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Straßenzeitung für Berlin & Brandenburg

1,50 EUR
davon 90 CT für
den_die Verkäufer_in
No. 13, Juli 2014
BRASILIANISCH
»Die Künstlergruppe
Artfabric« (Seite 3)
REBELLISCH
»Klassenkampf auf dem
Wohnungsmarkt« (Seite 6)
ALTERNATIV
»Camp an der Cuvry-
straße« (Seite 10)
DIE STADT
GEHÖRT UNS!
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 2 | INHALT
strassen|feger
Die soziale Straßenzeitung strassenfeger wird vom Verein mob – obdach-
lose machen mobil e.V. herausgegeben. Das Grundprinzip des strassenfeger
ist: Wir bieten Hilfe zur Selbsthilfe!
Der strassenfeger wird produziert von einem Team ehrenamtlicher
Autoren, die aus allen sozialen Schichten kommen. Der Verkauf des stras-
senfeger bietet obdachlosen, wohnungslosen und armen Menschen die
Möglichkeit zur selbstbestimmten Arbeit. Sie können selbst entschei-
den, wo und wann sie den strassenfeger anbieten. Die Verkäufer erhalten
einen Verkäuferausweis, der auf Verlangen vorzuzeigen ist.
Der Verein mob e.V. finanziert durch den Verkauf des strassenfeger
soziale Projekte wie die Notübernachtung und den sozialen Treffpunkt
»Kaffee Bankrot« in der Storkower Str. 139d.
Der Verein erhält keine staatliche Unterstützung.
Liebe Leser_innen,
diese Ausgabe trägt den bezeichnenden Titel: »Die Stadt gehört
uns«. Denn momentan brodelt es wieder in Berlin. Mittlerweile regt
sich Widerstand gegen die Wohnungspolitik, gegen die Flüchtlings-
politik, gegen die Vertreibung aus dem öffentlichen Raum. Insbe-
sondere die Flüchtlinge und deren Unterstützer machen Druck auf
die Politik, eine neue, anständige und menschliche Strategie im Um-
gang mit ihnen zu entwickeln. Obdachlose und Wohnungslose sind
da ein wenig ins Hintertreffen geraten. Es ist sehr schwierig für diese
Menschen, sich gemeinsam für ihre gerechte Sache einzusetzen und
durch gezielte Aktionen Zeichen Aufmerksamkeit für dieses bren-
nende soziale Problem in der deutschen Hauptstadt zu erzeugen.
Die Mieter_innen dieser Stadt sind da schon weiter, sie organisieren
Widerstand gegen die ständig steigenden Mieten, gegen Vertreibung
und fordern eine neue und nachhaltige Wohnungs- und Mietenpo-
litik vom Berliner Senat.
Unsere Autoren haben sich deshalb an die Brennpunkte der Stadt
begeben und mit Aktivisten, Machern, Soziologen gesprochen. Auf-
regend und anregend der Bericht über das Camp an der Cuvrystraße
(Seite 3). Dort haben sich obdachlose Menschen ein Stückchen
Berlin zurückerobert. Der Eigentümer der Brache lässt gerade die
Polizei prüfen, ob er die Bewohner dort räumen lassen kann. Ohne
heftigen Widerstand wird das wohl nicht abgehen. Ein tolles Projekt
fand gerade im Curvry-Camp statt: Die Künstlergruppe »Artfabric«
brachte ein Stücken São Paulo nach Berlin (Seite 10). Ein wichtiger
Film sorgt derzeit nicht nur in Deutschland für Furore: »Mietrebel-
len« dokumentiert gekonnt die Situation auf dem Wohnungsmarkt
und soll Mieter_innen ermuntern, für ihre Rechte zu kämpfen (Seite
6). Passend dazu gibt es ein Interview mit dem Stadtsoziologen An-
drej Holm zu dessen Buch »Reclaim Berlin« (Seite 18). Auch sehr
wichtig sind die sozialen Stadtführungen der GEBEWO (Seite 9)
oder das engagierte Plädoyer unseres Autors Jan Markowsky gegen
die Vertreibung aus dem öffentlichen Raum (Seite 13.). Zu denjeni-
gen, die von übereifrigen Bezirkspolitikern gerade auch gern vertrie-
ben werden, gehören die Straßenmusiker (Seite 14.)
In der Rubrik art strassenfeger rezensiert Urszula Usakowska-
Wolff die Ausstellung »Oskar Kokoschka: Humanist und Rebell«
im Kunstmuseum Wolfsburg (Seite 16). Auch in der Ausgabe: Ein
Interview mit einer wunderbaren Illustratorin über ihr faszinieren-
des Gartenbuch »Der goldene Grubber« Seite 24). Lassen Sie sich
überraschen! Ganz wichtig: die Berichte im Sporteil über die »In-
ternationalen Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften der Behin-
derten« (Seite 27) und die »Deutschen Straßenfußballmeisterschaft
der Wohnungslosen« in Karlsruhe.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leser_innen, wieder viel Spaß beim Lesen!
Andreas Düllick
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DIE STADT GEHÖRT UNS!
Besuch im Camp an der Cuvrystraße
Film »Mietrebellen« soll Mieter ermuntern
Soziale Stadtrundfahrt der GEBEWO
»Artfabric« bringt São Paulo nach Berlin
Keine Vertreibung aus dem öffentlichen Raum!
Straßenmusiker in Berlin
Fahrradfahrer wollen mehr Platz & Sicherheit
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TAUFRISCH & ANGESAGT
art strassenfeger
Ausstellung »Oskar Kokoschka: Humanist und
Rebell« im Kunstmuseum Wolfsburg
Brennpunkt
Andrej Holm »Reclaim Berlin«
»BAG Wohnungslosenhilfe« fordert nationale
Strategie zur Überwindung von Wohnungsnot
und Armut
strassenfeger radi o
Der digitale Bürger ist an seiner Überwachung
selbst schuld
Kul turti pps
skurril, famos und preiswert!
Aktuel l
Kat Menschik »Der goldene Grubber«
Sport
Internationale Deutsche Leichtathletik-
Meisterschafen der Behinderten
Deutsche Straßenfußballmeisterschaf
der Wohnungslosen
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AUS DER REDAKTION
Hartz I V-Ratgeber
Wichtige Urteile des Bundessozialgerichts (3)
Kol umne
Aus meiner Schnupfabakdose
Vorl etzte Sei te
Leserbriefe, Vorschau, Impressum
01
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 DIE STADT GEHÖRT UNS! | 3
»Ich hatte vom
normalen Leben
die Schnauze voll«
Ein erster Besuch im Camp an der Cuvrystraße
R E P OR TA G E : D e t l e f F l i s t e r | F OTOS : T h o ma s G r a b k a
A
nkunft und erste Eindrücke: Am spä-
ten Nachmittag kommen wir im Camp
in der Cuvrystraße an. Unsicher schaue
ich mich um. Ich habe irgendwie Angst
und bin unsicher, befürchte, dass es zu irgend-
welchen Übergriffen der Bewohner kommt. Das
Camp besteht aus einigen Häusern, die mühsam
aus Holz zusammen gehämmert wurden und die
nicht besonders stabil wirken. Der Platz ist sehr
sandig. Bei starkem Wind wird dieser Sand auf-
geweht und fliegt quer durch das Camp, für die
Bewohner ein großes Problem. Schön ist, dass
das Camp einen eigenen Zugang zur Spree hat.
Im Zentrum steht ein Tippi, es wird von einem an
Krücken laufenden Mann bewohnt. Das Camp
ist sehr international, Menschen aus der ganzen
Welt leben hier zusammen.
In den vorderen Häusern wohnen die Sinti
und Roma. Die Bedingungen, unter denen sie hier
leben müssen, sind extrem. Ganze Großfamilien
wohnen eng an eng in den Holzbüdchen. Die ein-
zelnen Familienmitglieder haben nicht wirklich
Platz für sich, um sich auch einmal zurückzuzie-
hen, allein zu sein und in Ruhe nachdenken zu
können. Auch die Campbewohner berichten über
die Probleme, die sie mit ihnen haben. Ein Mann
verteilt Spielzeug: Ein Plastikauto, mit dem man
fahren kann, und einen kleinen Roller. Der Junge
ist ziemlich frech und wird daher immer wieder
zurechtgewiesen. Ständig laufen bei unseren Un-
terhaltungen einige Sinti und Roma dazwischen
und betteln. Die Situation macht mich unsicher.
Ich weiß ob der vielen bettelnden Menschen
nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich erkläre ih-
nen etwas hilflos meine finanzielle Lage. Ich be-
komme eine kleine Rente/Grundsicherung. Aber
sie scheinen mich nicht zu verstehen, gehen mich
immer und immer wieder an. Ich fühle mich regel-
recht bedrängt und verängstigt.
Fl i py und Phi l pp
Nach einer Weile kommen wir im hinteren Teil
des Camps an. Wir erfahren von Flipy, dass Tho-
mas, der Mann, den wir als Kontaktperson
01-04 Alltagsleben im Curvry-Camp
05 Das Camp hat sogar eine eigene
Bibliothek!
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 4 | DIE STADT GEHÖRT UNS!
ausgesucht hatten, gestern Depressionen
hatte und nun verschwunden ist. Flipy hat das
Haus übernommen und es vorher auch ausge-
baut. Er ist ein lockerer, aufgeschlossener Mann,
der die Haare im Jamaika-Look trägt. Flipy be-
richtet mir, dass große Firmen wie die »Bayer
AG« dieses Gelände gekauft und wieder abgesto-
ßen hätten. Er erzählt, dass es hier sehr schwer
sei, sich ein Haus zu bauen und diese manchmal
einsacken, weil hier ein Keller oder ein Nazibun-
ker unter dem Gelände sei.
Flipy verrät mir, dass er zeitweise in Miet-
wohnungen gelebt hat und sein Geld mit
Schwarzarbeit verdient habe. Als die Arbeit
dann aber weg war, häufte er schnell Mietschul-
den an und musste raus aus seiner Wohnung.
»Ich hatte vom normalen Leben schließlich ir-
gendwann die Schnauze voll«, sagt Flipy mir.
»Ich suchte eine neue Art zu leben und landete
schließlich hier im Camp!« Später erzählt er,
dass viele Medien sie hier schon besucht haben:
»Spiegel«, »Stern«, »Berliner Zeitung«, »B. Z.«
und auch Fernsehsender wie PRO 7 und SAT 1.
Die Berichterstattung sei aber bis auf den »Spie-
gel« immer negativ gewesen.
Während wir uns unterhalten kommt ein
schwarzhaariger Mann angelaufen und berich-
tet über einen farbigen Mitbewohner, der immer
wieder Streit anfängt und sich mit niemandem
versteht. Das bringe ganz schön Unruhe ins
Camp. Überhaupt: Es gäbe auch schon mal Prü-
geleien und soziale Konflikte, die das Zusam-
menleben erheblich erschweren. Während ich
weiter Gespräche mit den Bewohnern des Camps führe, beob-
achte ich eine Aufräum- und Säuberungsaktion. Eine Couch
wird durch das Camp getragen und auch Müll beseitigt. Die
Müllbeseitigung ist in diesem Camp ein extremes Problem.
Überall liegt er herum und stinkt vor sich hin. Aber wie diese
Aktion hier zeigt, gibt es ernsthafte Bemühungen, dieses Pro-
blems Herr zu werden.
Dann treffe ich Philipp. »Mein Leben war schwierig
und total stressig«, berichtet er mir. »Ich bin seit Dezember
2013 hier. Man hat hier viele Freiheiten und lernt interessante
Leute kennen, hat dadurch das Gefühl, nicht alleine zu stehen
mit seinen Problemen. Trotz Unruhe und Zoff sind wir hier
irgendwie wie eine eine große Familie, die, wenn es darauf
ankommt, zusammenhält!« Auch ihn hat der Alltagsstress
aus dem normalen Leben getrieben und ihn nach Alternati-
ven suchen lassen.Philipp erzählt mir, dass auch Touristen
hierherkommen, die mit den Bewohnern grillen, quatschen
und Party machen. Aber es gibt auch immer wieder Schwie-
rigkeiten. »Kurz nachdem wir das Camp aufgebaut hatten«,
berichet Philipp, »wollten sie es räumen! Es gab Demos und
Protestaktionen, und wir erhielten auch Unterstützung von
der Bevölkerung. Dabei bekamen wir auch Kontakt zum
strassenfeger!« Er erzählt dann auch über die Begegnungen
mit der Berliner Polizei. Sie sei übergriffig und gewalttätig und
gehe zu brutal zur Sache, meint Philipp.
Ei ne Bi bl i othek & Begegnung
mi t Russen & j ede Menge Düfte
Auf dem Rückweg gehen wir in die Bibliothek des Camps.
Thomas, unser Fotograf, spricht mit einer Frau aus Hessen
und einigen Russen, die Karten spielen. Ich ziehe mich et-
was zurück und höre zu, bekomme aber zu den Menschen
02 03
04 05
08
09
06 Wenigstens ein Dach über dem
Kopf!
07 Domizil mit Spreeblick
08 Kleine Heimat
09 Ordnung muss sein
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keinen Kontakt, weil sie mir unnahbar erscheinen. Man er-
zählt uns, dass die Bibliothek vor einigen Jahren von einem
Südafrikaner gespendet wurde, der auch das Haus dafür ge-
baut habe. Die Bibliothek selbst ist ziemlich unaufgeräumt
und jede Menge Krempel liegt auf dem Boden. Es riecht
auch unangenehm: Eine Glocke von allen möglichen, teils
undefinierbaren Düften, schwebt durch den Raum. Auch
Alkohol ist dabei, irgendein billiger Rotwein, und Ha-
schisch. Ich bekomme ein leicht flaues Gefühl im Magen.
Schnell verschwinde ich an die frische Luft.
Zum Schluss treffen wir noch Sascha und David. Merk-
würdigerweise kochen beide getrennt, obwohl sie in einem
Haus leben: Einer bereitet Suppe zu und der andere Spa-
ghetti. Beide wirken sehr scheu, wollen sich eigentlich nicht
fotografieren lassen. Sie sind aber offen, aufgeschlossen und
freundlich, wie die große Mehrheit der Campbewohner. Da-
für bin ich besonders dankbar, ich hatte eher mit Ablehnung
und Unfreundlichkeit gerechnet hatte. Schließlich gibt es
auch noch Fotos: Sascha und David stellen sich so hin, dass
sie kaum zu erkennen sind. Danach sind zwei aufregende
Stunden im Camp vorbei, die Zeit ist wie im Flug vergan-
gen. Es war anregend und irgendwie ungewöhnlich. Ich be-
schließe, wiederzukommen.
06
07
01 Filmplakat (Quelle: htp://mietrebellen.de)
02 Der Filmregisseur Mathias Coers
(Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)
03 Demonstration gegen Zwangsräu-
mungen (Quelle: htp://mietrebellen.de)
04 Fanny-Hensel-Kiez
(Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)
05 Auch die Anwohner des Kotbusser
Tors gehen für ihre Rechte auf die
Straße! (Quelle: Koti & Co)
06 Abriss & Neubau an der Belforter
Straße in Prenzlauer Berg
(Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)
07 Auch die Bewohner des Hauses
Schlesische Straße 25 leiden unter
Sanierungsdruck!
(Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)
01
02
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 6 | DIE STADT GEHÖRT UNS!
»Es herrscht Klassenkampf
auf dem Wohnungsmarkt«
Der Film »Mietrebellen« soll Mieter ermuntern, für ihre Rechte zu kämpfen
I NT E R V I E W: A n d r e a s D ü l l i c k
B
erlin hat sich in den vergangenen Jahren rasant
verändert. Wohnungen, die lange als unattraktiv
galten, werden von Investoren als sichere Geldan-
lagen genutzt. Massenhafte Umwandlungen in Ei-
gentumswohnungen und Mietsteigerungen in bis-
her unbekanntem Ausmaß werden alltäglich. Die sichtbaren
Mieterproteste in der schillernden Metropole Berlin sind eine
Reaktion auf die zunehmend mangelhafte Versorgung mit be-
zahlbarem Wohnraum. Die Filmemacher Gertrud Schulte Wes-
tenberg und Matthias Coers haben über diese Entwicklungen
eine Dokumentation gedreht. »Mietrebellen« ist ein Kaleidos-
kop der Mieterkämpfe in Berlin gegen die Verdrängung aus den
nachbarschaftlichen Lebenszusammenhängen. Eine Besetzung
des Berliner Rathauses, das Camp am Kottbusser Tor, der orga-
nisierte Widerstand gegen Zwangsräumungen und der Kampf
von Rentnern um ihre altersgerechten Wohnungen und eine
Freizeitstätte symbolisieren den neuen Aufbruch der urbanen
Protestbewegung. Andreas Düllick sprach für den strassenfe-
ger mit dem Regisseur Matthias Coers über »Mietrebellen«.
Andreas Düllick: Ansatz für Euren Film ist: »Es herrscht
Klassenkampf auf dem Wohnungsmarkt«…
Matthias Coers: Dieser Klassenkampf besteht eigentlich
darin, dass ungefähr neun von zehn Wohnimmobilien eh mit
Reichtum schon sehr gut versorgten Menschen oder hoch-
profitablen Immobiliengesellschaften gehören. Das heißt, die
Mieter zahlen denen die Miete. Das wäre vielleicht in Ord-
nung, wenn sich das wie folgt zusammensetzen würde: ein
Drittel für die Miete, ein Drittel für Instandhaltung, ein Drittel
für Betriebskosten und weitere Kosten. Das ist aber nicht so.
Jahrzehntelang wurden die Gelder vieler Mieter einkassiert,
aber die Besitzer haben nicht einmal den notwendigen Sanie-
rungsbedarf erledigt. Dann verfallen die Häuser und werden
verkauft. Die neuen Eigentümer modernisieren neuerdings
energetisch und können die Kosten auf die Mieter umlegen.
Die Mieter haben dafür quasi schon bezahlt, es wurde aber
nichts gemacht. Und jetzt fliegen diese aus den Wohnungen
raus mit dem Argument, das Haus ist ja runter, es muss auf
einen modernen Stand gebracht werden.
Wie hat sich die Situation generell verändert?
Soziologen sagen, seit gut zehn Jahren gibt es eine zuneh-
mende Verknappung von Wohnraum. Ein Grund
ist der massive Zuzug. Die Metropole Berlin ist
zwar nicht so schnell gewachsen wie nach dem
Hauptstadtbeschluss prophezeit – mit fünf Milli-
onen Einwohnern – aber die Bevölkerung wächst
spürbar. Darauf wurde politisch überhaupt nicht
reagiert. Ausbaden müssen es die individuellen
Mieter, die immer wieder denken, ich bin selber
Schuld. Dieses Gefühl des Versagens zu über-
winden ist übrigens ein starkes Motiv für unseren
Film, der den Menschen Mut machen soll. Wir
haben bei der Recherche und beim Dreh in ver-
schiedenen Häusern oder bei den Kontakten mit
den Kiezinitiativen erfahren, dass die Menschen
mittlerweile schon sehr aktiv sind. Entweder sind
sie von ihrer psychischen Konstitution sehr stark
oder sie sind sehr politisch und denken, man
muss da jetzt handeln. Andere Leute haben die
Perspektive: Ich muss mich jetzt mal ein Jahr lang
um meine Mietwohnung kümmern. Aber das ist
letztlich so eine Belastung, dass sie das oft gar
nicht schaffen. Leute, die es sich gerade leisten
können, ziehen dann oft aus. Oder sie lassen sich
für einen kleinen Betrag aus der Wohnung raus-
kaufen, ohne die Folgen zu bedenken.
Wer ist für Dich ein Mietrebell und warum?
Dahinter steckt der Sozialrebell, eine Art
moderner Robin Hood. Menschen, die sich quasi
gegen das geltende Recht stellen und scheinbar
Unrecht begehen, aber um Gerechtigkeit her-
zustellen. Ein Beispiel: Mietrebellen sind für
mich die Rentner_innen der Palisadenstraße in
Friedrichshain. Die haben im geförderten sozi-
alen Wohnungsbau gewohnt. Die Häuser wur-
den Anfang der 90er Jahre gebaut. Altengerecht,
behindertengerecht, ganz wunderbar für diese
Leute zugeschnitten. Die Mieten waren schon
nicht billig, lagen mit sechs Euro netto kalt schon
über dem Berliner Durchschnitt. Und die sollten,
weil die Förderung wegfiel und der Eigentümer
die komplette Kostenmiete umlegen wollte, auf
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strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 DIE STADT GEHÖRT UNS! | 7
einen Schlag auf zwölf Euro steigen. Da haben
sie sich zusammengetan und erst mal eine Ver-
sammlung gemacht, um zu sehen, wer eigentlich
der Nachbar ist. Dann haben sie sich an den Be-
zirksbürgermeister und die verschiedensten poli-
tischen Stellen gewandt. Sie haben vom Eigentü-
mer gefordert, dass er die Miete nicht erhöht. Das
sind Menschen, die sind 80, 85 Jahre alt! Und die
sagen: Wenn wir das nicht machen, fliegen wir
hier raus. Sie haben völlig richtig gehandelt. Sie
haben politischen Druck erzeugt, haben Initiativ-
arbeit gemacht, haben sich mit Mietern anderer
Häuser in der Stadt zusammengeschlossen. So
konnten sie dann die Mietsteigerung eindämmen.
Die Miete ist nur um 1,60 Euro gestiegen. Das ist
immer noch sehr viel, sie zahlen jetzt 7,60 Euro
kalt. Aber das ist besser, als dort ausziehen zu
müssen oder rausgeworfen zu werden. Das sind
eigentlich Menschen, die nicht so viel Kraft ha-
ben, Leute, bei denen man denkt, denen musst du
jetzt mal deinen Arm geben und sie stützen. Aber
das sind Rebellen auf ihre Art!
Selbst »Normalbürger« werden momentan
hinausgedrängt, weil sie sich die energetische
Modernisierung nicht leisten können oder weil
ihre Mietwohnungen in Eigentumswohnungen
umgewandelt werden sollen…
Das ist sicherlich einer der wesentlichen
Punkte. Das ist nicht nur eine Frage der Gesell-
schaftsschicht, Unterschicht, Mittelschicht usw.
Ein extremes Beispiel aus der Mittelschicht:
Zwei Bekannte von mir sind beide Lehrer. Ihre
Wohnung wird verkauft, dann umgewandelt in
eine Eigentumswohnung. Sie könnten sie sogar
kaufen. Aber sie gehen auf die 60 zu und die
Wohnung ist so teuer, dass sie die nicht einfach
so mal aus der Portokasse bezahlen können.
Hohe finanzierbare Kredite zu bekommen, ist
auch für sie nicht einfach.
Dazu tragen aber auch die enormen Zuzüge bei?
Dieses Phänomen gibt’s natürlich auch. Da
kommen junge Menschen aus Deutschland und
der ganzen Welt und wollen hier berechtigter-
weise studieren. Wenn man sie fragt, habt ihr
denn schon ein Zimmer gefunden, antworten
sie: Super Zimmer, war ganz einfach. Boxhage-
ner Platz, 15 qm für 700 Euro mit Blick auf den
Platz. In Bezug auf die Wohnkosten in ihren Hei-
matländern wie Australien oder Schweden ist
das dann noch ganz moderat. Oder manche El-
tern kaufen einfach eine Wohnung. Das bedeutet
natürlich ein Riesenproblem für die alteingeses-
senen Bewohner und für die Menschen, die nicht
so gute finanzielle Möglichkeiten haben.
Eine Stadtsoziologin sagt: »Nicht das persön-
liche Versagen, sondern der kapitalistische
Verwertungsdruck ist für den drohenden Woh-
nungsverlust verantwortlich.«…
Das persönliche Versagen ist auf gar keinen
Fall schuld, weil wir in einer Leistungsgesellschaft
leben. Da wird überhaupt nicht nach den Fähig-
keiten und dem Talent der Leute gefragt, sondern
alle werden über einen Kamm geschoren. Und
wenn man ökonomisch nicht klarkommt, ist man
quasi ein Verlierer. Dazu kommt: Aus was für einer
Familie kommt man, was hat man für Möglichkei-
ten? Das ist natürlich absolut entscheidend und
das merkt man auch auf dem Wohnungsmarkt.
Ihr wollt mit Eurem Film ermuntern, wollt
Leute motivieren, ein bisschen Mut machen.
Wie habt Ihr das hingekriegt?
Wir haben versucht, mit einem verstehen-
den Blick den Menschen zu begegnen. Wir waren
in Spandau, wo die Mieter unglücklich darüber
sind, dass so viele Hartz IV-Empfänger zuziehen.
Auch viele Menschen, die eigentlich gar nicht
da wohnen wollen, die aber aus der Innenstadt
verdrängt werden. Dadurch bringen sie die ge-
wachsene Sozialstruktur durcheinander. Trotz-
dem helfen sich die Leute. Oder nehmen wir das
Wohnungslosenmilieu, das ist ja nicht gerade
friedfertig. Trotzdem helfen sich die verarmten
Menschen dort gegenseitig. Dort ist die Not sehr
groß und die Konkurrenz oft noch größer. Aber
auch da, auf der gezeigten Brache, haben die
Menschen ein ganz starkes Bewusstsein für das
Wohnproblem und sich total klug geäußert. Man
fragt sich manchmal, warum sitzen die nicht im
Parlament? Da sieht man dann, wie wichtig es ist,
mit seinen Nächsten und Nachbarn zu kommuni-
zieren, am besten sich sogar zu organisieren.
Wir waren auch in der Stillen Straße. Dort
geht es nicht um Mietwohnungen. Die Senioren-
Freizeitstätte sollte verkauft werden, um Kosten
zu sparen für den Bezirk. Dazu kommt, das ist
ein Filetgrundstück, das kann man wunderbar
veräußern. Da haben sich viele Menschen solida-
risiert und selbstlos gesagt: Ich kämpfe nicht nur
um meine Sache, sondern auch für die anderen.
Man sieht es auch am Kottbusser Tor: Da leben
Menschen, die zahlen unterschiedliche Miethö-
hen. Und trotzdem stützen die sich gegenseitig.
Wir haben im Film versucht, unsere positiven
Erfahrungen mit den Mietern, die aktiv werden,
und mit der nachbarschaftlichen Solidarität
wiederzugeben. Der Film soll die Unterschied-
lichkeit der Proteste und Solidarisierungen an
verschiedenen Orten der Stadt erfassen und da-
durch auch so eine Art Überblick schaffen. Der
Film ist sicherlich nicht objektiv, der ist bewusst
subjektiv und hat auch eine Tendenz. Investoren
und Immobilienvertreter kommen nicht vor, es
gibt keine Experten. Die Mieter sprechen für sich
selbst. Aus ihrem eigenen Bewusstsein, mit ihren
eigenen Fragen, Fähigkeiten und ihrer Wut.
Ihr zeigt eine veränderte Sichtweise auf die so-
zialen Probleme von Betroffenen…
Im Prozess des Wohnens, der nachbar-
schaftlichen Bezugnahme geht es wirklich um
Repolitisierung. Menschen werden zu Experten.
Allein wenn man die Abgeordnetenhaus-
I NFO
› http://mietrebellen.de
Aufführungen mit Filmemachern und Aktivisten:
3. Juli 2014, 20.30 in der Villa Neukölln
9. Juli 2014, 19.00 im Moviemento / Kreuzberg
10. Juli 2014, 19.00 im Lichtblick / Prenzlauer-Berg
11. Juli 2014, 20.00 im b-ware!-Ladenkino / Friedrichshain
23. Juli 2014, 20.00 im Moviemento /Kreuzberg
24. Juli 2014, 20.00 im Zukunft / Friedrichshain
25. Juli 2014, 20.00 im b-ware!-Ladenkino / Friedrichshain
26. Juli 2014, 20.00 im Lichtblick / Prenzlauer-Berg
7. August 2014, ab 20.00 Open-Air Leopoldplatz / Wedding
06 07
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 8 | DIE STADT GEHÖRT UNS!
versammlung zum Wohnen anschaut, die die Mieter
organisiert haben, da waren 200 Mieter. Da konnte man mit
allen Leuten reden. Andererseits gibt es aber auch Menschen,
die gar keine Stimme haben, und es gibt oft auch keinen öf-
fentlichen Ort, an dem man sich dazu artikulieren kann.
Die Mieter haben das in dieser Zeit, die wir dokumentiert
haben, zunehmend gemacht. Auf jeden Fall zeigt sich eine
Bewusstwerdung. Es gibt auch eine Art Radikalisierung, ein
Empowerment. Hier in der Lausitzer Straße waren bei der
zweiten Zwangsräumung über tausend Menschen. Vielleicht
die Hälfte kam aus der direkten Nachbarschaft. Die Herkunft
der Familie (Türkei) spielte gar keine Rolle. Die Mieter hat-
ten verstanden: Wenn wir uns jetzt nicht zur Wehr setzen,
dann ist diese Familie verloren. Und wir sind die nächsten,
die ihre Wohnung verlieren.
Neben »Mietrebellen« gibt es auch den Begriff »Mietnoma-
den«. Wie geht Ihr damit um?
Wir haben den Begriff »Mietrebellen« durchaus gegen
den Begriff »Mietnomaden« gesetzt. Für den Film habe ich
darüber mit verschiedenen Leuten gesprochen, z. B. von der
»Berliner MieterGemeinschaft«, und einiges gelesen. Die Uni-
versität Bielefeld hat eine Studie dazu gemacht und herausge-
funden, dass es pro Jahr bundesweit nur rund 300 Fälle gibt,
die man als »Mietnomadentum« bezeichnen kann. Das ist im
Verhältnis zu allen Mietverhältnissen verschwindend gering.
Der Begriff ist aber in der Presse angekommen, und da sieht
man, welche Macht die Immobilienwirtschaft hat. Der Begriff
ist zwiespältig. Denn, wenn man sagt, man geht von einem
Vertragsverhältnis gleichberechtigter Vertragspartner aus,
dürfte die Immobilienwirtschaft gar kein Interesse haben,
ihre Vertragspartner, die Mieter, schlecht zu machen. Aber mit
diesem Begriff »Mietnomaden« wurde quasi in alle Köpfe ge-
setzt: Potenziell sind Mieter Menschen zweiter Klasse. Wenn
man so wie ich aus Westdeutschland kommt, vom Land, weiß
man, dass früher gesagt wurde: »Auf dem Spielplatz dahinten
spielen die Mieterkinder.« Für Berlin und die Großstädte ist
das natürlich ein Witz, weil hier 85 Prozent der Menschen
zur Miete wohnen. Hier fährt die Professorin Straßenbahn,
genauso wie sie zur Miete wohnt. Der Begriff »Mietnomaden«
ist despektierlich, wird aber immer wieder von den Medien
aufgegriffen. Anhand der Zahlen kann man sich gut vorstel-
len, dass der bewusst installiert worden ist. Das ist eigentlich
ein unsozialer Abwertungsbegriff.
Welche Forderungen habt Ihr an die Politik?
Wenn man Filme macht, kann man natürlich einen po-
litischen Film machen, man fordert aber nicht unbedingt.
Es geht eher um Sichtbarmachung, um Aufklärung, nicht
um Forderungen. In meinem Fall, als Mensch, der es rich-
tig findet, zur Miete zu wohnen, sind mir bezahlbare Mieten
und eine behutsame Stadtentwicklung wichtig. Meine kon-
kreten Forderungen an die Politik sind: Neben Milieuschutz
und vielen notwendigen Regelungen die Fehler des Verkaufs
des öffentlichen Wohnungsbestandes rückgängig zu machen,
auch gegen die neoliberale Ideologie sozusagen. Die Politik
hat Gestaltungsspielraum. Das Land besitzt eigene Grundstü-
cke in der Stadt. Das Land kann günstige Kredite bekommen,
und das Land soll selber bauen. Quasi Wohnen als soziale
Infrastruktur schaffen. Und das auch massenhaft und nicht
nur ein paar kleine Häuser. Oder nehmen wir die Debatte
zum Tempelhofer Feld. Dort sollten knapp 5 000 Wohnungen
gebaut werden. Davon wären 4 000 sowieso nur für Leute,
die über 8,50 Euro bezahlen können. Die wenigen restlichen
wären nur zehn Jahre preisgebunden und danach auch unbe-
zahlbar. Das heißt: Es muss ein relevant günstiger Wohnraum
geschaffen werden, der die Wohnkosten senkt. Neben dem
Schutz der Bestandsmieter und der Regulierung der Neuver-
mietungsmieten ist das der entscheidende Punkt.
Wie geht es weiter bei euch?
Wir arbeiten weiter am Thema. Aber wir werden wohl
nicht »Mietrebellen 2« machen, »Mietrebellen 1« ist schließlich
schon mal ein Statement. Im Moment wird der Film intensiv
diskutiert, Berlin- und bundesweit, und ebenso internatio-
nal aufgenommen. Auch in Ländern, wo sonst gedacht wird,
Deutschland ist vollkommen problemfrei, ist das »reiche Land«.
Die internationale Wahrnehmung ist, auch hier gibt es Wider-
sprüche, und hier sind ebenfalls Menschen, die sich sozial enga-
gieren und sich politisch artikulieren. Das freut uns sehr.
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 DIE STADT GEHÖRT UNS! | 9
»In keiner Straße war die
soziale Kluft so groß«
Die soziale Stadtrundfahrt der GEBEWO
B E R I C H T: D e t l e f F l i s t e r
E
s gibt viele soziale Brennpunkte in unserer Stadt.
Punkte, an denen sich soziale Armut zeigt. Die Fried-
richstraße ist ein Beispiel für einen solchen Brenn-
punkt »In keiner Straße geht die soziale Schere
zwischen reich und arm so weit auseinander, wie in der
Friedrichstraße«, erzählt Harald Steinhausen, einer der bei-
den Stadtführer der sozialen Stadtrundfahrt der GEBEWO.
Das Thema der sozialen Stadtrundfahrt, an der ich teilnahm,
lautete: »Soziale Veränderungen der Gesellschaft im Berliner
Osten«. Klaus Seilwinder, er war von 2002 – 2011 in Berlin
obdachlos, und Harald Steinhausen – er studierte Politikwis-
senschaften, seit 2011 ist er Stadtführer für Regierungsbe-
sucher der Stadt – führten uns an die sozialen Brennpunkte
Berlins.
Kl aus Sei l wi nder wei ß genau,
wovon er spri cht!
Besonders beeindruckt hat mich Klaus Seilwinder: Er zeigte
uns die Plätze, an denen er als Obdachloser gelebt und geschla-
fen hat. Ich kann hier nur einen Teil des Erlebten erzählen. Die
Tour startete an der Leipziger Str./Ecke Friedrichstraße. Hier
hatte Klaus sein zweites Nachtquartier gefunden, nachdem
er den Tiergarten nach einigen brutalen Überfällen verlassen
hatte. Das neue Hotel stand damals noch nicht. Stattdessen
befand sich dort eine zweite Baumreihe. In den Hecken baute
er sich einen Bunker. Dort versteckte er, während er auf Tour
war, seine gesamte Habe. Die bestand aus Schlafsack und Er-
satzkleidung. An dieser Ecke war schon immer viel Betrieb.
Trotzdem wurde er nie bestohlen. Die Leute trauten sich ein-
fach nicht, etwas von seinen Sachen wegzunehmen.
Seinen Schlafplatz hatte Klaus auf einem typischen DDR-
Spielplatz auf einem Klettergerüst, das mit einem Holzdach
geschützt war und bei dem alle Seiten geschlossen waren. Nur
der Weg zur Treppe nach oben war offen. So war er bei Wind
und Wetter geschützt und hatte oben einen ziemlich sicheren
Schlafplatz. Wenn in den gegenüberliegenden Häusern das
Licht anging, packte er sein Zeug und verschwand. »Ich hatte
Angst und Scham und wollte nicht entdeckt werden«, berich-
tet Klaus. Einmal habe er verschlafen. Plötzlich habe ein Mäd-
chen vor ihm gestanden und gefragt: »Schläfst Du hier?« Er
habe das bestätigt. Das Mädchen habe dann gefragt: »Du hast
doch bestimmt noch nicht gefrühstückt?« Er habe auch das
bejaht. Nach einer Weile sei das Mädchen mit einer Thermo-
skanne Kaffee, einem Brötchen und Kuchen wieder zurück-
gekommen. »Später hat sie mich ihren Eltern vorgestellt. Es
entstand eine Patenschaft«, erzählt Klaus. Sonntags sei er oft
zum Essen eingeladen worden, er habe praktisch zur Familie
gehört. Das Mädchen, so Klaus, habe inzwischen Abitur und
der Kontakt bestehe noch heute.
Dann ging es weiter zum Hackeschen Markt. Dort ver-
diente Klaus sich ein wenig Geld. In der Nähe des Haus-
vogteiplatz zeigte er uns dann eine Parkuhr. In der habe er
Geldbeträge zwischen Cent und sechs Euro gefunden. Auch
U-Bahnhöfe sind nützlich, betonte Klaus. Im Winter könne
man sich dort aufwärmen und ausruhen. Klaus erzählte uns
auch, wie wichtig Mülleimer für Obdachlose sind. Darin gebe
es Pfandflaschen, mit denen man seinen Lebensunterhalt
bestreiten könne. Extrem wichtig seien Wasch- und Dusch-
gelegenheiten für Obdachlose, verriet uns Klaus noch. Sein
Geheimtipp war die Staatsbibliothek am Potsdamer Platz, die
öffentlichen Toiletten am Achteck Leipziger Straße und die
Suppenküche in der Wollankstraße. Die habe nebenbei auch
noch eine hervorragende Kleiderkammer, so Klaus.
»Haus Grabbeal l ee« und das
Obdachl osenwohnhei m »Di e Pal me«
Danach führten uns Klaus und Harald in das »Haus Grabbe-
allee«, eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe. Wir erfuh-
ren von unseren kundigen sozialen Stadtführern, dass dort 24
Männer leben, die von vier Betreuern unterstützt werden. Das
Prinzip sei »Hilfe zur Selbsthilfe«. Die Betreuer erwarteten Ei-
geninitiative. Nichtmitwirkung sei ein Kündigungsgrund. Bis
zu 1,5 Jahre könnten sich Klienten dort aufhalten. Zum Ab-
schluss brachten uns Klaus und Harald zum 1887 eröffnete
Obdachlosenwohnheim Prenzlauer Berg in der Fröbelstraße.
5 000 Plätze gab es im berühmt-berüchtigten, größten Ob-
dachlosenasyl »Die Palme«. Unfassbar! Das Heim sei meist
überfüllt gewesen, eine Trennung zwischen Männer, Frauen
und Jugendlichen habe es nicht gegeben, erzählte uns Harald.
Übergriffe des Personals und der Bewohner hätten zum ganz
»normalen« Alltag gehört. Auf dem Gelände habe sich auch
eine Polizeidienststelle befunden, die sozial auffällige Män-
ner in das Arbeitshaus in Rummelsburg gebracht habe. Das
sei damals dem Zuchthaus gleichgekommen. An dieser Stelle
befindet sich heute ein Krankenhaus. Nur eine Gedenktafel
erinnert heute an die schlimmen Zustände des damals wohl
schlimmsten sozialen Brennpunkts in der Stadt. Hier endete
unsere soziale Stadtrundfahrt mit der GEBEWO. Interessant
und spannend war es!
Sozialer Stadtführer: Klaus Seilwinder (Foto: Antje Görner/GEBEWO)
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 10 | DIE STADT GEHÖRT UNS!
01 Eric Marécal diskutiert mit Cuvry-Campbewoh-
ner über seine Kunst
02-03 Eric Marécal immer im Dialog
04 Fabi Futata dokumentiert die Aktionen der
Künstlergruppe »Artfabric«
05-07 Ein tolles Miteinander der Bewohner und der
Künstlergruppe »Artfabric«
Kunst und
Obdachlosigkeit
Die Künstlergruppe »Artfabric« bringt São Paulo
nach Berlin
B E R I C H T: A n n a G o me r | F OTOS : T h o ma s G r a b k a
D
as Global Village kennt seine Priori-
täten. Milliarden für König Fußball
und nichts für die Armen. Mitten in
der Wirtschaftskrise gönnt sich die
Welt eine Auszeit. Fest im Griff der offiziellen
Medien wandern die Blicke der deutschen Zu-
schauer in Richtung Brasilien und streifen dabei
nur widerwillig die Proteste der brasilianischen
Bevölkerung gegen unhaltbare Zustände von Ar-
mut, Staatsgewalt und Korruption. Die Künstler-
gruppe »Artfabric« ging den umgekehrten Weg
und kam jetzt aus ihrer Heimat São Paulo nach
Berlin. In ihrem aktuellen Projekt widmet sie sich
gezielt der Situation der Obdachlosen in der Welt.
Fabi Futata und Eric Maréchal folgen den Bewe-
gungen der Armen. Sie suchen Flüchtlinge und
Obdachlose in ihren Camps an den Rändern der
Metropolen von Argentinien über Mexico bis
China auf. Oder eben auch in der Cuvrystraße
in Berlin-Kreuzberg, wo unter dem Eindruck
der EU-Erweiterung Menschen vor allem aus
Osteuropa gestrandet sind. Die Bewohner dieser
etwas anderen Dörfer leben abgeschnitten und
ausgegrenzt von Social Media ohne Stimme und
Ausdruck für ihre Bedürfnisse. Das versuchen die
beiden Künstler zu ändern. Fabi Futata kommt
aus der sozial engagierten Fotografie und hat sich
in den letzten Jahren in vielen sozialen Projekten
mit Gentrifizierung und Vertreibung auseinan-
dergesetzt. Eric Maréchal kämpfte für die Akzep-
tanz der Street Art, die in immer mehr Ländern
verfolgt wird. So verbreitete er seit 2008 unter
dem Titel »Street Art without borders« Werke
von Street Artists auf seinen Reisen durch die
Welt, indem er sie an die Wände fremder Städte
anbrachte (pasten). Die beiden trafen sich in São
Paulo und gründeten »Artfabric«.
Fabi Futata und Eric Maréchal suchen nach neuen
Formen der Kommunikation und bringen diese
aus dem Virtuellen auf die Straße zurück. Soziales
Engagement besteht für sie darin, Obdachlosen
und Flüchtlingen in künstlerischer Zusammen-
arbeit und Gespräch eine Möglichkeit des Aus-
drucks zu geben und dadurch das Leben ohne
eigenen Raum nicht als endgültigen Mangel erfah-
ren zu lassen. Dabei bedienen sie sich der Sprache
der Street Art. Street Art war von Anfang an eine
Form der Kommunikation der Künstler miteinan-
der und mit der Gesellschaft. Sie begann in den
1980er Jahren, die Straße für die Bedürfnisse ih-
rer Bewohner zurückzuerobern, um der visuellen
Umweltverschmutzung, wie Éric es nennt, durch
die Werbung entgegenzuwirken. Die Monotonie
und Funktionalität der Städte sollte durch leben-
dige Fantasie durchbrochen, die Individualität
der Künstler_innen dem entindividualisierten
Gesicht der Städte aufgeprägt werden. Mehr
und mehr politische Inhalte, die die Lebenswelt
der Städtebewohner hinterfragten, kamen auf…
Daher entbehrt es nicht einer inneren Logik, dass
das Künstlerkollektiv auch für die Belange der an-
deren Stadt(rand)bewohner die Street Art wählte.
01
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 DIE STADT GEHÖRT UNS! | 11
Kunst und geschützter Raum, ein Innenraum mit
seinen Wänden scheinen schon immer miteinan-
der und mit dem menschlichen Dasein verbunden
gewesen zu sein. Die mythologischen Ursprünge
der Kunst verweisen auf die Unabdingbarkeit ei-
nes solchen Raums für die Entstehung der Kunst.
So zeichnet ein Mädchen die Silhouette des Ge-
liebten auf einer Höhlenwand nach und legt somit
beim antiken Philosophen Plinius den Ursprung
der Kunst fest. Und die ältesten bekannten Zeich-
nungen in der Höhle von Lascaux sind vermutlich
als Produkte sakraler Akte entstanden. Zurück
aus der mythischen Vorzeit, finden wir keine
frei zugänglichen Höhlen mehr, in welchen ein
jeder Kunst schaffen kann. Kunst wird durch
institutionelle Räume definiert. Sie wird gelehrt,
in Museen gezeigt, auf dem Markt verkauft und
vom Kritikapparat zur solchen erklärt. Außerhalb
gesellschaftlicher Definition und institutioneller
Repräsentation gibt es keine Kunst. Räume in der
Sesshaftigkeit und Verwaltbarkeit der Städte sind
kontrolliert und privatisiert. Die aus dem verwal-
teten Alltag Herausgefallenen fristen ihr Dasein
in der Unsichtbarkeit der Favelas, auf der Straße.
Dort ist kein Raum für Ästhetik und für Kunst-
schaffen. Doch auch dort richten sich Menschen
ein, abseits der Blicke der Mehrheitsgesellschaft.
Den Blick für diese Problematik durch ihre Arbeit
als Street Art-Fotograf einerseits und als sozial en-
gagierte Fotografin andererseits geschärft, haben
Eric und Fabi das Problem des Kunstschaffens als
menschliche Tätigkeit selbst, als Moment der In-
und Exklusion erkannt und zum Zentrum ihrer
Kunst gemacht.
Ausgehend von ihren ursprünglichen Interessen
hat sich »Artfabric« zu einem von weltweit über
vierhundert Künstlern getragenen einzigartigen
»Kunstgewebe« entwickelt. In den Jahren seines
Engagements für Street Art hat Eric sehr viele
Street Artists aus der ganzen Welt kennengelernt.
Dieses Netzwerk war die Voraussetzung für das
Projekt. Die Künstler liefern die Arbeiten, die
verfremdeten Porträts der Obdachlosen, ihre zu
Bildern kristallisierten Träume. Doch die eigent-
liche künstlerische Aktion wird von Eric und Fabi
selbst durchgeführt. Indem sie in die Obdachlo-
sen-Communities gehen und dort mit den Men-
schen über ihre Ideen und Geschichten sprechen,
schaffen sie nämlich eine neue Situation in der
alle Momente, die erste mitunter misstrauische
Begegnung, die langsame Akzeptanz von Seiten
der Obdachlosen und die Zusammenarbeit mit
ihnen, enthalten sind. Diese bildet die Voraus-
setzung für das Anbringen und Integrieren der
Kunstwerke in den Lebensraum der Menschen.
Den beiden Künstlern wird oft vorgeworfen, sie
würden sich nur um Zweitrangiges kümmern,
nach dem Motto: Erst das Fressen, dann die Mo-
ral! Doch so sehen sie das nicht. Das Bedürfnis
nach Kunst und Ästhetik ist ihrer Meinung nach
ein genuin menschliches und somit auch ein Men-
schenrecht, wie Fabi Futata betont. So führt ihre
Kunst zu einer Konfrontation mit den Repräsen-
tanten der Mehrheitsgesellschaft. In den Ausei-
nandersetzungen über ihr Verhältnis zur Kunst
stellt sich immer wieder heraus, dass diese selber
oft in Museen gehen, aber die Unzugänglichkeit
der Museen und Galerien für Obdachlose noch
nie ins Auge gefasst haben. Diese gehören eben
nicht zur Öffentlichkeit. Sie haben keinen Innen-
raum. Die Innenräume dieser Gesellschaft sind
für sie versperrt. Doch die Obdachlosengruppen,
mit denen »Artfabric« zusammenarbeitet, sind
schon so lange an bestimmten Orten, dass da be-
sondere Räume entstanden sind. Die Bewohner
dieser Niemandsräume und diese Räume selbst,
werden von »Artfabric« sichtbar gemacht.
»Artfabric« verkehrt das Außen und das Innen,
verflüssigt die starre Grenze zwischen den bei-
den Sphären. Sie weist durch das Anbrin-
02
04
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strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 12 | DIE STADT GEHÖRT UNS!
gen von Kunstwerken an die Außenwände darauf hin,
dass da Wände sind. Die Obdachlosigkeit ist wie die Mauer
menschengemacht, sie ist keine natürliche Grenze, sie ist eine
Ausgrenzung. Die Absicht der »Artfabric« ist, dass Geschich-
ten der Obdachlosen und ihre Bedürfnisse - auch die nach dem
ästhetischen Ausdruck - von der Gesellschaft gesehen werden.
Andererseits wird der offiziell fremde Raum von denen ange-
eignet, die dort leben.
Die Wände, die nach außen hin immer Mauern heißen, wer-
den so wieder zu Wänden, weil an ihnen, wie in bürgerli-
chen Wohnzimmern, jetzt selbst gewählte Bilder hängen,
die ihre eigene Geschichte erzählen - ein Hauch Privatheit in
der Depraviertheit ihrer Lebenssituation. Solange die Blicke
der deutschen Fußballfans nach Südamerika gerichtet sind,
sehen sie die Flüchtlingcamps in den eigenen Städten, wie
dem in der Cuvrystraße in Berlin, wo die beiden Künstler
jetzt arbeiten, vielleicht nicht. Doch die Bewohner des Camps
können jetzt mit »Artfabric« ihr provisorisches Heim mitge-
stalten. Die Kunstwerke bleiben, ziehen Blicke der Touristen
auf sich, die auch ihretwegen nach Berlin, diesem Mekka der
Street Art, kommen. Und vielleicht streifen diese Blicke auch
den Lebensraum derer, die dort leben.
Der Begriff ›Street Art‹ hat mit »Artfabric« eine neue Be-
deutung bekommen. Und die bleibt hoffentlich…
05
06 07
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 DIE STADT GEHÖRT UNS! | 13
My home is my castle!
Plädoyer gegen die Vertreibung aus dem öffentlichen Raum
B E R I C H T: J a n Ma r k o ws k y
R
ückblick aus aktuellem Anlass: Ich war einige Jahre
ohne festen Wohnsitz. In dieser Zeit musste ich
beim Landesamt für Bürger- und Ordnungsange-
legenheiten einen neuen Ausweis beantragen. Als
ich das Dokument in der Hand hielt, stand da als Adresse
»Berlin«. Ich hab das aufgegriffen und gesagt, ich wohne in
Berlin. In der Vorstellungsrunde eines Plenums habe ich dann
gesagt: »Ich habe die größte Wohnung von allen!« An diese
besondere Begebenheit habe ich mich erinnert, als in Buda-
pest das Ergebnis der Grundtvig-Partnerschaft »Partizipation
von Obdachlosen« diskutiert wurde. Die Berliner Delegation
hatte drei Forderungen für die Zukunft mitgebracht: Rechts-
anspruch auf Mitbestimmung der Wohnungslosen, Recht auf
Wohnen mit Privatsphäre und »my home is my castle«.
Vertrei bung Obdachl oser wegen
Obdachl osi gkei t
Stellen Sie sich einmal Folgendes vor: In ihre Wohnung dringt
ein Polizist ein und sagt Ihnen, Sie dürfen Ihre Wohnung nicht
betreten. Undenkbar? Ich erzähle Ihnen jetzt die Geschichte
von Sabine: Sie hat sich im kaufkräftigen Charlottenburg un-
beliebt gemacht. Sie schläft mit ihrem Freund auf der Straße,
im wortwörtlichen Sinn. Und sie geht in Charlottenburg ih-
rem Gewebe nach, sie schnorrt. Sabine ist suchtkrank und
muss ihr Leben auf der Straße und ihr Suchtmittel finanzie-
ren. Sie kann stundenlang mit gesenktem Kopf sitzen, ohne
ein Wort zu sagen. Als ich sie das letzte Mal traf, sagte sie
mir, irgendwelche offiziellen Menschen hätten ihr Platzver-
bot für Charlottenburg erteilt, also ein Hausverbot für ihre
Wohnung. Nach § 29 ASOG können Mitarbeiter der Ord-
nungsämter und Polizei vorübergehend gegenüber Personen
von einem Ort verweisen oder vorübergehend das Betreten
eines Ortes verbieten. Das Allgemeine Gesetz zum Schutz
der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in Berlin (ASOG)
nennt die Abwehr einer Gefahr als Voraussetzung für die
Maßnahme. Welche Gefahr vom öffentlichen Leben auf der
Straße ausgeht, erschließt sich mir nicht.
Ähnliches wurde im strassenfeger über Viola V. berichtet.
Viola hatte sich unter den Eisenbahnbrücken am Innsbrucker
Platz häuslich eingerichtet. Das für öffentliche Ordnung im Be-
zirk Tempelhof-Schöneberg zuständige Amt wollte sie da weg
haben und hat Kontakt mit ihr aufgenommen. Das brachte
nicht den gewünschten Erfolg. Da hat der Stadtrat sie räumen
lassen. Damit hat er kurzfristig einen vermeintlich unhaltba-
ren Zustand beendet und gleichzeitig ein größeres Problem
geschaffen. Mit dieser hemdsärmligen Aktion hat der Herr
Stadtrat nämlich das Misstrauen von Viola gegenüber Behör-
den ganz erheblich verfestigt. Misstrauen wirkt nachhaltig!
Es geht aus anders: Leopol dpl atz
Auf dem Leopoldplatz hat sich eine Szene mit Suchtkranken
und Wohnungslosen etabliert. Gleich um die Ecke ist eine
Ausgabestelle für Methadon und andere zugelassene Subs-
titutionsmittel. Die Menschen wurden allein gelassen. Dem-
entsprechend robust war auch der Umgang miteinander. Die
Anwohner fühlten sich gestört, und viele Menschen aus dem
Wedding mieden den Bereich. Angst vor den Männern wurde
genannt. Für die Anwohner lag die Lösung auf der Hand: Die
Störer müssen weg. Alkoholverbot auf dem Platz und dann
woandershin mit den Störern. Doch was wäre geschehen,
wenn den vermeintlichen Störern ihr Wohnzimmer wegge-
nommen würde? Die Probleme wären nicht gelöst, sondern
nur verlagert und verfestigt worden. Im Rahmen des Umbaus
des Leopoldplatzes wurde ein eigener Bereich für sie geschaf-
fen. Der liegt etwas abseits und ist mit einer Trockenmauer
umgeben. Aber es ist ihr Bereich, und sie fühlen sich für ihren
Bereich verantwortlich. Ein Streetworker unterstützt bei den
unvermeidlichen Problemen mit den Ämtern und sorgt so für
ein Stück Frieden bei den Menschen.
Amtsposse am Brandenburger Tor
Das Bezirksamt Mitte hat am 1. April beschlossen, kleinkünstle-
rische Darstellungen auf dem Pariser Platz nur zu dulden, wenn
dafür keine Spenden gesammelt werden. Der Bezirksstadtrat
für Ordnung Carsten Spallek (CDU) hat das mit Beschwer-
den und der historischen Bedeutung des Platzes begründet. Er
hat die Uniformen ausdrücklich genannt. Wie am Checkpoint
Charlie konnten sich Touristen mit Menschen in nicht mehr
aktuellen Uniformen fotografieren lassen. Eigentlich ein harm-
loser Spaß. Aber da ist die Würde des Ortes, und die ist in
einer weltoffenen Metropole wie Berlin allemal wichtiger als
der kleine Verdienst. Und da alles seine Ordnung haben muss,
sind die Straßenmusiker gleich mit betroffen. Die Kleinkünst-
ler müssen beim Amt eine Sondernutzung beantragen. Wer das
Geld für die Genehmigung nicht hat, wird ausgeschlossen.
Der Bezirk Mitte hat vielen armen Menschen und Stu-
denten aus Berlin, aus Deutschland und allen Teilen der Welt
eine Chance verbaut, sich vor einem größeren Publikum aus-
zuprobieren. Der Bezirk nimmt auch in Kauf, dass Talente
unentdeckt bleiben. Metropole sieht für mich anders aus!
Viola kämpfe engagiert um ihren Freiraum. Am Ende verlor sie diesen
ungleichen Kampf. (Foto: Juta H.)
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 14 | DIE STADT GEHÖRT UNS!
»Auf der Straße zu spielen
ist voll der Stress«
Wie man als Straßenmusiker in Berlin über die Runden kommt
R E P OR TA G E & F OTO: Ma x i mi l i a n No r r ma n n
E
in kleiner Schluck Bier, dann beginnt Ino
wieder dynamisch auf die Saiten seiner
Gitarre zu schlagen. Dabei wird er von
Hannes begleitet, der, eine Zigarette im
Mundwinkel, rhythmisch auf seinem Cachon
trommelt. Friderike aus Mecklenburg untermalt
das Ganze mit ihrer Querflöte. Menschenmassen
strömen ununterbrochen die Warschauer Straße
hinunter auf dem Weg zur East Side Gallery oder
der Oberbaumbrücke. Davon vollkommen un-
beeindruckt spielt die Band »Gartensalat« am
Rande des Stroms vor einer Unterführung laut
Musik. Nicht viele nehmen die drei jungen Leute,
die seit gut drei Jahren zusammen auf der Straße
Musik machen, in dem Trubel war.
»Gartensalat« – das sind Hannes, Ino und Fri-
derike. »Die Bahnunterführung bietet uns eine
gute Akustik und verstärkt unsere Musik hör-
bar in die Umgebung«, erzählen sie mir. Für
unsere kurze Unterhaltung haben sie ihr kos-
tenloses Konzert unter freiem Himmel kurz
unterbrochen. Ich erfahre, dass sie ihre Abende
mindestens alle zwei Wochen so zu verbringen
versuchen. Sie setzen sich frei nach Schnauze
irgendwo hin und beginnen dann einfach zu
spielen zu. Wegen Ausbildung, Freiwilligen-
dienst oder Praktikum sei es oft schwierig, sich
häufig zu treffen und zu musizieren. Umso mehr
freuen sie sich über jeden Zaungast, der kurz
stehen bleibt und ihnen eine Zeit lang zuhört
oder ihnen gar im Vorbeigehen etwas Kleingeld
in ihre schwarze Tasche wirft. Das Geldverdie-
nen beim Musizieren ist für sie nebensächlich,
im Vordergrund steht für die drei die Lust am
Musikmachen, bei dem der öffentliche Raum ih-
nen viele Möglichkeiten bietet. Deshalb haben
sie keinen festen Spielort. Sie spielen entweder
in der S-Bahn, an der Schönhauser Alle, in der
Eberswalderstraße oder in diversen Parks.
Einige hundert Meter weiter auf der Oberbaum-
brücke spielt die nächste Band. »Stray Mood«
das sind die beiden Berliner Simon und Burak.
Während die Niederlande gegen Australien das
erste Tor im Spiel erzielten und in den Bars an der
»East-Side-Gallery« stürmender Jubel ausbricht,
erklingen unter den Dachbögen der Brücke ge-
fühlvolle englische Songs. Simon singt und spielt
auf seiner Westerngitarre, während Burak die
Lieder mit seiner am Verstärker eingestöpselten
E-Gitarre begleitet. Schon während ihrer Studi-
enzeit seien sie als Straßenmusiker in Hannover
unterwegs gewesen, um sich etwas Geld zu ver-
dienen, erzählen sie mir. Simon, der vor seinem
Studium schon in Berlin lebte und nach vier Se-
mestern Fotografie hierher zurückzog, empfindet
es heute als deutlich schwieriger, Musik auf der
Straße zu machen. »Damals hatte man deutlich
weniger Probleme mit dem Ordnungsamt!«
Im Gegensatz zur Band »Gartensalat« würden
sie immer wieder vom Ordnungsamt verjagt.
Lapidare Begründung der Ordnungshüter: Das
Spielen mit einem Verstärker ist in Berlin ohne
Genehmigung nicht zulässig. »Stray Mood«
müssten beim Bezirksamt dafür eine entspre-
chende Genehmigung beantragen. Doch an
diese Genehmigung, sie kostet 65 Euro (!), zu
kommen, sei für sie nicht einfach, berichtet Si-
mon. Jeder kann auf der Straße Musik machen,
solange er nicht länger als eine Stunde an einem
festen Ort spielt. Simon und Burak erklären mir,
es stimme zwar, dass man in Berlin deutlich mehr
Möglichkeiten habe, sich auszuleben. Unbedingt
freier und toleranter gegenüber urbaner Kunst
und Musik sei die deutsche Metropole allerdings
nicht. Weil sie schon so oft vom Ordnungsamt
vertrieben worden sind, müssen sie sich ihre
Plätze mittlerweile genau aussuchen. Sie spielen
dort, wo sie am wenigsten Ärger zu befürchten
haben. Leider müssen die beiden deshalb in Kauf
nehmen, von nicht so vielen Menschen wahr-
genommen zu werden. Unter den Türmen der
Oberbaumbrücke flanieren nicht so viele Touris-
ten wie anderswo. Dafür sind die meisten von
der traumhaften Akustik hier fasziniert.
Simon und Burak versuchen zurzeit mit ihrer
Straßenmusik ihren Lebensunterhalt zu finan-
zieren. Was sie pro Tag verdienen, wollen sie
lieber für sich behalten, reich werden kann man
davon allerdings nicht. Und wenn sie dann wie-
der mal kostenpflichtig vom Ordnungsamt ver-
trieben werden, bleibt am Ende nicht mehr viel
übrig. Übrigens: Viele Betreiber kleinerer Lo-
kale, unter anderem auf der Schönhauser Allee,
freuen sich über die Straßenmusiker vor ihren
Läden. Ich wünsche den beiden noch viel Erfolg
und mache ich mich auf den Heimweg. Schließ-
lich geht es schon fast auf Mitternacht zu. Für
die Berliner_innen, die Straßenmusiker – und
Künstler_innen und die zahllosen Touristen geht
das bunte Treiben im öffentlichen Raum weiter.
Berlin schläft nie!
Die Band »Gartensalat« spielen in ihrer Freizeit an der U-Warschauer Straße und an weiteren Orten in der Stadt
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 DIE STADT GEHÖRT UNS! | 15
K
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O
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»Steh doch einfach
früher auf!«
Fahrradfahrer wollen mehr Platz und Sicherheit
B E R I C H T: A n d r e a s P e t e r s
E
nde letzten Jahres führte die Senatsver-
waltung für Stadtentwicklung und Um-
welt unter radsicherheit.berlin.de eine
Online-Umfrage zur Sicherheit von Fahr-
radfahrern in Berlin durch. Anlass dazu gab die
auffallend hohe Quote an schwerwiegenden Ver-
kehrsunfällen zwischen Fahrradfahrenden und
abbiegenden PKWs und LKWs. Ziel war es einen
Leitfaden zur Vermeidung von Unfällen zu erar-
beiten. Dieser wurde nun vor kurzem der Öffent-
lichkeit vorgelegt und bestätigt in vielerlei Hinsicht
Handlungsbedarf. Für die Politik, die Polizei und
natürlich auch für die Verkehrsteilnehmer selbst.
Die Polizei zeigt daher aktuell vermehrt Präsenz an
als kritisch und gefährlich eingestuften Kreuzun-
gen. Als ich letzte Woche in solch eine Situation
geriet, fürchtete ich schon, es sei eine Kontrolle
und mein fehlender Reflektor am Vorderrad wird
mir zum Verhängnis. Doch mitnichten, die Polizei
trat mehr als Freund und Helfer auf. Es wurden
weder Verwarnungen ausgesprochen noch Ord-
nungswidrigkeiten geahndet. Vielmehr wurde
Aufklärung zu den allgegenwärtigen Gefahren
eines Radfahrers im vom Auto dominierten Stra-
ßenverkehr betrieben. Sehen und Gesehen wer-
den, das ist der Schlüssel zu mehr Sicherheit im
Straßenverkehr. Das dies gerade an Kreuzungen
beim Aufeinandertreffen von LKW und Fahrrad
oft ein schwieriges Unterfangen ist, wird durch
die Online-Umfrage belegt und bestätigt.
Ich war also relativ schnell versöhnt mit dieser
Polizei-Aktion, die letztlich auf mehr Miteinan-
der und Rücksicht abzielte. Doch wie zur Bestä-
tigung der Notwendigkeit wurde ich unmittelbar
vor meinem Weiterfahren Zeuge eines Beinahe-
Unfalls einer fahrradfahrenden Zeitgenossin.
Offensichtlich war sie der Auffassung, dass das
Rot der Ampel nicht für sie gelte, und geriet da-
bei beinahe vor die anfahrende Straßenbahn.
Bewegungslos blickte ich dieser Situation nach.
Ich konnte auf meiner Weiterfahrt an nichts an-
deres mehr denken und machte mich zuhause
daran zu recherchieren.
Aktuellen Zahlen zufolge sind dieses Jahr be-
reits sechs Radfahrer bei einem Unfall im Berli-
ner Stadtverkehr ums Leben gekommen. Auch
wenn die Zahl der registrierten Fahrradunfälle
in Berlin in den letzten Jahren stetig abnahm,
waren es 2013 immer noch fast 7 000. Zu viele,
zumal die meisten davon hätten vermieden wer-
den können. Zum Beispiel durch eine bessere
Straßenführung mit deutlichen Markierungen,
oder einer separaten Radspur auf der Fahrbahn.
Oft fehlt es auch an Radwegen, die für PKW und
LKW gut einsehbar sind. Nach meinem Empfin-
den ist zudem die Geschwindigkeit, sowohl der
PKW-Fahrer, als auch der Radfahrer oft zu hoch.
Es kommt dabei ebenso schnell zu Fehleinschät-
zungen in der konkreten Verkehrssituation wie
zu Verkehrsverstößen laut StVO.
Auf den von mir absolvierten zwanzig Kilome-
tern von und zur Arbeit mitten durch Berlin
werde ich in den letzten Monaten aber vor allem
durch Baustellen zu ordnungswidrigem Verhal-
ten provoziert. Es ist der gleiche Ärger, der mich
auch als Autofahrer überkommt. Wenn die eine
(Haupt-) Straße gesperrt wird und zugleich auf
der alternativen Route eine neue Baustelle ent-
steht. Dennoch ist zu beobachten, dass in den
letzten Jahren bei Straßenbaumaßnahmen die
Interessen der Fahrradfahrer mehr berücksich-
tigt werden. Bauliche und verkehrstechnische
Vorgaben für benutzungspflichtige Radwege
werden zunehmend neu definiert und zum Bei-
spiel Einbahnstraßen für das Rad freigegeben.
Allerdings werden immer noch an zu vielen Stel-
len in Berlin Radfahrer und Fußgänger auf engen
Wegen zusammengepresst.
Ich bin deshalb froh darüber, dass die Zeiten, in
denen zügiges Autofahren durch die Stadt Priori-
tät hatte, vorbei sind. Für eines aber können wir
weder die Polizei, noch die Politik oder andere
Verkehrsteilnehmer verantwortlich machen.
Das ist der Faktor Zeit. Neulich bekam ich mit,
wie eine Radfahrerin einem Drängler an der Am-
pel entgegnete »Steh doch einfach früher auf!«
Recht hat sie.
Immer wieder lassen Fahrradfahrer_innen ihr Leben auf den Berliner Straßen! (Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 16 | TAUFRISCH & ANGESAGT art strassenfeger
Was für ein Leben!
Was für ein Mensch!
Was für ein Künstler!
Die Ausstellung »Oskar Kokoschka: Humanist und Rebell« im
Kunstmuseum Wolfsburg
R E Z E NS I ON: U r s z u l a Us a k o ws k a - Wo l f f
S
o viel Kokoschka war schon lange nicht:
In Wolfsburg, der VW-Stadt, nur eine
Stunde Bahnfahrt von Berlin entfernt,
zeigt das Kunstmuseum die beeindru-
ckende Ausstellung eines der wichtigsten Künst-
ler des 20. Jahrhunderts, der, am Anfang seiner
Laufbahn als Bürgerschreck, enfant terrible und
»Oberwildling« apostrophiert, im letzten Drit-
tel seines langen Lebens vor allem als Porträtist
von Politikern und Prominenten großes Anse-
hen genoss. »Oskar Kokoschka. Humanist und
Rebell« heißt diese Schau, die anhand von 50
Gemälden, 138 Papierarbeiten, Skulpturen und
zahlreichen Dokumenten tiefe und intime Ein-
blicke in das einzigartige Werk und die turbu-
lente Vita einer Persönlichkeit gewährt, die noch
immer fasziniert, anregt und sehr aktuell wirkt.
Die von Beatrice von Bormann kuratierte Schau
ist in elf Kapitel unterteilt: »Kokoschkas Lehr-
jahre«, »Frühe Bildnisse«, »Herwarth Walden
und Der Sturm«, »Alma Mahler«, »Die Macht
der Musik«, »Kinderbildnisse«, »Kokoschka in
Dresden«, »Tierporträts«, »Allegorische Frauen-
bildnisse«, »Humanistisches Engagement« und
»Selbstbildnisse«. Die Ausstellung bildet den
Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 20. Jubi-
läum des Kunstmuseums Wolfsburg, das 1994
mit einer Fernand-Léger-Retrospektive seine Tä-
tigkeit begann, und ist zugleich eine Hommage
auf Markus Brüderlin, den langjährigen Direktor
des Hauses, der am 14. März im Alter von 55
Jahren plötzlich verstarb.
Start mi t Body Art
Oskar Kokoschka war ein Multitalent: Zeichner,
Maler, Grafiker, Schriftsteller, Erneuerer und
Visionär der Kunst, dem es gelungen war, seine
Ideen zu verwirklichen, ohne auf die jeweiligen
Moden oder Moralvorstellungen zu achten. Er
war immer ein Verfechter der gegenständlichen Malerei. Er
malte meisterhafte Porträts und allegorische Bildnisse, die
man jetzt in Wolfsburg bewundern kann; Landschaften, Städ-
tebilder; er schrieb sechs Dramen, die zu den Höhepunkten
des Expressionismus gehören. Kokoschka war auch ein be-
gnadeter Selbstdarsteller, der schon früh verstand, dass ein
Künstler nur dann erfolgreich sein kann, wenn er sich gekonnt
in Szene setzt: Nur eine gelungene Provokation sorgt in den
Medien für Irritation, wodurch ihr Urheber zu einer Sensation
wird. Seinen ersten Skandal entfachte der Student der Kunst-
gewerbeschule in Wien als Dramatiker. Die Premiere seines
Stücks »Mörder, Hoffnung der Frauen« fand am 4. Juli 1909
im Sommertheater in der Kunstschau statt. Im Vorfeld der
Aufführung sorgte sein Plakat für Schlagzeilen. Darauf stellte
er eine furchteinflößende, bleiche und dem Tod ähnelnde Frau,
eine Pieta dar, die ein kleines, lebloses und blutüberströmtes
Männchen umklammerte: Symbol des Geschlechterkampfes.
Kein Wunder, dass die Karten lange vor der Uraufführung
ausverkauft waren. Das Publikum konnte einem Spektakel
beiwohnen, in dem die halbnackten, von Kokoschka bemal-
ten Schauspieler wie eine Horde Wilder auf der Bühne tobten.
Es war eine der ersten Performances in der neueren Kunstge-
schichte: Die Body Art war geboren. Ihr Vater war der 23-jäh-
rige Oskar Kokoschka, der Spross einer kleinbürgerlichen
Familie aus Niederösterreich, deren Vorfahren Goldschmiede
in Prag waren. Dank dem Aufsehen, das sein Theaterstück er-
regte, wurde Kokoschka, der am 1. März 1886 in Pöchlarn zur
Welt kam, einerseits als »junges Talent« der Wiener Moderne
gefeiert, andererseits hatte ihn die Kunstkritik vehement abge-
lehnt, sodass er sich den Kopf kahlrasieren ließ.
Hal l uzi nati on und menschl i che Proj ekti on
Doch bevor er ein kahler Maler wurde, erlebte er etwas, was
seine Malerei, die bis zum damaligen Zeitpunkt unter dem
Einfluss von Vincent van Gogh, Edvard Munch und Egon
Schiele stand, unverkennbar und einzigartig machte: »Es war
eine Mondnacht, als ich nach der Aufführung von >Mörder,
Hoffnung der Frauen< nach Hause ging«, erzählte er in der
NDR-Fernsehdokumentation »Oskar Kokoschka. Ein Selbst-
I NFO
Oskar Kokoschka
Humanist und Rebell
noch bis zum 17. August
Kunstmuseum Wolfsburg
Hollerplatz 1
38440 Wolfsburg
Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr
Eintrit 8 / 5 Euro
› www.kunstmuseum-wolfsburg.de
01
02
03
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 TAUFRISCH & ANGESAGT | 17 art strassenfeger
01 Pietá, Plakat für ein Bühnenstück Oskar Kokosch-
kas in der Kunstschau, 1908 (Foto: Oskar Anrather ©
Fondation Oskar Kokoschka / VG Bild-Kunst, Bonn 2014)
02 Blick in die Ausstellung »Oskar Kokoschka: Huma-
nist und Rebell« (Foto: Urszula Usakowska-Wolff)
03 Oskar Kokoschka (Foto: Pete Hohn)
04 Mädchen mit Puppe, 1921/22 (Detroit Institute of Arts,
USA / The Bridgeman Art Library © Fondation Oskar Kokoschka
/ VG Bild-Kunst, Bonn 2014)
porträt« (1966). »Da hatte ich eine Halluzination:
Ich schwebte im Raum. Ich verstand, dass der
Mensch im Raum schwebt und ich den Menschen
im Raum schaffen muss. Wenn man damals Port-
räts gemalt hat, waren das mehr oder weniger ko-
lorierte Fotografien. Das Neue von mir war, dass
ich die Ausstrahlung, die Aura des Menschen im
Raum widergegeben habe, unbewusst, denn ich
hatte ja keine Technik. Ich war da wohl begabt in
dieser Weise, aber es war genau das Gegenteil von
dem, was damals Mode war. Jetzt sagt man wieder,
es gibt keinen Raum in der Malerei, die Malerei
muss zweidimensional sein. Malerei hat mit Logik
nichts zu tun. Der Raum ist nichts anderes, als
eine menschliche Projektion, eine Projektion der
menschlichen Fantasie.« Oskar Kokoschka hatte
Glück, denn seine Fantasie, sein unkonventionel-
les Wesen und die Auseinandersetzung mit dem
damals vorherrschenden Jugendstil, mit dem Dik-
tat des Ornaments, fand Anerkennung und Un-
terstützung wichtiger Persönlichkeiten, die ihm
weiterhalfen, sodass er über die Runden kam. Ei-
ner seiner Förderer war Adolf Loos, Wegbereiter
der modernen Architektur, Autor der berühmten
Abhandlung »Ornament und Verbrechen«, der
ihm zu Porträtaufträgen verhalf und schon früh
seine Kunst sammelte. Loos machte ihn auch mit
Herwarth Walden, dem Herausgeber von »Der
Sturm« in Berlin bekannt. Kokoschka kam Ende
April 1910 für ein Jahr nach Berlin und arbeitete
als Zeichner mit dieser bedeutenden Zeitschrift
des deutschen Expressionismus zusammen. Der
Kontakt mit Walden riss erst 1916 ab, als Ko-
koschka einen Vertrag mit dem Berliner Galeris-
ten Paul Cassirer unterschrieb.
Humani st, Kaval l eri st und Pazi fi st
Als Oskar Kokoschka ein »kleiner Bub« war,
schenkte ihm sein Vater, ein Handelsreisender,
zwei Bücher, die einen entscheidenden Einfluss
auf die Geisteshaltung und die Motivwahl des
künftigen Künstlers haben sollten: die Home-
rische »Odyssee« und ein Reprint des 1653 er-
schienen illustrierten Jugend- und Schulbuchs
»Orbis sensualium pictus« (Die sichtbare Welt)
des mährischen Humanisten Johann Amos Co-
menius. Darin entdeckte er seine Welten: die der
griechischen Antike und der Mittelmeerkultur
und die der europäischen Aufklärung. Doch
bevor er sich auf die Suche nach ihren Spuren
und Zeugnissen begeben konnte, zog er Ende
1914 als Freiwilliger und Kavallerist in den
Krieg. Das war seine Flucht vor der amour fou
zur Alma Mahler, der er 1912 in Wien begegnete
und die er heiraten wollte, doch sie ihn nicht.
Er wurde in der Ukraine schwer verwundet und
1916 aus dem Kriegsdienst entlassen. Seitdem
verabscheute er den Krieg und blieb bis zum
Ende seines Lebens Pazifist. 1919 berief ihn die
Kunstakademie in Dresden als Professor. Weil
er die Trennung von Alma Mahler und die Tat-
sache, dass sie ihr gemeinsames Kind abgetrie-
ben hatte, lange Zeit nicht überwinden konnte,
ließ er sich seine Geliebte als Puppe anferti-
gen. Sie diente ihm als Modell für viele seiner
Alma-Mahler-Porträts. Nach vier Jahren an der
Dresdner Kunstakademie nahm er unbezahlten
Urlaub und kehrte nie wieder in sein Amt zu-
rück. Bis 1930 unternahm er ausgedehnte Reisen
durch Europa, Vorderasien und Nordafrika. Von
1931 bis 1934 lebte Kokoschka wieder in Wien,
doch er flüchtete dann nach Prag und von dort
1938 nach London. Als Pazifist, Humanist und
»Entartetster unter den Entarteten« musste er
im Dritten Reich um sein Leben fürchten. Die
Nationalsozialisten beschlagnahmten 417 sei-
ner Werke aus deutschen Museen, viele seiner
Arbeiten wurden zerstört. 1953 übersiedelte er
mit seiner Frau Olda Palkovská, die er 1941 in
einem Luftschutzbunker in London heiratete, in
die Schweiz: nach Villeneuve unweit von Mon-
treux am Genfer See. 1966 malte er das Port-
rät des Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Das
von der Illustrierten »Quick« bezahlte Honorar
– 200 000 DM, spendete der Künstler den Kin-
dern obdachloser Eltern. Oskar Kokoschka starb
am 22. Februar 1980 im Alter von 94 Jahren in
seinem Schweizer Domizil.
Respekt für das Geschöpf
Was für ein Leben! Was für ein Mensch! Was
für ein Künstler! Die Ausstellung »Oskar Ko-
koschka: Humanist und Rebell« im Kunstmu-
seum Wolfsburg feiert eine Persönlichkeit, der
alle Höhen und Tiefen des 20. Jahrhunderts
zuteil wurden, einen aufrichtigen und ehrlichen
Mann, der trotz seiner Erlebnisse den Glauben
an die Menschheit und ihre Errungenschaften
nicht verloren hat. Die gleichermaßen spekta-
kuläre wie intime Schau ist ein faszinierender
Einblick in dieses Leben, das sich in Porträts
seiner Zeitgenossen und in seinen Selbstbildnis-
sen widerspiegelt. Sie bringt uns, wie in einem
begehbaren Buch mit elf Kapiteln, einen Künst-
ler näher, der stets an seinem Menschenbild
festhielt, das heißt, er stellte die Abgebildeten
ungeschönt dar, und zwar in ihrer ganzen Ver-
letzlichkeit, Unvollkommenheit und Gebrech-
lichkeit – Freunde, Geliebte, Geistesgrößen, Pro-
letarierkinder, Politiker, bekannte, unbekannte,
vergessene und unvergessliche Gesichter: Ein
Facebook, das alle Achtung verdient. Die Bilder
wirken außergewöhnlich plastisch, man merkt,
dass Kokoschka ein malender Bildhauer war.
Allein seine Tierporträts sind einer Reise nach
Wolfsburg wert, denn sie zeigen die Seele und
die Individualität jeder einzelnen Kreatur. Der
Respekt für das Einzelne, das Eigene, das Un-
wiederholbare, welches in allen Geschöpfen
steckt, macht Kokoschkas Humanismus aus. Er
beugte sich nie den künstlerischen Zwängen und
blieb der figurativen Malerei treu, was nach dem
Zweiten Weltkrieg als überholt und »unmodern«
galt. Er war also durchaus ein Rebell, der gegen
die künstlerische Konformität aufbegehrte. Dass
er seiner Zeit weit voraus war und die Kunst bis
heute noch beeinflusst, zeigt eines seiner letzten,
für ihn ungewöhnlich großen (130 x 100 cm)
Bilder: »Time, Gentlemen, Please«, entstanden
1971/1972. Das ist ein Porträt des Künstlers als
alter Mann, den nur noch ein Schritt vom Jen-
seits trennt: ein Feuerwerk explodierender Far-
ben, eine vitale Versöhnung mit dem Tod. Der
»Oberwildling« Oskar Kokoschka spürte, dass
sein Leben zu Ende geht. Doch seine Kunst wird
alle diesseitigen Moden überleben, denn sie ist
das Werk eines großen Meisters.
04
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 18 | TAUFRISCH & ANGESAGT Brennpunkt
I NFO
Andrej Holm (Hg.): »Reclaim Berlin.
Soziale Kämpfe in der neoliberalen
Stadt.« (Verlag »Assoziation A. «,
Berlin 2014, 368 S., 18 Euro)
»Wir müssen die
Wohnungsfrage
politisieren! «
Andrej Holms Buch »Reclaim Berlin« ist ein Kom-
pendium zur Gentrifizierung Berlins
I NT E R V I E W: A n d r e a s D ü l l i c k
W
er kann das nicht: Ganz plötzlich holt man
ein Schreiben des Hausbesitzers aus dem
Briefkasten, in dem eine saftige Mieterhö-
hung angekündigt wird. Aus der ehemals
günstigen Wohnung wird ein unbezahlba-
res Luxusgut. Oder aber man wird aufgefordert, sich bin-
nen einer gewissen Frist etwas Neues zu besorgen, weil der
Besitzer Eigenbedarf anmeldet. Hinter dem sich dann letzt-
lich nur der Wunsch des Eigentümers versteckt, durch Neu-
vermietung eine höhere Rendite zu erzielen. Verdrängung
angestammter Mieter_innen aus den Innenstadtquartieren
hat Hochkonjunktur. Der Stadtsoziologe Andrej Holm be-
schäftigt sich seit langem schon mit diesem Thema. Jetzt hat
er gemeinsam mit anderen Autoren ein Buch dazu veröffent-
licht. In »Reclaim Berlin« nehmen Holm und Co die Woh-
nungspolitik des Berliner Senats kritisch unter die Lupe. Ei-
nen »Masterplan der Neoliberalisierung« nennen sie diese.
Außerdem kritisieren sie die massive Privatisierung landes-
eigener Wohnungen und die Liberalisierung des Baurechts.
Andreas Düllick traf Andrej Holm am Rande der Veranstal-
tung »Wohnen für Menschen mit seelischen Behinderungen
– Inklusive Perspektiven?« im Schöneberger »Pinellodrom«
und sprach mit ihm über das Buch und die aktuellen Ver-
drängungsprozesse in Berlin.
Andreas Düllick: Was war der Auslöser, die Grundidee, für
das Buch »RECLAIM BERLIN?«
Andrej Holm: Es war erst mal eine verlegerische Ent-
scheidung, weil – obwohl es so viele Bewegungen und Proteste
gibt – es kein Buch gibt, in dem das mal zusammengefasst ist.
Viele kennen das aus ihrem Alltag, es gibt immer mal wieder
einen Artikel im strassenfeger und anderen Magazinen, es gibt
ganz viele Webseiten. Aber es gibt kein kompaktes Kompen-
dium, das einen Überblick über die Bewegungen in den letzten
zehn, zwölf Jahren gibt. Das wollten wir ändern.
Nach welchen Kriterien haben Sie das Buch aufgebaut?
Wir haben Themen gesetzt: Gentrifizierung und Verdrän-
gung, Wohnungs- und Mietenpolitik, also Dinge, mit denen
ich mich intensiv beschäftige. Dann ist uns aber schnell klar-
geworden, dass es auch noch andere Themen in
der Stadt gibt, dass da Arbeitskämpfe stattfin-
den, dass es Ärger mit dem Quartiersmanage-
ment gibt, dass es Wohnungslosigkeit gibt.
Ein Kapitel trägt die Überschrift »KON-
FLIKTE UND WIDERSPRÜCHE«, was steckt
dahinter?
Berlin ist eine Stadt, in der sich in den ver-
gangenen 15 Jahren eine neoliberale Politik
durchgesetzt hat. Liest man wissenschaftliche
Berichte, hat man das Gefühl, dass die großen
Konflikte bereits ausgestanden wären: Der Um-
bau zur neuen Hauptstadt in den 90er Jahren,
der Potsdamer Platz mit den großen Infrastruk-
turmaßnahmen, die Sanierung des Innenstadt-
bereichs von Ost-Berlin – und die Verdrängung
hat schon längst stattgefunden. Mir war wichtig
zu zeigen, dass es hier in Berlin auch nach der
Jahrtausendwende jede Menge von Widersprü-
chen gibt. Diese müssen diskutiert werden, und
es muss auf der Straße Protest dagegen geben.
Diese Dinge haben wir in diesem Abschnitt des
Buches zusammengefasst.
Eine äußerst negative Entwicklung haben Sie
am Beispiel der Entwicklung des Stadtteils
Neukölln beschrieben. Dort sei ein Kampf
um Wohnungen unter Geringverdienern ent-
brannt. Dieser sei politisch gewollt und werde
vorangetrieben, schreiben Sie. Das ist äußerst
bedenklich?
Wir müssen darauf reagieren! Das wird zum
Teil in den Interviews deutlich und auch in den
Mietinitiativen der Stadt. Wir müssen es schaf-
fen, die Wohnungsfrage, die ja einen Großteil
der Menschen in Berlin betrifft, zu politisieren.
Wir müssen herausfinden aus der Haltung, wir
alle seien daran selbst schuld oder wir hätten
gerade kein Glück mit unserem Vermieter und
Der Stadtsoziologe Andrej Holm
Buchcover
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 TAUFRISCH & ANGESAGT | 19 Brennpunkt
seien deswegen mit einer Mietsteigerung kon-
frontiert. Das ist eine politische Frage, die die
gesamte Stadt angeht und die auch nicht auf ein-
zelne Viertel beschränkt bleiben darf. Das zeigen
die Aktivitäten von Initiativen wie »Kotti & Co«,
»Zwangsräumungen verhindern« und anderen
Bündnisssen: Wir artikulieren diesen Protest auf
der Straße. Wir wollen, dass das in der Öffent-
lichkeit diskutiert wird, dass das ein mediales
Thema ist. Und vor allem auch, dass es ein poli-
tisches Thema wird.
Gentrifizierung in Berlin im Jahr 2014 – was
bedeutet das im Klartext?
Das bedeutet, dass die Mieten fast wöchent-
lich steigen, sodass wir als Wissenschaftler schon
Schwierigkeiten haben, diesen klassischen Gen-
trifizierungsbegriff, der auf einzelne Gebiete
bezogen war, überhaupt noch fortzuführen. Wir
zeigen im Buch, dass das ein Mainstreamprozeß
ist, der flächendeckend in der Innenstadt statt-
findet. Alle, die zurzeit eine Wohnung suchen,
kennen das. Und wenn man dann noch an die
Bemessungsgrenzen der Jobcenter gebunden ist,
dann findest man selbst in Marzahn und Spandau
keine Wohnung. Das ist das Drama, das mit dem
Begriff Gentrifizierung schon fast verharmlost
wird. Verdrängen und Ausschließen all derer
vom Wohnungsmarkt, die weniger Geld in der
Tasche haben, das ist ein stadtweites Problem.
Wir haben nur noch ganz wenige Inseln, wo es
preiswerte Wohnungen gibt. Und das sind dann
Gegenden, in die niemand ziehen will.
Die Mieten sind in Berlin in den vergangenen
Monaten stark gestiegen, damit natürlich auch
der Verdrängungsdruck auf Menschen aus ih-
ren angestammten Bezirken. Was müssen die
Politik und das Land Berlin dagegen tun?
Man muss eine Wohnungspolitik betrei-
ben, die tatsächlich den Schutz der Mieter_in-
nen in Bestandswohnungen zum Ziel hat. Es
gibt den sozialen Wohnungsbau – noch! Es gibt
Altbauten, die noch nicht energetisch saniert
wurden, da muss man schützend eingreifen,
anstatt ausschließlich Neubauprogramme star-
ten zu wollen. Wir brauchen eine Wohnungs-
politik, die den Mut hat, Investoreninteressen
entgegenzutreten. Wir haben seit vielen Jahren
in Deutschland generell eine Wohnungspolitik,
die versucht, im Gleichschritt mit den Investo-
ren so ein wenig was abzumildern. Das Problem
aber sind tatsächlich die Profitinteressen der
privaten Eigentümer, die muss man einschrän-
ken. Da ist eine ganze Menge von Instrumenten
im mietrechtlichen, städtebaurechtlichen und
steuerrechtlichen Bereich denkbar. Die werden
momentan aber nicht ausreichend diskutiert.
Wir brauchen einen Mentalitätswandel hin zu
»Wir wollen wirklich soziale Wohnungspolitik
machen«. Dann werden auch den Akteuren die
entsprechende Gesetze und Verordnungen ein-
fallen, mit denen sich das umsetzen lässt. Aber
diese Mentalität gibt es derzeit überhaupt nicht.
Stattdessen freut sich die Berliner Landesregie-
rung über jede Investition, die ist willkommen.
Die Lasten tragen die Mieter_innen.
Sie fordern vom Land Berlin ein, verstärkt auf
kommunalen Wohnungsbau zu setzen. Was ge-
nau soll und kann dadurch erreicht werden?
Bei den Problemen der Mietentwicklungen
in Berlin gibt es den Gegensatz zwischen priva-
ten wirtschaftlichen Interessen der Eigentümer,
hohe Kapitalrenditen zu erwirtschaften, und der
beschränkten Zahlungsfähigkeit von Menschen,
die entweder schlecht bezahlte Jobs oder gar kein
Einkommen haben. Unter diesem Gesichtspunkt
kann man es von den privaten Eigentümern ei-
gentlich nicht verlangen, dass sie die sozialen
Aspekte der Wohnungsversorgung lösen, denn
sie sind ja kapitalistische Investoren und wollen
einen hohen Ertrag erzielen. Deshalb kann ei-
gentlich nur ein öffentlicher, ein gemeinnütziger,
ein kommunaler Wohnungsbau in die Bresche
springen. Wir brauchen nicht an Profit orien-
tierte Wohnbauträger, wenn wir tatsächlich ei-
nen sozialen Wohnunsgbau in der Stadt wollen.
Da ist die Stadt gefragt, da sind Ideen für einen
neuen gemeinnützigen Wohnungsbau gefragt.
Das Drama momentan in Berlin ist, dass gerade
die öffentlichen Wohnungsbaugesellschaften,
die nicht privatisiert wurden, sich gar nicht so
sehr der sozialen Frage verschrieben haben. Das
ist natürlich mit einer politischen Entscheidung
verbunden, zumal, wenn man diese wie einen
Goldesel behandelt und hofft, dass sie helfen, die
Haushaltslöcher des Landes zu stopfen.
Welche konkreten Möglichkeiten haben die be-
troffenen Menschen, sich gegen Verdrängung
und Mietpreiserhöhungen zu wehren?
Man kann ganz individuell mit guter recht-
licher Beratung seine rechtlichen Möglichkeiten
ausnutzen. Wir sehen aber auch, dass in vielen
Bereichen eine Verdrängung scheinbar recht-
mässig ist, und da bleibt den Mieter_innen ei-
gentlich nur, sich politisch zu organisieren, sich
zusammenzuschließen, Öffentlichkeit herzustel-
len und letztlich politischen Druck zu entfalten.
Ich empfehle sozusagen einen Drei-Stufen-Plan:
Individuell nehme ich meine Rechte wahr, auf
der Ebene des Hauses organisiere ich mich kol-
lektiv, und ich muss die Wohnungspolitik grund-
sätzlich gesellschaftspolitisch verändern.
Ihr Statement zu der Dokumentation »Mietre-
bellen«?
Das ist eine sehr gute Dokumentation, weil
sie tatsächlich für diesen Mietrechts- und Mieter-
kampf in den letzten Jahren beschreibt, wie groß
der Druck für die Mieter_innen in den Innenstadt-
bereichen geworden ist. Auf der anderen Seite ist
es ein Film der Mut macht, der zeigt, dass auch
Menschen, die nicht in Parteien oder Verbänden
organisiert sind, die keine Lobby hinter sich ha-
ben, aufstehen und sich dagegen wehren können.
Das ist der Ausgangspunkt für jede politische Ver-
änderung. Es kommt nur was in Bewegung, wenn
sich der Protest auf der Straße artikuliert.
Trotz aller Probleme und Sorgen ein Lächeln im Gesicht (Fotos: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)
Der Kampf geht weiter (Quelle: htp://mietrebellen.de)
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 20 | TAUFRISCH & ANGESAGT Brennpunkt
Nationale Strategie
zur Überwindung
von Wohnungsnot
und Armut
»BAG Wohnungslosenhilfe« fordert nationale
Strategie zur Bekämpfung sozialer Missstände
B E R I C H T: J a n Ma r k o ws k y
D
ie Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosen-
hilfe hat am 10. April den Aufruf zu der Nationa-
len Strategie der Presse vorgestellt. In der Presse-
mitteilung wird die Notwendigkeit der Nationalen
Strategie wie folgt begründet: »In den letzten Jahren hat die
Wohnungslosigkeit in vielen Regionen Deutschlands deutlich
zugenommen. In den Ballungsgebieten ziehen die Mietpreise
ungebrochen an, zugleich schrumpft der Bestand an Sozial-
und bezahlbaren Wohnungen. Für die betroffenen Menschen
ist der Verlust der eigenen Wohnung oft Endpunkt eines lan-
gen sozialen Abstiegs. Wer in Zeiten von Wohnungsnot seine
Wohnung verliert, hat wenig Chancen sobald eine neue zu
finden. Der Teufelskreis »Ohne Wohnung keine Arbeit- ohne
Arbeit keine Wohnung« kann kaum durchbrochen werden.
Wohnungslosigkeit bedeutet nicht nur ein Leben ohne Woh-
nung, ohne Sicherheit und Privatsphäre, sondern bedeutet so-
ziale Ausgrenzung aus vielen Lebensbereichen.
Dieser Negativentwicklung kann nach Ansicht der BAG
Wohnungslosenhilfe, des Dachverbandes der Wohnungslo-
senhilfe in Deutschland, nur mit komplexen Maßnahmepake-
ten begegnet werden. Dabei seien der Bund, die Länder und
die Gemeinden gleichermaßen gefordert.« Die BAG W hat die
Zahlen ihrer Schätzung jedes Jahr veröffentlicht und die zei-
gen eine alarmierende Entwicklung. Doch weder Verwaltung
noch Politik haben darauf angemessen reagiert. Jetzt zeigt die
BAGW auf, was getan werden kann und muss.
Bundesregi erung erfül l t Verpfl i chtungen
gegenüber Wohnungsl osen und Armen ni cht
Die von der BAG W dargestellte Situation verstößt gegen ver-
brieftes Recht. Nach Art 11 Absatz 1 des Paktes über Wirt-
schaftliche, Soziale und Kulturelle Rechte vom 11. Dezember
1966 hat jeder Bundesbürger Recht auf »angemessenen Le-
bensstandard für sich und seine Familie«, einschließlich »aus-
reichender Ernährung, Bekleidung und Unterbringung«. Die
Bundesregierung hat den Pakt ratifiziert, und er ist nationales
Recht. Jede Regierung hat alle verfügbaren Ressourcen dafür
einzusetzen, dass diese verbrieften Rechte allen Staatsbür-
gern gewährt werden. Die Nationale Strategie zeigt, wie weit
die jetzt amtierenden Regierungen im Bund und in den Län-
dern davon entfernt sind. Und, wie weit die Landräte in den
Landkreisen sowie Bürgermeister sowie Stadträte in Städten
und Gemeinden davon entfernt sind.
Dass es anders geht, habe ich durch die Mitwirkung an
der Grundtvig-Partnerschaft »Partizipation von Obdachlo-
sen« erfahren. In einer Diskussionsrunde wurde eingeworfen,
dass in Finnland und in Schottland die Zahl der Wohnungslo-
sen sinkt. Die Gewährung des Rechts auf Wohnen, von dem
Marion Gibbs von der schottischen Nationalregierung in den
Räumen des »Glasgow Homelessness Network« in Glasgow
sprach, zeigt offensichtlich Wirkung.
Der Aufruf zu ei ner Nati onal e Strategi e
der BAG W
Der Aufruf zur Nationalen Strategie ist in drei Kapitel ge-
gliedert: I Auf dem Weg zu Wohnungsnotfall-Rahmenplänen
(WRP); Notwendigkeit und Funktion, II Aufgaben der Bun-
des-, Landes- und lokaler Ebene bei der Entwicklung von Woh-
nungsnotfall-Rahmenplänen, III Schwerpunktaufgaben in den
wichtigsten fach- und sozialpolitischen Handlungsfeldern.
Die BAG W setzt auf Wohnungsnotfall-Rahmenpläne.
In den Ländern, Landkreisen und Kommunen müssen diese
Pläne den jeweils spezifischen Bedürfnissen entsprechen. Prä-
vention, also Abwendung von Verlust der Wohnung, hat Vor-
rang vor Unterbringung in Notversorgung.
Die BAG W fordert für alle politischen Ebenen, dass mindes-
tens folgende Globalziele in den Rahmenplänen berücksich-
tigt werden:
1. »Förderung eines rechtskreisübergreifend koordinier-
ten Gesamtsystems für Wohnungsnotfälle«,
2. »flächendeckender Ausbau eines präventiven Systems
zur Verhinderung von Wohnungsverlusten«,
3. »Abbau der Straßenobdachlosigkeit auf Null durch
Förderung integrierter Notversorgungskonzepte«,
4. »Aufbau einer flächendeckenden Wohnungsnotfallbe-
richterstattung«.
In dem Aufruf zur Nationalen Strategie zur Überwindung
von Wohnungsnot und Armut in Deutschland sind die Ver-
antwortlichkeiten der Bundesregierung, der Länder und der
lokalen Ebene die Schwerpunktaufgaben in den wichtigsten
fach- und sozialpolitischen Handlungsfeldern (Kapitel III)
übersichtlich dargestellt.
Ausbl i ck für Berl i n
In Berlin wurde ein Obdachlosenleitplan in den 90er Jahren er-
stellt. Die Verhältnisse haben sich gewandelt. Es ist einmal der
Versuch unternommen worden, dann kam Peter Hartz dazwi-
schen. Im Jahr 2014 wird wieder ein neuer Anlauf gemacht. In
wie weit der den Anforderungen der Nationalen Strategie der
BAG W genügt, kann noch nicht beurteilt werden.
Keine nachhaltige Strategie des Senats für ob-
dachlose Menschen (Quelle: Archiv strassenfeger)
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 TAUFRISCH & ANGESAGT | 21 strassenfeger radi o
I NFO
strassenfeger Radio
Mitwochs 17 –
18 Uhr auf »88vier
- kreatives Radio für
Berlin«
UKW-Frequenzen
88,4 MHz (Berlin),
90,7 MHz (Potsdam &
Teile Brandenburgs)
Das Lachen bleibt
im Halse stecken
Der digitale Bürger ist an seiner Überwachung selbst schuld
B E R I C H T: G u i d o F a h r e n d h o l z
Z
ugeschweißte Gully-Deckel in Berlin, ein un-
glaubliches Polizeiaufgebot und ein endloser
Livestream – das bleibt uns mündigen Bürger_in-
nen vom Staatsbesuch des amerikanischen Präsi-
denten Barack Obama vor ziemlich genau einem
Jahr in Erinnerung. Die Netzgemeinde amüsierte vor allem
aber auch eine Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Angela
Merkel. Sie erklärte damals wortwörtlich: »Das Internet ist
für uns alle Neuland.« Was dann folgte war klar. Innerhalb
weniger Minuten ist der Twitter-Hashtag #Neuland der meist-
verbreitete in Deutschland, und die Netzgemeinde feiert ab:
»DingDong Die kleine Angela möchte bitte aus dem #neuland
abgeholt werden«, und »Ich hab gerade dieses ›Google‹ ent-
deckt. Da kann man praktisch alles suchen. Schaut euch das
mal an!«, oder »Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen.
Deutschland, 19.06.2013: Merkel entdeckt #Neuland.«
Schl uss mi t l usti g
Natürlich wurden schon damals klare Aussagen zu PRISM
und der NSA vermisst, wenn sie dann aber auf einem solchen
Niveau erfolgen, wie vor wenigen Tagen auf »ZEIT ONLINE«
*

geschehen, bleibt so manchem das Lachen im Halse stecken.
In seinem Gastbeitrag vom 17. Juni 2014, lehnt Mecklenburg-
Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) die Ver-
leihung der Ehrendoktorwürde der Universität Rostock für
den Whistleblower Edward Snowden ab. Soweit so gut. Aber
in Fahrt gekommen, legt Caffier noch einmal ordentlich nach:
»Wer seinen Rechner einschaltet, muss sich bewusst sein,
dass er von dem Moment an nicht mehr allein ist.« Das ist
inzwischen ein unbestrittener Fakt, aber was wollte uns der
Innenminister damit sagen? Liegt es in der Eigenverantwor-
tung der Bürger, ob sie von Geheimdiensten digital überwacht
werden?
Mei nungsfrei hei t durch Mei nungsäußerung
Auf die Anfrage unserer Radioredaktion zur Konkretisierung
dieser Aussage, erhielten wir lapidar den Hinweis auf den voll-
ständigen Artikel, mehr wäre dazu nicht zu sagen. Das sehen
zum Glück die Leser seines Artikels auf »ZEIT ONLINE« oft-
mals ganz anders: »Und ich dachte schon die verbalen Ruten-
schläge von Norbert Lammert gegen das Verfassungsgericht,
zur Feier von 65 Jahren Grundgesetz, wären infam genug für
diese Partei!« Oder: »Es wäre eigentlich Ihre Pflicht als Innen-
minister, wenigstens eine Ahnung davon zu haben, was einen
Rechtsstaat ausmacht. Wenigstens das, Herr Caffier.« Oder:
»Ergänzung zum Artikel 1 des Grundgesetzes: Die Würde des
Menschen ist unantastbar. Einzelheiten regelt die NSA.«
»Pi raten« für Snowden
Was sagen die Vertreter der etablierten Par-
teien zu Lorenz Caffiers Ausführungen? Wenig
bis nichts, jedenfalls uns gegenüber. Einzig die
Piraten bezogen auch live in unserer Sendung
Stellung. Carolin Mahn-Gauseweg ist die stell-
vertretende Bundesvorsitzende der Piraten:
»Spätestens seit die Ausspähung des Kanzlerin-
nen-Handys aufgedeckt wurde, müsste jedem in
der Union klar sein, welchen Umfang die Über-
wachung und welchen Wert damit die Enthüllun-
gen Snowdens haben. Das aber blendet Lorenz
Caffier ebenso gekonnt aus, wie den eigentlichen
Knackpunkt der Debatte: Es ist Aufgabe des
Staates, die Wahrung des Fernmeldegeheimnis-
ses zu gewährleisten. Nur weil sich die Technik
von der Brieftaube zur E-Mail weiterentwickelt
hat und wir jetzt vom Grundrecht auf Gewähr-
leistung der Vertraulichkeit und Integrität infor-
mationstechnischer Systeme sprechen, glaubt er,
einfach die Hände in den Schoß legen und auf
die bloße Eigenverantwortung verweisen zu kön-
nen. Auch Caffier hat, wie einige andere Unions-
politiker auch, seine Verantwortung gegenüber
den Bürgern nicht verstanden.«
* Quelle: www.zeit.de/2014/26/edward-snowden-ehrendoktor-lorenz-caffier
Carolin Mahn-Gauseweg, stell-
vertretende Bundesvorsitzende
der Piratenpartei (Quelle: Wikipedia)
Lorenz Caffier, Innenminister
von Mecklenburg-Vorpommern
(Quelle: Wikipedia)
04
05 01
03
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 22 | TAUFRISCH & ANGESAGT Kul turti pps
skurril, famos
und preiswert!
Kulturtipps aus unserer Redaktion
Z U S A MME NS T E L L U NG : L a u r a
02 DI SKUSSI ON
»Crowdfunding«
Outsourcing kennt man schon lange. Dabei gibt es sogar eine
Weiterentwicklung dieses Prinzips: Das Crowdsourcing. Die
Arbeit wird dabei nicht mehr in Billiglohnländer outgesour-
ced, sondern an Menschen, die sich im Internet tummeln – an
die Crowd. Im Netz entsteht dadurch ein neuer Niedriglohn-
bereich, der unsere Art zu arbeiten verwandeln könnte. Auf
der Plattform »Mechanical Turk« von Amazon schuften etwa
hundertausende Menschen aus 180 Ländern, darunter
Deutschland, oft für zwei bis drei Euro die Stunde, die besten
Akkordarbeiter für sieben oder acht. Das neue digitale
Prekariat hat praktisch keine Rechte. Trotzdem sind Crowd-
worker oft stolz auf ihre Arbeit und fürchten staatliche
Regulierung: Diese könnte ihren Arbeitsplatz vernichten.
Sebastian Strube, der mit diskutiert, ist freier Journalist in
München. Auch er hat schon als Crowdworker gearbeitet,
war aber nicht hart genug dafür. Die Moderation wird von der
Sozialwissenschaftlerin Cornelia Otto vorgenommen.
Am 3.7., um 19 Uhr, Eintritt frei!
Vierte Welt, Adalbertstraße 4, 10999 Berlin
Info: www.rosalux.de
01 LANGE NACHT
»Stadt für eine Nacht«
Im September 2010 entstand auf Initiative und unter Leitung
des Hans Otto Theaters zum ersten Mal auf dem zentralen
Platz der Schiffbauergasse die »Stadt für eine Nacht«: die
künstlerische Installation einer nächtlich beleuchteten Stadt
aus verschiedenartigen Pavillons mit mutigen Menschen aus
Wissenschaft, Kunst und Kultur. Parallel dazu hatten sich alle
Künstler und Macher der Schiffbauergasse vereinigt, um
gemeinsam 24 Stunden Programm anzubieten. Nun lädt die
Schiffbauergasse bereits zum fünften Mal zum großen
24-Stunden-Fest, mit 24-stündigem Marathon-Programm mit
Musik, Theater, Kunst, Film, Literatur und Tanz.
Am 12.7. & 13.7., 14 Uhr bis 14 Uhr. Eintritt frei!
Schifauergasse
14467 Potsdam
Info & Bild: www.schifauergasse.de
03 VORGELESEN
»Theater lesen!«
Jeden zweiten Sonntag im Monat
veranstaltet das Fabriktheater in
Moabit »Theater lesen!«. Aus den
von den Besuchern vorgeschlage-
nen Theaterstücken wird eines
ausgewählt und gemeinsam
gelesen. Anschließend darf über
das jeweilige Stück diskutiert
werden. Eine Anmeldung für den
Lesenachmittag sollte bis spätes-
tens einen Tag vor der Veranstal-
tung erfolgen.
Am 13.7., voraussichtlich um 15.30
Uhr, Eintritt frei
d Anmeldung erforderlich!
Anmeldung: Per Mail unter anfrage@
fabriktheater-moabit.de oder per
Telefon unter 0176 - 493 50 644
Fabriktheater Moabit, Lehrter Straße
35, 10557 Berlin
Info: www.fabriktheater-moabit.de
Bild: © Christina Gumz
04 VORTRAG
»Rot-Rot-grün«
Die Diskussionen um die Zukunft
der Ukraine haben zu heftigen
politischen Auseinandersetzungen
zwischen einigen Politikern und
Politikerinnen von SPD, Grünen
und DIE LINKE geführt. Denn wen
interessiert eigentlich die Meinung
der Ukrainer und Ukrainerinnen?
Welche Perspektiven hat das Land
und was zählt heute noch das
Völkerrecht? Sind Sanktionen
sinnvoll? Wie kann Schaden von
der Bevölkerung in der Ostukraine
abgewendet werden? Und vor
allem: Welche Rolle sollte Deutsch-
land dabei spielen? Der Vortrag im
»taz-café« will die Antworten auf
diese kniffligen Fragen liefern!
Am 3.7., um 19 Uhr, Eintritt frei!
taz.café
Rudi-Dutschke-Str. 23
10969 Berlin
Info: www.taz.de
Bild: © taz / Anja Weber
VORSCHLAGEN
Sie haben da einen Tipp? Dann
senden Sie ihn uns an:
redaktion@strassenfeger.org
Je skurriler, famoser und
preiswerter, desto besser!
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strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 TAUFRISCH & ANGESAGT | 23 Kul turti pps
06 KONZERT
»¡Baila, Berlin!«
»¡Baila, Berlin!« ist eine zwölfköpfige Band aus Tempelhof.
Gespielt wird Salsa, immer angeleitet von der Berliner
Bassistin Maike Scheel. Die spanischen Ausrufezeichen sind
eine Aufforderung: »Tanze, Berlin!« Das Konzert unterstützt
den Parkring e.V. dabei, im Kiez wieder mehr Bewusstsein für
Park- und Grünanlagen des Neu-Tempelhofer Kiezes zu
entwickeln.
Am 4.7., um 14 Uhr, Eintritt frei!
d Aber Spenden sind willkommen.
Wolffring/Ecke Boelckestr.
12101 Berlin
Info: www.parkringneutempelhof.de | www.baila-berlin.de
05 KUNST
»Kunst am Spreeknie«
Erstmals 2007 fanden sich in Schöneweide aktive Künstler-
gruppen und Kunstinstitutionen zusammen, um im Industrie-
gebiet Oberschöneweide ein Projekt mit künstlerischen
Interventionen vorzubereiten, vom Kleinflughafen Berlin
Schöneweide bis zum interaktiven Kunst-Imbiss. Inzwischen
sind fünf Ausgaben des »Kunst am Spreeknie« gefolgt und die
Vorbereitung für das siebente läuft. Die »JazzGalerie«, neue
Kunstorte und vor allem viele Künstlerinnen und Künstler,
Kreative und Projekte mit ihrem Netzwerk »Schöneweide
Kreativ« und dem »Schöneweide Artists e.V.« sind dazu
gekommen. Das Programm wurde umfangreicher und die
einzelnen Plätze lassen Zeit für Muße und Entspannung. Mit
dabei sind unter anderem die »artstifter« mit einer mobilen
Ausstellung. Normalerweise engagieren sie sich in Schöne-
weide in Schulen und unterstützen Schüler bei ihrer Berufs-
suche und kreativen Entfaltung.
Vom 10.7., ab 16 Uhr bis zum 13.7. um 1 Uhr - Eintritt frei!
An verschiedenen Orten, die der Internetseiten entnommen
werden können.
Info: www.kunst-am-spreeknie.de | www.berlin-projekt.org
Bild: Tanja Titzmann
07 THEATER
»Ein Hochhaus, ein Flughafen,
ein fauler Sack«
Hereinspaziert, hereinspaziert! Das wunderbare
Ensemble »Theater RambaZamba« unter der
Regie von Gisela Höhne spielt eine Commedia
dell‘arte open-air auf dem Hof der Kulturbraue-
rei. Während hinterlistige Bauspekulanten die
Armut der Stadtbewohner ausnutzen, träumt
sich Arlecchino in eine Welt der Liebe und der
Fantasie. Das Stück verspricht eine höchst
amüsante Verspottung der gesellschaftlichen
Verhältnisse, in die das Publikum selbstredend
einbezogen wird.
Am 14.7., um 17 Uhr, Eintritt frei!
d Aber eine Spende ist erwünscht.
Hof der Kulturbrauerei
Schönhauser Allee 36
10435 Berlin
Info: www.theater-rambazamba.org
Bild: Ralf Henning
08 MUSI K
»FM TRIO«
Die vergangenen fünf Jahre hat das
»FM TRIO« zu einem Ensemble
geformt, das einige wichtige
Grundprinzipien aktueller Jazzmu-
sik internalisiert hat: Aufbau und
stete Erweiterung eines originalen
Repertoires, rhythmische Flexibili-
tät und Improvisation mit annä-
hernd unbeschränkten Möglichkei-
ten.Durch das gemeinsame
Erarbeiten neuer Originalkomposi-
tionen und deren Zerpflückung und
Rekonstruktion haben sie einen
eigenen Stil geformt. Die musikali-
schen Hörgewohnheiten der drei
Musiker reichen von der zeitgenös-
sischen Musik des 20. und 21.
Jahrhunderts, über den wilden 60er
Jahre Jazz bis zu Avantgarde-Pop
und Experimentalmusik.
12.7., um 21.30 Uhr, Eintritt frei!
Kunst im Schlot, Invalidenstrasse
117,10115 Berlin
Info: www.kunstfabrik-schlot.de
Bild: Andre Stoeriko
I NFO
Kat Menschik »Der goldene Grub-
ber. Von großen Momenten und
kleinen Niederlagen im Gartenjahr«
Verlag Galiani Berlin 2014, 304
Seiten, Spezialformat 21 × 21 cm,
Rundum-Farbschnit
durchgehend illustriert, mit zahl-
reichen Farbtafeln, Preis 34,99 Euro,
ISBN 978-3-86971-083-9
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 24 | TAUFRISCH & ANGESAGT Aktuel l
»Mit der Feder
knurkelt die Linie
immer so schön!«
Kat Menschiks wunderbares Buch »Der goldene Grub-
ber« ist viel mehr als ein Gartenbuch!
I NT E R V I E W: A n d r e a s D ü l l i c k
D
ie Illustratorin Kat Menschik hat ein Buch ge-
macht. Von großen Momenten und kleinen Nie-
derlagen im Gartenjahr berichtet sie in »Der
goldene Grubber«. Nun ja, so ungewöhnlich
ist das nicht, sollte man meinen. Gartenbücher
gibt es wie Sand am Meer. Aber so eines nun wieder doch
nicht. Denn dieses Buch geht ans Herz. Die amüsanten Ge-
schichten aus dem Alltag einer Hobbygärtnerin sind so liebe-
voll illustriert, dass man sich gar nicht sattsehen kann an die-
sem Buch. Es kommt daher wie ein Comic, ach was, was sage
ich, wie ein bunter Schmetterling. Wer dieses Buch gelesen
und angeschaut hat, der begibt sich sofort auf die Suche nach
einem eigenen Garten. Grund genug also, sich auf eine kleine
Reise zu begeben. Andreas Düllick traf die famose Illustrato-
rin und Autorin in ihrem wunderbaren Garten weit weg von
der großen Stadt zum Interview.
Andreas Düllick: »Der Goldene Grubber« ist ein echter
Wurf, er wurde gerade zu den 25 besten Büchern des Jahres
gewählt!
Kat Menschik: Ich habe das nicht erwartet. Das ist natür-
lich großartig und ich habe erst mal ein Rumpelstilzchentänz-
chen vollführt. Weil ich in den ganzen Jahren, in denen ich
jetzt schon Bücher mache, immer wieder Bücher eingereicht
habe. Und das freut mich umso mehr, dass das jetzt geklappt
hat, weil der »Goldene Grubber« ja das erste Buch ist, das ich
selbst geschrieben und gezeichnet habe und wirklich kom-
plett allein gemacht habe. Und dass ich dafür jetzt sogar einen
Preis bekomme, ist umwerfend.
Warum haben Sie ausgerechnet den Grubber für sich entdeckt?
So einen Grubber braucht man ja ständig im Garten,
manche sagen auch Gartenkralle dazu. Das ist
so ein kleines, dreizackiges Gerät. Ich habe das
Buch so genannt, weil ich finde, das ist einfach
ein wirklich cooles Wort. Das klingt toll. Ich
kann Ihnen auch meinen Originalgrubber mal
zeigen.
Sie sind ja hübsch systematisch im Buch vorge-
gangen...
Sie meinen jahreszeitlich? Ja! Ja, ich dachte,
das macht man so in Gartenbüchern. Ich finde
das logisch. Weil es ja im und mit dem Garten das
ganze Jahr über immer etwas zu tun gibt. Und
selbst in der Winterpause, wenn der Garten ruht,
kann man mit Dingen aus dem Garten basteln
oder Vogelhäuschen bauen und Vögel füttern
und diese beobachten. Man kann sich das ganze
Jahr im Garten aufhalten.
Mal ganz formell: Warum überwiegt das Grün
in Ihrem Buch?
Grün ist doch sehr schön! Ich habe die Ge-
schichten anfangs zuerst in der Frankfurter All-
gemeinen Zeitung veröffentlicht. Dort erschie-
nen sie als täglicher Comic in Schwarz-Weiß.
Dann entstand die Idee, daraus ein Buch zu
machen. Ich dachte, nee, das wäre schade, ein
Schwarz-Weiß-Buch zu machen. Wenn ich über
den Garten schreibe, wäre es doch prima, wenn
diese schwarzen Zeichnungen einfach in Grün
auf weißem Papier gedruckt werden. Dann habe
ich mir die ganze Zeit das Buch schon so vorge-
01
02
01 Buchcover (Quelle: Verlag Galiani Berlin)
02 Kat Menschik – Hobbygärtnrerin
und famose Illustratorin
(Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)
03-05 Schöne Seiten aus dem Buch
(Quelle: Verlag Galiani Berlin)
06 Die Buchautorin bei der Arbeit
(Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)
07 Herrlich! (Quelle: Verlag Galiani Berlin)
Geschenke! ! !
Wem das Buch gefällt, schreibt uns kurz
warum. Die lustigsten fünf Kommen-
tare bekommen vom Verlag bzw. uns
ein kleines Garten-Paket mit Postkarten
zum Buch und ein paar Samentütchen!
Mail an redaktion@strassenfeger.org
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 TAUFRISCH & ANGESAGT | 25 Aktuel l
stellt, wie es jetzt auch aussieht. Dass das quasi
wie so ein Stück Rollrasen ist. Dass da überall
Grün ist, und überall exakt gleich grün. Auf dem
Cover, im Schnitt und im Innenteil. Und es war
wirklich alles Grün in Grün. Als ich dann fertig
war, habe ich gedacht, ein bisschen fehlt was. Ein
bisschen Farbe muss hier noch rein. So habe ich
mich im Nachhinein entschlossen, die acht Farb-
seiten, die im Buch sind, noch zu malen. Dafür
habe ich – ich schätze mal seit 20 Jahren – zum
ersten Mal wieder einen Pinsel rausgeholt und
mit Pinsel und Farben wieder richtig gemalt. Ich
habe hier vor meinen Blümchen gesessen und die
abgemalt. Das hat großen Spaß gemacht.
Das hat sich wirklich gelohnt!
Ja ich finde, die müssen auch sein, nicht
wahr!? Es ist wenig und der große Inhalt findet
auf den grünen Seiten statt, aber man bleibt schon
hängen an den acht Farbseiten. Und ich möchte
das und brauche das auch in einem Gartenbuch!
Auf diesen Seiten gibt es aber nicht nur wun-
derschöne Pflanzen, sondern auch wunderbare
Tiere!
Ja! Es ist ein ziemlich großer Garten. Und
der liegt direkt am Dorfrand. Ich habe nur zu
einer Seite Nachbarn, ansonsten gibt es eine
Feldseite und eine Waldseite und eine Seite zu
einer Koppel. Und deshalb haben wir hier sehr
oft tierische Besucher. Und deshalb gehört das
auch in das Buch rein. Weil wir sie mögen. Und
weil die bei uns auch überleben dürfen. In der Regel. Außer
Mücken und Nacktschnecken!
Große Momente und kleine Niederlagen?
Große Momente, das ist, wenn man in einem fertig her-
gerichteten Garten sitzt oder man weiß, jetzt muss ich noch
den Rasen mähen die Sonne scheint, man sitzt bei einer Tasse
Tee oder einem Glas Wein, schaut in die Natur, hört die Vö-
gel zwitschern und ist einfach glücklich dabei. Oder man be-
obachtet Tiere. Das ist großartig. Und natürlich ist es auch
großartig, wenn Pflänzchen anfangen zu blühen oder wenn
es mir gelingt, dass die Pflanzen nicht eingehen. Womit wir
dann ja auch bei den Niederlagen wären. Denn das ist mir oft
genug passiert, dass die eingehen. Dass ich ein mein ganzes
Taschengeld nehme, um eine neue Staude zu kaufen. Und
dann gibt es so Widrigkeiten wie Wühlmäuse, Trockenheit,
Nacktschnecken, die mir das alles wieder zerstören können.
Der Garten ist ein Familienmitglied, schreiben Sie...
Ja, das würde wahrscheinlich jeder unterschreiben, der
längere Zeit einen Garten sein Eigen nennt. Man fängt ja an zu
pflanzen. Und ob das ein ganz kleiner Minibaum ist, oder ein
Büschchen oder eine großer Baum, ich habe z. B. eine Platane
und Birken gepflanzt, man beobachtet die im Laufe der Jahre,
wie sie wachsen und größer werden... Ich kann mir das gar
nicht vorstellen, aus diesem Garten jemals wegzugehen, weil
diese Pflanzen ja alle meine Schützlinge sind. Ich will immer,
dass es ihnen gut geht und ich möchte wie bei Kindern sehen,
wie die größer werden. Bei den meisten werde ich das nicht
erleben, dass sie erwachsen sind.
»Manchmal fühle ich mich wie eine orientierungslose
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strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 26 | TAUFRISCH & ANGESAGT Aktuel l
Anfängerin...«
(fängt an, schallend zu lachen) Ja, das pas-
siert wirklich in jeder Saison wieder, dass ich bei
meinen Nachbarinnen in den Gärten bin und
denke, diese Rabatten, sind die schöööön. Und
so dicht! Und so perfekt aufgebaut! Im vorde-
ren Teil die kleineren Pflänzchen, dahinter die
größeren Stauden, und farblich ist das alles so
wunderbar arrangiert. Hach, denke ich dann, in
diesem Jahr will ich das auch. Und dann klappt
das wieder nicht. Dann habe ich zu viel gepflanzt
oder zu wenig, und es gehen Pflanzen ein oder es
entstehen große Lücken. So richtig kriege ich das
immer noch nicht hin.
Sie leiden an Blumenkaufsucht...
Ich leide wie so viele meiner Freundinnen
absolut gar nicht unter einem Schuhtick oder
Klamottentick oder darunter, dass ich ständig
shoppen muss! Das ist mir relativ fremd. Ich ver-
bringe meine Zeit lieber im Blumenmarkt oder
im Baumarkt. Da kann ich dann aber auch nicht
vorbeigehen. Da muss ich immer was Kleines
mitnehmen und einpflanzen!
Gärtners Glück – Gärtners Pech?
Ganz toll ist, wenn ich denke, in diesem Jahr
ist mein Garten am allerschönsten! So schön war
der noch nie! Ich weiß gar nicht, ob das stimmt.
Aber das ist schon ein großes Glück, wenn man
das jedes Jahr sagen kann.
Die besten Tipps kriegen Sie sicher von Ihrer
Freundin Henni?
Jawohl! Meine Freundin Henni ist eine ver-
sierte Gärtnerin, insbesondere eine Gemüse-
gärtnerin. Sie gibt mir selten Tipps zu Blumen,
weil sie gar nicht so viele hat. Dafür aber einen
fantastischen, großen Gemüsegarten! Henni
könnte fast Selbstversorgerin sein. Ich kann so
viele Tipps, die sie hat, oft gar nicht umsetzen,
weil ich selbst gar keinen Gemüsegarten mehr
habe. Ich habe das einmal probiert, habe alles
schön vorbereitet und im Frühjahr sah der auch
fantastisch aus mit ganz exakt abgesteckten Bee-
ten nach einem Pflanzplan. Leider wurde der mir
während des ersten Sommers dermaßen zerstört
von Sonne, Schnecken, Unkraut. Da habe ich ge-
merkt, dass man als Wochenendgärtnerin keinen
Gemüsegarten pflegen kann. Und deshalb habe
ich den wieder platt gemacht. Ich sage mir aber
immer wieder: Wenn ich irgendwann ganz hier
rausziehe, dann lege ich als allererstes wieder ei-
nen Gemüsegarten an!
Ihre Lieblingsblume ist...
Im Frühjahr der Flieder! Weil, der duftet
am allerschönsten! Fliederduft könnte ich ja
das ganze Jahr haben! Im Sommer liebe ich sehr
die Cosmeen, die sehen immer soooo zart aus!
Und eigentlich sind die auch sehr dankbar im
Garten. Ach, es gibt so viel! Im Frühjahr sind
die Magnolien ganz toll. Jetzt bin ich gerade auf
Dahlien. Ich habe ganz viele bunte Dahlien! Die
kann man ausbuddeln im Herbst. Man lässt die
Knollen trocknen und kann die im nächsten Jahr
wieder benutzen.
Lieblingsfrucht & liebstes Gemüse?
Kirschen von unserem Kirschbaum! Tomaten.
Handarbeit?
Ich zeichne immer mit Feder und Tusche
auf Papier. Das ist die analoge Arbeit dabei. Ich
zeichne auch immer auf A4-Druckerpapier, weil
sich das, wenn die Arbeit getan ist, so gut weg-
heften lässt. Dieses Papier eignet sich dann aber
sehr gut dafür, es zu scannen. Ich scanne also
meine A4-Schwarz-Weiß-Zeichnungen und be-
arbeite sie dann noch mal im Rechner. Die End-
ergebnisse, die dann auch gedruckt werden, sind
digital. Ich retuschiere oder jetzt im Gartenbuch
die Schrift, die ich immer mit der Hand geschrie-
ben habe, die war oft nicht ganz ausgeglichen,
die habe ich dann am Rechner noch mal verscho-
ben. Ich koloriere am Computer, und wenn ich
Muster mit Schatten hinterlege, das mache ich
alles am Rechner.
Gerade »Der Golden Grubber« sieht aus, als
wäre alles von Hand gemacht, als wären es
Holz-oder Linolschnitte?
Das habe ich schon öfter gehört, aber das ist
alles mit der Feder gezeichnet, deshalb benutze
ich sie auch so gerne. Die Feder hat ja auch diesen
schönen Duktus einer nicht ganz gleichmäßigen
Linie. Ich könnte die Arbeit ja auch mit einem Ta-
blet machen oder einem Fineliner, wo man immer
die exakt gleiche Strichstärke hat. Aber mit der
Feder knurkelt die Linie immer so schön. Oder
man kann auch sagen, dass sie immer so lebendig
aussieht, wenn man näher rangeht. Dass sie nicht
so glatt ist. Daher kommt dann dieser Eindruck.
Und wenn ich eine Zeichnung durchzeichne mit
ganz vielen Strukturen drin, dann mag das sicher
so etwas Holzschnittartiges haben.
Ihr Garten ist auserzählt, woran arbeiten Sie
gerade?
Ich habe gerade ein Buch fertig, das erscheint
im August. Dafür habe ich das »Kalevala« illus-
triert, das ist das finnische Nationalepos, da hat
Tilman Spreckelsen die Geschichte der »Kale-
vala« nacherzählt. Und gestern habe ich gerade
ein Manuskript bekommen, daran werde ich im
Sommer arbeiten. Das ist ein Kinderkrimi!
In zehn Jahren gibt es dann doch noch den zwei-
ten Teil des »Goldenen Grubbers«?
Eigentlich nicht so ungern. Mir sind im letz-
ten halben Jahr schon so Kleinigkeiten aufgefal-
len, bei denen ich gedacht habe, ach Mist, hätte
gut ins Buch gepasst! Mal gucken!
Was ist Luxus für Sie?
Mit meinem Kaffee in der Hand morgens aus
der Küchentür zu kommen und barfuß auf der
Wiese zu stehen. Mehr brauche ich nicht!
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 TAUFRISCH & ANGESAGT | 27 Sport
»Glückliche Athleten,
zufriedene Zuschauer
und ein Fotofinish«
Spitzenleistungen bei den 36. Internationalen Deutschen Leichtathletik-
Meisterschaften der Behinderten
B E R I C H T: C l a u s F r o e mmi n g / A n d r e a s D ü l l i c k
»
Glückliche Athleten, zufriedene Zuschauer und ein
Fotofinish zum Schluss bei den 200m-Sprintern –
mehr geht nicht. Unterm Strich ist alles gut gelaufen
und ich freue mich schon auf die nächsten IDM im
kommenden Jahr.« Dieses tolle Fazit zog der Veran-
staltungschef Klass Brose vom Behinderten-Sportverband
Berlin zum Abschluss der 36. Internationalen Meisterschaf-
ten in der Leichtathletik der Behinderten im Berliner Fried-
rich-Ludwig-Jahn-Sportpark. Insbesondere die deutschen
Athleten glänzten in Berlin und erzielten bei Wind und Regen
gleich drei deutsche Rekorde.
Irmgard Dorethy Bensusan (TSV Bayer 04 Leverkusen)
verbesserte in der Startklasse 44 (Verlust Unterschenkel)
die deutschen Rekorde über 200m (27,39s) und 400m
(1:04,98min). Paralympicssieger Markus Rehm (TSV Bayer
04 Leverkusen) gewann den Weitsprung in der Startklasse
44 (Verlust Unterschenkel) bei widrigen Bedingungen mit
sensationellen 7,88 Metern. Damit blieb er nur sieben Zen-
timeter unter seinem eigenen Weltrekord von 2013. Vanessa
Low aus Leverkusen sprintete die 100m in der offenen Klasse
in 15,96s. Damit belegte sie hinter der starken Niederländerin
Marianne Verdonk (13,67s) zwar »nur« den zweiten Platz.
Trotzdem schob sie sich mit dieser bei Wind und Regen erziel-
ten neuen persönlichen Bestzeit in der Startklasse 42 (Verlust
Oberschenkel) auf Platz eins der ewigen deutschen Besten-
liste. Auch im Weitsprung musste sich Weltrekordhalterin
Vanessa Low geschlagen geben. Mit 4,19m belegte sie hinter
der Britin Stefanie Reid (5,29m) den Rang zwei. Schon im
Vorfeld der Wettkämpfe hatte die smarte Sportlerin betont,
dass sie in der Form ihres Lebens ist. Ihr großes Fernziel sind
nun die Paralympics 2016 in Rio. Dort will sie unbedingt eine
Medaille gewinnen.
Das 100m-Rennen in der Startklasse 44 gewann der Para-
lympicssieger Arnu Fourie aus Südafrika in 11,24s vor Felix
Streng aus Leverkusen (11,44s) und dem Niederländer Ro-
nald Hertog (11,80s). Höhepunkt des dritten Wettkampftags
war das 200m-Rennen der Männer in der Startklasse 44.
Dabei traf Fourie, ehemaliger Weltrekordhalter über diese
Strecke, wie schon über 100m wieder auf seinen deutschen
Herausforderer Felix Streng. In einem Fotofinish lag Fourie
um eine Nasenlänge vorn und gewann in 22,98s vor Streng
(23,01s) und Nick Weihe vom PSC Berlin (25,10s).
Beim Kugelstoßen dominierte wieder einmal die Grand Dame
der Paralympics, die Lokalmatadorin Marianne Buggenhagen:
Sie stieß in der Startklasse 55 mit 6,84m Saisonbestleistung
und reist nun mit Medaillenhoffnungen zu den Europameis-
terschaften nach Swansea. Einen »Beinahe«-
Weltrekord sahen die 500 Zuschauer im Hoch-
sprung der Männer (offene Startklasse). Der
unterschenkelamputierte Brite Jonathan Broom-
Edwards hatte 2,14m auflegen lassen, scheiterte
nur um Haaresbreite. Den Wettbewerb gewann
er mit überquerten 2,09m souverän.
An drei Wettkampftagen waren 562 Athlet_in-
nen aus 34 Nationen in insgesamt 216 Entschei-
dungen am Start. Organisationschef Dr. Ralf
Otto: »Leider hat Petrus nicht ganz mitgespielt.
Es war zum Teil böig und regnerisch, das hat na-
türlich Top-Zeiten und internationale Rekorde
verhindert. Trotzdem waren die sportlichen
Leistungen deutlich besser als das Wetter ver-
muten ließ.« Die 36. IDM Leichtathletik gehör-
ten in diesem Jahr erstmals zur internationalen
Wettkampfserie IPC Athletics Grand Prix. Das
sind weltweit insgesamt neun Meetings in Dubai
(Vereinigte Arabische Emirate), Peking (China),
Sao Paulo (Brasilien), Arizona (USA), Nottwil
(Schweiz), Grossetto (Italien), Tunis (Tunesien)
und Berlin. Die besten Athleten der Grand Prix-
Serie erhalten eine Einladung zum IPC Grand
Prix-Finale in Birmingham (Großbritannien) am
25. August 2014.
I NFO
Alle Ergebnisse auf:
www.idmleichtathletik.de
Behinderten-Sport-
verbandes Berlin e.V.:
htp://bsberlin.de
Die Sprinterin Vanessa Low (Foto: Andreas Düllick ©VG Bild-Kunst)
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 28 | TAUFRISCH & ANGESAGT Sport
»Da ist das Ding!«
»Ocker-Beige-Berlin« bei der Deutschen Straßenfuß-
ballmeisterschaft der Wohnungslosen in Karlsruhe
B E R I C H T: A n d r e a s D ü l l i c k | G a n g wa y Te a m B r e n n p u n k t e
A
m 20. und 21. Juni fand auf dem zen-
tralen Schlossplatz in Karlsruhe die
diesjährige Deutsche Straßenfußball-
meisterschaft der Wohnungslosen
statt. 22 Teams aus dem gesamten Bundesgebiet
nahmen teil. Auf einem extra für die Meister-
schaft aufgebauten Straßenfußballplatz (16x22
Meter) spielten 22 Teams von Wohnungslosen-
hilfen, Suchthilfen und Straßenzeitungen von
München bis Kiel für Fairness und Aufmerk-
samkeit. Teams waren dabei. Die Veranstaltung
wurde von der Diakonie Karlsruhe, der Heim-
stiftung Karlsruhe und dem Arbeitskreis Woh-
nungslosenshilfe in Karlsruhe gemeinsam mit
Anstoß! e. V. auf die Beine gestellt. An diesem
Turnier dürfen Spielerinnen und Spieler teil, die
wohnungslos sind, es in den letzten Jahren waren
oder vom Straßenzeitungsverkauf leben. Jeweils
drei Feldspieler und ein Torwart sowie vier Aus-
wechselspieler bilden ein Team, ein Spiel dauert
zwei Mal sieben Minuten.
Auch mit dabei: »Ocker-Beige-Berlin«, die
Mannschaft des Teams Brennpunkte bei Gang-
way e.V. Am ersten Tag wurde in sechs Gruppen
die Vorrunde des Turniers ausgetragen. Gleich
in ihrem ersten Spiel gegen die »Street-Soccer
Karlsruhe« legten die »Ocker-Beigen« los wie die
Feuerwehr und gingen früh mit 1:0 in Führung.
Da das Team noch nie zuvor in einem Soccer-
Court gespielt hatte, waren die Spieler nicht
darauf eingestellt, dass es laut Regelwerk nach
einem Tor keinen Anstoß gibt, sondern direkt
weiter gespielt wird. Während die Berliner noch
ihren Treffer bejubelten, fiel völlig überraschend
der Ausgleich. Am Ende stand es 4:3 für Karls-
ruhe. Nach einer weiteren Niederlage gegen die
»Dirty Devils« aus Gifhorn (6:1) bestand im
letzten Spiel gegen »Hannibals Erben« aus Kiel
aufgrund des besseren Torverhältnisses noch die
Möglichkeit, bei einem Sieg Gruppenzweiter zu
werden und somit ins Achtelfinale einzuziehen.
Nach einer 2:0 Führung ging das Spiel jedoch
noch 3:2 verloren und die Berliner wurden leider
nur Gruppenletzter. Zusammen mit den anderen
Gruppenletzten spielten sie am nächsten Tag um
den »City-Cup« der Stadt Karlsruhe.
Am zweiten Tag lief »Ocker-Beige« zur Bestform
auf, startete eine Siegesserie und fegte die Gegner
reihenweise vom Court. Zunächst feierten die
Jungs einen 7:6 Kantersieg gegen die »Lauterer Buwe«, bevor
sie das Team aus Düsseldorf im Halbfinale demoralisierten
und ins Finale einzogen. Hier trafen die Hauptstadt-Kicker
auf den Frankfurter Verein und unterlagen nach glorreichem
Kampf in einem nervenzerreißenden und an Spannung nicht
zu übertreffenden Spiel letztendlich knapp mit 8:1. Unter dem
Jubel seiner Anhänger wurde dem Team von »Ocker-Beige-
Berlin« der Pokal für den zweiten Platz beim »City-Cup«
überreicht. Auch die Jungs selbst waren stolz und glücklich:
»Wir wollten unbedingt mit einem Pokal wieder nach Hause
fahren. Während der Vierte der Deutschen Meisterschaft le-
diglich eine Urkunde erhielt, haben wir unser Ziel erreicht
und haben den Pott.« Eine taktische Meisterleistung des nicht
gerade favorisierten Teams aus Berlin. Die Heimreise wurde
zu einem einzigartigen Triumphzug. An jeder Autobahnrast-
stätte wurde den staunenden Reisenden der Pokal präsentiert:
»Da ist das Ding!«
Bei den Mannschaften, die um den Deutschen Meistertitel
spielten, setzte sich der Titelverteidiger von »Jugend hilft Ju-
gend« aus Hamburg durch. Den »Fair-Play-Pokal« für ein fai-
res Miteinander auf und neben dem Platz wurde an den »Ka-
landhof« aus Celle verliehen. Aus allen teilnehmenden Teams
wurde außerdem noch ein Kader für das »Team Germany« zu-
sammengestellt, welches hoffentlich am diesjährigen Homel-
ess World Cup im Oktober in Chile teilnimmt. Momentan
werden dafür Sponsoren gesucht. Auch der Deutsche Fußball
Bund ist hier gefragt. Der strassenfeger hatte den DFB nach
dem Homeless World Cup 2013 in Poznań um Unterstützung
für die deutsche Nationalmannschaft der Wohnungslosen-
Fußballer angefragt, die auch von der DFB-Führung zugesagt
wurde. Aber auch nationale Großkonzerne könnten hier ihr
soziales Engagement zeigen.
Das Gangway-Team
»Ocker-Beige-Berlin« in
Karlsruhe (Quelle: Gangway)
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 AUS DER REDAKTION | 29 Ratgeber
I NFO
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Ein erzwungener Darlehens-
vertrag ist rechtswidrig
WICHTIGE URTEILE DES BUNDESSOZIALGERICHTS TEIL 3
R ATG E B E R : J e t t e S t o c k f i s c h
D
as Bundessozialgericht (BSG) hat in
seinem Urteil vom 22.3.2012 – Az. B
4 AS 26/10 R festgestellt, dass ein er-
zwungener »freiwilliger« Darlehens-
vertrag rechtswidrig ist.
Hierbei geht es im Prinzip um die häufige Praxis
der Jobcenter, Leistungen, auf die ein Rechtsan-
spruch besteht, nur zu gewähren, wenn sich Be-
troffene per Darlehensvertrag dazu verpflichten,
das Geld wieder zurückzuzahlen. Unter dieser
Drohung sehen sich viele Betroffene gezwungen,
den Darlehensvertrag zu unterschreiben, weil sie
das Geld einfach sofort benötigen.
Besteht ein Rechtsanspruch auf eine Leistung, ist
die Darlehensvergabe für diese Leistung rechts-
widrig. Das BSG argumentierte u. a.: »Nach § 46
Abs. 2 SGB I ist der Verzicht auf Sozialleistun-
gen unwirksam, soweit durch ihn andere Perso-
nen oder Leistungsträger belastet oder Rechts-
vorschriften umgangen werden.«
Der »Verzicht auf Sozialleistungen« besteht
hier darin, dass Betroffene über die Tilgung
durch den Darlehensvertrag, auf die ihnen ei-
gentlich in voller Höhe zustehenden Regelsätze
(Sozialleistungen) verzichten. Jedoch ist dieser
Verzicht durch ein Darlehen nicht grundsätz-
lich rechtswidrig. Muss z. B. ein Kühlschrank
ersetzt werden und es ist weder Vermögen noch
anderes Einkommen vorhanden, sieht das Ge-
setz in der Regel die Vergabe eines Darlehens
vor (§ 24 Abs. 1 SGB II).
Die Rechtsvorschriften werden jedoch nach o.g.
§ 46 SGB I umgangen, wenn auf die Leistungen
ein Rechtsanspruch besteht und das Jobcenter
nur bereit ist, ein Darlehen zu vergeben. Das
ist rechtswidrig, denn zu einem Darlehensver-
trag darf niemand gezwungen werden, wenn ein
Rechtsanspruch auf die Leistung besteht. Bei-
spiel: Durch Obdachlosigkeit verursacht wird
für eine Wohnung eine Erstausstattung bean-
tragt. Das Jobcenter lehnt den Antrag ab, weil
vor Jahren schon einmal eine Erstausstattung
für eine Wohnung gewährt wurde. Jedoch er-
klärt es sich zur Gewährung der Erstausstattung
bereit, wenn der Betroffene einen Darlehens-
vertrag unterschreibt. Hier wird die Rechtsvor-
schrift auf Gewährung der Erstausstattung als
Zuschuss umgangen. Der Darlehensvertrag ist
deshalb unwirksam. Er sollte sofort durch Wi-
derspruch angefochten werden. Natürlich erst
sofort nach Erhalt des Geldes.
In diesem Ratgeber wurde das Thema der
Zwangskredite schon mehrmals behandelt. Es
wurde auch schon mehrmals darauf hingewie-
sen, dass die Vorgehensweise rechtswidrig ist. In
der Sozialberatung wurde Betroffenen geholfen,
die Darlehensverträge rückgängig zu machen
und das vom Jobcenter einbehaltene Geld zu-
rück zu erhalten, denn die Mitarbeiter wissen,
dass Zwangskredite rechtswidrig sind!
In dem o.g. Urteil ging es um ein rechtswidri-
ges Darlehen für eine Kaution nach Rechtslage
vor 2011. Zur Zeit dieser Darlehensvergabe
war die Kautionsgewährung in der Regel als
Zuschuss vorgesehen. Mit den Gesetzesände-
rungen zu 2011 wurde der Zuschuss zur Kau-
tion abgeschafft und die Kaution voll unter den
Darlehensparagrafen 42 a eingeordnet, ohne
dass dafür eine bestimmte Summe zusätzlich
im Regelsatz vorgesehen ist.
Das BSG argumentierte hier: »Mit diesem Ver-
zicht würden daher die für den streitigen Zeit-
raum geltenden gesetzgeberischen Wertent-
scheidungen zur Ausgestaltung des Grundrechts
zur Ausgestaltung des Grundrechts auf Gewähr-
leistung eines menschenwürdigen Existenzmini-
mums unterlaufen.« Dieser Satz sollte auch für
die Kautionsgewährung nach den Gesetzesände-
rungen 2011 anwendbar sein.
Denn die Rechtmäßigkeit der langen Zeit der
Abzahlung des Darlehens für eine Kaution ist
zumindest verfassungsmäßig »bedenklich«. So
müsste für eine Kaution (z. B. in Berlin) etwa
ein Darlehen von rund 750€ (Nettkaltmiete
250€ x 3=750€) aufgenommen werden. Das
heißt für einen Zeitraum von fast 20 Monaten
fehlen den Betroffenen jeden Monat knapp 40
Euro. Das sah das Berliner Sozialgericht (Az. S
37 AS 24431/11 ER vom 30.9.2011) ähnlich
und lehnte ein Darlehen in diesem Fall ab. Die
Klägerin war ohne Vermögen, ohne zusätzli-
ches Einkommen und zurzeit ohne Aussicht,
arbeiten zu können.
strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 30 | AUS DER REDAKTION Kol umne
Karikatur: Andreas Prüstel
Aus meiner Schnupftabakdose
KOL U MNE : K p t n G r a u b ä r
»
Hurra! Wir werden reicher!« könnten am 1. Juli die
Rentner rufen. An diesem Tag greift die Rentenan-
passung. Es gibt 1,7 Prozent mehr für jeden Rentner,
und das monatlich! Allerdings sollten sie sich nicht
zu früh freuen und womöglich Pläne schmieden, wie
sie das Geld verprassen können. Im Schnitt nimmt ihnen das
Finanzamt gleich wieder 25 Prozent davon weg. Da bleiben
dann also nur 1,2 Prozent, und dieser Summe steht dann
eine Inflationsrate von 0,9 Prozent gegenüber. Ganze 0,3
Prozent bleiben und sollen für ein Jahr reichen, den Kauf-
kraftverlust auszugleichen.
Für einen relativ gut versorgten Durchschnittsrentner, der um
die 1 000 Euro im Monat hat, sind das 3,50 Euro mehr im
Monat. Wenn er die brav spart, kann er sich alle Vierteljahr
eine Pizza leisten oder einmal im Monat ein Weizenbier in der
Eckkneipe, jedenfalls theoretisch. Für Rentner mit niedrige-
ren Bezügen gilt das natürlich nicht. In Wirklichkeit ist näm-
lich die Inflationsrate viel höher als 0,9 Prozent. Der niedrige
Wert kommt dadurch zustande, dass Computer und Autos
billiger geworden sind, die Preise für Benzin und Heizöl vorü-
bergehend nachgelassen haben und sogar Gemüse wohlfeiler
geworden ist. Andere Lebensmittel, zum Beispiel Molkerei-
produkte und Fleisch sind erheblich teurer geworden. Die
astronomischen Mietpreiserhöhungen und die stetig höher
werdenden Stromrechnungen, mit denen wir unseren Plane-
ten retten, sind mit dieser Rentenanpassung auch nicht zu
begleichen. Vielleicht sollten sich Rentner daran erinnern,
wie lecker nach dem Krieg ein Margarinebrot mit Radieschen
oder Tomaten schmeckte …
Wie eine ordentliche Versorgung aussehen muss, macht
uns der SPD-Vorsitzende und Wirtschaftsminister Gabriel
vor. Zu seinen 14 000 Euro Ministergehalt und 4 000 Euro
Abgeordnetendiäten gönnt er sich weitere 2 000 Euro Auf-
wandsentschädigung für seine Nebentätigkeit als Parteivor-
sitzender. Die bekommt er aus den Beiträgen der Mitglieder,
die ja mit ihrem Beitritt zur SPD für den sozialen Fortschritt
kämpfen wollen. Das wäre dann ja erreicht, wenn Gabriel so
einkommensmäßig mit der Kanzlerin fast auf Augenhöhe ist.
Man fragt sich, was darüber seine Parteigenossen denken,
die ebenfalls ehrenamtlich in Nebentätigkeit für die Partei
arbeiten und auch noch die Plakate kaufen müssen, die sie
aufhängen. Man darf gespannt sein, wann der Wirtschafts-
minister beim ersten zarten Konjunkturrückgang uns auf-
fordert, den Gürtel enger zu schnallen. Anderseits ist der
Vorgang auch ein schönes Beispiel für die Transparenz in der
Politik. Wenn man sich Herrn Gabriel anschaut, sieht man
deutlich, wo sein Zugewinn bleibt …
Es gibt aber auch schöne Neuigkeiten. Unsere Kinder wer-
den immer intelligenter. Bei den Abiturprüfungen schnellt die
Zahl der Zeugnisse mit einem Notendurchschnitt 1,0 Jahr für
Jahr in die Höhe. 4 600 haben jetzt diese Traumnote erreicht.
Auch die Durchschnittsnote aller Abiturienten verbessert sich
ständig. Die Berliner Schüler schneiden da am besten ab, sie
haben ihren Schnitt von 2,68 auf 2,4 verbessert. Da werden
sich viele Eltern schämen, ihrem Nachwuchs ihr eigenes Rei-
fezeugnis zu zeigen, das oft nur ausreichende oder befriedi-
gende Leistungen bescheinigt. Ich befürchte auch, dass ich
eines Tages ein Schreiben meiner alten Schule bekommen
werde, in dem mir mitgeteilt wird, dass meine Noten nicht den
heutigen Ansprüchen genügen und meine Versetzung in die
Oberprima widerrufen wird. Natürlich wird dann auch mein
Abitur für ungültig erklärt. Wir haben damals in der Schule
nur Wissen erworben. Das veraltet mit den Jahren, wenn man
nicht aufpasst. Unsere Kinder erwerben Kompetenzen, zum
Beispiel die Kompetenz, ein Reifezeugnis zu erlangen. Wissen
ist dabei eher hinderlich und obendrein überflüssig, denn es
steht ja alles in Wikipedia oder lässt sich leicht ergoogeln.
Vorschau
strassenfeger Nr. 14
»Berlin, Berlin«
erscheint am 14. Juli 2014
»GUERILLA GARDENING«
»EINE BOOTSFAHRT, DIE IST LUSTIG!«
»BERLINER SCHNAUZE«
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strassenfeger | Nr. 13 | Juli 2014 AUS DER REDAKTION | 31
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