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Nachwort
Octave Mirbeau ist der größte französische Schriftsteller unserer Zeit und derjenige, der in Frankreich den Geist des Jahrhunderts am besten repräsentiert.
Lew Tolstoi
I. Der Autor – ein Anarchist der Belle Époque
Octave Mirbeau (1848–1917) zählte in Frankreich und weit über seine Grenzen hinaus zu den bekanntesten, literarisch kühnsten und politisch provokativsten Romanciers, Drama-tikern und Feuilletonisten um 1900 – in jener Zeit, die von Künstlern als »Décadence« betrachtet, von Pessimisten als »Fin de Siècle« betrauert und von Spekulanten und Finanz-baronen, Kokotten und Bohemiens als »Belle Époque« genos-sen wurde.
 Sein Leben
Geboren am 16. Februar 1848 im Dorf Trévières (Calvados), wächst Mirbeau in dem Weiler Rémalard (Orne) auf und er-lebt deprimierende Oberschuljahre im Jesuiten-Collège in  Vannes, von dem er mit 15 Jahren aus ungeklärten Grün-den verwiesen wird (vermutlich flieht er von dort nach sexu-eller Belästigung durch einen der Patres, wie aus Indizien in seinen autobiographisch geprägten Romanen
 Sébastien Roch
 und
 L’Abbé Jules
 zu schließen ist) und erreicht nach dem Be-such verschiedener privater Internate den Schulabschluß in Caen.1866 beginnt er ein Jurastudium in Paris, das er nach zwei Jahren wieder abbricht (dabei Entwurf eines ersten Romans, Thema : die Qualen der Liebe). Auf Druck des Vaters nimmt er eine Anstellung bei einem Notar im Heimatdorf Rémalard an, was für ihn jedoch einen Rückfall in das stumpfsinnige Leben in der Provinz bedeutet.ten wir aus ihrem Etui nehmen, damit er überprüfen konnte, was sich auf dessen Boden befand. Das zog sich eine geschla-gene Stunde hin … Ich verfaßte eine Beschwerde … Aber man weiß ja, wo Beschwerden landen !Schließlich erlaubte er uns weiterzufahren … wütend, weil er nichts Verdächtiges gefunden hatte, aber dennoch glück-lich, weil er uns schikaniert hatte … Als wir das letzte Haus dieses abscheulichen Dorfs pas-sierten, zerschlug ein Stein, von irgendwoher geworfen, eine Scheibe des Automobils … Ich kam mit einer leichten Schramme an der Wange davon.»Jawohl !« rief ich. »Kein Zweifel ! … Wir sind tatsächlich in Frankreich.«»Drecksland, dreckiges !« knurrte Brossette. Aber ich glaube, er meinte nur Raon-la-Plaine …
 Paris – Cormeilles-en-Vexin, 1905–1907
 
494495schärft er seine Feder. In diesen Jahren verfaßt er außerdem als Brotarbeiten unter Pseudonym drei kommerzielle Zei-tungsromane im geforderten Zeitgeschmack (und schreibt bis 1886 noch mindestens zwei weitere).
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Sein Leben wird zunehmend dramatischer : Allein im Jahr 1883 provoziert er zwei erste Duelle, erlebt eine selbstzer-störerische Liaison mit der Halbweltdame Judith Vimmer (sie wird die Juliette im Roman
 Le Calvaire
) und flüchtet in die bretonische Provinz, nach Audierne. Von dort treibt es ihn bald wieder nach Paris und sofort in eine neue Liaison, die von Dauer sein wird, diesmal mit der Ex-Aktrice Alice Regnault, einer reichen, in Bohemekreisen als Schönheit ge-priesenen Kokotte mit »bewegter Vergangenheit«, vermutlich Mätresse des Pressemagnaten Arthur Meyer.
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 Im Jahr 1887 heiratet er sie heimlich, was natürlich publik wird und ei-nen Skandal auslöst. Zudem hatte er wegen ihr schon 1884 ein drittes Duell, diesmal mit dem Décadence-Kollegen und -Erotiker Catulle Mendès (mit dem er sich aber bald wieder bestens versteht).Mirbeau zieht Resümee, empfindet sein bisheriges Leben als »gescheitert«, stürzt in tiefe Depression (Neurasthenie) und beschließt, fortan seine nun geschulte, scharfe Feder nur noch seinen persönlichen Anliegen zu widmen : der Förderung der künstlerischen Avantgarde, dem Kampf gegen soziales Unrecht und gegen politische Verbrechen.
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 L’Écuyère
 (1882),
 La Maréchale
 (1883) und
 La Belle Madame Le Vas-sart
 (1884) unter dem Pseudonym »Alain Bauquenne« ;
 Dans la vieille rue
 (1885) und
 La Duchesse Ghislaine
 (1886) unter dem Pseudonym »Forsan«. Erstmals in Buchform erschienen in Octave Mirbeau,
Œuvre romanesque
 (Hrsg. Pierre Michel), Bd. I–III, Éditions Buchet/Chastel, Paris 2000–2001 ; inzwischen auch verfügbar im Online-Verlag Le Bou-cher (www.leboucher.com).3 Zu Alice Regnault siehe die Biographie
Octave Mirbeau …
, a. a. O., S. 215–220 und Pierre Michel,
 Alice Regnault, épouse Mirbeau,
Reims 1994.
1871 wird er bei Kriegsausbruch in ein Reserve-Kavalle-rie-Regiment eingezogen, er erkrankt, wird von Lazarett zu Lazarett verlegt und lernt das Grauen von Verwundung und Sterben kennen (1886 schildert er den Krieg in seinem er-sten Roman
 Le Calvaire
 als perversen Irrsinn, was ihm in der Zeit des »Revanchismus« den Ruf des »Vaterlandsverräters«, »Nestbeschmutzers« und »Pazifisten« einbringt) ; er kehrt,  vermutlich als Deserteur, nach Rémalard zurück und hat nur noch ein Ziel : der Provinz zu entrinnen.Nun beginnt eine »lange Periode politischer Prostitution«,
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 er verkauft sich an die erstbesten Arbeitgeber : zuerst an den Bonapartisten Dugué de la Fauconnerie, der ihn als Privatse-kretär, Redenschreiber und Wahlkampfleiter nach Paris mit-nimmt, in sein Parteiblatt
 L’Ordre de Paris
 und in die Ge-sellschaft einführt, wo sich Mirbeau bald mit den wichtigen Größen der Literatur wie Zola, Maupassant, Bourget und den Brüdern Goncourt liiert. 1877 folgt er dem bonapartistischen  Abgeordneten Baron de Saint-Paul in die südliche Provinz  Ariège, führt seinen Wahlkampf und schreibt in seiner Zei-tung
 L’Ariègois
. Schließlich dient er, wieder zurück in Paris, dem mächtigen Zeitungsmagnaten Arthur Meyer, wiederum als Privatsekretär sowie als Ghostwriter, in dessen Zeitung
 Le Gaulois
. Nebenbei schreibt er unter Pseudonym auch für andere Blätter wie
 L’Illustration, Le Figaro, Paris-Journal
.Dramatischer Höhepunkt und katastrophales Ende sei-ner Lehrjahre, 1883–1884 : Inzwischen ist er Chefredakteur des Massen-Nachrichtenblatts
 Paris-Midi Paris-Minuit
 und wird gleichzeitig noch Chefredakteur der antisemitischen Sa-tirezeitung
Grimaces :
 Was er an dieser Zeitschrift schätzt, ist ihre antibürgerliche, antirepublikanische, antiklerikale und antikapitalistische Tendenz, und in ihrem frechen Ton
1 So wird diese Lebensphase in der Biographie
Octave Mirbeau –  L’imprécateur au cœur fidèle
 von Jean-François Nivet und Pierre Mi-chel, Paris 1990, S. 939, bezeichnet.
 
496497»ästhetische Kämpfe« (für Künstler wie Rodin, Monet, Pis-sarro sowie für Außenseiter wie van Gogh, Camille Claudel und Maillol),
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 führt mutige politische Kampagnen (gegen Ko-lonialismus, Nationalismus und Militarismus),
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 rechtfertigt  Anarchisten, Prostituierte und Kriminelle als Opfer der Ge-sellschaft und kämpft immer wieder für die Verbesserung des Schicksals der Kinder.
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Trotz dieser Kämpfe und Erfolge in der Öffentlichkeit stürzt Mirbeau in den 1890er Jahren in tiefe Schaffenskri-sen, gefolgt von neurasthenischen Anfällen, hinzu kommen dramatische Ehekrisen, er empfindet sein Leben als sinnlos, kommt sich in seinem Wirken machtlos vor. Und doch gelingt ihm ein kleiner prä-existentialistischer Roman,
 Dans le ciel
,  veröffentlicht 1892/93 in
 L’Écho de Paris
, ein pessimistischer Künstlerroman, inspiriert durch das Leben des Vincent van Gogh, dessen überragende Bedeutung Mirbeau als erster er-kennt. Entwürfe zu nächsten Romanen bleiben jahrelang lie-gen. 1894 fürchtet er, wahnsinnig zu werden, seine Neur-asthenie zeigt psychosomatische Folgen, 1897 muß er sich zur Kur in das Heilbad Luchon in den Pyrenäen begeben.Seinen größten Erfolg hat Mirbeau in diesen Jahren als Dramatiker, denn inzwischen schreibt er auch erfolgreich für die Bühne : Ende 1897 wird seine proletarische Tragödie
 Les Mauvais Bergers
 – ein Drama, das erstmals offen auf der Bühne einen Arbeiterstreik als positiv und notwendig dar-
4 Siehe
Combats esthétiques,
 3 Bde., Paris 1993,
Correspondances avec  Rodin
, Tusson 1988,
Correspondances avec Claude Monet,
 Tusson 1990,
Correspondances avec Camille Pissarro,
Tusson 1990, sowie J.-F. Nivet und P. Michel,
 Correspondance générale,
 bisher Bd. I–III, Lausanne 2000 ff.5 Siehe J.-F. Nivet, P. Michel (Hrsg.) :
Combats politiques
, Paris 1990, sowie P. Michel (Hrsg.) :
Correspondance Octave Mirbeau – Jean Grave
, Paris 1993, und P. Michel (Hrsg.) : »Lettres à Émile Zola« in
Cahiers na-turalistes
 Nr. 64 (1990), S. 7–34.6 Siehe P. Michel (Hrsg.) :
Combats pour l’enfant,
 Vauchrétien 1990.
In den fruchtbaren Jahren 1885 bis 1890 etabliert er sich rasch als virtuoser Romancier, kämpferischer Journalist und Förderer künftiger Größen der Literatur, Malerei und Mu-sik. Nicht zuletzt provoziert durch Alices Konkurrenz (die ebenfalls schreibt und ihren ersten Roman sogar noch vor ihm veröffentlicht), beginnt er nun unter eigenem Namen zu schreiben : 1885
 Lettres de ma chaumière,
 bedrückende No- vellen über das primitive, abgestumpfte Leben in der Nor-mandie und der Bretagne, pessimistische Gegenstücke zu den Idyllen der erfolgreichen
 Lettres de mon moulin
 von Al-phonse Daudet ; in den Jahren 1886 bis 1890 seine drei wich-tigen, autobiographisch geprägten Romane, in denen es um die Vernichtung des jungen Menschen durch die Liebe, durch die Religion und schließlich durch die Gesellschaft insgesamt (ihre Grundpfeiler Erziehung, Klerus, Militär) geht ;
 Le Cal-vaire
 (1886), Mirbeaus Verarbeitung seiner ersten Liebeser-fahrung, die Geschichte einer nymphomanen Halbweltdame, die einen Jungen aus der Provinz in die Liebe einweiht, ihn hemmungslos betrügt und in den Wahnsinn treibt ;
 L’Abbé  Jules
 (1888), die Geschichte eines jungen Mannes, der sich zum geistlichen Stand berufen fühlt, doch schon bald Kirche, Religion, Gott und Keuschheitsgelübde als »Scharlatanerie«, »Lüge« und »Hirngespinst« empfindet, nur noch dem Sexual-trieb als »Verwirklichung der wahren Natur des Menschen« frönt und im Wahnsinn endet, ein stilistisch kühner Roman und inspiriert von eigenen traumatischen Erlebnissen bei den Patres ;
 Sébastien Roch
 (1890), die Geschichte eines Jungen, der von brutalen Eltern, unsittlichen Erziehern (Jesuitenpa-tres) und sadistischen Militärs (im Krieg 1870/71) psychisch, moralisch und physisch vernichtet wird. Eltern, Erzieher und Staat verüben, so Mirbeau, einen dreifachen »Mord an einer Kinderseele«, den »Mord an tausend Mozarts«. Dane-ben schreibt Mirbeau unter zahlreichen Pseudonymen für immer bedeutendere Zeitungen wie
 Le Gaulois
,
Gil Blas
,
 L’Événement
,
 Le Matin
 und
 Le Figaro
. Er führt erfolgreiche
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