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Baudrillard und Nietzsche: vademecum, vadetecum 1995 interviewte ich Jean Baudrillard in Paris für den flämischen Rundfunk. Am Ende des Gesprächs fragte ich ihn, ob er mit den traditionellen Ritualen der Katholischen Kirche sympathisieren könne. Diese Frage war nicht zufällig gewählt: Denn es gibt noch immer einige so genannte neo-konservative flämische Philosophen, die ihr Interesse für die alten christlichen Bräuche mit einer klaren Anerkennung des Denkens Baudrillards kombinieren. Weil letzterer seine Kritik an der Modernität immer mit einer offensichtlichen Wertung für traditionelle Kulturen verknüpft hat, ist auch dies nicht ganz verwunderlich. Baudrillard aber verneinte dies sofort. Als ich ihn bat seine Haltung näher zu erläutern, antwortete er: „Es ist wie bei Nietzsche. Keine Transzendenz.“ Man kann sich fragen, ob es wirklich unmöglich ist bei Nietzsche von Transzendenz zu reden (die Figur des ‚Übermenschen‘ z.B. gibt Anlaß, das Umgekehrte zu vermuten), aber von ‚Supranaturalismus‘ kann freilich keine Rede sein. Baudrillards Antwort zeigt auch, daß sich sein Denken nach dem Tod Gottes abspielt. Wenn Gott dennoch in seinen Texten in Erscheinung tritt – z.B. in dem Satz: ‚Gott existiert, aber ich glaube nicht an ihn‘ [1], so darf man das folglich nicht wörtlich verstehen oder als ein Plädoyer für eine neue Art von Religion mißbrauchen, geschweige denn als eine Art Umwertung des Christentums. Die Reaktion Baudrillards macht auch klar, daß er sich selbst als jemanden betrachtet, der an der Seite Nietzsches steht. Wie aber sollen wir nun das Verhältnis Nietzsche-Baudrillard genau verstehen? Sympathisiert er nur mit den Gedanken Nietzsches oder läßt sich auch eine nachhaltige Beeinflussung erkennen? Und, sollte dies der Fall sein, in welchem Maße und in welchem Sinne läßt sie sich feststellen? Und schlußendlich: Gibt Baudrillards Nietzscherezeption auch Anhaltspunkte für eine Neuinterpretation von Nietzsches Philosophie? Im Folgenden möchte ich versuchen diese Fragen zu beantworten. Dank der weitläufigen Gespräche von François L’Yvonnet mit Baudrillard verfügen wir über interessante Information über die Rolle der Nietzschelektüre bei Baudrillard. [2] Schon in den letzten Jahren der Oberschule hat er ihn rezipiert, einige Jahre später, während seiner Studien in Germanistik, auch auf Deutsch, anschließend aber nicht mehr. Auf diese Weise ist Nietzsche eine Art unbewußter Hintergrund seines eigenen Denkens geworden. Im Unterschied zu vielen anderen französischen Denkern seiner Zeit hat er sich auch niemals mit einer expliziten Nietzsche-Interpretation beschäftigt oder sich in die Diskussion über den Wert von Nietzsches Philosophie eingemischt. Freilich darf nicht vergessen werden, daß Baudrillard nie ein Philosophiestudium absolviert und er sich deshalb stets zurückhaltend geäußert hat. Trotzdem merkte er in den Gesprächen mit L’Yvonnet an: „Kant, Hegel und sogar Heidegger habe ich natürlich gelesen, aber nicht auf Deutsch und nur fragmentarisch. Vielleicht studiert man niemals mehr als einen Philosophen ernsthaft, wie man nur einen Paten hat, wie man nur eine Idee hat in seinem Leben. Nietzsche ist also der Autor, in dessen Schatten ich mich entwickelt habe, aber ohne es zu wollen und gar ohne es wirklich zu wissen.“ [3] Wir dürfen deshalb zuallererst nicht von einer sehr direkten Beeinflussung sprechen. Und zweitens: Wenn Baudrillard Nietzsche zitiert, geschieht dies immer sporadisch und beiläufig. [4] Trotzdem behauptet er in den Gesprächen mit François L’Yvonnet, daß er beabsichtigt Nietzsche wieder auf Deutsch zu lesen. Und vielleicht hatte er diese Lektüre damals schon angefangen. Denn in den neunziger Jahren findet man nämlich offensichtlich mehr und weitläufigere Verweise auf Nietzsche, was ich anhand der folgenden drei Beispiele verdeutlichen möchte: Das erste Mal lassen sich diese Verweise in L’Illusion de la fin (1992) aufzeigen. Baudrillard bezieht sich hier auf Nietzsches Erwartung des Übermenschen sowie einer ‚Umwertung der Werte‘ und sagt, daß genau das Umgekehrte stattgefunden hat: kein ‚au-delà du bien et du mal‘, aber ein ‚en deça du bien et du mal‘, in einer Welt, die sich nicht mehr für Ideale oder Werte interessiert, sondern in der völligen Gleichgültigkeit des ‚Untermenschlichen‘ versinkt. Laut Baudrillard gibt es also heute eine ‚Verklärung des Untermenschen‘. [5] In Le paroxyste indifférent, einer Gesprächssammlung Philippe Petits mit Baudrillard, findet man dieselben Gedanken und Petit weist auch auf Nietzsches ‚letzten Menschen‘ hin, Baudrillard jedoch geht darauf nicht näher ein. [6] Wichtiger ist in diesem Kontext vielleicht die Bedeutung von einem Baudrillards bekanntester Sätze: „Comment sauter par-dessus son ombre, quand on n’en a plus?“ [7] Allem Anschein nach zu urteilen ist dies der Hinweis auf Nietzsches Also sprach Zarathustra, insbesondere auf das Kapitel ‚Von der Erhabenen‘ aus dem zweitem Teil. Dort steht: „Erst, wenn er sich von sich selber abwendet, wird er über seinen eignen Schatten springen – und, wahrlich! hinein in seine Sonne.“ [8] Was auch immer die genaue Bedeutung dieses Satzes sein dürfte, so er hat auf jeden Fall etwas mit einer Art Selbstüberwindung zu tun, die nach Baudrillard in den aktuellen kulturellen Kontexten so gut wie unmöglich geworden ist. Das ‘Neo-Individuum’ ist so stark von Gleichgültigkeit gekennzeichnet, daß es eigentlich kein ‘Selbst’ mehr hat, geschweige denn die Ambition, dieses ‘Selbst’ zu überwinden. Auch hier ist zu erkennen, daß Baudrillard glaubt, Nietzsches Zukunftsvision sei nur insofern erfüllt, als daß sich die traditionelle Moral erledigt hat. An ihre Stelle ist jedoch nichts getreten, das etwas mit Vornehmheit oder Tugenden, wie es sich Nietzsche noch erträumt hatte, gemeinsam hat. [9] Gleiches unternimmt Baudrillard auch in Bezug auf Nietzsches Gedanken zur objektiven Wahrheit und Illusionen. Er schreibt darüber ausführlich in Le crime parfait und führt dort sogar ein Nietzschezitat aus dem späten Nachlass (freilich ohne Referenz) auf: „Aber die Wahrheit gilt nicht als [oberstes Werthmaß, noch weniger als] oberste Macht. Der Wille zum Schein, zur Illusion, zur Täuschung, zum Werden und Wechseln (zur objektiven Täuschung) gilt hier als tiefer, ursprünglicher, metaphysischer als der Wille zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zum Sein: – letzteres ist selbst bloß eine Form des Willens zur Illusion.“ [10] Baudrillard appelliert also an Nietzsche, daß der Mensch in seinem Kampf gegen die prätentiösen Gedanken die Möglichkeit hätte die Welt auf eine nicht durch die menschliche Perspektive verzerrte Weise zu sehen und zu erleben. Übrigens erklärt dies auch, warum Baudrillard durch die Phänomene von Simulation und Simulacra so fasziniert war. Es sind Dinge, die sich wie Nachahmungen der Wirklichkeit ergeben und auf diese Weise zu Unrecht den Glauben an eine absolute Realität aufrechterhalten. [11] Übrigens verwundert es nicht, daß er in Bezug auf dieses Thema auch auf ‚Wie die „wahre Welt“ endlich zur Fabel wurde‘ aus Nietzsches Götzendämmerung hinweist. [12] Aus demselben Grund zitiert er (auf französisch und wiederum ohne Referenz) ebenfalls den Aphorismus 243 aus Nietzsches Morgenröthe: „Versuchen wir den Spiegel an sich zu betrachten, so entdecken wir endlich Nichts, als die Dinge auf ihm. Wollen wir die Dinge fassen, so kommen wir zuletzt wieder auf Nichts, als auf den Spiegel. – Dies ist die allgemeinste Geschichte der Erkenntnis.“ [13] Nietzsche hat schon seit Die Geburt der Tragödie gegen das, was er dort ‚den Sokratismus‘ oder ‚den Optimismus des theoretischen Menschen‘ nennt, gekämpft. In Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne hat er die Wahrheit entlarvt wie „ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen kurz eine Summe von menschlichen Relationen.“ [14] Baudrillard also führt diesen Kampf weiter, heimst dabei aber ebenso wenig unvermittelten Erfolg ein. Auch er wird nämlich in dem Aufsehen erregenden Buch Les imposteurs intellectuels von Alan Sokal und Jean Bricmont anvisiert und des ‚Pseudo-Tiefsinns‘ beschuldigt. [15] In dem bereits erwähnten Interview für den flämischen Rundfunk reagierte Baudrillard sehr lakonisch: „Natürlich bin ich ein Betrüger!“, womit er nur bestätigen wollte, daß er nicht an die Möglichkeit einer objektiver Wahrheit glaubt. Vielmehr seien dagegen diejenigen, die das Umgekehrte behaupten, die eigentlichen, die gefährlichen Betrüger, weil sie wider besseren Wissens darauf beharren etwas Unmögliches zu realisieren, etwas, das Nietzsche in seinem späteren Werk in Beziehung zu dem ‚Ding an sich‘ als eine ‚contraditio in adjecto‘ bezeichnet hat. [16] Zum Abschluß der Untersuchung einiger expliziter Hinweise auf Nietzschebezüge bei Baudrillard möchte ich noch ein drittes Beispiel aufführen, nämlich seine Beachtung der Lehre Nietzsches von der ewigen Wiederkunft. Er interpretiert diese Idee nicht wörtlich (das sollte nach ihm etwas Absurdes sein), aber er verbindet sie mit dem Begriff des ‚Schicksals‘ und agiert auf diese Weise gegen eine Kultur, die die Illusion hegt, daß Identitäten einfach auswechselbar seien. Zwar fänden in unseren Umgang mit der Welt immer wieder Metamorphosen statt, doch würden diese einem Menschen auf die verschiedensten Weisen passieren und sein Schicksal bilden, ohne das es niemals möglich wäre, genau zu definieren, wer diese Person sei. Baudrillard zitiert darauf folgend wiederum aus einem Fragment aus dem späten Nachlass Nietzsches, worin er eine spezifische Art des Menschen als ein Chamäleon charakterisiert und über sie sagt: „Sie wechseln, sie werden nicht...“ [17] Aus der Art und Weise seiner Nietzschezitierweise kann man übrigens auch ableiten, wie frei Baudrillard mit dessen Texten verfährt. So erörtert Nietzsche beispielsweise in seinem Fragment drei Typen, von denen Baudrillard aber in seinem „Zitat“ einen Teil des Originaltextes wegläßt, so daß sich der Vergleich auf den falschen Typus bezieht. Des weiteren benutzt er den Text, um einen Unterschied zwischen wechseln und werden aufzuzeigen, was jedoch nicht das einzige ist, das Nietzsche interessiert: Denn Nietzsche wollte einen Typus beschreiben, der durch Wechsel, die nicht in eine aufsteigende Bewegung aufgenommen werden, gekennzeichnet ist, weil seine Leidenschaften nicht durch eine produktive Art Antagonismus bezeichnet sind, sondern friedlich nebeneinander existieren. Bis hierhin sind einige Beispiele von ziemlich rezenten Beziehungen Baudrillards auf Nietzsche untersucht worden. Im Anschluß soll nun die schwerere, aber auch interessantere Frage beantwortet werden, in welchem Maße Nietzsche für das Denken Baudrillards im Ganzen wichtig gewesen ist. Es ist klar, daß Baudrillard mit seinem Werk eine eigensinnige Stimme erklingen lassen hat. Dabei fällt insbesondere auf, daß er sich nachdrücklich sowohl von Marxismus und Psychoanalyse als auch vom Strukturalismus distanziert hat – allesamt Denkweisen, die in Frankreich nach dem Zweitem Weltkrieg in Mode waren. Auch Michel Foucault hat er auf eine sehr provokative Weise kritisiert. [18] Dabei darf man nicht vergessen, daß Baudrillard ein Bauernsohn war, der, aufgewachsen in den französischen Ardennen, stets mit Argwohn gegenüber den Pariser Trends erfüllt war. Es läßt sich also leicht behaupten, Baudrillard sei wie Nietzsche immer ein ‚unzeitgemäßer‘ Denker gewesen. Er war aber jedoch ‚zeitgemäß‘, insofern er immer stark durch die Aktualität inspiriert war. Wollte man bösartig sein, so könnte man ihn in diesem Sinne sogar einen ‚reaktiven‘ Denker nennen. Dies sind nur allgemeine Betrachtungen. Was nun den Marxismus betrifft, so darf man nicht aus den Augen verlieren, daß Nietzsche in Nanterre durch den Marxisten Henri Lefebvre eingebracht worden war. Früher hatte er übrigens auch Werke von Bertolt Brecht, Peter Weiss, Wilhelm Mühlman und Marx und Engels übersetzt. Mit seinen ersten Büchern Le système des objets und La société de consommation hat er vermutlich auch den Eindruck erweckt, daß er genauso links und gesellschaftskritisch wie seine Umwelt wäre. Baudrillard aber war niemals vom Klima und den Zielen der 68er-Bewegung erfaßt worden und er glaubte noch weniger an irgendwelchen Blaudruck einer neuen Gesellschaftsordnung. Pour une critique de l’économie politique du signe und Le miroir de la production zeigen auf unmißverständliche Weise, daß er den Marxismus radikal ablehnt. [19] Dabei spielen überwiegend zwei Gründe eine Rolle: Zum einen weist Baudrillard Marx Idee vom Gebrauchswert als dem natürlichen Wert der Objekte zurück, zum anderen reagiert er auf scharfe Weise gegen die Stellung des Produktionsbegriffs im marxistischen Denken, weil er nicht glaubt, daß der Mensch fähig sei auf autonome Weise die Bedeutung und die Einrichtung der Welt zu bestimmen. Inwiefern zeugt Baudrillards Kritik nun von nietzscheanischer Beeinflussung? Folgende Sachen könnten eine Rolle gespielt haben: – Nietzsches Allergie für jede Art von Sozialismus – Nietzsches bekannte Kritik am Utilitarismus – Nietzsches Ablehnung von objektiven, vom Menschen unabhängigen und damit ‚natürlichen‘ Bedeutungen – Nietzsches Kritik am autonomen, rationellen Subjekt: Der Mensch ist das Resultat eines immerwährendes Kampfes von Kräften und alles, was er macht, ist ‚symptomatisch‘ ein Zeichen von Krankheit oder Gesundheit. – Nietzsches kritische Haltung zur Idee des kontinuierlichen Fortschritts in der europäischen Kultur: In seinen Augen ist die Modernität vielmehr durch Zeichen von Niedergang und décadence geprägt. Sein bereits erwähntes Buch Pour une critique de l’économie politique du signe erweckte den Eindruck, Baudrillard sollte im strukturalistischen Lager anstelle des marxistischen situiert werden. Man könnte Le système des objets übrigens schon als einen proto-strukturalistischen Ansatz betrachten. Schließlich behauptet er in diesem Buch, daß die Bedeutung eines Objektes in der modernen Konsumgesellschaft auf die Weise bestimmt wird wie es als Element eines Ganzen funktioniert. In Pour une critique de l’économie politique du signe hat er diese Idee theoretischer ausgearbeitet. Laut Baudrillard gilt in der modernen Gesellschaft hauptsächlich der ‚Zeichenwert‘ der Objekte. So wie Wörter bei de Saussure ihre Bedeutung nicht durch ihren Bezug auf die Realität, sondern durch ihre Stelle im Netzwerk der Zeichen, beziehen, so wird auch in der Konsumgesellschaft die Bedeutung der Objekte nicht durch ihren Gebrauchs- oder Tauschwert bestimmt, sondern durch häufig minimale und willkürliche Unterschiede mit anderen Objekten. Diese Analysen aber sollen vor dem Hintergrund von Baudrillards Betrachtungen über den symbolischen Wert der Objekte, jener unzweifelhaft hervorhebt und der in der modernen Gesellschaft unterzugehen droht, verstanden werden. Diesen Untergang betont er später noch stärker, wenn er in L’autre par lui-même behauptet, daß das System der Objekte gar nicht mehr existiere. [20] Die Gleichgültigkeit, die die zeitgenössische Gesellschaft kennzeichnet, gilt auch für die Objekte. Es gibt kein System mehr, in dem man ihre Bedeutung verstehen kann, weil sie in einem Zeitalter, das nicht mehr durch einen Code, sondern durch die Mode, bestimmt wird, jede Bedeutung verloren haben. Baudrillards ‚flirt‘ mit dem Strukturalismus darf man also nicht als den Versuch durch eine bestimmte Methode definitive Bedeutungen bloß zu legen betrachten, sondern eher als die Suche nach einem Instrument, um den Untergang der symbolischen Bedeutung zu verstehen. Die symbolische Bedeutung ist aber niemals objektiv. Vielmehr impliziert sie, daß der Wert der Dinge nur innerhalb der Beziehung zwischen dem Menschen und der Welt verstanden werden kann. Dies bedeutet, daß es nicht nur der Mensch ist, der den Dingen Bedeutung schenkt. Ebenso gut bestimmen die Dinge das Schicksal der Menschen. Diese Thematik kann man nicht wirklich nietzscheanisch nennen. Trotzdem gibt es auch hier Vergleichspunkte: – die Unmöglichkeit, zu einer objektiven Wahrheit zu kommen – Nietzsches Lehre von der ‚Amor fati‘, worin alles sowohl synchronisch als auch diachronisch miteinander verbunden ist; dies ist bestimmt vergleichbar mit dem, was Baudrillard mit dem ‚Symbolischen‘ meint. Was die Psychoanalyse betrifft, so können wir uns kurz fassen: Baudrillard erwähnt sie meistens wie eine systematische Methode mit der Prätention auf eine objektive und exaustive Weise Bedeutungen aufzuspüren (z.B. der Witz oder die Träume). Er teilt also Nietzsches Intuition, daß jede Art von System einen Mangel an Rechtschaffenheit zeige. Vielleicht erklärt dies, warum Baudrillard wie Nietzsche immer häufiger den aphoristischen Stil geführt hat. Nicht nur in seinen Cool Memories (wovon inzwischen bereits fünf Teile erschienen sind), sondern auch in seinen anderen Büchern. Ob Baudrillard übrigens völlig Recht hat mit seiner Meinung bezüglich der Psychoanalyse kann man bezweifeln. Seine Beispiele zeigen aber überzeugend, daß die Psychoanalyse nicht fähig ist, jede Art von Bedeutung zu fassen. [21] Übrigens sind Baudrillards Vorwürfe gegen Foucault vergleichbar mit seiner Kritik an der Psychoanalyse. Baudrillard glaubt, daß auch die Mikrophysik die Macht der Dimension des Symbolischen ganz übersieht. Auf den kommenden Seiten sollen nun einige Themen im Werk Baudrillards, die noch nicht direkt oder indirekt erörtert worden sind, behandelt werden. Was das Thema Zeit betrifft, haben wir schon gesehen, dass sich Baudrillard wie Nietzsche der Fortschrittsidee gegenüber sehr kritisch verhält. Eigentlich hat er immer den ganzen linearen Zeitbegriff zugunsten eines zyklischen Models relativiert: Reversibilität statt Irreversibilität. Hier bietet sich deshalb ein Vergleich mit Nietzsches Idee von der ewigen Wiederkunft an. Zwar sagt Baudrillard nicht genau dasselbe, doch hat Nietzsche ihn für eine nicht-lineare Auffassung der Zeit und der Geschichte sensibilisiert. Ein zweites Thema ist das der Kunst. Das Denken Baudrillards ist lange Zeit im Künstlermilieu sehr geschätzt worden; vermutlich aufgrund des extravaganten Scheins, den sein Werk immer besessen hat. Man hat dabei offensichtlich übersehen, daß schon Le système des objets ein äußerst kritische Behauptung des Designs und der Innenarchitektur enthielt und daß Baudrillard in Pour une critique de l’économie politique du signe darlegte, daß, wenn man die Kunst an erster Stelle wie die Kreation eines autonomen Subjekts betrachtet, man sich ganz mit der Ideologie der Modernität solidarisch erklärt. Der Artikel Le complot de l’art (erschienen in Mai 1996 in Libération) aber war ein Frontalangriff gegen die zeitgenössische Kunst, die laut Baudrillard nicht viel mehr als eine ba nale Evokation aktueller Banalität mit banalen Mitteln sei. [22] Könnte man diese Distanzierung nietzscheanisch nennen? Es ist bekannt, daß Nietzsche in Die Geburt der Tragödie den Wert der Kunst sehr hoch eingeschätzt hat. Aber schon von Menschliches, allzumenschliches ab ist seine Einstellung viel kritischer geworden und später wird er sogar seine frühe Idolatrie des künstlerischen Genies als ‚Artistenmetaphysik‘ bezeichnen. [23] Weder Kunst noch Künstler haben einen überzeitlichen Wert. Auch sie sollen innerhalb einer bestimmten Kultur situiert werden und können sowohl Zeichen von Krankheit als auch von Gesundheit sein. Auch seinen Argwohn gegenüber der Kunst und der Kultur hat Baudrillard in gewissem Maße von Nietzsche geerbt. Ein Thema, das bei Baudrillard seit den neunziger Jahren eine wichtige Rolle gespielt hat, ist das Böse. Er bemerkt, daß die abendländische Kultur am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts immer stärker nur das Positive betont und nur das anerkennt, was innerhalb einer produktiven, kausalen und utilitaristischen Logik verstanden werden kann. Alles andere nennt sie ‚das Böse‘ und versucht es zu exkommunizieren, zu verneinen oder zu vergessen. Dies ist laut Baudrillard aber unmöglich und unerwünscht: Das Böse schimmert immer durch (vgl. La Transparence du Mal). Man denkt dabei unweigerlich an das, was Nietzsche über das Böse gesagt hat. Wie jener glaubt auch Baudrillard nicht, daß das, was in der traditionellen Moral als gut und böse bezeichnet wird, voneinander zu trennen ist. Es hat also auch keinen Sinn, das ‚Böse‘ auf eine moralisierende Weise beseitigen zu wollen. Die aktuelle Kultur, die sich oft rühmt sich von der traditionellen Moral befreit zu haben, hat dieses immer noch nicht verstanden und ist also noch nicht zu einem nietzscheanischen ‚Amor fati‘ fähig. Auf diese Weise kommen wir zu dem Thema des ‚Fatalen‘, das explizit in Les stratégies fatales erwähnt wird. Man hätte denken können, daß Baudrillard in einer Kultur, die die individuelle Freiheit vergöttlicht, den Determinismus propagierte, aber das war nur Schein. Auch betont er nachdrücklich, daß der Ausdruck ‚fatal‘ nichts mit ‚Fatalismus‘ zu tun hat. [24] Er wollte vor allem den Gedanken, daß der Mensch fähig sei von seinem eigenen Willen und Verlangen aus sein Leben zu be stimmen, hervorheben. [25] Genau aus diesem Grund stellte er auch den Begriff der ‚Verführung‘ (‚sé-duction‘) dem der ‚Produktion‘ gegenüber. [26] Wir können hier natürlich wiederum nur auf Nietzsches ‚Amor fati‘ hinweisen, allerdings ebenfalls auf Dionysos, der durch Nietzsche auch der ‚Versucher-Gott‘ genannt wird. [27] Bevor wir zum Schluß kommen werden, überlaufen wir jetzt noch drei kürzere bzw. etwas nebensächlichere Gleichnisse zwischen Baudrillard und Nietzsche: – Wie Nietzsche steht auch Baudrillard dem Feminismus kritisch gegenüber. und ist die Frau zuweilen fast eine Philosophische Figur, auf eine Weise wovon man sich fragen kann ob sie die Frau nicht mehr berücksichtigt wie manche Emanzipationsbewegungen die sie oft nur mitreißen wollen in einen Kult der Individuellen Freiheit der leider ziemlich männlich anmutet – Ebenso wie Nietzsche verhält sich Baudrillard den Medien gegenüber – auch wenn sie im 19. Jahrhundert noch nicht eine so bedeutende Rolle gespielt haben wie das heute der Fall ist – ungemein kritisch. – Wie Nietzsche, der in Bezug auf das Thema ‚Krieg‘ provozierende Standpunkte einnahm und sich selbst als ‚kriegerisch‘ bezeichnete [28], hat auch Baudrillard mit seinen Artikeln über den Golfkrieg von 1991, die später gebündelt unter dem Titel La guerre du Golfe n’a pas eu lieu veröffentlicht wurden, viel Staub aufgewirbelt. [29] Er bezog sich darin nicht nur auf den beispiellos mediatisierten Charakter dieses Kriegs, sondern vor allem auf die Tatsache, daß er niemals eine wirkliche Konfrontation gewesen sei. Nicht nur, daß im wörtlichen Sinne keine militärische Feldschlacht stattgefunden habe, vielmehr habe die ganze Geschichte auf eine dramatische Weise auch gezeigt, wie groß die Kluft und das gegenseitige Unverständnis zwischen der abendländischen Kultur einerseits und der arabischen Kultur andererseits sei. Darum zeugt dieser Krieg laut Baudrillard auch vom Bankrott des modernen universalistischen Traumes. Man kann natürlich nicht behaupten, Baudrillard habe dies alles schon bei Nietzsche gefunden. Aber vielleicht kann man wenigstens sagen daß die wichtige Stelle, die Nietzsche dem Kampf im Sinne von Agonalität zuerkennt, das Denken Baudrillards in die Richtung geschickt hat die befreit war von den Tabus einer allzu bequemen und simplizistischen Friedensideologie. Schlußbemerkungen Schlußbemerkungen Wir haben festgestellt, daß eine Menge von Vergleichen zwischen Baudrillard und Nietzsche möglich sind. Daß Nietzsche der Denker ist, in dessen Schatten sich der Franzose entwickelt hat, scheint damit bestätigt werden zu können. Trotzdem haben wir auch gesehen, daß Baudrillard sich wenig um eine wort- und sinngetreue Nietzsche-Interpretation kümmert. Zweitens ist die Beziehung zu Nietzsche meistens nur ein Ausgangspunkt, um seinen ganz eigenen Weg zu gehen. Zudem gibt es auch mehrere wichtige Facetten von Nietzsches Philosophie, die bei Baudrillard gar nicht erörtert werden und die er vermutlich auch nur schwer in seine eigene Denkweise aufnehmen könnte. Man kann dabei erstens an Nietzsches Lehre von dem ‚Willen zur Macht‘ und an den damit verbundenen Naturalismus denken. Auch findet man bei Baudrillard kein Streben nach einer Art ‚Übermenschlichkeit‘. Und, um diese beiden Sachen miteinander zu verbinden, auch die Idee des Übermenschen als Sinn der Erde fehlt bei Baudrillard gänzlich. [30] Vielleicht könnte man sogar sagen, Baudrillard betrachtet den Sinn des Lebens immanenter als Nietzsche, nämlich bloß im Spiel des symbolischen Tausches. Weiterhin hat Baudrillard auch nicht eine so abschätzige Sicht auf die Masse wie Nietzsche, im Gegenteil: Er nimmt sie häufig gegen die bekrittelnde Einstellung der Politiker, Intellektuellen und Volkserzieher in Schutz und zeigt wie ihre Gleichgültigkeit tatsächlich den Bankrott der Modernität demonstriert. Es ist fraglich, ob Nietzsche etwas dagegen hätte. Er suchte ja keine Anhänger oder Leute, die ihm blindlings folgten. Am 13. Mai 1878 schreibt er an Reinhart von Seydlitz: „Nichts liegt mir ferner als Proselyten zu machen.“ [31] Und einige Tage später erklärt er in einem Brief an Heinrich Köselitz, was er denn jedoch will: „Das eben ist das Beste, was ich erhoffte – die Erregung der Produktivität Anderer und die Vermehrung der Unabhängigkeit in der Welt.“ [32] Baudrillard ist also bestimmt kein Epigone Nietzsches, aber bleibt dessen Adagium ‚vademecum, vadetecum‘ treu. [33] Man könnte also behaupten, daß er hauptsächlich Nietzsches Kritik an der Modernität auf eigene Weise und in einem neuen gesellschaftlichen Kontext weitergeführt hat. Zum Schluß: Bietet Baudrillards eigener Ansatz auch die Perspektive zu einer anderen Sicht auf Nietzsche? Ich wollte mich diesbezüglich auf einen Punkt beschränken. Baudrillard hat sich während der neunziger Jahre sehr für das Phänomen der ‚Alterität‘ interessiert. [34] Was er damit behauptete, war zumeist die Unmöglichkeit alles und jeden in einen homogenen und universellen Diskurs integrieren zu können. Es gibt dabei klare Zusammenhänge in Bezug auf die Themen des symbolischen Tausches, Fatalität, Verführung usw. Man könnte sich also fragen, ob nicht auch Nietzsche als ein Philosoph der Alterität betrachtet werden könnte. Diese These mutet vielleicht ein bißchen sonderbar an, weil er manchmal gerade ein Philosoph des Egoismus genannt wird. Aber was Nietzsche auf eine positive Weise mit Egoismus beabsichtigt, ist jedenfalls viel komplizierter als das Verfolgen des individuellen Glücks. [35] Bei Nietzsche ist es offensichtlich möglich von ‚das Fremde in das Selbst‘ zu reden und bedeutet die Wichtigkeit der ‚Agonalität‘ unzweifelhaft die Erkennung einer Verhaltung zu den Anderen worin Distanz und Spannung immer behalten bleiben sollen. Auch das ‚Pathos der Distanz‘ (was freilich etwas anderes ist) kann hierauf bezogen werden, ebenso wie die Stelle der Einsamkeit in Nietzsches Denken. Außerdem entzieht sich die Welt laut Nietzsche immer bis zu einem gewissen Grad unseren Versuchen sie zu verstehen oder zu meistern. Nietzsches Perspektivismus enthält das man niemals einen vollständigen Blick auf die Welt nachstreben kann und immer die Möglichkeit anderer Ansätze offen läßt und erkennt. Zuletzt kann man sich fragen, ob auch die Suche nach dem wahren Selbst, wie sie zum ersten Mal in Schopenhauer als Erzieher thematisiert wird, wohl als eine Odyssee verstanden werden soll (auf die Weise wie Emmanuel Levinas diese versteht) und nicht eher wie ein wirkliches Abenteuer, eine überraschende Fahrt ins Blaue, die vielleicht niemals enden wird. [36] Jedenfalls erscheint es als eine interessante und herausfordernde Möglichkeit von Baudrillard Nietzsches Denken auf diese Weise, wie eine Philosophie der Alterität, zu beschreiben.