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Ralf Stöhr

Die chemischen Kampfstoffe

Eigenschaften, Wirkung, Schutzmöglichkeiten und Entgiftung

Kampfstoffe Eigenschaften, Wirkung, Schutzmöglichkeiten und Entgiftung Deutscher Militärverlag • Berlin 1961

Deutscher Militärverlag • Berlin 1961

1.-5. Tausend Deutscher Militärverlag • Lizenz Nr. 5 Schutzumschlag: Hartwig Hoeftmann Zeichnungen: Heinz Schweig • Lektor: Dieter Peißker Korrektor: Horst Hartmann • Hersteller: Werner Briege 1151 Satz und Druck: VEB Landesdruckerei Sachsen

Vorwort

Durch die Entwicklung der Kernwaffen mit ihrer wesent- lich größeren Vernichtungswirkung gegenüber den kon- ventionellen Waffen sind viele Menschen zu der Auffassung gekommen, daß die im 1. Weltkrieg so gefürchtete che- mische Waffe ihre Bedeutung verloren habe. Sie fühlen sich in ihrer Meinung noch bestärkt durch die Tatsache, daß im 2. Weltkrieg keine chemischen Kampfstoffe an- gewendet wurden. All diese Leute unterliegen einem ver- hängnisvollen Irrtum, denn die Tatsachen beweisen das Gegenteil. Es wird später noch zu sagen sein, warum im vergangenen Weltkrieg die chemischen Granaten und Bomben in den Depots liegenblieben und der Menschheit, die in diesen Jahren ohnehin aufs schwerste geprüft wurde, die Geißel des chemischen Krieges erspart blieb. Soviel kann aber schon hier gesagt werden: Es geschah dies keinesfalls etwa deswegen, weil die chemischen Kampfstoffe vielleicht ihre militärische Bedeutung ein- gebüßt hätten. Im Gegenteil. Es hat in der militär- chemischen Forschung seit dem 1. Weltkrieg keinen Still- stand gegeben. In den Jahren der totalen Aufrüstung zum 2. Weltkrieg wurde mit geradezu hektischer Eile an der Entwicklung immer neuer und wirksamerer Kampfstoffe gearbeitet. Auch nach 1945 riß diese Entwicklung nicht ab. Es ist das zweifelhafte Verdienst der Westmächte, insbesondere der USA, gerade in den letzten Jahren die Weltöffentlichkeit mit Mitteilungen über neue chemische Kampfstoffe stark beunruhigt zu haben. Es gibt keinen Grund für die Annahme, die imperialistischen Mächte würden im Kriegsfall auf den Einsatz dieser Gifte ver- zichten, wenn auch der breiten Öffentlichkeit die Gefahr eines chemischen Krieges nicht so akut zu sein scheint wie die einer Auseinandersetzung mit atomaren Waffen.

Die Westmächte selbst aber machen gar kein Geheimnis aus ihrer Absicht, in einem zukünftigen Krieg chemische Kampfstoffe einzusetzen. Ja, sie versuchen sogar, den Völkern einen Krieg mit chemischen Kampfstoffen als human gegenüber einem Atomkrieg hinzustellen. Die Wahrheit ist, daß die Imperialisten sowohl die atomaren als auch die chemischen — und darüber hinaus auch die biologischen — Waffen einzusetzen beabsichtigen, weil diese Waffen ja qualitativ verschieden sind und jede für den imperialistischen Aggressor ihre „Vorzüge" und „Nachteile" hat, weil alle sich gegenseitig wirksam er- gänzen. Es gibt in militärischen Kreisen keinen Zweifel darüber, daß ein Krieg unter diesen Bedingungen beiderseits sowohl von den Angehörigen der bewaffneten Kräfte als auch von der Zivilbevölkerung ungeheure Leistungen und Anstrengungen erfordert. Die häufigen Aggressions- drohungen und die aktiven Kriegsvorbereitungen der Imperialisten zwingen deshalb die sozialistischen Staaten, die Arbeiten der imperialistischen Mächte auf diesen Ge- bieten aufmerksam zu verfolgen und selbst geeignete Maßnahmen einzuleiten, um sowohl für die bewaffneten Kräfte als auch für die Zivilbevölkerung den Schutz vor den Wirkungen der Massenvernichtungswaffen zu organi- sieren. Es wäre ein ernster Fehler, wenn man angesichts der hochmodernen chemischen Kampfstoffe den Schutz vor dieser Art Massenvernichtungswaffen vernachlässigen würde. Die Nationale Volksarmee sowie die zivilen Schutzorganisationen der Deutschen Demokratischen Republik müssen aus diesem Grunde entsprechend aus- gerüstet und ausgebildet werden. Die Erfahrungen des letzten Krieges haben recht eindeutig bewiesen, wie wichtig die Aufklärung über die Wirkungsweise einer neuartigen Waffe und über die Schutzmöglichkeiten ist.

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Die vorliegende Schrift soll einen allgemeinen Überblick über das Gebiet der chemischen Kampfstoffe geben und den Lesern einige Kenntnisse der Militärchemie ver- mitteln. Für ein tieferes Studium werden einige Hinweise auf die Fachliteratur gegeben. Die Beschreibungen der einzelnen Kampfstoffe erheben nicht den Anspruch, voll- ständig zu sein, sie sind unter Zuhilfenahme der bisher veröffentlichten Literatur zusammengestellt worden. Da es notwendig war, dabei einige naturwissenschaftliche Gesetze und Grundbegriffe vorauszusetzen, sind dem Hauptteil einige entsprechende Erläuterungen voraus- geschickt worden. Auch für diese Erläuterungen gilt, daß für ein eingehenderes Studium die Fachbücher, besonders die zahlreich verbreiteten Einführungen und Lehrbücher der Chemie, herangezogen werden müssen. Die Schrift hat nicht nur den Zweck, die wichtigsten Eigenarten der chemischen Waffe zu erläutern. Sie soll auch die Gefahren aufzeigen, die durch die Anwendung dieser Mittel für die Menschen entstehen. Wie groß die Empörung der friedliebenden Menschen über das von den Imperialisten ausgelöste Wettrüsten beson- ders auf dem Gebiete der Massenvernichtungswaffen ist, zeigen die vielen Proteste aus allen Bevölkerungskreisen. Diese Proteste, die in den letzten Jahren in zunehmendem Maße auch von vielen berühmten Wissenschaftlern, Ärz- ten und real denkenden Politikern der kapitalistischen Staaten unterstützt oder verfaßt wurden, haben nicht zuletzt dazu beigetragen, daß die imperialistischen Kreise davor zurückschreckten, diese Waffen in den von ihnen entfesselten Kriegen gegen die sich befreienden Kolonial- völker anzuwenden. Die beste Unterstützung des Kampfes für das Verbot der Massenvernichtungswaffen gibt die Sowjetunion, die auf allen internationalen Konferenzen immer wieder beharrlich und konsequent das Verbot der

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Massenvernichtungswaffen und die allgemeine und voll- ständige Abrüstung fordert. So betonte der Minister- präsident der Sowjetunion, N. S. Chruschtschow, in sei- nem Begrüßungsschreiben an die im August 1959 in dem kanadischen Städtchen Pugwash tagende Wissenschaft- lerkonferenz, die sich mit den Gefahren der chemischen und biologischen Kriegführung beschäftigte, die Sowjet- union sei der Auffassung, daß die Verwendung chemischer und bakteriologischer Waffen nicht weniger furchtbare Konsequenzen habe als die Verwendung von Kernwaffen. Die Sowjetunion unterstütze deshalb nachdrücklich ein Verbot aller Massenvernichtungsmittel, deren Anwendung gegen die menschlichen Grundsätze und das Gewissen der Völker verstoße.

1. Die Entwicklung der chemischen Kriegführung

Chemische Kampfstoffe sind keine Erfindung des 20. Jahr- hunderts. Bereits in alten chinesischen Schriften finden sich Hinweise, daß zur Erstürmung befestigter Ortschaf- ten Pech- und Schwefelkörper angewendet wurden. Die Spartaner gebrauchten im Peloponnesischen Krieg vor Platäa 431 bis 404 v. d. Z. Schwefelbrandkörper, die große Mengen Schwefeldioxyd entwickelten. Bereits 600 v. d. Z. war das griechische Feuer bekannt, eine Mischung aus Petroleum, Harzen, Pech und Schwefel, die zum Tränken von Werg diente. Auch aus dem Mittelalter gibt es viele Empfehlungen für den Einsatz giftiger Stoffe. Der bekannte Chemiker Glauber konstruierte Geschosse, die in getrennten Kammern Salpetersäure und Terpen- tinöl enthielten. Sie entwickelten bei der Detonation starken Rauch und konnten dazu dienen, den Gegner auszuräuchern. Eine Zeichnung von einer Brand-Hand- granate, genannt Fewer-Ballen, befindet sich in der Praxis Artilloriae pyrotechnicae, erschienen 1660 in Osnabrück. Diese Wurfkörper waren mit Arsen, Antimon und Schwefel gefüllt. Der Arzt Fioravanti von Bononia erzeugte durch Destil- lation einer Mischung aus Terpentin, Menschenkot. Schwefel und Blut ein 01, das einen derartigen Gestank verbreitete, daß ihn kein Mensch ertragen konnte. Um 1750 schlug der österreichische Ritter Veit Wulf von Senftenberg vor, zum Kampf gegen die Türken Arsenik- rauchkugeln zu verwenden. Diese Kugeln sollten ins feindliche Lager geschleudert werden, und die bei der Verbrennung erzeugten Arsenikdämpfe sollten Vergif- tungen unter der Lagerbesatzung hervorrufen. Im Jahre 1813 schlug ein Berliner Apotheker dem preu-

ßischen General von Bülow die Verwendung von Blausäure vor. Mit der Blausäure sollten kleine Pinsel getränkt werden, die an den Bajonetten der Soldaten zu befestigen waren. Im Marokkofeldzug von 1844 wurde von den Truppen des französischen Generals Cavaignac eine Gruppe von Marokkanern, die sich in einem Höhlenlabyrinth, ver- borgen hatte, dadurch getötet, indem vor den Höhlen- eingängen Faschinen entzündet wurden, die starke Rauch- gase entwickelten. Der englische Admiral Lord Dundonald hatte im Krim- krieg 1855 vor, das stark befestigte Fort Malakow bei Sewastopol durch den Einsatz einer Mischung von Schwefel, Teer und Kohle einzunehmen. Dieses Vorhaben wurde durch den Einspruch des französischen Befehls- habers nicht verwirklicht. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 empfahl ein deutscher Apotheker, Veratrin in Granaten abzufüllen. Veratrin ist ein stark zum Niesen reizender Stoff. Er war natürlich nicht in genügender Menge vorhanden, um ihn in großem Maße im Gefecht einsetzen zu können. Der russische General Ssemenow schildert in seinem Buch „Die Schlacht bei Tschuschima", wie sich giftige Gase entwickelt hätten, die zu einer Reihe von Vergif- tungen führten. Diese Vergiftungen waren wahrscheinlich auf die bei der Deflagration von Granaten entstehenden nitrosen Gase und Kohlenmonoxyd zurückzuführen. Wie alle diese Beispiele zeigen, beschäftigte man sich also bereits vor dem 20. Jahrhundert mit den Problemen der Gift- und Brandstoffe. Diese Kampfmittel spielten aber damals nie eine überragende Rolle, weil ihre Herstellungs- möglichkeiten seinerzeit begrenzt waren und auch die naturwissenschaftliche Forschung auf diesem Spezial- gebiet noch in den ersten Anfängen steckte.

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Erst die beschleunigte Entwicklung der Technik und der Wissenschaften im Zeitalter des modernen Industrie- kapitalismus schuf die notwendigen Voraussetzungen, um neuartige chemische Kampfmittel zu entwickeln und sie großtechnisch herzustellen. Daß mit dem Einsatz che- mischer Kampfstoffe bereits um die Jahrhundertwende gerechnet wurde, zeigen die Verhandlungen der inter- nationalen Konferenzen in Den Haag 1899 und 1907. Diese Konferenzen beschäftigten sich mit der „Ein- schränkung und Humanisierung des hemmungslosen Landkrieges", wie es in den Verhandlungsprotokollen heißt. Dabei stand auch das Verbot der Anwendung von Giftstoffen im Falle bewaffneter internationaler Aus- einandersetzungen zur Debatte. In der von der Haager Konferenz am 29. Juli 1899 angenommenen Deklaration heißt es:

„Die vertragschließenden Mächte unterwerfen sich gegenseitig dem Verbote, solche Geschosse zu ver- wenden, deren einziger Zweck ist, erstickende oder giftige Gase zu verbreiten." Diese Formulierung ließ aber einige falsche Auslegungen zu, da die bei der Detonation und besonders bei der De- flagration (nicht explosionsartige Verpuffung) von Spreng- stoffen entstehenden Gase (nitrose Gase, Blausäure und Kohlenmonoxyd) starke Vergiftungserscheinungen her- vorrufen können. Die Verhandlungspartner versuchten deshalb, durch den ergänzenden Satz „Die Splitter- wirkung muß immer die Giftwirkung übertreffen", sich über diesen unklaren Punkt zu einigen. England und die USA weigerten sich damals, diese Deklaration anzu- erkennen. Die von der internationalen Konferenz in Den Haag 1907 nach eingehenden Verhandlungen erarbeitete Anlage zum IV. Haager Abkommen wurde von England unterzeichnet. Diese Anlage zum Haager Abkommen, das

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allgemein als Haager Landkriegsordnung bekannt ist, enthält folgende Bestimmungen:

Artikel 22 Die Kriegführenden haben kein unbeschränktes Recht in der Wahl der Mittel zur Schädigung des Feindes.

Artikel 23 „Abgesehen von den durch Sonderverträge auf-

gestellten Verboten, ist namentlich untersagt:

Die Verwendung von Gift oder vergifteten Waffen;

e) der Gebrauch von Waffen, Geschossen oder Stoffen, die geeignet sind, unnötig Leiden zu verursachen. Alle europäischen Staaten haben dieses Abkommen unterzeichnet. Vor Beginn des 1. Weltkrieges gab es also durch diese von fast allen großen Militärmächten unterzeichneten und anerkannten völkerrechtlichen Abmachungen Bestim- mungen, die — für den damaligen Entwicklungsstand der Militärtechnik eindeutig —. die Anwendung chemischer Kampfmittel mit Giftwirkung verboten. Dessenungeach- tet arbeitete man in vielen Staaten daran, geeignete Mög- lichkeiten für den militärischen Einsatz von Giftstoffen zu finden. Die ökonomische Grundlage dazu ergab sich aus der schnellen Entwicklung der chemischen Industrie in den Jahren nach der Jahrhundertwende. Besonders die großtechnischen Produktionsverfahren der Farbenindu- strie erwiesen sich als sehr geeignet für die Massen- produktion militärisch bedeutsamer Giftstoffe. Wie wenig sich die imperialistischen Staaten an die Be- stimmungen der Haager Landkriegsordnung gehalten haben, hat der Verlauf des 1. Weltkrieges deutlich gezeigt. Bereits kurz nach Kriegsbeginn wurden von der deutschen

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Armee die ersten Versuche mit Reizstoff-Granaten unter- nommen. Am 2. Oktober 1914 wurden bei Neuve-Chapelle 3000 Ni-10,5-cm-Schrapnelle auf die französischen Stel- lungen abgefeuert, die neben der Brisanzladung und den Schrapnellfüllkörpern Dianisidinsalz enthielten. Dieses Salz reizt stark zum Niesen. Von deutscher Seite wurde mitgeteilt, daß die französische Armee in den ersten Monaten Gewehrgranaten mit einer Bromessigesterfüllung verschoß. Die Granaten enthielten etwa 19 cm 3 Bromessigester, einen Augenreizstoff. Diese geringe Menge reichte aber selbst bei günstigen Bedin- gungen nicht aus, um eine ausreichende Gefechts- konzentration zu erhalten. Anfang 1915 war in Deutschland die Konstruktion einer chemischen Granate abgeschlossen, die als 12-T- Granate bezeichnet wurde. Diese Granaten enthielten außer der Sprengstoffüllung eine Mischung von Xylyl- und Xylylen- bromiden. Sie wurden erstmalig am 31. Januar 1915 bei Bolimow an der Ostfront eingesetzt. Infolge der niedrigen Temperatur verdampfte jedoch nur ein geringer Teil der Füllung, weshalb die Wirkung dieser Geschosse äußerst gering blieb. Bei einem zweiten Einsatz dieser Granaten bei Nieuport in Flandern (März 1915) war die Wirkung größer, da die höhere Lufttemperatur die Verdunstung der Kampfstoffmischung beschleunigte. Diese Beispiele zeigten den Militärs, daß weit größere Mengen Gift und Reizstoff notwendig waren, um hohe Gefechtskonzentrationen und damit ausreichende Ver- giftungswirkungen zu erzielen. Dem deutschen General- stab war deshalb ein Vorschlag des bekannten deutschen Chemikers Haber willkommen, der empfahl, Chlorgas für Blasangriffe zu verwenden. Am militärischen Einsatz dieses Gases hatte besonders die Farbenindustrie Deutsch- lands großes Interesse, da einmal der größte Teil der

Farbenproduktion aus kriegsbedingten Gründen still- gelegt werden mußte - was sich negativ auf die Profite der Aktionäre ausgewirkt hatte — und zum anderen große Mengen Chlorgas noch in den Fabriken lagerten. Der erste Blasangriff mit Chlorgas fand nach eingehender Vorbereitung am 22. April 1915 bei Ypern statt. Auf die völlig überraschten französischen und englischen Truppen wurden an diesem Tage in einem 6 km breiten Front- abschnitt etwa 30 Mp Chlor aus Gasflaschen abgeblasen. Nach französischen Angaben sind bei diesem Angriff 15 000 Vergiftungen, davon 5000 tödliche, registriert worden. Dieser erste Masseneinsatz chemischer Kampfstoffe war Gegenstand zahlreicher völkerrechtlicher und militäri- scher Studien. Besonders die den deutschen Militaristen nahestehenden Kreise haben wiederholt versucht, diesen Angriff als harmlos und nicht gegen die Haager Land- kriegsordnung verstoßend darzustellen. Statt dessen ver- suchten sie, den Gegnern Deutschlands die alleinige Schuld am Beginn des chemischen Krieges in die Schuhe zu schieben. Nach dem ersten Masseneinsatz chemischer Kampfstoffe bei Ypern unternahmen alle kriegführenden Staaten fieberhafte Anstrengungen, um die technischen und mili- tärischen Probleme des Einsatzes der chemischen Kampf- mittel zu lösen. Neben der Herstellung neuer Kampfstoffe und der Entwicklung ihrer Anwendungsmethoden wurde die Ausrüstung der Truppen mit Schutzmitteln, besonders Atemschutzmitteln, ein vorrangiges Problem. In der ersten Zeit behalf man sich mit Mulläppchen, die mit einer Lösung von Fixiersalz getränkt waren. Durch che- mische Umsetzung konnte das Chlorgas damit entgiftet werden. Bereits wenige Wochen später waren die wichtig- sten Truppenteile beider Seiten an der französischen Front

mit diesen Behelfsmitteln ausgestattet. Sie boten einen sehr brauchbaren Schutz gegen die Reiz- und Gift- wirkungen des Chlorgases. Da die Blasverfahren zu stark von den Gelände- und Witterungsbedingungen abhängig sind, suchte man ver- besserte Anwendungsverfahren und neue chemische Kampfstoffe. Obwohl noch 19l5 sowohl von den Alliierten als auch von der deutschen Armee einige Blasangriffe durchgeführt wurden, gab es in diesem Kriegsjahr keine weiteren entscheidenden Neuerungen. Es wurden lediglich Versuche mit den verschiedensten chemischen Füllungen durchgeführt, zum Beispiel von der französischen Armee mit Perchlormethylmerkaptan und Brandgranaten mit einer Lösung von Phosphor in Schwefelkohlenstoff. Auch Granaten mit Chlorazetonfüllung wurden auf ihre Ge- fechtswirksamkeit untersucht. Erst das Jahr 1916 brachte wesentliche Neuerungen auf dem Gebiet der chemischen Kriegführung. Nach streng geheimgehaltenen Vorbereitungen setzte die französische Armee am 21. Februar 1916 bei Verdun 75-mm-Granaten ein, die neben einer geringen Sprengladung eine Phosgen- füllung hatten. Der Einsatz dieses Kampfstoffes machte es notwendig, die Truppen mit wirksameren Atemschutz- geräten auszurüsten. Darüber hinaus war eine gute Organisation der Abwehr und der Alarmierung erforder- lich, da in Gefechtskonzentrationen das Phosgen prak- tisch geruchlos ist und akute Vergiftungen leicht über- sehen und erst entdeckt werden, wenn es bereits zu spät ist. Die deutsche Armee verschoß am 7. Mai 1916 erstmalig aus Kanonenbatterien Diphosgen, und zwar an der Maas bei Forts Souville und bei Tavennes. Dieser Kampfstoff ist im Gegensatz zu Phosgen flüssig und läßt sich deshalb leichter in Granaten abfüllen. In seiner Wirkung ent-

spricht er praktisch dem Phosgen. Aus diesen Gründen wurde Diphosgen im Verlaufe des Krieges in immer größeren Mengen produziert und eingesetzt. In der Nacht vom 22. zum 23. Juni 1916 wurden von der deutschen Armee bei Verdun während eines siebenstündigen, pau- senlosen Trommelfeuers 76 000 Haubitz- und 40 000 Kano- nengranaten mit Diphosgenfüllung abgeschossen. Im Kriegsjahr 1916 wurden von der französischen Armee auch Granaten mit Blausäurefüllung eingesetzt. Nach deutschen Angaben fand der erste Angriff mit diesen Granaten am 1. Juli 1916 statt. Von deutscher Seite wird behauptet, dieser Angriff habe keinen großen Erfolg gehabt, da die von den Franzosen verwendete Lösung von Blausäure in Arsentrichlorid infolge des sehr hohen Dampfdruckes keine genügende Kampfkonzentration ergeben habe. Trotz der immer stärker in den Vordergrund tretenden Artillerieangriffe fanden auch in den weiteren Kriegs- jahren noch Blasangriffe mit gasförmigen Kampfstoffen statt. Durch höhere Kampfstoffkonzentration und durch mehrere hintereinander folgende Kampfstoffwellen (Wel- lenangriffe) versuchte man, den gegnerischen Atemschutz zu durchschlagen. Diese Angriffe waren aber meist nur bei Einheiten von Erfolg, in denen durch undiszipliniertes Verhalten oder durch fehlende Schutzausrüstung kein ständiger Schutz vor chemischen Kampfstoffen gewähr- leistet war. Am 24. September 1916 verschossen englische Einheiten erstmalig aus vierzölligen Granatwerfern chemis3he Granaten, deren Füllung aus Augenreizstoff (Jodessig- ester) bestanden haben soll. Die Granatwerfer fanden im Kriegsjahr 1917 überhaupt immer weitere Verbreitung. Die von Foulkes geführte englische Gasbrigade verschoß bei einem Massenein satz

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am 4. April 1917 bei Arras fast 100 000 Wurfminen auf die deutschen Stellungen. Die Minen waren größtenteils mit Phosgen gefüllt. Auch Thermit und Nebelstoffe wurden aus diesen Werfern verschossen. Nachdem die Engländer das Werferverfahren für che- mische Kampfstoffe als brauchbar befunden hatten, stellte auch die deutsche Armee entsprechende Einheiten auf. Am 24. Oktober 1917 war der erste Einsatz einer deutschen Werfereinheit bei Flitsch an der italienisch- österreichischen Front. Aber nicht nur neue Anwendungsmethoden wurden erprobt. In fast allen Staaten arbeiteten große Forschungs- institute an der Erforschung neuer chemischer Kampfstoffe. In Deutschland beschäftigten sich starke Forschergruppen in den Labors der chemischen Werke und besonders im ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Dahlem mit diesen Problemen. Leiter dieser Arbeiten war Prof. W. Haber. Begünstigt durch die bereits vor dem Kriege in Deutschland hochentwickelte chemische Indu- strie wurden neue chemische Kampfstoffe gefunden und großtechnisch produziert. Ungeheuere finanzielle und materielle Mittel steckten bereits damals die Betriebe in die militärchemischen Forschungen, die sich später zum IG-Farben-Konzern vereinigten. Sie erzielten durch die Produktion chemischer Kampfstoffe riesige Profite. Durch die neuentwickelten Kampfstoffe errangen die Mittelmächte zeitweise eine gewisse Überlegenheit auf diesem Gebiet. In der Nacht vom 10. zum 11. Juli 1917 setzte die deut- sche Armee bei Nieuport in Flandern den starkwirkenden Nasen- und Rachenreizstoff Diphenylarsinchlorid ein, der in der Lage war, die bis dahin hauptsächlich verwendeten Schutzmaskenfilter zu durchdringen. Da dieser Kampf- stoff seine größte Wirkung als feinster Schwebstoff in der

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Kampfstoffe

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Luft entwickelt und die damaligen Masken keinen Schweb- stoffilter enthielten, verursachte dieser Stoff unter der Maske einen unerträglichen Hustenreiz, der sich bis zum Erbrechen steigerte. Der als Maskenbrecher geeignete Kampfstoff wurde entsprechend der Munitionskennzeich- nung Blaukreuz genannt. Es wurden Angriffe bevorzugt, bei denen gleichzeitig Phosgen (Grünkreuz entsprechend der deutschen Munitionskennzeichnung) zum Einsatz kam. Nachdem das Diphenylarsinchlorid die Soldaten zum Abnehmen der Masken gezwungen hatte und diese dadurch schutzlos geworden waren, sollte ihnen das Phos- gen tödliche Vergiftungen zufügen. Die nach dieser Methode beschossenen Geländeabschnitte nannte man bunte Räume. Wegen der kurzen Wirkungsdauer der ver- wendeten Kampfstoffe ist diese Methode besonders für die Artillerievorbereitung eines Angriffes geeignet. Kurz nach dem ersten Einsatz von Diphenylarsinchlorid wurde von der deutschen Armee das Dichlordiäthylsulfid (Yperit, Lost, Gelbkreuz) in das Arsenal der chemischen Kampfstoffe übernommen. Die Gelbkreuzgranaten wur- den zum ersten Mal in der Nacht vom 12. zum 13. Juli 1917 bei Ypern — in der Flandernschlacht — angewandt. Von den Engländern wurde dieser Kampfstoff wegen seines senfartigen Geruchs mustard-gas (Senfgas) ge- nannt. Sein Einsatz führte zu einer radikalen Änderung in der chemischen Kriegführung. Alle bis dahin verwende- ten Kampfstoffe wirkten in der Hauptsache nur auf die Augen und die Atmungsorgane. Dichlordiäthylsulfid zeichnet sich im Gegensatz dazu durch seine starke Wirkung auf die Haut aus. Außerdem ist es in der Lage, unter günstigen Bedingungen das beschossene Gelände tagelang zu vergiften. Die vergifteten Geländeabschnitte können nur mit Schutzbekleidung (Schutzstiefel usw.) betreten werden. Auf Grund dieser Vorzüge ist das Di-

chlordiäthylsulfid sehr gut für Verteidigungsaufgaben geeignet. Der Einsatz des neuen Kampfstoffes stellte die krieg- führenden Länder vor neue wirtschaftliche Probleme. Zum Schutz der Truppen mußten entsprechende Schutz- bekleidungsstücke (Schutzanzüge, Schutzplanen) ent- wickelt und produziert werden. Diese Aufgaben bereiteten besonders den Mittelmächten (Deutschland, Österreich- Ungarn) große Schwierigkeiten, weil diesen nur eine begrenzte Rohstoffbasis zur Verfügung stand. Bis zum Ende des Krieges konnten sie dieser Schwierigkeiten nicht Herr werden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Alliierten, denen das Wirtschaftspotential der USA eine unerschöpfliche Quelle war, eine starke Kampfstoff- und Schutzmittel-Industrie aufgebaut hatten. Welchen Umfang die Angriffe mit Dichlordiäthylsulfid erreichten, zeigt die Tatsache, daß im Verlaufe der Flandernschlacht von 1917 innerhalb von 10 Tagen 1 Million Granaten mit etwa 2500 Mp Dichlordiäthyl- sulfid verschossen wurde. Das Kriegsjahr 1918 brachte eine weitere Verstärkung des Einsatzes chemischer Kampfstoffe. Die deutsche Armee verschoß an der Westfront etwa 30 Prozent chemische Munition. Nachdem allerdings die alliierte Kampfstoff- produktion den Stand der deutschen erreicht hatte, wendeten sich die Erfolge der chemischen Kriegführung mehr und mehr auf die Seite der Alliierten. Der Gesamt- verbrauch an chemischer Munition erreichte in der fran- zösischen Armee in der Zeit vom 1. Juli 1915 bis 11. No- vember 1918 die beachtliche Zahl von über 17 Millionen Granaten. Die deutsche Industrie war in den letzten Kriegsjahren nicht mehr in der Lage, den alliierten Kampfstoffangriffen auch nur annähernd die gleiche Munitionsmenge entgegen-

zustellen, da sich die Rohstoffschwierigkeiten noch ver- schärft hatten. Auch auf chemischem Gebiet endete der vom deutschen Imperialismus mitentfesselte Krieg also mit einem völligen Fiasko. Die ungeheuren Verluste, die der chemische Krieg for- derte und die am schwersten die werktätigen Klassen aller kriegführenden Länder trafen, veranlaßten Wissenschaft- ler sowie Mitglieder von Arbeiter- und Friedensorgani- sationen, gegen die Verwendung chemischer Kampfstoffe zu protestieren. Bereits im Februar 1918 veröffentlichte das Internationale Komitee des Roten Kreuzes einen Aufruf gegen die Ver- wendung von giftigen Gasen, der von den kriegführenden Staaten allerdings nicht beachtet wurde. Nach dem Kriege wurden durch den Vertrag von Versailles Deutschland Herstellung. Einfuhr und Verwendung che- mischer Kampfstoffe untersagt. Trotz zahlreicher internationaler Verbote setzten aber bereits wenige Jahre nach Kriegsende die deut- schen Militaristen und besonders der neugebildete IG-Farben-Konzern die militärchemischen Forschungen fort. In den Jahren 1921 und 1922 beschäftigte sich die Wa- shingtoner Seeabrüstungskonferenz auch mit dem Verbot chemischer Kampfmittel. Entsprechend den Vorschlägen, die von den Teilnehmern dieser Konferenz ausgearbeitet wurden, wurde in das Genfer Protokoll vom 17. Juni 1925 die Bestimmung aufgenommen, daß ,der Gebrauch von erstickenden, giftigen oder ähnlichen Gasen, Flüssigkei- ten, festen Stoffen und Verfahrensarten sowie der Ge- brauch von bakteriologischen Mitteln in zukünftigen Krie- gen verboten ist'. In den folgenden Jahren beschäftigten sich viele Tagungen des Völkerbundes mit diesen Fragen. Andere internatio-

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nal gültige Abkommen wurden aber trotz eingehender und größtenteils sachlicher Diskussion nicht gefaßt. Erwähnenswert ist eine Entschließung der internationalen Konferenz des Roten Kreuzes in Den Haag von 1929, in der erklärt wird:

„Getreu seiner Sendung zu helfen und zu heilen, dem Fundament seines Daseins, ist es Pflicht des Roten Kreuzes, unverzüglich solche technische Mittel aus- findig zu machen und anzuwenden, die es gestatten, in denkbar weitestem Maße die Erhaltung und den Schutz der Zivilbevölkerung gegen die entsetzlichen Gefahren sicherzustellen, die ihr bislang erspart geblieben sind. Durch einen nachdrücklichen propa- gandistischen Appell an die öffentliche Meinung der Welt sowie durch die Ausübung praktischer Schutz- aufgaben wird das Rote Kreuz sein Hilfswerk aus- zubauen haben, der Zivilbevölkerung Schutz vor den furchtbaren Auswirkungen eines aerochemischen Angriffes zu gewähren."*) Ungeachtet der internationalen Verbote setzten die kapi- talistischen Staaten und besonders Deutschland die Ent- wicklung der chemischen Waffe fort. In einem Vortrag vor der American Chemical Society erklärte der bekannte amerikanische Militärchemiker Fries: „Erstrebenswert ist die Herstellung geheimgehaltener Kampfstoffe, die kein anderer besitzt." Natürlich wurde die Wirkung und der Einfluß der chemischen Waffe auf den Verlauf eines Krieges auch stark übertrieben. So schrieb zum Beispiel Vedder: „In Zukunft wird die Nation den Krieg gewin- nen, die den Vorteil eines Giftgases besitzt, das durch die feindlichen Masken dringt."

*) Blätter des Deutschen Roten Kreuzes, Heft 8; 1929.

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Douhet vertrat die Meinung, daß in einem Krieg besonders dem aerochemischen Angriff, also der Anwendung che- mischer Kampfstoffe aus der Luft, eine bevorzugte Stel- lung zukomme. Fast in allen Veröffentlichungen vor dem 2. Weltkrieg wurde dem Einsatz chemischer Kampfstoffe . durch Fliegerkräfte eine hohe Wirkung zugesprochen. Flug- zeuge, besonders langsamfliegende Typen, können nicht nur chemische Bomben abwerfen, sondern auch chemische Kampfstoffe abrieseln und dadurch große vergiftete Flächen schaffen. Das erfordert auf der anderen Seite die Organisation einer Zivilverteidigung, die über die ent- sprechenden Schutzmittel und Einrichtungen verfügen muß. Auch die Aufklärung der Zivilbevölkerung über den Schutz vor chemischen Kampfstoffen ist überaus wichtig. Obwohl in vielen Staaten vor dem 2. Weltkrieg intensive militärchemische Forschungen durchgeführt wurden, sind darüber nur wenige Einzelheiten bekannt geworden. Bereits kurz nach dem 1. Weltkrieg erfuhr die Öffent- lichkeit, daß nur das Kriegsende den Einsatz der neuen Kampfstoffe Adamsit, Chlorazetophenon und Lewisit verhindert hatte. Diese Kampfstoffe unter- schieden sich jedoch nicht wesentlich von den im Krieg eingesetzten Stoffen. Sie hätten deshalb keinen umwäl- zenden Einfluß gehabt, da die damals verwendeten Schutzmittel zum einwandfreien Schutz gegen sie aus- gereicht hätten.

Eine neue Gruppe chemischer Kampfstoffe wurde durch die Arbeiten von Prandtl und Sennewald bekannt. Diese Stoffe werden durch die Oximgruppe charakte- risiert. Auf der Haut rufen sie starke Nesselerscheinungen hervor; man nennt sie deshalb auch Nesselstoffe. Zu dieser Gruppe gehört das später noch eingehend zu be- schreibende Dichlorformoxim. Da die Nesselstoffe auch

blasenbildende Eigenschaften haben, ordnet man sie den hautschädigenden Kampfstoffen zu. In Frankreich untersuchte man Kohlenmonoxyd und kohlenmonoxydhaltige Verbindungen auf ihre Einsatz- fähigkeit. Reines Kohlenmonoxyd läßt sich aber nur schwer als Kampfstoff gebrauchen, da es wegen seiner hohen Flüchtigkeit nicht möglich ist, im freien Gelände hohe Kampfkonzentrationen herzustellen. In einer Ver- öffentlichung von Hanne wird aber trotzdem die Meinung vertreten, daß das Kohlenmonoxyd in einem Krieg als Kampfstoff eine Rolle spielen kann. Nicht zu unterschätzen sind allerdings die Karbonyle, in denen Kohlenmonoxyd chemisch an Metalle gebunden ist. Beim Erwärmen geben diese Stoffe das locker gebun- dene Kohlenmonoxyd ab. Als eine einsatzfähige Mischung sahen die Franzosen eine Mischung von Eisenkarbonyl und Blausäure an. Viele wissenschaftliche Arbeiten wurden dem Dichlor- diäthylsulfid gewidmet. Man versuchte, die Chloratome durch die ähnlichen chemischen Elemente Brom und Jod zu ersetzen, um dadurch Stoffe herzustellen, die ähnliche Wirkungen wie die Chlorverbindungen besitzen. Die so gewonnenen Stoffe hatten eine geringere Flüchtigkeit, erreichen aber in ihren physiologischen Wirkungen nicht das Dichlordiäthylsulfid. Im 2. Weltkrieg wurden tak- tische Mischungen*) des Dichlordiäthylsulfids bekannt, die sich durch große Klebkraft und Zähigkeit aus- zeichneten. Diese Mischungen haften sehr fest an der Bekleidung, an Holz und anderen Materialien und sind sehr schwer zu entgiften. Ihr Einsatz würde bei der Entgiftung des Ge-

*) Taktische Mischungen: Mischungen von Kampfstoffen untereinander oder mit anderen Stoßen, die für bestimmte Anwendungszwecke her- gestellt werden, zum Beispiel für den Einsatz bei tieferen Temperaturen.

ländes, der Bewaffnung und der Technik große Schwierig- keiten bereiten. Bei Untersuchungen über die dem Dichlordiäthylsulfid ähnlichen Stoffe wurden die Stickstoff-Loste (Stickstoff - Yperite) gefunden. Diese Stoffgruppe unterscheidet sich chemisch durch den Ersatz des Schwefelatoms durch Stickstoff. Als besonders wirksame Verbindungen dieser Reihe erwiesen sich das Trichlortriäthylamin und das Methyldichlordiäthylamin dadurch, daß sie praktisch geruchlos und nur äußerst schwer zu entgiften sind. Eine von Le Wita als wichtig bezeichnete Stoffgruppe sind die MetalläthylVerbindungen. Sie sollen sich als chemische Kampfstoffe eignen. Neben Tellurdiäthyl ist besonders das Bleitetraäthyl zu erwähnen. Bleitetraäthyl wird in der chemischen Industrie in großen Mengen her- gestellt; es dient als Treibstoffzusatz, um die Klopffestig- keit zu erhöhen. In der Industrie sind beim Umgang mit diesem Stoff viele tödliche Unfälle vorgekommen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß dieser Stoff oder Mischungen mit anderen Kampfstoffen militärisch verwendet werden können. Tellurdiäthyl hat ähnliche Eigenschaften wie das Blei- tetraäthyl. Es ist jedoch weniger giftig als dieses. Besonderes Interesse zeigten viele Forschungsinstitute an den Fluorverbindungen. 1934 erregte eine Meldung aus USA die Gemüter, daß in Massachusetts ein Chemiker des technologischen Instituts einen neuen tödlichen Fluor- kampfstoff entdeckt habe. Der angegebene Stoff (Stick - stofftrioxyfluorid) ist äußerst unbeständig, und es ist un- wahrscheinlich, daß er als Kampfstoff verwendet werden kann. Die Meldung zeigte aber, daß man sich in der Kampfstofforschung einem neuen erfolgversprechenden Gebiet, der Fluorchemie, zugewandt hatte. Wie spätere Veröffentlichungen zeigten, galt das besondere Interesse

der Chemiker den äußerst aggressiven Fluorverbindungen vom Typ der Schwefelfluoride und der Halogenfluoride. Bekannt wurden Arbeiten über Schwefelpentafluorid und Chlortrifluorid. Diese und ähnliche Stoffe erlangten später besondere Bedeutung als Oxydationsmittel für Raketen- treibstoffe. Inwieweit diese Stoffe als chemische Kampf- mittel eingesetzt werden können, ist bisher noch nicht eindeutig bekannt geworden. Große Bedeutung hatten die vor dem 2. Weltkrieg syste- matisch durchgeführten Arbeiten über die Fluorazetate. Anfang der dreißiger Jahre war man hinter die hohe Giftigkeit der Monofluoressigsäure und des Fluoräthyl- alkohols sowie ihrer Ester gekommen. Besonders vom Methylfluorazetat hoffte man, daß es die für einen Kampf- stoff notwendigen Eigenschaften habe. Eingehend unter- suchten die Militärchemiker die Verwendungsmöglich- keiten dieser Stoffe zur Trinkwasservergiftung. Die Stoffe boten sich dafür an, da sie sich leicht in Wasser lösen und sehr stabil sind. Nachdem in Deutschland die faschistische Diktatur er- richtet worden war, ließen die neuen Machthaber die militärischen Forschungen der Reichswehr stark beschleu- nigen. Besonders von der Herstellung neuer chemischer Kampfstoffe versprach man sich in Deutschland ein militärisches Übergewicht. Der IG-Farben-Konzern, der in der Massenproduktion chemischer Kampfstoffe eine lohnende Profitquelle sah, unterstützte diese Arbeiten, indem er die Forschungseinrichtungen und enorme finan- zielle Mittel bereitstellte. Besondere Aufmerksamkeit wurde der Entwicklung solcher Kampfstoffe gewidmet, die eine ähnlich schnelle Giftwirkung wie die Blausäure, jedoch eine geringere Flüchtigkeit besitzen. Einige Stoffe, die chemisch zur Gruppe der Phosphorsäureester gehören, entsprechen diesen Forderungen. Bereits lange vor dem

Krieg hatte man in Deutschland versucht, synthetische Stoffe herzustellen, die an Stelle von Nikotin und anderen natürlichen Insektenbekämpfungsmitteln eingesetzt wer- den könnten. Zum Beispiel wurde 1932 von Lange und Krüger mitgeteilt, daß Dimethyl- und Diäthylfluorphos- phat eine enorme Toxizität haben. Fußend auf diesen und anderen Arbeiten ließ der IG-Farben-Konzern weitere Arbeiten durchführen, die zu dem als Schädlingsbekämp- fungsmittel äußerst wirksamen Bladan führten. Im Rahmen dieser Arbeiten entdeckte G. Schröder das Tabun. Dieser Stoff, der chemisch als Äthylester der Dimethyl- aminozyanphosphorsäure bezeichnet werden kann, eignet sich als Kampfstoff. Er vereinigt hohe Giftigkeit mit geringer Flüchtigkeit. Die von den IG-Farben begonnenen Arbeiten wurden mit Unterstützung des ehemaligen Heereswaffenamtes in den Labors der IG-Farben unter Leitung von G. Schröder und in Heidelberg unter der Leitung von R. Kuhn weitergeführt. Schon in den Jahren 1937/38 wurden Versuchsanlagen bei Münster/Lüneburg und in Schwansee bei Frankfurt/Oder aufgebaut. In den Jahren vor dem 2. Weltkrieg waren in Deutsch- land riesige Produktionsstätten für chemische Kampf- stoffe und Anlagen für ihre Abfüllung in Granaten, Bomben usw. errichtet worden. Der faschistischen Armee standen Tausende Tonnen der bis dahin bekannten che- mischen Kampfstoffe zur Verfügung. Sie war vollständig mit Schutzmasken und anderen Schutzmitteln aus- gerüstet. Ferner standen zehn Sonderregimenter, so- genannte Nebelwerferregimenter, bereit, die mit allen erforderlichen Geräten ausgestattet waren. Kurz nach Beginn des 2. Weltkrieges begann bei Dyhern- furth an der Oder der Bau eines riesigen Werkes zur Tabunherstellung. Dieses Werk hatte nach seiner Fertig- stellung trotz weitgehender automatischer Steuerung

eine Belegschaft von 3000 Arbeitern. Die Werkanlage breitete sich über 1 km 2 aus. Oft wird die Frage gestellt, wieso im 2. Weltkrieg trotz- dem keine chemischen Kampfstoffe eingesetzt wurden. Kurz vorher hatten die italienischen Faschisten bei ihrem Überfall auf Abbessinien große Mengen Dichlordiäthyl- sulfid eingesetzt. In diesem Krieg bestätigten sich die Prophezeiungen über die ungeheure Wirkung von Luft- angriffen mit chemischen Kampfstoffen. Neben Bomben und Kanistern mit Kampfstoffüllungen verwendeten die italienischen Faschisten erstmalig Flugzeugabsprüh- geräte. Unrühmlich bekannt geworden ist der Angriff im Tal von Takuse, bei dem Tausende abbessinischer Frei- heitskämpfer und Zivilisten getötet wurden. Beurteilt man die Wirksamkeit der chemischen Kampf- stoffe im abbessinischen Krieg, so muß man berücksichti- gen, daß die abbessinischen Einheiten nicht einmal mit Schutzmasken ausgerüstet waren.

Auch Japan versuchte im Krieg gegen China mehrmals, durch den Einsatz chemischer Kampfstoffe Vorteile zu erringen. Auch hier stand eine auf chemischem Gebiet nicht gerüstete Armee den wohlvorbereiteten japanischen Truppen gegenüber. Es ist nicht leicht, ein allgemeingültiges Urteil über die Gründe der Nichtanwendung chemischer Kampfstoffe im 2. Weltkrieg abzugeben. Bei Kriegsbeginn waren alle großen Militärmächte mit den für einen chemischen Krieg notwendigen Geräten und Schutzmitteln ausgerüstet. Die Faschisten waren nicht abgeneigt, einen derartigen Krieg zu führen. So versuchte beispielsweise Goebbels, durch Meldungen über die angeb- liche Anwendung von Yperit bei der Versenkung des deutschen Panzerkreuzers Graf Spee in der La Plata- Mündung, den Beginn des chemischen Krieges herauf-

zubeschwören. Einen fadenscheinigen Grund zu diesen Meldungen gab die Fehldiagnose eines Arztes. Dieser hatte die bei vielen Besatzungsmitgliedern aufgetretenen Hautschädigungen irrtümlich als Yperitverletzungen erklärt, obwohl sie lediglich auf das bromhaltige Feuer- löschmittel zurückzuführen waren, das aus den zerstörten Löschanlagen geflossen war. England protestierte daraufhin energisch gegen derartige Meldungen, die sich durch eingehende Untersuchungen auch als unzutreffend erwiesen. England seinerseits hatte kurz nach Kriegsbeginn in Dün- kirchen und Calais Lager mit chemischer Munition an- gelegt, die aber noch vor der Besetzung durch deutsche Truppen rechtzeitig geräumt werden konnten. Auch in den anderen von den Faschisten besetzten Gebieten ist es diesen nie gelungen, nennenswerte Mengen chemischer Kampfstoffe zu erbeuten. Ein derartiges Lager hätte unter Umständen den Vorwand für den Beginn des che- mischen Krieges gegeben. Im Verlaufe des Krieges verstärkten die deutschen Fa- schisten an vielen Hochschulinstituten und Industrie- laboratorien die militärchemischen Forschungen. Neben Tabun wurden auch die Ester der Methylfluorphosphor- säure untersucht. Dabei wurden die Kampfstoffe Sarin und Soman entdeckt, die weit giftiger als das Tabun sind und die sich auf Grund ihrer chemischen Eigenschaften besser zum militärischen Einsatz eignen. Da die Herstellung dieser Stoffe große technische Schwierigkeiten bereitet, gelang es den Faschisten jedoch bis zum Ende des Krieges nicht, größere Mengen dieser Stoffe zu produzieren. Nach Literaturangaben soll sich das Soman bei Kriegsende noch im Stadium der labormäßigen Untersuchungen befunden haben. Für das Sarin war eine großtechnische Anlage noch im Bau. Tabun wurde gegen Ende des Krieges in einer

28

Menge von monatlich 1000 Mp produziert. Von Sarin sollen insgesamt etwa 25 bis 30 Mp existiert haben. In England arbeitete in Cambridge eine Forschergruppe für das englische Ministerium für Versorgung an ähnlichen Fragen wie die Gruppen in Deutschland. Diese Arbeits- gruppe untersuchte besonders die Ester der Fluorphos- phorsäure auf ihre Eignung zum militärischen Einsatz. Auf einer Konferenz des Ministeriums für Versorgung in London berichtete am 11. Dezember 1941 der Leiter der Forschungsabteilung über die Ergebnisse der bis dahin durchgeführten Arbeiten, und er erläuterte besonders die Eignung von Diisopropylfluorphosphat (DFP) als Kampf- stoff. Die Arbeiten wurden daraufhin verstärkt fort- gesetzt und großtechnische Verfahren zur Herstellung dieser Stoffe erarbeitet. Es haben also alle Staaten bis zum Kriegsende an der Vervollkommnung der chemischen Waffe gearbeitet. Die Gefahr eines chemischen Krieges schwebte daher immer wie ein Damoklesschwert über den Völkern. Ein nicht zu unterschätzendes Hindernis für die Anwendung chemischer Kampfstoffe war das Genfer Protokoll vom 1. Juni 1925. Im Zusammenhang mit der Abrüstungsfrage und der Diskussion über die Wirksamkeit internationaler Verbote schrieb dazu die Prawda vom 26. Juni 1952:

„Die politischen, völkerrechtlichen und moralischen Verpflichtungen, die die Staaten auf Grund der Unter- zeichnung dieser Genfer Konvention übernommen hatten, waren im 2. Weltkrieg ein ernst zu nehmender Faktor, der die faschistischen Machthaber von der Anwendung dieser mörderischen Waffen zurückhielt. Damit wurde erwiesen, daß dieser Faktor ein wesent- liches Hindernis für Aggressoren darstellt." Es gab aber auch technische und militärische Über- legungen, auf einen chemischen Krieg zu verzichten. Bei

29

Beginn des 2. Weltkrieges war die deutsche Wehrmacht beispielsweise durch Untersuchungen dahintergekom- men, daß der Filtereinsatz FE 39, mit dem die deutschen Truppen ausgerüstet waren, nur wenig Schutz vor hohen Konzentrationen von Blausäure und Chlorzyan bot. Die Einsatzmöglichkeiten gerade dieser Stoffe wurden aber bei Kriegsbeginn bekannt. Die Anwendung dieser Kampf- stoffe hätte zu schweren Verlusten bei den deutschen Truppen und noch mehr unter der Zivilbevölkerung geführt. Die Produktion des neuen deutschen Filters FE 42, der auch gegen diese Kampfstoffe schützte, kam nur langsam in Gang. Die Ausrüstung der Truppen konnte erst im Jahre 1944 abgeschlossen werden. Zu dieser Zeit hatten aber die Alliierten bereits eine der- artige technische und militärische Überlegenheit gewon- nen, daß ein chemischer Krieg sich in der Hauptsache gegen die deutschen Faschisten selbst und gegen ihre Verbündeten gerichtet hätte. Die deutsche Industrie und besonders die Zivilverteidigung hätten in den letzten Kriegsjahren in keiner Weise die Anforderungen der chemischen Abwehr befriedigen können. Nach Aussage des Nazi-Rüstungsministers Speer im Nürnberger Prozeß hatte Goebbels Anfang 1945 den Versuch unternommen, den Austritt Deutschlands aus der Genfer Konvention zu erreichen, um den Krieg mit allen Mitteln zu ver- schärfen. Die Militärs, erklärte Speer, lehnten jedoch insbesondere den Gaskrieg ab,

„da er ja heller Wahnsinn war, denn bei der Luft- überlegenheit, die sie (die Alliierten, R. S.) hatten, mußte ja in kurzer Zeit über die deutschen Städte, die völlig schutzlos waren, eine furchtbare Kata- strophe kommen".*)

*) Der Prozeß gegen die Naziverbrecher vor dem Internationalen Militär- gerichtshof, Bd. XVI, Nürnberg 1948, Seite 576 ff.

Welchen Umfang der Einsatz chemischer Kampfmittel im 2. Weltkrieg angenommen hätte, zeigt ein Vergleich zwischen der nach 1945 in Deutschland vorgefundenen Kampfstoffmenge (abgefüllt und nicht abgefüllt etwa 250 000 Mp) und dem Gesamtverbrauch aller Staaten, die im 1. Weltkrieg Kampfstoffe angewendet haben (etwa 125 000 Mp). Man erhält so ein Bild von der un- geheuren Gefahr, die der Einsatz dieser Stoffe herauf- beschworen hätte. Ein von Frankreich veröffentlichter Vergleich über die vorhandenen französischen Produk- tionskapazitäten unterstreicht diese Tatsache. Frankreich stellte im Oktober 1918 monatlich 500 Mp Yperit her; im Jahre 1939 hätten die Betriebe monatlich 1200 Mp Phosgen und 800 Mp Yperit produzieren können. Interessant ist eine statistische Aufstellung von Kom- mandeur Bonnand über die Mengen der in der damaligen anglo-amerikanischen Zone aufgefundenen Kampfstoff- vorräte :

37

700 Mp Yperit

13

350 Mp Tabun

10

500 Mp Phosgen

1

700 Mp Arsine

1

700 Mp Augenreizstoffe

1

500 Mp Trichlortriäthylamin

Man muß dabei berücksichtigen, daß viele Fabriken nur mit einem Bruchteil ihrer Kapazität gearbeitet haben und die aufgefundenen Mengen nur die Einsatzreserve bis zum Anlaufen der vollen Produktion waren. Nach dem 2. Weltkrieg setzten vor allem die USA die Entwicklungen auf militärchemischem Gebiet fort. Die USA hatten auf Grund ihrer Erfahrungen im 1. Weltkrieg in der Armee einen gut organisierten chemischen Dienst aufgebaut. Die bereits im 1. Weltkrieg eingerichteten chemischen Forschungs- und Erprobungsinstitute wurden

ständig ausgebaut und vergrößert und in Zusammenarbeit mit großen amerikanischen Chemiekonzernen die For- schungsarbeiten mit unverminderter Energie voran- getrieben. Die Finanzmittel für chemische Forschungen wurden ungeachtet der riesigen Ausgaben für die Produk- tion von Kernwaffen und biologischen Kampfmitteln von Jahr zu Jahr erhöht. In Arizona wurden die Yuma- Labors errichtet, die Stationen und Erprobungseinrich- tungen für chemische und biologische Kampfmittel besitzen. In diesem Zusammenhang ist eine Mitteilung des Leiters der Abteilung für chemische Kriegführung der US-Armee erwähnenswert, die am 3. Juni 1948 in der New York Herald Tribune erschien:

„Ende des 2. Weltkrieges gab es völlig neue Ent- deckungen auf dem Gebiete der chemischen Krieg- führung, die auf dem Schlachtfeld noch nicht aus- probiert worden sind. Wir müssen auf alle Fälle auf diesem Gebiet an der Spitze aller Staaten bleiben." Mit welchen Mitteln in den USA neue Produktions- kapazitäten für chemische Kampfstoffe geschaffen wer- den, zeigt eine Meldung, die Der Mittag (Düsseldorf) am 23./24. April 1955 veröffentlichte. Danach wurde in Colo- rado mit einem Kostenaufwand von 50 Millionen Dollar ein neues automatisches Werk zur Herstellung von Phos- phorsäureester-Kampfstoffen errichtet. Dieses Werk, das in der Hauptsache Sarin produziert, ist nicht das einzige seiner Art in den USA. Nach 1948 wurden mehrere Pro- duktionsanlagen für Sarin und Soman sowie Anlagen zu ihrer Abfüllung in Bomben, Granaten und chemische Minen erbaut, die jede mindestens einen ähnlich hohen finanziellen Aufwand erforderten. Neben Produktions- anlagen, die direkt dem amerikanischen Kriegsmini- sterium unterstehen, errichteten viele Chemiekonzerne

32

eigene Anlagen, die im Frieden Insektenbekämpfungs- mittel herstellen und jederzeit auf die Produktion von Kampfstoffen umgestellt werden können. Um die neuentwickelten chemischen Kampfstoffe zu erproben, wurden große Übungsplätze eingerichtet. Von Oktober 1954 bis Januar 1955 fanden im USA-Staat Louisiana Manöver statt, an denen über 110 000 Mann und etwa 1200 Flugzeuge teilnahmen. Die angenommene Lage sah den Masseneinsatz von Kernwaffen und che- mischen Kampfstoffen vor. Im Verlauf der Übung sollte die Ausrüstung der Truppen, die Truppenführung im Gefecht und die allgemeine Taktik unter den Bedingungen des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen erprobt werden. In den letzten Jahren sind in der amerikanischen und in anderer westlicher Fachliteratur Meldungen erschienen, nach denen die militärischen Forschungsstellen der USA und ihrer NATO-Partner sich mit neuartigen Kampf- stoffen beschäftigen. So sollen einige Psychopharmaka mit ähnlicher Wirkung wie das bekannte Meskalin für militärische Zwecke ver- wendbar sein. Wahrscheinlich handelt es sich in den meisten Fällen um ausgesprochen auf das Zentralnerven- system wirkende Stoffe. Es ist selbstverständlich, daß bei der schnellen Entwicklung, die in den letzten Jahren auf den Gebieten der organischen Synthese, der Toxikologie und der Pharmakologie zu beobachten ist, viele neue Erkenntnisse erhalten wurden, für die sich die militär- chemische Forschung außerordentlich interessiert. In den letzten beiden Jahren sollen in den USA auch einige größere Versuchsanlagen ihre Produktion aufgenommen haben. Es kann jedoch nicht Aufgabe dieser Arbeit sein, diese Fragen näher darzulegen. Es weisen auch keinerlei Veröffentlichungen in der Fachliteratur darauf hin, daß

3

Kampfstoffe

33

sich diese Stoffe bereits in großen Mengen in der Aus- rüstung der imperialistischen Armeen befinden. Einige Stoffe mit angstauslösender Wirkung, die in den letzten Jahren beschrieben worden sind, scheinen sich für den militärischen Einsatz zu eignen. Es bleibt aber abzu- warten, ob diese meist nur schwer herstellbaren Stoffe auch für die Massenproduktion tauglich sind. Die west- lichen Tageszeitungen übertreiben häufig ihre Einsatz- möglichkeiten. Meist ergeben Felderprobungen völlig an- dere Einschätzungen als die Überprüfung im Laborver- such. Zum Teil sind die Meldungen von der Tagespresse auch mit der Absicht verfaßt worden, von den Fehl- schlägen der amerikanischen Forschung in der Raketen- technik abzulenken, die Überlegenheit der USA auf anderen Gebieten der Militärtechnik zu beweisen und die Öffentlichkeit irrezuführen. In anderen Meldungen ist deutlich die Absicht zu merken, der Öffentlichkeit einzu- reden, daß es auch humane Seiten der chemischen Krieg- führung gibt und ein Verbot der Produktion chemischer Kampfstoffe und ihrer Anwendung nicht notwendig ist. Wichtig und beachtenswert sind einige Entwicklungen auf dem Gebiete der Militärchemie, die eigentlich in das Gebiet der biologischen Kriegführung gehören. So sind zahlreiche Meldungen erschienen, nach denen in den USA und anderen NATO-Staaten besonders intensiv das Gebiet der militärisch anwendbaren Toxine*) und der wachstumsregulierenden Stoffe bearbeitet wird. Auf dem Gebiet der wachstumsregulierenden Stoffe, die den chemischen Kampfstoffen infolge ihrer synthetischen Herstellbarkeit sehr nahestehen, wurden in den letzten

*) Toxine sind Giftstoffe, die als Folgeprodukte des Stoffwechsels verschie- dener Mikrobenarten entstehen und eine beträchtliche toxische Wirkung gegenüber Warmblütern haben. Ein bekanntes Toxin, das sich mili- tärisch besonders gut als Sabotagegift einsetzen läßt, ist das Botulinus- Toxin.

Jahren einige Einzelheiten bekannt. So wird in verschie- denen Veröffentlichungen darauf hingewiesen, daß es möglich ist, 2,4-Dichlorpbenoxyazetat zu verwenden, um das Wachstum von Kulturpflanzen zu verlangsamen. Auch andere, chemisch ähnliche Verbindungen wurden in den USA und anderen westlichen Staaten auf ihre Brauchbarkeit in einem biologischen Krieg untersucht. Wie weit sich die militärchemischen Forschungen in den NATO-Ländern auf das Gebiet biochemischer Vorgänge verlagert haben, zeigen die Veröffentlichungen über Stoffe, die in der Lage sind, Laubbäume schnell verwelken zu lassen. Diese Stoffe sollen sich als militärisch einsatz- fähig erwiesen haben. Ein weites, bisher in der einschlägigen Literatur nur wenig behandeltes Gebiet der chemischen Kriegführung bilden die Sabotagegifte. Auf diesem Sektor der chemischen Kriegführung gibt es wahrscheinlich ebensoviele Möglich- keiten und spezielle Anwendungsmittel wie auf dem Ge- biete der biologischen Kriegführung. Besonders die in den letzten Jahren erzielten Ergebnisse über die synthetischen Giftstoffe lassen die Möglichkeiten ahnen, die sich hier bieten. Wie intensiv man sich auch in den NATO- Staaten, besonders seitens der Geheimdienste, für dieses Gebiet interessiert, zeigen die wiederholten Versuche, diese Mittel zu Sabotageakten zu verwenden, und die ver- stärkte Ausbildung der sogenannten Ranger-Gruppen in den Spezialschulen der NATO-Armeen. Überblickt man alle zur Zeit bekannten und möglichen chemischen Massenvernichtungsmittel, so muß man zu der Schlußfolgerung kommen, daß diese Mittel in der Hand eines kriegslüsternen imperialistischen Staates eine furchtbare Waffe sind, deren Einsatz ungeheure Verluste und Zerstörungen zur Folge hätte. Das zeigt, wie not- wendig es ist, den Schutz der Menschen und der tech-

irischen Einrichtungen vor den chemischen Kampfstoffen zu organisieren, die notwendigen Ausrüstungen dafür zu schaffen und die bewaffneten Organe entsprechend aus- zubilden. Auf der anderen Seite zeigt die Entwicklung der chemi- schen Waffe, daß der Kampf um den Frieden nicht nur eine Angelegenheit einiger weniger Menschen sein kann, sondern daß sich in diesem Kampf die ganze Menschheit zusammenfinden muß, weil es ein Kampf um ihre Exi- stenz ist. Die Anstrengungen der friedliebenden Menschen müssen noch, stärker werden, um es den Kriegstreibern zu verwehren, ihren seit Jahren vorbereiteten Krieg zu entfesseln. Die Vertreter der Sowjetunion haben auf den Tagungen der UN und der Abrüstungskonimission immer wieder auf die Gefahr hingewiesen, die alle modernen Massenvernichtungswaffen für die Menschheit darstellen, und konkrete und für alle Staaten annehmbare Vor- schläge für das absolute Verbot der Massenvernichtungs- waffen eingebracht. So beantragte die Sowjetunion 1952 in der Debatte des Sicherheitsrates, der Rat solle alle Staaten, gleichgültig, ob Mitglied oder nicht Mitglied der UN, die bis dahin das Genfer Protokoll nicht ratifiziert hätten, auffordern, dies nachzuholen. Dieser Antrag wurde von der USA-hörigen Mehrheit mit faden- scheinigen Gründen abgelehnt. Die USA, die bis heute noch nicht das Genfer Protokoll ratifiziert haben, wollten sich damit alle Möglichkeiten für die weitere Entwicklung der chemischen und biologischen Waffe offenhalten. Es ist daher notwendig, daß sich alle Angehörigen unserer bewaffneten Kräfte einen Überblick über die chemischen Waffen und ihre Einsatzmöglichkeiten verschaffen, um im Falle eines imperialistischen Angriffs mit chemischen Waf- fen wirkungsvolle Gegenmaßnahmen einleiten zu können.

Um die Kampfeigenschaften, Anwendungsmöglichkeiten und Vernichtungswirkungen sowie die Verhaltensweise der Kampfstoffe unter den verschiedensten meteorologi- schen und topografischen Verhältnissen zu verstehen, um die Schutz- und Erste-Hilfe-Maßnahmen bei Vergiftungen mit chemischen Kampfstoffen zu begreifen, ist die Kennt- nis der vielfältigen Eigenschaften der chemischen Kampf- stoffe erforderlich. Wie kaum bei einer anderen modernen Waffenart sind zur näheren Beurteilung der chemischen Kampfstoffe viele grundlegende Erkenntnisse und Gesetz- mäßigkeiten aus den verschiedensten naturwissenschaft- lichen und medizinischen Wissenszweigen zu berück- sichtigen. Gerade diese Tatsache ist häufig die Ursache für falsche Einschätzungen der chemischen Kampfmittel, für die Unter- oder Überschätzung ihrer möglichen Rolle in einem modernen Krieg. Es kann nicht oft und ein- dringlich genug auf das intensive Studium der Natur- wissenschaften hingewiesen werden. Der komplizierte Charakter eines modernen Krieges ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß von allen Angehörigen der militäri- schen und zivilen Organe zur Erfüllung ihrer Aufgaben im Falle eines Krieges umfassende Grundkenntnisse auf ihrem Fachgebiet als Voraussetzung für die erfolgreiche Lösung ihrer Aufgaben verlangt werden.

2. Allgemeine Eigenschaften und Wirkungen chemischer Kampfstoffe

Um das Verständnis für die Beschreibung der chemischen Kampfstoffe zu erleichtern, werden deshalb im allgemei- nen Teil dieses Buches einige physikalische, chemische und pharmakologische Grundbegriffe und Gesetze be- handelt. In erster Linie sollen dabei Begriffe erläutert werden, die für das Verständnis der Grundlagen der chemischen Kriegführung von Bedeutung sind.

2.1

Physikalische

Eigenschaften der Kampfstoffe

Die wichtigsten physikalischen Eigenschaften, die für die militärtechnische Beurteilung der chemischen Kampf- stoffe Bedeutung haben, sind: Schmelzpunkt, Siedepunkt, Dampfdruck, Sättigungskonzentration (ungenau auch Flüchtigkeit), Seßhaftigkeit, spezifisches Gewicht, Dampf- dichte, Adsorbierbarkeit und Löslichkeit.

2.1.1 Schmelzpunkt Als Schmelzpunkt eines Stoffes bezeichnet man die Tem- peratur, bei welcher ein Stoff aus dem festen Zustand in den flüssigen übergeht. Diese Temperatur ist eine charak- teristische Konstante für jeden reinen Stoff und dient oft zur Bestimmung der Art und der Reinheit einer chemi- schen Substanz. Stoffgemische oder großtechnische Pro- dukte haben meist keinen scharf ausgeprägten Schmelz- punkt und werden bei Erwärmung allmählich flüssig. Ähnliches gilt für amorphe Stoffe.*)

*) Amorph nennt man den gestaltlosen Zustand fester Stoffe, bei denen, im Gegensatz zu den Kristallen, die physikalischen Eigenschaften nach allen Richtungen gleich sind.

Die Kenntnis des Schmelzpunktes der chemischen Kampf- stoffe ist für die Beurteilung ihrer Anwendungsmöglich- keiten notwendig. So müssen zum Beispiel chemische Kampfstoffe, die zur Geländevergiftung eingesetzt werden sollen, einen niedrigen Schmelzpunkt haben, der ihren flüssigen Zustand auch noch bei winterlichen Tempe- raturen gewährleistet. Flüssige Kampfstoffe lassen sich besser verteilen, besit- zen eine größere Wirkung auf Oberflächen und dringen besser und wesentlich schneller in Gewebe, Holz und an- dere Materialien ein. Um flüssige Kampfstoffe, deren Schmelzpunkt in der Nähe des Gefrierpunktes des Wassers liegt, auch im Winter einsatzfähig zu erhalten, wird der Schmelzpunkt durch den Zusatz von anderen Stoffen entsprechend herabgesetzt. Als Zusatzstoffe dienen Kampfstoffe, die bei wesentlich niedrigerer Temperatur schmelzen, oder auch andere Stoffe und Lösungsmittel, die Gemische mit niedrigem Schmelzpunkt bilden. Im 1. Weltkrieg wurden taktische Mischungen des Kampf- stoffes Yperit verwendet, dessen Schmelzpunkt durch Zusatz von Tetrachlorkohlenstoff oder Chlorbenzol ver- bessert worden war. Durch Zusatz von 10 Prozent Tetra- chlorkohlenstoff erniedrigt sich der Schmelzpunkt von Yperit, der normalerweise bei 14 °C liegt, um rund 10 °C. Im 2. Weltkrieg wurde von deutscher Seite eine taktische Yperit-Mischung hergestellt, die 54 Prozent Yperit, 25 Prozent Phenylarsindichlorid und 21 Prozent Di- phenylarsinchlorid enthielt. Diese "Mischung wurde als Winterlost bezeichnet und war bis zu - 25 °C einsatz- fähig. Die Schmelzpunkterniedrigung eines Stoffgemisches kann

nach dem Raoultschen Gesetz berechnet werden, das durch folgende Gleichung ausgedrückt wird:

werden, das durch folgende Gleichung ausgedrückt wird: T D i f f = Schmelzpunkterniedrigung in °Celsius

T Diff

= Schmelzpunkterniedrigung in °Celsius

n

= Anteil des gelösten Stoffes in Molen pro Liter

R

= allgemeine Gaskonstante

T

= Schmelztemperatur des Lösungsmittels [°K]

s

= Schmelzwärme des Lösungsmittels

In modernen taktischen Mischungen chemischer Kampf- stoffe sind Stoffe zugesetzt, die meistens selbst hochgiftig sind und bereits bei kleinen Zusatzmengen hohe Tempe- ratureffekte ergeben. So ist zum Beispiel aus der Literatur bekannt, daß sich hochtoxische Phosphorsäureester zur Herstellung von Yperit-Wintermischungen eignen, die weitaus giftiger sind als das Yperit selbst. Die chemischen Kampfstoffe schmelzen in einem weiten Temperaturbereich. Nur wenige Kampfstoffe, die unter modernen Kampfbedingungen einsatzfähig sind, sind bei normalen Temperaturen im festen Zustand. Bei diesen Kampfstoffen handelt es sich meistens um sogenannte Aerosol-Kampfstoffe*), die erst im feinverteilten Zustand als Rauch oder Nebel ihre größte Wirksamkeit besitzen. Ein Beispiel dafür ist der Kampfstoff Adamsit, ein hoch- wirksamer Rachenreizstoff.

2.1.2 Siedepunkt Der Siedepunkt eines Stoffes gibt die Temperatur an, bei der dieser vom flüssigen Zustand in den gasförmigen über- geht. Der Siedepunkt eines Stoffes ist abhängig von dem Luft- (bzw. Gas-)druck, der auf dem Stoff lastet. Zu einer

*) Als Aerosol bezeichnet man dem Zustand, in dem sich feinverteilte Schwebstoffe (Rauch, Nebel) in der Luft scheinbar stabil erhalten.

genauen Angabe des Siedepunktes eines Stoffes gehört deshalb auch die Angabe des Druckes, bei dem dieser Wert gewonnen wurde. Wie groß die Unterschiede bei verschiedenen Temperatu- ren sein können, soll folgendes Beispiel zeigen: Sarin siedet unter Normaldruck (760 mm Hg-Säule) bei 151 °C, bei einem Druck von 12 mm Hg-Säule jedoch bereits bei 50 °C. Der Siedepunkt chemischer Kampfstoffe ist für ihre Handhabung während des Herstellungsprozesses und bei der Abfüllung von großer Wichtigkeit. So müssen zum Beispiel Kampfstoffe mit einem niedrigen Siedepunkt durch Unterkühlungs- oder Druckverfahren in Granaten oder an- dere Einsatzbehälter abgefüllt werden, während bei Zim- mertemperatur flüssige Kampfstoffe mit einem hohen Siede- punkt einfacher und sicherer gehandhabt werden können. Aus diesem Grunde wurde im 1. Weltkrieg beispielsweise das flüssige Diphosgen eingesetzt, das zwar etwas ungif- tiger als Phosgen ist, jedoch infolge seines wesentlich höhe- ren Siedepunktes gefahrloser gehandhabt werden kann. Die Angabe der Siedetemperatur eines Kampfstoffes kann zur ungefähren Ermittlung seiner Seßhaftigkeit im Gelände dienen. Flüchtige Kampfstoffe haben meist einen Siedepunkt unter 130 °C. Bei seßhaften Kampfstoffen liegt der Siedepunkt über 150 °C. Bei dieser Faustregel muß jedoch beachtet werden, daß die Aerosol-Kampf- stoffe nicht unter diese Einteilung fallen. Der Siedepunkt läßt in diesen Fällen erkennen, ob der Kampfstoff als Aerosol gefechtsmäßig anwendbar ist.

Flüchtige Kampfstoffe Siedepunkt (°C)

Phosgen 8,2 Chlorzyan 13 Blausäure 26,5 Diphosgen 107
Phosgen
8,2
Chlorzyan
13
Blausäure
26,5
Diphosgen
107

Seßhafte Kampfstoffe

Yperit

Seßhafte Kampfstoffe Yperit .
.
.
Seßhafte Kampfstoffe Yperit .
Seßhafte Kampfstoffe Yperit .
Seßhafte Kampfstoffe Yperit .
Seßhafte Kampfstoffe Yperit .
Seßhafte Kampfstoffe Yperit .
Seßhafte Kampfstoffe Yperit .
Seßhafte Kampfstoffe Yperit .
Seßhafte Kampfstoffe Yperit .
Seßhafte Kampfstoffe Yperit .
Seßhafte Kampfstoffe Yperit .
Seßhafte Kampfstoffe Yperit .
Seßhafte Kampfstoffe Yperit .
Seßhafte Kampfstoffe Yperit .
 

Siedepunkt (°C)

Soman

 
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217
Soman   ca. 200 217

ca. 200217

217ca. 200

ca. 200 217
ca. 200 217
ca. 200 217
ca. 200 217
ca. 200 217
ca. 200 217

Brombenzylzyanid

Brombenzylzyanid 242
Brombenzylzyanid 242
Brombenzylzyanid 242
Brombenzylzyanid 242
Brombenzylzyanid 242
Brombenzylzyanid 242
Brombenzylzyanid 242
Brombenzylzyanid 242
Brombenzylzyanid 242
Brombenzylzyanid 242
Brombenzylzyanid 242
Brombenzylzyanid 242

242

Phenylarsindichlorid

 
Phenylarsindichlorid   252
Phenylarsindichlorid   252
Phenylarsindichlorid   252
Phenylarsindichlorid   252
Phenylarsindichlorid   252
Phenylarsindichlorid   252

252Phenylarsindichlorid  

252
252
252

2.1.3 Dampfdruck Jeder feste oder flüssige Stoff besitzt das Bestreben, in den gasförmigen Zustand überzugehen. Es bildet sich deshalb über jedem festen oderflüssigenKörper eineDampf- schicht, die einen Druck ausübt. Diesen Druck bezeichnet man als Dampfdruck. Der Dampfdruck wird in Millimeter Quecksilbersäule oder in Atmosphären gemessen. Der Dampfdruck besitzt für jeden Stoff bei jeder Tempe- ratur einen bestimmten Wert. Steigt die Temperatur, wird der Dampfdruck größer, fällt die Temperatur, wird er kleiner. Der Dampfdruck eines Stoffes bei einer gegebenen Tempe- ratur kann nach der Formel von Regnault berechnet werden:

ratur kann nach der Formel von Regnault berechnet werden: p = Dampfdruck in mm Hg =

p = Dampfdruck in mm Hg

von Regnault berechnet werden: p = Dampfdruck in mm Hg = für jeden Stoff charakteristische Konstanten

= für jeden

Stoff charakteristische Konstanten

t

= Temperatur

in O Celsius

Die Konstanten A und B wurden von Baxter und Mum-

ford für einige wichtige Kampfstoffe bestimmt und haben

folgende Werte:

Kampfstoff

A

B

Phosgen Chlorpikrin
Phosgen
Chlorpikrin

Bromzyan

Kampfstoff A B Phosgen Chlorpikrin Bromzyan 7,5595 1326 2045,6 8,2424 2457,5 10,3282 Kampfstoff Yperit

7,5595Kampfstoff A B Phosgen Chlorpikrin Bromzyan 1326 2045,6 8,2424 2457,5 10,3282 Kampfstoff Yperit

1326Kampfstoff A B Phosgen Chlorpikrin Bromzyan 7,5595 2045,6 8,2424 2457,5 10,3282 Kampfstoff Yperit

A B Phosgen Chlorpikrin Bromzyan 7,5595 1326 2045,6 8,2424 2457,5 10,3282 Kampfstoff Yperit

2045,6A B Phosgen Chlorpikrin Bromzyan 7,5595 1326 8,2424 2457,5 10,3282 Kampfstoff Yperit

8,2424A B Phosgen Chlorpikrin Bromzyan 7,5595 1326 2045,6 2457,5 10,3282 Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid A B

B Phosgen Chlorpikrin Bromzyan 7,5595 1326 2045,6 8,2424 2457,5 10,3282 Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid A B

2457,5B Phosgen Chlorpikrin Bromzyan 7,5595 1326 2045,6 8,2424 10,3282 Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5

10,3282Chlorpikrin Bromzyan 7,5595 1326 2045,6 8,2424 2457,5 Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 8,3937

Bromzyan 7,5595 1326 2045,6 8,2424 2457,5 10,3282 Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 8,3937
Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid
Kampfstoff
Yperit
Methylarsindichlorid

A

B

2734,52457,5 10,3282 Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid A B 8,3937 2281,7 8,6944 Diphenylarsinchlorid Der Dampfdruck

8,393710,3282 Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 2281,7 8,6944 Diphenylarsinchlorid Der Dampfdruck chemischer

Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 8,3937 2281,7 8,6944 Diphenylarsinchlorid Der Dampfdruck chemischer
Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 8,3937 2281,7 8,6944 Diphenylarsinchlorid Der Dampfdruck chemischer
Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 8,3937 2281,7 8,6944 Diphenylarsinchlorid Der Dampfdruck chemischer
Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 8,3937 2281,7 8,6944 Diphenylarsinchlorid Der Dampfdruck chemischer
Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 8,3937 2281,7 8,6944 Diphenylarsinchlorid Der Dampfdruck chemischer
Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 8,3937 2281,7 8,6944 Diphenylarsinchlorid Der Dampfdruck chemischer

2281,7Kampfstoff Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 8,3937 8,6944 Diphenylarsinchlorid Der Dampfdruck chemischer

8,6944Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 8,3937 2281,7 Diphenylarsinchlorid Der Dampfdruck chemischer Kampfstoffe

Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 8,3937 2281,7 8,6944 Diphenylarsinchlorid Der Dampfdruck chemischer Kampfstoffe
Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 8,3937 2281,7 8,6944 Diphenylarsinchlorid Der Dampfdruck chemischer Kampfstoffe
Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 8,3937 2281,7 8,6944 Diphenylarsinchlorid Der Dampfdruck chemischer Kampfstoffe
Yperit Methylarsindichlorid A B 2734,5 8,3937 2281,7 8,6944 Diphenylarsinchlorid Der Dampfdruck chemischer Kampfstoffe

Diphenylarsinchlorid

Der Dampfdruck chemischer Kampfstoffe ist für ihre Seßhaftigkeit und bei einigen auch für ihre Wirksamkeit auf die Atmungsorgane wichtig. Je kleiner der Dampfdruck eines Stoffes ist, um so lang- samer verdunstet dieser. Die Seßhaftigkeit der Kampf- stoffe im Gelände wird wesentlich von der Temperatur bestimmt. Im Winter ist die Seßhaftigkeit eines flüssigen Kampfstoffes größer als im Sommer. So beträgt die Seß- haftigkeit des Kampfstoffes Diphosgen im Sommer (20 °C) etwa 10 min bei normaler Vergiftungsdichte und geringer Windgeschwindigkeit. Im Winter wurden Zeiten bis zu einigen Stunden beobachtet. Der Dampfdruck ist auch von Bedeutung für die physio- logische Wirksamkeit eines Stoffes. Seßhafte Kampfstoffe, die auf die Atmungsorgane wirken sollen, müssen einen Dampfdruck haben, der bei normalen Witterungs- und Geländebedingungen zur Erzielung kräftiger physiologi- scher Wirkungen ausreicht. Diese Verhältnisse zeigen sich am besten bei der Betrach- tung der Yperitdämpfe. Im Winter ist der Dampfdruck von Yperit so gering, daß nur selten durch Dämpfe Haut- verletzungen auftreten können. Im Sommer besitzt Yperit einen so hohen Dampfdruck, daß die Dämpfe binnen einiger Stunden bei geringer Windgeschwindigkeit erhebliche Hautverletzungen hervorrufen. Bei nervenschädigenden Kampfstoffen vom Typ des Sarins

können bereits bei erheblich niedrigeren Temperaturen als

bei Yperit Vergiftungen auftreten, da die physiologische

Wirksamkeit dieser Stoffe wesentlich größer ist.

3288als bei Yperit Vergiftungen auftreten, da die physiologische Wirksamkeit dieser Stoffe wesentlich größer ist. 7,8930 42

7,8930als bei Yperit Vergiftungen auftreten, da die physiologische Wirksamkeit dieser Stoffe wesentlich größer ist. 3288 42

bei Yperit Vergiftungen auftreten, da die physiologische Wirksamkeit dieser Stoffe wesentlich größer ist. 3288 7,8930 42
bei Yperit Vergiftungen auftreten, da die physiologische Wirksamkeit dieser Stoffe wesentlich größer ist. 3288 7,8930 42
bei Yperit Vergiftungen auftreten, da die physiologische Wirksamkeit dieser Stoffe wesentlich größer ist. 3288 7,8930 42
bei Yperit Vergiftungen auftreten, da die physiologische Wirksamkeit dieser Stoffe wesentlich größer ist. 3288 7,8930 42

Die Dampfdrücke einiger wichtiger Kampfstoffe:

Kampfstoff

Dampfdruck (mm Hg-Säule) bei 20 °C

Adamsit

Adamsit 2 * 10 - 1 3
Adamsit 2 * 10 - 1 3
Adamsit 2 * 10 - 1 3
Adamsit 2 * 10 - 1 3
Adamsit 2 * 10 - 1 3
Adamsit 2 * 10 - 1 3
Adamsit 2 * 10 - 1 3
Adamsit 2 * 10 - 1 3

2 * 10 - 1 3 -13

2 * 10 - 1 3
2 * 10 - 1 3

Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun

Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun
Diphenylarsinchlorid . Yperit Tabun

5 * 10 -4

0,15 * 10 - 4 0,12

0,125 * 10 - 4 0,1

5 * 10 - 4 0,1 0,12
5 * 10 - 4 0,1 0,12

DFP

DFP 0,9
DFP 0,9
DFP 0,9
DFP 0,9
DFP 0,9
DFP 0,9
DFP 0,9
DFP 0,9
DFP 0,9
DFP 0,9
DFP 0,9

0,9DFP

0,9

Sarin

Sarin 1,43
Sarin 1,43
Sarin 1,43
Sarin 1,43
Sarin 1,43
Sarin 1,43
Sarin 1,43
Sarin 1,43
Sarin 1,43
Sarin 1,43

1,43Sarin

1,43
1,43
1,43

Methylarsindichlorid

. 8

2

Chlorpikrin

Chlorpikrin 16,9
Chlorpikrin 16,9
Chlorpikrin 16,9
Chlorpikrin 16,9
Chlorpikrin 16,9
Chlorpikrin 16,9

16,9Chlorpikrin

16,9
16,9

Blausäure

Blausäure
Blausäure 603
Blausäure 603
Blausäure 603
Blausäure 603
Blausäure 603
Blausäure 603
Blausäure 603

603Blausäure

2.1.4 Sättigungskonzentration Als Sättigungskonzentration bezeichnet man die Menge eines Stoffes, die bei einer bestimmten Temperatur in einem Kubikmeter gesättigten Dampfes enthalten ist. Die Sättigungskonzentration hängt vom Dampfdruck des Stoffes bei der jeweiligen Temperatur ab. Die Angabe dieses Wertes erfolgt in mp/m 3 . Die Sättigungskonzentration eines Stoffes, dessen Dampf- druck bekannt ist, kann für eine bestimmte Temperatur nach folgender Formel berechnet werden:

bestimmte Temperatur nach folgender Formel berechnet werden: C S ä t t = Sättigungskonzentration in mp/m

C Sätt = Sättigungskonzentration in mp/m 3

M

= Molekulargewicht des Stoffes

p

= Dampfdruck des Stoffes in mm Hg

t

= Temperatur in °Celsius.

Die Sättigungskonzentrationen der Kampfstoffe liegen i

ziemlich weiten Grenzen. Die Sättigungskonzentrationen einiger Kampfstoffe:

Kampfstoff

Sättigungskonzentration (mp/m 3 )

Diphenylarsinchlorid

 
Diphenylarsinchlorid   0,17
Diphenylarsinchlorid   0,17
Diphenylarsinchlorid   0,17

0,17

Yperit

Yperit 570
Yperit 570
Yperit 570
Yperit 570
Yperit 570
Yperit 570
Yperit 570
Yperit 570
Yperit 570
Yperit 570
Yperit 570

570Yperit

570
570
570
570

Tabun

Tabun 650
Tabun 650
Tabun 650
Tabun 650
Tabun 650
Tabun 650
Tabun 650
Tabun 650
Tabun 650
Tabun 650
Tabun 650

650Tabun

650
650
650
650

Diphosgen

Diphosgen 26 000
Diphosgen 26 000
Diphosgen 26 000
Diphosgen 26 000
Diphosgen 26 000
Diphosgen 26 000
Diphosgen 26 000
Diphosgen 26 000
Diphosgen 26 000

26 000Diphosgen

26 000
26 000

Sarin

Sarin
Sarin
Sarin
Sarin
Sarin 11300
Sarin 11300
Sarin 11300
Sarin 11300
Sarin 11300
Sarin 11300
Sarin 11300
Sarin 11300
Sarin 11300

11300Sarin

11300
11300
11300

Chlorpikrin

Chlorpikrin 184 000
Chlorpikrin 184 000
Chlorpikrin 184 000
Chlorpikrin 184 000
Chlorpikrin 184 000
Chlorpikrin 184 000
Chlorpikrin 184 000
Chlorpikrin 184 000

184 000Chlorpikrin

184 000
184 000
184 000
184 000

Die starke Abhängigkeit der Sättigungskonzentration von der Temperatur zeigen die folgenden Angaben über Yperit:

Temperatur (°C)

Sättigungskonzentration (mp/m 3 )

-18 45 0 96 10 210 20 570 40 2640
-18
45
0
96
10
210
20
570
40
2640

Die Sättigungskonzentration ist ein Maß für die Flüchtig- keit eines Kampfstoffes. Ein Beispiel für den wesentlichen Einfluß der Sättigungskonzentration eines Kampfstoffes auf seine Wirksamkeit unter Gefechtsbedingungen ist die Verwendung von Xylylbromid in den Jahren des 1. Welt- krieges. Xylylbromid, das bei 215 °C siedet, ist infolge seiner geringen Sättigungskonzentration nur bei Tempera- turen über 20 °C als wirksamer Geländekampfstoff zu verwenden. Von deutscher Seite wurde mit dem Xylyl- bromid im Winter 1914/15 ein chemischer Überfall unter- nommen, der auf die beschossenen Einheiten keinerlei

Wirkung hatte, da die geringen Temperaturen die Reiz- wirkung dieses Stoffes nicht zur Geltung kommen ließen.

2.1.5 Spezifisches

Gewicht

Als spezifisches Gewicht bezeichnet man das Gewicht, das ein Kubikzentimeter eines bestimmten Stoffes hat. Man mißt dieses Gewicht in p/cm 3 . Meist gibt man das spezi- fische Gewicht bei einer Temperatur von 20 °C an. Das spezifische Gewicht der Kampfstoffe ist von untergeord- neter Bedeutung. Es ist lediglich für das Verhalten . wasserunlöslicher Kampfstoffe bedeutungsvoll und dient zur Berechnung des Kampfstoffinhaltes von Bomben, Granaten und chemischen Minen. Die spezifischen Gewichte einiger Kampfstoffe:

Kampfstoff

Spezifisches Gewicht (p/cm 3 )

Yperit

Yperit
 
Yperit   1,27
Yperit   1,27
Yperit   1,27
Yperit   1,27
Yperit   1,27
Yperit   1,27
Yperit   1,27
Yperit   1,27
Yperit   1,27

1,27Yperit  

1,27
1,27
1,27
1,27
1,27
1,27

Diphosgen

 
Diphosgen   1,64
Diphosgen   1,64
Diphosgen   1,64
Diphosgen   1,64
Diphosgen   1,64
Diphosgen   1,64

1,64Diphosgen  

1,64
1,64
1,64
1,64
1,64
1,64

Phenyldichlorarsin

 
Phenyldichlorarsin   1,65
Phenyldichlorarsin   1,65
Phenyldichlorarsin   1,65
Phenyldichlorarsin   1,65
Phenyldichlorarsin   1,65

1,65

Sarin

Sarin 1,09
Sarin 1,09
Sarin 1,09
Sarin 1,09
Sarin 1,09
Sarin 1,09
Sarin 1,09
Sarin 1,09

1,09Sarin

1,09
1,09
1,09
1,09
1,09
1,09

Soman

Soman
 
Soman   1,01
Soman   1,01
Soman   1,01
Soman   1,01
Soman   1,01
Soman   1,01
Soman   1,01

1,01Soman  

1,01
1,01
1,01
1,01
1,01
1,01
1,01

DFP

DFP
DFP 1,07
DFP 1,07
DFP 1,07
DFP 1,07
DFP 1,07
DFP 1,07
DFP 1,07
DFP 1,07
DFP 1,07

1,07DFP

1,07
1,07
1,07
1,07
1,07
1,07
1,07

Tabun

Tabun
 
Tabun   1,08
Tabun   1,08
Tabun   1,08
Tabun   1,08
Tabun   1,08
Tabun   1,08
Tabun   1,08
Tabun   1,08

1,08Tabun  

1,08
1,08
1,08
1,08
1,08
1,08
1,08

2.1.6 Dampfdichte

Als Dampfdichte bezeichnet man das Gewicht eines Kubikmeters Gas bei 0 °C und 760 mm Hg-Säule in Kilo- pond. Durch die Dampfdichte der gasförmigen Kampf- stoffe läßt sich das Verhalten der von ihnen gebildeten Kampfstoffwolken beurteilen. Sehr oft wird das Verhält- nis der Dampfdichte des Gases zur Dampfdichte der Luft angegeben. Luft hat eine Dampfdichte von 1,29.

Die Dampfdichte wichtiger Kampfstoffe bei 20 °C (gas- förmiger Zustand):

Kampfstoff

 

Dampfdichte

Blausäure

 
Blausäure   1,2
Blausäure   1,2
Blausäure   1,2
Blausäure   1,2
Blausäure   1,2
Blausäure   1,2
Blausäure   1,2
Blausäure   1,2
Blausäure   1,2
Blausäure   1,2
Blausäure   1,2
Blausäure   1,2

1,2Blausäure  

1,2

Chlorzyan

Chlorzyan 2,7
Chlorzyan 2,7
Chlorzyan 2,7
Chlorzyan 2,7
Chlorzyan 2,7
Chlorzyan 2,7
Chlorzyan 2,7
Chlorzyan 2,7
Chlorzyan 2,7
Chlorzyan 2,7
Chlorzyan 2,7
Chlorzyan 2,7

2,7Chlorzyan

Phosgen

Phosgen 4,4
Phosgen 4,4
Phosgen 4,4
Phosgen 4,4
Phosgen 4,4
Phosgen 4,4
Phosgen 4,4
Phosgen 4,4
Phosgen 4,4
Phosgen 4,4
Phosgen 4,4
Phosgen 4,4
Phosgen 4,4

4,4Phosgen

Sarin

Sarin 6,3
Sarin 6,3
Sarin 6,3
Sarin 6,3
Sarin 6,3
Sarin 6,3
Sarin 6,3
Sarin 6,3
Sarin 6,3
Sarin 6,3
Sarin 6,3
Sarin 6,3
Sarin 6,3
Sarin 6,3
Sarin 6,3
Sarin 6,3

6,3Sarin

Yperit

Yperit 7,1
Yperit 7,1
Yperit 7,1
Yperit 7,1
Yperit 7,1
Yperit 7,1
Yperit 7,1
Yperit 7,1
Yperit 7,1
Yperit 7,1
Yperit 7,1
Yperit 7,1
Yperit 7,1
Yperit 7,1
Yperit 7,1

7,1Yperit

Tabun.

Tabun. 7,2
Tabun. 7,2
Tabun. 7,2
Tabun. 7,2
Tabun. 7,2
Tabun. 7,2
Tabun. 7,2
Tabun. 7,2
Tabun. 7,2
Tabun. 7,2
Tabun. 7,2
Tabun. 7,2
Tabun. 7,2
Tabun. 7,2

7,2Tabun.

DFP

DFP
DFP 8,1
DFP 8,1
DFP 8,1
DFP 8,1
DFP 8,1
DFP 8,1
DFP 8,1
DFP 8,1
DFP 8,1
DFP 8,1
DFP 8,1
DFP 8,1
DFP 8,1
DFP 8,1
DFP 8,1

8,1DFP

8,1

2.1.7

Löslichkeit

Die Löslichkeit der Kampfstoffe ist für ihr Ver- halten gegenüber den Entgiftungsmitteln und für ihre Brauchbarkeit in taktischen Mischungen von großer Bedeutung.

Die Löslichkeit kann in Gewichtsprozenten angegeben

werden, in Volumenprozenten, in Pond je Liter Lösungs-

mittel und in Pond je Kilopond Lösungsmittel. Meist

wird die Löslichkeit nur in Gewichtsprozenten an-

gegeben.

Die Löslichkeit eines festen oder flüssigen Stoffes ist

abhängig von der Temperatur. Im allgemeinen nimmt die

Löslichkeit mit steigender Temperatur zu. Bei Gasen hängt die Löslichkeit aber nicht nur von der Temperatur, sondern auch noch vom Druck des Gases über dem Lösungsmittel ab. Die Löslichkeit der Kampfstoffe in "Wasser ist für die Beurteilung der Wirksamkeit wäßriger Entgiftungsmittel wichtig. Wasser zersetzt fast alle Kampfstoffe (Hydro- lyse), wobei zu beachten ist, daß die Geschwindigkeit dieser Zersetzung wesentlich von der Löslichkeit des Kampfstoffes abhängt.

Die Löslichkeitswerte einiger Kampfstoffe im Wasser:

Kampfstoff

Adamsit

jedem Verhältnis mischbar

Sarin in jedem Verhältnis mischbar

Verhältnis mischbar Sarin in jedem Verhältnis mischbar Löslichkeit unlöslich in Soman   unter 1 %
Verhältnis mischbar Sarin in jedem Verhältnis mischbar Löslichkeit unlöslich in Soman   unter 1 %

Löslichkeit

mischbar Sarin in jedem Verhältnis mischbar Löslichkeit unlöslich in Soman   unter 1 % Yperit etwa
mischbar Sarin in jedem Verhältnis mischbar Löslichkeit unlöslich in Soman   unter 1 % Yperit etwa
mischbar Sarin in jedem Verhältnis mischbar Löslichkeit unlöslich in Soman   unter 1 % Yperit etwa

unlöslichmischbar Sarin in jedem Verhältnis mischbar Löslichkeit in Soman   unter 1 % Yperit etwa 1

Sarin in jedem Verhältnis mischbar Löslichkeit unlöslich in Soman   unter 1 % Yperit etwa 1

in

in jedem Verhältnis mischbar Löslichkeit unlöslich in Soman   unter 1 % Yperit etwa 1 %
in jedem Verhältnis mischbar Löslichkeit unlöslich in Soman   unter 1 % Yperit etwa 1 %

Soman

Soman
 
Soman   unter 1 %

unter 1 %Soman  

unter 1 %

Yperit

Yperit etwa 1 %
Yperit etwa 1 %

etwa 1 %Yperit

etwa 1 %

DF P

DF P
DF P
DF P 1,5 %
DF P 1,5 %

1,5 %DF P

1,5 %
1,5 %
1,5 %

Die meisten Kampfstoffe sind in organischen Lösungs- mitteln löslich. Die günstigsten organischen Lösungs- mittel für Kampfstoffe sind chlorierte Stoffe, zum Beispiel Tetrachlorkohlenstoff, Dichloräthan, Trichloräthylen, Chlorbenzol. In Alkoholen lösen sich besonders gut esterartige Kampf- stoffe, zum Beispiel DFP, Sarin und Soman. Auch die anderen Kampfstoffe lösen sich in Alkoholen (Methyl- alkohol, Äthylalkohol) mehr oder weniger gut. Diese Wirksamkeit organischer Lösungsmittel wird bei der Entgiftung empfindlicher Geräte ausgenutzt, die eine Behandlung mit aggressiven Entgiftungsmitteln nicht vertragen (optische Geräte usw.). Wie die Löslichkeit eines Kampfstoffes von der Tempera- tur abhängt, zeigt die Löslichkeit von Yperit in Benzin:

Temperatur (°C)

Löslichkeit (Vol.-%)

-10

-10 unter   4%
-10 unter   4%
-10 unter   4%
-10 unter   4%
-10 unter   4%
-10 unter   4%
-10 unter   4%
-10 unter   4%
-10 unter   4%
-10 unter   4%
-10 unter   4%

unter-10   4%

 

4%

-

5

5
- 5 5%
- 5 5%
- 5 5%
- 5 5%
- 5 5%
- 5 5%
- 5 5%
- 5 5%
- 5 5%
- 5 5%
- 5 5%
- 5 5%

5%

0

0 7%
0 7%
0 7%
0 7%
0 7%
0 7%
0 7%
0 7%
0 7%
0 7%
0 7%
0 7%

7%

5

5
5 14 %
5 14 %
5 14 %
5 14 %
5 14 %
5 14 %
5 14 %
5 14 %

14% %

14 %
14 %
14 %
14 %

10

10 77%
10 77%
10 77%
10 77%
10 77%
10 77%
10 77%
10 77%

77%10

77%
77%
77%

30

30 unbegrenzt
30 unbegrenzt
30 unbegrenzt
30 unbegrenzt
30 unbegrenzt
30 unbegrenzt
30 unbegrenzt
30 unbegrenzt

unbegrenzt30

unbegrenzt
unbegrenzt
unbegrenzt

Die Tabelle zeigt, daß sich Benzin im Winter wenig zur Reinigung von Geräten eignet. Ähnlich verhält es sich bei anderen Lösungsmitteln.

48

2.2

Chemische Eigenschaften der Kampfstoffe

Zur Charakterisierung der chemischen Kampfstoffe ist eine Reihe von chemischen Eigenschaften wichtig. Dabei interessieren militärisch besonders die Eigenschaften, welche die Lagerungs-, Entgiftungs- und Erkennungsmög- lichkeiten sowie das Verhalten der Kampfstoffe unter den Einflüssen der Atmosphäre bestimmen. Zu diesen chemi- schen Eigenschaften, gehören das Verhalten gegen die Entgiftungsmittel, speziell die Hydrolysier- und Oxydier- barkeit, sowie die analytischen Reaktionen. Im folgenden Abschnitt werden einige der allgemeinen chemischen Eigenschaften besprochen.

2.2.1

Hydrolysierbarkeit

Als Hydrolyse bezeichnet man die Umsetzung der Stoffe mit Wasser. Die Geschwindigkeit dieser Umsetzung hängt von den Eigenarten des Stoffes und von der Temperatur ab. Bis auf wenige Ausnahmen sind die chemischen Kampfstoffe gegenüber dem Wasser unbeständig. Für ihren gefechtsmäßigen Einsatz und besonders für die Beurteilung ihrer Wirksamkeit unter dem Einfluß der Luftfeuchtigkeit, von Regen usw. ist daher die Kenntnis der Hydrolysierbarkeit von großem Interesse. Außerdem interessiert diese Eigenschaft hinsichtlich der Entgif- tungsmöglichkeiten durch Kochen oder Dampfentgif-

tungsmethoden (für die Behandlung vergifteter Beklei-

dung und Ausrüstung).

Eine ganze Anzahl von Kampfstoffen (Phosgen, Diphosgen,

Phosgenoxim, Blausäure) ist nur sehr wenig beständig

gegenüber Wasser; sie werden schnell hydrolysiert. Daher . eignen sich diese Kampfstoffe nicht für den Einsatz bei feuchter Witterung. Andere Kampfstoffe (Yperit, Stick- stoff-Yperit, Brombenzylzyanid) werden nur langsam

4

Kampfstoffe

49

hydrolysiert und können im Gelände lange Zeit ihre physiologische Wirksamkeit behalten. Je höher daher die Beständigkeit eines Kampfstoffes gegenüber dem Einfluß des Wassers ist, um so wertvoller ist der Stoff für den militärischen Einsatz. Die wasserempfindlichen Kampf- stoffe erfordern bei der Lagerung und bei ihrer Abfüllung in Behälter, Bomben und Granaten besondere Vorsichts- maßnahmen (Verwendung trockener Gefäße, Abschir- mung der Luftfeuchtigkeit usw.). Um die Entgiftungsmöglichkeiten für Bekleidung und Ausrüstung beurteilen zu können, muß die Abhängigkeit der Hydrolysegeschwindigkeit von der Temperatur be- achtet werden. Allgemein gilt, daß die Hydrolyse- geschwindigkeit mit Erhöhung der Temperatur zunimmt. Bei höheren Temperaturen, zum Beispiel durch Kochen. Behandlung mit Heißdampf und alkalischen Flüssig- keiten kann also in kürzester Zeit entgiftet werden. Zur Erläuterung dieser Beziehungen kann die Hydrolyse von Yperit dienen. Bei Zimmertemperatur dauert die voll- ständige Hydrolyse des Kampfstoffes mehrere Stunden, während bei Temperaturen um den Siedepunkt des Wassers die Hydrolyse bereits nach wenigen Minuten vollständig ist. Für die praktische Ausnutzung dieser Gesetzmäßigkeiten sind folgende Faktoren zu berück- sichtigen : das Verhältnis Wasser-Kampfstoff, die Löslich- keit des Kampfstoffes in Wasser, der Dispersionsgrad des Kampfstoffes in Wasser, der Säure- bzw. Alkaligehalt des Wassers, die anwesenden Hydrolyseprodukte usw. Um eine sichere Entgiftung des Kampfstoffes zu erreichen, wird deshalb eine wesentlich längere Entgiftungszeit angesetzt, als theoretisch angesichts der Hydrolyse- geschwindigkeit für die betreffende Temperatur notwendig wäre. So beträgt die theoretische Entgiftungszeit für Yperit bei 95 °C nur einige Minuten; man setzt jedoch die

50

Entgiftungszeit beim Kochen vergifteter Bekleidung auf mindestens eine halbe Stunde fest, um sicher zu sein, daß der Kampfstoff vollständig hydrolysiert wird. Ähnliche Zeiten gelten auch für andere Kampfstoffe mit einer relativen Beständigkeit gegenüber Wasser.

2.2.2 Verhalten gegen Entgiftungsmittel Viele chemische Kampfstoffe erfordern zu ihrer Beseiti- gung von Gegenständen, Bekleidungsstücken oder von der Haut chemische Entgiftungsverfahren. Aus diesem Grunde interessiert ihr Verhalten gegenüber den technisch leicht zugänglichen Entgiftungsstoffen (Chlorkalk, Alka- lien, Chloramine, einige Oxydationsmittel). Diese Ent- giftungsmittel wirken hauptsächlich oxydierend, hydroly- sierend und chlorierend auf die Kampfstoffe. Dabei muß berücksichtigt werden, daß in Abhängigkeit von der Eigenart und dem chemischen Aufbau der Kampfstoffe die Entgiftungsreaktionen für diesen oder jenen Kampf- stoff von mehr oder weniger praktischer Bedeutung sind. In vielen wissenschaftlichen Arbeiten wurden diese Um- setzungsreaktionen untersucht und die jeweils günstig- sten Entgiftungsmöglichkeiten ausgewählt. Oxydierende Entgiftungsmittel wie Chlorkalk und Ka- liummanganat eignen sich für leicht oxydierbare Kampf- stoffe vom Typ des Yperits. Alkalien sind günstig für Kampfstoffe mit Esterstruktur wie Tabun, Sarin und Soman.

Für die Entgiftung chemischer Kampfstoffe sind beson- ders solche Reaktionen von Bedeutung, bei denen die Endprodukte nur geringe oder keine toxische Wirkung besitzen. In diesem Zusammenhang sind besonders die Kampfstoffe zu nennen, die in ihrer Struktur Arsen ent- halten, da bei diesen Stoffen selbst mit den energischsten Entgiftungsmitteln die toxische Wirkung nicht voll-

51

ständig beseitigt werden kann. Die Endprodukte der- artiger Entgiftungsreaktionen enthalten Arsen und sind deshalb noch immer giftig, obwohl ihnen der Kampfstoff- charakter fehlt. Ähnlich verläuft die Umsetzung von Blausäure mit Alkalien. Im Ergebnis dieser Reaktionen bilden sich Zyanide, die noch über eine ziemlich hohe Toxizität verfügen, aber ebenfalls keinen Kampfstoff- charakter mehr besitzen. Bei der Behandlung der einzelnen Kampfstoffe werden die jeweils wichtigsten Entgiftungsreaktionen angeführt.

2.2.3 Analytische Reaktionen

Die Existenz, Art und Menge chemischer Kampfstoffe in der Luft, in Erd-, Stoff- und anderen Proben wird meist mit Hilfe chemischer Reaktionen festgestellt, die mehr oder weniger spezifisch für den betreffenden Kampfstoff oder auch eine Kampfstoffgruppe sind. Diese Reaktionen führen bei Anwesenheit chemischer Kampfstoffe zu charakteristischen Färb- oder anderen physikalischen Eigenschaftsänderungen, die zur Erkennung oder quanti- tativen Bestimmung der Kampfstoffe ausgenutzt werden. In der militärchemischen Forschung nimmt das Interesse an der Erforschung neuer und für die einzelnen Kampf- stoffe spezifischer Reaktionen und Nachweismethoden ständig zu. Das hängt mit der modernen Entwicklung der Kampfstoffchemie zusammen. Die Entdeckung der Kampfstoffe mit extrem hoher Giftwirkung wie Sarin und Soman erfordert neue und hochempfindliche Nachweis- und Bestimmungsmethoden für den militärischen Ge- brauch. Während noch vor dem 2. Weltkrieg zur Bestim- mung der damals bekannten Kampfstoffe eine geringe Empfindlichkeit und Spezifität ausreichte, müssen heute Reaktionen und Verfahren angewendet werden, die eine sichere Erkennung des Kampfstoffes noch in minimalsten

52

Mengen ermöglichen. Bei der Bestimmung moderner Kampfstoffe vom Sarin-Typ müssen beispielsweise noch Mengen von 0,01 mp/m 3 Luft in wenigen Minuten sicher erfaßt werden. Daran zeigt sich die Wichtigkeit der Untersuchung analytischer Reaktionen zur Erkennung und quantitativen Bestimmung der chemischen Kampf- stoffe. Da diese Fragen aber nur einen kleinen Kreis von Militärchemikern interessieren, soll auf sie im Rahmen dieser kurzen Einführung in die Probleme der chemischen Kampfstoffe nicht näher eingegangen werden.

2.3

Physiologische Wirkungen chemischer Kampfstoffe

Als physiologische Wirkung der chemischen Kampfstoffe bezeichnet man die Art und Weise sowie die Stärke ihrer Einwirkung auf den Organismus. Die Art der Einwirkung auf den Organismus hängt von den Eigenschaften des Kampfstoffes ab. Es gibt Kampfstoffe mit vorwiegend reizerregender Wirkung auf die Augen, die Schleimhäute des Nasen-Rachenraumes und die Haut, lungenschädi- gende, zellzerstörende sowie blut- und nervenschädigende Kampfstoffe; außerdem gibt es Kampfstoffe, die vor- wiegend auf die physiologischen Mechanismen des Gas- austausches in der Lunge wirken. Es ist verständlich, daß bei dieser Vielzahl der Wirkungsmöglichkeiten die Syste- matisierung der Kampfstoffe nach physiologischen Ge- sichtspunkten nur bedingt möglich ist. Hinzu kommt, daß die meisten chemischen Kampfstoffe mehrere physiolo- gische Einwirkungsarten auf den Organismus besitzen. Ferner spielt eine Rolle, daß die physiologischen Wirkun- gen in beträchtlichem Maße von der Menge des einwirken- den Kampfstoffes und von der Empfindlichkeit des Organismus abhängen. Noch schwieriger als die Systema-

53

tisierung ist die Gewinnung brauchbarer Zahlenangaben, mit deren Hilfe die Wirksamkeit ähnlicher chemischer Kampfstoffe auf den Organismus verglichen werden kann. Trotzdem ist es erforderlich, wenigstens relative Werte für die Beurteilung der Kampfstoffe zu ermitteln. Zu diesem Zwecke unterscheidet man Kampfstoffe mit vor- wiegend reizerregenden Eigenschaften und solche mit ausgeprägter Giftwirkung. Zur Charakterisierung der Kampfstoffe mit vorwiegend reizerregenden Eigenschaften dienen die Reizschwelle und die Erträglichkeitsgrenze. Bei Kampfstoffen mit vorwiegender Giftwirkung kann die tödliche Dosis, die tödliche Konzentration und - mit Einschränkung — das Tödlichkeitsprodukt zur Einschät- zung der Giftwirkung dienen.

2.3.1 Reizschwelle

Als Reizschwelle bezeichnet man die Konzentration eines Kampfstoffes, die bei einer einminütigen Einwirkungszeit auf den Teil des Organismus, auf den die Substanz haupt- sächlich wirkt, einen gerade noch merkbaren Reiz hervorruft. Die Konzentration wird dabei meist in Milli- pond je Liter oder auch in Pond je Kubikmeter Luft angegeben. Bei Augenreizstoffen wird als Reizschwellen- wert die Konzentration angegeben, die gerade noch Tränenfluß hervorruft; bei Nasen-Rachenreizstoffen entspricht der kleinste merkbare Reizeffekt des Stof- fes auf die Schleimhäute des Nasen-Rachenraumes dem Reizschwellenwert. Ähnliches gilt für die Haut- reizstoffe oder für andere Kampfstoffe, die neben ihrer Giftwirkung noch eine nicht zu unterschätzende Reiz- wirkung auf den Organismus haben, zum Beispiel Diphosgen.

Mitunter wird auch die Reizschwelle für hautschädigende Kampfstoffe angegeben. In diesen Fällen gilt die begin-

nende Hautrötung als Kriterium für die minimalste merkbare Einwirkung. Um die physiologischen Wirkungen der Reizstoffe besser miteinander vergleichen zu können, empfiehlt sich nur ein Vergleich der Reizschwellenwerte der Kampfstoffe, die an ähnlichen Orten auf den Organismus einwirken und die sich in ihren sonstigen Eigenschaften nur wenig unterscheiden. Da für militärische Zwecke — besonders für Gefechtsbedingungen — nur die Wirksamkeit interes- siert, kann mit einigen Einschränkungen der Reizschwel- lenwert als allgemeines Charakteristikum herangezogen werden.

Die wichtigsten Reizstoffe mit militärischer Bedeutung besitzen folgende Reizschwellenwerte:

Kampfstoff

 

Reizschwellenwert (mp/m 3 )

Adamsit

Adamsit
Adamsit 0,01
Adamsit 0,01
Adamsit 0,01
Adamsit 0,01
Adamsit 0,01
Adamsit 0,01
Adamsit 0,01
Adamsit 0,01

0,01Adamsit

0,01
0,01
0,01
0,01

Diphenylarsinchlorid

0,02Diphenylarsinchlorid

0,02
0,02

Brombenzylzyanid

 
Brombenzylzyanid   0,3

0,3Brombenzylzyanid  

0,3
0,3
0,3

Chlorazetophenon

Chlorazetophenon 0,5
Chlorazetophenon 0,5

0,5Chlorazetophenon

0,5
0,5
0,5

Bromazeton

Bromazeton 1,0
Bromazeton 1,0
Bromazeton 1,0
Bromazeton 1,0
Bromazeton 1,0
Bromazeton 1,0

1,0Bromazeton

1,0
1,0
1,0
1,0
1,0

Chlorpikrin

Chlorpikrin 2,0
Chlorpikrin 2,0
Chlorpikrin 2,0
Chlorpikrin 2,0
Chlorpikrin 2,0
Chlorpikrin 2,0
Chlorpikrin 2,0

2,0Chlorpikrin

2,0
2,0
2,0
2,0

Der stärkste Reizstoff ist nach dieser Aufstellung Adamsit. Er wird auch als der Reizstoff angesehen, der selbst in einem modernen Krieg noch von Bedeutung ist. Es muß jedoch betont werden, daß es nicht möglich ist, nur aus einer Eigenschaft eines Stoffes die Zweckmäßigkeit seines Einsatzes unter Gefechtsbedingungen zu beurteilen. Bei Adamsit sprechen allerdings auch seine sonstigen Eigen- schaften und die Produktionsmöglichkeiten für seinen Einsatz als chemischer Kampfstoff.

2.3.2 Erträglichkeitsgrenze Als Erträglichkeitsgrenze bezeichnet man die Konzentra- tion eines Stoffes, die von einem Menschen bei einer ein- minütigen Einwirkung gerade noch ohne behindernde Reizerregungen ertragen werden kann. Bei Augenreiz- stoffen gilt die Erträglichkeitsgrenze als erreicht, wenn die Augen nicht mehr geöffnet werden können; bei Nasen- Rachenreizstoffen versteht man darunter die Konzen- tration, bei der sich nicht mehr zu unterdrückender, Husten und Kopfschmerzen einstellen. Die Erträglichkeitsgrenze hat für die militärische An- wendung der Reizstoffe große Bedeutung. Beim Gefechts- einsatz müssen, um wirksame Effekte zu erzielen, min- destens Konzentrationen angewendet werden, die über der Erträglichkeitsgrenze liegen. Deshalb wurde bei Einsatz- berechnungen die Erträglichkeitsgrenze oder ein mehr- faches dieses Wertes als Grundlage genommen, um die Granat- beziehungsweise Bombenzahl je Flächeneinheit des Zieles zu berechnen.

Die wichtigsten Reizstoffe besitzen folgende Erträglich- keitsgrenzwerte :

Kampfstoff

 

Erträglichkeits- grenzwert (mp/m 3 )

Adamsit

Adamsit
Adamsit 0,4
Adamsit 0,4
Adamsit 0,4
Adamsit 0,4
Adamsit 0,4
Adamsit 0,4
Adamsit 0,4
Adamsit 0,4
Adamsit 0,4
Adamsit 0,4
Adamsit 0,4
Adamsit 0,4
Adamsit 0,4

0,4

Diphenylarsinchlorid

Diphenylarsinchlorid 1,0
Diphenylarsinchlorid 1,0
Diphenylarsinchlorid 1,0
Diphenylarsinchlorid 1,0

1,0

Chlorazetophenon

 
Chlorazetophenon   4,5
Chlorazetophenon   4,5
Chlorazetophenon   4,5
Chlorazetophenon   4,5
Chlorazetophenon   4,5
Chlorazetophenon   4,5

4,5

Bromazeton

Bromazeton
 
Bromazeton   30  
Bromazeton   30  
Bromazeton   30  
Bromazeton   30  
Bromazeton   30  
Bromazeton   30  
Bromazeton   30  
Bromazeton   30  
Bromazeton   30  
Bromazeton   30  
Bromazeton   30  

30

 

Brombenzylzyanid

 
Brombenzylzyanid   30
Brombenzylzyanid   30
Brombenzylzyanid   30
Brombenzylzyanid   30
Brombenzylzyanid   30
Brombenzylzyanid   30

30

Chlorpikrin

Chlorpikrin 50  
Chlorpikrin 50  
Chlorpikrin 50  
Chlorpikrin 50  
Chlorpikrin 50  
Chlorpikrin 50  
Chlorpikrin 50  
Chlorpikrin 50  
Chlorpikrin 50  
Chlorpikrin 50  
Chlorpikrin 50  
Chlorpikrin 50  

50

 

Auch diese Tabelle zeigt die hohe Wirksamkeit von Adamsit. Die übrigen genannten Kampfstoffe besitzen nur noch geringe militärische Bedeutung, da ihre Her- stellung meist schwierig und kostspielig ist und ihre

Lagerungsmöglichkeit begrenzt ist. Chlorazetophenon und Chlorpikrin werden in den meisten Ländern nur noch für Dichtheitsprüfungen der Schutzmasken und für Übungszwecke gebraucht.

2.3.3 Tödliche Dosis Als tödliche Dosis bezeichnet man die Menge eines Giftes, die bei der Einwirkung auf den Organismus tödlich ver- laufende Vergiftungserscheinungen hervorruft. Dieser Wert läßt sich sehr schwierig bestimmen, da die für eine tödliche Vergiftung notwendige Giftmenge von sehr vielen Faktoren abhängt. So müssen bei Versuchstieren die Tierart, das Geschlecht, das Alter des Tieres, die Lebensgewohnheiten, die Konstitution, der Gesund- heitszustand und die Art beziehungsweise der Ort der Einwirkung des Giftes berücksichtigt werden. Es ist allerdings nicht möglich, die bei Tierversuchen gewonnenen Ergebnisse auf andere Tierarten oder gar auf den Menschen zu übertragen. Um deshalb für Vergleichs- zwecke brauchbare Mittelwerte zu erhalten, wird bei Tierversuchen eine größere Anzahl von Tieren zur Bestimmung der Tödlichkeitswerte verwendet. Meist gibt man nicht die absolut tödliche Dosis an, sondern die Menge des Giftes, die bei 50% der benutzten Versuchstiere

zu tödlichen Vergiftungen führt. Die Angabe erfolgt zweck-

mäßigerweise in Gewichtsteilen (Millipond oder Pond) je

Kilopond Körpergewicht. Man nennt diesen Wert die

50%ige tödliche Dosis (LD 50 ). Bei Angabe dieses Wertes

muß noch die Art der Giftaufnahme (Applikationsart)

genannt werden, da die tödlichen Dosen bei verschiedenen

Aufnahmearten sehr unterschiedlich sein können. So sind die tödlichen Dosen bei der Aufnahme durch die Haut (kutane Aufnahme) wesentlich höher als bei Injektionen in die Muskeln (intramuskuläre Injektion),

in die Venen (intravenöse Injektion) oder bei der Auf- nahme mit Speisen oder Getränken (Aufnahme durch den Mund — per os). Vergleich der 50%ig tödlichen Dosen einiger nervenschädigender Kampfstoffe:

Kampfstoff

50%ig tödliche Dosis (LD 50 )

 

Aufnahme durch

Injektion in die Muskeln

die Haut

Tabun

50-70 mp/kp

0,1 -0,2

mp/kp

Sarin

Sarin 30-50 mp/kp 0,06-0,09 mp/kp
Sarin 30-50 mp/kp 0,06-0,09 mp/kp
Sarin 30-50 mp/kp 0,06-0,09 mp/kp

30-50 mp/kp

0,06-0,09 mp/kp

Soman

.

.

.

10-30 mp/kp

0,03-0,06 mp/kp

2.3.4 Tödliche Konzentration Um die Giftwirkung eines Stoffes bei seiner Aufnahme mit der Atmungsluft zu beurteilen, muß man seine töd- liche Konzentration kennen. Dieser Wert ist besonders für die Beurteilung gasförmiger beziehungsweise dampf- förmiger chemischer Kampfstoffe wichtig. Auch hier gibt man am besten die Konzentration des Giftes an, die bei 50% der Versuchstiere zu tödlichen Vergiftungen führt. Man spricht dann analog der tödlichenDosis von der 50 %ig tödlichen Konzentration (LC 50 ). Die tödlichen Konzentra- tionen der Kampfstoffe sind sehr unterschiedlich. Es ist natürlich, daß der Kampfstoff die größte Wirksamkeit be- sitzt, der bei den niedrigsten Konzentrationen Vergiftungs- erscheinungen hervorruft. Bei der 50%ig tödlichen Kon- zentration ist die gleichzeitige Angabe der Einwirkungszeit erforderlich, da bei längerer Dauer bereits geringere Kon- zentrationen tödliche Vergiftungen zur Folge haben. Die LC 50 -Werte einiger chemischer Kampfstoffe:

Kampfstoff

50 %ig tödliche Konzentration Einwirkungszeit 10 min

Phosgen

Phosgen
Phosgen 500 mp/m 3
Phosgen 500 mp/m 3
Phosgen 500 mp/m 3
Phosgen 500 mp/m 3

500Phosgen mp/m 3

mp/m 3

Blausäure

Blausäure
Blausäure 400 mp/m 3
Blausäure 400 mp/m 3

400 mp/m 3 3

400 mp/m 3

58

Kampfstoff

50 %ig tödliche Konzentration Einwirkungszeit 10 min

Tabun

50 mp/m 3 3

50 mp/m 3
50 mp/m 3
50 mp/m 3
50 mp/m 3
50 mp/m 3
50 mp/m 3
50 mp/m 3

Sarin

Sarin

20 mp/m 3 3

20 mp/m 3
20 mp/m 3
20 mp/m 3
20 mp/m 3
20 mp/m 3
20 mp/m 3
20 mp/m 3

Soman

10 mp/m 3 3

10 mp/m 3
10 mp/m 3
10 mp/m 3
10 mp/m 3
10 mp/m 3
10 mp/m 3
10 mp/m 3
10 mp/m 3

2.3.5 Tödlichkeitsprodukt Der deutsche Chemiker Haber führte für den Vergleich der physiologischen Wirksamkeit der Kampfstoffe das sogenannte Tödlichkeitsprodukt ein. Dieser Wert ist das Produkt aus tödlicher Konzentration und Einwirkungs- zeit :

C*t

=

Tp

C = Konzentration des Kampfstoffes t = Einwirkungszeit Tp = Tödlichkeitsprodukt Die Konzentration wird meist in Millipond je Kubik- meter und die Einwirkungszeit in Minuten angegeben. Das Tödlichkeitsprodukt kann natürlich nur für grobe Einschätzungen und zu Überschlagsberechnungen ver- wendet werden, da die Zahlenwerte jeweils nur für einen kleinen Bereich der Konzentrationen und wenig unterschiedliche Einwirkungszeiten angenähert stimmen. Trotzdem wurden in vielen Staaten die Tödlichkeits- produkte als Grundlage der Normen für die Anwendung chemischer Kampfstoffe genommen. Die Tödlichkeitsprodukte einiger chemischer Kampf- stoffe :

Kampfstoff

 

Tödlichkeitsprodukt

Chlor

Chlor
Chlor 000 10
Chlor 000 10
Chlor 000 10
Chlor 000 10
Chlor 000 10
Chlor 000 10
Chlor 000 10
Chlor 000 10
Chlor 000 10
Chlor 000 10
Chlor 000 10
Chlor 000 10

00010

000 10
000 10
000 10
000 10

10

Diphosgen

Phosgen

Chlorzyan

Diphosgen Phosgen Chlorzyan
Diphosgen Phosgen Chlorzyan
Diphosgen Phosgen Chlorzyan
Diphosgen Phosgen Chlorzyan
 
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
Diphosgen Phosgen Chlorzyan   5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4

5

3005 5 000 500 4

5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4

55 300 000 500 4

0005 300 5 500 4

5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4

5005 300 5 000 4

45 300 5 000 500

5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4
5 300 5 000 500 4

59

Kampfstoff

 

Tödlichkeitsprodukt

Blausäure

 
Blausäure   4 000
Blausäure   4 000

4 000Blausäure  

4 000
4 000
4 000
4 000
4 000
4 000
4 000
4 000
4 000
4 000
4 000

Tabun

Tabun 450
Tabun 450
Tabun 450
Tabun 450

450Tabun

450
450
450
450
450
450
450
450
450
450
450

Sarin

Sarin
Sarin 150
Sarin 150
Sarin 150
Sarin 150

150Sarin

150
150
150
150
150
150
150
150
150
150
150
150

Soman

Soman 80
Soman 80
Soman 80
Soman 80

80Soman

80
80
80
80
80
80
80
80
80
80
80
80

Ein Kampfstoff ist um so gefährlicher, je geringer der Wert des Tödlichkeitsprodukts ist. Man kann die an- gegebenen Werte für Überschlagsberechnungen aber nur bei Einwirkungszeiten von wenigen Minuten als Grund- lage nehmen. In den letzten Jahren wurden die Tödlich- keitsprodukte immer weniger zur Einschätzung chemi- scher Kampfstoffe gebraucht, da die exaktere 50%ig tödliche Dosis wesentlich genauere Beurteilungen erlaubt.

3.

Klassifizierung chemischer Kampfstoffe

Die chemischen Kampfstoffe können nach verschiedenen

Gesichtspunkten eingeteilt werden. So können die che-

mischen oder physikalischen Eigenschaften, die physiolo- gischen Wirkungen oder die taktischen Einsatzmöglich- keiten die Grundlage zu einer Einteilung der Kampfstoffe geben. Die Einteilung nach chemischen Gesichtspunkten ist kompliziert, sie kann meist auch nur zur genauen chemi- schen Erläuterung der Eigenschaften der Kampfstoffe verwendet werden. Sie gibt nur wenig Hinweise für die taktischen Anwendungsmöglichkeiten. Am einfachsten ist die Einteilung nach physikalischen Gesichtspunkten, da durch die physikalischen Eigenschaften der Kampf- stoffe eine grobe Einteilung nach Anwendungsmöglich- keiten durchführbar ist. Prinzipiell kann man je nach dem Aggregatzustand bei normalen Temperaturen die Kampf- stoffe in gasförmige, flüssige und feste chemische Kampf- stoffe einteilen. Je nach Flüchtigkeit unterscheidet man flüchtige und seßhafte Kampfstoffe.

3.1

Flüchtige Kampfstoffe

Zu den flüchtigen Kampfstoffen zählen alle Stoffe, die bei normaler Temperatur nur kurzzeitig im Gelände eine hohe Konzentration in der Luft bilden. Zu dieser Gruppe gehören alle Kampfstoffe, deren Siede- punkt unter 130 °C liegt. Man bezeichnet diese Stoffe auch als kurzwirkende Kampfstoffe. In diese Gruppe werden außer den gasförmigen Kampfstoffen Phosgen und Chlorzyan auch Diphosgen, Blausäure, Chlorpikrin, Phosgenoxim und ähnliche Kampfstoffe eingeordnet.

3.2 Seßhafte

Kampfstoffe

Die seßhaften Kampfstoffe haben eine geringe Flüchtig- keit und sind infolge ihres geringen Dampfdruckes in der Lage, einen Geländeabschnitt längere Zeit zu vergiften. Zu dieser Gruppe, auch Gruppe der langwirkenden Kampfstoffe genannt rechnet man die schwerflüchtigen Stoffe Yperit, Stickstoff-Yperit, Lewisit, Tabun, Phenyl- arsindichlorid und andere. Auch die Kampfstoffe Sarin und Soman sind viel weniger flüchtig als die Gruppe der kurzwirkenden Kampfstoffe und können deshalb als seßhafte Kampfstoffe bezeichnet werden.

3.3 Aerosole

Eine Reihe von Kampfstoffen, besonders Kampfstoffe mit einem hohen Siedepunkt, erreichen ihre größte Wirk- samkeit, wenn sie als Nebel oder Rauch (Aerosol) ein- gesetzt werden. Zu dieser Gruppe gehören Adamsit, Di- phenylarsinchlorid, Diphenylarsinzyanid sowie einige andere Stoffe. Diese Stoffe besitzen ausgesprochen reiz- erregende Eigenschaften auf die Schleimhäute des Nasen- Rachenraumes. Sie werden entsprechend ihrer Anwen- dungsform auch als Giftrauchstoße bezeichnet. Diese Stoffe sind nach ihrer praktischen Wirkungsdauer mit den kurz- wirkenden Kampfstoffen gleichzusetzen, da sie sich wie die Luft im Gelände verhalten. Daneben können einige hier unter den seßhaften Kampfstoffen aufgezählte Stoffe ebenfalls durch Versprühen in der Luft in eine hochwirk- same Form gebracht werden.

3.4

Klassifizierung nach physiologischen Gesichts- punkten

Sehr zweckmäßig ist die Einteilung der chemischen Kampfstoffe nach physiologischen Gesichtspunkten. Bei dieser Einteilung ordnet man die Kampfstoffe nach ihrer Hauptwirkung auf den Organismus. Man unterscheidet:

1. Augenreizstoffe

2. Nasen- und Rachenreizstoffe

3. Lungenschädigende Kampfstoffe

4. Hautschädigende Kampfstoffe

5. Blut- und nervenschädigende Kampfstoffe

Natürlich hat diese Einteilung Mängel, da viele Kampf- stoffe gleichzeitig auf mehrere Organe einwirken können. Chlorpikrin beispielsweise wirkt außer auf die Augen auch sehr stark auf die Lunge. Die Dämpfe von Yperit oder aerolisiertes Yperit verursachen sehr starke Verletzungen der Augen und der Atmungsorgane, obwohl Yperit zu den hautschädigenden Kampfstoffen zählt.

4.

Augenreizstoffe

Als Augenreizstoffe bezeichnet man die chemischen Kampfstoffe, deren Wirkung auf den Organismus vor- wiegend auf eine Tränenerregung beschränkt ist. Sie werden in der Literatur auch als Tränenreizstoffe oder Tränengase bezeichnet. Chemisch handelt es sich bei diesen Stoffen meist um halogenierte Ketone, Halogen- karbonsäureester sowie halogenierte aromatische Verbin- dungen. Sie haben meist nur eine geringe Giftwirkung und sind unter modernen Gefechtsbedingungen nur noch von untergeordneter Bedeutung. Sie werden hauptsäch- lich für Übungszwecke und für Dichtheitsprüfungen der Schutzmasken verwendet. In den kapitalistischen Län- dern werden für Polizeizwecke Tränengashandgranaten und andere Mittel gegen Streikende, Demonstranten und gegen Freiheitskämpfer in den noch kolonialen Ländern eingesetzt.

Die wichtigsten Augenreizstoffe sind Bromazeton,Chlor- azetophenon und Brombenzylzyanid.

4.1

Bromazeton

BrCH 2 -CO-CH 3

Einer der ersten von der deutschen Armee im 1. Weltkrieg eingesetzten Augenreizstoffe war das Bromazeton. Es wurde unter der Deckbezeichnung B-Stoff als Füllung für chemische Granaten und Handgranaten verwendet. Dieser Stoff wurde erstmalig 1863 von Linnemann her- gestellt und beschrieben. Die starken tränenerregenden Eigenschaften und die technisch einfache Herstellungsweise veranlaßten die deutschen Chemiker, das Bromazeton für militärische Zwecke auszuwählen. Die ersten Granaten mit Brom-

64

azetonfüllung kamen Anfang 1915 an die Front und wurden später entsprechend ihrer Kennzeichnung zu den Weißkreuz-Granaten*)gezählt.

4.1.1 Physikalische und chemische Eigenschaften

Bromazeton ist im reinen Zustand eine farblose, stechend riechende Flüssigkeit mit einem spezifischen Gewicht von 1,6. Bei normalem Druck siedet es bei 136 °C. Der Erstarrungspunkt liegt bei — 54 °C, der Dampfdruck bei 20 °C entspricht 9 mm Hg-Säule. Infolge der hohen Sätti- gungskonzentration, die 75 p/m 3 bei 20 °C beträgt, wird Bromazeton zu den flüchtigen chemischen Kampfstoffen gezählt. Bei längerem Stehen und unter Einfluß von Wärme und Licht verfärbt sich dieser Stoff durch Bildung von Zer- setzungsprodukten allmählich bräunlich. Dieser Zerset- zungsprozeß kann durch Stabilisatoren verzögert werden. Während des 1. Weltkrieges wurde dem Bromazeton fein- pulverisiertes Magnesiumoxyd zugesetzt, das bei der Lage- rung freiwerdende Säure band und das Auftreten von Zer- setzungserscheinungen um einige Monate verzögerte. Bromazeton ist in Wasser wenig, in Alkohol, Benzol, Azeton und anderen organischen Lösungsmitteln gut löslich. Technisches Bromazeton ist eine gelbe bis braune Flüssig- keit, die bei längerem Stehen einen harzigen Bodensatz bildet. Bromazeton greift bei der Lagerung eiserne Behäl- ter an, da sich Bromwasserstoffsäure abspaltet, die stark korrodierend wirkt. Blei-, Glas- und Porzellangefäße wer- den nicht angegriffen. Um Korrosionsschäden an den Gra- nathüllen zu vermeiden, wurden die Granaten im 1. Welt- krieg mit Blei ausgekleidet, später verwendete man Granaten, deren Innenraum emailliert war. Eine Entgiftung ist nach einer Bromazeton-Einwirkung

*)

5

Als Weißkreuz-Granaten wurden in der deutschen Armee alle Granaten mit Augenreizstoffüllung bezeichnet.

Kampfstoffe

65

meist nicht notwendig, da es infolge seiner hohen Flüchtigkeit schnell verdampft. Sind Textilien oder andere poröse Materialien stark mit Bromazeton benetzt, so kann der Reizstoff durch Lüften oder (im Winter) durch eine Warmluftbehandlung leicht entfernt werden. In Laboratorien oder anderen Räumen, in denen sich durch Unvorsichtigkeit oder nach Dichtheitsprüfungen starke Konzentrationen gebildet haben oder in denen sich flüssiges Bromazeton befindet, kann der Reizstoff durch eine Lösung zerstört werden, die 250 p Natriumsulfid (oder Kaliumsulfid) und 30 p Seife oder Waschmittel in 10 1 Wasser enthält. Diese Lösung wird auf die benetzten Oberflächen oder im Raum versprüht.

4.1.2 Physiologische Wirkungen Bromazeton ist einer der stärksten Augenreizstoffe. Die Reizschwelle liegt bei 1 mp/m 3 und die Erträglichkeits- grenze bei 30 mp/m 3 . Bei einer Konzentration von 40 bis 50 mp/m 3 tritt eine so starke Tränenreizung ein, daß es unmöglich ist, die Augenlider zu öffnen. Stärkere Kon- zentrationen können Augenbindehautentzündungen her- vorrufen. Die Empfindlichkeit gegenüber Bromazeton- dämpfen ist sehr verschieden. Manche Menschen werden bei wiederholter Einwirkung auf die Augen überempfind- lich, während sich andere fast daran gewöhnen. Wenn flüssiges Bromazeton in die Augen gerät, so ent- stehen schwere Augenverletzungen, die sich unter Um- ständen zur Erblindung steigern können. Die Giftwirkung des Bromazetons ist sehr gering. Erst Konzentrationen von einigen Pond je Kubikmeter sind gefährlich. Kommen flüssige Bromazetontropfen mit der Haut in Berührung, so rötet sich die Haut, und es bilden sich Blasen. Diese Erscheinungen sind jedoch ungefährlich, da sie spätestens nach einigen Tagen wieder vergehen.

66

4.1.3 Anwendungsmöglichkeiten

Von französischer Seite wurde Bromazeton unter der Bezeichnung Martonite in einer Mischung mit 20% Chlorazeton in Granaten verschossen. Nachdem man aber bessere und stabilere Reizstoffe entwickelt hatte, fand das Bromazeton kaum noch militärische Verwen- dung. Infolge seiner hohen Reiz- aber geringen Giftwirkung kann das. Bromazeton für Dichtheitsprüfungen beim Anpassen von Schutzmasken verwendet werden. Die Konzentration darf dabei 100 mp/m 3 nicht übersteigen, um Verletzungen zu verhindern. Bei hohen Bromazeton- konzentrationen kann die Bekleidung eine große Menge Reizstoff aufnehmen und noch Stunden danach eine starke Reizwirkung hervorrufen. Im 1. Weltkrieg wurde Bromazeton auch für die Prüfung von Schutzmaskenfiltern verwendet. Zu diesem Zweck wurde ein Luftstrom mit einer Geschwindigkeit von 20 l/min und einem Bromazetongehalt von 15 p/m 3 durch den Filtereinsatz geblasen. Die Filter mußten 45 min lang den Durchbruch des Reizstoffes aufhalten.

4.2

Brommethyläthylketon

BrCH 2 -CO-C 2 H 5

Brommethyläthylketon wurde im 1. Weltkrieg als Ersatz für Bromazeton eingeführt. Dieser Ersatz wurde notwen- dig, da das zur Herstellung von Bromazeton benötigte Azeton in großen Mengen als Lösungsmittel für die Sprengstoffindustrie gebraucht wurde. Die Reizwirkung dieses Stoffes ist etwas geringer als die von Brom- azeton. Deutscherseits wurde Brommethyläthylketon als Bn-Stoff und französischerseits als Homomartonite bezeich- net.

67

4.2.1 Physikalische und chemische Eigenschaften

Brommethyläthylketon ist eine farblose oder leicht bräun- liche Flüssigkeit mit einem spezifischen Gewicht von 1,43. Der Siedepunkt liegt bei 145 °C. Bei dieser Temperatur treten bereits Zersetzungserscheinungen auf. Der Stoff kann deshalb nur unter vermindertem Druck destilliert werden. In Wasser ist Brommethyläthylketon unlöslich. Gegenüber Bromazeton ist es etwas länger lagerungs- fähig. Die chemischen Eigenschaften des Brommethyl- äthylketons ähneln denen des Bromazetons. Durch alko- holische Alkalilösung läßt sich zum Beispiel das Brom abspalten. Zur Entgiftung kann gleichfalls Natriumsulfid- Seifenlösung verwendet werden.

4.2.2 Physiologische Wirkungen

Die Reizschwelle von Brommethyläthylketon liegt bei 2 mp/m 3 und die Erträglichkeitsgrenze bei 15 mp/m 3 . In seinen sonstigen physiologischen Wirkungen entspricht es dem Bromazeton.

4.3

Bromessigester

BrCH 2 COOC 2 H 5

Bromessigester (genauer Bromessigsäureäthylester) soll nach deutschen Angaben als erster chemischer Stoff mit Reizwirkung von der französischen Armee bereits in den ersten Kriegsmonaten des 1. Weltkrieges eingesetzt worden sein. Er soll zur Füllung von Gewehrgranaten und später auch von Artilleriegeschossen gedient haben. Dieser Stoff wurde von Perhin und Duppa im Jahre 1858 hergestellt. Bromessigester wird von der chemischen Industrie in großen Mengen als Zwischenprodukt für organische Synthesen im Labor und bei großtechnischen Prozessen hergestellt.

68

Dieser Stoff soll nach deutschen Angaben bereits 1912 auf Vorschlag des städtischen Laboratoriums der Stadt Paris in die Ausrüstung der französischen Armee aufgenommen worden sein. Diese Mitteilung ist in vielen deutsch- sprachigen Veröffentlichungen enthalten, um Frankreich die Schuld für den Beginn des völkerrechtswidrigen che- mischen Krieges in die Schuhe zu schieben. Während des 1. Weltkrieges wurde Bromessigester nur selten für Reizstoffgranaten verwendet, da sich Brom- azeton und andere Reizstoffe wesentlich leichter herstellen lassen und auch eine stärkere Wirksamkeit haben.

4.3.1 Physikalische und chemische Eigenschaften Reiner Bromessigsäureäthylester ist eine farblose Flüssig-

keit mit einem stechenden Geruch. Der Siedepunkt dieses Stoffes liegt bei 168 °C und der Erstarrungspunkt bei - 13,8 °C. Das spezifische Gewicht beträgt bei 20 °C 1,51, die Sättigungskonzentration bei der gleichen Temperatur

21 p/m 3 .

Im Wasser ist Bromessigsäureäthylester unlöslich, gut löslich dagegen in allen organischen Lösungsmitteln. Bei längerer Berührung mit Wasser oder der Luftfeuchtig- keit tritt ein hydrolytischer Zerfall ein. Durch wäßrige oder wäßrig-alkoholische Natronlauge läßt sich Brom- essigsäureäthylester schnell zersetzen. In Metallgefäßen kann er relativ lange ohne starke Zersetzungserscheinun- gen aufbewahrt werden.

4.3.2 Physiologische Wirkungen Bromessigester ist ein starker Augenreizstoff. Die Reiz- schwelle liegt bei 10 mp/m 3 und die Erträglichkeitsgrenze bei 40 mp/m 3 . Gefährliche Vergiftungen sollen bei einer Konzentration von 0,3 p/m 3 und einer Einwirkungszeit von 10 bis 15 min beobachtet worden sein.

.69

4.4

Xylylbromid

CH 3 -(C 6 H 4 )-CH 2 Br

Im Januar 1915 wurden von der deutschen Armee Gra- naten eingesetzt, die eine Füllung von Xylylbromid ent- hielten. Es wurde als T-Stoff bezeichnet und in eigens dafür hergestellte Granaten gefüllt. Von deutscher Seite wurden im 1. Weltkrieg etwa 500 Mp dieses Stoffes her- gestellt und eingesetzt. Es war praktisch der erste che- mische Kampfstoff, der im 1. Weltkrieg zur Anwendung kam. Der erste Einsatz an der deutsch-russischen Front brachte jedoch keinen Erfolg, da die tiefen Temperaturen eine Gefechtswirkung unmöglich machten. Erst bei einem zweiten Einsatz an der Flandernfront erwies sich Xylyl- bromid als ausreichend gefechtswirksam. Xylylbromid wurde erstmalig im Jahre 1882 von Rad- ziszewski hergestellt.

4.4.1 Physikalische und chemische Eigenschaften

Xylylbromid ist im reinen Zustand eine farblose Flüssig- keit, die bei 210 °C siedet. Bei 20 °C beträgt das spezifische Gewicht 1,4 und die Sättigungskonzentration 600 mp/m 3 . Technisches Xylylbromid ist ein braunes Öl, das aus den drei isomeren Substitutionsprodukten besteht. Es riecht stark aromatisch. Bei der Lagerung in Metallgefäßen zersetzt sich Xylyl- bromid und wirkt stark korrodierend, weshalb es im 1. Weltkrieg nur in bleiausgekleideten Gefäßen gelagert wurde. Auch die Granaten erhielten aus diesem Grunde Bleiwandungen.

4.4.2 Physiologische Wirkungen

Die Reizschwelle des Xylylbromids liegt bei 1,8 mp/m 3 und die Erträglichkeitsgrenze bei 15 mp/m 3 . Die Gift- wirkung ist verhältnismäßig gering. Erst 6 p/m 3 ver-

70

Ursachen tödliche Vergiftungen. Xylylbromid wurde noch im Verlaufe des 1. Weltkrieges durch das Phenyl- karbylaminchlorid abgelöst, das über günstigere Eigen- schaften verfügen soll.

4.5 Phenylkarbylaminchlorid

C 6 H 5 -NCC1 2

Phenylkarbylaminchlorid wurde im 1. Weltkrieg von der deutschen Armee angewendet. Man gebrauchte etwa 700 Mp dieses Stoffes als Maskierungsmittel für das gefährlichere Yperit. Durch diesen Stoff sollte der Geruch des Yperits überdeckt und dem Gegner somit ein alleiniger Einsatz von Reizstoff vorgetäuscht werden. Phenyl- karbylaminchlorid wurde 1874 von Sell und Zierold her- gestellt.

4.5.1 Physikalische und chemische Eigenschalten

Phenylkarbylaminchlorid ist eine ölige Flüssigkeit mit einem starken, zwiebelähnlichen Geruch. Der Siedepunkt liegt bei 210 °C. Das spezifische Gewicht ist 1,3, und die Sättigungskonzentration liegt bei 20 °G bei 2 p/m 3 . Phenylkarbylaminchlorid ist unlöslich in Wasser, löst sich jedoch gut in organischen Lösungsmitteln und flüssigen Kampfstoffen (Yperit). Bei Zimmertemperatur wird es von Wasser nur wenig angegriffen. Es ist auch in Metall- gefäßen ausreichend lagerfähig. Wegen seines hohen Siedepunktes und der geringen Flüchtigkeit wird Phenylkarbylaminchlorid zu den seß- haften chemischen Kampfstoffen gerechnet.

4.5.2 Physiologische Wirkungen

Die Reizschwelle dieses Kampfstoffes liegt bei 3 mp/m 3 und die Erträglichkeitsgrenze bei 30 mp/m 3 . Tödliche

71

Vergiftungen sollen erst bei einer Konzentration von 5 p/m 3 bei einer Einwirkungszeit von 10 min auftreten. Unter modernen Bedingungen ist dieser Stoff ohne beson- dere Bedeutung.

4.6

Chlorazeton

ClCH 2 -CO-CH 3

Chlorazeton wurde von den Franzosen als Ersatz für bromhaltige Reizstoffe eingesetzt, da sich in Frankreich bereits kurz nach Kriegsbeginn ein akuter Brommangel bemerkbar machte. Dieser Kampfstoff wurde in franzö- sischen Veröffentlichungen als Tonite bezeichnet. Nach- dem auf französischer Seite wirksamere Kampfstoffe gefunden worden waren, verwendete man diesen Stoff nur noch als Lösungsmittel für taktische Mischungen und für Übungszwecke. Chlorazeton wurde bereits 1859 von Riche hergestellt, als dieser eine Lösung von Chlorwasserstoff in Azeton elek- trolysierte.

4.6.1 Physikalische und chemische Eigenschaften Chlorazeton ist eine wasserklare Flüssigkeit mit einem stechenden Geruch, die bei 119 °C siedet. Das spezifische Gewicht beträgt 1,16. Die Sättigungskonzentration bei 20 °C liegt bei 61 mp/m 3 . Chlorazeton ist in Wasser nur wenig löslich, dagegen gut in organischen Lösungsmitteln. Wasser zersetzt den Stoff nicht. Von Aktivkohle werden die Chlorazetondämpfe gut adsorbiert. Bei längerer Lagerung zersetzt sich Chlorazeton zu einer festen, dunklen Substanz. Eisen beschleunigt diesen Vor- gang. Die Granaten und Lagergefäße mußten deshalb mit einer Schutzschicht versehen werden.

72

4.6.2 Physiologische Wirkungen Die Reizwirkung von Chlorazeton ist geringer als die von Bromazeton. Die Reizschwelle liegt bei 18 mp/m 3 (Brom- azeton 1 mp/m 3 ) und die Erträglichkeitsgrenze bei 100 mp/m 3 (Bromazeton 30 mp/m 3 ). Die Giftwirkung ist stärker als bei den bisher beschriebenen Stoffen aus- geprägt. Konzentrationen von 3 p/m 3 sollen nach Lite- raturangaben bei einer einminütigen Einatmung zu töd- lichen Vergiftungen führen.

4.7 Chlorazetophenon

C1CH 2 -CO-C 6 H 5

Chlorazetophenon wurde nach dem 1. Weltkrieg in den USA auf seine Eignung als chemischer Kampfstoff unter- sucht und in großen Mengen für militärische Zwecke her- gestellt. Es ist der wirksamste Augenreizstoff, der bisher in der Literatur beschrieben wurde. In den USA wird dieser Stoff militärisch als CN-Gas bezeichnet und noch immer in großen Mengen hergestellt und gelagert. Erstmalig wurde Chlorazetophenon von Graebe beschrie- ben, der es durch Einwirkung von Chlor auf Azetophenon darstellte. Später wurde es von Friedet und Crafts durch die nach diesen beiden Chemikern benannte Reaktion — Um- setzung von Chlorazetylchlorid mit Benzol bei Gegenwart von Aluminiumchlorid — erhalten. Bereits in den damaligen Veröffentlichungen wurde die starke Reizwirkung dieses Stoffes beschrieben.

4.7.1 Physikalische und chemische Eigenschaften

Reines Chlorazetophenon ist ein farbloser, kristalliner Stoff mit einem schwachen Geruch, der an Faulbeerbaum-

Der Schmelzpunkt liegt bei 58 °C und

blätter erinnert

73

der Siedepunkt unter normalem Druck bei 244 °C. Der Dampfdruck bei 20 °C ist gering und entspricht etwa 0,01 mm Hg-Säule. Bei der gleichen Temperatur beträgt die Sättigungskonzentration etwa 105 mp/m 3 . Das spezifische Gewicht ist bei 15 °C 1,32. Technisches Chlorazetophenon ist gelb bis gelbbraun gefärbt und besitzt einen stärkeren aromatischen Geruch als der reine Stoff. In Wasser ist Chlorazetophenon nur wenig löslich (1 p in 1000 cm 3 ), es wird durch Wasser praktisch nicht zersetzt. In organischen Lösungsmitteln (Alkohol, Tetrachlorkohlenstoff, Benzol, Äther, Benzin) ist es gut löslich, in verschiedenen flüssigen Kampfstoffen sogar sehr gut (Diphosgen, Chlorzyan, Bromazeton). Die gute Löslichkeit des Kampfstoffes wird bei seiner An- wendung in Zerstäubereinrichtungen ausgenutzt. Aus einer konzentrierten Lösung von Chlorazetophenon in Tetrachlorkohlenstoff verdampft nach der Zerstäubung das Lösungsmittel, und das Chlorazetophenon bleibt in einer feinen, reizkräftigen Verteilung in der Luft zurück.

Chlorazetophenon ist physikalisch und chemisch gesehen eine sehr stabile Substanz. Es wird im Wasser auch beim Sieden nicht zersetzt und unterliegt selbst bei einer langen Lagerung in feuchter Atmosphäre keinen chemischen Zersetzungsreaktionen. Unter normalem Druck treten beim Siedepunkt ebenfalls keine wesentlichen Zerset- zungserscheinungen auf; beim Verschwelen in Reizstoff- Schwelkörpern oder bei der Detonation von Granaten und Bomben wird es praktisch vollständig als Dampf oder Aerosol verteilt.

Infolge seines relativ hohen Schmelzpunktes läßt sich Chlorazetophenon leicht in Granaten, Bomben oder andere Anwendungsmittel einschmelzen und ohne besondere Schutzmaßnahmen handhaben. Daher ist es einer der

wichtigsten Augenreizstoffe, die auch noch unter moder- nen Bedingungen von Bedeutung sind. In Metallbehältern ist eine jahrelange Lagerung ohne Korrosionserscheinungen möglich. Auch die Lösungen lassen sich bei luftdichtem Abschluß der Behälter mehrere Jahre lang aufbewahren. Entgiftungsmaßnahmen sind bei diesem Kampfstoff unter .Gefechtsbedingungen wahrscheinlich nur selten notwendig, da er sich beim Lüften der Bekleidung oder bei Luftzutritt an die Oberflächen der vergifteten Geräte schnell wieder verflüchtigt. Räume oder Geräte, die mit Kampfstofflösungen benetzt oder verunreinigt wurden, können durch eine Lösung von 5 bis 10% Natriumsulfid in 50 %igem Alkohol gereinigt werden. Notfalls kann man eine angewärmte Natriumsulfid-Wasserlösung dazu be- nutzen. Bei der Umsetzung von Chlorazetophenon mit Natriumsulfid bildet sich, besonders wenn eine warme alkoholische Lösung angewendet wird, Phenazylsulfid nach folgender Reaktionsgleichung:

2

C 5 H 6 COCH 2 C1

Na 2 S

(C 6 H 5 COCH 2 ) 2 S Phenazylsulfid

2 NaCl

Die bei der Umsetzung entstehenden Endprodukte besitzen keine Reizwirkung. Bekleidung oder andere Ausrüstungsgegenstände können auch durch Warmluftverfahren gereinigt werden.

4.7.2 Physiologische Wirkungen Chlorazetophenon wirkt ausgesprochen tränenreizerre- gend. Die Reizschwelle liegt bei 0,5 mp/m 3 . Auch bei Chlor- azetophenon ist die Wirkung stark individuell bedingt. In den meisten Fällen nimmt die Empfindlichkeit bei wiederholter Einwirkung von Chlorazetophenon zu. Die Erträglichkeitsgrenze liegt bei 4,5 mp/m 3 .

Bei Konzentrationen über 5 mp/m 3 tritt besonders bei der Mundatmung ein ausgesprochener Rachenreiz auf; bei höheren Konzentrationen werden auch Reizerschei- nungen auf der Haut, besonders an empfindlichen Haut- stellen beobachtet. Die Hautreize sind meist harmloser Natur und verschwinden kurze Zeit nach' dem Verlassen der vergifteten Atmosphäre. Wird die Haut mit Chlorazetophenonlösungen benetzt, machen sich stechendes Brennen und Hautrötungen bemerkbar, die nach dem Abtupfen der Lösung fast immer wieder verschwinden. Die Giftwirkung von Chlorazetophenon ist sehr gering. Erst bei Konzentrationen von über 5 p/m 3 und einer mehrminütigen Einwirkungszeit sollen tödlich verlaufende Vergiftungen bei Tierversuchen vorgekommen sein.

4.7.3

Anwendungsmöglichkeiten

Die faschistische Wehrmacht besaß chemische Granaten, die eine Füllung von Chlorazetophenon hatten und sich besonders für die gleichzeitige Anwendung mit Brisanz- und Splittergranaten eignen sollten. Auch chemische Bomben mit kombinierter Splitter- und Reizwirkung (Chlorazetophenonfüllung) wurden im faschistischen Deutschland hergestellt. Nach dem 2. Weltkrieg wurden außerdem Nebelgranaten mit einem Zusatz von Chlor- azetophenon in den Munitionsfabriken aufgefunden. In den USA wurden Reizstoff-Nebelkörper produziert, die in der Brandmischung oder in besonderen Schwel- kammern Chlorazetophenon enthielten. Eine in der Lite- ratur beschriebene Reizstoff-Nebelmischung bestand aus einer Zinknebelmischung mit einem Zusatz von Chlor- azetophenon. Die Lagerbeständigkeit dieser Mischungen soll jedoch ungenügend sein. Für Übungszwecke wurden in verschiedenen Staaten Nebelkörper mit einer Chlorat-

76

-Zuckermischung hergestellt, die in einer Bohrung Chlor- azetophenon enthielten. Chlorazetophenonlösung ist in den meisten Tränengas- Handgranaten enthalten, die von den Polizeikräften der kapitalistischen Staaten gegen Demonstranten eingesetzt werden.

4.8

Brombenzylzyanid

gegen Demonstranten eingesetzt werden. 4.8 Brombenzylzyanid Brombenzylzyanid wurde gegen Kriegsende und auch noch nach

Brombenzylzyanid wurde gegen Kriegsende und auch noch nach dem 1. Weltkrieg in den Laboratorien und auf den Versuchsplätzen des Chemical Warfare Service*) der USA-Armee in Edgewood-Arsenal im Staat Maryland auf seine militärische Brauchbarkeit untersucht. Die Versuchsergebnisse zeigten eine hohe Reizwirkung und eine ziemlich hohe Beständigkeit. Das Brombenzyl- zyanid wurde in den USA als Ca-Gas und in Frankreich als Camite bezeichnet. Einige Megapond aus amerikani- scher Produktion sollen gegen Ende des 1. Weltkrieges von der französischen Armee eingesetzt worden sein. Erstmalig wurde dieser außerordentlich starke Reizstoff von Reimer im Jahre 1881 hergestellt. Reines Brom- benzylzyanid konnte erst 1914 isoliert werden.

4.8.1 Physikalische und chemische Eigenschatten

Reines Brombenzylzyanid besteht aus weißgelben Kri- stallen. Der Schmelzpunkt liegt bei 25,4 °C und der Siede- punkt bei 242 °C unter normalem Druck. Bei dieser Tem- peratur treten Zersetzungserscheinungen auf. Die Kri- stalle des reinen Produkts werden bei der Lagerung allmählich gelb. Das spezifische Gewicht des Stoffes beträgt

*) Chemischer Dienst.

77

bei 20 °C 1,51. Der Dampfdruck entspricht 0,012 mm Hg- Säule, die Sättigungskonzentration wurde bei 20 °C mit 130 mp/m 3 bestimmt. Technisches Brombenzylzyanid ist ein braunes Öl mit einem scharfen, stechenden Geruch. Es erstarrt bei etwa — 5 bis — 10 °C. Brombenzylzyanid ist in Wasser unlös- lich, leicht löslich dagegen in Alkohol, Benzol, Tetra- chlorkohlenstoff, Azeton, Bromazeton, Chlorpikrin, Di- phosgen und anderen Kampfstoffen. Die gute Löslichkeit in anderen Kampfstoffen wird ausgenutzt, um taktische Mischungen herzustellen. Von verschiedenen Forschungs- instituten wurde die Mischbarkeit von Brombenzylzyanid und Chlorpikrin untersucht, wobei gefunden wurde, daß besonders eine Mischung mit 25% Chlorpikrin eine hohe Wirksamkeit bis zu Temperaturen von etwa 10 °C besitzt. Brombenzylzyanid ist gegen chemische Einwirkung ver- hältnismäßig beständig. Durch Wasser wird es nur lang- sam zersetzt. Da entsprechend der physikalischen Eigen- schaften Brombenzylzyanid zu den seßhaften chemischen Kampfstoffen gerechnet werden muß, kann beim Einsatz dieses Stoffes eine Entgiftung mit chemischen Mitteln notwendig werden. Zur Vernichtung von Brombenzyl- zyanid auf Geräte-Oberflächen, in Räumen und auf Straßen kann eine wäßrige alkoholische Natriumsulfid- lösung angewendet werden, die etwa 30% Alkohol und 10% Natriumsulfid enthält. Notfalls genügt eine an- gewärmte Natriumsulfidlösung in Wasser. Bei der Ent- giftung bildet sich Dizyanbenzylsulfid, das keine Reiz- eigenschaften besitzt.

Dizyanbenzylsulfid, das keine Reiz- eigenschaften besitzt. Bei Erhitzung ist Brombenzylzyanid nicht beständig. In der

Bei Erhitzung ist Brombenzylzyanid nicht beständig. In der amerikanischen Literatur wird deshalb mehrfach von der Abfüllung in so konstruierte Granaten und Bomben gesprochen, daß bei deren Detonation keine hohen Temperatur- und Druckeffekte auftreten. Wird Brombenzylzyanid längere Zeit in Metallgefäßen gelagert, treten starke Korrosionserscheinungen auf; der Kampfstoff zersetzt sich langsam. In emaillierten oder Porzellangefäßen hält sich der Kampfstoff besser.

4.8.2 Physiologische Wirkungen

Brombenzylzyanid ist ein Augenreizstoff mit starker Wirkung. Die Reizschwelle liegt bei 0,3 mp/m 3 . Bei einem Aufenthalt von 2 min in einer Atmosphäre mit einer Konzentration von 1 mp/m 3 macht sich ein schwacher Reiz im Nasenraum bemerkbar. Bei etwa 10 mp/m 3 tritt zusätzlich ein schwacher Rachenreiz auf, und bei 30 mp/m 3 liegt die Erträglichkeitsgrenze. Die Giftwirkung des Stoffes ist praktisch ohne Bedeutung. Erst bei Konzen- trationen von über 10 mp/m 3 sollen beim Tierversuch tödliche Vergiftungen beobachtet worden sein. Tritt Brombenzylzyanid auf die Haut, löst es nur schwache Reizeffekte aus, die sofort nach dem Abtupfen wieder verschwinden. Auch auf den Schleimhäuten und in Wunden erzeugt Brombenzylzyanid ein stark brennendes Gefühl.

4.8.3 Anwendungsmöglichkeiten

Nach älteren amerikanischen Veröffentlichungen kann Brombenzylzyanid in Bomben und Granaten abgefüllt werden, deren Konstruktion eine Zerstäubung ohne starken Druck- und Temperaturanstieg ermöglicht. In verschiedenen Veröffentlichungen wird darauf hingewie- sen, daß sich Brombenzylzyanid zur lang anhaltenden

Geländevergiftung eignet, wenn es aus Flugzeugen oder Fahrzeugen versprüht wird, die mit den nötigen Zer- stäubervorrichtungen ausgerüstet sind. Unter modernen Bedingungen sind diese Möglichkeiten jedoch bedeutungs- los. Einige Veröffentlichungen enthalten den Hinweis, Brombenzylzyanid als Maskierungsmittel für giftigere seßhafte Kampfstoffe zu verwenden.

4.9 Schutzmaßnahmen gegen Augenreizstoffe

Zum Schutz vor den Augenreizstoffen genügt es, die Schutzmaske schnell und sicher aufzusetzen, nachdem der Giftstoff erkannt wurde. Durch Atemanhalten kann man verhindern, daß während des Aufsetzens Kampfstoff- dämpfe eingeatmet werden. Die in den sogenannten Tot- raum der Maske (Luftraum zwischen Gesicht und Maske) eingedrungenen Kampfstoffdämpfe müssen durch kräf- tiges Ausatmen entfernt werden. Die modernen Schutz- maskenfilter bieten lange Zeit, auch bei höheren Konzen- trationen, sicheren Schutz vor Reizstoffen. Lebensmittel, Wasser, Geräte und medizinische Mittel sollten von vorn- herein nur in einer kampfstoffsicheren Verpackung auf- bewahrt und transportiert werden, die eine Oberflächen- entgiftung erleichtert und das Eindringen von gas- förmigen und flüssigen Stoffen verhindert.

4.10 Erste Hilfe bei Verletzungen durch Augenreizstoffe

Augenreizstoffe führen nur selten Verletzungen herbei, da die starke Reizwirkung in geringen Konzentrationen sofort zum Anlegen der Schutzmaske zwingt. Der heftige Tränenreiz läßt meistens schnell nach, ohne daß ernst-

hafte Schädigungen zurückbleiben. Die Augen dürfen nach der Einwirkung nicht gerieben oder mit einem Tuch ausgewischt werden, weil das den Tränenreiz verstärkt und verlängert oder neuer Reizstoff in die Augen kommen kann. Ist die Bekleidung von Reizstoffen behaftet, so muß sie gewechselt und gut gelüftet werden. Im Freien ist diese Maßnahme nur selten notwendig, da die Reizstoffe hier schnell verdunsten. Ist flüssiger Reizstoff in die Augen gekommen, so müssen die Augen mit schwacher Bikarbonatlösung gespült werden. Notfalls können 0,1 bis 0,5 %ige Sodalösungen oder auch reines Wasser verwendet werden. Bei Augenreizungen dürfen keinesfalls stark alkalische oder aktivchlorhaltige Stoffe (Chlorkalk, Chloramine usw.) zur Ersten Hilfe verwendet werden. Sind die Augen durch das Eindringen flüssiger Reizstoffe verletzt worden, ist auch bei scheinbar raschem Ab- klingen der Reizerscheinungen ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Das ist besonders deshalb wichtig, weil viele gefährliche Kampfstoffe durch Augenreizstoffe getarnt sein können. Einige flüssige Augenreizstoffe können auf der Haut Rötungen und Blasen hervorrufen. In solchen Fällen wird der Kampfstoff mit Watte, Gaze oder sauberen Tüchern von der Haut getupft. Nicht von der Haut reiben, weil dadurch der Kampfstoff mit einer größeren Hautfläche in Berührung kommt.

6

Kampfstoffe

5. Nasen- und Rachenreizstoffe

Zur Gruppe der Nasen- und Rachenreizstoffe gehören hochwirksame chemische Kampfstoffe, die hauptsächlich als Aerosole ihre typischen Wirkungen entfalten. Diese Kampfstoffe verursachen starke Reizerregungen im Nasen-Rachenraum. Die typischen Vertreter dieser Gruppe sind die arsen- haltigen Verbindungen Diphenylarsinchlorid, Diphenyl- arsinzyanid und Adamsit. Diese Gruppe wurde in. der faschistischen Wehrmacht entsprechend ihrer Munitions- kennzeichnung im 1. Weltkrieg als Blaukreuzgruppe bezeichnet. Man kann zu dieser Gruppe auch noch einige andere arsenhaltige Kampfstoffe rechnen, zum Beispiel das Phenylarsindichlorid oder das Äthylarsindichlorid, die chemisch gesehen den typischen Nasen-Rachenreizstoffen strukturell verwandt sind, daneben aber noch eine be- trächtliche hautschädigende Wirkung haben. Die Wirkung der typischen Nasen-Rachenreizstoffe kann am einfachsten durch das Verhalten ihrer Aerosolteilchen in der Atmungsluft im Nasen-Rachenraum erklärt wer- den. Das Verhalten dieser Teilchen, ihr Niederschlagen oder Festhalten an den Schleimhäuten des Nasen- Rachenraumes ist von ihrer Größe abhängig. Teilchen mit einem Durchmesser von mehr als 10 um*) werden im Nasen-Rachenraum niedergeschlagen und können dort ihre Wirkung entfalten. Teilchen von etwa 3 bis 6 um werden zu etwa 20 % und Teilchen mit einem geringeren Durchmesser zu etwa 90 % mit dem Luftstrom bis in die Lungenbläschen geführt. Am stärksten ist die Wirkung der Nasen-Rachenreiz-

•) 1 um = 1 Mikrometer = 1/10000 cm.

stoffe, wenn sich die Aerosolteilchen auf den Schleim- häuten des Nasen-Rachenraumes festsetzen. Das ent- spricht etwa einer Teilchengröße von 5 bis 30 um. Es war daher das Ziel der Militärchemiker in den kapitalistischen Staaten, Anwendungsmittel zu entwickeln, mit denen derartige Teilchengrößen erreicht werden konnten. Prin- zipiell ist das bei chemischen Bomben und Granaten durch einen entsprechend vorberechneten Detonations- und Zerstäubungsverlauf sowie durch die Wahl geeigneter Lösungsmittel und entsprechender Düsenkonstruktionen hei der Aerolisierung des Kampfstoffes durch Sprüh- anlagen oder Flugzeugabsprühgeräte möglich. Es muß angenommen werden, daß dieses Problem im all- gemeinen praktisch gelöst ist. Theoretisch sind auch Kombinationen möglich, so beispielsweise, wenn als Bomben- oder Granatfüllung konzentrierte Lösungen ver- wendet werden, die nach der Detonation ein Maximum an Aerosolteilchen im obenerwähnten Durchmesser- bereich ergeben. Die außerordentliche Wirksamkeit und die anhaltenden Reizeffekte erklären sich durch das Wirken der auf den Schleimhäuten festgehaltenen Aerosol- teilchen. Die folgende Skizze (nach Müller) verdeutlicht die unterschiedliche Wirksamkeit bei der Aufnahme gas- förmiger und aerolisierter Kampfstoffe.

der Aufnahme gas- förmiger und aerolisierter Kampfstoffe. Wirksamkeit bei der Aufnahme gasförmiger und aerolisierter

Wirksamkeit bei der Aufnahme gasförmiger und aerolisierter Kampfstoffe

Auf dem linken Teil der Skizze ist die Einwirkung von gasförmigen Kampfstoffen dargestellt. Die Kampfstoff- dämpfe wirken gleichmäßig auf die gesamte Oberfläche der Schleimhaut. Es ist verständlich, daß dies nur so lange der Fall ist, bis die vergiftete Luft wieder aus dem Nasen- Rachenraum ausgeatmet ist. Die Reizauslösung hängt also unmittelbar mit dem Aufenthalt der vergifteten Luft an der Schleimhautoberfläche zusammen. Die Eindring- tiefe der Kampfstoffe ist verhältnismäßig gering; in der Skizze ist das an der relativ geringen Tiefe der Wirkungs- zone zu erkennen. Im rechten Teil der Skizze wird die Wirkung von Aerosol- teilchen gezeigt. Diese Teilchen bleiben an der Schleim- hautoberfläche haften und lösen so lange Reize aus, bis sie durch die Bewegung der Schleimhaut und die Schleim- hautabsonderung von den Haftstellen entfernt werden. Demzufolge hält die reizauslösende Wirkung auch dann noch an, wenn die vergiftete Luft nach dem Ausatmen den Nasen-Rachenraum bereits wieder verlassen hat. Die relativ hohe Kampfstoffkonzentration an den Haftstellen verursacht außerdem eine größere Tiefenwirkung (auf der Skizze durch die gestrichelte Zone dargestellt). Natürlich läßt sich diese Wirkung nicht erklären, ohne die Besonder- heiten der Nervenstrukturen und der Nervenfunktionen sowie der spezifischen Wirkungsmechanismen zu berück- sichtigen. Auf diese Fragen kann aber im Rahmen dieser kurzen Einführung verzichtet werden. Es muß außerdem berücksichtigt werden, daß sich beim Einsatz der Nasen- Rachenreizstoffe Besonderheiten ergeben, wenn Aerosol- teilchen geringer Größe verwendet werden, die auf die empfindlichen Wände der Lungenbläschen wirken. In diesen Fällen entstehen Lungenschäden, ähnlich wie bei ausgesprochen lungenschädigenden Kampfstoffen vom Typ des Phosgens.

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5,1

Diphenylarsinchlorid

(C 6 H 5 ) 2 AsCl

Diphenylarsinchlorid war der erste Nasen- und Rachen- reizstoff, der im 1. Weltkrieg angewendet wurde. Sein Einsatz war das Ergebnis einer großangelegten Unter- suchung, die von den deutschen militärchemischen For- schungsinstituten in den ersten Kriegsjahren mit dem Ziel durchgeführt wurde, Kampfstoffe zu entwickeln, die den gegnerischen Atemschutz durchschlagen konnten. Der Einsatz von Diphenylarsinchlorid war eine der vielen Überraschungen, die der 1. Weltkrieg auf chemischem Gebiet mit sich brachte. Da bis zum Einsatz dieses Kampfstoffes die damaligen Schutzmaskenfilter nur für gasförmige Kampfstoffe berechnet waren, brachte die überraschende Anwendung dieses Aerosol-Kampfstoffes der deutschen Seite einen zeitweiligen militärischen Vor- teil. Zum Schutz vor derartigen Stoffen mußten die Truppen Schutzmasken mit einer Schwebstoffilter- schicht bekommen. Die besten Filter der Jahre 1915 und 1916 hatten Aktivkohleschichten, die einen guten Schutz vor praktisch allen damaligen Kampfstoffen boten. Die Verwendung von Aktivkohle in den Filterschichten war bereits in der Industrie erprobt und erstmals von dem russischen Chemiker Selinski für militärische Zwecke vorgeschlagen worden. Zum Schutz vor Kampfstoff- Aerosolen wurden nach 1917 Wattebausch- oder Bierfilz- schichten in die Filtereinsätze der Schutzmasken ein- gebaut. Doch auch noch nach der Einführung dieser ver- besserten Filter hatten das Diphenylarsinchlorid und ähnliche chemische Kampfstoffe einen großen Vorteil gegenüber anderen Kampfstoffen, da häufig infolge der etwas verzögerten Reizauswirkung nach dem Einatmen Kampfunfähigkeit bei den beschossenen Einheiten ver- ursacht werden konnte. Der Einsatz von Diphenylarsin-

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chlorid war ein markantes Beispiel für den fortwährenden Kampf zwischen der Wirksamkeit der Kampfstoffe einer- seits und der Wirksamkeit der Schutzmittel andererseits. Diphenylarsinchlorid wurde erstmalig 1880 von La Coste und Michaelis hergestellt. Die Entdecker beschreiben in ihrer Veröffentlichung auch die starken Reizwirkungen, die der Stoff auf die Schleimhäute des Nasen-Rachen- raumes ausübt. Die Deutschen bezeichneten diesen Stoff als Clark I (Chlorarsin-Kampfstoff).

5.1.1 Physikalische und chemische Eigenschaften Reines Diphenylarsinchlorid besteht aus farblosen Kri- stallen, die bei 41 °C schmelzen. Der Siedepunkt liegt unter normalem Druck bei 333 °C. Bei 20 °C beträgt das spezifische Gewicht 1,4, der Dampfdruck entspricht 0,0005 mm Hg-Säule, und die Sättigungskonzentration liegt bei 0,68 mp/m 3 . Technisches Diphenylarsinchlorid ist ein Öl, das sich bei längerer Lagerung in eine zähe Masse verwandelt. In Wasser ist der Stoff praktisch unlöslich (in 100 p weniger als 0,1 p). In organischen Lösungsmitteln (reiner Alkohol, Petroleum, Benzol, Tetrachlorkohlenstoff), in Phosgen, Diphosgen sowie in Chlorpikrin ist er leicht löslich. Wasser hydrolysiert Diphenylarsinchlorid bei längerer Einwirkung zu Diphenylarsinoxyd.

2 (C 6 H 5 ) 2 AsCl + H 2 O--> [(C 6 H 5 ) 2 As] 2 O + 2 HC1

Bei Zimmertemperatur geht die Hydrolyse sehr langsam vor sich. Bei erhöhter Temperatur und besonders bei An- wesenheit von Alkohol und Alkalien verläuft sie schneller. Luftsauerstoff wirkt praktisch nicht auf den Stoff ein. Erst stärkere Oxydationsmittel wie Salpetersäure und

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Chlorwasser

phenylarsinsäure. Diphenylarsinchlorid ist bei kurzzeitiger Erhitzung bis zu Temperaturen von 250 °C beständig. Es ist deshalb gegen Detonationen unempfindlich und kann in Brisanz- granaten und in Bomben angewendet werden. Metalle werden von Diphenylarsinchlorid nur unwesent- lich angegriffen. Deshalb ist es möglich, Diphenylarsin- chlorid längere Zeit in Metallgefäßen (Bomben, Granaten) zu lagern.

Di-

bilden

durch

energische

Oxydation

5.1.2 Physiologische Wirkungen Die starke Reizwirkung des Diphenylarsinchlorids tritt erst im Aerosolzustand auf. Geringste Konzentrationen des Aerosols rufen starke Reizungen der Schleimhäute des Nasen-Rachenraumes hervor. Die Reizschwelle liegt bei 0,02 mp/m 3 und die Erträglichkeitsgrenze bei 1 mp/m 3 . Die Reizwirkungen treten bei diesen Konzentrationen erst etwa 1 bis 2 min nach Beginn der Einwirkung auf. Diese Latenzzeit (Verzögerungszeit) läßt sich dadurch erklären, daß sich erst eine gewisse Menge der Kampf- stoffteilchen auf den Schleimhäuten des Nasen-Rachen- raumes festsetzen muß, um die zur Reizerregung notwen- dige Konzentration zu schaffen. Die ersten Reizerschei- nungen sind Kribbeln in der Nase und im Rachenraum. Darauf stellen sich starker Schleimfluß und Niesen ein. Diese Reizeffekte steigern sich noch nach einigen Minuten, selbst wenn die vergiftete Atmosphäre bereits wieder ver- lassen worden ist.

Bei Konzentrationen von 2 bis 4 mp/m 3 oder bei mehr- minutigem Aufenthalt in einer geringeren Konzentration leiden die Betroffenen unter heftigem Husten und starkem Würgen im Hals. Sind größere Mengen des Kampfstoffes in den Rachenraum gedrungen, so treten keuchhusten-

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ähnliche Anfälle auf. Bei diesen Konzentrationen können auch starke Zahnschmerzen entstehen. Eigenartig für Vergiftungen mit Nasen-Rachenreizstoffen ist das perio- dische Auf- und Abschwellen der Reizerscheinungen nach Verlassen der vergifteten Atmosphäre. Selbst bei Auf- nahme geringer Mengen kann der Rachenreiz bis zu 1 h andauern. Das brennende Gefühl im Nasen-Rachenraum führt nicht selten zu Angstzuständen, die durch schmerz- hafte Atemnot und starke Druckgefühle hinter dem Brustbein verstärkt werden. Bei Konzentrationen über 1 p/m 3 kann die Lunge lebensgefährlich verletzt werden. Lungenschäden wurden im 1. Weltkrieg jedoch nur selten beobachtet, da der starke Reiz, der meist mit Erbrechen verbunden ist, zum Verlassen der vergifteten Atmosphäre zwingt. Starke Konzentrationen des Stoffes in der Luft erzeugen neben Tränenfluß zuweilen auch Hornhautschäden in den Augen. Auf der Haut können bei hohen Konzentrationen sowie durch Tropfen von Diphenylarsinchloridlösung Haut- rötungen und ekzemartige Schäden auftreten. Die Haut- schäden verschwinden im Gegensatz zu den Haut- verletzungen durch hautschädigende Kampfstoffe nach wesentlich kürzerer Zeit, ohne daß es zu gefährlichen Komplikationen kommt. Wird Diphenylarsinchlorid mit Getränken und Speisen auf- genommen, kommt es zu starken Magen- und Darmschmer- zen, die von Erbrechen und Durchfall begleitet sind. Im allgemeinen können Rachenreizstoffe unter feld- mäßigen Bedingungen keine tödlichen Verletzungen her- vorrufen. Gefürchtet waren im 1. Weltkrieg jedoch kom- binierte Einsätze mit Phosgen und anderen lungen- schädigenden Kampfstoffen, die meist hohe Verluste unter den beschossenen Truppen verursachten.

5.1.3 Anwendungsmöglichkeiten Unter modernen Bedingungen besitzt das Diphenylarsin- chlorid nur noch untergeordnete Bedeutung, da es heute wirksamere Kampfstoffe der Nasen-Rachenreizstoff- gruppe gibt, die einfacher herzustellen sind. Bereits gegen Kriegsende und besonders nach dem 1. Weltkrieg wurde die Kampfstoffproduktion der meisten kapitalistischen Länder auf Adamsit, den wirksamsten bisher bekannt- gewordenen Kampfstoff dieser Gruppe umgestellt. In den Kampfstoffarsenalen der faschistischen Armee wurden nach 1945 allerdings noch große Mengen Di- phenylarsinchlorid aufgefunden. Diese Kampfstoffbe- stände stammten zum Teil noch aus der Zeit kurz nach dem 1. Weltkrieg, zum Teil aber auch aus den Kriegsjahren, als Adamsit infolge fehlenden Diphenylamins (Rohstoff für die Herstellung von Adamsit) nur in relativ geringen Men- gen produziert werden konnte. Auch die Umsetzung zu dem wirksameren Diphenylarsinzyanid konnte wegen Natrium- zyanidmangel nur zum Teil durchgeführt werden.

5.2 Diphenylarsinzyanid

(C 6 H 5 ) 2 AsCN

Diphenylarsinzyanid wurde von der deutschen Armee gegen Kriegsende unter der Bezeichnung Clark II ein- gesetzt. Es ist wirksamer als Diphenylarsinchlorid, ins- besondere auch deshalb, weil seine Wirkung nachhaltiger und längerdauernder ist. Erstmalig wurde Diphenylarsinzyanid von Sturniolo und Bellinzoni dargestellt.

5.2.1 Physikalische und chemische Eigenschaften Reines Diphenylarsinzyanid besteht aus farblosen Kri- stallen mit einem schwachen Bittermandelgeruch. Der

Schmelzpunkt liegt bei 35 °C; der Stoff siedet unter Zer- setzungserscheinungen bei 377 °C. Bei vermindertem Druck (21 mm Hg-Säule) siedet er ohne Zersetzungs- erscheinungen bei 200 bis 201 °C. Bei 20 °C beträgt das spezifische Gewicht 1,45, der Dampfdruck 0,0002 mm Hg-Säule und die Sättigungs- konzentration 0,12 mp/m 3 . Das technische Produkt ist bräunlich gefärbt und riecht stark nach Bittermandeln. Diphenylarsinzyanid ist in Wasser nur wenig löslich, gut dagegen in Alkohol, Chloroform, Benzol, Äther und Ligroin. Wirkt Wasser auf Diphenylarsinzyanid, bildet sich Diphenylarsinoxyd und Blausäure:

2(C 6 H 5 ) 2 AsCN+

H 2 O

-> [(C 6 H 5 ) 2 As] 2 O + 2 HCN

Diese Reaktion ist die Ursache für den Blausäuregeruch des Stoffes. Die Hydrolyse verläuft jedoch langsamer als bei Diphenylarsinchlorid. Daraus ergibt sich, daß Di- phenylarsinzyanid gegenüber atmosphärischen Einflüssen beständiger ist als Diphenylarsinchlorid. Diese Eigen- schaft, die auch die Lagerbeständigkeit günstig beeinflußt, war zusammen mit der stärkeren Reizwirkung der Grund, weshalb im faschistischen Deutschland der Produktion des Diphenylarsinzyanids große Aufmerksamkeit gewid- met wurde. Starke Oxydationsmittel, zum Beispiel Salpetersäure, oxydieren Diphenylarsinzyanid zu Diphenylarsinsäure.

5.2.2 Physiologische Wirkungen Diphenylarsinzyanid ist der stärkste Rachenreizstoff, der im 1. Weltkrieg eingesetzt wurde. Die Reizschwelle liegt bei diesem Stoff bei 0,02 mp/m 3 . In einigen Veröffent- lichungen wird die Reizschwelle auch höher angegeben. Diese Unterschiede sind wahrscheinlich auf die unter-

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schiedlichen Beinheitsgrade der bei den Untersuchungen verwendeten Produkte zurückzuführen. Auch bei den arsenhaltigen Kampfstoffen spielen — ähnlich wie bei den Augenreizstoffen — individuelle Besonderheiten eine große Rolle. In den meisten Fällen tritt jedoch bei wiederholter Einwirkung von derartigen Reizaerosolen erhöhte Emp- findlichkeit auf. Die Erträglichkeitsgrenze liegt bei 1,0 mp/m 3 . Die hohe Wirksamkeit dieses Stoffes wird anschaulicher, wenn man bedenkt, daß bereits 0,002 mp bei einem Atemzug genügen, um den Betroffenen infolge unerträglicher Reizerregungen kampfunfähig zu machen. Die Reizerregung hält im Ver- gleich zum Diphenylarsinchlorid länger an. 1 bis 2 h nach Verlassen der vergifteten Atmosphäre hören die Reizerregungen wieder auf, ohne daß anhaltende Organschäden entstanden sind. Sofern Diphenylarsin- zyanid nicht mit anderen Kampfstoffen kombiniert eingesetzt wurde, waren bei seiner Anwendung im 1. Welt- krieg auch keine gefährlichen Lungenverletzungen fest- zustellen.

5.2.3 Anwendungsmöglichkeiten Das Diphenylarsinzyanid wurde im 1. Weltkrieg als Maskenbrecher eingesetzt. Es sollte den Gegner zwingen, die Schutzmasken abzunehmen, da sich bei überraschen- den Einsätzen und bei nicht dichtsitzenden Masken in den meisten Fällen starke Brechreize einstellten. Gleichzeitig mit den Nasen-Rachenreizstoffgranaten wurden Granaten mit Phosgenfüllung verschossen, die unter den schutz- losen Soldaten tödliche Vergiftungen hervorrufen sollten. Bei überraschenden Artilleriefeuerüberfällen und hohen Kampfstoffkonzentrationen wurde dieses Ziel oft erreicht. Die Artillerievorbereitung zur deutschen Sommeroffensive an der Somme im Jahre 1918 war auf der Wirkung eines

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solchen Buntkreuz-Beschusses*) aufgebaut und hatte, da günstiges Wetter war und die Artilleriedichte ausreichte, eine große Wirkung: sie verursachte starke Ausfälle bei den alliierten Truppen. Einige Male wurden von deutscher Seite Versuche mit Artilleriegranaten durchgeführt, die eine Lösung von Di- phenylarsinzyanid in Diphosgen enthielten. Derart kom- binierte Füllungen hatten jedoch keine ausreichende Wirkung. Wegen Herstellungsschwierigkeiten und der geringen Produktionskapazität für Diphenylarsinzyanid wurde in den letzten Monaten des 1. Weltkrieges dann nur noch eine Mischung von Diphenylarsinchlorid mit Diphenylarsinzyanid eingesetzt, die bei der unvollstän- digen Umsetzung in den Produktionsstätten anfiel. Im 2. Weltkrieg stellte das faschistische Deutschland im großen Umfang Diphenylarsinzyanid her. Nach alliierten Angaben sollen nach 1945 etwa 30 000 Mp aufgefunden worden sein. Es kann angenommen werden, daß Diphenylarsinzyanid nur noch eine untergeordnete Bedeutung besitzt, da Adamsit einfacher hergestellt werden kann und überdies bessere Lager- und Abfülleigenschaften hat.

5.3

Adamsit

bessere Lager- und Abfülleigenschaften hat. 5.3 Adamsit Dieser Stoff wurde während des 1. Weltkrieges sowohl in

Dieser Stoff wurde während des 1. Weltkrieges sowohl in Deutschland als auch in den USA hergestellt und auf seine Brauchbarkeit als chemischer Kampfstoff unter- sucht. In den USA war es der Chemiker Adams, der diesen

*) Unter Buntkreuz-Beschuß verstand man die kombinierte Anwendung von Nasen-Rachenreizstoffen mit Phosgen oder Diphosgen, so benannt nach der Munitionskennzeichnung (Blaukreuz für Nasen-Rachenreizstoff- granaten und Grünkreuz für Phosgen- oder Diphosgengranaten).

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Stoff herstellte und großtechnische Herstellungsverfahren ausarbeitete. Nach ihm wurde dieser Stoff als Adamsit bezeichnet. Chemisch gesehen ist diese Verbindung Phenarsazinchlorid. Adamsit gehört zu den stärksten bekanntgewordenen Reizstoffen und ähnelt in seiner Wirkung den Diphenylarsinhalogeniden. In der amerika- nischen Militärliteratur wird Adamsit auch als DM-Gas bezeichnet.

5.3.1 Physikalische und chemische Eigenschaften Reines Adamsit besteht aus gelben Kristallen mit einem Schmelzpunkt von 195 °C. Der Siedepunkt unter Normal- druck liegt bei 410 °C (berechnet aus der Dampfdruck- kurve). Bei dieser Temperatur treten bereits Zersetzungs- erscheinungen auf. Bei 20 °C ist das spezifische Gewicht des Stoffes 1,648, der Dampfdruck entspricht 2 * 10 -13 mm Hg-Säule, und die Sättigungskonzentration beträgt nur 0,02 mp/m 3 . Adamsit ist in Wasser unlöslich. In organischen Lösungs- mitteln wie Benzol, Xylol, Benzin und Tetrachlorkohlen- stoff löst es sich nur wenig. Auch in anderen organischen Lösungsmitteln ist die Löslichkeit verhältnismäßig gering. Gut löst es sich dagegen in Arsentrichlorid und in konzentrierter Schwefelsäure. Technisches Adamsit ist durch Verunreinigungen grün gefärbt. Es läßt sich gefahrlos handhaben und hat im festen, kompakten Zustand nur eine geringe Reizwirkung. Wird es erwärmt, verflüssigt es sich leicht und läßt sich in Behälter abfüllen. Diese Eigenschaften machen es zusammen mit der hohen Reizwirkung zum wichtigsten Reizstoff, der auch unter modernen Bedingungen noch von Bedeutung ist. Adamsit wird durch Wasser nur langsam hydrolysiert. Diese Umsetzung verläuft schneller, wenn auf den Stoff

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etwa 70%iger Alkohol einwirkt. Dabei bildet sich Phen- arsazinoxyd, das noch beträchtliche Reizwirkungen hat:

2HN(C 6 H 4 ) 2 AsCl + H 2 O -> [HN(C 6 H 4 ) 2 As] 2 O + 2 HC1

Das gleiche Oxyd bildet sich bei der Einwirkung alkali- scher Lösungen auf Adamsit. Mit starken Oxydationsmitteln, zum Beispiel Wasserstoff- superoxyd in saurer Lösung, wird Adamsit zu Phenarsa- zinsäure oxydiert. Dabei wird das Arsen von der drei- wertigen Stufe in die fünfwertige übergeführt.

HN (C <