr wollt der Sonne nach – seid Ihr jemand mit einem Geheimnis,
fremder Reisender?«
»Warum denkt Ihr das?«
»Ich denke nicht, sagen die Leute, darum bin ich ein Narr. Aber ich
weiß, was viele nicht wissen… Habt Ihr denn keinen Hunger?«
Tiuri knurrte der Magen, und der Narr schmunzelte.
»Reitet nur voran, ich gehe zur Mutter und hole Euch zu essen!«
»Aber Ihr dürft niemandem sagen, daß Ihr mich gesehen habt«,
sagte Tiuri und schaute dem Narren streng ins Gesicht.
»O nein, ich sage kein Wort!«
»Wirklich nicht?«
»Wirklich nicht! Ich tue immer, was ich sage!« Der Narr runzelte
beleidigt die Stirn. »Kommt Ihr bei Eurem Rückweg auch zu mir und
erzählt mir von Eurer Reise?«
»Ja«, Tiuri lächelte, »ich tue auch immer, was ich sage.«
»Reitet nur voran«, rief der Narr, »ich hole Euch ein und bringe
Eßbares mit.«
Damit verschwand er zwischen zwei Büschen.
Tiuri ritt weiter und fragte sich, wie der komische Mann ihn wohl
zu Fuß einholen konnte. Aber schon nach zwei Wegbiegungen hörte
er Schritte, und als er sich umschaute, erblickte er den Narren. Zwei
große Stücke braunes Brot hielt er in den Händen, einen halben
Speckpfannkuchen und ein Stück Käse.
»Alles für Euch«, sagte er stolz und hielt Tiuri seine Schätze hin.
»Eßt nun, Fremder mit dem Geheimnis!«
Tiuri sprang vom Pferd, dankte dem Narren und begann sogleich,
hungrig zu essen. Dem Narren bot er auch davon an, aber dieser
wollte nur ein Stückchen Käse annehmen.
»Darf ich den Rest mitnehmen?« fragte Tiuri, nachdem er satt war.
»Natürlich«, antwortete Marius schnell. »Ihr müßt noch weit, da ist
das nicht viel Proviant. Aber unterwegs werdet Ihr Pflanzen mit
Faserblättern finden, die haben gute Wurzeln, sehr gute! Und viele
blaue Beeren, süße und saure.«
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»Habt Dank, Marius«, sagte Tiuri herzlich und reichte dem Narren
die Hand, »jetzt muß ich aber wirklich fort!«
»Reitet nur immer geradeaus, Fremdling mit dem schönen,
schwarzen Pferd. Ich werde Euer Geheimnis niemandem erzählen,
und Ihr kommt zurück und erzählt mir dann von Eurer Reise. Und
trinkt nicht aus dem dunklen Sumpf dort vorn, denn der gehört den
Waldgeistern!«
Tiuri steckte den Rest des Essens in die Satteltasche, stieg auf sein
Pferd und ritt davon. Einige Male drehte er sich noch um und winkte
Marius, der allein mitten auf dem Waldpfad stand. Das war ein guter
Mensch, dachte Tiuri, wenn ich zurückkomme, werde ich ihn
besuchen. Wenn!
Die Reise durch den Wald gefiel Tiuri nicht; er mußte darauf
achten, sich nicht zu verirren, und dann und wann war es mühsam,
sich einen Weg zu bahnen. Rasch kam er nicht vorwärts. Am Morgen
hatte er das letzte Stückchen verzehrt und mußte nun von dem leben,
was er fand: Früchte und Wurzeln. Er hatte keine Waffen, um Wild zu
erlegen, und zum Fallenstellen fehlte ihm die Zeit. Er hatte sein
Gewand gekürzt, indem er an der Unterseite ein beträchtliches Stück
abgerissen hatte, und das war nötig, denn oft mußte er eine Strecke
weit mit dem Pferd am Zügel gehen. Es begegnete ihm den ganzen
Tag niemand; der Wald sah auch nicht danach aus, als ob jemals ein
Mensch hier vorbeiginge.
Am vierten Tag seiner Reise änderte sich das plötzlich. Da hörte er
hinter sich das Knacken von Ästen und das Geräusch von Stimmen. Er
machte sich so unsichtbar wie möglich und wartete ab. Er hörte, daß
die Stimmen sich entfernten, aber kurz darauf sah er nicht weit von
sich einen Jüngling durch den Wald gehen. Er war grau gekleidet und
bewaffnet und führte ein Pferd am Zügel. Ab und zu blieb er stehen
und schaute in die Runde, doch sah er Tiuri nicht, ebensowenig das
schwarze Pferd.
Nach kurzer Zeit verschwand er, aber Tiuri hörte ihn mit jemand
sprechen: »Wo sind sie alle geblieben?«
»Sie jagen mehr nördlich«, sagte eine andere Stimme. »Hast du
etwas gesehen?«
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»Nichts. Und auch keine Spuren, soviel ich sehe, aber das ist
schwer zu sagen. Es ist wild hier im Wald. Hier kann man tagelang
suchen, ohne jemand zu finden. Und doch muß er hier sein.«
»Ich sehe nur Bäume, Bäume und Bäume!« schimpfte die andere
Stimme. »Und Dornen und Kriechpflanzen zum Darüberstraucheln!
Ein prächtiges Versteck ist dieser Wald; das ist wahr… für einen, der
sich nicht finden lassen will…«
Die Stimmen wurden undeutlicher und unverständlicher. Dann
ertönte in der Ferne der helle Ton eines Jagdhorns.
»Komm mit!« hörte Tiuri rufen.
Bald darauf war es still. Tiuri schlug den Arm um den Nacken des
Pferdes und flüsterte: »Wer sind sie gewesen? Ein paar Jäger von
einer Jagdgesellschaft? Aber was jagen sie?«
Das Pferd gab keine Antwort, aber der Jüngling hatte das Gefühl, es
begreife ihn und habe seine eigenen Gedanken über die Leute, die im
Wald umherschwärmten. Wenn ich gut aufpasse, so sehen sie mich
nicht, dachte Tiuri. Er seufzte. Mußte er die ganze Zeit so
weitergehen, mißtrauisch und in Angst vor Feinden? Er ritt doppelt
vorsichtig, sah aber niemand mehr. Doch hörte er ein paarmal in der
Ferne den Klang des Hornes. Ritter Fardumar hatte auch ein Horn, ein
berühmtes Horn. Vor langer Zeit hatte er damit seine Mannen zum
Kampf zusammengerufen, als Feinde aus dem Osten ins Land gefallen
waren. Tiuri war eine Zeitlang Fardumars Schildknappe gewesen und
hatte manches Mal atemlos gelauscht, wenn der Ritter von seinen
Abenteuern erzählte. Jetzt steckte er selber mitten in einem Abenteuer.
Vielleicht, dachte er, wird später mein Schildknappe atemlos
lauschen, wenn ich davon erzähle… Wenn ich hier mit heiler Haut
davonkomme… und wenn ich jemals ein Ritter werde…
Am Mittag änderte der Wald sein Aussehen wieder. Er war weniger
dicht, und die Bäume waren hoch, mit geraden, schlanken Stämmen.
Tiuri konnte sehr weit sehen. Es war hier angenehm zu reiten, aber
andererseits konnte jeder ihn aus großer Entfernung erblicken. Das
war kein erfreulicher Gedanke, vor allem als er in der Ferne das Horn
wieder hörte. Er gelangte in ein flaches Tal, durch das ein Bächlein
floß. Tiuri stieg ab und beschloß dazubleiben und zu rasten, bis es
40
Abend wurde. Dann wollte er in der Dunkelheit Weiterreisen. Dies
schien ihm sicherer zu sein. Unter einem überhangenden Strauche
schlief er ein.
Als er erwachte, war es ganz dunkel. Tastend kroch er zum
Bächlein und beugte sich darüber, um zu trinken. Da sah er etwas
Merkwürdiges: einen leuchtenden Punkt, der sich unter seinem Kopfe
hin und her bewegte. Er dachte, es sei ein Glühwürmchen, und
streckte die Hand aus, um es zu ergreifen. Er erwischte es; es war hart
und rund. Zu seiner Überraschung stellte er fest, daß es der Ring des
schwarzen Ritters war, der an einem Schnürchen um seinen Hals hing.
Er betrachtete den Ring lange. Ja, der Stein darin gab Licht in der
Dunkelheit! Es war ein schwaches Licht wie von einem fernen Stern,
aber doch gut sichtbar. Es schien ein letzter Gruß vom Ritter mit dem
weißen Schild zu sein, eine Erinnerung an das Versprechen, das Tiuri
abgegeben hatte. Er spürte Tränen in den Augen. Er löste die Schnur
und schob den Ring an einen Finger. Dieser Ring soll mich
beschützen und leiten, dachte Tiuri. Und mein Versprechen will ich
halten, wie schwer es auch sein wird!

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Die Räuber und die grauen Reiter

Tiuri nahm seine Reise wieder auf. Er hatte einen Ast von einem
Baum gebrochen und hielt ihn als einzige Waffe in der Hand. Er ritt
durch einen Wald, der wegen des Lichtes der sinkenden Sonne in
Flammen zu stehen schien. Der Ring am Finger gab ihm wieder Licht.
Nicht so viel, um ihm zu leuchten, aber genug, um ihn zu ermutigen.
Tiuri hörte nichts als die gewohnten Nachtgeräusche in einem Wald,
an den er nun schon gewöhnt war. Das Pferd stapfte rasch und sicher
dahin. Nach einiger Zeit bemerkte Tiuri, daß er auf einen Pfad gelangt
war, der nach Westen führte. Da geschah es. Geflüster, das nicht vom
Wind in den Bäumen herrührte… Krachen von Ästen, nicht von
Tierpfoten… Plötzlich sprangen sie hervor, auf beiden Seiten des
Weges… einer sogar von einem Baum herab! Mehrere Männer, etwa
zehn, umringten Tiuris Pferd und befahlen ihm anzuhalten. Einer hielt
eine Laterne in die Höhe, und im schwachen Lichtschein konnte Tiuri
die rauhen, bärtigen Kerle, die mit Stöcken, Schwertern und Dolchen
bewaffnet waren, sehen.
»Halt!« riefen sie. »Geld oder Blut!«
Räuber! Tiuri war sehr erschrocken. Er zitterte am ganzen Leibe.
Doch mutig genug war er, um die Angst nicht zu zeigen.
Er blickte in die drohenden Gesichter und sagte: »Ich habe kein
Geld – nichts.«
»Oho!« rief der Räuber mit der Laterne, während er den Lichtstrahl
auf Tiuris Gesicht richtete, »Ihr seht nicht reich aus, aber Euer Pferd
ist gut!«
»Und er trägt einen schönen Ring am Finger«, sagte ein anderer,
während er Tiuris Hand packte.
Tiuri zog seine Hand weg und hob mit der andern den Ast in die
Höhe.
»Den Ring hab' ich schon von weitem gesehn«, sagte ein dritter
Räuber. »Er gibt Licht.«
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»Laßt mich gehen«, sagte Tiuri.
Seine Stimme klang fest, aber sein Herz klopfte rasend. Die Räuber
waren so verblüfft, daß sie ein bißchen zurückwichen.
»Hoho!« rief einer, »der hat Mut!«
»Wir lassen Euch nicht gehen, bevor Ihr uns alles gegeben habt«,
rief einer.
Er trat näher und packte das Pferd am Zügel. Das Tier hob den Kopf
und schnaubte böse.
Es schoß Tiuri durch den Kopf, eine schnelle Flucht könnte ihn
vielleicht retten. Doch bevor er dazu kam, waren die andern Räuber
auch näher gekommen und erhoben drohend ihre Waffen.
»Kommt herab; Ihr könnt gegen uns nichts ausrichten«, sagte der
Räuber, der das Pferd am Zügel hielt. »An Eurem Leben liegt uns
nicht viel, aber Euer Geld müssen wir haben.« Er wandte sich zu den
andern und befahl: »Nehmt ihm den Knüppel weg, bevor er Euch auf
den Schädel haut!«
Offenbar war das der Hauptmann.
Tiuri faßte den Ast fester und rief: »Ich habe nichts bei mir. Keinen
roten Heller. Von mir werdet Ihr nicht reicher. Laßt mich gehen!«
Einer der Räuber lachte spöttisch, und ein anderer rief: »Er soll das
Maul halten! Reißt ihn vom Roß herab!«
Das schwarze Pferd hob den Kopf wieder und wieherte.
Der Hauptmann ließ den Zügel los und sagte barsch: »Ihr seht arm
aus, junger Mann, aber Ihr habt einen überaus schönen Ring am
Finger. Den will ich haben!«
Der Ring! Hätte ich den nur nie an den Finger gesteckt! dachte Tiuri
verzweifelt. Und er sagte: »Den Ring bekommt Ihr nicht!«
»Ei der Tausend!« sagte der Räuberhauptmann. »Vom Pferd herab,
und zwar sofort!«
Rauhe Hände packten Tiuri grob, entrissen ihm den Stock und
zerrten ihn vom Pferd. Es war abscheulich. Das Pferd stieg und
wieherte und mußte von drei Räubern festgehalten werden.

43
Die andern drangen auf Tiuri ein, aber der Hauptmann stieß sie zur
Seite und rief: »Bleibt weg von ihm! Ich habe den Ring zuerst gesehn;
er hat von weitem wie ein Stern geglänzt.«
Die Räuber gehorchten, blieben aber mit drohenden Gesichtern um
Tiuri herum stehen. Tiuri holte tief Atem, umfaßte mit einer Hand die
andere und wiederholte: »Den Ring bekommt Ihr nicht. Niemals!«
»Ich nehme ihn«, sagte der Hauptmann, »und Ihr seid ein tüchtiger
Bursche, wenn Ihr mich daran hindert. Warum reitet Ihr hier auch zur
Unzeit herum!«
Tiuris Mut sank bis in die Schuhe. Den Ring durfte er nicht
verlieren. Er mußte ihn ja dem Einsiedler bei der Quelle zeigen, damit
dieser ihn über die Berge brachte! Nein, den Ring durfte er nicht
verlieren! Er schaute den Hauptmann an.
»Ich bin wehrlos gegen Euch«, sagte er. »Ich habe keine Waffe und
bin allein. Aber auf den Ring kann ich nicht verzichten. Lieber sterbe
ich, als daß ich ihn Euch gebe.«
Das war hochmütig gesprochen, und er erhoffte sich nicht allzu viel
Erfolg davon.
»Ach, schwatzt doch nicht solange!« sagte einer der Räuber
ungeduldig.
»Hau ihm den Finger ab!« rief ein anderer grinsend. »Dann seid Ihr
miteinander im reinen.«
»Ich bin machtlos«, sagte Tiuri zum Hauptmann, »aber ich bitte
Euch, laßt mir diesen Ring. Er hat jemand gehört, der gestorben ist,
und ist mir sehr viel wert.«
Der Räuberhauptmann trat dicht zu ihm und packte eine von Tiuris
Händen. »So, dieser Ring ist Euch teuer. Aber Eure Finger sind Euch
auch teuer, denke ich. Ich haue Euch einen Finger ab. Was sagt Ihr
dazu?«
»Nichts«, erwiderte Tiuri, während er vergeblich die Hand
wegzuziehen versuchte.
»Aber dann lasse ich Euch den Ring! Was sagt Ihr jetzt?«
Tiuri starrte den Räuber verständnislos an.

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»Was meint Ihr?« stammelte er.
»Ich haue Euch einen Finger ab, statt den Ring zu nehmen. Ein
Finger im Tausch gegen Euren Ring. Was sagt Ihr dazu?«
Tiuri begann zu zittern. Einen Finger abhauen lassen? Aber dann
der Ring? Der Ring des tapferen Ritters mit dem weißen Schild? Der
Ring, den er dem Einsiedler zeigen mußte?
»So tut es halt«, sagte er mit dem Mut der Verzweiflung. »Ich habe
dann immer noch vier Finger an dieser Hand.«
Er hörte sich selber sprechen, wie wenn er ein anderer wäre, und
verwunderte sich über seine eigenen Worte.
Der Hauptmann ließ die Hand los. »Gut«, sagte er barsch.
Ein anderer Räuber trat mit gezogenem Schwert zu ihm.
»Soll ich's tun?« fragte er grinsend. »Mein Schwert ist scharf.«
Tiuri schloß die Augen, aber er widerrief seine Worte nicht.
»Laß mich's tun!« zischte der Räuber.
Tiuri öffnete die Augen und sah gerade, daß der Hauptmann dem
Räuber das Schwert entriß und ihm eine Ohrfeige versetzte.
»Da«, sagte er. »Das bekommst du von mir. Von diesem Jüngling
läßt du ab!« Er schaute rundum und fuhr fort: »Er hat mehr Mut in
einem Finger als ihr alle zusammen in eurem ganzen Leben!« Er
wandte sich an Tiuri und sprach: »Behaltet den Ring; Ihr habt ihn
tapfer verteidigt. Versteckt ihn aber gut, denn es gibt noch mehr
Räuber in diesem Wald.«
Tiuri konnte es fast nicht glauben; eine große Last war auf einmal
von ihm gewälzt.
»Geht fort!« befahl der Hauptmann. »Und ich rate Euch, diese
Stelle zu verlassen. Euer Pferd behalte ich. Etwas muß ich doch
haben.«
Das treue schwarze Pferd!
»Aber…«, begann Tiuri, »das kann…«
»Kein Geschwätz mehr!« polterte der Hauptmann. »Schert Euch
weg, bevor ich wütend werde!«

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Er hob seinen Dolch und schaute Tiuri an. Die andern begannen
drohend zu murren.
Tiuri zögerte einen Augenblick, begriff dann aber, daß es besser
war zu gehorchen. So drehte er sich um und eilte davon. Er hörte das
Pferd wiehern. Dann schaute er zurück. Mit dem Pferd in der Mitte
zogen die Räuber ab.
Nach einigen Augenblicken waren sie verschwunden.
Tiuri stolperte weiter, ließ sich auf den Boden fallen und weinte. Er
weinte wegen der Angst, die er ausgestanden hatte, und weil er das
schwarze Pferd verloren hatte.
Als Tiuri sich gefaßt hatte, zog er den Ring vom Finger und hängte
ihn wieder an die Schnur um den Hals. Dann stand er auf und tastete
sich durch den dunklen Wald. Er war vom Pfad abgekommen, das
Gebiet war hügelig und voller Felsblöcke und Steine. Zuletzt konnte
er nicht mehr. Er sank auf den Boden und fiel in einen tiefen Schlaf.
Früh am Morgen wurde er wach und merkte, daß er neben einem
Pfad geschlafen hatte. Er ging eine Strecke weit darauf, die Sonne
schien, und nach einer Weile hörte Tiuri das Geriesel eines Bächleins.
Gleichzeitig entdeckte er an einem der Hügel zur linken Seite die
dunkle Öffnung einer kleinen Höhle. Das war ein guter Platz zum
Rasten. Tiuri fühlte sich nicht kräftig genug, jetzt viel weiter zu
wandern. Er kniete am Bächlein nieder, das quer über den Weg lief,
und trank. Dort am Wasser fand er auch Pflanzen mit großen
schwarzen Wurzeln, die eßbar waren. Tiuri riß ein paar davon aus der
Erde, erstieg den Hügel und betrat die Höhle. Sie war ziemlich tief
und breit, schien aber nicht der Wohnplatz eines Tieres zu sein. Tiuri
setzte sich mit dem Rücken an die Felswand und verzehrte eine der
Wurzeln. Dann schlummerte er trotz der unbequemen Stellung eine
Weile.
Vom Geräusch einiger Stimmen schreckte er auf. Vorsichtig spähte
er hinaus. Auf dem Pfad am Fuß des Hügels standen drei Männer und
sprachen miteinander. Mit Schrecken erkannte Tiuri in ihnen drei der
Räuber!
»Wo bleibt der Hauptmann nur?« brummte einer.

46
»Der versucht, auf seinem neuen Gaul zu reiten«, sagte ein anderer
mit spöttischem Lachen. »Er ist schon zweimal herabgeplumpst.«
»Abgeschmissen worden«, sagte der dritte schadenfroh.
Alle drei lachten, aber plötzlich zischte einer von ihnen: »Still!«
Zwei Männer kamen gelaufen; einer von ihnen war der
Räuberhauptmann.
»Und jetzt das Maul zu und Deckung suchen«, sagte er, als er die
drei erreicht hatte. »Er kommt und ist sofort da.«
Es wurde sofort gehorcht. Die Räuber verließen den Pfad und
verbargen sich hinter Felsblöcken und Sträuchern gegenüber dem
Hügel. Auch der Hauptmann verschwand. Tiuri glaubte zu verstehen,
daß sie nichts Gutes im Sinn hatten. Wen erwarteten sie wohl? Er
ergriff einige Steine, die in der Höhle lagen, und stapelte sie beim
Eingang auf. Dann legte er sich bäuchlings daneben, blickte auf den
Pfad hinab und wartete auf das, was geschehen sollte. Lange brauchte
er nicht zu warten.
In der Ferne ertönte Hufgeklapper, und bald darauf näherte sich
langsam von Osten ein Ritter. Tiuri konnte ihn gut sehen. Er trug ein
dunkelgraues Panzerhemd, und ein grauer Schild hing ihm am Arm;
grau war das Pferd und grau der Helm mit dem heruntergelassenen
Visier, grau auch der Mantel, den er trug. Doch am Halse hing etwas,
das in der Sonne schimmerte: ein großes Horn, das wohl aus Silber
war. Tiuri sah, wie die Sträucher sich bewegten, und hielt den Atem
an. Die Räuber hatten es sicher auf diesen einsamen Ritter abgesehen!
Er sah kriegerisch aus, aber es war zu bezweifeln, ob er gegen fünf
Männer bestehen konnte. Ich muß ihm helfen, dachte er, ihn warnen…
In diesem Augenblick stießen die Räuber einen lauten Schrei aus
und sprangen hervor. »Halt!« riefen sie dem Ritter zu. »Geld oder
Blut!«
Tiuri stand auf und ergriff einen Stein. Der Ritter hielt das Pferd an,
schob das Visier in die Höhe, setzte das Horn an die Lippen und blies
kräftig hinein. Dann schlug er das Visier sofort nieder und zog das
Schwert.

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Die Räuber schienen über den Schall des Horns etwas erschrocken
zu sein. Sie zögerten, bevor sie ihren Ruf wiederholten: »Geld oder
Blut!«
»Ihr bekommt keines von beiden!« rief der Ritter und hob sein
Schwert. Gleichzeitig waren weiter hinten auf dem Pfad Stimmen und
Hufgetrampel zu hören. Die Räuber blickten einander an, und es
schien, als ob sie die Flucht ergreifen wollten. Der Ritter gab seinem
Pferde die Sporen und ritt an ihnen vorbei, aber nach einer kurzen
Strecke wandte er sich und hielt das Pferd an.
»Nicht flüchten, ihr Feiglinge!« rief er. »Kommt, greift an, wie ihr
es im Sinn gehabt habt!«
»Drauf, ihr Feiglinge!« rief der Hauptmann, während er mit dem
Schwert in der Hand auf den Ritter losstürmte.
Aber die vier andern stießen einen angstvollen Schrei aus. Sieben
Reiter stoben auf dem Pfad heran; sie saßen auf grauen Pferden und
waren alle grau gekleidet. Drei Ritter mit Helmen und Schwertern und
vier Jünglinge, wahrscheinlich Schildknappen.
Tiuri stand noch immer in der Höhle. Seine Hilfe war nicht mehr
nötig, und er begnügte sich damit, alles zu beobachten. Im Nu waren
vier der Räuber, darunter der Hauptmann, entwaffnet und gebunden.
Der fünfte ergriff die Flucht und wurde von zwei Rittern verfolgt. Die
andern versammelten sich am Fuß von Tiuris Hügel, und der Ritter
mit dem silbernen Horn sprach zu den Gefangenen. Das ist die
Gesellschaft, die ich vorgestern gehört habe, dachte Tiuri. Einen der
Schildknappen habe ich gesehen. Wer sind sie? Keiner der Ritter
schlug das Visier auf, und sie führten kein Wappen auf den Schilden.
Der mit dem Horn, der der Anführer zu sein schien, sprach in
strengem Ton: »So, jetzt sollt ihr büßen für eure Untaten!
Straßenräuberei ist im Reich des Königs Dagonaut verboten wie in
jedem Land, wo Ordnung herrscht.«
»Gnade!« flehte einer der Räuber.
»Und Feiglinge seid ihr auch! Einsame Reisende wagt ihr zu
überfallen, aber vor größeren Gruppen flieht ihr. Ihr sollt an einem
Baum hängen, bevor die Sonne untergeht.«

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»Herr Ritter«, sagte der Hauptmann, »ich bin ein Räuber; das kann
ich nicht bestreiten. Aber noch nie hab' ich jemand getötet. Warum
sollt Ihr mich denn töten?«
Tiuri bekam ein wenig Mitleid mit ihm. Der Hauptmann hatte ihm
ja auch den Ring gelassen.
Nun kamen die beiden Ritter zurück; einer führte den geflüchteten
Räuber mit, und der andere hielt außer dem eigenen noch ein zweites
Pferd am Zügel. Tiuri hätte es unter Hunderten erkannt: das schwarze
Pferd des Ritters mit dem weißen Schild.
Als der graue Ritter mit dem Horn sie herkommen sah, stieg er vom
Pferd und schritt ihnen entgegen. Eine Weile blieben sie stehen,
sprachen leise miteinander und betrachteten das schwarze Pferd.
Dann begaben sie sich zu den andern.
Der Ritter mit dem Horn wandte sich wieder an die Räuber und
fragte scharf: »Wem gehört dieses Pferd?«
»Ihm«, antwortete einer der Räuber und deutete mit dem Kopf zum
Hauptmann.
»So«, sagte der Ritter. »Wie kommst du zu diesem Pferd? Wem
hast du es gestohlen?«
»Dieses Pferd gehört mir«, erwiderte der Hauptmann mürrisch.
»Das ist eine Lüge! Du hast es geraubt. Denn ich kenne dieses
Pferd, du Räuber!«
»Es gibt wohl noch mehr schwarze Pferde auf der Welt«, sagte der
Hauptmann wütend.
»Von Pferden verstehst du nichts«, sagte der graue Ritter. »Kein
einziges ist gleich wie ein anderes. Dieses Pferd würde ich überall
erkennen, und ich weiß auch, wie es heißt… Ardanwen ist sein Name,
oder Nachtwind, und es ist eine Schande, daß einer wie du auf seinem
Rücken zu reiten wagt!«
Tiuri hatte dem allem mit zunehmender Verwunderung zugehört.
Diese Ritter kannten das Pferd und somit natürlich auch den
schwarzen Ritter mit dem weißen Schild! Er dachte zuerst, er wolle
sich zeigen und sie ansprechen, aber etwas (er hätte nicht sagen
49
können was) hielt ihn zurück. Er blieb in der Höhle still sitzen und
hörte gespannt zu.
Der Hauptmann hatte den Kopf gesenkt und schwieg.
»Wem hast du dieses Pferd gestohlen?« rief der graue Ritter in
scharfem Ton.
»Einem Jüngling, der letzte Nacht hier vorbeigekommen ist«,
antwortete einer der Räuber.
»So ist's«, sagte der Hauptmann wütend.
Der Ritter trat dicht vor ihn und fragte anscheinend gespannt: »Ein
Jüngling, der letzte Nacht vorbeigekommen ist? Wie sah er aus?
War er jung, nicht älter als siebzehn Jahre, mit dunklem Haar und
blaugrauen Augen, in einem weißen Gewand?«
»Sehr weiß sahen die Kleider nicht aus«, antwortete der
Hauptmann, »aber der Rest stimmt, glaube ich. Die Augen waren
blaugrau…«
»Und dunkel das Haar«, fiel einer der Räuber ein.
»Und an einem Finger hatte er…«
»Einen Ring«, ergänzte der Ritter, »glänzend wie ein Stern!«
»Ja, Herr Ritter«, sagte der Hauptmann. »Ein besonderer Ring war
es, ein glänzender Ring an der linken Hand.«
Die grauen Ritter schienen über die Mitteilung sehr bewegt zu sein.
»Wo ist er?« rief einer von ihnen.
»Wo ist der Ring?« rief ein anderer.
»Ich habe ihm nichts angetan, Ihr Ritter!« sagte der Hauptmann.
»Und den Ring habe ich ihm gelassen.«
»Eine neue Lüge«, bemerkte der Ritter mit dem Horn barsch.
»Warum solltest du denn das Pferd stehlen und nicht ein so kostbares
Kleinod? Gib es her!«
»Ich hab's nicht!« rief der Hauptmann. »Ich will einen Eid darauf
schwören. Er hielt große Stücke darauf, und da hab' ich ihm das Ding
gelassen und ihn ungestört ziehen lassen.«
»Das ist wahr«, stimmten die andern Räuber ihm zu.
50
Die grauen Ritter begannen leise miteinander zu sprechen; Tiuri
konnte sie nicht verstehen.
»Es wäre besser gewesen, wenn du das nicht getan hättest«, sagte
schließlich der Ritter mit dem Horn.
»Warum besser?« fragte der Hauptmann.
»Du bist ein Räuber und ein Schurke, aber ich nehme an, daß dieser
Jüngling dich übertrifft! Wenn ihr ihn getötet hättet, so wäre das sein
verdienter Lohn gewesen!«
Der Hauptmann schien erstaunt zu sein, als er das hörte. Aber Tiuri
war noch erstaunter. Er war bestürzt!
»Wohin ist er gegangen?« rief einer der andern Ritter grimmig.
»Vorwärts, sagt, wo er hingegangen ist!«
»In den Wald, auf diese Seite«, sagte der Hauptmann und zeigte die
Richtung mit dem Kopf. »Aber ich habe ihm nicht nachgeschaut.«
»Er wird nicht weit gekommen sein«, sagte ein zweiter Räuber,
»denn er mußte zu Fuß gehen.«
»Warum sucht Ihr ihn?« fragte der Hauptmann.
»Das ist nicht deine Sache«, fertigte ihn der Ritter mit dem Horn ab.
»Aber ich danke euch für eure Mitteilungen, und ich bin bereit, euch
das Leben und die Freiheit zu schenken. Unter einer Bedingung:
Schaut euch nach dem Jüngling um und bringt ihn uns, wenn ihr ihn
findet, lebend oder tot, aber lieber lebend. Er ist gefährlich; das müßt
ihr wissen!«
»Das verwundert mich nicht«, sagte ein Räuber; es war derjenige,
der Tiuris Finger hatte abhacken wollen.
»Macht ihre Stricke los!« befahl der Ritter den Schildknappen. »Ich
schenke ihnen Gnade… Aber«, fügte er bei, »ich komme hierher
zurück, und wer von euch dann noch Räuber ist, den werd ich
erwischen und hängen! Für Ordnung und Sicherheit soll in diesem
Reich gesorgt werden!«
»Einmal säubern wir diesen Wald von allem Gesindel«, sprach der
Ritter, der daneben stand. »Jetzt aber haben wir eine wichtigere
Aufgabe zu erfüllen. Sucht den Jüngling für uns, ihr Räuber!«
51
Bald darauf zogen sie weiter, zwei Gruppen nacheinander. Zuerst
die grauen Ritter und ihr Gefolge, und die führten das schwarze Pferd
mit sich. Dann, leise miteinander sprechend, die Räuber. Sie
verschwanden alle in westlicher Richtung.
Noch immer saß Tiuri ganz verblüfft in der Höhle. Die grauen
Ritter suchten ihn… Ihn wollten sie fangen, lebend oder tot! Warum?
Sie waren doch nicht die roten Reiter? Jedenfalls waren sie Feinde –
Feinde, die zu fürchten waren. Er dankte seinem guten Stern dafür,
daß er sich nicht gezeigt hatte! Dann aber überfiel ihn eine große
Mutlosigkeit. Weiter westwärts mußte er ziehen, aber die grauen
Ritter suchten ihn, und die Räuber schauten nach ihm aus. Vielleicht
wurde er auch von den roten Reitern des Ritters mit dem roten Schild
verfolgt. Wie konnte er da jemals seinen Auftrag durchführen, allein,
zu Fuß und unbewaffnet? Er zog den Brief hervor und drehte ihn in
den Fingern um und um. Ein so kleines Ding, eine so wichtige
Botschaft. Aber was konnte wichtig genug sein, daß man das Leben
dafür einsetzte?
Dann hörte er in Gedanken seine eigene Stimme, die gelobte: »Ich
schwöre Euch, daß ich den Brief sicher besorge… Wenn ich ein Ritter
wäre, auf meine Ritterehre.«
Sein Zweifel verging. Er verbarg den Brief wieder und sagte sich:
Ich muß weitergehen, das habe ich nun einmal versprochen: Zu König
Unauwen im Land westlich der Berge!

52
Die Mönche im Braunen Kloster

Den ganzen Tag hielt sich Tiuri in der Höhle versteckt. Die grauen
Ritter suchten ihn weiter weg von diesem Platz. Er mußte dafür
sorgen, daß der Abstand zwischen ihm und ihnen so groß wie möglich
wurde. Nur einmal wagte er sich hinaus, um Wasser aus dem Bach zu
trinken. Es war eine lange, langweilige Wartezeit. Gegen Abend
machte er sich wieder auf den Weg. Er blieb möglichst in der Nähe
des Pfades und war wachsam und vorsichtig. Die Nacht schien endlos,
und er kam nur langsam vorwärts. Doch begegnete er keinen Feinden
mehr. Am frühen Morgen setzte er sich zum Ausruhen hinter einen
Strauch. Er überlegte, daß er jetzt schon sechs Tage unterwegs war,
und fragte sich, wann er wohl endlich aus diesem Wald herauskam.
Plötzlich hörte er das Geräusch von Schritten! Er schaute durch die
Blätter auf den Pfad, der ganz nahe war. Zweifellos kamen Leute.
Bald sah er sie: Keine Räuber, Ritter oder rote Reiter, sondern zwei
Mönche in braunen Kutten. Sie sahen freundlich und friedfertig aus.
Das sind Leute, denen ich trauen kann, dachte Tiuri. Ob ich mit ihnen
gehe? Vielleicht bietet ihre Gesellschaft ein wenig Schutz.
Er erhob sich, betrat den Pfad und grüßte: »Guten Morgen.«
Die Mönche blieben stehen.
»Gott sei mit Euch«, sprach der eine.
Sie schienen nicht überrascht zu sein, obwohl Tiuri nach seinen
Irrwegen so zerzaust aussah, und wenn sie es waren, so ließen sie es
sich nicht anmerken. Tiuri blickte sie an. Beide sahen
vertrauenerweckend aus. Der eine war alt, groß und mager, hatte ein
braunes Gesicht und graues Haar, der andere war jung, hatte das
Gesicht voller Sommersprossen, die Augen waren durchdringend und
hellgrau.
»Ihr seid früh unterwegs, ehrwürdige Brüder«, sagte Tiuri und
schwieg dann, da er nicht wußte, was er sonst noch sagen sollte.
»Ihr auch, mein Sohn«, sagte der ältere Mönch.
53
»Geht Ihr westwärts?« fragte Tiuri.
»Ja«, sagte der zweite Mönch und zeigte auf den Pfad. »Wir sind
auf dem Weg zu unserem Kloster.«
»Darf ich mit Euch gehen?« fragte Tiuri.
»Natürlich, mein Sohn«, entgegnete der ältere Mönch. »Wir
wandern nicht rasch, aber stetig, und Ihr könnt so lange mit uns reisen,
wie Ihr wollt.«
»Ich danke Euch«, sagte Tiuri.
»Dann berichte ich auch gleich, wer wir sind«, fuhr der Mönch fort.
»Dies ist Bruder Martin, und ich bin Bruder Laurentius. Wir wohnen
im Braunen Kloster beim Grünen Fluß.«
Tiuri verbeugte sich und zögerte mit seiner Antwort. Ob er seinen
Namen sagen durfte? Nicht, daß er diese Mönche fürchtete, aber sie
könnten es andern erzählen.
»Euer Name tut nichts zur Sache, mein Sohn«, sagte Bruder
Laurentius. »Kommt, gehen wir weiter!«
»Oh, Ihr dürft ihn schon wissen«, sagte Tiuri. »Ich weiß nur nicht…
Es ist schwer zu sagen, aber…«
»Ach, still, mein Sohn«, sprach der alte Mönch. »Sagt es oder sagt
es nicht… Es ist uns gleichgültig.«
Eine Weile schritten sie schweigend dahin.
»Ist Euer Kloster weit von hier?« fragte Tiuri dann.
»Wir hoffen, es vor dem Abend zu erreichen«, erklärte Bruder
Martin.
»Wo steht es?« fragte Tiuri.
»Am Ende dieses Pfades«, erwiderte der Mönch, »am Waldrand.«
»Am Grünen Fluß, nicht wahr?« meinte Tiuri. »Ich muß zum
Blauen Fluß.«
»Der ist weiter im Norden«, sagte Bruder Laurentius, »wo der
Große Weg nach Westen führt.«
Ich bin also abgewichen, dachte Tiuri. »Ist das weit vom Kloster
entfernt?« fragte er.

54
»Nicht so weit«, sagte Bruder Laurentius. »Eine Tagereise, nehme
ich an. Stimmt das, Bruder Martin?«
»Viel weiter wird es nicht sein«, stimmte der andere Mönch zu,
während er Tiuri von der Seite aufmerksam anschaute. Der breite Pfad
war angenehm zu begehen, und Tiuri fühlte sich, als ob sie eine
gemütliche Wanderung machten. Der Wald sah friedlich aus, er schien
plötzlich ein ganz anderes Wesen zu haben. Doch konnte Tiuri es
nicht unterlassen, sich ab und zu umzuschauen. Er merkte, daß Bruder
Martin ihn wieder anschaute.
»Woher kommt Ihr, Bruder?« fragte er.
»Von einem Dörfchen dort im Süden, auf der andern Seite der
Hügel«, entgegnete der Mönch, wobei er mit dem Daumen über die
Schulter zeigte. »Es gab dort eine Krankheit, und unsere Hilfe war
nötig.«
»Habt Ihr nicht Angst, durch den Wald zu reisen?« fragte Tiuri. »Es
sind Räuber hier in der Nähe.«
»Das wissen wir«, sagte Bruder Laurentius ziemlich traurig. »Es
macht uns Verdruß, aber wir fürchten sie nicht… was könnten sie uns
stehlen?«
»Aber Ihr habt wohl irgendwie Angst vor ihnen«, sagte Bruder
Martin. »Ich habe Euch schon ein paarmal herumschauen sehen, als
ob Ihr Angst hättet, jemand könnte Euch überfallen. Was gibt es?«
Tiuri wurde ein bißchen rot und gab nicht sogleich Antwort.
»Die Räuber haben mich letzte Nacht überfallen«, erklärte er
schließlich.
»Oh«, machte Bruder Martin. »Haben sie Euch etwas angetan?«
»Sie haben mich ausgeraubt«, antwortete Tiuri.
»Das sehe ich Euch an, mein Sohn«, sagte Bruder Laurentius
mitleidig.
Tiuri ließ ihn im Glauben, sein Aussehen sei die Folge der
Begegnung mit den Räubern.
»Da muß doch etwas geschehen«, sprach Bruder Martin und zog die
Augenbrauen zusammen. Und zu Tiuri bemerkte er: »Ich glaube, daß
55
Ihr jetzt nichts mehr zu fürchten habt. Die Räuber wagen sich nie bis
dicht an den Waldrand. Außerdem können sie Euch nicht mehr viel
rauben, denke ich.«
Noch viel! dachte Tiuri, aber er schwieg.
»Aber Ihr habt nicht nur Angst vor den Räubern«, sagte Bruder
Martin. »Es ist noch etwas anderes, nicht wahr?«
»Warum vermutet Ihr das?« fragte Tiuri.
»Ihr scheint mir nicht ängstlicher Art zu sein«, sagte Bruder Martin,
»und Ihr habt kaum mehr viele Gründe, Räuber zu fürchten, sicher
nicht jetzt, am hellichten Tag. Es ist also etwas anderes.«
»Ist Euer Gewissen rein?« fragte Bruder Laurentius.
»Ja«, sagte Tiuri, »ich glaube es… ich weiß es ganz sicher.«
»Dann habt Ihr nichts zu fürchten«, sprach der alte Mönch.
»Vergeßt es wenigstens für einen Augenblick«, bemerkte der
jüngere. Er zeigte vor sich hin und fügte bei: »Der Wald ist schön, das
Wetter ist gut. Es ist ein schöner Tag.«
Sie wanderten weiter, und wirklich verging Tiuris Angst, nicht aber
die Wachsamkeit.
»Wir sind sicher rechtzeitig zu Hause«, sagte Bruder Laurentius
zufrieden, als sie die Wanderung fortsetzten. »Welches ist Euer Ziel?«
»Der Blaue Fluß«, antwortete Tiuri.
»Der Blaue Fluß… An seiner Quelle wohnt ein Einsiedler«, sagte
Bruder Laurentius nachdenklich. »Menaures heißt er, glaube ich.«
»Ja, Menaures«, antwortete Bruder Martin, »er ist sehr weise und
sehr alt. Früher zogen die Pilger zu seiner Hütte in den Bergen.«
»Kennt Ihr ihn?« fragte Tiuri sehr gespannt.
Die Mönche schüttelten den Kopf. »Vater Hieronymus kennt ihn«,
sagte Bruder Laurentius. »Unser Abt.«
»Ihr könnt bei uns übernachten«, schlug Bruder Martin vor.
»Oh, gern, wenn das möglich ist«, meinte Tiuri dankbar.
»Müde Reisende sind jederzeit willkommen«, bemerkte Bruder
Laurentius.
56
»Ich heiße Tiuri«, sagte der Jüngling unversehens.
Bruder Martin lächelte, und Bruder Laurentius nickte Tiuri
freundlich zu. Tiuri fragte die Mönche, ob ihnen noch andere Leute im
Wald begegnet waren. Nein, sie hatten niemand gesehen. Doch hatten
sie in der Feme Hörnerklang gehört.
»Wir sind fast am Ziel«, sagte Bruder Martin.
Bald darauf hatten sie den Waldrand erreicht. Vor ihnen lag ein
abfallendes Land mit bebauten Äckern, kleinen, weißen Häusern und
da und dort standen Baumgruppen. Dahinter, undeutlich und weit
weg, lagen die Berge in blauem Dunst. Auf der Südseite zog sich der
Wald weit hin, und davor sah Tiuri eine Kirche und ein anderes
Gebäude, beide aus Holz und braunen Steinen. Ein geschlängelter
Pfad führte darauf zu.
»Das ist unser Kloster«, erklärte Bruder Laurentius, »und dort seht
Ihr einen Weg nach Norden; der kommt vom Großen Westweg beim
Blauen Fluß. Den Grünen Fluß kann man von hier aus nicht sehen; er
fließt durch den Wald hinter dem Kloster.«
Sie schritten auf das Kloster zu. Tiuri blickte sich noch einmal nach
dem Walde um. Er war froh darüber, daß er ihn verlassen hatte; damit
war ein Teil seiner Reise abgeschlossen. Keine Viertelstunde später
klopfte Bruder Laurentius an die Pforte des Klosters. Der Pförtner, ein
kleiner, rotbackiger Mann, öffnete und grüßte sie herzlich. Sie
gelangten auf einen kleinen Innenhof, der von einem Säulengang
umgeben war. Dieser Hof mit den blühenden Blumen und dem
Sodbrunnen in der Mitte sah freundlich aus.
»Euer Garten sieht wieder prächtig aus, Bruder Julius«, sagte
Bruder Laurentius.
»Sehr schön«, fügte Tiuri mit einem Seufzer der Zufriedenheit bei.
Der Pförtner schaute ihn strahlend an.
»Das ist Tiuri«, sagte Bruder Martin. »Wir sind ihm unterwegs
begegnet, und er bleibt hier über Nacht. Die Ruhe hier wird ihm
guttun, denn er ist vor kurzem von Räubern überfallen und ausgeraubt
worden.«

57
»Oh, wirklich!« rief der Pförtner. »Gott sei Dank hat er noch Leib
und Glieder. Und das ist viel, mein Junge, das ist viel; tröstet Euch
damit!« Er betrachtete Tiuri von Kopf bis Fuß und fuhr fort: »Kommt
Ihr vom Osten, durch den Wald?«
»Ja, Bruder«, antwortete Tiuri.
»Es gibt wohl noch andere Jünglinge, denke ich, die von der
Ostseite durch den Wald kommen«, fuhr der Pförtner fort, »aber es
hätte sein können… ja, es hätte sein können.«
»Was gibt es?« fragte Tiuri, der plötzlich ein wenig in Unruhe
geriet.
»Es kam heute morgen einer an die Pforte«, sagte der Pförtner, »der
mich nach einem Jüngling fragte… etwa Eures Alters. Eine harte
Stimme hatte er, und er fragte… ja, was sagte er schon…«
»Was sagte er?« fragte Tiuri. »Und wie sah er aus?«
»Ein Ritter war es, ein grau gekleideter Ritter. Er hatte auch einen
Schildknappen bei sich. Ich war im Garten an der Arbeit, als er an die
Pforte klopfte. Ich öffnete, und da stand er und fragte nach einem
Jüngling. Ein Jüngling mit blauen Augen, glaube ich… nun ja, so
ähnlich wie Ihr.« Der Pförtner schüttelte den Kopf. »Er war ziemlich
ungeduldig, aber ich sagte zu ihm: ›Lüftet bitte das Visier, Herr Ritter,
und sagt, wer Ihr seid!‹ Ich rede lieber gegen ein Gesicht, nicht
wahr?… Nun, er tat es, ich meine das Lüften des Visiers… Seinen
Namen hat er nicht gesagt…«
»Wie sah er aus?« fragte Tiuri gespannt.
»Ein unfreundlicher Herr, sehr dunkel und bärtig. Nun, ich sagte,
ich habe einen solchen Jüngling nicht gesehen… das hatte ich ja
damals auch nicht… Dann ritt er in aller Eile weg. Ich schaute ihm
nach und sah ihn im Wald verschwinden. Und ich hörte dort auch ein
Horn erklingen, sehr hell und laut…«
Tiuri war bleich geworden. Sogar hier, in diesem friedvollen
Kloster, war der Feind gewesen. Die drei Mönche blickten ihn prüfend
an.
»Kennt Ihr diesen Ritter?« fragte Bruder Martin.

58
»Nein«, antwortete Tiuri wahrheitsgemäß. »Ich kenne keinen von
allen. Es sind vier, und dann noch ihre Schildknappen. Und sie suchen
mich.«
»Warum?« rief der Pförtner.
»Das weiß ich nicht«, entgegnete Tiuri. »Oder eigentlich weiß ich
es gut, glaube ich, aber ich darf es nicht sagen. Sie töten mich, wenn
sie mich finden.«
Es war, als ob ein dunkler Schatten über den freundlichen Innenhof
striche. Bruder Martin legte eine Hand auf Tiuris Schulter.
Der Jüngling schaute ihn an und sagte: »Ich kenne diese Ritter
nicht; ich habe ihnen nichts getan. Aber sie jagen mir nach, und sie
wünschen meinen Tod.«
»Es ist etwas Geheimnisvolles an Euch«, sprach der Mönch, »und
ich verstehe aus Euren Worten, daß es etwas gibt, was Ihr nicht sagen
wollt oder könnt. Aber in diesem Kloster seid Ihr sicher. Kein grauer
Ritter kann Euch hier etwas antun.«
»Eine Freistätte«, sagte Tiuri.
»Ja, dies ist eine Freistätte«, sprach Bruder Martin.
»Habt Dank für Euer Vertrauen in mich«, sagte Tiuri. »Ich bin froh
darüber, daß ich hierbleiben darf.«
»Ihr dürft bleiben, so lange Ihr wollt«, erklärte Bruder Laurentius.
»Bis morgen«, sagte Tiuri. »Dann muß ich wieder weiter.«
Unwillkürlich seufzte er. Die Umwelt schien so feindselig und
gefahrvoll zu sein.
»Habt keine Sorgen wegen des kommenden Tages«, sprach Bruder
Martin. »Erst müßt Ihr ruhen.«
»Wenn jener Ritter zurückkommt, so sage ich ihm nicht«, versprach
der Pförtner, »daß gerade Ihr dieser Jüngling seid! Oh, jetzt erinnere
ich mich noch an etwas… Er sagte auch etwas von einem Ring… Ihr
habt doch keinen Ring?«
»Ich habe einen Ring«, sagte Tiuri und legte die Hand auf die Brust.
»Kommt!« sprach Bruder Martin. »Bruder Julius, zeigt bitte Tiuri
einen Schlafplatz! Bruder Laurentius und ich gehen jetzt zum Abt.«
59
»Folgt mir!« forderte der Pförtner Tiuri auf. »In einer halben Stunde
essen wir; Ihr seid also gerade zur rechten Zeit gekommen.«
»Gleich sehen wir Euch wieder«, bemerkte Bruder Martin.
Er und Bruder Laurentius entfernten sich mit einem freundlichen
Nicken. Tiuri folgte dem Pförtner durch einen Säulengang und eine
Treppe hinauf. Sie erreichten einen langen Gang mit vielen Türen. Am
Ende dieses Ganges blieb der Pförtner stehen und öffnete eine Tür.
»Hier könnt Ihr schlafen«, sagte er und verschwand. Tiuri trat ein. Er
befand sich in einer kleinen, weißgekalkten Zelle, die mit einem
schmalen Bett und einem Bänkchen ausgestattet war. Durch ein
hohes, tiefes Fenster fielen die letzten Sonnenstrahlen herein. Tiuri
setzte sich auf das Bett und blickte auf das Kruzifix, das an der Wand
hing. Da ertönten hastige Schritte, und der Pförtner kam mit einer
braunen Kutte über dem Arm zurück.
»Hier«, sagte er, »zieht das an! Das ist besser als Eure abgenützten
Kleider!«
Bald darauf schritt Tiuri, in die Kutte gehüllt, durch den kleinen
Garten zum ersten Innenhof, wo Bruder Martin, von einem großen,
dunkel gekleideten Mönch begleitet, ihm entgegenkam. Der Mönch
stellte sich vor als Vater Hieronymus, der Abt, und hieß Tiuri
freundlich willkommen. Eine Glocke läutete zum Zeichen, daß es Zeit
zum Abendmahl war.
Im Speisesaal saß Tiuri an dem langen Tisch zwischen Bruder
Martin und dem Pförtner und ließ sich das einfache Mahl schmecken.
Nach dem Essen winkte ihm der Abt, er solle mit ihm gehen. Tiuri
folgte ihm in dessen Zelle.
»Bruder Laurentius und Bruder Martin haben mir alles über Euch
erzählt«, sagte der Abt, »wenigstens alles, was sie wissen. Ihr seid bis
morgen unser Gast und zieht dann weiter zum Blauen Fluß.«
»Ja, Vater Hieronymus«, sagte Tiuri.
»Ist diese Reise für Euch gefährlich?« fragte der Abt.
»Ja, Vater Hieronymus«, antwortete Tiuri.
»Bruder Martin sagte mir, es sei viel Geheimnisvolles an Euch«,
sprach der Abt. »Ihr seid noch sehr jung?«
60
»Ich bin schon sechzehnjährig«, bemerkte Tiuri.
Der Abt lächelte ein wenig.
»Woher kommt Ihr?« fragte er dann. »Und wohin geht Ihr?«
»Ich komme von der Stadt von König Dagonaut«, antwortete Tiuri,
»und ich bin unterwegs zur Quelle des Blauen Flusses… zum
Einsiedler Menaures.«
»Der Einsiedler Menaures! Es ist lange her, seit ich ihn gesehen
habe. Grüßt ihn von mir, wenn Ihr ihn seht. Ist er das Ziel Eurer
Reise?«
»N-nein«, sagte Tiuri. »Ich darf Euch eigentlich nicht erzählen,
wohin ich gehe…«
Er seufzte.
»Wenn Euer Weg an Menaures vorbei führt, so ist es ein guter
Weg«, sprach der Abt. »Und das gleiche sagen mir Eure Augen und
Eure Stimme. Ich frage nicht, wohin Ihr geht und welches Euer
Auftrag ist. Ich möchte einzig wissen, ob ich Euch irgendwie helfen
kann.«
»Oh, Vater«, sagte Tiuri, »so sagt bitte niemand, daß ich hier
gewesen bin und daß ich zum Blauen Fluß gehe!«
»Ich verspreche es Euch«, sagte der Abt. Er zog die Augenbrauen
zusammen und sprach, halb zu sich selber: »Aber Ihr müßt doch etwas
mehr Sicherheit haben.«
Ein Weilchen schwieg er; dann sagte er: »Ihr müßt die Kutte, die
Ihr jetzt tragt, behalten. Wenn Ihr die Kapuze über den Kopf zieht, so
seid Ihr einigermaßen versteckt.«
»Ich danke Euch, Vater Hieronymus«, sagte Tiuri.
»Und jetzt müßt Ihr schlafen gehen«, erklärte der Abt. »Möge die
Ruhe hier Euch neue Kraft schenken!«
Nochmals dankte ihm Tiuri und ging dann in seine Zelle. Diese
Nacht schlief er ruhig, ohne zu träumen.
Gestärkt und munter machte sich Tiuri am nächsten Morgen auf den
Weg nach dem Blauen Fluß. Er fühlte sich nun auch sicher; in der
braunen Kutte, mit der Kapuze über dem Kopf und einem Stab in der
61
Hand konnte er als Pilger gelten. Die Feinde erkannten in ihm sicher
nicht leicht den Jüngling, den sie suchten. Auf den Feldern waren
Leute an der Arbeit, die ihn freundlich grüßten, als er an ihnen
vorbeiging. Tiuri grüßte stets ebenso freundlich zurück.
Mitten am Vormittag kam ihm ein Wagen nachgefahren, den ein
Esel zog. Auf dem Bock saß ein Bauer, der ihn fragte, ob er mitfahren
möchte. Tiuri nahm das Angebot dankbar an. So saß er neben dem
Mann und antwortete auf dessen Frage, er sei unterwegs nach dem
Blauen Fluß.
»So weit fahre ich nicht«, sagte der Bauer, »aber Ihr könnt doch ein
schönes Stück weit mitfahren, guter Bruder. Das spart an den Beinen.
Ihr kommt sicher vom Braunen Kloster?«
»Ja, das stimmt«, erwiderte Tiuri.
»Auf Pilgerfahrt?« fragte der Bauer.
»Ja«, war Tiuris Antwort, »so könnte man es nennen.« Er dachte,
seine Reise habe wirklich etwas von einer Pilgerfahrt.
»Früher, da wanderten hier Pilger und Einsiedler und solche Leute
vorbei«, erzählte der Bauer. »Selber kann ich mich nicht gut daran
erinnern und Ihr natürlich erst recht nicht. Aber Ihr habt wohl auch
einmal gehört von der bösen Macht, die im Schloß Mistrinaut
herrschte.«
Tiuri hatte nie davon gehört und schwieg deshalb. Der Bauer schien
das nicht zu beachten und plauderte weiter.
»Jetzt ist dieses Land im Frieden und Wohlstand, Gott sei Dank«,
sagte er. »Darum gibt es vielleicht weniger Pilger. Seid Ihr früher
schon einmal beim Blauen Fluß gewesen?«
»Nicht auf dieser Höhe«, antwortete Tiuri. »Kann ich vor dem
Abend dort sein?«
»Oh, ganz bequem«, sagte der Bauer. »Ihr könnt heute nacht im
Schloß Mistrinaut schlafen. Es steht auf der andern Seite des Blauen
Flusses, gerade gegenüber der Stelle, wo dieser Weg auf den Großen
Weg mündet. Ihr könnt es schon von weitem sehen.«
»Schloß Mistrinaut?« fragte Tiuri, indem er an das dachte, was er
soeben über die böse Macht dort gehört hatte.
62
»Ja. Ihr denkt doch nicht, daß dort noch etwas zu fürchten ist?
Dieser Burgherr hat doch vor Jahren das Übel vernichtet! Oder wißt
Ihr nichts davon? Er kam aus einem andern Land, dieser Burgherr,
und erschlug den früheren Burgherrn. Er vertrieb die bösen Geister,
und der König selber dankte ihm dafür. Jetzt ist Mistrinaut ein
gastfreies Schloß. Immer ist die Brücke herabgelassen; jedermann ist
willkommen; man erhält ein Bett und so viel zu essen, als man mag.
Ich bin auch ein paarmal dort gewesen, als ich meinen Bruder
besuchte, der auf der andern Seite des Flusses wohnt…«
Er sprach weiter von seinem Bruder und dann von seiner Frau, den
Kindern und dem Bauernhof. Er redete sehr viel, aber Tiuri fand das
angenehm. So brauchte er nur zuzuhören und mußte nicht über sich
selber sprechen. Am Ende des Vormittags gelangten sie zu dem
Dörfchen, wo der Bauer sein mußte. Der freundliche Mann wollte
aber nicht Abschied nehmen, bevor Tiuri das Mittagsmahl mit ihm
genossen hatte.
»Gute Reise, Bruder«, sagte er dann. »Gedenkt meiner in Euren
Gebeten! Ich hoffe, Ihr erreicht den Blauen Fluß und das Schloß nicht
zu spät. Ich denke, daß wir heute abend schlechtes Wetter
bekommen.«

63
Auf Schloß Mistrinaut

Es war warm und sonnig, als Tiuri zu Fuß weiterging, aber am


späten Nachmittag bekam der Bauer doch recht: Der Himmel
bedeckte sich, und ein kühler Wind kam auf. Tiuri beschleunigte seine
Schritte. Vor sich sah er ein Schloß, das sich gegen den dunklen
Himmel scharf abzeichnete. Das mußte Mistrinaut sein, und dort also
waren auch der Blaue Fluß und der Große Weg. Als er den Fuß auf
den Großen Weg setzte, begann es zu regnen. Der Blaue Fluß war
nicht blau, sondern bleigrau; er war schmaler als bei der Stadt von
Dagonaut, und die Strömung schien viel stärker zu sein. Er stand im
Regen und schaute vom Fluß aus zum Schloß. Eine herabgelassene
Brücke führte zu dem zwischen zwei festen Türmen gelegenen Tor.
Tiuri fand, daß das Schloß trotz der niedergelassenen Brücke gar nicht
freundlich oder gastfrei aussah. Es war sehr groß, dunkel und
geheimnisvoll, mit rauhen Mauern und unzugänglichen Türmen.
Er schaute sich um; kein Obdach war in der Nähe zu sehen. Warum
sollte ich nicht im Schloß um Unterkunft fragen? überlegte Tiuri. In
meiner Verkleidung bin ich sicher, und diese Nacht schlafe ich lieber
nicht auf freiem Feld…. Aha, dort wird hinter einem Fenster Licht
angesteckt; es ist drinnen sicher trocken und behaglich.
Er ging über die Brücke und ließ den schweren Klopfer an die
Tortür fallen. Sie wurde sogleich geöffnet.
»Kommt herein!« sagte der Torwächter. »Was für ein Wetter! Seid
Ihr sehr naß, hochwürdiger Bruder?«
»Es geht schon«, gab Tiuri zur Antwort. »Ich wünsche Euch einen
guten Abend. Kann ich wohl diese Nacht einen Unterschlupf
bekommen?«
»Natürlich«, sprach der Torwächter. »Seid Ihr vom Burgherrn
eingeladen?«
»Nein, das nicht«, entgegnete Tiuri.

64
»Oh, Ihr seid auf jeden Fall willkommen«, sagte der Torwächter.
»Es war nur eine übliche Frage. Jeder, der hier vorbeikommt, kann
dableiben und übernachten. Kommt bitte mit!«
Tiuri folgte ihm zu einem kleinen, runden Zimmer in einem der
Türme neben dem Tor. Dort saß ein zweiter Torwächter an einem
Tisch und starrte tiefsinnig auf die Figuren eines Schachbretts, das vor
ihm lag.
»Ein Gast«, sagte der erste Torwächter. »Schreib ihn gleich auf!«
»Wart einen kleinen Augenblick!« gab der zweite zurück. Er
verschob eine der Figuren und sprach zufrieden: »Dein Turm ist in
Gefahr.« Dann stand er auf, ging zu einem Schrank, der im Zimmer
stand, holte ein dickes Buch hervor, eine Gänsefeder und ein
Tintenfaß. Er schlug das Buch auf und fragte Tiuri: »Wie ist Euer
Name, Bruder?«
»Tarmin«, sagte Tiuri. Es war der erstbeste Name, der ihm
eingefallen war.
»Bruder Tarmin«, wiederholte der Torwächter. Er steckte die Feder
in die Tinte und schrieb den Namen langsam auf. »Vom Braunen
Kloster?« fragte er.
Tiuri antwortete zustimmend. Auch das wurde sorgfältig
aufgeschrieben. Der Torwächter blies auf die Buchstaben und schlug
das Buch zu.
»So«, sagte er, »das wär' besorgt. Der Burgherr will, daß die Namen
all seiner Gäste hier eingeschrieben werden. Es ist eine schöne
Anzahl, so nach und nach.« Er wandte sich an den andern Torwächter.
»Es ist an dir, den nächsten Zug zu tun«, sagte er und wies auf das
Schachspiel.
»Hab noch ein wenig Geduld«, erwiderte dieser. »Erst muß ich
Bruder Tarmin den Weg zeigen. Du bist mir einer; nicht einmal einen
Willkommensgruß hast du ihm geboten.«
»Seid gegrüßt, Bruder Tarmin«, sagte der Torwächter, während er
mit dem Buch unter dem Arm aufstand und sich verbeugte. »Bittet für
mich armen Sünder! Und haltet meinen Freund nicht zu lange mit
Plaudern auf; er ist doch schon so faul! Und laßt ihn seinen Turm
65
bewachen… ich meine nicht Mistrinaut, sondern den schwarzen Turm
auf dem Schachbrett.«
»Kommt nur mit«, sagte der erste Torwächter. »Mit ihm kann man
nicht reden, nur Schach spielen.«
Er brachte Tiuri auf den Innenhof; auf der andern Seite war ein
zweites Tor. Sie überquerten den Innenhof im Laufschritt, es regnete
immer noch in Strömen, und der Torwächter öffnete das Tor mit
einem großen Schlüssel.
»Wenn Ihr weitergeht«, sagte er, »so findet Ihr schon jemand, der
Euch den Speisesaal und einen Schlafplatz zeigt.«
Tiuri dankte und tat, was ihm gesagt worden war. Er gelangte auf
einen zweiten Innenhof, der größer und schöner als der erste war, aber
so im Regen düster und verlassen aussah. Auf der andern Seite befand
sich eine gedeckte Galerie, wo er Leute hin und her gehen sah.
Dorthin ging er. Ein Mann in blauem Gewand trat auf ihn zu.
»Gesegnet sei Euer Abend«, sprach Tiuri mit einer Verbeugung.
»Ich bin ein Pilger und bitte Euch höflich um Unterkunft.«
»Seid willkommen, Pilger«, erwiderte der Mann. »Geht nur durch
jene Tür; dort sind die große Halle und der Speisesaal. Es brennt ein
Feuer im Kamin; da könnt Ihr Euch trocknen, während Ihr bis zur
Essenszeit wartet.«
»Habt Dank!« sagte Tiuri.
Die große Halle glich ein wenig der Halle im Schloß Tehuri, Tiuris
Daheim; sie war aber älter und sah viel düsterer aus. Die Balken an
der Decke waren schwarz vom Rauch, die Mauern grau und
verwittert. Es gab viele lange Bänke und Tische auf Gestellen, und auf
einer Seite des Saales befand sich eine Erhöhung, zu der eine hölzerne
Treppe führte. Auch dort stand ein Tisch, der mit einem weißen Tuch
bedeckt war. Dort saßen der Burgherr und seine Familie. Und bei
festlichen Gelegenheiten war dies der Platz der Spielleute und
Musikanten. Beim großen, offenen Kamin stand ein Diener in blauem
Kleid und drehte ein großes Stück Fleisch an einem Spieß. Es roch
herrlich. Tiuri trat hinzu, um sich ein wenig zu trocknen.

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»Guten Abend, Bruder«, sagte der Diener lachend. »Ihr seid früh.
Habt Ihr großen Hunger? Oder seid Ihr am Fasten?«
»Heute nicht«, antwortete Tiuri und lachte ebenfalls.
Es traten mehrere Diener mit Krügen und Brot auf Zinntellern ein,
die sie auf die Tische stellten. Einer entzündete die Fackeln, die in
eisernen Ringen an den Wänden standen. Dadurch erhielt der dunkle
Raum ein ganz anderes Aussehen; alles bekam einen warmen,
rötlichen Glanz. Tiuris Blick fiel auf einen Wandteppich, der über
dem Platz des Burgherrn hing.
Das Bild darauf kam ihm fast lebendig vor. Merkwürdiges war
darauf zu sehen: Krieger mit großen Köpfen und geflügelten Helmen,
die gegen ein drachenartiges Ungeheuer mit vielen gekrümmten
Hälsen und schrecklichen Köpfen kämpften. Es wirkte schön,
geheimnisvoll und auch ein bißchen gruselig in dem sich bewegenden
Lichte der Fackeln.
Ein Diener schlug einen Gong an. Nun traten viele Leute herein,
Schloßbewohner und Gäste, die alle an den langen Tischen Platz
nahmen. Tiuri setzte sich in eine dunkle Ecke. Die Leute, die sich
neben ihn setzten, grüßten ihn, beachteten ihn aber nicht weiter. Um
so mehr schauten sie auf einen andern Gast, der Wanderkrämer war
und allerlei Waren zeigte, wobei er endlos schwatzte. Zuletzt
erschienen der Burgherr und seine Familie. Der Burgherr war ein
großer, robuster Mann mit bleichem, strengem Gesicht und rötlichem
Haar und Bart. Er war in Gesellschaft zweier junger Frauen und eines
Geistlichen. Erst als sie sich gesetzt hatten und der Geistliche ein
Gebet gesprochen hatte, begann jedermann zu essen. Tiuri ließ es sich
schmecken. Es war im Überfluß weißes und braunes Brot vorhanden,
geröstetes Fleisch, Früchte und leichtes Bier. Tiuri saß ruhig in seiner
Ecke, hörte zu und beobachtete. Es ist noch gar nicht lange her, dachte
er, daß ich auch in einem Schloß bei der Familie des Schloßherrn am
erhöhten Tisch saß. Auch dort waren immer viele Gäste, Reisende, die
kamen und Unterkunft erhielten… Tiuris Gedanken schweiften ab
nach dem Schloß Fartumar, wo er als Schildknappe gewohnt hatte,
und nach dem Schloß Tehuri, seinem Daheim, wo er sorgenfreie

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Kinderjahre verbracht hatte. Er dachte an die Eltern, die sich nun wohl
bekümmert fragten, wo er sei.
Nach dem Essen zeigte ein Diener den Gästen ihre Schlafplätze. Er
führte sie durch viele Gänge und Treppen auf und ab. Tiuri bekam den
Eindruck, daß das Schloß sehr groß und von verwickelter Bauart war.
Er mußte eine Kammer mit dem Warenkrämer und einem
schweigsamen Bauern teilen. Es war ein kleiner, kahler, aber sauberer
Raum, in dem die drei Betten standen. Tiuri und der Bauer gingen
sogleich schlafen, doch der Warenkrämer sagte, er gehe noch in den
großen Saal zurück, weil er dort wohl Geschäfte machen könne.
»Vielleicht will der Burgherr auch etwas kaufen«, sagte er. »Ich
habe schönen Schmuck für seine Gemahlin und die Tochter: Ketten,
Haarbänder und Mantelspangen.«
»Wie heißt der Burgherr eigentlich?« fragte Tiuri.
»Das fragt Ihr mich!« sagte der Wanderkrämer. »Ich habe es
gewußt, aber ich hab's vergessen. Er hat einen unmöglichen Namen.
Ich nenne ihn nur den Herrn von Schloß Mistrinaut, denn das ist er ja
schließlich. Er ist nicht von hier.«
»Woher denn?« fragte Tiuri.
»Er kommt vom Norden. Dort haben alle Leute so rotes Haar, sagt
man. Aber er wohnt schon seit vielen Jahren hier. Er ist ein mächtiger
Herr und ein guter Herr dazu.«
Der Wanderkrämer packte seine Ware zusammen, wünschte eine
gute Ruhe und verschwand.
Bald darauf lag Tiuri im Bett. Er hörte, daß es draußen immer noch
regnete. Der Bauer fiel bald in Schlaf; das war seinen schweren,
ruhigen Atemzügen anzuhören. Tiuri jedoch war hellwach. Dies
verwunderte ihn, denn er hatte doch Grund, schläfrig zu sein, und
außerdem lag er in einem guten Bett anstatt auf dem Boden irgendwo
draußen im Freien. Er wußte nicht, wie lange er so dalag, aber er hörte
die Schloßinsassen plaudern, er hörte die Geräusche verstummen, er
hörte den Wanderkrämer zurückkehren und ins Bett schlüpfen… und
die ganze Zeit hatte er noch kein Auge zugetan. Schließlich war es
ganz still; sicher war jedermann schlafen gegangen. Sogar der Regen

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rauschte nicht mehr. Was ist das denn, dachte er ein bißchen böse. Ich
bin ein so gutes und trockenes Bett gar nicht wert! Vorwärts, schlaf
jetzt! Aber unter diesen Gedanken lebte ein anderes Gefühl, ein
Gefühl, das er nicht zugeben wollte. Ein Gefühl nahenden Unheils…
Er stand leise auf und öffnete die Tür, die auf einen kleinen
Innenhof führte. Es war trocken, aber der Himmel war noch bewölkt;
kein Stern war zu sehen. Ein kühler Wind strich an ihm vorbei, und
fröstelnd begab er sich wieder in sein Bett.
Endlich fiel er doch in Schlaf, aber bald darauf wurde er wieder
wach durch den Lärm vieler Hufe, die über die Zugbrücke polterten.
Wer kann das sein, so spät in der Nacht? fragte sich Tiuri, aber er
war nun doch zu schläfrig, als daß er nach einer Antwort gesucht
hätte. Wieder schlief er ein und erwachte erst am Morgen.
Der Bauer und der Wanderkrämer schliefen noch. Tiuri fühlte nach
dem Brief auf der Brust, das war immer das erste, was er tat, wenn er
erwachte, stand auf und ging hinaus. Es war trocken, aber die Luft war
grau und ließ Regen erwarten. Tiuri wusch sich bei der Pumpe im
Innenhof und begab sich zum Speisesaal. Auf dem großen Innenhof
gingen schon verschiedene Burginsassen herum und waren mit allerlei
beschäftigt. Einer von ihnen jagte einem weißen Huhn nach, das mit
lautem Gackern in den Speisesaal flog, gerade als Tiuri dort ankam.
Er bückte sich und fing das flatternde Tier.
»Vielen Dank, Bruder«, sagte der Burgbewohner und übernahm das
Huhn. »Es ist ein verwöhntes Biest; es meint, es dürfe alles. Ihr seid
früh auf.«
»Ich will nicht zu spät weiterwandern«, sagte Tiuri. »Kann ich
etwas zu essen bekommen?«
»O ja, natürlich«, war die Antwort. »Alles ist schon bereit. Viele
von uns haben schon gegessen, auch der Burgherr. Aber Ihr könnt
noch nicht fortgehen; die Brücke ist noch aufgezogen.«
»Oh«, bemerkte Tiuri. »Wann wird sie herabgelassen?«
»Sonst ist sie um diese Zeit schon drunten. Im Sommer um sechs
Uhr. Ja, manchmal wird sie überhaupt nicht aufgezogen. Aber der
Burgherr hat befohlen, die Brücke dürfe nicht herabgelassen werden,
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bevor er es anordne. Das wird bald geschehen; es sind mehrere Gäste
da, die weggehen wollen, und einige von uns haben außerhalb des
Schlosses zu arbeiten.«
»Dann warte ich«, sagte Tiuri. »Warum muß die Brücke diesen
Morgen denn oben bleiben?«
»Das weiß ich nicht«, antwortete der Burgbewohner. »Man sagt, es
seien diese Nacht unerwartet Gäste zum Burgherrn gekommen, und
nachher sei die Brücke aufgezogen worden. Aber geht zuerst essen;
dann werdet Ihr wohl hinausgehen können.«
Tiuri begann sein Frühstück mit einem Gefühl der Unruhe. Die
aufgezogene Brücke gefiel ihm nicht. Aber er sagte sich: Keine
Gespenster sehen, Tiuri! Man muß nicht überall Gefahren sehen.
Außerdem bist du in deiner Kutte gut vermummt. Wenn du nur deine
Ungeduld nicht zeigst! Nach dem Essen spazierte er über den
Innenhof. Er fing Fetzen von Gesprächen zwischen den Burginsassen
auf.
»Fremde Ritter…«
»Mitten in der Nacht… Freunde des Burgherrn…«
Tiuris Unruhe nahm zu, und darum eilte er fast bis zum Tor. Im
Torgang saß einer der Wächter auf einer Bank; er war mit dem
Spannen eines Bogens beschäftigt.
»Guten Morgen«, sagte Tiuri.
»Guten Morgen«, gab der Torwächter zurück.
Aus dem Raum neben dem Tor ertönte die Stimme des andern
Wächters: »Du bist dran! Schach dem König!«
»Verflucht«, brummte der erste Torwächter. »Laß mich doch
einmal in Ruh'!«
Er ließ den Bogen sinken und sagte zu Tiuri: »So, Bruder Tarmin,
wollt Ihr uns wieder verlassen? Ihr müßt noch warten, bitte. Die
Zugbrücke ist noch nicht drunten.«
»Wann kann ich weg?« fragte Tiuri.

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»Oh, das weiß ich nicht. Gewöhnlich ist die Brücke bereits
herabgelassen«, antwortete der Torwächter, und er begann wieder an
seinem Bogen zu basteln.
Tiuri stieß einen ungeduldigen Seufzer aus.
Plötzlich fragte eine Stimme hinter ihm: »Ihr wünscht fortzugehen,
ehrwürdiger Bruder?«
Tiuri erschrak ein wenig und drehte sich um. Da stand der Burgherr;
er mußte unhörbar herzugekommen sein. Der Torwächter wollte
aufstehen, aber der Burgherr hob die Hand und sagte: »Bleib sitzen
und fahr mit deiner Arbeit fort! – Die andern Gäste sitzen am
Frühstück«, meinte er dann. »Ich gebe sogleich Befehl, das Tor zu
öffnen und die Brücke herabzulassen.«
Tiuri merkte, daß der Burgherr mit einem ziemlich merkwürdigen
Tonfall sprach.
»Woher kommt Ihr, Bruder?« fragte der Burgherr. »Und wohin geht
Ihr?«
Tiuri antwortete nur auf die erste Frage. »Ich komme vom Braunen
Kloster«, sagte er. »Und da ich Euch sehe, will ich Euch herzlich
danken für die Gastfreundschaft, die ich in Eurem Schloß genossen
habe.«
»Nichts zu danken, nichts zu danken«, sagte der Burgherr.
Tiuri hatte das Gefühl, er werde scharf beobachtet, aber er wußte es
nicht sicher, denn es war dunkel im Torgang, und der Burgherr stand
mit dem Rücken gegen das Licht. Doch war Tiuri froh darüber, daß er
die Kapuze seiner Kutte über den Kopf gezogen hatte.
Der Burgherr wandte sich ab und schritt gegen den Innenhof.
»O ja, Bruder«, sagte er über die Schulter, »Ihr kommt vom
Braunen Kloster… Ich will Euch noch etwas fragen.«
Tiuri folgte ihm. Dicht vor dem Torgang blieben sie stehen.
Der Burgherr hob das Gesicht gegen die graue Luft und bemerkte:
»Das gibt wieder einen Guß.«
Dann schaute er Tiuri an. Dieser konnte ihn nun endlich gut
betrachten, und er sah, daß das Gesicht nicht so sehr bleich war, aber
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ganz weißhäutig. Die Augenbrauen standen buschig, und die Augen
glänzten lichtgrün und durchdringend.
»Seid Ihr etwa unterwegs einem Jüngling begegnet, Bruder?« fragte
er, »einem Jüngling von etwa sechzehn Jahren mit dunklem Haar und
graublauen Augen?«
Es war, als ob sich eine eiskalte Hand um Tiuris Herz schlösse.
»Ein Jüngling…«, wiederholte er. »Ich kann mich nicht erinnern.
Ich habe nicht darauf geachtet.«
Er fragte sich, ob seine Worte überzeugend tönten oder ob der
Burgherr seinen Schrecken bemerkt hatte.
»Man sieht so viele Leute unterwegs«, fügte er bei.
»Aber dieser Jüngling muß Euch aufgefallen sein«, sprach der
Burgherr. »Er trägt zerrissene und schmutzige Kleider, wahrscheinlich
ein Gewand, das einmal weiß gewesen ist, und an einem Finger trägt
er einen kostbaren Ring mit einem weißen, glänzenden Stern.«
Tiuri schüttelte den Kopf. »Nein, Herr«, sagte er langsam. »Diesen
Jüngling habe ich nicht gesehen; das weiß ich sicher.«
»Es hätte doch sein können, nicht?« meinte der Burgherr. »Ihr
kommt aus der gleichen Richtung wie er. Aber er kommt von weiter
her, vom Osten.«
»Es tut mir leid, daß ich Euch nicht helfen kann«, bemerkte Tiuri so
leicht, wie er konnte. »Was ist das für ein Jüngling?« fügte er nach
einigem Nachdenken bei. »Einer Eurer Bekannten?«
»Ich bin ihm noch nie begegnet«, erwiderte der Burgherr und
schwieg eine Weile.
Tiuri schwieg auch, da er nicht wußte, was er noch sagen sollte. Er
blickte vor sich hin und fragte sich, ob der Burgherr ihn wohl noch
immer beobachtete.
Aus der Kammer neben dem Tor ertönte wieder die Stimme des
zweiten Wächters: »Komm her und schau! Schach dem König, sage
ich.«
»Wie heißt Ihr, Bruder?« fragte der Burgherr.
»Tarmin«, antwortete Tiuri.
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»Eure Stimme tönt jung, Bruder Tarmin«, fuhr der Burgherr fort.
»Wie alt seid Ihr eigentlich? Sechzehn, siebzehn Jahre? Habt Ihr
das Gelübde schon abgelegt?« Er beugte sich zu Tiuri. »Ich möchte
Euer Gesicht einmal besser sehen«, sagte er. »Schlagt bitte Eure
Kapuze zurück!«
Und bevor Tiuri etwas tun oder sprechen konnte, hatte der Burgherr
das schon selber getan.
»So«, sagte er und zog die buschigen Augenbrauen zusammen.
»Dunkles Haar, graublaue Augen! Und das Alter habt Ihr auch, dünkt
mich.«
Tiuri trat einen Schritt zurück und bemerkte so erstaunt wie
möglich: »Ihr denkt doch nicht, ich sei der Jüngling, den Ihr sucht?«
»Ich weiß, daß es manchen gibt, auf den die Beschreibung paßt«,
erklärte der Burgherr, »aber von meinen Gästen seid Ihr der einzige.
Darum ersuche ich Euch, mit mir zu kommen.«
»Aber warum?« fragte Tiuri, der noch immer die Rolle des
Erstaunten spielte. »Ich weiß nicht, was Ihr von mir wollt! Ich bin
Bruder Tarmin vom Braunen Kloster, und ich…«
»Ihr habt nichts zu fürchten«, fiel ihm der Burgherr ins Wort.
»Wenigstens, wenn Ihr der seid, als den Ihr Euch bezeichnet. Ihr sollt
nur zu ein paar Freunden mitkommen, die diese Nacht eingetroffen
sind. Wenn Ihr nicht der seid, den sie suchen, so geschieht Euch
nichts.«
»Ich werde aber von niemand gesucht!« rief Tiuri. »Ich begreife
nicht, was Ihr von mir wollt!«
»Ich will nichts von Euch«, sagte der Burgherr kurz.
Er legte die Hand auf Tiuris Schulter und befahl ihm mitzugehen.
Tiuri gehorchte. Wenn er sich noch länger sträubte, so machte er sich
nur verdächtiger, und an ein Entrinnen war bei dem geschlossenen Tor
und der aufgezogenen Brücke nicht zu denken. Sein Herz klopfte
stark; er fürchtete, er wisse, wer die Freunde des Burgherrn waren.
Aber er nahm sich vor, seine Rolle so gut wie möglich zu spielen.
Sie schritten über den Innenhof und traten durch das zweite Tor. Der

73
Burgherr nahm seine Hand nicht von Tiuris Schulter, als ob er
fürchtete, jener könnte entwischen.
Auf dem zweiten Innenplatz sah er etwas, was ihm den Schritt
hemmte. Zwei Knechte waren damit beschäftigt, ein schwarzes Pferd
zu striegeln, das sich das kaum gefallen ließ. Verschiedene
Burginsassen standen darum herum und machten Bemerkungen, wie
»ein feuriges Tier!« und »ein prächtiges Pferd!«.
Tiuri erkannte es sofort. Es war sein »Schwarzer Helfer«, das Pferd
des Ritters mit dem weißen Schild; jetzt wußte er, wie es hieß:
Ardanwen oder Nachtwind. Er brauchte sich nicht zu fragen, wie das
Tier hierher geraten sei.
Als das Pferd ihn sah, hob es den Kopf und wieherte laut.
»Es scheint Euch zu grüßen«, sprach der Burgherr. »Kennt Ihr
dieses Pferd?«
»Nein«, entgegnete Tiuri. Es tat ihm leid, daß er das treue Tier
verleugnen mußte, aber es blieb ihm keine Wahl.
Der Burgherr blickte ihn von der Seite an, sagte aber nichts. Sie
gingen weiter, durch die Galerie und den Speisesaal, durch eine Türe
und einige Treppenstufen aufwärts. Dort war wieder eine Tür, die der
Burgherr öffnete. Er ließ Tiuri los und blieb in der Türöffnung stehen,
so daß dieser nicht sehen konnte, was sich davor befand.
»Ich habe einen Gast, auf den die Beschreibung paßt«, erklärte der
Burgherr. »Wollt Ihr mit ihm sprechen?«
Eine klare Stimme antwortete: »Wartet einen Augenblick…« Und
dann: »Laßt ihn hierher kommen!«
Der Burgherr wandte sich an Tiuri. »Geht hinein!« befahl er.
Tiuri gehorchte. Er hörte, daß hinter ihm die Tür geschlossen
wurde. Er trat in ein niedriges Zimmer mit einem großen Tisch, auf
dem die Reste einer Mahlzeit standen. Um den Tisch herum saßen und
standen die vier grauen Ritter und ihre Schildknappen! Sie trugen alle
den Helm mit herabgelassenem Visier.
»Er nennt sich Bruder Tarmin«, ertönte die Stimme des Burgherrn,
»aber er entspricht Eurer Beschreibung.«

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Tiuri warf einen Blick nach hinten; sein Gastgeber stand mit dem
Rücken an die Tür gelehnt und schaute mit Stirnrunzeln auf die
grauen Ritter. Diese waren nun alle aufgestanden. Tiuri sah, daß ihre
Augen, die hinter den Helmritzen glänzten, auf ihn gerichtet waren.
»Ist er derjenige, den Ihr sucht?« fragte der Burgherr.
»Ich weiß es nicht«, antwortete einer der Ritter. »Hat er den Ring?«
Jetzt keine Angst zeigen, dachte Tiuri.
Verwundert schaute er die Ritter an und fragte: »Was wollt Ihr von
mir? Wer seid Ihr? Ich kenne Euch nicht!«
»Habt Ihr den Ring?« fragte ein anderer Ritter mit barschem Ton.
»Ring? Welchen Ring? Was habt Ihr vor?« rief Tiuri erstaunt.
Die grauen Ritter schwiegen. Ihre Schildknappen schwiegen.
Unbeweglich standen sie da und blickten auf Tiuri.
»Also ist er nicht der, den Ihr sucht?« fragte nun der Burgherr.
»Wir wissen es nicht«, erwiderte der Ritter, der zuerst gesprochen
hatte.
Tiuri erkannte an der Stimme den Ritter mit dem silbernen Horn.
»Aber wir werden es wissen«, fiel der zweite ein.
»Ja«, sprach der erste, und er fragte Tiuri: »Seid Ihr aus dem Osten
geflüchtet, aus dem Wald von König Dagonaut?«
»Ich komme vom Braunen Kloster«, antwortete Tiuri.
»Habt Ihr den Ring?« fragte der zweite.
»Ich weiß nichts von einem Ring«, sagte Tiuri.
»Wir werden wissen, ob Ihr die Wahrheit sagt«, bemerkte der erste
der grauen Ritter. »Unter Eurer Kutte könnt Ihr ihn verstecken.«
»Ich begreife nicht, warum Ihr mich so behandelt«, sagte Tiuri mit
gutgespielter Entrüstung. »Es wäre besser, Ihr würdet Euer Visier
öffnen und sagen, wer Ihr seid!«
»Das ist nicht das Benehmen eines gehorsamen Laienbruders!«
sagte ein dritter Ritter.
»Durchsucht seine Kleider!« befahl der erste Ritter den
Schildknappen. »Dann sind wir sicher.«
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Die Schildknappen kamen auf Tiuri zu. Dieser wich zurück, bis er
an den Burgherrn stieß.
»Ich lasse mich nicht so behandeln!« rief er. »Ich kenne Euch nicht
und weiß nichts von einem Ring!«
Die Schildknappen zögerten einen Augenblick, aber die Grauen
Ritter sagten gleichzeitig: »Durchsucht seine Kleider und schaut nach,
ob er den Ring hat!«
Dies aber durfte nicht geschehen! Tiuri fühlte den Brief auf der
Brust, den Brief, von dem niemand etwas wissen durfte. Wenn man
ihn genau untersuchte, so fand man den Brief. Nun mußte er Auskunft
geben; vielleicht bestand dann noch die Möglichkeit, daß der Brief
nicht gefunden wurde. Er hob eine Hand und zog an dem Schnürchen
um den Hals.
»Ihr braucht ihn nicht zu suchen«, sagte er. »Ich habe einen Ring.
Hier ist er.«
Die Schildknappen wichen vor den grauen Rittern zur Seite, die auf
Tiuri zukamen und auf den Ring schauten, der, immer noch am
Schnürchen festgebunden, auf Tiuris Handfläche lag.
»Der Ring!« stieß einer hervor.
»Er ist es…« flüsterte ein anderer.
Der dritte packte den Ring auf Tiuris Hand so grob, daß die Schnur
entzweiging.
»Dieser Ring gehört mir«, sagte Tiuri. »Gebt ihn mir zurück!«
»Euer Ring!« sprach der Ritter höhnisch. »Schande über Euch; eine
Schande, daß Ihr in einem solchen Kleid vor uns steht!«
»Er ist der, den wir suchen«, sagte der erste Ritter zum Burgherrn.
»Wir werden ihn so behandeln, wie er es verdient. Er ist unser
Gefangener.«
Tiuri schaute den Burgherrn an. »Laßt mich gehen!« sagte er. »Ich
kenne diese Ritter nicht, und ich habe nichts getan, weswegen ich
gefangengenommen werden sollte.«
Der Burgherr stand noch an die Tür gelehnt. Er faßte Tiuri scharf
ins Auge, gab aber keine Antwort.
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»Ich bin Euer Gast!« rief Tiuri. »Warum laßt Ihr mich beleidigen
und gefangennehmen von diesen Rittern, die nicht einmal ihren
Namen gesagt oder das Visier aufgeschlagen haben? Das ist eine
Schändung des heiligen Gesetzes der Gastfreundschaft! Ich verlange,
daß sie mir den Ring zurückgeben und mich gehenlassen!«
Der Burgherr wandte sich ab und schwieg.
»Ergreift ihn!« befahl einer der grauen Ritter.
»Sagt mir, warum Ihr mich gefangennehmt!« rief Tiuri, als er von
mehreren Händen gepackt wurde.
Aber die grauen Ritter sagten nichts. Der Burgherr trat zur Seite und
öffnete die Tür. Von zwei Rittern und zwei Schildknappen wurde
Tiuri mitgeführt, durch einen Gang und eine hohe Treppe hinauf. Die
ganze Zeit sprachen sie kein Wort, auch Tiuri nicht, denn er begriff
jetzt gut, daß es doch nichts nützen würde. Schließlich gelangten sie
zu einer Tür, die zu einem kleinen Zimmer führte. Dort wurde Tiuri
hineingestoßen. Die Tür wurde hinter ihm zugeschlagen. Er war im
Schloß Mistrinaut gefangen.
Das Zimmer war achteckig und hatte ein offenes Fenster. Tiuri eilte
hin und blickte hinaus. Da merkte er, daß er sich in einem
Turmzimmer befand; er schaute hinab auf einen verlassenen Innenhof,
tief unter ihm. Gegenüber sah er einen andern Turm und eine Mauer.
Mit einem Seufzer wandte er sich ab; zu entweichen war unmöglich.
Er schaute sich in der Kammer um. Es standen einige schwere Möbel
da, ein großer Tisch, ein kleiner Tisch und zwei Stühle mit Kissen
darauf. Ein Teppich lag auf dem Boden und ein Tuch auf dem großen
Tisch. Es hingen Teppiche an den Wänden, und an der Decke hing
eine schön gearbeitete Kupferlampe. Ein hübsch eingerichtetes
Gefängnis, aber doch ein Gefängnis! Tiuri setzte sich auf einen der
Stühle und dachte nach. Es gab etwas, was seine Verwunderung
hervorrief. Warum hatten die grauen Ritter zwar nach dem Ring
gefragt, nicht aber nach dem Brief? Wollten sie nicht, daß es der
Burgherr erfuhr? Ob sie bald kamen und ihm auch den Brief
abverlangten? Dieser Gedanke ließ ihn aufspringen und unruhig in
dem kleinen Gemach herumgehen. Nach einigen Augenblicken blieb
er stehen. Er lauschte gespannt. Er hörte Schritte vor der Kammer und
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ein metallenes Geräusch wie von einem Spieß, der auf den Boden
gestellt wurde. Ob jemand vor der Tür Wache stand? Ob jemand
sogleich eintrat? Er hörte das Gemurmel von Stimmen, aber es war
nichts zu verstehen. Er legte ein Ohr an das Schlüsselloch.
Jetzt konnte er einige Worte auffangen: »Er ist gut eingesperrt…
wie er getan hat, so wird ihm angetan… er sieht sehr jung aus für…
ich verstehe es nicht… überall Schlechtes… Flucht… aber wir sollten
jetzt…«
Viel konnte Tiuri damit nicht anfangen.
Plötzlich knarrte der Schlüssel im Schloß. Tiuri wich zurück. Die
Türe ging auf, und einer der grauen Ritter, immer noch mit
herabgelassenem Visier, blickte ins Zimmer. Er sagte nichts,
verschwand bald wieder und schloß die Tür hinter sich. Wieder hörte
Tiuri Schritte und Gemurmel.
Er zog mit zitternden Fingern den Brief hervor und dachte: Nun ist
es Zeit, ihn zu lesen und zu vernichten, bevor er in ihre Hände gerät!
Aus welchem andern Grund hätten sie mich gefangengenommen?
Er zerbrach eines der drei Siegel und erschrak, weil wieder der
Schlüssel im Schloß knarrte. Rasch hob er das Tischtuch und schob
den Brief darunter. Als nochmals ein Ritter hereinschaute, saß Tiuri
ruhig in einem Stuhl. Dieser Ritter war ein anderer als der frühere; es
war derjenige mit der barschen Stimme. Vielleicht hatte er im Kloster
nach ihm gefragt. Er betrat das Zimmer und untersuchte den Raum
flüchtig, ohne Tiuri auch nur eines Blickes zu würdigen. Tiuri saß mit
klopfendem Herzen da und wartete. Schaute der Ritter nur nach, ob
das Gefängnis in Ordnung war, oder suchte er etwas? Nein, er ging
weg. Ich muß vorsichtig sein, dachte Tiuri. Sie dürfen den Brief nicht
sehen, wenn sie unerwartet hereinkommen. Leider gab es keinen
Riegel an der Innenseite der Tür. Kommen etwa alle vier schauen,
fragte sich Tiuri, der Reihe nach? Immer noch hörte er Geräusche vor
seinem Gefängnis. Hatte die ganze graue Gesellschaft sich vor der Tür
versammelt?
Er zog den Brief unter dem Tischtuch hervor und dachte erregt: Den
Brief lesen und vernichten… wie? Es gibt kein Feuer hier… Aber es

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geht natürlich. In tausend Stückchen zerreißen, nötigenfalls essen…
Aber zuerst lesen… Schnell!
Er zerbrach das zweite Siegel.
Ich muß die Botschaft kennen, dachte er. Und wenn jemand
kommt…? Dann ist es aus… Da höre ich wieder etwas! Kommt jetzt
der dritte?
Aber der dritte Ritter kam nicht. Tiuri blickte auf die Möbel. Wenn
er so einen schweren Stuhl vor die Tür schöbe? Dann könnte niemand
unverhofft das Zimmer betreten; so hätte er Gelegenheit, den Brief
verschwinden zu lassen. Er begann den Plan sogleich auszuführen. Es
war nicht leicht; der Stuhl war schwer, und er durfte keinen Lärm
machen. Manchmal hielt er inne, um zu lauschen; er hörte immer noch
Stimmen, aber niemand trat ein. Schließlich stand der Stuhl dort, wo
er stehen sollte. Tiuri stellte den kleinen Tisch darauf und schaute
nach, ob das Ganze leicht zu verschieben war. Er wußte, daß dies die
Eintretenden nicht lange aufhalten würde. Aber er durfte nicht noch
mehr Zeit verlieren. Er setzte sich auf den Boden und wollte das dritte
Siegel zerbrechen. Bevor er es .tun konnte, wurde der Schlüssel im
Schloß wieder gedreht.
Der Türknopf bewegte sich, und jemand rief erstaunt: »Sie geht
nicht auf!«
Zu spät, dachte Tiuri.
»He«, rief die gleiche Stimme, »macht auf!«
Und an einen andern gerichtet, tönte es: »Er will uns nicht
hineinlassen!«
Es wurde an die Tür gepoltert und gestoßen. Der Stuhl zitterte. In
Kürze mußten sie drinnen sein. Es war unmöglich, den Brief zu lesen,
den Inhalt auswendig zu lernen und dann das Schriftstück zu
vernichten. Tiuri schob ihn diesmal unter den Bodenteppich. Dann
stand er auf, blieb auf der Stelle stehen, unter der der Brief lag, und
wartete auf das, was geschehen würde. Die Tür gab nach. Das
Tischchen flog mit lautem Lärm vom Stuhl. Ein Ritter und zwei
Schildknappen traten ins Zimmer.

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»Was bedeu…«, begann der erste und schwieg plötzlich, wie wenn
er bereute, daß er etwas gesagt hatte.
Es war der Ritter mit der barschen Stimme. Zwei der grauen Ritter
konnte Tiuri erkennen; er nannte sie in Gedanken Ritter mit der
barschen Stimme und Ritter mit dem Silberhorn. Der Ritter drehte
sich um und verschwand. Die Schildknappen blieben stehen, die Hand
am Schwert.
»Oh, ich laufe bestimmt nicht weg!« sagte Tiuri. »Ich weiß, daß
kein Entweichen möglich ist. Wenn ich nur wüßte, warum ich hier
bin!«
Die Schildknappen gaben keine Antwort. Nach kurzer Zeit kehrte
der Ritter zurück; er hatte eine Seilrolle bei sich, die er den
Schildknappen zuwarf. Dann schob er den Stuhl wieder an den großen
Tisch, packte Tiuri grob und stieß ihn auf den Stuhl. Mit einer
Kopfbewegung bedeutete er den Schildknappen, näher zu kommen.
Zu dritt banden sie Tiuri auf dem Stuhl fest, und dies alles geschah
unter tiefstem Schweigen. Tiuri sträubte sich nicht; er wußte, daß dies
nutzlos wäre. Gegen diese schweigenden grauen Feinde half es nicht
zu kämpfen, nicht einmal zu sprechen. Kurz darauf war er wieder
allein, machtlos, gebunden. Der Brief befand sich außerhalb seines
Bereichs unter dem Bodenteppich. Aber die Ritter hatten nicht danach
gefragt, auch nicht gesucht. Je länger er darüber nachdachte, desto
mehr war er darüber verwundert. Er versuchte sich zu bewegen, aber
es war unmöglich. Seine Feinde hatten gute Arbeit geleistet. Da saß er
jetzt, untätig, und die Zeit verging…
»Es darf keine Zeit mehr verlorengehen«, hatte der Ritter mit dem
weißen Schild gesagt.
Er starrte auf die Stelle des Teppichs, unter der der Brief liegen
mußte; in einem unbekannten Schloß war er gefangen und wußte
nicht, welches Schicksal ihn erwartete. Ewigkeiten schienen zu
vergehen. Er verlor schließlich jeden Zeitbegriff. Er konnte nur einen
Teil des Zimmers sehen, und dieser Teil sollte ihm im Gedächtnis
eingegraben bleiben.

80
Der Burgherr und seine Tochter

Es war sicher schon spät, als Tiuri plötzlich wieder Geräusche vor
dem Zimmer hörte. Die Tür ging auf, und ein Mann trat ein. Es war
kein grauer Ritter und auch kein Schildknappe, sondern einer der blau
gekleideten Diener des Burgherrn. Er trug ein Brett mit Speisen, das
er auf den Tisch stellte.
Dann blickte er Tiuri kopfschüttelnd an und sagte: »Jetzt mache ich
aber Eure Hände los. Sonst bin ich ja umsonst die Treppe
heraufgestiegen.«
Das Lösen kostete ihn einige Mühe, aber zuletzt glückte es doch.
Tiuri rieb sich die Gelenke; nun konnte das Blut in Armen und
Händen besser fließen, und das tat weh – so sehr, daß ihm die Tränen
in die Augen schossen. Er wollte aber nichts merken lassen, und so
beugte er den Kopf und biß sich auf die Lippen. Der Diener hatte sich
zur Tür zurückgezogen. Offenbar mußte er warten, bis Tiuri gegessen
hatte. Nach einer Weile fühlte sich dieser imstande, die Mahlzeit zu
beginnen. Sie bestand aus Wasser und Brot, aber dies genügte ihm,
denn er hatte Hunger bekommen. Schweigend aß er. Er hatte sich
vorgenommen, nichts mehr zu sagen oder zu fragen und seine
Gefangenschaft äußerlich stolz und gleichgültig zu tragen.
Als er bereit war, sagte der Diener, indem er sich fast entschuldigte:
»Jetzt muß ich Euch wieder festbinden.«
Tiuri ließ es geschehen, ohne etwas zu sagen, stellte aber fest, daß
der Diener es viel lockerer und flüchtiger besorgte als der Ritter und
seine Schildknappen. Sobald Tiuri wieder allein war, versuchte er, ob
es diesmal möglich sei, sich zu befreien. Wenn die Hände einmal frei
waren, so war das übrige einfach. Doch dauerte es noch endlos lange,
bevor er mit vielem Wenden und Drehen soweit war.
Aber es glückte!
Ein Weilchen blieb er sitzen und bewegte Beine und Arme; dann
stand er auf und schritt leise im Zimmer auf und ab, bis die ärgste
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Steifheit verschwunden war. Er schaute hinaus. Der Tag war am
Vergehen. Es regnete nicht mehr, aber das wenige, was Tiuri sehen
konnte, sah trüb und verdrießlich aus. Nun war er ohne Fesseln, aber
nicht frei. Doch fühlte er sich besser, ruhiger und mutiger. Jedenfalls
konnte er nun den Brief lesen, bevor es dunkel war.
Aber es war wie verhext! Schritte und Stimmen vor der Tür
veranlaßten ihn, rasch zum Stuhl zurückzukehren, den Strick um sich
zu winden und so still dazusitzen, wie wenn er immer noch gebunden
wäre.
Der Burgherr trat ein. Er blickte Tiuri mit gerunzelter Stirn an und
sagte: »So, es war also nötig, Euch zu binden.«
Tiuri schwieg mit hochmütigem Gesicht und hoffte, daß der
Besucher nicht auf den Gedanken komme, den Strick zu untersuchen.
Der Burgherr trat näher, stemmte die Hände in die Seiten, schaute
ihn aufmerksam an und fragte dann barsch: »Wie heißt Ihr?«
Tiuri erwiderte den Blick, sagte aber nichts.
»Jawohl, nichts sagen!« sprach der Burgherr gereizt. »Das steht
Euch gut!«
Tiuri zögerte mit einer Antwort. »Sie haben nichts gesagt«,
bemerkte er schließlich. »Sie haben mich gefangennehmen lassen,
ohne eine Anklage vorzubringen.«
»Ihr werdet doch wissen, warum Ihr hier sitzt«, sagte der Burgherr,
ebenfalls nach einem kurzen Zögern. »Ihr habt doch den Ring gehabt,
nicht?«
»Der Ring!« rief Tiuri mit einer unwillkürlichen Bewegung, die er
rasch einstellte. »Was wißt Ihr von dem Ring?«
»Wem gehörte dieser Ring?« war die Gegenfrage.
Wieder zögerte Tiuri, bevor er Antwort gab. Durfte er es sagen?
Was hilft es? dachte er. Er weiß es ja doch, denke ich. Nur verstehe
ich immer noch nicht, warum sie die ganze Zeit vom Ring reden und
nie vom Brief.
Und er sagte: »Dem schwarzen Ritter mit dem weißen Schild!«

82
»Dem schwarzen Ritter mit dem weißen Schild«, wiederholte der
Burgherr langsam. »Also sagt Ihr es selber. Und warum tragt Ihr ihn
denn?«
»Warum ich ihn trage?«
»Dieser Ring – Ihr sagt es selber – gehört dem schwarzen Ritter mit
dem weißen Schild. Wie könnt Ihr ihn denn tragen?«
»Aber der Ritter mit dem weißen Schild ist tot!« rief Tiuri.
Der Burgherr blickte ihn an, als ob er seine Gedanken lesen wollte.
»Habt Ihr ihn gekannt?« fragte Tiuri.
Der Burgherr trat einen Schritt näher und beugte sich über ihn.
Er berührte Tiuris Brust mit dem Finger und sagte: »Ja, der
schwarze Ritter mit dem weißen Schild ist tot. Wißt Ihr, wie er
gestorben ist?«
»Ja«, sagte Tiuri.
»Er wurde ermordet.«
»Ja«, sagte Tiuri. »Das weiß ich.«
Die Worte und das Benehmen des Burgherrn verwunderten ihn; er
wußte nicht gut, was er davon halten sollte.
»Ihr wißt es, Ihr wißt es!«
Der Burgherr richtete sich auf, warf noch einen Blick auf ihn,
drehte sich um und verließ schnell das Zimmer. Tiuri saß da und
starrte nach der Tür, auch als der Burgherr schon verschwunden war.
Was bedeuteten diese Worte? Er hatte das merkwürdige Gefühl, daß
sie einander auf die eine oder andere Weise falsch verstanden hatten.
Und warum denn das Gerede um den Ring? Was war damit los? Ob
sie nicht wollten, daß Menaures ihn sah? Ob sie ihn gefangenhielten,
damit er seinen Auftrag nicht erfüllen konnte? Aber dann wäre es
doch einfacher gewesen, ihm den Brief zu nehmen. Vielleicht dachten
sie, er kenne die Botschaft bereits, aber dann hätten sie ihn doch töten
können. Den Ritter mit dem weißen Schild hatte man ja auch
umgebracht.
Plötzlich dachte er daran, daß der Burgherr hatte sehen müssen, daß
der Strick los war. Er mußte es gesehen haben! Aber er hatte nichts
83
dazu gesagt… Inzwischen war Tiuri auf den Boden gekniet, um den
Brief unter dem Bodenteppich hervorzunehmen.
Da traf ein seltsames Geräusch seine Ohren: Ein Schritt, ein
Geraschel, ein Scharren, ein leises Knacken. Es kam nicht von der Tür
her und ebensowenig durch das Fenster. Tiuri hielt den Atem an.
Einen Augenblick war es, als ob der Wandteppich, auf den er als
Angebundener so lange geschaut hatte, wahrhaftig lebendig würde!
Gleich darauf stellte er fest, daß sich der Teppich bewegte. Er sprang
auf und lief hin. Es ertönte ein schabendes Geräusch, der Teppich
bewegte sich noch stärker und wurde auf die Seite geschoben.
Dahinter sah er eine dunkle Öffnung in der Mauer, und in dieser
Öffnung stand ein junges Mädchen mit einem Finger auf den Lippen.
Tiuri schaute es verwundert an. Es war ungefähr im gleichen Alter
wie er und trug lange, schwarze Zöpfe. Er erkannte in ihm eine der
Frauen, die am Abend zuvor beim Burgherrn am Tisch gesessen
hatten.
»Wer seid Ihr?« flüsterte er.
»Still!« sagte das Mädchen leise. »Man darf mich nicht hören.
Wartet!«
Es verschwand in der dunklen Öffnung, die wahrscheinlich zu
einer geheimen Treppe führte. Wieder hörte Tiuri ein schabendes
Geräusch, und er trat näher und schaute in die Finsternis. Das Fräulein
erschien wieder, diesmal mit einem großen Bündel in den Armen.
»Hier«, flüsterte das Mädchen, »nehmt das!«
Tiuri gehorchte und legte das Bündel auf den Tisch. Das Mädchen
verschwand wieder, war aber gleich darauf zurück mit etwas in jeder
Hand, das im letzten Lichte glänzte: ein Schwert und ein Dolch.
Sie legte beides zu dem Bündel auf den Tisch und sagte, noch
immer flüsternd: »Das ist für Euch; versteckt es unter der Kutte!
Schnell, bevor jemand kommt!«
Sie öffnete das Bündel. Tiuri sah, daß sich ein Panzerhemd darin
befand.
»Warum bringt Ihr mir das?« flüsterte er. »Und wer seid Ihr?«

84
»Ich bin Lavinia«, antwortete sie, »die Tochter des Burgherrn. Ich
darf nichts davon wissen, aber ich hörte allerlei, was sie sagten. Sie
wollen Euch etwas Böses antun.«
»Die grauen Ritter?«
Das Mädchen nickte: »Ja, die grauen Ritter. Gleich kommen sie
Euch holen.«
»Aber warum? Wer sind sie?«
»Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht! Sie sind böse und wütend;
was habt Ihr ihnen getan, weil sie so sind?«
»Nichts!« sagte Tiuri. »Ich weiß nichts von ihnen! Ich bin ihnen
früher nie begegnet! Soweit ich wenigstens weiß, denn sie haben das
Visier vor mir nicht aufgeschlagen.«
Das Mädchen schaute sich um.
»Ich habe diese Sachen aus Vaters Waffensaal genommen«, sagte
es. »Vielleicht könnt Ihr Euch damit beschützen. Zieht das
Panzerhemd an; bewaffnet Euch!«
»Warum helft Ihr mir?« fragte Tiuri.
Sie gab nicht sogleich Antwort.
»Was Ihr auch getan habt«, sagte sie dann, »so kann ich nicht
ertragen, daß Ihr gegen ihre Rache wehrlos sein sollt.«
»Ihre Rache?«
»Dieses Wort habe ich aufgefangen. Rächer der
Himmelsrichtungen, das ist ihr Name nach dem, was ein Burgsasse
gesagt hat… Aber ich muß gehen; der Vater darf nicht wissen, daß ich
hier bin.«
»Ich bin Euch sehr dankbar«, sagte Tiuri.
Das Mädchen schien plötzlich zu erschrecken.
»Hört«, flüsterte es.
Tiuri hörte das gleiche Geräusch, das er schon kurz vorher
vernommen hatte.

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»Es kommt jemand die geheime Treppe herauf«, flüsterte Lavinia.
»Das kann nur jemand von meiner Familie sein. Wahrscheinlich der
Vater! Schnell, versteckt diese Sachen!«
Flink half sie Tiuri, das Panzerhemd und die Waffen unter dem
großen Tisch zu verbergen. Inzwischen war auf der geheimen Treppe
deutlich das Geräusch von Schritten zu hören. Kurz darauf erschien
der Burgherr in der Öffnung der Geheimtür.
Als er seine Tochter sah, runzelte er die Stirn und sagte böse:
»Lavinia! Was tust du hier?«
Das Mädchen blickte ihn halb ängstlich, halb trotzig an.
»Vater«, begann es, »ich…«
»Geh in dein Zimmer!« fiel ihr der Burgherr mit strengem Ton ins
Wort. »Dann rede ich noch mit dir. Geh!«
Das Mädchen gehorchte sogleich. Der Burgherr schaute Tiuri an.
Dieser hatte sich vor den Tisch gestellt und hoffte, so verstecken zu
können, was darunter lag. Sie schauten einander eine Weile
schweigend an.
»So«, sagte der Burgherr schließlich. »Ich bin gekommen, um Euch
etwas zu bringen…« Er zögerte, hüstelte und sagte dann fast barsch:
»Wartet ein wenig.«
Er verschwand in der dunklen Türöffnung und war sofort zurück
mit einem großen Bündel, das er Tiuri vor die Füße legte.
»Hier drin«, sagte er knapp, »sind ein Panzerhemd, ein Dolch und
ein Schwert. Zieht das Panzerhemd an und bewaffnet Euch!«
Verblüfft blickte Tiuri vom Burgherrn auf das Bündel. Dies hatte er
nicht erwartet! Dann empfand er das Komische der Lage. Zuerst
schickte der Burgherr seine Tochter zornig weg und gab ihm dann das
gleiche wie sie. Er konnte sich nicht enthalten zu lächeln. Wenn der
Burgherr nun gewahrte, was unter dem Tisch lag!
»Vielen Dank«, sagte er. »Warum bringt Ihr mir das?«
Der Burgherr antwortete nicht sogleich. Auf seinem Gesicht lag
eine Mischung von verschiedenen Empfindungen: Barschheit,
Verlegenheit und Verwunderung.

86
»Ihr seid nicht mein Gefangener«, sagte er dann. »Ich spreche nicht
Recht über Euch. Aber Ihr seid mein Gast gewesen, und was Ihr auch
getan habt, so will ich doch, daß Ihr Euch verteidigen könnt, wenn es
nötig sein sollte.«
»Gegen wen?« rief Tiuri.
»Still! Das werdet Ihr bald merken«, sagte der Burgherr. Er wandte
den Blick von Tiuri ab und schaute sich im Zimmer um. Sein Blick
fiel auf das, was unter dem Tisch lag, und er machte eine Bewegung
der Überraschung, doch sagte er nichts.
»Wie kann ich mich verteidigen, wenn ich nicht weiß, wogegen?«
fragte Tiuri leise. »Wie kann ich mich selber freisprechen, wenn ich
nicht weiß, warum ich hier gefangen bin? Wer sind die Ritter, die Ihr
Eure Freunde nennt? Glaubt Ihr, daß ich ungerecht
gefangengenommen worden bin?«
»Keine dieser Fragen kann ich beantworten«, sagte der Burgherr
knapp. »Sprecht zu den grauen Rittern, wenn Ihr vor ihnen erscheinen
müßt. Ich gebe Euch Gelegenheit, Euch nicht nur mit Worten, sondern
auch mit Taten zu verteidigen.«
Er wollte sich entfernen, aber Tiuri ergriff ihn am Arm und sprach:
»Ihr glaubt nicht, daß ich etwas Unrechtes getan habe! Darum bitte ich
Euch – gebt mir Gelegenheit zu flüchten! Laßt mich aus diesem
Schloß fliehen!«
Der Burgherr entzog ihm seinen Arm.
»Ach, Ihr seid feig!« sagte er zornig. »Flüchten wollt Ihr! Nur ein
schlechtes Gewissen denkt an Flucht. Verlangt das nicht noch einmal;
sonst bereue ich, daß ich Euch Waffen gebracht habe.«
»Ich bin kein Feigling«, begann Tiuri und schwieg dann.
Er konnte doch nicht erklären, daß er einen guten Grund zur Flucht
hatte.
»Still!« sagte der Burgherr mit einem Blick auf die Tür. »Ich gehe
jetzt; es wird bald Zeit sein.«
Rasch verschwand er, ohne noch etwas zu sagen. Die geheime Tür
schloß sich geräuschlos hinter ihm. Tiuri lief hin und versuchte sie

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wieder zu öffnen, aber es glückte ihm nicht. Schließlich wandte er
sich ab und schaute sich in dem nun fast völlig dunklen Zimmer um.
»Es wird bald Zeit sein«, hatte der Herr von Mistrinaut gesagt.
Offenbar sollte er, Tiuri, vor den geheimnisvollen grauen Rittern
erscheinen. Also mußte der Brief ungelesen bleiben. Was habe ich
davon, wenn ich weiß, wie die Botschaft lautet, dachte er, wenn sie
mich sehr wahrscheinlich töten? Sie sind zu viert; ich bin allein. Aber
der Gedanke an die Waffen gab ihm Mut. Er war nicht völlig allein;
zwei Menschen hatten etwas für ihn tun wollen. Er wollte sich bis
zum äußersten verteidigen. Er wollte den Burgherrn davon
überzeugen, daß er der Hilfe wert war!
Schnell zog er die Kutte aus und wählte, was er tragen wollte. Er
nahm den Dolch und das Panzerhemd von Lavinia, aber das Schwert
vom Burgherrn. Das war besser – scharf und leicht. Bald war er bereit.
Er zog die Kutte wieder über, so daß alles möglichst gut verborgen
war. Das andere Panzerhemd und die Waffen schob er unter den
Tisch. Er holte den Brief unter dem Teppich hervor und versteckte ihn
wieder auf der Brust. Dann setzte er sich und wartete, bis es »Zeit«
war.
Lange brauchte er nicht zu warten. Schritte ertönten außerhalb des
Gefängnisses, der Schlüssel knarrte, und die Tür öffnete sich. Zwei
graue Schildknappen traten ein, einer mit einer Fackel in der Hand,
der andere mit einem Speer. Beide hatten das Visier herabgelassen.
Schweigend bedeuteten sie Tiuri, er müsse mit ihnen gehen. Zwischen
den beiden Schildknappen stieg Tiuri die Treppe eine endlose Anzahl
Stufen hinab. Es war ganz still; das Schloß schien ausgestorben zu
sein. Schließlich gelangten sie auf einen Innenhof, den Tiuri noch
nicht kannte. Ringsum befand sich ein Säulengang, in dem brennende
Fackeln aufgestellt waren. Mitten auf diesem Innenhof warteten die
vier grauen Reiter auf Tiuri. Ein wenig abseits standen die beiden
andern Schildknappen mit Trommeln und Schlegeln. Als Tiuri auf
dem Innenhof erschien, begannen sie auf das Zeichen eines Ritters die
Trommeln leise zu rühren. Tiuri kam das alles unwirklich vor: das
stille Schloß, der fast dunkle Innenhof, auf den ein feiner Nebelregen
fiel, die schweigenden Ritter, der trübselige Trommelwirbel.
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Die Schildknappen, die Tiuri geholt hatten, begleiteten ihn bis dicht
vor die grauen Ritter. Dann zogen sie sich zu den Toren zurück, die
Zugang zum Innenhof gaben. Tiuri blieb stehen und blickte auf die
vier Ritter. Sie steckten in voller Rüstung, hatten das Visier
herabgeschlagen, den Schild am Arm, die Hand auf dem Schwertgriff.
»Ihr habt mich kommen lassen«, sagte Tiuri. »Was wollt Ihr von
mir?«
Er mußte laut sprechen, um den Trommelwirbel zu übertönen.
Die grauen Ritter schwiegen.
»Was wollt Ihr von mir?« wiederholte Tiuri.
Die grauen Ritter schwiegen, aber die Trommelschläge ertönten
fester…
»Was wollt Ihr von mir?« rief Tiuri zum drittenmal, aber er konnte
die eigene Stimme nicht hören, so laut lärmten die Trommeln.
Unbeweglich standen die grauen Ritter und starrten ihn an. Tiuri
fühlte, daß sein Mut sank, sein Wille erlahmte. Er wollte noch etwas
sagen, aber die Worte erstarben ihm auf den Lippen. Es war, als ob er
auf dem Boden festgenagelt wäre. Und der Trommelwirbel ertönte
stärker und stärker, finsterer und dröhnender und widerhallte an den
hohen, düsteren Mauern rundum. Plötzlich zog einer der Ritter sein
Schwert und hob es über den Kopf. Die drei andern taten dasselbe,
und der erste trat einen Schritt näher, wie ein Geist aus einem bösen
Traum. Aber jetzt bekam Tiuri die Kraft zum Handeln zurück. Er
wich zurück, drehte sich um und eilte schnell weg, so schnell er in der
langen Kutte und mit dem, was er darunter versteckt hielt, konnte. Er
lief über den Innenhof, und die Ritter verfolgten ihn; ihre Schritte
dröhnten auf dem nassen Boden. Tiuri sah, daß ein Schildknappe ihm
entgegeneilte, um ihn aufzuhalten. Aber es war gar nicht seine Absicht
zu fliehen; er wußte ja, daß er das nicht konnte. Während er lief, löste
er rasch den Strick um die Lenden und ließ die Kutte fallen. Dann
blieb er stehen, drehte sich um und zog das Schwert. Die grauen Ritter
waren ganz nahe; drei blieben ebenfalls stehen; der vierte stürmte
weiter, und seine Waffe war zum Schlag bereit. Aber als der Schlag
herabsauste, wurde er abgewehrt! Tiuri überraschte den Ritter völlig;
er schlug so hart auf ihn ein, daß er ihn zum Straucheln brachte. Bald
89
stand der Ritter wieder aufrecht, wenn auch mit einiger Mühe. Tiuri
stellte sich bereit, das Schwert in der einen, den Dolch in der andern
Hand. Er dachte nicht mehr an seine Angst. Er spürte nur noch die
wilde Kampflust in ihm. Die Ritter blieben stehen; sie schienen zu
zögern. Dann kam ein anderer näher und griff Tiuri an. Die Schwerter
klirrten heftig gegeneinander. Tiuri focht wie ein Rasender. Er
kämpfte um sein Leben, um den Brief, und dazu war er wütend über
die Art, wie die Ritter ihn behandelten.
Er schlug seinen Widersacher zurück, aber er sah den nächsten
schon bereitstehen und dachte: Sie fahren weiter, bis ich tot bin…
erschlagen!
Aber wieder schienen die Ritter zu zögern. Sie standen dicht
beisammen und schauten einander an. Plötzlich merkte Tiuri, daß der
Trommelwirbel aufgehört hatte.
Und wieder rief er laut: »Was wollt Ihr von mir? Redet! Fordert
mich nötigenfalls heraus, aber sagt mir warum!«
Einige Augenblicke war es so still, daß er das leise Rauschen des
Regens hören konnte. Dann flüsterte einer der Ritter seinen Gefährten
etwas zu.
»Seid Ihr wirklich Ritter?« rief Tiuri, »oder nur Feiglinge, die sich
hinter einem geschlossenen Visier verstecken? Sagt mir, wer Ihr
seid!«
Einer der Ritter wandte sich ihm zu und sagte laut: »Wer seid ihr?«
Tiuri erkannte an der Stimme den Ritter mit dem silbernen Horn.
»Ihr seid nicht Bruder Tarmin vom Braunen Kloster«, fügte der
Ritter bei.
»Ich brauche nicht zu sagen, wer ich bin«, entgegnete Tiuri. »Ich
kenne Euch nicht; ich habe Euch nichts getan.«
»Nein, Ihr kennt uns nicht«, sagte der Ritter.
»Wir nennen uns die grauen Ritter«, fiel ein anderer ein, der mit der
barschen Stimme. »Grau ist die Farbe der Trauer; wißt Ihr das? Die
vier grauen Ritter, die Rächer der Himmelsrichtungen. Wir suchen
den Jüngling, der durch den Wald flüchtete, mit einem glänzenden
Ring am Finger.«
90
»Warum?« rief Tiuri aus, »Ihr seid doch keine roten Reiter!«
Die Ritter machten eine Bewegung, wie wenn diese Worte sie
überraschten. Derjenige, der zuletzt gesprochen hatte, tat einen Schritt
auf Tiuri zu, als ob er wieder zum Angriff übergehen wollte.
Doch der Ritter mit dem silbernen Horn hielt ihn auf und sagte zu
Tiuri: »Damit habt Ihr recht; Ihr sollt wissen, wer wir sind, auch wenn
Ihr uns bisher nie begegnet seid.«
Er schlug das Visier auf, und die andern folgten seinem Beispiel. In
der Dunkelheit konnte Tiuri die Gesichter nicht gut sehen, aber er
glaubte sie in der Tat nicht zu kennen. Die Ritter, die gesprochen
hatten, waren dunkel und bärtig; die beiden andern schienen jünger zu
sein.
»Fahrende Ritter sind wir«, erklärte der Ritter mit dem Horn. »Dies
ist Ritter Bendu, und diese sind Ritter Arwaut und Ritter Ewein aus
dem Westen. Ich bin Ristridin vom Süden.«
Ritter Ristridin vom Süden! Tiuri hatte diesen Namen oft gehört; es
war ein berühmter Name, den ein berühmter Ritter trug… Welchen
Namen er auch zu hören erwartet hatte – diesen nicht!
»Aber wer seid Ihr?« fragte Ritter Bendu ungeduldig. Er war der
dunkelste, der bärtigste und der barscheste von allen.
Laut und stolz antwortete Tiuri: »Ich bin Tiuri, Tiuris Sohn.«
»Also doch…«, murmelte Ritter Bendu. Er beugte sich nach vorn
und fragte: »Tiuri, Tiuris Sohn, warum seid Ihr weggelaufen aus der
Kapelle, in der Nacht vor Eurem Ritterschlag?«
Auch diese Worte überraschten Tiuri sehr. »Warum…«, stammelte
er, aber er konnte sein Erstaunen schnell überwinden und antwortete
mit einer Gegenfrage: »Was geht Euch das an, Ritter Bendu?«
»Wohl habe ich…«, begann Ritter Bendu zornig.
Aber Ritter Ristridin fiel ihm ins Wort. »Tiuri«, sagte er ruhig, »es
ist doch wahr, daß Ihr in der Nacht, bevor Ihr zum Ritter hättet
geschlagen werden sollen, aus der Kapelle weggelaufen seid?«
»Ja«, sagte Tiuri, »es ist wahr.«

91
»So etwas ist noch nie geschehen, jedenfalls soweit sich die Leute
zurückerinnern können. Ein angehender Ritter, der von seiner
Nachtwache davonläuft! Das ist etwas sehr Ernstes. Warum habt Ihr
das getan, Tiuri, Tiuris Sohn? Ihr müßt doch einen Grund dafür gehabt
haben.«
»Ich hatte einen Grund«, sagte Tiuri. »Natürlich hatte ich einen
Grund. Aber ich kann Euch nicht sagen, welchen.«
»Könnt Ihr uns denn erzählen, warum Ihr ein Pferd gestohlen habt
und mit ihm durchgebrannt seid?« fragte Ritter Bendu. »Könnt Ihr uns
denn erzählen, warum Ihr in den Wald geflüchtet seid und Euch
versteckt habt?«
»Und könnt Ihr uns vor allem erzählen, warum Ihr seinen Ring an
Eurem Finger getragen habt?« fragte Ritter Ewein weiter, »und warum
Ihr auf dem Pferd Ardanwen geritten seid, das nicht Euch gehörte und
das bis jetzt nur einem Herrn gehorcht hat?«
Die grauen Ritter schauten Tiuri an und warteten auf seine Antwort.
»Wißt Ihr, wem dieser Ring gehörte?« fragte Ritter Ristridin, als die
Antwort nicht sofort kam. »Wißt Ihr, wer der Herr des schwarzen
Pferdes Ardanwen war?«
»Natürlich weiß ich das«, sagte Tiuri. »Der schwarze Ritter mit dem
weißen Schild.«
»Richtig«, sagte Ritter Bendu. »Der schwarze Ritter mit dem
weißen Schild!«
Wieder schwiegen die Ritter und blickten, von Tiuri wegschauend,
sich gegenseitig an.
»Warum fragt Ihr mich dies alles?« fragte der Jüngling. »Warum
seid Ihr mir gefolgt, um mich zu fangen, lebend oder tot? Was ist mit
dem Ring? Er gehört mir…«
»Euch gehört dieser Ring?« rief Ritter Ewein. »Wie um Himmels
willen kommt Ihr dazu?«
»Ich… ich habe ihn erhalten«, antwortete Tiuri.
»Erhalten?« ertönte es in allen Tonhöhen, von ungläubig bis
verwundert und erstaunt. Tiuri zögerte, bevor er weiterfuhr. Er durfte

92
nicht zu viel erzählen. Bis jetzt verlief das Gespräch ganz anders, als
er erwartet hatte.
»Der schwarze Ritter gab mir ihn«, sagte er dann.
Nun war es Ritter Ristridin, der näher kam und sich zu ihm beugte.
»Gab ihn Euch?« wiederholte er. »Aber was ist mit ihm
geschehen?«
»Er wurde ermordet«, sagte Tiuri.
»Ja, ermordet!« sagte Ritter Bendu. »Nicht besiegt, nicht gefallen,
sondern ermordet!«
Er schwieg so plötzlich, wie wenn er sich auf die Zunge gebissen
hätte.
»Tiuri, Tiuris Sohn«, sprach Ritter Ristridin, »beinahe wäret Ihr
Ritter geworden, gerade so wie Euer berühmter Vater, aber Ihr seid
weggelaufen und habt Eure Pflicht verletzt. Ihr könnt uns den Grund
nicht mitteilen, sagt Ihr. Könnt Ihr uns wohl erzählen, wie der
schwarze Ritter mit dem weißen Schild ums Leben kam?«
»Er wurde in einen Hinterhalt gelockt«, antwortete Tiuri.
Dann unterbrach er sich selber. Ein froher Gedanke erleichterte
plötzlich sein Denken wie ein Blitzstrahl…
»Ihr habt ihn gekannt!« rief er. »Ihr seid einer seiner Freunde
gewesen!«
»Sprecht!« sagte Ritter Ristridin.
Tiuri mußte sich erst an den unerwarteten Einfall gewöhnen. Er
fühlte, daß er richtig geraten hatte.
»Der schwarze Ritter mit dem roten Schild forderte ihn heraus«,
fuhr er fort, »aber es war eine Falle. Seine roten Reiter überfielen ihn
in großer Zahl, und so starb er. Er war noch nie in einem Zweikampf
besiegt worden.«
Die Ritter sagten nichts, aber Tiuri fühlte, daß ihre Haltung ihm
gegenüber sich geändert hatte.
Und leiser sprach er weiter: »Ich mußte ihm die Maske abnehmen,
denn er sagte, man müsse dem Tod jederzeit mit offenem Visier
begegnen…«
93
Die Stille war schwer.
»Also wart Ihr dabei«, sagte Ritter Ewein.
»Ja«, sagte Tiuri. »Aber ich kam zu spät.«
»Ihr sagt, daß die… roten Reiter ihn ermordet haben?« fragte Ritter
Bendu. »Und dann der Ring, der Ring?«
»Den gab er mir«, sagte Tiuri.
»Warum?«
Darauf gab Tiuri keine Antwort. »Er gab ihn mir«, wiederholte er,
»und nun hätte ich ihn gern zurück.« Und als die grauen Ritter
unbeweglich blieben, bemerkte er noch: »Auch will ich wissen,
warum Ihr mich dies alles gefragt und warum Ihr mich so behandelt
habt.«
»Ja, darauf müßt Ihr Antwort geben«, sprach plötzlich eine andere
Stimme, und aus der Dunkelheit trat der Burgherr hervor.
»Ihr, Herr Rafox!« sagte Ritter Ristridin und fügte bei: »Ihr seid es,
der ihm Waffen gegeben habt!«
»Natürlich«, antwortete der Herr von Mistrinaut ruhig. »Und das ist
gut gewesen! Wie wäret Ihr dagestanden, jetzt, Ritter Ristridin, wenn
Ihr und Eure Kameraden diesen Jüngling erschlagen hättet, ohne in
Eurer blinden Rachsucht ihn anzuhören? Wie hättet Ihr Euch gefühlt,
Ritter Ristridin aus dem Süden, Vorkämpfer von Frieden und Recht,
wenn Ihr eine rechtswidrige Tat begangen, Eure Ritterschaft entehrt
und Euren Ruhm Lügen gestraft hättet? Wie hättet Ihr alle Euch
gefühlt, Ihr, Ritter Bendu und Ritter Arwaut und Ritter Ewein?
Natürlich gab ich ihm Waffen, und ich bin selber nicht weit weg
gewesen und bereit einzugreifen. Denn von Anfang an habe ich an
dem gezweifelt, was Ihr dachtet.«
»Ihr glaubt ihm also«, sagte Ritter Bendu und deutete mit dem Kopf
auf Tiuri.
»Tut Ihr es denn noch nicht, Ritter Bendu?« war die Gegenfrage des
Burgherrn.
»Es ist begreiflich, wenn wir ihm glauben«, sagte Ritter Bendu. »Er
ist jung und tapfer, und er hat ein ehrliches Gesicht. Außerdem trägt er
einen bekannten Namen; er ist der Sohn Tiuris, des Tapferen. Aber die
94
meisten von uns wissen, daß man sich darauf nicht immer verlassen
kann.«
»Er ist es… oder der Ritter mit dem roten Schild«, murmelte Ritter
Ewein. »Eher dünkt es mich, es sei der letztere.«
Mit zunehmender Verwunderung schaute Tiuri von einem zum
andern.
»Ich glaube ihm«, sprach Ritter Ristridin laut und deutlich.
Aber Tiuri wurde ungeduldig.
»Ihr Ritter«, sagte er, »Ihr habt meine Frage noch immer nicht
beantwortet.«
Die grauen Ritter schwiegen. Ristridin hüstelte.
»Sprecht, Ristridin«, sagte der Burgherr. »Dazu seid Ihr ihm
gegenüber verpflichtet! Es ist Euch nicht angenehm; Ihr glaubt es
nicht mehr, und doch: Ihr habt es geglaubt und danach gehandelt. Nun
gut, heraus mit Eurer Anklage, laßt sie ihn hören!«
Er trat auf einen der Schildknappen zu und nahm ihm die Fackel aus
der Hand. Dann ließ er das Licht auf Tiuris Gesicht fallen. Ritter
Ristridin zögerte einen Augenblick.
»Tiuri«, sprach er dann, »dies ist der Grund, warum wir Euch
suchten: wir dachten, Ihr habt den schwarzen Ritter mit dem weißen
Schild ermordet, habt den Ring gestohlen und seid auf seinem Pferd
geflohen. Aber, der Himmel sei mein Zeuge, ich glaube jetzt, daß
diese Anklage falsch ist!«

95
Versöhnung

Das also war es! Tiuri wich zurück, als ob er einen Schlag ins
Gesicht erhalten hätte. Die letzten Worte des Ritters Ristridin konnten
die Abscheulichkeit dieser Anklage nicht mildern. Er, Tiuri, er der
Mörder des schwarzen Ritters mit dem weißen Schild! Eigentlich war
es noch mehr lächerlich als abscheulich.
Und das war auch das erste, was er sagte, als er die Stimme
wiederfand: »Lächerlich…!« flüsterte er.
Jetzt konnte er das Verhalten der grauen Ritter besser begreifen,
obwohl er noch nicht erfaßte, wie sie zu dieser Beschuldigung
gekommen waren.
»So«, sagte der Burgherr, »nun finde ich es an der Zeit, daß wir
hineingehen. Wir brauchen nicht noch nasser zu werden.«
Er trat auf Tiuri zu, legte eine Hand auf dessen Schulter und nahm
ihn mit sich. Tiuri ließ sich gehorsam mitführen. Die grauen Ritter
und ihre Schildknappen folgten ihnen ins Schloß. Ab und zu erblickte
Tiuri ein neugieriges Gesicht, das um eine Ecke guckte. Eine Weile
später war er mit der ganzen Gesellschaft in dem niedrigen Saal, wo er
den grauen Rittern zum erstenmal begegnet war. Der Tisch war
gedeckt, und es brannten viele Kerzen. Der Burgherr drückte Tiuri auf
einen Stuhl und füllte einen Becher, den er vor ihn stellte.
»Hier«, sagte er kurz, aber nicht unfreundlich, »trinkt das!«
Aber Tiuri schaute auf die vier grauen Ritter, die einer nach dem
andern sich zu ihm an den Tisch setzten, und er schob den Becher zur
Seite. Ihre Helme hatten die Ritter abgenommen und den Halskragen
abgeschnallt – endlich konnte er sie nun richtig sehen.
Der Burgherr schenkte auch ihre Becher voll und sagte: »Ich habe
damit gerechnet, meine Gäste, daß Ihr gern etwas eßt nach allem, was
geschehen ist… eine Versöhnungsmahlzeit.«
Die grauen Ritter rührten ihre Becher nicht an; sie blickten auf
Tiuri, wie wenn sie erwarteten, daß er etwas sagte. Der Jüngling
96
schaute sie der Reihe nach an. Er sah Ristridin, der ihm gerade
gegenüber saß, lang und mager mit einem verwitterten, knochigen
Gesicht. Sein schwarzes Kraushaar und der Bart begannen schon stark
zu grauen, doch die blauen Augen waren jung und hell. Neben ihm
saß Bendu, groß, mit dunklen Haaren und Augen, mit dichten,
drohenden Augenbrauen. Ritter Arwaut neben ihm glich ihm ein
bißchen, er war auch dunkel, aber jung, sicher noch keine
fünfundzwanzig Jahre alt, und seine Augen waren heller und
freundlicher. Ritter Ewein, der auf der andern Seite Ristridins saß, war
auch jung, weißhäutig, helläugig und ganz blond.
Als Tiuri zu sprechen begann, schaute er meistens auf Ristridin, der
ihr Anführer zu sein schien.
»Eine Versöhnungsmahlzeit«, sagte er, indem er die Worte des
Burgherrn wiederholte. »Ihr habt mich behandelt wie einen
Missetäter! Wie kommt Ihr zu dieser Beschuldigung? Und glaubt Ihr
jetzt alle, daß sie falsch ist?«
Ernst nickte Ritter Ristridin, und Arwaut und Ewein sagten wie aus
einem Munde: »Ja.«
Bendu jedoch sagte: »Es tut nichts zur Sache, was ich glaube… ich
will es wissen. Es ist gut möglich, daß Ihr unschuldig seid, Tiuri,
Tiuris Sohn, aber es ist mehrfach vorgekommen, daß Falschheit und
Verrat sich hinter einem unschuldigen Aussehen versteckten. Und
bevor ich so wie meine Freunde ja sage, will ich wissen, wer denn
wohl den Ritter mit dem weißen Schild ermordet hat. Die roten Reiter,
sagt Ihr, auf Befehl des schwarzen Ritters mit dem roten Schild.
Woher wißt Ihr das?«
»Er hat es mir selber erzählt«, antwortete Tiuri.
»Wer?«
»Der schwarze Ritter mit dem weißen Schild.«
»Also habt Ihr ihn gefunden?«
»Ich fand ihn und war bei ihm, als er starb.«
»Wie kam es dazu?«
Tiuri erhob sich. Aufrecht stand er am Tisch, und er blickte Bendu
hochgemut und ein bißchen zornig an.
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»Ritter Bendu«, sagte er, »ich bin aus der Kapelle weggelaufen, wo
ich in der Nacht, bevor ich zum Ritter geschlagen worden wäre,
wachen mußte. Ich habe ein Pferd genommen, das nicht mir gehörte,
und bin darauf weggeritten. Ich habe den Ritter mit dem weißen
Schild gefunden und bin bei ihm gewesen, als er starb. Er erzählte
mir, wer ihn ermordet hatte, und gab mir seinen Ring. Bald darauf
begegnete ich den roten Reitern, und sie versuchten, auch mich zu
ermorden. Es gelang mir, ihnen zu entwischen. Dann bin ich auf dem
Pferd des Ritters mit dem weißen Schild durch den Wald nach Westen
geritten. Das ist alles, was ich Euch erzählen kann. Aber ich schwöre
Euch, daß mein Gewissen sauber ist… und wenn ich ein Ritter wäre,
so würde ich bei meiner Ritterehre schwören. Eure Beschuldigung ist
falsch und lächerlich!«
Bendu schaute ihn mit gerunzelter Stirn an.
»So«, murmelte er dann, »das wissen wir jetzt. Setzt Euch nur
wieder.«
Aber Tiuri blieb stehen, obwohl er fühlte, daß ihm die Beine
zitterten.
»Ich setze mich nicht«, sagte er, »bevor Ihr alle mir glaubt! Ich
bedaure, daß ich keine weiteren Erklärungen geben kann, aber das ist
unmöglich.«
»Wir glauben Euch«, sagte Ritter Ristridin.
»Ja«, sagte Bendu mit mürrischem Ton, »wir glauben Euch.«
Tiuri wollte sich setzen, aber plötzlich kam ihm etwas in den Sinn.
»Also gebt mir den Ring zurück«, sprach er. »Den Ring des Ritters
mit dem weißen Schild.«
Mit einer langsamen Bewegung holte Ritter Ristridin den Ring aus
einem Täschchen an seiner Kordel.
»Bitte«, sagte er, »hier ist er.«
Tiuri nahm das Kleinod und drückte es in die Hand. Dann ließ er
sich in den Stuhl zurückfallen. Eine tödliche Müdigkeit überfiel ihn
auf einmal. Angst und Spannung während des abgelaufenen Tages
waren groß gewesen. Er ergriff den Becher mit zitternder Hand und
nahm einen tüchtigen Schluck. Es war Wein, der ihm in der Kehle
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brannte und ihm dann angenehm warm gab. Er schaute wieder auf die
Ritter, die ihn beobachteten und so aussahen, als ob sie sich nicht sehr
behaglich fühlten.
»Wir wissen, daß die roten Reiter Feinde des Ritters mit dem
weißen Schild waren«, sprach dann Ritter Ristridin, »gleich wie ihr
Anführer, der Ritter mit dem roten Schild. Wir wissen auch von der
Herausforderung. Aber wir hörten, der Zweikampf sei ganz anders
verlaufen.«
»Es ist nie ein Zweikampf gewesen«, sagte Tiuri.
»Ihr sollt vernehmen, was wir hörten«, sagte Ristridin.
»Ich ging auf die Suche nach ihm, nach dem Ritter mit dem roten
Schild«, sagte Bendu. »Der Ritter mit dem weißen Schild war
ermordet gefunden worden, und wir wußten, wer sein Feind war. Ich
fand ihn, den Ritter mit dem roten Schild, im Wald des Königs,
südlich des Jagdhauses, in Gesellschaft von sechs roten Reitern. Ich
forderte ihn auf, das Visier aufzuschlagen und mir zu erzählen, was er
mit seinem Gegner, dem Ritter mit dem weißen Schild, getan habe. Er
nahm den Helm ab, aber darunter trug er eine schwarze Maske.«
»Er auch?« murmelte Tiuri.
»Eine schwarze Maske. Und er sagte: ›Es tut mir leid, Herr Ritter,
aber ich kann meine Maske nicht abnehmen. Was den Ritter mit dem
weißen Schild betrifft, so habe ich ihn zum Zweikampf
herausgefordert; das ist doch nicht verboten! Aber leider muß ich
bekennen, daß er mich besiegt hat; ich habe in den Sand gebissen! Das
ist das zweite Mal. Das dritte Mal werde ich aber siegen!‹ Da rief ich:
›Aber der Ritter mit dem weißen Schild ist tot!‹ Er schaute mich an,
aber wegen der Maske konnte ich nicht sehen, ob er erstaunt war oder
nicht. ›Tot?‹ sagte er nach einer Weile. ›Ich kann nicht sagen, daß ich
darüber betrübt bin. Er war mein Feind, das wißt Ihr…‹ Ich sagte: ›Er
ist ermordet worden! Und ich will wissen, wo Eure roten Reiter letzte
Nacht waren und was sie darüber erzählen können.‹ Aber da wurde er
zornig. ›Hier sind sie!‹ rief er, ›und hier bei mir sind sie immer
gewesen‹. Da sagte ich: ›Ich glaube zu wissen, daß Ihr noch mehr
Reiter habt.‹ Er unterbrach mich. ›Wagt Ihr zu sagen, ich oder meine
Reiter hätten hier die Hand im Spiel gehabt?‹ rief er. ›Wagt Ihr zu
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sagen, ich könnte meine Ritterschaft entehren? Der Ritter mit dem
weißen Schild war mein Feind, und ich hätte ihn getötet, wenn ich
gekonnt hätte, aber in einem ehrlichen Kampf!‹ Und seine roten Reiter
stellten sich mit drohenden Gesichtern um mich auf. Aber ich sagte:
›Ein tapferer Ritter ist getötet worden, und Freund oder Feind muß
trauern über die Art und Weise, wie das geschehen ist. Was Euch
betrifft, Herr Ritter mit der Maske, so kann ich über Euch nicht
urteilen, weil ich Euch nicht kenne. Aber die Art, wie Ihr Eure Fehden
in Dagonauts Land bringt, gefällt mir nicht! Geht zurück ins Land
Evillan, woher Ihr kommt, und kämpft auf Eurem eigenen Boden oder
im Reich von Unauwen!‹ Da lachte er und sagte: ›Hätten nicht die
gleichen Worte für den Ritter mit dem weißen Schild gegolten? Auch
er war ein Fremder in Eurem Land und hatte dort nichts zu suchen.
Aber ich gehe weg. Noch etwas: Verdächtigt nicht nur meine roten
Reiter! Der Ritter mit dem weißen Schild hatte viele Feinde. Er wußte
von vielem zuviel. Die Gefahr lauerte überall auf ihn, sogar in der
unschuldigsten Gestalt. Ich war bei weitem nicht der einzige, der ihm
den Tod wünschte! Und zum Schluß noch dies: Er war mein Feind,
aber ich hatte Achtung und Bewunderung für ihn; das könnt Ihr auf
sein Grab schreiben.‹«
Bendu schwieg eine Weile und schloß dann: »Und der Ritter mit
dem roten Schild ritt mit seinen Reitern davon, und ich konnte ihn
nicht aufhalten, weil ich niemand bei mir hatte als Ritter Arwaut und
meinen Schildknappen. Aber das gefiel mir nicht! Ich wußte nicht,
wer er war, mißtraute ihm aber, obwohl ich damals nicht glaubte, er
hätte seinen Feind auf verräterische Weise umgebracht.«
Ristridin erzählte: »Ich begegnete einem andern Trüppchen roter
Reiter, aber auch sie bestritten nachdrücklich, etwas von dem Mord zu
wissen. Einer von ihnen kam mir jedoch bald nachgeritten und sagte
mir noch mehr. Ihr Anführer, der Ritter mit dem roten Schild, verlor
den Zweikampf und ging weg, gab aber einem Teil der roten Reiter
den Auftrag, seinen Feind zu beobachten. Es waren diese Reiter, die
den Ritter mit dem weißen Schild ermordet fanden. Sie fürchteten
aber, sie könnten beschuldigt werden, und ergriffen die Flucht. Der
Reiter, der mir das erzählte, fügte aber noch etwas hinzu: Es streiche
irgendwo ein Jüngling herum, der den Ritter mit dem weißen Schild
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schon lange beobachtet und es aus irgendeinem Grund auf den Ring
abgesehen habe, den der Ritter trage. Dieser Jüngling sei in der
verhängnisvollen Nacht in der Nähe gewesen; sie alle hätten ihn
gesehen und ihn aufhalten wollen, aber er sei geflohen…
Dann hörten wir in der Herberge Yikarvara von einem Jüngling, der
ein Pferd gestohlen habe, merkwürdig aufgetreten sei und tatsächlich
den Ring am Finger getragen habe. Er sei geflohen und habe es
verstanden, das Pferd Ardanwen mitzunehmen. Später in der Stadt
wurde von einem Jüngling gesprochen, der aus der Kapelle
weggelaufen war«, sagte Ritter Bendu. »Man hielt das für sehr
sonderbar, aber seine Freunde und sein Vater und sogar der König
glaubten nicht, daß er zu etwas Schlechtem fähig wäre. Ich finde es
immer noch unerhört und gegen jeden Brauch, und ich dachte auch
gleich, Tiuris Sohn könne wohl der gleiche sein wie der Pferdedieb,
der mit dem Ring geflohen war.«
»Ich konnte das nicht glauben«, sprach Ristridin. »Tiuris Sohn war
als würdig befunden worden, nach der Probezeit Ritter zu werden, und
das paßte nicht zu den Geschichten über einen Dieb und Mörder.«
»Auf jeden Fall waren wir darin einig, daß der geflüchtete Jüngling,
wer er auch war, der Mörder sein mußte.«
»Unsere Erzählung würde zu lang, wenn wir berichten müßten, was
für weitere Gründe noch dazu kamen«, sagte Ristridin. »Die wahren
Mörder und ihre Handlanger haben Euch auf listige Art mit Verdacht
umspinnen können…«
Tiuri hatte dem allem sehr aufmerksam zugehört. Ja, listig waren sie
gewesen, die roten Reiter und ihr Meister! Sie hatten dafür gesorgt,
daß auch andere ihn verfolgten, und sich gleichzeitig vom Verdacht
befreit. Es war wahrscheinlich, daß sie selber auch noch irgendwo auf
der Lauer lagen. Er hatte ja einige westwärts reiten sehen; vielleicht
warteten sie irgendwo auf ihn.
»Und jetzt wißt Ihr, warum wir Euch verdächtigten«, sagte
Ristridin. »Ich hoffe, daß Ihr uns nicht böse bleibt. Ihr seid noch jung
und wißt nicht, was wir wissen…. daß Verrat sich auch hinter einem
unschuldigen Äußeren verstecken kann.«

101
»Nein«, sagte Tiuri leise, »ich bin nicht böse…« Seine Gefühle
waren verwirrt.
»So wollen wir jetzt trinken!« sprach der Schloßherr.
Tiuri trank seinen Becher aus, aber er konnte keinen Bissen
schlucken. Er überdachte alles, was Ristridin und Bendu ihm erzählt
hatten, und bemerkte, daß es noch manches gab, was er nicht wußte.
Zum Beispiel – wer war der schwarze Ritter mit dem weißen Schild?
Die grauen Ritter hatten ihn gekannt; sie wollten seinen Tod rächen.
Er hätte gern gefragt, wagte es aber nicht recht. Seine Unwissenheit
würde die Ritter vielleicht verwundern und wieder mißtrauisch
machen. Vom Brief schienen sie nichts zu wissen, und er durfte nichts
sagen, was sie auf den Gedanken an seinen Auftrag bringen könnte.
Also schwieg er und lehnte sich im Stuhl zurück. Er war wirklich sehr
müde.
Der Schloßherr stand auf und kam zu ihm. »Junger Mann«, sagte er,
»es dünkt mich besser, wenn Ihr Euch jetzt zurückzieht. Morgen, nach
einem tüchtigen Schlaf, kann weitergeplaudert und –gefragt werden.
Kommt jetzt mit mir!«
Wie im Traum stand Tiuri auf und folgte ihm. Die Ritter standen
ebenfalls auf und wünschten ihm eine gute Nacht. Dann brachte ihn
der Burgherr in einen andern Teil des Schlosses, wo er wieder eine
große Zahl Treppenstufen hinaufsteigen mußte.
»Ich habe Euch viel steigen lassen«, sagte der Schloßherr, während
er eine Tür vor Tiuri öffnete, »aber dies ist das Zimmer meines
Sohnes; ich dachte, es gefällt Euch. Er ist jetzt nicht daheim, sondern
dient als Schildknappe bei einem von Dagonauts Rittern. Wie alt seid
Ihr?«
»Sechzehn«, gab Tiuri zur Antwort.
»Mein Sohn ist erst vierzehn, aber ich hoffe, er werde ebenso
tüchtig wie Ihr. Schlaft wohl!«
Mit diesen Worten wurde Tiuri allein gelassen. Das Zimmer sah
freundlich aus. Das Bett mit seinen weißen Leinentüchern war
aufgeschlagen. Es brannten zwei Kerzen, eine auf dem Tischchen
neben dem Bett und eine auf dem Waschtisch, wo neben dem

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Waschbecken zwei Kannen bereitstanden, die mit warmem und
kaltem Wasser gefüllt waren. Als Tiuri sich umschaute, öffnete sich
die Tür wieder, und die Schloßherrin trat ein.
»Ich komme schauen, ob alles in Ordnung ist«, sagte sie. »Dies ist
das Zimmer von Sigirdiwarth, unserem Sohn.«
Tiuri verbeugte sich und dankte. Sie lächelte ihm zu, und er fand
eine große Ähnlichkeit zwischen ihr und Lavinia. Sie wünschte ihm
freundlich eine gute Nacht und entfernte sich. Tiuri zog sich aus und
wusch sich. Er lag noch keine Minute im Bett, so sank er in einen
tiefen Schlaf.

103
Der Name des Ritters mit dem weißen Schild

Als Tiuri erwachte, dauerte es eine Weile, bevor er wußte, wo er


war. Nach und nach erinnerte er sich an alles, was am Tag zuvor und
am Abend geschehen war. Er blieb noch eine Weile liegen und genoß
das ausgezeichnete gemütliche Bett und das freundliche Zimmer.
Aber nach kurzer Zeit stand er auf und zog wieder die braune Kutte
an. Das Panzerhemd ließ er auf einem Stuhl liegen, obwohl er es am
liebsten behalten hätte, ebenso die Waffen. Als er bereit war, schaute
er nach dem einzigen Fenster des Raumes; es befand sich hoch oben
in der Mauer, und es stand eine kleine Bank darunter. Darauf stellte er
sich, um hinauszublicken. Was er sah, begeisterte ihn: Das Wetter war
schön geworden, und die nassen Felder und Wiesen glänzten im
Sonnenlicht. Der Blaue Fluß war jetzt wirklich blitzblau, und ihm
entlang zog sich der Erste Große Weg wie ein rotbraun schimmerndes
Band den Bergen zu. Tiuri sah die Berge ganz deutlich: grau, blau und
lila, mit verschneiten Gipfeln, die sich gegen den Himmel scharf
abzeichneten. Dorthin mußte er! Eine Weile betrachtete er diese
herrliche Aussicht, bis an die Tür geklopft wurde.
Er drehte sich um und rief: »Herein!«
Ritter Ristridin öffnete und blieb zögernd in der Türöffnung stehen.
Er trug wieder das graue Panzerhemd und den grauen Mantel, nicht
aber sein Scharnier.
»Guten Morgen«, sagte er. »Ihr seid schon bereit, wie ich sehe.«
»Guten Morgen, Ritter Ristridin«, sagte Tiuri und schwieg dann, da
er nicht wußte, was er zu diesem Mann sagen sollte, der ihn erst so
grausam und jetzt so freundlich anschaute.
Ristridin trat näher und blickte ihn ernst an. Er war sehr groß, aber
Tiuri, der noch auf dem Bänkchen stand, überragte ihn ein wenig.
»Tiuri«, sagte er, »ich bin gekommen, um Euch etwas zu sagen
oder, besser gesagt, um Euch um etwas zu bitten. Jetzt, da ich Euch
wiedersehe, erscheint mir mein Irrtum noch schlimmer. Ich bitte Euch
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um Entschuldigung für das, was ich Euch angetan habe. Ich war
wütend und verblendet vor Rachsucht, aber das ist keine
Entschuldigung… Verzeiht mir!«
»Oh, natürlich!« antwortete Tiuri schnell und sprang von dem
Bänkchen.
Er war rot geworden. Beinahe schämte er sich, weil dieser berühmte
Ritter, der viele Jahre älter war als er, so zu ihm sprach. Ritter
Ristridin streckte ihm die Hand entgegen, und Tiuri drückte sie fest.
Er fühlte, daß er den Anführer der grauen Ritter gern hatte – ja, es fiel
ihm sogar schwer, diesen Ritter in Verbindung zu bringen mit den
Rittern, die auf ihn Jagd gemacht hatten.
Einen Augenblick schwiegen beide. Dann fragte Ristridin, ob Tiuri
frühstücken wollte.
»Gern«, sagte Tiuri, der sich plötzlich sehr hungrig fühlte. »Wie
spät ist es?«
»Ungefähr halb acht«, antwortete Ristridin. »Meine Freunde und
ich haben schon gegessen. Bendu und Arwaut sind sogar schon
ausgegangen in der Hoffnung, eine Spur der roten Reiter zu finden.«
»Die roten Reiter?« rief Tiuri.
»Ja. Von verschiedenen Schloßbewohnern haben wir gehört, es
seien vor drei Tagen ein paar rot gekleidete Krieger vorbeigeritten, in
westlicher Richtung. Wer weiß, ob sie nicht noch in der Nähe sind.
Jedenfalls ist es möglich, daß mehrere Leute sie gesehen haben.«
»Zwei habe ich auch gesehen«, sagte Tiuri. »Vor ungefähr einer
Woche. Auch sie ritten auf dem Großen Weg nach Westen.«
Er hielt es für möglich, daß einige oder mehrere in der Nähe waren,
denn sie hatten ja immer noch Grund, ihn zu fangen.
Ritter Ristridin sprach Tiuris Gedanken aus, als er sagte: »Nach
aller Mühe, die sie aufgewendet haben, um Euch ins Unglück zu
stürzen, wollen sie wohl wissen, ob es ihnen geglückt ist.«
»Das denke ich auch«, bemerkte Tiuri.
Ristridin hatte schon die Hand auf den Türknopf gelegt, aber er
blieb stehen und fragte: »Was wollt Ihr jetzt tun, Tiuri?«

105
»Frühstücken«, erwiderte der Jüngling.
Aber der Ritter schaute ihn weiterhin ernst an. »Und dann?«
»Dann gehe ich weiter… ich – ich muß Weiterreisen.«
»Wohin?«
»Dem Blauen Fluß entlang.«
Ritter Ristridin beugte sich zu Tiuri. »Ihr habt ein Geheimnis«,
sagte er leise.
»Ja, Ritter«, bestätigte Tiuri.
»Ich frage nicht, was es ist«, fuhr Ristridin fort, »aber ich habe so
eine Idee, daß der Ritter mit dem weißen Schild Euch etwas
aufgetragen hat. Ihr braucht nichts zu erzählen; ich sage nur, was ich
denke. Ihr seid auf dem Weg nach dem Westen, und Euer Ziel liegt
jenseits der Berge, vielleicht sogar im Reich von Unauwen. Und die
roten Reiter wollen nicht, daß Ihr Euer Ziel erreicht, so wie sie nicht
wollten, daß Ritter Edwinem sein Ziel erreichte.«
Ritter Edwinem! So also hieß er, der schwarze Ritter mit dem
weißen Schild…
Ristridin wartete nicht auf die Antwort, sondern öffnete die Tür.
»Kommt«, sagte er, »gehen wir in den Speisesaal!«
Schweigend gingen sie hinunter. Dann und wann betrachtete Tiuri
Ristridin von der Seite. Dieser hatte viel von seinem Geheimnis
erraten. Aber vielleicht wußte er mehr als Tiuri; er hatte den Ritter mit
dem weißen Schild gekannt, Ritter Edwinem. Tiuri brannte vor
Verlangen, Fragen zu stellen, aber es bot sich keine Gelegenheit dazu,
weil der Burgherr und Ritter Ewein ihnen entgegenkamen.
Sie wünschten einander einen guten Morgen, und der Schloßherr
fragte Tiuri, ob er gut geschlafen habe.
»Ihr tragt immer noch Eure Kutte«, sprach er dann. »Ich habe
Kleider, die Euch besser passen würden.«
»Ich danke Euch«, sagte Tiuri. »Aber vielleicht ist dieses Kleid am
wenigsten auffallend beim Reisen.«
»Habt Ihr denn eine Verkleidung nötig?« fragte der Schloßherr. »Ihr
müßt bedenken, daß schon jedermann in diesem Schloß weiß, daß Ihr
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kein Klosterbruder seid. Jedenfalls könnt Ihr darunter ein Panzerhemd
tragen, oder meint Ihr, das sei nicht nötig?«
»Oh, das wäre ausgezeichnet«, sagte Tiuri.
»Ihr habt also im Sinn weiterzureisen«, fuhr der Schloßherr fort.
»Wann?«
»Sobald wie möglich«, erklärte Tiuri. »Sogleich.«
»Nicht zu hastig«, sagte der Schloßherr. »Wartet auf jeden Fall, bis
Ritter Bendu und sein Neffe zurück sind. Vielleicht bringen sie Neues,
das Euch von Nutzen sein kann.«
»Fürchtet Ihr die roten Reiter?« fragte Ritter Ewein.
»Ja, Ritter«, sagte Tiuri. »Und dafür habe ich Gründe.«
»Daran zweifle ich nicht«, sprach der junge Ritter. »Sie können
natürlich weiter nach Westen gereist sein, über den Bergpaß, aber ich
nehme es nicht an. Sie werden im Land meines Königs sicher nicht
willkommen sein.«
»Seid Ihr… gehört Ihr ins Land von Unauwen?« fragte Tiuri
einigermaßen überrascht.
»Ja, ich bin ein Ritter von König Unauwen.«
»Habt Ihr den Ritter mit… Ritter Edwinem gut gekannt?«
»Ich habe unter ihm gedient«, erwiderte Ewein, »bevor ich zum
Ritter geschlagen wurde. Ich war in seinem Gefolge, als er geschickt
wurde, um den Wald von Vorgota sicher zu machen. Ritter Ristridin
war auch dort.«
»Der Wald von Vorgota?« wiederholte Tiuri. Diesen Namen hatte
er bisher noch nie gehört. »Ich weiß nicht viel vom Land des Königs
Unauwen«, fügte er bei.
»Das ist bei vielen so«, sagte Ewein. »Es ist schade. Vielleicht wird
sich das andern, da jetzt mehr Leute aus unserem Land in Dagonauts
Reich kommen. Ich war von König Unauwen gesandt worden, um
Eurem König eine Freundschaftsbotschaft zu bringen.«
Er wandte sich an Ristridin und den Schloßherrn.
»Ihr gehört zu den wenigen, die uns besser kennen«, sagte er. »Ihr
seid unsere Freunde und fürchtet den gleichen Feind.«
107
»Welchen Feind?« fragte Tiuri. »Doch nicht das Land Evillan?«
Das Land Evillan lag im Süden und grenzte an die Reiche von
Dagonaut und von Unauwen. Früher waren von dort her oft Einfalle in
Dagonauts Reich erfolgt, aber seit dort einer von Unauwens Söhnen
regierte, hatte sich das vermindert. Tiuri hatte einmal von Uneinigkeit
zwischen Evillan und dem Reich von Unauwen vernommen, und er
hatte das immer für sonderbar gehalten, weil Evillan von Unauwens
Sohn zur Blüte gebracht worden war. Im übrigen wurden die
Streitigkeiten zwischen Evillan und dem Reich im Westen im
allgemeinen für etwas gehalten, was die Bewohner von Dagonauts
Land nichts anging.
»Ja, das Land Evillan«, sprach Ritter Ewein.
»Der schwarze Ritter mit dem roten Schild kommt von dort«, sagte
Ristridin. »Alle Ritter des Fürsten von Evillan tragen rote oder
schwarze Schilde. Was den Fürst von Evillan selber betrifft, so ist er
der jüngere Sohn Unauwens und zugleich sein größter Feind.
Jedenfalls… war er das…«
»Es gingen Gerüchte um, daß er sich mit seinem Vater versöhnen
wolle«, sagte Ritter Ewein, »zur Freude vieler. Aber jetzt weiß ich
nicht mehr, ob ich es glauben kann…«
Tiuri lauschte gespannt auf alles, wovon er bis jetzt nichts oder
wenig gewußt hatte. Ob der Brief etwas zu tun hatte mit der Fehde,
die offenbar zwischen dem Lande des Königs Unauwen und Evillan
bestand? Der Ritter mit dem weißen Schild war einer von Unauwens
Rittern gewesen, aber Tiuri wußte noch immer nicht mehr von ihm als
den Namen. Die grauen Ritter hätten sicher viel von ihm erzählen
können. Wenn sie es nur täten!
»Was tut Ihr jetzt?« fragte er Ristridin und Ewein. »Die roten Reiter
suchen?«
»Ja«, entgegnete Ristridin. »Und den Ritter mit dem roten Schild.
Wir ruhen nicht, bis wir ihn gefunden haben.«
Inzwischen waren sie beim großen Saal angekommen.
»Geht jetzt essen, Tiuri«, sagte der Schloßherr. »Ihr könnt
weitergehen, wann Ihr wollt, aber wartet doch, bis ich bessere Kleider
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für Euch gefunden habe. Und die Waffen, die ich Euch gegeben habe,
könnt Ihr behalten… oder zieht Ihr vielleicht diejenigen meiner
Tochter vor?«
Tiuri dankte ihm herzlich. Dann sagte er: »Das schwarze Pferd ist
hier, mein treuer Träger, Ardanwen des Ritters mit dem weißen
Schild. Ich möchte es gern wieder reiten.«
»Räuber haben es Euch gestohlen, nicht wahr?« sagte Ristridin.
»Wir haben es ihnen wieder abgenommen.«
»Das weiß ich«, erwiderte Tiuri. »Ich war in einer Höhle versteckt
und sah und hörte alles.«
»Oh«, sagte Ristridin ziemlich verblüfft.
»Habt Ihr sonst noch einen Wunsch?« fragte der Schloßherr.
»Nein, ich danke Euch«, sagte Tiuri. »Oder ja, doch… ein Stück
Schnur. Um den Ring wieder an den Hals zu hängen. Das ist besser,
als ihn am Finger zu tragen.«
»Da habt Ihr recht«, sagte Ristridin. »Ich begreife nicht, daß die
Räuber ihn Euch nicht genommen haben.«
»Das wollten sie schon«, versetzte Tiuri. »Aber…« Er schwieg
plötzlich. Er hatte wenig Lust, über seine Begegnung mit den Räubern
zu reden.
Der Ritter und der Schloßherr schauten ihn fragend an.
»Und…?« fragte Ristridin.
»Sie ließen ihn mir«, sagte Tiuri nur noch.
Die andern fragten nicht weiter.
»Es ist ein kostbarer Ring«, bemerkte Ewein. »Nur einige wenige
von unsern Rittern tragen so einen. König Unauwen hat solche Ringe
seinen treuesten Paladinen geschenkt. Man sagt, es gebe nur zwölf
solche auf der ganzen Welt… Andere behaupten, es gebe nur sieben.«
Tiuri blickte mit noch größerer Ehrfurcht als bisher auf den Ring.
Das war ein Grund mehr, ihn nicht an der Hand zu tragen.
Schließlich hatte er ihn nur erhalten, um dem Klausner Menaures
kundzutun, von wem er, Tiuri, gesandt worden war. Er mußte den
Ring später dem König Unauwen zurückgeben. Er betrat den großen
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Saal allein. Die andern hatten schon gegessen, und sie hatten alle noch
etwas zu tun. Der Saal war nicht sehr besetzt; offenbar aß jeder zu der
Zeit, die ihm paßte. Am Tisch auf der Erhöhung saß Lavinia, ganz
allein; Tiuri grüßte sie mit einer Verbeugung und einem Lächeln. Als
er sich an einen der langen Tische gesetzt hatte, kam ein Diener mit
der Botschaft zu ihm, das Fräulein bitte ihn, zu ihr zu gehen. Tiuri
stand sogleich auf. Er fühlte, daß der Diener ihm nachschaute. Er war
wohl wie viele Burginsassen darüber verwundert, daß jemand an
einem Tag ein Gefangener war und am andern Tag ein geehrter Gast.
»Eßt mit mir!« sagte Lavinia. »Gar nicht nett von Euch, mich allein
sitzen zu lassen. Es ist ein merkwürdiger Tag heute. Jeder ist voller
Unruhe… gerade als ob alles Mögliche geschehen könnte. Wie ist es
jetzt mit Euch?«
»Sehr gut, danke«, sagte Tiuri, während er sich setzte. »Und wie ist
es mit Euch, Fräulein Lavinia? Ich danke Euch noch einmal für das,
was Ihr gestern abend für mich getan habt.«
»Oh, das war nichts!« sagte Lavinia. »Ich bin froh darüber, daß Ihr
gesund und wohl neben mir sitzt. Nur verstehe ich noch nicht viel von
der Geschichte. Und der Vater gibt mir nur einsilbige Antworten, oder
überhaupt keine. Wer seid Ihr, was tut Ihr, woher kommt Ihr, wohin
geht Ihr, und warum hat man Euch gefangengenommen?«
»Das sind viele Fragen auf einmal«, sagte Tiuri lachend. »Und«,
fügte er ernster bei, »viele Antworten kann ich Euch nicht geben.«
»Oh, der Vater sagte mir schon, ich solle Euch nichts fragen! Aber
ich weiß doch etwas. Wie Ihr heißt! Tiuri, nicht wahr? Ist Tiuri der
Tapfere wirklich Euer Vater?«
»Ja, mein Fräulein«, antwortete Tiuri stolz. »Kennt Ihr ihn?«
»Nein, aber ich habe von ihm gehört. Er ist einer der Ritter, die von
den Spielleuten besungen werden… Tiuri der Tapfere, und Ritter
Edwinem, und Ristridin vom Süden…«
»Ritter Edwinem«, fiel Tiuri ihr ins Wort. »Habt Ihr ihn gekannt?«
»Nein, auch nicht. Der einzige den ich kenne, ist Ritter Ristridin –
als kleines Mädchen bin ich auf seinem Rücken geritten, und jetzt will
er mir nicht einmal erzählen, was los ist. Ich war erstaunt, als ich
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hörte, er sei einer der grauen Ritter! So zornig und so düster sah er
aus; so kannte ich ihn nicht… Aber Ihr fragt nach dem Ritter
Edwinem. Seid Ihr ihm begegnet?«
»Einmal«, sagte Tiuri.
»Mein Vater hat ihn gekannt, früher, als er im Land von Unauwen
war. Es ist merkwürdig, aber ich habe Ritter Ristridin über Edwinem
sprechen hören… Warum war Ritter Ristridin eigentlich so zornig
über Euch?« Sie schwieg und sagte dann lachend: »Ich frage wieder
zuviel; das sehe ich an Eurem Gesicht. Der Vater sagt, ich sei
neugierig und rede zuviel. Aber«, hier wurde ihre Stimme leiser, »ich
kann auch schweigen. Geheimnisse sind bei mir sicher.«
»Denkt Ihr, ich habe ein Geheimnis?« fragte Tiuri.
»Natürlich«, erwiderte Lavinia. »Erzählt mir doch, was es ist. Ihr
könnt mir sicher vertrauen.«
»Das glaube ich bestimmt, Fräulein«, sagte Tiuri. »Aber mein
Geheimnis gehört nicht mir allein, und ich darf es Euch nicht
erzählen. Ja, es wäre sogar besser, wenn niemand wüßte, daß ich ein
Geheimnis habe.«
Lavinia schaute ein bißchen enttäuscht drein.
Dann lächelte sie jedoch und sagte: »Ich habe den Wink begriffen.
Seid ruhig, ich werde nicht sprechen über den geheimnisvollen Pilger,
der unser Gast gewesen ist. Ist es recht so?«
»Ich danke Euch, Lavinia«, sagte Tiuri ernst.
Dann sprachen sie über anderes, doch nicht lange, denn der
Schloßherr trat zu ihnen und bat Tiuri, mit ihm zu gehen. Dieser nahm
Abschied von Fräulein Lavinia und folgte seinem Gastgeber.
»Ritter Bendu und Ritter Arwaut sind eben zurückgekommen«,
sagte der Burgherr, als sie zu den Rittern kamen. »Sie haben die roten
Reiter nicht gefunden, aber ihre Spuren.«
»Ja«, sagte Bendu, »sie sind jedenfalls hier in der Nähe gewesen.
Verschiedene Leute haben sie gesehen. Aber jetzt sind sie nicht mehr
da, oder sie müssen sich sehr gut versteckt halten.«
»Wir glauben, sie sind weiter nach Westen gezogen«, fügte Arwaut
bei.
111
»Also gehen wir auch nach Westen«, sagte Bendu. »Den Blauen
Fluß entlang.«
»So ist es«, bemerkte Ritter Ristridin zu Tiuri. »Und da ihr auch in
diese Richtung reisen müßt, so fragen wir Euch, ob Ihr in unserer
Gesellschaft reisen wollt – jedenfalls eine Strecke weit.«
»Sie reiten schnell«, fügte der Schloßherr bei. »Ihr reitet natürlich
das Pferd Ardanwen, und für Eure weitere Ausrüstung sorge ich.«
Tiuri dachte nach. Der Vorschlag lockte ihn sehr. Er konnte rasch
und sicher reisen, und außerdem vernahm er vielleicht etwas mehr
über den schwarzen Ritter mit dem weißen Schild, Edwinem, Herr
von Foresterra…
»Ich komme gern ein Stück weit mit Euch, Ihr Herren Ritter«, sagte
er.
»Wir dürfen sicher nicht fragen, wie weit Ihr mitgeht und welches
Euer Ziel ist«, sagte Bendu ein bißchen unwirsch.
Aber Ristridin sagte: »Ihr könnt mitreisen, solange es Euch richtig
scheint. Wir wissen auch nicht, wie weit wir reiten. Wir folgen dem
Ersten Großen Weg und der Spur der roten Reiter. Ihr geht vielleicht
weiter als wir.«
»Wieso?« fragte Bendu, während er Ristridin und Tiuri
abwechselnd anschaute.
»Ich folge dem Blauen Fluß«, sagte Tiuri, und nach kurzem Zögern
fügte er bei: »Bis zur Quelle.«
»Zu Menaures?« rief der Schloßherr.
»Ja«, bestätigte Tiuri. »Zu Menaures.«
»Der Klausner Menaures«, sagte der Burgherr. »Euer Weg führt
dorthin!… Dann ist es ein guter Weg«, fuhr er fort mit einem Blick
auf Bendu, den einzigen der grauen Ritter, der Tiuri noch immer nicht
zu trauen schien. »Grüßt ihn von mir«, sprach er dann zu Tiuri. »Ich
habe ihn lange nicht gesehen, und das ist nicht gut von mir, denn ich
habe ihm viel zu danken. Es wird Zeit, daß ich wieder einmal in die
Berge gehe. Grüßt ihn von mir!«
»Ich werde es tun«, versprach Tiuri.

112
»So wollen wir uns jetzt bereitmachen«, sagte Ristridin. »Wir
möchten sobald wie möglich aufbrechen.«

113
Wieder unterwegs

Eine halbe Stunde später ritt eine große Gesellschaft über die
Zugbrücke. Sie bestand aus Tiuri, den vier grauen Rittern, ihren
Schildknappen und drei Waffenknechten des Herrn von Mistrinaut.
Tiuri ritt auf dem schwarzen Pferde Ardanwen, und er trug ein
gleiches Panzerhemd und ein blaues Überkleid wie die Waffenknechte
des Schloßherrn. Er hatte aber die Kutte noch bei sich; sie lag
aufgerollt in der Satteltasche. Er hatte vom Schloßherrn, seiner Frau
und Lavinia herzlich Abschied genommen. Nun begann er, neben
Ritter Ristridin reitend, den nächsten Teil des Weges, den er
zurücklegen mußte.
Mit großen Augen blickten ihm die Torwächter nach. Vielleicht
vergaßen sie ihr Schachspiel für eine Weile, um sich zu fragen, wie es
möglich war, daß jemand zuerst ein Klosterbruder und dann ein
Gefangener und zuletzt eine wichtige Person war, die auf einem
prächtigen Pferd wegritt, umringt von den geheimnisvollen grauen
Rittern.
Der Erste Große Weg folgte dem Lauf des Blauen Flusses und
wand sich manchmal, führte aber stets nach Westen. Tiuri blickte
noch einmal zum Schloß zurück. Noch immer sah es unfreundlich aus,
doch wußte er jetzt, daß dort Freunde wohnten. Er sah jemand auf
einem der Türme stehen und winken. War es Lavinia? Er winkte
zurück und wandte sich dann an Ristridin.
»Ritter Ristridin«, sagte er, »es ist wohl albern, aber noch jetzt weiß
ich den Namen meines Gastgebers nicht. Wie heißt der Herr von
Mistrinaut?«
»Sein Name tönt anders als andere Namen«, antwortete Ristridin.
»Er heißt Sigirdiwarth Rafox von Azular Northa. Vor langer Zeit war
er Ritter eines Königs im Norden. Krieg und Bürgerkrieg bewirkten,
daß er aus seinem Land flüchten mußte. Nach langem Umherziehen
ließ er sich hier nieder. Zu jener Zeit – es ist nun fast zwanzig Jahre

114
her – wohnte im Schloß Mistrinaut ein übler Herr, der der Schrecken
seiner Umgebung war. Sigirdiwarth Rafox nahm den Kampf gegen
ihn auf und besiegte ihn. So erlöste er dieses Gebiet von großer
Furcht. König Dagonaut war ihm sehr dankbar; er schenkte ihm das
Schloß Mistrinaut und das zugehörige Land und erlaubte ihm, sich
›Herr von Mistrinaut‹ zu nennen. Jetzt wohnt Herr Rafox hier schon
lange, und er ist einer der Unsrigen geworden.«
»Er kannte den Ritter mit dem weißen Schild… Ritter Edwinem
doch auch?« fragte Tiuri.
»Ja, er ist ihm vor langer Zeit im Reich von Unauwen begegnet.«
Tiuri zögerte, bevor er die nächste Frage stellte: »Ritter Ristridin,
könnt Ihr mir vom schwarzen Ritter mit dem weißen Schild
erzählen?«
»Was wollt Ihr wissen?« fragte Ristridin.
Tiuri ritt näher neben ihn.
»Alles«, sagte er leise.
»Das ist mehr, als ich erzählen kann«, sagte Ristridin lächelnd.
»Ich weiß nichts von ihm«, sagte Tiuri. »Einzig seinen Namen, und
den habe ich zuerst von Euch gehört.«
Der Ritter schaute ihn prüfend an, zeigte aber keine Überraschung.
»Er trug viele Namen«, sagte er dann. »Ritter Edwinem, Herr von
Foresterra am Meer, der Unüberwindliche, Paladin von König
Unauwen. Er hat manche große Tat verrichtet und immer gegen das
Böse gestritten. Er war ein guter und edler Mensch; einem wie ihm
wird man nicht bald wieder begegnen.«
»Habt Ihr ihn gut gekannt?« fragte Tiuri.
»Er war mein Freund«, antwortete Ristridin und schwieg eine
Zeitlang. Dann sagte er: »Schaut, Ritter Bendu macht ein Zeichen, daß
wir die Pferde anspornen müssen; wir reiten jetzt eine Strecke weit
rasch. Sobald wir rasten oder im Schritt reiten, will ich Euch erzählen,
wie ich mit Ritter Edwinem Bekanntschaft machte und wie wir Seite
an Seite kämpften.«

115
Die Reiter trieben die Pferde an und stoben davon. Leute am Wege
schauten ihnen verwundert nach; wahrscheinlich fragten sie sich,
wohin sie so flink ritten, die vier grauen Ritter mit ihren grauen
Schildknappen und die vier blauen Reiter von Mistrinaut. Tiuris Pferd
war das schnellste; manchmal mußte es der Jüngling zügeln, sonst
wäre es an den andern vorübergeschossen. So ritten sie eine Zeitlang
und rasteten nicht, bevor die Sonne die Mittagsstunde anzeigte. Dann
hielten sie an, rieben die Pferde ab und ließen sie grasen. Sie setzten
sich an den Straßenrand, um etwas zu essen. Bendu und Ristridin
gönnten sich aber nicht sogleich eine Rast; sie begaben sich ein wenig
abseits, standen am Ufer des Flusses und sprachen eine Weile leise
miteinander.
Hierauf kehrten sie zurück zur Gesellschaft, und Ristridin setzte
sich zu Tiuri.
»Es ist merkwürdig, wie wenig die meisten hier von Unauwens
Land wissen«, sagte er, »und es grenzt doch an das unsrige. Vielleicht
kommt das davon, daß die Großen Berge so hoch sind. Ich bin ein
fahrender Ritter und bin also oft gereist. Doch bin ich in Unauwens
Reich nur einmal gewesen, obwohl das Schloß meiner Ahnen nicht so
weit weg ist.«
»Ihr kommt aus dem Süden«, sagte Tiuri.
»Ja, das merkt Ihr wohl meinem Namen an. Ich komme vom Schloß
Ristridin am Grauen Fluß, dicht bei der Grenze.«
»Schloß Ristridin«, wiederholte Tiuri. »Wie kommt es, daß Ihr ein
fahrender Ritter seid, wenn Ihr doch ein Schloß und Landgüter
besitzt?«
»Ich wollte lieber umherziehen«, gab Ristridin zur Antwort.
»Darum habe ich auf meine Besitzungen verzichtet. Sie werden jetzt
von Arturin, meinem jüngeren Bruder, verwaltet. Und ich fahre
umher, schon seit Jahren, und werde weiterhin reisen, auch wenn ich
jetzt älter bin. Dazu bin ich nun einmal am fähigsten. Aber ich will
Euch erzählen, wie ich dem Ritter Edwinem begegnet bin. Ihr habt
natürlich vom Land Evillan gehört. Es liegt im Süden, auf der andern
Seite des Grauen Flusses. Es ist ein düsteres Land mit wilden Wäldern
und öden Ebenen. Überall stehen steinerne Burgen, wo Herren
116
wohnen, die einander früher fortwährend bekämpften oder Streifzüge
über die Grenze unternahmen. Oft haben wir gegen sie kämpfen
müssen. Vor sieben Jahren zog der jüngere Sohn des Königs Unauwen
nach Evillan, eroberte es und rief sich zum König aus. Seither regiert
er mit straffer Hand; mit den Fehden und Streifzügen hat er Schluß
gemacht. Doch wurde noch oft gekämpft, weil zwischen Evillan und
dem Reich von Unauwen Feindschaft bestand. Krieger reisten auf
unserem Dritten Großen Weg sowohl aus Evillan als aus Unauwens
Land. Oft gerieten sie aneinander und verwüsteten dabei unsere
Ländereien und legten Feuer an unsere Dörfer. Natürlich konnten wir
als Bewohner von Dagonauts Reich das nicht dulden. Ritter zogen
aus, um die Ruhestörer zum Verstand zu bringen, damit sie ihre
Fehden auf dem eigenen Grund und Boden austrugen.
So geschah es, daß ich mit einigen wenigen Getreuen einen Trupp
Krieger aus Evillan über den Großen Weg bis ins Land von Unauwen
verfolgte. Dort flüchteten sie in einen großen Wald, der Wald von
Vorgota genannt wurde. Ich folgte ihnen auch dorthin, verlor aber ihre
Spur. Lange Zeit irrte ich mit meinen Waffenknechten durch jenen
Wald, bis wir einer feindlichen Heeresmacht begegneten, die uns
angriff. Wir verteidigten uns so gut wie möglich, aber wir wußten, daß
wir verloren waren, denn wir waren wenige gegen viele und dazu in
unbekanntem Gebiet. Aber siehe, da ritt ein Ritter herbei, dem viele
Reiter auf weißen Pferden folgten. Er selber ritt auf einem schwarzen
Pferd, und sein Panzerhemd war silberweiß. Weiß war auch der
Schild, der ihm am Arm hing. Und er hob das blinkende Schwert und
ließ seinen Kampfruf durch den Wald ertönen. So kam Edwinem, der
Herr von Foresterra, uns zu Hilfe.«
»Und siegte er?« fragte Tiuri.
»Nicht umsonst trug er den Übernamen ›Unbesiegbarer‹«, erwiderte
Ristridin.
»Ihr sagt, sein Panzerhemd war weiß?« fragte Tiuri. »Trug er denn
keine schwarze Rüstung?«
»Die Ritter von König Unauwen tragen alle Farben, aber nie trugen
sie Schwarz… bis vor kurzer Zeit Ritter Edwinem«, antwortete
Ristridin. »Was den weißen Schild betrifft, so ist er das Zeichen aller
117
Ritter von Unauwen. Die Wappenfarben des Königreiches sind Weiß
und der mehrfarbige Regenbogen. Ritter Edwinem war von Unauwen
geschickt worden, um die üblen Banden aus dem Wald von Vorgota
zu vertreiben. Die Banden kamen aus Evillan.«
»Wie kommt es, daß Evillan der Feind von Unauwen ist?« fragte
Tiuri. »Der Fürst von Evillan ist doch ein Sohn des Königs.«
»Das ist eine lange Geschichte«, sagte Ristridin. »Vielleicht kann
Ewein Euch das besser erzählen. Unauwens Reich ist sein Vaterland,
wie Ihr wißt. Ewein hat in Edwinems Gefolge gedient, bevor er Ritter
wurde.«
»War er sein Schildknappe?« fragte Tiuri.
»Nein. Es gab viele Jünglinge, die gern Edwinems Schildknappe
gewesen wären, aber derjenige, der ihm als Schildknappe folgte, war
merkwürdigerweise ein alter, verwitterter und magerer Mann.«
Tiuri dachte an den Unbekannten, der ihn aus der Kapelle gerufen
hatte. Es war natürlich jener Schildknappe gewesen.
Und erfragte: »Wie hieß er?«
»Der Schildknappe? Vokia wurde er genannt«, antwortete Ristridin.
Er stand auf und fügte bei, es sei Zeit weiterzugehen.
»Es ist seltsam, Euch auf diesem Pferd zu sehen«, sagte er, als Tiuri
Ardanwen bestiegen hatte. »Edwinem ritt nie auf einem andern. Er ist
seines Namens würdig: Ardanwen bedeutet Nachtwind in der alten
Sprache von Unauwens Reich.«
Bald waren sie wieder unterwegs. Nun ritten Ristridin und sein
Schildknappe voraus, während Tiuri neben einem von Mistrinauts
Waffenknechten ritt. Manchmal hielten sie an, um in einem Dorf oder
Haus zu fragen, ob jemand die roten Reiter gesehen habe. Ihre Fragen
blieben aber ohne Ergebnis.
»Niemand«, sagte Bendu unzufrieden. »Und der elende Regen von
gestern hat alle Spuren verwischt.«
Ristridin blickte auf die andere Seite des Flusses. »Sie können auch
dort drüben geritten sein«, bemerkte er.

118
»Ihr habt recht«, sagte Bendu. »Wir müssen, sobald es möglich ist,
den Fluß überqueren und schauen, ob wir dort etwas vernehmen.«
Am späten Nachmittag gelangten sie an eine durchwatbare Stelle.
Ristridin und Bendu begaben sich ans andere Ufer, während der Rest
der Gesellschaft auf sie wartete. Nach einer halben Stunde kehrten sie
zurück. Spuren hatten sie nicht gefunden, aber ein Hirte hatte ihnen
erzählt, er habe vor zwei Nächten Reiter in westlicher Richtung
vorbeiziehen sehen. Er hatte aber nicht sehen können, ob sie rot
gekleidet waren.
»Nach seiner Aussage waren es nur etwa zehn«, sagte Bendu. »Eine
Strecke weiter weg ist ein Wald; dort können sie sich versteckt
halten.«
Sie setzten ihren Zug fort. Als sie nach einer Weile etwas langsamer
ritten, um ihre Pferde zu schonen, begab sich Ristridin wieder neben
Tiuri und erzählte ihm, wie Ritter Edwinem und er den Wald von
Vorgota von allem Übel befreiten.
»Während langer Zeit teilten wir Gefahren, Freud und Leid, und wir
wurden gute Freunde. Es tat uns leid, daß wir eines Tages Abschied
voneinander nehmen mußten«, sagte Ristridin, »aber ich mußte in
mein eigenes Land zurück, weil König Dagonaut mich erwartete. Da
gab mir Edwinem ein silbernes Horn zum Geschenk, dieses Horn, das
ich immer bei mir habe. Vier Jahre her ist das jetzt.«
»Seid Ihr ihm nachher noch einmal begegnet?« fragte Tiuri.
»Mehrere Male«, antwortete Ristridin.
»Und Ritter Bendu«, fragte Tiuri, »war er auch mit ihm
befreundet?«
»Höre ich da meinen Namen?« sprach plötzlich Bendu hinter ihnen.
Bald darauf ritt er zwischen Ristridin und Tiuri.
»Natürlich war ich mit ihm befreundet«, sagte er. »Was alles erzählt
Ihr ihm, Ristridin?« Er wandte sich an Tiuri und fügte bei: »Ich kann
Euch auch das eine und andere erzählen, wenn ich dafür etwas von
Euch zu hören bekomme.«
»Was wollt Ihr wissen?« fragte Tiuri.
»Eine ganze Menge! Ich weiß noch nichts von Euch!«
119
»Ich habe Euch alles erzählt, was ich sagen darf«, erwiderte Tiuri.
»Na, das war aber bloß ein ganz kleines bißchen«, sagte Bendu.
»Wißt Ihr nicht zufällig, welches der Name des Ritters mit dem roten
Schild ist?«
»Ich bedaure, Ritter Bendu«, antwortete Tiuri, »ich weiß es nicht.«
Bendu brummte etwas in den Bart.
»Bald kommen wir zu einem Dorf«, sagte er dann zu Ristridin,
»aber ich schlage vor, daß wir nicht dort übernachten. Es ist besser,
wenn wir weiterreiten, solange es noch hell ist, und dann im Freien
schlafen.«
»Das ist nicht einmal nötig«, bemerkte Ristridin. »Ich kenne ein
wenig weiter weg eine Herberge mit dem schönen Namen ›Herberge
zum Sonnenuntergang‹. Die können wir wohl vor der Dunkelheit
erreichen.«
»Gut, dann ist das für heute unser Endziel«, sprach Bendu. »Wir
fragen im Dorf wieder nach den roten Reitern und reiten dann im
Galopp weiter.«
Er beschleunigte seinen Ritt und zog voraus; er schien kein
Verlangen danach zu haben, weitere Fragen zu stellen. Tiuri blickte
ihm nach und dachte: Ritter Bendu traut mir, glaube ich, noch immer
nicht.

120
Die Herberge zum Sonnenuntergang

Die Sonne stand dicht über den westlichen Bergen, als sie die
Herberge erreichten. Die vier grauen Ritter schlugen das Visier nieder,
bevor sie eintraten.
»Wir wollen unbekannt bleiben«, sagte Bendu zu Tiuri. »Es tut
nichts zur Sache, wer wir sind; wir sind nur Rächer, Diener der
Gerechtigkeit.«
Der Wirt war von seinen Gästen sehr beeindruckt. Auf Ristridins
Frage, ob sie ohne andere Gesellschaft essen könnten, antwortete er,
es seien im Augenblick keine andern Gäste da; sie könnten also ruhig
im Gastzimmer sitzen. Das Gastzimmer war klein und ärmlich
eingerichtet, wies aber doch etwas Besonderes auf. Alle Fenster
befanden sich westwärts, und sie bestanden aus kleinen, in Blei
gefaßten Scheiben, die, von der untergehenden Sonne beschienen, in
einem reichen, wunderschönen Licht glänzten. Daher hatte die
Herberge ihren Namen. Bendu fragte nach den roten Reitern. Der Wirt
hatte sie nicht gesehen.
»Aber vielleicht«, sagte er, »kann mein Knecht Euch etwas
erzählen; der weiß immer alle Neuigkeiten.« Er rief laut: »Leor!«
Hinten im Gastzimmer öffnete sich eine Tür, und ein magerer Mann
trat ein. Als er die grauen Ritter sah, ging ein Ruck durch ihn. Auf
einen Wink des Wirtes schlurfte er näher und blieb mit gesenktem
Kopf vor ihnen stehen. Seine Augen aber schweiften herum und
nahmen jedes Mitglied der Gesellschaft wahr. Tiuri sah den
stechenden Blick und dachte, er sei noch nie jemand begegnet, der so
ungut und so unzuverlässig aussah. Er fragte sich, ob die andern das
gleiche dachten.
»Leor«, sagte der Wirt, »diese Ritter wollen wissen, ob hier etwa
rotgekleidete Reiter vorbeigekommen sind. Wart… jetzt erinnere ich
mich an etwas. Hast du mir nicht einmal davon berichtet?«

121
»Reiter?« sagte der Knecht langsam. »Reiter? Nein, nie! Ich hab'
nie einen Reiter geseh'n – keinen roten, keinen schwarzen. Zwar hab'
ich soeben ein paar graue und blaue geseh'n, aber das sind diese
Herren selber gewesen.«
Er grinste der Gesellschaft zu und beugte dann den Kopf rasch, wie
wenn er fürchtete, zu viel gesagt zu haben. Aber Tiuri bemerkte, daß
seine Augen sie weiter belauerten.
»Wißt Ihr sicher, daß Ihr keine andern Reiter gesehen habt?« fragte
Ristridin.
»Nein«, murmelte der Knecht. »Ich meine, ich habe keine
gesehen.«
»Schaut mich an«, befahl Ristridin in strengem Ton, »und antwortet
der Wahrheit gemäß! Habt Ihr Reiter gesehen, rote Reiter, hier in der
Nähe, vielleicht sogar in der Nacht?«
Der Knecht starrte ihn halb ängstlich, halb herausfordernd an.
»Nein«, sagte er, »ich hab' sie nicht geseh'n. Und wenn sie hier
gewesen wären, so hält' ich's gewußt.«
»Es ist gut«, sagte Ristridin. »Ihr könnt gehen. Und sorgt dafür, daß
unsere Pferde zu fressen bekommen, bitte.«
»Es soll geschehen«, sprach der Wirt. »Vorwärts, Leor, geh!«
Er wandte sich zu den Gästen und fragte, was sie essen wollten.
»Es ist uns gleichgültig«, erklärte Bendu, »wenn es nur gut
zubereitet und für uns alle genug ist. Und wenn wir essen, wollen wir
nicht gestört sein.«
Der Wirt verbeugte sich und verschwand.
Tiuri ging mit einem der Waffenknechte in den Stall, um zu
schauen, ob für die Pferde gut gesorgt werde. Der Knecht Leor war
bereits damit beschäftigt. Er schien sich jetzt wohler zu fühlen als im
Gastzimmer.
»Schöne Pferde«, sagte er. »Die können eine Strecke laufen, ohne
müde zu werden. Ihr kommt natürlich vom Schloß Mistrinaut, nicht?«
»Gewiß«, sagte der Waffenknecht.
»Wann seid Ihr von dort weggeritten?«
122
»Heute morgen.«
»Da seid Ihr schnell geritten – die grauen und die blauen Reiter.
Aber die grauen, die Ritter, wer sind die?«
»Das wissen wir nicht«, antworteten Tiuri und die Waffenknechte
gleichzeitig.
»Wir sind nur Diener«, fügte Tiuri bei.
Es war abgemacht worden, daß er als einer von Mistrinauts
Waffenknechten gelten sollte.
»O ja, natürlich«, sagte Leor, während er einen Sack Hafer in eine
der Raufen legte. »Die großen Herren erzählen einem lange nicht
alles… sie denken, ihre Angelegenheiten gehen über unsern
Verstand.« Er richtete seine Aufmerksamkeit auf die Pferde. »Das
schwarze Tier ist das schönste von allen«, bemerkte er. »Und doch
wird es nicht von einem der Ritter geritten… nicht?«
Er schaute Tiuri an, fragte ihn aber nichts.
Das Pferd Ardanwen schlug mit den Hufen auf den Boden und
schüttelte die Mähne.
»Ein scharfes Tier«, bemerkte Leor, und er blickte Tiuri nochmals
mit einem vieldeutigen Lächeln an.
Tiuri konnte ihn je länger, desto weniger ausstehen, und er war froh,
als er den Stall verlassen konnte. Im Gastzimmer waren die Kerzen
angesteckt, und der Wirt hatte den Tisch gedeckt. Kurze Zeit darauf
brachten er und Leor die Speisen herein. Ristridin dankte ihm und
sagte, er werde rufen, sobald noch etwas nötig sei. Darauf machten sie
es sich bequem, indem sie Helme und Halskragen entfernten und die
Waffen abschnallten. Bendu schob den Riegel an der Tür vor, die zum
Hinterhaus führte.
»So«, sagte er, »jetzt sind wir unter uns.«
Während des Essens sagte Tiuri: »Ich weiß nicht, ob ich zu
mißtrauisch bin, aber ich traue diesem Leor nicht.«
»Nicht? Nun, ich auch nicht«, erklärte Bendu. »Aber wir wollen ihn
im Auge behalten. Die roten Reiter finden wir auf jeden Fall, ob er es
sagen will oder nicht.«

123
Ritter Ristridin schaute Tiuri nachdenklich an. »Denkt alle daran«,
sprach er, »daß Tiuri als einer der Waffenknechte des Schlosses
Mistrinaut gelten muß.«
Er sagte nicht, warum er sie daran erinnerte, aber Tiuri begriff es
gut. Die roten Reiter wollten sicher wissen, wo er war; er selber war
der einzige, der genau wußte warum. Mit Schrecken dachte er daran,
daß die grauen Ritter vielleicht die Reiter nicht einmal suchen mußten.
Wenn ich bei ihnen bleibe, so kommen sie wohl zu uns, dachte er.
Tiuri sprach diese Gedanken nicht aus; das war zu schwierig. Statt
dessen wandte er sich an Ewein.
»Ritter Ewein«, sagte er, »wollt Ihr mir erzählen, warum der Fürst
von Evillan der Feind von König Unauwen ist?«
»Das läßt sich nicht mit ein paar Worten sagen«, antwortete Ewein.
»Aber ich will es Euch erzählen.«
»Wenn Ihr nur daran denkt, daß wir besser nicht zu spät schlafen
gehen«, sagte Bendu. »Morgen stehen wir mit der Sonne auf.«
»Wo ruht man besser aus, als wenn man gesellig beisammensitzt
und Wein trinkt und Geschichten hört?« fragte Ristridin.
Und er befahl seinem Schildknappen, zum Wirt zu gehen und ein
paar Flaschen Wein zu erbitten. So schenkten sie nach dem Essen die
Gläser noch einmal voll, um wie Tiuri dem zu lauschen, was Ewein
erzählte.
»Es wird gesagt«, sprach Ewein, »daß das Reich, von dem ich
komme, das schönste der Welt ist. Unser König, Unauwen, regiert
schon lange, und seine Regierung ist weise und gerecht. Viele Jahre
hat in unserem Land der Friede geherrscht. Erst in den letzten Jahren
haben wir Krieg und Zwietracht erfahren. Die Zwietracht ist im
Herzen des Reiches selber entstanden. König Unauwen hat zwei
Söhne. Der ältere ist wie üblich Kronprinz und vom achtzehnten Jahr
an Vizekönig oder Statthalter des Reiches. Aber die beiden Prinzen
sind am gleichen Tag geboren, und der jüngere ist mit seinem Platz
nie zufrieden gewesen. Er fand es nicht gerecht, daß sein Bruder, der
nur einige Minuten älter ist als er, der Thronfolger war. Man muß
wissen, daß die beiden Prinzen, was das Äußere und den Verstand
betrifft, einander ebenbürtig sind. Dies machte für den jüngeren den
124
Unterschied in ihrer Stellung noch weniger annehmbar. Aber ihr
Wesen war verschieden, und dies fiel mehr auf, als sie älter wurden.
Der Kronprinz gleicht seinem Vater; er denkt stets an das Wohl des
Reiches und seiner zukünftigen Untertanen. Der Bruder ist
herrschsüchtig und sehnt sich nach Macht.
Der Gegensatz zwischen den beiden Brüdern wurde immer größer.
Der jüngere begann den älteren zu hassen, und so kam es zur
Feindschaft zwischen den beiden. König Unauwen hatte auf jede
Weise versucht, sie wieder zusammenzubringen und den jüngeren
Sohn mit seinem Los zu versöhnen. Doch in einem blieb er
unerbittlich: nie wollte er das Reich teilen; es mußte ein Ganzes
bleiben unter der Regierung desjenigen, der dazu bestimmt war. Doch
ernannte der König den jüngeren Sohn schließlich zum Statthalter für
den Süden des Reiches, die Provinz der Ströme. Zuerst schien das gut
zu sein, aber dann begann der Prinz, je länger, desto selbständiger zu
regieren. Ja, manchmal handelte er geradezu gegen den Willen seines
Vaters. Zuletzt tat er etwas, was König Unauwen nie getan hätte: er
zog nach Süden und drang ins Land Evillan. Er eroberte es und
machte es zur Provinz von Unauwens Reich. Der König widerrief aber
diesen Entscheid, und er befahl seinem Sohn, sich unverzüglich aus
Evillan zurückzuziehen. Als Antwort rief sich der Prinz zum König
jenes Landes aus und erklärte, er sei jetzt auch König und seinem
Vater gleich und brauche ihm deshalb nicht mehr zu gehorchen. Dies
schmerzte den König sehr, und er entzog dem Sohn die
Statthalterschaft. Aber der übermütige Prinz weigerte sich, diesem
Beschluß zu gehorchen. Unglücklicherweise gab es in der Provinz der
Ströme viele Leute, die ihm zugetan waren und ihn in seinem
Widerstand unterstützten. Der Kronprinz kam mit einem Heer, um die
Statthalterschaft zu übernehmen, und es kam zu einem Gefecht. Die
Brüder kämpften gegeneinander! Unauwen, von seinem älteren Sohn
vertreten, blieb siegreich. Aber seither ist etwas aus dem Reich
verschwunden; nicht mehr überall herrschen Friede und Freundschaft.
Der jüngere Prinz, Fürst von Evillan, schickte wüste Kriegerbanden
ins Land seines Vaters, um dort Unruhe zu stiften. Und, auch wenn es
kein offizieller Krieg war, es wurde immer gekämpft, an der Grenze
und im Süden unseres Landes.«
125
»Eine solche Bande«, sagte Ristridin, »hatte sich im Wald von
Vorgota versteckt. König Unauwen sandte Ritter Edwinem, um sie zu
vertreiben.«
»Ich war auch dabei«, erzählte Ritter Ewein weiter, »als einer der
Krieger in Edwinems Gefolge. Damals war ich noch kein Ritter.
Ristridin wird Euch ja wohl erzählt haben, daß es uns glückte, diese
bösartige Bande zu verjagen. Aber damit war noch nicht der Unfriede
aus unserem Land vertrieben. Ein paarmal versuchte der Kronprinz,
Frieden zu schließen, aber es gelang ihm nicht. Es wurde gesagt, er sei
seinem Bruder immer noch zugetan. Der Fürst von Evillan lehnte jede
Annäherung ab, so daß die Ritter von Unauwen betrübt ihre weißen
Schilde ergriffen, die Schwerter umschnallten und sich auf weitere
Kämpfe vorbereiteten. Doch vor kurzer Zeit gingen plötzlich Gerüchte
durch mein Land: der Fürst von Evillan wolle endlich Frieden
schließen, ja, er wolle sogar Evillan aufgeben und nach der Stadt von
Unauwen reisen, um sich mit dem Vater und dem Bruder zu
versöhnen. Er hat seinem Vater Botschafter geschickt, und der König
hat seinerseits eine Gesandtschaft nach Evillan geschickt, die über den
Frieden verhandeln sollten, und die haben sich, mit guten Wünschen
versehen, auf den Weg gemacht. Einer von ihnen war Ritter Edwinem,
der Herr von Foresterra…«
Ewein schwieg.
»Und dann?« fragte Tiuri.
»Damit habe ich alles erzählt, was ich weiß«, sagte Ewein. »Ich war
in froher, hoffnungsvoller Stimmung, als ich mein Land verließ, um
von meinem König dem König Dagonaut eine Botschaft zu bringen.
Ich konnte nicht vermuten, daß ich bald darauf meinen weißen Schild
gegen einen grauen tauschen und als Rächer durch dieses Land reisen
mußte.«
Es war ganz still. Merkwürdig, dachte Tiuri, hier sitzen wir
beisammen, und wir sind in die Angelegenheiten eines fremden
Landes verwickelt, außer Ewein, der von dort kommt… Er wollte
etwas sagen, als zu seiner Verwunderung Bendu ihm mit einer
Gebärde zu schweigen befahl. Dieser stand nun vorsichtig auf und

126
schritt unhörbar zur Tür hinten im Gastzimmer. Dann schob er leise
den Riegel zur Seite und öffnete die Tür mit einem kräftigen Ruck.
Es taumelte ein Mann herein. Es war Leor.
Bendu packte ihn rauh und stellte ihn auf.
»Ich hab' Euch!« rief er. »Was steht Ihr da und belauscht uns?«
»Hilfe, au!« jammerte der Knecht. »Ich habe nicht gelauscht… au,
Hilfe, laßt mich los!«
Bendu hielt ihn noch fester.
»Heraus damit, Lauscher!« sagte er barsch. »Warum belauscht Ihr
uns? Und wer hat Euch den Auftrag gegeben?«
»Niemand!« entgegnete Leor. »Ich wollte eben klopfen, um zu
fragen, ob Ihr noch etwas nötig habt.«
»Das ist eine Lüge!« sagte Bendu, während er den Knecht derb
schüttelte. »Vorwärts, gebt Antwort!«
»Au!« rief Leor. »Ihr tut mir weh! Ich weiß nichts, sag' ich Euch.
Au, au, au!«
Er jammerte so laut, daß der Wirt auf den Lärm hin herbeikam.
»Ihr Herren Ritter«, rief er bestürzt, »was ist los?«
»Habt Ihr Eurem Knecht Auftrag gegeben, an der Tür zu
lauschen?« fragte Bendu.
»Nein, natürlich nicht!« rief der Wirt zornig. »Was habt Ihr mit
Leor?«
»Laßt ihn los«, sagte Ristridin zu Bendu, und zum Wirt sagte er:
»Euer Knecht hat sich sehr verdächtig benommen, Foram. Ihr habt
sicher nichts dagegen, daß wir ihm ein paar Fragen stellen.«
»O nein, Ritter Ristridin«, antwortete der Wirt und schaute
überrascht auf den Ritter, der nun ohne Helm vor ihm stand.
Bendu ließ Leor los, und dieser rieb sich die Arme.
»Ich hab' nichts getan und weiß nichts«, murmelte er.
»Gib diesen Herren lieber Antwort, Leor«, sprach der Wirt streng.
»Ich schäme mich für dich!«

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»Nun gut«, sagte Ristridin, »erzählt uns, was Ihr von den roten
Rittern wißt. Denn Ihr habt sie gesehen!«
Bendu sagte nichts, schaute aber den Knecht so grimmig an, daß
dieser seine Einwände aufgab.
»Ja… ja, ich hab' Reiter geseh'n«, sagte er unwillig. »Vorgestern
nacht. Aber sie waren nicht rot…«
»Nicht rot?« rief Bendu.
»Wenigstens nicht alle«, sagte Leor. Er schien seinen Schmerz
vergessen zu haben, und es legte sich ein kleines Grinsen auf sein
Gesicht. »Der, der mit mir geredet hat, war schwarz – die Kleider
meine ich –, und es waren auch andere, die nicht rot waren. Ich weiß
nicht genau, wie sie aussahen. Es war finster.«
»Sprachen sie mit Euch?« fragte Bendu. »Was sagten sie, und wie
viele waren es?«
»Sie ritten vorbei«, berichtete Leor. »Ich weiß nicht, wie viele es
waren; vielleicht zehn – oder zwölf… Ich war wach und sah sie
durchs Fenster. Meine Kammer ist auf der Vorderseite. Sie hielten an,
ein Stück von der Herberge entfernt, und ich stand auf, um schauen zu
gehen. Vielleicht wollen sie herein, dachte ich. Nu, ich ging hinaus,
und da sahen sie mich. Sie wollten nicht übernachten, sondern fragten,
ob ich für sie Bier holen wollte. Das hab' ich getan.«
»Und was sagten sie?« fragte Ristridin.
»Nichts Besonderes«, erwiderte Leor.
»Warum wolltet Ihr denn so gern wissen, was wir zu besprechen
hatten?« fragte Ristridin.
»Warum, Herr Ritter, wollt Ihr so gern etwas von diesen Rittern
wissen?« fragte Leor. »Nicht, daß es mich etwas angeht, aber…«
»Gebt Antwort!« fiel ihm Bendu ins Wort.
»Die roten Reiter haben einen Mord begangen«, sprach Ristridin.
»Wir sind Ritter von König Dagonaut, und wir müssen sie strafen.«
»Oh«, machte Leor. Er schien einigermaßen unter dem Eindruck
dieser Worte zu stehen. »Nehmt es mir nicht übel, Herr Ritter«, fuhr
er weiter. »Nun, sie fragten nach Euch. Sie fragten, ob ich etwa vier
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graue Ritter und ihre Schildknappen geseh'n habe, die aus der
Richtung von Schloß Mistrinaut kamen. Nun, die hatte ich nicht
geseh'n, und das sagte ich auch. Sie fragten nach… (hier zögerte er
und schaute auf Tiuri) nach einem Jüngling mit einem schönen Ring
am Finger. Einen solchen Jüngling hab' ich bis zu diesem Augenblick
nicht geseh'n.«
»Und?« fragte Ristridin.
Groß und streng stand er vor Leor, und dieser konnte seinem
durchdringenden Blick nicht widerstehen.
»Sie sagten, ich solle aufpassen, ob ich sie seh'«, fuhr er weiter, »die
grauen Ritter und den Jüngling… und ich solle sie warnen, wenn ich
sie seh'.«
»Und wie sollt Ihr sie warnen?« fragte Ristridin. »Wie könnt Ihr sie
erreichen? Wo sind sie jetzt?«
»Das weiß ich nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Sie kommen
zurück, sagten sie, um mich zu fragen.«
»Ist das die Wahrheit?«
»Ja, Herr Ritter«, antwortete Leor, »das ist die Wahrheit.«
Nun half ihm der Wirt. »Ihr müßt ihm glauben, Ritter Ristridin«,
sagte er. »Es ist natürlich falsch, daß er zu lauschen versuchte;
Neugier ist sein Fehler. Aber er konnte nicht wissen, daß die roten
Reiter Mörder sind.«
»Natürlich nicht«, sagte Leor mit unglücklichem Ton.
»Es ist schade, daß Ihr uns nicht erzählen könnt, wo sie sind«,
sprach Ristridin. »Aber wir werden sie doch noch finden. Geht jetzt,
Leor. Aber: Ihr warnt uns, wenn sie wiederkommen sollten!«
»Ja, Herr Ritter«, sagte Leor gehorsam, und er schlurfte weg.
»Kann ich noch etwas für Euch tun?« fragte der Wirt.
»Ja, Foram«, antwortete Ristridin. »Sprecht meinen Namen lieber
nicht aus, solange ich diese graue Rüstung trage.«
»Jawohl, Herr Ritter«, sagte der Wirt. »Ich will Leor beobachten,
obwohl ich nicht glaube, daß er mehr weiß, als er erzählt hat.«

129
»Gut, Foram«, bemerkte Ristridin. »Wir gehen jetzt schlafen.
Morgen früh reiten wir weiter.«
Als der Wirt weg war, setzten sich die Mitglieder der Gesellschaft
noch zusammen, um sich zu beraten.
»Ich glaube, dieser Leor weiß mehr, als er berichtet hat«, meinte
Bendu.
»Es ist möglich«, sagte Ristridin nachdenklich.
»Und ist dem Wirt wohl zu trauen?« fragte Arwaut.
»Wenn er etwas wüßte, so hätte er es mir sicher mitgeteilt«,
erwiderte Ristridin. »Ich kenne ihn; er ist ein rechtschaffener Mann,
wenn auch nicht sehr schlau.«
»Was jetzt?« fragte Ewein.
»Nichts«, sagte Bendu kurz. »Gehen wir schlafen! Aber ich finde,
wir sollten abwechselnd Wache halten, so daß niemand in die
Herberge kommen oder sie verlassen kann, ohne daß wir es wissen.«
»Das scheint mir auch das beste zu sein«, sagte Ristridin.
Sie verteilten die Wache. Ristridin war zuerst an der Reihe, auf
seine Bitte zusammen mit Tiuri. Sie sollten im Gastzimmer bleiben
und ab und zu die Runde um die Herberge machen. Nach einer Stunde
sollten sie zwei andere wecken.
Kurz darauf war Tiuri mit Ristridin allein. Das Gastzimmer war fast
dunkel; sie hatten eine einzige Kerze brennen lassen.
»Ich habe gebeten, mit Euch zu wachen«, sagte der Ritter, »weil ich
jetzt Gelegenheit habe, noch ein wenig mit Euch zu plaudern.«
»Fürchtet Ihr nicht, es könnte Euch jemand belauschen?« fragte
Tiuri.
»Leor? Ach, was ich zu erzählen habe, ist kein Geheimnis. Leor
kann es hören, sogar wenn er ein Spion der roten Reiter ist.«
»Glaubt Ihr, daß die roten Reiter in der Nähe sind?« fragte Tiuri,
»und daß sie hierher zurückkommen?«
Ristridin hob die Schultern. »Ich halte für sicher, daß sie ganz nahe
sind«, erwiderte er.
Tiuri schwieg einige Augenblicke.
130
»Ich denke, sie suchen mich«, sagte er dann leise. »Und wenn sie
wissen, daß ich in Eurer Gesellschaft bin, so werden sie Euch
wahrscheinlich angreifen.«
»Sie mögen kommen«, sprach Ristridin, »und zwar am liebsten
sobald wie möglich. Was Euch betrifft, so steht Ihr, solange Ihr bei
uns seid, unter unserm Schutz.«
Er stand auf, schritt zur Tür und schaute hinaus. Nach einer Weile
setzte er sich wieder zu Tiuri, ließ aber die Tür offen.
Die Wachzeit ging rasch vorüber, denn Ristridin konnte Tiuri noch
viel von Ritter Edwinem erzählen.
»Im Frühling dieses Jahres«, sagte er, »war ich bei meinem Bruder
im Schloß Ristridin am Grauen Fluß. Bendu und Edwinem hatten
versprochen, auch zu kommen; dann wollten wir zu dritt in den
Wilden Wald gehen, wo wir bisher noch nie gewesen waren. Eines
Tages kamen Kundschafter und erzählten, Ritter von Unauwen seien
im Anzug. Ich ging ihnen entgegen. Es waren nicht viele, aber die
kleine Schar sah sehr schön aus. Alle Ritter waren in vollem
Schmuck, in weißer Rüstung, mit weißem Schild und
regenbogenfarbigem Mantel. Und voran ritt auf seinem schwarzen
Pferd Edwinem von Foresterra, der ein prächtiges Landgut in
Unauwens Reich besaß; er war aber ein fahrender Ritter wie ich. Auch
die andern trugen berühmte Namen; ich nenne Andomar von Ingewel
und Argarat von Verredava, Marcian und Darowin. Sie waren als
Gesandte von König Unauwen auf dem Weg nach Evillan. Auf
Ersuchen von Ritter Edwinem reisten sie durch unser Land, so daß er
mir begegnen konnte, um mir zu sagen, er könne in der nächsten Zeit
nicht mit uns auf Abenteuer ausziehen. Sein König hatte ihm einen
wichtigeren Auftrag gegeben. Wie Ihr wißt, hatte der Fürst von
Evillan seinem Vater und dem Bruder eine Nachricht geschickt, in der
er den Wunsch ausgesprochen hatte, daß Frieden geschlossen werde.
Darum hatte König Unauwen die besten seiner Ritter nach Evillan
gesandt.
Die Ritter blieben einen Tag und eine Nacht als Gäste im Schloß
meines Bruders. Sie waren voller Frohsinn und Hoffnung – bis auf
einen. Denn Ritter Edwinem war schweigsam und zurückgezogen.
131
Am Mittag stand ich mit ihm auf dem höchsten Turm des Schlosses,
und wir schauten hinaus über die Flächen von Evillan jenseits des
Grauen Flusses. Da fragte ich Edwinem, warum er so nachdenklich
sei. Zuerst wollte er nicht reden, aber schließlich sprach er mit einem
Seufzer: ›Ich weiß es nicht! Jeder ist glücklich und hofft auf Frieden
mit Evillan. Aber mein Herz ist in einem dunklen Vorgefühl gefangen.
Manchmal bin ich böse auf mich selber und frage mich, ob ich nicht
zu mißtrauisch und argwöhnisch geworden bin. Ich habe mich noch
nie so gefühlt, nicht einmal in Augenblicken der Gefahr.‹
Ich fragte ihn, ob er Verrat fürchte.
›Sagt dieses Wort nicht laut‹, erwiderte er. ›Der Fürst von Evillan
ist lange mein Feind gewesen. Ich habe gegen manchen seiner Ritter
gekämpft, und noch nie hat einer von ihnen mich besiegen können.
Aber auch noch nie hat sich einer von ihnen mir gegenüber
unritterlich benommen. Darum darf ich nicht an Verrat denken. Und
doch – und nur Euch sage ich es, Ristridin – doch glaube ich nicht,
daß der Fürst von Evillan wirklich den Frieden will. Ich kenne ihn; er
ist schlecht.‹
Am nächsten Morgen nahmen er und die andern Ritter Abschied
und ritten nach Evillan. Edwinems Schildknappe Vokia blieb im
Schloß Ristridin zurück, obwohl es seinen Herrn große Mühe gekostet
hatte, ihn dazu zu bewegen. Die Reise wäre aber für den alten Mann
zu schwer gewesen, da er sich nicht wohl fühlte. Die Ritter sollten auf
dem Rückweg wieder herkommen und ihn mitnehmen. Als sie fort
waren, machte mich Edwinems Angst unruhig. Darum beschloß ich,
nicht in den Wilden Wald zu gehen, bevor sie zurück waren. Bendu
kam auch und wartete, denn ohne mich wollte er nicht gehen. Wir
überquerten den Grauen Fluß und begaben uns nach Evillan, hörten
aber nichts Besonderes. Auch dort gingen Gerüchte von Frieden und
Versöhnung um; aber wir vernahmen auch, daß die Krieger von
Evillan ihre Anzahl stark vermehrt hatten und daß die Grenze zu
Unauwens Reich scharf bewacht wurde.
Dann kam der Tag, an dem ich Ritter Edwinem zum letzten Mal
sehen sollte. Es war ein merkwürdiger Tag: es regnete, und
gleichzeitig schien die Sonne, und der alte Vokia lief unruhig hin und
132
her und murmelte dabei etwas von einem Traum, den er gehabt habe,
und er brummte, weil er nicht bei seinem Herrn war. Zur Stunde des
Sonnenuntergangs klopfte ein fremder Ritter an das Tor des Schlosses
Ristridin. Er wollte mich sprechen, aber seinen Namen wollte er nicht
sagen. Der Torwächter dachte, es sei ein Ritter aus Evillan. Ich ging
zum Tor, und Vokia folgte mir; er war davon überzeugt, daß der
unbekannte Besucher etwas mit seinem Herrn zu tun hatte. Da stand
der Ritter – schwarz war seine Rüstung, schwarz der Schild und
schwarz das Pferd. Aber auch ohne dieses Pferd hätte ich gewußt, wer
er war, obwohl er das Visier nicht aufschlug und tat, als ob er mich
nicht kennen würde. Ich ließ ihn eintreten, nannte ihn aber nicht beim
Namen; erst später, als wir beisammen waren, war unsere Begrüßung
herzlicher. ›Was ist geschehen, Edwinem‹, fragte ich, ›daß Ihr allein
kommt, und schwarz wie ein Ritter aus Evillan?‹ – ›Es ist die einzige
Art, um aus jenem Land zu entkommen‹, antwortete er. ›Ich hasse es,
dieses Schwarz zu tragen, aber darunter ist das Weiß versteckt, und
das wird bald wieder zu sehen sein.‹ Er konnte oder wollte nicht
sagen, was los war; seine Ankunft mußte geheim bleiben. Ich begriff,
daß er aus irgendeinem Grund geflohen und daß er in Eile war. Wenn
es nicht nötig gewesen wäre, daß er und sein Pferd rasteten, so wäre er
nicht einmal gekommen. Nach ein paar Stunden wollte er weiterreiten
und auf dem Dritten Großen Weg in sein Land reisen. Als er von mir
hörte, daß an der Grenze mehr Truppen waren, ließ er diesen Plan
jedoch fallen. ›Sie bewachen die Grenze‹, sagte er. ›Die Südseite von
Unauwens Reich ist zum großen Teil in ihrer Macht. Der Wald von
Vorgota ist zwar sicher, aber Evillans Krieger liegen in den
Südwindbergen auf der Lauer, und es sollen jetzt mehr Leute dort sein
als vor ein paar Monaten. Nein, ich reite auf einem Umweg ins Land
von Unauwen; zuerst nach Norden und dann auf dem Ersten Großen
Weg.‹
Ich fragte ihn, ob ich helfen könne, aber er schüttelte den Kopf und
sagte: ›Dies ist etwas, was nur mein Land und meinen König betrifft.
Obwohl vielleicht nicht für immer.‹ Dann lächelte er und fügte bei:
›Dies ist wohl das sonderbarste meiner Abenteuer! Ich bin unterwegs
im tiefsten Geheimnis und flüchte, wie wenn der Tod mir auf den
Fersen säße, und bin schwarz angezogen wie ein Diener der Nacht.
133
Aber vielleicht ist dies auch mein wichtigster Auftrag. Gebe Gott, daß
ich das Ziel erreiche!‹
Mehr sagte er nicht. Ein paar Stunden später ritt er weg, aber er war
nicht mehr allein; sein Schildknappe folgte ihm. Ich blieb zurück in
Sorge, Angst und Zweifel. Am folgenden Tag überquerte ein Trupp
rotgekleideter Reiter den Fluß und begab sich nach Norden. Mein
Bruder und ich hielten sie auf und fragten, was sie in Dagonauts Reich
täten. Sie antworteten, sie seien von ihrem Fürsten gesandt, um dem
König Dagonaut zu Ehren des Mittsommerfestes zu huldigen. Wir
konnten nichts anderes tun, als sie ziehen zu lassen; die Beziehungen
zwischen unserm Land und Evillan waren in der letzten Zeit ja gut
gewesen. Als wir ins Schloß zurückkamen, beriet ich mich mit Bendu
und meinem Bruder. Ich wußte, was ich wollte: den roten Reitern
folgen und sie im Auge behalten. Bendu wollte mitkommen, und
Arturin, mein Bruder, sollte in Ristridin bleiben, um die Grenze zu
bewachen. Wir hatten rasch alles in Ordnung, und Bendu und ich
ritten noch am gleichen Tag ab.
Unterwegs hörten wir, ein unbekannter Ritter habe sich den roten
Reitern angeschlossen; er trage eine schwarze Rüstung und einen
roten Schild. Oh, dieser Zug nach Norden in wilder Jagd! Wir
verfolgten die roten Reiter, und sie verfolgten – das fürchteten wir
wenigstens – den Herrn von Foresterra. In einem Dorf beim Grünen
Fluß hörten wir Neues. Zwei schwarze Ritter waren dort
aneinandergeraten, einer mit einem roten und einer mit einem weißen
Schild. Edwinem hatte also die schwarze Farbe von seinem Schild
entfernt. Der Ritter mit dem weißen Schild hatte seinen Gegner
besiegt, aber nicht getötet. Darauf war eine Bande roter Reiter
gekommen, die den Sieger in den Wald gejagt hatte. Dann waren sie
alle verschwunden. Später aber war ein alter Mann, der in Gesellschaft
des siegreichen Ritters gewesen war, zurückgekommen und
spornstreichs in der Richtung zur Hauptstadt geritten. Als wir dies
vernommen hatten, teilten wir unsere Gesellschaft. Bendu ritt zur
Stadt, und ich begab mich in den Wald. Aber ich fand keine Spur von
Reitern oder vom schwarzen Ritter mit dem weißen Schild.
Schließlich reiste ich auch in die Stadt, wo ich eben nach der
festlichen Weihe der neuen Ritter ankam. Es wurde natürlich viel über
134
den Jüngling gesprochen, der weggelaufen war, aber in diesem
Augenblick fand ich das nicht so wichtig. Ich dachte an Edwinem und
an die roten Reiter. Ich traf Bendu wieder, der den alten
Schildknappen nicht hatte finden können. Ich vernahm weiter, daß nur
einige rote Reiter dem König Dagonaut ihre Aufwartung gemacht
hatten und daß kein schwarzer Ritter in der Stadt gewesen war. Der
König erlaubte uns, sofort zur Erkundung wegzugehen. Ritter Ewein,
der zufällig gerade in der Stadt war, schloß sich uns an, ebenso
Arwaut, Bendus Neffe. Aber wir brauchten Ritter Edwinem nicht
mehr zu suchen. Am gleichen Tag hörten wir, der schwarze Ritter mit
dem weißen Schild sei im Wald ermordet gefunden worden, nicht weit
von der Herberge Yikarvara, wo er sich kurze Zeit aufgehalten hatte.
Er, einer der tapfersten von Unauwens Rittern, einer seiner edelsten
und treuesten Paladine, er, der Unbesiegbare, war erschlagen worden,
nicht in einem ehrlichen Zweikampf, sondern durch feigen Verrat.
Sein Vorgefühl war Wahrheit geworden: er sollte sein Land und sein
geliebtes Foresterra am Meer nie wiedersehen…«
Dies und noch mehr war es, was Ritter Ristridin erzählte, als er und
Tiuri zusammen Wache hielten. In und um die Herberge war es still;
sie wurden nicht gestört.

135
Angriff der roten Reiter

Am nächsten Morgen ritt Tiuri neben Umar, dem Schildknappen


Ristridins, einem freundlichen Jüngling in seinem Alter, der
unterwegs viel über seinen Herrn plauderte. Er diente erst kurze Zeit,
doch war er schon voll großer Bewunderung für ihn. Sie kamen flink
vorwärts, obwohl sie ab und zu nach Spuren der roten Reiter suchten.
Am Mittag ritten sie immer noch auf dem Großen Weg.
Auf der einen Seite lagen Felsen, und jenseits des Flusses begann
ein dunkler Tannenwald. Ein schönes Versteck für rote Reiter, dachte
Tiuri. Er schaute sich stets gut um und war wachsam und gespannt.
Der Weg war still; sie begegneten keinem Menschen. Manchmal
hörten sie das Echo des Hufgetrappels. Niemand sprach; jeder schien
auf der Hut zu sein.
Spät am Nachmittag geschah es. Aus dem Wald am rechten Ufer
erhob sich plötzlich lautes Geschrei.
»Dort haben wir sie«, sagte Bendu, während er sein Pferd anhielt
und die Hand ans Schwert schlug. Auch die andern stellten ihre Pferde
und griffen zu den Waffen.
»Schaut!« rief Arwaut. »Dort sitzt einer in einem Baum! Einer im
roten Kleid, glaube ich!«
»Und dort bewegen sich Leute zwischen den Bäumen!« schrie
Ewein.
Bendu gab seinem Pferd die Sporen und ritt in den Fluß. Dieser war
nicht tief und konnte überquert werden, obwohl die Strömung
ziemlich stark war. Arwaut und seine Schildknappen folgten ihm.
Pfeile flogen aus dem Wald auf sie zu, aber niemand wurde getroffen.
Im gleichen Augenblick sprang jemand von einem Felsen auf der
linken Seite des Weges und kam genau auf Tiuri zu. Dieser Angriff
war für Tiuri völlig unerwartet. Etwas Schweres fiel ihm plötzlich auf
den Rücken, und zwei Hände griffen ihm um den Hals. Ardanwen
wieherte und bäumte sich, während Tiuri den Angreifer von sich
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abzuschütteln versuchte. Er hörte wieder Geschrei; andere Männer
schienen von den Felsen zu springen. Dann fiel er auf den Boden, mit
dem Angreifer über sich.
Etwas wußte er sofort: Es ging dem Angreifer um sein Leben und
um den Brief!
Eine Weile kämpfte er mit dem Gegner; keiner von beiden hatte
Gelegenheit, eine Waffe zu ergreifen. Um sie herum war
Hufgetrappel, Geschrei und Waffengeklirr. Endlich gelang es Tiuri,
den Gegner zu überwältigen; er drückte ihn fest auf den Boden. Da
sah er zum erstenmal das Gesicht… ein grausames, bösartiges Gesicht
war es, dessen Mund sich öffnete und einen Schrei ausstieß.
Tiuri witterte Unrat und sprang hastig auf, während er das Schwert
zog. Gleichzeitig wurde er von hinten angegriffen. Aber damit hatte er
bereits gerechnet, und als wieder zwei Hände seine Kehle packten,
ließ er sich hintenüberfallen und überraschte dadurch den zweiten
Angreifer vollständig. Der blieb so liegen, wie er auf den Boden
prallte, und rührte sich nicht mehr. Aber da war sein erster Angreifer
wieder aufgesprungen und hatte sich auf Tiuri geworfen. Gleichzeitig
griff ihn noch ein weiterer Reiter an. Der eine versuchte, Tiuris Hände
zu packen, und der andere riß an seinen Kleidern. Tiuri verteidigte
sich verzweifelt.
Der Brief! Diese Kerle suchten den Brief!
Er hörte Ristridins Horn und schrie laut: »Hilfe!«
Gleichzeitig spürte er einen stechenden Schmerz im linken
Oberarm; einer der Angreifer hatte ihn gestochen. Es wurde ihm
schwarz vor Augen, aber er wehrte sich weiter. Es schien ihm, als
eilten mehrere Männer herbei; er hörte Rufe und Gewieher. Er fühlte,
daß er es nicht mehr lange aushalten konnte. Noch hatten sie den Brief
nicht, noch nicht! Plötzlich spürte er, daß die Angreifer ihn losließen.
Dann verlor er das Bewußtsein.
Er kam zu sich, als ihn jemand berührte. Mit einem Schrei richtete
er sich auf und drückte eine Hand auf die Stelle, wo er den Brief
verwahrte.
»Ruhig, ruhig«, sagte Ritter Ristridin. »Ich bin es. Bleibt liegen!«

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Tiuri sank wieder zurück. Unsäglich erleichtert fühlte er, daß der
Brief noch da war. Mit einem Seufzer schloß er die Augen. Er merkte
daß der Kampflärm verklungen war; nur in der Ferne hörte er noch
Stimmen rufen. Er öffnete die Augen und blickte in das besorgte
Gesicht Ristridins, der sich über ihn gebeugt hatte.
»Wie geht es?« fragte der Ritter. »Ihr seid verwundet, aber nicht
ernstlich, glaube ich.«
»Oh, das ist nichts«, murmelte Tiuri, während er sich mühsam
erhob und etwas benommen um sich blickte. Das Gefecht war
offenbar zu Ende. Zwei rote Reiter lagen dicht neben ihm; sie waren
tot. Ein wenig weiter weg lag noch ein Mann, der zwar nicht rot
gekleidet war, aber auch nicht zur Gruppe der grauen Reiter gehörte.
Umar war mit einigen Pferden beschäftigt, die unruhig
beisammenstanden. Sonst war niemand zu sehen.
»Wo sind die andern?« fragte Tiuri.
»Den roten Reitern nach«, antwortete Ristridin. »Sie sind in den
Wald geflüchtet.« Er untersuchte Tiuris Wunde. »Es sieht in der Tat
nicht schlimm aus«, sagte er. »Wartet einen Augenblick!«
Er holte seine Tasche und entnahm ihr Verbandstoff. Umar kam mit
einem Helm voll Wasser.
Ristridin wusch und verband Tiuris Arm und sagte dann: »So, jetzt
suchen wir einen besseren Platz für Euch. Hier sieht es recht
ungemütlich aus.«
Ohne auf Antwort zu warten, hob er Tiuri auf, als ob er ein kleiner
Junge wäre, und setzte ihn am Wegrand ab, wo er sich an einen
Felsblock lehnen konnte. Dann gab er ihm ein paar Schlucke aus einer
Flasche Kräuterwein zu trinken.
»Und jetzt nur ruhig sitzen bleiben«, sagte er, »dann fühlt Ihr Euch
bald wieder wohl.«
Das Pferd Ardanwen näherte sich, beugte den Kopf zu Tiuri und
beschnüffelte ihn.
»Dieses Tier hat Euch das Leben gerettet«, erklärte Ristridin.
»Einer der Reiter wollte Euch mit einem Beil zu Leibe, aber
Ardanwen schlug ihn mit einem Huf, und jetzt liegt er dort: tot.«
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Tiuri streichelte dem treuen Tier über die Nase.
»Was ist eigentlich geschehen?« fragte er. »Es geht mir alles noch
so durcheinander.«
»Mit einem Mal waren es viele, die Euch angriffen«, antwortete
Ristridin. »Ihr kämpftet schon mit zweien zugleich, aber es tauchten
noch andere auf. Wir konnten Euch gerade zur rechten Zeit befreien,
und wenn Ardanwen nicht gewesen wäre, so wären wir
wahrscheinlich zu spät gekommen…«
Er blickte zum andern Ufer. Es begann zu dämmern, und im Wald
war es schon ganz dunkel.
»Ich lasse Euch jetzt allein«, sagte er. »Hier ist mein Horn; blast
darauf, wenn etwas Ungutes droht.«
Dann war er verschwunden; sein Schildknappe folgte ihm. Tiuri
lehnte sich an den Felsblock und betrachtete das Horn auf seinen
Knien. Er war müde, und die Wunde brannte ein bißchen, aber er
fühlte sich sehr dankbar, weil alles noch so gut abgelaufen war. Er
wußte noch nicht, wie es dem Rest der Gruppe ergangen war.
Kämpften sie irgendwo mit den roten Reitern? Er schaute sich um.
Der Anblick der Toten war nicht angenehm, und er richtete den Blick
weiter, dem Walde zu. Aber er konnte nichts unterscheiden. Er holte
den Brief hervor und betrachtete ihn. Da hörte er Schritte und verbarg
ihn rasch wieder.
Es waren Ristridin und Umar.
»Wir haben nachgeschaut, ob noch einer zwischen den Felsen
steckt«, sagte Ristridin, »aber wir haben keinen entdecken können.«
Er wandte sich an den Schildknappen. »Zuerst wollen wir für die
Toten sorgen«, sagte er. »Wir können sie ein wenig weiter weg
begraben oder einen Haufen Steine auf sie legen.«
»Kann ich helfen?« fragte Tiuri.
»Nein, bleibt noch ruhig sitzen«, bemerkte der Ritter. »Ihr habt
Euch schon genug gewehrt. Wartet, ich breite eine Decke für Euch
aus; dann könnt Ihr versuchen, ein wenig zu schlafen.«
Einen Augenblick später war Tiuri mit zwei Decken und einem
Sattel als Kopfkissen versehen. Er dachte aber nicht daran zu schlafen;
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dazu war er viel zu unruhig. Nach einer Weile setzte sich Ristridin zu
ihm, während Umar Holz anhäufte und Feuer machte. Es war jetzt fast
dunkel.
»Müßt Ihr nicht den andern nach?« fragte Tiuri. »Ich fürchte, es
sind sehr viele Reiter.«
»Es waren nicht mehr als zwanzig«, sagte Ristridin. »Fünf davon
sind tot. Nein, ich bleibe hier bei Euch. Ihr seid derjenige von uns, der
am meisten gefährdet ist. Ihr hattet recht, als Ihr sagtet, die Reiter
würden Euch überfallen. Jetzt sind sie in die Flucht geschlagen, aber
ich lasse Euch lieber nicht allein.«
»Ich danke Euch«, sagte Tiuri leise. »Aber die andern… sind es
genug, um die Reiter zu überwältigen?«
»O sicher«, sagte Ristridin lächelnd. »Sie standen schon vor
heißeren Feuern. Es ist nur die Frage, ob sie ihnen nachsetzen sollen.
Als die Reiter sahen, daß sie Euch nicht erwischen konnten, flohen sie
wie Hasen.«
»Es ging alles so schnell«, sagte Tiuri. »Der Kerl sprang von oben
herab auf mich; ich weiß noch nicht, was alles geschehen ist.«
»Diejenigen von ihnen, die im Wald geschrien hatten, sollten uns
nur ablenken«, erzählte Ristridin. »Und das gelang ihnen auch zuerst.
Einige von uns hatten den Fluß bereits überquert, als der Rest der
Bande von den Felsen sprang. Und sie gingen sofort auf Euch los. Uns
versuchten sie daran zu hindern, Euch zu Hilfe zu kommen. Als ihnen
das nicht gelang, flohen sie über den Fluß und in den Wald. Ich frage
mich, wie sie wußten, daß Ihr derjenige seid, den sie suchten.«
»Ardanwen!« murmelte Tiuri.
»Ja, das könnte sein«, sagte Ristridin.
»Leor schaute immer auf Ardanwen«, sagte Tiuri, »und er sprach
darüber. Ich denke, er hat den Reitern auf die eine oder andere Weise
Auskunft gegeben.«
»Das ist gut möglich«, stimmte Ristridin zu. »Sie haben wohl ihre
Spione.« Er stand auf. »Wir müssen uns jetzt gedulden, bis die andern
zurück sind«, sagte er.

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Es dauerte noch mehr als eine Stunde, bis Stimmengeräusch und
Hufgetrappel die Ankunft der andern ankündete. Tiuri, der doch
eingenickt war, wurde sogleich wach. Als sie kamen, zählte er sie
rasch: es waren alle neun da, und sie hatten noch einen bei sich, einen
Mann, dessen Hände auf den Rücken gebunden waren. Ristridin eilte
ihnen entgegen.
»Und?« fragte er sehr gespannt.
»Sechs haben wir getötet und einen gefangen«, sagte Bendu,
während er vom Pferd sprang und die Zügel Umar zuwarf. »Die
andern sind geflüchtet.«
Er schritt auf Tiuri zu.
»Was ist los mit ihm?« fragte er in barschem Ton.
»Eine Fleischwunde am Arm«, erklärte Ristridin. »Nichts Ernstes.«
»Da wünsche ich Euch Glück«, sagte Bendu zu Tiuri. »Ich hatte
Angst, es sei schlimmer. Die Reiter haben es tatsächlich auf Euch
abgesehen; es war gut, daß Ihr nicht allein gereist seid.«
Seine Stimme klang hart wie immer, aber Tiuri hörte doch einen
andern Klang darin. Ritter Bendu glaubt endlich, daß man mir trauen
kann, dachte er.
»Wie ist es mit Euch allen?« fragte Ristridin.
»Oh, wir sind in Ordnung«, sagte Bendu. »Arwaut hat einen Schnitt
am Kopf, und Eweins Schildknappe hat den Arm ein wenig
gequetscht, aber das bedeutet nichts.«
Ristridin schaute auf den Gefangenen. Er war ein gedrungener,
kräftiger Mann mit einem bösen Gesicht. Er war nicht rot gekleidet,
sondern trug ein graues Panzerhemd über einem zerlumpten Anzug.
»Gehörte er auch dazu?« fragte er.
»Ja«, antwortete Bendu. »Es waren nicht lauter rote Reiter. Ich sah
zwei in der schwarzen Rüstung der Soldaten von Evillan, einer davon
ist tot, und noch ein paar Strolche wie den da. Ich hätte lieber einen
roten Reiter gefangen, um ihn zu verhören, denn dieser Kerl da
behauptet, er wisse von nichts.«
»Wir fragen ihn sofort noch einmal«, sagte Ristridin.
141
Eine Zeitlang gab es viel zu tun. Die Pferde wurden abgezäumt und
trockengerieben, die Verletzungen Arwauts und des Schildknappen
verbunden, und es wurde das Essen zubereitet. Inzwischen erzählte
Bendu, was geschehen war. Die roten Reiter hatten offensichtlich ein
Gefecht vermeiden wollen; erst als sie eingeholt worden waren, war es
zum Kampf gekommen. Ein Teil von ihnen war jedoch geflohen. Der
Einbruch der Dunkelheit hatte es unmöglich gemacht, sie zu finden,
und darum waren Bendu und seine Kameraden zurückgekehrt.
»Aber die werden wir auch noch erwischen«, schloß er.
Nach dem Essen wurde der Gefangene verhört. Zuerst war er
widerspenstig, aber die drohenden Blicke der grauen Ritter lösten ihm
die Zunge bald.
»Woher kommt Ihr?« fragte Ristridin. »Seid Ihr einer aus Evillan?«
»Nein«, entgegnete der Mann mürrisch. »Ich komme von dort, aus
dem Wald.«
»Wie kommt Ihr zu den roten Reitern? Warum habt Ihr uns
angegriffen?«
»Ich weiß es nicht.«
»Gebt Antwort!«
»Ich weiß es wirklich nicht«, versicherte der Mann. »Es sind nicht
meine Sachen. Ich habe nur getan, was sie befohlen haben.«
»So, also seid Ihr einer, der kämpft, um Geld zu verdienen, und der
auf Befehl Schlechtes tut.«
»Ich muß doch auch leben! Ich weiß nichts von Recht und Schlecht.
Ich war bei den roten Reitern im Dienst, ja, und sie haben mich dafür
bezahlt. Aber nicht viel, die Schufte.«
»Wer war Euer Auftraggeber?«
»Was meint Ihr?«
»Wer gab die Befehle?«
»Weiß ich nicht.«
»Das wißt Ihr genau!«
»Nein, ich weiß es nicht. Der Hauptmann der roten Reiter.«

142
»Wie heißt er?«
»Weiß ich nicht. Wir nannten ihn gewöhnlich Hauptmann.«
»Wer sind die ›wir‹?«
»Wir alle.«
»Waren noch andere so wie Ihr aus dem Wald?«
»Ja. Mein Freund Udan, und Asgar, aber der ist tot.«
»Wie seid Ihr zu den roten Reitern in den Dienst gegangen?«
»Sie kamen daher und fragten uns, ob wir für sie arbeiten wollten.
Sie gaben uns Waffen und ein Panzerhemd. Nun, und so gingen wir
mit.«
»Richtig. Und was habt Ihr vorher getan?«
»Geht Euch das etwas an?«
»Gebt mir Antwort!«
»Nun, alles. Wir hackten Holz.«
»Und sicher habt Ihr geraubt«, sagte Bendu zornig. »Sicherlich aber
keine ehrliche Arbeit.«
Der Mann brummte etwas Unverständliches.
»Wer war Euer Auftraggeber?« fragte Ristridin zum zweitenmal.
»Das sagte ich doch schon. Der Hauptmann.«
»Nicht der schwarze Ritter mit dem roten Schild?«
»Ritter?« sagte der Mann mit echter Überraschung auf dem Gesicht.
»Nie geseh'n!«
Und dabei blieb er. Es war nicht viel, was er berichten konnte. Die
roten Reiter hatten ihm nicht anvertraut, was sie in Dagonauts Reich
taten. Die meisten von ihnen, so erklärte er, kamen aus Evillan, aber er
kannte sie erst seit kurzer Zeit, nicht länger als eine Woche. Er war
also erst nach dem Mord an Ritter Edwinem in den Dienst getreten. Er
war einer Gruppe von fünf Reitern im Wald begegnet; später hatten
sich andere angeschlossen. Das war erst im Gebiet des Schlosses
Mistrinaut gewesen. Den Ritter mit dem roten Schild hatte er nie
gesehen, aber er glaubte gut begriffen zu haben, daß der Hauptmann

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die Befehle seinerseits von einem andern erhalten hatte. Auch wußte
er, daß die roten Reiter verschiedene Spione hatten.
Leor, der Knecht der Herberge zum Sonnenuntergang, war einer
davon. Von ihm hatten sie – über einen andern – erfahren, daß die
Gesellschaft der grauen Ritter im Anzug war, und zwar mit dem
Jüngling, den sie schon lange suchten, den Jüngling, der ein schwarzes
Pferd ritt. Er wußte nicht, warum sie diesen Jüngling fangen mußten,
berichtete er; der Hauptmann sei aber sehr zornig gewesen, als er
vernahm, daß er von den grauen Rittern begleitet werde. Über die
weiteren Pläne seiner Auftraggeber konnte er nichts sagen.
»Ihr versteht, daß Ihr bestraft werdet«, sprach Ristridin streng.
»Ohne Gründe Reisende auf ihrem Weg zu überfallen, ist
Straßenraub. Wir übergeben Euch dem Herrn, der dieses Gebiet
verwaltet, und er wird Euch so behandeln, wie Ihr es verdient.«
»Wer ist der Herr dieses Gebietes?« fragte Arwaut.
»Der Ritter des Schlosses Westenaut«, antwortete Ristridin. »Ich
schlage vor, daß einige von uns dorthin reiten, um den Gefangenen
abzuliefern und um die Hilfe anderer Krieger und Pferde zu erbitten.
Die Pferde müssen sicher eine Stunde rasten. Dann können drei von
uns zum Schloß Westenaut reiten, mit dem Gefangenen.«
»Ich kenne den Weg gut«, sagte Ewein. »Auf der Reise nach
Dagonauts Stadt habe ich dort übernachtet.«
Es wurde beschlossen, daß er dorthin reisen sollte, zusammen mit
Arwauts Schildknappen und einem von Mistrinauts Waffenknechten.
Sie sollten den Rest der Gesellschaft im Verlauf des nächsten Tages
an der Stelle treffen, wo der Erste Große Weg vom Blauen Fluß
abbog.
Es wurde nicht mehr lange geplaudert. Die Wache wurde verteilt,
und darauf wurde es im Lager ganz still.

144
Abschied von den grauen Rittern

Als Tiuri am folgenden Morgen erwachte, fühlte er sich besser. Es


war früh, die meisten schliefen noch. Arwaut lag neben ihm; der
weiße Verband war ihm von der Stirn gerutscht. Umar war damit
beschäftigt, eine Pfanne über das Feuer zu hängen, aber Ristridin und
Bendu waren nirgends zu sehen. Tiuri schloß die Augen wieder; er
hätte gern noch ein wenig geschlafen. Es gelang ihm jedoch nicht.
Nach einer Weile setzte er sich. Erst jetzt merkte er, wie nahe die
Berge schon waren, ja, sie befanden sich bereits in einem der
Ausläufer. Es war ein schöner, kalter, taufrischer Morgen mit herber
Luft und einer Sonne, die die verschneiten Berggipfel glitzern ließ.
Tiuri erhob sich, ging zum Fluß und wusch sich in dem eiskalten
Wasser. Während er damit beschäftigt war, kehrten Ristridin und
Bendu von einer Erkundung im Walde zurück.
»Guten Morgen. Wieder erholt?« fragte Bendu, während er zum
erstenmal Tiuri zulachte.
»Sofort spiele ich wieder den Heilkundigen und schaue mir Eure
Wunde nochmals an«, sagte Ristridin. »Ich habe eine gute Salbe bei
mir. Auch Arwaut und Marwein, Eweins Schildknappe, müssen daran
glauben.«
Etwas später, während des Frühstücks, fragte Tiuri: »Was habt Ihr
nun für Pläne?«
»Wir reiten weiter bis zu der Stelle, wo der Große Weg den Blauen
Fluß verläßt«, antwortete Ristridin. »Dort sehen wir Ewein wieder mit
der Verstärkung von Westenaut.«
»Und dann«, meinte Tiuri, »ist der Augenblick gekommen, wo ich
von Euch Abschied nehmen muß. Ihr geht die roten Reiter suchen und
gefangennehmen; ich muß weiter, den Blauen Fluß entlang.«
»Ihr wollt also allein weiter!« rief Bendu.
»Ich kann nicht immer bei Euch bleiben«, erklärte Tiuri. »Ich bin
sehr dankbar dafür, daß ich so weit mit Euch reisen konnte. Wenn Ihr
145
gestern nicht gewesen wärt, so würde ich jetzt nicht hier sitzen! Aber
ich muß weiter, sobald wie möglich.« Er wartete einen Augenblick
und fuhr fort: »Ihr habt wohl erraten, daß mein Ziel jenseits der Quelle
des Blauen Flusses liegt. Ich muß über die Berge gehen, ins Land von
Unauwen. Das ist mein Auftrag.«
Es war eine Zeitlang still.
»Nach Westen«, sagte Arwaut schließlich. »Aber warum geht Ihr
nicht auf dem Großen Weg?«
»Es gibt mehrere Wege über die Berge«, bemerkte Ristridin, »doch
gibt es nur wenige, die sie kennen. Der Einsiedler Menaures kennt das
Gebirge gut; sicher weiß er einen Weg, der steiler und mühsamer, aber
viel kürzer ist. Und außerdem einen, der dem Feind unbekannt ist.«
»Und der Feind wird ihn nicht verfolgen«, meinte Bendu. »Dazu
sind wir ja da! Wir rechnen hier mit den roten Reitern ab, so daß er
sicher und in Frieden weiterziehen kann.«
»Das ist wahr«, sagte Ristridin. »Aber ich muß sagen, Tiuri, daß es
mir leid tut, von Euch Abschied nehmen zu müssen.«
»Mir tut es leid«, sagte Tiuri, »aber ich glaube, es geht nicht anders.
Ihr sagt übrigens selber, daß ich die roten Reiter nicht mehr zu
fürchten brauche.«
»Dafür stehe ich ein«, sagte Bendu mit kräftiger Stimme.
Aber Ristridin sagte: »Unterschätzt Eure Feinde nicht, Tiuri! Ich
will Euch nicht Angst machen und billige Euren Entschluß, aber ihr
müßt damit rechnen, daß die roten Reiter viele Spione haben. Sie
selber fallen auf, doch ihre Helfer können Euch unbemerkt
beobachten, und sie treten wie unschuldige Personen auf… ein Hirt,
ein Reisender oder irgend so etwas! Darum müßt Ihr uns unbemerkbar
verlassen, so daß Ihr schon weg seid, bevor sie es merken.«
Tiuri fühlte, daß sein Mut sank. Er mußte sich eingestehen, daß es
ihm zuwider war, Abschied zu nehmen und allein weiterzugehen.
Aber er wußte auch, daß dies unvermeidlich war. Er hatte nun
einmal seinen Auftrag, und die grauen Ritter hatten den ihrigen. Sie
plauderten noch eine Weile zusammen und beschlossen, miteinander

146
zu reisen bis zu der Stelle, wo sie Ewein und seine Kameraden treffen
sollten.
»Was soll mit Ardanwen geschehen?« fragte Tiuri. »Kann ich zu
Pferd über die Berge?«
Ristridin schüttelte den Kopf. »Unmöglich«, sagte er. »Sicher nicht
auf den Pfaden, auf denen Ihr gehen werdet. Auf dem Großen Weg
wäre es schon möglich, obwohl er auch schwer zu begehen ist.«
»Dann muß ich also Ardanwen zurücklassen«, sagte Tiuri mit
einem Seufzer.
»Wir sorgen für ihn«, versprach Ristridin. »Er kann im Schloß
Mistrinaut bleiben, bis Ihr zurückkommt, um ihn wieder in Besitz zu
nehmen.«
»Er gehört nicht mir«, sagte Tiuri. »Er war Ritter Edwinems
Eigentum.«
»Aber er hat Euch als seinen Herrn anerkannt«, sagte Ristridin.
»Habe ich Euch nicht erzählt, daß er früher niemand auf seinem
Rücken duldete als Ritter Edwinem? Er nahm einen andern Ritter nur
an, wenn Edwinem es befahl. Ich finde, daß Ihr fortan sein Herr sein
müßt. Aber das ist eine Angelegenheit für später. Jedenfalls könnt Ihr
sicher sein, daß er auf Euch wartet, bis Ihr zurückkommt.«
»Ich habe eine Idee«, sagte Umar, der schon eine Weile mit
gerunzelter Stirn nachdenklich dagesessen war. »Einer von uns muß
mit Tiuri die Kleider tauschen… Ich will das tun. Und dann reite ich
auf Ardanwen, das heißt, wenn er mich annimmt. So folgen die Reiter,
wenn sie spionieren, mir, und Tiuri kann inzwischen unbeachtet
seinen eigenen Weg gehen.«
»Das ist ein sehr freundliches Angebot«, sagte Tiuri, »aber ich will
nicht, daß Ihr das tut. Ich will keinen andern in meine Gefahren
verwickeln.«
»Ich halte es für einen guten Vorschlag«, sprach Ristridin, »und
Umar soll es wirklich tun. Wenn es gefährlich ist, was dann? Wir sind
alle ausgezogen, um Gefahren zu trotzen. Ich finde, Umars Vorschlag
ist etwas, was zu einem zukünftigen Ritter paßt, und Ihr, Tiuri, müßt
ihm Gelegenheit geben, Euch zu helfen.«
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Bei diesen Worten strahlte Umar vor Vergnügen, und Tiuri sagte
zögernd: »Nun, also gut.«
Umar sprang auf.
»Jetzt müßt Ihr Ardanwen sagen, er solle mich auf seinem Rücken
dulden«, sagte er. »Tauschen wir sogleich die Kleider, dort hinter dem
Felsblock, so daß kein einziger Spion es sehen kann.«
»Gut«, sagte Ristridin.
Der Erste Große Weg folgte dem Blauen Fluß bis dorthin, wo ein
schmaler Bach mündete, der Kleiner Blauer Fluß genannt wurde. Dort
bog der Weg nach Süden ab und führte diesen Bach entlang aufwärts,
den Bergen zu. Ungefähr um die Mittagszeit kam die Gesellschaft dort
an und fand Ewein, den Schildknappen und den Waffenknecht; sie
warteten bereits. Ewein erzählte, der Ritter von Westenaut rüste seine
Krieger aus; sie sollten vor der Dunkelheit ankommen. Darauf wurde
einer der Waffenknechte nach Mistrinaut zurückgeschickt, um seinen
Herrn zu warnen für den Fall, daß die roten Reiter nach jener Seite
flüchteten. Ewein hielt Umar einen Augenblick für Tiuri; der
Kleidertausch schien somit völlig gelungen zu sein. Es gab weiter
nichts mehr, weswegen der Abschied hätte verschoben werden
müssen.
»Aber wir essen noch zusammen«, sagte Ristridin. »Wie geht es mit
Eurem Arm, Tiuri?«
»Oh, der tut mir nicht mehr weh«, antwortete Tiuri – nicht ganz
wahrheitsgemäß.
Unterwegs hatten die grauen Ritter ihre Pläne schon gemacht. Sie
wollten ihre Gruppe teilen. Ristridin, Ewein und ihre Schildknappen
sollten eine Strecke weit den Großen Weg entlang reiten, um
mögliche Spione auf eine falsche Fährte zu bringen. Die andern
sollten den Blauen Fluß überqueren und nochmals in den Wald gehen.
Am Ende des Nachmittages sollten die beiden Gruppen einander am
Ausgangspunkte wiedersehen. Tiuri sollte sich ein Stück weit der
zweiten Gruppe anschließen und dann seinen eigenen Weg gehen.
Bald war die Mahlzeit vorüber. Tiuri nahm Abschied von
Ardanwen, der zu begreifen schien, daß er seinen neuen Herrn wieder

148
entbehren mußte; er wieherte leise und schaute ihn mit trüben Augen
an. Dann drückte Tiuri den Mitgliedern der Gesellschaft einem nach
dem andern die Hand und dankte für ihre Hilfe.
»Der Himmel segne Eure Schritte«, sagte Ewein. »Wir sehen uns
im Land von Unauwen wieder.«
»Ich wünsche Euch eine glückliche Reise«, sagte Umar, der mit
Tiuris Hilfe bereits auf Ardanwen gestiegen war; »und die werdet Ihr
haben; da könnt Ihr sicher sein.«
»Lebt wohl«, sagte Ristridin. »Gleich sollt Ihr mich noch hören. Bei
der ersten Wegbiegung blase ich zum Gruß zweimal auf dem Horn.
Lebt wohl und auf Wiedersehen!«
Sie ritten weg, ohne sich umzuschauen; Tiuri auf Umars Pferd.
Nach kurzer Zeit stieg er an einer geschützten Stelle im Wald ab und
nahm von Bendu und seinen Kameraden nochmals Abschied.
»Möget Ihr die roten Reiter finden, Ritter Bendu!« sagte er.
»Edwinems Tod soll gerächt werden«, sagte Bendu. »Und ich
wünsche, daß Ihr seinen Auftrag gebührend erfüllt. Und das wird
Euch gelingen; daran zweifle ich nicht. Vielleicht sehe ich Euch noch
einmal als Ritter wieder, denn das hättet Ihr ja eigentlich sein müssen.
Geht jetzt – die Luft ist rein.«
Dann war Tiuri allein. Das Hufgetrappel erstarb, und er fühlte sich
einsam und unbeschützt. Doch ging er schnell vorwärts und blieb im
Wald, solange das möglich war. Dann folgte er einem felsigen Pfad,
der sich an der linken Seite des Blauen Flusses dahinzog. Es ging
bergauf und bergab; manchmal dicht am Fluß entlang, manchmal ein
bißchen höher. Sowohl rechts wie links erhoben sich die Felsen immer
höher, aber links bot sich ihm dann und wann eine schöne Aussicht
auf den Kleinen Fluß und den Großen Weg. Nach einer Stunde blieb
er plötzlich stehen. Er hörte ein Horn erklingen, das Silberhorn von
Ritter Ristridin, der ihn grüßte.

149
Ein merkwürdiger Reisegefährte

Tiuri mußte sich daran gewöhnen, nach den Tagen in Gesellschaft


der grauen Ritter wieder allein zu sein. Jetzt aber war er viel besser
ausgerüstet als auf dem einsamen Zug durch den Wald; er hatte
Waffen, Proviant und sogar etwas Gold- und Silbergeld bei sich.
Außerdem schienen die Gefahren gewichen zu sein. Die roten Reiter
waren vertrieben und wurden wohl von grauen Reitern gefangen.
Wie viele Pilger sind wohl vor mir hier vorbeigegangen? dachte er,
als er an Menaures dachte. Wieder fühlte er sich selber auch als Pilger,
als ein Pilger mit einem wichtigen, aber geheimnisvollen Auftrag.
Plötzlich verschwanden seine Überlegungen. Er hörte Schritte
hinter sich. Sie konnten noch weit sein, aber auf dem steinigen Grund
waren sie gut zu hören. Er wandte sich um. Niemand war zu sehen.
Ach, dachte er, es wandern gewiß noch andere Leute in diesen Bergen
herum. Doch beschleunigte er den Gang. Aber die Schritte blieben
ihm auf den Fersen, ja, sie schienen sich sogar zu nähern.
Nach einer Weile hielt er an, um zu rasten. Er hörte, daß derjenige,
der hinter ihm ging, auch stillstand und dann sehr rasch weiterschritt.
Tiuri dachte nach und zog aus der Reisetasche die alte Kutte, die er
von den Mönchen im Braunen Kloster erhalten hatte. Er zog sie über
das graue Panzerhemd und knotete den Strick um die Mitte. So hielt
man ihn für einen Pilger auf dem Weg zum Einsiedler Menaures. Ein
solcher war in dieser Gegend weniger auffallend als ein in ein graues
Panzerhemd gekleideter Schildknappe. Er rastete nicht lange. Wieder
schaute er hinter sich und sah endlich an einer Wegbiegung einen
Mann erscheinen. Er schien ziemlich müde zu sein und hob die Hand.
Tiuri winkte ebenfalls zum Gruß, verhielt aber seinen Schritt nicht. Da
hörte er den Mann rufen: »He, Reisender! Pilger!«
Zuerst wollte Tiuri so tun, als ob er nichts gehört hätte, aber der
Mann hatte so laut und so dringend gerufen, daß er doch stehenblieb.
Der Mann trat keuchend auf ihn zu.
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»Seid gegrüßt… Pilger!« sagte er schwer atmend. »Uff, ist das ein
Steigen! Wartet einen Augenblick!«
Er setzte sich an den Wegrand, steckte die Hände in das Wasser des
Flusses und kühlte sein Gesicht.
»So« sagte er dann, indem er sich aufrichtete und Tiuri anschaute.
»Ah, Pilger, ich bin froh, Euch zu sehen.«
Tiuri dachte nicht das gleiche. Der Mann war ihm beim ersten
Anblick sehr unangenehm. Aber wahrscheinlich war er ein harmloser
Reisender. Er sah finster aus; das erste, was an ihm auffiel, waren die
lichtgrauen, harten Augen unter dichten Brauen, die über der Nase
zusammengewachsen waren. Der Mund war aber zu einem
freundlichen Lächeln verzogen.
»Ich bin froh, Euch zu sehen«, wiederholte er. »Ich bin in den
Bergen nicht so gut daheim, und ich finde es angenehm, Gesellschaft
zu haben. Ihr seid sicher auf dem Weg zum Einsiedler Menaures?«
»Ja, in der Tat«, antwortete Tiuri.
Der Mann stand auf und sagte: »Ich muß noch weiter – ganz über
die Berge –, und ich habe gehört, der Einsiedler kennt die Wege gut.
Ist es Euch recht, wenn ich mit Euch gehe?«
»Nun«, sagte Tiuri langsam, »ich kann kaum nein sagen, denn
dieser Weg gehört nicht mir. Aber aufrichtig gesagt, reise ich lieber
allein, und ich will schnell gehen.«
»Oh, nehmt es mir nicht übel«, sagte der Mann. »Ich will mich
Euch nicht aufdrängen. Denkt vor allem das nicht, werter Pilger! In
der Tat reist man schneller, wenn man allein ist, und wir sind nicht auf
der Welt, um einander zu helfen.«
Er drehte sich um und begann, den Pfad langsam abwärts zu gehen.
Da schämte sich Tiuri über seinen Mangel an Hilfsbereitschaft.
»Herr!« rief er, während er dem Manne nachging. »Kommt zurück!
So habe ich's nicht gemeint. Bitte, kommt zurück!«
Der Mann ging einige Schritte weiter und blieb dann stehen.
»Ich will mich aber nicht aufdrängen«, sagte er nochmals.

151
»Oh, vergeßt meine Worte«, sagte Tiuri errötend. »Natürlich könnt
Ihr mit mir reisen.«
Der andere ließ sich nicht lange bitten.
»Gut, wenn Ihr mich darum bittet«, sagte er.
»Ja, ich bitte Euch darum«, sagte Tiuri. »Es tut mir leid, daß ich so
unfreundlich war.«
»Ach, ich begreife es gut«, sprach der Mann, der nun mit ihm
dahinschritt. »Ein Pilger will gern Einkehr halten bei sich selber,
nennt man es nicht so, und über Höheres nachdenken. Ich verspreche
Euch, daß ich Euch nicht lästig falle.«
Er schaute Tiuri mit einem Lächeln an, aber die Augen lachten
nicht; diese musterten ihn sehr scharf und prüfend. Tiuri bekam das
Gefühl, dieser Blick dringe durch seine Kutte und sehe darunter das
Panzerhemd und suche das, was dahinter verborgen war. Unsinn,
dachte er zornig. Er schämte sich noch immer über sein Benehmen
und ärgerte sich über sein Mißtrauen. Plötzlich haßte er den Brief, der
bewirkte, daß er in jedem Menschen einen Feind zu sehen begann.
Ritter Ristridin hatte ihn gewarnt vor Spionen im Gewand unschuldig
aussehender Leute. Sollte er deshalb eine Bitte um Hilfe ablehnen und
jeder Gesellschaft fliehen? Da merkte er, daß der unverhoffte
Reisegenosse zu ihm sprach.
»Entschuldigt, was habt Ihr gesagt?« fragte er.
»Ich habe gesagt, wie ich heiße«, antwortete der Mann. »Jaro ist
mein Name, Jaro, Sohn von Janos. Ich komme aus dem Tal dort.«
Tiuri begriff, daß er sich auch vorstellen mußte, aber seinen eigenen
Namen konnte er nicht sagen und ebensowenig den Namen Tarmin,
der dem Feinde wahrscheinlich bekannt war.
»Ich heiße Martin«, sagte er.
»Ah, Bruder Martin«, wiederholte Jaro. »Oder seid Ihr kein
Mönch?«
»Ich habe das Gelübde noch nicht abgelegt«, erwiderte Tiuri.
»Ach so«, sagte Jaro.

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Sie schwiegen beide eine Weile. Tiuri ging ein wenig langsamer als
bisher, merkte aber bald, daß Jaro bequem mit ihm Schritt hielt.
Deshalb bewegte er sich wieder etwas rascher, doch sagte er zu
Jaro, er solle es mitteilen, wenn es zu schnell gehe.
»Oh, es geht ausgezeichnet«, sagte Jaro, »Ich bin noch nicht so
alt… Es ist nur, weil ich nie in die Berge komme; ich hab' sie nicht
gern. Aber jetzt geh' ich meinen Sohn besuchen, der auf der andern
Seite der Berge wohnt.«
Jaro redete drauflos, und Tiuri nickte nur dann und wann oder gab
eine kurze Antwort.
Schließlich sagte Jaro: »Nein, jetzt rede ich doch zuviel. Hättet Ihr
es mir doch gesagt, Pilger! Ich will Euch nicht belästigen.«
»Oh, Ihr belästigt mich nicht«, sagte Tiuri.
Obwohl er sich stets sagte, er habe gar keinen Grund dazu, so
mochte er doch seinen Reisegefährten nicht leiden. Spät am
Nachmittag gelangten sie zu einer Stelle, wo eine Vertiefung in der
Felswand war. Jaro schlug vor, dazubleiben und zu übernachten. Tiuri
stimmte zu. Fröhlich plaudernd entfachte Jaro ein kleines Feuer, und
er mußte und wollte seinen Proviant mit Tiuri teilen.
»So«, sagte er, als sie gespeist hatten, »und jetzt schlafen, findet Ihr
nicht? Morgen gibt's noch viel zu steigen. Wißt Ihr, wie weit es noch
ist bis zur Hütte des Einsiedlers?«
»Ich denke, wir sind morgen vor dem Abend dort«, entgegnete
Tiuri. Er hatte von Ristridin und Herrn Rafox erfahren, die Hütte von
Menaures sei ungefähr anderthalb Tagesreisen vom Kleinen Blauen
Fluß entfernt.
»Das ist gut«, seufzte Jaro, während er sich legte und den Mantel
um sich wickelte. »Nun, schlaft wohl, Pilger. Gedenkt meiner in
Euren Gebeten.«
Tiuri schlief aber gar nicht gut. Zuerst blieb er wach, bis er hörte,
daß Jaros Atemzüge langsam und regelmäßig wurden, aber auch dann
konnte er sich nicht entspannen. Außerdem begann der Arm, an den er
den ganzen Tag kaum gedacht hatte, wieder zu schmerzen. Er drehte
sich unruhig hin und her, bis er merkte, daß Jaro sich bewegte. Dann
153
lag er wieder still und versuchte umsonst, die Finsternis mit den
Augen zu durchbohren.
War Jaro wach? Blickte er auf ihn mit seinen harten,
durchdringenden Augen?
Noch einmal bewegte sich Jaro und seufzte, sagte aber nichts. Tiuri
starrte in die Höhe zu den vielen Sternen und der dünnen Mondsichel.
Wo bin ich wohl, wenn dieser Mond voll ist? dachte er.
Endlich fiel er in einen leichten Schlaf, erwachte manchmal jäh, um
zu lauschen und nach dem Brief auf der Brust zu tasten. Nichts
geschah, aber am folgenden Morgen stand er müde und schläfrig auf.
Jaro dagegen war munter und gesprächig. Er pries den schönen
Morgen, das gute Wetter, die gefällige Landschaft. Tiuri konnte es
fast nicht ertragen. Wenn er bloß den Mund hielte, dachte er verärgert,
und nicht so oft lachen würde, seine Augen lachen nie. Als sie dann
unterwegs waren, verging seine gereizte Stimmung. Das Wetter war
schön und die Aussicht ebenso. Sogar Jaro schien nicht so übel zu
sein. Auf einmal verschwand der Fluß in einer engen Schlucht, durch
die kein Pfad mehr führte.
»Was jetzt?« fragte Jaro. »Wir können doch nicht durchs Wasser
waten? Und es hört sich so an, als ob der Fluß weiter oben als
Wasserfall herabkommt… Müssen wir dort dann hinaufklettern?«
Tiuri hatte ihm erklärt, der Weg zur Einsiedlerhütte führe immer
den Blauen Fluß entlang.
»Nein«, bemerkte Tiuri. »Schaut, dort führt der Pfad rechts der
Felswand entlang hinauf; ich denke, wir müssen ihm folgen. Ich
glaube, er läuft der Schlucht entlang, ein Stück weit oberhalb des
Flusses. Seht Ihr die Kante dort?«
»Ja«, sagte Jaro. »Kein guter Pfad, so schmal, und die Schlucht
daneben.«
»Im Hochgebirge wird es wohl noch viel schlimmere Pfade geben«,
erwiderte Tiuri, »oder überhaupt keinen.«
Sie stiegen weiter. Tiuri hatte recht; zuerst verlief der Pfad sehr steil
aufwärts, und dann führte er langsam, aber stetig steigend der
Schlucht entlang. Sie blickten hinab.
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»Wie tief der Fluß schon liegt!« bemerkte Jaro.
»Ich denke, wir kommen oberhalb des Wasserfalls hinaus«, sagte
Tiuri. »Und dann können wir wohl wieder den Fluß entlang gehen.«
Eine Zeitlang schritten sie schweigend weiter, Tiuri voran, da der
Pfad jetzt so schmal geworden war, daß sie nicht mehr nebeneinander
gehen konnten. Jaro folgte ihm keuchend. Doch war er ein
ausgezeichneter Wanderer, denn als sie einen Augenblick rasteten,
konnte Tiuri nichts von Müdigkeit an ihm feststellen. Dann ging es
weiter. Noch schmaler wurde der Pfad, und das Geräusch des Wassers
klang stärker. Tiuri, der noch immer vorausging, bewegte sich
langsamer, so daß er nicht über die vielen losen Steine auf dem Boden
strauchelte. Er warf einen Blick in die Schlucht, die gefährlich tief,
aber doch so schmal war, daß man hätte darüber springen können.
Gleich darauf geschah es! Jaro schien zu straucheln, stieß an Tiuri
und packte ihn fest. Tiuri schwankte, konnte jedoch das
Gleichgewicht behalten. Dann ließ Jaro ihn plötzlich los und schrie.
Es ertönte ein scharrendes Geräusch, und Steine rollten in die Tiefe.
Dies alles geschah blitzschnell. Tiuri drehte sich um und sah eben
noch, wie Jaro in der Schlucht verschwand. Entsetzt stand er wie an
den Boden genagelt. Dann ließ er sich fallen und blickte über den
Rand. Zu seiner großen Erleichterung und Überraschung schaute er in
Jaros Gesicht! Dieser hatte einen Ast erwischt, der nicht weit vom
Rand aus der Felswand ragte. Er hing mit beiden Händen daran. Aber
er befand sich in einer äußerst mißlichen Lage. Tiuri hatte noch nie
eine solche Angst in den Augen eines Menschen gesehen. Jaro
bewegte die Lippen, brachte aber keinen Ton hervor.
»Haltet Euch fest!« stieß Tiuri hervor. »Haltet Euch fest; ich helfe
Euch.«
Er schob sich ein wenig vorwärts, streckte die Hände aus und ergriff
diejenigen Jaros.
»Ich ziehe Euch herauf«, keuchte er. »Das könnt Ihr nicht«,
stammelte Jaro. »Ich bin zu schwer.«
»Nein«, sagte Tiuri, »es geht schon; es muß gehen.«
»Nein«, ächzte Jaro, »ich wage nicht loszulassen!«

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Tiuri fürchtete, daß es auf diese Weise wirklich nicht ging. Jaro war
schwer, und er selber konnte sich auf dem schmalen, unebenen Pfad
kaum sicher halten.
»Wenn Ihr nur helft«, sagte er. »Versucht, mit einem Fuß eine
Stütze zu finden!«
Jaro versuchte es; die Schuhe kratzten am Felsen.
»Nein«, sagte er mühsam. »Ich bekomme keinen Halt. Es ist aus mit
mir.«
Wieder streckte Tiuri die Hände aus und ergriff Jaro an den
Handgelenken. Jaro getraute sich aber noch immer nicht, den Ast
loszulassen, obwohl es klar war, daß er in dieser Lage nicht lange
bleiben konnte. Seil! dachte Tiuri erregt. Er löste den Strick um seine
Kutte, aber während er dies tat, begriff er, daß es auch so schwer
blieb. Der Strick war kurz und schien alt zu sein. Und wenn er riß?
»Ich falle!« rief Jaro.
»Nein!« sagte Tiuri, »haltet fest, haltet aus… noch ein wenig! Ich
finde etwas…«
Er schwieg.
»Ich habe es!« fügte er bei.
Plötzlich hatte er etwas gesehen. Längs der Felswand auf der
anderen Seite der Schlucht zog sich eine breite Kante ungefähr fünf
Fuß unter dem oberen Rand entlang. Wenn er sich darauf stellte…
»Haltet aus!« sagte er nochmals. »Ich komme und helfe Euch!«
Nun mußte er über die Schlucht springen. Das kostete
Selbstüberwindung. Er zog die Kutte aus, weil sie ihn hindern würde,
und sprang. Dann ließ er sich hinunter, bis er auf der Felskante stand.
Er drehte sich mit dem Rücken nach der Felswand und schaute zu Jaro
hinüber.
»Noch einen Augenblick!« rief er. »Ich komme!«
Er vermied es, in die Tiefe zu blicken, als er sich mit ausgestreckten
Armen nach vorn fallen ließ, bis die Hände die Wand gegenüber
berührten. So war eine Brücke über die Schlucht entstanden.
Vorsichtig schob er sich in Jaros Nähe.
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»Hier bin ich, Jaro«, sagte er. »Zieht Eure Füße herauf und legt sie
mir auf die Schultern; dann könnt Ihr mich als Stütze gebrauchen.«
Jaro drehte den Kopf zur Seite und schaute Tiuri mit wildem Blick
an. Tiuri schob sich noch ein wenig näher und wiederholte seine
Worte.
»Könnt Ihr das aushalten?« murmelte Jaro.
»Ja«, sagte Tiuri. »Wenn Ihr es nicht so grob tut. Vorwärts!«
»Vorwärts«, wiederholte Jaro.
Er schwenkte die Beine; der Ast, an dem er hing, krachte
beängstigend. Dann fühlte Tiuri einen Fuß auf seiner Schulter und
gleich darauf den andern auf dem Arm. Der Fuß rutschte ab und
wurde nochmals aufgesetzt. Tiuri mußte die Zähne aufeinanderbeißen,
denn dies war gerade sein verwundeter Arm. Es war wie ein wüster
Traum, doch es glückte! Jaro hatte nun eine Stütze, und mit viel Mühe
und Gezappel stemmte er sich hinauf.
»Nun müßt Ihr mich hinaufziehen«, sagte Tiuri.
Aber Jaro hatte sich keuchend auf den Pfad gesetzt und schien
Tiuris Worte nicht einmal zu hören. Vorsichtig, sehr vorsichtig
gelangte Tiuri, mit Hilfe eines Beines, wieder zurück in die Stellung
auf dem Felsband. Er begriff selber nicht, wie es ihm gelungen war,
aber er war imstande, sich auch noch hinaufzuziehen und wieder über
die Schlucht zu springen. Er gelangte ganz nahe bei Jaro hinüber, der
sich von der Anstrengung noch nicht erholt zu haben schien. Zitternd
ließ sich Tiuri neben ihn auf den Boden fallen. So saßen sie eine
Weile schweigend nebeneinander. Tiuri faßte sich zuerst. Er stand auf,
ein bißchen unsicher, und zog die Kutte wieder an. Er fragte sich, ob
Jaro sein Panzerhemd bemerkt hatte. Nein, es schien ihm nicht zum
Bewußtsein gekommen zu sein.
»Kommt«, sagte er, während er den Strick um die Lenden knotete.
»Gehen wir weiter?«
Jaro nickte.
»Einen Augenblick«, sagte er, fast unhörbar.
Tiuri wäre auch noch gern ein Weilchen sitzen geblieben, aber eine
innere Stimme sagte ihm, daß es besser war, den Weg fortzusetzen.
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»Kommt«, sagte er. »Wir können gleich rasten, sobald wir von
dieser Schlucht weg sind.«
Jaro hob den Kopf und schaute ihn an – mit diesen seltsamen,
durchdringenden Augen. Es lag ein Ausdruck auf dem Gesicht, den
Tiuri nicht begriff.
»Ihr habt mir das Leben gerettet«, sagte er leise.
Tiuri gab keine Antwort.
»Kommt jetzt«, sagte er. »Wir gehen ganz langsam und vorsichtig.«
Jaro machte sich daran aufzustehen. »Ihr habt mir das Leben
gerettet«, sprach er nochmals, diesmal lauter.
»Nun, hätte ich Euch denn fallen lassen sollen?« fragte Tiuri
übertrieben lustig. »Es hätte ja auch umgekehrt sein können…«
Er schwieg plötzlich, denn Jaros Blick war wie ein Stich.
Jaro war nun aufgestanden und sagte knapp: »Gehn wir also!«
Sogleich wandte er sich ab und begann langsam weiterzuwandern.
Verwundert folgte ihm Tiuri. Jaros letzten Blick konnte er nicht sofort
vergessen. Was hatte er daraus gelesen? Schrecken, Staunen,
Dankbarkeit…? Nein, eines vor allem: Wut! Oder irrte er sich?
Warum sollte denn Jaro wütend auf ihn sein?

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Der Einsiedler

Der Pfad führte sie oberhalb des Wasserfalls neben dem Blauen
Fluß weiter. Sie rasteten kurze Zeit und setzten daraufhin ihre
Wanderung durch eine viel freundlichere Umgebung fort. Die beiden
sprachen wenig. Sie begannen warm und müde zu werden. Tiuri hatte
Mühe mit seinem Arm, und auch das Panzerhemd und die Kutte
waren hinderlich. Sie eigneten sich nicht als Ausrüstung für eine
Wanderung in den Bergen. Im Laufe des Tages merkte Tiuri, daß
Jaros Benehmen seit dem Zwischenfall in der Schlucht offensichtlich
anders war. Er war still und mürrisch geworden. Ein sonderbarer
Mann, dachte Tiuri. Sicher braucht er nicht dankbar zu sein, aber so
unfreundlich auch nicht.
Vielleicht ist es noch der Schreck. Und doch, so gefällt er mir fast
besser als vorher. Ich glaube, jetzt ist er ehrlicher. Am Nachmittag sah
Tiuri gerade vor sich eine Hütte an einem Abhang stehen. Dahinter
ragte eine hohe, dunkle Felswand steil in die Höhe, und weiter hinten
erhoben sich schneebedeckte Gipfel.
»Schaut«, sagte er zu Jaro, »ist das etwa die Hütte von Menaures?«
Jaro brummte etwas Unverständliches.
Tiuri aber fühlte sich von diesem Anblick angetrieben wie ein
Pferd, das sich in der Nähe des Stalles weiß. Sie wanderten weiter.
Dann hörten sie Musik, eine helle, dünne Melodie, die zu den
eigenartigen Tannen, zur Sonne und zum duftenden Gras an den
Hängen paßte. Auf einer kleinen Weide vor ihnen saß ein Knabe
oberhalb des Pfades und spielte auf einer Flöte. Ein schwarzweißes
Schaf graste neben ihm. Der Knabe hörte nicht auf zu spielen, als sie
sich näherten, aber seine Augen betrachteten sie neugierig.
»Guten Abend!« grüßte Tiuri.
Nun nahm der Knabe die Flöte vom Mund, lächelte und sagte:
»Ebenfalls guten Abend.«
»Ist die Quelle hier in der Nähe?« fragte Tiuri.
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»Noch um diese Biegung, und Ihr seht sie«, erklärte der Knabe. »Ihr
kommt sicher zu Menaures?«
»Ja«, antwortete Tiuri.
»Woher?«
»Von Osten.«
»Natürlich«, sagte der Knabe. »Ich sah Euch kommen…«
Wieder betrachtete er sie neugierig.
Tiuri gefiel dieser Junge. Er trug so wenig Kleider wie möglich; das
Gesicht und die nackten Arme und Beine waren braun gebrannt; braun
war das glatte, kurzgeschnittene Haar, und er hatte braune, klare
Augen.
Der Knabe legte die Flöte wieder an die Lippen und sagte: »Ich will
Menaures melden, daß Ihr kommt.«
Er blies einige muntere Töne, aber als Jaro und Tiuri weitergingen,
erhob er sich, stieg in die Höhe und entschwand ihren Blicken.
Die Quelle sprudelte zwischen einigen Steinen auf einer kleinen
Fläche herauf. Oberhalb davon, an einer mit Gras bewachsenen Halde,
stand die Hütte. Sie war aus verwitterten Holzbalken gebaut, trug ein
Dach aus flachen, grauen Steinen und stand auf kurzen Pfählen. Ein
hölzernes Treppchen führte zur Tür, die offen war. Tiuri und Jaro
blieben bei der Quelle stehen, und Tiuri wunderte sich einen
Augenblick darüber, daß dieser kleine Wasserlauf der Ursprung des
größten Flusses in Dagonauts Reich war. Als sie auf die Hütte
zugingen, kam der Bursche eben von der andern Seite herbeigelaufen;
offenbar hatte er einen kürzeren Weg benutzt.
Er war vor ihnen bei der Hütte, aber bevor er das Treppchen
betreten konnte, kam aus dem Innern eine tiefe Stimme, die sagte: »Es
ist gut, Piak. Es ist ein junger Mann, der mich sprechen will. Laß ihn
kommen!«
Der Junge trat einen Schritt zurück und bedeutete den Reisenden
mit einer Handbewegung, sie sollten eintreten. In der Türöffnung
erschien ein magerer, alter Mann, der in ein Gewand aus rauhem,
graublauem Stoff gehüllt war. Sein langes, wallendes Haar und der

160
Bart waren schneeweiß; das Gesicht sah freundlich, ruhig und weise
aus.
»Ach, zwei Menschen«, sagte er. »Tretet näher und seid
willkommen!«
Tiuri und Jaro grüßten ehrerbietig und stiegen das schwankende
Treppchen hinauf.
»Kommt herein«, lud sie der Einsiedler ein. »Setzt Euch,
Reisende.«
Die Hütte bestand bloß aus einem einzigen Raum, der ärmlich
eingerichtet war. Der Einsiedler setzte sich auf einen Schemel am
Tisch und wies auf eine Bank auf der andern Seite.
»Setzt Euch«, wiederholte er.
Jaro und Tiuri gehorchten. Nebeneinander saßen sie dem Einsiedler
gegenüber, der sie aufmerksam anschaute. Sehr alt muß er sein und
weise, dachte Tiuri, während er in die tiefen, dunklen Augen blickte.
Ebenso weise, wie er alt ist, oder noch mehr. Es war ihm, als ob der
Einsiedler nach seinem kurzen, forschenden Blick alles begriffe, so
daß Tiuri nichts mehr zu erzählen brauchte. Neben ihm rutschte Jaro
unruhig hin und her.
»Und was bringt Euch hierher?« fragte der Klausner. »Was sucht
Ihr? Etwas, was ich Euch geben soll? Ich kann Euch nur suchen
helfen; finden müßt Ihr es selber.«
»Ihr sprecht in Rätseln«, sagte Jaro mit sichtlichem Unbehagen.
»Was mich betrifft… ich suche einen Weg.«
»Wohin?«
»Über die Berge.«
»Ach so«, bemerkte Menaures. »Nach dem Westen wollt Ihr
gehen.«
»Ja, weiser Mann, und ich habe gehört, daß Ihr manchen Weg
kennt.«
»Wege kenne ich, ja. Aber ich kann sie nicht mehr selber gehen;
dazu bin ich zu alt geworden.«

161
»Das begreife ich«, sagte Jaro nach kurzer Stille. »Aber könnt Ihr
mir keinen zeigen?«
Der Einsiedler schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er langsam. »Die
geheimen Wege über die Berge kann man einem nicht zeigen, der
fremd ist.«
Wieder war es still.
»Das ist schade«, sprach Jaro halblaut.
Doch schien er nicht sehr enttäuscht zu sein, fand Tiuri. Er selber
war über Menaures' Worte erschrocken. Aber, dachte er, vielleicht
spricht er anders, wenn ich ihm den Ring von Ritter Edwinem zeige.
»Vielleicht kann ich einen Führer finden«, sagte der Einsiedler und
schaute Jaro an.
»O ja… gut. Sehr freundlich von Euch, heiliger Mann«, antwortete
Jaro.
»Ich bin kein heiliger Mann, Wanderer«, sagte der Einsiedler.
»Nennt mich Menaures. Wie ist Euer Name?«
»Jaro.«
»Und wer seid Ihr?« fragte der Einsiedler Tiuri.
»Ich… ich bin Martin.«
»Und was hat Euch hierher gebracht?«
»Auch ich möchte Euch um etwas bitten«, antwortete Tiuri. »Aber
…«
Er schaute auf Jaro.
»Oh, ich gehe«, sagte dieser und stand rasch auf.
»Ich danke Euch, Jaro«, sprach der Einsiedler freundlich. »Gleich
spreche ich weiter mit Euch und schaue, was ich für Euch tun kann.«
»Ich danke Euch, Menaures«, sagte Jaro. Er verbeugte sich linkisch
und verließ den Raum.
Der Einsiedler stand auf und schloß die Tür hinter ihm. Dann
wandte er sich an Tiuri. »Sprecht, Martin«, sagte er. »Niemand kann
es jetzt hören.«

162
Tiuri erhob sich und sprach: »Ich heiße nicht Martin, sondern Tiuri.
Ich muß über die Berge nach dem Westen gehen. Ich bin von Ritter
Edwinem mit dem weißen Schild geschickt worden. Schaut, hier ist
sein Ring; den soll ich Euch zeigen.«
Der Klausner trat nahe zu Tiuri und ergriff den Ring vorsichtig.
»Ritter Edwinem«, sagte er leise, »Paladin von Unauwen, Träger
des weißen Schildes… Wo ist er?«
»Er ist tot«, war Tiuris Antwort.
Der Einsiedler schaute ihn an. Es war kein Entsetzen in dem Blick,
nur großer Ernst. Dann neigte er den Kopf und blickte auf den Ring.
»So ist er gefallen«, sagte er, »gestorben in seinem unaufhörlichen
Kampf gegen das Böse. Das ist ein trauriger Bericht, und doch wäre es
noch trauriger gewesen, wenn er anders gefallen wäre.«
»Oh, nicht im Kampf ist er gefallen«, erklärte Tiuri. »Er wurde
ermordet, hinterlistig umgebracht!«
»Das ist weniger schlimm für ihn als für jene, die ihn getötet
haben«, sprach der Einsiedler. »Aber erzählt, mein Sohn…«
Er ergriff Tiuri am Arm, und Tiuri konnte eine Bewegung des
Schmerzes nicht unterdrücken.
»Ach, Ihr seid verwundet«, sagte Menaures.
»Oh, das ist nichts«, murmelte Tiuri.
»Setzt Euch«, sagte der Einsiedler, »und sprecht, mein Sohn.«
»Aber«, fragte Tiuri, »wißt Ihr nicht schon alles? Ihr wart nicht
verwundert, mich zu sehen; Ihr seid nicht erschrocken, als Ihr von
Ritter Edwinems Tod hörtet.«
»Ich weiß nichts«, antwortete der Klausner. »Ich ahne viel. Ach,
wie wenig Zeit scheint vergangen zu sein, seit Ritter Edwinem zum
erstenmal zu mir kam; damals war er in Eurem Alter, eben zum Ritter
geschlagen und brennend vor Verlangen, große Taten zu vollbringen.
Sein Wunsch ist erfüllt, obwohl vielleicht nicht zu seiner Freude; doch
konnte er das damals noch nicht vermuten. Damals waren Unauwens
Söhne noch jung, aber ich fürchtete schon, es werde einer für den
Vater und den Bruder zur Drohung.
163
Ja, es scheint gestern gewesen zu sein, als der junge Edwinem hier
war, und da wart Ihr noch nicht einmal geboren. Und jetzt sitzt Ihr mir
gegenüber, um seine Aufgabe zu übernehmen… Oder ist es nicht so?«
Da sprach Tiuri zum erstenmal über das, was ihm aufgetragen
worden war. Er erzählte, wie er dem Ritter mit dem weißen Schild
begegnet war und von ihm den Brief für König Unauwen im Lande
westlich der Großen Berge erhalten hatte.
Aufmerksam lauschte der Klausner und sagte dann: »Ihr bringt
Nachrichten, die mich besorgt machen. Der Fürst von Evillan und
seine Anhänger sind schlimm. Verzagt aber nicht; das Böse wird auf
die Dauer immer besiegt. Eure Aufgabe ist, den Brief zu bringen; ich
sorge dafür, daß Ihr rasch und sicher über die Berge gelangt.«
»Aber… Ihr könnt doch nicht mehr selber den Weg zeigen?« sagte
Tiuri.
»Nein, jetzt bin ich zu alt. Ich gebe Euch aber einen Führer mit,
dem Ihr wie Euch selber vertrauen könnt. Piak heißt er; Ihr habt ihn
draußen schon gesehen.«
»Der Kleine?« fragte Tiuri.
»Ja, er«, bestätigte der Klausner lächelnd.
»Wie alt ist er?«
»Jünger als Ihr seid, nehme ich an. Vierzehn. Aber er ist in den
Bergen geboren und aufgewachsen, und er stammt von Männern ab,
denen das Bergsteigen im Blut lag. Er ist der beste Bergführer, den Ihr
bekommen könnt. Morgen früh müßt Ihr weggehen, bei
Sonnenaufgang.«
»Gut, Menaures, vielen Dank«, sagte Tiuri. »Aber was geschieht
nun mit Jaro? Er will auch über die Berge, und ich hätte ihn lieber
nicht bei mir.«
Er erzählte, wie er Jaro begegnet war und wie sie zusammen bis zur
Quelle gereist waren.
»Ja«, sagte der Klausner nachdenklich, »es ist möglich, daß er
gelogen hat und daß er ein Spion ist. Ihr müßt wissen, daß ich ein
Vorgefühl hatte, es komme heute jemand zu mir, ein Jüngling, dachte
ich, würde es sein, und das ist wahr geworden. Ihn sah ich in meiner
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Ahnung nicht; ich glaube deshalb nicht, daß er mich nötig hat. Aber
ich kann unrecht haben; es ist auch möglich, daß er die Wahrheit sagt.
In diesem Fall könnt Ihr ihn nicht daran hindern, mitzugehen, denn
allein gelangt er nie über die Berge.«
»Dann kann ich nicht anders, als ihn mitreisen zu lassen«, erklärte
Tiuri.
»Ich gebe Euch recht«, sprach der Klausner. »Und denkt daran, daß
Ihr dann zu dritt seid. Paßt gut auf; wacht mit Piak in der Nacht
abwechselnd und sorgt dafür, daß Jaro nie hinter Euch geht… Doch
glaube ich, Ihr werdet nicht viel von ihm zu fürchten haben.«
Er erhob sich und fügte hinzu: »Aber zieht nun Eure Kutte aus und
zeigt mir Eure Wunde… Ah, ich sehe, daß Ihr auch ein Panzerhemd
tragt. Das laßt Ihr besser hier; es wäre schwer und hinderlich, wenn
Ihr höher steigt. Hier in dieser Kiste habe ich sicher ein paar Kleider
für Euch.«
Noch während er sprach, wickelte er den Verband von Tiuris Arm;
die Wunde hatte sich wieder geöffnet und den Verband mit Blut
durchtränkt. Menaures feuchtete die Wunde mit etwas aus einer
Flasche an, das nach Harz und Tannen roch. Es biß ein wenig, wirkte
aber lindernd. Dann verband er die Wunde neu. Inzwischen fragte er
Tiuri nach seinen weiteren Abenteuern. Tiuri erzählte und richtete die
Grüße von Abt Hieronymus und vom Herrn des Schlosses Mistrinaut
aus.
»Sigirdiwarth Rafox«, sagte Menaures. »Ja, er ist lange nicht hier
gewesen. Ich weiß aber, daß er sein Gebiet gut regiert.«
»Kennt Ihr ihn schon lange?« fragte Tiuri.
»Vor zwanzig Jahren kam er hierher und besaß nichts als sein
Schwert, das er nur für etwas Gutes brauchen sollte. Da sagte ich ihm,
er solle hinabsteigen und den Blauen Fluß entlang nach Mistrinaut
gehen; dort gebe es wohl für ihn zu kämpfen. So ist er Herr von
Mistrinaut geworden.« Der Klausner öffnete die Kiste und sagte:
»Sucht Euch hier ein paar Kleider aus und zieht sie an! Und hier habt
Ihr den Ring zurück, den Ritter Edwinem Euch gegeben hat.«

165
»Oh, der gehört aber nicht mir«, erwiderte Tiuri. »Ich habe ihn nur
erhalten, um ihn Euch zu zeigen.«
»So behaltet ihn bei Euch«, sprach der Klausner, »und gebt ihn dem
König Unauwen, von dem Edwinem ihn erhalten hat.«
»Das werde ich tun«, erklärte Tiuri, während er den Ring wieder an
dem Schnürchen um den Hals hängte. Er fand es schön, daß er das
Kleinod weiter bei sich tragen durfte; er betrachtete es als Talisman
und als Erinnerung an das Versprechen, das er dem Ritter gegeben
hatte.
»Dann will ich gleich mit Piak sprechen«, sagte der Klausner.
Er verschwand und schloß die Tür hinter sich.
Tiuri legte das Panzerhemd in die Kiste und zog statt dessen ein
blaues Wams an. Die Kutte behielt er jedoch und zog sie darüber.
Darauf begab er sich zur Tür und blickte hinaus. Die Aussicht
überraschte ihn. Er konnte sehr weit nach Osten sehen, über
Dagonauts Reich. Er sah den Blauen Fluß, in der Nähe kleinere Hügel
und Dörfchen, einzelne Häuser und dunklen Wald. Der Schatten der
Berge fiel darüber. Jaro saß auf einem der Steine bei der Quelle; er
hatte das Gesicht in den Händen verborgen, wie wenn er über irgend
etwas trauerte oder tief nachdachte. Nahe bei der Hütte stand
Menaures und sprach leise mit Piak. Dieser sah Tiuri auf dem
Treppchen stehen und lächelte ihm zu. Tiuri begab sich zu ihnen.
»Das ist Piak«, sagte Menaures. »Er bringt Euch und Jaro über die
Berge.«
»Und Ihr seid Martin; das weiß ich schon«, sagte der Knabe. »Ich
stehe Euch zur Verfügung. Morgen früh reisen wir ab.«
»Geh und mach alles bereit, Piak!« sagte der Klausner. Er hob die
Stimme und rief: »Jaro!«
Jaro stand auf und kam langsam näher.
»Ihr könnt über die Berge gehen«, sagte der Klausner zu ihm.
»Mein kleiner Freund und Helfer Piak wird Euer Führer sein.«
»Ach…«, sagte Jaro ziemlich erstaunt.

166
»Ja, Martin will auch nach dem Westen. Ihr reist also zu dritt. Piak
kennt die Wege.«
»Das ist… das ist ausgezeichnet«, meinte Jaro. »Vielen Dank.«
»Jetzt müßt Ihr essen gehen«, fuhr der Klausner fort. »Morgen früh
müßt Ihr Euch auf den Weg machen, und so ist es am besten, bald
schlafen zu gehen.«
Während des Essens war Jaro immer noch still; Piak dagegen hatte
viel zu fragen und zu erzählen. Es zeigte sich, daß er aus einem
Bergdörfchen in der Nähe stammte. Er war ein Waisenknabe, und
Menaures hatte in den letzten Jahren seine Erziehung übernommen. Er
seinerseits half dem Klausner mit allerlei Handreichungen: Holz
hacken, Mahlzeiten kochen und dergleichen. Tiuri fragte den
Klausner, ob er seinen Helfer denn entbehren könne.
»Natürlich«, antwortete dieser. »Piak ist ohnehin nicht immer da.
Wie könnte er sonst ein so guter Bergsteiger sein?«
Piak war noch nie fort von den Bergen gewesen, und er fragte die
Reisenden, wie es dort aussehe, wo alles flach ist. Er möchte nicht
dort wohnen, sagte er.
»Doch möcht' ich gern einmal hinabgeh'n«, fügte er bei, »um das
Land von König Dagonaut zu seh'n. Es sieht schön aus, so von
weitem. Und Menaures hat mir viel davon erzählt.«
Nach dem Essen halfen Jaro und Tiuri Piak beim Packen der
Gegenstände zur Reise. Die Wanderung sollte nicht lange dauern, aber
es war doch manches nötig: Seil, Decken und Lebensmittel. Der
Einsiedler saß ruhig in einer Ecke und schaute zu.
»So«, sagte Piak nach einer Weile, »das ist wohl genug; sonst haben
wir zuviel zu tragen.«
»Es ist doch schon viel«, fand Jaro. »Müssen wir die Decken denn
mitnehmen? Wir haben doch unsere Mäntel und Jacken, und es ist ja
Sommer.«
»Droben kann es kalt sein«, entgegnete Piak, »jedenfalls in der
Nacht. Vielleicht müssen wir über Gletscher geh'n. Wartet…« Er
wühlte in einer Kiste und holte ein paar Schaffelle heraus. »Bitte«,
sagte er, während er Tiuri und Jaro je eines zuwarf. Dann schaute er
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die zukünftigen Reisekameraden prüfend an. »Und zeigt mir einmal
Eure Schuhe; Ihr zieht besser diese Stiefel an. Dürfen wir die Eurigen
auch entlehnen, Menaures?«
»Du gehst ja dann barfuß«, sagte Tiuri.
»Ich bin's gewöhnt. Und für oben habe ich Stiefel mit. Nun, ich
glaube, wir sind bereit.«
»Ja«, sagte Menaures. »Legt nur alles in eine Ecke und breitet Stroh
und Decken auf den Boden. Dann könnt Ihr schlafen gehen.«
Bald darauf lagen sie nebeneinander – Piak zwischen Jaro und Tiuri
– und wünschten einander gute Nacht. Der Klausner ging hinaus und
ließ die Tür offen. Piak schlief bald ein, und auch Jaro lag ganz still,
aber Tiuri konnte keinen Schlaf finden. Leise erhob er sich und ging
hinaus. Der Einsiedler saß auf einer der Treppenstufen und blickte
nachdenklich auf die Landschaft im Osten. Die Sonne war hinter der
Bergwand verschwunden, aber es war noch nicht ganz dunkel. Schon
schimmerten im Osten ein paar Sterne am grünblauen Himmel. Tiuri
setzte sich neben den Klausner und schaute sich schweigend um. Nach
einer Weile blickte er aber seitwärts ins Gesicht des Einsiedlers.
»Ja, mein Sohn?« sagte dieser leise, ohne sich zu bewegen.
Es war eine Frage in Tiuri aufgestiegen, aber als er sprach, fragte er
etwas anderes: »Kennt Ihr das Land von König Unauwen?«
»Ja«, antwortete der Klausner, »sehr gut sogar, denn ich bin dort
geboren. Auch Euer Land ist mir bekannt. Bevor ich mich hierher
zurückzog, vor vielen Jahren, bin ich weit in der Welt
herumgezogen.«
»Kennt Ihr den König Unauwen und seine Söhne?«
»Ja, ich kenne sie.«
»Wie weit ist es bis nach Unauwens Stadt, Menaures?«
»Man braucht etwa fünf Tage, um über die Berge zu gelangen«,
antwortete der Klausner. »Dann kann man in einem Tag Dangria
erreichen. Von dort führt ein guter Weg geradewegs zur Stadt von
Unauwen, über den Regenbogenfluß, durch den Wald von Ingewel
und die Mondhügel. Ihr habt keine Mühe, von Dangria aus in acht,
neun Tagen hinzukommen.«
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Und nun fragte Tiuri das, was er am liebsten wissen wollte, obwohl
es ein Geheimnis war.
»Wißt Ihr… wißt Ihr, was in dem Brief steht?« flüsterte er.
»Nein«, antwortete der Klausner. »Ich weiß es ebensowenig wie
Ihr.«
»Vielleicht ist es eine dumme Frage«, sagte Tiuri, »aber Ihr wißt
und ahnt viel.«
»Wohl wohne ich weit weg«, bemerkte Menaures, »doch kenne ich
die Welt am Fuß der Berge. Manchmal höre ich Nachrichten von
Pilgern, die herkommen, und noch mehr vernehme ich durch meine
stillen Überlegungen… Aber was den Brief betrifft, so braucht Ihr
nicht über seinen Inhalt zu raten. Eure Aufgabe ist einzig, ihn zu
besorgen.«
»Ja«, sagte Tiuri leise.
Wieder schwiegen beide. Langsam wurde es dunkler; tief im Tal
wurden Lichter angezündet. Tiuri blieb noch ein Weilchen sitzen,
dachte über vieles nach und hörte auf das Gezirp der Grillen im Gras
und das sanfte Gemurmel der Quelle. Dann stand er auf und wünschte
dem Klausner eine gute Nacht. Sobald sich Tiuri ausgestreckt hatte,
schlief er ein, und der Schlaf war fest und ruhig.

169
Jaros Abschied

Am nächsten Morgen standen die Wanderer und ihr Führer früh


marschbereit. Die Sonne ging eben auf, und der Himmel über dem
Land von Dagonaut war rot und golden gefärbt.
»Wie schön das ist!« sagte Tiuri zu Piak, während er nach Osten
zeigte. »Und das kannst du jeden Tag sehen.«
»Ja. Und oft beachte ich es nicht einmal mehr«, antwortete Piak ein
bißchen erstaunt.
Der Einsiedler gab jedem die Hand und seinen Segen.
»Gute Reise«, wünschte er.
Dann ergriffen sie ihre Bündel und Taschen und machten sich auf
den Weg. Piak schritt voraus, dann folgte Jaro, und Tiuri ging hinten.
Hinter der Hütte führte ein Pfad steil aufwärts. Zu Tiuris
Verwunderung machte Piak ganz langsame Schritte, viel langsamere
als Jaro und er am vergangenen Tag. Nach einer Viertelstunde hielten
sie an, um auf die Hütte hinabzuschauen. Der Klausner stand am Hang
und winkte. Sie winkten zurück.
»Warum gehst du so langsam?« fragte Tiuri Piak, als sie sich
wieder in Bewegung setzten.
»Langsam?« erwiderte Piak erstaunt. »So muß man geh'n; sonst hält
man's nicht aus, stundenlang zu steigen.«
Er schien recht zu haben. Sie bewegten sich zwar langsam, aber
stetig und konnten lange marschieren, ohne rasten zu müssen.
Trotzdem fühlte sich Tiuri nach ein paar Stunden müde werden, und
der Schweiß tropfte ihm vom Gesicht. Auch Jaro begann fast zu
keuchen. Piak schien unermüdbar zu sein; er stieg im gleichen Tempo
weiter, ganz ruhig, als ob er auf einem ebenen Weg dahinginge, und
ab und zu sang er leise. Aber dann blieb er doch stehen und schlug vor
zu rasten.
»Schaut«, sagte er, »jetzt könnt Ihr die Hütte noch einmal seh'n.«
170
Sie waren oben auf der Felswand angelangt und mußten zuerst ein
wenig absteigen, bevor sie den nächsten Bergrücken in Angriff
nahmen.
»Uff«, sagte Tiuri und warf seine Tasche auf den Boden, »ich bin
warm.«
»Ihr werdet bald noch viel wärmer bekommen«, sagte Piak munter.
»Hier sind noch Bäume, aber droben ist es kalt. Und wenn man noch
höher steigt, so gibt's Schnee und Eis.«
»He, Schnee, darauf freue ich mich«, meinte Tiuri.
»Oh, kalt wird man auch noch haben«, versprach Piak fröhlich.
»Wollen wir weitergeh'n?«
»Wir rasten ja noch keine Minute«, warf Jaro mürrisch ein.
»Bald machen wir es uns gemütlich«, sagte Piak. »Wenn wir essen.
Oder seid Ihr richtig müde?«
»Nu, müde«, brummte Jaro, »das nicht gerade. Wir können schon
weitergehen, was mich betrifft. Dies ist ein guter Pfad. Bleibt er so?«
»Nein«, erklärte Piak. »Dieser Pfad führt zu ein paar Berghütten.
Nachher gibt's keinen rechten Pfad mehr… wenigstens für jemand,
der's nicht weiß. Aber die Wanderung wird sicher nicht mühsam sein,
und es ist schönes Wetter.«
Jaro öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, schloß ihn aber
wieder und schwieg.
Sie gingen weiter durch ein dicht bewachsenes Tal, durch das ein
Bächlein sprudelte. Tiuri und Jaro löschten den Durst, obwohl Piak sie
davor warnte, zu viel zu trinken. Dann begann der Aufstieg wieder.
Als die Sonne im Süden stand, waren sie auf dem zweiten Bergrücken
angelangt. Die Umgebung war hier schon viel öder und wilder,
obwohl immer noch ein Pfad weiterführte. Sie setzten sich an einer
ebenen Stelle in den Schatten eines großen Steines und packten ihren
Proviant aus.
»Wartet«, sagte Piak, »ich weiß, daß hier Beeren wachsen; die
werden uns schmecken. Ich hole ein paar.« Er eilte weg.

171
»Dieser Bub wird offenbar nie müde«, bemerkte Jaro. »Aber er ist
natürlich ans Bergsteigen gewöhnt.«
»Ja«, sagte Tiuri kurz.
Jaro nahm ein Stück Brot und brach ein Stückchen ab. Er aß es aber
nicht, sondern verkrümelte es zerstreut zwischen den Fingern. Mit
gerunzelter Stirn schaute er auf den Pfad, auf dem sie hergekommen
waren. Tiuri glaubte zu verstehen, daß ihn etwas beschäftigte, aber
wußte nicht, was er dazu sagen sollte, und schwieg deshalb.
Irgendwo hinter einem Hang sang Piak ein Liedchen; dann entfernte
er sich offenbar, denn das Geräusch wurde leiser und verstummte.
»So!« sagte Jaro so laut und so plötzlich, daß Tiuri erschrak. Jaro
ergriff sein Bündel, stand auf und blickte auf Tiuri nieder. »Ich geh'
jetzt weg«, erklärte er.
Tiuri starrte ihn verblüfft an. »Weg?« wiederholte er.
»Ja, ich geh' zurück«, sagte Jaro und wies nach Osten. »Ich kann
den Weg jetzt noch gut allein finden.«
»Aber warum?« rief Tiuri, während er aufsprang.
»Begreift Ihr das nicht?« fragte Jaro.
»Ihr wolltet doch über die Berge!« sagte Tiuri.
»Glaubt Ihr das? Glaubtet Ihr das, als ich es Euch sagte?« fragte
Jaro und schaute ihn gerade an.
»Nun, ich hatte keinen Grund, Euch nicht zu glauben…«, begann
Tiuri und schwieg dann.
»Ihr traut mir nicht«, sagte Jaro mit einem grimmigen Lächeln.
»Ich traue Euch…«, begann Tiuri, und sich selbst ins Wort fallend,
fuhr er fort: »Jaro, ich habe nichts gegen Euch! Ich würde es Euch
gern erklären, aber ich kann nicht. Ihr könnt ruhig mitreisen.«
»Ach, haltet den Mund«, sagte Jaro. Er wandte den Blick ab und
starrte wieder auf den Weg. »Ihr hattet recht, mir nicht zu trauen«,
bemerkte er dann, ohne Tiuri anzuschauen.
»Warum?« fragte Tiuri nach einer kurzen Stille.
Jaro warf ihm einen Blick zu.

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»Begreift Ihr's nicht?« fragte er zum zweitenmal. »Muß ich's Euch
noch erzählen? Ich verstand gut, daß Ihr meine Gesellschaft nicht
schätztet, obwohl mir das gleichgültig war. Ich hatte Euch eingeholt.
Ich wußte nicht, warum Ihr mich zurückgerufen und gebeten habt,
doch Euer Reisekamerad zu sein. Ich fragte mich, ob Ihr ein
hilfreicher Narr seid oder ob Ihr gerade sehr schlau gehandelt habt.
Einen Feind kann man als Reisegenossen besser im Auge behalten, als
wenn er hinter einem daherschleicht, nicht wahr?«
Wieder schaute er Tiuri an.
»Dummheit oder Schlauheit«, sagte er, »Ihr habt gewonnen. Ich
geh' zurück. Mich braucht Ihr nicht mehr zu fürchten.«
»Aber warum?« flüsterte Tiuri.
»Begreift Ihr's nicht?« fragte Jaro zum drittenmal.
Tiuri glaubte es in der Tat zu verstehen, aber er wollte mehr wissen
und Gewißheit bekommen.
»Redet doch, Jaro«, forderte er ihn auf.
»Verflucht«, sagte Jaro mit flackernden Augen, »wenn Ihr das
wünscht, gut! Ich hab' auf der andern Seite der Berge nichts zu
suchen. Man hat mich geschickt, Euch zu töten und dafür zu sorgen,
daß der Brief, der Brief, den Ihr bei Euch habt, den König Unauwen
nie erreicht! Aber ich kann's nicht mehr tun! Ihr habt mein Leben
gerettet! Wenn Ihr mir wirklich trautet, so war das eine Dummheit von
Euch, die ich nie begangen hätt'. Aber durch diese Dummheit habt Ihr
mich machtlos gemacht, so als ob Ihr mich in die Schlucht hättet
fallen lassen… Ich kann Euch nicht töten. Ich will nicht.«
Wieder war es ganz still. Jaro senkte den Kopf, als ob er sich
schämte.
»Ich danke Euch«, sagte Tiuri schließlich.
Jaro begann zu lachen.
»Jetzt noch dümmer!« rief er. »Mir dafür danken, daß ich Euch
nicht ermordet hab'!«
»Nein«, erklärte Tiuri, »ganz so ist es nicht. Ich danke Euch, weil,
weil… ja, weil Ihr…«

173
Er schwieg. Zu danken schien wirklich dumm zu sein. Und doch,
irgendwie war er Jaro gegenüber dankbar. Weil er seine Schlechtigkeit
überwunden hatte?
Jaro unterbrach seine Gedanken. »Jetzt wißt Ihr's«, sagte er. »Und
haltet mich nicht für besser, als ich bin! Dort, bei der Schlucht, hatte
ich die Absicht, Euch hinabzuwerfen, aber ich stolperte und fiel
selber… Es ist fast wie in einer albernen Geschichte! Ich dachte, mit
mir sei's aus, aber Ihr…« Er brach ab. »Nun, das ist's«, sagte er
ruhiger. »Ich hab' etliche Menschen getötet, aber Euch kann ich nicht
ermorden. Geht in Frieden weiter. Vielleicht erreicht Ihr Euer Ziel,
aber das ist nicht meine Sache.«
»Ihr seid also geschickt worden, um mich zu ermorden«, sagte
Tiuri. »Von wem? Seid Ihr einer der roten Reiter? Seid Ihr vom
schwarzen Ritter mit dem roten Schild geschickt worden?«
»Ich bin einer der roten Reiter«, antwortete Jaro, »und der schwarze
Reiter mit dem roten Schild ist mein Herr.«
»Wer ist er?«
»Das geht Euch nichts an«, sagte Jaro. »Euretwegen bin ich seinem
Befehl zum erstenmal ungehorsam gewesen. Läßt's damit bewenden.«
»Aber… aber geht Ihr jetzt wieder zu ihm zurück?« fragte Tiuri.
»Ich weiß noch nicht, was ich tu'«, antwortete Jaro mürrisch. »Aber
das ist meine eigene Sache. Wir werden uns nie wiederseh'n.«
»Es ist mir unangenehm zu denken, daß Ihr zu ihm zurückgeht«,
sagte Tiuri.
»Ach, Ihr wollt mir doch keine Lehren geben? Vielleicht kann ich
nicht zurück; er hat Diener nicht gern, die bei dem scheitern, was
ihnen befohlen worden ist. Aber, und das sag' ich Euch noch einmal,
das ist meine Sache.«
»Nein«, sprach Tiuri leise, »nicht ganz, Jaro! Wir sehen einander
vielleicht nie wieder, aber wir haben sozusagen einander das Leben zu
danken… und also auch alles, was wir in Zukunft tun.«
Jaro dachte einen Augenblick nach.
»Es kann sein«, sagte er dann. »Vielleicht geh'n unsere Sachen
einander an, wenn Ihr's so sagt. Aber wir geh'n jeder den eigenen
174
Weg, wenn auch der meine vielleicht anders wird, als ich immer
gedacht hab'…«
Dann schien er plötzlich seine Worte zu bereuen.
»Ich gehe«, sagte er. »Gute Reise.«
Ohne auf Antwort zu warten, drehte er sich um und entfernte sich.
»Lebt wohl«, sagte Tiuri.
Jaro ging ein Stück weit, aber dann blieb er stehen, zögerte und
kehrte zurück.
»Es ist nicht ehrlich, so zu geh'n«, sagte er. »Ich muß Euch noch
etwas sagen.«
»Was?« fragte Tiuri.
»Ich hab' Euch mein Leben zu danken«, antwortete Jaro, »und
deshalb will ich Euch nicht in dem Glauben lassen, daß mit mir alle
Gefahren von Euch gewichen sind. Ich bin nicht der einzige, der
hinter Euch her geschickt worden ist.«
»Nicht der einzige?« wiederholte Tiuri.
»Nein. Wir sahen Eure Gesellschaft auseinandergeh'n. Ich mußte
Euch folgen, und ein anderer ging der Gruppe nach, die auf dem
Westweg ritt… zwei graue Ritter, ein Schildknappe und ein Jüngling
auf einem schwarzen Pferd. Wir dachten zuerst, wir müßten diesen
haben, aber als wir Euch allein dem Blauen Fluß entlang gehen sahen,
begannen wir zu zweifeln, und so folgte ich Euch. Nun, ich wußte
sogleich, daß Ihr derjenige seid, den wir haben mußten…«
»Wie denn?« unterbrach ihn Tiuri.
»Ich erkannte Euch. Ich war einer der roten Reiter, die Euch im
Wald von König Dagonaut verfolgten…«
»Und wart Ihr auch bei…«
Tiuri schwieg plötzlich… Er hätte gern gewußt, ob Jaro auch bei
jenen war, die Ritter Edwinem ermordeten. Aber es schien ihm besser,
darüber zu schweigen. Jaro schien diese Frage in seinen Augen zu
lesen.
Er wandte den Blick ab und sagte: »Ihr wißt doch, daß ich schlecht
bin.« Dann fuhr er mit seinem Bericht fort. »Der andere, der geschickt
175
wurde, weiß bald, daß er den falschen Leuten folgt«, sagte er. »Aber
dann kehrt er nicht zurück, nein, er versucht weiter, Euch zu finden,
denn das ist sein Auftrag und seine Absicht. Vielleicht reist er Euch
noch nach; vielleicht versucht er, vor Euch jenseits der Berge zu sein
und auf der andern Seite auf Euch zu warten. Ja, er ruht nicht, bis er
Euch gefunden hat. Er ist nicht wie ich. Wenn Ihr ihn aus der Schlucht
geholt hättet, so hätt' er Euch nachher hinabgestoßen, ohne zu zögern.
Er ist der beste Spion und der schlechteste Mensch, den ich kenne…
Er ist listig und verschlagen und geht niemand und nichts aus dem
Weg.«
»Wer ist er?« flüsterte Tiuri.
»Niemand von uns kennt seinen wahren Namen, aber wir nennen
ihn Slupor. Nehmt Euch vor ihm in acht!«
»Wie sieht er aus?«
Jaro hob die Schultern.
»Manchmal ist er ein roter Reiter«, erwiderte er, »manchmal ein
gewöhnlicher Soldat. Meistens ist er ein Spion; dann könnt Ihr ihm in
allen Gestalten begegnen. Wie er aussieht? Nicht groß, nicht klein,
nicht alt, nicht jung, weder blond noch dunkel. Nur die Augen können
ihn verraten; die sind falsch und böse wie bei einer Schlange. Wir
haben ihn alle gefürchtet, ja, manchmal hatten wir Angst, wir würden
ebenso schlecht wie er.«
Jaro schwieg und sagte dann mit einem Lächeln: »So, jetzt hab' ich
die Befehle meines Meisters nicht nur mißachtet, sondern auch
durchkreuzt! Nun, das ist alles. Lebt wohl.«
Tiuri streckte die Hand aus.
»Ich danke Euch«, sagte er ernst. »Und wenn Ihr nicht wißt, was
tun, so sprecht mit Menaures. Er kann Euch sicher raten und helfen.
Er weiß vielleicht schon mehr, als Ihr denkt. Lebt wohl.«

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Gefährliche Bergbesteigung

Tiuri blickte Jaro nach, bis er nicht mehr zu sehen war. Dann setzte
er sich, um das zu überdenken, was er vernommen hatte.
»Jetzt können wir essen«, sagte Piak, der unvermutet zum
Vorschein kam. »Bitte.«
Er streckte Tiuri eine Handvoll Beeren entgegen.
Tiuri schaute ihn ein wenig verwirrt an. Er hatte den kleinen
Bergführer beinahe vergessen.
»Oh, ich danke dir«, sagte er.
Piak legte die Beeren auf einen flachen Stein und kauerte sich
daneben nieder.
»Er ist weg?« sagte er ruhig.
»Ja«, sagte Tiuri. »Aber wie weißt du das?«
»Ich sah ihn geh'n«, antwortete Piak, während er sich eine Beere in
den Mund steckte.
»Oh«, machte Tiuri.
Er fragte sich, ob Piak etwas von ihrem Gespräch gehört hatte.
Dieser spuckte einen Kern aus, nahm eine zweite Beere und
betrachtete sie aufmerksam. Dann richtete er seinen klaren Blick auf
Tiuri.
»Wer seid Ihr?« fragte er leise.
»Wer ich bin?« fragte Tiuri verblüfft.
»Seid Ihr ein Ritter mit einem Auftrag?«
»Wie kommst du darauf?« fragte Tiuri.
»Oh, ich vermutete schon gleich, daß Ihr kein gewöhnlicher
Wanderer seid. Ich sah Euer Panzerhemd bei Menaures in der Kiste
und…«
Piak wartete und aß die zweite Beere.

177
»Nun«, fuhr er weiter, »ich hab' alles gehört, was Ihr und der andere
sagtet… Ich tat es nicht absichtlich. Aber manchmal hört man hier
Stimmen meilenweit. Das kommt vom Echo. Zuerst wollte ich
weggeh'n, aber dann dachte ich plötzlich an das, was Menaures mir
gesagt hat, und fand, es ist besser, wenn ich alles weiß.«
Tiuri wußte nicht, ob er erstaunt, zornig oder unruhig sein sollte.
»Ja«, fuhr Piak fort, »ich weiß nun wenigstens, worauf ich achten
muß: auf diesen Slupor zum Beispiel. Der soll uns nicht bekommen;
hier in den Bergen nicht, wenn es an mir liegt! Eher soll er selber in
einen Abgrund fallen.«
Piak sprang auf, ergriff die Bündel und sagte: »Kommt mit!«
»Was gibt es?« fragte Tiuri, ein wenig erschrocken.
»Setzen wir uns anderswo! Das Echo!«
Eine Minute später saßen sie an einer andern Stelle. Piak nahm
seine Erzählung wieder auf.
»Ich versteh' nicht alles von dem, was dieser Jaro Euch gesagt hat,
aber doch etwas«, sprach er leise. »Ihr habt einen Brief für den König
Unauwen, und Jaro oder sein Meister wollen nicht, daß der König ihn
erhält. Und sie haben Euch einen gewissen Slupor nachgeschickt; eine
listige Schlange könnte man ihn nennen… Ihr sagt nichts«, fuhr er
nach kurzem Schweigen fort. »Ihr dürft nicht reden, natürlich. Ihr
denkt sicher grad so wie mein Onkel; der sagte immer: ›Trau nur dir
selber!‹ Recht habt Ihr! Aber ich weiß es nun einmal, und es scheint
mir besser, wenn Ihr wißt, daß ich's weiß.«
Tiuri schaute ihn an und begann zu lachen.
»Das ist wahr«, sagte er. »Und es gibt noch etwas, was ich jetzt
weiß! Sei vorsichtig mit dem Reden in den Bergen, denn das Echo
kann dich verraten.«
Piak lachte auch. Dann wurde sein Gesicht ernst, und er sprach:
»Ihr braucht nicht zu fürchten, daß ich Euch verrate. Mir könnt Ihr
trauen. Schaut, ich hab' auch einen Auftrag. Menaures gab ihn mir:
›Du mußt sein Führer sein‹, sagte er zu mir; ›du mußt ihm einen
kurzen Weg zeigen, und zwar einen, der so sicher wie möglich ist. Du
mußt darauf achten, daß niemand ihn verfolgt; du mußt wach bleiben,
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wenn er schläft, und bei ihm bleiben, wenn er wach ist.‹ Also, das ist
mein Auftrag. Darum blieb ich in der Nähe und hörte das, was Ihr
gesprochen habt. Und weil ich den Auftrag hab', Führer von Euch mit
einem Auftrag zu sein, so ist Euer Auftrag eigentlich auch ein wenig
der meine.«
Tiuri schaute ihn an und fühlte, daß er froh wurde. Piak, dachte er,
war nicht nur ein Führer und Reisekamerad, sondern auch ein Freund.
Er gab dem Jungen die Hand.
»Ich vertraue dir völlig«, sagte er. »Hier, meine Hand darauf. Ich
habe einen Auftrag, aber ich darf mit niemand darüber sprechen. Es
gibt Feinde, die verhindern wollen, daß ich ihn ausführe; das hast du
bereits verstanden. Später erzähle ich dir vielleicht mehr. Nur bitte ich
dich: gib einem andern nie zu merken, was du weißt.«
»Das ist selbstverständlich«, sagte Piak und drückte Tiuris Hand
fest. »Oh, Esel, der ich bin!« rief er gleich darauf. »Jetzt hab' ich die
Beeren liegenlassen! Ich hol' sie gleich. Die Beeren sind schuld daran,
daß ich Euer Geheimnis weiß; zur Strafe sollen sie gegessen werden,
so daß sie es nicht weitererzählen.«
»Wie schön ist es hier doch!« sagte Tiuri, als sie weiterschritten.
Er sah jetzt alles viel besser, da er nicht mehr beschwert war mit
Müdigkeit und Schmerzen, mit Sorgen und Mißtrauen: die mächtigen
Bergwände, die spärlich wachsenden, eigenartigen Tannen, die stets
wechselnde Aussicht, die schäumenden, brausenden Wasserläufe, die
Wolken wie Schleier an den Berggipfeln. Piak plauderte über seinen
Vater.
»Sie sagen, ich gleiche ihm«, sagte er. »Er hieß auch Piak. Lebt
dein Vater noch?«
»Ja«, antwortete Tiuri. »Ich heiße auch so wie er.«
»Dann heißt er also Martin«, meinte Piak.
»Nein«, sagte Tiuri mit leiser Stimme, »Tiuri heißt er, und das ist
auch mein Name.«
»Ah«, sagte Piak und schaute ihn mit großen Augen an.
»Aber wenn andere dabei sind, darfst du mich nicht so nennen«,
fügte Tiuri bei.
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»Nein nein, natürlich nicht«, sagte Piak. Er schien etwas fragen zu
wollen, ließ es aber bleiben.
Gegen Sonnenuntergang erreichten sie den Ort, den Piak sich für
diesen Tag als Ziel vorgenommen hatte: die beiden Berghütten, von
denen er gesprochen hatte. Sie waren beide leer und ungebraucht,
boten aber einen guten Schutz für die Nacht. Tiuri merkte, daß es,
sobald die Sonne verschwunden war, kühl wurde, und er war froh
darüber, daß er die Schaffelle anziehen konnte. Sie richteten sich in
einer der Hütten ein und aßen einiges. Ein Feuer machten sie nicht, da
es sie auf weite Entfernung hätte verraten können.
Dann holte Piak ein Fläschlein hervor und sagte: »Dies hat
Menaures mir mitgegeben. Ich muß dies auf die Wunde streichen.«
Tiuri ließ sich die Behandlung mit einem Lächeln gefallen.
»Ich verstehe nicht viel davon«, bemerkte Piak, »aber ich glaube, es
sieht ganz gut aus. Menaures sagte, ich muß das draufstreichen, wenn
du wieder Schmerzen bekommst, und ferner muß ich dafür sorgen,
daß keine Kälte darankommt.«
»Es ist ja schon gut«, sagte Tiuri, »ich habe keine Schmerzen
mehr.«
Sie rollten sich zum Schlafen in die Decken.
»Morgen«, sagte Piak, »geh'n wir auf einem Pfad, auf dem uns
niemand folgt.«
»Wie weißt du das?« fragte Tiuri gähnend.
»Niemand kennt ihn; sogar der Vater hat ihn nie entdeckt.
Menaures hat ihn mir gezeigt, und er hat ihn zufällig gefunden… oder
eigentlich hat ihn ein anderer entdeckt, einer, der von der andern Seite
kam, um den Klausner zu besuchen.«
»Ja?« sagte Tiuri schläfrig. »Wie denn?«
»Oh, es ist schon lange her, noch bevor ich zur Welt kam. Ein
junger Ritter von König Unauwen zog über die Berge; er verirrte sich
und geriet in einen Schneesturm. Da blies er in sein Horn, und
Menaures hörte es und ging ihn suchen. Er fand ihn auf diesem
unbekannten Pfad. Der Ritter war schon über den Paß und nicht
einmal mehr weit weg vom Ziel. Das war ein Wunder, sagte
180
Menaures, denn jener Ritter kannte den Weg in den Bergen gar nicht.
Es war ein Jüngling, der später ein berühmter Ritter geworden ist. Er
hieß Edwinem.«
Sogleich war Tiuri hellwach. »Edwinem?« wiederholte er.
»Hast du von ihm gehört?«
»Ja«, sagte Tiuri.
»Kennst du ihn?« fragte Piak.
Tiuri antwortete nicht sofort.
»Ja«, sagte er dann, »ich bin ihm einmal begegnet.«
»Wirklich? Hast du mit ihm gesprochen?«
»Hm… ja«, sagte Tiuri.
Er hörte, daß Piak sich halb aufrichtete.
»Sag«, sprach dieser flüsternd, »du heißt Tiuri?«
»Ja«, bestätigte Tiuri ziemlich verwundert.
»Ritter Tiuri«, unterbrach Piak, »Tiuri der Tapfere! Ist das dein
Vater?«
»Wie kommst du dazu…«, begann Tiuri, antwortete dann aber: »Ja,
er ist mein Vater.«
»Dann bist du also doch ein Ritter!« flüsterte Piak erregt.
»Nein, ich nicht«, erwiderte Tiuri, »ich bin, ich war nur ein
Schildknappe.«
»Oh, aber du wirst später ein Ritter, nicht? Zuerst Page, dann
Schildknappe… so geht's doch? Erzähl!«
»Ich war der Page meiner Mutter und der Schildknappe des
Vaters«, berichtete Tiuri.
Er lächelte im Dunkeln bei der Erinnerung an die glücklichen Jahre
in Tehuri. Zum erstenmal seit mehreren Tagen fragte er sich wieder,
wie es wohl den Eltern gehe. Ob sie in der Stadt von Dagonaut auf ihn
warteten oder in ihr Schloß zurückgegangen waren?
»Als ich dreizehn war, wurde ich Schildknappe von Ritter
Fartumar«, fuhr er fort.
»Ritter Fartumar«, wiederholte Piak ehrfürchtig.
181
»Dann kam ich zu König Dagonaut in den Dienst«, erzählte Tiuri.
»Das muß jeder, der Ritter werden will.«
»Und wann wirst du zum Ritter geschlagen?«
»Ich könnte schon Ritter sein«, erwiderte Tiuri. »Aber jetzt weiß ich
nicht, ob ich es noch werde. Ich habe die Vorschriften übertreten, und
der König ist streng…«
Er erzählte Piak von der Nachtwache in der Kapelle, von der
Stimme, die bat zu öffnen, von dem Unbekannten, der ihm den Brief
für den schwarzen Ritter mit dem weißen Schild gab… Er erzählte,
wie er den Ritter sterbend angetroffen und den Auftrag übernommen
hatte, dem König Unauwen den Brief zu bringen.
»Ah«, sagte Piak mit einem Seufzer. »Dann nenne ich dich doch
einen Ritter mit einem Auftrag. Du konntest nicht anders handeln, als
du es getan hast?«
»Nein«, sagte Tiuri, »ich konnte nicht anders.«
»Und der schwarze Ritter mit dem weißen Schild, wer war er?«
»Ritter Edwinem, Herr von Foresterra. Aber das habe ich erst später
erfahren.«
»Ich bin froh, daß du mir das erzählt hast«, sagte Piak. »Vielleicht
erzählst du mir noch weiter, was du alles erlebt hast, bevor du hierher
gekommen bist… Ich möcht' am liebsten dein Schildknappe sein.«
»Ich bin kein Ritter«, sagte Tiuri.
»Doch!«
»Ich hätte dich lieber als Freund.«
»Ja? Gut, so sind wir Freunde.«
Am folgenden Morgen erwachten sie gleichzeitig. Piak stand zuerst
auf, ging zur Tür und schaute hinaus.
»Nebel!« sagte er. »Das hab' ich mir gedacht.«
Auch Tiuri erhob sich. Draußen war die Welt verschwunden; alles
war in einen dichten, grauweißen Nebel gehüllt.
»Ich hab's schon beim Erwachen gerochen«, sagte Piak.
»Was jetzt?« sagte Tiuri, der vor Kälte fröstelte.

182
»Vielleicht verzieht er sich bald«, meinte Piak. »Es ist früh; die
Sonne steht noch tief. Jedenfalls können wir noch ein Stück
weitergehen, bis zum Grünen Rand. Diesen Weg kenne ich mit
geschlossenen Augen.«
Tiuri gab keine Antwort. Er fragte sich, wie man in dieser
undurchsichtigen Welt einen Weg finden konnte.
»Essen wir in aller Ruhe!« sagte Piak. »Und jetzt können wir gut
ein Feuerchen machen; niemand sieht's.«
Dies war Tiuri recht. Bald darauf saßen sie an einem Feuer und
ließen sich ein ausgiebiges Frühstück schmecken. Nach dem Essen
blickten sie wieder hinaus. Es schien ein wenig heller zu sein, doch
war der Nebel noch ebenso dicht.
»Was meinst du?« fragte Tiuri. »Warten wir noch oder gehen wir?«
»Wenn wir warten, können wir wohl den ganzen Vormittag
dableiben«, sagte Piak. »Gehen wir vorläufig bis zum Grünen Rand!
Dann seh'n wir wieder weiter.«
Sie löschten das Feuer, ergriffen ihr Gepäck und begaben sich auf
den Weg, Piak voran und Tiuri dicht hinter ihm. Piak hatte jetzt seine
Stiefel angezogen, und in der Hand hielt er einen Stock, den er von
einem Baum geschnitten hatte. Während sie langsam stiegen, dachte
Tiuri daran, daß er sich Piak nun ganz anvertraut hatte. Er konnte
nicht weiter als ein paar Schritte vor sich sehen und ihm nur blindlings
folgen. Sie sprachen wenig, und wenn sie etwas sagten, so kam Tiuri
der Ton ihrer Stimmen merkwürdig dumpf vor. Der Nebel schien alle
Geräusche zu umhüllen, auch ihre Schritte und das Rauschen des
Wassers, das nun ab und zu zu hören war. Manchmal warnte ihn Piak
vor einer starken Steigung oder einer plötzlichen Neigung, vor einer
Spalte oder einem Bächlein, das sie überqueren mußten.
Tiuri verlor jeden Begriff von Zeit und Raum; er wußte nicht, wie
lange sie unterwegs und wie weit sie gekommen waren, als Piak
stehenblieb und sagte: »Ein bißchen weiter weg ist ein großer Stein,
den ich erkannt hab'. Wir sind nah beim Grünen Rand. Bei diesem
Nebel ist es schwer zu wissen, wie weit man vorwärts gekommen ist«,
fügte er bei.

183
»Das verstehe ich«, sagte Tiuri. »Hätten wir nicht vielleicht doch
besser in der Berghütte gewartet?«
»Das find' ich nicht«, meinte Piak. »Du mußt doch so schnell wie
möglich über die Berge. Aber der Nebel wird sich, glaub' ich, bald
verzieh'n.«
»Davon sehe ich noch nichts«, bemerkte Tiuri.
»Spürst du nicht, daß es ein bißchen zu winden beginnt? Und im
Osten wird's heller, schau nur!«
Sie gingen weiter, immer noch Schritt für Schritt. Bei einem großen
Stein hielt Piak an.
»Hier saß Menaures, als er Ritter Edwinems Horn hörte«, sagte er.
»Ging Menaures oft auf die Berge?« fragte Tiuri.
»Früher schon. Mein Vater hat manche Wanderung mit ihm
gemacht. Aber Menaures ging auch oft allein; dann saß er Stunden um
Stunden an einem Hang oder auf einem Berggipfel und schaute und
dachte nach… Schau dort!«
Tiuri blickte in die Richtung, die Piak zeigte. Dort riß der
Nebelvorhang plötzlich auseinander und enthüllte einen Gipfel.
Gleich darauf verschwand der Anblick wieder, aber Piak sprach
zufrieden: »Vielleicht geraten wir bald noch in den Sonnenschein.«
Sie beschlossen, bei dem Stein zu warten, bis die Sicht besser
wurde; hier saßen sie sicher, während der Grüne Rand Wind und
Wetter mehr ausgesetzt war. So rasteten sie eine Zeitlang und aßen ein
Stück Brot. Der Nebel wurde beweglich; immer öfter ließ er einen
Teil der Umgebung sehen. Es war ein sonderbares, wechselvolles
Schauspiel. Piak behielt recht; nach einer halben Stunde sahen sie die
Sonne – klein und bleich. Nun erhoben sie sich. Bald war der Grüne
Rand erreicht. Tiuri konnte zwei Pfade unterscheiden, die von hier aus
weiterführten, doch Piak sagte, sie wollten keinen von beiden
benutzen.
»Der eine läuft leer aus«, erklärte er. »Der andere führt auf die
richtige Seite, aber unseren Weg soll kein Verfolger finden.«

184
Er begab sich an den Rand und blickte hinab. Tiuri folgte ihm und
schaute in einen Abgrund. Die Tiefe konnte er nicht erblicken, da
noch Nebel darin hing.
»Müssen wir da hinab?« fragte er ungläubig.
»Ja; es ist einfacher, als es scheint.«
»Das hoffe ich«, sagte Tiuri, während er einen Schritt zurücktrat
und sich umschaute.
Sie waren wieder ein gutes Stück gestiegen; hier wuchs kein Baum
mehr; alles war wild und öd. Im Westen fiel ihm ein schön geformter,
kegelförmiger Gipfel auf und daneben ein Feld mit Schnee oder Eis,
das krallenartig seine Finger nach dem Tal darunter auszustrecken
schien.
»Dort ist der Paß«, erklärte Piak. »Wir geh'n über den Gletscher,
und auf der andern Seite des Bergrückens kann man das Reich von
Unauwen seh'n.«
»Es scheint nicht einmal so weit zu sein«, bemerkte Tiuri.
»Wir können morgen abend den Paß erreichen«, sagte Piak.
Er entrollte das Seil und band sie beide aneinander.
»So«, sagte er dann, »wir geh'n.« Dann bückte er sich und pflückte
etwas. »Bitte«, sagte er und bot Tiuri zwei Blumen an, eine wie ein
Stern, weiß und graugrün, die andere wie eine kleine blaue Glocke.
»Oh, wachsen hier noch Blumen?« rief Tiuri überrascht aus.
»Ja. Steck sie in den Gürtel, wenn du willst; die Hände mußt du frei
behalten.«
Sie begannen den Abstieg, langsam und vorsichtig. Es war in der
Tat leichter, als es ausgesehen hatte, obwohl sie aufpassen mußten,
weil die Felsen naß und schlüpfrig und mit losen Steinen übersät
waren.
Jetzt war es Tiuri, der vorausging, doch rief ihm Piak oft zu, auf
welche Stelle er die Füße am besten aufsetzen könne. Nach einer
Weile war Tiuri schon ein wenig ans Absteigen gewöhnt und schritt
flinker und sicherer weiter. Kurz darauf trat er aber auf einen lockeren

185
Stein und rutschte ein Stück weit hinab. Ein Ruck am Seil brachte ihn
zum Halten.
»Wie ist's?« rief Piak. »Hast du dir weh getan?«
»N… nein«, entgegnete Tiuri, »ich glaube nicht.«
Im Nu war Piak bei ihm und half ihm aufstehen.
»Nein«, sagte Tiuri, »es fehlt mir nichts.«
»Wenn du wieder rutschst, so laß dich fallen«, riet Piak. »Bleib so
nah wie möglich beim Boden. Fallen ist nicht schlimm, wenn man nur
nicht eine Strecke weit stürzt.«
»Ja«, sagte Tiuri etwas beschämt.
Nun erst begriff er richtig, daß Piak, der jünger war als er und ihn
für einen tapferen Ritter hielt, in den Bergen sein Meister und ein
Führer war, dem er vertrauen konnte.
»Willst du nicht vorausgehen?« fragte er.
»Nein, das tut man nicht«, erklärte Piak. »Ein Führer muß beim
Steigen vorangeh'n, aber beim Absteigen hinten.«
Erst nach einiger Zeit leuchtete es Tiuri ein, warum das so war. Piak
war als Führer derjenige, der für beide Leben verantwortlich war;
wenn er, Tiuri, stürzte, so mußte Piak sich entgegenstemmen und ihn
aufhalten. Er hörte Wasser rauschen, und kurz darauf war der Grund
der Schlucht erreicht. Sie wateten durch ein Bächlein und stiegen dann
wieder in die Höhe. Inzwischen schien die Sonne heller, und der Wind
wehte stärker.
»Es gibt wirklich schönes Wetter«, sagte Tiuri, als sie zum
zweitenmal an diesem Tag rasteten.
Piak runzelte die Stirn und schaute eine Weile in die Luft.
»Wie spät mag es sein?« fragte er. »Drei, vielleicht halb vier? Es
braucht ungefähr eine Stunde von hier zum Gletscher und noch eine
Stunde zum Überqueren. Wir müssen vor dem Eindunkeln an den
Sieben Felsen vorbei. Dann können wir morgen früh den Paß
erreichen und vor dem Mittag Unauwens Land seh'n. Geh'n wir jetzt
weiter!«

186
Tiuri stand auf und folgte ihm, obwohl er am liebsten noch länger
gerastet hätte. Doch er begriff, daß Piak gute Gründe haben mußte, um
vorwärts zu kommen. Sie stiegen auf der andern Seite der Schlucht
eine ansehnliche Strecke aufwärts, und hernach ging es auf und ab
über immer mühsameren Grund. Ein Pfad war nicht mehr zu
erkennen, aber Piak schritt ohne Zögern weiter und ging, wenn der
Boden es erlaubte, viel rascher, als er es bisher getan hatte. In dem
Maße, wie sie weiterkamen, begann der Wind kräftiger zu wehen. Es
wurde kälter, und die Sonne versteckte sich wieder. Nach ungefähr
einer Stunde erreichten sie den Gletscher, ein ausgestrecktes Eisfeld,
das aber von schmalen, schnell fließenden Bächlein und
verräterischen Spalten durchpflügt zu sein schien.
»Zum Glück hat's noch nicht geschneit«, sagte Piak, als sie den
Gletscher betraten. »Aber ich glaub' doch, daß etwas anders ist, seit
ich das letzte Mal hier war. Es gibt mehr Spalten; es sieht ganz danach
aus.«
Er löste das Seil, rollte es sorgfältig auf und schritt dann über die
Eisfläche. Hier konnte der Wind ungehindert wehen; er war eisig kalt.
»Du hast nicht Glück, Tiuri«, sagte Piak. »Wenn die Sonne scheint,
so kann man hier manchmal halbnackt darüberwandern.«
Diese Überquerung war für Tiuri etwas Besonderes. Die Eisfläche
in dem feuchtkalten, grauen Licht war etwas, was mit nichts
verglichen werden konnte, was er früher gesehen hatte. Sie gingen an
großen Steinen, die sich auf dünnen, schmalen Eissäulen im
Gleichgewicht hielten, vorüber; sie glichen riesigen Pilzen.
»Gletschertische«, sagte Piak. »Darauf sitzen die Berggeister, wenn
sie einmal von ihren Gipfeln herabsteigen. Manchmal bewerten sie
einander mit diesen Felsblöcken; man kann es meilenweit hören wie
ein Donnerrollen.«
»Ist das wahr?« fragte Tiuri, während er sich umschaute, als ob er
erwartete, daß ein Berggeistriese erscheine, um ihm einen Stein
nachzuschmeißen.
»Geseh'n hab' ich sie nie«, sagte Piak. »Aber manchmal von weitem
gehört.«

187
Sie hatten beide durch und durch kalt, als sie über den Gletscher
gekommen waren, und viel mehr als eine Stunde gebraucht. Wieder
blickte Piak in die Luft.
»Ich will eine Geiß werden, wenn wir keinen Schnee bekommen«,
sagte er.
»Wie weit willst du heute gehen?« fragte Tiuri, als sie nach einiger
Zeit stillstanden, um sich erneut anzuseilen.
»Ich will an den Sieben Felsen vorbei«, erwiderte Piak; »das ist der
schwerste Teil des Weges. Ich hoffe nur, daß es nicht zu schnell
dunkel wird.«
Seine Hoffnung erfüllte sich nicht. Es wurde beängstigend rasch
dunkel, und bald begann der erste Schnee zu fallen. Der Wind nahm
zu, das Treiben machte die Sicht schlecht, und der Grund wurde durch
Glätte noch schwieriger, als er schon war.
»Zuerst Nebel, dann Schnee«, brummte Piak.
In diesem Augenblick befanden sie sich auf einem schmalen Rand,
rechts hohe Felswände, links ein Abgrund.
»Wo sind die Sieben Felsen?« fragte Tiuri.
»Wir stehn jetzt unter dem vierten«, antwortete Piak.
Sie stiegen in dem dämmerigen Licht weiter. Vor Kälte klapperte
Tiuri mit den Zähnen, und in den Händen und den Füßen hatte er kein
Gefühl mehr. Das Schlimmste war, daß der Arm wieder schmerzte; es
hatte auf dem Gletscher angefangen und wurde bei jedem Schritt
schlimmer. Er sagte aber nichts davon und mühte sich schweigend ab.
Plötzlich blieb Piak stehen.
»Es geht nicht!« rief er aus. »Es ist gefährlich weiterzugehen.
Weiter vorn wird es noch schmaler und steiler, und bald ist's finster.«
»Was tun wir denn?« fragte Tiuri.
»Wir müssen zurück«, entgegnete Piak. »Hier können wir nicht
bleiben; es ist zu kalt und ungeschützt. Es gibt am Anfang des dritten
Felsens eine nicht tiefe Höhle; dort können wir untersteh'n. Es ist nicht
sehr angenehm, aber eine Nacht ist's wohl auszuhalten.«

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Sie begannen den Rückzug. Der Abstieg schien noch schwieriger zu
sein als das Steigen, und außerdem hatten sie nun den Wind gegen
sich, so daß das Schneetreiben sie fast blendete. Nur sehr langsam
kamen sie vorwärts und durften nicht hasten, denn es war bereits fast
völlig dunkel geworden. Sie wechselten mit dem Vorangehen ab, und
oft standen sie still, um einander zu helfen.
Sie sprachen kein Wort, bis Piak keuchte: »Jetzt müssen wir doch
ungefähr da sein! Erinnerst du dich an diese Stelle?«
»Ich sehe fast nichts«, bemerkte Tiuri. »Und alles sieht gleich aus.«
Sie setzten den Abstieg fort. Ich halte es nicht mehr lange aus,
dachte Tiuri. Bald falle ich einfach um.
Kurz darauf fragte er: »Ist nicht das der dritte Felsen?«
»Ja!« rief Piak. »Wir sind da. Wenigstens fast.«
Sie fanden ihr Ziel gerade noch zur rechten Zeit. Die Höhle war gar
nicht tief, und sie konnten knapp nebeneinander sitzen, gegen den
Wind geschützt, aber nicht gegen die Kälte. Sie öffneten ihre Bündel
und wickelten sich zitternd in die Decken.
»So«, sagte Piak, »da sitzen wir also. Aber wir dürfen nicht
schlafen, denn wir würden erfrieren. Wir müssen hie und da hin und
her gehen, mit den Füßen stampfen… nun eben, uns bewegen. Wie
geht's, Tiuri?«
»Oh, gut«, sagte dieser. »Den Umständen entsprechend,
wenigstens.«
»Hast du Schmerzen im Arm?«
»Ein wenig.«
»Ein bißchen viel also«, sagte Piak. »Wickle dich so fest wie
möglich ein. Zieh die Kutte über das Schaffell und wickle dich warm
in die Decken. Es gib nichts anderes jetzt. Wir müssen dafür sorgen,
daß wir durch die Nacht kommen. Jedenfalls wollen wir tüchtig essen;
das hilft immer… Es ist schade, daß wir nichts haben, um ein Feuer zu
machen«, sagte er bald darauf. »Jedenfalls ist anzunehmen, daß wir
keines bekommen, geschweige denn erhalten könnten bei dem Wetter.
Du denkst jetzt wohl: Was hat Piak angestellt!«

189
»Dieses Wetter haben wir doch nicht voraussehen können!« sagte
Tiuri laut, um den Lärm des Sturmes zu übertönen.
»Nein, so etwas hab' ich in dieser Jahreszeit erst einmal
durchgemacht, und damals war ich höher oben. Du kannst mir's
glauben oder nicht, aber das hab' ich heut' morgen nicht erwartet.
Später hatte ich wohl Angst, daß es schneien würde; darum hatte ich
eine solche Eile. Es wär' besser gewesen, sofort nach dem Gletscher
eine Zuflucht für die Nacht zu suchen.«
Der Wind heulte um die Felswände, und in der Ferne ertönte der
Lärm vom Donner oder von fallenden Steinen. Die Jünglinge aßen
etwas, krochen dann dicht aneinander und kämpften gegen den Schlaf.
Die Nacht war lang. Manchmal standen sie auf und schritten auf
dem schmalen Rand außerhalb der Höhle hin und her, aber die Kälte
ließ sie das Obdach bald wieder aufsuchen. Dann setzten sie sich
aufrecht hin und versuchten, mit den Füßen zu stampfen, oder sie
rieben einander die Hände. Ab und zu wurde der Schlaf übermächtig,
und sie schliefen ein, bis einer von ihnen aufschreckte und den andern
schüttelte. Doch während der Nacht nahm der Wind langsam ab, und
es hörte auf zu schneien. Und endlich, endlich erschien das bleiche
Licht der Morgendämmerung.
»Jetzt hätt' ich Lust auf einen Teller heiße Bohnensuppe«, sagte
Piak, als sie an ihrem harten Brot knabberten. »Aber weil die nicht zu
bekommen ist, so bestelle ich für heute viel Sonne.«
Tiuri hatte die unverwüstliche Munterkeit und die Widerstandskraft
seines Reisekameraden mit Bewunderung beobachtet. Doch als er ihn
anschaute, sah er, daß die Nacht auch an ihm Spuren hinterlassen
hatte. Piaks braunes Gesicht sah graubleich aus, und die Lippen waren
blau. Tiuri fragte sich, wie er imstande sei, den nach Piaks Aussage
schwierigsten Teil der Reise zurückzulegen. Es schneite nicht mehr,
aber der Weg, den sie gehen mußten, sah wenig verlockend aus. Noch
stand die Sonne tief, und von ihrer Wärme war nicht viel zu spüren.
Tiuri hatte das Gefühl, es wäre mindestens ein loderndes Feuer nötig,
um ihn zu wärmen. Doch stand er bald darauf bereit zum Abmarsch.
»Wie geht's jetzt deinem Arm?« fragte Piak.
»Oh, das ist viel besser geworden«, meinte Tiuri.
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Er übertrieb ein wenig, aber der Schmerz hatte wirklich
nachgelassen.
»Gut«, sagte Piak, »also geh'n wir! Nur langsam; es wird wohl glatt
sein.«
Zum zweitenmal stiegen sie den Pfad den Felsen entlang hinauf.
Piak hatte recht; es war glatt. Was sie am Tag zuvor nicht hatten sehen
können, zeigte sich jetzt als eine ständige Warnung: tiefe Schluchten
und Spalten, deren Grund nicht zu sehen war. Alles um sie herum war
weiß und schwarz und grau… weiß der Schnee und das Eis, schwarz
die Felsen, grau der Himmel und die Berghänge in der Ferne. Lange
kletterten sie weiter, schweigend, weil sie keine Kraft zum Reden
mehr hatten.
Dann sagte Piak: »Das ist der siebte Felsen; hier müssen wir
hinüber. Auf der andern Seite hab' ich letzte Nacht sein wollen… Dort
ist ein guter Schutzplatz.«
Der Aufstieg über den siebten Felsen war das Schwierigste. Als sie
endlich oben waren, tanzte alles vor Tiuris Augen, und er rang nach
Atem. Mit Piak stand es nicht viel besser. Doch gingen sie noch weiter
und stiegen auf der andern Seite ein wenig ab, weil sie dort
geschützter waren.
»Wollen wir in meinem Schutzplatz rasten?« schlug Piak vor. »Dort
ist es angenehmer als hier.«
Unten im siebten Felsen befand sich die Höhle, die viel geräumiger
und tiefer war als jene, in der sie übernachtet hatten. Sie mußten über
viele kleine und große Steine treten, bevor sie eintreten konnten.
»Vielleicht ist es zu etwas gut gewesen«, murmelte Piak.
»Was?« fragte Tiuri.
»Daß wir diese Stelle nicht erreicht haben. Diese Steine lagen das
letzte Mal nicht da. Es ist gut möglich, daß sie diese Nacht
herabgekommen sind. Ich hätt' nicht gern so einen auf den Kopf
bekommen. Aber jetzt kannst du etwas seh'n!«
Piak ging vor Tiuri in die Höhle und verschwand in der Dunkelheit.
Einen Augenblick später erschien er mit einem Armvoll Äste wieder.

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»Was sagst du dazu?« fragte er triumphierend. »Mein Vorrat!
Letzten Monat aus Filamen mitgebracht. Sie sind nicht einmal sehr
feucht.«
»Fein!« sagte Tiuri.
»Jetzt wollen wir ein Feuer machen«, erklärte Piak. »Ich hab' nicht
mehr so kalt wie am Morgen, aber bevor ich weitergeh', will ich
glühen vor Hitze. Und ich will geröstetes Brot essen und in der heißen
Asche einen Mehlkuchen backen.«
Sie genossen alles, was er gesagt hatte, und als sie weiterwanderten,
war ihre Stimmung viel besser. So geriet das letzte große Kletterstück
ausgezeichnet. Als sie oben waren, hatten sie sogar warm. Aber an
Wärme oder Kälte dachten sie in diesem Augenblick nicht. Sie
schauten ins Land von Unauwen!
Tiuri stieß einen Seufzer aus. Dort, vor ihm, lag das Ziel seiner
Reise. Eigentlich sah er nicht viel mehr als Bergrücken hintereinander,
die sich in Nebeln verloren; das flache Land dahinter konnte er bloß
erraten. Es war auch noch weit; die Entfernung über die Berge war
erst zur Hälfte zurückgelegt.
»Komm«, sagte Piak, »ich will hier nicht wieder kalt bekommen,
und das geschieht, wenn wir hier länger steh'n bleiben. Außerdem
haben wir viel verlorene Zeit einzuholen.«
Der Abstieg war Tiuri unangenehm. Oben auf dem Paß hatte er das
Gefühl gehabt, die Schwierigkeiten seien überwunden, aber noch
immer war das Gelände rauh und wild. Doch war es viel weniger kalt,
da der Ostwind nicht mehr zu spüren war. Der Tag verstrich, und als
die Sonne im Westen die Bergspitzen in rotgelbe Flammen
verwandelte, suchten die beiden eine Schlafstelle und fanden sie in
einem flachen Tal, an einem Bach. Sie waren beide zu müde, als daß
sie viel gegessen hätten, doch nahm sich Piak noch Zeit, um mit der
Arznei aus Menaures' Fläschlein Tiuris Arm zu behandeln. Dann
legten sie sich und schliefen bald tief und fest.
Der Morgen brach an, kalt und hell.
»Von hier können wir rasch absteigen«, sagte Piak. »Zweieinhalb
Tage etwa. Ich bin nie weiter gewesen als bis Filamen, und dort sind

192
wir morgen abend. Oberhalb von Filamen wohnt ein Onkel von mir
und seine Frau; Taki und Ilia heißen sie. Sie sind beide sehr nett.
Dorthin können wir geh'n. Sie halten unsern Besuch geheim, wenn ich
sie darum bitte. Und sie geben uns zu essen…! Niemand kocht so fein
wie die Tante.«
»Das klingt verlockend«, sagte Tiuri lachend.
»Ja, und wir können es ohne weiteres tun. Menaures kennt sie auch;
früher ging er ab und zu hin. Nun, was sagst du dazu?«
»Ich folge dir«, erklärte Tiuri.
»Also vorwärts!« sagte Piak. »Vielleicht können wir vor der
Finsternis dort sein.«
Der nun folgende Abstieg geschah sehr rasch. Meistens ging Piak
voraus, um das Tempo anzugeben. Er schritt nicht abwärts, sondern
ließ sich einfach fallen, indem er von einem Stein zum andern sprang.
Tiuri blieb bei ihm, obwohl er bei jedem Schritt einen schmerzhaften
Stoß im Arm spürte. Am Nachmittag wurde die Landschaft
angenehmer und lieblicher, und dann hörten sie zum erstenmal
Glockengebimmel.
»Die Schafe von Onkel Taki«, sagte Piak.
Bald darauf sahen sie die Tiere, wie sie auf einer kleinen Weide
grasten. Als sie die Jünglinge bemerkten, liefen die Schafe auf sie zu
und beleckten sie, wo sie nur konnten.
»He, he«, sagte Piak, »freßt uns nicht, bitte!«
Ein Mann schritt von der andern Seite her die Weide herauf.
»Aber nein!« rief er. »Da haben wir Piak!«
Es schien Piaks Onkel zu sein.
Piak begrüßte ihn herzlich und stellte ihm dann Tiuri vor.
»Das ist mein Freund Martin«, sagte er. »Wir sind unterwegs zu
dir.«
Taki war ein kräftiger, noch junger Mann; sein freundliches Gesicht
war ebenso braun wie dasjenige Piaks, aber das Haar war von der
Sonne so gebleicht, daß es eine Strohfarbe hatte.

193
Prüfend schaute er die Jünglinge an und sagte: »Ihr seid sicher
müde. Ist oben schlechtes Wetter gewesen?«
»Ja, und wie!« antwortete Piak. »Habt ihr nichts davon gemerkt?«
»Nein, das nicht. Aber wir hörten das Gerumpel von rutschenden
Steinen.« Taki jagte die Schafe weg und fuhr fort: »Aber ihr könnt mir
bald erzählen. Zuerst hinab, ihr Burschen! Ich laufe voraus und sage
Ilia, sie solle das Essen gleich aufs Feuer setzen.«
Piak stimmte dem freudig zu, hielt den Onkel aber noch zurück und
sagte mit gedämpfter Stimme: »Noch etwas, Onkel Taki. Unser
Besuch muß geheim bleiben. Ich kann dir nicht erzählen warum, aber
niemand darf wissen, daß wir hier sind.«
Taki zeigte keine Überraschung.
»Gut«, sagte er. »Wir haben keine andern Besucher, und wir
wohnen einsam. Dein Wunsch kann also gut erfüllt werden. Nun, auf
Wiederseh'n!«
Er eilte auf einem schmalen Pfad abwärts. Piak und Tiuri folgten
ihm langsamer.
Es war fast dunkel, als sie Takis Wohnung erreichten, eine
Holzhütte mit einer angebauten Scheuer. Durch die Fenster fiel Licht
heraus, und in der Türöffnung erschien die Gestalt einer Frau. Bellend
lief ihnen ein Hund entgegen und sprang dann wedelnd an Piak auf.
»Tag, Tante«, sagte Piak.
»Kommt herein!« rief die Frau. »Kommt und seid willkommen!«
Piaks Tante war klein und dunkel, mit einem lieben, frischen
Gesicht. Sie küßte Piak auf beide Wangen und grüßte Tiuri herzlich.
Die Hütte bestand nur aus einem Raum, und dieser war klein und
einfach, aber Tiuri fand, er habe noch nie ein so gemütliches Zimmer
gesehen. Auf einem glänzend sauberen Tisch standen zwei brennende
Kerzen, und es gab hölzerne Schalen mit Brot, Käse und Früchten und
grüne Krüge mit Milch. Feuer flammte im Herd, und Wasser sang im
großen Kessel, der darüber hing.
In der Scheuer stand ein Zuber bereit, der halb mit Wasser gefüllt
war. Taki goß den Inhalt des Kessels dazu.

194
»So«, sagte er, »jetzt ist's lau. Zieht euch aus und springt hinein! Es
gibt nichts, was euch so guttut wie ein Bad.«
Als sie gebadet hatten, verband Piak Tiuris Wunde wieder.
»Es heilt jetzt schön«, sagte er, »und das ist auch gut, denn es ist
nicht mehr viel in Menaures' Fläschlein.«
Kurz darauf traten Tiuri und Piak wieder ins Zimmer – mit feuchten
Haaren und roten Wangen. Ilia rührte im Topf, der jetzt über dem
Feuer hing. Taki saß am Tisch und lud sie ein, Platz zu nehmen.
»Fangt nur an«, sagte Ilia, »wenn ihr nur ein Plätzchen für die
Suppe übriglaßt.«
»Tante Ilia«, sagte Piak begeistert, »es ist wirklich Bohnensuppe!
Aber wir essen nicht, bevor du bei uns sitzt.«
»Es ist nur einfach«, bemerkte Ilia. »Ich wußte nicht, daß ihr
kommt.«
»Nu, es ist mehr als genug, denke ich«, sagte Taki. »Das essen sie
niemals auf.«
Piak und Tiuri bestätigten diese Worte, und dann erwiesen sie der
Mahlzeit alle Ehre. Der Hund saß unter dem Tisch und fraß, was sie
ihm zuwarfen.
Tiuri dachte daran, daß er sich jetzt im Land von Unauwen befand.
Er fragte Taki, ob das wirklich so sei.
»Ja, das ist so«, erklärte dieser, »obwohl es Leute gibt, die sagen,
daß die Großen Berge unter keinem bestimmten Herrscher stehen.
Aber ich betrachte Unauwen als meinen König.«
»Du bist doch wohl einmal in Dangria gewesen, nicht?« fragte Piak.
»Mehrere Male, bevor ich heiratete. Eine schöne Stadt, aber ich
möcht' nicht dort wohnen.«
»Warum nicht?« fragte Tiuri.
»Mir zu eng. Ich hab' lieber ein Hüttchen in den Bergen, hoch oben
in der frischen Luft. Aber Dangria ist schön, obschon es im Vergleich
mit der Stadt von Unauwen nichts sein muß. Habt ihr im Sinn
hinzugeh'n?«
»Nach Dangria? Ja«, sagte Tiuri. »Ist es weit von hier?«
195
»Nun, morgen abend könnt ihr die Höhe von Filamen erreichen,
und es braucht etwas mehr als einen Tag, um von dort bis zum Fuß
der Berge zu gelangen. Hört, ich weiß etwas: Dort wohnt ein Mann,
bei dem ich früher gearbeitet hab'; Ardoc heißt er. Er ist reich und hat
viele Pferde und Wagen. Wenn ihr ihn in meinem Namen fragt, so
dürft ihr vielleicht mitfahren nach Dangria. Er fährt sehr oft hin, um
das, was ihm sein Land gibt, dort auf dem Markt zu verkaufen. Er ist
ein netter Mensch, auch wenn er manchmal barsch tut. Aber dann
müßt ihr am Morgen früh dort sein; meistens fährt er vor
Sonnenaufgang ab, damit er am Mittag in Dangria ist.«
»Danke«, sagte Piak. »Das können wir versuchen, findest du nicht,
Martin?«
Nach dem Essen gingen sie gleich schlafen. Die Jünglinge
weigerten sich, sich in die Betten von Taki und Ilia zu legen, und
schließlich machte Taki für sie ein Lager auf dem Boden. Dann sagten
sie einander gute Nacht.
Am folgenden Morgen begannen sie früh mit einem ausgiebigen
Frühstück. Ilia machte auch noch ein großes Paket mit Broten für
unterwegs zurecht. Mit herzlichem Dank nahmen sie Abschied von
ihr. Taki und sein Hund begleiteten sie ein Stück weit über Steine steil
abwärts, durch das Bett eines trockenen Baches und schließlich auf
einem guten Pfad, der sie über eine mit Blumen bewachsene Weide
führte. Gegen Mittag nahm Taki Abschied von den Jünglingen,
nachdem er ihnen erklärt hatte, wie sie Ardocs Landgut finden
konnten. Sie dankten ihm und versprachen, auf dem Rückweg wieder
vorbeizukommen.
»Ich hoffe, wir können mit Ardoc fahren«, sagte Piak, als sie
zusammen weiterwanderten. »Ich bin noch nie in einem Wagen
gesessen.«
Plötzlich blieb Tiuri stehen und schaute ihn an.
»Was ist?« fragte Piak.
»Du solltest mich doch nur über die Berge bringen«, bemerkte
Tiuri. »Mußt du nicht zu Menaures zurück?«

196
»Darf ich nicht weiter mitkommen?« fragte Piak. »Menaures selber
hat zu mir gesagt: ›Wenn du ihn weiterbegleiten willst, Piak‹, sagte er,
›so mußt du es tun.‹ Nun, und ich tu's, wenn du nichts dagegen hast.«
»Ich habe aber etwas dagegen«, erwiderte Tiuri.
»Warum? Willst du lieber allein reisen?« fragte Piak.
Tiuri wollte sehr gern, daß Piak bei ihm blieb, aber er antwortete:
»Es kann gefährlich sein. Nein, ich will nicht, daß du mitgehst.«
»Oh, darum ist's«, sagte Piak. »Das berührt mich nicht. Vorwärts,
laß mich in die Stadt von Unauwen mitgeh'n!«
»Nein«, entgegnete Tiuri, »es ist besser, wenn ich allein gehe.«
Enttäuscht blickte ihn Piak an.
»Meinst du das?« fragte er. »Du denkst sicher, du hättest mehr Last
als Freude mit mir.«
»Nein«, sagte Tiuri, »nein, das nicht! Ich danke für dein Angebot,
aber wirklich, es ist…«
»Besser nicht!« fiel ihm Piak ins Wort. »Das hast du schon gesagt.
Du hast Angst, es sei gefährlich, aber das weiß ich auch schon.
Menaures wußte es, und er hielt es für richtig, daß ich mitgehe, wenn
ich will. Und ich will geh'n! Oder hast du einen andern Grund, warum
du mich nicht mithaben willst?«
»Nein«, erklärte Tiuri. »Aber den Grund, den ich gemeint habe,
finde ich wichtig genug, um dir zu widersprechen.«
»Ich springe so drüber«, sagte Piak und machte dabei einen Sprung.
»Ich weiß alles von den Gefahren, von den roten Reitern und von
Slupor, dem Spion. Gut, zwei können besser aufpassen als einer. Du
willst rasch reisen: ich reise auch rasch. Also, laß mich mitgeh'n; dann
bin ich dein Schildknappe und gehorche dir in allem.«
Tiuri zögerte. Durfte er Piaks Angebot annehmen?
»Wenn du noch lange zögerst, so lauf ich weg«, drohte Piak. »Aber
dann komm' ich dir leise nach und schleiche wie ein Spion.«
Tiuri begann zu lachen.
»Also gut«, sagte er. »Ich habe lieber einen Reisekameraden als
einen Verfolger.«
197
»Hurra!« rief Piak.
Er begann zu laufen, aber nach einer Weile blieb er stehen und
wartete, bis Tiuri ihn eingeholt hatte.
Dann machte er eine tiefe Verbeugung. »Ich bin Euer Diener«,
sprach er feierlich.
»Tu nicht so dumm«, erwiderte Tiuri. »Wir sind Reisekameraden
und haben gleiches Recht.«
»Freunde!«
Sie wanderten eine Zeitlang fröhlich dahin.
»Sag«, fragte Piak dann, »wenn du Ritter bist, kann ich dann dein
Schildknappe werden?«
»Ich bin noch kein Ritter«, sagte Tiuri.
»Aber wenn du es wirst? Oder kann einer wie ich kein
Schildknappe werden?«
»O doch!«
»Könnt' ich's also werden?«
»Wenn du darauf bestehst«, erklärte Tiuri lachend, »so kannst du es
gut. Ich sorge dafür, daß ich den Ritterschlag bekomme, gleichgültig
wie, nur um dich zufriedenzustellen.«
Der Abstieg verlief rasch und ohne Schwierigkeiten. Sie ließen
Filamen beiseite und waren am Ende des Tages schon eine große
Strecke weiter.
Am nächsten Morgen sagte Piak: »So, jetzt kann ich nicht mehr
dein Bergführer sein, weil ich nie weiter als bis hier gewesen bin. Jetzt
mußt du halt sagen, wie wir geh'n.«
»Zusammen finden wir den Weg bestimmt«, sagte Tiuri.
Das kostete nicht große Mühe, denn Taki hatte ihnen genau erklärt,
welchen Weg sie benutzen sollten. Am Nachmittag dieses Tages
hatten sie das Hochgebirge ganz hinter sich und befanden sich in
seinen Ausläufern. Hie und da sahen sie Dörfchen, und es begegneten
ihnen auch Leute, die sie grüßten, ohne Überraschung oder Neugier zu
zeigen. Sie waren wieder in der bewohnten Welt. Nach
Sonnenuntergang wanderten sie noch eine Zeitlang weiter. Es war
198
eine helle Nacht, und am andern Morgen wollten sie bei Ardoc sein.
Es war schon spät, als sie in einem Heuschober einen Schlafplatz
fanden.

199
Mit Ardoc nach Dangria

Bei Morgendämmerung schritten Tiuri und Piak einen Bach


entlang. Auf der andern Seite, an den Hängen, dehnten sich
Weinberge aus.
»Das muß Ardocs Land sein«, vermutete Tiuri.
Ein wenig weiter weg stand ein großes Steinhaus, das von
hölzernen Scheunen und Ställen umgeben war. Die Jünglinge betraten
die Brücke, die dorthin führte, blieben dann stehen und schauten hin.
Es waren schon Leute aufgestanden; hinter einigen Fenstern brannte
Licht, und sie hörten Geplauder, Gewieher und andere Geräusche.
Während sie auf der Brücke standen, trat ein großer Mann heraus, der
in der rechten Hand einen Hammer trug, unter dem linken Arm eine
Kiste. Er sah sie dort stehen, sagte aber nichts und ging auch nicht auf
sie zu. Die Kiste stellte er auf den Boden und begann dann etwas an
einem der Fenster des Hauses zu flicken. Piak und Tiuri gingen auf
ihn zu.
»Guten Morgen«, grüßten sie.
Der Mann war mit viel Lärm am Hämmern, doch hielt er inne und
fragte: »Was sagt Ihr?«
»Guten Morgen«, wiederholten die Jünglinge.
»Danke, gleichfalls«, erwiderte der Mann und hämmerte dann eifrig
weiter, so daß es unmöglich war, noch etwas Verständliches zu sagen.
Nach einiger Zeit aber legte er den Hammer in die Kiste, schaute
die beiden an und sagte: »So, Ihr seid früh unterwegs. Wer seid Ihr?
Ich hab' Euch noch nie geseh'n.«
»Wir kommen von den Bergen«, erklärte Piak.
»Oh, von jenseits der Berge sicher. Das geschieht auch nicht oft.«
Der Mann zog die Hose hoch und schaute sie unter seinen
vorstehenden Brauen aufmerksam an. Er war eine auffallende Gestalt
mit wilden, gelbgrauen Haaren und einem langen Bart.
200
»Ist dies das Haus von Ardoc?« fragte Tiuri.
»Gut geraten. Das ist Ardocs Haus, im Schatten der Großen Berge.
Seid Ihr hergekommen, um das zu fragen?«
»Wir möchten Ardoc gern sprechen«, antwortete Tiuri.
»So, Ihr wollt Ardoc sprechen. Denkt Ihr, dieser Herr sei schon
wach, so früh am Morgen?«
»Wenn er's nicht schon wär', so wär' er durch Euer Gehämmer
sicher wach geworden«, sagte Piak.
Der Mann begann zu lachen.
»Recht habt Ihr«, sagte er. »Aber denkt Ihr, er sei um diese Zeit zu
sprechen?«
»Das fragen wir Euch«, bemerkte Tiuri.
»Warum wollt Ihr ihn sprechen?«
»Wir kommen von Taki«, berichtete Tiuri. »Er hat uns Ardocs
Namen und Wohnort genannt.«
»Ach, Taki! Wie geht's diesem Narren? Er wollte heiraten und
wieder in den Bergen wohnen, anstatt hierzubleiben und gut zu
verdienen.«
»Er ist verheiratet«, antwortete Piak, »und es gefällt ihm
ausgezeichnet in den Bergen.«
»Gut«, sagte der Mann. »Der eine auf einem Berg, der andere in der
Ebene! Jeder hat seinen Platz, ausgenommen die Reisenden, die
nirgends Ruhe finden, und junge Leute, die abenteuerlich veranlagt
sind. Ich reise auch gern, aber ich geh' nie mehr weit von daheim weg.
Ich hab' hier meine Pflichten. Ich muß mein Landgut verwalten und
für die sorgen, die von mir abhängig sind.«
»Seid Ihr Ardoc?« rief Piak.
»Der bin ich, wirklich. Was habt Ihr gemeint: ich sei ein
Langschläfer, der die andern die Arbeit tun läßt? Ich bin immer der
erste von allen. Erzählt, was Ihr auf dem Herzen habt.«
Die Jünglinge rückten mit ihrem Anliegen heraus.
»Nun, Ihr habt Glück«, erklärte Ardoc. »Eben heut' fahre ich nach
Dangria. Sie sind schon dran, den Wagen zu laden. Nur ist der Wagen
201
so voll mit Ware, die auf dem Markt verkauft werden muß, daß keine
Maus mehr drauf kann. Aber bleibt ruhig! Ich hab' auch noch Pferde,
die einmal geritten werden müssen. Ich reise selber auch zu Pferd;
mein Knecht Dieric lenkt den Wagen. Ihr könnt als Begleiter
mitkommen, jeder auf einem Pferd. Gegenwärtig nehm' ich fast immer
Leute mit. Das ist unterwegs sicherer. Und dann könnt Ihr auf dem
Markt beim Ausladen des Wagens gleich helfen. Was sagt Ihr dazu?
Gut? Könnt Ihr reiten?«
»N… nein«, sagte Piak, dem es nicht recht wohl war.
»Ich habe schon etwa einmal auf einem Pferd gesessen«, erklärte
Tiuri vorsichtig.
»Wohl auf einem der Bergponies, wo einem die Beine auf dem
Boden nachschleifen. Aber es wird schon gehen; ich geb' Euch ein
paar zahme Tiere. Nun, paßt Euch das?«
Die Jünglinge bejahten die Frage. Ardoc fragte sie, ob sie schon
gefrühstückt hätten. Obwohl sie schon etwas gegessen hatten,
schlugen sie doch diese Einladung nicht aus. Kurz darauf machten sie
sich zur Reise bereit. Der Knecht fuhr auf einem großen Planwagen,
den zwei Pferde zogen, vorsichtig über die Brücke. Zwei andere
Knechte führten die Reitpferde vor.
»So, steigt auf!« sagte Ardoc, während er Piak ein wenig spöttisch
anschaute.
Dieser flüsterte Tiuri zu: »Ich muß es wohl versuchen. Schließlich
will ich ja Schildknappe werden.«
Er bestieg das Pferd mühsam, aber ohne zu zögern. Dann ritt er mit
ängstlichem Gesicht ein paar Runden durch den Hof. Ardoc gab ihm
laut Anweisungen und achtete nicht auf Tiuri, der inzwischen eines
der andern Pferde bestieg. Tiuri saß schon oben, als Ardoc nach ihm
schaute.
»Nein!« rief er einem der Knechte zu, »nicht Zefilwen; sie ist zu
unruhig für einen unerfahrenen Reiter! Ich hab' dir doch gesagt, du
sollest ihm den braunen Fuchs geben!«
»Aber er sitzt ja schon oben«, bemerkte der Knecht.

202
»Kommt herab!« sagte Ardoc. Dann schwieg er und beobachtete
Tiuri, während dieser zu Piak galoppierte.
»Hm«, sagte er, »lassen wir ihn sitzen!«
Sie machten sich auf den Weg. Piak hielt sich am Sattel fest und
blickte mit mißtrauischem Gesicht auf die Ohren seines Pferdes.
Nach einer Weile sagte er jedoch: »Es gefällt mir. Aber ich kann
nicht sagen, ich sitze bequem. Ich geh' doch lieber zu Fuß.«
»Man gewöhnt sich daran«, sagte Tiuri lachend.
Ardoc, der vorausritt, hielt sein Pferd an und wartete, bis sie neben
ihm waren.
»Woher kommt Ihr, Martin?« fragte er Tiuri.
»Von einem Dörfchen auf der andern Seite der Berge«, antwortete
der Jüngling.
»So. Ihr reitet wie ein richtiger Reiter. Ihr habt's schon oft getan.«
»Ja«, sagte Tiuri. »Ab und zu ein wenig.«
»Ab und zu ein wenig! Und auf was für Pferden denn? Zefilwen ist
ein Prachttier, aber zahm ist sie nicht.«
Tiuri erwiderte: »Oh, auf verschiedenen Pferden, großen und
kleinen.«
»Aha«, sagte Ardoc und schwieg wieder.
»Wie weit ist's bis Dangria?« fragte Piak.
»Am Nachmittag will ich dort sein«, antwortete Ardoc. »Sobald Ihr
ans Reiten gewöhnt seid, reisen wir schneller.«
»Was ist das Ziel Eurer Reise?« fragte Ardoc.
»Wir wollen das Reich von Unauwen besichtigen«, erklärte Tiuri.
»Nu, da könnt Ihr weit und lange reisen… wenigstens wenn Ihr
alles seh'n wollt. Und eigentlich müßt Ihr dann westlich des
Regenbogenflusses sein; das ist das Herz von Unauwens Reich.«
»Er regiert hier doch auch?« erkundigte sich Tiuri.
»Sicher. Aber es ist östlich des Regenbogenflusses nicht mehr so,
wie es gewesen ist. Seit dem Streit zwischen Unauwen und Evillan
kommen weniger Ritter des Königs hierher; die sind natürlich im
203
Süden zur Verteidigung der Grenzen nötig. Nu… nun ja, davon wißt
Ihr nichts…«
»So erzählt uns bitte davon!« bat Tiuri.
»Ach nein, Ihr müßt selber alles entdecken und Euch eine Meinung
machen. Jedenfalls ist dieser Weg weniger sicher, als er früher war.
Ja, es gibt sogar hie und da Räuber unterwegs!«
Die Jünglinge schauten auf den Pfeilköcher auf Ardocs Rücken und
verstanden jetzt, warum er den bei sich trug.
»Nun, es ist nicht so dumm, wenn Ihr einmal seht, wie es hier ist«,
sagte der Landbesitzer nach einer Weile. »Es sollten mehr Leute über
die Berge kommen. Wir sprechen die gleiche Sprache, auch wenn Ihr
sie erst jetzt so hört, wie sie gesprochen werden muß…«
»Warum?« fragte Tiuri.
»Nun, Ihr hört doch einen Unterschied zwischen Eurer Sprache und
der meinen, obwohl wir einander bequem verstehen können. Unsere
Sprache klingt schöner; so muß es sein.«
»Wer sagt das?« bemerkte Piak ziemlich entrüstet.
»Ich sage es, und es ist die Wahrheit. Wißt Ihr denn nicht, daß Ihr in
Dagonauts Reich Eure Sprache von uns bekommen habt? Vor alten
Zeiten zogen Ritter unseres Königs über die Berge in Euer Land, und
dort gründeten sie Dörfer und bauten Burgen. Sie lehrten dort die
Leute alles, was sie wußten, und gaben ihnen auch ihre Sprache, die
Sprache von Unauwens Reich. Ja, es wurde sogar gesagt, sie hätten
die Stadt von Dagonaut gegründet und Eure Könige und Ritter
stammten von ihnen ab.«
»Diese Geschichte habe ich nie gehört«, bemerkte Tiuri.
»Dann ist's Zeit, daß Ihr sie gehört habt. Und sie ist wahr, ob Ihr's
glauben wollt oder nicht.«
Sie trieben die Pferde an, außer Piak, der sich nicht sehr sicher
fühlte. Doch sein Pferd folgte dem Beispiel der andern und begann zu
traben, während sein Reiter sich an der Mähne festhielt. Piak blieb im
Sattel, und nach einiger Zeit begann er sogar stolz um sich zu schauen.
»Einmal werd' ich noch ein guter Reiter«, sagte er.

204
Von den Bergen aus hatte Dangria wie eine zierliche Märchenstadt
ausgesehen. Doch von nahem sah sie ganz anders aus. Mächtig und
eindrucksvoll standen ihre Mauern mit den vorstehenden Bastionen
da, die aus gewaltigen Steinblöcken errichtet waren. Da und dort
stiegen Türme über die Mauern empor, einige dick und schwer, andere
schlank und spitz, mit kupfernen Windfahnen auf den Dächern.
»Dies ist die Stadt des Ostens«, sagte Ardoc.
Piak war sehr enttäuscht über das, was er sah.
»Ist das jetzt Dangria?« fragte er. »Ich hab' gedacht, eine Stadt sei
anders.«
»Gefällt sie dir nicht?« fragte Tiuri.
»Nein. Alle die hohen, dicken Mauern. Ich würd' mich eingesperrt
fühlen, wenn ich da wohnen müßte. Findest du sie schön?«
»Nun schön«, erklärte Tiuri, »das würde ich nicht sagen. Aber sie
sieht aus wie eine richtige Stadt.«
Sie näherten sich dem großen Tor in der östlichen Stadtmauer. Zwei
Tauben flogen über die Mauer hinweg und setzten sich auf einem der
Türme in der Stadt nieder.
»Die brauchen sich nicht eingeschlossen zu fühlen«, bemerkte Piak.
»Es gibt viele Tauben in Dangria«, sagte Ardoc. »Manchmal fliegen
auch Brieftauben von weit her. Der Bürgermeister bekommt viele
Berichte auf diese Art.«
Er runzelte die Stirn und schien etwas beifügen zu wollen, aber er
schwieg.
Inzwischen hatten sie das Tor erreicht. Es stand offen, aber im
Tordurchgang war eine Schranke angebracht, bei der einige
bewaffnete Wächter standen. Als sie Ardoc mit seiner Begleitung
sahen, beseitigten sie die Schranke sogleich, und der Hauptmann
grüßte sie freundlich.
»Guten Tag, Ardoc«, sagte er. »Wer sind Eure Begleiter?«
»Meinen Knecht Dieric kennt Ihr wohl«, antwortete Ardoc, »und
dies sind zwei Jünglinge aus den Bergen.«

205
»Jünglinge«, wiederholte der Torwächter. »Wie heißt Ihr?« fragte er
sie.
»Piak Piaksson und Martin Martinsson.«
»Von jenseits der Berge«, sagte der Torwächter. »Wozu kommt Ihr
hierher?«
»Sie wollen unser Land besuchen«, erklärte Ardoc.
»Fein!« sprach der Hauptmann der Torwächter. »Es kommen nicht
viele Fremde hierher – wenigstens nicht aus dem Osten. Ihr müßt zum
Bürgermeister gehen; der wird Euch sicher herzlich willkommen
heißen und Euch alles zeigen.«
»Ich denke, der Bürgermeister hat wohl anderes zu tun, als
Reisende herumzuführen«, sagte Ardoc.
»Oh, er hat für jeden Zeit«, sprach der Hauptmann. »Wie lange
bleibt Ihr, junge Leute?«
»Das wissen wir noch nicht«, entgegnete Tiuri.
»Nicht zu wenig«, riet der Hauptmann. »Es läßt sich hier gut
verweilen.« Er wandte sich an Ardoc. »Wo seid Ihr über Nacht?«
fragte er.
»Im Weißen Schwan«, erklärte Ardoc, »wie immer.«
»Diese Jünglinge auch?«
»Das müßt Ihr sie fragen, guter Mann.«
»Wir wissen es noch nicht«, sagte Tiuri. »Wir kennen den Weg hier
nicht.«
»So geht mit Herrn Ardoc; er weiß, wo es hier gut zu essen und zu
trinken gibt. Aber ich will Euch nicht länger aufhalten. Lebt wohl!«
Sie ritten durch den Torgang und in die Stadt. Piak schaute sich die
Augen aus nach den Häuserreihen, den breiten und schmalen Straßen,
den Mauern und Türmen. Er vergaß sogar, sich ängstlich festzuhalten.
»Oh«, sagte er, »eine Stadt ist doch etwas Besonderes.«
Sie erreichten den Marktplatz und hielten an seinem Rande an. Der
Platz war voll farbiger Zelte und Stände mit Kaufleuten und Käufern.
Über diesem farbigen, lärmenden Schauspiel strahlte die Sonne.
Weiße Taubenschwärme flogen durch die Luft, senkten sich und
206
flatterten wieder auf. Lange konnte Piak nicht schauen, denn es gab
viel zu tun. Ardocs Wagen mußte abgeladen, und die Pferde mußten
ausgespannt werden. Der Wagen selber wurde in eine Art Zelt
verwandelt, in dem die Ware einladend ausgestellt wurde. Die Pferde
brachte man in einen Stall in der Nähe des Platzes.
Die Jünglinge halfen bei dem, was es zu tun gab, und dann sagte
Ardoc: »So, das ist besorgt. Jetzt seid Ihr frei zu gehen und zu stehen,
wo Ihr wünscht.«
Die Jünglinge dankten herzlich für das Mitreisen.
»Nichts zu danken«, sagte Ardoc. »Es war mir keine Müh'. Ich hab'
allerlei zu tun; drum wollen wir jetzt Abschied nehmen. Ihr könnt
mich am Abend im Weißen Schwan finden. Ich will dort einen
Schlafplatz für Euch bestellen.«
»Wir danken Euch«, sagte Tiuri. »Wir wissen noch nicht, was wir
tun.«
»Oh, es ist gut zu zahlen«, lachte Ardoc.
»Bestellt bitte noch nichts«, bat Tiuri. »Vielleicht kommen wir,
vielleicht auch nicht.«
Dann schritten sie miteinander über den Marktplatz. In der Mitte
stand ein Brunnen; dort setzten sie sich, um zu essen.
»Was tun wir?« fragte Piak.
»Wir können hier rasten«, sagte Tiuri, »und dann gehen wir
weiter.«
»Also bleiben wir diese Nacht nicht hier?«
»Nein, wir haben ein Stück Tag vor uns«, sagte Tiuri, »und je
schneller wir reisen, desto besser ist es.«
»Das ist wahr«, gab Piak zu. Gleich darauf fügte er bei: »Können
wir nicht ein wenig herumgeh'n? Dann seh'n wir noch etwas.«
»Gut«, sagte Tiuri und stand auf.
»Ich hab' keine Lust zu sitzen«, flüsterte Piak ihm zu. »Ich spür',
daß ich schon den ganzen Morgen gesessen bin, und wie! Reiten!
Dieser Ardoc scheint mir ein netter Mann zu sein; findest du nicht?«
»Ja«, bestätigte Tiuri. »Und auch ein verständiger.«
207
»Ja«, fuhr Piak fort. »Er sah sofort, daß du gut reiten konntest. Ob
ich's auch einmal lerne?«
»Natürlich«, antwortete Tiuri. »Wenn du es nur häufig tust.«
Sie schlenderten über den Platz und schauten, was alles zum Kauf
angeboten wurde.
»Paßt auf!« sagte plötzlich eine Stimme hinter ihnen.
Sie wandten sich um und sahen einen unordentlich aussehenden
alten Mann.
»Ihr seid Fremdlinge, wie ich seh'«, fuhr er fort. »Paßt auf! Es gibt
hier Taschendiebe. Haltet die Hand auf Euren Geldbeutel! Dangria ist
nicht, wie es früher war.«
Trübsinnig spuckte er auf den Boden und verschwand in der
Menge.
»Was sagst du dazu?« fragte Piak ziemlich überrascht.
An einer Seite des Platzes befand sich ein sehr großes Gebäude aus
gelbbraunem Stein. Die Mauer dieses Gebäudes hatte viele
Schießscharten, war glatt, ohne Verzierungen und zeigte nur wenige
kleine Fenster. Ein großes Tor mit einer hölzernen,
metallverschlagenen Tür, zu der eine breite Treppe aus weißem
Marmor führte, stand offen.
»Ist das ein Schloß?« fragte Piak, als er das stattliche Gebäude
betrachtet hatte.
»Das ist das Stadthaus und die Wohnung des Bürgermeisters«, sagte
jemand hinter ihnen.
Es war der gleiche alte Mann, der sie kurz vorher vor
Taschendieben gewarnt hatte.
»Der Bürgermeister«, fuhr er weiter, »hat diese Treppe letztes Jahr
bauen lassen. Sehr teuer und schön. Ich würd' sie nicht betreten, o
nein!«
Er betrachtete das Gebäude mit abschätzigem Blick, schnaubte und
spuckte verächtlich auf den Boden.
»O nein!« wiederholte er.
Dann drehte er sich um und ging.
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»Was sagst du jetzt?« staunte Piak zum zweitenmal.
Tiuri gab keine Antwort, schaute aber dem alten Manne nach, bis
dieser hinter einem Stand verschwand.
»Die Treppe scheint ihm nicht zu gefallen«, sagte er dann lachend.
Aber inwendig wußte er plötzlich, daß er nicht mehr lange in
Dangria bleiben wollte.
»Komm«, sagte er, »wollen wir gehen? Es gibt im Westen wohl
auch ein Tor.«
Sie gingen weiter über den Platz und gelangten dabei zu Ardocs
Stand. Ardoc war nicht da, aber Dieric, der Knecht, war am Verkaufen
und schien gute Geschäfte zu machen. Als er die beiden sah, grüßte er
sie fröhlich, und sie blieben stehen, um mit ihm zu plaudern. Gerade
als sie sich verabschieden wollten, trat ein Mann mit einem Helm auf
sie zu. Sie erkannten in ihm einen der Torwächter.
»Ha«, sagte er, »ich war auf der Suche nach Euch, Ihr Jünglinge.
Ich dachte schon, ich finde Euch hier. Der Bürgermeister will Euch
gern sofort sprechen.«
»Der Bürgermeister?« fragte Tiuri verwundert.
»Ja, er vernahm, es seien Fremdlinge in der Stadt, und zwar
Jünglinge wie Ihr. Nun will er, daß Ihr für kurze Zeit seine Gäste
seid.«
»Oh, oh!« sagte Dieric. »Was für eine Ehr'!«
»Unser Bürgermeister ist ebenso gastfreundlich wie seine Stadt«,
sprach der Torwächter. »Außerdem hat er junge Leute gern; das weiß
jeder. – Kommt Ihr mit?« fragte er die Jünglinge.
»Das wollen wir tun«, sagte Tiuri, »aber ich muß Euch sagen, daß
unsere Zeit knapp ist.«
»Das ist die Zeit des Bürgermeisters auch«, erwiderte der
Torwächter fast beleidigt, wie es schien. »Mehr als die Eurige, nehme
ich an.«
»Nehmt es uns nicht übel«, sagte Tiuri. »Wir wissen diese
Freundlichkeit sehr zu schätzen.«

209
Dabei dachte er, daß er lieber nicht mitgehen wollte. Es konnte nur
Verzögerung bedeuten. Aber einen Wunsch des Herrn der Stadt
konnte man natürlich nicht ohne weiteres ablehnen. Also folgten sie
dem Torwächter zu dem großen, schönen Gebäude, das sie kurz
vorher betrachtet hatten. Sie stiegen die Marmortreppe hinauf und
gingen durch die hohe Tür.

210
Der Bürgermeister von Dangria

Sie gelangten in eine weite Halle mit einem Boden aus roten und
weißen Fliesen und bemalten Säulen rundum. Am Ende der Halle
führte eine prächtige, mit Schnitzereien verzierte hölzerne Treppe
nach oben.
»Oh!« staunte Piak und schaute sich mit großen Augen um. An
allen Säulen hingen Schilde und gekreuzte Schwerter, und die Decke
zeigte eingelegte farbige Steine. »Der Bürgermeister muß reich sein.«
»Wartet bitte einen Augenblick«, sagte der Torwächter.
Er eilte durch die Halle und ging die Treppe hinauf. In diesem
Augenblick kamen etwa zwölf Krieger herunter. Sie schritten an den
Jünglingen vorbei, hoben ihre Speere zum Gruß und begaben sich
hinaus.
Zwei andere Krieger kamen bei einer Seitentür herein, und einer
sprach: »Guten Tag. Der Bürgermeister kommt gleich.«
Sie stiegen die Treppe hinauf, blieben aber auf dem ersten Absatz
stehen.
»Hat König Dagonaut auch einen solchen Palast?« flüsterte Piak.
»Und ist der auch voll von solchen Kriegern?«
Er begann in der Halle herumzugehen, besichtigte die Säulen und
betrachtete die Schilde, die da hingen.
Tiuri wollte ihm folgen, blieb aber stehen, weil wieder Leute auf
der Treppe herunterkamen. Es waren zwei: der eine war ein stattlicher
Herr von mittleren Jahren, der ein langes, rotes, bunt umsäumtes
Gewand und eine goldene Kette um den Hals trug. Der andere war ein
bleicher, junger Mann in schwarzem Kleid.
Der erste ist wohl der Bürgermeister, dachte Tiuri.
Leise rief er: »Piak!«
Aber Piak war hinter den Säulen auf der andern Seite der Halle
verschwunden und hörte ihn anscheinend nicht.
211
Der stattliche Mann trat auf Tiuri zu und sprach freundlich: »Seid
willkommen in meiner Stadt!«
Tiuri erwiderte: »Ich danke Euch, Herr Bürgermeister.«
Der Bürgermeister streckte ihm die Hand entgegen.
»Willkommen«, wiederholte er. »Ihr müßt mein Gast sein, junger
Mann.« Er schaute sich um. »Ich dachte, Ihr seid zu zweit«, fügte er
hinzu.
»Ja, mein Freund Piak ist bei mir«, erklärte Tiuri. »Er besichtigt die
Halle. Er ist sehr beeindruckt. Ich will ihn rufen.«
»Ach, laßt ihn ruhig sich umschauen«, sprach der Bürgermeister mit
einem Lächeln. »Dazu habe ich Euch herkommen lassen. Ich zeige
Euch noch viel mehr.« Er wandte sich an den jungen Mann neben
ihm. »Mein Schreiber«, bemerkte er, »wird für ein gutes Zimmer für
Euch beide sorgen, hier im Stadthaus.«
»Das ist sehr freundlich von Euch«, sagte Tiuri. »Ich bin von
diesem Empfang wirklich beeindruckt. Wir sind nur einfache
Reisende. Gern wollen wir etwas von Eurer Stadt sehen, aber leider
können wir nicht lange bleiben.«
»Ein paar Tage doch sicher«, sprach der Bürgermeister.
»Nein«, entgegnete Tiuri, »leider nicht.«
In diesem Augenblick trat Piak auf sie zu; er sah ziemlich erregt
aus, aber das beachtete Tiuri erst später.
»Ah, da haben wir den Freund«, sagte der Bürgermeister.
»Willkommen, willkommen! Ich habe schon gehört, daß es Euch hier
gefällt.«
Piak machte eine unbeholfene Verbeugung und sagte: »Sehr gut,
Herr Bürgermeister.«
»So kommt jetzt mit mir hinauf!« sprach dieser. »So viel Zeit habt
Ihr doch wohl. Kommt, kommt!«
»Aber wir müssen noch zu Ardoc«, sagte Piak, während er einen
Schritt zurück trat. »Ich… hab' dort noch etwas von meinen Sachen
liegenlassen.«
»Die lasse ich holen«, erklärte der Bürgermeister.
212
Er hob die Hand, und auf diesen Wink kamen die beiden Krieger
vom Treppenabsatz herunter.
»Gut, wir nehmen Euer freundliches Angebot an«, sagte Tiuri.
»Aber ich sagte Euch schon, daß wir nicht lange bleiben können.«
»Habt Ihr es eilig?« fragte der Bürgermeister und trat ganz nahe zu
ihm. »Ich will gern etwas Neues aus dem Osten hören.«
Tiuri fühlte plötzlich, wie er unruhig wurde. »Oh, wir sind
Burschen aus den Bergen«, sagte er leichthin. »Neues haben wir nicht
zu berichten.«
Der Bürgermeister tippte ihm mit einem Finger auf die Brust.
»Ach, bringt Ihr keine Nachrichten aus dem Osten?« fragte er fast
flüsternd. »Ihr müßt ein paar Tage bleiben.«
»Das geht wirklich nicht«, entgegnete Tiuri.
»Doch, sicher«, sagte der Bürgermeister. »Ihr müsst es tun. Ich habe
einen Freund… Er ist noch nicht hier, aber er will Euch gern
sprechen.«
Das unbestimmte Gefühl von Unruhe verwandelte sich in
Mißtrauen.
»Euer Freund?« sagte Tiuri scharf. »Ich verstehe Euch nicht! Wer
ist dieser Freund?«
»Das werdet Ihr dann sehen«, antwortete der Bürgermeister
lächelnd. »Kommt jetzt mit, mein Lieber.«
Die Krieger stellten sich neben Tiuri. Auch sie lächelten, aber ihre
Hände lagen auf dem Griff ihrer Schwerter. Und zu seinem Schrecken
merkte Tiuri, daß noch andere bewaffnete Männer zwischen den
Säulen auftauchten. Er hatte aber keine Zeit zu überlegen, was zu tun
war, denn ein Schrei Piaks erschreckte ihn. Piak war unbeachtet weiter
zurück getreten, stand jetzt nahe bei der Haupttüre und hielt die Hände
auf der Brust.
»Hoi!« rief Piak. »Mach dir keine Sorge! Ich hab' ihn, hier! Und ich
besorg' ihn! Ich besorg' ihn!«
Sofort drehte er sich um, riß die Tür auf und sauste hinaus.

213
Dann geschah alles rasch nacheinander! Das freundliche Gesicht
des Bürgermeisters verwandelte sich in eine Fratze voller Grausamkeit
und Wut.
»Haltet ihn!« schrie er. »Packt ihn, ergreift ihn!«
Die Krieger liefen zur Tür und verschwanden ebenfalls. Der
Bürgermeister folgte ihnen, doch blieb er bei der Tür stehen und warf
einen bösen Blick auf Tiuri. Dann verschwand er auch, und hinter ihm
fiel die Tür zu. Tiuri eilte auch zur Tür und öffnete sie. Aber sogleich
wurden ein paar Speerspitzen hereingestreckt, und drohende Stimmen
befahlen ihm zu bleiben, wo er war. Dann schloß sich die Tür vor ihm.
Er hörte Lärm auf der andern Seite, konnte aber nichts feststellen.
»O Piak!« sagte er laut, mit bebender Stimme.
Piak hatte Unrat gewittert und darum so getan, als ob er den Brief
hätte! Für den Augenblick war ihm die List geglückt, aber wie sollte
es weitergehen? Sollte er, Tiuri, melden, daß nicht Piak, sondern er
selbst den Brief besaß, den der Bürgermeister offenbar suchte? Nein,
das konnte er nicht tun. Er durfte den Brief, von dem vielleicht das
Schicksal eines Königreiches abhing, nicht verraten. Er mußte die
Möglichkeit ausnutzen, die ihm Piak geboten hatte. Er lief zu einer
Seitentür in der Halle, hörte aber auch dort Stimmen. Hinausgehen
konnte er wahrscheinlich nicht; das Gebäude war vermutlich
umzingelt. Deshalb eilte er durch die Halle und hastete über die
Treppe hinauf. Dabei überrannte er beinahe den Schreiber des
Bürgermeisters. Die Treppe führte ihn in einen Saal mit vielen Türen;
blindlings öffnete er eine davon und raste durch andere Zimmer und
Säle. Hinter sich hörte er Schritte.
Jemand rief: »Haltet ihn! Er muß hier bleiben!«
Er gelangte in einen Waffensaal, wo er stehenblieb, um einen
Bogen und einen Köcher voll Pfeile mitzunehmen. Dann eilte er eine
zweite Treppe hinauf. Im nächsten Stockwerk gönnte er sich Zeit, um
hinauszuschauen. Dort war der Marktplatz. War dort nicht eine
Bewegung unter den Leuten? Ja, und da sah er Krieger laufen. Vier,
sechs… wohl gegen zwanzig! Ob sie Piak suchten? Wenn er sich nur
nicht fangen ließ!

214
Wieder hörte er Lärm hinter sich. Flink lief er weiter, diesmal so
geräuschlos wie möglich. Er wußte jetzt, was er zu tun hatte! Noch
eine Treppe hinauf, wieder durch einen Saal, der so kostbar
eingerichtet war wie alle anderen, durch Gänge und Zimmer…
Dann geriet er in einen Raum mit zwei schweren Türen und hohen,
schmalen Fenstern, und dort blieb er stehen. Jetzt kein Zögern mehr,
dachte er. Einmal finden sie mich doch. Er schaute sich im Zimmer
um, schloß die Tür, durch die er eingetreten war, und schob den
Riegel vor. Die andere Tür führte zu einem kleinen Raum ohne
Ausgang; die ließ er offen. Er stieß einen Tisch vor die erste Tür und
dachte: Es dauert hoffentlich noch eine Zeitlang, bis sie mich finden.
Und dann kommen sie nicht so einfach herein!
Er kniete auf den Boden, und zwar so, daß er Sicht auf die Türe und
die Fenster hatte, und legte Bogen und Pfeile in Griffnähe bereit.
Dann zog er den Brief hervor. Der Augenblick war gekommen. Er
mußte den Brief lesen und vernichten, so daß der Feind nie vernehmen
konnte, was darin stand.
Tiuri betrachtete den Brief. Nur noch eines der drei Siegel war
verschlossen. Er zerbrach das letzte Siegel und entfaltete den Brief. Er
war so erregt, daß die Buchstaben ihm vor den Augen tanzten und er
nichts erkennen konnte. Er schloß die Augen. Dann blickte er wieder
auf den Brief und begann zu lesen. Er las Buchstaben und Wörter; er
las den Brief vom Anfang bis zum Ende, aber er begriff nicht, was
darin stand! Die Botschaft war in einer Geheimschrift abgefaßt oder in
einer Sprache, die er nicht kannte.
Nur ein Wort, irgendwo in der Mitte, war ihm bekannt: Unauwen.
Er starrte eine Weile auf die Buchstaben mit einem Gefühl der
Enttäuschung darüber, daß das Geheimnis für ihn ein Geheimnis
bleiben sollte. Schritte und Stimmen ganz in der Nähe schreckten ihn
auf. Er mußte die Botschaft auswendig lernen, so schnell wie möglich,
so daß der Brief selber verschwinden konnte. Und das war nicht
leicht, weil er den Sinn und die Bedeutung nicht kannte. Sogleich
begann er mit dieser Aufgabe, während er mit einem halben Ohr auf
das lauschte, was außerhalb des Zimmers zu hören war. Er hörte
jemand zur Tür treten und sich dann wieder entfernen. Dann richtete
215
er alle Aufmerksamkeit auf den Brief; er murmelte die Worte lautlos
vor sich hin. Ab und zu schloß er die Augen und wiederholte die Sätze
auswendig.
Er wußte nicht, wie lange er dazu brauchte, alles auswendig zu
lernen. Dann fragte er sich, ob er auch die richtige Aussprache dieser
Geheimsprache wußte. Es konnte ja sein, daß er die Wörter falsch
aussprach; er mußte die Botschaft auch schreiben können.
Dann wurde er durch Lärm außerhalb des Zimmers aufs neue
aufgeschreckt. Diesmal versuchte man die Tür zu öffnen.
»Ist dort jemand?« rief eine Stimme.
Tiuri hielt sich still.
»Aha, die Tür ist verriegelt«, hörte er die gleiche Stimme sagen.
»Holt den Schlüssel!«
Ein Weilchen hatte Tiuri wieder Ruhe, und er studierte die
Botschaft noch einmal.
Kurz darauf knarrte ein Schlüssel im Schloß, aber die Tür öffnete
sich natürlich nicht.
»Wer ist dort?« wurde gerufen. »Hee, gebt Antwort!«
Tiuri schwieg. Gemurmel vor der Türe und dann Schritte, die sich
schnell entfernten…
Tiuri wiederholte die Botschaft noch einmal, um sich davon zu
überzeugen, daß er sie wirklich wußte. Dann ging er zum Kamin. Es
lagen einige Holzblöcke darin. Er holte die Feuersteinchen hervor, die
er in der Tasche bei Ardanwen gefunden und immer bei sich getragen
hatte. Er schlug sie aneinander und machte Feuer. Dann hielt er das
Pergament mit fester Hand in die Flammen. Er hielt es fest, bis das
Feuer fast die Finger erreichte. Als der Brief verbrannt war, stieß er
die Asche zusammen, zerrieb sie zwischen den Fingern und blies sie
fort. Jetzt war von dem Brief nichts mehr übrig als die rätselhaften
Worte im Kopf Tiuris. Er löschte das Feuer und stieß einen Seufzer
aus. Das war geschehen, aber noch war er gefangen.
»Öffnet die Tür!« rief eine Stimme auf der andern Seite. »Vorwärts,
laßt uns hinein!«

216
Tiuri sprach kein Wort und rührte sich nicht.
»Holt ein Beil und brecht sie auf!« befahl eine andere Stimme.
Tiuri erkannte die Stimme des Bürgermeisters.
Da holte er tief Atem und sprach laut: »Ich habe hier einen Bogen
und Pfeile. Den ersten, der über die Schwelle kommt, erschieße ich!«
Diesmal herrschte Schweigen hinter der Tür.
»Brecht die Tür auf!« wiederholte dann der Bürgermeister.
»Vorwärts, ihr Feiglinge, an die Arbeit!«
»Ihr seid gewarnt«, sagte Tiuri. »Ich schieße auf den ersten, der
hereinkommt.«
Er spannte den Bogen und legte einen Pfeil auf, während er sich
fragte, ob er, wenn der Augenblick da war, wirklich schießen würde.
Ja, ich tue es, versprach er sich grimmig. Es ist das, was sie verdienen.
»Aber was bedeutet das denn?« erklang die Stimme des
Bürgermeisters. »Wie kommt Ihr zu einem so bösen Plan, junger
Mann? Warum verschanzt Ihr Euch hier und droht uns mit dem Tod?
Was ist der Grund zu einem so törichten, falschen Benehmen?«
Tiuri gab keine Antwort.
Darauf falle ich nicht hinein, dachte er.
»Ich begreife es nicht!« rief der Bürgermeister. »Ich habe Euch als
Gast eingeladen, und jetzt behandelt Ihr mich so! Macht es wieder gut
und kommt heraus!«
Tiuri schwieg weiter.
»Könnt Ihr keine Antwort geben?« rief der Bürgermeister gereizt.
»Was habt Ihr auf dem Gewissen, daß Ihr Euch hier einschließt? Ihr
zieht ja doch den kürzeren.« Und dann, indem er den Ton wieder
änderte: »Ihr braucht wirklich nichts zu fürchten. Wenn Ihr nur
öffnet.«
»Und laßt Ihr mich dann gehen?« brach Tiuri sein Schweigen.
»Das wäre nicht das, was Ihr verdient«, antwortete der
Bürgermeister nach einem Augenblick der Stille. »Ihr habt Euch sehr
merkwürdig benommen. Aber ich bin nicht nachträglich. Kommt
jetzt! So können wir nicht miteinander sprechen.«
217
»Nicht ich bin der, der sich merkwürdig benommen hat«, gab Tiuri
zurück. »Und ich kann Euch auch jetzt nicht trauen.«
»Wie dürft Ihr so etwas sagen!« rief der Bürgermeister wieder
zornig. »Zum letzten Mal, kommt heraus!«
»Nein«, erwiderte Tiuri. »Nicht bevor ich weiß, wer Euer Freund
ist. Der Freund, der mich sprechen wollte.«
Auf das gab der Bürgermeister keine Antwort.
»Heißt er etwa Slupor?« rief Tiuri.
Noch immer gab der Bürgermeister keine Antwort, aber Tiuri hörte
ihn etwas murmeln. Dann ertönte wieder das Geräusch von Schritten,
die sich entfernten und verhallten.
»Schlagt die Tür nur ein!« rief er übermütig. »Ich habe den Pfeil
gerichtet!«
Eine Weile blieb er stehen, Pfeil und Bogen bereit, und wartete auf
das, was geschehen sollte. Aber es geschah nichts, und hinter der Tür
herrschte Schweigen. Die wagen es nicht, dachte er. Schließlich setzte
er sich, obwohl er wachsam und gespannt blieb. Nach und nach
begann aber sein Übermut zu weichen. Er hatte den Brief vernichtet,
und er war davon überzeugt, daß er gut daran getan hatte, aber er war
gefangen. Sie brauchten die Tür gar nicht aufzubrechen; sie konnten
ihn hier ruhig lassen, ihn aushungern…
Nein!
Er stand auf und eilte zu einem der Fenster. Kaum war er dort, so
sauste etwas an seinem Kopf vorbei. Erschrocken sprang er zurück
und sah einen Pfeil in der gegenüberliegenden Wand stecken. Einen
Augenblick wartete er; dann ging er vorsichtig zum Fenster zurück.
Er spähte hinaus.
Die Fenster des Zimmers schauten auf eine schmale Gasse. Auf
dem Dach des Hauses gegenüber standen einige Bogenschützen.
Einer legte eben wieder an. Tiuri bückte sich rasch, doch der Pfeil
war nicht gut gezielt und flog nicht einmal ins Zimmer.
Oh, so sollen sie mich nicht haben, dachte er. Er schaute sich im
Zimmer um; es gab Stellen genug, wo er sicher war. Er begab sich in
218
das Nebenzimmer. Es war klein und hatte nur ein Fenster, das auf die
gleiche Gasse ging. Dort stellte er sich auf, spannte den Bogen, zielte
und schoß.
Der Pfeil streifte einen der Schützen. Tiuri sah, wie dieser erschrak.
Und jetzt will ich auch einen treffen, dachte er, während er den
zweiten Pfeil auflegte. Töten will ich noch keinen, nur erschrecken. Er
drückte sich an die Mauer neben dem Fenster und schaute hinaus. Die
Bogenschützen sprachen erregt miteinander und zeigten auf die
Fenster. Ich glaube, sie wissen noch nicht, daß ich in diesem Zimmer
bin, dachte Tiuri fast vergnügt. Er wartete auf einen günstigen
Augenblick und schoß wieder. Ein lauter Schrei meldete ihm, daß er
tatsächlich getroffen hatte. Einer der Bogenschützen ließ seine Waffen
fallen, da er in den Arm getroffen war. Die andern schossen noch ein
paar Pfeile ab, aber keiner traf auch nur das Fenstergesims. Dann
begannen sie ihrem verwundeten Kameraden zu helfen, vom Dach
hinab zu gelangen. Tiuri sandte ihnen dabei noch einen Pfeil nach, der
aber nur Schrecken auslöste. Dann verließ er das Fenster und ging
wieder ins andere Zimmer. Er zählte die Pfeile; es waren bloß noch
vier. Wenn sie kommen, erwischen sie mich doch, dachte er, auch
wenn ich den ersten oder die beiden ersten totschieße. Er fragte sich,
was dann geschehen würde. Ob sie versuchen würden, ihm mit Gewalt
das Geheimnis des Briefes zu entreißen? Ob der Bürgermeister ihn
Slupor auslieferte, dem nach Jaro ›besten Spion und schlechtesten
Menschen‹, den es gab? Ob sie ihn gleich töteten, um sicher zu sein,
daß die Botschaft ihren Bestimmungsort nie erreichte? Tiuri hatte
Angst. Er begann sogar zu hoffen, daß etwas geschehe, daß sie die Tür
aufbrachen oder von der andern Seite her wieder schossen…
Alles war besser, als untätig hier warten zu müssen. Um sich zu
beschäftigen, sprach er in Gedanken noch einmal den Inhalt des
Briefes vor sich hin, fast überrascht, daß er ihn noch Wort für Wort
wußte. Dann blickte er wieder vorsichtig hinaus. Es war niemand
mehr zu sehen; auch auf der Straße sah er keinen Menschen. Aber
zum Fenster hinaus konnte er nicht entweichen; es war viel zu hoch
über dem Boden. Ein Seil war in Piaks Tasche, unten in der Halle.
Auch wenn er es gehabt hätte, wäre die Flucht ihm wahrscheinlich

219
nicht gelungen, denn dort schritten zwei Krieger durch die Gasse. Er
beobachtete sie, bis sie um eine Ecke verschwanden.
Da fiel ihm auf einmal ein Plan ein. Warum hierbleiben, wenn er
wußte, daß er auf die Dauer doch verlieren mußte? Seine einzige
Aussicht lag im Handeln. Er konnte nur durch die Tür entwischen,
durch die Tür und quer durch das Stadthaus! Es schien Wahnsinn zu
sein, aber warum sollte er es nicht versuchen? Er legte ein Ohr an die
Tür; draußen herrschte noch immer Stille. Vielleicht stand niemand
dort; sie erwarteten wahrscheinlich nicht, daß er herauszukommen
wagen würde. Nun, gerade deshalb mußte er es tun!

220
Die Flucht

Eine Angst hatte Tiuri, als er den Riegel leise zur Seite schob: daß
die Tür auf der andern Seite auch verschlossen war. Sehr vorsichtig
versuchte er es, aber die Tür war offen. Er blickte um eine Ecke und
sah einen Mann dort stehen, einen Krieger, der halb von ihm
abgewandt war.
Tiuri öffnete die Tür weiter und sagte leise: »Dreht Euch um und
sagt kein Wort!«
Mit einem Ruck wandte sich der Krieger nach ihm und ergriff sein
Schwert.
Tiuri richtete einen Pfeil auf ihn und wiederholte: »Sagt kein Wort!
Legt Euer Schwert auf den Boden! Gut. Jetzt kommt hierher! Hände
hoch!«
Der Krieger gehorchte. Tiuri hörte Stimmen irgendwo im Gebäude.
Er sah die Augen des Kriegers aufleuchten und begriff, daß er sich
davonmachen mußte.
»Ins Zimmer!« befahl er. »Schnell!«
Als der Krieger im Zimmer war, schloß Tiuri die Tür hinter ihm,
steckte den Schlüssel zu sich und eilte davon. Er war noch nicht weit,
als er den gefangenen Krieger rufen hörte. Er lief wieder durch
mehrere Gänge und Zimmer und suchte dabei ein passendes Versteck.
Er konnte nicht hoffen, ungestört hinunterzukommen.
Aber da war ein Schrank, und er war nicht geschlossen. Tiuri kroch
hinein, zog die Tür von innen zu und wartete. Es gingen Leute durch
das Zimmer, aber in den Kasten wurde nicht geschaut.
Nach einer Weile verließ Tiuri den Schrank und setzte seine Reise
durch das große Gebäude fort. Es gelang ihm, unbemerkt den ersten
Stock zu erreichen. Da hörte er Lärm unter und über sich, und nun
schien er in der Falle zu stecken. Er flüchtete in ein Zimmer, halb mit
der Absicht, sich wieder eine Zeitlang zu verstecken, halb in der
Hoffnung, vielleicht durch ein Fenster entweichen zu können. Es war
221
ein kleiner Raum, in dem er vorher noch nicht gewesen war. Ein Tisch
mit Schreibgerät stand da, und an den Wänden hingen Landkarten.
Eine offene Tür gab Zugang zu einem andern Zimmer. Kaum war er
drinnen, so erschien jemand aus diesem andern Zimmer. Es war der
bleiche, dunkle junge Mann, der Schreiber des Bürgermeisters.
Tiuri hob seinen Bogen wieder und flüsterte: »Kein Wort, oder ich
schieße!«
Der Schreiber schaute ihn mit großen, grauen, verwunderten Augen
an; er öffnete den Mund, sagte aber nichts.
Vor dem Zimmer wurde gerufen: »Er muß hier in der Nähe sein!
Sucht ihn in diesem Stock!«
Tiuri näherte sich dem Schreiber und flüsterte: »Wenn sie hierher
kommen, so müßt Ihr sie aufhalten und sagen, ich sei nicht hier. Geht
zur Tür! Ich halte Euch unter Beschuß.«
Der Schreiber gehorchte.
»Jetzt müßt Ihr die Tür öffnen«, sagte Tiuri, »und so stehen, daß sie
mich nicht sehen. Sorgt dafür, daß sie mich nicht hier suchen, und
geht nicht weg, denn ich erschieße Euch, bevor Ihr einen Schritt getan
habt!«
Der Schreiber öffnete die Tür.
»He!« rief er jemand zu, den Tiuri nicht sehen konnte. »Kommt
hierher, schnell! Ich glaube, er ist die Treppe hinabgelaufen. Haltet
ihn in der Halle auf!«
Tiuri hörte, daß die Verfolger sich entfernten. Der Schreiber schloß
die Tür wieder und trat auf Tiuri zu.
»Habe ich es recht gemacht?« fragte er ruhig. Ja, er lächelte sogar.
»Was jetzt?« fuhr er fort. »Sie warten unten auf Euch. Ihr kommt
nicht über die Treppe hinab.«
»Dann versuche ich's auf andere Art«, sagte Tiuri. »Nein, kommt
nicht näher!«
Der Schreiber blieb stehen, kreuzte die Arme über der Brust und
schaute Tiuri aufmerksam an.

222
»Was jetzt?« sagte er nochmals. »Ihr könnt mich vielleicht lieber
sofort töten. Wenn Ihr wartet, verkleinert Ihr Eure Aussichten. Ihr
könnt die Waffen auch wegwerfen und durch dieses Fenster klettern.
Es besteht die Möglichkeit, daß Ihr so noch davonkommt. Ich werde
so freundlich sein, meinen Mund zu halten, bis Ihr mir aus den Augen
seid.«
Tiuri zögerte.
»Nun, benutzt die Möglichkeit!« sagte der Schreiber. »Natürlich
traut Ihr mir nicht, aber hier könnt Ihr nicht bleiben, wenigstens nicht
lange. Ich will gern noch ein Weilchen am Leben bleiben, und es ist
mir gleichgültig, ob Ihr entwischt. Ich weiß nicht, was der
Bürgermeister von Euch will, und ebensowenig weiß ich, wie Ihr zu
so blutdürstigen Neigungen kommt… Aber es wird wohl etwas
Trübes sein, und da halte ich die Finger lieber weg davon.«
Es wurde am Türknopf gerüttelt.
»He dort!« rief eine zornige Stimme. »Die Tür auf!«
»Geht ins Nebenzimmer!« sagte der Schreiber zu Tiuri, während er
sich zur Tür begab.
Tiuri zog sich bis in die Nähe der Türöffnung zurück und hielt den
Bogen bereit. Der Schreiber drehte den Schlüssel und sprach zum
zweitenmal mit einem vor der Tür.
»Was ist jetzt wieder los?« fragte er. »Müßt Ihr mich immer
stören?«
»Warum schließt Ihr die Tür?« fragte der andere.
»Ei, dieser wilde Bursch rast doch hier herum? Ich habe keine Lust,
einen Pfeil durch den Leib zu bekommen.«
»Ach, Feigling!« rief der andere, halb lachend, halb zornig. »Das ist
doch etwas für Euch Federfuchser! Ich würd' mich nicht länger
verstecken. Der Bürgermeister hat schon nach Euch gerufen.«
»Ich komme gleich«, sagte der Schreiber. »Habt Ihr den Kerl
schon?«
»Nein, aber wir bekommen ihn! Er muß noch im Haus sein. Der
Bürgermeister ist wütend. Bald ist hier eine Ratsversammlung, und da
will er diesen Radau nicht haben. Kommt mit und helft uns!«
223
»Ich denke nicht daran!« rief der Schreiber. »Ich habe mit solchem
Zeug nichts zu schaffen. Ich brauche keine Waffen zu tragen, und ich
verlange es auch nicht. Wenn nur meine Schreiberei in Ordnung ist!«
Er schloß die Tür und wandte sich wieder an Tiuri.
»Glaubt Ihr jetzt, daß ich nicht gegen Euch bin?« fragte er. »Es ist
etwas Merkwürdiges mit Euch, und das gefällt mir nicht.« Er seufzte.
»Ich fürchte, ich muß meine Stelle aufgeben«, fügte er bei. »Oder ist
es nicht wahr, daß der Bürgermeister kein guter Herr für einen Diener
ist?«
»Das werdet Ihr besser wissen als ich«, sagte Tiuri etwas
verwundert.
»Einige hier hassen ihn, aber für mich ist er jederzeit ein guter Herr
gewesen. Vielleicht ist das aber nicht genug.«
Tiuri eilte zum Fenster.
»Wer seid Ihr eigentlich?« fragte der Schreiber und folgte ihm.
»Das tut nichts zur Sache«, erwiderte der Jüngling.
Sie blieben einander gegenüber stehen, ganz nahe beim Fenster –
der eine neugierig, der andere noch wachsam.
»Der Bürgermeister wartete auf Euer Kommen«, sagte der
Schreiber. »Er hat den Torwächtern befohlen, jeder Jüngling zwischen
vierzehn und achtzehn Jahren, der die Stadt betrete, müsse zu ihm
gebracht werden.«
»Wirklich?« fragte Tiuri.
»Ja. Er hat vor kurzem eine Botschaft aus dem Osten oder Südosten
erhalten. Eine Brieftaube hat sie gebracht. Ich durfte den Brief nicht
lesen, und er durfte auch nicht im Archiv aufbewahrt werden.«
»Von wem kam diese Botschaft?« fragte Tiuri.
»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich wißt Ihr es besser.«
Von Slupor? dachte Tiuri. Ob Slupor auf dem Ersten Großen Weg
weitergegangen und über die Berge gelangt war? War Slupor
derjenige, der dem Bürgermeister berichtet hatte, Tiuri sei
festzuhalten, bis er selber in Dangria war? Es war möglich.

224
»Ich kenne den Bürgermeister nicht«, sagte er, »aber ich nehme an,
es war besser, Ihr könntet einem andern Herrn dienen, wenigstens
wenn Ihr ein treuer Untertan des Königs Unauwen seid.«
»Was?« flüsterte der Schreiber überrascht.
»Aber jetzt gehe ich«, sprach Tiuri.
»Einen Augenblick«, bemerkte der Schreiber. »Ich schaue, ob
niemand Wache steht.« Er beugte sich aus dem Fenster und sagte
gleich darauf: »Geht nur! Es kommen ab und zu Krieger vorbei, aber
wenn Ihr flink seid, so könnt Ihr gut entwischen. Es fängt schon an zu
dämmern. Ich wünsche Euch mehr Glück, als Euer Freund gehabt
hat.«
»Piak!« stieß Tiuri hervor. »Ist er gefangen?«
»Ja, sie haben ihn. Er sitzt hier unten, im Kerker.«
»Nein!« flüsterte Tiuri. »Dann muß ich ihm helfen.«
»Wartet jetzt nicht!« warnte der Schreiber. Er warf wieder einen
Blick aus dem Fenster. »Es ist eben ein Wärter vorbeigegangen«, fuhr
er fort. »Jetzt müßt Ihr gehen. Ihr könnt Eurem Freund nur helfen,
wenn Ihr frei seid. Er ist Euch sicher nicht dankbar, wenn Ihr Euch
auch fangen laßt.«
Das war richtig. Tiuri stieg auf die Fensterbank und schaute hinab.
Unter ihm war ein hervorstehender Rand, und von dort konnte er gut
auf die Straße springen.
»Ihr seid hier auf der Hinterseite des Stadthauses«, erklärte der
Schreiber. »Vorwärts!«
»Ich danke Euch«, flüsterte Tiuri.
Bald darauf stand er auf der Straße. Er sah ein paar Krieger um die
Ecke des Gebäudes kommen und eilte in eine Seitengasse. Er hörte sie
rufen und fragte sich, ob sie ihn gesehen hatten. Er lief durch einige
Straßen und ging erst langsamer, als er merkte, daß verschiedene
Leute ihm erstaunt nachblickten. Nach kurzer Zeit geriet er auf den
Marktplatz. Er stellte sich in einen dunklen Torgang und fragte sich,
wohin er wohl gehen mußte, in dieser unbekannten Stadt, wo ihn
Feinde suchten.

225
Da flüsterte jemand, der plötzlich vor ihm auftauchte: »Kommt mit
mir!«
Tiuri erschrak und erkannte den alten Mann, der Piak und ihn schon
früher angesprochen hatte.
»Gebt mir einen Arm«, sagte dieser, »und geht mit mir! Ich sagte
Euch doch schon, daß an jener Treppe nichts Gutes ist. Nun habt Ihr
sie doch betreten, und was ist gescheh'n? Euer Freund sitzt im Kerker,
und Ihr lauft herum, wie wenn Ihr auch gefangen werden möchtet.«
Er hatte inzwischen seinen Arm unter denjenigen Tiuris gesteckt.
»Werft den Bogen und die Pfeile weg!« sagte er. »Die sind viel zu
auffallend.«
Tiuri gehorchte, ohne etwas zu sagen. Er wußte nicht, ob er gut
daran tat, aber er konnte sich nichts denken, was besser gewesen wäre.
Sein unerwarteter Helfer überquerte mit ihm den Platz und suchte
dabei die belebtesten Stellen aus. In einigen Ständen waren Lichtlein
angesteckt, aber die meisten Kaufleute begannen ihre Ware
einzupacken. Niemand achtete besonders auf Tiuri und seinen
Begleiter, doch schaute sich der Jüngling fortwährend gespannt um
und war bereit zu flüchten.
Der alte Mann blieb bei einem Stand stehen, wo Kleider angeboten
wurden.
»Sagt«, sprach er zum Verkäufer, »habt Ihr einen Rock, einen
billigen Rock für meinen Freund?«
»Wenn Ihr nur zahlt«, sagte der Verkäufer. »Von Euch brauch' ich
kein Geld zu erwarten.«
»Oh, er kann sehr gut zahlen«, erwiderte der alte Mann, während er
Tiuri anschaute. »Ich hab' Euch ja vor Taschendieben gewarnt,
nicht?«
Tiuri nestelte in dem Täschchen an der Schnur und holte einige
Geldstücke hervor.
»Nicht zu viel!« sprach sein Genosse. »Hier, ein Silberstück; das ist
genug für einen Rock.«

226
»Er muß sein Äußeres andern«, sagte der Verkäufer, indem er Tiuri
betrachtete. Dann suchte er in seinen Vorräten. »Hier ist etwas«,
bemerkte er. »Probiert's einmal!«
»Nichts Besonderes für ein Silberstück«, sagte der alte Mann. »Ihr
treibt Mißbrauch, weil wir keine Zeit zum Markten haben.«
»Ein Flüchtling kann nicht zu wählerisch sein«, erwiderte der
Verkäufer und zwinkerte Tiuri zu. »Nun, es paßt gut«, sagte er dann.
»Ihr seht darin aus wie ein richtiger Einwohner von Dangria:
mindestens fünf Farben in einem Kleidungsstück. Und hier habt Ihr
von mir noch einen Hut dazu. Ein wunderliches Hütchen, aber gut für
den Zweck.«
Kurz darauf verließen Tiuri und sein Helfer den Marktplatz und
schritten durch ein paar Straßen.
»So«, sagte der Mann. »Jetzt wollen wir zuerst etwas essen. Wir
geh'n in den Weißen Schwan; dort ist es sicher.«
Tiuri blieb stehen und sagte: »Ich glaube es nicht, Herr. Seht, sie
wissen, daß ich mit Ardoc, dem Landbesitzer, hierher gekommen bin,
und sie wissen auch, daß Ardoc in den Weißen Schwan geht.«
»Oh«, sprach der alte Mann, »das wußte ich nicht. Aber ich denke,
daß sie Euch dann schon dort gesucht haben. Ich geh' am besten
voraus. Wenn sie schon dort gewesen sind, so ist's in Ordnung. Zum
zweitenmal kommen sie sicher nicht. Und wenn sie das täten, so
würde der Wirt Euch irgendwo verstecken. Aber ich geh' zuerst
schauen. Ihr folgt mir langsam. Wenn die Luft rein ist, so steht eine
brennende Kerze vor dem Fenster. Dann könnt Ihr ohne Angst
eintreten.«
Er erklärte Tiuri, wie er die Herberge finden konnte, und entfernte
sich, ohne auf Antwort zu warten. Tiuri blieb stehen. Dann schritt er
durch die dunklen Straßen zur Herberge, immer noch verwundert über
die plötzliche Hilfe, die er bekommen hatte. Er fand die Herberge
ohne Mühe. Vor dem Fenster stand eine brennende Kerze.
Tiuri öffnete die Tür und trat ein. In der Gaststube befanden sich
nicht mehr als zehn Leute. Die meisten waren am Essen. Der alte
Mann stand am Schanktisch und sprach mit dem Wirt.

227
Als er Tiuri sah, trat er, vom Wirt begleitet, auf ihn zu und sagte:
»Ich hab' unser Essen schon bestellt. Nur müßt Ihr für uns beide
zahlen.«
»Natürlich«, bestätigte Tiuri.
»Iruwen hat nie Geld bei sich«, sagte der Wirt lachend.
»Nein«, erklärte der alte Mann, der offenbar Iruwen hieß. »Ich hab's
nicht nötig.«
Bald darauf saß Tiuri ihm gegenüber an einem Tisch in einer
dunklen Ecke der Gaststube. Der Wirt brachte ihnen das Essen.
»Es möge Euch schmecken«, sagte Iruwen.
Tiuri blickte ihn an. Iruwen war ein bärtiger, alter Mann, der
ziemlich ärmlich aussah. Seine Augen aber waren freundlich und
gescheit.
»Ich danke Euch sehr«, begann Tiuri.
»Ach, still, ich hab' noch nichts getan, was mich Mühe gekostet hat
und einen Dank wert ist.«
»Warum helft Ihr mir eigentlich?« fragte Tiuri.
Aber Iruwen schüttelte den Kopf und bemerkte: »Zuerst essen, dann
reden.«
Tiuri wollte aber nicht essen, bevor er wußte, was mit Piak
geschehen war.
Da erzählte Iruwen: »Er kam aus dem Stadthaus gerannt. Beinahe
fiel er die Treppe herunter, und die Wächter waren zu überrascht, als
daß sie ihn hätten aufhalten können. Als Euer Freund über den Platz
lief, kamen noch mehr Krieger heraus. Der Bürgermeister folgte ihnen
und rief: ›Packt ihn! Nehmt ihn gefangen!‹ Nun, es gab einen großen
Aufruhr auf dem Platz. Euer Freund eilte zwischen den Ständen durch,
die Krieger hinter ihm her, und sie schmissen einen Haufen Waren
durcheinander. Ich hab' nicht geseh'n, wie die Krieger den Burschen
gefangennahmen, aber ich sah sie später mit ihm zum Stadthaus
zurückkommen. Sie brachten ihn in den Kerker unter dem Stadthaus,
und dort sitzt er wohl immer noch.«
»Wie… wie sah Piak aus?« fragte Tiuri.
228
»Oh, recht struppig; die Kleider waren zerrissen, aber er zeigte
keine Angst.«
»Ich muß ihn befreien«, sagte Tiuri, »es muß sein! Aber wie?«
»Das wollen wir nach dem Essen überdenken«, entgegnete Iruwen.
»Ihr seid nicht allein in dieser Stadt. Ich will Euch helfen, und es gibt
noch mehr Leute, die das wollen. Warum nahm der Bürgermeister
Euch denn gefangen?«
Die Antwort auf diese Frage wurde Tiuri erspart, weil zwei Männer
durch eine Tür neben dem Schanktisch eintraten. Es waren Ardoc und
sein Knecht.
Der Landbesitzer schaute sich in der Gaststube um und sagte:
»Guten Abend.«
Iruwen grüßte er noch einmal besonders, und dann fiel sein Blick
auf Tiuri.
»Ei!« sprach er ziemlich verblüfft. »Das ist Martin!«
Er trat zu ihrem Tisch. Sein Knecht folgte ihm.
Tiuri stand auf und grüßte: »Guten Abend, Herr Ardoc.«
»Bleibt sitzen«, sagte Ardoc. »Guten Appetit!«
Er schob einen Stuhl herbei und setzte sich zu ihnen.
Der Wirt trat herzu und fragte, was die Herren essen möchten.
»Wollt Ihr Eure Mahlzeit hier haben?« fragte er.
»Wenn sie einverstanden sind«, antwortete Ardoc mit einem Nicken
gegen Tiuri und seinen Begleiter.
»Natürlich«, sagte Iruwen.
»Danke«, bemerkte Ardoc. »Setz dich auch, Dieric«, sprach er zu
seinem Knecht.
Der Wirt nahm die Bestellung auf und entfernte sich. Dann schaute
Ardoc Tiuri an.
»Wo ist Euer Freund?« fragte er.
Tiuri zögerte mit der Antwort.

229
»Im Kerker unter dem Stadthaus, nicht wahr?« fuhr Ardoc fort.
»Seid Ihr dem Bürgermeister auf die Zehen getreten, oder habt Ihr ihn
auf andere Weise beleidigt?«
»Wir haben ihm nichts getan«, sagte Tiuri.
»Nichts getan? Das ist aber sehr wenig, um dafür
gefangengenommen zu werden. Und behaupten, man sei noch nie in
Dangria gewesen!«
»Das sind wir auch nicht«, versicherte Tiuri. »Es ist das erste Mal,
daß wir dem Bürgermeister begegnet sind.«
»Ist das wahr?« fragte Ardoc. »Dann hoffen wir, es ist auch das
letzte Mal gewesen. Und was soll jetzt mit Eurem Freund geschehen?
Das ist eine schöne Sache!«
Tiuri merkte, daß die andern in der Gaststube nun auch mit
neugierigen Blicken auf ihn schauten. Er fühlte sich gar nicht wohl.
Ardoc merkte das, denn er sagte: »Oh, habt keine Angst, es verrät
Euch hier niemand. Ihr seid im Weißen Schwan, auch wenn Euch das
wahrscheinlich nichts sagt. Die Diener des Bürgermeisters sind schon
hier gewesen. Und wenn sie noch einmal kommen, so wird der Wirt
Euch wohl ein Versteck zeigen. Ist es nicht so?« fragte er den Wirt,
der eben das Essen brachte.
»Gewiß, gewiß«, antwortete dieser, und zu Tiuri sagte er: »Ihr tut
meiner Mahlzeit nicht viel Ehr' an, junger Mann! Ihr macht Euch
sicher Sorgen.«
»Ja«, erwiderte Tiuri, »um Piak.«
»Ist das Euer Freund?« fragte der Wirt. »Nun, vielleicht weiß
Iruwen Rat. Oder Ardoc.«
»Vielleicht«, sagte Ardoc. »Bringt uns noch etwas Wein; dann
wollen wir dazu trinken.«
Als der Wirt weg war, beugte er sich zu Tiuri und fragte leise: »Wer
seid Ihr?«
»Wer ich bin?« entgegnete Tiuri. »Martin heiße ich. Das wißt Ihr
doch.«
»Was tut ein Name zur Sache?« meinte Iruwen.
230
»Oh, es ist möglich, daß Ihr Martin heißt«, sagte Ardoc, »aber Ihr
seid nicht derjenige, für den Ihr Euch ausgebt. Ihr seid kein Bursche
aus den Bergen wie Euer Freund Piak. Ihr kommt aus einer andern
Gegend und habt in andern Kreisen verkehrt. Euer Benehmen könnte
das eines Edelmanns sein… Ihr reitet wie ein geübter Reiter… Und
der Bürgermeister wird wohl seine Gründe haben, Euch
gefangennehmen zu wollen. Wer seid Ihr?«
Der Wirt brachte eine Flasche Wein, und erst, als er wieder weg
war, gab Tiuri Antwort.
»Ich kann Euch nicht mehr sagen. Der Bürgermeister hat vielleicht
einen Grund, um mich gefangennehmen zu wollen, aber diesen Grund
wird er niemand mitteilen, nehme ich an. Und ich tue es auch nicht.
Ich kann und darf nichts sagen.«
»So«, sagte Ardoc kurz.
Er öffnete die Flasche und schenkte die Gläser voll.
»Sie sind Fremdlinge«, sagte Iruwen zu ihm, »aber sie kamen nicht
nur einfach nach Dangria. Sie haben ein Ziel.«
»Richtig«, antwortete Ardoc. »Es kommen nicht oft Reisende nur
einfach vom Osten hierher. Aber was haben sie mit unsern
Angelegenheiten zu tun? Dieser Martin sagt, er sei dem Bürgermeister
nie vorher begegnet.«
»Das ist auch so«, bestätigte Tiuri. »Er ließ uns zu sich kommen.«
»Ja«, bemerkte Ardocs Knecht. »Er lud sie ein; das weiß ich.«
»Zuerst tat er sehr freundlich«, fuhr Tiuri fort; »er nannte uns seine
Gäste. Aber dann wollte er uns gegen unsere Absicht im Stadthaus
behalten.«
»Und Euer Freund entwischte«, ergänzte Ardoc. »Er lief über den
Platz, während er etwas rief… Was rief er denn, Dieric?«
»›Ich hab' ihn, ich hab' ihn!‹« berichtete der Knecht. »Das hat er
gerufen.«
»Was hatte er?« fragte Ardoc.
»Nichts…« antwortete Tiuri. »Piak muß befreit werden. Er wollte
nur mir helfen…«
231
Er schaute Ardoc und Iruwen abwechselnd an.
»Ihr habt mir schon geholfen«, sagte er. »Könnt Ihr mir auch
hierbei helfen – mir vielleicht einen Rat geben? Ich bin ein Fremdling
in Dangria. Ich glaube zu begreifen, daß Ihr für den Bürgermeister
nicht viel übrig habt. Warum?«
»Nun fängt er an, Fragen zu stellen!« sagte Ardoc zu Iruwen.
»Selber ist er so dicht wie ein Topf.«
Doch Iruwen erklärte: »Es ist wahr, daß hier in der Stadt viele dem
Bürgermeister feindlich gesinnt sind. Ich mochte ihn nie. Mit ihm ist
das Übel nach Dangria gekommen. Er hat vergessen, daß er nur
Bürgermeister ist und die Stadt im Namen des Königs leitet. Er
handelt wie ein selbständiger Fürst, nach eigener Willkür. Seit dem
Zwist zwischen den beiden Prinzen kommen nicht mehr oft Ritter
hierher, die einen weißen Schild tragen. Die müssen jetzt im Süden
wachen. Aber es gibt Leute, die nicht ohne ihre Aufsicht…«
»Ach«, unterbrach ihn Ardoc, »davon weiß Martin gar nichts.«
»Doch«, sagte Tiuri. »Ein wenig doch. Ich weiß von Unauwens
Söhnen und vom Streit mit Evillan.«
»Mit Evillan ist jetzt ein Waffenstillstand«, sagte Dieric.
»Das wird gesagt«, warf Iruwen ein. »Es ist zu hoffen, daß
Unauwens Ritter bald wieder kommen und daß der Bürgermeister
abgesetzt wird.«
»Nun geht Ihr wieder zu weit, Iruwen«, sagte ein Mann am
Nebentisch, der offenbar dem Gespräch gefolgt war.
»Ach, einige glauben mir noch nicht«, sagte Iruwen, während er
aufstand und in der Gaststube herumschaute. »Sie sind nur zornig auf
den Bürgermeister, weil er nicht gerecht ist oder weil er zu hohe
Steuern verlangt. Sogar hier im Weißen Schwan gibt es Leute, die die
Gefahr nicht seh'n wollen.«
»Gefahr?« rief der Mann am Nebentisch. »Gefahr? Ich mag den
Bürgermeister und seine Freunde nicht, aber ich hab' keine Angst vor
ihnen.«
»Iruwen redet manchmal grad so, als ob der Feind morgen vor
unseren Toren stünde«, sagte ein anderer.
232
»Der Feind ist unter uns«, erwiderte Iruwen fast feierlich. »Paßt auf,
was heute wieder geschehen ist, muß uns zu denken geben. Seit wann
werden Fremdlinge, ja, Gäste, so behandelt?«
Alle Augen richteten sich auf Tiuri.
»Aber was tun diese Fremden hier?« fragte einer. »Ich begreife,
ehrlich gesagt, nicht viel davon.«
Tiuri fühlte, daß alle von ihm eine Erklärung erwarteten.
Er erhob sich auch und sagte: »Ehrlich gesagt, verstehe auch ich
nichts davon. Ihr seid unzufrieden mit Eurem Bürgermeister. Warum
tut Ihr denn nichts gegen ihn?«
»Was tut eine Handvoll Leute gegen viele?« erwiderte einer.
»Das ist Unsinn«, meinte Iruwen. »Es gibt viele Unzufriedene hier,
und das wißt Ihr gut, Doalwen. Ihr seid zu faul, zu feig, zu lau!«
»Das laß ich mir nicht sagen!« rief Doalwen. »Ihr predigt Aufstand,
Iruwen, und das ist gefährlich. Ich würd' einen andern Bürgermeister
wählen, aber ich will nicht rebellieren, um ihn mit Gewalt zu verjagen.
König Unauwen soll das besorgen.«
»König Unauwen wünscht Gerechtigkeit in seinem Reich«, sprach
Iruwen. »Und er hört auf uns, wenn wir darum bitten.«
»Der König hat wohl anderes im Kopf«, sagte Doalwen.
»Vielleicht wird bald Frieden geschlossen mit Evillan«, sagte der
Wirt, während er einen Stuhl hinzuschob und sich ebenfalls setzte.
»Wir schweifen ab«, sagte Ardoc und schaute Tiuri an.
Dieser schaute sich um und fragte nach kurzem Zögern: »Seid Ihr
alle treue Untertanen von König Unauwen und Feinde von Evillan?«
Jeder schaute ihn ziemlich verwundert an und schwieg.
»Ja«, sprach schließlich Ardoc. »Aber warum fragt Ihr das? Wir
erhoffen den Frieden; die Folgen der Streitigkeiten werden auch hier
gespürt, obwohl wir weit von Evillan weg sind. Aber noch einmal:
Warum fragt Ihr das?«
»Ich nehme an, Euer Bürgermeister ist ein Freund von Evillan«,
erklärte Tiuri. »Ich weiß es sogar ganz sicher!«
Diese Worte riefen Aufregung hervor.
233
Nur Iruwen sagte: »Mich verwundert das gar nicht. Ich hab' das
immer gespürt und gefürchtet.«
»Wie wißt Ihr das?« rief Ardoc.
»Still, still«, warnte der Wirt. »Das ist eine ernste Beschuldigung,
die nicht laut gesagt werden darf, bevor wir wissen, daß sie stimmt.«
»Leider kann ich nicht viel erzählen«, erklärte Tiuri. »Das meiste,
was ich weiß – und das ist noch wenig –, ist geheim. Es ist aber sicher,
daß der Bürgermeister etwas zu tun hat mit Evillan und daß er meinen
Freund und mich auf Befehl von Spionen aus Evillan
gefangengenommen hat…«
»Aber es soll ja Frieden geben!« fiel ihm Doalwen ins Wort.
»Still jetzt!« rief Ardoc. »Laßt ihn ausreden!«
»Ich kann Euch sagen, daß ich in Dagonauts Reich von roten
Reitern verfolgt und überfallen worden bin«, fuhr Tiuri fort.
»Rote Reiter aus Evillan!« flüsterte Iruwen.
»Ja, rote Reiter aus Evillan; Diener des schwarzen Ritters mit einem
roten Schild.«
»Ein Ritter des Fürsten von Evillan«, murmelte Ardoc.
»Aber was hatten sie im Reich von König Dagonaut zu tun?« fragte
ein Gast. »Ihr seid nicht im Krieg mit dem Land im Süden?«
»Nein«, antwortete Tiuri. »Sie hatten nichts zu tun in unserm Land.
Sie verfolgten einen Ritter von König Unauwen.«
»Einen Ritter von König Unauwen?« fragte Ardoc. »Welchen?
Doch nicht Andomar von Ingewel?«
»Einen Ritter mit einem weißen Schild«, antwortete Tiuri.
»Alle Ritter des Königs tragen weiße Schilde«, bemerkte der Wirt.
»Ein Ritter mit einem weißen Schild«, wiederholte Tiuri.
Er hatte sich vorgenommen, nicht zu berichten, wer dieser Ritter
war, und zu verschweigen, daß er von den roten Reitern ermordet
worden war. Er mußte seinen Auftrag ja geheimhalten, und das wollte
er auch, bis er dem König Unauwen alles erzählen konnte.

234
»Der Bürgermeister hat Nachrichten aus dem Osten bekommen«,
fuhr er fort. »Ihnen zufolge hat er befohlen, alle Jünglinge zwischen
vierzehn und achtzehn Jahren aufzuhalten. Das erzählte mir jedenfalls
sein Schreiber.«
»Sein Schreiber?« rief der Wirt.
»Ja, er hat mir fliehen geholfen.«
»Ah«, sagte Doalwen, »dann ist er doch auf unserer Seite.«
»Aber warum wollte er alle die Jünglinge sprechen?« fragte Ardoc.
Tiuri schwieg.
»Begreift Ihr denn noch nicht, daß es ein Geheimnis ist?« sprach
Iruwen. »Er sucht einen Jüngling, oder zwei. Martin weiß natürlich
warum, aber er darf's nicht sagen.«
»Aber was ich Euch erzählt habe, ist wahr«, erklärte Tiuri. »Ihr
müßt mir glauben und mir helfen. Es hängt viel davon ab!«
»Was sollen wir tun?« fragte Ardoc.
»Ich muß fort aus dieser Stadt, sobald wie möglich. Aber zuerst…«
»Und der Bürgermeister?« riefen Doalwen und ein anderer Gast.
»Aber Piak, mein Freund, muß befreit werden«, rief Tiuri. »Ich
kann ihn nicht im Stich lassen.«
»Aber wie?« fragte der Wirt.
»Können wir nicht die Wächter bestechen?« meinte einer der Gäste.
»Bestechen!« erwiderte Iruwen verächtlich. »Bestechen! Ist's schon
so weit gekommen mit Dangria?«
»Was wollt Ihr denn?«
»Aufstehen, ins Stadthaus, alle zusammen, und seine Befreiung
verlangen!«
»Wahnsinn«, sagte Doalwen. »Kämpfen und Blut vergießen, sicher!
Ist's schon so weit mit Dangria gekommen?«
»Einen Eilboten zu König Unauwen schicken«, sagte ein anderer.
»Nein, das dauert zu lange«, begann Tiuri.
Er konnte kaum erzählen, daß er selber ein Bote auf dem Weg zum
König war! Und er mußte sich beeilen. Aber er konnte es nicht übers
235
Herz bringen, Piak im Stich zu lassen. Wer weiß, was der
Bürgermeister und seine Leute ihm antun würden!
Alle Leute in der Gaststube sprachen nun erregt durcheinander.
Aber schließlich verlangte Ardoc Gehör. »Hört einmal, alle
zusammen«, sagte er. »Iruwens Gedanke erscheint mir nicht so falsch.
Ich bin zwar kein Einwohner von Dangria, aber ich glaube doch zu
wissen, daß niemand ohne Grund und Anklage verhaftet werden
kann.«
»So ist's«, bestätigte Iruwen. »Es steht im Gesetz.«
»Und der Bürgermeister hat weder Grund noch Anklage, denn den
Grund, den er hat, gibt er nicht bekannt. Ist's nicht so, Martin? So
etwas habt Ihr doch gesagt.«
»Ja«, sagte Tiuri.
»Wenn wir also zu ihm gehen und verlangen, daß er den Burschen
freiläßt, so kann er sich nicht weigern«, meinte Ardoc weiter, » es sei
denn, er habe wirklich eine Anklage oder einen Verdacht.«
»Und wenn er einen Verdacht hat?« fragte der Wirt. »Dann sind wir
gleich weit.«
»Wie hat er Euch gefangengenommen?« fragte Ardoc Tiuri.
»Einfach so, ohne Grund? Und waren Zeugen dabei?«
»Seine Krieger werden sicher nicht gegen ihn aussagen!« sagte
Doalwen.
»Sein Schreiber war auch dabei«, berichtete Tiuri. »Er kann
bezeugen, daß keiner von uns etwas gesagt oder getan hat, wofür wir
verhaftet werden mußten.«
»Und Euer Freund entwischte sofort?« fragte Ardoc.
»Ja, sobald er sah, daß der Bürgermeister Übles im Sinn hatte.«
»Dann ist's ein guter Vorschlag«, sprach der Wirt. »Bald gibt's eine
Ratsversammlung. Die ist immer öffentlich. Wir können alle
zusammen hingeh'n.«
»Der Bürgermeister wird sich nie öffentlich gegen das Gesetz
vergehen«, sagte Doalwen.

236
»Wir müssen Herrn Dirwin fragen, ob er auch kommt«, sagte ein
anderer Gast. »Er ist ein Mann mit Einfluß, und sein Wort wird
Eindruck machen.«
»Herr Dirwin ist Obermeister der Silberschmiedezunft«, flüsterte
Iruwen Tiuri zu. »Früher war er Mitglied des Rates, aber er hat den
Austritt genommen, weil er mit dem Bürgermeister nie einig war.«
»Jedenfalls soll Herr Dirwin hören, was dieser Jüngling erzählt
hat«, sagte der Gast wieder. »Von den Spionen aus Evillan und diesen
Sachen.«
»Ich begreif's immer noch nicht«, erklärte Doalwen. »Es sollte doch
Frieden geben.«
»Das wurde gesagt«, entgegnete Ardoc leise, »aber wie lange ist's
schon her, seit die Gesandtschaft des Königs fortgezogen ist? Seither
haben wir keine Nachrichten mehr bekommen. Ich weiß, daß Ritter
Andomar noch nicht in Ingewel zurück ist.«
»Ebensowenig wie Ritter Edwinem in Foresterra zurück ist«, fügte
Iruwen bei.
»So schnell geht das nicht«, sagte Doalwen. »Evillan ist weit.«
»Aber es ist auch kein Bericht von ihnen gekommen, kein guter,
kein böser… nichts.«
Es gab eine Stille. Tiuri erinnerte sich jetzt daran, daß er den Namen
von Ritter Andomar früher gehört hatte. Er war, gleich wie Edwinem
von Foresterra, bei der Gruppe gewesen, die von König Unauwen
nach Evillan geschickt worden war. Er war sicher, daß bei den
Unterhandlungen über den Frieden etwas Schlimmes geschehen war.
In der Ferne ertönte Glockengeläut.
»Hört!« sagte der Wirt. »Es läutet acht Uhr. In einer halben Stunde
beginnt die Versammlung im Rathaus.«
»Also geh'n wir!« sagte einer der Gäste. »Ich gehe mit Herrn
Dirwin sprechen. In einer halben Stunde hoffe ich, mit ihm im
Stadthaus zu sein.«
»Und ich rede mit jedem, den ich seh'«, sagte Iruwen. »Zuerst auf
dem Marktplatz; dort finden wir noch viele Leute. Kommt Ihr mit?«
fragte er Tiuri.
237
»Ja«, sagte dieser. Er schaute die Leute in der Gaststube an und
fügte hinzu: »Ich danke Euch für Eure Hilfe.«
»Sagt das erst nachher«, bemerkte Ardoc. »Kommt, wir gehen.«

238
Piaks Befreiung

Zu bestimmten Zeiten – so erzählte Iruwen Tiuri unterwegs –


versammelten sich der Bürgermeister und der Rat, der mit ihm die
Stadt verwaltete, in der großen Halle des Stadthauses. Jeder, der es
wünschte, konnte dabei anwesend sein. Früher fand eine solche
Versammlung einmal in der Woche statt, und alle Einwohner von
Dangria durften dort Vorschläge machen, Fragen stellen und Klagen
vorbringen. In der letzten Zeit wurden die Versammlungen oft
abgesagt oder mit fadenscheinigen Gründen für die Öffentlichkeit
gesperrt, und das war eine der Klagen, die sich gegen den
Bürgermeister richteten.
Tiuri schaute erstaunt zu, als Iruwen auf dem Marktplatz viele
Leute um sich versammelte. Aufgeregt sprach ihnen der alte Mann zu
und wiederholte seine Vorwürfe gegen den Bürgermeister; er spielte
auf drohende Gefahren an und erzählte zum Schluß, der Bürgermeister
habe zwei junge Fremdlinge der Freiheit beraubt.
»Einer von ihnen ist entwischt und steht hier neben mir«, sagte er.
»Der andere schmachtet noch im Kerker. Ja, als der Bürgermeister mit
unserm Geld sein Stadthaus verschönern ließ, bis es dem Palast eines
Königs glich, da hat er das Gefängnis darunter vergrößern lassen!
Warum? Fand er für nötig, mehr Leute gefangenzuhalten? Fürchtete er
Feinde? Fürchtete er uns friedfertige Bewohner von Dangria, treue
Untertanen des Königs Unauwen? Oder bestimmte er sein Gefängnis
für unschuldige Fremdlinge? Ein Leiter muß oft streng sein, und leider
ist es manchmal nötig, Leute einzusperren. Aber nie darf ein Mensch
ohne Grund, ohne Anklage seiner Freiheit beraubt werden! Das ist
unser Gesetz, und das muß uns heilig sein! Wenn eine solche
Ungerechtigkeit vorkommt, so müßt Ihr Euch erheben, müssen wir
uns erheben! Dieser Jüngling will sogleich nochmals ins Stadthaus
geh'n, um zu verlangen, daß sein Freund freigelassen wird, und zwar
sofort! Und wer für Recht und Gerechtigkeit ist, der muß ihm folgen
und sein Begehren unterstützen!«
239
Die Leute drängten sich um Iruwen und Tiuri. Die meisten
spendeten Beifall, doch gab es auch einige, die etwas zu sagen hatten
und allerlei Fragen stellten. Krieger des Bürgermeisters kamen herzu
und fragten, was der Lärm zu bedeuten habe.
Dann rief Iruwen: »Geh'n wir! Wer's mit uns hält und mehr wissen
will, kann mitkommen! Dieser Jüngling wagt's, die Treppe zum
Stadthaus aufs neue zu betreten, denn sein Gewissen ist sauber. Er hat
also nichts zu befürchten, wenigstens wenn's in Dangria noch eine
Gerechtigkeit gibt!«
Einige Minuten später betrat Tiuri die große Halle zum zweitenmal.
Ardoc und Iruwen folgten ihm, und hinter ihnen traten viele andere
ein. Tiuri fragte sich, ob wohl Piak alle diese Leute hörte, dort unten,
und ob er vermutete, daß sie seinetwegen kamen. Sein Herz klopfte
schnell. Er hatte nicht Angst, aber es war das erste Mal, seit er seinen
Auftrag erhalten hatte, daß er so in die Öffentlichkeit geraten war. In
der Halle war auf einem Podium vor der Treppe ein großer Tisch
aufgestellt, an dem ungefähr zehn Herren saßen, in der Mitte der
Bürgermeister. An einem kleineren Tisch etwas abseits saßen mehrere
Schreiber, unter ihnen auch der Schreiber des Bürgermeisters. Auf der
Treppe und zwischen den Säulen standen Krieger mit Speeren und
Fackeln. Auch andere Leute waren da, wahrscheinlich Zuschauer. Die
meisten standen; einige saßen auch auf Stühlen. Iruwen zeigte auf
einen von ihnen und sagte leise, das sei Herr Dirwin, der mächtige
Meister der Silberschmiede.
Als der Bürgermeister Tiuri erkannte, ging ein Ruck durch ihn. Sie
schauten einander an. Dann beugte sich der Bürgermeister zu dem
Mann, der rechts von ihm saß, und flüsterte ihm etwas zu. Inzwischen
drangen immer mehr Leute in die Halle. Iruwen hatte sie jedenfalls
neugierig gemacht.
Der Mann rechts vom Bürgermeister stand auf und rief mit lauter
Stimme: »Ruhe! Die Halle schließen!«
Ein Gemurmel ging durch die Menge.
»Die Versammlung ist öffentlich!« rief jemand.
»Die Halle ist voll!« rief der Mann rechts vom Bürgermeister.

240
»Es kann niemand mehr herein. Die Türen schließen!«
Es dauerte eine Weile, bis es still wurde.
Der Bürgermeister lehnte sich in seinem Stuhl zurück und spielte
unruhig mit einem Pergamentblatt, das vor ihm lag.
Dann stand er auf und sagte: »Der Bürgermeister und der Rat von
Dangria sind zur Versammlung zusammengetreten. Wer hören will,
der höre; wer sprechen will, der spreche!«
Einer der Krieger auf der Treppe blies dreimal in die Trompete.
»Ich erkläre die Versammlung als eröffnet«, sprach der
Bürgermeister und setzte sich.
Der Mann rechts von ihm stand wieder auf.
»Der erste Schreiber möge den Bericht über die vorige
Versammlung lesen«, sagte er.
Der Schreiber des Bürgermeisters stand auf und machte eine
Verbeugung. Er schaute in die Runde; sein Blick blieb an Tiuri haften.
Dann begann er vorzulesen. Er las stotternd, als ob er die Gedanken
nicht dabei hätte. Tiuri schaute fragend auf Iruwen.
»Gleich, gleich«, flüsterte dieser. »Sobald Gelegenheit ist, Fragen
zu stellen.«
Also mußte Tiuri warten. Was der Schreiber vorlas, entging ihm. Er
schaute sich in der Halle um und merkte, daß der Bürgermeister
deutlich unruhig war und Tiuris Augen auswich.
Als der Schreiber sich nach dem Vorlesen setzte, sagte der Mann
rechts vom Bürgermeister: »Diese Versammlung ist besonders der
Verbesserung der Bauten in unserer Stadt gewidmet. Das ist eine
Angelegenheit, die Euch allen am Herzen liegt. Wir ersuchen Euch
deshalb, nur darüber Fragen zu stellen und Vorschläge zu machen. In
der nächsten Versammlung könnt Ihr wieder über Allgemeines
sprechen.«
»Das ist Absicht!« flüsterte Iruwen.
Es brach ein Gemurmel aus.
»Still!« rief der Mann. »Wer nicht still ist, wird weggewiesen. Ihr
kennt die Vorschriften.«
241
»Ja, die kennen wir!« rief Iruwen. »Und wir kennen auch die
Gesetze, Herr Marmuc! Wer Recht verlangt, darf darum bitten, wann
er will!«
»Still«, wiederholte Herr Marmuc. Dann lächelte er und sagte:
»Natürlich könnt Ihr um das Recht bitten. Aber heute abend sprechen
wir über den Bau von…«
»Warum über Neues reden, wenn das Alte noch nicht in Ordnung
ist?« fragte Iruwen.
Jetzt sprach der Bürgermeister.
»Schweigt, Iruwen!« sagte er streng. »Alles zu seiner Zeit.«
»Herr Bürgermeister«, gab Iruwen zurück, »da sagt Ihr ein wahres
Wort. Ihr findet es sicher nicht richtig, daß ein Unrecht geschehen ist.
Und Ihr wollt mit dem Gutmachen dieses Unrechtes bestimmt nicht
bis zur nächsten Versammlung warten. Dringendes muß vorangeh'n.«
Der Bürgermeister wurde bleich.
Einige Leute stimmten Iruwen bei.
»Dringendes muß vorangeh'n!«
»Still!« rief der Bürgermeister, während er mit der Faust auf den
Tisch schlug, »sonst lasse ich die Halle räumen!«
Es wurde still. Ein großer Mann, der neben Tiuri auf einem Stuhl
saß, stand auf. Es war Herr Dirwin.
»Herr Bürgermeister«, sagte er, »Ihr seht, daß heute abend viele
Leute hergekommen sind. Es scheint etwas Wichtiges geschehen zu
sein. Laßt sie jetzt sprechen, so wie es früher immer der Brauch war.«
»Etwas Wichtiges!« rief der Bürgermeister, indem er ebenfalls
aufstand. »Ein unverschämter Bursche, den ich habe einsperren
lassen! Seit wann macht man in Dangria eine Geschichte wegen so
etwas? Wir sind erwachsene Männer, Herr Dirwin, und wir wissen,
daß die Jugend manchmal streng behandelt werden muß.«
»Herr Bürgermeister«, sagte Dirwin, »noch niemand hat hier über
den Burschen gesprochen, den Ihr habt einsperren lassen! Ihr selber
seid der erste! Ihr scheint das also für wichtig zu halten!«

242
Ein Gemurmel und Geflüster erhob sich. Einige lachten. Der
Bürgermeister schien die Fassung verloren zu haben. Dann
beherrschte er sich.
»Natürlich sprach ich über jenen Burschen«, sagte er. »Ich sehe ja
dort seinen Freund stehen. Ich begreife nicht, daß er noch hierher zu
kommen wagt. Er hat sich heute nachmittag hier im Stadthaus
verschanzt und mich mit dem Tod bedroht. Er hat einen meiner
Krieger verwundet. Ich muß ihn anklagen, nicht er mich!«.
Jedermann schaute nun auf Tiuri, der einen Schritt nach vorn tat.
Wieder blickten er und der Bürgermeister einander an. In der Halle
herrschte eine gespannte Stille.
»Ich habe Euch und Euren Freund als meine Gäste ins Stadthaus
eingeladen«, begann der Bürgermeister, »aber Ihr habt meine
Freundlichkeit merkwürdig belohnt! Meine Krieger hier sollen dafür
zeugen, daß Ihr, junger Mann, Euch oben in diesem Stadthaus
eingeschlossen und Euch geweigert habt hervorzukommen. Daß Ihr
durch das Fenster auf meine Bogenschützen geschossen habt…«
»Aber dann müßt Ihr auch erzählen, daß Eure Bogenschützen zuerst
auf mich geschossen haben!« sagte Tiuri mit lauter Stimme. »Und
dann müßt Ihr auch erzählen, warum ich mich in einem von Euren
Zimmern einschloß. Dann müßt Ihr auch erzählen, warum Ihr
befohlen habt, meinen Freund gefangenzunehmen. Ja, das müßt Ihr
sagen! Mein Freund hat Euch nichts getan, nichts! Er lief nur weg,
weil er nicht hierbleiben wollte. Warum wolltet Ihr uns hier behalten,
gegen unsern Wunsch?«
»Ich wollte Euch nicht gegen Euren Wunsch hier behalten!« rief der
Bürgermeister. »Warum sollte ich? Ich kannte Euch nicht einmal! Aus
Freundlichkeit lud ich Euch ein, aber Ihr wolltet nicht bleiben. Ihr
habt mich beleidigt. Dafür könnt Ihr bestraft werden; wißt Ihr das?«
»Ich komme, um die Freiheit meines Freundes zu verlangen«, sagte
Tiuri. »Er hat nichts getan, wofür er festgenommen werden kann.
Vielleicht glauben mir die Leute hier nicht, wenn ich erzähle, was
mein Freund gesagt und getan hat, bevor Ihr Eure Krieger auf ihn
losschicktet. Erzählt es selber und sagt auch, wessen Ihr ihn
beschuldigt!«
243
Der Bürgermeister öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Er
fand offensichtlich keine Antwort.
»So laßt denn einen andern erzählen!« fuhr Tiuri fort. »Euer
Schreiber war dabei. Er kann berichten, was geschehen ist.«
Er wandte sich an den Schreiber, der rot wurde und mit zitternden
Fingern seine Papiere zerknitterte.
»Zeugt für mich!« sagte Tiuri. »Was hat mein Freund für den
Bürgermeister Beleidigendes getan?«
»Wart Ihr dabei?« fragte einer der andern Herren am Tisch. »Dann
sprecht! Was hat der Bursche getan?«
Der Bürgermeister setzte sich.
Der Schreiber erhob sich und erklärte: »Nichts.«
»Was, nichts?« fragte Herr Marmuc.
»Jawohl, nichts«, sagte der Schreiber. »Er tat nichts. Sie kamen hier
herein… Ich hatte ein Zimmer für sie bereitgemacht, aber sie sagten,
sie könnten nicht lange bleiben. Der Bürgermeister drängte darauf,
daß sie bleiben müßten; er wollte gern Nachrichten aus dem Osten
hören. Dann rief der andere – der Jüngling, der jetzt im Kerker sitzt –
plötzlich, er wolle ihn besorgen… ›Mach dir keine Sorgen‹, sagte er.
›Ich hab' ihn; ich besorg' ihn.‹ So etwa war es. Dann eilte er weg und
flüchtete ins Freie. Das ist alles.«
»Ist das wirklich alles?« fragte Herr Marmuc den Bürgermeister.
Dieser gab keine Antwort.
»Was war das, was besorgt werden sollte?« fragte Herr Dirwin,
während er vom Schreiber zum Bürgermeister und vom Bürgermeister
zu Tiuri blickte.
»Fragt das den Bürgermeister!« sagte der Jüngling.
»Ich weiß es nicht«, sagte der Bürgermeister. »Ich weiß nichts.«
»Ihr wißt es wohl!« rief Tiuri. »Aber ich verstehe, daß Ihr es nicht
zu sagen wagt!«
Er schaute in der Halle herum.
»Ich kann es auch nicht sagen«, fuhr er fort. »Eines weiß ich. Euer
Bürgermeister hat uns nicht aus Gastfreundschaft eingeladen. Er hat
244
den Torwächtern befohlen, alle Jünglinge zwischen vierzehn und
achtzehn Jahren, die nach Dangria kamen, zu ihm zu führen. Warum?
Das müßt Ihr ihn fragen. Fragt ihn, von wem ihm die Brieftauben
Berichte bringen! Fragt ihn, in wessen Auftrag er Fremdlinge ihrer
Freiheit zu berauben versucht! Fragt ihn, welchem Herrn er dient,
während er diese Stadt im Namen von König Unauwen regiert!«
Er schwieg, weil er plötzlich fürchtete, zuviel gesagt zu haben.
Dann fuhr er fort: »Ich bin fremd in dieser Stadt, und ich habe
nichts zu tun mit Euren Angelegenheiten. Ich bitte einzig um die
Freiheit meines Freundes, und zwar jetzt!«
Er sah, daß der Bürgermeister geschlagen war. Dieser sah aschgrau
aus und konnte kein Wort hervorbringen. Lärm brach aus.
»Laßt ihn frei!« wurde gerufen.
Eines der Mitglieder des Rates stand auf und gebot Stille.
»Habt Ihr eine Anklage vorzubringen gegen diesen Jüngling oder
gegen den Jüngling im Kerker?« fragte er dann den Bürgermeister.
»Nein«, sagte dieser so leise, daß es fast nicht zu hören war. »Nein.
Aber es sind lauter Lügen, die er erzählt… lauter Lügen…« Und dann,
etwas lauter: »Es ist ein Mißverständnis, ein bedauerliches
Mißverständnis…«
Er konnte nicht ausreden, denn der Lärm brach wieder los.
»Laßt ihn frei!«
Die Herren am Tisch schauten unruhig drein und flüsterten
miteinander. Einer von ihnen erhob sich und sagte etwas zu den
Kriegern. Dann wurde wieder Stille befohlen, aber es dauerte einige
Zeit, bevor jeder schwieg.
»Die Versammlung wird für heute geschlossen«, sprach Herr
Marmuc.
»Warum?« riefen einige zornige Stimmen. »Wir haben erst
angefangen!«
»Die Versammlung wird geschlossen«, wiederholte Herr Marmuc.
»Der Bursche wird freigelassen. Räumt die Halle und geht!«

245
Einige Krieger setzten sich in Bewegung, um seinen Worten
Achtung zu verschaffen. Tiuri schaute sich um. Er sah Ardoc und
Doalwen unweit von sich, aber Iruwen war verschwunden. Jemand
klopfte ihm auf die Schulter. Es war Herr Dirwin.
»Euer Freund kommt bald«, sagte er. »Ich möchte Euch sogleich
sprechen.«
Bald darauf wurde Piak von zwei Kriegern hereingeführt. Der
Knabe schaute verwundert auf alle die Leute, aber dann sah er Tiuri,
und sein Gesicht erhellte sich. Tiuri ging auf ihn zu. Er mußte
verschiedene Leute zur Seite stoßen, bevor er den Freund erreicht
hatte.
»Du bist frei!« rief er und drückte Piaks Hände. »O Piak, ich…«
Er schwieg und lachte ihm zu.
»Was tun alle die Leute hier?« rief Piak, als er Tiuris Händedruck
kräftig erwidert hatte.
»Sie haben geholfen, dich frei zu bekommen«, begann Tiuri.
Mehr konnte er nicht sagen, denn ein Teil der Menge begann zu
jubeln.
»Hurra, er ist frei!«
Der Bürgermeister und die meisten Ratsherren verließen ihren Platz
hinter dem Tisch und eilten die Treppe hinauf. Es sah aus wie Flucht.
»Komm!« rief Tiuri, »hinaus!«
Er wußte nicht, wie lange es dauerte, bis er mit Piak auf dem Platz
stand. Überall waren noch Leute, die aufgeregt miteinander sprachen
und sich um die Krieger nicht kümmerten, die immer wieder riefen,
sie sollten nach Hause gehen. Die beiden Jünglinge konnten nach
einem Weilchen unbeachtet vom Platz verschwinden.
In einer der Straßen, die auf den Platz mündeten, begegneten sie
Dieric, Ardocs Knecht.
»So, da seid Ihr«, sagte er. »Sie scheinen alle ganz verrückt
geworden zu sein! Ich hab' jeden verloren. Kommt mit in den Weißen
Schwan; dort geh'n die andern wohl auch hin.«

246
Wirklich sah Tiuri im Weißen Schwan die meisten seiner Helfer
wieder. Der Wirt schenkte Wein aus und lud sie ein, auf den guten
Verlauf anzustoßen. Piak und Tiuri hatten einander viel zu erzählen,
doch gab es allerlei, was sie zurückhalten mußten bis zu dem
Augenblick, wo niemand anderes mehr dabei war.
Piak erklärte, er fühle sich völlig munter.
»Nun ja«, sagte er, »lustig ist's nicht, in so einem dunklen Loch zu
sitzen, aber eine Zeitlang geht's schon. Ich hätt' nur wissen sollen, daß
es nur so kurze Zeit dauerte.«
Dann wollte er wissen, wie es Tiuri geglückt war, ihn frei zu
bekommen.
»Dafür mußt du allen Leuten hier danken«, erklärte Tiuri.
Und von Iruwen, Ardoc und andern in der Gaststube ergänzt,
berichtete er, wie es sich zugetragen hatte.
»Uff!« sagte Piak. »Das ist etwas! Ich könnt' mir fast wie ein
wichtiger Mensch vorkommen.« Er schaute Tiuri an. »Also ist alles in
Ordnung?« fragte er mit bedeutungsvollem Blick.
»Alles in Ordnung«, sagte Tiuri.
Nochmals streckte er die Hand aus und drückte Piaks Hand und
dankte ihm schweigend auf diese Weise.
Da trat Herr Dirwin in die Gaststube. Sogleich schritt er auf Tiuri
zu.
»Guten Abend, junger Mann«, sagte er. »Ich dachte schon, ich finde
Euch hier. Ich möchte gern mit Euch reden. Es gibt in dieser
Angelegenheit manches, was mir unklar ist.«
»Oh, viel kann er nicht erzählen, Herr Dirwin«, sagte Iruwen.
»Er kann mir sicher mehr erzählen, als ich jetzt weiß«, sagte Herr
Dirwin und strich über seinen Bart. »Ich komme eben vom Stadthaus
und habe mit dem Rat gesprochen. Es soll eine außerordentliche
Versammlung einberufen werden, schon morgen früh. Der
Bürgermeister soll sich verantworten wegen seines sonderbaren
Verhaltens.«
Er schaute Tiuri an.
247
»Es gehen merkwürdige Gerüchte in der Stadt um«, fuhr er fort.
»Ich hörte sogar etwas über Spione aus Evillan! Ich möchte gern
wissen, was daran wahr ist. Auch will ich wissen, warum der
Bürgermeister Euch eigentlich gefangengenommen hat. Ich habe das
Gefühl, es steckt viel mehr dahinter, als Ihr erzählt habt, junger Mann.
Wie heißt Ihr eigentlich, und wie ist der Name Eures Freundes?«
»Martin und Piak heißen sie«, sprach Iruwen.
»Martin und Piak, Ihr müßt morgen bei der Versammlung anwesend
sein.«
»Warum, Herr Dirwin?« fragte Tiuri, obwohl er es gut begriff.
»Natürlich um genau zu berichten, was geschehen ist«, antwortete
Herr Dirwin, »und nicht nur das; wir müssen auch wissen, welches die
Gründe all dieser Ereignisse sind. Ihr könnt mir jetzt alles erzählen,
aber morgen müßt Ihr Eure Erklärungen vor dem Rat wiederholen.«
»Morgen?« rief Tiuri. »Unmöglich! Wir können nicht so lange
bleiben.«
»Warum nicht?« sprach Herr Dirwin. »Das ist sehr ungerecht. Ich
und viele mit mir glauben, daß man Euch falsch behandelt hat. Darum
ist Piak sofort freigelassen worden. Deshalb könnt Ihr jetzt nicht
einfach davonlaufen.«
»Wir laufen nicht weg«, sagte Tiuri. »Ich sage nur, daß wir nicht
bleiben können und dürfen.«
»Euretwegen ist fast ein Aufruhr in der Stadt entstanden!« sagte
Herr Dirwin fast zornig. »Ich sehe nicht ein, welcher Grund wichtig
genug sein kann, um Euch am Bleiben zu hindern. Ihr selber habt den
Bürgermeister angeklagt… oh, nicht geradeheraus, aber Ihr habt
genug angedeutet, um uns verstehen zu lassen, daß eine Untersuchung
nötig ist. Im Interesse unserer Stadt gebiete ich Euch zu bleiben. Ich
spreche nicht nur als Bewohner von Dangria, sondern auch als
Mitglied des Rates!«
»Seid Ihr wieder Mitglied des Rates?« rief Iruwen.
»Ja, heute abend nach der Versammlung bin ich dem Rat wieder
beigetreten«, antwortete Dirwin.
»Das ist eine gute Nachricht«, sagte Iruwen.
248
Herr Dirwin wandte sich wieder an Tiuri.
»Nun, sprecht!« forderte er ihn auf.
Tiuri wiederholte ihm gegenüber alles, was er schon früher in der
Gaststube des Weißen Schwans gesagt hatte. Herr Dirwin hörte
schweigend zu, schien aber damit nicht sehr zufrieden zu sein.
»Lauter unbestimmte Worte!« sagte er schließlich. »Nun gut, ich
will Euch nicht länger lästig fallen. Ich habe noch viel zu tun. Morgen
hoffe ich mehr zu vernehmen. Ich verpflichte Euch also hier zu
bleiben.«
»Ihr könnt hier eine Kammer bekommen«, sagte der Wirt. »Ich
zeige sie Euch sofort; dann könnt Ihr schlafen geh'n, wann Ihr wollt.«
»Gute Nacht also«, sagte Herr Dirwin. »Auf morgen! Ich hole Euch
ab. Ungefähr um acht Uhr. Ist es recht so?«
»Ja, Herr«, sagte Tiuri.
Er bekam keine Gelegenheit, mehr zu sagen, denn Herr Dirwin
schien die Sache als abgetan zu betrachten. Er grüßte die andern und
entfernte sich. Tiuri seufzte; er wußte auch nicht, was er sonst noch
hätte sagen sollen.
»Geh'n wir schlafen?« flüsterte Piak ihm zu.
»Ja«, sagte Tiuri. »Sag, hast du nicht Hunger?«
»Nu, ehrlich gesagt«, antwortete Piak, »hab' ich seit dem Mittag
noch nichts gehabt.«
»Ich hol' Euch etwas!« rief der Wirt. »Ich bring's aufs Zimmer.«
»Schlaft gut«, sagte Ardoc zu den Jünglingen. »Und Ihr braucht
nichts zu fürchten. Herr Dirwin ist ein verständiger und vor allem
ehrlicher Mann, dem Ihr vertrauen könnt.«
Die Jünglinge wünschten allen Gästen gute Nacht und folgten dem
Wirt in eine kleine, nette Kammer, wo zwei Betten standen. Bald
darauf tat sich Piak an einem späten Mahl gütlich. Tiuri aß auch ein
bißchen mit.
»Ha, ha«, sagte Piak mit vollem Mund. »Endlich sind wir allein.«
»Nun kann ich dir endlich danken«, sagte Tiuri.
»Das hast du schon getan«, sagte Piak. »Hast du ihn noch?«
249
Tiuri legte die Hand auf die Brust. Er fühlte den Ring von Ritter
Edwinem, aber nicht mehr das Pergament und die Siegel des Briefes,
den er so lange bei sich getragen hatte.
»Ich habe ihn verbrannt«, sprach er flüsternd, »aber ich weiß den
Inhalt auswendig.«
»Ja?« sagte Piak, ebenfalls flüsternd.
Er fragte nicht, wie die Botschaft lautete, obwohl es ihm zu danken
war, daß sie nicht verlorengegangen war.
»Sie war in einer Geheimsprache geschrieben«, erzählte Tiuri. »Die
Bedeutung der Worte weiß ich nicht. O Piak, ohne deine List hätte der
Bürgermeister sie sicher bekommen. Ich weiß nicht, wie ich dir
danken soll.«
»Ach, halt den Mund«, sagte Piak ziemlich verlegen.
Dann fragte Tiuri: »Wie wußtest du, daß die Gastfreundlichkeit des
Bürgermeisters eine Falle war?«
»Oh, das wußte ich nicht sofort«, antwortete Piak. »Ich bekam ein
merkwürdiges Gefühl, als ich die Schilde anschaute. Ganz hinten in
der Halle hing einer, der so rot war wie Blut. Plötzlich erinnerte ich
mich daran, daß die Ritter von Evillan rote Schilde tragen. Aber das
konnte natürlich Zufall sein, dachte ich. Aber dann kam ich zu einer
Tür, und die war offen, und ich hörte Männer reden. Sie sagten, sie
müßten das Stadthaus umzingeln. Nun, das kam mir sonderbar vor,
und ich lauschte. Ich hörte nicht viel, aber doch genug.«
»Was sagten sie?«
»Oh, etwas von einem Burschen zwischen vierzehn und achtzehn
Jahren; ein Jüngling aus dem Osten, von der andern Seite der Berge.
Und daß der nicht entwischen dürfe. Nun gut, ich traute der Sache
nicht, und darum tat ich, was ich tat. Und sie fielen darauf herein!«
»Und dann?« fragte Tiuri. »Was geschah dann, als sie dich
gefangen hatten?«
»Es war dumm von mir«, antwortete Piak, »mich packen zu lassen.
Sie brachten mich in das Loch unter dem Stadthaus… ja, ein Loch…
Es ist sehr groß, aber gar nicht so schön wie oben: kühl und finster.
Sie warfen mich auf den Boden, und der Bürgermeister kam herbei
250
und sagte: ›Gib's her!‹ Ich stellte mich dumm und fragte: ›Was?‹ Da
wurde er wütend, aber er war noch wütender, als er merkte, daß ich
nichts bei mir hatte… mindestens nicht das, was er haben wollte…
Nein, sag jetzt nicht wieder ›danke‹! Warum bin ich denn
mitgekommen? Um dir zu helfen; das ist klar! Außerdem sind
Abenteuer schön, wenn man nachher herrlich essen kann und alles gut
abgelaufen ist.«
Tiuri lachte. Dann wurde er wieder ernst.
»Aber was jetzt?« sagte er. »Wir haben es eilig, aber morgen sollen
wir hier bleiben, um Zeugen zu sein und Erklärungen abzugeben. Und
wir können ja nichts sagen!«
Da wurde an die Tür geklopft.
»Herein!« rief Tiuri.
Es war Iruwen.
»Noch nicht im Bett?« sagte er, während er die Tür hinter sich
schloß. »Das dachte ich schon.«
»Nehmt Platz«, sagte Tiuri. »Jetzt kann ich Euch nochmals danken
für Eure Hilfe. Ohne Euch wäre Piak nie befreit worden.«
»Ja«, sagte Piak, »ich danke Euch tausendmal.«
»Schon gut«, erwiderte der alte Mann lächelnd.
Er setzte sich und schaute sie an.
»Und jetzt wollt Ihr die Stadt sobald wie möglich verlassen«, sprach
er. »Nun, ich hab' einen Freund, der Torwächter am kleinen Tor im
Norden ist. Er hat von zehn bis zwei Uhr Wache. Ihr könnt sofort
weggeh'n.«
Überrascht starrten ihn die Jünglinge an.
»Wollt Ihr uns helfen wegzukommen?« fragte Tiuri.
»Gewiß. Ich hab' begriffen, daß Ihr Eile habt. Und wenn Ihr bleibt,
so kann es ein langer Aufenthalt werden. Ich kenne das. Alles sehr
weitschweifig und umständlich. Herr Dirwin ist ein guter Herr, und
ich bin froh, daß er wieder im Rat ist, aber, wie ich schon sagte:
Dringendes muß vorangeh'n.«

251
»Wir sind sehr froh darüber, daß Ihr uns helfen wollt«, sagte Tiuri.
»Aber wie wißt Ihr, daß unsere Sache dringend ist?«
»Ich hab' so eine Ahnung davon«, antwortete Iruwen, »und wenn
ich irgendeinen Gedanken über etwas hab', so ist er meistens richtig…
Entschuldigt, wenn ich's selber sage. Ihr seid hierher gekommen mit
einem Ziel, und etwas in mir sagt mir, daß es im Interesse von uns
allen ist. Also muß ich Euch helfen, das Ziel zu erreichen.«
»Wir danken Euch sehr«, sprach Tiuri. »Wann können wir gehen?«
»Wenn Ihr mit dem Essen fertig seid«, antwortete Iruwen. »Wir
geh'n durch die Hintertür; niemand merkt es.«
»Ich bin bereit«, sagte Piak. »Ich bring' keinen Bissen mehr
herunter.«
»Oh, ich auch«, erklärte Tiuri. »Ich muß unser Essen noch zahlen.
Und dieses Zimmer. Vielleicht gebt Ihr dem Wirt das Geld.«
Er tastete nach dem Täschchen am Gürtel und erschrak. Es war
weg!
»O Esel«, sagte Iruwen. »Nun habt Ihr doch nicht auf die Schelme
geachtet!«
»Es tut mir leid«, erwiderte Tiuri bestürzt. »Was soll jetzt
geschehen?«
»Oh, es ist nicht schlimm«, sagte Iruwen. »Es wird sicher bezahlt.
Ich entlehne es schon irgendwie.«
»Das ist mir aber sehr unangenehm«, sprach Tiuri. »Piak, hast du
Geld bei dir?«
»Einen roten Heller«, antwortete dieser.
»Behaltet den für Euer Glück«, sagte Iruwen. »Kommt, macht Euch
nicht um Kleinigkeiten Sorgen! Aber den Schelm hoff ich zu
erwischen! Es ist natürlich im Gedränge gescheh'n. Ja, Dangria ist
nicht, was es früher war.«
»Wie war es früher?« fragte Piak, während er sich erhob.
»So, wie es wieder werden soll«, erklärte Iruwen. »Wartet nur, bis
wir einen neuen Bürgermeister haben und die Ritter des Königs
wiederkommen. Wollen wir geh'n?«
252
»Was wird Herr Dirwin sagen?« dachte Tiuri laut.
»Wahrscheinlich wird er zornig sein. Aber er wird's nicht lang'
bleiben können; da hat er zu viel zu tun. Ich hab' gehört, daß er allerlei
Pläne hat. Morgen früh zum Beispiel verreist ein Eilbote zu König
Unauwen.«
»Ein Bote zum König?« fragte Tiuri.
Iruwen schaute ihn scharf an.
»Ja, ein Bote zum König«, sagte er. »Ist das vielleicht unnötig?«
»Warum?« fragte Tiuri. »Es könnte sein, daß bereits ein Bote
geht… Ihr selber, zum Beispiel.«
»Ja«, antwortete Tiuri leise. »Wir gehen zu König Unauwen.«
»Gut, so geht sogleich!« entgegnete Iruwen. »Ich rede morgen mit
Herrn Dirwin. Ihr könnt diese Nacht noch ein gutes Stück weit
kommen.«
Eine Weile später schlichen sie durch die stillen Straßen zu dem
Tor, wo Iruwens Freund Wache hielt. Unterwegs begegneten ihnen
einige bewaffnete Reiter. Iruwen bedeutete den Jünglingen, sich im
Hintergrund zu halten. Dann hielt er die Reiter auf und sprach sie an.
Sie schienen den Auftrag zu haben, dafür zu sorgen, daß die
Bewachung aller Stadttore verstärkt wurde.
»Niemand darf die Stadt verlassen«, berichteten sie. »Befehl von
Herrn Dirwin im Namen des Rates.«
Als die Reiter fort waren, sagte Iruwen: »Schnell weg! Sie geh'n
wohl zuletzt zu dem kleinen Tor. Wir müssen vor der Verstärkung
dort sein.«
Rechtzeitig erreichten sie das Tor, mußten aber rasch Abschied
nehmen. Piak und Tiuri dankten dem alten Mann nochmals für seine
Hilfe und wurden vom Torwächter durchgelassen. So verließen sie
Dangria, um ihre Reise nach dem Westen fortzusetzen.

253
Der Zoll am Regenbogenfluß

Die Freunde wanderten die ganze Nacht hindurch. Sie wollten


Dangria so schnell wie möglich weit hinter sich lassen und die
verlorene Zeit einholen. Es war still; sie sahen oder hörten niemand.
Ab und zu plauderten sie leise miteinander, aber als die Nacht sich
hinzog, wurden sie schweigsam. Erst bei Tagesanbruch rasteten sie,
aber nicht lange, so müde sie auch waren. Später hatten sie das Glück,
auf dem Heuwagen eines Bauern mitfahren zu dürfen; er reiste eine
Strecke weit westwärts. Als sie in dem duftigen Heu lagen, wurde der
Schlaf übermächtig, und sie erwachten erst, als die Sonne hoch am
Himmel stand.
»Was seid Ihr für Schlafmutzen!« sagte der Bauer. »Aber wenn Ihr
zum Regenbogenfluß wollt, so müßt Ihr hier absteigen. Ich fahr' in
einen Seitenweg.«
Die Jünglinge dankten ihm, und bald darauf schritten sie weiter
durch ein Gebiet mit niedrigen, welligen Hügeln. Tiuri schaute
mehrmals zurück; es kam niemand hinter ihnen her. Dangria war nicht
mehr zu sehen, aber er konnte sich erst sicher fühlen, wenn sie auf der
andern Seite des Regenbogenflusses waren, wo nach Ardoc das Herz
von Unauwens Reich war.
Sie gelangten zu einem Obstgarten, blieben stehen und schauten
hungrig auf die reifen Früchte an den Ästen.
»Ich hab' im Sinn, ein paar Äpfelchen zu stehlen«, sagte Piak. »Ist
das schlecht, wenn man nichts zu essen bei sich hat und kein Geld, um
etwas zu kaufen, und wenn man Hunger hat, und Eile, und einen
wichtigen Auftrag noch dazu?«
»Wir wollen es wagen«, sagte Tiuri mit einem Lächeln.
Sie aßen die Äpfel, als sie weitergingen.
Am späten Nachmittag führte sie der Weg über einen Hügelrücken,
und als sie sich auf der höchsten Stelle befanden, sahen sie den
Regenbogenfluß vor sich liegen. Der Fluß war sehr breit und glänzte
254
in der Sonne. Eine steinerne Brücke war darüber gebaut, neben der am
östlichen Ufer eine mächtige Burg aufragte. Daneben sahen sie Häuser
und Bauernhöfe, umgeben von gut aussehendem Ackerland. Auf der
andern Seite des Flusses stand ein Dorf; dort führte der Weg weiter
nach Westen. Die Freunde gingen auf den Fluß zu und gelangten
dabei wieder in bewohnte Gegend. Auf den Feldern waren viele Leute
an der Arbeit.
Sie schauten zur Burg hinüber: Je näher sie ihr kamen, desto
mächtiger kam sie ihnen vor. Die Brücke gehörte wohl zum Schloß.
Am Brückentor war eine Schranke heruntergelassen. Bei dieser Sperre
stand ein Wächter mit Helm und Speer und einem Schild in allen
Farben des Regenbogens. Ein Mann zu Pferd kam aus einem
Seitenweg und ritt vor ihnen zur Brücke. Als er die Schranke erreicht
hatte, beugte er sich zum Wächter hinab und sprach einen Augenblick
mit ihm. Dieser schob die Schranke zur Seite und ließ ihn durchreiten.
Dann schob er das Hindernis wieder an seinen Platz.
»Oh, wir können hindurch«, sagte Piak erleichtert.
Bald darauf standen die Freunde vor der Brücke.
»Guten Tag«, sagte der Wächter. »Müßt Ihr hinüber?«
Die Jünglinge bejahten.
»Zum erstenmal, nicht wahr?« fragte der Wächter. »Das kostet
jeden drei Goldstücke.«
»Was?« rief Tiuri. »Können wir nicht einfach hinüber?«
»Natürlich nicht«, erwiderte der Wächter erstaunt. »Ihr müßt
zahlen, wenn Ihr den Regenbogenfluß überqueren wollt.«
»Warum?« wollte Piak wissen.
»Warum?« entgegnete der Wächter. »Eine solche Frage hab' ich
noch nicht gehört, solange ich Zollwächter bin und den
regenbogenfarbigen Schild trage. Woher kommt Ihr, weil Ihr nicht
einmal wißt, daß man hier Zoll zahlen muß? Denkt Ihr, man kann
diese prächtige Brücke einfach betreten und auf die andere Seite des
Flusses gehen?«
»Aber«, bemerkte Tiuri, »wenn wir nicht zahlen können?«

255
»Dann könnt Ihr nicht auf die andere Seite«, erklärte der
Zollwächter.
Tiuri schaute auf den Fluß. Er war noch breiter, als er zuerst
angenommen hatte, und die Strömung schien sehr stark zu sein. Er
zweifelte daran, ob er die andere Seite schwimmend erreichen würde.
Aber vielleicht konnte er ein Boot bekommen.
»Wer den Regenbogenfluß überqueren will, muß Zoll zahlen«,
sagte der Wächter, als ob er Tiuris Gedanken erraten hätte.
»Ihr müßt Zoll zahlen, ob Ihr über die Brücke geht oder in einem
Boot oder schwimmend. Aber das letzte würd' ich Euch nicht raten.«
Tiuri schaute ihn an.
»Wir müssen auf die andere Seite«, sagte er, »aber wir haben nicht
mehr als einen roten Heller. Warum gibt es hier einen Zoll?«
»Fragt das den Zollherrn«, antwortete der Wächter und zeigte nach
der Burg. »Er ist's, der hier den Zoll erhebt, mit Zustimmung von
König Unauwen.«
»Aber wir können nicht zahlen!« rief Piak. »Ich finde das eine
merkwürdige Gewohnheit. Arme Leute können also nie bis ins Herz
von Unauwens Reich kommen.«
»Das ist nicht wahr«, rief der Wächter zornig. »Jeder, ob arm oder
reich, darf den Fluß überqueren. Zoll muß bezahlt werden, aber der
Zollherr gibt jedem Gelegenheit, ihn zu verdienen. Ihr könnt auf
seinen Gütern arbeiten, und für jede Woche, während der Ihr arbeitet,
bekommt Ihr ein Goldstück. Nach drei Wochen habt Ihr dann die
Goldstücke verdient, die Ihr braucht.«
Tiuri und Piak schauten einander an.
»Nun, was sagt Ihr dazu?« fragte der Wächter. »Ihr braucht also
nicht betrübt zu sein. Geht nur zu dem großen Bauernhof dort und
fragt den Verwalter, was es zu tun gibt. Ich denke, Ihr könnt schon
morgen anfangen.«
»Wir haben nicht die Zeit, drei Wochen lang zu arbeiten«, erklärte
Tiuri. »Wir haben Eile.«
In diesem Augenblick kam ein zweiter Wächter aus einem Törchen
der Burg und schritt auf sie zu.
256
»Ach, Eile«, sagte der erste Wächter. »Das sagen so viele.«
»Es ist aber wahr«, bemerkte Piak.
»Was ist wahr?« fragte der zweite Wächter, der sie erreicht hatte
und bei ihnen stehenblieb.
Der erste Wächter antwortete: »Diese Jünglinge haben kein Geld
zum Zahlen des Zolls und keine Zeit dafür zu arbeiten.«
Der zweite Wächter schaute die Freunde prüfend an.
»Drei Goldstücke in drei Wochen sind schnell verdient«, erklärte er.
»Der Herr dieses Schlosses hat sicher keinen Mangel an Arbeitern«,
sagte Piak ziemlich scharf.
Der zweite Wächter blickte ihn halb erstaunt, halb zornig an.
»Was wollt Ihr damit sagen?« fragte er. »Drei Goldstücke in drei
Wochen, das ist gut bezahlt.«
»Aber nicht, wenn man die Goldstücke wieder für den Zoll
weggeben muß«, erwiderte Piak.
»Nun, dafür habt Ihr dann doch gearbeitet – um auf die andere Seite
zu kommen!«
»Ich will jetzt hinüber«, sagte Piak. Er wandte sich an Tiuri und
fragte: »Hast du je so etwas mitgemacht, daß man nicht einfach über
einen Fluß gehen kann?«
»Nie«, antwortete Tiuri.
»Ich hab' schon begriffen, daß Ihr aus einer andern Gegend
kommt«, bemerkte der zweite Wächter. »Sonst war' ich schon lang'
zornig auf Euch geworden. Jetzt müßt Ihr einmal erzählen, junger
Mann, ob Ihr je einen Fluß mit einer solchen Brücke darüber geseh'n
habt. Sieben Bogen aus Stein, und das in dieser starken Strömung.
Habt Ihr je eine solche Brücke geseh'n?«
»Nein«, antwortete Tiuri, »das nicht. Aber ich will ebensogern mit
einem Boot auf die andere Seite fahren. Darf ich das nicht?«
»Doch«, sagte der erste Wächter. »Wenn Ihr drei Goldstücke zahlt.
Das ist hier die Vorschrift. Und ob Ihr das für richtig haltet oder nicht,
so ist's und so bleibt's. Wenn Ihr nicht zahlen könnt und nicht arbeiten
wollt, so könnt Ihr nicht auf die andere Seite.«
257
Aber der zweite Wächter sagte: »Wenn Ihr wirklich in Eile seid, so
ist's möglich, mit unserem Herrn zu reden. Ich erinnere mich an eine
Frau, die sogleich durchgelassen werden durfte, weil auf der andern
Seite ihr Sohn schwer krank lag. Wenn Ihr einen triftigen Grund für
Eure Eile habt, so müßt Ihr zum Zollherrn geh'n und ihn bitten, Euch
ohne Zahlung durchzulassen. Er ist der einzige, der darüber befinden
kann.«
Die Jünglinge schauten einander zögernd an.
»Der Zollherr macht eben einen Rundritt durch seine Besitzungen«,
fuhr der zweite Wächter fort. »Meistens ist er ungefähr um sechs Uhr
zurück. Ihr könnt inzwischen zum großen Tor gehen und dort auf ihn
warten.«
»Danke«, sagte Tiuri.
Die Jünglinge grüßten den Wächter, aber der zweite hielt sie noch
zurück.
»Ich will Euch davor warnen«, sagte er, »Euch irgendeine
Dummheit auszudenken. Die würde Euch dann mehr als drei Wochen
kosten können. Übertreter werden streng bestraft.«
»Was jetzt?« flüsterte Piak, als sie langsam zum großen Burgtor
schritten.
»Ich weiß es nicht«, seufzte Tiuri.
Den Zollherrn bitten? Dann mußte er sein Geheimnis bekanntgeben,
und wie konnte er wissen, ob dem Zollherrn zu trauen war? Schon
allein, weil er Zoll erhob, fühlte Tiuri wenig Zuneigung für ihn. Die
Tortür war offen, und im Torgang saßen Wächter. Die Freunde
blieben ein Stück weit von ihnen entfernt stehen. Sie sagten nichts
mehr zueinander, wußten aber stillschweigend, daß sie zuerst warten
mußten, bis der Zollherr zurückkam. Vielleicht konnten sie, wenn sie
ihn gesehen hatten, etwas beschließen.
Piak ergriff seinen Arm.
»Dort kommt er«, sprach er flüsternd.
Im Osten war es unmerklich schon recht dunkel geworden; der
Himmel selber sah nach schlechtem Wetter aus. Ein Reiter auf einem
weißen Pferd kam jetzt schnell auf die Brücke zugeritten. Er trug
258
einen langen Mantel, der beim Reiten flatterte: außen schwarz und
innen azurblau. Einen Augenblick später stob er an ihnen vorbei, ein
Mann, der Ehrfurcht einflößte, mit einem bleichen, schönen, aber
strengen Gesicht und wehendem schwarzem Haar. Er ritt in den
Torgang, ohne nach den beiden geschaut zu haben, und wurde dort
wirklich von den Wächtern als ihr Herr begrüßt. Die Jünglinge
drehten sich um und gingen, wie abgemacht, von der Burg weg.
»Wie findest du den Zollherrn?« fragte Tiuri nach einem Weilchen.
»Ich sah ihn nur kurz«, antwortete Piak, »aber er scheint mir ein
großer, mächtiger Herr zu sein. Ich hätt' nicht gern Streit mit ihm.«
»Streng und unnahbar«, murmelte Tiuri.
Nein, der Zollherr schien nicht einer zu sein, den man anschwindeln
konnte, nicht einer, der seine Brücke öffnen würde ohne wichtige
Gründe, die Gründe, die Tiuri nicht bekanntgeben durfte.
Sie gingen an der Schranke vorbei. Der erste Wächter stand noch
dort und schaute ihnen spöttisch nach. Schließlich spazierten sie den
Fluß entlang auf einem Pfad, der etwas höher lag. Eine kurze, steile
Böschung führte von dort zu einem schmalen Strand, gegen den das
Wasser klatschte. Nach einer Weile blieben sie stehen und schauten
verlangend zum andern Ufer und zur Brücke, die sie nun erst in ihrer
ganzen Pracht sahen: sieben mächtige Bogen auf Pfeilern, die stark
und fest im unruhigen Wasser standen.
»Was tun wir jetzt?« fragte Piak leise.
»Darüber denke ich noch nach«, entgegnete Tiuri. »Ich frage mich,
ob ich nicht auf die andere Seite schwimmen kann. Der Fluß ist zwar
breit und die Strömung stark, aber schau, dort ist ein Inselchen; dort
könnte ich rasten.«
Piak blickte mit der Hand über den Augen nach dem Inselchen, das
nicht mehr als ein einzelner Felsen war.
»Vielleicht«, sagte er zweifelnd. »Ich könnt' es nicht. Ehrlich
gesagt, kann ich gar nicht schwimmen. Aber du mußt dich von mir
nicht zurückhalten lassen.«
In diesem Augenblick kam ein Krieger auf sie zugeschlendert. Es
war der zweite Wächter.
259
»So«, sagte er. »Schaut Ihr zum anderen Ufer? Ihr denkt doch nicht
etwa daran hinüberzuschwimmen, hoffe ich?«
Die Jünglinge schauten ihn an, gaben aber keine Antwort.
»Das müßt Ihr Euch aus dem Kopf schlagen«, fuhr der Wächter
fort. »Soweit ich mich erinnere, ist es dreimal vorgekommen, daß
einer das gewagt hat. Einer wurde durch ein Boot des Zollherrn vor
dem Ertrinken gerettet und bekam eine Gefängnisstrafe, weil er den
Zoll hatte umgehen wollen. Der zweite erreichte das andere Ufer; er
wurde ein paar Tage später als Leiche angeschwemmt. Den dritten hat
man nie wiedergesehen.«
»Konnten sie denn nicht schwimmen?« fragte Piak.
»Sie konnten gut schwimmen«, antwortete der Wächter. »Es ist die
Strömung, die hier tückisch ist. Vor allem dort bei dem Inselchen.
Voller Wirbel, auch wenn man's von hier aus nicht sieht.«
»Nun«, sagte Piak, »dann schwimmen wir halt nicht.«
Tiuri zeigte zum andern Ufer.
»Ich sehe dort Boote liegen«, sagte er. »Kommt es vor, daß jemand
den Fluß mit einem Boot überquert?«
»Gewiß«, sagte der Wächter. »Es gibt Boote, die aufwärts und
abwärts fahren, vom einen Ufer zum anderen, Fischerboote und
Schiffe, die mit Handelsware von Norden und Süden kommen. Aber
jeder, der von einem Ufer ans andere will, muß Zoll zahlen. Das erste
Mal drei Goldstücke, das zweite Mal zwei und das dritte Mal eines.«
»Und nachher?« fragte Piak. »Braucht man dann nichts mehr zu
zahlen?«
»So ist's«, erklärte der Wächter. »Aber Ihr seid Fremdlinge und seid
folglich Zoll schuldig. Laßt Euch einen guten Rat geben: Versucht
nicht auszukneifen! Die Diener des Zollherrn beobachten Euch schon.
Wenn jemand nicht zahlen kann oder will, so wird die Bewachung
verschärft. Schaut nur zur Brücke!«
Die Freunde blickten hin und sahen zwei Krieger auf der Brücke
langsam hin und her gehen.
»Und auf der andern Seite stehen auch Leute Wache«, fügte der
gute Ratgeber bei.
260
»Nun, dann gehen wir halt auf den Landgütern arbeiten«, sprach
Tiuri.
Er meinte es natürlich nicht im Ernst, aber das ging den Wächter
nichts an.
»Das ist sehr verständig«, sagte der Wächter zufrieden.
Ein Stück weiter weg war ein Mann auf dem Feld an der Arbeit
gewesen; er hatte manchmal zu ihnen hinübergeschaut. Der steckte
nun seinen Spaten in den Boden und kam auf sie zu.
»So, Ferman«, sagte der Wächter. »Habt Ihr Euer Brot heut' wieder
verdient?«
»Im Schweiße meines Angesichts«, antwortete Ferman, während er
sich die Stirn abwischte. »Guten Abend«, sagte er zu den Freunden.
»Sehnende Blicke aufs andere Ufer?«
»Ich hab' ihnen schon gesagt, sie sollten nichts unternehmen«, sagte
der Wächter.
»Recht habt Ihr«, sprach Ferman, »so wie immer, weiser Warmin,
Wächter beim Zoll!« Erzeigte nach Nordwesten und erklärte den
Jünglingen: »Wenn Ihr es ein Stück weiter weg versuchen wollt…
Pech! Dort ist wieder ein Zoll! Und im Süden gibt's auch einen, den
Zoll des Regenbogenberglandes, und noch weiter flußaufwärts den
Zoll von Vorgota.«
»Kann man nirgends den Regenbogenfluß einfach überqueren?«
fragte Tiuri.
»Nein«, erwiderte Warmin, der Wächter. »Der ganze
Regenbogenfluß wird von den Zollherren bewacht. Und am Silberfluß
ist auch eine Stelle, wo Zoll erhoben wird.«
Piak machte ein böses Gesicht, aber er sagte nicht, was er dachte.
»Ich geh' zurück ins Schloß«, sagte Warmin. »Es ist ohnehin
Essenszeit. Ihr könnt also beim Verwalter unterkommen. Wenn Ihr
jetzt hingeht, so bekommt Ihr von ihm etwas zu essen und ein Obdach
als Vorschuß auf Eure Arbeit. Kommt Ihr ein Stück weit mit,
Ferman?«
»Gut«, sagte dieser, aber er blieb stehen und schaute die Freunde
an.
261
»So kommt!« bemerkte Warmin. Er wandte sich an Tiuri und gab
ihm den letzten guten Rat. »Sogar, wenn Ihr ein Boot bekommen
könntet«, sagte er, »so war's noch gefährlich, damit auf einem Fluß zu
fahren, den Ihr nicht kennt.«
Er grüßte sie und ging weg. Ferman folgte ihm.
»Nun«, sagte Piak, »das wissen wir bereits. Wir dürfen nicht
schwimmen; wir dürfen nicht fahren; wir dürfen nicht über die
Brücke. Zum Zollherrn geh'n darf man auch nicht. Ob wir irgendwo
Geld leihen können? Aber wer gibt uns drei Goldstücke, ohne uns zu
kennen? Zurückgehen nach Dangria, um es dort zu versuchen? Nein,
wir haben uns ohnehin beeilen müssen, um dort wegzukommen. Was
jetzt?«
»Still«, sagte Tiuri. Er schwieg; dann fügte er hinzu: »Es ist
merkwürdig, aber ich habe das Gefühl, daß es noch einen Weg gibt,
über den Fluß zu gelangen. Ich weiß nur nicht, welchen.«
»Still!« sagte Piak seinerseits. »Dort kommt jemand. Ich glaube, es
ist wieder dieser Ferman.«
Wirklich war es Ferman. Er grüßte sie und blieb bei ihnen stehen.
»Die Sonne ist bald drunten«, sagte er. Er schwieg ein Weilchen
und fuhr dann in geheimnisvollem Ton fort: »Nebel im Westen,
Regen im Osten… Es gibt eine dunkle Nacht. Keinen Stern und
keinen Mond werden wir seh'n.«
Die Freunde blickten ihn fragend an.
Ferman schaute sich um und sprach flüsternd: »Ich hab' ein Boot,
ein kleines. Es liegt ein bißchen weiter weg.«
»Meint Ihr…«, sagte Tiuri, »wollt Ihr uns Euer Boot leihen?«
»Ah, vielleicht schon, aber sagt es niemand! Es ist verboten; ich bin
straffällig, wenn ich's tu'. Ihr habt keine Goldstücke, aber ich verlang'
nicht so viel. Was habt Ihr, um mich zu bezahlen?«
»Das«, erwiderte Piak, und er hielt sein Kupferstückchen empor.
»Das ist alles, was wir haben.«
Ferman schüttelte den Kopf und bemerkte: »Viel ist das nicht
wert.«

262
Dann nahm er das Geldstück aus Piaks Hand, murmelte etwas
Unverständliches und warf es auf.
Er bückte sich dann, um es aufzuheben, und sagte: »Kreuz.«
»Was bedeutet das?« fragte Tiuri.
»Ich hab' geworfen, um zu wissen, was ich tun soll. Ihr könnt nichts
zahlen, aber ich könnt' Euch gleichwohl helfen. Nun, wenn ich Kreuz
werfe, so wollte ich's tun. Und ich hab' Kreuz geworfen; also
bekommt Ihr mein Boot… wenn Ihr wollt.«
Ferman gab Piak den Heller zurück.
»Dürfen wir also Euer Boot leihen?« flüsterte Tiuri erregt.
»Ja, wenn Ihr wollt«, antwortete Ferman. »Könnt Ihr rudern?«
»Jawohl«, erklärte Tiuri.
»Gut, dann könnt Ihr's versuchen … aber auf Eure eigene
Verantwortung! Ich zeig' Euch, wo mein Boot liegt, sobald es dunkel
ist. Früher könnt Ihr doch nicht gehen.«
»Wir danken Euch sehr«, sagte Tiuri.
»Still!« sagte Ferman. »Keinen Dank. Wenn die Münze anders
gefallen war', so hätt' ich's nicht getan. Nur eins: Ihr dürft niemand
erzählen, daß das Boot von mir ist. Ich bin schon zweimal im
Gefängnis gewesen, und ich will nicht noch einmal hinein. Wenn Ihr
erwischt werdet, so helf ich Euch auch nicht. Es ist auf Eure eigene
Verantwortung. Ihr habt das Boot zufällig geseh'n und habt es
genommen. Verstanden?«
»Natürlich«, sagten die Jünglinge.
»Ich geh' jetzt weg«, sprach Ferman. »Kommt nach zwölf Uhr
hierher zurück, und zwar so, daß Euch niemand sieht. Lauft den
Strand entlang flußabwärts. Ich warte auf Euch. Und wenn ich auch
einmal einen guten Rat geben darf, so geht jetzt zum Bauernhof und
bittet den Verwalter um Arbeit. Wenn Ihr das getan habt, so achten die
Diener des Zollherrn nicht mehr so auf Euch, und vielleicht bekommt
Ihr etwas zu essen.«
Die Jünglinge versprachen, dies zu tun, dankten nochmals und
nahmen Abschied.
263
Tiuri und Piak begaben sich zu dem Bauerngut, und dort wurde
ihnen für den nächsten Morgen Arbeit versprochen. Außerdem
erhielten sie Brot und Milch und einen Schlafplatz in einer leeren
Scheuer. Dort warteten sie, bis sie eine Uhr die zwölfte Stunde
schlagen hörten. Dann schlüpften sie vorsichtig hinaus, um sich
wieder zum Fluß zu begeben. Ferman hatte recht bekommen; es war
eine dunkle Nacht. Sie fröstelten, aber nicht nur vor Kälte, als sie an
dem schmalen Strand flußabwärts gingen. Nach und nach begannen
sich ihre Augen an die Finsternis zu gewöhnen. Es war ganz still; sie
hörten nur das Wasser des Flusses rauschen. Die Brücke war fast nicht
zu sehen, aber hinter einigen Fenstern der Burg brannte noch Licht.
Sie erschraken, als plötzlich Ferman vor ihnen auftauchte.
»Ha«, sagte er leise. »Folgt mir! Es sind nur noch ein paar
Schritte.«
Vorsichtig gingen sie hinter ihm her.
»Hier«, sprach Ferman und blieb stehen.
Die Jünglinge sahen undeutlich ein kleines Boot liegen, das halb auf
den Strand gezogen war.
»Die Ruder liegen drin«, flüsterte Ferman. »Ihr könnt also gehen.«
»Was für ein kleines Boot!« sagte Piak ziemlich unruhig. »Kann es
nicht umschlagen?«
»Jedes Boot kann umschlagen«, entgegnete Ferman nach kurzem
Schweigen. »Aber ich will doch noch einmal sagen, daß Ihr auf Eure
eigene Verantwortung geht. Ihr könnt das Boot auf der andern Seite
festlegen; ich sorg' schon dafür, daß ich es zurückbekomme. Aber
wenn ich's ehrlich sagen darf: ich würde nicht gehen, wenn ich an
Eurer Stelle wäre, jetzt nicht und morgen nicht. Ich würde lieber drei
Wochen arbeiten, wenn ich an Eurer Stelle wäre. Aber das müßt Ihr
selber wissen.«
»Warum dürfen wir denn Euer Boot haben?« fragte Piak.
»Vielleicht weil ich begreifen kann, daß jemand dem Zoll
ausweichen will. Ich hab's selber auch versucht. Jetzt ist's nicht mehr
nötig, weil ich schon mehr als dreimal auf der andern Seite gewesen
bin… Nun, was tut Ihr?«
264
»Ich gehe«, erklärte Tiuri. »Aber du brauchst nicht mitzukommen,
wenn du nicht willst«, sagte er zu seinem Freund.
»Natürlich komm' ich mit«, entgegnete Piak. »Solang' ich dir nicht
lästig bin, bleib' ich bei dir.«
»Aber…« begann Tiuri.
»Still!« unterbrach ihn Piak. »Steigen wir ein und stoßen ab? Du
kannst rudern.«
»Am besten scheint mir, wenn einer von Euch rudert und der andere
ausschaut«, sagte Ferman. »Zwar ist nicht viel zu sehen. Ich kann
Euch auch kaum sagen, worauf Ihr achten müßt. Rudert mit festen
Schlägen! Nach ungefähr dreißig Schlägen müßt Ihr aufpassen. Dann
nähert Ihr Euch der Insel, die Ihr am Nachmittag wohl geseh'n habt.
Dort dreht sich die Strömung nach allen Seiten. Sorgt dafür, daß Ihr
nicht zu nahe kommt, denn sonst lauft Ihr Gefahr, an einem der
Felsen, die unter Wasser liegen, aufzulaufen. Es ist eine böse Stelle
beim Überqueren, aber weiter weg ist ein Wachtposten des Zollherrn,
und dort werdet Ihr wahrscheinlich entdeckt. Näher bei der Brücke
ist's das gleiche. Wenn Ihr an der Insel vorbei seid, so ist nicht mehr
viel zu fürchten, jedenfalls nicht vom Fluß selber. Nun, geht Ihr oder
nicht?«
»Wir gehen«, sagte Tiuri entschlossen.
Sein Herz klopfte rasch. Er begriff gut, daß die Fahrt nicht ohne
Gefahr war. Aber er war schon oft gerudert, früher, am Blauen Fluß.
»Wir geh'n«, echote Piak.
»Also gute Reise«, sagte Ferman mit einem Seufzer. »Ich helfe
Euch, das Boot abzustoßen.«
Bald darauf saßen die Jünglinge im Boot, Tiuri an den Rudern und
Piak ihm gegenüber. Tiuri konnte Piaks Gesicht nicht sehen.
»Du kannst noch aussteigen«, flüsterte Tiuri ihm zu.
»Nein!«, sagte Piak.
»Sst!« zischte Ferman, während er das Boot abstieß.
Tiuri bewegte die Ruder.

265
»Viel Glück!« wünschte Ferman. »Rudert hart! Ja, so! Nicht
schaukeln!«
Tiuri ruderte zuerst etwas unbeholfen, aber nach ein paar Schlägen
ging es schon besser. Die Strömung war sehr stark, das spürte er. Er
sah undeutlich den Strand und Fermans Gestalt, der ihnen
nachschaute. Dann verschwanden sie in der Finsternis. Er richtete
seine ganze Aufmerksamkeit auf das Boot, das sich drehte und
schwankte.
»Schau nach der Insel«, sagte er zu Piak, »und warn mich sofort,
wenn du etwas siehst!«
»Kann ich nicht rudern helfen? «fragte Piak und beugte sich zu ihm.
»Nein«, erwiderte Tiuri keuchend. »Einer von uns muß Ausschau
halten. Siehst du etwas am Ufer oder auf der Brücke?«
»Nichts«, sagte Piak. »Im Schloß brennt noch immer Licht. Aber
sie können uns sicher nicht entdecken. Ich kann auch fast nichts
sehen. Keinen Felsen. Und vom andern Ufer seh' ich gar nichts.«
Tiuri schaute rückwärts. Piak hatte recht. Es war, als ob sie auf
einer unabsehbaren Wasserfläche ohne Anfang und ohne Ende
dahintrieben. Tiuri ließ die Ruder ein wenig in Ruhe. Sogleich drehte
sich das Boot aus dem Kurs, und hastig bewegte Tiuri sie wieder. Nun
sah er etwas weiter flußabwärts ein kleines Licht an dem Ufer, das sie
eben verlassen hatten. Ob das der Wachtposten war, von dem Ferman
gesprochen hatte?
»Ich bekomm' nasse Füße«, sagte Piak.
Nun merkte Tiuri es auch. Es war Wasser im Boot. War das auch
schon so gewesen, als sie es betraten? Oder leckte es?
»Ich hoffe, wir sinken nicht«, sagte Piak.
»Sst!« machte Tiuri, während er die Ruder wieder ruhen ließ. »Ich
sehe dort Licht; vielleicht können sie uns hören.«
»Sicher nicht«, behauptete Piak. »Das Wasser macht zu viel Lärm.«
»Schau nach, ob du etwas findest zum Schöpfen«, sagte Tiuri.
»Um was zu tun?«

266
»Um damit Wasser zu schöpfen. Liegt kein Kübel oder so etwas im
Boot?«
Piak bewegte sich. Das Boot schaukelte.
»Paß auf!« flüsterte Tiuri.
Er wußte nun sicher, daß das Boot nicht stabil war, klein, alt und
wahrscheinlich leck. Er warf einen Blick hinter sich. Es schien dort
noch dunkler zu sein. Waren sie schon nahe bei der Insel? Er ruderte
weiter. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. Piak suchte auf dem
Boden des Bootes.
»Es kommt immer mehr Wasser herein«, meldete er bald darauf.
»Hier ist etwas! Ein Napf.«
»Jetzt Wasser schöpfen!« sagte Tiuri. »Aber beweg dich so ruhig
wie möglich!«
Zweifellos war das Boot leck. Aber wenn Piak fortwährend
schöpfte, so konnte es sich wohl halten. Dabei vergaß er aber
aufzupassen! Er schaute wieder hinaus. Nichts zu sehen. Oder
zeichnete sich dort etwas Dunkles gegen die Finsternis ab? Eine Welle
schlug plötzlich an das Boot und drehte es um einen halben Schlag ab.
»Paß auf!« flüsterte Piak erschrocken.
»Schau hinaus!« sagte Tiuri. »Wir können nicht mehr weit von der
Insel sein.«
Sie befanden sich jetzt in einem Wirbel von Strömungen. Tiuri
mußte sich sehr anstrengen, um das Boot im Kurs zu behalten.
»Ich hör' etwas!« sagte Piak.
Ja, unbestimmt und fern ertönten Stimmen.
»Nichts für uns«, bemerkte Tiuri kurz.
»Ich seh' etwas!« rief Piak bald darauf. »Die Insel, die Insel! Sie ist
ganz nah! Rudern! Auf diese Seite!«
Tiuri ruderte mit aller Kraft. Piak vergaß zu schöpfen, bis er daran
erinnert wurde.
»Wir kommen hin«, keuchte Tiuri.

267
Die Hände schmerzten ihm vom Ziehen an den Rudern, und er
spürte auch seine kaum geheilte Wunde wieder. Es kam ihm vor, als
ob auf allen Seiten am Boot gezogen würde. Die Zollwächter hatten
nicht zuviel gesagt: Die Strömung war tückisch. Piak teilte seine
Aufmerksamkeit zwischen dem Schöpfen und dem Spähen nach der
Insel.
»Wir kommen hin«, wiederholte er.
Er schien die Angst überwunden zu haben. Aber da geschah es. Ein
Ruck, ein Krachen! Sie waren auf einen Felsen aufgelaufen! Tiuri
versuchte verzweifelt loszukommen. Es gelang!
»Wir sinken!« rief Piak.
Tiuri hatte keine Zeit nachzudenken, so schnell spielte sich alles ab.
Das kleine Boot war wieder los, aber das Wasser strömte herein, und
es sank verdammt rasch. Dann stieß das Boot an etwas anderes; es
schwankte gefährlich. Ein unterdrückter Schrei von Piak. Ein
Platschen! Piak war über Bord gefallen! Tiuri ließ die Ruder sinken
und hatte das Gefühl, er erlahme. Wenn Piak ertränke!
Einen Augenblick später lag er auch im Wasser und rief, ohne daran
zu denken, daß jemand ihn hören könnte: »Piak, Piak! Wo bist du?«
Er schwamm ein paar Züge, tauchte, tastete um sich herum. Wo war
Piak in diesem unruhigen, schwarzen Wasser? Da hörte er seine
Stimme, unverständlich.
»Piak!« rief er nochmals. »Wo bist du?«
»Hier«, tönte es schwach.
Tiuri tastete um sich und spürte ihn.
»Laß dich treiben!« keuchte er. »Nein, pack mich nicht fest; sonst
kann ich nicht schwimmen.«
Eine Welle schlug über ihn hinweg und zwang ihn zu schweigen.
Aber er hielt den zappelnden Piak nun ganz fest und ließ ihn nicht
mehr los. Das Boot – wo war das Boot? Gesunken, wahrscheinlich. Er
mußte die Insel erreichen! Das war ihre einzige Hoffnung. Wenn sie
nur nicht gegen die Felsen geschlagen wurden!
»Versuch, dich auf den Rücken zu legen!« rief er Piak zu. »Ich
ziehe dich.«
268
Er wußte nicht, ob Piak ihn verstanden hatte, aber dieser hörte auf
zu zappeln. Dann wandte Tiuri sich der Insel zu, während er Piak mit
sich zog. Es waren angstvolle und spannende Augenblicke, aber
schließlich spürte er festen Grund unter den Füßen. Sie waren auf der
Insel.
Tiuri fühlte sich zerschlagen und rang nach Atem, aber Piak neben
ihm lag ganz still. Tiuri beugte sich über ihn.
»Piak!« sagte er und schüttelte ihn hin und her.
Piak stöhnte, richtete sich halb auf und hustete.
»Was für ein Wasser«, stöhnte er fast unverständlich.
Tiuri hätte vor Freude fast tanzen und singen mögen. Aber er
konnte nichts anderes tun als dem Freund auf den Rücken klopfen.
»Wo… wo sind wir jetzt?« fragte Piak, während er sich ganz
aufzurichten versuchte.
»Auf der Insel«, erklärte Tiuri. »Bleib bitte liegen!«
Piak setzte sich auf und fragte: »Und das Boot?«
»Gesunken, fürchte ich«, antwortete Tiuri.
»Das Boot war nichts wert«, sagte Piak und klapperte dabei mit den
Zähnen.
»Nun, zum Glück sind wir nicht ertrunken«, erwiderte Tiuri. »Wie
geht es dir?«
»Ich dachte schon, ich sei ertrunken«, sagte Piak, »aber das geht
wohl nicht so schnell. Hast du mich hierher geschleppt?«
»Ja, was sollte ich denn sonst tun?«
»Mich schwimmen lehren«, antwortete Piak. »Obwohl mir das gar
nicht gefällt. Ich hab' so viel Wasser nicht gern. Ist das Boot weg?«
Tiuri stand auf und spähte in die Dunkelheit hinaus. Er watete sogar
ein bißchen ins Wasser, aber vom Boot war nichts zu erkennen.
Piaks ein bißchen ängstliche Stimme rief ihn zurück.
»Geh jetzt bitte nicht wieder schwimmen!« sagte er. »Ich kann dich
nicht retten, wenn etwas geschieht.«
Tiuri kehrte zurück und setzte sich neben ihn.
269
»Wir hätten es doch nicht erwischt«, sagte er. »Als wir an den
Felsen stießen, ging das Boot zum Teufel.«
»Das wird Ferman freuen«, bemerkte Piak. »Grad recht! Was ist
das, uns ein so löcheriges Ding anzubieten!«
»Auf unsere eigene Verantwortung«, sagte Tiuri.
»Ja, aber er sagte nicht, daß es leck war!«
»Jeder, auch er, hat uns vor der Strömung hier gewarnt.«
»Und was jetzt?« fragte Piak. »Oi, mir ist übel. Und es bleibt
finster.«
»Fühlst du dich sehr unwohl?« fragte Tiuri besorgt.
»Nein«, entgegnete Piak. »Sicher, es geht mir gut. Ich bin nur naß
und wütend. Du nicht?«
Tiuri seufzte. Da saßen sie jetzt mitten im Fluß, ohne Boot. Wenn
der Morgen anbrach, bestand große Gefahr, entdeckt zu werden. Aber
sie konnten nicht flüchten. Ja, er konnte natürlich versuchen, den Rest
des Abstandes schwimmend zurückzulegen, aber das war gefährlich
und somit wahrscheinlich unvernünftig. Außerdem müßte er dann
Piak zurücklassen; es war unmöglich, ihn mitzunehmen.
»Du willst doch nicht weiterschwimmen?« unterbrach Piak seine
Gedanken. »Wenn du das tust, so bist du närrisch. Du ertrinkst, und
deine Botschaft mit dir. Ich sag's sicher nicht meinetwegen; es macht
mir nichts aus hierzubleiben. Der Zollherr kann mich morgen ins
Gefängnis stecken; daran bin ich schon gewöhnt. Und außerdem
werde ich wohl wieder freigelassen.«
»Wenn ich hierbleibe, kommt die Botschaft auch nicht zum König«,
wandte Tiuri ein.
»Das ist wahr«, sagte Piak ergeben. Eine Weile schwiegen sie.
Was nun? fragte sich Tiuri zum soundsovielten Male. Und dann,
plötzlich, wußte er die Antwort.
»O Esel!« sagte er laut.
»Warum nennst du mich einen Esel?« fragte Piak.
»Ich sage es zu mir selber. Ich begreife nicht, daß ich nicht früher
daran gedacht habe!«
270
»Woran?«
»Der Zoll, das Zahlen des Zolls. Ich habe kein Gold, aber etwas, das
viel kostbarer ist!«
»Ja?« sagte Piak verblüfft. »Wo denn?«
»An einem Schnürchen um den Hals.«
Der Ring von Ritter Edwinem, der Ring mit dem Stein, der Licht
gab in der Finsternis! Tiuri hatte diesen Ring nie als den seinigen
betrachtet, sondern als etwas, das er aufbewahren mußte, etwas, vor
dem er Ehrfurcht hatte. Vielleicht war er deshalb nicht auf den
Gedanken gekommen, den Ring als Zahlung für den Zoll zu geben.
Aber Ritter Edwinem hätte es zweifellos auch getan. Die Botschaft
für den König war wichtiger als irgendein Ring. Tiuri holte das
Kleinod hervor und zeigte es Piak.
»Wie ein Stern«, sagte Piak leise.
»Ich hätte sofort daran denken sollen«, erklärte Tiuri. »Jetzt haben
wir wieder Zeit verloren. Unverzeihlich dumm!«
»Aber dieser Ring ist doch viel mehr wert als drei Goldstücke oder
die sechs, die wir zahlen müssen!«
»Und vielleicht noch Buße«, fügte Tiuri hinzu. »Ich denke, der
Wert dieses Ringes ist unschätzbar. Ich habe auch im Sinn, ihn nur als
Pfand zu geben. Später, auf dem Rückweg, kann ich ihn vielleicht
einlösen. Ich werde mit Vergnügen wochenlang dafür arbeiten.«
»Ob der Zollherr damit einverstanden ist?« fragte Piak.
»Ich hoffe es«, sagte Tiuri. »Ich…«
Plötzlich stockte er. Er dachte an die grauen Ritter, die ihn, vom
Ring geleitet, verfolgt hatten.
Wenn der Zollherr den Ring kannte… und erkannte? Ritter
Edwinem war ein berühmter Ritter gewesen, besonders hier im Land
von Unauwen. Wenn der Zollherr ihn, Tiuri, dann fragte, wie er zu
dem Ring gekommen sei? Er stand wieder auf. Doch lieber
schwimmen? Er wußte, daß es gefährlich, ja geradezu
unverantwortlich war. Mit einem Arm, mit dem er unterwegs
vielleicht Beschwerden hatte, und erst noch in der Finsternis… Aber
271
wenn es hell war, so wurde er sogleich gesehen. Was war nun das
Vernünftigste?
»Was willst du tun?« erklang Piaks Stimme hinter ihm.
Tiuri setzte sich und teilte ihm seine Überlegungen mit.
»Ich denke, es bleibt nicht viel anderes übrig, als mit dem Ring zu
zahlen«, meinte Piak. »Ich hab' zum Schwimmen kein Vertrauen.
Aber du mußt entscheiden.«
»Eines weiß ich sicher«, sagte Tiuri nach kurzem Nachdenken. Er
senkte die Stimme, als er weiterfuhr: »Wie geht es, Piak? Kannst du
etwas behalten, was ich dir sage?«
»Natürlich«, antwortete Piak. »Wenn's etwas Wichtiges ist.«
Leise flüsterte ihm Tiuri ein paar Worte ins Ohr.
»Was sagst du?« fragte Piak erstaunt.
»Ich sage dir, was in dem Brief stand. Ich sage dir die Botschaft
Wort für Wort vor. Du mußt sie auch wissen.«
»Ja?« flüsterte Piak.
»Ich habe schon früher daran gedacht, sie dir zu sagen, denn du hast
recht, mein Auftrag ist auch der deine geworden. Jetzt mußt du die
Botschaft auch selber wissen, so daß du, wenn mit mir etwas
geschieht, meine Aufgabe übernehmen kannst.«
»Ja…«, seufzte Piak. Es schien ihm Eindruck zu machen. Aber
gleich darauf setzte er hinzu: »Nun, dann hab' ich wenigstens etwas zu
tun, bis es hell wird. Sag's nur! Ich hoffe bloß, daß ich nie deine
Aufgabe übernehmen muß.«
Nun sprach Tiuri den Inhalt des Briefes leise vor und ließ den
Freund ab und zu ein kleines Stück wiederholen.
»Verstehst du ein Wort davon?« fragte Piak nach einiger Zeit.
»Nein. Und du?«
»Nein, leider nicht. Ob es eine Geheimsprache ist? Nun, fang noch
einmal an, so lange, bis ich's auswendig kann.«
»Denk daran«, sagte Tiuri ein Weilchen später, »daß du andere nie
merken läßt, daß du die Botschaft weißt.«

272
»Das ist selbstverständlich«, gab Piak zurück. »Sag, wird's nicht ein
wenig hell im Osten? Ich muß schnell machen, denn ich will alle
Wörter wissen, bevor die Sonne aufgeht.«

273
Der Zollherr

»Regenbogenfluß«, murmelte Piak, als die Nacht einer grauen


Dämmerung wich. »Ach was! Ich denk' an etwas Schönes, wenn ich
an einen Regenbogen denke, aber dieser Fluß ist kalt und
unfreundlich.« Tiuri schaute um sich und hoffte doch, das Boot zu
sehen. Aber es war nicht so. Er merkte, daß sie sich noch näher am
östlichen als am westlichen Ufer befanden. Er blickte zur Brücke.
Es gingen Leute darüber. Diener des Zollherrn?
»Bald müssen sie uns hier sehen«, sagte er zu Piak.
»So sollen sie's bald tun«, erklärte dieser. »Ich hab' keine Lust, hier
lange zu bleiben.« Er nieste dreimal nacheinander. »Jedenfalls gibt's
schönes Wetter.«
So saßen die Freunde nebeneinander, zitterten in ihren nassen
Kleidern und warteten, bis es ganz hell war. Sie sahen Leute auf
beiden Seiten des Flusses herbeilaufen; einige zeigten auf sie. Dann
ertönte Hörnerklang; er kam von einem der Burgtürme.
»Ob das für uns ist?« fragte Tiuri.
»Schau dort!« rief Piak. Er zeigte zur Brücke. »Ein Boot!«
Unter einem der Brückenbogen kam ein Boot hervor, das schnell in
ihrer Richtung fuhr, ein schönes, schlankes Ruderboot. Auf dem Heck
stand ein Krieger mit einem regenbogenfarbigen Schild. Die Schilde
der Ruderer waren an den Rändern aufgehängt und bildeten eine
schöne Verzierung.
»Ein Boot des Zollherrn«, sagte Piak und nieste wieder.
Gespannt beobachteten die Freunde das Schiff. Ja, es kam auf den
Felsen zu.
Bald darauf hatte es ihn erreicht, und der Krieger am Heck rief
ihnen zu: »Watet auf uns zu und kommt an Bord! Wir können nicht
näher kommen.«

274
Die Jünglinge gehorchten. Viele Hände wurden ausgestreckt, um
den beiden an Bord zu helfen.
»Achtung!« rief der Mann am Heck, der offenbar der Anführer war.
»Legt die Ruder nach Steuerbord!«
Erst als das Boot wieder sicher fortgerudert wurde, wandte er sich
an die Freunde. Diese erkannten in ihm den Wächter, mit dem sie am
vergangenen Nachmittag am Ufer geplaudert hatten: Warmin.
»Ihr seid jetzt Gefangene des Zollherrn«, sprach er streng. »Ihr habt
den Zoll umgehen wollen, und dafür werdet Ihr bestraft.« Dann sagte
er in freundlicherem Ton: »Warum habt Ihr nicht auf meinen Rat
gehört? Ich hatte Angst, aber ich hoffte, Ihr seid vernünftiger. Ihr habt
sicher das alte Wrack von Ferman geliehen?«
»O nein«, log Tiuri.
»O nein?« wiederholte Warmin. »Habt Ihr denn die Strecke
durchschwömmen, so mitten in der Nacht? Dann könnt Ihr mehr als
ich dachte.«
Piak wollte etwas sagen, aber statt dessen nieste er.
»Wenn Ihr Euch erkältet habt, so ist das der verdiente Lohn«, sagte
Warmin, aber er zog seinen Mantel aus und legte ihn dem zitternden
Piak um die Schultern.
Dann sagte er den Freunden, wo sie sitzen sollten, und kümmerte
sich nicht mehr um sie. Das Boot fuhr auf die Brücke zurück, aber
stromaufwärts und daher nicht so rasch, wie sehr sich die Ruderer
auch anstrengten. Tiuri sah Brücke und Burg immer näher kommen,
und das Herz begann schneller zu klopfen.
Er wandte sich an Warmin und sagte: »Ich möchte gern den
Zollherrn sogleich sprechen.«
»Den Zollherrn sprechen!« wiederholte Warmin. »Das hättet Ihr
gestern überlegen müssen. Es ist jetzt zu spät, um mit
Reuebezeugungen und Entschuldigungen zu kommen.«
»Ich spüre nichts von Reuebezeugungen und Entschuldigungen«,
antwortete Tiuri ziemlich zornig. »Es tut mir leid, daß es mir nicht
geglückt ist, den Fluß zu überqueren; es tut mir nicht leid, daß ich es
versucht habe.«
275
»Das steht Euch gut«, sagte Warmin ebenfalls zornig.
»Ich muß wirklich den Zollherrn sprechen«, beharrte Tiuri.
»Warum?«
»Das kann ich nur ihm sagen.«
»So«, machte Warmin mürrisch. »Wir werden seh'n.«
Inzwischen waren sie bei der Brücke angekommen. Tiuri blickte in
die Höhe. Es lehnte jemand über die steinerne Brüstung und schaute
auf sie herab. Es war ein Mann mit einem breitrandigen Hut, der das
Gesicht fast ganz versteckte. Als das Schiff noch näher kam, beugte
sich der Mann noch weiter nach vorn. Tiuri konnte den Blick nicht
von ihm abwenden, obwohl er nicht wußte, wer der Mann war. Er
hörte ihn lachen – ein spöttisches, triumphierendes Lachen. Es tönte
Tiuri noch in den Ohren, als sie unter dem ersten Bogen der Brücke
hindurch fuhren. Er warf einen Blick auf Piak, um zu wissen, ob
dieser auch so betroffen war. Aber Piak saß zusammengeduckt da und
schaute vor sich hin. Sie kamen unter dem Bogen hervor. Jetzt war zu
erkennen, daß die Burg bis an den Rand des Wassers gebaut war. Es
gab einen kleinen Landeplatz, und da war eine Treppe zu sehen, die
im Schloß verschwand. Während das Boot angelegt wurde, sah Tiuri
einen Mann oben an der Treppe stehen. Mit einem Ruck erkannte
Tiuri in ihm den Zollherrn. Dieser blieb unbeweglich stehen und
beobachtete sie. Warmin sprang als erster vom Boot und erwies
seinem Herrn einen Gruß mit dem Schwert. Dann befahl er seinen
Gefangenen barsch, ihm zu folgen. Er ging aber nicht die Treppe
hinauf, sondern begab sich zu einem Pförtchen am entferntesten Ende
des Landeplatzes.
Tiuri blieb stehen und erklärte: »Ich möchte den Zollherrn
sprechen.«
Warmin blieb auch stehen.
»Das wollen wir doch einmal seh'n«, sagte er. »Folgt mir!«
»Ich möchte den Zollherrn sprechen«, wiederholte Tiuri, »jetzt
gleich.«
Er wußte sicher, daß der Zollherr oben an der Treppe ihn verstanden
haben mußte, obwohl dieser sich nichts anmerken ließ. Warmin
276
zögerte einen Augenblick und stieg dann die Treppe hinauf. Er sprach
mit seinem Herrn. Tiuri sah, daß dieser den Kopf schüttelte. Warmin
kam wieder herab. Der Zollherr drehte sich um und verschwand in der
Burg.
»Kommt mit!« sagte Warmin kurz.
»Kann ich den Zollherrn nicht sprechen?« fragte Tiuri.
»Das habt Ihr doch wohl begriffen«, war die Antwort.
»Aber ich muß ihn sprechen«, sagte Tiuri. »Es ist wichtig,
wirklich.«
»Das kann schon sein«, entgegnete Warmin, »aber das geht nicht
mehr so einfach. Ich hab' ihn gefragt, und er hat nein gesagt. Und
damit ist's aus.«
Er schwieg und führte die Jünglinge durch das Pförtchen in die
Burg. Er brachte sie durch einen Gang und eine Treppe hinab und
dann in eine dunkle, gewölbte Halle. Dort kam ihnen ein dicker Mann
mit einer brennenden Laterne in der einen und einem Schlüsselbund in
der andern Hand entgegen.
»Gefangene, Zollverweigerer«, sagte Warmin zu ihm.
Er zog seinen Mantel von Piaks Schultern und wollte weggehen,
aber Tiuri hielt ihn auf.
»Herr«, sagte er, »Ihr seid sehr freundlich zu uns gewesen. Darum
bitte ich Euch nochmals, mein Fürsprecher zu sein. Ich muß den
Zollherrn sobald wie möglich sprechen. Ich kann ihm erzählen,
warum ich dem Zoll ausweichen wollte.«
»Warum denn?« fragte Piak.
Die beiden hatten auf dem Felsen abgemacht, Piak solle sich so
verhalten, als ob er von nichts wüßte. Das schien ihnen die beste Art
zu verbergen, daß auch Piak die Botschaft kannte.
»Das erzähle ich nur dem Zollherrn«, erklärte Tiuri, ebenfalls
gemäß der Abmachung.
Warmin schaute sie an.
»Hm«, sagte er. »Wir wollen sehen.«
Dann wandte er sich um und entfernte sich.
277
»Kommt nur mit«, sprach der dicke Mann. »Ich bin der
Kerkermeister und Euer Wächter, bis ihr freigelassen werdet.«
Er öffnete eine Tür und ließ sie hineingehen. Sie gelangten in eine
Zelle ohne Fenster, und sie war ganz kahl. Nur in einer Ecke lag ein
Bund Stroh.
»Wie lang' müssen wir hier bleiben?« fragte Piak.
»Drei Wochen konntet Ihr arbeiten, draußen im Sonnenschein«,
antwortete der Kerkermeister, »und dann hättet Ihr Euer Zollgeld
verdient. Jetzt dürft Ihr drei Wochen im Dunkeln nichts tun, und wenn
Ihr entlassen werdet, so habt Ihr noch keinen Heller zum Zahlen des
Zolls.«
»Können wir nicht gleich jetzt hinaus?« fragte Piak.
»Nein«, erwiderte der Kerkermeister mit einem zufriedenen
Gesicht. »Ich bewach' Euch, und ich laß Euch nicht hinaus. Es müßt'
schon jemand kommen, der die drei Goldstücke für Euch zahlt… das
ist das Lösegeld, das nötig ist, damit man aus dem Gefängnis
entlassen wird. Und wenn Ihr dann noch über die Brücke wollt, so
kostet das drei Goldstücke dazu. Aber die habt Ihr ja nicht, oder?«
Die Jünglinge schwiegen.
»Nun«, sagte der Wächter, »dann geh' ich. Ihr habt noch Glück, daß
Ihr beisammen seid; das gibt ein bißchen Unterhaltung, nicht? Und
wenn ich Euch einen guten Rat geben darf – zieht die feuchten Kleider
aus! Besser gar keine Kleider als nasse. Das Stroh ist trocken; ich hab'
gestern zufällig grad frisches geholt.«
Nach diesen Worten ging er weg und schloß die Tür hinter sich. Die
Zelle wurde sogleich finster.
»Ich weiß nicht, was ich widerlicher find'«, sagte Piak, »die Kälte
oder die Finsternis.«
»Hoffen wir«, entgegnete Tiuri, »es dauert nicht zu lange.«
Sie folgten dem Rat des Kerkermeisters, zogen sich aus und
krochen ins Stroh. Schlafen konnten sie nicht; dazu waren sie zu
gespannt.

278
Tiuri steckte den Ring an den Finger und hielt die Hand auf. Aus
dem schwachen, aber gut sichtbaren Licht des Steines schöpften die
beiden Hoffnung.
Sie wußten nicht, wieviel Zeit vorübergegangen war, als sie einen
Schlüssel im Schloß knirschen hörten. Hastig schob Tiuri den Ring
vom Finger und verbarg ihn in der Hand.
Der Kerkermeister trat ein. Er hielt die Laterne in die Höhe und
fragte: »Wer von Euch muß den Zollherrn sprechen?«
»Ich«, erklärte Tiuri, während er sich erhob.
»Dann sollt Ihr jetzt mitkommen.« Rasch zog sich Tiuri an.
»Muß Euer Freund nicht mit?« fragte der Kerkermeister.
»Nein«, erwiderte Tiuri, »er nicht.«
Und er zwinkerte Piak unauffällig zu.
»Du läßt mich doch nicht allein?« fragte dieser mit gespielter
Angst.
»Nein«, beruhigte ihn Tiuri. »Ich muß den Zollherrn um etwas
bitten. Auf Wiedersehen!«
Er folgte dem Kerkermeister durch die gewölbte Halle und die
Treppe hinauf. Dort wartete ein anderer Diener des Zollherrn auf ihn,
der ihn in einen höher gelegenen Teil der Burg mitnahm.
»Hier ist es«, sagte dieser Diener schließlich, während er eine Tür
öffnete. »Geht nur hinein. Der Zollherr erwartet Euch.«
Tiuri trat ein. Er blinzelte, denn das Gemach, das er betreten hatte,
war voller Licht. Dann schaute er sich um. Er befand sich in einem
geräumigen Zimmer. Ihm gegenüber waren zwei Fenster, durch die er
den Fluß sehen konnte. Am entferntesten Ende des Zimmers stand ein
großer Tisch, an dem ein Mann saß. Der Zollherr. Tiuri zögerte und
trat dann einen Schritt auf ihn zu. Die Stimme des Zollherrn hielt ihn
auf.
»Geht zum Fenster«, befahl er, »und schaut hinaus!«
Tiuri gehorchte. Vor einem der Fenster blieb er stehen und blickte
hinaus. Er sah den Fluß und begriff nun, warum er so hieß, denn in
dem von der Sonne beschienenen Wasser sah er alle Farben des
279
Regenbogens. Die Luft war heller geworden, und er konnte weit
sehen. In der Nähe erblickte er die Brücke; ihr Anfang war dicht unter
ihm. Er wandte den Blick zum Zollherrn. Dieser war aufgestanden
und trat auf ihn zu.
»Habt Ihr zur Brücke geschaut?« fragte er.
Seine Stimme war ganz anders, als Tiuri erwartet hatte – eine tiefe,
klangvolle Stimme war es, eine Stimme, auf die man hören mußte, ob
man wollte oder nicht.
»Von hier aus sieht sie kleiner aus«, fuhr der Zollherr fort, »aber Ihr
könnt noch besser sehen, was für einen breiten Fluß sie wie eine
Straße überspannt. Vor langer, langer Zeit ist diese Brücke gebaut
worden, und es hat viel Arbeit und Mühe gekostet, um sie zu
errichten. Viel Arbeit und viel Geld. Darum muß jeder, der sie betritt,
zahlen. Weil die Brücke auch für ihn gebaut worden ist. Wer Zoll
zahlte, wurde Miteigentümer der Brücke, auch wenn es nur von einem
Stein wäre. Tausende von Eigentümern hat die Brücke jetzt, die Ost
und West verbindet.«
»Aber«, fragte Tiuri leise, »ist sie denn noch immer nicht bezahlt?«
Er schaute zum Zollherrn auf. Dieser stand nun neben ihm, die
Arme über der Brust gekreuzt, die Hände in den weiten Ärmeln seines
langen Gewandes verborgen. Er blickte nach der Brücke; sein Gesicht
war ernst und nachdenklich. Dann blickte er Tiuri an. Er hatte dunkle
Augen, die mehr wehmütig als streng waren.
»Man muß bereit sein zu zahlen für etwas, was man gern hat«,
sprach er.
Tiuri verwunderte sich über diesen Mann, der so ganz anders war,
als er gedacht und gefürchtet hatte.
Wieder schaute der Zollherr hinaus.
»Diese Brücke wurde so wie die andern Brücken gebaut, um
Unauwens Reich mit der Außenwelt zu verbinden«, fuhr er fort.
»Früher war der Regenbogenfluß die Landesgrenze. Viele Leute
kamen vom Osten her und wünschten, auf die andere Seite des Flusses
zu gelangen, und waren bereit, dafür zu zahlen. Auch hat es schwere
Zeiten gegeben, Zeiten von Gefahr, von Einfallen aus dem Norden,
280
Osten und Süden. Damals waren die Zollherren Bewacher des Flusses,
Verteidiger des Herzens von Unauwens Reich. In späteren Jahren
geriet das Land bis zu den Großen Bergen unter die Herrschaft
Unauwens, aber die Überlieferung blieb: wer den Regenbogenfluß
überquerte, war dem König Zoll schuldig. Der König selber stellte die
Zollherren an. So ist es jetzt noch immer, doch braucht derjenige, der
mehr als dreimal darübergeht, nicht mehr zu zahlen. Und so wird es
wahrscheinlich noch lange bleiben. Nur hoffe ich nicht, daß die
Zollherren je wieder Verteidiger sein müssen, die strengen,
unerbittlichen Herren, die die Fremdlinge jetzt schon in uns sehen.«
Tiuri schwieg, da er nicht wußte, was er sagen sollte.
Der Zollherr schaute ihn wieder an und erklärte mit sachlicherem
Ton: »So, und jetzt erzählt mir, wer Ihr seid und warum Ihr mich
sprechen wollt.«
»Edler Herr«, begann Tiuri, »ich möchte über den Regenbogenfluß
gelangen, aber ich habe kein Geld zum Zahlen und keine Zeit, um
dafür zu arbeiten…«
»Wie heißt Ihr?« fiel der Zollherr ihm ins Wort.
»Martin«, antwortete Tiuri nach kurzem Zögern.
»Ihr kommt von der andern Seite der Berge, wie ich an Eurer
Sprache höre«, sagte der Zollherr. »Heißt Ihr wirklich Martin?«
»Ja, Herr«, erwiderte Tiuri. »So nenne ich mich.«
»Gut, also Martin auf dieser Seite der Berge. Ihr habt versucht, den
Regenbogenfluß ohne Zahlung zu überqueren. Darauf steht Strafe. Ich
erlasse diese Strafe niemals. Warum seid Ihr nicht gestern zu mir
gekommen?«
»Weil…« Tiuri umklammerte den Ring, den er in der Hand hielt.
»Herr«, sagte er dann, »ich hatte keine Goldstücke zum Zahlen,
aber ich habe etwas anderes, einen Schmuck, der viel mehr wert ist.
Davon könnte ich den Zoll und das Lösegeld für meinen Freund und
mich zahlen.«
»So, was für ein Schmuck ist das? Und warum kommt Ihr erst jetzt
damit?«

281
»Ich gebe ihn nicht gern, Herr. Nicht nur, weil er kostbar ist,
sondern weil er mir teuer ist. Ich will ihn auch nicht verkaufen. Ich
will ihn als Pfand geben. Ich will ihn später einlösen und dafür
arbeiten, solange Ihr wünscht.«
»Als Pfand?«
»Ja, Herr. Ist Euch das so recht?«
Der Zollherr warf Tiuri einen durchdringenden Blick zu und gab
nicht sogleich Antwort.
»Warum seid Ihr so in Eile?« fragte er ihn.
»Das kann ich Euch schwerlich erklären«, antwortete Tiuri.
»Erzählt es doch nur!«
»Herr«, sagte Tiuri, »ich kann es Euch wirklich nicht erzählen.«
Wieder schaute der Zollherr ihn durchdringend an.
»Zweimal drei Goldstücke seid Ihr und Euer Freund mir schuldig«,
sprach der Zollherr schließlich, »und dann nochmals zweimal drei
Goldstücke als Lösegeld. Wenn der Schmuck zwölf Goldstücke wert
ist, so will ich tun, was Ihr wünscht. Zeigt ihn einmal!«
Er streckte die rechte Hand aus, die Handfläche nach oben gedreht.
Tiuri legte den Ring darauf. Der Zollherr blickte auf das Kleinod,
schloß die Finger darum und richtete den Blick wieder auf Tiuri.
Dieser wußte, noch bevor ein Wort gesprochen wurde, daß der
Zollherr den Ring kannte!
»Wie kommt Ihr zu diesem Ring?« fragte der Zollherr scharf. Er
öffnete die Hand wieder und sagte: »Dieser Ring gehört nicht Euch!
Wie kommt Ihr dazu?«
»Herr«, erwiderte Tiuri, »ich sehe, daß Ihr diesen Ring erkennt.
Nun kann ich Euch sagen, daß er nicht mir gehört, obwohl ich ihn
erhalten habe…«
»Erhalten?« sagte der Zollherr. »Erhalten? Vom wem? Es gibt nur
zwölf solche Ringe. Schaut!« Er streckte die linke Hand aus und
zeigte Tiuri einen Ring, den er trug.
»Das ist der gleiche Ring!« flüsterte Tiuri erstaunt.

282
»Nicht ganz der gleiche. Nur zwei von diesen Ringen sind einander
völlig gleich. Diese gab König Unauwen seinen Söhnen. Fünf gab er
seinen Rittern und fünf den Brücken- und Flußherren.«
Plötzlich erinnerte sich Tiuri an etwas, das Ritter Ewein ihm gesagt
hatte: »König Unauwen hat seinen treuesten Paladinen solche Ringe
geschenkt.«
»Wie kommt Ihr zu diesem Ring?« fragte der Zollherr nochmals.
Seinen treuesten Paladinen! Und der Zollherr war einer davon!
»Von Ritter Edwinem«, antwortete Tiuri.
»Edwinem«, wiederholte der Zollherr. »Wo, wann und warum gab
er Euch seinen Ring?« Er schwieg einen Augenblick und fragte dann
leise: »Ist er tot?«
»Ja«, sagte Tiuri.
Der Zollherr zeigte weder Schrecken noch Schmerz noch
Erstaunen, aber seine Hand schloß sich so fest um den Ring, daß die
Knöchel weiß wurden.
»Erzählt weiter!« befahl er kurz.
»Ich kann nicht viel erzählen«, sagte Tiuri. »Er wurde von den roten
Reitern und dem schwarzen Ritter mit dem roten Schild, ihrem
Anführer, ermordet.«
»Ermordet?«
»In eine Falle gelockt.«
»Wo?«
»Im Wald bei der Stadt von Dagonaut.«
»Im Land von Dagonaut? Nicht in Evillan?«
»Er kam von Evillan«, sagte Tiuri, »und war auf dem Weg hierher.«
Der Zollherr ging zum Tisch und setzte sich dahinter. Er schob das
Buch, das offen auf dem Tisch lag, zur Seite und legte Edwinems
Ring vor sich. Mit einer Handbewegung deutete er Tiuri, näher zu
kommen. Dieser blieb vor dem Tisch stehen und erzählte, wann Ritter
Edwinem getötet wurde und wie es sich zutrug. Aber alles über den
Brief verschwieg er.

283
»Aus Euren Worten verstehe ich, daß Ihr von ihm hierher geschickt
worden seid«, sprach der Zollherr, als Tiuri schwieg.
»Ja, Herr«, sagte Tiuri.
»Er gab Euch den Ring mit.«
»Ja, Herr.«
»Und Ihr seid auf dem Weg zum König.«
»Ja, Herr.«
»Ist das alles, was Ihr sagen könnt?«
»Ja, Herr.«
»Und Ihr wolltet diesen Ring – den Ring von Ritter Edwinem – als
Bezahlung für den Zoll geben.«
»Ja, Herr. Als Pfand.«
»Er gehört nicht Euch. Wie könnt Ihr etwas geben, was nicht Euch
gehört?«
»Ritter Edwinem hätte es auch getan. Ich… ich reise an seiner
Stelle.«
»Zu König Unauwen.«
»Ja, Herr.«
Der Zollherr ergriff den Ring und schaute ihn nochmals an.
»Ihr bringt schreckliche Nachrichten«, sagte er. »Einer von
Unauwens Rittern ermordet von Reitern aus Evillan. Ein solcher Tod
darf nicht ungerächt bleiben!«
Er legte den Ring ab und stand auf. Er sah nun gerade so aus, wie
Tiuri es tags zuvor gedacht hatte: streng, unerbittlich, ein Herr, der
von seinen Feinden gefürchtet werden mußte.
»Es sind Ritter ausgezogen, um den Tod zu rächen«, erzählte Tiuri.
»Die grauen Ritter nennen sie sich. Sie haben schon manchen roten
Reiter erschlagen.«
»Graue Ritter. Wer sind sie?«
»Ihr Anführer ist Ritter Ristridin.«
»Ristridin vom Süden? Seinen Namen kenne ich. Er war ein Freund
Edwinems.«
284
»Und Ritter Bendu, und Arwaut, und Ritter Ewein aus diesem
Land.«
»Ist Ewein dabei? Das ist gut. Aber Ihr, Martin, oder wie Ihr auch
heißen mögt, was habt Ihr damit zu tun? Was Ihr erzählt habt, hat
mich überrascht, aber es ist noch wenig.«
»Mehr darf ich nicht erzählen«, erwiderte Tiuri. »Was ich noch zu
erzählen habe, kann ich nur Eurem König sagen.«
»Und darum seid Ihr so in Eile?«
»Ja, Herr.«
»Ihr seid der erste Bote, von dem ich solche Nachrichten höre. Wißt
Ihr vielleicht mehr von der Gruppe, die nach Evillan geschickt worden
ist? Von Ritter Argarat und Ritter Andomar von Ingewel?«
»Nein, Herr«, sagte Tiuri. »Eigentlich ist es ein Zufall, daß ich
Ritter Edwinem begegnete, oder vielleicht kein Zufall, ich weiß es
nicht. Aber Ritter Ristridin hat mir erzählt, Ritter Edwinem sei aus
irgendeinem Grund aus Evillan geflüchtet.«
Er erzählte dem Zollherrn kurz, was er von Ritter Ristridin erfahren
hatte. Der Zollherr dachte einen Augenblick nach. Dann gab er Tiuri
den Ring.
»Hier ist der Ring zurück«, sagte er. »Nur dem König dürft Ihr ihn
geben. Ihr könnt über die Brücke gehen. Aber Ihr müßt mir
versprechen, daß Ihr auf dem Rückweg hier vorbeikommt, um mir zu
zahlen, was Ihr mir schuldig seid. Niemand darf nun einmal den Fluß
überqueren, ohne den Zoll bezahlt zu haben.«
»Ich verspreche es, Herr«, erklärte Tiuri. »Und mein Freund…«
»Euer Freund?«
»Ja. Er muß mit.«
»Gut, er kann mit. Wann wollt Ihr weggehen?«
»Jetzt, sofort«, sagte Tiuri.
Der Zollherr schlug an einen Gong, der neben dem Tisch stand.
»Sogleich könnt Ihr abreisen«, sagte er, »Botschafter zum König.«
»Herr«, sagte Tiuri, »sprecht dieses Wort lieber nicht aus! Meine
Sendung ist geheim; niemand darf davon wissen.«
285
Schweigend nickte der Zollherr. Die Tür ging auf, und zwei Diener
traten ein.
»Holt den andern Jüngling aus der Zelle«, sagte der Zollherr zum
ersten, »und bringt ihn hierher!«
Der Diener verbeugte sich und verschwand.
Der Zollherr wandte sich an den zweiten Diener: »Was gibt es?«
»Herr«, berichtete der Diener, »es ist ein Bote für Euch aus dem
Osten gekommen.« Er überreichte dem Zollherrn einen Brief.
Dieser zerbrach die Siegel, las ihn und fragte dann: »Wo ist der
Bote?«
»Er wartet unten in der Halle«, antwortete der Diener. »Ich komme
gleich zu ihm«, sprach der Zollherr. Er schaute Tiuri an und fügte bei:
»Wartet hier auf mich; ich bin sofort zurück.«
Als Tiuri allein war, begann er, im Zimmer hin und her zu gehen. Er
war erleichtert, weil alles so gut verlaufen war, und wartete
ungeduldig darauf, die Reise fortzusetzen. Noch einmal blickte er
hinaus und überdachte das, was der Zollherr ihm gesagt hatte. Dann
begab er sich zum Tisch zurück. Wenn der Zollherr nur bald käme!
Und Piak, der treue Piak! Sein Blick fiel auf das Buch, das auf dem
Tisch lag und in dem der Zollherr offenbar gelesen hatte. Ein großes,
dickes Buch war es, und es lag offen. Er sah schön gezeichnete
Buchstaben und einen großen, goldenen Anfangsbuchstaben, der mit
farbigen Blumenranken verziert war. Tiuri ging auf die andere Seite
des Tisches, um es besser sehen zu können. Die Buchstaben kannte er,
aber die Worte waren ihm fremd, Worte aus einer ihm unbekannten
Sprache. Als er etwas länger hinschaute, kamen ihm jedoch die Worte
bekannter vor, ja, einige davon hatte er schon gesehen. Im Brief für
den König Unauwen! Ob dieses Buch in der gleichen Sprache
geschrieben war? Dann würde der Zollherr die Botschaft verstehen,
wenn er sie vernähme. Wenn er ihn nur fragen könnte!
Schritte vor dem Zimmer ließen ihn aufschrecken. Er verließ den
Platz hinter dem Tisch und ging zur Tür. Diese wurde geöffnet, und
Piak, vom Diener begleitet, trat ein.
»Der Herr kommt sogleich«, sagte der Diener und ließ sie allein.
286
»Frei!« sprach Piak. »Ist alles in Ordnung?«
»Ja«, erwiderte Tiuri, »wir können gleich abreisen.«
Er wollte erzählen, was geschehen war, aber bevor er anfangen
konnte, trat der Zollherr ein, noch immer mit dem Brief in der Hand.
»So, das ist Euer Freund«, sagte er. »Piak heißt Ihr, nicht wahr?«
»Ja, Herr«, bestätigte Piak.
»Es ist eben ein Bote aus Dangria gekommen«, sagte der Zollherr,
»von Herrn Dirwin im Namen des Rates der Stadt geschickt.«
Die Freunde hielten den Atem an.
»Wahrscheinlich verwundert Euch das nicht«, fuhr der Zollherr fort.
»In diesem Brief wird von zwei Jünglingen gesprochen, die in der
Stadt Aufruhr verursacht haben und entgegen dem Wunsch des Rates
fortgegangen sind.«
»Wir konnten nicht bleiben!« rief Tiuri.
»Herr Dirwin ersucht mich, Euch zu verhören und Euch hier zu
behalten, wenn ich es für nötig erachte.«
»Herr«, sagte Tiuri, »ich hab Euch alles erzählt, was ich zu erzählen
habe. Wir dürfen nicht warten, wir müssen weiter, zum König. Damit
habe ich Euch schon mehr erzählt, als ich eigentlich durfte. Aber Ihr
tragt den gleichen Ring wie Ritter Edwinem, und darum wagte ich, es
Euch zu sagen. Laßt uns bitte gehen!«
»Das tue ich«, sprach der Zollherr, und zum erstenmal lächelte er.
»Ihr habt mir zu vertrauen gewagt; nun tue ich es auch. Nur noch dies:
Ihr seid in Eile, aber habt Ihr im Sinn, zu Fuß zu gehen?«
»Wir haben keine andere Möglichkeit«, antwortete Tiuri.
»Und auch kein Geld. Nun, Ihr könnt von mir jeder ein Pferd
bekommen. Heute abend seid Ihr in Ingewel; dort gebt Ihr die Pferde
dem Gastwirt zur Ersten Nacht in den Stall.«
»Oh, vielen Dank«, sagte Tiuri.
»Vielleicht gibt der Gastwirt Euch frische Pferde, wenn er sie hat.
So könnt Ihr wieder reiten bis zur Herberge in den Mondhügeln. Was
den Zoll betrifft, so habe ich schon erklärt, daß ich Euch hier
zurückerwarte, sobald es Euch möglich ist.«
287
»Ja, Herr«, sagte Tiuri.
»So geht jetzt!« sprach der Zollherr.
Die Jünglinge verbeugten sich, aber er gab jedem die Hand und
wünschte ihnen eine gute Reise. Als sie unten durch die Halle gingen,
stand ein Mann auf, der dort auf einer Bank gesessen hatte.
»Also seid Ihr's doch!« rief er.
Es war Doalwen, der Mann, dem sie im Weißen Schwan begegnet
waren. Er schien der Bote aus Dangria zu sein.
»Nu, nu«, sagte er, »Ihr habt uns eine schöne Ladung gegeben!«
»Gar nicht«, sagte Piak. »Wir sind sofort aus Dangria
weggegangen.«
»Das ist's eben«, sagte Doalwen. »Iruwen hat Euch geholfen, nicht?
Der kümmert sich immer um Sachen, die ihn nichts angehen. Als Herr
Dirwin Euch am Morgen abholen wollte, sagte ihm Iruwen, Ihr seid
schon zum Stadthaus gegangen. Nun, und dort wart Ihr natürlich
nicht. Inzwischen war der Morgen schon halb vorbei, als sie merkten,
daß Ihr ausgeflogen wart. Iruwen hatte ein langes Gespräch mit Herrn
Dirwin, um ihn davon zu überzeugen, daß Ihr recht hattet. Kommt Ihr
jetzt gleich mit mir zurück nach Dangria?«
»Nein«, entgegnete Tiuri. »Wir gehen unsern eigenen Weg.«
»Ach so«, sagte Doalwen ziemlich verblüfft. »Nun, die großen
Herren sollen nur beschließen. Übrigens ist Eure Flucht schon bald
vergessen. Der Bürgermeister selber hat auch versucht davonzugehen.
Das war etwas! Aber sie haben's verstanden, ihn zurückzuholen, und
jetzt sitzt er sicher in seinem eigenen schönen Haus am Platz.«
»So!« rief Piak. »Sie hätten ihn besser unter das Stadthaus
gesteckt!«
Doalwen lachte. »Es ist schad', daß wir wieder Abschied nehmen
müssen«, sagte er. »Jetzt muß ich allein zurückreiten. Habt Ihr den
Boten zu König Unauwen noch geseh'n? Der muß hier schon vorher
vorbeigekommen sein. Gestern morgen ist er aus Dangria weggeritten.
Ihr kennt ihn gut; es ist der Schreiber des Bürgermeisters. Er ist nicht
nur ein Federlecker, sondern auch ein guter Reiter.«

288
Gern hätten die Jünglinge noch etwas länger mit Doalwen
geplaudert, aber sie wußten, daß sie abreisen mußten. So nahmen sie
Abschied von ihm und gingen hinaus.
Die Schranke vor der Brücke war schon weggeschoben, und
Warmin stand mit zwei Pferden bereit.
Tiuri sprach ihn an.
»Ihr habt dafür gesorgt, daß ich den Zollherrn bald sprechen
konnte«, sagte er. »Dafür danke ich Euch herzlich.«
»Oh, nichts zu danken«, entgegnete der Krieger, während er sie
neugierig betrachtete. »Ich seh', daß Ihr wirklich Gründe hattet,
sogleich weitergeh'n zu wollen.«
Die Freunde bestiegen die Pferde. Diesmal tat es Piak mit einem
Gesicht, als ob er nie etwas anderes getan hätte.
»In der Satteltasche findet Ihr etwas, was Ihr brauchen könnt«, sagte
Warmin. »Guten Ritt!«
Die Jünglinge ritten unter dem Tor durch und dann über die Brücke.
Klick, klack – klangen die Perdehufe auf dem steinernen Boden, und
das Wasser das Flusses funkelte auf beiden Seiten.

289
Der Wald von Ingewel

Ein breiter Weg führte vom Regenbogenfluß durch ein weites,


flaches Land mit Feldern, Äckern und Obstgärten. Die Freunde ritten
rasch. Piak fühlte sich auf seinem Pferd schon wie daheim.
»Mit einem bißchen Übung wirst du ein guter Reiter«, prophezeite
ihm Tiuri.
»Uff!« rief Piak, als sie rasteten. »Ich bin steif. Was hab' ich alles
erlebt! Ich bin auf Pferden geritten und in einem Boot gefahren. Ich
bin fast ertrunken, habe zweimal in einem Gefängnis gesessen,
obwohl ich gern darauf verzichtet hätt', und hab' mit einem Haufen
Leute Bekanntschaft gemacht. Und was ich alles gesehen hab'! Eine
Stadt, ein Schloß und einen breiten Fluß! Für dich ist das natürlich
ganz gewöhnlich.«
»Nein«, sagte Tiuri, »was ich früher gesehen habe, war ganz
anders.«
»Ich frage mich, was wir noch alles sehen und erleben werden«,
meinte Piak. Er schaute nach Westen. »Dort seh' ich einen Wald. Ob
das der Wald von Ingewel ist?«
»Ich nehme es an«, sagte Tiuri. »Wir sind schnell geritten.«
In den Satteltaschen fanden sie Brot, eine Flasche Wein und ein
Säckchen mit Silbergeld.
»Das ist aber nett«, sagte Piak. »Der Zollherr hat mir sehr gefallen.
Merkwürdig, daß manche Menschen ganz anders sind, als man zuerst
denkt.«
»Ja«, antwortete Tiuri nachdenklich. »So ist es mir mit dem
Zollherrn gegangen, und früher auch mit den grauen Rittern.«
Er war munter und guten Mutes und glaubte nicht, daß noch
Schwierigkeiten auf sie warten könnten.
Piak fühlte sich ebenso leicht. Als sie weiterritten, begann er sogar
fröhlich zu singen. Er sang ein Liedchen nach dem andern, aber
290
zuletzt summte er nur noch eine Melodie, die Tiuri nicht kannte. Sie
klang sonderbar: Einmal rasch, dann wieder langsam, manchmal
erregt, dann leise und geheimnisvoll. Piak summte sie immer neu und
änderte ab und zu etwas. Schließlich schien er eine Melodie gefunden
zu haben, die ihm gefiel.
Dann schaute er Tiuri an und fragte leise: »Weißt du, was ich
singe?«
»Nein«, erwiderte Tiuri.
»Ein Liedchen auf die Worte, die nur wir kennen. Ich darf sie nicht
laut singen. Sing sie nur in Gedanken mit!«
Piak begann wieder zu summen, und nun merkte Tiuri, daß er die
Botschaft des Briefes nach dem Liedchen singen konnte. Nach einer
Weile summte er mit, und so ritten sie in den Wald von Ingewel.
Dieser Wald glich keinem Wald, den Tiuri je gesehen hatte. Das
Gras war grüner, die Bäume waren schöner, die Kletterpflanzen
seltsamer als anderswo. Der Weg war ganz bedeckt mit dichtem
Moos. Aber das Einzigartigste war wohl, daß überall Blumen blühten,
sie standen am Wegrand, wuchsen an den Baumstämmen und hingen
in Trauben von den Ästen herunter.
Nach einer Stunde sahen sie drei Männer am Wegrande ruhen.
Neben ihnen lagen Büschel von Blumen, die sie offenbar eben erst
gepflückt hatten.
»Guten Tag, Ihr Burschen!« rief einer von ihnen. »Ihr reitet viel zu
schnell! Im Wald von Ingewel dürft Ihr nicht eilen. Das haben wir hier
nicht gern. Kommt, legt Euch neben uns und hört auf das, was die
Vögel singen. Und eßt ein Äpfelchen von mir! Oder wollt Ihr lieber
eine Pflaume oder eine wilde Kirsche? Keine Früchte schmecken
leckerer als die Früchte von Ingewel. Der König will keine andern
essen.«
Die Freunde stiegen ab; es war doch Zeit, um einen Augenblick zu
rasten. Sie nahmen den Rat des Mannes an, warfen sich ins Gras und
aßen von seinen Früchten.
»Ihr müßt hierher kommen, wenn wir das Blumenfest feiern«, sagte
einer. »Da zieht jeder singend und tanzend durch den Wald.«
291
»Dieses Jahr hat's kein Blumenfest gegeben«, berichtete ein anderer
ein wenig betrübt, »weil Ritter Andomar nicht dabei war. Ritter
Andomar ist der Herr, der dieses Gebiet regiert; so wie er ist keiner!
Zu Beginn dieses Jahres ist er fortgegangen. Der König hat ihn auf die
Reise nach Evillan geschickt. Das ist ein gefährliches Land; dorthin
solltet Ihr nie geh'n.«
»Aber wir schließen Frieden mit Evillan«, sagte der dritte. »Darum
hat der König seine besten Ritter dorthin geschickt. Und welchen
besseren konnte er wählen als unsern Ritter Andomar?«
»Aber er ist noch immer nicht zurück«, sagte der andere wieder.
Die Männer schwiegen, und die Jünglinge schwiegen ebenfalls.
Tiuri fragte sich, ob diese freundlichen Leute ihren Herrn jemals
wiedersehen und ob Ritter Andomar je wieder das Blumenfest mit
ihnen feiern konnte. Er stand auf und erklärte, sie müßten
Weiterreisen.
»Ihr könnt doch im Freien schlafen«, sprach einer der Männer.
»Aber die Herberge der Ersten Nacht ist auch gut. Sie ist im Dorf, am
Ingewelsee. Wenn Ihr diesem Weg folgt, so kommt Ihr hin.«
Die Freunde grüßten die Männer und ritten weiter. Sie sagten nicht
mehr viel zueinander. Tiuri mußte immer an Ritter Andomar denken,
den er nicht kannte, der aber ein Kriegsgefährte Ritter Edwinems
gewesen war. Er begriff auf einmal, daß hinter der Ruhe und dem
Frohsinn dieser lieblichen Landschaft doch Angst und Sorge
verborgen waren. Und er fragte sich, was die Botschaft, die er, ein
Fremdling, überbringen mußte, für die Bewohner dieses Landes
bedeuten mochte.
Es war schon fast dunkel, als sie das Dörfchen erreichten, das
ebenfalls Ingewel hieß und nahe beim westlichen Ufer am See stand.
Der See selber glänzte still und geheimnisvoll in der späten Helle. In
der Nähe des Ufers wuchsen weiße Wasserrosen, so daß es ein
bißchen aussah, als ob das Blumenfest gefeiert würde. Im Süden
ragten einige spitze Türme über die Bäume hinaus; die Jünglinge
hörten später, daß es die Türme von Ritter Andomars Burg waren.
Die Herberge fanden sie bald. Es war ein großes Gasthaus, das
einzige im Dorf. Der Wirt empfing sie sehr freundlich. Er sorgte für
292
die Pferde und sagte, sie könnten zwei frische Pferde bekommen, um
ihre Reise fortzusetzen.
»Ihr habt Glück«, sagte er. »Ich hab' grad noch zwei, die gut
ausgeruht sind. Das beste Pferd ist nicht mehr da; das hab' ich einem
Reiter gegeben, der am Nachmittag vom Osten her kam. Aber er war
ein Bote auf dem Weg nach der Stadt von Unauwen.«
Der Bote aus Dangria, dachte Tiuri, und er fragte: »Ja? Wann ist er
hier weggeritten?«
»Er kam schon um vier Uhr«, antwortete der Wirt. »Er hat hier
gegessen und eine Weile geruht. Ungefähr um sieben ist er
weitergeritten, also vor etwa einer Stunde.«
Dann fragte er die Jünglinge, was sie essen wollten.
»Ich zeige Euch zuerst, was wir zahlen können«, sagte Tiuri. »Wir
haben nicht viel Geld bei uns.«
»Oh, das kommt schon in Ordnung«, bemerkte der Wirt. »Ihr
kommt von Herrn Ardian, dem Zollherrn im Osten, und so seid Ihr
willkommen, auch wenn Ihr nichts hättet, um mich zu bezahlen. Ich
geb' Euch auch eine Kammer für diese Nacht. Reisende, die vom Zoll
kommen, schlafen in der ersten Nacht hier. Darum heißt meine
Herberge so.«
Die Freude ließen sich das Abendessen gut schmecken. Es waren
nicht viele Gäste in der Herberge: ein einziger Reisender und einige
Dorfleute. Nach dem Essen führte sie die Frau des Wirtes in die
Kammer.
»Oh, wie herrlich!« sagte Piak, als er sich der Länge nach auf die
bunte Lappendecke des Bettes fallen ließ. »Glaubst du, daß ich müd'
bin? Ich spüre, daß ich den ganzen Tag im Sattel saß. Jetzt kann ich
fein auf dem Bauch liegen und schlafen.«
Er gähnte laut, schaute Tiuri an und begann zu lachen.
Tiuri blieb ernst. »Aber lange können wir nicht schlafen«, erklärte
er.
»Wieso? Willst du gleich weiter?«
»Ja, ich will sobald wie möglich in der Stadt von Unauwen sein.
Wir bekommen frische Pferde – also…«
293
»Du hast recht«, gab Piak zu und unterdrückte einen Seufzer.
»Ich sage dem Wirt, daß wir bald abreisen wollen«, fuhr Tiuri
weiter. »Nicht sofort natürlich. Sagen wir in einer Stunde!«
Er ging in die Gaststube zurück. Der Wirt versprach ihm, dafür zu
sorgen, daß die Pferde in einer Stunde bereitstanden. Als Tiuri zu Piak
zurückkam, war dieser eingeschlafen. Auch Tiuri legte sich aufs Bett,
aber er schlief nicht. Es war merkwürdig: In dieser friedlichen,
freundlichen Umgebung hatte er das Gefühl, er müsse sich mehr als je
beeilen und es sei keine Zeit zu verlieren.
»Bringt dann die Pferde in den Stall der Herberge zu den
Mondhügeln!« sagte der Wirt, als die Freunde zum Weiterreiten bereit
waren.
»Die Mondhügel?« fragte Piak, der sich mit einem schmerzlichen
Gesicht in den Sattel geschwungen hatte.
»Ja, sie heißen so, weil sie im Mondschein am schönsten sind. Der
Mond ist wohl nicht mehr ganz voll, aber Ihr werdet sie doch noch gut
genug sehen.«
»Wie weit ist es bis zu jener Herberge?« fragte Tiuri.
»Ungefähr eine Tagereise«, erwiderte der Wirt, »also etwa elf,
zwölf Stunden. Ihr könnt in den Mondhügeln schnell reiten, und es ist
eine helle Nacht. Wenn Ihr noch weiter müßt, so könnt Ihr diese
Pferde behalten, es sei denn, Ihr bekommt in der Herberge neue. Ich
bekomm' sie zu gegebener Zeit schon zurück. Guten Ritt!«
Die Jünglinge dankten, grüßten und ritten weg. Sie ritten im Schritt
durch das stille Dorf und dann etwas rascher durch den Wald. Es
dauerte nicht lange, und sie ritten den Hügeln zu, die bei Mondschein
so schön sein sollten. Es war eine seltsame Landschaft, in die sie
gelangten, eine Landschaft wie aus einem Märchen. Niedrige, mit
Gras bewachsene Hügel, graue Felsblöcke und hie und da einige
Sträucher oder ein eigenartiger Baum. Der Weg schien fast weiß zu
sein, und alle Farben waren traumhaft, ausgenommen das tiefe
Schwarz der Schatten. Eine Zeitlang ritten die Jünglinge schweigend
dahin. Die Ruhe um sie herum teilte sich auch ihnen mit. Aber nach
kurzer Zeit schon wirkte die Stille unheildrohend, das Licht

294
gespenstisch; die ganze Umgebung bekam etwas Angsterweckendes.
So wenigstens fühlte es Tiuri, doch sagte er zu Piak nichts davon.
Aber Piak schien dasselbe zu empfinden.
Manchmal schaute er sich um, und auf einmal begann er leise zu
singen, als ob er eine unbestimmte Furcht vertreiben wollte. Aber die
Stimme tönte sonderbar und laut in der schweigenden Nacht, wurde
unsicher und erstarb.
Plötzlich traf ein Geräusch ihr Ohr. Tiuri hielt sein Pferd mit einem
Ruck an.
»Hast du das gehört?« flüsterte er.
»J… ja«, sagte Piak. »Was war das?«
»Ich weiß es nicht… Still, da ist es wieder!«
Gewieher!
»Ein Pferd«, bemerkte Tiuri laut.
Da sahen sie hinter einem Hügelrücken ein Pferd zum Vorschein
kommen. Es überquerte den Weg und blieb am Rande stehen.
Dann galoppierte es weg und entschwand ihren Augen.
»Es trug keinen Reiter«, murmelte Tiuri. »Merkwürdig!«
»Kann es kein wildes Pferd gewesen sein?« fragte Piak.
»Es hatte Zügel und Sattel«, entgegnete Tiuri.
»Oh«, sagte Piak.
Sie starrten auf die Stelle, wo sie das Pferd gesehen hatten.
Wir müssen schauen gehen, ob etwas geschehen ist, dachte Tiuri.
Aber warum sollte etwas geschehen sein? fragte er sich. Das Pferd
kann weggelaufen sein, einfach weggelaufen.
Doch ritt er langsam zu der Stelle, wo das Pferd zum Vorschein
gekommen war. Piak ritt mit.
Während sie sich dem Platz näherten, bekam Tiuri immer stärker
das Gefühl, es sei etwas Böses in der Nähe, etwas, das sich in den
Schatten zwischen den Hügeln versteckte oder hinter dem reglosen
Gesträuch wartete.
»Hier war es«, flüsterte er.
295
»Gehst du schauen?« fragte Piak ebenfalls flüsternd.
»Ja«, sagte Tiuri, plötzlich fest entschlossen.
Er stieg vom Pferd, und Piak folgte seinem Beispiel. Sie blieben am
Wegrand stehen und blickten in ein schmales Tal. Sie sahen einen
Pfad, der sich im Gebüsch verlor. Sie spitzten die Ohren, hörten aber
nichts als das Gezirp der Grillen und ihr eigenes Atmen. Dann gingen
sie vorsichtig in das Tal.
Nach einigen Schritten blieb Tiuri aber stehen.
»Bleib du hier!« flüsterte er Piak zu.
»Nein«, antwortete Piak, »ich komm' mit.«
»Tu's nicht! Wenn etwas los ist, Gefahr, meine ich, so ist es besser,
wenn nicht beide dorthin gehen. Du weißt warum.«
Ohne auf Antwort zu warten, schritt Tiuri rasch weiter, überwand
seine Angst und drang in das dunkle Gesträuch. Nach ganz kurzer Zeit
gelangte er unvermutet auf eine Lichtung. Dort lag eine menschliche
Gestalt auf dem Boden. Tiuri blieb stehen. Er hatte so etwas erwartet,
aber doch zögerte er, bevor er hinlief und sich auf die Knie ließ. Dann
stockte ihm der Atem. Er blickte in das Gesicht des Schreibers des
Bürgermeisters von Dangria. Er schien zu schlafen, aber es bestand
kein Zweifel – er war tot… von einem Pfeil ins Herz getroffen. Ein
Geräusch hinter ihm ließ ihn erschrocken zurückschauen. Es war Piak,
der ihm doch gefolgt war.
Er sah bleich und entsetzt aus, und seine Lippen bewegten sich,
ohne daß ein Laut hervorkam.
»Er ist getötet worden«, sprach Tiuri.
Piak gab einen zitternden Seufzer von sich und wiederholte:
»Getötet!«
Sie schwiegen beide.
»Warum?« murmelte Piak schließlich.
»Ich weiß es nicht…«, entgegnete Tiuri, und wieder schaute er ins
Gesicht des jungen Mannes, der ihm noch vor so kurzer Zeit geholfen
hatte, des Boten, den der Rat von Dangria zu Unauwen geschickt
hatte.
296
Ein Bote für den König Unauwen! Mit zitternden Händen ergriff er
die Hände des Toten und faltete sie.
»Beten wir für sein Seelenheil!« sprach er fast unhörbar.
Kurz darauf standen die Freunde auf und schauten einander an.
»Was jetzt?« flüsterte Piak. »Müssen wir ihn hier so liegenlassen?«
»Ich weiß es nicht…«, begann Tiuri wieder.
Das Ereignis hatte ihn sehr aufgewühlt. Und er hatte die seltsame
Vermutung, es habe etwas zu tun mit seinem Auftrag. Auch der
Schreiber hatte sich mit einer Botschaft für König Unauwen auf den
Weg gemacht. Er schaute in die Reisetasche, die er auf dem Boden
liegen sah. Es steckte kein Brief darin. Nach einigem Zögern
durchsuchte er die Kleider des Toten selber, aber auch da fand er
nichts.
»Warum tust du das?« flüsterte Piak.
»Ich suchte den Brief«, erwiderte Tiuri. »Aber er ist nicht da.« Er
erhob sich und fügte bei: »Er kann noch nicht lange tot sein.«
»Aber wer ist er?« fragte Piak.
»Ach ja, du kennst ihn nicht«, sagte Tiuri. »Er ist, er war der
Schreiber des Bürgermeisters … der von Dangria zu König Unauwen
geschickte Bote.«
»Der Bote«, flüsterte Piak.
Wieder schauten sie einander an. Piak war der erste, der sprach.
»Ob… ob der, der ihn ermordet hat, noch in der Nähe ist?« flüsterte
er.
Tiuri gab keine Antwort. Der Gedanke, daß dieser Mord etwas zu
tun hatte mit seinem Auftrag, war bei näherer Betrachtung nicht mehr
so seltsam. Der Schreiber war ja zum König gesandt worden, um
diesem zu berichten, was in Dangria vorgefallen war…. und jene
Ereignisse hatten viel mit seinem Auftrag zu tun. Und dann stieg
plötzlich ein entsetzlicher Gedanke in ihm auf. Ob dieser Mord ein
Irrtum sein könnte? War es um einen anderen Brief, um eine andere
Botschaft gegangen… um seine eigene Botschaft? War der Mörder
Slupor? Er erschrak, weil ihn Piak packte und ins Gebüsch zog.
297
»Was ist los?« fragte er.
»Ich… ich glaub', ich hab' ihn geseh'n«, flüsterte Piak.
»Wen? Wo?«
»Nicht jemand. Nur etwas, das sich bewegte. Dort, der Baum dort.«
Piak zeigte in westliche Richtung. Tiuri schaute hin. »Auf dem
Hügel, ein wenig weiter weg. Siehst du den Baum?«
»Ja…« flüsterte Tiuri. Der Baum stand nun reglos, aber war nicht
eine Bewegung in den Sträuchern daneben?
Die Freunde blickten gespannt hin, aber jetzt sahen sie nichts mehr,
was sich bewegte. Hatten sie es sich nur eingebildet, oder war
wirklich jemand in der Nähe? Tiuri war vom letzteren überzeugt.
Und wenn es der Mörder war, dann befanden sie sich in großer
Gefahr. Er konnte sie beobachtet haben, und er mußte mit Pfeil und
Bogen bewaffnet sein. Sie selber hatten keine Waffen außer dem
kleinen Dolch in Tiuris Gürtel.
»Komm mit!« flüsterte Tiuri.
Sie schlüpften durch das Gesträuch bis zum Wegrand. Ihre Pferde
standen noch da.
»Was tun wir?« fragte Piak nochmals.
»Still!« flüsterte Tiuri. Noch einmal spähte er durch das Gebüsch,
um zu sehen, ob es etwas Ungutes gab. Aber alles lag unbeweglich in
dem weißen Mondlicht. »Wenn er hier ist, so sind wir unseres Lebens
nicht mehr sicher«, sagte er. »Aber er ist offenbar nicht in der Nähe….
glaube ich.«
»Er? Der Mörder?«
»Ja.«
»Er braucht uns doch nicht anzugreifen!«
»Ich fürchte, er wird das tun.«
»Warum?«
Tiuri gab keine Antwort. Er schaute sich wieder um.
»Denkst du… denkst du… denkst du an… Slupor?« flüsterte Piak
ihm ins Ohr.
298
»Sst!« zischte Tiuri.
Er hatte plötzlich etwas dagegen, diesen Namen zu hören. Kurze
Zeit blieben sie still nebeneinander stehen. Wir können weiterreiten,
dachte Tiuri, so schnell wie möglich, bis wir in eine bewohnte Gegend
kommen. Dann müssen wir wahrscheinlich an dem Mörder vorüber.
Oder wir können nach Ingewel zurückreiten. Aber auch dann kann er
uns folgen…
»Wir müssen hier weg«, sagte er. »Einer von uns geht zurück; der
andere reitet weiter.«
»Nein!« flüsterte Piak. »Bleiben wir beisammen!«
Aber Tiuri wußte, daß sein Plan das beste war. Wenn jemand auf sie
lauerte, so konnte er nur einem folgen; der andere konnte also sicher
aus seinem Bereich entkommen.
»Ich reite weiter«, beschloß er. »Du gehst zurück. Geh in die
Herberge und berichte über den Mord! Versuch', bewaffnete Männer
zu bekommen, und reit' mit ihnen hierher!«
»Und du?«
»Das habe ich doch gesagt. Ich reite weiter.«
»Aber Tiuri, das kannst du doch nicht tun! Nicht allein! Ich geh' mit
dir.«
»Nein«, widersprach Tiuri. »Begreif es doch! Wir dürfen nicht
beieinander bleiben. Wir müssen die Möglichkeiten und Gefahren
teilen.«
»Und dir die Möglichkeit, daß du auch… Du mußt an ihm
vorbei…«
»Still!« fiel Tiuri dem Freund ins Wort. »Das weißt du nicht. Geh'
jetzt!«
»Nein«, sagte Piak. »Ich will nicht so.«
»Wenn du nicht willst, so befehle ich es dir!« flüsterte Tiuri erregt.
»Du hast versprochen, mir in allem zu gehorchen.«
»Aber wenn es Slupor ist…«

299
»Gerade dann muß es so geschehen!« antwortete Tiuri, und fast
zornig fuhr er fort: »Piak, du gehorchst! Du darfst nicht an dich selber
denken… oder an mich.«
Piak schwieg.
»Gehorchst du?«
»Ja«, flüsterte Piak unglücklich.
Tiuri eilte zu den Pferden. Piak folgte ihm langsam. Die Pferde
waren ein wenig unruhig, aber es war niemand zu sehen
»Nun gut«, flüsterte Tiuri, und er streckte Piak die Hand hin. Piak
drückte sie, ließ sie aber nicht sofort los.
»Horch!« sagte er leise.
»Ich höre nichts«, antwortete Tiuri und zog die Hand weg.
Piak legte einen Finger auf die Lippen. Tiuri lauschte. Dann hörte er
es auch, ganz schwach, weit entfernt. Es dauerte eine Weile, bevor er
das Geräusch erkannte.
Hufgetrappel!
Er kniete auf den Weg und lauschte mit dem Ohr auf dem Boden.
Er stand auf und zeigte nach Osten.
»Von dort«, flüsterte er.
Sie blickten auf den Weg, auf dem sie gekommen waren, doch sie
gewahrten nichts – noch nichts.
»Soll ich jetzt geh'n?« fragte Piak.
»Nein«, erklärte Tiuri. »Wart noch!«
Er nahm sein Pferd am Zügel und winkte Piak. Sie versteckten sich
wieder ein wenig abseits des Weges in der Nähe der Stelle, wo der
tote Schreiber lag. Das Hufgetrappel ertönte deutlicher; bald mußten
die Reiter sie erreichen. Ja, da waren sie! Wie schnelle Schatten
kamen sie näher. Krieger schienen es zu sein, mit Lanzen oder
Speeren. Sie galoppierten an ihnen vorbei; es waren ihrer etwa zehn.
Aber sie waren nicht rot gekleidet. Tiuri dachte daran, sie anzuhalten,
tat es aber nicht. Noch waren die Reiter nicht weit weg, als einer von
ihnen einen Befehl rief. Sie hielten an und sprachen miteinander,
unverstehbar. Dann wandten sie sich um und kehrten zurück.
300
Unwillkürlich packten die Freunde einander fest. Die Reiter kamen
zurück! Einige waren abgestiegen und führten ihre Pferde am Zügel.
Langsam kamen sie auf dem Weg in ihrer Richtung daher.
»Seht ihr«, ertönte ganz deutlich die Stimme eines Reiters. »Sie
sind nicht weiter gekommen als bis hier. Ich seh's an den Spuren.«
Sie suchen uns! dachte Tiuri. Jetzt mußte er schnell handeln!
Er beugte sich zu Piak und flüsterte: »Geh weg! Reit nach Ingewel!
Schnell!«
Piak starrte ihn mit weit offenen Augen an und schüttelte den Kopf.
Tiuri gab ihm einen Stoß.
»Schnell!« flüsterte er. »Denk an den Auftrag! Ich halte sie auf,
wenn…«
Er schwieg. Die Reiter waren nun so nahe, daß er nichts mehr zu
sagen wagte. Zum Glück gehorchte Piak. Er begab sich zu den
Pferden, die hinter ihnen standen, ergriff das seinige am Zügel und
begann wegzuschleichen.
Tiuri richtete den Blick wieder auf die Reiter.
»Nu, sie müssen doch hier irgendwo sein«, sprach die gleiche
Stimme, eine Stimme, die ihm bekannt in den Ohren tönte.
Ihr Besitzer stand ihm jetzt gegenüber, mit seinem Pferd am Zügel.
Tiuri konnte aber die Gesichtszüge nicht erkennen.
Der Mann sprach wieder: »He! Ist dort jemand?« Und dann:
»Martin! Piak! Ich such' einen Martin und einen Piak! Seid Ihr hier
irgendwo?«
Tiuri hielt den Atem an. Er hörte das Krachen von Ästen. Er blickte
nach hinten, aber von Piak war nichts mehr zu sehen. Nun kam ein
anderer näher, der noch auf dem Pferde saß.
»Still!« sagte dieser.
»Ich hör' etwas!«
Sie schwiegen alle. Tiuri hörte deutlich das Geräusch, das auch sie
hören mußten und das natürlich von Piak kam. Er mußte Piak
Gelegenheit geben zu fliehen!

301
Bevor die Reiter sich wieder in Bewegung setzten, sprach er mit
einer Stimme, die zitterte: »Wer ist dort?«
»Seid Ihr's? Martin oder Piak?« rief der Mann, der ihm am nächsten
stand. Dann schritt er auf die Büsche zu, wo sich Tiuri verborgen
hielt.
»Bleibt stehen!« rief Tiuri. »Bleibt stehen! Ich bin bewaffnet!
Kommt keinen Schritt näher!«
Es gab ein Gemurmel bei den Reitern.
Der Mann, der zu ihm gesprochen hatte – wahrscheinlich der
Anführer – blieb stehen und sagte: »Was denn? Gut Freund, gut
Freund! Nichts zu fürchten!«
»Steht still!« rief Tiuri. »Ich habe Bogen und Pfeile hier; ich werde
schießen. Kommt keinen Schritt näher! Steht still, bewegt Euch nicht,
keiner von allen!«
Er zog den Dolch, um auf jeden Fall etwas wie eine Waffe zu
haben.
Der Anführer der Reiter begann etwas zu sagen, aber Tiuri
unterbrach ihn und übertönte seine Worte.
»Bleibt stehen! Auf den ersten, der sich bewegt, schieße ich! Ich
sage Euch, daß ich schieße!«
Er sprach laut und schnell und wiederholte seine Worte etliche
Male. Piak mußte in Sicherheit und weit weg sein, bevor die Reiter
merkten, daß es hier gar keinen Bogen und keine Pfeile gab.
»Aber Freund!« rief der Anführer, als Tiuri endlich schwieg. »Wir
haben nichts Übles im Sinn! Seid Ihr Martin oder Piak?«
»Es ist nur einer, glaub' ich«, bemerkte ein anderer Reiter.
»Wir sind beide hier«, sagte Tiuri. »Wer seid Ihr? Was wollt Ihr
von uns?«
»Erkennt Ihr uns denn nicht?« rief der Anführer. »Wir sind
geschickt worden, um Euch zurückzuholen…«
»Von wem denn?« fragte Tiuri.
Der andere kam einen Schritt näher.
»Vom Zollherrn«, sagte er.
302
Diese Mitteilung überraschte Tiuri sehr.
Aber er blieb noch mißtrauisch.
»Vom Zollherrn?« wiederholte er. »Warum? Und wie kann ich
wissen, ob das wahr ist?«
»Ich bin Warmin!« rief der Anführer der Reiter. »Schaut, ich leg'
meine Waffen ab, so daß Ihr seh'n könnt, daß ich als Freund komme.«
Er fügte den Worten die Tat bei.
Ja, seine Stimme tönte wirklich wie diejenige Warmins.
»Wir kommen vom Zollherrn«, fuhr der Krieger fort, »um Euch zu
beschützen vor Gefahr. Und offenbar nicht ohne Grund! Ich soll Euch
etwas sagen, wodurch Ihr wissen sollt, daß Ihr uns vertrauen könnt.
Laßt mich näher kommen!«
»Gut«, sagte Tiuri. »Aber Ihr allein.«
Warmin befahl seinen Leuten zu bleiben, wo sie waren, und schritt
auf das Gebüsch zu.
»Wo seid Ihr?« fragte er.
»Hier bin ich«, antwortete Tiuri und tat einen Schritt nach vorn.
Er schaute den andern an. Ja, er erkannte das rauhe, verwitterte,
aber vertrauenerweckende Gesicht des Zollwächters.
Dieser beugte sich ihm zu.
»Ha, Martin«, sagte er, und flüsternd fügte er bei: »Dies sagt Euch
der Zollherr: ›Bei dem Kleinod, das wir beide kennen, bitte ich Euch,
die Hilfe meiner Diener anzunehmen.‹«
Tiuri führte eine Hand nach der Brust, wo er den Ring fühlte.
Er steckte den Dolch wieder in die Scheide und sagte: »Ich danke
Euch, Warmin. Aber warum hat der Zollherr Euch geschickt?«
»Er hat etwas vernommen, das ihn besorgt machte. Wenn Ihr uns
vertraut, so nehmt unsere Hilfe an. Und laßt Euren Freund auch zum
Vorschein kommen!«
Warmin streckte die Hände nach vorn, wie um deutlich zu zeigen,
daß er unbewaffnet sei.

303
»Wir tragen unsern Schild nicht«, fügte er bei. »Das dürfen wir nur,
wenn wir im Gebiet des Regenbogenflusses sind.«
Tiuri ließ seine Bedenken fahren. Er ergriff Warmins Hand und
schüttelte sie.
»Verzeiht mir!« sagte er, »aber es ist etwas gescheh'n, weswegen
ich Feinde fürchtete.«
»Aber Ihr habt nicht einmal einen Pfeil und einen Bogen!« rief
Warmin verblüfft.
»Nein«, sagte Tiuri, »ich tat nur so. Ich… ich bin froh, daß ich sie
nicht nötig hatte.«
Er seufzte, da nun die Spannung von ihm gewichen war.
Warmin und er wurden jetzt von den andern Reitern umringt.
»Wo ist Euer Freund?« fragte einer.
»Der ist nicht hier«, antwortete Tiuri.
»Ihr seid allein?« fragt Warmin, wieder verwundert. »Was ist denn
gescheh'n?«
»Wartet einen Augenblick!« sagte Tiuri. Er setzte die Hände an den
Mund und rief: »Piak! Piak!«
»Dann hab' ich ihn also doch vorhin geseh'n«, murmelte einer der
andern Reiter.
»Piak!« rief Tiuri nochmals. »Komm zurück!«
Sein Freund konnte noch nicht weit weg sein und hörte den Ruf
vielleicht noch. In der Stille, die folgte, machte er sich wieder Sorgen.
Wenn nun Piak etwas zugestoßen wäre!
»Piak!« rief er wieder.
»Juhu!« ertönte es als Antwort. »Ich komm', ich komm'!«
Piak erschien überraschend schnell.
Ein Stück von ihnen entfernt blieb er stehen und rief: »Bist du's,
Tiuri?«
»Schön, Piak«, erwiderte Tiuri, »nie zu sehr vertrauen! Komm nur;
wir sind unter Freunden… Du bist schnell hier«, fuhr er weiter, als
Piak neben ihm vom Pferde stieg.
304
»Ich bin nicht weit weg gewesen«, erklärte Piak. »Ich hätte
wegreiten und dich ganz allein lassen sollen? Dort hinter dem
Felsblock saß ich. Und ich hatte schon einen Haufen Steine
beieinander für den Fall, daß… daß…«
»Nu, nu«, sagte Warmin lachend. »Da sind wir einer großen Gefahr
entgangen!«
»Warmin!« rief Piak.
»Derselbe, Euch zu dienen«, antwortete der Krieger.
»Uff!« seufzte Piak. »Was für eine Nacht! Ich glaub', ich hab' ihn
wieder geseh'n, Tiuri. Ein wenig weiter weg. Ich nehme an, er ist nach
Westen geflüchtet.«
»Wer?« fragte Warmin.
»Der… der…« Piak schwieg plötzlich.
»Was ist denn gescheh'n?« fragte Warmin wieder und schaute sie
nacheinander an. »Ei, und das ist merkwürdig! Er nennt Euch Tiuri.
Ich dachte, Ihr heißt Martin.«
Piak machte eine Bewegung des Erschreckens.
»Das ist auch so«, antwortete Tiuri ruhig. »Ich meine, daß mein
Name hier Martin ist; doch heiße ich auch Tiuri.« Er nickte Piak zu,
um ihm zu zeigen, daß es nichts änderte, wenn man wußte, wie er
hieß.
»Ach so«, sagte Warmin.
»Wir haben jemand gefunden«, erzählte Tiuri, »hier in der Nähe.
Tot. Von einem Pfeil getötet.«
»Getötet?« sagte Warmin. »Wer?«
»Der Bote für König Unauwen«, sprach Tiuri.
Er ging zu der Stelle, wo der Ermordete lag. Die andern folgten
ihm. Einen Augenblick später blickte Warmin auf den Toten nieder.
»Der Bote aus Dangria«, sprach er entsetzt. »Warum ist das
gescheh'n? Und das hier, in diesem Land! Ein Räuber?«
»Ich glaube, nur der Brief ist weg«, sagte Tiuri. Er wandte sich an
Piak. »Du hast ihn wieder gesehen«, sagte er. »Da können wir ihn
vielleicht noch einholen!«
305
»Den Mörder?« fragte Warmin.
»Er kann noch nicht weit sein«, sagte Piak. »Vorhin konnten wir
nichts tun. Er hätte, er wollte…«
»Jetzt versteh' ich etwas davon«, sagte Warmin. »Aber in diesem
Augenblick darf keine Zeit mit Reden verloren werden.« Er eilte zu
seinem Pferd. »Wo habt Ihr ihn geseh'n?« fragte er Piak.
Dieser zeigte zu einem Hügel im Südwesten.
»Kommt Ihr mit?« fragte Warmin Tiuri.
»Ja«, erklärte dieser und bestieg sein Pferd ebenfalls.
»Aber sei vorsichtig, Ti… Martin«, sagte Piak zu seinem Freund.
»Nahe beisammen bleiben!« befahl Warmin den Reitern. »Und die
jungen Leute in die Mitte! So.«
Sie setzten sich in Bewegung.
Aber Tiuri dachte: Wenn der Mörder wirklich Slupor ist, so finden
wir ihn nicht.
Der nun folgende Teil der Nacht war nicht beängstigend, doch
voller fieberhafter Spannung. Sie fanden eine Spur von
niedergetretenem Gras und folgten ihr, bis sie in einem Bach
verschwand. Dann durchquerten sie eine Zeitlang die Hügel. Sie
hätten aber ebensogut auf Schatten jagen können, denn sie fanden
niemand. Die Nacht war weit vorgerückt, als sie wieder auf den Weg
zurückkamen, nicht weit von ihrem Ausgangspunkt.
»Habt Ihr Euch nicht etwas eingebildet?« fragte Warmin die
Jünglinge.
»Es kann natürlich sein«, meinte Tiuri, »aber ich glaube es nicht.«
»Bestimmt nicht«, sagte Piak entschieden.
»Wenn es der ist, den ich fürchte, so wird er sich nicht leicht finden
lassen«, bemerkte Tiuri.
»Wer ist's denn?« fragte Warmin.
»Das kann ich Euch nicht erzählen«, antwortete Tiuri. »Ich weiß
fast nichts von ihm.«

306
»Das ist merkwürdig«, sagte Warmin erstaunt. »Ist er etwa braun
angezogen, mit langem, hellem Haar und einem breitrandigen Hut auf
dem Kopf?«
»Wie kommt Ihr darauf?« fragte Tiuri.
Plötzlich erinnerte er sich an den Mann, der sich über die Brücke
gelehnt hatte.
»Ja, das muß ich Euch noch erzählen«, sagte Warmin. »Aber was
tun wir jetzt? Der Tote kann hier nicht liegenbleiben. Und der Mörder
muß gepackt werden, wenn nicht jetzt, so morgen. Die Nachricht muß
nach Dangria und zum König gebracht werden – auf jeden Fall nach
Ingewel; das ist am nächsten, und dort ist wohl ein Bote zu finden.
Die Krieger von Ritter Andomar können den Mörder suchen helfen.
Er kann auch nach Ingewel geflüchtet sein, nicht wahr?«
»Ihr habt recht«, erklärte Tiuri. »Aber wir können nicht warten. Wir
müssen weiter.«
»Das weiß ich«, sagte Warmin. »Wir sollen Euch begleiten, solange
Ihr das wünscht. Seid Ihr damit einverstanden, daß ich drei meiner
Leute beauftrage, für den Toten zu sorgen und nach Ingewel zu
gehen?«
»Natürlich«, sagte Tiuri.
Einen Augenblick später ritten die drei Reiter weg. Dann wandte
sich Warmin wieder an die Freunde.
»Ich erzähl' Euch jetzt, warum der Zollherr uns geschickt hat«,
sagte er. »Was tun wir – weiterreiten oder rasten?«
»Ein bißchen rasten, bitte«, bemerkte Piak, und Tiuri stimmte ihm
zu.
Sie setzten sich an den Wegrand, und Warmin begann: »Was ich
Euch zu erzählen hab', ist bald gesagt. Der Bote aus Dangria kam
gestern abend zum Zoll.«
»Wußtet Ihr, daß er ein Bote war?« fragte Tiuri.
»Er hatte keinen Grund, es geheimzuhalten«, erwiderte Warmin.
»Er mußte ein frisches Pferd haben, und jeder Botschafter kann
überall frische Pferde bekommen. Nun, er bekam eins und ritt sofort
307
weiter. Er wollte noch eine Strecke zurücklegen, bevor er rastete. So,
das ist alles über den Boten. Den Rest kann Imin besser erzählen; er
hatte am Morgen Wache.«
Einer der Reiter ergriff das Wort. »Ja, ich hatte heut' morgen die
Wache«, sagte er, »oder gestern morgen ist's inzwischen geworden.
Der erste, der zur Brücke kam, war jener fremde Mann – ich denke
wenigstens, daß er ein Fremdling war, der Sprache nach zu schließen.
Er zahlte den Zoll, drei Goldstücke, denn es war zum erstenmal, daß
er den Fluß überquerte. Er plauderte ein bißchen mit mir. Wir
sprachen über allerlei, über das Wetter, das Gewächs auf den Feldern,
und dann fragte er mich, ob kurz vorher etwa ein Jüngling über die
Brücke gegangen sei. Vielleicht, sagte er, seien es sogar zwei, zwei
Burschen. Der eine müsse ungefähr sechzehn Jahre alt sein und habe
dunkles Haar und helle Augen. Vom andern sagte er nichts. Ich
erzählte ihm, es seien zwei Jünglinge hier gewesen – ich meinte
natürlich Euch –, die den Zoll nicht zahlen konnten und die also noch
auf der Ostseite des Flusses sein mußten. Der Fremdling schien das
erfreulich zu finden… nu ja, das ist vielleicht ein bißchen viel gesagt.
Er sagte nur: ›So, so‹, aber ich kann schwören, daß er lachte. Ich
konnte sein Gesicht nicht gut seh'n; er hatte den Hut weit in die Augen
gezogen, und der Hut hatte einen breiten Rand…«
»Habt Ihr keine Idee, wie er aussah?« fragte Tiuri.
»Nein… blondes Haar hatte er, das unter dem Hut hervorkam, und
ganz gewöhnliche Kleider, braune… und er… aber das kommt noch.
Nun, etwas später entdeckten wir Euch auf der Insel. Warmin bekam
den Befehl, Euch zu holen. Ich hatte den Fremden schon lang
vergessen; ich dachte, er sei weitergeritten. Aber als ich mit noch
einem Wächter auf der Brücke stand und schaute, wie Ihr von der
Insel geholt wurdet, da tauchte er plötzlich neben uns auf. ›Das sind
also diese Burschen‹, sagte er. ›Pfui, wie können sie den Zoll
umgehen!‹ Er fragte uns, welche Strafe darauf stehe, und was er
vernahm, schien ihm zu gefallen. Er lehnte über die Brücke, um Euch
zu betrachten, und lachte wieder. Ich bekam ein unangenehmes
Gefühl von diesem Lachen. Ich fand, daß Ihr den verdienten Lohn
bekamt, aber diesen Kerl mochte ich nicht leiden. Wir Wächter gingen

308
zur Schranke zurück, weil andere Leute über die Brücke geh'n
wollten. Dann kam Warmin zu uns.«
»Ja«, sagte Warmin. »Ich erzählte Imin, Ihr habet verlangt, zum
Zollherrn vorgelassen zu werden.«
»Und dann war der Fremde auch wieder dabei«, fuhr Imin weiter.
»Er sagte, Ihr gehört doch sicher ins Gefängnis. Da sagte ich: ›Ihr
scheint's ihnen zu gönnen! Ihr kennt diese Burschen, nicht?‹ Aber er
sagte, das sei nicht der Fall. ›Nu‹, sagte ich, ›Ihr habt doch nach einem
Jüngling mit dunklem Haar und hellen Augen gefragt, nicht?‹ – ›Es
gibt wohl noch andere solche‹, sagte er. ›Diesen Jüngling kenne ich
nicht. Derjenige, nach dem ich fragte, ist einer meiner Freunde. Er
sollte mit mir zusammen über den Fluß gehen, aber er ist sicher
aufgehalten worden. Er kommt aus dem Osten, von Dangria.‹«
»Als er das gesagt hatte«, sprach Warmin, »erzählte ich ihm von
dem Boten, der am Abend vorher vorbeigeritten war. Auch der hatte
dunkles Haar und helle Augen. Ich hätt' das vielleicht nicht tun sollen,
aber ich konnte nichts Schlimmes vermuten. Als der Fremde das
hörte, schien er zu erschrecken…«
»Ja, er erschrak«, sagte Imin. »Er hob den Kopf und schaute uns an.
Ich sah seine Augen und erschrak darüber. Es war, wie wenn ich eine
Schlange anschaute! Und plötzlich hatte er's eilig. Er ritt über die
Brücke, wie wenn ihm der Teufel nachsetzte!«
So ist es also, dachte Tiuri. Der Fremde war Slupor gewesen; das
konnte kaum anders sein. Zuerst hatte der Spion richtigerweise
gemeint, derjenige, den er suchte, sei eingesperrt. Aber als er von
einem andern jungen Mann hörte, der westwärts geritten sei, ein Bote
zu König Unauwen, hatte er gezweifelt und war jenem nachgegangen.
Der arme Schreiber war von einem Pfeil getötet worden, der für ihn,
Tiuri, bestimmt war! Aber Slupor wußte jetzt, daß er sich geirrt und
den Falschen ermordet hatte. Er hatte den Brief gestohlen und gelesen
und wußte nun natürlich, daß es nicht der Brief war, den er suchte.
Warmin erzählte weiter: »Später, als Ihr weg wart, sprach ich mit
dem Zollherrn. Er schien über etwas besorgt zu sein, das ihm der
zweite Bote aus Dangria erzählt hatte. Er fragte mich, ob Ihr
wohlbehalten fortgeritten seid, und dann sagte er, halb zu sich selber:
309
›Ich frage mich, ob ich sie allein reisen lassen durfte.‹ – ›Warum,
Herr?‹ fragte ich. ›Weil vielleicht Gefahren sie bedrohen könnten‹,
sagte er. Da erzählte ich ihm von dem Mann auf der Brücke. Es war
nicht viel, aber er schien darüber zu erschrecken. ›Warmin‹, sagte er,
›könnt Ihr die jungen Leute noch einholen? So reitet hin und nehmt
zehn bewaffnete Männer mit! Holt sie ein, reitet mit ihnen und
beschützt sie, wenn nötig mit Eurem eigenen Leben! Vielleicht könnt
Ihr auch noch den Boten aus Dangria einholen. Ich weiß nicht, ob ich
zu besorgt bin, aber ich spüre eine Gefahr, in erster Linie für die
beiden Burschen.‹ Das sagte er, und so sind wir hierher gekommen.«
Warmin schaute die Freunde an.
»Nun«, sprach er, »wollt Ihr uns als Eure Begleiter annehmen?
Oder habt Ihr keine Gefahr zu fürchten?«
»Ich denke doch«, erwiderte Tiuri.
»Hat der Tod des Boten aus Dangria etwas damit zu tun?«
»Ja«, erklärte Tiuri. »Ich bin ihm vorher begegnet. Er hat mir
geholfen. Und jetzt… jetzt ist er tot, während ich noch lebe…«
Fragend schaute ihn Warmin an.
»Was meint Ihr damit?« fragte er.
»Ach«, antwortete Tiuri, »warum soll ich darüber reden…«
Warmin hob die Schultern.
»Ich dürfe keine Fragen stellen, hat mein Herr gesagt«, erklärte er.
»Ich tu' also nur, was mir befohlen ist, und helfe Euch mit Leuten und
Waffen.«
»Wir danken Euch«, sagte Tiuri. »Wollen wir weiterreiten?«
Er stand auf und merkte, daß ihm die Beine vor Müdigkeit zitterten.
Trotzdem saß er einige Augenblicke später im Sattel. So setzten er
und Piak, von Kriegern des Zollherrn umringt, ihre Reise fort.

310
Im Schloß zum Weißen Mond

Als der Tag anbrach, kamen ihnen Leute entgegen; Hirten, die an
den Hängen ihre Schafe weideten. Warmin sprach sie an, erzählte
ihnen von dem Mord, beschrieb das Aussehen des Mörders und bat
sie, nach ihm Ausschau zu halten. Gegen das Ende des Vormittages
erreichten sie einen Weiler; da stand die Herberge, wo sie rasten
wollten. Bald darauf saßen sie in der Gaststube, und der Wirt setzte
ihnen eine Mahlzeit vor. Warmin erzählte ihm, daß sie vom Zollherrn
kamen, und fragte, ob sie frische Pferde erhalten könnten.
»Nicht für Eure ganze Gesellschaft«, erwiderte der Wirt. »So viele
hab' ich nicht.«
Warmin schaute Tiuri an.
»Was meint Ihr?« fragte er. »Es scheint mir das beste zu sein, wenn
wir alle eine Weile hier bleiben, so daß unsere Pferde ausruh'n
können, und dann rasch zusammen weiterreiten. Wir haben selber
auch Ruhe nötig.«
Tiuri nickte.
»Gut«, sagte er. »Aber ich will nicht zu lange hier bleiben.«
Warmin schaute ihn aufmerksam an.
»Ihr seht aus, wie wenn Ihr die Ruhe nötig hättet«, sagte er. »Und
Euer Freund auch. Schaut, er ist schon eingeschlafen.«
In der Tat war Piak in einen tiefen Schlaf gefallen; er hatte den
Kopf auf den Tisch gelegt, neben den Teller, der noch nicht einmal
leer war. Nun spürte Tiuri auch, wie müde er war, so müde, daß er fast
nichts essen konnte. Die Gespräche seiner Kameraden klangen
unbestimmt und weit weg, und selbst das Wissen, daß Slupor
vielleicht in der Nähe war, konnte ihn nicht aufregen. Warmin packte
ihn an der Schulter.
»Sagt, wie ist's?« fragte er ziemlich besorgt. »Wie lang' ist's her,
seit Ihr geruht und geschlafen habt?«
311
Ja, wie lange war das her? Tiuris Erinnerung an die letzte Zeit war
diejenige von Reisen und Reisen ohne Aufenthalt, von ermüdenden
Tagen und durchwachten Nächten.
»Ich weiß es nicht…«, murmelte er.
»Aber jetzt geht Ihr sofort schlafen!« rief Warmin. »Oder wollt Ihr,
daß Ihr auf dem Pferd einschlaft und herabpurzelt?«
Piak erwachte von der lauten Stimme und setzte sich mit
blinzelnden Augen auf. Tiuri stand auf. Warmin hatte recht. Er mußte
ruhen, um Kraft zu bekommen für den letzten Teil der Reise.
»Wie weit ist es bis zur Stadt von Unauwen?« fragte er.
»Zweieinhalb Tagereisen«, antwortete Warmin.
»Und wie spät ist es jetzt?«
»Es ist zwölf Uhr vorbei«, erklärte der Wirt.
»Habt Ihr ein Bett für diese beiden Jünglinge?« fragte ihn Warmin.
»Natürlich«, sagte der Wirt. »Kommt nur mit!«
»Gut«, bemerkte Tiuri. »Aber ich will um vier Uhr geweckt
werden.«
Er ging nicht mit dem Wirt, bis Warmin ihm das versprochen hatte.
Bald darauf lagen Piak und er im Bett und schliefen fest. Warmin hielt
sein Versprechen und ging sie um vier Uhr wecken.
»Ich hab' Nachrichten über den Mörder«, sagte Warmin.
»Von Slupor?« rief Piak.
»So, heißt er Slupor?« bemerkte Warmin. »Das hör ich jetzt zum
ersten Mal.«
»Was für Nachrichten?« fragte Tiuri.
»Oh, vor ihm braucht Ihr keine Angst zu haben«, sagte der Krieger.
»Sie erwischen ihn wohl bald. Kommt mit in die Gaststube; dort hab'
ich den Wirt ein kräftiges Mahl aufstellen lassen.«
Mit diesen Worten verließ er die Kammer.
Warmins Mitteilung hatte allen Schlaf verjagt, und die Freunde
beeilten sich, um möglichst schnell in der Gaststube zu sein. Dort
saßen Warmin und drei Krieger und warteten auf sie. Während sie
312
aßen, erzählte Warmin, es sei vor einer Stunde ein aufgeregter Reiter
in die Herberge gekommen. Es sei einer der Hirten gewesen, die
weiter ostwärts in den Hügeln wohnten.
»Dieser Hirt erzählte, er sei allein mit seiner Herde gewesen«, sagte
Warmin, »als plötzlich ein Mann dahergeritten sei. Dieser stieg vom
Pferd und fragte den Hirten, ob er ihm etwas zu essen gebe. Der Hirt
erkannte in ihm den Mörder, so wie wir ihn beschrieben hatten: braun
angezogen, mit hellem Haar und einem breitrandigen Hut. Er erschrak
darüber und ließ seinen Schrecken merken. Der andere drohte, er töte
ihn, wenn er um Hilfe rufe. Der Hirt tat dann das Beste, das er tun
konnte; er sprang auf das Pferd des Fremden und ritt davon! Der
Mörder schickte ihm noch einen Pfeil nach, verfehlte ihn aber zum
Glück.«
»Der Pfeil steckte noch im Hut«, fügte einer der Krieger bei.
»Wo ist dieser Hirt jetzt?« fragte Tiuri. »Warum habt Ihr mich nicht
geweckt?«
»Das war doch gar nicht nötig«, erklärte Warmin. »Ihr habt so gut
geschlafen. Aber wir haben sofort eine Gruppe bewaffneter Männer zu
der Stelle geschickt, wo der Hirt dem Fremden begegnet ist. Vier
meiner Leute sind mitgegangen. Der Hirt soll den Weg zeigen. Ja, er
hat rasch und schlau gehandelt, indem er das Pferd des Mörders nahm.
So wird dieser nicht schnell vorwärts kommen und nicht weit fliehen
können.«
»Das ist wahr«, sagten die Freunde.
Und doch hätte Tiuri gerne mit dem Hirten selber gesprochen. Er
hätte mehr wissen wollen von dem Mann, dessen bösen Einfluß er seit
Dangria verschiedentlich erfahren hatte. Es gab keinen Zweifel – es
war Slupor. Aber nun wurde ihm von allen Seiten nachgesetzt; er hatte
das Pferd verloren, und sie hatten einen Vorsprung. Piak und Tiuri
mußten jetzt nur dafür sorgen, daß dieser Vorsprung blieb.
Er schaute Warmin an. »Vielleicht«, sagte er, »haben wir Euer
Geleit nicht mehr nötig. Ich glaube, wir haben nicht mehr viel zu
fürchten von dem Mann, der uns gefährlich war.«

313
»Ich halt' mich an Euren Wunsch«, sagte der Krieger. »Aber es ist
eine kleine Müh', noch ein Stück mitzureiten. Es ist ein einsamer Weg,
der Weg durch die Mondhügel. Und schaut, der Zollherr hat mir
befohlen, Euch zu schützen. Ich würd's schlimm finden, wenn Euch
nach unserem Abschied etwas zustieße.«
Schließlich wurde abgemacht, daß Warmin und seine drei
übriggebliebenen Männer die Freunde auf jeden Fall bis zum Ende der
Mondhügel begleiten sollten. Dann konnten sie immer noch
weitersehen. Um halb fünf waren sie wieder unterwegs, und sie reisten
schnell, ohne Aufenthalt und ohne Abenteuer. Der Mond stand schon
wieder hoch am Himmel, als sie in der Ferne auf einem Hügel ein
Schloß stehen sahen.
»Das ist das Schloß zum Weißen Mond«, erklärte Warmin. »Ritter
Iwein wohnt dort. Der Wirt hat gesagt, wir können dort übernachten.«
»Es ist sehr alt«, sagte Warmin. »Aber das Schloß des Zollherrn ist
noch älter.«
»Der Zollherr heißt Ardian, nicht wahr?« fragte Tiuri.
»Ja, Ardian ist sein Name, früher ein fahrender Ritter ohne Heim,
jetzt Herr des Zolls im Osten.«
»Ist die Burg beim Zoll denn nicht das Schloß seiner Vorfahren?«
fragte Tiuri.
»Nein. Die Herrschaft über den Zoll ist nicht vom Vater auf den
Sohn vererblich. Der König selber ernennt die Zollherren, und er
wählt dazu seine besten Ritter aus.«
»Die Ritter mit dem weißen Schild«, bemerkte Piak.
»Ja. Aber die Herren des Zolls dürfen auch die sieben Farben des
Regenbogens tragen.«
»Wie viele Ritter hat Euer König?« fragte Tiuri. »Und wie heißen
sie?«
»Ah, das ist nicht so schnell gesagt! Ihr habt doch sicher einige
Namen gehört: Ardian, mein Herr, und Wardian, sein Bruder, und
Ritter Iwein, dessen Schloß Ihr dort seht, und die Söhne von Ritter
Iwein, die noch jung sind. Und Andomar von Ingewel, und Edwinem
von Foresterra, zugenannt ›der Unüberwindliche‹, und Marwen von
314
Iduna, dessen Beiname ›Sohn des Meerwindes‹ ist. Oh, ich könnt'
noch viel mehr Namen nennen und über ihre Taten Geschichten
erzählen. Mein Herr könnt' das noch besser; er hat dicke Bücher, die
mit der Geschichte dieses Landes vollgeschrieben sind.«
Tiuri erinnerte sich an das Buch, in das er geblickt hatte, als er auf
den Zollherrn wartete.
»Sagt, Warmin«, bemerkte er, »Eure Sprache ist fast so wie die
unsrige. Das ist eigentlich merkwürdig; findet Ihr nicht auch?«
»Warum merkwürdig?« meinte Warmin. »Ich find's merkwürdiger,
wenn jemand, der grad so aussieht wie ich, eine Sprache redet, die ich
nicht versteh' – nur weil er aus einem andern Land kommt. Aber die
Sprache, die wir hier reden, ist nicht unsere einzige Sprache. Es gibt
noch eine zweite, die sehr alt ist… so alt, daß die meisten von uns sie
nicht mehr kennen. Nur der König und die Prinzen, die Gelehrten und
einige Ritter können diese Sprache noch reden und versteh'n.«
»Der Zollherr auch?« fragte Tiuri.
»Ich nehm's an«, erwiderte Warmin. »Er weiß viel, und er kann
Bücher lesen. Ich konnte früher nur ein Kreuzchen setzen, wenn ich
den Namen schreiben mußte, aber er hat mich alle Buchstaben
gelehrt.«
So plaudernd, hatten sie sich dem Schloß genähert. Ein schmaler,
von steinernen Mauern begrenzter Weg schlängelte sich über den
Hügel darauf zu. Obwohl es schon spät war, wurden sie sogleich
eingelassen. Sowohl die Reiter als die Pferde bekamen einen
freundlichen Empfang mit Essen und einem Schlafplatz für die Nacht.
Früh am andern Morgen stand Tiuri mit Warmin und Piak auf dem
Innenhof, und sie waren bereit abzureisen.
Da trat einer der Burginsassen zu ihnen und sagte zu Warmin: »Ihr
seid doch der Anführer von Herrn Ardians Reitern? Ritter Iwein will
Euch sprechen. Kommt Ihr gleich mit?«
Warmin zeigte auf Tiuri und sagte: »Laßt diesen jungen Mann auch
mitkommen!«
»Ist das nötig?« fragte der andere. »Mein Herr hat den Anführer zu
sprechen gewünscht.«
315
»Dann muß er sicher mit«, sagte Warmin.
Der Burgbewohner schaute Tiuri ziemlich verwundert an. Er dachte
offenbar, der sei zu jung und sehe zu ärmlich aus, als daß er von
irgendwelcher Bedeutung sein könnte. Doch nickte er zum Zeichen
des Einverständnisses und ging ihnen voran ins Schloß.
Tiuri hatte schon die Stirn gerunzelt. Er wünschte, daß Warmin
nicht die Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Wären wir noch früher
aufgestanden, dachte er, so wären wir jetzt schon unterwegs gewesen.
Er warf einen Blick auf Piak, der ihm aufmunternd zublinzelte, und
folgte dann Warmin.
Sie wurden in eine große Halle geführt, wo es noch halb dunkel
war.
An einem Tisch, auf dem zwei Kerzen brannten, stand der Burgherr
und wartete auf sie. Ritter Iwein war nicht mehr jung. Sein Haar war
weiß, aber die Gestalt noch kerzengerade.
Er blickte vom einen zum andern und fragte dann Warmin: »Seid
Ihr Warmin, der Anführer von Herrn Ardians Kriegern?«
»Jawohl, Herr Ritter«, bestätigte Warmin mit einer Verbeugung.
»Ich habe gehört, es sei ein Mann getötet worden, gestern nacht, in
den Mondhügeln«, fuhr Ritter Iwein fort. »Ein Bote unterwegs zu
König Unauwen. Ist das wahr?«
»Jawohl, Herr Ritter«, antwortete Warmin.
»Warum habt Ihr mich nicht sofort davon in Kenntnis gesetzt?«
fragte der Ritter. »Der Westen der Mondhügel gehört zu meinem
Gebiet – und auch der andere Teil steht unter meiner Aufsicht, bis
Ritter Andomar zurück ist.«
»Wir haben nach Ingewel Bericht geschickt, Herr Ritter«, erklärte
Warmin. »Und jedermann in der Umgebung ist aufgefordert worden,
den Mörder zu suchen.«
»Warum seid Ihr nicht selber suchen gegangen?«
»Der Zollherr hat uns mit einem Befehl nach dem Westen
geschickt, Herr Ritter, und darum mußten wir weiterreiten. Aber einen
Teil meiner Leute – mehr als die Hälfte – hab' ich bereits
zurückgeschickt.«
316
»Gut«, sagte Ritter Iwein. Er schaute Tiuri an. »Seid Ihr«, fragte er,
»vielleicht einer der Jünglinge, die den Toten gefunden haben?«
»Ja, Herr«, antwortete Tiuri, und er dachte: Ich hoffe nicht, daß er
nun auch alles mögliche fragt. Es kommt mir vor, als ob jeder, dem
ich begegne, mich aufhalten will.
Seine Befürchtung erfüllte sich aber nicht.
Ritter Iwein fragte nichts mehr, sondern sagte: »Ich kann mitteilen,
daß der Mörder verhaftet worden ist.«
»Was? Wirklich?« riefen Tiuri und Warmin überrascht.
»Ja«, sprach Ritter Iwein. »Er wird eben in der Herberge zu den
Mondhügeln festgehalten, bis ich beschlossen habe, was mit ihm
geschehen soll. Er ist in meinem Gebiet gefangengenommen worden;
also habe ich über ihn zu richten.«
»Wann ist's gescheh'n?« fragte Warmin.
»Gestern abend, kurz nachdem Ihr von der Herberge weggeritten
seid. Ein Bote kam heute morgen früh und brachte die Nachricht. Er
kann Euch mehr erzählen. Er ist hier.«
Erst jetzt sah Tiuri, daß sich noch jemand in der dämmerigen Halle
befand. Dieser Mann trat auf einen Wink des Burgherrn näher und
blieb in ehrerbietiger Haltung vor ihnen stehen. Er sah aus wie ein
Bauer, trug aber ein Panzerhemd über den Kleidern und einen Helm
auf dem braunen Haar.
»Dieser Bote kam mit einem Brief, den der Wirt der Herberge
geschrieben hat«, sagte Iwein, »und der von einem mündlichen
Bericht ergänzt wird.«
Der Bote verbeugte sich.
»Der Wirt der Herberge hat meinen Botenlohn bezahlt«, sagte er,
»aber die Botschaft, die ich bringe, ist auch von den Kriegern des
Zollherrn. Diese ist bestimmt für Ritter Iwein, den Herrn des Weißen
Mondes, für Warmin, den Anführer der Krieger, und für die beiden
Jünglinge, die mit ihm reisen.«
»Fahrt weiter!« sagte Ritter Iwein.

317
Der Bote verbeugte sich wieder und fuhr fort: »Gestern abend
haben Männer aus meinem Dorf und vier Krieger des Zollherrn den
Mann gefangengenommen, der auf Grund der Beschreibungen der
Mörder ist. Er nannte sich mit einem seltsamen Namen… wie war er
denn schon? Es steht in dem Brief, den ich Euch gegeben hab', Herr
Ritter.«
»Slupor«, sagte Ritter Iwein.
»Slupor…«, wiederholte Tiuri leise.
»Zuerst bestritt er, der Mörder zu sein«, sagte der Bote, »aber als
wir ihn gefangen und gebunden und in eine Kammer der Herberge
geschlossen hatten, begann er zu wüten und zu rasen. Er verfluchte
uns, und er verfluchte dieses Land, und schließlich verfluchte er die
zwei Jünglinge… sie verfluchte er mit allen bösen Namen, die's gibt.«
»Warum?« fragte der Ritter.
»Das ist grad das Merkwürdigste«, erklärte der Bote mit gedämpfter
Stimme. »Er sagte nicht warum. Er verwünschte sie nur… man konnte
Angst davon bekommen. Ich war selber dabei und hörte alles. Einen
von ihnen nannte er beim Namen. ›Verflucht seist du, Tiuri!‹ sagte er.
›Der Teufel und alle finstern Mächte mögen dir den Hals brechen!‹«
Der Bote schwieg, und Tiuri fühlte sich einen Augenblick kalt
werden. Aber dieses Gefühl dauerte nicht lange; Slupor war ja
gefangen!
»Wer ist Tiuri?« fragte Ritter Iwein.
Warmin machte eine Bewegung, sagte aber nichts.
»Seid Ihr Tiuri?« fragte der Ritter den Jüngling.
»Ja, Herr«, antwortete dieser.
»Wie kommt es, daß dieser Slupor Euch so viel Übles wünscht?«
Tiuri dachte nach, bevor er antwortete: »Ich nehme an, weil ich
auch eine Ursache für seine Gefangennahme bin.«
Ritter Iwein schaute ihn nachdenklich an. Tiuri fand plötzlich, daß
er jemand glich, den er kannte, aber wußte nicht wem.
Der Ritter wandte sich an den Boten und fragte: »Habt Ihr noch
etwas anderes zu melden?«
318
»Jawohl, Herr«, sagte der Bote. »Alles, was auch im Brief steht.
Daß die Krieger des Zollherrn ihren Anführer bitten, mit den Leuten,
die er noch bei sich hat, so schnell wie möglich nach dem Osten
zurückzukehren. Aber dann natürlich allein, wenn die zwei Jünglinge
ihn entbehren können.«
»Warum soll ich zurückkehren?« fragte Warmin.
»Das«, erklärte der Bote, »haben sie mir nicht erzählt.«
»Habt Ihr noch mehr zu sagen?« fragte Ritter Iwein. Und als der
Bote verneinend geantwortet hatte, bemerkte er: »Dann könnt Ihr
gehen. Meine Diener sollen dafür sorgen, daß Ihr eine Mahlzeit
bekommt. Ich gebe Euch sofort eine Antwortbotschaft mit.«
Der Bote machte eine tiefe Verbeugung und ging weg.
»Wer seid Ihr?« fragte der Ritter Tiuri.
»Das wißt Ihr schon, Herr«, sagte dieser. »Tiuri ist mein Name.«
»Woher kommt Ihr?«
»Aus dem Osten, Herr.«
»Ihr gehört doch nicht zu den Dienern des Zollherrn?«
»Nein, Herr Ritter«, erklärte jetzt Warmin. »Aber der Zollherr hat
mir und meinen Leuten befohlen, ihn und seinen Freund zu begleiten.
Sie müssen nach dem Westen, und sie haben es eilig.«
»So ist es, Herr«, sagte Tiuri.
Warmin holte etwas unter seinem Panzerhemd hervor und
überreichte es dem Ritter.
»Dies ist das Zeichen dafür, daß ich im Auftrag des Zollherrn
handle«, sagte er. »Sein Handschuh.«
»Ich erkenne ihn«, sprach der Ritter. Er reichte Warmin den
Handschuh zurück und fuhr fort: »Obwohl Ordnung und Friede zu
herrschen scheinen, geschieht doch allerlei, was mich unruhig macht.
Herr Ardian schickt nicht umsonst seine Krieger aus! Ich halte Euch
nicht auf, da ich Euch jetzt erzählt habe, was Ihr wissen müßt. Was
Slupor betrifft, so bleibt er mein Gefangener, und ich erwarte Euch
zurück, damit Ihr in der Sache gegen ihn zeugt. Dasselbe gilt für
Euch, Tiuri.«
319
»Ja, Herr«, sagte der Jüngling.
Er fühlte sich auf einmal froh und erleichtert. Slupor war ein
Gefangener! Nun hatte er, Tiuri, nichts mehr zu fürchten. Am Abend
des kommenden Tages würden sie die Stadt von Unauwen erreichen;
der Auftrag war beinahe erfüllt. Er wandte sich an Warmin.
»Ihr braucht nicht weiter mitzugehen«, sagte er. »Slupor kann uns
jetzt nichts Übles mehr antun.«
»Wer ist Slupor?« fragte Ritter Iwein.
»Ich kenne ihn nicht«, antwortete Tiuri. »Ich weiß nur, daß er
schlecht ist – und gefährlich.«
»Das ist nun vorbei«, sprach der Ritter trocken. »Aber Ihr müßt
doch mehr von ihm wissen.«
»Er kommt aus Evillan«, sagte Tiuri.
Diese Antwort schien den Ritter zu überraschen.
»Aus Evillan?«
Auch Warmin schaute Tiuri betroffen an.
»Herr Ritter«, sagte Tiuri, »ich bitte Euch um die Erlaubnis, jetzt
sofort weiterzureiten. Vielleicht hört Ihr nach kurzer Zeit mehr, als ich
Euch jetzt berichten kann.«
»Ihr seid ein rätselhafter Jüngling«, sagte der Ritter nach einem
Augenblick des Schweigens. »Wenn ich richtig höre, so kommt Ihr
von der andern Seite der Großen Berge. Ist das so?«
»Ja, Herr«, sagte Tiuri.
»Habt Ihr dann vielleicht…«, begann der Ritter, aber er beendete
die Frage nicht, schüttelte den Kopf und sagte: »Ich vertraue dem
Zollherrn völlig und halte mich an das, was er beschlossen hat. Geht
in Frieden! Ihr, Warmin, habt selber zu beschließen, ob Ihr
Weiterreisen oder zu Euren Kriegern in den Osten zurückkehren wollt.
Lebt wohl!«
Tiuri und Warmin verbeugten sich, und bald darauf standen sie
wieder auf dem Innenhof, wo die andern sie ungeduldig erwarteten.
»Was hatte der Ritter zu sagen?« fragte Piak seinen Freund.

320
»Gute Nachrichten!« entgegnete Tiuri. »Slupor ist gefangen. Ein
Bote brachte den Bericht.«
»Slupor gefangen? Wirklich wahr?« flüsterte Piak.
»Ja«, sagte Tiuri, »das hat sich herausgestellt.«
Piak schaute ihn mit glänzenden Augen an.
»Das ist wirklich eine gute Nachricht«, sagte er. »Ei, ei«, fügte er
bei, »dann brauch' ich wenigstens nicht mehr vor jedem Schatten
Angst zu haben und hinter jeden Strauch zu schauen.«
Warmin kam herbei und hüstelte.
»Was gibt es?« fragte Tiuri.
»Nun«, sagte der Krieger, »was tun wir jetzt? Soll ich mit Euch
kommen oder nicht?«
»Ihr könnt uns jetzt mit ruhigem Herzen allein lassen«, erklärte
Tiuri.
»Wenn Ihr es selber sagt…«, bemerkte Warmin. »Seht, ich frag'
mich, warum man mich gebeten hat, sobald wie möglich
zurückzukehren. Und wenn Ihr sagt, daß Ihr unsere Hilfe nicht mehr
nötig habt, so will ich gern schauen geh'n, was sie dort brauchen. Es
ist etwas nicht gut in diesem Land; es brütet etwas, scheint's… Aber«,
fuhr er fort, »wenn Ihr wollt, so komm' ich mit Euch. Ich betrachte
Euch jetzt als meinen Vorgesetzten, so närrisch das auch klingt, weil
Ihr ja so viel jünger seid als ich.«
Tiuri streckte ihm die Hand hin und sagte: »Ich danke Euch für
Eure Hilfe, Warmin. Und dankt bitte auch dem Zollherrn von uns aus.
Wir tun es dann selber noch einmal, wenn wir zum Regenbogenfluß
zurückkommen.«
»Gut«, bemerkte Warmin. »Aber ich laß' Euch nicht geh'n, bevor
ich weiß, daß Ihr gut bewaffnet seid. Es ist vielleicht nicht nötig, aber
es kann nie schaden. Ihr habt nicht viel von Bogen und Pfeilen, die
nur in Eurer Phantasie besteh'n! Ich geb' Euch richtige, und aus dem
Waffensaal werden wohl noch ein paar Panzerhemden zu entbehren
sein.«
Es dauerte noch eine Weile, bis diese Dinge zusammengesucht und
den Freunden ausgehändigt waren.
321
»Muß ich das wirklich tragen?« fragte Piak, als er zum erstenmal in
seinem Leben ein Panzerhemd trug. »Ich hab' lieber ein gewöhnliches
Hemd.«
»Ihr gewöhnt Euch schon dran«, sagte Warmin lachend. »Es ist ein
guter Schutz, und das müßt Ihr schon schätzen.«
»Dann will ich's behalten«, seufzte Piak. »Aber den Bogen brauch'
ich sicher nicht. Ich würd' damit nicht einmal einen Berg treffen, und
wenn's auf drei Fuß Abstand war'.«
Dann überlegte er es sich aber und sagte: »Nein, gebt ihn mir doch!
Es macht sich vielleicht gut.«
Die Freunde nahmen von Warmin und seinen Reitern Abschied,
und dann ritten sie weiter auf dem Weg nach dem Westen.
»Jetzt sind wir wieder beisammen«, sagte Piak. »Wie findest du,
wie seh' ich aus? Gleich' ich nicht ein bißchen einem Schildknappen?«

322
Der Bettler am Tor

Natürlich mußte Tiuri Piak genau erzählen, was Ritter Iwein gesagt
hatte.
»Zum Glück ließ er uns sofort geh'n«, sagte Piak. »Ich hatte schon
Angst, wir müßten bleiben. Ja, ich bereute schon, daß wir uns nicht
verkleidet hatten… als alte Männer mit Bärten zum Beispiel.«
»Woher hätten wir die Bärte geholt?« fragte Tiuri lachend.
»Darüber brauch' ich nicht mehr nachzudenken«, erwiderte Piak.
»Es ist ja nicht mehr nötig.«
Er schaute sich um und sagte: »Die Mondhügel sind recht schön,
glaub' ich, aber ich bin froh, wenn wir davon weg sind. Und du?«
»Ich auch«, sagte Tiuri.
Nach kurzer Zeit gelangten sie in eine Landschaft, die ganz anders
war. Schräge Felder mit goldgelbem Korn und hellgrüne Weiden. Sie
begegneten ziemlich vielen Leuten und sahen Dörfer und Höfe und
dann und wann in der Ferne die Türme einer Burg.
»Es war' am besten, die ganze Nacht weiterzureiten«, flüsterte Piak.
Doch Tiuri schüttelte den Kopf. Er schaute sich um; dort waren die
Mondhügel, wo sie das Schlimme und die Gefahr hinter sich gelassen
hatten. Und doch war er auf der Hut, als ob er durch ein feindliches
Land reiste. Wie kam das? Tagsüber war es nicht so gewesen. Wie
kam es, daß er jetzt am Abend wieder das Gefühl hatte, man
beobachte sie und lauere auf sie? Unsinn! Er wollte Piak nichts davon
sagen. Aber er beschloß, sobald wie möglich einen sicheren
Schlafplatz zu suchen.
Sie ritten an einer Scheuer vorbei, die leer zu sein schien, und
beschlossen, hier die Nacht zu verbringen. Kaum waren sie mit ihren
Pferden hineingegangen, so begann ein Hund zu bellen.
Bald darauf hörten sie Schritte und eine Stimme rief: »Wer ist da?«

323
Tiuri blickte durch eine Türspalte hinaus. Dort stand ein Mann mit
einer Laterne an der Hand. Ein großer Hund bewegte sich um seiney
Beine. Tiuri zögerte mit einer Antwort, und auch Piak hielt sich still.
Der Hund verließ seinen Herrn und lief wedelnd auf die Scheuer zu.
»So, Parwen, hab' ich Gäste in meiner Scheuer!« rief der Mann.
»Das ist gut; wenn ich nur weiß, wer sie sind.«
Nun wagte Tiuri zu sprechen. Er ging hinaus, und Piak folgte ihm.
»Guten Abend«, sagte Tiuri. »Dürfen wir hier übernachten?«
»Natürlich«, entgegnete der Mann, offenbar der Bauer, dem die
Scheuer gehörte. »Aber Ihr könnt auch mit mir kommen. Im Haus ist
schon noch ein Bett leer; dort schlaft Ihr sicher noch besser. Und
vielleicht hat Frau Mutter noch einen Bissen zu essen übrig.«
Er lud sie so herzlich ein, daß die Freunde die Einladung annahmen.
Bald darauf saßen sie bei dem Bauer und seiner Frau in der Küche und
aßen Speckpfannkuchen.
»Recht herzlichen Dank für Eure Freundlichkeit«, sagte Tiuri.
»Es ist gern gescheh'n«, sprach der Bauer lachend. »Ihr seid noch
spät unterwegs. Seid Ihr auf dem Weg zur Stadt?«
»Die Stadt von Unauwen?« fragte Piak.
»Ja, welche Stadt sonst? Obwohl es noch andere Städte gibt…«
Der Bauer schwieg.
»Hört«, sagte er dann, »Parwen bellt wieder. Ich geh' schauen, was
los ist.«
Er ergriff die Laterne und ging hinaus.
»Ist's noch weit bis zur Stadt von Unauwen?« fragte Piak.
»O nein. Morgen mittag könnt Ihr dort sein, wenn Ihr mit den
Hühnern aufsteht.«
Der Bauer kehrte zurück und sagte: »Niemand zu seh'n.
Merkwürdig. Der Hund bellt sonst nie so fest.« Er wandte sich an die
Freunde. »Ich weiß nicht, wie früh Ihr am Morgen auf stehen wollt«,
sagte er, »aber ich finde, es ist jetzt Bettzeit.«
»Ja, Ihr seht müd' aus«, sagte die Bäuerin. »Kommt mit; ich zeig'
Euch das Bett.«
324
»Wie freundlich die Leute hier sind«, flüsterte Piak, als sie im Bett
lagen.
»Ja«, sagte Tiuri.
Draußen bellte der Hund wieder.
Warum bellt er? fragte sich Tiuri.
Dann lächelte er und dachte: Mag er bellen! Wir liegen hier sicher,
hinter geschlossenen Türen.
Piak schlief bald, aber Tiuri schaute noch lange in die Dunkelheit.
Der Hund bellte nicht mehr. Schließlich fiel auch Tiuri in Schlaf.
Beim ersten Hahnenschrei standen die Freunde auf, dankten dem
Bauern und der Bäuerin nochmals und begaben sich wieder auf den
Weg. Das Wetter war gut; es wehte ein starker Westwind, doch schien
die Sonne. Zuerst ritten sie durch eine Landschaft, die derjenigen vom
Vortage glich. Später führte sie der Weg durch einen Wald und über
einen Hügel, und dann erblickten sie die Stadt von Unauwen vor sich.
Eine große Stadt mußte es sein; sie sahen viele Türme, eigentlich
nichts als Türme, die in der Sonne weiß und silbern glänzten.
Sie hielten die Pferde an und schauten eine Weile schweigend hin.
Dort war das Ziel ihrer Reise! Dann ritten sie flink weiter. Es wurde
sehr lebhaft auf dem Weg; es mündeten viele Seitenwege ein, und sie
merkten, daß sie nicht die einzigen Reisenden waren, die sich nach der
Hauptstadt begaben. Es war noch ein langes Stück bis dorthin, und sie
schonten die Pferde nicht. Das Verlangen, die Stadt zu betreten, wurde
immer größer. Die Stadt von Unauwen war auf niedrige Hügel gebaut;
sie war nicht grau und ummauert, sondern hell und offen. Sehr
ausgedehnt sah sie aus, mit niederen Mauern und vielen Toren, mit
Treppen und Türmen, auf denen goldene Windfahnen schimmerten.
Vom Süden her strömte ein glitzernder Fluß, der in der Stadt
verschwand; das mußte der Weiße Fluß sein. Weiter weg, mehr
nordwärts, erhoben sich höhere Hügel, die in der Sonne rötlich
glänzten, und dahinter noch andere Hügel, wie Regenbogen, die sich
im Nebel verloren. Es führten viele Wege zur Stadt.
»Das«, sagte Piak, »ist das Schönste, das ich auf dieser Reise
geseh'n hab'.«
325
»Das finde ich auch«, sagte Tiuri.
»Ist die Stadt von Dagonaut gleich?«
Tiuri schüttelte den Kopf.
»Nein«, sagte er. »Diese hier ist schöner.«
»Sie ist wohl die schönste Stadt der Welt«, fand Piak.
Tiuri sprach die Worte der Botschaft vor sich hin und sang sie dann
leise nach Piaks Melodie. Piak summte sie mit, und so ritten sie der
Stadt zu. Aber als sie noch näher kamen und die Sonne im Westen
über der Stadt stand, schwiegen sie.
Der Weg teilte sich in viele Teile, die zu verschiedenen Toren auf
der Ostseite der Stadt führten: mit Gras bewachsene Reiterpfade und
Straßen und Treppen aus Stein. Die Tore waren alle offen, aber es
standen Wächter dabei, die mit ihren gefiederten Helmen und farbigen
Schilden Eindruck machten. Auch auf den niedrigen weißen Mauern
standen Krieger. Die Freunde blickten einander einen Augenblick
strahlend an.
»Wir sind da«, flüsterte Piak.
»Fast«, fügte Tiuri bei.
Sie ritten auf einem der Wege weiter, und unwillkürlich ließen sie
die Pferde im Schritt gehen. Es gab so viel zu sehen. Den Treppen und
Wegen entlang standen steinerne Säulen im Gras, die mit
Bildhauerarbeiten und seltsamen Zeichen verziert waren.
Dann erblickten sie jemand, der von all dem Schönen um sie herum
scharf abstach. Ein alter Bettler saß auf dem Boden, an eine Säule
gelehnt, neben einem Tor. Er war in einen zerrissenen, geflickten
Mantel mit Kapuze gehüllt, unter der kaum die Nase und die langen,
grauen, struppigen Haare und ein Bart zu sehen waren. Ein Stock lag
neben ihm, und in der Hand hielt er eine Bettelschale. Er sprach die
Freunde an und bat sie um ein Almosen.
Tiuri zog das Geldsäckchen hervor, das der Zollherr ihm hatte
mitgeben lassen. Es war nicht mehr viel darin, aber er schüttelte alles
in die Schale, die der Bettler in die Höhe hielt. Auch Piak gab alles,
was er besaß: einen kupfernen Heller.

326
Der Bettler murmelte ein Wort des Dankes, und die Freunde
wollten weiterreiten. Aber die Stimme des Bettlers hielt sie zurück.
»Lieber«, sprach jener laut, »sollt' ich Euch nicht danken!«
»Warum?« fragte Tiuri, der näher bei ihm war, verwundert.
»Ihr sitzt so hoch auf Eurem Pferd, Reisender«, sagte der Bettler,
»und von dieser Höhe aus ist's bequem, mir ein Geldstück
zuzuwerfen, ohne mir auch nur ins Gesicht zu schauen! Jetzt reitet Ihr
sogleich weiter und vergeßt mich. Ich seh', daß Ihr voller Ungeduld
seid und mich lästig findet. Ihr habt recht; ich bin nur ein Bettler, der
eine Verspätung bedeutet, an dem man aber zum Glück bald vorbei
ist.«
Tiuri blickte auf den Bettler nieder und wußte nicht, was er sagen
sollte. Doch konnte er es nicht übers Herz bringen weiterzureiten,
sosehr er dies auch begehrte. Die Stimme des alten Mannes hatte so
traurig geklungen, so bitter und so hoffnungslos.
»Was wartet Ihr noch?« sagte der Bettler. »Reitet weiter,
Fremdling! Dies ist die Stadt von Unauwen, die Stadt des Königs, wo
es keine Armut gibt. Geht hinein und vergeßt mich, so wie jeder mich
vergißt. Warum solltet Ihr absteigen und Euch zu einem Elenden
bücken, wie ich einer bin?«
»Seid nicht zornig auf mich!« sagte Tiuri. »Ich wollte Euch nicht
beleidigen. Es tut mir leid, daß ich wegen meiner Eile vergaß, bei
Euch stehenzubleiben. Ich habe Euch alles gegeben, was ich bei mir
hatte, und würde Euch gern helfen, wenn ich könnte.«
»Ah!« sagte der Bettler. »Ich danke Euch! Ihr würdet mir helfen…
wenn Ihr könntet. Das freut mich. Mehr hab' ich nicht nötig. Lebt
wohl! Mögt Ihr erhalten, was Ihr verdient; mögt Ihr bekommen, was
ich Euch wünsche. Lebt wohl!«
Er wandte sich ab, ergriff seinen Stock und begann mühsam
aufzustehen.
Piak legte die Hand auf Tiuris Arm und flüsterte: »Komm!«
Tiuri jedoch konnte die Augen nicht von dem Bettler abwenden. Er
fühlte großes Mitleid mit ihm, und auf einmal wußte er, daß er die

327
Stadt nicht betreten wollte, bevor er Auge in Auge mit ihm gestanden
hatte und wußte, wem er ein Almosen zugeworfen hatte.
Er sprang vom Pferd, ohne auf das zu hören, was Piak ihm
zugeflüstert hatte.
Er streckte die Hand aus, um dem Bettler zu helfen, und sagte: »Ich
habe es eilig, aber nicht so sehr, daß ich Euch nicht beweisen will, daß
ich Euch helfen und kennenlernen will.«
Der Bettler ließ sich auf die Beine helfen. Er blieb Tiuri gegenüber
stehen, über den Stock gebeugt, das Gesicht fast ganz versteckt durch
die Kapuze und die Haare.
»Ich danke Euch«, sagte er leise. »Ihr seid so, wie ich hoffte. Nicht
für Euer Geld danke ich Euch, sondern weil Ihr jetzt vor mir steht.«
»Schaut mich an!« sagte Tiuri.
Der Bettler beugte sich tiefer und gab keine Antwort.
»Wollt Ihr mich nicht anschauen?« fragte Tiuri.
Sein Herz hatte schneller zu klopfen begonnen. Er begriff nicht
warum, aber er wußte, daß er keinen Schritt tun konnte, bevor der
Bettler ihn angeschaut hatte. Sein Mitleid war verschwunden und hatte
der Neugier Platz gemacht. Und dazu kam ein unheimliches Gefühl
der Spannung, als ob es sehr wichtig wäre, daß der Bettler ihn
anschaute, als ob dies ein Augenblick wäre, von dem viel abhing.
Jetzt gab der Bettler Antwort: »Das will ich tun… Ihr Narr!«
Und plötzlich begriff Tiuri, daß er in Gefahr war. Er erschrak nicht
einmal so sehr, als der Bettler das Gesicht hob. Tiuri wußte, wessen
Augen ihn anschauten… kalte, falsche Augen wie die einer Schlange.
Slupor! Endlich stand er dem Feind gegenüber, den er schon solange
gefürchtet hatte! Der Bettler zog etwas aus seinem Stock und stach
damit nach Tiuri. Aber Tiuri war darauf vorbereitet. Er wehrte den
Dolchstoß ab und wurde nur leicht geritzt. Dann zwang er den Bettler,
den Dolch fallen zu lassen. Sogleich schlossen sich dessen Hände um
seine Kehle.
Hinter ihm tat Piak einen Schrei: »Slupor!«

328
Tiuri kämpfte mit Slupor. Er merkte, daß dieser stärker war als er,
doch hatte er keine Angst. Er entzog sich dem Griff der würgenden
Hände und versuchte seinen Feind zu überwältigen. Dann kam Hilfe.
Zuerst Piak, dann andere, Vorübergehende und Torwächter.
Slupor ließ Tiuri los und floh.
»Er läuft weg!« schrie Piak. »Haltet ihn! Haltet ihn, den Mörder!«
Die Torwächter zogen die Schwerter und verfolgten ihn. Piak
wandte sich an den Freund.
»Wie ist's, Tiuri?« fragte er. »Du blutest!«
Tiuri rieb die Stirn ab.
»Das ist nichts«, sagte er, vor Anstrengung noch keuchend.
»Ich bin so erschrocken«, sagte Piak. »Plötzlich sah ich den Dolch,
und ich dachte, ich dachte…«
»Ich spürte, daß es kam«, erklärte Tiuri. »Als er mich anschaute,
wußte ich, wer er war… nein… schon vorher, glaube ich…«
Er schaute nach den Wächtern, die den fliehenden Slupor
verfolgten. Ja, sie hatten ihn! Er merkte erst jetzt, daß Leute mit
verwunderten und erschrockenen Gesichtern sie umstanden. Sie
fragten, was los sei.
Die Torwächter kamen mit dem Bettler zurück.
»Jetzt wollen wir einmal wissen«, sagten sie, »was das bedeutet!«
»Das will ich auch wissen!« rief der Bettler in schrillem Ton. »Was
hab' ich getan, um so behandelt zu werden?«
»Ihr habt ihn ermorden wollen!« rief Piak, während er Tiuri am
Arm ergriff.
»Das ist nicht wahr!« schrie der Bettler. »Er hat mich angegriffen!«
»Lügner!« rief Piak wütend. »Schaut, da liegt Euer Dolch noch auf
dem Boden. Und den Boten habt Ihr auch ermordet, den Boten aus
Dangria!«
Der Bettler versuchte sich zu bewegen, aber die Torwächter hielten
ihn fest.
»Ich versteh' nicht, von was Ihr redet!« sagte er.
329
»Das versteht Ihr gut!« bemerkte Tiuri ruhig. »Ihr habt uns lange
verfolgt, Slupor!«
Der Bettler warf ihm einen Blick voll Haß zu. Es schien, als reiße er
sich los, aber es geschah nicht.
Dann schrie er: »Seid verflucht, Tiuri! Geht nur in die Stadt und
bringt dem König Eure wichtige Botschaft! Seid stolz darauf, daß Ihr
Euren Auftrag so gut erfüllt habt! Aber Ihr könnt das Schicksal dieses
Landes doch nicht andern. Streit und Zwietracht sollen über dieses
Land kommen, Feuer und Blut über diese Stadt!«
Tiuri schauderte es, nicht so sehr wegen der Worte selbst, sondern
wegen des Tones, in dem sie ausgesprochen wurden.
»Schweigt!« rief einer der Wächter zornig und erschrocken
zugleich. Dann fragte er die Freunde: »Wer seid Ihr? Wie kennt Ihr
ihn, und wer ist er?«
»Er ist ein Spion«, erwiderte Tiuri, »ein Spion aus Evillan.«
»Ihr seid unser Gefangener«, sagte der Wächter zu Slupor,
»Gefangener von König Unauwen. Ihr kommt mit uns in die Stadt.«
»Da ich das weiß«, sagte Slupor, »so rede ich kein Wort mehr.«
Der Wächter wandte sich wieder an die Freunde.
»Nochmals«, sagte er, »wer seid Ihr?«
»Wir kommen aus dem Land von König Dagonaut«, erklärte Tiuri
leise, »mit einer Botschaft für König Unauwen.«
Der Wächter schaute ihn verwundert und besorgt an.
»So kommt mit«, sagte er. »Ein paar meiner Leute sollen Euch zum
Palast bringen.«

330
König Unauwen

So gingen nun die Freunde durch das Tor und in die Stadt. Slupor
wurde weggebracht und war bald aus ihrem Gesichtskreis
verschwunden. Kurz nachher waren sie, von zwei Wächtern begleitet,
auf dem Wege zum Palast. Tiuri sah kaum etwas von den Häusern,
den Straßen und den Menschen um sich herum. Mit geradem Rücken
saß er auf dem Pferd und richtete den Blick auf den Wächter, der vor
ihm ritt, um den Weg zu zeigen, und konnte nur noch an die Botschaft
denken. Sogleich sollte er seinen Auftrag ausrichten und sein Wort
einlösen. Manchmal blickte er zu Piak, der auch ernst aussah.
Erst als sie zum Weißen Fluß kamen, der quer durch die Stadt
strömte, begann Tiuri wieder die Umgebung zu betrachten. Der Fluß
war schön, hatte helles, silbriges Wasser, doch war er nicht so breit
wie der Regenbogenfluß. Auf der andern Seite stand der Palast des
Königs Unauwen. Er war aus grauem und weißem Stein errichtet,
befand sich auf einer Anhöhe und war umgeben von niedrigen Mauern
mit Toren und von Gärten, die sich in Terrassen bis zum Wasser
erstreckten. Die Reiter gelangten über eine hölzerne Brücke und durch
ein Tor und hielten bei einem zweiten Tor an, wo Krieger Wache
hielten. Die Begleiter der Freunde ersuchten um Durchlaß.
»Für wen?« fragten die Krieger.
»Zwei Botschafter für König Unauwen.«
»Reitet weiter!« war die Antwort.
Beim nächsten Tor mußten sie absteigen. Auch hier standen
Krieger, die nach einem kurzen Gespräch mit den Begleitern das Tor
öffneten. Dann grüßten die Begleiter die Freunde und ritten zum
Stadttor zurück.
»Wir sorgen für Eure Pferde«, sagte einer der Palastwächter zu den
Jünglingen. »Geht hinein und meldet Euch beim Hauptmann der
Wache.«

331
Tiuri und Piak betraten einen großen Hof, in dem viele Leute
umhergingen. Eine breite Treppe führte von da zum Palast. Ein junger
Ritter mit einem weißen Schild näherte sich ihnen; er schien der
Hauptmann der Wache zu sein.
»Was ist Euer Wunsch?« fragte er.
»Wir möchten bei König Unauwen vorgelassen werden«, sagte
Tiuri.
Der Ritter betrachtete sie ziemlich überrascht.
»Warum?« fragte er. »Wer seid Ihr?«
»Piak und Tiuri heißen wir. Wir kommen mit einer Botschaft für
König Unauwen. Eine wichtige Botschaft.«
»Wer hat Euch geschickt?«
»Ritter Edwinem von Foresterra.«
Der junge Ritter zeigte Überraschung, sagte aber nichts als: »Folgt
mir!«
Er ging ihnen voran die Treppe hinauf und führte sie in einen
großen Saal.
»Wartet hier!« sagte er, »ich melde dem König Eure Ankunft. Wie
lautet die Botschaft?«
»Das darf ich nur dem König selber sagen«, entgegnete Tiuri, »und
zwar sobald als möglich – sofort.«
»So«, sagte der Ritter. »Ich melde es dem König. Aber zuerst müßt
Ihr mir erzählen…«
Tiuri zog an dem Schnürchen um den Hals und zeigte dem Ritter
den Ring.
»Dies zum Zeichen dafür, daß ich von Ritter Edwinem geschickt
worden bin«, fiel er dem andern ins Wort. »Laßt uns bitte sogleich
zum König gehen.«
Mit großen Augen schaute ihn der Ritter an.
»Gut«, sagte er, »kommt gleich mit!«
Sie durchschritten viele Säle, und schließlich blieb der Ritter vor
einer Tür stehen, wo er klopfte und eintrat.

332
Einen Augenblick später erschien er wieder und sprach: »König
Unauwen erwartet Euch.«
Tiuri wollte eintreten, merkte aber plötzlich, daß Piak ihm nicht
folgte.
Er stand in der Türöffnung und flüsterte: » Piak, komm mit!«
Piak schüttelte den Kopf.
»Komm jetzt!« sagte Tiuri.
»Nein«, sagte Piak.
»Du mußt dabei sein!« sagte Tiuri ungeduldig.
»Nein«, wiederholte Piak. »Du gehst allein. Sicher, es ist besser.«
»König Unauwen erwartet Euch«, sprach der Ritter nochmals.
»Vorwärts!« flüsterte Piak. »Du kannst den König nicht warten
lassen.«
Tiuri konnte nicht anders als allein eintreten, obwohl es ihn verdroß,
daß Piak nicht mitgehen wollte. Er trat über die Schwelle und merkte,
daß ihm die Beine zitterten. Hinter ihm wurde die Tür leise
geschlossen.
Das Zimmer, das er betrat, war nicht groß; blitzschnell sah er, daß
es weiß und blau war, mit einer Säulenreihe auf zwei Seiten. Dann
stand er König Unauwen gegenüber.
Dieser erhob sich von einem Sessel und schaute Tiuri an. Der König
war schon alt; Haar und Bart waren silberweiß. Weiß war auch das
lange Gewand, und er trug keinen Schmuck außer einem schmalen,
goldenen Band um den Kopf. Aber niemand hätte daran zweifeln
können, daß er ein König war: fürstlich war seine Haltung, edel und
weise sein Gesicht. Er erinnerte Tiuri stark an Menaures; vor allem
glichen die Augen denjenigen des Einsiedlers.
»Tretet näher, Bote!« sprach der König.
Seine Stimme paßte zu seinem Aussehen.
Tiuri schritt auf ihn zu und kniete dann nieder, so wie er es früher
oft vor König Dagonaut getan hatte. Er hatte Mühe, seine Stimme zu
finden.

333
Dann sagte er: »Majestät, ich bringe Euch eine Botschaft von Ritter
Edwinem mit dem weißen Schild. Aber zuerst muß ich Euch melden,
daß Ritter Edwinem tot ist. Bevor er starb, gab er mir einen Brief, den
ich Euch übergeben sollte, und seinen Ring… hier ist er.«
König Unauwen nahm den Ring.
»Steht auf!« sagte er.
Tiuri gehorchte.
Einen Augenblick schaute der König schweigend auf den Ring.
»Das ist eine traurige Nachricht, Bote«, sprach er dann langsam.
»Wie ist mein Ritter gestorben?«
»Majestät, er ist ermordet worden«, antwortete Tiuri, »von roten
Reitern aus Evillan.«
»Ritter Edwinem ermordet… Reiter aus Evillan!« wiederholte der
König. »Ich fürchte, das ist nicht die einzige schlechte Nachricht«,
fügte er bei. »Gebt mir den Brief, Bote.«
»Majestät, ich habe ihn nicht mehr«, erklärte Tiuri. »Ritter
Edwinem trug mir auf, ihn zu vernichten, wenn ich Gefahr lief, daß er
mir genommen würde. Und das habe ich tun müssen. Aber ich weiß
den Inhalt auswendig.«
Der König schaute ihn aufmerksam an und fragte unerwartet: »Wer
seid Ihr, Bote?«
»Ich heiße Tiuri, Majestät.«
»Nun, Tiuri, so sagt mir die Botschaft. Ich höre zu.«
Tiuri wollte sprechen, merkte aber zu seinem Schrecken, daß er
nicht wußte, was er sagen mußte. Er erinnerte sich an kein einziges
Wort mehr! Kein Wort der Botschaft, die er so oft für sich selber
wiederholt hatte… Aber das war ja unmöglich! Wenn er ruhig
nachdachte, so mußte ihm sicher wieder alles einfallen. Er schloß die
Augen und besann sich fieberhaft. Doch schien der Kopf ganz leer zu
sein. Es wurde ihm kalt vor Entsetzen. Er hatte die Botschaft
vergessen! Er öffnete die Augen wieder und schaute den König an.
Zeigte dieser keine Ungeduld? Er neigte den Kopf und fühlte, daß
er vor Scham rot wurde. Er mußte es wissen, es mußte sein!
334
Da erinnerte er sich plötzlich an etwas. Piak wußte es auch! Er hatte
ja sogar eine Melodie darauf erfunden… Eine kleine Melodie…
Tiuri begann sie zu summen, und sogleich kehrten die Worte zu ihm
zurück. Er hob den Kopf und sah, daß der König Unauwen ihn
ziemlich verwundert anschaute.
»Das Liedchen…«, wollte Tiuri sagen. »Piak, mein Freund, hat ein
Liedchen dazu erfunden… Zuerst aber die Botschaft!«
Er holte tief Atem, und dann sprach er die rätselhaften Worte
langsam aus, langsam, aber deutlich und ohne Zögern. Er merkte, daß
das, was er sagte, den König traf. Er glaubte in dessen Augen
Schrecken zu lesen, Abscheu, Trauer und schließlich Zorn. Als er
schwieg, wandte der König sich ab. Er sah plötzlich viel älter aus. Es
war ganz still.
»Wiederholt, was Ihr gesagt habt«, befahl dann der König.
Tiuri tat es. Mit noch immer abgewandtem Gesicht hörte König
Unauwen die Worte an. Dann blieb er eine Weile unbeweglich mit
gebeugtem Kopf stehen, wie in Gedanken versunken. Tiuri wagte
nichts zu sagen. Er wagte nicht einmal, den König anzuschauen.
Eine endlose Zeit schien zu vergehen. Tiuri begann sich zu fragen,
ob der König ihn vergessen habe. Sollte er nicht weggehen?
In diesem Augenblick aber hob der König den Kopf, als ob er einen
Entschluß gefaßt hätte.
Er schaute Tiuri an und sagte: »Vergebt mir, Tiuri. Ich mußte diese
Nachricht zuerst verarbeiten. Ernst ist der Bericht, den Ihr mir
gebracht habt, und von großer Bedeutung für dieses Land und seine
Bewohner. Seid Ihr imstande, die Worte auch zu schreiben, so wie sie
in dem Brief standen?«
»Ja, Majestät«, antwortete Tiuri. »Ich… ich weiß nicht, was sie
bedeuten, aber ich habe sie mitsamt der Schreibweise auswendig
gelernt.«
»Gut«, sprach der König. »Erzählt mir jetzt, wie es kommt, daß Ihr
von Ritter Edwinem den Auftrag erhalten habt, die Botschaft hierher
zu bringen. Kommt!«

335
Er legte die Hand auf Tiuris Schulter und führte ihn in eine Ecke
des Zimmers, wo ein Tisch und ein paar Stühle standen. Er setzte sich
und lud Tiuri ein, auch Platz zu nehmen.
»Erzählt!« wiederholte er.
Tiuri erzählte. Er berichtete von dem alten Mann, der in der Nacht
an die Tür der Kapelle klopfte, und wie dessen Bitte um Hilfe zu dem
Auftrag führte, den der sterbende Ritter Edwinem ihm gab.
»Und dann seid Ihr auf den Weg gegangen«, sagte König Unauwen,
»durch das Land von Dagonaut, über die Berge, durch dieses Land,
bis in meine Stadt. Das war eine große Reise und auch eine
gefährliche, denke ich. Die Feinde, die Ritter Edwinem getötet haben,
haben wohl auch Euch verfolgt.«
Tiuri nickte.
Der König lächelte ihm zu – ein freundliches, herzerwärmendes
Lächeln.
Er streckte Tiuri die Hand hin und sagte: »Ich danke Euch, Tiuri.«
Plötzlich fühlte sich Tiuri sehr glücklich und dankbar darüber, daß
er seinen Auftrag ausgeführt hatte. Dann dachte er an Piak.
»Majestät«, sagte er, »würdet Ihr bitte meinem Freund Piak auch
danken? Er hat gerade so viel getan wie ich. Ohne ihn hättet Ihr die
Botschaft nie vernommen. Er ist, er hat…«
Er schwieg, weil der König an einen Gong schlug, der beim Tisch
stand. Auf dieses Zeichen hin trat der junge Ritter ein.
Er verbeugte sich und fragte: »Was wünscht mein Fürst?«
»Den andern Jüngling«, bemerkte der König. »Laßt ihn kommen!«
Einen Augenblick später erschien Piak; er sah sehr verlegen aus.
Der junge Ritter verschwand wieder. König Unauwen stand auf,
schritt auf Piak zu und streckte ihm die Hand entgegen.
Aber der Knabe kniete nieder und sagte: »Seid gegrüßt, König.«
Wieder lächelte der König.
»Steht auf, Piak«, sagte er, »so daß ich Euch für das, was Ihr getan
habt, danken kann.«

336
Piak tat, was ihm befohlen worden war; er schien gerührt zu sein.
Auch Tiuri spürte Rührung, und fast konnte er nicht glauben, daß
seine Aufgabe nun wirklich durchgeführt war. Der König lud auch
Piak ein, sich zu setzen, und stellte beiden einige Fragen. Er wollte
wissen, wie lange es her war, seit Tiuri aufgebrochen war, und
forderte ihn auf, alles zu erzählen, was er von Ritter Edwinems
Schicksal wußte. Auch wollte er vernehmen, wie es dazu gekommen
war, daß der Brief vernichtet werden mußte. Die Freunde
beantworteten seine Fragen so gut wie möglich, und dann mußte Tiuri
den Inhalt des Briefes niederschreiben.
Als das geschehen war, sprach der König: »Bald will ich mehr von
Euren Abenteuern hören, Tiuri und Piak. Aber es gibt jetzt
Angelegenheiten, die dringlicher sind. Ich habe viel zu tun.« Er schlug
wieder an den Gong, und zu dem jungen Ritter sagte er: »Ritter Iwein,
sofort sollen alle, die den weißen Schild tragen, die Ratsherren und die
Großen des Reichs im großen Saal zusammentreten, um zu
vernehmen, welche Nachricht aus dem Osten gebracht worden ist.
Laßt den ältesten Ratsherrn und Freund Tirillo sofort zu mir kommen!
Was diese Jünglinge betrifft, so sind sie meine geehrten Gäste. Führt
sie bitte zu Frau Mirian und sagt ihr, sie möge um ihr Wohlbefinden
besorgt sein. Dann kommt zu mir zurück!«
Der Ritter verbeugte sich, und die Freunde verbeugten sich
ebenfalls. König Unauwen stand aufrecht; jetzt sah er groß und
stattlich aus, stark und unüberwindlich.
»Auf Wiedersehen«, sagte er.
Die Freunde folgten dem jungen Ritter.
Piak flüsterte Tiuri zu: »Findest du nicht auch, daß König Unauwen
Menaures gleicht?«
»Doch«, sagte Tiuri, »das habe ich auch gedacht.«
»Jetzt ist die Aufgabe erfüllt«, seufzte Piak.
Und Tiuri dachte daran, daß er immer noch nicht wußte, was die
Botschaft bedeutete, die er gebracht hatte.

337
Ritter Iwein und Tirillo

Der junge Ritter brachte sie in einen kleinen, von einem Säulengang
umgebenen Innenhof. Er betrat ein Zimmer, wo eine alte Frau an
einem Spinnrad saß.
»Frau Mirian«, sagte er, »ich bringe Euch Gäste, geehrte Gäste des
Königs.«
Die Frau stand auf und schritt auf sie zu. Sie trug einfache graue
Kleider, und an ihrem Gürtel hing ein Schlüsselbund, der bei jeder
Bewegung klingelte. Sie hatte ein freundliches Gesicht, das von einem
weißen Kopftuch mit vielen Falten umgeben war.
»Wollt Ihr für ihr Wohlbefinden sorgen, Frau Mirian?« fragte der
Ritter. Er wandte sich an die Jünglinge. »Ich muß jetzt zum König
zurück«, fügte er hinzu. »Aber Ihr seht mich schon noch. Ich übergebe
Euch ruhigen Herzens Frau Mirian.«
»Was für eine Hast, Ritter Iwein!« sagte Frau Mirian. »Ihr habt mir
diese jungen Gäste noch nicht einmal vorgestellt. Wer sind sie und
woher kommen sie?«
»Tiuri und Piak heißen sie«, antwortete der Ritter. »Sie sind
Botschafter, und sie kommen von weit her.«
»Willkommen, Tiuri und Piak«, sprach die Frau herzlich. »Ich
hoffe, Ihr habt keine schlechten Nachrichten gebracht.«
»Gebe es Gott!« sagte der Ritter. »Aber das werden wir wohl noch
vernehmen.«
Er machte eine Verbeugung und entfernte sich.
Tiuri schaute ihm nach. Ritter Iwein hieß er, gerade so wie der
Schloßherr der Mondhügel. Ob er ein Verwandter war? Es war
möglich; er glich dem Herrn des Weißen Mondes, aber noch mehr
jemand anderem.
»Tiuri und Piak also«, sagte Frau Mirian. »Woher kommt Ihr?«
»Aus dem Land von Dagonaut, Frau Mirian«, erklärte Tiuri.
338
»Das ist sicher weit«, sagte Frau Mirian. »Aber ich will nicht mit
Fragen anfangen. Ihr seid wohl müde von der langen Reise.«
»Ja, Frau Mirian«, sagte Piak. »Und auch merkwürdig, sonderbar,
verwundert… ich weiß nicht wie.«
»Wir sorgen dafür, daß das vorbeigeht«, bemerkte Frau Mirian.
»Kommt nur mit!«
Sie veranlaßte, daß die Freunde ein Bad nehmen konnten, und
darauf brachte sie ihnen neue Kleider. Für jeden eine graue Hose, ein
weißes Hemd und ein kurzes, graues, mit Stickerei verziertes Wams
darüber.
»So«, sagte sie, als sie angezogen waren, »jetzt seht Ihr gerade so
aus wie die Schildknappen, die hier umhergehen.«
»Schildknappe«, murmelte Piak.
»Schaut nur«, sprach Frau Mirian, und sie führte sie zu einem
Spiegel aus poliertem Metall.
Tiuri betrachtete sein Spiegelbild ein bißchen verwundert. Es war
schon lange her, seit er sich zum letztenmal gesehen hatte. Es schien
ihm, als sei er anders – nicht nur, weil er magerer und im Gesicht ein
bißchen brauner geworden war, auch die Augen schauten ihn anders
an – ernster?
Piak machte große Augen.
»Das ist das erste Mal, daß ich mich selber so gut anschauen kann«,
sagte er. »Ich find', ich seh' ziemlich blöd aus, jedenfalls in diesen
Kleidern. Vielleicht passen sie doch nicht zu mir.«
Sie wandten sich vom Spiegel ab und folgten Frau Mirian zu dem
Säulengang, wo sie sich auf eine Bank setzten. Der Innenhof sah
lieblich aus; es blühten weiße Margeriten und blauer Rittersporn, und
in der Mitte rauschte ein Brunnen.
»Oh«, machte Piak mit einem Seufzer. »Ich hab' das Gefühl, ich
träume. Sind wir jetzt wirklich im Palast von König Unauwen?«
»Sicher seid Ihr da«, erwiderte Frau Mirian lachend. »Und Ritter
Iwein hat fragen lassen, ob Ihr in seiner Gesellschaft essen wollt.
Wenn Ihr das getan habt, so fühlt Ihr Euch anders.«

339
»Ritter Iwein«, murmelte Piak. »Gibt's noch andere Ritter Iwein in
diesem Land?«
»Ja«, antwortete Frau Mirian. »Ritter Iwein ist der junge Iwein. Er
ist ein Sohn Ritter Iweins von den Mondhügeln. Schaut, dort kommt
sein Schildknappe schon, um Euch zu holen.«
Die Freunde standen auf. Tiuri dankte Frau Mirian für ihre
Gastfreundschaft.
»Dafür braucht Ihr mir nicht zu danken«, sagte sie. »Ich lasse hier
ein Zimmer für Euch in Ordnung bringen; dann könnt Ihr schlafen
gehen, wann Ihr wollt. Guten Appetit!«
Als die Jünglinge mit Ritter Iweins Schildknappen gingen, flüsterte
Piak: »Ich frag' mich nur noch, wie Slupor vor uns beim Tor sein
konnte… wenn er doch in den Mondhügeln verhaftet worden war.«
»Ssst!« machte Tiuri.
Der Name Slupor paßte nicht in diese Umgebung, fand er.
Außerdem konnte es ihm in diesem Augenblick gleichgültig sein, wie
jener zum Tor gelangt war. Slupor war gefangen und geschlagen. Am
liebsten wollte er nie mehr etwas von ihm hören oder sehen.
Ritter Iwein erwartete sie in einem geräumigen Zimmer, das mit
Eichenholz getäfelt war und auf einer Seite große Fenster hatte. Der
Ritter hatte den Helm abgelegt, und nun wußte Tiuri plötzlich, wem er
glich: Ewein, dem jüngsten der grauen Ritter. Der Ritter grüßte sie
freundlich und lud sie ein, an einem Tisch bei den Fenstern Platz zu
nehmen. Der Tisch war mit einem weißen Leinentuch gedeckt, auf
dem schönes irdenes Geschirr und kostbare Gläser standen. Durch die
Fenster konnte man die blühenden Palastgärten und den Weißen Fluß
sehen. Der Schildknappe brachte Schalen mit Speisen, schenkte die
Gläser voll und verschwand dann. Ritter Iwein setzte sich auch, aber
er aß nicht mit. Er war ein höflicher Gastgeber, obwohl er irgendwie
besorgt zu sein schien.
»Ich habe die Nachricht vernommen«, sagte er nach einer Weile.
»Ritter Edwinem ist tot. Der Unüberwindliche durch Verrat besiegt.
Viele werden hier deswegen Kummer haben.«

340
Er stellte den Freunden keine Fragen, und Tiuri fragte sich, ob
Iwein vielleicht schon mehr wußte als sie. Sie wußten ja nicht einmal,
was die Botschaft bedeutete! Er fühlte sich plötzlich lustlos und
niedergeschlagen.
»Ihr seid wohl müde«, sagte Ritter Iwein. »Ich habe gehört, daß Ihr
eine gefährliche Reise hinter Euch habt… aus dem Land von
Dagonaut.« Er schwieg und fuhr dann fort: »Vielleicht habt Ihr nicht
Lust, über Eure Reise zu plaudern, aber ich möchte Euch etwas
fragen. Ihr kommt aus Dagonauts Land, und…«
»Fragt nur ruhig!« sagte Tiuri.
»Ich habe einen Bruder… Vor einiger Zeit wurde er von König
Unauwen mit einer Freundschaftsbotschaft für König Dagonaut in
Euer Land geschickt. Er sollte vor dem Mittsommertag dort sein und
sobald wie möglich zurückkehren. Aber seither haben wir nichts mehr
von ihm gehört.«
»Ritter Ewein?« fragte Tiuri.
»Ja, so heißt er! Wie wißt Ihr das?«
»Ihr gleicht ihm«, erklärte Tiuri lächelnd, »oder er Euch.«
Dann erzählte er, Ritter Ewein habe sich den grauen Rittern
angeschlossen, die geschworen hatten, den Tod von Ritter Edwinem
zu rächen. Während er das erzählte, vergaß er das Gefühl der
Lustlosigkeit. Ritter Iwein lauschte sehr aufmerksam, und er wollte
von den grauen Rittern und von Ritter Edwinems Tod alles wissen.
»Ich bin froh zu erfahren, daß es meinem Bruder gut geht«, sagte er,
»und unser Vater wird auch froh sein. Jetzt begreife ich wenigstens,
warum Ewein noch nicht zurück ist.«
In diesem Augenblick trat der Schildknappe wieder ein.
»Ritter Iwein«, meldete er, »König Unauwen bittet Euch, zu ihm zu
kommen.«
Sogleich erhob sich der Ritter.
»Ihr müßt mich entschuldigen«, sagte er zu den Freunden, »aber ich
komme zurück, sobald es mir möglich ist. Ihr könnt diesen Palast als
Eure Wohnung betrachten. Wenn Ihr etwas nötig habt, so könnt Ihr

341
Frau Mirian darum bitten. Ja, Eure Ankunft hat Unruhe hervorgerufen.
Auf Wiedersehen!«
Als er weg war, blieben die Freunde ein Weilchen schweigend
sitzen und schauten hinaus. Die Sonne ging unter, alles wurde von
einem gelblichen Licht beschienen. Nun bemerkten sie etwas von der
Unruhe, die sie nach Ritter Iweins Aussage gebracht hatten. Über die
Brücke kamen und gingen Ritter. Auch im Palast hörten sie Geräusche
von ankommenden und weggehenden Schritten, ein Gemurmel von
Stimmen, ein Rufen von Befehlen.
»Was stand denn wohl in dem Brief?« fragte Piak flüsternd.
»Das ist immer noch ein Geheimnis«, erwiderte Tiuri mit einem
Seufzer. »Ich vermute, es stand etwas darin über eine Gefahr aus
Evillan – Verrat oder so etwas… Aber was es ist, weiß ich nicht.«
»Was tun wir jetzt?« fragte Piak. »Spazieren wir ein wenig durch
den Palast? Ich kann sicher nicht schlafen.«
»Es ist besser, im Garten zu spazieren«, sagte eine Stimme hinter
ihnen.
Erschrocken schauten sie nach hinten. Am andern Ende des
Zimmers stand ein schlanker junger Mann, der mit allen Farben des
Regenbogens gekleidet war. Er mußte unbeachtet eingetreten sein.
»Der Garten ist schön«, fuhr er fort. »Ihr könnt Euch auf ein
Mäuerchen setzen und alles beobachten, ohne Euch selber anstrengen
zu müssen…«
Während er sprach, trat er näher zu ihnen, und dabei ertönte ein
leise klingendes Geläut. Nun sahen die Freunde, daß es kein junger
Mann war, so klein und schmächtig er auch aussah. Sein Alter war
nicht zu schätzen; es konnte alles zwischen dreißig und fünfzig Jahren
sein. Er hatte ein spitzes, spöttisches Gesicht mit klugen schwarzen
Augen, und auf dem Kopf trug er eine weiße Kappe mit Glöckchen
daran.
»Guten Abend«, sprach er und verbeugte sich. »Ich bin Tirillo, Narr
von König Unauwen, die Narrheit, die der Weisheit dient… Es ist
jetzt nicht Zeit zum Spaßen oder Scherzen«, fuhr er fort, »aber ich
lade Euch ein, meine Gesellschaft anzunehmen und Euch mit mir in
342
den Garten zu setzen – zum Plaudern oder zum Schweigen, was Ihr
lieber wollt.«
Er schritt zu einem der Fenster und sprang geschmeidig hinaus.
Tiuri und Piak folgten ihm. Bald darauf spazierten sie mit ihm durch
den Garten. Sie setzten sich auf ein Mäuerchen und schauten eine
Weile, ohne etwas zu sagen, auf den Fluß und auf den Teil der Stadt,
der sich am andern Ufer befand. Es wurde nach und nach dunkel, und
da und dort wurden schon Lichter angezündet. Der Narr bewegte sich,
so daß die Glöcklein an seiner Kappe klingelten.
»Einst war ein Mann, der einen Regenbogen sah«, sagte er, »einen
prächtigen Regenbogen. Der Bogen stand am Himmel wie eine hohe,
runde Brücke, aber seine Enden berührten die Erde. Da dachte der
Mann: Ich reise zum Ende des Regenbogens; dann kann ich über die
Brücke auf die andere Seite der Erde gelangen…«
»Das hab' ich früher auch einmal versuchen wollen«, flüsterte Piak.
»Und dann?«
»Er machte sich auf«, erzählte der Narr, »und er reiste lange. Er zog
durch Städte und Dörfer, durch Felder und Einöden, über rauschende
Flüsse und durch dichte Wälder. Und er freute sich auf das, was er
dann sehen sollte. Dort, wo der Regenbogen aufhörte, mußte es sicher
prächtig sein, wunderschön… Je näher er zum Ziel kam, desto mehr
sehnte er sich danach. Aber als er es erreichte, war der Regenbogen
verschwunden, und die Stelle, wo er die Erde berührt hatte, sah ganz
gleich aus wie jede andere Stelle der Erde. Und der Mann war sehr
betrübt. Dann dachte er aber, wie viel Schönes er auf seiner Reise
gesehen, wie viel er erlebt und gelernt hatte. Nun wußte er, daß es
nicht um den Regenbogen selber ging, sondern um das Suchen
danach. Und er kehrte froh im Herzen in sein Haus zurück und dachte,
es kommen sicher noch mehr Regenbogen. Und siehe, als er nach
Hause kam, stand einer über seinem Haus.«
»Ist die Geschichte fertig?« fragte Piak.
»Ja«, sagte der Narr.
»Warum habt Ihr sie uns erzählt?« fragte Tiuri, der das Gefühl
hatte, der Narr habe es mit Absicht getan.

343
»Ach, nur so«, sagte der Narr. »Es ist eine alte, bekannte
Geschichte. Aber so sind die Narren; sie erzählen immer das gleiche.«
Sie schwiegen wieder, alle drei.
Dann sagte der Narr leise: »Jetzt fühlt Ihr Euch fremd und ein
bißchen verloren, weil Eure Aufgabe erfüllt ist und Ihr noch keinen
andern Auftrag habt. Und Ihr fragt Euch, was die Botschaft wohl
enthalten habe, die Ihr solange bei Euch getragen habt. Aber es tut
nichts zur Sache, was diese Botschaft bedeutet! Wichtig ist nur, daß
Ihr sie gut überbracht habt, Eurem Versprechen treu, mit Mut und
Ausdauer, allen Gefahren zum Trotz.«
Tiuri schaute ihn an. Ziemlich verwundert begriff er, daß der Narr
recht hatte. Jetzt verging das Gefühl der Verlorenheit völlig, und er
wurde ruhig und gelassen.
»Oh«, sagte Piak leise, »jetzt könnt' ich schlafen.«
Der Narr sprang vom Mäuerchen.
»Das ist das Beste, was Ihr tun könnt«, sagte er. »Bald gibt es
vielleicht wieder viel zu tun. Geht schlafen! Ich bringe Euch zu Frau
Mirian.«
Sie gingen durch den fast dunklen Garten zurück in den Palast.
»Wer ist Frau Mirian?« fragte Piak den Narren.
»Sie steht dem Haushalt vor«, antwortete dieser. »Sie sorgt dafür,
daß das Essen auf dem Tisch steht und daß die Betten gemacht sind.
Sie ist also ohne Zweifel die wichtigste Person im Palast.«
Auf dem Innenhof kam ihnen Ritter Iwein entgegen.
»Ich war auf der Suche nach Euch«, sagte er zu den Freunden. »Ich
sehe, daß Ihr in guter Gesellschaft gewesen seid. Ich komme Euch
eine gute Nacht wünschen. Der König schickt mich mit einem Auftrag
in den Süden. Ich reise sofort ab.«
»Zum Kronprinzen?« fragte der Narr.
»Zum Kronprinzen«, bestätigte Iwein. Er wandte sich an die
Freunde. »Lebt wohl!« sagte er. »Wenn Ihr meinen Bruder früher seht
als ich, so sagt ihm meine Grüße. Und Euch, Tirillo, auch alles Gute!«

344
»Ich hoffe, das Beste ist auch das Angenehmste«, sagte der Narr.
»Die beiden gehen nicht immer zusammen! Aber Spaß beiseite, Iwein,
meine guten Wünsche gehen mit Euch, und möge die Sonne auf Euren
weißen Schild scheinen!«
Ritter Iwein verließ sie, und Tirillo brachte die Freunde zu Frau
Mirian. Sie sah aus, als ob sie geweint hätte, aber sie erwähnte ihren
Kummer mit keinem Wort.
»Das Zimmer ist bereit«, sagte sie. »Kommt nur mit!«
Tirillo wünschte den Freunden gute Ruhe, und Frau Mirian führte
sie zum Zimmer. Bald darauf lagen sie zwischen schneeweißen
Tüchern auf einem weichen Bett und schliefen fest.
Am folgenden Morgen wurde im Münster der Stadt zum Andenken
an Ritter Edwinem, den Herrn von Foresterra, eine feierliche Messe
gelesen. Tiuri und Piak waren dabei. Anschließend frühstückten sie im
Palast in Gesellschaft von Frau Mirian, Tirillo und verschiedenen
Mitgliedern des königlichen Hofstaates. Der Tod von Ritter Edwinem
hatte Trauer in den Palast gebracht, auch Unruhe und Besorgnis. Die
Freunde hörten viel über Verrat aus Evillan, aber niemand schien die
Wahrheit zu wissen oder sagen zu wollen. Nach dem Essen spazierten
die Jünglinge durch den Palast. Es gab viel Schönes zu sehen; sogar
König Dagonaut besaß keinen solchen Palast, bemerkte Tiuri. Es gab
Säle mit zierlichen Säulen und blauen Decken mit goldenen Sternen.
Es gab Säle mit Fenstern aus bemaltem Glas und Mauern, auf die
Darstellungen von Helden und Heiligen gemalt waren. Es gab
Fußböden aus farbigem Mosaik und marmorne Treppen, auch
Schnitzereien aus Holz, Bronze und Stein. Das Seltsame war, daß all
diese schönen Dinge zueinander paßten; nirgends war zu viel davon.
Manchmal kam einer der Palastbewohner und plauderte mit ihnen,
aber das dauerte nie lange; jedermann war beschäftigt. Noch immer
kamen und gingen Leute: Botschafter, Ritter und Krieger. Nach einer
Weile begaben sich die Freunde in den Garten und setzten sich auf das
Mäuerchen, wo sie am Abend zuvor mit Tirillo gesessen hatten. Sie
blickten auf den Garten mit seinen Bäumen und Blumen, Treppen und
Springbrunnen. Sie beobachteten die Leute, die über die Brücke zum

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Palast ritten; es waren viele Ritter mit weißen Schilden und farbigen
Rüstungen darunter. Piak schaute sich fast die Augen aus.
»Schau einmal dort!« rief er plötzlich und zeigte auf einen Ritter,
der auf einem weißen Pferd daherritt, das für einen Reiter fast zu
feurig zu sein schien.
Fast… denn der Ritter hielt es im Zaum, und er flog auf ihm über
die Brücke wie ein Sturmwind, barhaupt, mit einem weißen Schild am
Arm und den Mantel wie einen Regenbogen hinter sich schwingend.
»Sein flatterndes Haar ist rot wie die Sonne im Westen; seine
Augen sind blau wie das Meer«, sagte unerwartet eine Stimme hinter
ihnen. Es war Tirillo.
»Wer ist das?« fragte Piak, während er dem Ritter nachschaute, bis
dieser vom Pferd gesprungen und im Palast verschwunden war.
»Marwen von Iduna, genannt der Sohn des Meerwindes«, erklärte
der Narr. »Sein Pferd heißt Idanwen und ist eines der besten Pferde in
diesem Reich. Ein Bruder dieses Pferdes wurde von Ritter Edwinem
geritten: Ardanwen oder Nachtwind.«
Tiuri dachte plötzlich, Ritter Edwinem müsse auch so ausgesehen
haben, als er noch lebte und auf Ardanwen durch die Stadt von
Unauwen ritt. Er glich eigentlich Ritter Marwen gar nicht, und doch
erinnerte der eine an den andern.
»Aber nicht, um Euch das zu sagen, bin ich gekommen«, sagte der
Narr. »Dreierlei habe ich zu sagen. Erstens, daß Ihr bald beim König
erwartet werdet…«
»Ah«, sagte Tiuri froh.
Piak und er hatten König Unauwen nur am Morgen im Münster
gesehen. Er hatte sie also nicht vergessen.
»Dann soll ich Euch Grüße ausrichten von Warmin, einem Krieger
des Zolls im Osten«, fuhr Tirillo fort.
»Warmin?« fragten die Freunde ziemlich verblüfft.
»Ja. Letzte Nacht kam er mit einem langen und verworrenen
Bericht hier an. Von einem Boten bei Ritter Iwein in den
Mondhügeln; der Bote habe gelogen… Ihr werdet noch davon hören.
Er hätte Euch gern selber gesprochen, aber der König hat ihn vor
346
Sonnenaufgang mit einer Botschaft zum Zollherrn zurückreiten
lassen.«
»Ach ja«, sagte Piak. »Wie konnte jener Bote erzählen, Slupor sei
gefangen, während er hier saß und auf uns wartete?«
»Slupor!« sagte Tirillo. »Das ist das dritte, was ich zu sagen habe.
Ihr müßt zum Richter gehen, um genau zu berichten, was Ihr von ihm
wißt. Zeugen sein heißt das… Das paßt Euch nicht«, fuhr er fort, als er
Tiuris Gesicht betrachtet hatte, »aber es muß doch geschehen, und
zwar jetzt gleich.«
»Wir gehorchen«, sagte Tiuri.
»Gut so«, sagte der Narr. »Ich bringe Euch dorthin. Der Hof des
Richters und das Gefängnis sind auf der andern Seite des Flusses, am
Platz. Dann könnt Ihr gleich noch etwas von der Stadt sehen.«
Es herrschte ein beträchtlicher Verkehr in der Stadt, und als sie
durch die Straßen gingen, wurden sie dann und wann aufgehalten.
Es war den Leuten stets um Tirillo zu tun. Der Narr sah mit seinem
eng anliegenden, regenbogenfarbigen Kleid und der weißen Kappe
mit den Glocken auch auffallend genug aus.
»Das ist der Narr des Königs!« riefen die Leute. »Habt Ihr etwas zu
erzählen, Tirillo? Es kann jetzt nichts Fröhliches sein.«
»Und warum nicht?« entgegnete der Narr. »Schaut Euch um und
sagt mir: Ist die Stadt heute nicht schön? Ihr könnt sogar merken, daß
sie schöner ist als sonst. Das kommt daher, daß Ihr spürt, daß sie
vielleicht in Gefahr ist. Erst wenn etwas bedroht ist, so begreift man,
wie lieb es einem ist…«
»Ist's denn wahr, Tirillo, daß es Krieg gibt?« fragte jemand.
»Ihr werdet vernehmen, was Ihr wissen müßt, wenn die Zeit
gekommen ist«, antwortete der Narr. »Es ist wahr, daß wir einen
Feind haben, aber seinen Namen will ich noch nicht nennen.«
»Evillan«, wurde geflüstert.
»Vertraut unserem König!« sagte der Narr.
»Tirillo, bitte, singt uns etwas!« bat einer aus der Menge. »Unser
Herz ist traurig; heitert uns auf!«
347
»Ich kann das Traurigsein nicht wegnehmen«, sagte der Narr. »Hie
und da muß man traurig sein, damit man die Freude um so mehr
schätzen kann. Gerade so, wie es zwischen dem Sonnenschein regnen
muß. Lebt wohl!«
Er brachte die Freunde zu einem großen Gebäude an einem schönen
Platz.
»Geht hier hinein«, sagte er. »Ich warte auf Euch.«
Die Jünglinge taten, was er gesagt hatte, und wurden sogleich beim
Richter vorgelassen. Dieser schien ein Ritter von Unauwen zu sein. Er
wartete bereits auf ihre Ankunft und hatte schon über ihren Auftrag
alles gehört, was sie dem König erzählt hatten. Nun fragte er, was sie
sonst noch von Slupor wußten.
Die Freunde beantworteten alle Fragen, und als das getan war, sagte
der Richter: »Ich danke Euch sehr. Slupor selber weigert sich, ein
einziges Wort zu sagen. Aber vielleicht redet er, wenn er Euch sieht.
Ich lasse ihn kommen.«
Slupor wurde hereingebracht. Er war weder gekettet noch
gebunden, aber von zwei bewaffneten Knechten begleitet. Er sah nicht
mehr wie ein alter Bettler aus; die grauen Locken waren
verschwunden, und er hatte jetzt kurzes, hellbraunes Haar. Nur an den
Augen war er zu erkennen. Als er die Freunde sah, ging ein Ruck
durch ihn.
»Ach!« sagte er in bissigem Ton. »Ist's noch nicht genug, daß ich
gefangen bin? Müßt Ihr auch noch schauen kommen, um Euch am
Anblick eines besiegten Feindes zu ergötzen?«
Er schaute Tiuri an.
»Jetzt haltet Ihr Euch natürlich für tüchtig«, sagte er. »Oh, oh, so
ein tapferer Ritter, der einen gefährlichen Auftrag gut ausgeführt hat!
Was für einen Auftrag eigentlich? Dem König Unauwen einen Brief
zu bringen! Viele Meilen reisen, das Leben wagen… und wozu? Was
steht in dem Brief, der so wichtig ist? Etwas, was König Unauwen
noch nicht wußte? Dummes Zeug! Jeden Tag kommen Botschafter zu
ihm, einer nach dem andern, und sie meinen alle, sie bringen eine
besondere Botschaft. Es ist zum Lachen… Ha, ha!«

348
Er begann zu lachen, falsch, widerlich.
Tiuri geriet aus der Fassung und wußte nichts zu sagen. Das
Schlimmste war, daß in Slupors Worten etwas Wahres zu stecken
schien. Er, Tiuri, wußte ja nichts von dem Brief!
»Ihr könnt Eure Niederlage nicht ertragen!« sagte Piak laut.
»Natürlich war der Brief wichtig! Warum hättet Ihr uns denn sonst die
ganze Zeit verfolgt und Euch alle Mühe gegeben, uns in die Quere zu
kommen?«
Slupor hörte auf zu lachen und schaute Piak verblüfft an. Tiuri hätte
den Freund umarmen mögen. Piak hatte recht!
Und außerdem… jetzt dachte er wieder an Tirillos Worte: Der Brief
selber war für ihn nicht einmal das Wichtigste, sondern daß er das
Versprechen an Ritter Edwinem gehalten hatte.
Jetzt wurde Slupor wieder wütend.
»Ach ja«, sagte er, »ach ja, das ist wahr. Auch ich hatte einen
Auftrag zu erfüllen, einen Auftrag von meinem Herrn, dem schwarzen
Ritter mit dem roten Schild.«
Hier unterbrach ihn der Richter.
»Wer«, fragte er, »ist der schwarze Ritter mit dem roten Schild?«
Slupor verzog das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen.
»Wer er ist?« erwiderte er. »Ich weiß es nicht. Und wenn ich's
wüßt', so würd' ich's nicht sagen. Aber Ihr werdet ihm wohl einmal
begegnen, wenn die Ritter mit roten und schwarzen Schilden hierher
kommen, um dieses Land zu erobern…«
»Das sind unüberlegte, schlechte und dumme Worte!« sagte der
Richter streng.
»Dumme nicht«, entgegnete Slupor, »aber schlechte. Ich bin
schlecht!« Er wandte sich wieder an die Jünglinge. »Ich hab' meinen
Auftrag nicht ausgeführt«, sagte er. »Es hätt' mir gelingen sollen, weil
ich stärker bin als Ihr! Ja, das bin ich! Wer seid Ihr? Ein
Schildknappe, der seine Pflicht vergißt und wegläuft, wenn er eine
Nacht lang wachen soll, bevor er zum Ritter geschlagen werden kann.
Ein Hirtenbub, der nie etwas anderes getan hat, als auf die Berge
steigen. Ich weiß nicht, wie Ihr von Jaro losgekommen seid; er ist
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natürlich der, der Euch meinen Namen verraten hat. Der Teufel soll
ihn holen! Ich hab' schon gedacht, der erwischt Euch nicht, Tiuri.
Aber den Rest hab' ich selber getan. Ich sah Euch als Gefangene des
Zollherrn, als ich auf der Brücke über dem Regenbogenfluß stand. Oh,
ich ging dann dem Falschen nach, aber an dem ist nichts verloren!«
Die Freunde schauten ihn voller Abscheu an.
»Euch mußt' ich haben«, fuhr Slupor, immer rascher sprechend,
fort. »Ich war schlauer als Ihr alle! Ich war der Hirt, der angeblich auf
dem Pferd des Mörders weggeritten war; ich war der Bote, der Ritter
Iwein die Meldung brachte, der Mörder sei gefangengenommen
worden! Und was ich damit erreichen wollte, ist gescheh'n! Eure
Begleiter, die dummen Diener des Zollherrn, ließen Euch im Stich und
gingen zurück. Das war mein Plan; Ihr solltet allein und ungeschützt
sein. Ich folgte Euch, aber verflucht, alles war gegen mich. Überall
waren Leute auf den Feldern, und ich wollte Euch lieber nicht am
hellichten Tag töten. In der Nacht habt Ihr bei einem Bauern
geschlafen, der die Tür vor mir zuriegelte und dessen Hund mich
anbellte. Nicht daß ich mich dadurch entmutigen ließ. Ich ritt weiter
und war Euch voraus, und ich wartete auf Euch als armer, alter
Bettler. Es mußte mir gelingen. Ich bin stärker als Ihr. Ihr habt Mitleid
mit einem armen, alten Bettler, und das ist Schwäche! Pah!«
Er spuckte auf den Boden und schloß: »So, jetzt wißt Ihr alles, was
Ihr wissen wolltet. Aber ich warne Euch. Fühlt Euch nicht zu hoch, zu
gut, zu stark! Das kann Euch einmal mißraten. Und ein letztes Wort
für Euch, Tiuri, Tiuris Sohn! Wißt Ihr wohl, was Ihr getan habt durch
Euer Weglaufen und das Wegwerfen der Aussicht auf die
Ritterschaft? Denkt Ihr etwa, König Unauwen wird Euch zum Ritter
schlagen? Unsinn, das ist nicht Euer Land, und er ist nicht Euer
König. Ich hoffe, König Dagonaut wird Euch so behandeln, wie Ihr's
verdient, und Ihr werdet nie Schwert und Schild tragen!«
»Schweigt!« rief der Richter. »Jetzt ist's genug!«
Und er gab den Kriegern den Befehl, Slupor wegzuführen.
»Er wird die verdiente Strafe bekommen«, sagte er zu den
Freunden. »Denkt nur nicht mehr an ihn. Ihr könnt jetzt gehen. Habt
Dank für Eure Hilfe!«
350
Tiuri stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als sie wieder
draußen waren.
»Uh!« sagte Piak neben ihm. »Was für ein Lump! Ich will wirklich
nicht mehr an ihn denken.«
Aber Tiuri zweifelte, ob er Slupors böse Worte und Blicke je
vergessen könnte.

351
Schwerter und Ringe

Es dauerte eine Weile, bis die Freunde Tirillo wieder entdeckten. Er


stand mitten auf dem Platz zwischen vielen Leuten. Er sang für sie
und bewegte dabei Kopf und Hände so, daß die Glocken an der Kappe
und den Handschuhen eine Begleitung zu seinem Liede klingelten.
Als er die Jünglinge sah, hörte er auf zu singen und kam auf sie zu.
»Nicht weggehn, Tirillo!« riefen die Leute. »Bitte, singt noch ein
Lied für uns!«
»Jetzt nicht«, erklärte der Narr. »Ich muß diese Jünglinge in den
Palast bringen, und der König wartet auf mich.«
Jeder schaute nun auf die Freunde.
»Wer sind sie?« wurde gefragt.
»Sie kommen aus dem Land von König Dagonaut«, antwortete
Tirillo, »und sie könnten Euch viel erzählen. Aber das dürfen sie
nicht, denn sie kommen mit mir.«
Er steckte die Arme unter diejenigen der Freunde und ging mit
ihnen in den Palast zurück.
»Ich habe nur ein bißchen für sie gesungen«, flüsterte er ihnen zu.
»Das ist das wenige, das ich tun kann.«
Als sie im Palast waren, führte Tirillo sie zum König. Diesmal war
der König nicht allein; Ritter Marwen stand bei ihm. König Unauwen
stellte die Jünglinge dem Ritter vor und lud sie freundlich ein, sich zu
setzen. Tirillo schenkte Wein in fünf Gläser und setzte sich dann zu
Füßen des Königs. Tiuri sah, daß Ritter Marwen den gleichen Ring
trug, wie ihn Ritter Edwinem besessen hatte, und begriff, daß er auch
zu den treuesten Paladinen des Königs gehörte.
»Ich habe Euch kommen lassen«, sagte Unauwen, »um noch einmal
mit Euch zu sprechen und noch mehr von Euren Abenteuern zu hören.
Seid nicht verlegen und sprecht ganz frei!«

352
Und die Freunde erzählten, zuerst mit wenigen Worten, dann aber
ausführlicher. Der König lauschte aufmerksam und stellte viele
Fragen. Er brachte es fertig, daß sie ihm mehr erzählten, als sie es
später je einem andern gegenüber taten.
Als sie ihre Erzählung beendet hatten, sagte der König: »Ich danke
Euch noch einmal, Tiuri und Piak. Ich möchte Euch gern belohnen für
das, was Ihr getan habt, doch gibt es kein passendes Geschenk…«
»Aber das ist nicht nötig, Majestät«, erklärte Tiuri.
»Das weiß ich«, bemerkte der König. »Ich gebe Euch nur ein
Andenken, obwohl Ihr Eure Erlebnisse ohnehin nicht vergessen
werdet. Ritter Marwen, zeigt bitte die Schwerter!«
Der Ritter überreichte dem König zwei schöne Schwerter.
»Für jeden von Euch eines«, sagte der König. »Diese Schwerter
haben meinem Geschlecht jahrhundertelang gehört. Sie sind mehr als
tausend Jahre alt, aber sie sind noch ebenso scharf wie damals, als sie
gemacht worden sind.«
Der König überreichte den Freunden die Schwerter. »Braucht sie
nur für etwas Gutes!« sagte er. »Und hier ist für jeden ein Ring… nur
ein kleiner, schmaler Ring. Nicht ein Ring, wie ihn meine erprobten
Paladine tragen; dazu seid Ihr noch zu jung. Einen solchen kleinen
Ring schenke ich allen meinen Rittern, wenn sie den Ritterschlag
empfangen haben, und obwohl Ihr nicht meine Ritter seid, so
bekommt Ihr doch auch einen.«
Die Jünglinge dankten ihm.
»Noch etwas«, sprach der König. »Ihr habt erzählt, daß Ardanwen
Euch als seinen Herrn angenommen hat. Darum soll es fortan Euer
Pferd sein.«
»Ich danke Euch, Majestät«, sagte Tiuri froh.
»Dafür müßt Ihr mir nicht danken«, erwiderte der König, »denn
Ardanwen kann ich nicht schenken. Der wählt seinen Herrn selber. Ist
es nicht so, Ritter Marwen?«
»Ja, Herr«, bestätigte dieser. »Gerade so wie Idanwen oder
Morgenwind, mein Pferd und Ardanwens Bruder.«
Er nickte Tiuri freundlich zu.
353
König Unauwen stand auf. Tiuri begriff, daß das Gespräch zu Ende
war, und erhob sich auch. Piak folgte seinem Beispiel.
»Habt Ihr noch etwas zu fragen?« bemerkte der König und schaute
Tiuri an.
Wie weiß er das? dachte Tiuri.
Und er sagte, ein bißchen zögernd: »J… ja, Majestät.«
»Was ist das?«
»Majestät, was stand in dem Brief, den ich Euch gebracht habe?«
fragte Tiuri.
Sogleich aber bereute er seine Worte. Es war wohl sehr
unverschämt, etwas zu fragen, was offenbar geheim bleiben mußte.
Aber der König schaute ihn nicht böse an.
»Ich will jetzt noch nicht darüber sprechen«, sagte er ernst. »Doch
vernehmt Ihr es bald. Morgen schon, vielleicht.«
»Ein Schwert!« sagte Piak bald darauf und blickte mit Entzücken
auf seine Waffe. »Ein richtiges Schwert! Und was für eins!«
»Prachtvoll«, sagte Tiuri. »Schau, es sind Figuren eingraviert, und
der Name von König Unauwen.«
»Eigentlich find' ich's ein bißchen gruselig, so etwas zu haben«,
sagte Piak. »Ich weiß nicht, ob's etwas für mich ist, mit so einem
Schwert umherzulaufen. Es ist mehr etwas, das über dem Bett hängt
und das man hie und da anschaut. Aber den Ring will ich immer
tragen.«
Sie saßen nebeneinander am Rande des Brunnens auf dem kleinen
Innenhof.
»Wie findest du das alles?« fragte Piak.
»Wie findest du es, Piak?«
»Oh, prächtig und schön, aber doch fühl' ich mich hier nicht ganz
daheim. Vielleicht ist's zuviel für mich. Alle die Ritter mit weißen
Schilden und glänzenden Ringen. Und dann der König selber! Wie
findest du ihn?«

354
»Ein großer König«, entgegnete Tiuri langsam. »Er ist alt und doch
stark und tapfer, ein mächtiger Herrscher und doch freundlich,
jemand, der Ehrfurcht einflößt, und doch nicht stolz oder hochmütig.«
»Er erinnert mich immer noch an Menaures«, sagte Piak. »Darum
bin ich nicht verlegen vor ihm. Sonst war' ich's sicher gewesen.«
»Ja«, sagte Tiuri. »Der Klausner gleicht ihm tatsächlich – oder er
dem Klausner.«
»Ist König Dagonaut so wie er?« fragte Piak.
»Nein«, antwortete Tiuri nachdenklich. »König Dagonaut ist jünger.
Er ist kriegerisch, streng, gerecht, aber er ist, meine ich, nicht so weise
wie König Unauwen. Aber es ist schwer, solche Menschen zu
beurteilen. Dagonaut ist mein König, der König meines Landes. Ich
habe ihn gern, ich habe Ehrfurcht vor ihm, und ich möchte gern sein
Ritter sein.«
»Das wirst du doch sicher!« sagte Piak.
Tiuri dachte an das, was Slupor gesagt hatte, aber er schwieg.
»Würdest du auch gern ein Ritter von Unauwen sein«, fragte Piak,
»und einen weißen Schild tragen?«
»Ja«, erklärte Tiuri, »das auch. Aber wenn ich Ritter werde, so muß
ich ein Ritter von Dagonaut werden; in sein Land gehöre ich.«
»Ich weiß nicht, ob ich Ritter sein möcht'«, sagte Piak. »Ich bin nur
ein gewöhnlicher Bursch. Ich fühl' mich unbeholfen in einem
Panzerhemd, und ich find' mich selber lächerlich mit einem Schwert
in der Hand. Aber vielleicht kommt das noch, so wie Warmin gesagt
hat.«
In diesem Augenblick kam Tirillo auf sie zuspaziert.
»Ich komme, um Euch zu holen«, sagte er. »Das ist wieder einmal
etwas anderes als dieser Palast voller Ritter und großer Herren.«
Er blinzelte Piak zu.
Tiuri fragte sich, ob Tirillo die Gabe hatte, Gedanken zu lesen, oder
ob er ihr Gespräch hörte.
»Ich kann Gedanken lesen«, sagte der Narr. »Paßt nur auf vor mir;
ich bin gefährlich. Habt Ihr Lust mitzukommen? Bringt die Schwerter
355
in Eure Kammer. Morgen könnt Ihr sie anlegen. Dann spricht König
Unauwen zu seinen Priestern und Paladinen, zu den Rittern und den
Ratsherren. Auch Ihr müßt dabei sein.«
»Wohin wollt Ihr?« fragte Piak.
»Ich will ein wenig auf dem Fluß fahren.«
Piak runzelte bedenklich die Stirn.
»Oh, der Weiße Fluß ist nicht der Regenbogenfluß!« lachte Tirillo.
»Und mein Bötchen ist nicht leck. Kommt mit; die Sonne scheint, und
es weht ein frischer Wind vom Westen her, ein Wind vom Meer. Ich
habe ein großes Paket mit Brot bereitmachen lassen; dann essen wir
auf dem Wasser.«
Bald darauf traten die Freunde in Tirillos kleines Boot. Es war ein
schönes, bunt bemaltes Schiffchen. Und es war herrlich. Das Wasser
glänzte in der Sonne, und der Wind wehte ihnen durchs Haar. Tiuri
fühlte sich leicht und froh, fern von aller Verantwortung und von
Aufträgen. Er schaute zu Tirillo, und plötzlich sah er etwas, was ihn
verblüffte: Einen Ring an seiner linken Hand mit einem funkelnden
Stein.
Tiuri beugte sich nach vorn und sagte verwundert: »Ihr tragt auch
einen solchen Ring, einen Ring, wie ihn Ritter Marwen und der
Zollherr tragen, wie ihn Ritter Edwinem trug!«
Tirillo lächelte.
»Ja, das stimmt«, erklärte er. »König Unauwen sagte, als er ihn mir
gab: ›Man braucht kein Schwert und keinen Schild zu tragen, um ein
Ritter zu sein.‹«
»Ja«, bemerkte Tiuri, »ja, natürlich.«
Ja, das war so. Warum sollte ein Narr nicht zu des Königs treuesten
Paladinen gehören können? Ja, gerade Tirillo war wert, einen solchen
Ring zu tragen. Er konnte die Menschen aufheitern, wenn sie betrübt
waren, und das war etwas, wozu nicht viele imstande waren.
Am folgenden Tag kamen immer mehr Ritter über die Brücke und
ritten zum Palast. Sie waren alle von König Unauwen in die
Hauptstadt gerufen worden. Die Freunde erfuhren, daß der König auf
Berichte aus der Stadt des Südens wartete, wo sein älterer Sohn, der
356
Kronprinz, seinen Sitz hatte. Es wurde gesagt, der Kronprinz selber
komme auch, aber das konnte noch einige Tage dauern. Unter den
Rittern sah Tiuri einen, dem er schon früher begegnet war: der Herr
des Weißen Mondes, der Vater Iweins und Eweins. Tiuri hatte ein
langes Gespräch mit ihm, besonders über Ritter Ewein.
Es war schon Nachmittag, als die Ritter und die Großen des Reiches
im größten Saal des Palastes zusammentraten, wo König Unauwen zu
ihnen sprechen wollte. Tiuri und Piak durften auch dabei sein, und sie
fühlten sich sehr klein zwischen all den mächtigen Herren. Sie sahen
den König nun zum erstenmal in vollem Ornat, weiß und purpurn, mit
der goldenen Krone und dem Szepter. Nicht alle seine Ritter waren
anwesend; viele befanden sich noch in anderen Teilen des Landes, so
vor allem jene, die noch in Evillan sein mußten. Doch waren viele
gekommen, mit glänzenden Helmen, weißen Schilden und
Regenbogenfarben-Mänteln. Es waren auch Ratsherrn da und Gelehrte
in langen Gewändern und mit hohen Kopfbedeckungen. Nur Tirillo
sah aus wie immer mit seiner Narrenkappe und den Glocken, aber mit
dem glänzenden Ring am Finger.
König Unauwen erhob sich von seinem Thron und hieß alle
willkommen.
Dann sprach er: »Freunde, Ritter, Untertanen, hört, was ich Euch zu
sagen habe: Ihr wißt, daß zwei Jünglinge den Bericht über Ritter
Edwinems Tod gebracht haben. Tiuri und Piak sind unter vielen
Gefahren aus dem Land von Dagonaut in unsere Stadt gereist.«
Tiuri wandte den Blick nicht vom König ab, doch fühlte er, daß
viele ihn und Piak anschauten.
»Außer dieser traurigen Nachricht brachten sie mir eine Botschaft«,
fuhr der König fort, »den Inhalt eines Briefes, den Ritter Edwinem vor
seinem Tod Tiuri übergeben hat. Dieser Brief stammte aus Evillan,
aber der Fürst wollte nicht, daß wir ihn je zu lesen bekommen. Der
Fürst von Evillan hat, wie Ihr wißt, um Frieden gebeten, und im
Frühling habe ich eine Gesandtschaft dorthin geschickt. Ihr wißt auch,
daß Ritter Edwinem aus Evillan geflüchtet und daß er im Land von
Dagonaut von roten Reitern überfallen und getötet worden ist.
Dadurch habt Ihr bereits begriffen, daß Evillan den Frieden nicht
357
wirklich wollte. Es sind Boten nach dem Süden geschickt worden, um
weitere Nachrichten zu holen, aber es wird noch einige Zeit dauern,
bis sie zurück sind. Doch habe ich eine Nachricht für Euch, einen
Bericht, der Euch schmerzen wird, auch wenn er Euch vielleicht nicht
mehr sehr erschreckt. Ritter Andomar von Ingewel kehrt nicht mehr in
unser Land zurück. Er ist in den Südwindbergen von Kriegern aus
Evillan getötet worden!«
Eine tödliche Stille fiel in den Saal. Auf allen Gesichtern waren
Schmerz, Entsetzen und Zorn zu lesen.
»Er war ein tapferer Ritter«, sprach dann der König leise, »ein
treuer Paladin. Der Himmel erbarme sich seiner Seele!«
Alle neigten den Kopf und gedachten des tapferen Ritters, der nie
mehr nach Ingewel zurückkehren sollte.
Dann sprach der König wieder.
»Ich erhielt diesen Bericht vor einer Stunde«, teilte er mit, »in
einem von einer Brieftaube aus der Stadt des Südens gebrachten Brief,
einem Brief des Kronprinzen. Dieser Brief ist kurz, aber ich hoffe,
bald mehr zu vernehmen. Mein Sohn kommt selber hierher. Ritter
Andomar ist tot, aber sein Schildknappe konnte entkommen und
erreichte die Stadt des Südens am gleichen Tag, da Tiuri und Piak in
unserer Stadt eintrafen. Seine Erlebnisse gleichen wohl den ihrigen.
Auch Ritter Andomar war unterwegs in unser Land, vielleicht mit der
gleichen Nachricht wie Ritter Edwinem.«
Ein leises Gemurmel ging durch den Saal, aber als der König
weitersprach, war es wieder still.
»Und jetzt die Botschaft«, sagte König Unauwen, »der Brief von
Ritter Edwinem: Ich wollte Euch den Inhalt nicht mitteilen, bevor der
Kronprinz ihn kannte. Der Bericht betrifft in erster Linie ihn und
seinen Bruder, den Fürsten von Evillan. Ritter Iwein ist gleich
abgereist, um ihn dem Kronprinzen zu bringen; jetzt kennt er ihn. Ich
habe Euch bereits gesagt, daß mein jüngerer Sohn – denn der Fürst
von Evillan ist auch mein Sohn – den Frieden nicht wirklich wollte«,
fuhr er fort. »Doch sage ich Euch, daß er Frieden schließen wollte!
Und wir hätten den Frieden sicher geschlossen, wenn Ritter Edwinem
nicht gewesen wäre!«
358
Wieder ging ein Gemurmel durch den Saal. Tiuri schaute den König
mit großen Augen an. Was bedeutete das? Er konnte doch nicht an
Ritter Edwinems guter Treue zweifeln?
»Ritter Edwinem flüchtete aus Evillan«, fuhr der König fort, »in
einem schwarzen Kleid, mit einem schwarzen Schild. Aber unter
diesem Schwarzen war das Weiße verborgen. Er hatte etwas erfahren,
wir wissen nicht wodurch und wie und werden es nie erfahren, denn er
kann es uns nicht mehr erzählen. Ein Ritter und Reiter aus Evillan
haben ihn getötet, um zu verhindern, daß er mir berichtete, was er
wußte. Aber der Brief, den er bringen wollte, blieb erhalten! Oder,
besser gesagt, sein Inhalt. Er war in der alten Sprache geschrieben, die
nur einige Eingeweihte kennen. Mein jüngerer Sohn kennt diese
Sprache auch.«
Wieder schwieg der König.
»Ich will Euch berichten, was geschehen wäre«, sagte er, »wenn
Ritter Edwinem nicht gewesen wäre, wenn die Botschaft, die er
bringen wollte, verlorengegangen wäre. Dann hätten wir mit Evillan
Frieden geschlossen. Mein jüngerer Sohn hätte sich mit mir und
seinem Bruder versöhnt und wäre in sein Vaterland und in sein
Elternhaus zurückgekehrt. Und wir wären alle froh und glücklich
gewesen und hätten nicht geahnt, welche Gefahr uns drohte, welches
Unheil uns erwartete. Wir hätten den Feind innerhalb unserer Grenzen
gehabt. Denn was wäre geschehen? Nach kurzer Zeit wäre der
Kronprinz plötzlich gestorben! Begreift Ihr es? Mein jüngerer Sohn
hatte die Absicht, wenn niemand mehr ihm etwas Schlimmes
zugetraut hätte, seinen Bruder zu töten oder töten zu lassen, um so zu
bekommen, was er wünscht: die Macht über dieses Reich! Nach dem
Tod des Kronprinzen wäre ja er der Thronfolger. Das ist der
verräterische Plan, der hinter seinem Friedenswunsch steckte! Evillan
ist ihm nicht genug; er will dieses Reich regieren.«
König Unauwen schaute sich im Saale um.
Trauer lag noch in seinen Augen, aber das Gesicht war streng, als er
sagte: »Ihr wißt jetzt, daß der Fürst von Evillan noch immer unser
Feind ist. Er darf dieses Reich nie regieren, denn er ist schlecht! Er ist
mein Sohn; ich liebe ihn, aber er ist schlecht. Leid wird über dieses
359
Land kommen, wenn er je König wird! Wir kennen jetzt seine böse
Absicht, und er wird seinen listigen Plan nie mehr ausführen können.
Bald wird er wissen, daß wir ihn kennen, wenn er es nicht bereits
weiß. Zwei meiner Ritter hat er getötet, damit uns seine Mordabsicht
nicht bekannt werde. Was aus den andern geworden ist – aus Ritter
Argarat, aus Marcian und Darowin – wissen wir noch nicht; ich
fürchte aber das Schlimmste. Doch, meine Herren, wir wissen nun
schon genug. Der Plan des Fürsten von Evillan ist mißlungen; er wird
nicht nochmals um Frieden bitten. Ich fürchte, er wird jetzt mit
Gewalt zu bekommen trachten, was ihm durch List nicht mehr
gelingen kann. Ich fürchte, er wird wieder zu den Waffen greifen.
Darum müssen wir uns zur Verteidigung bereit machen. Traurig ist
das, was ich Euch sagen mußte, aber ein Gutes ist dabei: Wir wissen,
wo die Gefahr droht. Zusammen wollen wir kämpfen, wenn es nötig
ist. Wer ist nicht dazu bereit?«
Da zogen alle Ritter die Schwerter, so daß der Saal einem Wald von
glänzenden Klingen glich. Und sie jubelten ihrem König zu. Dann
wurde besprochen, wie das Land in den Verteidigungszustand
gebracht werden sollte.
Tiuri und Piak waren nicht mehr dabei; dies waren
Angelegenheiten, die sie nichts angingen. Zusammen verließen sie
den Palast und begaben sich in die Stadt. Etwas später standen sie auf
einer Brücke über dem Weißen Fluß und sprachen über das, was sie
gehört hatten.
Tiuri dachte an den jungen Schildknappen, der mit dem Bericht von
Ritter Andomar ins Reich von Unauwen gekommen war. Es war
eigenartig zu wissen, daß er, Tiuri, nicht allein gewesen war. Ein
anderer hatte einen ähnlichen Auftrag erhalten wie er, hatte vielleicht
die gleichen Ängste, aber auch die gleiche Genugtuung erfahren. Ob
jener andere auch einen so treuen Freund gefunden hatte wie er in
Piak? Er schaute den Freund an. Dieser blickte flußabwärts nach
Westen.
»Dort muß das Meer sein«, sagte er. »Ich würd' gern dorthin
fahren.«
»Ich auch«, erklärte Tiuri, »wenn wir Zeit hätten.«
360
Als er diese Worte aussprach, wußte er auf einmal, daß er keine Zeit
mehr hatte. Er durfte nicht länger bleiben; König Dagonaut erwartete
ihn. Es gab nichts mehr, was ihn hinderte zurückzukehren. Seine
Aufgabe hier war erledigt.
»Wenn wir Zeit hätten«, wiederholte er, »aber ich muß zu König
Dagonaut zurück.«
»Ja, das begreif ich«, sagte Piak. »Wann willst du geh'n?«
»Sobald wie möglich, weil es ja doch sein muß«, erwiderte Tiuri.
»Gut«, bemerkte Piak, »dann geh'n wir morgen.«
»Willst du vielleicht länger bleiben?« fragte Tiuri.
»Ich geh' mit dir«, sagte Piak nur.
Wieder schwiegen sie eine Zeitlang.
Dann fragte Piak: »Kehrst du gern zurück?«
»Nein und ja«, antwortete Tiuri. »Ich würde gern noch ein wenig
bleiben und alles besser kennenlernen, aber ich sehne mich auch
danach, wieder daheim zu sein.«
»Ich spür' das gleiche«, sagte Piak. »Ein Stück von mir will hier
bleiben, und ein anderes Stück will in die Berge zurück.«
»Das Land von Dagonaut scheint so schrecklich weit weg zu sein«,
fuhr Tiuri nachdenklich fort. »Manchmal habe ich das Gefühl, daß
dort alles anders ist, wenn ich zurückkomme.«
Wie lange war es eigentlich her, seit er abgereist war? Noch nicht
einmal ein Monat. Was hatte er in dieser Zeit alles erlebt!
Piak machte eine winkende Gebärde um sich herum.
»So leb wohl, Stadt von Unauwen«, sagte er.
»Nein«, meinte Tiuri, »wir sagen ›auf Wiedersehen‹. Ich weiß
sicher, daß wir noch einmal hierher kommen.«
Sie kehrten zum Palast zurück. Die Versammlung war zu Ende, und
in einem der Säle fanden sie Tirillo inmitten vieler Ritter und
Schildknappen.
»Nun, Tirillo«, rief einer der Ritter, »jetzt habt Ihr uns die Leviten
gelesen, weil wir an die großen Taten zu denken wagten, die wir

361
verrichten werden. Aber ich habe vernommen, daß Ihr selber auch
mitkommt, wenn wir bald ausziehen.«
»Natürlich«, antwortete der Narr. »Es muß doch jemand auf Euch
aufpassen!«
»Welche Waffen nehmt Ihr dann mit, Tirillo?« fragte ein anderer
ein wenig spöttisch.
»Seinen Narrenstock, um uns damit auf die Finger zu klopfen«,
sagte Marwen von Iduna, »und die Narrenrede, um uns vor Hochmut
zu bewahren.«
Obwohl er dies mit einem Lächeln sagte, war deutlich zu merken,
daß er im Ernst sprach.
»Ja«, pflichtete ihm ein anderer Ritter bei. »Tirillo muß mit, wenn
wir den Kampf gegen das Böse aufnehmen.«
»Gut gesprochen, Ritter«, sprach der Narr. »Wenn Ihr nur nicht
vergeßt, daß Ihr, wenn Ihr gegen das Böse kämpft, selber noch nicht
gut seid! Gut und Böse sind gegenseitige Feinde, aber sie können nahe
beisammen liegen. Denkt daran, daß unser Kronprinz und der Fürst
von Evillan Brüder sind, Söhne eines Vaters…« Dann sah er Tiuri und
Piak. »Ha«, unterbrach er sich, »da sind die Freunde wieder. Fühlt Ihr
Euch schon daheim in unserer Stadt?«
»Ja, Tirillo«, antwortete Tiuri.
»Und jetzt müßt Ihr wieder abreisen, ach«, fuhr der Narr fort.
»Ja«, sagte Tiuri.
Er wunderte sich nun nicht mehr so sehr darüber, daß der Narr seine
Gedanken erraten konnte.
»Könnten wir den König heute noch sprechen?« fügte er bei.
»Kommt nur mit«, erklärte Tirillo, »dann bringe ich Euch zu ihm.
Er hat wohl gerade Zeit.«
Die Jünglinge folgten ihm, und Tiuri dachte: Jetzt begreife ich noch
besser, warum Tirillo den funkelnden Ring trägt. Nicht nur weil er
gescheit und munter ist, sondern auch weil er die Ritter davor
bewahren soll, jemals eingebildet zu werden.

362
Die Freunde erzählten König Unauwen, daß sie beschlossen hatten,
sobald wie möglich die Rückreise anzutreten.
»Ihr habt recht«, sagte der König. »Ihr seid Untertanen von König
Dagonaut. Und Ihr Tiuri, müßt – da Ihr jetzt Euer Versprechen
gehalten und den Auftrag ausgeführt habt – Eurem König alles
erzählen. Und dann sollt Ihr diesmal mein Bote sein. Ich gebe Euch
einen Brief für König Dagonaut mit. Nein, erschreckt nicht; es ist
natürlich eine wichtige Botschaft, aber es sind keine Gefahren damit
verbunden.«
Tiuri lächelte.
»Ich bin Euer Diener, Majestät«, sagte er.
»Und Ihr, Piak?« fragte der König. »Wie weit geht Ihr mit Eurem
Freund? Bis auf die Großen Berge?«
»Nein, Majestät«, erwiderte Piak, »wir haben abgemacht, ich soll
noch weiter mitgeh'n, bis in die Stadt von Dagonaut.«
»Aber Ihr geht doch wohl den gleichen Weg zurück«, sagte der
König, »beim Klausner Menaures vorbei. Bringt ihm meine Grüße!«
»Kennt Ihr ihn, Majestät?« fragte Piak überrascht.
»Ich kenne ihn«, entgegnete der König. Er schaute freundlich vom
einen zum anderen und fuhr fort: »Ich bedaure, daß Ihr gehen müßt,
aber wir wollen keinen Abschied nehmen, denn ich hoffe und erwarte,
daß ich Euch hier eines Tages wiedersehe. Auch wenn Eure Heimat
und Eure Pflicht im Land von Dagonaut sind, so sollt Ihr doch auch
mit meinem Reich für immer verbunden bleiben.«

363
Zurück zur Stadt von Dagonaut

Am folgenden Morgen verließen die Freunde die Stadt von


Unauwen. Sie hatten vom König und von allen, die sie kennengelernt
hatten, Abschied genommen und ritten der aufgehenden Sonne
entgegen.
Die erste Nacht nach ihrer Rückkehr verbrachten sie im Freien; in
der zweiten Nacht schliefen sie im Schloß des Weißen Mondes. Am
Tag darauf ritten sie durch die Mondhügel, diesmal bei Sonnenschein.
Es war schon ziemlich spät, als sie Ingewel erreichten, wo sie die
Pferde dem Wirt der Herberge zur Ersten Nacht zurückgaben und
frische bekamen.
Als sie am folgenden Morgen hinaustraten, sahen sie vom See her
einen kleinen Reitertrupp kommen. Kurz darauf kam dieser an der
Herberge vorüber, und jeder, der am Weg stand, verbeugte sich
ehrerbietig. Der vorderste Reiter war ein Jüngling von Tiuris Alter; er
sah traurig und ernst aus, aber seine Haltung war aufrecht und stolz.
Zum Zeichen, daß er in Trauer war, trug er graue Kleider und keine
Waffen. Einige Krieger folgten ihm.
»Andomar von Ingewel«, sagte der Wirt.
»Andomar?« wiederholte Tiuri ziemlich erstaunt.
»Sein Sohn«, erklärte der Wirt. »Er heißt wie sein Vater, und er
gleicht ihm. Jetzt ist er auf dem Weg zur Stadt von Unauwen. Ich
denke, der König wird ihn zum Ritter schlagen, so daß es bald wieder
einen Ritter Andomar gibt, der Ingewel regiert. So sieht man, daß,
wenn jemand stirbt, immer ein anderer da ist, um die Aufgabe zu
übernehmen.«
»Immer ein anderer, um die Aufgabe zu übernehmen«, wiederholte
Tiuri nachdenklich.
»Ist's nicht so?« fragte der Wirt. »Wir müssen also nicht zu traurig
sein…«

364
Nach dem Wald von Ingewel war der Regenbogenfluß nicht mehr
weit. Sie ritten über die Brücke und begehrten den Zollherrn zu
sprechen. Tiuri hatte Geld bei sich, das er vom König erhalten hatte,
um den Zoll zu zahlen, den sie noch schuldig waren. Die Zollwächter
erkannten die Freunde nicht sofort; erst als Warmin herzutrat und sie
herzlich grüßte, wurde den Wächtern bewußt, wer sie waren.
»So schnell hätt' ich Euch nicht zurückerwartet«, sagte Warmin.
»Ich melde dem Herrn Eure Ankunft.«
Er nahm sie mit ins Schloß.
»Jetzt weiß ich, wer Ihr seid«, erzählte er, »Ihr habt dem König eine
wichtige Nachricht gebracht. Genaues weiß ich noch nicht, aber mein
Herr ist seit kurzem damit beschäftigt, mit seinen Kriegern zu üben.
Er sagt, die Burg müsse vielleicht wieder zur Festung werden wie vor
Hunderten von Jahren. Er ist trüb gestimmt, mein Herr. Am Abend
steht er auf der Brücke und starrt ins Wasser hinab, ohne ein Wort zu
sagen.«
Der Zollherr zeigte den Freunden aber nichts von seiner düsteren
Stimmung. Er grüßte sie freundlich und sagte, sie seien seine Gäste.
Das Geld für den Zoll wollte er nicht annehmen; das sei schon
bezahlt, sagte er. Wahrscheinlich hatte er es selber getan. Die
Jünglinge mußten ihm erzählen, was es in der Stadt von Unauwen
Neues gab, obwohl er das meiste schon wußte. Nach dem Abendessen
saßen sie noch lange bei ihm in dem Zimmer, das auf der Seite der
Brücke und des Flusses lag. Der Zollherr fragte Tiuri, ob er mit dem
Ritter Tiuri dem Tapferen verwandt sei. Der Jüngling hatte ihm jetzt
seinen wahren Namen genannt. Der Zollherr schien das Land von
Dagonaut recht gut zu kennen, denn er war vor Jahren einige Male
dort gewesen, bevor er Herr des Zolls wurde. Aber noch mehr wußte
er von seinem eigenen Land, und auf die Bitte der Freunde hin
erzählte er davon. Am meisten berichtete er von den beiden Söhnen
des Königs von Unauwen.
»Es ist doch dumm«, überlegte Piak laut, »daß die zwei Brüder
Feinde sind. Zwillinge sollten einander um so lieber haben.«
»Ja«, bemerkte der Zollherr. »Es hätte auch anders sein können.
König Unauwen hat auch einen Bruder, der am gleichen Tag geboren
365
ist wie er und ihm gleicht. Aber dieser Prinz hat nie Anspruch auf den
Thron erhoben. Er hat sogar auf seinen fürstlichen Stand verzichtet
und ist durch die Welt geritten. Später hat er sich als Klausner in die
Berge zurückgezogen.«
»Klausner?« wiederholte Piak und schaute ihn mit großen Augen
an.
Auch Tiuri war überrascht. Er dachte sofort an Menaures, den
Einsiedler bei der Quelle des Blauen Flusses.
»Lebt dieser Bruder – dieser Klausner noch?« fragte Piak.
»Er lebt noch, ja«, erwiderte der Zollherr.
»Wie heißt er?«
»Als er auf seinen königlichen Stand verzichtete, nahm er auch
einen andern Namen an«, erklärte der Zollherr, »und ich weiß nicht,
ob ich diesen Namen sagen darf. Er wohnt auf der andern Seite der
Großen Berge, und vor vielen Jahren ist er hier gewesen. Aber es ist
verschiedene Male geschehen, daß Pilger und Ritter von hier über die
Berge zogen, um ihn zu besuchen. Vielleicht seid Ihr ihm einmal
begegnet; Ihr kommt ja aus den Bergen.«
Er schaute Piak mit einem Lächeln an.
»Ja, ja«, sagte dieser, »vielleicht schon.«
Später, als die Freunde im Bett lagen, sagte Piak zu Tiuri: »Was
sagst du dazu? Ob Menaures der Bruder von König Unauwen ist?«
»Es könnte gut sein«, erwiderte Tiuri.
Obwohl die Freunde spät schlafen gegangen waren, standen sie
doch am folgenden Morgen früh auf, denn sie wollten noch am
gleichen Tag in Dangria sein. Nach einem herzlichen Abschied vom
Zollherrn ritten sie weiter. Warmin und ein anderer Krieger reisten mit
ihnen. Sie sollten die beiden bis Dangria begleiten und dann die
Pferde mit zurücknehmen.
Am Nachmittag standen sie wieder auf dem Platz von Dangria. Er
sah aus wie das vorige Mal, voller Zelte und Stände, Kaufleute und
Käufer.

366
»Es ist, als ob wir gar nicht fort gewesen wären«, sagte Piak, als sie
sich dem Stadthaus gegenüber befanden.
»Es ist aber doch manches anders«, sprach eine Stimme hinter
ihnen.
Natürlich war es Iruwen.
Er lächelte sie freundlich an.
»Viel ist anders! Herr Dirwin ist jetzt Bürgermeister. Sobald die
amtliche Zustimmung des Königs kommt, soll er feierlich eingesetzt
werden.«
Er zeigte auf das Stadthaus.
»Vielleicht wollt Ihr zuerst Herrn Dirwin grüßen gehen?« fragte er.
»Er ist ja Bürgermeister.«
»Ja«, sagte Tiuri. »König Unauwen hat uns beauftragt, Herrn
Dirwin seine Grüße zu bringen und ihm zu berichten, was es Neues
gibt.«
»Ach«, sagte Iruwen, »wir wissen bereits vom Tod der guten Ritter
und unseres armen Schreibers. Es sind schon Boten aus der Hauptstadt
da gewesen. Aber weitere Nachrichten sind jederzeit willkommen.«
Er begleitete die Freunde bis zur Stadthaustreppe.
»Kommt Ihr dann zum Weißen Schwan?« fragte er. »Ardoc ist auch
da. Er ist eben heut' in der Stadt; das trifft sich gut. Außerdem hab' ich
Eure Reisetaschen dort eingestellt; die habt Ihr damals im Stadthaus
liegenlassen. Ich geh' dem Wirt gleich sagen, daß Ihr kommt. Auf
Wiederseh'n!«
Die Freunde taten, was Iruwen angeregt hatte, und nach ihrem
Besuch bei Herrn Dirwin gingen sie zum Weißen Schwan. Dort
fanden sie Iruwen, Ardoc, Doalwen und noch andere Bekannte, mit
denen sie aßen und Neuigkeiten austauschten. Es traf sich in der Tat
gut, daß Ardoc in der Stadt war, denn er sagte ihnen, sie könnten am
nächsten Morgen mit ihm bis zu seinem Haus im Schatten der Großen
Berge fahren.
Am folgenden Morgen also reisten die Freunde mit Ardoc, diesmal
neben ihm auf dem Bock des Planwagens. Piak schaute zu den
Bergen, die immer näher rückten.
367
»Morgen sind wir wieder dort«, sagte er aufatmend. »Es ist fast
nicht zu glauben! Ich zieh' mein Panzerhemd aus und laß es zurück;
findest du nicht auch, Tiuri? Wir haben schon genug zu tragen. Unsere
Schwerter zum Beispiel. Das hab' ich noch nie getan – auf die Berge
steigen mit einem Schwert an der Seite!«
»Du willst doch nicht etwa dein Schwert zurücklassen!« sagte Tiuri.
»O nein, niemals!« rief Piak.
»Es war' eine Schand', wenn Ihr das tätet«, meinte Ardoc. »Mancher
Ritter würd' Euch um ein solches Schwert beneiden.«
Die Jünglinge blieben über Nacht bei Ardoc. Am nächsten Morgen
nahmen sie Abschied von dem letzten bekannten Gebiet westlich der
Großen Berge und begannen den Anstieg.
»Jetzt geh' ich wieder auf bekanntem Boden«, sagte Piak am Tag
darauf, als sie an Filamen vorbei waren. »Oh, alles ist prächtig
gewesen, aber hier fühl' ich mich doch am meisten daheim.«
Piak grüßte alle ihm bekannten Stellen mit Freude. Als sie sich der
Hütte des Einsiedlers näherten, wurde er aber immer stiller. Tiuri
wunderte sich ein wenig darüber. Der Freund schien doch nicht müde
zu sein? Es war schon dunkel, als sie zur Hütte abstiegen, aber sie
sahen ein Licht, das ihnen den Weg wies. Es schien eine Laterne zu
sein, die bei der Hütte aufgestellt worden war.
Menaures trat heraus; er hatte ihre Ankunft erwartet.
»Ich hatte den ganzen Tag das Gefühl, Ihr kämet«, sagte er, »und
siehe, da seid Ihr. Seid willkommen!«
Bald darauf saßen die Jünglinge mit ihm am Tisch und erzählten
ihm, der Auftrag sei ausgeführt.
»Ich bin froh, das zu hören«, sprach der Klausner, »und ich bin
auch froh, weil ihr so gute Freunde geworden seid. Ich habe das
gehofft.«
»Habt Ihr erwartet, daß ich mit Tiuri gehe?« fragte Piak.
»Ja«, gab Menaures zur Antwort. »Ich war nicht erstaunt, als du
nicht zurückkamst.«
Piak öffnete den Mund und schloß ihn wieder.
368
Er schaute den Klausner eine Weile schweigend an und sagte
schließlich: »Ich soll Euch Grüße von König Unauwen bringen.«
Menaures neigte den Kopf.
»Ich danke dir«, sagte er.
Wieder war es still.
Tiuri schaute vom Klausner zu Piak und dachte: Ob Menaures
wirklich der Bruder des Königs ist? Er gleicht ihm; das ist wahr.
Aber er wagte nicht, einfach zu fragen.
Offenbar dachte Piak ähnlich, denn er sagte: »Kennt Ihr König
Unauwen?«
»Das weißt du doch«, erwiderte Menaures mit einem Lächeln.
»Kennt Ihr ihn gut?« fragte Piak weiter.
»Gewiß«, sagte Menaures, noch immer lächelnd und mit einem
Glanz in den dunklen Augen.
»Warum habt Ihr uns denn nicht Eure Grüße an ihn mitgegeben?«
fragte Piak weiter.
»Mein Bruder weiß, daß ich viel an ihn denke«, antwortete der
Klausner. »Ja, mein Bruder. Das hast du doch wissen wollen, Piak?«
»Ja, ja«, sagte Piak und wurde rot.
»Du hättest es ohne Umwege fragen können«, fuhr Menaures fort.
»Ich weiß nicht, wie du es erfahren hast, aber da du es jetzt weißt, so
will ich es nicht bestreiten.«
»Ihr gleicht dem König sehr«, sagte Piak.
»Aber du mußt mich so sehen, wie du mich immer gesehen hast«,
bemerkte Menaures. »Als den Klausner in den Bergen – nicht als
einen Prinzen oder Fürsten.«
Tiuri dachte, der Einsiedler habe dennoch etwas Fürstliches an sich.
Seine einfachen Kleider und die magere Gestalt konnten daran nichts
andern.
»Erzählt jetzt von Eurer Reise«, sprach Menaures.

369
Die Freunde taten dies, aber es war Tiuri, der am meisten sprach.
Piak war sehr schweigsam. Ab und zu schaute ihn Tiuri an und fragte
sich, was ihn beschäftige.
Ein wenig später, als die Jünglinge auf dem Boden ihr Lager mit
Stroh und Decken bereiteten, fragte Piak plötzlich: »Habt Ihr mich
vermißt, Menaures?«
»Natürlich habe ich das«, entgegnete der Einsiedler freundlich.
»Seht Ihr«, sagte Piak, »Tiuri hat Euch erzählt, ich geh' mit ihm zu
König Dagonaut, aber wenn Ihr mich nicht entbehren könnt, so bleib'
ich natürlich hier.«
»Daß ich dich vermißt habe, bedeutet nicht, daß ich dich nicht
entbehren kann«, erklärte Menaures. »Es wäre falsch, wenn es so
wäre. Du kannst also ruhig mitgehen. Du würdest ja doch nicht immer
bei mir bleiben.«
»Ich…«, begann Piak und schwieg dann.
Bald fragte er etwas anderes: »Ist hier noch etwas gescheh'n, als wir
weg waren?«
Und Tiuri fragte: »Wißt Ihr, was Jaro getan hat? Ist er noch bei
Euch gewesen?«
»Ja«, erwiderte der Klausner. »Wir haben lange miteinander
gesprochen. Ich nehme an, Tiuri, er dient dem Fürsten von Evillan
nicht mehr.«
Mehr sagte er darüber nicht.
Bald darauf wünschte Menaures ihnen eine gute Ruhe. Er selbst
ging aber noch nicht schlafen, sondern trat hinaus und ließ die Tür
offenstehen, so wie das letzte Mal. Tiuri war müde und bald am
Einschlafen. Da meinte er plötzlich, Piak beuge sich über ihn und
frage ihn flüsternd etwas. Er öffnete die Augen, sah aber Piak ganz
still neben sich liegen. Er drehte sich um und war beinahe wieder
eingeschlafen, als er Piak leise aufstehen hörte. Wieder schaute er hin
und sah ihn hinausgehen.
Dann hörte er den Freund mit dem Klausner reden, aber er verstand
nichts.
Doch die Antwort von Menaures tönte klar und deutlich.
370
»Du brauchst nicht fortzugehen, Piak«, sagte der Einsiedler. »Wenn
du lieber in den Bergen bist, so mußt du hier bleiben.«
Sofort war Tiuri ganz wach.
Piak murmelte etwas, aber dann sagte er gut vernehmbar: »Ich hab'
ihm versprochen, Menaures, mit ihm zu geh'n. Ich hab' selber darum
gebeten. Ich wollt' es zuerst auch. Ich wollt' Schildknappe werden.
Aber jetzt, wo ich wieder in den Bergen bin, spür' ich, daß ich hier
daheim bin.«
»Ein Mensch ist eigentlich nirgends auf Erden daheim«, sagte der
Klausner. »Aber ich begreife, was du meinst. Du fühlst, daß dein Platz
hier ist.«
»Das weiß ich nicht einmal sicher«, erklärte Piak mit einem tiefen
Seufzer. »Ich weiß, glaub' ich, nicht, was ich will! Manchmal denk'
ich, ich fühl' mich in den Bergen nicht mehr so daheim wie vorher. Ich
weiß jetzt, was drunten ist. Aber ich weiß nicht, ob ich an irgendeinem
andern Ort wohnen möcht'. Ich weiß nicht, ob ich ins Land von
Dagonaut geh'n und Schildknappe werden will.«
Tiuri hörte alle diese Worte. Jetzt begriff er, warum Piak so still
gewesen war; dies hatte ihn beschäftigt. Piak bereute seinen
Entschluß, bei ihm zu bleiben und in die Stadt von Dagonaut zu
gehen.
»Was soll ich jetzt tun, Menaures?« fragte Piak.
Plötzlich fühlte sich Tiuri schuldig, weil er einem Gespräch zuhörte,
das nicht für ihn bestimmt war. Aber es schien ihm doch gut, daß er es
hörte. Ihm hätte es Piak wahrscheinlich nicht gesagt.
»Das mußt du selber entscheiden, Piak«, lautete die Antwort des
Klausners.
»Das kann ich eben nicht«, erwiderte Piak. »Oder eigentlich weiß
ich schon, was ich tun muß. Ich hab's ihm versprochen.«
»Sag einmal ehrlich«, fragte der Einsiedler, »willst du lieber in den
Bergen bleiben?«
Eine Weile war es still.

371
»Ja«, sagte Piak dann leise. »Aber«, fuhr er fort, »ich hab' ihn
gefragt, ob ich mitgeh'n darf. Und ich will nicht, daß er denkt, ich
lasse ihn im Stich, weil…«
»Weil?« fragte der Klausner ruhig.
»Er hat Angst, der König Dagonaut schlage ihn nicht mehr zum
Ritter«, erklärte Piak, »und er könnt' denken, daß ich deswegen nicht
mitgeh'n will…«
»Natürlich wird er das nicht denken«, bemerkte der Klausner.
Natürlich nicht, wiederholte Tiuri in Gedanken.
»Es geht auch nicht darum«, sagte Piak. »Ich fühl' mich elend bei
dem Gedanken, daß ich Abschied nehmen muß, und es könnt' gut sein,
daß ich's bereuen würd'. Wenn ich aber mitgeh, so werd' ich mich
wieder nach den Bergen sehnen.«
»Ja«, sprach Menaures, »immer gibt es etwas, was man vermißt, ob
man nun weggeht oder hier bleibt. Immer muß man Abschied nehmen,
das ganze Leben lang. Aber wenn du am liebsten hier bleibst, wenn du
denkst, hier sei dein Platz, so mußt du das Tiuri ehrlich sagen. Er darf
und wird dir das nicht übelnehmen.«
Als Piak bald darauf zurückkam und sich legte, tat Tiuri, als ob er
schliefe. Aber er lag noch eine Zeitlang wach; doch hatte er sogleich
beschlossen, was er dem Freund am andern Tage sagen wollte.
»Sag, Piak«, erklärte Tiuri am nächsten Morgen, »ich weiß, daß du
lieber in den Bergen bleibst…«
»Wie kommst du dazu…«, begann Piak, aber Tiuri ließ ihn nicht
ausreden.
»Ob du mitkommst oder nicht«, fuhr er weiter, »so bleiben wir gute
Freunde. Du gehörst in die Berge, ich ins Land von Dagonaut. So ist
es nun einmal. Ich bleibe ja auch nicht deinetwegen hier.«
»Aber«, wandte Piak ein, »ich soll ja dein Schildknappe werden!«
»Das wolltest du, ja«, entgegnete Tiuri, »aber ich bin nicht böse auf
dich, wenn du die Meinung geändert hast. Ich muß dir bekennen, daß
ich gestern gehört habe, was du zu Menaures sagtest.«
»Oh«, murmelte Piak.
372
Er senkte den Kopf und schwieg.
Dann sagte er: »Wenn du alles gehört hast, so brauch' ich nichts
mehr zu sagen. Ich find's elend, Tiuri, aber es ist wahr, daß ich lieber
hier bleib'.«
»Warum elend?« fragte Tiuri. »Ich begreife es sehr gut.«
Die Freunde saßen auf einem Stein bei der Quelle.
»Du gehörst hierher«, sagte Tiuri mit bestimmtem Ton. »Damit ist
alles gesagt. Und so bleibst du eben hier. Was ist einfacher?«
In diesem Augenblick rief Menaures aus der Hütte, sie sollten zum
Frühstück kommen.
»Habt Ihr miteinander gesprochen?« fragte der Klausner. »Hast du
dich entschlossen, Piak?«
»Ja«, antwortete Tiuri für seinen Freund. »Piak bleibt hier in den
Bergen.«
Mit einem rätselhaften Lächeln auf dem Gesicht blickte der
Einsiedler vom einen zum andern.
»So«, sprach er, »das ist also entschieden. Wann reist Ihr ab,
Tiuri?«
»Du kannst gut noch einen Tag bleiben«, sagte Piak.
Tiuri schüttelte den Kopf.
»Nein«, erklärte er, »es ist besser nicht. Nach dem Essen gehe ich.«
Der Klausner nickte.
Piak stieß einen Seufzer aus und bemerkte: »Aber du bist doch
damit einverstanden, daß ich dich eine Strecke weit begleite?«
»Natürlich«, erwiderte Tiuri.
Tiuri nahm Abschied von Menaures, und dieser gab ihm seinen
Segen.
Dann schritt er, von Piak begleitet, den Weg den Blauen Fluß
entlang abwärts. Vom Abschied bedrückt, sprachen die Freunde
wenig.
Als sie die Schlucht hinter sich hatten, wo Jaro beinahe
hinabgestürzt war, blieb Tiuri stehen.
373
»Ist es jetzt nicht Zeit, Piak«, fragte er, »daß wir einander Lebewohl
sagen? Du mußt noch vor der Dunkelheit zurück sein können.«
»Ja…«, sagte Piak in zweifelndem Ton. »Ich könnte noch weiter
mit dir kommen«, fügte er bei, »ja sogar bis zur Stadt von König
Dagonaut.«
»Es ist besser, wenn wir jetzt Abschied nehmen, als wenn wir es
hinauszögern. Du kannst später immer in die Stadt von Dagonaut
kommen, aber das ist etwas anderes. Ich habe auch vor, ein andermal
zu dir zu kommen!«
Piak schaute ihn ein bißchen fröhlicher an.
»Ja«, sagte er, »das mußt du.«
»Nun«, sagte Tiuri, »alles Gute! Ich kann dir nicht danken für alles,
was du getan hast…«
»Ach, hör doch auf!« sagte Piak.
»Also alles Gute!« wiederholte Tiuri. »Ich will nicht richtig
Abschied nehmen.«
»Nein, bitte nicht!« sagte Piak.
Sie drückten einander die Hand und sagten: »Auf Wiedersehen!«
Dann drehte Tiuri sich um und schritt rasch weiter abwärts. Erst
nach einiger Zeit schaute er zurück. Piak war auf ein Hügelchen
gestiegen und winkte. Sein Gesicht war nicht mehr zu erkennen.
Jetzt war Tiuri wieder allein, und er fühlte sich einsam und
mißmutig. Schnell ging er weiter, aber manchmal fragte er sich,
warum er sich so beeilte. Es zog ihn gar nicht mehr nach der Stadt von
Dagonaut oder nach Hause. Was konnte ihn dort erwarten, was die
Mühe wert war? Sicher schlug ihn der König nicht zum Ritter, und
auch wenn er es tat – was dann?
Doch gab es einen Grund, warum er eilen mußte: Er mußte seinem
König alles erklären und ihm den Brief von König Unauwen geben.
Ja, das wollte er tun. Er wollte Mistrinaut bald erreichen, und diesmal
ritt er keinen schnellfüßigen Ardanwen.
Obwohl er eine Strecke weit mit einem Bauer fahren konnte, war es
schon dunkel, als er am nächsten Tag beim Schloß ankam. Die
374
Wächter erkannten ihn in der Dunkelheit nicht gleich, aber dann
begrüßten sie ihn um so freundlicher und brachten ihn sofort in den
großen Saal, wo noch viele Leute beisammen waren. An einem der
Tische stand der Burgherr und plauderte mit einigen Waffenknechten.
Seine Gemahlin saß am Kamin und stickte. Fräulein Lavinia saß auf
einem Bänkchen zu ihren Füßen und war damit beschäftigt, Knäuel
farbigen Garnes auszusondern. Es war ein freundliches, gemütliches
Bild.
Der Wächter kündigte Tiuri mit lauter Stimme an: »Herrin, Herr,
hier ist ein Gast, den Ihr kennt!«
Der Burgherr schritt mit ausgestreckter Hand auf den Jüngling zu.
»Willkommen hier!« sagte er.
Die Begrüßung war sehr herzlich. Lavinia ließ alle Klüngel auf den
Boden fallen, und Tiuri kniete nieder, um sie aufzuheben.
»Steht auf, steht auf!« rief der Burgherr. »Ist das eine Art, einen
Gast willkommen zu heißen!«
Es wurde für Tiuri ein Stuhl herbeigeschoben. Der Burgherr lud ihn
ein, sich zu setzen, und schaute ihn prüfend an. Er war nicht der
einzige; alle Augen im Saal waren auf den Jüngling gerichtet.
»Es ist lange her, seit wir uns gesehen haben«, sagte der Burgherr.
»Seid Ihr auf dem Weg nach Hause? Aber ich stelle Euch keine Frage,
wenn Ihr das nicht wünscht.«
»Ihr dürft alles fragen, Herr Rafox«, antwortete Tiuri, »ich habe
keine Geheimnisse mehr. Ja, ich bin auf dem Weg nach Hause oder,
besser gesagt, zu König Dagonaut.«
»Wo seid Ihr gewesen?« fragte Lavinia.
»Bei König Unauwen«, erwiderte Tiuri.
»Ah…«, machte sie und schaute ihn mit großen Augen an.
Tiuri erzählte in Kürze von seinem Auftrag, und bald nachher
mußte er, während er aß, seine Erzählung vervollständigen. Er hörte
auch Neues von den grauen Rittern, die das Pferd Ardanwen im
Schloß gelassen hatten.

375
»Es ist schade, daß Ihr nicht ein paar Tage früher gekommen seid«,
sagte der Burgherr. »Da wäret Ihr Ritter Ewein und seinem
Schildknappen begegnet.«
»Ritter Ewein?« fragte Tiuri ziemlich verwundert. »Und die
andern?«
»Die Gesellschaft der grauen Ritter besteht nicht mehr«, berichtete
der Burgherr.
»Aber warum?« fragte Tiuri. »Haben sie alle roten Reiter
erwischt?«
»Die meisten sicher, wenn nicht alle«, antwortete der Burgherr,
»aber den schwarzen Ritter mit dem roten Schild haben sie nicht
gefunden.«
»Haben sie die Suche aufgegeben?« fragte Tiuri.
»Das mußten sie tun«, erwiderte der Burgherr. »Aber nicht für
immer. Sie haben ihre Jagd nur unterbrochen. Die Spur des Ritters mit
dem roten Schild führte sie nach dem Osten. Auf diesem Weg kamen
sie hier vorbei und ließen Ardanwen zurück. Die letzte Nachricht habe
ich von Ewein vernommen. Er erzählte, sie hätten den schwarzen
Ritter mit dem roten Schild nicht gefunden. Sie fürchten, er ist nach
Evillan geflüchtet. Zuerst hatten sie im Sinn, dorthin zu reiten, aber
ein Auftrag von König Dagonaut hat bewirkt, daß sie dieses Vorhaben
verschieben mußten. Nur verschieben; die grauen Ritter werden
wieder zusammenkommen, um ihre Rache zu vollenden.«
Tiuri mußte auch viel erzählen. Vor allem Lavinia stellte ihm viele
Fragen.
Obwohl es inzwischen schon spät geworden war, wollte er dann
aber doch noch das Pferd Ardanwen grüßen. Sein Pferd!
Der Burgherr war sofort bereit, ihn zu den Ställen zu führen. Das
schwarze Pferd erkannte Tiuri sofort, und es war ein frohes
Wiedersehen. Tiuri streichelte dem treuen Tier über die Nase, und
plötzlich freute er sich auf die langen Wege, die er auf dessen Rücken
reiten wollte. Er wollte ein fahrender Ritter werden, ja, Ritter! Und er
wollte überallhin reisen, mit dem Schwert von König Unauwen an der

376
Seite. Fast kam sich Tiuri schon als ein Ritter vor, als er am nächsten
Tag auf Ardanwen weiterreiste.
»Ihr müßt versprechen, daß ihr wieder auf Besuch kommt«, sagte
der Burgherr.
Tiuri versprach es. Dann nahm er Abschied von Lavinia. Als er ihr
die Hand reichte, ließ sie einen Handschuh fallen.
Er hob ihn auf und wollte ihn zurückgeben, aber plötzlich sagte er:
»Darf ich Euren Handschuh behalten, Lavinia?«
»Warum?« fragte das Fräulein.
»Um ihn auf dem Helm zu tragen, wenn es ein Turnier gibt«,
antwortete Tiuri. »Wenn ich Ritter bin…«
Er schwieg und fühlte, daß er rot wurde.
Auch Lavinia errötete, aber sie sagte freundlich: »Natürlich werdet
Ihr Ritter sein… Es ist gut, Tiuri.«
Der Burgherr blickte sie an und lächelte ein bißchen.
»Nun«, sagte er, »vielleicht machen wir einmal eine kleine Reise in
die Hauptstadt, im Sommer, wenn es Turniere gibt. Es heißt also auf
Wiedersehen, Tiuri, und alles Gute!«
Am dritten Tag nach seinem Wegzug vom Schloß Mistrinaut
gelangte er am Mittag zu einer Herberge. Er überlegte, ob er bleiben
und übernachten oder Weiterreisen sollte.
Da rief ihm eine Stimme zu: »Ist das nicht Tiuri, Tiuris Sohn?«
Er drehte sich um und sah einen Ritter auf dem Wege stehen. Erst
als der Mann näher kam, erkannte er ihn: Ristridin vom Süden. In
seinem hellen Panzerhemd und einem grünen Mantel sah er nicht
mehr aus wie zuvor als grauer Ritter. Sie grüßten einander sehr
herzlich, und Tiuri beschloß sogleich zu bleiben, so daß er mit
Ristridin plaudern und vernehmen konnte, was dieser an Neuigkeiten
zu erzählen wußte.
Tiuri erfuhr, wie die grauen Ritter die roten Reiter eingeholt und
gestraft hatten und wie sie, der Spur des Ritters mit dem roten Schild
folgend, nach Osten bis in die Nähe der Stadt von König Dagonaut
zurückgeritten waren. Als der König vernahm, daß sie in der Nähe
377
waren, ließ er sie zu sich rufen. Er schien seine fahrenden Ritter nötig
zu haben.
»Besonders Bendu oder mich«, erzählte Ristridin. »Wir sind alt und
erfahren, und außerdem hatten wir schon früher die Absicht gehabt,
einmal in den Wilden Wald zu gehen.«
»In den Wilden Wald?« wiederholte Tiuri fragend.
Ristridin nickte.
»Ja«, sprach er. »Ich dachte an etwas, was Edwinem mir einst
gesagt hat: ›Tu, was du dir vorgenommen hast; geh in den Wilden
Wald! Das ist gut, denn du mußt dein eigenes Land doch kennen…‹«
Ristridin schwieg und setzte dann hinzu: »Wir haben über
Edwinems Grab einen Hügel errichtet, in der Nähe der Herberge
Yikarvara, mit einem Kreuz darauf und seinem weißen Schild. Es ist
noch ein anderes Grab daneben, von Vokia seinem Schildknappen.
Ihn haben wir in Dagonauts Stadt wiedergesehen, und kurz nachher ist
er gestorben. Der Tod seines Herrn ist zu viel für ihn gewesen.«
»Der Unbekannte…«, murmelte Tiuri.
Nach einer Weile fragte er: »Wann seht Ihr die andern wieder?«
»Wir haben abgemacht, daß alle vier im Frühling ins Schloß
Ristridin kommen. Kommt im Frühling auch ins Schloß Ristridin…
oder früher, wenn es das Wetter erlaubt.«
»Sehr gern«, erklärte Tiuri, »wenn ich kann.«
Am folgenden Tag mußte er von dem Ritter Ristridin Abschied
nehmen, aber er hoffte, sie alle im kommenden Jahr im Schloß von
Ristridins Bruder wiederzusehen. Tiuri setzte seine Reise ohne weitere
Erlebnisse und Begegnungen fort. Als er Dagonauts Stadt schon nahe
war, erinnerte Tiuri sich plötzlich an sein Versprechen, den Narren
Marius zu besuchen. Sobald er einen Seitenpfad sah, ritt er vom Wege
ab und begann, die Stelle zu suchen, wo er ihn einst gefunden hatte.
Eine Zeitlang irrte er schon durch den Wald, als plötzlich eine
Stimme hinter ihm rief: »Guten Tag Reiter, Reisender auf dem
schönen schwarzen Pferd!«
Tiuri drehte sich um und erkannte den Narren sogleich.

378
»Guten Tag, Marius«, sagte Tiuri und lächelte den Narren an.
»Euch suche ich hier schon eine ganze Weile.«
»Ihr wollt zu mir?«
Der Narr sah verwundert aus, lächelte aber ebenfalls verschmitzt.
»Ich hatte Euch doch versprochen, zurückzukommen, um zu
erzählen, wo ich gewesen bin.«
»Wo die Sonne untergeht?« fragte der Narr. »Ich habe es
niemandem gesagt, wo Ihr hingeritten seid. Es ist ein Geheimnis. Rote
Reiter und graue Ritter fragten mich danach. Aber ich habe es
niemandem gesagt. Auch nicht meiner Mutter und meinen Brüdern…
Und nun seid Ihr zurück, Reisender, und Ihr seid anders und doch seid
Ihr derselbe. Kommt Ihr nun mit mir zu meiner Waldhütte, um mit mir
zu reden?«
»Natürlich!« sagte Tiuri.
Der Narr streichelte Ardanwen über die Nüstern.
»Wo geht sie unter, die Sonne?«
»So weit bin ich gar nicht erst gekommen, aber ich habe gehört, daß
sie im Wasser des Meeres untergeht.«
Der Narr dachte etwas nach.
»Das ist gut«, sagte er dann, »dann kann sie abkühlen, die Sonne,
vom Scheinen, vom Wärmen des ganzen Tages. Ich werde es meinen
Brüdern sagen, die wissen das nicht. Oder ist es ein Geheimnis?«
»Es gibt keine Geheimnisse mehr«, sagte Tiuri.
Der Narr runzelte seine Stirn.
»Sie nennen mich den Narren, aber das glaube ich nicht, daß es
keine Geheimnisse mehr gibt…«
Tiuri schaute ihn nachdenklich und mit Bewunderung an.
»Ihr habt recht, Marius, mein Geheimnis darf ich jetzt wohl
erzählen, aber es gibt noch viele andere, die Geheimnisse des Wilden
Waldes zum Beispiel und noch viele andere. Von einigen haben wir
vielleicht noch nie gehört, andere werden wir vielleicht nie
begreifen.«

379
Tiuri blieb in der Waldhütte über Nacht und plauderte lange mit
dem Narren. Am nächsten Tag aber mußte er Weiterreisen. Als er an
der Herberge Yikarvara vorbei war, besuchte er auch kurz die Gräber
von Ritter Edwinem von Foresterra und Vokia, seinem
Schildknappen. Von dort bis zur Stadt war es nur noch eine kurze
Strecke.

380
König Dagonaut

Es war noch früh am Morgen, als sich Tiuri dem Ziel näherte. Er
fühlte sich sonderbar zumute. Es kam ihm fast seltsam vor, daß die
Stadt seines Königs noch genau so aussah wie zuvor. Er schaute nach
der Kapelle, wo sein Abenteuer vor mehr als anderthalb Monaten
begonnen hatte. Er blickte nach den Türmen, die über die Stadtmauern
hinausragten; auf den Türmen des Palastes flatterte die königliche
Standarte zum Zeichen, daß Dagonaut anwesend war. Tiuri dachte an
Piak und fragte sich, was er gesagt hätte, wenn er mitgekommen wäre.
Ob Dagonauts Stadt ihm auch nicht gefallen hätte, so wie Dangria?
Diese Stadt glich Dangria ein wenig; doch war sie größer.
Er hielt das Pferd an, holte die alte Kutte aus der Reisetasche und
zog sie an. Er wollte die Stadt, wo viele ihn kannten, so unauffällig
wie möglich betreten und mit niemand sprechen, bevor er bei König
Dagonaut gewesen war. Dann ritt er zum westlichen Tor, das
offenstand.
Eben zog ein Reitertrupp heraus, zwei Ritter, von Schildknappen
und Bogenschützen gefolgt. Die Ritter waren jung und sahen strahlend
aus mit ihren glänzenden Waffen, den farbigen Mänteln und einem
Falken auf der Faust. Mit einem Ruck erkannte Tiuri Arman und
Jiusipu. Sie galoppierten an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten, und er
schaute ihnen nach, bis sie hinter einem Hügel verschwanden. Ich
hätte bei ihnen sein können, dachte er. Wenn ich nicht auf jene
Stimme gehört hätte, so wäre ich jetzt vielleicht mit ihnen in den Wald
des Königs jagen gegangen. Aber er wußte, daß er nicht wünschte, es
wäre anders als jetzt. Seine Erfahrungen hätte er nicht ungeschehen
machen wollen.
Die Torwächter ließen ihn sogleich durch, obwohl sie etwas zu
bemerken hatten: »Euer Pferd ist schöner als Eure Kutte, Mönch!«
»Ich bin kein Mönch«, erwiderte Tiuri. »Ich bin ein Bote mit einem
Bericht aus dem Westen für König Dagonaut.«

381
Er ritt durch die bekannten Straßen und hatte bald den Platz
erreicht, wo der Palast stand. Ihm gegenüber war eine Herberge; an
der Tür hing ein Schild mit Blau und Gold, das Wappen von Ritter
Tiuri dem Tapferen. Tiuri zögerte bei der Herberge. Ob er eintreten
und die Eltern grüßen sollte? Nein, zuerst mußte er zum König gehen;
das war wichtiger. Die Wächter beim Palast fragten ihn, wer er sei.
»Ein Bote für König Dagonaut«, sagte er wieder.
»Wer hat Euch geschickt, und wie ist Euer Name?«
»König Unauwen hat mich gesandt, und mein Name ist Tiuri.«
Nun erkannten ihn die Wächter und ließen ihn weitergehen. Tiuri
ließ Ardanwen unter der Obhut einiger Bedienter auf dem Innenhof,
und bald darauf befand er sich in der großen Halle, wo die Besucher
des Königs warten mußten. Wenn der König ihn nur bald empfangen
konnte. Es trat ein Ritter ein, der einen verwunderten Ruf ausstieß.
Tiuri schaute ihn an.
»Vater!« rief er.
Sie eilten sich entgegen und drückten einander die Hand.
»Vater!« sagte Tiuri nochmals.
Mit frohen Augen schaute ihn Ritter Tiuri an.
»Alles in Ordnung, mein Sohn?« fragte er.
»Ja… ja, Vater.«
»Bist du der Bote von König Unauwen?«
»Ja, Vater«, erwiderte Tiuri. »Wie geht es Euch? Und der Mutter?«
»Alles gut«, sagte Ritter Tiuri. »Der König erwartet dich. Ich soll
dich zu ihm bringen.«
Er traf aber noch keine Anstalten, es zu tun, sondern blickte seinen
Sohn aufmerksam an.
»Du bist gewachsen«, sagte er.
Dann legte er die Hand auf Tiuris Schulter.
»Komm«, sagte er, »zum König. Bald wollen wir zusammen
weiterplaudern.«

382
Einige Augenblicke später stand Tiuri vor König Dagonaut und
schaute ihm in das vertraute Gesicht. Ein starkes Gesicht war es, mit
hellen und scharfen Augen, von dichtem, braunem Haar und einem
kurzen Bart umgeben. Es war sonst niemand im Saal außer Tiuris
Vater, der sich zur Tür zurückgezogen hatte.
Tiuri hatte den König ehrerbietig gegrüßt und ihm den Brief von
König Unauwen überreicht.
Dann sagte er: »Majestät, ich will Euch auch gern erzählen, warum
ich in der Mittsommernacht aus der Kapelle weggelaufen bin.«
»Selbstverständlich«, sagte König Dagonaut. »Ich habe das eine
und andere schon von Ritter Ristridin vernommen, aber ich will die
ganze Geschichte gern von dir hören. Du bist unerwartet und ohne
Erklärung weggegangen, und du bist lange weggeblieben … Obwohl
es für eine Reise ins Reich von Unauwen nicht einmal sehr lange ist.«
Er schaute den Jüngling ebenso aufmerksam an, wie Ritter Tiuri es
getan hatte.
»Hast du deinen Vater schon gegrüßt?« fragte er.
»Ja, Majestät.«
»Und die Mutter?«
»Nein, Majestät«, sagte Tiuri.
»Gut.«
Der König brach die Siegel von Unauwens Brief auf. Dieser
bestand aus vielen eng beschriebenen Blättern. Er warf einen
flüchtigen Blick darauf und wandte sich wieder an den Jüngling.
»Ich will deine Erzählung und Erklärung hören, Tiuri, Tiuris Sohn«,
sprach er, »aber zuerst will ich lesen, was der große König im Westen
mir schreibt. Darum geh mit deinem Vater und komm nach einer
Stunde zu mir zurück!«
Tiuri verbeugte sich und sagte, er gehorche.
Er begab sich mit dem Vater in die Herberge, wo er die Mutter
wiedersah. Die Stunde war bald um, und er hatte noch lange nicht
alles erzählen können, als er, vom Vater begleitet, in den Palast
zurückging. Diesmal wurde er allein beim König gelassen. Nun
383
berichtete Tiuri, wie er dazu gekommen war, aus der Kapelle
wegzugehen, anstatt bis um sieben Uhr in der Frühe zu wachen.
»Der Unbekannte bat mich um Hilfe«, sagte er, »und ich konnte
mich nicht weigern. Und als ich Ritter Edwinem versprochen hatte,
den Brief zu besorgen, da mußte ich den Auftrag durchführen.«
»Das ist wahr«, bemerkte König Dagonaut. »Hat die Ausführung
dieses Auftrages dich viele Mühe gekostet?«
»Manchmal schon«, antwortete Tiuri. »Aber es haben mir viele
Leute geholfen.«
Der König tippte mit dem Finger auf den Brief, den er in der Hand
hatte.
»König Unauwen hat darüber geschrieben«, sprach er.
Er schaute Tiuri wieder an.
»Du hast ein Schwert, einen Ring und ein Pferd bekommen«, fügte
er bei, »aber du bist noch kein Ritter.«
»Nein, Majestät«, sagte Tiuri, der nicht wußte, was er von diesen
Worten halten sollte.
Hielt König Dagonaut Tiuris Benehmen für richtig oder nicht? Es
lag ein merkwürdiges Lächeln auf dem Gesicht des Königs. Der
König schwieg ein Weilchen. Tiuri schwieg auch.
»Nun«, fragte der König schließlich, »hast du nichts mehr zu sagen
oder zu berichten?«
»Nein, Majestät«, erwiderte Tiuri.
Was sollte er noch sagen? Er konnte doch nicht wieder seine
Abenteuer erzählen. Er hatte berichtet, was der König wissen mußte.
»Und nichts zu fragen, Tiuri, Tiuris Sohn?«
Doch, das hatte Tiuri schon.
»Majestät«, sagte er ein bißchen stotternd, »Ihr habt eben gesagt,
ich sei noch kein Ritter. Würdet Ihr mich zum Ritter schlagen?«
Da erhob sich König Dagonaut von seinem Throne.
»Zum Ritter schlagen?« wiederholte er langsam. »Du bist
weggelaufen, bevor ich das getan hatte, aus eigenem, freiem Willen.

384
Denkst du, daß ich dich jetzt, mehr als anderthalb Monate später, so
behandeln soll, als ob nichts geschehen wäre? Mittsommertag ist
längst vorbei. Warum möchtest du, daß ich dich jetzt zum Ritter
schlage?«
»Ich hoffte, Ihr würdet es noch tun«, stotterte Tiuri.
»Einmal in vier Jahren werden Jünglinge ausgewählt, um den
Ritterschlag zu empfangen«, sagte der König. »Sie haben sich im
voraus bewährt und haben sich an viele Regeln zu halten. Es ist ihre
Pflicht, die Nacht vorher nachdenkend und wachend zu verbringen
und auf keine Stimme von außen zu lauschen. Wenn sie das nicht tun
wollen oder können, so haben sie sich gegen eine Regel vergangen
und damit bewiesen, daß sie das Zeug nicht haben, um Ritter zu sein.
So ist es mit dir gegangen, Tiuri.«
»Aber…«, begann Tiuri.
Mehr konnte er nicht herausbringen.
»Aber ich konnte nicht anders handeln«, hatte er sagen wollen.
»Sag einmal ehrlich, Tiuri«, fuhr der König fort. »Wenn du die
Möglichkeit hättest, noch einmal eine Nacht wachend in der Kapelle
zu verbringen, und wenn wieder eine Stimme dich riefe und um Hilfe
bäte… Was würdest du dann tun?«
Tiuri schaute ihn an. Er wurde plötzlich ganz ruhig.
»Ich würde das gleiche tun«, antwortete er.
König Dagonaut nickte.
»Eben«, sagte er. »Du würdest dasselbe tun, obwohl du wüßtest,
welches die Folgen davon wären. Und diese Folgen mußt du eben auf
dich nehmen.«
Tiuri hob den Kopf.
»Ja, Majestät«, sagte er laut und klar.
»Obwohl das bedeutet, daß du den Ritterschlag nicht empfängst.«
»Obwohl das bedeutet, daß ich den Ritterschlag nicht empfange«,
wiederholte Tiuri mit festem Ton.
Wieder nickte König Dagonaut und sagte: »Du kannst jetzt gehen,
Tiuri. Heute abend erwarte ich dich im Palast. Du bist mir immer noch
385
Gehorsam schuldig, nicht nur, weil ich dein König bin, sondern auch,
weil du als Waffenknecht in meinem Dienst stehst.«
Tiuri verbeugte sich und ging. Er verließ den Palast und ging wieder
in die Herberge, wo die Mutter auf ihn wartete. Der Vater kam etwas
später. Tiuri mußte ihnen mehr von seinen Erlebnissen erzählen, aber
er hatte die Gedanken nicht dabei. Sie waren noch immer bei dem
Gespräch mit König Dagonaut. Er begriff nun, daß er damit gerechnet
hatte, daß der König ihn zum Ritter schlagen würde. Aber Slupors
böser Wunsch erfüllte sich also.
Am Nachmittag hielt er es in der Herberge nicht länger aus. Er
sattelte Ardanwen und ritt für eine Weile aus der Stadt. Nun konnte er
einmal über alles ruhig nachdenken. Er bereute nicht, daß er in jener
Mittsommernacht weggelaufen war, und er würde es wieder tun, wenn
es darauf ankäme.
König Dagonaut hatte recht: Er, Tiuri, mußte die Folgen auf sich
nehmen. Er mußte es selber ertragen zu bleiben, was er war, anstatt
Ritter zu werden. Er dachte an König Dagonaut, dessen Verhalten ihn
enttäuscht hatte. Ob König Unauwen auch so gehandelt hätte? Aber so
durfte er nicht denken. Dagonaut war sein König, und er war
verpflichtet, ihm zu gehorchen. Dagonaut war streng, aber nicht
ungerecht. Es war durchaus möglich, daß Dagonaut Tiuris Verhalten
guthieß und nur fand, er müsse die Folgen tragen.
Tiuri hielt Ardanwen an und blickte auf die Stadt. Der Nachmittag
war schon fast vorüber; er mußte umkehren. Der Ritt hatte ihm gut
getan; er konnte sich nun mit der Enttäuschung abfinden.
Als er wieder in die Stadt ritt, dachte er an Tirillos Worte: »Man
braucht keinen Schild und kein Schwert zu tragen, um ein Ritter zu
sein.«
Das ist es, dachte Tiuri. Es tut nichts zur Sache, ob ich ein Ritter bin
oder nicht. Ich bin Tiuri, und jederzeit kann ich etwas Gutes tun.

386
Ein Ritter mit einem weißen Schild

In der Herberge warteten Tiuris Eltern schon voller Ungeduld auf


ihn. König Dagonaut veranstaltete in seinem Palast ein Essen, und sie
mußten dabei sein. Alle Ritter, die sich in der Stadt befanden, mußten
mit ihren Gemahlinnen und den Schildknappen dabei sein.
»Der König erwartet auch dich«, sagte Ritter Tiuri zu seinem Sohn.
»Das weiß ich«, entgegnete dieser.
»Gürte dein Schwert um«, sprach der Ritter, als sie zum Weggehen
bereit waren.
»Ich darf noch kein Schwert tragen«, sagte Tiuri. »Wißt Ihr, daß der
König mich nicht zum Ritter schlägt?«
»Ich weiß es«, erklärte der Vater ruhig. »Aber du mußt es doch
anlegen; so lautet der Befehl. Und trag meinen Schild!«
»Kann ich nicht wieder Euer Schildknappe werden, Vater?« fragte
Tiuri und übernahm den Schild.
»Es ist am König, das zu bestimmen«, antwortete der Vater.
»Was für Ritter werden heute abend dort sein?« fragte Tiuri. »Ich
habe Arman und Jiusipu am Morgen gesehen.«
»Sie sind die einzigen deiner Freunde, die noch in der Stadt sind.
Wilmo ist wieder auf dem Landgut seines Vaters, und Foldo ist mit
einem Auftrag nach dem Süden geritten. Von den älteren Rittern ist
auch mancher nicht mehr in der Stadt. Die Mutter und ich gehen bald
weg. Wir haben die Rückreise nach Tehuri immer verschoben, weil
wir hofften, Nachrichten von dir zu erhalten.«
Schloß Tehuri! Plötzlich sehnte Tiuri sich nach seinem Elternhaus,
wo er schon mehr als ein Jahr nicht gewesen war. Er fragte sich, was
nun mit ihm geschehen sollte. Ob er dem König weiterdienen mußte,
so wie vorher? Dann stieg ein anderes Verlangen in ihm auf.
Wäre er doch noch in der Stadt von Unauwen, der schönsten Stadt
der Welt, am Weißen Fluß, in der Nähe des Meeres im Westen!
387
Im Palast waren die Tische im kleinsten Saal gedeckt. Doch dieser
Saal war noch groß, sehr schön, von einer Säulengalerie umgeben.
An den Säulen hingen die Schilde der Ritter, die teilnahmen. Tiuri
hängte den Schild des Vaters an die dafür bestimmte Stelle und blieb
ein wenig im Hintergrund stehen. Er wurde aber doch gesehen. Arman
und Jiusipu kamen auf ihn zu, in vollem Schmuck, wie es sich für
Ritter gehört. Ihre jungen, fröhlichen Gesichter waren aber nicht
verändert.
»Wir hörten, daß du zurück bist«, sagten sie und drückten ihm die
Hand. »Aber wir wußten nicht, ob es wirklich so war. Wie geht es
dir?«
»Gut«, erklärte Tiuri mit einem Lächeln. »Euch brauche ich das
nicht zu fragen!«
Die jungen Ritter schauten ihn halb neugierig, halb verlegen an.
»Du bist weit weg gewesen, nicht?« sagte Arman schließlich. »Ich
sah dich in jener Nacht wegschleichen.«
r schwieg.
»Warum tatest du das?« fragte Jiusipu.
»Wegschleichen?« fragte Tiuri zurück.
»Ja. Es war doch ziemlich närrisch von dir, das zu tun.«
»Er hat es bestimmt nicht nur so ohne weiteres getan«, sagte Arman
ein bißchen gereizt.
Wieder lächelte Tiuri. Arman war immer sein Freund gewesen.
»Ich tat es auch wirklich nicht nur so ohne weiteres«, bemerkte er.
In diesem Augenblick bat der Hofmeister die Gäste, sich an die
Tische zu begeben. Sogleich komme der König.
»Komm mit uns!« sagte Arman zu Tiuri.
Tiuri schüttelte den Kopf. Nur die Ritter und ihre Gemahlinnen
saßen bei Veranstaltungen wie dieser am Tisch. Er gehörte immer
noch zu den Schildknappen und Dienern. Zu ihnen ging er nun, um
einige alte Bekannte zu grüßen.
Aber der Hofmeister hielt ihn auf und sagte: »Tiuri, Tiuris Sohn,
Euer Platz ist dort.«
388
»Am Tisch?« erwiderte Tiuri ziemlich verblüfft. »Nein, Muldo, das
ist nicht richtig!«
»Euer Platz ist am Tisch«, wiederholte der Hofmeister. »Zwischen
Ritter Arman und Ritter Jiusipu. So ist es mir befohlen worden.«
Tiuri konnte sich nicht länger sträuben, denn Trompetenschall
verkündete bereits die Ankunft des Königs. So stand er mit den
Rittern und ihren Gemahlinnen an den großen Tischen, die in Form
eines Hufeisens zusammengestellt waren. Er verbeugte sich, als der
König eintrat, und wartete, bis dieser seine Gäste willkommen
geheißen und Platz genommen hatte. Erst dann durften sich alle
setzen.
König Dagonaut blieb stehen und schaute die Anwesenden der
Reihe nach an. Sein Blick blieb auf Tiuri haften, und dieser fühlte sich
nicht richtig wohl, weil er dachte, er habe kein Recht, hier zu stehen,
als ob er ein Ritter wäre.
Dann sprach der König: »Ihr werdet gesehen haben, daß ein junger
Ritter zum erstenmal hier sitzen wird… der jüngste von Euch allen.
Ihn will ich ganz besonders willkommen heißen. Ritter Tiuri, Tiuris
Sohn!«
Tiuri starrte ihn erstaunt an.
König Dagonaut begann zu lachen. »Seht Ihr, wie er mich
anschaut!« rief er. »Ritter Tiuri, ich heiße Euch willkommen! Tretet
näher, so daß wir einander besser grüßen und mit diesem Gruß meine
Worte bekräftigen können!«
Tiuri gehorchte.
»Majestät«, sagte er, als er dem König gegenüberstand. »Verzeiht
mir, aber ich dachte…«
»Ihr dachtet, ich wolle Euch nicht zum Ritter schlagen!« sprach der
König und lachte wieder. Dann wurde er ernst und fuhr fort: »Ihr habt
mich falsch verstanden, Tiuri, obwohl ich zugeben muß, daß ich Euch
mit Absicht in diese Annahme bringen wollte. Ich wollte, daß Ihr gut
begreift, daß Ihr so gehandelt hättet, wie Ihr es getan habt, auch wenn
Ihr dadurch Euch selber benachteiligt hättet.«
»Oh«, sagte Tiuri leise.
389
»Wenn ich sagte, ich wolle Euch nicht zum Ritter schlagen, so hatte
das noch einen andern Grund«, fuhr der König fort. »Eigentlich war es
nicht mehr nötig. Wenn Ihr dem Hilfegesuch kein Gehör geschenkt
hättet, so wäret Ihr jetzt Ritter gewesen. Aber weil Ihr es getan, Euren
Auftrag ausgeführt und Euer Versprechen Ritter Edwinem gegenüber
erfüllt habt, so solltet Ihr deswegen kein Ritter sein? Ihr habt den
Ritterschlag nicht empfangen, aber Ihr habt gezeigt, daß Ihr ein Ritter
seid. Ihr habt Euch selber zum Ritter gemacht, Tiuri, und wenn ich
Euch mit einem Schwert auf den Nacken schlage, so seid Ihr dadurch
nicht mehr Ritter, als Ihr es jetzt schon seid!«
Ein Gemurmel ging durch den Saal. Tiuri schaute den König an,
gerührt und verwundert, verlegen, stolz und froh zugleich.
»Gebt mir Euer Schwert!« sprach der König.
Tiuri reichte es ihm.
»Kniet nieder!« befahl der König.
Tiuri gehorchte.
Der König schlug ihm mit der flachen Klinge auf den Nacken und
sagte: »Steht auf, Ritter Tiuri!«
Als Tiuri aufgestanden war, gürtete König Dagonaut ihm das
Schwert um und küßte ihn, wie es der Brauch war. Dann gab er einem
Diener einen Wink, und dieser brachte einen Schild, der weiß war wie
der Schnee.
»Ritter Tiuri«, sagte der König, »Ihr sollt sogleich geloben, mir treu
zu dienen. Aber auf den Wunsch des Königs Unauwen gebe ich Euch
einen Schild, der weiß ist, zum Zeichen dafür, daß Ihr auch Unauwens
Diener sein sollt, und zur Erinnerung an den Ritter, dessen Aufgabe
Ihr übernommen habt.«
Tiuri ergriff den Schild und sprach mit zitternder Stimme das
Gelöbnis aus, das jeder junge Ritter abgeben und halten mußte: »Ich
gelobe, als Ritter Euch treu zu dienen, ebenso allen Euren Untertanen
und jedem, der meine Hilfe anruft. Ich gelobe, mein Schwert nur für
das Gute und gegen das Böse zu ziehen und mit meinem Schild
diejenigen zu beschützen, die schwächer sind.«

390
Da riefen alle, die im Saale waren: »Es lebe Ritter Tiuri mit dem
weißen Schild!«
Tiuri aber neigte den Kopf, weil ihm die Augen voller Tränen
standen.
Jetzt konnte die Mahlzeit beginnen. Diener und Schildknappen
trugen Schalen auf und schenkten die Gläser voll. Tiuri sah viele ihm
zugewandte Gesichter: frohe, erstaunte und neugierige.
Er setzte sich nicht, sondern wandte sich an den König und sagte
flüsternd: »Majestät, darf ich Euch etwas fragen?«
»Was, Ritter Tiuri?«
»Erlaubt Ihr mir wegzugehen?« fragte Tiuri so leise, daß nur der
König ihn hören konnte.
»Warum?« fragte der König, ebenfalls leise sprechend.
»Majestät, ich habe meine Nachtwache noch nicht ganz beendet«,
begann Tiuri.
Zum Glück begriff ihn der König.
»Geht nur, Tiuri«, sagte er freundlich. »Auf morgen!«
So unauffällig wie möglich verließ Tiuri den Saal und ging hinaus.
Er bestieg Ardanwen und ritt durch die stillen Straßen zum Stadttor.
Tiuri lag kniend auf dem steinernen Boden der Kapelle und blickte
auf die Flamme der Kerze, die vor ihm stand. Nun erschien ihm
wieder alles, was er erlebt hatte, wie ein Traum.
Er konnte sich umschauen und denken, daß seine Freunde auch da
knieten: Arman, Foldo, Wilmo und Jiusipu. Dann konnte er sich
vorstellen, daß er sich die Stimme, die bat, er möge die Tür öffnen,
nur eingebildet hatte, ebenso alles, was nachher geschehen war.
Aber als er sich umwandte, war er immer noch allein, und über dem
Altar hing sein weißer Schild.
Nein, es war wirklich geschehen. Der Tiuri, der jetzt die Nacht
wachend zubrachte, war ein anderer als der Tiuri vor vielen Tagen.
Nun begriff er erst richtig, was es bedeutete, ein Ritter zu sein. Und er
stand erst noch am Anfang. Alles, was er durchgemacht hatte, konnte
er als eine Prüfung betrachten. Er dachte an das, was er erlebt hatte, an
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die Menschen, denen er begegnet war, die Freunde, die er gewonnen
hatte. Auch dachte er an die Zukunft und versprach sich selber,
danach zu trachten, ein guter Ritter zu sein. So verbrachte er die Nacht
und stand erst auf, als die ersten Sonnenstrahlen die Fenster der
Kapelle erglänzen ließen.
Tiuri trat hinaus, wo der treue Ardanwen geduldig auf ihn gewartet
hatte. Die Sonne stand hinter den Türmen der Stadt, die in diesem
Morgenlicht wunderschön aussah – fast so schön wie die Stadt von
Unauwen. Tiuri bestieg Ardanwen und ritt langsam den Hügel hinab.
Als er beinahe unten war, sah er auf dem Weg vom Westen her einen
Jüngling näher kommen; er war ärmlich gekleidet, trug aber ein
Schwert an der Seite. Er gleicht Piak, dachte Tiuri und sah dann mit
freudigem Schrecken, daß es Piak war! Dieser blieb stehen und
schaute mit der Hand über den Augen nach der Stadt. Er sah Tiuri
nicht. Tiuri lockerte die Zügel und ritt schnell auf ihn zu. Piak
erkannte ihn nicht sogleich und sprang ziemlich erschrocken zurück.
»Piak!« rief Tiuri, »Piak!«
Er sprang vom Pferd.
»Tiuri… du!« stieß Piak überrascht hervor.
Die Freunde drückten sich die Hand und schlugen einander auf die
Schulter.
»Du bist's wirklich!« sagte Piak. »Ich dachte, es sei ein Ritter…
Oder bist du's auch?«
»Ja, ja«, entgegnete Tiuri. »Aber wie kommst du hierher?«
»Ich hab' mir's überlegt«, antwortete Piak ein wenig verlegen. »Ich
wollte doch lieber dein Schildknappe sein.«
»Schildknappe!« wiederholte Tiuri. »Freund, Reisekamerad,
Bergführer, und wer weiß, einmal auch Ritter des Königs!«
»Jetzt willst du zu viel!« rief Piak. »Ich will nur dein Freund und
Schildknappe sein. Wenigstens, wenn du einen Schildknappen
brauchst.«
»Ich will keinen andern als dich«, sagte Tiuri.

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»Wie prächtig du aussiehst!« rief Piak und betrachtete ihn von Kopf
bis Fuß. »Ich hab' dich zuerst fast nicht erkannt! Darf ich wohl noch
›Tiuri‹ zu dir sagen?«
»Du bekommst eins hinter die Ohren, wenn du etwas anderes
sagst«, erklärte Tiuri lachend.
»Und du hast einen weißen Schild! Wie kommt das? Ich dachte, nur
Unauwens Ritter tragen weiße Schilde.«
»Das erzähle ich dir noch«, sagte Tiuri.
»Ist das jetzt dein schwarzes Pferd?« fragte Piak, während er
Ardanwen vorsichtig über die Nase strich.
»Das ist es«, sagte Tiuri. »Es wird ganz damit einverstanden sein,
daß du auch auf seinem Rücken reitest. Aber jetzt mußt du mir
erzählen, wie du so schnell herkommst. Wann hast du dich
entschlossen – und warum?«
»Es hat mich schon sehr bald gereut«, erzählte Piak. »Ich stieg
hinauf – zurück zu Menaures –, und bei jedem Schritt, den ich tat,
dachte ich, daß der Abstand zwischen uns größer und größer wurde.
Und als ich oben war, die gewohnte Arbeit tat, um mich schaute und
nachdachte, da wußte ich's sicher. Reue hatte ich! Schließlich sagte
ich's Menaures, und er lachte so ein bißchen und meinte: ›Das wußte
ich wohl. Geh deinem Freund nur schnell nach!‹«
»Warum hat er das nicht sofort gesagt?« fragte Tiuri.
»Das fragte ich ihn auch. Weißt du, was er sagte? ›Weil du jetzt
sicher weißt, daß du bei Tiuri sein willst, auch wenn du die Berge
vermissen wirst.‹ Damit hatte er eigentlich recht. Siehst du, erst nach
unserm Abschied war es aus mit meinen Zweifeln. Nun, ich grüßte
Menaures und eilte hinab. Oh, was ich gerannt bin! Nach ungefähr
einem Tag kam ich zum Schloß Mistrinaut. Ich erinnerte mich, daß du
davon erzählt hast, und klopfte also an. Ich fragte natürlich, ob sie
etwas von dir wüßten. Sie kamen alle, der Burgherr, die Frau und die
Tochter. Das Fräulein ist sehr nett und sehr schön auch. Sie hält
ziemlich viel von dir, glaub' ich.«
Piak schaute Tiuri lachend an.
»Du auch von ihr?« fragte er.
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»Ja, sicher«, erwiderte Tiuri und wurde ein bißchen rot.
Wieder lachte Piak.
»Sie waren sehr nett zu mir«, fuhr er fort. »Ich bekam sogar ein
Pferd geliehen. Ein Waffenknecht auf einem andern Pferd hat mich
ein Stück weit begleitet, um das Pferd später wieder zurückbringen zu
können. Nur die letzte Strecke bin ich zu Fuß gekommen.« Er schwieg
einen Augenblick. »Das ist alles«, schloß er dann. »Jetzt muß du von
deiner Heimreise erzählen und was König Dagonaut zu dir gesagt
hat.«
»Das kommt schon noch«, erklärte Tiuri. »Komm zuerst mit mir in
die Stadt! Dort triffst du meine Eltern und die Ritter von Dagonaut
und auch den König.«
»Und dann?« fragte Piak.
»Das werden wir schon sehen«, antwortete Tiuri. »Sicher gibt es
etwas für uns zu tun.«
Tiuri schritt mit Piak neben sich und Ardanwen am Zügel langsam
gegen Osten, nach der Stadt von Dagonaut.

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