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Nachwort
Octave Mirbeau ist der größte französische Schriftsteller
unserer Zeit und derjenige, der in Frankreich den Geist
des Jahrhunderts am besten repräsentiert. Lew Tolstoi
I. Der Autor – ein Anarchist der Belle Époque
Octave Mirbeau (1848–1917) zählte in Frankreich und weit
über seine Grenzen hinaus zu den bekanntesten, literarisch
kühnsten und politisch provokativsten Romanciers, Drama-
tikern und Feuilletonisten um 1900 – in jener Zeit, die von
Künstlern als »Décadence« betrachtet, von Pessimisten als
»Fin de Siècle« betrauert und von Spekulanten und Finanz-
baronen, Kokotten und Bohemiens als »Belle Époque« genos-
sen wurde.
Sein Leben
Geboren am 16. Februar 1848 im Dorf Trévières (Calvados),
wächst Mirbeau in dem Weiler Rémalard (Orne) auf und er-
lebt deprimierende Oberschuljahre im Jesuiten-Collège in
Vannes, von dem er mit 15 Jahren aus ungeklärten Grün-
den verwiesen wird (vermutlich flieht er von dort nach sexu-
eller Belästigung durch einen der Patres, wie aus Indizien in
seinen autobiographisch geprägten Romanen Sébastien Roch
und L’Abbé Jules zu schließen ist) und erreicht nach dem Be-
such verschiedener privater Internate den Schulabschluß in
Caen.
1866 beginnt er ein Jurastudium in Paris, das er nach zwei
Jahren wieder abbricht (dabei Entwurf eines ersten Romans,
Thema : die Qualen der Liebe). Auf Druck des Vaters nimmt
er eine Anstellung bei einem Notar im Heimatdorf Rémalard
an, was für ihn jedoch einen Rückfall in das stumpfsinnige
Leben in der Provinz bedeutet.
ten wir aus ihrem Etui nehmen, damit er überprüfen konnte,
was sich auf dessen Boden befand. Das zog sich eine geschla-
gene Stunde hin  … Ich verfaßte eine Beschwerde  … Aber
man weiß ja, wo Beschwerden landen !
Schließlich erlaubte er uns weiterzufahren … wütend, weil
er nichts Verdächtiges gefunden hatte, aber dennoch glück-
lich, weil er uns schikaniert hatte …
Als wir das letzte Haus dieses abscheulichen Dorfs pas-
sierten, zerschlug ein Stein, von irgendwoher geworfen,
eine Scheibe des Automobils  … Ich kam mit einer leichten
Schramme an der Wange davon.
»Jawohl !« rief ich. »Kein Zweifel ! … Wir sind tatsächlich in
Frankreich.«
»Drecksland, dreckiges !« knurrte Brossette.
Aber ich glaube, er meinte nur Raon-la-Plaine …
Paris – Cormeilles-en-Vexin, 1905–1907
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schärft er seine Feder. In diesen Jahren verfaßt er außerdem
als Brotarbeiten unter Pseudonym drei kommerzielle Zei-
tungsromane im geforderten Zeitgeschmack (und schreibt bis
1886 noch mindestens zwei weitere).
2
Sein Leben wird zunehmend dramatischer : Allein im Jahr
1883 provoziert er zwei erste Duelle, erlebt eine selbstzer-
störerische Liaison mit der Halbweltdame Judith Vimmer
(sie wird die Juliette im Roman Le Calvaire) und flüchtet in
die bretonische Provinz, nach Audierne. Von dort treibt es
ihn bald wieder nach Paris und sofort in eine neue Liaison,
die von Dauer sein wird, diesmal mit der Ex-Aktrice Alice
Regnault, einer reichen, in Bohemekreisen als Schönheit ge-
priesenen Kokotte mit »bewegter Vergangenheit«, vermutlich
Mätresse des Pressemagnaten Arthur Meyer.
3
Im Jahr 1887
heiratet er sie heimlich, was natürlich publik wird und ei-
nen Skandal auslöst. Zudem hatte er wegen ihr schon 1884
ein drittes Duell, diesmal mit dem Décadence-Kollegen und
-Erotiker Catulle Mendès (mit dem er sich aber bald wieder
bestens versteht).
Mirbeau zieht Resümee, empfindet sein bisheriges Leben
als »gescheitert«, stürzt in tiefe Depression (Neurasthenie)
und beschließt, fortan seine nun geschulte, scharfe Feder nur
noch seinen persönlichen Anliegen zu widmen : der Förderung
der künstlerischen Avantgarde, dem Kampf gegen soziales
Unrecht und gegen politische Verbrechen.
2 L’Écuyère (1882), La Maréchale (1883) und La Belle Madame Le Vas-
sart (1884) unter dem Pseudonym »Alain Bauquenne« ; Dans la vieille
rue (1885) und La Duchesse Ghislaine (1886) unter dem Pseudonym
»Forsan«. Erstmals in Buchform erschienen in Octave Mirbeau, Œuvre
romanesque (Hrsg. Pierre Michel), Bd. I–III, Éditions Buchet/Chastel,
Paris 2000–2001 ; inzwischen auch verfügbar im Online-Verlag Le Bou-
cher (www.leboucher.com).
3 Zu Alice Regnault siehe die Biographie Octave Mirbeau  …, a. a. O.,
S. 215–220 und Pierre Michel, Alice Regnault, épouse Mirbeau, Reims
1994.
1871 wird er bei Kriegsausbruch in ein Reserve-Kavalle-
rie-Regiment eingezogen, er erkrankt, wird von Lazarett zu
Lazarett verlegt und lernt das Grauen von Verwundung und
Sterben kennen (1886 schildert er den Krieg in seinem er-
sten Roman Le Calvaire als perversen Irrsinn, was ihm in der
Zeit des »Revanchismus« den Ruf des »Vaterlandsverräters«,
»Nestbeschmutzers« und »Pazifisten« einbringt) ; er kehrt,
vermutlich als Deserteur, nach Rémalard zurück und hat nur
noch ein Ziel : der Provinz zu entrinnen.
Nun beginnt eine »lange Periode politischer Prostitution«,
1

er verkauft sich an die erstbesten Arbeitgeber : zuerst an den
Bonapartisten Dugué de la Fauconnerie, der ihn als Privatse-
kretär, Redenschreiber und Wahlkampfleiter nach Paris mit-
nimmt, in sein Parteiblatt L’Ordre de Paris und in die Ge-
sellschaft einführt, wo sich Mirbeau bald mit den wichtigen
Größen der Literatur wie Zola, Maupassant, Bourget und den
Brüdern Goncourt liiert. 1877 folgt er dem bonapartistischen
Abgeordneten Baron de Saint-Paul in die südliche Provinz
Ariège, führt seinen Wahlkampf und schreibt in seiner Zei-
tung L’Ariègois. Schließlich dient er, wieder zurück in Paris,
dem mächtigen Zeitungsmagnaten Arthur Meyer, wiederum
als Privatsekretär sowie als Ghostwriter, in dessen Zeitung
Le Gaulois. Nebenbei schreibt er unter Pseudonym auch für
andere Blätter wie L’Illustration, Le Figaro, Paris-Journal.
Dramatischer Höhepunkt und katastrophales Ende sei-
ner Lehrjahre, 1883–1884 : Inzwischen ist er Chefredakteur
des Massen-Nachrichtenblatts Paris-Midi Paris-Minuit und
wird gleichzeitig noch Chefredakteur der antisemitischen Sa-
tirezeitung Grimaces : Was er an dieser Zeitschrift schätzt,
ist ihre antibürgerliche, antirepublikanische, antiklerikale
und antikapitalistische Tendenz, und in ihrem frechen Ton
1 So wird diese Lebensphase in der Biographie Octave Mirbeau –
L’imprécateur au cœur fidèle von Jean-François Nivet und Pierre Mi-
chel, Paris 1990, S. 939, bezeichnet.
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»ästhetische Kämpfe« (für Künstler wie Rodin, Monet, Pis-
sarro sowie für Außenseiter wie van Gogh, Camille Claudel
und Maillol),
4
führt mutige politische Kampagnen (gegen Ko-
lonialismus, Nationalismus und Militarismus),
5
rechtfertigt
Anarchisten, Prostituierte und Kriminelle als Opfer der Ge-
sellschaft und kämpft immer wieder für die Verbesserung des
Schicksals der Kinder.
6
Trotz dieser Kämpfe und Erfolge in der Öffentlichkeit
stürzt Mirbeau in den 1890er Jahren in tiefe Schaffenskri-
sen, gefolgt von neurasthenischen Anfällen, hinzu kommen
dramatische Ehekrisen, er empfindet sein Leben als sinnlos,
kommt sich in seinem Wirken machtlos vor. Und doch gelingt
ihm ein kleiner prä-existentialistischer Roman, Dans le ciel,
veröffentlicht 1892/93 in L’Écho de Paris, ein pessimistischer
Künstlerroman, inspiriert durch das Leben des Vincent van
Gogh, dessen überragende Bedeutung Mirbeau als erster er-
kennt. Entwürfe zu nächsten Romanen bleiben jahrelang lie-
gen. 1894 fürchtet er, wahnsinnig zu werden, seine Neur-
asthenie zeigt psychosomatische Folgen, 1897 muß er sich zur
Kur in das Heilbad Luchon in den Pyrenäen begeben.
Seinen größten Erfolg hat Mirbeau in diesen Jahren als
Dramatiker, denn inzwischen schreibt er auch erfolgreich
für die Bühne : Ende 1897 wird seine proletarische Tragödie
Les Mauvais Bergers – ein Drama, das erstmals offen auf der
Bühne einen Arbeiterstreik als positiv und notwendig dar-
4 Siehe Combats esthétiques, 3 Bde., Paris 1993, Correspondances avec
Rodin, Tusson 1988, Correspondances avec Claude Monet, Tusson 1990,
Correspondances avec Camille Pissarro, Tusson 1990, sowie J.-F. Nivet
und P. Michel, Correspondance générale, bisher Bd. I–III, Lausanne
2000 ff.
5 Siehe J.-F. Nivet, P. Michel (Hrsg.) : Combats politiques, Paris 1990,
sowie P. Michel (Hrsg.) : Correspondance Octave Mirbeau – Jean Grave,
Paris 1993, und P. Michel (Hrsg.) : »Lettres à Émile Zola« in Cahiers na-
turalistes Nr. 64 (1990), S. 7–34.
6 Siehe P. Michel (Hrsg.) : Combats pour l’enfant, Vauchrétien 1990.
In den fruchtbaren Jahren 1885 bis 1890 etabliert er sich
rasch als virtuoser Romancier, kämpferischer Journalist und
Förderer künftiger Größen der Literatur, Malerei und Mu-
sik. Nicht zuletzt provoziert durch Alices Konkurrenz (die
ebenfalls schreibt und ihren ersten Roman sogar noch vor
ihm veröffentlicht), beginnt er nun unter eigenem Namen zu
schreiben : 1885 Lettres de ma chaumière, bedrückende No-
vellen über das primitive, abgestumpfte Leben in der Nor-
mandie und der Bretagne, pessimistische Gegenstücke zu
den Idyllen der erfolgreichen Lettres de mon moulin von Al-
phonse Daudet ; in den Jahren 1886 bis 1890 seine drei wich-
tigen, autobiographisch geprägten Romane, in denen es um
die Vernichtung des jungen Menschen durch die Liebe, durch
die Religion und schließlich durch die Gesellschaft insgesamt
(ihre Grundpfeiler Erziehung, Klerus, Militär) geht ; Le Cal-
vaire (1886), Mirbeaus Verarbeitung seiner ersten Liebeser-
fahrung, die Geschichte einer nymphomanen Halbweltdame,
die einen Jungen aus der Provinz in die Liebe einweiht, ihn
hemmungslos betrügt und in den Wahnsinn treibt ; L’Abbé
Jules (1888), die Geschichte eines jungen Mannes, der sich
zum geistlichen Stand berufen fühlt, doch schon bald Kirche,
Religion, Gott und Keuschheitsgelübde als »Scharlatanerie«,
»Lüge« und »Hirngespinst« empfindet, nur noch dem Sexual-
trieb als »Verwirklichung der wahren Natur des Menschen«
frönt und im Wahnsinn endet, ein stilistisch kühner Roman
und inspiriert von eigenen traumatischen Erlebnissen bei den
Patres ; Sébastien Roch (1890), die Geschichte eines Jungen,
der von brutalen Eltern, unsittlichen Erziehern (Jesuitenpa-
tres) und sadistischen Militärs (im Krieg 1870/71) psychisch,
moralisch und physisch vernichtet wird. Eltern, Erzieher
und Staat verüben, so Mirbeau, einen dreifachen »Mord an
einer Kinderseele«, den »Mord an tausend Mozarts«. Dane-
ben schreibt Mirbeau unter zahlreichen Pseudonymen für
immer bedeutendere Zeitungen wie Le Gaulois, Gil Blas,
L’Événement, Le Matin und Le Figaro. Er führt erfolgreiche
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vorangestellt ist, ist eine Provokation : »Den Priestern, Sol-
daten, Richtern, den Menschen, die Menschen erziehen, lei-
ten und beherrschen, widme ich diese Blätter, voll von Mord
und Blut« !) ; im Jahr 1900 folgt Le Journal d’une femme de
chambre, worin er die »moderne Sklaverei des Dienstboten-
tums« analysiert und aus der Sicht einer Kammerzofe im
Laufe ihrer Anstellungen die Décadence der Bourgeoisie als
Pathologie und Perversion Revue passieren läßt ;
8
und schließ-
lich im Jahr 1901 Les 21 Jours d’un neurasthénique, sein bis
dahin radikalstes, politisch provozierendstes, formal dekon-
struktivstes Werk. Darin gibt es keinen Protagonisten, keine
Entwicklung einer Handlung mehr, nur ein Erzähler be-
lauscht in einem Sanatorium im Gebirge auf Parkbänken, in
den Therapieräumen oder durch die Hotelzimmerwände, was
die Berühmten und Berüchtigten aus Halbwelt und Haute-
volée erzählen oder treiben. Diese formale Strategie nutzt er
als Gelegenheit, um zahlreiche bereits früher in der Presse
publizierte Anekdoten, Glossen, Geschichten über Skandale
aus Politik und Gesellschaft nun auch dem bürgerlichen Ro-
manlesepublikum zu unterbreiten, womit er das Genre des
Romans als solches verspottet und entsprechend heftige Em-
pörung erregt.
9
Im Jahr 1900 gründet er mit Kollegen die Académie Gon-
court, die noch heute den wichtigsten französischen Litera-
turpreis verleiht, und bleibt ihr fast 15 Jahre lang als Ju-
rymitglied verbunden. 1903 hat Mirbeau seinen größten
Bühnenerfolg mit Les affaires sont les affaires, einer formal
traditionellen Charakter- und Sittenkomödie, in der er Par-
venüs, Finanzjongleure, bestechliche Politiker und die All-
8 Der Roman wurde durch zwei Verfilmungen berühmt : 1946 in den
USA von Jean Renoir mit Paulette Goddard, 1963 in Frankreich von
Luis Buñuel mit Michel Piccoli und Jeanne Moreau.
9 Ausführlicher dazu siehe Nachwort zur deutschen Übersetzung
Nie wieder Höhenluft oder Die 21 Tage eines Neurasthenikers, München
2002, S. 396 ff.
stellt – durch die gefeierten Stars Sarah Bernhardt und Lu-
cien Guitry uraufgeführt.
In jenen Wochen erhitzt gleichzeitig die »Dreyfus-Affäre«
die Gemüter : Der junge Hauptmann Alfred Dreyfus – der
das Pech hat, kein bewährter »Kriegsteilnehmer« und noch
dazu Elsässer und Jude zu sein – wird des Hochverrats an-
geklagt, am 5. Januar 1895 verurteilt, degradiert und für
fünf Jahre auf die Teufelsinsel deportiert. Die »Affäre« eska-
liert immer weiter, sie spaltet Politik, intellektuelle Kreise,
ja fast die ganze Bevölkerung in »Dreyfusards« und »Anti-
Dreyfusards«, »Militaristen« und »Pazifisten«, »Antisemi-
ten« und »Liberale«. Als der wahre Schuldige, der französi-
sche Abwehrchef Ferdinand Walsin-Esterházy, der Dreyfus
gefälschte Geheimdokumente untergeschoben hat, freige-
sprochen wird, erwacht Mirbeau aus seiner Lethargie, setzt
sich als nun mächtigster, gefürchtetster Journalist beharr-
lich bis zum Erfolg für die Wiederaufnahme des Prozesses
ein und trägt durch seine ungeheuer intensive Pressekam-
pagne
7
ebenso entscheidend wie, wenn nicht noch mehr als
Émile Zola dazu bei, die III. Republik und ihren Antisemitis-
mus in Regierung, Klerus und Militär bis in die Grundfesten
zu erschüttern.
Genau um die Jahrhundertwende, auf dem Gipfel seines
literarischen Schaffens und seiner publizistischen Wirkung,
zugleich aber auf dem Tiefpunkt seines Pessimismus, veröf-
fentlicht er in dichter Folge drei extreme Romane : Im Jahr
1899 Le Jardin des supplices, ein sadistisches Monsterwerk,
worin eine Engländerin europamüde nach China emigriert,
um sich im Dschungelpark eines Zuchthauses am Zutodefol-
tern von Menschen und am Duft exotischer Pflanzen zu be-
rauschen (bereits die Widmung, die dieser Folterorgie als Me-
tapher für die Mechanismen von Politik und Gesellschaft
7 Mirbeaus sämtliche Artikel dazu siehe J.-F. Nivet, P. Michel (Hrsg.) :
L’Affaire Dreyfus, Paris 1991.
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Der öffentliche Ankläger
Mirbeau ist von Anfang an entschieden ein Kämpfer in der
Öffentlichkeit, alles andere als ein strenger, ausschließlich
der Roman- und Stilkunst verschriebener Schriftsteller wie
etwa Flaubert. Als Pionier dessen, was man heute als »Ent-
hüllungsjournalismus« bezeichnet, stand er durch seine jour-
nalistische Aktivität – aus der sich in konsequenter Fort-
führung seine literarische Aktivität (Romane, Erzählungen,
Dramen) entwickelte – zeitlebens im Zentrum heftiger Feh-
den und Skandale, die er zumeist selbst auslöste.
Wie in seinen literarischen Werken – besonders konzen-
triert in Les 21 Jours d’un neurasthénique und La 628-E8 – at-
tackiert er in seinen Presseartikeln unermüdlich angesehene
Politiker und hochdekorierte Militärs, verteidigt Entrechtete
und Diffamierte, geißelt Wettrüstung und Kolonialismus,
kämpft für Pressefreiheit, Trennung von Kirche und Staat,
Abschaffung der Todesstrafe, Befreiung der Frau von sexuel-
ler Ausbeutung in Ehe und Gesellschaft, ja sogar für die Ver-
breitung von Verhütungsmitteln zur Befreiung der Sexualität
und Sabotage der »revanchistischen« Pflicht, Soldaten für den
nächsten Krieg zu gebären (siehe im vorliegenden Buch »Das
Wiederbevölkerungstheater« S. 401 ff.)
Im Jahr 1885 prangert er die barbarische Bestrafung des
wegen Homosexualität verurteilten Oscar Wilde an ; im glei-
chen Jahr plädiert er in einer Umfrage des Mercure de France
und der Neuen Deutschen Rundschau für die geistige und ge-
sellschaftliche Annäherung an den Erzfeind Deutschland,
denn er meint : »Es liegt auf der Hand, daß es für uns Fran-
zosen und Deutsche von großem Vorteil wäre, wenn wir uns
auf andere Art als durch Berichte von Spionen kennenlernen
würden.«
10
Im Jahr 1888 ruft er in einer Artikelserie zum
Wählerstreik auf, da er das »allgemeine Wahlrecht«, wie es
10 Zitiert in der Biographie Octave Mirbeau …, a. a. O., S. 902.
macht des Geldes verspottet. Sein Drama Le Foyer (1908), ein
Plädoyer gegen die sexuelle und kommerzielle Ausbeutung
von Töchtern und Söhnen als Heiratsware und Kapitalan-
lage, erregt so große Bedenken, daß Mirbeau die vertraglich
festgesetzte Aufführung in der Comédie Française gericht-
lich erzwingen muß.
Durch seine Bühnenerfolge reich geworden, reduziert er
seine journalistische Aktivität, schreibt fast nur noch für die
sozialistische Zeitung L’Humanité von Jean Jaurès und für
das Kampfblatt La Révolte des Anarchisten Jean Grave. In
langem Abstand entstehen nur noch zwei bedeutende Prosa-
werke, 1907 erscheint das vorliegende Buch La 628-E8, das
letzte und umfangreichste seiner Werke, dessen Genre nicht
mehr definierbar ist, und 1913 Dingo, ein letzter Roman von
brillant bösem Humor, dessen letzte Kapitel er aber nur noch
mit Hilfe von Léon Werth vollenden kann. Mit diesem Werk
kehrt er noch einmal zum traditionellen Roman zurück, nur
ist der Protagonist nun kein Mensch mehr – so menschen-
feindlich ist der Autor inzwischen –, sondern ein Riesenhund,
der, von keinerlei menschlicher Erziehung verdorben, »mit ge-
sundem Instinkt« und »Gerechtigkeitssinn« gerade die »eh-
renwertesten«, doch heuchlerischen und verlogenen Vertreter
der Gesellschaft zerfleischt, die der Autor zeitlebens am mei-
sten bekämpfte.
Ab 1910 wird Mirbeau zusehends hinfälliger, er trägt ei-
nen langen weißen Bart wie sein Freund Lew Tolstoi und ver-
schließt sich, umgeben von seinen Pflanzen, seinen Büchern
und den Kunstwerken seiner Malerfreunde, in seinem Phan-
tasiehaus in Triel, das er sich 1909 bauen ließ. Das Atten-
tat in Sarajewo, die Ermordung von Jean Jaurès am hellich-
ten Tag in einem Café, der Kriegsausbruch in Europa sowie
die Kriegsbegeisterung in Frankreich und Deutschland ver-
setzen dem Pazifisten und Versöhner Mirbeau den letzten
Schlag, er stirbt an seinem 69. Geburtstag, am 16. Februar
1917.
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Pessimismus des Romans Abbé Jules ist stark von Dostojew-
ski beeinflußt) und wird auch seinerseits von Tolstoi verehrt
(der in seinen Briefen an ihn zu toben pflegt, sobald die russi-
sche Post die Sendung eines neuen Mirbeau-Werks verzögert).
Auf dem Gebiet der bildenden Kunst entdeckt, fördert und
verteidigt Mirbeau künstlerische Größen wie Monet, Manet,
Rodin, Cézanne, Meunier, Maillol und Gauguin und erkennt
als erster das Genie van Goghs : Mirbeau ist der Käufer von
dessen Sonnenblumen und Schwertlilien, die er 1891 für 600
Francs erwirbt und von denen er ein Werk 21 Jahre später
für 40.000 Francs (umgerechnet ca. 120.000 Euro) wieder
verkauft, womit er den weltweiten Marktwert des Malers be-
gründet.
In der Musik ist er der entscheidende Entdecker künftiger
Größen wie César Franck und Claude Debussy und wirbt be-
reits seit 1876 – kurz nach dem Débacle von 1871 höchst un-
patriotisch und riskant – für Richard Wagner.
Welterfolg, Vergessenheit, Wiederentdeckung
Zur Zeit des Fin de Siècle zählt Mirbeau zu den auflagen-
stärksten Autoren Frankreichs ; er ist der gefürchtetste und
einflußreichste Feuilletonist und Kritiker ; seine Romane wer-
den bald nach Erscheinen regelmäßig in zahlreiche Sprachen
übersetzt, so auch ins Deutsche in München, Wien oder Buda-
pest – nur La 628-E8 nicht, da dem deutschen Verleger eine
Veröffentlichung zu gefährlich erschien (s. u.). In Eu ropa, Ruß-
land, Nord- und Südamerika ist er lange der meistgespielte
französische Bühnenautor. Vor allem die Komödie Les affaires
sont les affaires von 1903, sein größter Erfolg, steht lange in
allen Ländern Europas, aber auch in Rußland (Sankt Peters-
burg, Moskau und Odessa), in den USA (New York) sowie in
Lateinamerika (Rio und Buenos Aires) auf dem Programm.
In Deutschland werden in nur zwei Jahren von Geschäft ist
Geschäft zehn verschiedene Inszenierungen an 128 Orten
damals praktiziert wird, als Farce entlarvt. Ab 1889 arbeitet
er an der Zeitung La Révolte des Anarchisten Jean Grave mit,
schreibt ein lobendes Vorwort zu dessen Buch La Société mou-
rante et l’anarchie (1893) und verteidigt immer offener anar-
chistische Intellektuelle. 1897 fordert er noch vor Zola die
Wiederaufnahme des Dreyfus-Prozesses ; 1898 zahlt er aus
eigener Tasche die 7.555 Francs Strafe, zu der Zola für seinen
berühmten Artikel »J’accuse !« (13. Januar 1898 in L’Aurore)
verurteilt wird. Nach dem »Petersburger Blutsonntag« im Ja-
nuar 1905 gründet er mit Gleichgesinnten als heftiger Kri-
tiker des repressiven Zarenregimes – mit dem Frankreich,
obwohl Republik, ausgerechnet im Jahr zuvor den »Zwei-
bund« als Freundschaftsallianz geschlossen hatte – eine »Ge-
sellschaft der Freunde des russischen Volkes« und plädiert
für die Revolution in Rußland. 1909 protestiert er gegen die
Hinrichtung des katalanischen Schulpädagogen und Anar-
chisten Francesc Ferrer i Guàrdia. 1910 signiert er mit Jack
London eine Petition an die japanische Botschaft, um die Be-
gnadigung japanischer Intellektueller zu erwirken, denen die
Hinrichtung droht.
Der Förderer der Avantgarde
Nicht minder aktiv, visionär und wie üblich polemisch setzt
sich Mirbeau für die Avantgarde in Literatur, Musik und
Malerei ein : Er ist mit allen Außenseitern der »literari-
schen Décadence« eng befreundet ; er macht 1890 als erster
auf die Bedeutung des bis dahin unbekannten Belgiers Mau-
rice Maeterlinck aufmerksam (der 1911 den Literaturnobel-
preis erhält) ; er fördert das junge Genie Alfred Jarry, den
Schöpfer des horriblen Ubu Roi, unterstützt ihn finanziell bis
zu dessen Tod Anfang November 1907 und setzt ihm in La
628-E8, das zwei Wochen später erscheint, ein Denkmal, in-
dem er Kaiser Wilhelm II. mit König Ubu vergleicht (S. 387) ;
er macht Tolstoi und Dostojewski in Frankreich bekannt (der
504 505
Form inzwischen auch online (www.leboucher.com) zugäng-
lich, seine kommentierte Mirbeau-Bibliographie, die er eben-
falls fortlaufend im Internet publiziert, umfaßte im Juni 2012
bereits 759 Seiten. Und er organisierte mehrere internatio-
nale Mirbeau-Kolloquien, darunter im Jahr 2007 in Straß-
burg eines allein über das vorliegende Buch.
13
Hierzulande stand Mirbeau rund 90 Jahre lang nur im Ruf
eines Décadence-Erotikers. Nach dem ersten Erscheinen sei-
ner Romane in Deutschland um 1900 wurden davon nur Le
Journal d’une femme de chambre und Le Jardin des supplices
immer neu publiziert – beide in rund zehn Verlagen und so-
gar fünf verschiedenen Übersetzungen ! – und als sado-eroti-
sche Raritäten zumeist in Erotika-Reihen geführt : ersterer
unter den Titeln Tagebuch einer Kammerjungfer, Tagebuch ei-
ner Kammerzofe und Enthüllungen einer Kammerzofe, letzte-
rer als Der Garten der Foltern und Der Garten der Qualen.
14

Erst seit um 1990 beginnt sich dieses reduzierte Mirbeau-
Bild zu erweitern : Der Manholt-Verlag veröffentlichte 1992
die Balzac-Kapitel aus La 628-E8 als separates Werk unter
dem Titel Balzacs Tod und im Jahr 2000 den Roman Les 21
Jours d’un neurasthénique unter dem Titel Nie wieder Höhen-
luft – die 21 Tage eines Neurasthenikers (dtv 2002), der belle-
ville-Verlag unternahm ab 2002 die bisher seriöseste Ausgabe
von Der Garten der Qualen, und nun präsentiert der Weidle
Verlag Mirbeaus Opus magnum 628-E8.
13 In Caen 1996 über »Octave Mirbeau et la Modernité«, Texte siehe
Cahiers Octave Mirbeau Nr. 4 (1997) ; in Angers 2000 über »Octave Mir-
beau et les révolutions esthétiques«, Texte siehe Cahiers Octave Mirbeau
Nr. 8 (2001) ; in Cerisy 2005, siehe Himy-Piéri, Laure, Poulouin, Gérard
(Hrsg.) : Octave Mirbeau ; passions et anathèmes. Actes du Colloque de
Cerisy-La-Salle, 28. 9.–2. 10. 2005, Caen 2007 ; in Strasbourg 2007 über
»La 628-E8«, Texte siehe Éléonore Reverzy, Guy Ducrey (Hrsg.) : L’Europe
en automobile. Octave Mirbeau écrivain voyageur, Strasbourg 2009.
14 Kommentierte Liste der deutschen Übersetzungen dieser Romane
siehe in : Pierre Michel, Bibliographie d’Octave Mirbeau (online) S. 272 ff.
bzw. 326 ff. Stand : Juni 2012.
gezeigt,
11
noch 1924 wählt Gustaf Gründgens, als er zum er-
sten Mal Regie führt, ein Stück von Mirbeau, und zwar dieses,
und spielt darin auch die Hauptrolle, den Isidore Lechat.
12
Dennoch gerät Mirbeau nach dem Ersten Weltkrieg für
mehr als ein halbes Jahrhundert weithin in Vergessenheit –
so auch im deutschsprachigen Raum, was um so verwunder-
licher ist, da er bis dahin dort wohl deshalb so viel gelesen
wurde, da seine Sprache so nahe verwandt ist mit der der
Feuilletonisten und Kritiker Alfred Kerr, Alfred Polgar, Karl
Kraus, Anton Kuh oder Egon Friedell. Wie dem auch sei, man
versteht ihn nicht mehr zu lesen, man mißversteht ihn als
bürgerlich dekadent, als antiquierten »Naturalisten« oder
»Internationalisten«, verdammt ihn als Pornographen.
Erst Ende der 1970er Jahre entdeckt ihn der französische
Philologe Hubert Juin neu und publiziert im Jahr 1977 gleich
mehrere seiner Werke in der Reihe »Fins de Siècle« der Édi-
tions 10/18, darunter auch La 628-E8. Die Werke werden Ge-
heimtips, sind aber bald wieder vergriffen.
Die große Renaissance des Autors setzt ein, als Pierre
Michel und Jean-François Nivet 1990 ihre voluminöse Le-
bens- und Werk-Monographie Octave Mirbeau – L’imprécateur
au cœur fidèle veröffentlichen und mit der Edition bisher
nie publizierter Texte des Autors beginnen. 1993 gründet
der Mirbeau-Spezialist Pierre Michel in Angers die »Société
Octave Mirbeau« sowie an der dortigen Universität einen
»Fonds Octave Mirbeau« und beginnt die Cahiers Octave Mir-
beau herauszugeben, umfangreiche Jahresbände, die Jahr
für Jahr neue Ergebnisse der Mirbeau-Forschung publizie-
ren. Seither steigt das Interesse an Mirbeau wieder stetig an.
Pierre Michel veröffentlicht kontinuierlich Mirbeaus Werke
(Erzählungen, Romane, Dramen, publizistische Texte, Korre-
spondenzen) in kritischer Edition, 15 Romane sind in dieser
11 Siehe ebenda, S. 720 f.
12 Hamburger Abendblatt, Pfingst-Ausgabe 1963, S. 44.
506 507
und Hochverrat zu mindestens zwei Jahren Gefängnis verur-
teilen.‹ Ist das nicht lustig ! Und er fügt hinzu : ›Zwei Monate
hätte ich riskiert. Aber zwei Jahre !‹«
15
Was hat es mit diesem so gefährlichen literarischen Unge-
tüm auf sich ?
Schloßbesitzer und Automobilist
In der Zeit nach 1900 ist Mirbeau durch die Tantiemen sei-
ner Romane und Theaterstücke – spätestens nach dem inter-
nationalen Erfolg seiner Komödie Les affaires sont les affai-
res von 1903 – so reich geworden, daß er es sich leisten kann,
immer weniger für die Presse zu schreiben und sich zwei sei-
ner sehnlichsten Wünsche zu erfüllen : den Wunsch nach Zu-
rückgezogenheit in einen stillen Winkel in der Natur, um sich
seinem Hobby, dem Gärtnern, widmen zu können, und para-
doxerweise zugleich den Wunsch nach noch größerer Mobili-
tät beim Reisen. Ausgerechnet er, der ultralinke Anarchist,
dem die linken »Radikalsozialisten« noch nicht links genug
sind, da sie »wie der Adel von einst die privilegierte Klasse
von heute bilden« (S. 65), ausgerechnet er wird Schloßbesitzer
und Automobilist, was ihm den Ruf des »roten Millionärs«
16

einbringt :
Zum einen schafft er sich im Jahr 1900 ein erstes »Auto-
mobil« an, Ende 1902 bereits ein zweites, einen Renault mit
10  PS für 10.000 Francs (ca. 30.000 €), schon wenige Tage
später »tauscht er das erste gegen einen Panhard mit 8 PS,
der 13.000 Francs (39.000 €) kostet. 1903 ein neues, 15 PS
starkes Vehikel für 16.000 Francs, auf das im April 1906
der erste C.-G.-V. (Charron, Girardot et Voigt) mit 30 PS für
15 Pierre Michel (Hrsg.) : Correspondance Jules Huret – Octave Mir-
beau, S. 201.
16 So wird Mirbeau von J.-F. Nivet und P. Michel in ihrer Biographie
Octave Mirbeau …, a. a. O., S. 729–790, während seiner Lebensphase von
Herbst 1903 bis Dezember 1906 genannt.
II. Das Buch – 628-E8
Und da ich die Naturgewalt, der Wind, der Sturm, der
Blitz bin, müßte Ihnen begreiflich werden, mit welcher
Verachtung ich von der Höhe meines Automobils herab
die Menschheit … was sage ich ? … das gesamte meiner
Allmacht unterworfene Universum betrachte.
Octave Mirbeau, 628-E8
628-E8 nimmt eine auffällige Sonderstellung in Mirbeaus
Œuvre ein : Es ist sein umfangreichstes und undefinierbar-
stes, sein formal dekonstruktivstes und inhaltlich skandal-
trächtigstes, sein heiterstes und zugleich boshaftestes und
das letzte literarische Werk, das er selbst noch vollstän-
dig abgeschlossen hat. Die eigentliche Hauptfigur darin ist
nicht mehr ein Mensch, sondern eine Maschine, wenn auch
mit Merkmalen eines idealen Lebewesens, ein Automobil mit
dem Nummernschild »628-E8«. Auch ist das Buch nicht, wie
bis dahin dem literarischen Kanon entsprechend, einem Gön-
ner, Freund oder literarischen Kollegen oder einer verehrten
Dame gewidmet, sondern überraschend einem Industriellen,
dem Konstrukteur dieses Luxusvehikels. Zudem gehört es
neben dem Roman Dingo, der danach noch 1913 erschien, zu
den beiden einzigen Prosawerken Mirbeaus, die bisher nie ins
Deutsche übersetzt wurden. Im Fall von La 628-E8 ist der
Grund verständlich : Für seine deutschen Verleger – ob Albert
Langen oder der Wiener Verlag, ist ungewiß – war das Buch,
natürlich wegen der Kapitel »Der Überkaiser« und »Berlin-
Sodom«, ein zu heißes Eisen. Schon im August 1907, drei Mo-
nate bevor das Buch überhaupt im Original erschien, meldete
Mirbeau seinem Freund Jules Huret :
»Ich habe mit dem deutschen Verleger gebrochen. Nach-
dem er die guten Blätter gelesen hatte, hat er mir geschrie-
ben und mich angefleht, ihn [von dem Vertrag] zu entbinden.
›Man würde mich‹, meinte er, ›wegen Majestätsbeleidigung
508 509
mit jenen politisch besonders stark engagierten, mal zornig,
mal ironisch aufrüttelnden Reisewerken wie den Ansichten
vom Niederrhein – Von Brabant, Flandern, Holland, England
und Frankreich, im April, Mai und Junius 1790 (1792) des Na-
turforschers und Jakobiners Georg Forster, dem Spaziergang
nach Syrakus im Jahre 1802 (1803) von Johann Gottfried
Seume und vor allem mit den Reisebildern (dt. 1826–1831, frz.
1834) von Heinrich Heine, den Mirbeau wegen seiner spötti-
schen Feder und seines ständigen Bemühens um das gegen-
seitige Bekanntmachen der Nachbarkulturen von Deutsch-
land und Frankreich besonders liebte und den er auch in
628-E8 mehrfach erwähnt. Und schließlich ist hier noch Otto
Julius Bierbaum, ebenfalls ein Erfolgsautor der Jahrhundert-
wende, Lyriker, Romancier, Kabarettist, Journalist und Her-
ausgeber der Zeitschriften Pan und Die Insel, zu nennen : Er
war derjenige, der als Erster mit einem Automobil den Sankt-
Gotthard-Paß überquerte und der mit seinem Buch Eine emp-
findsame Reise im Automobil – Von Berlin nach Sorrent und
zurück an den Rhein. In Briefen an Freunde geschildert, das
1903 erschien, den Automobilismus in die deutsche Literatur
einführte, während Mirbeau erst vier Jahre später mit La
628-E8 den Automobilismus in die französische Literatur ein-
führte. Bierbaums »empfindsame Reise« berichtet – obwohl
ihr Titel einen ähnlich verwilderten Text wie Sternes Senti-
mental Journey erwarten läßt – chronologisch geradlinig und
diszipliniert schöngeistig in Briefen an Freunde von einer
kulturellen Vergnügungsfahrt im Jahr 1902 über Prag und
Wien durch Italien und die Schweiz. Mirbeaus Buch erzählt
lustvoll unchronologisch und chaotisch in einem Patchwork
von Erlebnissen, Träumen, Phantasien und abschweifenden
Exkursen von seiner Autoreise im Mai 1905 durch Belgien,
Holland und Deutschland. Bierbaum fährt, begleitet von sei-
ner Frau Gemma, mit einem Adler-Phaëton (8 PS, 1 Zylinder,
3 Gänge), den ihm der Scherl-Verlag samt Chauffeur (einem
Techniker der Adler-Werke) und Unkostenbeteiligung zur
25.000 Francs (75.000 €) – der berühmte ›628-E8‹
17
– folgt.«
Drei Monate später »leistet er sich noch einen zweiten, doch
bescheideneren Charron mit nur 15 PS.«
18
Eine erste Auto-
reise führt im Herbst 1900 durch die Schweiz, eine zweite im
Sommer 1902 in verschiedenen Fahrten durch Frankreich,
eine dritte längere im Mai 1905 durch Belgien, Holland und
Deutschland.
Zum anderen kauft seine Frau Alice, bereits Besitzerin
mehrerer Häuser, aus denen sie hohe Mieteinkünfte bezieht,
im März 1904 im Weiler Cormeilles-en-Vexin (Département
Val d’Oise) für 158.000 Francs ein Schloß aus dem 18. Jh.
mit einem 15 ha großen Park.
19
Dort züchtet sie exotische
Hühner, er züchtet exotische Pflanzen und schreibt zwischen
1905 und 1907, unterbrochen von Aufenthalten in Paris, wo
sie ein luxuriöses Appartement besitzen, und von Reisen mit
dem Automobil, sein Buch 628-E8.
Die literarische Tradition
Das Buch steht in der Tradition jener Reiseberichte, die über
eine rein chronologische Tagebuch-Berichterstattung (die er
bereits auf S. 31 f. verspottet) hinausgehen und das Reisen
zum Anlaß für ausführliche philosophische, kunstästheti-
sche und naturwissenschaftliche Reflexionen nehmen, wie
etwa Goethes Italienische Reise (1829). Mit seiner saloppen
Fabulierlust und Lust am spontanen Einstreuen von Anekdo-
ten, erotischen Abenteuern, gesellschaftlichem Klatsch und
sonstigen Abschweifungen, ist Mirbeaus Buch jedoch enger
mit Laurence Sternes Sentimental Journey through France
and Italy (1768) verwandt. Am engsten verwandt ist es aber
17 Ganz am Ende des Mirbeau-Archivs im Internet findet sich eine Ab-
bildung des Modells (http ://michelmirbeau.blogspot.com).
18 Biographie Octave Mirbeau …, a. a. O., S. 766.
19 Siehe Eintrag »Cormeilles-en-Vexin« in Y. Lemarié, P. Michel (Hrsg.),
Dictionnaire Octave Mirbeau, Lausanne 2011, S. 379.
510 511
Aber Mirbeau trägt selbst stark zu dieser Verrätselung bei :
1.  scheint er im ersten Satz der vorangestellten »Widmung«
von einem Genre »Reise-Erzählung« (récit de ce voyage) zu
sprechen ; 2. spricht er am Anfang von Kapitel I, im »Hinweis
an den Leser«, dagegen vom Genre »Reise-Tagebuch« (Journal
de ce voyage, hier Journal großgeschrieben, somit als litera-
rischer Gattungsbegriff hervorgehoben !) ; 3. handelt es sich,
so schreibt er, um eine Reise, die zwar durch »ein wenig« von
Frankreich, Belgien, Holland und Deutschland, aber »vor al-
lem durch ein wenig von mir selbst« führt, womit er andeutet,
daß das Objekt der Erkundungen zwar die genannten Län-
der, aber »vor allem« er selbst sein wird, und damit betont er
das Subjektive seiner Betrachtungen ; 4. stellt er im folgenden
Satz sofort wieder in Frage, ob das Ganze »wirklich ein Tage-
buch« ( journal – diesmal kleingeschrieben, also als allgemei-
ner, alltäglicher Begriff verwendet !) und ob es »überhaupt eine
Reise« ist ; und 5. fragt er gleich darauf, immer unsicherer :
»Sind dies nicht eher Träume, Träumereien, Erinnerun-
gen, Impressionen, Erzählungen, die zumeist überhaupt kei-
nen Bezug […] zu den besuchten Ländern haben und die ein-
fach nur eine Gestalt, der ich begegnet bin, eine Landschaft,
die ich flüchtig gesehen habe, eine Stimme, die ich […] zu hö-
ren meinte, in mir erstehen oder wiedererstehen lassen ?«
Und direkt anschließend noch weiter verunsichernd :
»Aber ist es auch sicher, daß ich diese Stimme tatsächlich
gehört habe, daß ich dieser Gestalt […] wirklich irgendwo be-
gegnet bin ; daß ich [diese Landschaft] mit eigenen Augen ge-
sehen habe […] ?« (S. 28)
Der Autor macht – und dem Leser wird – immer unklarer,
wo es sich im Folgenden um Träume oder Tatsachen, um Fak-
ten oder Fiktionen, mit anderen Worten, um welche Textart
es sich eigentlich handelt. Hier scheint Mirbeau jene literari-
sche Ausdrucksform – wenn auch keine Bezeichnung für sie –
gefunden zu haben, die ihm schon 1891 vorschwebte, als er in
einem Brief an seinen Malerfreund Monet schrieb :
Verfügung gestellt hatte ; Mirbeau reist, begleitet von seiner
Frau Alice und drei weiteren Freunden (die aber nie nament-
lich genannt werden und nie zu Wort kommen), mit seinem
eigenen C.-G.-V. (30 PS, 4 Zylinder, 4 Gänge), seinem eigenen
Chauffeur und auf eigene Kosten durch Frankreich, Belgien,
Holland und Deutschland. Bierbaum nennt seine Reiseein-
drücke »Empfindungen«, Mirbeau, der Förderer der Impres-
sionisten, nennt sie natürlich »Impressionen«. Bierbaum
nennt sein Fahrzeug häufiger noch »Laufwagen« als »Automo-
bil«, Mirbeau nennt es meist »Automobil«, häufig auch schon
»Auto« oder »Maschine«. Beide, besonders aber Mirbeau, der
ultralinke Verteidiger der Armen gegen die Reichen, sorgen
gleichermaßen für Überraschung, als sie sich plötzlich für
eine so unpoetische, hochtechnisierte Novität wie das Auto-
mobil begeistern, das zunächst nur für den Rennsport ent-
wickelt wurde und noch so teuer war, daß es sich zum priva-
ten Vergnügen nur die Reichsten der Reichen leisten konnten.
Das Rätsel der literarischen Gattung
Sogleich fällt auf, daß das Buch 628-E8 unter dem bereits so
rätselhaften Titel keinerlei Gattungsbezeichnung aufweist.
Als was ist dieses »seltsame literarische Objekt ohne Bei-
spiel«, so nennt es Pierre Michel,
20
also zu lesen – als Reise-
roman ? Reisebericht ? Reiseessay ? Reiseerzählung ?
Darüber rätselten bereits Mirbeaus Kollegen : Remy de
Gourmont hielt das Buch für nichts weiter als »Sportlitera-
tur«, André Gide meinte – angesichts der chaotischen Kom-
position –, Mirbeau gleiche »einem Kind, das brühheiß
schreibt, ohne nachzudenken«, und der sonst so feinfühlige
Valéry Larbaud sah darin sogar nur »Pornographie niedrig-
sten Niveaus«.
21
Sie begriffen nicht, was das Neue daran war.
20 Vorwort zu La 628-E8 online (www.leboucher.com), S. 8.
21 Ebenda, S. 25.
512 513
Eine »Autofiktion« ?
Angesichts dieser Verquickung von faktischen und fiktiona-
len Elementen meinte Pierre Michel, daß Mirbeau hier be-
reits 70 Jahre bevor der Begriff geprägt wurde, das Genre der
»Autofiktion« praktizierte.
24
Den Begriff autofiction schöpfte
der Literaturwissenschaftler und Romancier Serge Doubrov-
sky 1977 aus autobiografie und fiction, als er seinen Roman
Fils als »Fiction d’événements et de faits strictement réels, si
l’on veut, autofiction« (Fiktion streng realer Ereignisse und
Fakten, wenn man so will, Autofiktion) definierte. Als Gat-
tungsbegriff hat sich die »Autofiktion« seither durchgesetzt,
als Genre wurde sie vor allem in Frankreich zur beliebten
Mode, nicht zuletzt deshalb, weil sich der Autor einer »Auto-
fiktion« bei sittlich anstößigen und sachlich unwahren Pas-
sagen, die juristische Folgen haben – wie es inzwischen oft
genug vorkommt –, hinter dem Argument verschanzen kann,
daß es sich bei diesen um Fiktionen eines fiktiven »Erzäh-
lers« und nicht um autobiographische Fakten oder authenti-
sche Ansichten des echten »Autors« handelt.
Ohne Formzwang zur Höchstform
Mirbeau sucht aber gerade keine neue Definition eines Gen-
res, sondern er stellt alle Genres in Frage. Er definiert sei-
nen Text nur durch all das, was er nicht ist – und bereits
das ist das Neue, das Moderne an dem Werk, was man erst
viel später als »offene Form« bezeichnen wird. Die Befreiung
von allem Formzwang eines Genres erlaubt ihm die anarchi-
sche Freiheit zu sämtlichen Genremischungen. Sie erlaubt es
ihm, ähnlich wie seinem Vorbild Heinrich Heine in dessen
Reisebildern, sämtliche Facetten seiner Porträt-, Erzähl- und
24 Siehe Pierre Michel, »Mirbeau et l’autofiction« in Cahiers Octave
Mirbeau Nr. 8 (1991), S. 121–134.
»Die Minderwertigkeit des Romans als Ausdrucksmittel
widert mich immer mehr an. […] Ich werde versuchen, fürs
Theater zu schreiben, und dann etwas verwirklichen, was
mir seit langem durch den Kopf geht, nämlich eine Reihe von
Büchern reiner Gedanken und Empfindungen ohne den Rah-
men des Romans.«
22
Die Destruktion des traditionellen Romans mit Hauptfigu-
ren und logisch-chronologischer Entwicklung einer Handlung
hatte Mirbeau in der Tat immer radikaler betrieben : Der Ro-
man Les 21 Jours d’un neurasthénique (1900), scheinbar tägli-
che Aufzeichnungen eines Nervenkranken in einem Luftkur-
ort, war in Wirklichkeit aber eine Collage aus über 55 schon
früher irgendwo veröffentlichten Feuilletons
23
und damit be-
reits ein Höhepunkt dieser Tendenz gewesen. 628-E8 geht je-
doch selbst darüber noch hinaus, denn das Buch setzt sich
über die Gesetze und Grenzen aller sonst noch denkbaren
Genres hinweg : Mirbeau durchmischt nachprüfbar autobio-
graphische und authentische Elemente einer Reise (tatsäch-
lich besuchte Länder, Städte, Häfen, Sehenswürdigkeiten,
Museen etc.) mit fiktiven Elementen, denn der Haupt-Erzäh-
ler ist zwar nachweisbar der authentische Autor Mirbeau,
aber die meisten seiner Gesprächspartner, »Freunde« und
Neben-Erzähler (Weil-Sée, Baron von B***, Gerald B***) sind
paradoxerweise fiktive Figuren, wie sich bei näherer Nachfor-
schung zeigt, und da selbst sein ständig auftretender Chauf-
feur in Wirklichkeit Paul Taillebois hieß, hier aber zu einer
urkomischen literarischen Figur namens Charles-Louis-
Eugène Brossette in bester Tradition des Diener-Typs aus der
Komödie und dem komischen Roman mit seiner Durchtrie-
benheit, seinem Mutterwitz, seiner Mundart und seinen Lieb-
lingssprüchen wie »Drecksland, dreckiges !« stilisiert wird.
22 Zit. in : ebenda, S. 7.
23 Siehe Nachwort zu Nie wieder Höhenluft oder Die 21 Tage eines
Neurasthenikers, a. a. O., S. 396.
514 515
»Hinweisen an den Leser« (S. 28). Dies verteidigt er sogar poe-
tologisch und beruft sich dabei ausgerechnet auf Boileaus Art
poétique aus dem Jahr 1674, »daß eine schöne Unordnung ein
Effekt der Kunst sei« (S. 33).
Kaprice und Laune, Unlogik und Unordnung durchziehen
das ganze Buch : Bereits bei der Betrachtung des Inhaltsver-
zeichnisses fällt auf, wie ungleichmäßig die Reisestationen
gewichtet, wie unsystematisch die Kapitel gegliedert, unter-
teilt und benannt sind. Auch der Aufbau der Widmung zeigt
bereits »schöne Unordnung« : Die »Hommage« an Charron
und sein Automobil ist in Ton und Inhalt selbst für Mirbeaus
Temperament so überspannt hymnisch gehalten, daß einem
Bedenken kommen, ob sie wirklich aufrichtige Euphorie oder
nicht hinterlistige Ironie ist. Tatsächlich wird sie, wie man
bald bemerkt, nicht bruchlos durchgehalten, sondern gleich
fünf Mal unterbrochen – schon hier fallen Mirbeau Anekdo-
ten ein, die er unbedingt sofort erzählen muß : eine Unterhal-
tung mit Bauern in einem Berggasthof, ein Streit mit seinem
Zeitungsverleger, eine Unterhaltung mit einem amerikani-
schen Stahlmagnaten in der Autowerkstatt in Paris, ein spä-
teres Gespräch mit diesem in Delft (das weit auf die späte-
ren Holland-Impressionen vorausgreift) und dort gleich auch
noch eine erste jener zauberhaften Passagen lyrisch-impres-
sionistischer Prosa, wie sie immer wieder auftauchen (hier
über einen nächtlichen Spaziergang an den Grachten der
Stadt ; S. 25 f.)
Auch gleich zu Beginn des eigentlichen Textes springt
Unlogik und Unordnung ins Auge : Während er in der »Wid-
mung« dem Konstrukteur gegenüber in höchsten Tönen die
Vorzüge des Automobils und der Geschwindigkeit gepriesen
hatte, deklariert er direkt danach den Lesern gegenüber –
in »Die Geschwindigkeit« – den Automobilismus als »Krank-
heit«, ja als »Geisteskrankheit« (S. 33).
Und schließlich zelebriert Mirbeau seine Lust an Unord-
nung immer wieder durch Umstürzen der Chronologie, durch
Dialogkunst, seiner Komik – und auch seiner Poesie –, aber
auch all seine ästhetischen, sozialen und politischen Anliegen
in einem Werk zu vereinen. Er läuft hier gewissermaßen zur
Höchstform seines Schaffens auf.
Schon Hubert Juin schlug 1977 im Vorwort seiner franzö-
sischen Neuedition zu recht vor, gerade dieses Werk von Mir-
beaus Werken als sein »Meisterwerk«
25
zu bezeichnen – man
könnte sogar von einem »Best of Mirbeau«, von einem idealen
»Mirbeau-Reader« zur Wiederentdeckung des Autors spre-
chen. 628-E8 enthält in der Tat vieles vom Komischsten (»Die
Fauna der Landstraßen«, »Er sorgt für Rasse«, »Der Überkai-
ser«), vom Erotischsten (»Die nur angelehnte Tür«), vom Schok-
kierendsten (»Der rote Kautschuk«, »Pogrome« oder »Prostitu-
tion«) oder Erschütterndsten (»Balzacs Tod«), was Mirbeau je
geschrieben hat. Alles scheint er hier auf die Spitze zu trei-
ben, seine Karikaturen skurriler Gestalten, seinen Wortwitz,
seine Provokationen, seinen Spott und seinen Haß.
Im Tempo seiner Fabulierlust flicht er aber auch in beson-
derem Übermaß zeitgeschichtliche Fakten und verehrte oder
verhaßte Namen ein, die heute zum Großteil selbst in Frank-
reich vergessen sind und deutschen Lesern erst recht unbe-
kannt sein werden. Daher erschien uns ein umfangreicherer
Anhang von Stellenkommentaren nützlich, um die angedeu-
teten Hintergründe zu erhellen.
Kaprice, Laune, Unlogik – die schöne Unordnung
Der Automobilität seines Automobils entsprechend erlaubt
sich Mirbeau große Flexibilität in der Darstellung der Reise,
jede Unterbrechung, jede Abschweifung vom roten Faden der
Fahrt : »Das Automobil ist die Kaprice, die Laune, die Unlo-
gik, bei der man alles vergessen muß …« schreibt er in den
25 Siehe Octave Mirbeau, La 628-E8, Paris 1977, Éditions 10/18, Vor-
wort von Hubert Juin, S. 19.
516 517
mens beim Sprechen führt zu ständigen Ellipsen – gekenn-
zeichnet durch »…« –, zu ständigen Abbrüchen, Neuansätzen,
Variationen oder Wiederholungen in den Dia- und Monolo-
gen. Mirbeau setzt diese Methode nicht nur in seinen drama-
tischen, sondern auch in seinen Prosawerken virtuos ein, und
dadurch gelingen ihm herrliche Sketche und zugleich bril-
lante Porträts ihrer Sprecher in knappster Form. So doziert
der Zeitungsverleger Letellier über besonders gut vermarkt-
bare Artikelsujets :
»[…] Und die Kunst, verehrter Monsieur – die Kunst ganz
allgemein natürlich –, das wäre ein weiteres Artikelthema …
Ich behaupte nicht, daß das mein Traum wäre … nein … denn
ich und die Kunst, Sie verstehn, was ich meine ! … Wie dem
auch sei, also mit Talent …«
und endet mit dem sprachlich grandios transkribierten
Vorschlag :
»Ha ! … Wie wär’s mit Pornographie ? … Phantastisch ! …
Unerschöpflich ! … Die Pornographie, also für einen Schrift-
steller, der Phantasie hat  … aber  … ich meine natürlich  …
jawohl … oh ! …«
Darauf der »Erzähler« Mirbeau :
»Ich wollte die majestätische Aura dieses Ausrufs auf kei-
nen Fall durch irgendeinen Kommentar schmälern  … Ich
begnügte mich damit, Monsieur Eugène Letellier noch auf-
merksamer zu betrachten … Er sah gut aus … er war mäch-
tig … er war das Jahrhundert … Der arme Kerl !« (S. 22)
Hier sieht man auch, daß Mirbeau diese elliptische Tran-
skription der »allmählichen Verfertigung der Gedanken«, wie
Kleist dies nannte, sogar nicht nur »beim Reden«, d. h. nicht
nur in zitierten Sprechpassagen anderer verwendet, sondern
auch »beim Denken«, d. h. in seinen erzählenden Kommenta-
ren, Schilderungen und essayistischen Exkursen. Und das
hat zur Folge, daß die Grenzen zwischen der Ebene des »Spre-
chens« anderer und der des eigenen »Erzählens« verschwim-
men : Auch das Erzählen des Erzählers wird zu einem Spre-
Vorziehen von Nachfolgendem : Einmal kündigt er an, eine
Gelegenheit zu nutzen, »um ein paar Bemerkungen zu riskie-
ren«, schiebt dann mit den Worten : »Doch zuvor eine kleine
Anekdote, wenn’s beliebt ?« einen anderen Exkurs ein (S. 20) ;
im Kap. I plaudert er im Unterkapitel »Die Geschwindigkeit«
(S. 33), vom Thema abschweifend und vorausgreifend, bereits
von Amsterdam, das erst in Kap. V (S. 281) zum Thema wird ;
und bereits hier erzählt er eine Anekdote über seinen Chauf-
feur Brossette, darauf folgt das Thema »Die Autowerkstatt«
(S. 39), doch dieses beginnt mit dem Satz : »Charles Brossette ?
Der ist eine Abschweifung wert …«, aber dann wird trotzdem
nicht zu ihm abgeschweift, sondern vom milieu der Autowerk-
stätten gesprochen – und erst darauf folgt endlich das eigent-
liche Unterkapitel »Mein Chauffeur« (S. 43).
Die Sprache
Mirbeau schreibt in einer Sprachform, wie sie für die litera-
rische Epoche des radikalen Naturalismus typisch ist und
auch im Deutschen von den Dramatikern des Naturalismus
wie Gerhart Hauptmann sowie von Arno Holz und Johannes
Schlaf z. B. in Papa Hamlet (1889) und von Peter Altenberg
in seinen minimalistischen Prosa-»Studien« der Sammlung
Wie ich es sehe (1898/1904) praktiziert wurde. Diese Sprache
– eine »Überwindung der Papiersprache« und »phonographi-
sche Methode«, wie sie Arno Holz nennt
26
– versucht das Mi-
mische und Gestische des Sprechakts möglichst realistisch
wiederzugeben, wodurch zugleich die momentane psychi-
sche Befindlichkeit sowie individuelle Charakteristika wie
Sprachkompetenz, Soziolekt, rhetorische Eigenwilligkeiten
des Sprechers porträtiert werden. Diese seismographisch auf-
gezeichnete Art des Tastens, Zögerns, Überlegens, Verstum-
26 Zit. von Fritz Martini in seinem Nachwort zu : Arno Holz und Johan-
nes Schlaf, Papa Hamlet / Ein Tod (…), Stuttgart 1977, S. 113.
518 519
viele grammatikalisch weibliche und anatomisch als weiblich
verherrlichte Formen erwecken den Verdacht, das (weibliche)
Automobil La 628-E8 sei für den stark misogynen Autor nicht
nur ein ideales maschinelles Gefährt, sondern eine mensch-
liche Idealgefährtin, eine Art femme-machine wie im Roman
L’Ève future (1886) von Villiers de l’Isle-Adam, worin der Er-
finder Edison eine maschinelle Idealfrau konstruiert, der er
ebenfalls »Leben einhaucht«. Auf alle Fälle ist das Automobil
das ständig begehrte, gepflegte und verehrte – man darf hier
sogar offen sagen : das täglich benutzte – Liebes- und Lustob-
jekt, und es ist die größte Schönheit im Buch.
28
Die neue Ästhetik : Automobilität und Geschwindigkeit
Das Auto verändert Mirbeaus Wahrnehmung, ja seine gesam-
ten Ansichten so radikal wie nie etwas zuvor. Für ihn, den
man bisher als politisch Engagierten, als Förderer von Lite-
ratur und Kunst kannte, ist nun plötzlich – und mehr als al-
les andere – das Auto sein »künstlerisches und geistiges Le-
ben«, erst im Auto fühlt er plötzlich, »wie die Dinge und die
Menschen leben« (S. 19), ausgerechnet das Auto ist ihm nun
»noch unersetzlicher, noch nützlicher, noch reicher an Bil-
dungsangeboten als meine Bibliothek, wo die geschlossenen
Bücher in ihren Regalen schlummern, als meine Gemälde,
die nun überall um mich her mit der Erstarrtheit ihrer Him-
mel, ihrer Bäume, ihrer Wasser, ihrer Figuren Totes an die
Wände heften …« (S.19).
Das Geheimnis dieser neuen, alles verändernden Ästhetik
der Wahrnehmung ist die »Geschwindigkeit« – la vitesse – , der
er ein eigenes Kapitel widmet (S. 33). Dialektisch und wider-
sprüchlich wie immer, deklariert Mirbeau sie zwar zunächst
28 Zur Funktion des Automobils als weibliche Hauptfigur siehe
Éléonore Roy-Reverzys Studie »La 628-E8 ou la mort du roman« in : Ca-
hiers Octave Mirbeau Nr. 4 (1994), S. 257–266.
chen eines Sprechers, seine »Erzählung« erhält starke Züge
eines unausgesprochenen, sogenannten »inneren Monologs«,
wodurch auch der Erzähler Mirbeau in seinen individuell
subjektiven Befindlichkeiten, in seinem Temperament por-
trätiert wird – ganz ähnlich wie sein Freund Baron von B***
durch seinen gesprochenen Endlosmonolog über den »Über-
kaiser«.
Die Hauptfigur – das Automobil
Das Automobil spielt die Hauptrolle im Buch, es ist, so Pierre
Michel, im Grunde seine »wahre Hauptfigur oder Heldin«.
27
Wie ein Liebender im Liebesroman jubelt Mirbeau : »Ich
liebe mein Automobil […] ; es ist mein Leben […]« (S. 19). Wie
ein Liebeskranker – denn später konzediert er, daß man ihn
für einen »Kranken« hält (S. 29) – versteigt er sich so weit, es
als sein »magisches Tier«, sein »Einhorn« (S. 19) zu bezeich-
nen ! Das Automobil wird immer wieder auf verschiedenste
Art personifiziert, und zwar als weibliches Lebewesen : Schon
der französische Titel La 628-E8 weist mit seinem weibli-
chen Artikel auf etwas Weibliches hin, denn das Wort auto-
mobile und Autotypen sind im Französischen »automatisch«
grammatikalisch weiblichen Geschlechts. Aber Charrons
»bewundernswertes Automobil« wird darüber hinaus zum
weiblichen Lebewesen erschaffen, da der Konstrukteur, so
Mirbeau, der Maschine »ein wundervolles Leben eingehaucht
hat« (S. 15) ; »dieser wunderbare Organismus lebt«, hat »Lun-
gen«, ein »Herz«, ein »Gefäßsystem«, »Nervenbahnen« (S. 23),
und er hat – so heißt es viel später in Kap. IV, »Antwerpen«,
wo die Hommage an Charrons Automobil im Stil der »Wid-
mung« noch einmal aufgegriffen wird – eine »schöne Linie«,
eine »schöne, so volle, so wohlgeformte, so vollendet harmo-
nische Wölbung«, die der Maschine »ihre exakt angemessene
Epidermis« und eine »echte Schönheit« (S. 163) verleiht. So
27 Siehe Vorwort zu La 628-E8 online, a. a. O., S. 17.
520 521
Automobilismus – die Ideologie des Fortschritts
Zugleich ist sich Mirbeau bewußt, daß der Automobilismus
nicht nur Lust, Sport und Mode, sondern eine Ideologie, ja,
eine »Revolution« (S. 165) ist – die des »Fortschritts« : Inner-
halb der »Fauna der Landstraßen« erweisen sich die Autofah-
rer (S. 332) als die schlimmste Spezies dieser Fauna. Er kri-
tisiert ihre Allmachts- und Weltbeglückungs-Ideologie (»Platz
gemacht ! Platz gemacht für den Fortschritt ! Platz gemacht
für das Glück !«, S. 335) mit aller Heftigkeit und böser Ironie :
»Sobald ich […] im Automobil sitze, von der Geschwindigkeit
mitgerissen und vom Schwindel ergriffen werde, erlöschen die
humanitären Gefühle«, »dunkle Fermente von Haß«, »schwere
Hefen eines schwachsinnigen Stolzes« gären in ihm (S. 333).
Den Rausch der Geschwindigkeit, der ihn befällt, bezeich-
net er nun als »verabscheuungswürdigen Rausch«, das »kos-
mische« Bewußtsein des Automobilisten – das er oben noch
sein eigen nannte – und die Kraftmeierei, mit der dieser sich
als elementare »Naturgewalt« gebärdet, bezeichnet er nun
als »kosmogonischen Größenwahn« (S. 333)  – als würde der
Automobilist Mirbeau dies kritisieren, als würde er sich, ob-
wohl selbst Automobilist, von der Spezies der Automobilisten
distanzieren. Und doch sinniert er kurz darauf wiederum :
»Diese rückschrittliche Verstocktheit der Dorfbewohner,
denen ich ihre Hühner, ihre Hunde, manchmal auch ihre
Kinder überfahre, ist sie nicht […] empörend, da sie nicht be-
greifen wollen, daß ich der Fortschritt in Person bin und daß
ich für das Glück der Allgemeinheit arbeite ?« (S. 335)
Man fragt sich : Wer ist hier das »Ich« ? Der Automobilist
allgemein als »schlimmste« Spezies der Landstraße ? Der be-
geisterte Automobilist Mirbeau, der den Automobilismus in
der »Widmung« so hymnisch bejubelte ?
In einer makabren Szene tröstet ein (anderer) Autofahrer,
der ein Mädchen überfahren und getötet hat, die weinende
Mutter mit den Worten :
und voller Witz als »Geisteskrankheit« : Der Automobilist
»rast mit Vollgas vorbei, denkt mit Vollgas, fühlt mit Vollgas,
liebt mit Vollgas, lebt mit Vollgas«. Aber das Entscheidende
ist, da es Mirbeau immer um die Natur, die Menschheit und
das Leben überhaupt geht :
»Das Leben kommt […] von allen Seiten herangestürmt,
stürzt wild durcheinander und verschwindet wieder cine-
matographisch wie die Bäume, die Hecken, die Mauern, die
Gestalten, die die Landstraße säumen  … Alles um ihn, in
ihm springt, tanzt, galoppiert, ist in Bewegung, in entgegen-
gesetzter Bewegung zu seiner eigenen Bewegung. Eine zu-
weilen schmerzhafte, aber starke, phantastische und berau-
schende Empfindung, wie der Schwindel und wie das Fieber.«
(S. 33 f.)
Der Automobilist steht nicht mehr immobil wie der ma-
lende Impressionist vor seiner Staffelei mit einer Landschaft
vor sich, die er als immobil vor ihm liegend wahrnimmt, son-
dern er bewegt sich automobil an ihr vorüber, durch sie hin-
durch und hat zugleich die subjektive und schwindelerre-
gende Impression, alles würde sich mit der »Deformation der
Geschwindigkeit« (S. 29) an ihm vorüber, durch ihn hindurch
bewegen. Und doch heißt es wiederum, das Auto führe ihn
»mit freierem Kopf und schärferem Blick durch die Schönhei-
ten der Natur, die Vielfalt des Lebens und die Konflikte der
Menschheit« (S. 19).
Außerdem verschafft ihm der Rausch der Geschwindig-
keit »kosmische Lust«, und diese erweitert sein Bewußtsein,
so daß er sich »an Bord« des Autos »an Bord des Raumes«, im
»sich bewegenden Raum«, ja sogar als ein »Atom«, ein »Leben
gebärendes Atom« des »Universums« empfindet. (S. 164)
522 523
Buch«
29
sein werde. Sofort schrieb sie an die Zeitung, daß sie
»aufs energischste […] gegen die abscheulichen Verleumdun-
gen durch M. Mirbeau« protestiere, da »in diesen Geschich-
ten kein einziges wahres Wort enthalten«
30
sei, und dies
wurde am 9. November – dem geplanten Erscheinungsdatum
des Buchs – in Le Temps veröffentlicht. Vier Tage darauf er-
schien im Gil Blas von ihr auch noch ein persönlicher Brief
an Mirbeau, worin sie der Hoffnung Ausdruck verlieh, daß er
die betreffenden Seiten aus seinem Werk tilgen werde, da sie
sich sonst gezwungen sehe, mit juristischen Mitteln wegen
»Verleumdung« gegen ihn vorzugehen.
31
Mirbeau hatte keine
Ahnung, daß die Tochter von »Madame Hanska« noch lebte,
und scheute sich daher wohl plötzlich, die Ehre der achtzig-
jährigen Dame zu verletzen, denn die inkriminierten Kapi-
tel zogen das Andenken ihrer Mutter tatsächlich schwer in
den Schmutz. Daher ließ er die Einbände der 11.000 bereits
broschierten Exemplare der Erstauflage in einer kostspieli-
gen Eilaktion durch den Verlag wieder auflösen und 52 Seiten
– mehr als 10 % des gesamten Textes – daraus entfernen. In
die Lücke flickte er notdürftig zwei Absätze aus dem Kapitel
»Mit Balzac« ein, die nun, da völlig aus dem Zusammenhang
gerissen, seltsam banal klangen (siehe die eingeklammerte
Passage S. 412 f.)
Es stellt sich die Frage,
32
was Mirbeau zu dieser so hefti-
gen, gleich drei Kapitel umfassenden Polemik gegen Gräfin
Hanska, Balzacs langjährige ferne Geliebte und kurz vor sei-
nem Tod geehelichte Gemahlin, überhaupt bewogen hat.
Zum einen war es Mirbeaus ikonoklastische Lust, sakro-
29 Zit. in : Octave Mirbeau, La 628-E8, Éd. 10/18, a. a. O., S. 25.
30 Ebenda, S. 26.
31 Biographie Octave Mirbeau …, a. a. O., S. 806.
32 Siehe dazu ausführlich Marie-Françoise Melmoux-Montaubin,
»Mort de Balzac« in : Cahiers Octave Mirbeau Nr. 4 (1997), S. 267–279,
und »La 628-E8 : le scandale de la Mort de Balzac« in : Biographie Octave
Mirbeau …, a. a. O., S. 804–807.
»Denken Sie doch nach, gute Frau. Ein Fortschritt stellt
sich nie in der Welt ein, ohne daß dies ein paar Menschen-
leben kostet […] Es ist doch evident, nicht wahr ? … daß der
Automobilismus ein Fortschritt ist, vielleicht der größte Fort-
schritt dieser bewundernswerten Zeit … […] Sagen Sie sich,
daß der Automobilismus, auch wenn er Ihre Tochter getö-
tet hat, allein in Frankreich zweihunderttausend Arbeiter
ernährt  … zweihunderttausend Arbeiter, verstehen Sie ?«
(S. 337)
Spätestens hier werden die Hymnen auf den Fortschritt
aus der »Widmung« erheblich relativiert, spätestens hier zeigt
Mirbeau in einem argumentativ raffinierten Verwirrspiel
alle Zwiespältigkeit, alle Dialektik der Ideologie des techni-
schen Fortschritts auf, die Arbeitsplätze schafft, aber über
Leichen geht. Aber er hatte den Leser ja schon früh genug
gewarnt, daß er in dem Buch »häufig Widersprüche finden«
wird, die seine »zarte und ordnungsliebende Seele schockie-
ren« und seinen »von scharfer Logik erfüllten Geist empören«
werden (S. 32).
Die Provokationen und Skandale
Die größten Empörungen löste Mirbeau mit seinen Ansich-
ten über Belgien, Deutschland und Frankreich sowie mit den
Balzac-Kapiteln aus.
Die Balzac-Kapitel : Diese sorgten zunächst nur als Presse-
Gerücht für einen Skandal, denn in der Erstausgabe bekam
sie niemand zu Gesicht, da sie im November 1907 in letz-
ter Minute wieder daraus entfernt wurden und das Buch in
vollständiger Form erstmals 1938 erschien. Der Grund : Am
6. November hatte die Tochter von »Madame Hanska«, Grä-
fin Anna Hanska-Mniszech – die hochbetagt in einem Klo-
ster in Paris lebte –, in einer Vorankündigung in Le Temps
gelesen, daß »die Erzählung von Balzacs Tod nach Jean Gi-
goux […] gewiß die erschütterndste Episode von Mirbeaus
524 525
ständnisse« beziehen sich auf Ereignisse, die schon damals
50 Jahre zurücklagen. Fest steht nur, daß Mirbeau Jean Gi-
goux bei seinem Schwiegervater, dem Dichter José-Maria He-
redia, und im Atelier von Rodin persönlich begegnet ist, daß
Heredia und Gigoux ganz in der Nähe von Balzac wohnten
und daß der Maler Gräfin Hanska bereits vor Balzacs Tod
näher gekannt haben muß, da er zweimal ihre Tochter Anna
Hanska- Mniszech porträtiert und nach Balzacs Tod auch ei-
nen Salon de Mme. de Balzac gemalt hat (s. Anm. zu S. 430),
aber daß er frühestens ab 1852, also nach Balzacs Tod, ihr
Geliebter gewesen sein dürfte.
33
Der Hauptgrund für diese Erzählung vom grauenhaften
Scheitern der Balzac-Ehe und der negativen Darstellung
von Balzacs Haupt-Lebenspartnerin, Gräfin Hanska, dürfte
jedoch Mirbeaus Bedürfnis gewesen sein, ein weiteres Mal
den erbarmungslosen Krieg der Geschlechter und unüber-
windlichen Abgrund zwischen ihnen darzustellen. Er erzählt
diese Geschichte, so Pierre Michel, stellvertretend für die Ge-
schichte seiner eigenen gescheiterten Ehe und seinen Haß auf
seine eigene Frau Alice Regnault, die ehemalige Schauspiele-
rin, die er einst auf der Bühne gesehen und angebetet und
dann geheiratet hatte. Diese Ersatzrache in Form eines fikti-
ven Textes hatte er bereits früher geübt, 1892 in Le Journal
unter einem Pseudonym mit einem ungeheuer misogynen Ar-
tikel »Lilith« und 1894 in der gleichen Zeitung mit der mehr-
teiligen Novelle Mémoire pour un avocat.
34
Abgesehen von al-
ledem ist die so stark in sich geschlossene Balzac-Erzählung
ein Musterbeispiel von Décadence-Literatur des Fin de Siè-
cle : Ihre Lieblingsthemen wie die Besessenheit des Genies,
die angebetete Frau als femme fatale, die enge Verflechtung
zwischen Eros und Thanatos sowie Verfall, Tod und Verwe-
33 Ausführlicheres dazu siehe Jean Pommier, »Ève de Balzac, sa fille,
son amant« in : Année Balsacienne 1966, S. 245–285.
34 Siehe Vorwort zu La 628-E8 online, a. a. O., S. 28, Anm. 1.
sankte »große Männer« von ihrem Sockel zu stoßen und das
Vorurteil der Leser vom edlen Schriftsteller zu schockieren.
Er präsentiert einen Balzac ohne jede Beschönigung (»Er war
gedrungen, stämmig, schmerbäuchig, sehr häßlich«, S. 413) :
als einen Menschen so besessen in seiner Romanproduktion
wie in seinen Liebesbriefen, behaftet mit sämtlichen Lastern
wie Sammlerwahn, Prunksucht und ewigen Geldnöten, ei-
nen grandiosen Schöpfer und heroisch Gescheiterten, der mit
dem Monumentalwerk seiner Comédie humaine, die er nicht
mehr vollenden kann, ebenso scheitert wie mit seinen uto-
pischen Geschäftsprojekten, so modern und zukunftsträch-
tig sie auch sind – worin er deutlich dem Spekulanten Weil-
Sée gleicht (beide kamen »immer zu früh«, Weil-Sée S. 262,
Balzac S. 424). Dieses Balzac-Bild schöpfte Mirbeau aus ver-
trauenswürdigen Quellen, die er nennt (die Sammlungen von
Spoelberch de Lovenjoul sowie Aufzeichnungen von Madame
de Surville, Gautier, Léon Gozlan, Victor Hugo etc.), und es
entspricht in etwa dem Bild, das wir heute von Balzac haben.
Ganz anders verfährt Mirbeau mit »Madame Hanska«,
die durch Balzacs monumentale Korrespondenz mit ihr be-
rühmt wurde. Diese Gräfin Eva Hanska ist jedoch fast nur
aus Balzacs Briefen an sie bekannt, weshalb auch heute noch
wenig bekannt ist, von welcher Art ihre Gefühle gegenüber
Balzac wirklich waren, da Balzac die Briefe, die sie an ihn
schrieb, verbrannt hat. Äußerst fadenscheinig ist Mirbeaus
Quelle für die Entwicklung der Feindschaft zwischen den
Geliebten und vor allem für die skandalöse Geschichte, Ma-
dame de Balzac habe mit dem Maler Gigoux im Bett gelegen,
während ihr Gemahl auf grauenhafte Weise im Nebenzim-
mer dem Tod entgegensiechte, und die Balzac-Forschung hält
diese Geschichte im allgemeinen für eine Fiktion. Als »Be-
leg für die Authentizität« ( ! ) der angeblichen »Tatsachen« ( !)
führt er ausgerechnet mündliche »Geständnisse« des greisen
Malers Jean Gigoux an (S. 430), die dieser ihm vor Jahren
– Gigoux starb 1894 ! – gemacht haben soll, und diese »Ge-
526 527
voller, weil nie so bitter wie sein Haß auf Frankreich : Brüs-
sel ist, so scherzt er, »eine ganz kleine große Stadt«, in der
»alles lächerlich« und »ungeheuer komisch« (S. 82) ist und
die »die Vorstadt einer Stadt« ist, »die man vielleicht eines
Tages bauen wird« (S. 86). Er scherzt über belgische Autos,
die riesengroß sind, aber nur einen winzigen Motor »von der
Größe einer chinesischen Kaffeetasse« haben (S. 89) ; er spot-
tet ein ganzes Unterkapitel lang über die belgische Armee
(»Das Allerkomischste – alles ist immer das Allerkomisch-
ste in Belgien – ist die belgische Armee«, S. 102) ; er spottet
über den belgischen Katholizismus, eine »Art religiöser Ma-
laria« (S. 111) sowie über die Heuchelei der Pietät, denn ein
»Leichenschmaus« (S. 97) nach der Beerdigung einer Verstor-
benen endet in wüstem Gelächter und anschließendem Bor-
dellbesuch der Herren. Die drei Belgien-Kapitel nimmt Mir-
beau jedoch zum Anlaß, drei seiner wichtigsten politischen
Kämpfe, nämlich gegen Kolonialismus und Rassismus und
gegen das russische Zarenregime weiterzuführen.
Der belgische »Geschäftskönig« Leopold II. wird einerseits
zwar amüsant als größenwahnsinniger und geldgieriger Ge-
schäftemacher karikiert und mit Isidore Lechat, dem Speku-
lanten aus Mirbeaus Komödie Geschäft ist Geschäft verglichen
(S. 137). Aber andererseits – und vor allem – wird Leopold als
grauenhafter Ausbeuter seiner Kolonie Belgisch-Congo ge-
brandmarkt, die er sich als seinen Privatbesitz legitimieren
ließ und in der er unter unsäglichen Greueln die Kautschuk-
gewinnung betrieb und daraus seinen gewaltigen Reichtum
erwirtschaftete. Im Kapitel »Der rote Kautschuk« (S. 146 ff.)
meditiert Mirbeau beim Anblick von Gummi- Mustern in ei-
nem Schaufenster über die blutigen Umstände, unter denen
dieser Rohstoff in den afrikanischen Kolonien »gewonnen«
wurde. Diese Szenen gehören zu Mirbeaus härtesten und er-
schütterndsten Anklagen gegen den Kolonialismus, bei de-
nen selbst ihm, wie er schreibt, »die Lust zu lachen« vergeht.
Zugleich vergißt er aber auch nicht zu erwähnen, daß unser
sung hat Mirbeau hier ein weiteres Mal meisterhaft verarbei-
tet, und das allerletzte Bild von Balzacs Tod – »Die Nase war
restlos auf das Laken geflossen …« (S. 466) – wird man als Le-
ser so bald nicht vergessen.
Belgien : Weshalb die Franzosen die Belgier so sehr ver-
spotten, ist uns Deutschen eher weniger eingängig, Ostfrie-
sen-Witze aus dem Süden oder Bayern-Witze aus dem Norden
sind harmlos dagegen. Mirbeau zieht in gleich drei von sieben
Hauptkapiteln des Buchs über die Belgier her. Schon Georg
Forster hatte einen erstaunlich großen Teil seiner Ansichten
vom Niederrhein (1792) den heute belgischen Provinzen, da-
von allein sechs Kapitel der Stadt Brüssel und drei der Stadt
Antwerpen gewidmet und auch schon die »Andächtelei«,
»Pfaffenerziehung« sowie den »Geistesschlaf« und »Stumpf-
sinn« seiner Bewohner angeprangert.
Der Spott der Franzosen über die Belgier scheint jedoch
nicht nur eine Art Volksbrauchtum, sondern geradezu ein To-
pos der französischen Literatur zu sein : Schon Voltaire hatte
über die Belgier gelästert, vor allem hatte aber Baudelaire, der
sich 1864 bis 1866 hauptsächlich in Brüssel aufhielt, kein gu-
tes Haar an Belgien gelassen : Er hatte eine Serie von Spottge-
dichten unter dem Titel Amoenitates belgicae (etwa »Belgische
Anmutigkeiten«) geschrieben und sogar ein ganzes Buch – Ti-
tel : Pauvre Belgique ! (Armes Belgien !) – gegen Belgien ge-
plant, das er aber nicht mehr verwirklichen konnte. In zahllo-
sen Briefen und Notizen dazu verspottete er jedoch – und viel
unbarmherziger als Mirbeau – Brüssel als »Hauptstadt der
Affen«, nannte die Belgier »das blödeste Volk der Welt« und
litt unter dem Land als Inbegriff der Langeweile (ennui).
35
Mirbeaus Spott ist trotz aller Überzogenheit dagegen viel
humorvoller, viel witziger – man könnte sogar sagen : liebe-
35 Siehe dazu Gwenhaël Ponnau, »Haro sur la Belgique ? Les Amoeni-
tates belgicae de Mirbeau« in : Éléonore Réverzy, Guy Ducrey (Hrsg.),
L’Europe en automobile …, Strasbourg 2009, S. 97–108.
528 529
1923 erschien als belgische Rache an seinem Buch sogar ein
Gegen-Roman mit dem Titel La 629-E9 von einem gewissen
Didier de Roulx.
37
Deutschland : Den größten und wohl am meisten beabsich-
tigten Skandal erregte das Schlußkapitel über Deutschland,
das umfangreichste des Buchs. Während die Mehrheit der
französischen Bevölkerung im Zeitalter des »Revanchismus«
einen baldigen Krieg gegen Deutschland als Revanche für die
Niederlage von 1870/71 ersehnte, kämpfte Mirbeau – einer
der ganz wenigen französischen Intellektuellen ! – schon früh
für die Aussöhnung mit Deutschland und für die Wertschät-
zung seiner Kultur, und daher ist Deutschland auch hier das
am meisten gelobte Land der Reise.
Den Akt seiner Grenzüberschreitung der political correct-
ness hebt Mirbeau auffällig durch drei eigene Unterkapitel
über Grenzen hervor : zu Beginn der Reise in »Grenzen« (S. 53)
und »Der deutsche Zoll« (S. 55), am Ende der Reise in »Die
beiden Grenzen« (S. 489). Und in diesen Abschnitten geht es,
was ebenso auffällig ist, jedesmal um die deutsch-französi-
sche Grenze, und jedesmal ist Frankreich das unfreundliche,
rückständige und verkommene Land, das ihm die Ausreise
durch Schikanen erschwert, und Deutschland das freundli-
che, fortschrittliche und blitzsaubere Land, das ihm die Ein-
reise unbürokratisch erleichtert.
Sein Bedürfnis, die französischen Vorurteile gegen den
»Erbfeind« zu widerlegen, scheint so dringend zu sein, daß
er dabei schon zu Beginn des Buchs die Chronologie durch-
einanderwirft, was die Leser erheblich verwirrt : Im Kapi-
tel »Grenzen« erzählt er zunächst von der Fahrt nach Givet
zur belgischen Grenze, dann schweift er aber überraschend
nach Deutschland ab und schließt das anschließende Kapitel,
37 Siehe dazu Paul Aron, »De La 628-E8 d’Octave Mirbeau à La 629-E9
de Didier de Roulx« in : Éleonore Réverzy, Guy Ducrey (Hrsg.), L’Europe
en Automobile, a. a. O., S. 231–238.
Bedarf an diesem Rohstoff in Europa – »immer noch mehr
Pneus, immer noch mehr Regenmäntel, immer noch mehr
Vernetzungen für unsere Telefone, immer noch mehr Isolati-
onsmaterial für die Kabel der Maschinen« (S. 149) – den Fort-
gang dieser Ausbeutung unterstützt.
Ebenso drastisch und erschütternd sind Mirbeaus Ankla-
gen gegen den Rassismus, gegen die Verfolgung der Juden im
Kapitel »Pogrome« (S. 183). Im Hafen von Antwerpen bege-
gnet er einem greisen russischen Juden, der ihm in einer rat-
losen Sprache der Verzweiflung und in grauenhaften Szenen
von den Verfolgungen und Vergewaltigungen, Pogromen und
Massakern erzählt, bei denen von blutrünstigen russischen
Soldatenhorden nacheinander seine gesamte Familie, Frau,
Kinder und Enkelkinder, ausgerottet wurden. Das Kapitel ist
zugleich ein weiteres politisches Plädoyer Mirbeaus, nämlich
gegen die widernatürliche Freundschaftsallianz des »Zwei-
bundes« zwischen der französischen Republik und dem bru-
tal repressiven Zarenregime, und damit ein Plädoyer für die
russische Revolution, für die er seit 1905 in der »Gesellschaft
der Freunde des russischen Volkes« warb.
Obwohl Mirbeau sich in einem eigenen Unterkapitel
(»Schlechtes Gewissen«, S. 150 ff.) bei den Belgiern für seine
»Ungerechtigkeiten« entschuldigt ; obwohl er zahlreiche bel-
gische Kunst-, Literatur- und Musikschaffende auch hier lo-
bend erwähnt (Meunier, Servais, Maeterlinck, Verhaeren,
Rodenbach und andere) ; obwohl er den florierenden Hafen
von Antwerpen rühmt, empfanden die Belgier diese Belgien-
Kapitel als Skandal. Schon im Frühjahr 1908 bemühten sich
der Maler Pierre Broodcoorens und der Autor Maurice de Wa-
leffe, patriotisch erzürnt und völlig humorlos, Mirbeaus sämt-
liche Anwürfe Punkt für Punkt zu widerlegen
36
– und noch
36 Pierre Broodcoorens in La Belgique artistique et littéraire, Februar
1908, S. 302–316, und Maurice de Waleffe in La Revue, 1. 3. 1908, S. 60–
66 ; s. Pierre Michel, Vorwort zu La 628-E8 online, a. a. O. S. 28, Anm. 2.
530 531
sche Wort wird im Original mehrmals hervorgehoben) – und
Mirbeaus überzogenes Lob auf dieses überall erblühte Land,
verbunden mit seinen noch heftiger überzogenen Attacken
gegen Frankreich, war natürlich eine doppelte Ohrfeige für
französische »Patrioten«, da der Wohlstand, Fortschritt, Auf-
schwung und Bauboom  der Gründerzeit mit den Reparatio-
nen finanziert wurde, die  Frankreich seit 1871 an Deutsch-
land zahlen mußte.
Mirbeaus Deutschland-Eloge ist schier grenzenlos. Sie
klingt, so humorvoll sie gewürzt ist, fast wie Fremdenver-
kehrswerbung. Er lobt die deutschen Straßen (»homogen,
ohne einen Buckel, ohne eine Bodenwelle : eine gut gepflegte
Rennbahn«, S. 339), die Freudigkeit und Fröhlichkeit der
Menschen (sie »machten einen freudigen Eindruck … Eine
fröhliche Menge, wahrlich ein seltener Anblick«, S. 348), die
fortschrittliche Sauberkeit und moderne Hygiene (»Die Deut-
schen haben uns Sauberkeit und Hygiene beigebracht«, wagt
selbst ein Elsässer zu erklären ; S. 484), ja sogar die deut-
schen Arbeiterversicherungen (S. 357). Besonders lobt er den
Kunstverstand der Deutschen und ihr Interesse an der fran-
zösischen Avantgarde. Im Haus eines Großindustriellen er-
blickt er »nur französische Gemälde«, ausgewählt »mit einem
sehr kühnen und sehr sicheren Kunstgeschmack« (S. 466 f.),
Werke von Monet, Cézanne, Renoir, Vuillard, Bonnard, van
Gogh, Vallotton, Roussel, Courbet, Lautrec, Guys, Forain, Ro-
din und Maillol, all jenen, für die auch Mirbeau als Kunstkri-
tiker stets geworben hat.
Völlig überraschend für den eher als stark misogyn be-
kannten Autor ist sein gewaltiges Lob auf die deutschen
Frauen  – siehe »Die deutschen Frauen und Monsieur Paul
Bourget« (S. 466), noch dazu direkt anschließend an »Balzacs
Tod«. Mirbeau lobt die deutschen Frauen hier so ausführlich,
wie er Frauen allgemein und besonders französische Frauen
(»unerträgliche Schnattergänse«) wohl sonst nirgends gelobt
hat :
worin er vom Passieren des deutschen Zolls berichtet, mit den
Worten : »So gelangten wir nach Deutschland« (S. 59). Von da
an glaubt man sich also auf deutschem Gebiet zu befinden,
doch im darauffolgenden Kapitel »Nach Rocroy« springt er
ebenso überraschend und ebenso verwirrend wieder zurück
und erzählt weiter von der Fahrt Richtung Givet und Belgien.
Zu Beginn werden die Erwartungen der französischen Le-
ser »im süßen Frankreich«, dem Land »des Fortschritts, der
Großzügigkeit und des Geistes« scheinbar noch voll befrie-
digt, es werden alle möglichen antideutschen Klischees zi-
tiert : »Feindseligkeit der Bevölkerung«, »blutrünstige Ty-
rannei der Behörden«, das »grauenhaft Vorsintflutliche« der
Straßen, daß einen dort »sicher« ein Unfall, »wahrscheinlich«
Gefängnis, »möglicherweise« der Tod (S. 54) erwartet und so
fort … Danach läßt Mirbeau die Leser aber erst noch meh-
rere Hundert Seiten lang warten, bevor er enthüllt, wie er am
Ende wirklich Deutschland erlebt.
An diesem Ende schildert er dann aber gerade Deutsch-
land als Land des Fortschritts, der Großzügigkeit und des
Geistes. Schon seine ersten Impressionen sind fast noch lieb-
licher als die von Holland : In der deutschen Landschaft ist
alles »fette Erde« und »prächtiger Wuchs«, in den Dörfern
und Städten macht alles einen »gepflegten Eindruck«, ist al-
les »blitzsauber«, »stolze Opulenz«, »solider Komfort«, »Über-
fluß, Sinnenfreude, Reichtum«, »blühende Konjunktur« –
ganz anders als in Frankreich mit seinen kleinen Städten,
»ihren ausgestorbenen Gassen, ihren rissigen Häusern, ih-
ren verdreckten und vergilbten Läden«, wo die Leute »verblö-
det und verbittert […] an ihrer Faulheit verrecken« (S. 345).
Er fährt zwar nur durch die Niederrhein-Gegend, immer-
hin »Rhein-Preußen«, wie er betont (Elten, Emmerich, Kleve,
Krefeld, Bonn, Düsseldorf, Köln, Mainz, Straßburg – von
Berlin berichten ihm nur andere Augenzeugen), aber er er-
lebt Deutschland insgesamt in der Epoche des Wilhelminis-
mus, mit den Auswirkungen aus der Gründerzeit (das deut-
532 533
schäfte, wallhallahafte Bierlokale, abteienhafte Kasernen«
(S. 365) –, als »hypertrophen Monumentalismus« und »Tin-
nef-Grandezza« ; er geißelt Wilhelms Rüstungswahn, seinen
erbärmlichen Kunstgeschmack (»eine nationale Kunst, die
international Gelächter erregt«, S. 377), seine Launenhaftig-
keit und Neurasthenie, seine peinlichen diplomatischen Fehl-
tritte. Damit porträtiert er Wilhelm II. als eine zwar säbel-
rasselnde, aber im Grunde harmlose Witzfigur und vergleicht
ihn mit Alfred Jarrys Farcenkönig »Ubu roi« (S. 387), was
während des Kaiserreichs natürlich den Tatbestand der »Ma-
jestätsbeleidigung« erfüllte – worüber Baron von B*** sich
aber köstlich amüsiert. Weit schlimmer ist, daß der deutsche
Baron auch die interne Volksmeinung über den Kaiser wie-
dergibt :
»Er ermüdet, er entnervt, er entmutigt, er strapaziert […]
er fällt allen auf den Wecker, angefangen vom ersten Mi-
nister  […] bis hin zum letzten Soldaten […]. Auch Europa,
in dessen Grenzen er immer isolierter dasteht, hat allmäh-
lich die Nase voll von ihm […].« Und er sei »ein Schwachkopf
[…], der ständig verwirrt und nicht mehr Herr seiner Nerven
ist …« (S. 381)
Und dies ist bereits »Hochverrat«, denn all dies verrät
ein enger Vertrauter des deutschen Kaisers an einen »Aus-
länder«, noch dazu an einen so einflußreichen französischen
Journalisten wie Mirbeau. Damit wird klar, daß der oben er-
wähnte deutsche Verleger in der Tat eine Gefängnisstrafe
»wegen Majestätsbeleidigung und Hochverrat« zu fürchten
hatte, wenn er das Buch in Deutschland publizierte. Zu Hoch-
verratszwecken wurde das Kapitel »Der Überkaiser« bald so-
gar wirklich verwendet, denn es wurde, aus dem Text her-
ausgelöst, zwischen 1914 und 1915 in die lettische, estnische,
russische und italienische Sprache übersetzt und in den be-
treffenden Ländern – daran hätte Mirbeau nicht einmal in
Alpträumen gedacht – als antideutsche Propaganda im Er-
sten Weltkrieg verbreitet.
»Die deutsche Frau […] ist aufrichtig, natürlich, begeistert,
intelligent – was etwas sehr Verführerisches ist –, und da sie
einer Rasse [= der deutschen] angehört, die in höchstem Maße
mit kritischem Verstand begabt ist, kann sie uns [Franzosen]
oftmals, ohne es zu wollen, in Verlegenheit bringen, und dies
selbst in Dingen, die wir besser zu kennen glauben.« (S. 469 f.)
Die Gemahlin des Großindustriellen hält ihm sofort einen
klugen Vortrag über den Vallotton, die anderen deutschen
Damen diskutieren völlig ebenbürtig mit ihm über Renan,
Taine, Zola, Flaubert, Bourget und beschämen ihn damit, daß
sie sogar Balzac und sämtliche Figuren der Comédie humaine
»ebenso gut […], wenn nicht gar besser« kennen als er selbst.
Wie immer ist Mirbeaus Lob aber auch Deutschland ge-
genüber nicht frei von Kritik : So sehr er die deutsche Aufge-
schlossenheit für alles Neue preist, so sehr haßt er die gras-
sierende Mode des art nouveau bzw. modern-style und liefert
im Luxushotel von Düsseldorf eine köstliche Karikatur die-
ses Stils (S. 351 f.)
Der wichtigste Teil der spöttischen Kritik an Deutsch-
land gilt natürlich dem Wilhelminismus und dem deutschen
Kaiser, weshalb das Kapitel »Der Überkaiser« – neben den
Balzac-Kapiteln – mit 34 Seiten das umfangreichste im
Deutschland-Teil ist. Mirbeaus Kaiser-Wilhelm-Porträt hat
deshalb eine so intensive Wirkung, weil er auch hier, wie so
oft, nicht selbst erzählt, sondern sein Lachen einen ande-
ren lachen läßt : Er kreiert und karikiert zuerst die Figur ei-
nes vermutlich fiktiven deutschen Freundes, Baron von B***
(siehe Anm. zu S. 354), und läßt dann diesen Deutschen, einen
Intimus des Kaisers, das Porträt und die Karikatur Wilhelms
II. aus nächster Nähe liefern, was noch größere Authentizi-
tät suggeriert. Dieses Alter ego bewertet die wilhelminische
Bauwut, an der alles »kolossal« ist (auch dieses Wort wird im
Original mehrmals als deutsche Vokabel hervorgehoben) –
»Kolossalstatuen, […] Riesenuniversitäten, Bahnhofsfestun-
gen, babylonisch große Postgebäude, kathedralenhafte Ge-
534
»Sie haben’s doch gesehn ?  … Schilder hab’ ich hinge-
klebt … Schilder, auf denen ich erklär’, wie man diese Schüs-
seln benutzt … Aber nein … […] Die steigen immer noch mit
den Füßen drauf … Einfach widerlich !« (S. 354)
Das klingt bereits erstaunlich ähnlich wie Thomas Bern-
hards berühmte Tirade in seinem Roman Alte Meister, in der
es heißt : »Wien ist ein einziger Toilettenskandal, selbst in den
berühmtesten Hotels der Stadt befinden sich skandalöse Toi-
letten, die scheußlichsten Aborte finden Sie in Wien.«
38
Am Schluß des Buchs wird sogar dies noch übertroffen, und
die Nestbeschmutzung erreicht, ähnlich wie am Schluß von
Thomas Bernhards Roman Auslöschung, ihren Höhepunkt.
Dort denkt sich der aus Italien zurückkehrende Österrei-
cher Murau : »Die Gemeinheit ist die Parole, die Niedrigkeit
der Antrieb, die Verlogenheit der Schlüssel dieses heutigen
Österreich« und : »Die Rückkehr nach Österreich bewirkt je-
desmal einen totalen Beschmutzungseffekt«.
39
Hier werden
der Franzose Mirbeau und seine Mitreisenden, als sie aus
Deutschland zurückkehren, an der französischen Zollstation
»wie Straßenköter empfangen«, der Ort ist »ein stinkendes
Loch, eine abscheuliche Kloake, ein einziger Misthaufen«, die
Häuser wirken »elend und verkommen« (S. 491), die Bewohner
sind »feindselig«, »verkümmerte Gestalten mit verdreckten
Gesichtern, bösen Zungen, verschlagenen Gesichtern«, und
als die Zurückgekehrten »das letzte Haus dieses abscheuli-
chen Dorfs passierten, zerschlug ein Stein, von irgendwoher
geworfen, eine Scheibe des Automobils«, und sogar der Autor
bekommt dabei eine Schramme ab, aber er fühlt sich bestä-
tigt : »Kein Zweifel ! … Wir sind tatsächlich in Frankreich.«
(S. 492)
Wieland Grommes
38 Thomas Bernhard, Alte Meister, Frankfurt am Main 1985, S. 162.
39 Ders., Auslöschung, Frankfurt am Main 1988, S. 648 f.
Frankreich : Das eigene Land wird mit keinem einzigen ei-
genen Kapitel gewürdigt, kommt im Inhaltsverzeichnis über-
haupt nicht vor, und zwar deshalb, weil Frankreich und die
Franzosen ständig im Text vorkommen und immer wieder
mit unglaublich bösen Seitenhieben bedacht werden. Selbst
harmloseste Stellen, die man leicht überliest, nutzt Mirbeau,
um Ohrfeigen an die Franzosen oder ihren Haß auf alles
Deutsche auszuteilen ; selbst wenn er z. B. nur von Kaninchen
spricht, denen er in Deutschland begegnet, flicht er als Sei-
tenhieb an den französischen Leser ein : »Sie waren bezau-
bernd – obwohl [ !] es deutsche Kaninchen waren –, bezau-
bernd, wie sie ganz weiß auf der Landstraße spielten  […]«
(S. 327). Frankreich und die Franzosen sind für Mirbeau
der Inbegriff der Feindseligkeit gegen alles Neue (»Misoneis-
mus«), der Unfreundlichkeit, Beschränktheit, Rückständig-
keit, Verkommenheit und Verdrecktheit. »Die Unsauberkeit«,
»eine monarchische und katholische Unsauberkeit«, hält er
sogar für einen »Erbmakel […], an dem man besser als an sei-
nem Geist einen wahren Franzosen aus Frankreich erkennt«
(S. 353).
Diese Schmähungen gegen Frankreich steigern sich na-
türlich besonders im Kapitel »An den Ufern des Rheins« zu
ungeheurer Härte und müssen damals unvorstellbar stark
schockiert haben – und sie verblüffen uns selbst heute noch,
obwohl wir durch Thomas Bernhards jahrelange Schimpfti-
raden gegen Österreich inzwischen relativ abgebrüht sind.
Im hochmodernen Bad des Luxushotels von Düsseldorf erin-
nert Mirbeau sich an die Toilette in einem Hotel in der Nor-
mandie, die sich in einem »abscheulichen Zustand« befindet,
obwohl das Hotel frisch renoviert ist. Als er sich beschwert,
meint der Hotelier :
»Was wollen Sie ? Das ist nicht meine Schuld, das kann ich
Ihnen versichern […] Aber die Franzosen, die doch so viel
wissen, die wissen nicht, wie man sch … Nein, das wissen sie
nicht ! … Das sind Schweine, Monsieur … ! […]

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