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Erich Sauer

DIE BIBEL - DAS BUCH DER HEILSGESCHICHTE

Gott - der Herr der Geschichte

Als der Überzeitliche durchschaut Gott alle Zeit. Als der Schöpfer des Geschichtsverlaufs und als
Weltregent von Him mel und Erde durchwaltet er den ganzen Werdegang. Als der Herr der
Geschichte kann er darum auch als einziger die Deu tung der Geschichte geben.

Dies tut er durch seine Offenbarung in Wort und Geschichte. Bei aller Selbstverhüllung Gottes im
Ablauf der Entwicklung bezeugt er sich durch den Mund seiner Propheten, durch sein Walten in
Gericht und Gnade im Einzel- und Völkerleben, durch die Verknüpfung der Ereignisse nach dem
Gesetz von Saat und Ernte.

Urkunde hiervon ist die Bibel. Darum ist die Bibel „das Buch der Menschheit", der Schlüssel zum
Weltgeschehen. Von der Stellung zu ihr hängt somit alles Verständnis des menschheitlichen
Gesamtwerdegangs ab. Dieses sein Buch hat Gott wunderbar geordnet.

"Die heiligen Menschen Gottes haben geredet, getrieben von dem Heiligen Geist" (2. Petr. 1,21).
"Alle Schrift ist von Gott eingegeben" (2. Tim. 3, 16).
"Heilige sie in deiner Wahrheit. Dein Wort ist die Wahrheit" (Joh. 17, 17).

„Wort Gottes“ und „Buch Gottes“

„Wort Gottes" und „Buch Gottes" sind - was den Begriffs umfang betrifft - nicht ohne weiteres
dasselbe. Vielmehr ragt der Ausdruck „Wort Gottes" über den Ausdruck „Buch Got tes" hinaus. Er
schließt ihn dabei aber zugleich in sich ein.Vom „Wort" Gottes haben wir in dreifachem Sinn zu
reden.

1. Christus ist das personhafte „Wort", der „Logos", der von Ewigkeit her anfangslos und
wesensgleich als Gott in Gott und bei Gott ist und der dann, bei und seit Erschaffung der Welt,
das „Wort" ist, das Gott spricht, der Offenbarer des We sens, der Gedanken und Taten Gottes,
der Mittler der Welt schöpfung, der Welterhaltung, der Welterlösung und der Herr des
Weltgerichts.

2. Von Ihm zeugt das verkündete „Wort", das „Wort Gottes" als allgemeine Botschaft, als Inbegriff
der biblischen Heilswahrheit, als Verkündigung schlechthin, als Gesamtheit alles des sen, was
Gott spricht. In diesem Sinne soll alle mündliche Verkündigung der Zeugen Jesu nicht
Menschenwort, sondern „Got teswort" sein (1. Thess. 2, 13) , sowohl das Evangeliumszeug nis
als auch der Dienst am Wort in der Gemeinde (1. Petr. 4, 11) . Dies ist der Sinn fast aller Stellen
des Neuen Testaments, in denen der Ausdruck „Wort Gottes" gebraucht wird.

3. Aus diesem verkündeten Wort ist dann, unter der Leitung und im Namen des personhaften
Wortes, durch die Inspiration des Heiligen Geistes das schriftliche „Wort Gottes", das Buch
Gottes, die Bibel, hervorgegangen. Aber obwohl dies - seinem Begriffsumfang nach - also einen
engeren Kreis umschließt, hat es doch, seit dem Aufhören der unmittelbaren, prophetisch-
apostolischen Offenbarung geradezu einzigartige, denkbar al lerhöchste Bedeutung. Von nun an
ist alle mündliche „Gotteswort"-Verkündigung schlechthin Ausschöpfung, Auslegung und
Anwendung des schriftlichen Gotteswortes, und das schriftliche ist richtung- und maßgebend
(normativ und korrektiv) für jede rechte Verkündigung des mündlichen Gotteswortes. Darum ist
das urkundliche, biblische Schriftwort vollgültige, gottgegebene, unausweichliche Autorität.
Sieben Hauptgründe veranlassen uns zu dieser Glaubens haltung. Hierbei können wir - im
beschränkten Raum unserer Darlegungen - nur das Grundsätzliche nennen. Einzelheiten würden
den Rahmen unserer Arbeit sprengen. Nicht Darstel lung einer Lehre von der biblischen
Inspiration, nicht wissen schaftliche Einzelbegründung oder Glaubensverteidigung ist hier unser
Ziel, sondern persönliches Glaubenszeugnis.

1. Wir glauben an eine notwendige, volle Inspiration um der absoluten Unzulänglichkeit


des gefallenen Menschen willen.

Denn wie sollten wir sonst überhaupt in der Lage sein, eine gottgegebene Schau zu gewinnen?
Wenn die Bibel eine Mischung von Wahrheit und Irrtum wäre, würden wir selbst ja erst die
Entscheidung zu treffen haben, was in ihr als von Gott gekommen anzuerkennen sei und was wir,
als von Menschen irrtümlich beigemischt, zu verneinen hätten. Wie aber will Menschengeist
unterscheiden können, was göttlich und was mensch lich ist, wenn er nicht einen ihm von Gott
selbst gegebenen, eindeutigen Maßstab hat? Wie könnte unser Geist sich erküh nen, Gottes
Buch zu analysieren oder gar zu sezieren und - meist nach stark subjektiven „Eindrücken“ und
Empfindungen oder auf Grund unzulänglicher Geschichtskenntnisse - dar über zu Gericht zu
sitzen, welches Bibelwort Glaube und wel ches Nichtglaube verdient? Wir, die Gefallenen! Wir,
die nicht nur sittlich, sondern auch geistig und erkenntnismäßig durch die Sünde in Verfinsterung
und Nebel hineingestoßen sind!
„In ihrem Denken verfinstert, dem Leben Gottes entfremdet in folge der Unwissenheit, die in
ihnen . . . wohnt" (Eph. 4, 18) .
„Ein natürlicher Mensch nimmt nicht an, was vom Geiste Got tes kommt; . . . er ist nicht imstande,
es zu verstehen" (1. Kor. 2, 14) .

Die notwendige Folge eines solchen Zustandes ist, daß nun alle göttlichen Dinge durch
Offenbarung von oben her kundgetan werden müssen, daß eine objektive Erkenntnisgrundlage
vom Himmel her gegeben werden muß.

Darum liegt hier auch zugleich der entscheidende Ausgangs punkt für die Lehre von der
biblischen Inspiration. Das, was der gefallene Mensch über Gott denkt, ist unzuverlässig und
meist irrig, ist „Religion“.
Was er erkennen muß, ist, was der Höchste über ihn denkt und was er über sich selbst und
seinen Heilsweg bezeugt.

Diese objektive Heilswirklichkeit ist, ihrem Wesen nach, nicht ein Buch, sondern eine Person. Es
ist der gekreuzigte, auferstandene und zur Rechten Gottes erhöhte Christus, mit dem uns der
Heilige Geist organisch verbindet. Christus ist die lebendige „Wahrheit“, das personhafte „Licht“,
der Quell aller Erkenntnis und als Lichtspender zugleich auch der Retter, der aus der Finsternis
befreit und uns zu Lichteskindern macht.

Von ihm zeugte die erste Generation. Augen- und Ohren zeugen der heiligen Geschichte Jesu
(2.Petr.1,16), Geistoffenbarungen in den Versammlungen der ersten Christen (Apg.11,27),
genaue Berichterstat tung der heilsgeschichtlichen Ereignisse durch gläubige Men schen, die
dabei gewesen waren oder ihre Kenntnisse aus aller erster Quelle erhalten hatten: Durch dies
alles hatte die erste Generation - obwohl sie, was das heilige Buch betrifft, nur erst das Alte
Testament, nicht aber schon das Neue Testament in seiner jetzigen Vollständigkeit besaß -
dennoch eine klare Kenntnis dieser objektiven Heils- und Erkenntnisgrundlage.

Dann aber traten, mit der Abberufung der ersten Generation, diese direkten Botschaften und
Bezeugungen immer mehr zurück. Darum mußte - gleichsam als Fortsetzung dieses aposto
lischen Zeugnisses, den kommenden Geschlechtern die Substanz dieser objektiven, voll
zuverlässigen, geschichts- und lehrmäßi gen Erkenntnisgrundlage erhalten bleiben. Nur so
konnten die kommenden Generationen vor allmählichen Verdunkelungen bewahrt und im
Erkennen, Glauben und Leben klar, frisch und gesund erhalten werden.

Darum fügte Gott zu dem schon vorhandenen Alten Testa ment - und zwar schon in der
apostolischen Zeit selbst - das Neue Testament hinzu. Fortan ist diese ganze Heilige Schrift die
uns von oben gegebene, voll zuverlässige, prophetisch-apostolische Botschaft von der
Heilswirklichkeit Gottes in Christus Jesus.

Ausschlaggebend für die kanonische Gültigkeit einer solchen, zum Alten Testament neu
hinzutretenden Schrift war nicht letztlich die unmittelbare oder mittelbare apostolische Verfas
serschrift. Denn es hat apostolische Briefe gegeben, die wir heute nicht mehr besitzen, die also
im Neuen Testament keine Aufnahme gefunden haben (1. Kor. 5, 9; 2. Kor. 2, 4; Kol. 4, 16).
Vielmehr war die Tatsache entscheidend, daß solche Schrif ten von den Aposteln und ihren
Bevollmächtigten und engeren Mitarbeitern den urchristlichen Gemeinden mit apostolischer
Autorität als glaubensverbindlich übergeben worden waren. Wie Paulus schreibt:
„Wenn jemand unserm Wort durch den Brief nicht gehorcht, den bezeichnet und habt keinen
Umgang mit ihm" (2. Thess. 2, 14) .
Wie die alttestamentlichen, sind nun auch die neutestamentlichen Schriften ein Gnadengeschenk
des Herrn an seine Gemeinde, und als solches erleuchtend und verpflichtend, beschenkend und
heilig fordernd, bestimmend und bindend.

So ist die Bibel das Buch der Wahrheit, lebenbezeugend und lebenvermittelnd, vom Heiligen
Geist geschenkt und vom Heiligen Geist begleitet.
Ohne sie wäre die Gemeinde Jesu hoff nungslos allmählicher Verwirrung und Verflachung
anheim gegeben. Statt Licht und Glauben käme religiöses Zwielicht, statt Nüchternheit
Schwarmgeist, statt Klarheit nebelhafte Verhüllung, und immer mehr würde die Stimme des
Unterbewußt seins, das dann noch dazu oft mißverstandene „innere Licht“, mit Gottes Zuspruch
verwechselt werden, und die objektive Gottesbezeugung würde sich im Lauf der Jahrhunderte
allmäh lich subjektiv verflüchtigen.

Nein, genauso wie wir in bezug auf unser sittliches Vermö gen die Gnade benötigen, so brauchen
wir im Hinblick auf un ser Erkenntnisvermögen - besonders seit dem Verstummen der
unmittelbaren, prophetisch-apostolischen Gottesbezeugung - eine absolut zuverlässige
Offenbarungsurkunde, eine volle, biblische Inspiration!

Ohne den Glauben an eine volle Inspiration öffnen wir der Willkür des Subjektivismus Tür und
Tor. Der Rationalismus steigt auf den Thron, und letzten Endes steht unser unvollkom mener,
durch den Sündenfall verdunkelter Menschenverstand als der Richter über Gottes Buch und
Gottes Wort da. Das aber sei ferne!
Der auf der Anklagebank sitzende Sünder kann nim mermehr die Fähigkeit und das Recht haben,
selber auf dem Richterstuhl Platz zu nehmen, um zu entscheiden, was Gott ge sagt haben
könnte und was nicht. Dies bezieht sich auf den Gesamtorganismus der göttlichen Offenbarung
und Heilsur kunde bis hinein in ihre kleinsten Bestandteile.

Dies alles gilt zunächst und in erster Linie im Hinblick auf die Heilslehre der Schrift. Da aber die
Offenbarung zugleich Heilsgeschichte ist, kann ihr lehrhafter Inhalt von dem ge schichtlichen
Element einfach nicht losgelöst werden. Manche Lehren der Schrift hängen schlechthin davon
ab, ob der biblische Geschichtsbericht überhaupt richtig ist, daß Jesus z. B. diesen oder jenen
Ausspruch getan hat, also diese oder jene Lehre überhaupt verkündigt hat. Mit einer Unsicherheit
geschicht licher Berichte würde sich zugleich auch eine Unsicherheit ge wisser Heilslehren
verbinden.

Zweifellos ist die Bibel kein Lehrbuch der Geschichte - wie sie ebensowenig ein Lehrbuch der
Naturwissenschaft ist -; aber bei der unzerreißbaren Verkettung von Lehre und Ge
schichtsbericht muß ebenso stark betont werden, daß auch die biblischen Geschichtsmitteilungen
zuverlässig sein müssen.
2. Wir glauben an eine folgerichtige, volle Inspiration um der inneren Beziehung zwischen
Wort und Gedanke willen.

In jeder klaren Aussage gehört zum unmißverständlichen Aus druck des Gedankens eine
sorgfältige Wahl der entsprechenden Worte. Wohl sind die Worte der menschlichen Sprache zu
nächst nur lautliche Symbole und Zeichen für gemeinte Gedan ken; denn der Mensch denkt nicht
in Worten, sondern in Vor stellungen. Dies widerlegt aber nicht die Tatsache, daß alles Geistige,
wenn es zu klarer Entfaltung gelangen soll, sich im Wort offenbart. Ein Gedanke wird erst dann
recht eigentlich zum oberbewußten Gedanken, wenn aus dem Unterbewußt sein des Empfindens
und dem unbestimmten Eindruck des Wol lens und Fühlens das Wort herausgeboren wird. Wie
eben erst durch die Geburt das keimende Leben zum Menschen oder Tier wird, so wird auch erst
durch das Wort die geistige Mög lichkeit und die geistige Urempfindung zur klar geistigen Voll-
Wirklichkeit. Das Wort ist gleichsam der „Leib“ des Gedan kens, die Sichtbarkeit und Form des
Geistes. Wankt darum das Wort, so wankt auch der Sinn, und alles wird in Nebel verflüchtigt. Die
Parole „Geist ohne Wort“ ist darum ein „Wort ohne Geist“ !

Das aber bedeutet im Hinblick auf die biblische Inspiration: Sind die Gedanken inspiriert, dann
müssen es auch die Worte sein. Ohne Inspiration der biblischen Worte wären auch die biblischen
Gedanken ohne feste Gestalt. Eine gewisse Abände rung (Variierung) der Worte schließt in einer
großen Anzahl von Fällen auch eine mehr oder weniger starke Abwandlung der Gedanken oder
Gefühlswerte in sich ein.

Unklar und unbefriedigend ist darum der Satz, die biblische Inspiration sei wohl eine Inspiration
des Wortes, nicht aber auch der Wörter gewesen, das heißt, eine Inspiration der Heilsbotschaft
allgemein, nicht aber zugleich auch all ihrer sprachlichen Einzelausdrucksformen, geschichtlichen
und son stigen Einzelangaben.

Tatsache ist, daß gerade die Feinheiten und Nuancen der biblischen Ausdrucksformen - also
gerade der „Wörter“ - oft ganz besondere Schönheiten des biblischen „Wortes“ ausmachen. Mit
Recht sagt Johann Albrecht Bengel:
„Den Propheten wurden alle Worte genau vorgeschrieben, die sie reden und schreiben sollten ...
Gott hat ihnen mit den Ideen zugleich auch die Worte gegeben".
„Wir kämpfen", er klärt Spurgeon, der König unter den Predigern, „um jedes Wort der Bibel . . .
Wenn uns die Wörter genommen werde so geht uns damit der klare Sinn ganz von selbst
verloren". - „Die Bibel ist der Himmel in Worten" (Monod).

Unzureichend wäre auch die Überzeugung von einer bloß Personal - Inspiration. Es geht um die
heiligen Texte selbst. Denn Paulus erklärt ausdrücklich - und er spricht in dieser3 seiner
Feststellung nicht von den Schreibern der heiligen Schriften, sondern von den heiligen Schriften
selbst -, daß sie inspiriert und gotteingegeben seien. Er sagt nicht: „Jeder Prophet ist von Gott
inspiriert", sondern: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben" (2. Tim. 3, 16).

Daß auch die Schreiber bei der Abfassung ihrer Schriften unter der Leitung und Inspiration des
Heiligen Geistes gestand haben, ist damit nicht verneint, ja ist geradezu Voraussetzung hierfür.
Wie Petrus bezeugt:
„Noch nie ist eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht, sondern die heiligen
Menschen Gottes haben geredet, getrieben von dem heiligen Geist" (2. Petr. 1, 21).

Die Tatsache, daß die neutestamentlichen Schreiber bei Anführungen aus dem Alten Testament
den hebräischen Text nicht immer wörtlich wiedergeben, ist durchaus nicht als Ungenauigkeit
oder gar als Widerlegung des Inspirationscharakters der Heiligen Schrift zu bewerten. Denn der
eigentliche und einheitliche Verfasser der ganzen Bibel ist der Heilige Geist. Ein Verfasser hat
aber das Recht, seine eigenen Äußerungen auch in freier Weise zu wiederholen, ohne sich
genau an einen bestimmten Wortlaut binden zu müssen. Auch hat er ein Recht eine Aussage zu
machen, die sich zwar eng an den Inhalt einer seiner früheren Aussprüche anschließt, aber - der
besonderen neuen Lage angepaßt - leichte Variationen enthält. Christus und der Heilige Geist
aber haben die Worte, die sie aus dem Alten Testament anführten, ihrem eigenen Buche
entnommen.

Man mißverstehe uns nicht. Wir reden nicht einer starr mechanischen Diktatinspiration das Wort!
Eine solche wäre der göttlichen Offenbarung durchaus unwürdig. Eine mechanische Inspiration
(„automatisches Diktat") gibt es auf dem Boden des Okkulten, Spiritistischen, also Dämonischen.
Dort wirkt der böse, inspirierende Geist unter Beiseitesetzung („Substitution") und Ausschaltung
der menschlichen Individualität.
Die göttliche Offenbarung aber hat mit solcher Herabsetzung des menschlichen Eigen-Ichs nichts
zu tun. Sie will nicht Aufhebung der sonstigen Gesetze des menschlichen Bewußtseins, nicht Ver
wandlung von Menschen in Automaten, nicht Ausschaltung, sondern eher Steigerung der
menschlichen Vorstellungswelt.
Gottes Offenbarung will Gemeinschaft des menschlichen Geistes mit dem göttlichen Geist. Sie
will Heiligung, Verklärung und In-Dienst-Stellung der Persönlich keit. Sie will nicht passive
„Medien", sondern aktive „Men schen" Gottes (2. Petr. 1,21), nicht tote Werkzeuge, sondern
lebendig geheiligte Mitarbeiter Gottes, nicht „Sklaven", son dern „Freunde" (Joh. 15, 15).

Darum ist ihre Inspiration nicht mechanisch, sondern orga nisch, nicht magisch, sondern
göttlich-natürlich, nicht totes Dik tat, sondern lebendiges Geisteswort. Nur so kann Gotteswort
Menschenwort und Menschenwort Gotteswort sein. Nur so konnte Gotteswort als Menschenwort
- im Gewande der menschlichen (hebräischen, aramäischen und griechischen) Sprache - an uns
herantreten. In einer geheimnisvollen, uner klärbaren Weise - wie sie überhaupt dem Mysterium
der Gottmenschheit des gesamten Reiches Gottes entspricht - wer den in der Heiligen Schrift die
Verschiedenheiten der Schreiber nach Charakterveranlagung, Schreibweise, geistiger Arbeit, ja
auch die Verschiedenheit ihrer zeitgenössischen Kultur umgebung und persönlichen
Lebensgeschichte von dem inspi rierenden Gottesgeist überwaltet und dabei voll gewahrt.

Man vergleiche nur den Donner- bzw. Kraftstil eines Amos und Jesaja und den Klageton des
melancholischen Jeremia!

Wie unterschiedlich sind Gedankenaufbau und Schreibweise eines Paulus oder Johannes!

Was die zeitgenössische Kulturumgebung betrifft, so ist das Alte Testament, besonders die
alttestamentlichen Gottesdienstbestimmungen, geradezu voll von Beziehungen und Parallelen zu
den religiösen und kulturellen Verhältnissen des Alten Ori ents, während das Neue Testament -
abgesehen von den Evan gelien - kulturgeschichtlich betrachtet dann ein durchaus „hel-
lenistisches" Buch ist mit Hunderten von Parallelen und Bezug nahmen auf die Denkart der
griechisch - römischen Mittelmeer welt. Besonders Paulus, der Großstadtmissionar, hat eine aus
gesprochen hellenistische Großstadtbildersprache. Vgl. seine zahlreichen Bilder und
Bezugnahmen auf das griechisch-römi sche Militär-, Sport-, Amphitheater- und Rechtsleben.

Die persönliche Lebensgeschichte der Schreiber spiegelt sich wider z. B. in der ländlichen
Bildersprache des Hirten Amos (Amos 7, 14; vgl. 2,13; 3, 4-6), den Völkerprophetien des Mi
nisters Daniel, den Schilderungen des zukünftigen Priesterdien stes durch den Priester Hesekiel
(Hes. 1, 3; vgl. Kap. 40-48) , der Aufforderung zum Tempelbau ebenfalls durch einen Prie ster
(Sacharia).

Es gibt also in der Tat ganz unverkennbar einen „mensch lichen Faktor" in der Bibel. Nur muß
hierbei dem Glauben be wußt sein, daß dieser „menschliche" Faktor nicht in einer ori
ginaltextlichen Fehlerhaftigkeit, d. h. in einer Beimischung von persönlichen oder
zeitgenössischen, geschichtlichen oder natur wissenschaftlichen Irrtümern in den heiligen Text,
besteht, son dern eben in diesem Verwobensein des Göttlichen mit der ir dischen Geschichte.

Daß die heiligen Schreiber dabei selber nicht fehlerfrei wa ren und als Kinder ihrer Zeit auch an
zahlreichen, namentlich naturwissenschaftlichen Irrtümern ihrer Zeitgenossen teilnah men, ist
selbstverständlich. Die Heilige Schrift lehrt ja auch nirgends eine absolut sittliche Vollkommenheit
oder wissen schaftliche Irrtumslosigkeit ihrer Schreiber als Personen (vgl. z. B. Petrus in Gal. 2,
11 ff.). Das Entscheidende ist, daß die persönlichen Irrtümer der Werkzeuge der Inspiration nicht
in den heiligen Text selbst eingedrungen sind.

Mit Recht ist gesagt worden, daß sich die Heilige Schrift in astronomischer, geologischer und
überhaupt in naturwissenschaftlicher Hinsicht volkstümlicher Ausdrucksweise bedient (wie dies ja
übrigens unsere modernen Gelehrten im Alltags verkehr auch heute noch meist ebenso tun).

Aber genauso ist zu sagen, daß die Inspiration des Geistes die biblischen Schrei ber davor
bewahrt hat, etwas für wirklich geschichtlich oder naturwissenschaftlich richtig zu erklären, was
tatsächlich falsch ist. „Mose war in aller Weisheit Ägyptens unterrichtet.
Was be wahrte ihn davor, daß er in die fünf Bücher Mose nicht die alt ägyptische Chronologie
aufnahm, welche später Manetho schriftlich festlegte und die 30.000 Jahre vor Christi Geburt be
gann?
Was veranlaßte den Daniel, der in chaldäischer Wissen schaft bewandert war, den
ungeheuerlichen chaldäischen Fabeln von der Entstehung der Welt sein Ohr zu verschließen?
Paulus kannte die beste Wissenschaft seiner Zeit. Warum fin den wir in seinen Reden und
Briefen nichts, was an Augustins zornige Verwerfung der Lehre von den Antipoden oder an die
Meinung des Ambrosius erinnert, daß die Sonne Wasser an sich zieht, damit sie sich bei ihrer
außerordentlichen Hitze kühle und erfrische?"

Das ist eben das Geheimnis der biblischen Inspiration, daß sie ihre menschlichen Werkzeuge
durchaus aktiv sein läßt, dabei aber dennoch jeden Gedanken und jedes Wort überwacht und
bewahrt, so daß das Ergebnis im Originaltext ein irrtumsfreies, vom Geist voll durchdrungenes,
absolut zuverlässiges Gotteswort ist.
„Der Gott", sagt Dr. Saphir, „ohne den kein Sperling vom Dach fällt und dessen Weisheit auch
das kleinste seiner Werke verkündigt, vermochte sicherlich auch über dem Schriftausdruck zu
wachen, und die Wunder seines Wortes mikroskopisch zu untersuchen, ist weniger Zeichen
eines kleinlichen als vielmehr eines denkenden Geistes."

In diesem allen müssen wir klar unterscheiden zwischen Offenbarung, Erleuchtung und
Inspiration.
„Offenbarung" ist die Enthüllung göttlicher Geheimnisse, zu deren Verständnis die „Erleuchtung"
führt. „Geoffenbart" brauchte den heiligen Schreibern nicht zu werden, was sie selbst mit Augen
und Ohren miterlebt hatten oder was sie durch Erkundigung in Erfahrung bringen konnten (Luk.
1, 1-3) . Hier benutzt später der Geist Gottes ihr Wissen und reinigt es von allem Irrtum.

„Biblische Inspiration" ist dann hinterher (!) diejenige Tätigkeit des Heiligen Geistes, durch die er
den aktiven (!) menschlichen Geist des biblischen Schreibers geheimnisvoll erfüllt, lenkt und
überwaltet, so daß eine untrügliche, geistdurchwirkte Niederschrift entsteht, eine heilige Urkunde,
ein Buch Gottes, mit dem sich der Geist Gottes auch weiterhin organisch verbindet.

Selbstverständlich beziehen sich diese Darlegungen auf die biblischen Originaltexte. Die Zahl der
voneinander abweichenden Lesarten in der späteren Textüberlieferung ist zwar nicht gering.
Dennoch braucht niemand zu erschrecken.

Besonders die Genauigkeit der jüdischen „Massoreten" (Abschreiber, von hebr. massora =
Überlieferung) beweist, daß das heilige Buch der Juden das am allersorgfältigsten überlieferte
Schrifttum des ganzen Altertums ist. So stellten jene Abschreiber zur Wahrung des richtigen
(Konsonanten-) Textes unter anderem folgende Regeln auf: Man zählte genau, wie oft ein und
dasselbe Wort im ganzen Alten Testament oder in Teilen desselben vorkommt. Man notierte, wie
ähnlich lautende Stellen voneinander abweichen. Man zählte, wie oft ein und dasselbe Wort in
Versanfang, Versmitte und Versende vorkommt. Man stellte den mittelsten Buchstaben der Thora
(des Gesetzes) fest, ja, man gab am Ende des Alten Testaments geradezu an, wie oft jeder
Buchstabe im ganzen vorkomme.
Die hohe Qualität des von den jüdischen Abschreibern überlieferten („massoretischen") Textes
hat auch neuerdings der Vergleich mit der 1947 in einer Höhle am Toten Meer gefundenen
Jesaja-Handschrift bestätigt. Diese stammt aus dem zweiten oder ersten vorchristlichen
Jahrhundert. Sie ist also ungefähr 1000 Jahre älter als die ältesten, uns bisher bekannten
alttestamentlichen Manuskripte. Letztere stammen aus der Zeit um 900 und 1000 nach Christi
Geburt. Die Arbeit der Massoreten selbst geschah seit ungefähr 600 nach Chr., besonders von
Tiberias aus. Hierbei waren sie Erben älterer Texte.

Dr. Hort erklärt in seiner auf dem Gebiet der neutestamentlichen Textforschung
epochemachenden „Einleitung zum griechischen Neuen Testament":
„Was man in irgendeinem Sinn wirklich inhaltliche Lesart-Verschiedenheit nennen könnte, ist ein
so kleiner Bruchteil, daß er kaum mehr als ein Tausendstel des Gesamttextes ausmacht."
In diesem Sinne spricht Bischof Dr. Westcott, Horts Mitarbeiter, von dem "Bewußtsein der Ruhe
und des Vertrauens, das mit zunehmender Erkenntnis immer fester wird", eben in dem Maße, wie
ihre Forscherarbeit „immer tiefer und tiefer grub, um die Schätze zu gewinnen, die in den Worten,
Rede- und Schriftteilen und Sätzen verborgen sind.“

So sagt auch Sir Frederic G. Kenyon, eine der höchsten Autoritäten auf dem Gebiet der
neutestamentlichen Textforschung:
„Sowohl die Glaubwürdigkeit als auch die Echtheit der Bücher des neuen Testaments können als
erwiesen angesehen werden... Der Christ kann die ganze Bibel in die Hand nehmen und ohne
Furcht und Zögern erklären, daß er damit das wahre Wort Gottes in Händen hat, so wie es uns
ohne wesenhaften Verlust von Generation zu Generation durch die Jahrhunderte hindurch
übergeben worden ist."

Trotzdem ist wahr: Gott hat ein gewisses Eindringen von Abschreibefehlern in den heiligen Text
nun einmal doch zugelassen. Dies beweist die Geschichte der alt- und neutestamentlichen
Textgestalt unwiderleglich. Wir weisen nur auf den kleinen, textkritischen Apparat in den
Fußnoten der Elberfelder Bibel hin, wie ebenfalls auf die Einleitung in die 7. und 8. Ausgabe
dieser selben Übersetzung. Ebenso verweisen wir auf den Nachtrag zum Alten Testament in der
Miniatur-Bibel, wo desgleichen eine Anzahl verschiedenartiger Lesarten mitgeteilt wird. Vor allem
natürlich ist hier der textkritische Apparat des griechischen Nestle-Testaments zu nennen, wie
überhaupt die entsprechenden Hinweise aller wissenschaftlichen Kommentare und
Textausgaben des Neuen Testaments in der Ursprache. Aus diesem allen heraus ist ein
weitverbreiteter Einwand gegen den Glauben an die volle Inspiration gefolgert worden.
Man hat gesagt: Ist demnach die ganze Frage nach einer vollen Inspiration nicht von vornherein
eine mehr oder weniger unfruchtbare, eine mehr historische, nicht aber eigentlich praktische,
mehr eine Frage der Vergangenheit als der Gegenwart?
Die biblischen Originaltexte liegen heute doch nun einmal nicht mehr vor! Auch wird niemand,
dessen Urteil hier in irgendeiner Weise ernst zu nehmen ist, zu behaupten wagen, die von ihm
benutzte Übersetzung, so sorgfältig und ausgezeichnet sie auch sein mag - ganz gleich in
welcher Sprache -, sei bis in alle Texteinzelheiten hinein fehlerfrei, absolut vollkommen und
restlos klar. Ja, nicht einmal von den allerbesten, uns heute noch vorliegenden hebräischen und
griechischen, also ursprachlichen Texten kann dies ohne Einschränkung ausgesagt werden. Nur
offensichtliche Unkenntnis der textgeschichtlichen Tatbestände könnte etwas anderes
behaupten.

Liegt darum nicht, so fragt man, in Anbetracht alles dessen, eigentlich gar kein Unterschied vor,
ob wir nun an eine volle Inspiration der Originaltexte glauben oder nicht, vorausgesetzt nur, daß
wir überhaupt die Heilige Schrift grundsätzlich als Gotteswort anerkennen, auch wenn sie, unter
Umständen, schon von vornherein verbunden gewesen wäre mit mancher menschlichen
Unvollkommenheit und „Knechtsgestalt"? Den eigentlichen Originaltext hat heute ja schließlich
doch keiner!

Unsere Antwort lautet: Wir unterschätzen durchaus nicht das Gewicht dieses Einwandes. Ein
mathematischer Gegenbeweis ist nicht möglich, aber auch gar nicht erforderlich. Wir befinden
uns eben - wie in unserer Beziehung zum „lebendigen" Wort „Christus", so auch hier in unserer
Beziehung zum geschriebenen Wort der Bibel - durchaus auf persönlichem Glaubensboden.
Dennoch stehen diesem Einwand ganz bestimmte, klare Glaubenspostulate gegenüber. Wir
verweisen nur auf die sieben Hauptgesichtspunkte dieser unserer Darlegungen über den
Inspirationscharakter der Bibel als des Buches der Heilsgeschichte.

Wir müssen aber trotzdem mit Nachdruck hervorheben: Der Unterschied ist gewaltig!

Es ist doch etwas durchaus anderes, wenn jemand erklärt: Gott hat uns in der Entstehung der
Heiligen Schrift eine ursprünglich fehlerfreie, voll inspirierte Heilsurkunde gegeben, die nun - in
Verbindung mit Christus, dem lebendigen Wort, und dem beständigen Wirken des Heiligen
Geistes - für unser Glaubensleben Felsenfundament ist, und der wir durch sorgfältigste
Textforschung, wissenschaftliche, geistgemäße Übersetzungsarbeit und christusgebundene
Schriftauslegung so nahe wie nur möglich zu kommen bestrebt sein sollen.

Oder ob jemand erklärt: Ein solches, voll inspiriertes Gottesbuch hat Gott niemals gegeben, und
darum kann auch gewissenhafteste Textforschung und geisterfüllte, denkbar beste Übersetzung
und Auslegung niemals zu einer solchen letzten, restlos verbindlichen, fundamentalen
Gottesurkunde durchstoßen, und zwar einfach deshalb nicht, weil ein solches Gottesbuch als
Felsenfundament in dieser Form niemals existiert hat.

Der Unterschied ist also von höchster Bedeutung, und zwar gerade auch in bezug auf unsere
heutige Stellung zur Bibel! Darum wird gerade der, welcher an die volle Inspiration der
Originaldokumente glaubt, die wissenschaftliche Arbeit an der Textgeschichte und der
Textforschung doppelt bejahen. Ja, je mehr wir die biblische Sachkritik verneinen, desto mehr
werden wir die biblische Textkritik (= Textforschung) bejahen. Wir möchten doch eben, gerade
aus einer solchen Glaubenshaltung heraus, möglichst genau wissen, was Gott in Seinem
vollkommenen, geschriebenen Wort nun einmal gesagt hat.

3. Wir glauben an eine gotteswürdige, volle Inspiration um der Genauigkeit der göttlichen
Naturoffenbarung willen, die auch das Winzigste in der Schöpfung sorgfältig ordnet.

Die Natur ist von ihren größten Vertretern in der Sternenwelt an bis hin zu den winzigsten
Tierchen und Pflänzlein, ja bis zu den Molekülen, Atomen und Elektronen des Stoffs unfaßbar
genau nach gewaltigen, feinen und allerfeinsten Gesetzen aufgebaut.
Sollte da der Höchste, wenn er schon die niedere Form seiner Selbstbekundung, die
Naturoffenbarung, so wunderbar geordnet hat, etwa weniger Sorgfalt auf seine unendlich viel
höhere und edlere Offenbarung, sein Zeugnis im geschriebenen Wort, verwandt haben?

Jeder Schmetterlingsflügel mit seinen hunderttausend Häutchen, jedes Fliegenauge mit seinen
6000 bis 7000 Linsen, jeder Spinnfaden mit seinen 300 Einzelfäden können uns dafür ein
Zeugnis sein. Und die 306 Panzerplatten eines Käfers, die 8000 Paar Muskeln einer
Seidenraupe, die 700 Schwingungen des Flügelschlages einer Schnake je Sekunde, die Samen
sämtlicher 300 000 Pilzarten, die so winzig sind, daß sie alle - von jeder Art einer - in weniger als
einem einzigen Fingerhut Platz hätten: Sind sie nicht alle ein geradezu unwiderleglicher Beweis
dafür, nicht nur daß es Gottes nicht etwa unwürdig ist, sondern im Gegenteil, wie es gerade seine
Größe offenbart, wenn er, der Allergrößte, auch das Allerkleinste durchwaltet?

Oder wir denken an den Wunderbau des Bienenkörpers. 31 000 Sinneshärchen sitzen an den
Fühlern der Drohnen. Ganz genau sechseckig sind die 5000 Facetten (Linsen), aus denen jedes
einzelne Bienenauge zusammengesetzt ist, und mit ihrem Flügelschlag von 440 Schwingungen
erreichen sie eine Stundengeschwindigkeit von 65 Kilometern, eine Geschwindigkeit also, die fast
der Durchschnittsgeschwindigkeit eines modernen Zuges entspricht!
Ganz zu schweigen von der Wunderkraft jenes Zehntausendstel Gramms Materie, das wir
Ameisengehirn nennen, oder von den völlig unbegreifbaren Atomplanetensystemen in den
Grundbestandteilen der Materie und all den anderen Millionen und aber Millionen von Wundern in
der Mikrowelt des Allerkleinsten...
Wenn nach den Worten Jesu selbst die Haare auf unserem Haupte gezählt sind (Matth. 10, 30) ,
wird Gott etwa da die Einzelbestandteile seines Wortes weniger beachten, durch das er doch
Millionen unsterblicher Menschenseelen zur Errettung führen will und zur Seligkeit und
Herrlichkeit in allen Äonen der Ewigkeit?

Und welch ein Wunderbau ist doch in der Tat sein Wort und sein Buch!

4. Wir glauben an eine harmonische, volle Inspiration um des Zusammenklangs aller


Einzelbestandteile des biblischen Gesamtzeugnisses willen.

In drei verschiedenen Sprachen ist das Gottesbuch geschrieben (Hebräisch, Aramäisch,


Griechisch). Das Neue Testament ist von neun, das Alte von mindestens dreißig verschiedenen
Schreibern verfaßt. Verschieden waren die Bildungsgrade, Klassen, Lebensalter und
Berufsstände dieser Männer - Propheten, Könige, Hofbeamte, Minister, Hirten, Zöllner, Priester,
Fischer, Theologen, Richter.

Verschieden waren die Plätze und Ursprungsländer - in Babylon und Ephesus; im Geräusch des
Häusermeeres des heidnischen Doppelhafens Korinth (Römer-Brief), in der stillen Sternennacht
unter freiem Himmel im Heiligen Lande (Ps. 8) ; in Rom, der Zentrale des Weltreiches, in
Jerusalem, dem Mittelpunkt des auserwählten Gottesvolkes; in den wilden, zackigen
Bergeinöden, die Davids Zufluchtsstätte waren, wie in den kunstgeschmückten Städten der
Griechen, in denen Paulus predigte; in der fruchtleeren, sandtrockenen Wüste des Sinai, wie in
dem Land, das von Milch und Honig fließt.
Und obwohl es schließlich von Moses Zeiten an bis zu Johannes, dem Seher von Patmos, über
anderthalb Jahrtau sende gewesen sind, in deren Verlauf Gott an der Fertigstellung dieses
edelsten aller Bücher arbeiten ließ, obwohl also eine Mannigfaltigkeit die andere geradezu
drängt, so ist dennoch eine Harmonie, die selbst unter dem kritischsten Seziermesser des
Unglaubens sich immer wieder neu zu behaupten weiß.

Als Gegenbeweis hat man auf die vermeintlichen, zahlrei chen „Widersprüche" in der Bibel
hingewiesen, besonders in den Evangelienberichten, z. B. bei den Wundern Jesu und in der
Auferstehungsgeschichte. Aber wie oft ist doch schon in ge radezu überraschendster Form
nachgewiesen worden, daß sol che „Widersprüche" sich bei genauer Kenntnis der Zeitlage, der
Einzelumstände und auch der sprachlichen Ausdrucksweise des biblischen Berichterstatters
ohne Künsteleien harmonisch auflösen!
Darum hat der Glaube durchaus fest erprobten, viel fach unter Beweis gestellten, sicheren Grund
zu froher Zuver sichtlichkeit, daß auch da, wo wir heute vielleicht noch nicht restlos die volle
Erklärung haben, sie dennoch schon jetzt ir gendwie besteht: Entweder hat ein anderer sie
anderswo schon heute, oder aber sie wird in kürzerer oder längerer Zeit von an deren oder
möglicherweise auch von uns selbst noch gefunden werden. In jedem Fall wird sie in der
Vollendung von uns allen klar geschaut werden.

Wenn wir glauben, Widersprüche zu erkennen, so ist es dar um durchaus nicht unsere Aufgabe,
sie alle erst miteinander auszugleichen, bevor wir dem Wort der Schrift glauben kön nen. Wenn
wir sie gar nur durch erzwungene oder künstliche Exegese zu harmonisieren vermögen, ist es
besser, sie einfach unerklärt und unausgeglichen zu belassen.
Andererseits dürfen wir aber auch nicht meinen, daß sie nun deshalb überhaupt nicht
ausgleichbar seien, eben weil wir noch nicht imstande sind, sie zu harmonisieren. Unsere eigene,
persönliche Fähig keit in Schriftauslegung und geistlicher Einsicht ist noch lange nicht der
Maßstab der Wahrheit. Was wir nicht können, mögen andere imstande sein zu tun. Und wenn wir
alle zusammen es noch nicht können, dann wird sich die Wahrheit zu ihrer Zeit schon selbst
offenbaren und rechtfertigen. In jedem Fall glau ben wir, daß die Harmonie möglich und wirklich
ist.
Wäre es wohl möglich, heute einen Kranken nach einem Me dizinbuch zu heilen, das von 40
verschiedenen Ärzten zusammengestellt wäre, die in den Zeiten des Alten Orients und des
klassischen Altertums gelebt haben, von Männern in Vorder asien, von Fachärzten und „Laien",
von Akademikern und Handwerkern, wobei dann noch dazu Rezepte dargeboten würden, die
während des Zeitlaufs von 1500 Jahren je und je angewandt worden sind, also von der Mitte des
zweiten Jahrtausends vor Christus bis zum Abschluß des ersten Jahrhunderts nach der
Zeitenwende? Die Bibel aber ist gerade das Heilmittel für alle Welt, das Heilmittel für unsere
Seele! Millionen und aber Millionen aller Zeiten und Länder haben ihre Heilkraft erfahren, und
obwohl ihre ältesten Bestandteile schon über 3300 Jahre alt sind, ist ihre Heilkraft doch auch
heute noch so stark und ihr Heilswort so wirksam und lebendig, als wenn das Ganze gerade
soeben entstanden wäre.

Die gesamte Heilige Schrift treibt eine Lehre und zeigt einen Heilsweg für unser Inneres. Mögen
auch die Offenbarungswege Gottes in den verschiedenen Heilszeiten recht mannigfaltig gewesen
sein, so ist es doch ein gemeinsames Lebensprinzip, das das Ganze durchdringt. Damit aber
beweist gerade diese Einheit des Vielgestaltigen seine göttliche Planung.

5. Wir glauben an eine organisch sich entfaltende, volle Inspiration, um der


Geschichtseinheit der von der Bibel bezeugten Heilsoffenbarung willen.

Das ist das Wundersame an der Bibel: Sie ist, trotz ihrer erstaunlichen Mannigfaltigkeit, ein
einheitlicher Organismus, ein lebensvolles, von einem Geist beseeltes, harmonisches System.

Da die Heilsoffenbarung Gottes ein zusammenhängender, geschichtlicher Werdegang ist, muß


auch ihre Urkunde ein zusammenhängendes, geschichtlich planmäßiges Ganzes sein, ein
wohlgeordnetes, prophetisch historisches System. Wie Gott in der Heilsentwicklung selbst, so
bringt auch sein Buch die erlösende Wahrheit nicht in abstrakt begrifflicher, philosophischer
Form, sondern in konkret faßlicher, lebendig natürlicher Anschauung und in stufenmäßig
fortschreitender, geschichtlicher Entfaltung. Mit Recht haben darum in der evangelischen Kirche
schon Männer wie Bengel, Oetinger, Beck und Blumhardt und vor ihnen, als ihre gemeinsame
Wurzel, der deutsch-niederländische Bibelerklärer Johannes Coccejus in Leiden die Heilige
Schrift als ein kunstreiches Gebäude aufgefaßt, zu dem der Grundriß schon vorher entworfen
war, als ein auf Christus abzielendes Ganzes, ein System mit Gleichmaß und Zusammenklang, in
das jedes einzelne als ein Teil des Ganzen organisch eingegliedert ist. „In weisester Anordnung,
ohne jede Verwirrung, erstrahlt alles. Die Harmonie aller Teile macht die Durchsichtigkeit und
Klarheit des Ganzen aus."

Darum treiben alle Bücher eine Wahrheit und eine Lehre, weshalb sie sich auch gegenseitig
auslegen, und Schriftwort erklärt sich durch Schriftwort. Das Thema vom Reiche Gottes und
seinen planmäßigen Haushaltungen ist die leitende Melodie dieser gewaltigen göttlichen
Gesamtsymphonie. Wir aber haben uns „schauend und lauschend niederzubeugen, um die
Harmonie des Gegebenen zu erfassen", und in dem Maße, wie dies in Demut, Glauben und
Gehorsam geschieht, wird uns die göttliche Herrlichkeit der Bibel stets neu aufgehen und von Fall
zu Fall, von Einzelheit zu Einzelheit, lebendig bestätigt werden, und die heilsgeschichtliche
Einheit und die bis ins Kleinste gehende Großartigkeit der Heiligen Schrift wird uns ihren
Inspirationscharakter stets neu beweisen.

Besonders tut dies - abgesehen von vielen, kleinen und großen Einzelheiten in der
Übereinstimmung von Weissagung und Erfüllung - der innere Aufbau und die folgerichtige
Struktur des Ganzen in der Aufeinanderfolge der Heilszeiten mit ihren jeweiligen Zielen. Kann
denn die alttestamentliche Heilsvorbereitung zielklarer aufgebaut sein als sie ist?

Zuerst sind - in der biblischen Urgeschichte, als dem Geschichtsfundament des Gesamtverlaufs -
zwei Hauptoffenbarungsperioden gegensätzlicher Harmonie (Polarität). Da gilt, nach der
Austreibung aus dem Paradiese, zunächst Jahrhunderte hindurch der Grundsatz der
menschlichen Selbstbestimmung, ohne göttliche Gesetzesoffenbarung und ohne von Gott
angeordnete, menschliche Obrigkeit (von Adam bis Noah).
Dann als dieser Grundsatz das menschliche Versagen gezeigt hatte - wird sein harmonischer
Gegensatz eingeführt: der Grundsatz der Kontrollgewalt („Wer Menschenblut vergießt, des Blut
soll auch durch Menschen vergossen werden", 1. Mose 9, 6), und es folgt nunmehr
Menschheitsgeschichte mit menschlicher Obrigkeit und Aufbau von Staatsgebilden (vgl.1. Mose
10). (Näheres siehe Das babylonische Menschheitsgericht, unter Antichrist, bei www.horst-
koch.de )

Und welche Harmonie, welche innere Logik zeigt die sich daran anschließende Weiterführung der
Heilsvorbereitung von Abraham auf Christus! Wie ist gerade hier absolut klarste, völlig
unübertreffbare Zielausrichtung auf den Erlöser und sein Werk!

Zwei Hauptbundesschließungen (Abraham und Mose) in polarer Harmonie! Eine zweitausend


Jahre lang währende Erziehung zum Glauben (Abrahamsbund) ; dann, als Ergänzung
hinzutretend, eine anderthalb Jahrtausend lang währende Erziehung zur Buße (durch Weckung
von Sündenerkenntnis im Mosaischen Gesetz).

Kann die neutestamentliche Heilsentfaltung passender vorbereitet sein? Handelt es sich nicht
darum, daß der Sünder errettet werden soll, daß er aber nur dann das volle Heil durch das
Stellvertretungswerk Christi empfangen kann, wenn er sich zu Christus, als dem Sünderheiland,
„bekehrt"? Und ist nicht „Bekehrung" schlechthin die Summe von Abkehr und Hinkehr, von Nein
zu sich selbst und von Ja zum Herrn, also von Buße und Glauben? Ist damit nicht die Bekehrung,
als diese Einheit von Buße und Glaube, das subjektive, erzieherische Kernziel der
Gesamtoffenbarung des ganzen Alten Testaments? Ist hier überhaupt durchsichtigere
Planmäßigkeit denkbar als in dieser Anordnung gerade zweier, solcher
Hauptvorbereitungsperioden (Abraham und Mose) mit gerade diesen, ihnen innewohnenden, bei
aller Unterschiedlichkeit klar zusammenhängenden, zentralen Hauptzielen?

Und ist nicht das ganze Alte Testament - gerade in dieser seiner Zweigipfligkeit zugleich
wunderbar planmäßig auch auf das objektive Heilswerk des Erlösers selbst ausgerichtet?

Da ist der Glaube an die Lebens- und Auferweckungskraft Gottes geradezu der Höhepunkt bei
Abraham (vgl. Isaaks Geburt und Isaaks Opferung).
Da ist das Todesurteil Gottes über den Sünder geradezu der Tiefpunkt von Gericht und
Verdammung im Mosaischen Gesetz.
Da ist also letzteres ganz klar ausgerichtet auf Karfreitag, ersteres auf Christi Auferstehung. So
sind sie denn alle beide (Abraham und Mose) in ihrer gegensätzlichen Einheit - ganz durchsichtig
und erkennbar zielbestimmt hinweisend auf die beiden Hauptseiten im Heilswerk des Erlösers,
und es wird offensichtlich, daß das ganze Alte Testament nicht nur auf das subjektive Ziel der
„Bekehrung" des Sünders (Buße und Glaube), sondern auch auf das objektive Ziel des
Heilswerkes des Sünderheilands (Tod und Auferstehung), also auf das menschliche
Zentralheilserlebnis und das gottgewirkte Zentralsheilsereignis ausgerichtet ist.

Man müßte blind sein, hinter diesem allen nicht einen von vornherein festliegenden, zielsicher
vorgesehenen, großzügig und folgerichtig durchgeführten Gottesplan zu erkennen!

Und wie organisch und innerlich zusammenhängend ist dann auch der Aufbau der
neutestamentlichen Heilsentfaltung!

Zuerst steht - im Zeugnis von Wort und Geist - der gen Himmel gefahrene, abwesende Christus
im Mittelpunkt (in der Zeit zwischen seinem ersten und seinem zweiten Erscheinen).
Dann - seit der Parusie (Ankunft, Wiederkunft) - regiert Christus als der in Herrlichkeit offenbar
gewordene, anwesende Gottkönig.
Erst Verborgenheit mit besonderem Rückblick auf die Erniedrigung, dann Offenbarung mit dem
Triumph königlicher Erhöhung. Erst Dornenkrone, dann Königskrone. Erst Heilserleben durch
Glauben, dann Heilserleben im Schauen.
Zuerst Sammlung der Gemeinde, dann Segnung der Völkerwelt, zuletzt neuer Himmel und neue
Erde, ein verklärtes Universum. (Ausführlicher in DER TRIUMPH DES GEKREUZIGTEN, bei
www.horst-koch.de)
Also auch hier wieder völlig klare, wachstümliche Entfaltung eines großartigen Planes!

Klarer, harmonischer, großartiger kann es überhaupt keinen Geschichtsplan geben. Gerade aber
diese Zielklarheit und Einheitlichkeit des Ganzen macht die Heilsgeschichte zu einem universal
historischen Selbstbeweis ihres göttlichen Charakters.
Da aber die Bibel die Urkunde dieser Offenbarungsgeschichte ist, wird durch diese Harmonie des
Gesamten auch ihre eigene Geschichtseinheit und ihr göttlicher Inspirationscharakter erwiesen.

Wir verkennen durchaus nicht die sich aus solcher Glaubenshaltung ergebenden Probleme,
besonders geologischer und chronologischer Art.
Aber ungelöste Fragen sind für den Glauben kein Hindernis für seine Grundhaltung zu Christus
und dem Zeugnis seiner Propheten und Apostel.

Schwierigkeiten stellen sich auch sonst dem denkenden Glauben entgegen. Niemand bezweifelt,
daß die biblische Lehre von der göttlichen Dreieinheit dem menschlichen Denken eine
„Schwierigkeit" darbietet.
Es ist eine „Schwierigkeit", zu erkennen, daß Gott zugleich Einer und Drei sein kann, daß
Christus gleichzeitig göttlich und menschlich, wahrer Gott und wahrer Mensch ist.

Es ist eine „Schwierigkeit", zu erkennen, daß Jesus von Nazareth Gottes Sohn ist, der in die Welt
gekommen ist, Sünder zu erretten.
Es ist „schwierig", einzusehen, daß das stellvertretende Leiden eines Unschuldigen einem
Schuldigen rechtlich zugerechnet werden kann.
Es ist „schwierig" zu begreifen, daß der Mensch gleichzeitig unfähig und doch verantwortlich ist,
daß ein Glaubender, obwohl oft noch sündigend, dennoch vor Gott heilig und gerecht ist.

Aber sollen wir warten, bis wir alle diese „Schwierigkeiten" geklärt haben, bevor wir glauben
können?
Zweifellos würde dann kein Mensch errettet werden! Nein, wir müssen die Lehren der Heiligen
Schrift im Glauben einfach annehmen, und zwar schlechthin deshalb, weil sie von den Propheten
und Aposteln des Alten und Neuen Testaments und vor allem von dem Herrn selbst geglaubt und
gelehrt worden sind. In diesem Sinne ist auch der Glaube an die biblische Inspiration
unzertrennbar verbunden mit der Anerkennung der Autorität und der Zuverlässigkeit der heiligen
Schreiber.

Übrigens, schon oft sind scheinbar unlösbare Fragen plötzlich aufgehellt worden, und die Bibel,
die man naturwissenschaftlicher oder geschichtlicher Irrtümer bezichtigt hatte, stand
gerechtfertigt da. Mit Recht erklärt Augustinus in einem Brief an Hieronymus: „Wenn ich hier oder
da auf etwas stoße, was mit der Wahrheit nicht übereinzustimmen scheint, so zweifle ich keinen
Augenblick, daß entweder die Abschrift fehlerhaft sei oder daß der Übersetzer den Gedanken
des Originals nicht genau ausgedrückt hat, oder daß ich die Sache nicht verstanden habe".

In dem gewaltigen Entwicklungsgang der Heilsgeschichte und Bibeloffenbarung ist Christus der
Mittelpunkt. Er ist die Zentralsonne der ganzen Bibel. Alle Bücher der Heiligen Schrift „treiben
Christus" (Joh. 5, 39) . Gerade oft auch an solchen Stellen, wo es zunächst gar nicht so scheint -
wie z. B. im Auftreten Melchisedeks (1. Mos. 14, 17-24) oder dem Zeugnis des Hosea über Israel,
daß Gott aus Ägypten seinen Sohn gerufen habe (Hos. 11, 1) und vielen anderen mehr - zeigt
uns die Belehrung des Heiligen Geistes im Neuen Testament, daß auch dort zugleich von
Christus die Rede gewesen war (Hebr. 7; Matth. 2, 15).

Auch hier sind es oft gerade die Feinheiten und Einzelheiten des Textes, die nicht nur eine
allgemeine, sondern geradezu eine genau spezialisierte Inspiration offenbaren, die sich sogar auf
die einzelnen Wörter, Sätze und Satzverbindungen bezieht.
Nur dieser Inspirationsglaube kann es Paulus ermöglichen, seinen Schriftbeweis im Galaterbrief
in der Form durchzuführen, wie er es tut (Gal. 3, 16). Er sagt:
"Nun aber sind die göttlichen Verheißungen dem Abraham und seinem Samen gegeben. Es heißt
nicht: ,und deinen Samen` in der Mehrzahl, sondern in bezug auf einen einzelnen: ,und deinem
Samen`, und das ist Christus".

So sieht Paulus die Messiasprophetie des Alten Bundes als bis in die kleinsten Einzelheiten des
Textes, ja bis in die Einzahl- und Mehrzahl-Endungen der Wörter genau göttlich geordnet an. Ja,
der Hebräerbrief geht sogar so weit, daß er nicht nur das Reden, sondern auch das Schweigen
des Alten Testaments für göttlich inspiriert ansieht. Denn gerade seinen Hauptschriftbeweis für
die Ewigkeit der Melchisedekschen Hohenpriesterordnung leitet er von dem ab, was im heiligen
Text nicht steht, eben von der Tatsache, daß der alttestamentliche Geschichtsbericht über den
Melchisedek der Abrahamszeit weder seinen Vater noch seine Mutter, weder den Anfang noch
das Ende seines Lebens erwähnt, so daß also der Priester-König von Salem in der biblischen
Urkunde gleichsam „ohne Vater, ohne Mutter, ohne Geschlechtsregister" auftritt, „weder Anfang
der Tage noch Ende des Lebens habend", und gerade in dieser Hinsicht darum dem Sohn Gottes
„verglichen" und (typologisch) „vollkommen gleichgemacht" sei.
Das einer solchen Beweisführung zugrunde liegende Schriftprinzip ist aber durchaus das einer
vollen Inspiration. „Des Verfassers Anschauung geht offenbar dahin, daß der Geist Gottes nicht
nur die tatsächlichen Gestaltungen der Heilsgeschichte, sondern auch die urkundlichen
Gestaltungen der heiligen Geschichtsschreibung derartig beseelt und geordnet hat, daß nicht nur
ihr positives Reden, sondern auch ihr tatsächliches Schweigen typisch-messianische Geltung
hat" (Prof. J. H. Kurtz).

Ferner ist auch dies ein Zeugnis von der wunderbaren Ordnung des heiligen Textes, daß die
Propheten zuweilen über Dinge geweissagt haben, die sie selber nicht voll verstanden, so daß
sie geradezu „nachgesonnen" haben, „indem sie nachforschten, welche oder was für eine Zeit es
sei, auf die der in ihnen wirkende Geist Christi hinweise". Und da sie offenbar über ihre eigenen
Botschaften und deren Bedeutung nicht recht zur Ruhe gelangten, wurde ihnen von Gott als
allgemeine Erklärung geoffenbart, „daß sie durch ihren Dienst nicht sich selbst, sondern euch
dasjenige vermitteln, was ... euch jetzt verkündigt worden ist" (1. Petr. 1, 11; 12). Diese Tatsache
erhebt es über allen Zweifel, daß, nach dem Zeugnis des Neuen Testaments, die
biblisch-prophetische Inspiration über den Begriff einer bloßen „Gedanken"- oder „Personal“-
Inspiration hinausgeht, ja sich zu einer von Gottes Geist geleiteten Auswahl der Worte gesteigert
hat. Denn wenn die Propheten Botschaften erhielten, die sie zuweilen selber nicht voll
verstanden, wenn also in ihren Worten, in die sich doch ihre Botschaften kleiden mußten, mehr
enthalten war, als sie es selber erfaßten, so ist dies eben nur dadurch möglich, daß auch die
Worte selber und nicht nur die Gedanken oder Botschaften vom Geist Gottes eingegeben und
angeordnet waren.

So geht aus der praktischen Stellungnahme des Neuen Testaments zum alttestamentlichen
Schriftwort hervor, daß der Glaube an eine volle Inspiration für die Apostel Jesu Christi geradezu
stillschweigende Voraussetzung gewesen ist. Der Glaube an eine volle Inspiration findet sich im
Neuen Testament zwar nicht als dogmatisch theologische Formel, wohl aber als praktisches,
geistliches Glaubensgut.

6. Wir glauben an eine zuverlässige, volle Inspiration um der Autorität Jesu und seiner
Apostel willen

Hunderte Male bezeugt das Alte Testament „So spricht der Herr!“

Christus selbst hat erklärt: „Die Schrift kann nicht aufgelöst werden.“ (Joh. 10,35).

Hierbei bezieht er sich auf ein alttestamentliches Bibelwort, welches nur ein einziges Mal im
ganzen Alten Testament vorkommt. Wer also dies eine Wort, das sich nur einmal in einem Psalm
findet (Ps. 82, 6), auflöst, löst, nach dem Zeugnis Jesu, den Gesamtorganismus der „Schrift" auf!
Die Bibel gleicht sozusagen dem ungenähten Rock Jesu, gleichsam einem Hause, aus dem man
nur durch eine Tür hinauszugehen hat, um damit zugleich außerhalb des ganzen Hauses zu sein.
So stark glaubt Jesus an den Organismuscharakter der "Schrift"!
Zu den Emmausjüngern sagt er: „Es muß alles erfüllt werden, was von mir geschrieben ist im
Gesetz Moses, in den Propheten und in den Psalmen . . . Also ist's geschrieben, und also mußte
Christus leiden und auferstehen von den Toten am dritten Tage" (Luk. 24, 44-47).
Und in der Bergpredigt bezeugt er: „Wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen,
wird vom Gesetz nicht der kleinste Buchstabe und kein Strichlein vergehen, bis alles in Erfüllung
gegangen ist" (Matth. 5, 18) .

Für Christus, das personhaft lebendige „Wort" (Joh. 1, 1; 14), war schon ein „Tüttel" oder „Jota"
des geschriebenen (!) Wortes mehr wert als alle Sternenwelten und Sonnensysteme des
gesamten Universums. Hier haben wir den Autoritätsbeweis in besonders wuchtiger Form.
Und Paulus, sein größter Apostel, bekennt: „Ich glaube an alles, was im Gesetz und in den
Propheten geschrieben steht" (Apg. 24, 14).

Der Glaube an den Offenbarungscharakter der Heiligen Schrift und ihre unzerstörbare Autorität
ist darum keine geistlose Vergötterung des Buchstabens, sondern hat die größten Geister der
Heilsgeschichte, ja Christus, den Sohn Gottes selber, auf seiner Seite.

Die Ausdrücke: „Es steht geschrieben", „Die Heilige Schrift sagt" waren bei den
neutestamentlichen Schreibern dasselbe wie „Gott sagt". Immer wieder finden wir im Neuen
Testament einen geradezu wechselseitigen Austausch, ja eine unmittelbare Gleichsetzung dieser
Ausdrücke.

Natürlich hatte es weder in den Tagen Abrahams (1900 v. Chr.) noch Pharaos vor dem Auszug
aus Ägypten (1500 v. Chr.) eine alttestamentliche, heilige „Schrift" gegeben, und Paulus und der
Schreiber des Hebräerbriefes haben dies genau so gut gewußt wie wir.
Gott hatte zu Abraham gesagt: „In dir werden gesegnet werden alle Nationen" (1. Mose 12, 1; 3).
Paulus aber erklärt: „Die Schrift verkündete dem Abraham: „In dir werden gesegnet werden alle
Nationen" (Gal. 3, 8).

Gott hatte zu Pharao gesagt: „Ich habe dich erweckt, damit ich meine Macht an dir erzeige" (2.
Mose 9, 16; vgl. V. 13) . Paulus aber schreibt: „Die Schrift sagt zum Pharao" (Röm. 9, 17).

David, der Psalmist, hatte gesagt: „Heute, wenn ihr seine (des Herrn) Stimme höret, so verhärtet
eure Herzen nicht" (Ps. 95, 7; Hebr. 4, 7) . Der Schreiber des Hebräerbriefes aber erklärt: „Der
Heilige Geist sagt: ,Heute . . . verhärtet eure Herzen nicht!"` (Hebr. 3, 7).

Diese doppelte Gleichsetzung „Gott = Schrift", „Schrift = Gott = Heiliger Geist" entspringt eben
der tiefen Überzeugung, daß das Wort der „Schrift" zugleich Wort „Gottes" ist. Für die Schreiber
des Neuen Testaments und darum auch für uns und alle Zeiten ist die heilige Urkunde Stimme
Gottes.

Aus diesem allen ergibt sich unsere persönliche Stellungnahme: Wir glauben an die volle,
biblische Inspiration in erster Linie um dieser Gesamthaltung des Neuen Testaments willen, eben
deshalb, weil sie Glaubensgut Christi und seiner Apostel gewesen ist.

Darum: Wer die Lehre von der vollen Inspiration leugnet, muß entweder beweisen, daß dies nicht
ein Glaubensgut ist, das im Neuen Testament selbst bezeugt ist und in ihm lebt, oder er muß
beweisen, daß das Neue Testament in Fragen der Glaubenshaltung nicht absolut zuverlässig
und maßgebend ist. Wenn dies erstere nicht möglich ist, bleibt bei folgerichtigem Denken nichts
anderes übrig, als mit der Verneinung einer vollen Inspiration zugleich auch das absolute
Vertrauen auf die Urkunde alles Heilsglaubens, d. h. das Neue Testament, zu erschüttern.
So glauben wir gleichsam zuerst an die allgemeine Zuverlässigkeit der Bibel in Glaubensfragen,
und dadurch nehmen wir auch in gleicher Weise ihre Lehre und ihr Glaubensgut über die
Inspiration an.

Wir lösen die Frage der Bibel zentral, das heißt vom Mittelpunkt, von Jesus Christus, aus. Wir
glauben an die Bibel um Jesu willen. Durch den Glauben an Christus kommen wir auch zum
vollen Glauben an sein Wort. In Christus, dem Zentrum der Heilsoffenbarung Gottes, haben wir
auch das Zentrum einer gottgemäßen Bibelanschauung.
Dies ist auch glaubensmäßig das allein Folgerichtige. Denn Christus selbst ist der „Logos", die
Urform des Wortes, das personhaft lebendige „Wort", der treue und wahrhaftige Zeuge (Joh.1,1),
der Mund der ewigen Wahrheit, ja die Wahrheit selbst (Joh. 14, 6) . Sein Geist aber, der Geist
Christi, hat die Propheten inspiriert (l. Petr. 1, I1), und das Zeugnis Jesu ist der Geist der
Weissagung (Offb. 19, 10) .

Zweifellos gibt es Schwierigkeiten im Hinblick auf die biblische Inspiration. Aber ist es nicht noch
schwieriger, zu glauben, daß die ganze Gemeinde Gottes, von ihren allerersten Anfängen an,
sich nun schon fast 2000 Jahre hindurch getäuscht haben soll in ihrer Wertschätzung der heiligen
Schriften?
Und ist es nicht noch viel schwieriger, zu glauben, daß die ganze Gruppe der Apostel, mit Jesus
Christus selbst an ihrer Spitze, sich geirrt haben soll im Hinblick auf die Natur der heiligen
Schriften, die sie vom Alten Bund her übernommen hatten? Nein, wir bekennen uns zur Haltung
des Herrn und seiner Apostel auch im Hinblick auf die biblische Inspiration.

Wir glauben an die volle Inspiration nicht auf der Grundlage rein gefühlsmäßiger Erwägungen,
auch nicht bloßer Glaubenspostulate, die wir aus allgemeinen Gedankengängen heraus von
vornherein für notwendig erachten. Die entscheidende Grundhaltung ist:
Wir glauben an die volle Inspiration, weil dies das Glaubensgut Jesu, seiner Apostel und
überhaupt aller Schreiber des Neuen Testaments ist. Unser Glaube an die volle Inspiration ist ein
Ausfluß unseres Glaubens an die Zuverlässigkeit Christi und seiner Apostel als Verkündiger der
Heilslehre überhaupt. Glaube an die Inspiration ist unzertrennbar verbunden mit der vollen
Anerkennung der Autorität der neutestamentlichen Schreiber. Wenn wir die anderen Lehren des
Neuen Testaments, trotz mancher Geheimnisse und Schwierigkeiten, annehmen, und zwar auf
keiner anderen Grundlage als der, daß wir die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit der Bibel als
Führer der Wahrheit grundsätzlich und praktisch bejahen, so nehmen wir auch diese Lehre - das
Glaubensgut der vollen Inspiration - auf derselben Grundlage an. Mit Recht ist gesagt worden:
Wenn wir das Zeugnis der Bibel über sich selbst nicht annehmen, warum sollten wir dann ihr
Zeugnis annehmen, das sie über andere Dinge aussagt?

Hier aber stehen wir auf Glaubensboden. Autorität ist auch schon im rein menschlichen Leben -
stets etwas, das nicht „bewiesen", sondern erlebt werden muß. Alles geistig Lebendige erkennt
man durch Intuition (unmittelbare, innere Schau). Die Gottheit Jesu von Nazareth und damit seine
unbedingte Autorität in allen Fragen des Glaubens und Lebens ist zwar nicht mathematisch
beweisbar; aber Wahrheit beweist sich selbst. Hier setzt das Christuserlebnis, die
Herzenserfahrung, ein.

7. Wir glauben an eine lebendige, volle Inspiration um der auch die kleinsten
Bestandteile der Bibel durchwaltenden Geisteskraft willen.

Oft ist die Frage gestellt worden, wie wohl die Abgrenzung der biblischen Bücher als „kanonisch“
von allem anderen Schrifttum begründet werden könne (Kanon = Richtschnur, Maßstab). Die
Antwort liegt - abgesehen von dem Hinweis auf ihre inhaltliche Harmonie und ihre
heilsgeschichtliche Einheit - besonders in dem „Zeugnis des Heiligen Geistes“ (lat. testimonium
Spiritus Sancti).
Man lese nur einmal die doch so überaus wertvollen Schriften der sogenannten „Apostolischen
Väter“, also der führenden Männer des Urchristentums, die unmittelbar auf die Generationen der
Apostel und neutestamentlichen Schreiber folgten, d. h. die Briefe eines Clemens, eines Ignatius,
eines Barnabas, eines Polykarp oder die Zwölfapostellehre (Didache), den Hirten des Hermas,
den Brief an Diognet!

Man vergleiche einmal z. B. den Römer- oder Epheserbrief des Ignatius mit den an dieselben
Gemeinden gerichteten, neutestamentlichen Briefen des Paulus, den Korintherbrief des Clemens
mit dem des großen Heidenapostels oder den Philipperbrief des Polykarp mit dem uns bekannten
Philipperbrief des Neuen Testaments! Welch gewaltiger Abstand macht sich doch hier - trotz
höchster Wertschätzung all des vielen wahrhaft Geistlichen, Edlen und Schönen - schon in
diesem Schrifttum des zweiten Jahrhunderts im Vergleich zum Neuen Testament bemerkbar!
Oder man vergleiche die alttestamentlichen Apokryphen mit den Schriften des hebräischen
Kanons! Hier steht überall das Zeugnis des Heiligen Geistes durchaus auf der Seite der
biblischen Schriften!

Niemand sage, daß wir damit in den Fehler eines willkürlichen Subjektivismus verfielen! Das
Zeugnis des Heiligen Geistes wird in der Schrift deutlich von dem Zeugnis unseres eigenen, auch
des in Christus erlösten Menschengeistes unterschieden. „Dieser Geist selbst zeugt mit unserem
Geist (d. h. in Übereinstimmung mit unserem Geist, der also vom Heiligen Geist unterschieden
wird), daß wir Kinder Gottes sind“ (Röm. 8, 16). Der in der Gemeinde waltende göttliche Geist ist
es, der seine eigenen Erzeugnisse anerkennt. Die Autorität der Heiligen Schrift ist eine
inwendige, geistgewirkte, unmittelbar sich selbst bezeugende. Sie ist keine bloße Buchautorität,
sondern durchaus Geistautorität. Die Heilige Schrift ist, wie Paulus es einmal in bezug auf das
Alte Testament ausdrückt, „gottgegeistet“.
Nur so entsteht die Fähigkeit der Bibel, Übernatürliches und Himmlisches hervorzurufen. Nur so
kommt es zur inwendigen Wirkungskraft des Bibelwortes und zur Selbstbezeugung des Heiligen
Geistes in den Herzen der Gläubigen, welche in und durch die Bibel geschieht.
„Das Herz spricht: Das ist wahr, und sollte ich hundert Tode darum leiden" (Luther). Mit Recht
sagt Calvin: Die Schrift trägt in sich selbst den Beweis der Wahrheit, gerade wie Schwarz und
Weiß den seiner Farbe, Süß und Bitter den seines Geschmacks.«

Die Autorität der Heiligen Schrift ist in der Person ihres göttlichen Autors begründet. Ihre Autorität
wurzelt geschichtlich in ihrer Inspiration. Sie ist eine innerliche, objektive und bleibende. Die Bibel
hat ihre Autorität in sich selbst.

Das subjektive Erleben dieser Autorität wird dann durch das innere Zeugnis des Heiligen Geistes
vermittelt, der sich mit dem geschriebenen Wort lebendig und dauernd wirksam verbindet.

Inspiration des Heiligen Geistes und Zeugnis des Heiligen Geistes sind darum hier zu
unterscheiden.

Die biblische Inspiration des Heiligen Geistes ist ein Werk Gottes der Vergangenheit. Das innere
Zeugnis des Heiligen Geistes geschieht - in Verbindung mit diesem Wort - in aller Folgezeit bis in
unsere Gegenwart und Zukunft.

Die Inspiration des Heiligen Geistes bezieht sich auf die Bibel selbst. Das Zeugnis des Heiligen
Geistes bezieht sich auf ihre Leser und Hörer. Diese sollen durch die Wirksamkeit des Heiligen
Geistes zur Überzeugung von der Inspiration und der Autorität der Heiligen Schrift und damit zum
Glaubensgehorsam geführt werden.

Darum war auch der Kanon der Heiligen Schrift - von Gott aus, also ideell und tatsächlich in sich
selbst - schon im ersten Augenblick der fertigen Abfassung der zuletzt entstandenen,
neutestamentlichen Schrift abgeschlossen und vollständig vorhanden. Was noch zu geschehen
hatte, war nur die tatsächliche Zusammenfassung dieser Schriften in einem einzigen Buch und
die allgemeine Anerkennung ihrer göttlichen Autorität in der christlichen Gemeinde.
Dies Ziel wurde - nach Überwindung mancher Schwankungen - im Verlauf der folgenden zwei
Jahrhunderte erreicht. Hierbei war das Entscheidende nicht menschliche Übereinkunft -
Gemeindebeschlüsse oder Konzilien -, sondern die eigene, geistgewirkte Autorität der Heiligen
Schrift, ihre durch die Inspiration des Heiligen Geistes von vornherein innewohnende, göttliche
Vollmacht.

Zugleich stand das Ganze unter der Überwaltung und Führung durch das erhöhte, göttliche
Haupt der Gemeinde. Die Gemeinde selbst hatte also keineswegs den biblischen Kanon erst
„abzuschließen" oder gar zu „schaffen", sondern lediglich ihn anzuerkennen.

Der Geist Gottes hat das geschriebene Wort nicht nur „eingehaucht" (inspiriert) und „gegeben",
sondern ist bei ihm geblieben. Er begleitet es und macht es wirksam. Er macht die bloße
„Urkunde" zu einer Himmelsbrücke. Gott „kommt" nun durch sein Wort zu uns, und das
Jahrhunderte alte Wort bleibt frisch und ewig jung. Es ist, als sei es gestern, ja gerade soeben
erst geschrieben, „als sei die Tinte noch nicht trocken". So nimmermehr alternd, so zeitüberlegen,
so gegenwartsnahe!

Dabei aber sind es oft ganz winzige Ausdrücke, an denen der Leser vielleicht hundertmal
vorbeigelesen hat, die ihm urplötzlich strahlend aufleuchten und zu Gottesbotschaften werden,
die sein Leben beeinflussen, ja es grundlegend umgestalten können. Welch großer Unterschied,
ob Gott sagt, daß er uns „nach" seinem Reichtum oder nur „aus" seinem Reichtum segnen wolle
(Eph. 3, 16) ! Wieviel zuversichtliches Hoffen für irrende Seelen liegt doch in den beiden kleinen
Wörtchen „bis jetzt": „Wer da sagt, daß er in dem Lichte sei und haßt seinen Bruder, ist in der
Finsternis bis jetzt" (1. Joh. 2,9). Wieviel seelsorgerliche Weisheit offenbart das kleine Wort
„teilweise": „Ich höre, es seien Spaltungen unter euch, und teilweise glaube ich es!" (1. Kor. 11,
18) .

Und überhaupt: Wie stärkt es doch den Glauben, wenn er die Verheißungen Gottes beim Wort
nehmen kann! Hat nicht gerade dieses Sichstützen auf das ganze Wort immer wieder in der
Geschichte des Reiches Gottes Glaubensmut geweckt, frohe Zuversicht beflügelt, Taten gewirkt,
ja Geschichte gemacht? War diese Glaubenshaltung nicht die Kraft eines Georg Müller, eines
Hudson Taylor, eines August Hermann Francke, eines Charles Haddon Spurgeon und so vieler
anderer Männer Gottes, von deren Leben und Werk Ströme des Segens in die Welt und in die
Gemeinde Gottes ausgegangen sind?
Und vor allem: War dies nicht die Siegeswaffe Jesu selbst, als er in der Versuchung in der Wüste
den Feind bezwang? „Es steht geschrieben!" (Matth. 4, 4; 7; 10.)

Mit dieser wunderbaren inneren Geisteskraft der Bibel verbindet sich ihre äußere
Unüberwindbarkeit und Siegeskraft. Auch dies ist ein Erfahrungsbeweis und ein Zeugnis ihrer
göttlichen Inspiration.

Die Bibel ist ein Hochgebirge, das alle anderen Bücher der Welt gleichsam wie Hügel oder
Niederungen überragt. An die Verbreitung, die Lebensdauer und Lebenskraft der Bibel kommt
kein Schriftstudium der ganzen Erde heran.

Die Bibel hat die größte Lebensdauer bewiesen. Denn sie ist in ihren ältesten Teilen über 3300
Jahre alt, und doch ist alles in ihr taufrisch und jugendneu, eben „ewig neues Altes Testament"
und „ewig neues Neues Testament"!

So hat das Wort der Schrift immer wieder seine Gotteskraft bewiesen. Wie Christus, das
personhafte „Wort", ist allerdings auch das geschriebene Wort - und zwar oft - gleichsam ans
Kreuz geschlagen, begraben und totgesagt worden. Aber stets ist es auch - so wie er, das
„lebendige" Wort - am dritten Tage wieder auferstanden und lebt! Wie die Boten Jesu Christi
allgemein, so können es auch die Bücher und Worte der Bibel mit Paulus bezeugen: „Durch Ehre
und Unehre, durch böses Gerücht und gutes Gerücht . . ., als Sterbende, und siehe, wir leben! (2.
Kor. 6, 8; 9) .

So ist die Bibel wie die Sonne: uralt und doch immer wieder neu, stets die Nacht überwindend,
Licht und Leben verbreitend, alles andere Licht überstrahlend, kurz, die Königin im Reich des
Geistes, die Zentralquelle aller bleibenden, wahren Erleuchtung.

„An deiner Rede will ich bleiben,


Drauf läßt sich's bauen felsenfest.
Ich weiß ja, daß von deinen Worten
Du keins zur Erde fallen läßt.
Eh' sollen Berg und Hügel weichen,
Eh' stürzt der ganze Weltkreis ein,
Eh' auch das kleinste deiner Worte,
Herr Jesu, unerfüllt wird sein." - (Dr. Adolf Morath)

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Reformation -
Gedanken zur bleibenden Bedeutung der Reformation

Von Aleksander Radler

Betrachtet man eine intellektuelle oder geistliche Biographie dann merkt man sofort, dass unser
Denken nicht nur von anderen Gedanken und Theorien, sondern auch von Stimmungen. Bildern
und Erinnerungen beeinflusst und geprägt worden ist.

Den Anstoss für meine langjährige Auseinandersetzung mit dem gewaltigen Werk Martin Luthers
gaben weder mein Studium noch irgendeine theologische Konferenz, sondern meine letzte
persönliche Begegnung mit dem Nestor der schwedischen Lutherforschung, dem ersten
Präsidenten des Lutherischen Weltbundes (1947-52) und ehemaligen Bischof von Lund Anders
Nygren (1890-1978) in seinem stillen Krankenzimmer in Lund. Wir beide hatten in unseren
Dissertationen über Immanuel Kant (1724-1804) und Friedrich Schleiermacher (1768-1834)
gearbeitet und aus diesen Gesprächen war mit der Zeit eine tiefe Freundschaft erwachsen.

Der Herbst hatte schon die Bäume gelichtet und die fahle Herbstsonne vermochte kaum noch
das Zimmer zu erhellen. Wir beide wussten, dass dies unsere letzte Begegnung werden sollte.
Anders Nygren hat die schwedische Theologie des 20. Jahrhunderts ebenso nachhaltig geprägt,
wie Karl Barth die deutsche. Neben seinem Bett hing jenes bekannte Bild vom Schutzengel, der
zwei kleine Kinder vor dem Sturz in den Abgrund bewahrt, eine bewusste Rückkehr zum Glauben
seiner Kindheit.

Wir sprachen über die Aussichten und Entwicklungen der gegenwärtigen Theologie. In den
letzten Jahren hatte Nygren sich vor allem mit der Auslegung der Heiligen Schrift und der
Theologie Luthers beschäftigt. Es ist falsch, erklärte er, davon zu sprechen, dass wir zurück zu
Luther müssten. Es geht nicht darum alte Erinnerungen neu zu beleben und es kann auch nicht
unser Ziel sein irgendeine Form von Restaurationstheologie zu betreiben.

Die einzige richtige Forderung ist vielmehr vorwärts hin zu Luther. Luthers Theologie ist trotz ihrer
Zeitgebundenheit keine Theologie, die wir hinter uns lassen könnten, sondern Luthers
theologisches Denken liegt noch vor uns, weit, weit vor uns.

Vor dem Luthertum stehen noch gewaltige Aufgaben, nicht nur organisatorischer, sondern vor
allem geistlicher und theologischer Art. Die Bedeutung der Reformation ist bei weitem noch nicht
erkannt. Betrachtet man die Geschichte der evangelischen Kirche, dann wird deutlich, dass die
religiösen Kräfte der Reformation eigentlich schon von Anfang an durch mannigfaltige politische
und theologische Gründe gebunden waren. Was soll man nun tun, um jene Kräfte der
Reformation zu befreien, damit jenes Erbe, das so lange verschüttet war, neu belebt wird?
Hierbei konzentrieren wir uns auf folgende Fragen:

(I) Was sind die tragenden Gedanken des Luthertums?

(II) Weshalb kamen die tragenden Gedanken des Luthertums so selten zu ihrem Recht?

(III) Welche Aufgaben erwachsen dem heutigen theologischen Denken aus diesem
Hauptanliegen der Reformation?

(I) Was sind die tragenden Gedanken des Luthertums?

Der entscheidende Gedanke der Theologie Luthers ist, dass er uns das Evangelium in seiner
Reinheit zurückgegeben hat. Das Evangelium ist nicht eine blosse Lehre von Gott oder konkrete
Anleitungen zum moralischen Handeln, sondern das Evangelium ist die frohe Botschaft. Dies ist
die grosse Entdeckung Luthers, er entdeckte von neuem das Evangelium in seiner
überwältigenden Herrlichkeit.

Hier auf dieser Welt und in dieser Gesellschaft herrscht das Gesetz und dies muss so sein. Denn
in ihr geht es um unsere Taten, die bestimmten moralischen Regeln folgen. Aber vor Gott ist dies
nicht das Entscheidende. Vor ihm sind nicht unsere Handlungen das wichtigste, sondern Gottes
Handeln allein entscheidet über das Heil des Menschen. Sprechen wir im Hinblick auf unser Heil
von uns selbst und unseren Taten, dann verdunkeln wir Gottes Handeln mit uns, wir verringern
Christus und sein Werk und verdunkeln das Licht des Evangeliums. Alle die an Christus glauben,
stehen nicht länger unter den dunklen Mächten, sie sind nicht länger die Kinder des Todes,
sondern vielmehr Kinder der Auferstehung, denn sie haben Teil am Sieg Christus über Tod und
Verderben.

Die Auferstehung Christi ist der entscheidende Wendepunkt in der menschlichen Geschichte, sie
ist das Ende des alten Äons. Gleichwohl wusste Luther nur zu deutlich, dass wir nach wie vor im
alten Zeitalter leben und deshalb gilt es recht zwischen Gesetz und Evangelium zu
unterscheiden. Gerade weil wir noch in dieser alten Welt leben, hat das Gesetz einen so
entscheidenden Einfluss auf uns. Aber wir wissen auch, dass wir gleichzeitig damit schon im
neuen Äon leben, dass Gott uns durch Christus seine neue Gerechtigkeit schenkt. Und hier hat
das Gesetz überhaupt keine Macht über uns, denn hier entscheiden nicht unsere Taten, sondern
allen Gottes Handeln. Die Grundlage unserer neuen, von Gott geschenkten Gerechtigkeit, sind
Christi Tod am Kreuz und sein Sieg über Sünde und Tod. Luther hat versucht diese Gedanken in
drei Formeln zusammen zu fassen:

- Sola fide - durch Glauben allein.


- Simul iustus et peccator - sowohl Sünder und Gerechter zugleich.
- Die Lehre vom Beruf.

Luthers Formulierung - allein durch den Glauben - will ausdrücken, dass wirklich alles von Gottes
Handeln her kommt. Dies will eigentlich auch der Katholizismus sagen, wenn er davon spricht,
dass alles aus Gnade allein geschieht. auch im katholischen Denken sind die menschlichen
Verdienste Ergebnisse der göttlichen Gnade. Auch hier ist deutlich, dass es keinen menschlichen
Verdienst vor Gott ohne seine Gnade gibt.

Und doch gibt es einen feinen, aber entscheidenden Unterschied. Im Blickpunkt der
theologischen Reflexion steht nicht das Handeln Gottes, sondern das Handeln des Menschen,
nämlich die Frage, was der Mensch mit Hilfe der göttlichen Gnade bewirken kann. Der Mensch ist
auch aus katholischer Sicht ausser Stande ohne Gottes Hilfe das Liebesgebot, welches ja die
Vollendung des Gesetzes ist, zu erfüllen. Die Kraft dieses Gesetz zu erfüllen wird ihm durch die
göttliche Gnade verliehen.

Man kann sich dies konkret so vorstellen, wie man Wasser in ein Gefäss füllt, so wird die
göttliche Gnade in den Menschen eingegossen und dadurch wird der Mensch veredelt, er ist
wirklich gerechtfertigt. In diesem Sinne muss man das bekannte Wort Augustins verstehen: ”liebe
und tue dann, was Du willst.” Nach katholischer Auffassung muss also die Liebe den Glauben
vollenden. Gegen diese Verbindung von Glaube und Liebe setzt Luther sein durch Glauben
allein. Wir können gegenüber Gott nicht von einer anderen Qualität sprechen als jener, die wir
durch die Gnade erhalten haben. Gott hat uns die Gnade und Gerechtigkeit durch Christus
geschenkt, sie ist immer eine fremde Gerechtigkeit und wir dürfen niemals von unserer eigenen
Gerechtigkeit sprechen. Christus ist unsere Gerechtigkeit und deshalb darf man niemals von
etwas anderem, als vom Glauben allein sprechen.

Indirekt wendet sich auch der Gedanke Luthers vom - sowohl Sünder und Gerechter zugleich -
gegen den Gedanken, dass zwar die göttliche Gnade den Menschen gerecht mache, dieser dann
aber in der Lage sei, aus eigener Kraft Gott gefällige und verdienstvolle Taten zu vollbringen. Der
Mensch bekommt dieser Ansicht nach, zwar die entscheidende Hilfe von Gott, aber er ist dann in
der Lage sich Schritt für Schritt voran zu arbeiten, bis dass er gerechtfertigt und heilig vor Gott
steht. Diese Sicht spiegelt nicht nur den katholischen Standpunkt wider, sondern hat auch
Anhänger in der pietistischen, methodistischen und liberal-theologischen Tradition innerhalb der
Evangelischen Kirchen.

Das Bestechende an dieser Sicht ist die scheinbare enge Verbindung von Glaubenssätzen und
Ethik. Sie wird oft im Begriff der Heiligung zusammengefasst, gegen den sich die lutherische
Tradition ja auch nicht wendet, im Gegenteil. Gerade im finnischen Luthertum kommt dieser
Problematik eine grosse Bedeutung zu. Luther wendet gegen die oben wiedergegebene
Auffassung nur ein, dass auch der gläubige Christ nichts habe, was er vor Gott als Verdienst
vorweisen könne. Hier haben die besten und reinsten Taten der Heiligen den gleichen Wert, wie
die des Sünders. Wir können entgegnen: Wirkt nicht aber Gott gerade durch die Werke und
Taten der Heiligen.

Luther greift in diesem Zusammenhang zu dem bekannten Paradox vom schlechten Werkzeug
mit dem der Handwerker arbeitet, das schlechte Werkzeug entstellt immer auch das beste
Material. Es ist wirklich so, dass Gott durch den Christen in der Welt wirkt, aber auch der Christ
ist und bleibt sündig Er ist nicht rechtfertig durch seine Taten, sondern dadurch, dass Gott ihn
erwählt hat und ihn annimmt und ihm ein neues Leben mit Christus schenkt. Der Ausdruck
sowohl Sünder und Gerechter zugleich beschreibt für Luther die Tatsache, dass der Christ
gleichzeitig dem alten und neuen Zeitalter angehört. Er lebt durch seinen Glauben in Christus und
Christus ist auch seine Gerechtigkeit und diese Gerechtigkeit ist ohne Fehler, er ist vollkommen
gerecht. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Christ selbst vollkommen gerecht ist, er lebt in
dieser sündigen Welt als Sünder, in ihm lebt vielmehr die Gerechtigkeit des neuen Zeitalters mit
der Sünde des alten Äons zusammen.

Der Gedanke, dass wir nach wie vor als Christen in dieser Welt leben führt zu Luthers drittem
wichtigen Hauptgedanken - seiner Lehre vom Beruf.

Die schwedische Lutherforschung hat dieser Problematik ein besonderes Interesse gewidmet,
erinnert sei nur an das klassische Werk von Gustaf Wingren (1911-2000) Luthers Lehre vom
Beruf (1942). Die Tatsache, dass der gläubige Mensch schon am neuen Äon Teil hat, darf
keineswegs dazu führen, dass er der Welt den Rücken kehrt. Gott ruft den Christen nicht dazu
auf, diese Welt zu verlassen, sondern er schickt ihn gerade in diese Welt, so wie sie ist. Jeder
Mensch hat hier eine besondere Berufung, einen besondern konkreten Beruf durch den er die
göttliche Schöpfung gegen die destruktiven Kräfte verteidigt. Er möge dies wissen oder nicht, so
ist er gleichwohl Instrument in der Hand Gottes. Gott zwingt selbst die Gottlosen in der Erfüllung
ihres Berufes seinen Willen in dieser Welt auszuführen. Nimmt der Gläubige willig seine Berufung
an, dann zeigt ihm Gott ganz konkret, wo und wie er seinen Dienst im Sinne der Nächstenliebe
ausführen kann. Gerade durch die treue Erfüllung eines konkreten Berufes wird man, so Luther,
ein Christus für seinen Nächsten.

(II) Weshalb kamen die tragenden Gedanken der Reformation so selten zu ihrem Recht?

Die Frage, weshalb die tragenden Gedanken des Luthertums nur im begrenzten Masse
Breitenwirkung erreichen konnten, ist oft diskutiert worden und verantwortlich dafür wurde der so
genannte Säkularisierungsprozess, d.h. die immer stärker werdende Verweltlichung gemacht. Ja
es gibt Theologen, die Luther und das Luthertum selbst für diese Verweltlichung verantwortlich
machen und einige sehen dieses durchaus positiv. Es ist wahr, dass Luther der Welt und dem
weltlichen Beruf eine grosse Eigenständigkeit eingeräumt hat, aber diese Eigenständigkeit ist
keineswegs eine Eigengesetzlichkeit. Für Luther gehört das konkrete, ununterbrochene Handeln
Gottes in dieser Welt, ganz einfach und natürlich zur Welt.

Das neue Zeitalter wirkt und prägt schon den alten Äon, mitten in der Welt, in der wir leben. Das
durch die Säkularisierung bestimmte moderne Denken rechnet hingegen nur mit einer
Wirklichkeit, es betrachtet das weltliche Geschehen einseitig aus einer innerweltlichen
Perspektive. Dies zeigte sich auch in Theologie und Kirche.

Die Überlieferung und Akzeptanz objektiver Wahrheiten wurde durch die subjektive Erfahrung
des Glaubens ersetzt. Hier trat die objektive Wahrheitsfrage zurück und entscheidend wurden die
Kraft und Intensität des subjektiven Glaubens. Damit wurde der Glaube zu einer inneren,
menschlichen Qualität. Die liberale Theologie spricht auch folgerichtig von Virtuosen des
Glaubens. Es liegt auf der Hand, dass dadurch das Verhältnis zum Evangelium als Grund des
Glaubens aufgelöst ist.

In Analogie hierzu wurde der lutherische Gedanke vom gleichzeitig sowohl Sünder und Gerechter
an den Rand gedrängt und von der Vorstellung ersetzt, dass das christliche Leben eine
allmähliche Überwindung der Sünde und eine sukzessive Weiterentwicklung der Gerechtigkeit
sei. Die Folge davon war, dass in pharisäischer Weise Gerechtigkeit und Sünde auf zwei
verschiedene Gruppen von Menschen verteilt wurden, wobei die Christen von sich selbst
glaubten sie seien die Gerechten und die anderen die Sünder. Auch Luthers Lehre vom Beruf
wurde zu einem blossen Arbeitsethos verkürzt. Das Christentum war nun bloss etwas, das dem
Menschen zu psychischer Gesundheit und Harmonie verhelfen sollte.

(III) Welche Aufgaben erwachsen dem heutigen theologischen Denken aus diesem
Hauptanliegen der Reformation?

In diesem Sinne ging die Säkularisierung Hand in Hand mit dem Glauben an die Vernunft und die
stete Vorwärtsentwicklung des Menschen. Die grossen Krisen des 20. Jahrhunderts, von
prophetischen Denkern wie Friedrich Nietzsche vorausgeahnt, sind zur Krise des säkularisierten
Menschen geworden, der seinen Glauben an den naiven Entwicklungsoptimismus verloren hat
und der den Verfall der Werte deutlich bis in das alltägliche Leben hinein spürt.

Angesichts dieser Situation muss die Frage nach den Zukunftsaussichten des Luthertums neu
gestellt werden.

1. Die Hauptaufgabe des Luthertums ist es mehr denn je das Evangelium, die Rechtfertigung
durch den Glauben allein zu predigen. Das Evangelium ist neben dem Gesetz der Teil des Wort
Gottes, der dem Menschen die frohe Botschaft verkündigt. Es berichtet, dass Gott aus Gnade,
aus seiner erbarmenden Liebe heraus, uns Menschen um Christi willen unsere Sünden vergibt.
Gott gibt uns den Glauben an seine unendliche Liebe und er schenkt uns jene Gerechtigkeit, die
das Gesetz fordert. Betrachtet man nur den faktischen, den von der Religionssoziologie
beschriebenen, Zustand unserer Kirchen, dann hat man wenig Grund zur Freude.

Sieht man jedoch tiefer, dann zeigt sich ein anderes Bild. Die moderne Literatur und Kunst, es sei
nur an die Filme des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman erinnert, beschreiben den
modernen Menschen oft besser als die zeitgenössische Theologie. Sie zeigen, dass der moderne
Mensch nach den tiefen Krisen des letzten Jahrhunderts und angesichts der gegenwärtigen
Erschütterungen seinen eigenen Schöpfungen und Werten skeptisch gegenüber steht. Der
Entwicklungsoptimismus aus den Glanzzeiten der Säkularisierung gibt sich heute als naiv, hohl
und pathetisch. Auch der blinde Glaube an das Weltbild der Vernunft oder der
Naturwissenschaften ist zumindest erschüttert und der reine Materialismus war eigentlich nie eine
Alternative. Heute tobt ein unerbittlicher Kampf um die Seele der Menschen, an dem sich
divergierende Kräfte, Weltanschauungen und Religionen beteiligen. Man braucht nicht die
gegenwärtige religiöse Bewegung in den USA zu bemühen, sondern alles deutet daraufhin, dass
der moderne Mensch eine grosse Sehnsucht nach Erlösung hat. Einen selbstzufriedenen, im
Entwicklungsoptimismus und Materialismus befangenen Menschen das Evangelium zu predigen,
ist schwer. Der gegenwärtige, zerrissene Mensch hingegen braucht die Predigt des Evangeliums
mehr denn je. Das Luthertum muss es einfach wieder wagen, klar und deutlich vom
menschlichen Leben unter der Gewalt von Sünde und Tod zu sprechen. Die Wahrheit dieser
Analyse liegt für jeden denkenden Menschen offen und deutlich zu Tage. Wort und Sakrament
haben im Luthertum immer auch eine eschatologische, d.h. eine endzeitliche Dimension, die den
Menschen dazu zwingt sein kurzes Leben im Lichte der Ewigkeit zu betrachten Was heute Not
tut, ist ein Luthertum, dass es wieder wagt Gottes Handeln in Christo als Grundlage für ein neues
Zeitalter und eine neue Menschlichkeit zu predigen.

2. Gerade dieser eschatologische Zug wurde dem Luthertum zum Vorwurf gemacht. Es gibt eine
Flut von Büchern und Broschüren in allen grossen Sprachen, die dem Luthertum politisches
Versagen, Passivität und Weltfremdheit vorwerfen. Dieses Urteil wird nicht nur auf die Rolle des
Luthertums im Dritten Reich beschränkt, sondern wird als politische Struktur des Luthertums
schlechthin angesehen. Schon bedeutende Denker wie Ernst Troeltsch (1865-1923) und Max
Weber (1864-1920) hatten vorgeschlagen, die Passivität des Luthertums sowie seine religiöse
Innerlichkeit und Tiefe mit dem aktiven Geist des Calvinismus zu verbinden. Nun ist das
politische Versagen des Luthertums nicht zu leugnen, aber es stellt sich hier die Frage, ob der
Fehler, die Welt fremden und destruktiven Mächten zu überlassen, schon in der Deutung des
Evangeliums durch Luther selbst liegt, oder ob es eine spätere Fehlentwicklung war? Die Antwort
auf diese Frage kann nur eindeutig sein. Sowohl in seinen theologischen, ethischen und
sozialethischen Erwägungen stellt Luther den ganzen Menschen, sein gesamtes irdisches Leben
unter Gottes Herrschaft. Eine Aufteilung der vorfindlichen Welt in eine geistliche beziehungsweise
profane Sphäre ist Luther vollkommen fremd, sie ist rein geistesgeschichtlich erst ein Produkt der
Aufklärung. Luthers Lehre vom Beruf zeigt mit aller Deutlichkeit, dass alle, auch die kleinsten
Bereiche des menschlichen Lebens unter die Herrschaft Gottes gestellt werden. Gott gehört nicht
nur der Himmel, sondern auch die Erde und Gott hat uns Menschen gerade in dieses weltliche
Leben zum Dienen berufen und jeder Mensch bekommt sein Stündlein indem Gott ihm die
konkreten Aufgaben in seinem Leben für diese Welt mitteilt. Hier werden auch einer modernen
Sozialethik alle Möglichkeiten gegeben.
Beides gehört zusammen: die Predigt von Gottes Evangelium und seinen Taten in Jesus
Christus, sie müssen in ihrer ursprünglichen Klarheit dargestellt werden und die Konsequenzen
aus dieser Predigt, nämlich die bewusste Gestaltung des ganzen menschlichen Lebens nach
dem Willen Gottes. Wenn beides berücksichtigt wird, dann hat das Luthertum wirklich eine grosse
Zukunft vor sich, gerade in unserer postmodernen Welt.

Aleksander Radler

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Historisch-kritische Theologie u. Bibel


Eta Linnemann

Original oder Fälschung

Historisch-kritische Theologie im Licht der Bibel

Anmerkungen zum Studium

Der Glaube
der Theologie
der historisch-kritischen Theologie
und die Theologie des Glaubens

Die Denkweise der historisch-kritischen Theologie

Exkurs: Verführungen

Die Bibel und der moderne Mensch

Gottes Wort

Einleitung

»Warum sagen Sie NEIN zur historisch-kritischen Theolo gie?« Diese Frage wurde mir gestellt
und ich möchte vorab auf sie antworten: Mein NEIN zur historisch-kritischen Theo logie entspringt
dem JA zu meinem wunderbaren Herrn und Heiland Jesus Christus und zu der herrlichen
Erlösung, die Er auf Golgatha auch für mich vollbracht hat.

Als Schülerin von Rudolf Bultmann und von Ernst Fuchs, von Friedrich Gogarten und Gerhard
Ebeling habe ich die besten Lehrer gehabt, welche die historisch-kritische Theologie mir bieten
konnte. Auch sonst war ich keineswegs zu kurz ge kommen: Mein erstes Buch erwies sich als ein
Bestseller. Ich wurde ordentliche Professorin für Theologie und Methodik des
Religionsunterrichtes an der Technischen Universität in Braunschweig. Aufgrund meiner
Habilitation ernannte man mich zur Honorarprofessorin für Neues Testament an der
theologischen Fakultät der Philipps-Universität in Marburg und nahm mich als Mitglied in die
Society for New Testament Studies auf. Ich durfte mich der zunehmenden Anerkennung durch
meine Kollegen erfreuen.

Geistig beheimatet in der historisch-kritischen Theologie, war ich fest davon überzeugt, mit
meiner theologischen Arbeit Gott einen Dienst zu tun und einen Beitrag zu leisten zur
Verkündigung des Evangeliums. Dann aber mußte ich – aufgrund von Einzelbeobachtungen und
-informationen ebenso wie aus Selbsterkenntnis – einsehen, dass bei dieser »wissenschaftlichen
Arbeit am Bibeltext« unter dem Strich keine Wahrheit herauskommen kann und dass diese Arbeit
der Verkündigung des Evangeliums nicht dient.

Damals war das nur eine praktische Erkenntnis, aus Erfahrun gen gewachsen, die ich nicht
länger wegzuleugnen vermochte. Inzwischen hat mir Gott durch Seine Gnade und Sein Wort
auch theoretische Einsicht gegeben in den Charakter dieser Theologie: Anstatt im Worte Gottes
gegründet zu sein, hat sie Philosophien zu ihrem Fundament gemacht, welche sich entschieden
haben, Wahrheit so zu definieren, dass Got tes Wort als Quelle der Wahrheit ausgeschlossen
und der Gott der Bibel, der Schöpfer Himmels und der Erde und Vater unseres Heilandes und
Herrn Jesus Christus auf der Grund lage dieser Voraussetzung nicht denkbar ist.

Heute darf ich erkennen, dass sich in dem Monopolcharakter und der weltweiten Verbreitung der
historisch-kritischen Theologie Gottes Gericht vollzieht (Röm 1,18 ff.). Gott hat es in Seinem Wort
vorhergesagt: »… es wird eine Zeit sein, da sie gesunde Lehre nicht ertragen können, sondern
nach ihren eigenen Lüsten selbst Lehrer aufhäufen, weil es ihnen in den Ohren kitzelt« (2Tim
4,3). Er hat auch verheißen, dass er »eine wirksame Kraft des Irrwahns« sendet, »dass sie der
Lüge glauben« (2Thes 2,11).

Gott ist nicht tot; Er hat auch nicht abgedankt, sondern Er regiert und Er vollzieht bereits das
Gericht an denen, die Ihn für tot erklären oder als einen Götzen deklarieren, der weder Gutes
noch Böses tut.

Heute weiß ich, dass ich jene anfänglichen Einsichten der vor laufenden Gnade Gottes verdanke.
Zunächst aber führten sie mich in eine tiefe Frustration, auf die ich mit Abgleiten in Süchte
reagiert habe. Ich versuchte, mich zu betäuben; ich wurde ein Sklave des Fernsehens und geriet
in zunehmende Abhängigkeit vom Alkohol.

Als ich vor dem Hintergrund eigener bitterer Erfahrung die Wahrheit des Bibelwortes erkennen
konnte: »Wer sein Leben gewinnen will, der wird es verlieren« (Mt 10,39), führte Gott mich zu
lebendigen Christen, die Jesus persönlich als ihren Herrn und Heiland kennen. Ich durfte ihre
Zeugnisse hören, in denen sie berichteten, was Gott in ihrem Leben getan hat. Schließlich sprach
Gott selber durch das Wort eines Bruders zu meinem Herzen und durch Seine große Gnade und
Liebe habe ich mein Leben Jesus übergeben.

Er hat es sogleich in Seine Heilandshände genommen und damit angefangen, es radikal zu


verändern. Ich wurde frei von der Sucht, war hungrig und durstig nach Seinem Wort und nach
Gemeinschaft mit Christen und ich durfte Sünde klar als Sünde erkennen, für die ich bisher nur
Entschuldigun gen gehabt hatte. Ich kann mich noch an die herrliche Freude erinnern, als zum
ersten Mal Schwarz wieder Schwarz und Weiß wieder Weiß für mich wurde und aufhörte, zu
einem unterschiedslosen Grau ineinanderzufließen.

Etwa einen Monat nachdem ich mein Leben Jesus übergeben hatte, wurde ich von Gott
überführt, dass Seine Verheißungen Realität sind. Ich hörte den Bericht eines Wycliff-Missionars,
der in Nepal diente. Er teilte mit, dass sein Sprachhelfer während seiner Abwesenheit ins
Gefängnis gekommen war, weil es in Nepal verboten ist, Christ zu werden und was dieser junge
Christ bei der Gerichtsverhandlung gesagt hatte. Auf grund von früheren Berichten, in denen ich
von diesem Sprachhelfer gehört hatte, war mir augenblicklich klar, dass er diese Antwort niemals
aus seinem eigenen Vermögen hätte geben können. Markus 13,9-11 drängte sich in mein
Bewußtsein – ein Wort, das ich bisher nur mit akademischem Interesse zur Kenntnis genommen
hatte – und ich konnte nicht umhin, zuzugeben, dass diese Verheißung hier erfüllt war.

Schlagartig wurde ich davon überführt, dass Gottes Ver heißungen Realität sind, dass Gott ein
lebendiger Gott ist und dass Er regiert. »Denn so er spricht, so geschieht’s; so er gebeut, so
steht’s da« (Ps 33,9). Alles, was ich in den Mona ten vorher an Zeugnissen gehört hatte, fügte
sich in diesem Augenblick wie Puzzle-Stücke ineinander und mir wurde meine Torheit bewußt,
angesichts dessen, was Gott heute tut, zu behaupten, die Wunder, welche im Neuen Testament
berichtet werden, seien »nicht passiert«. Schlagartig wurde mir klar, dass ich für meine
Studenten ein blinder Blinden leiter gewesen war und ich tat Buße darüber.

Etwa einen Monat danach stand ich – ohne Zutun von Men schen, allein in meinem Kämmerlein
– vor der Entscheidung, entweder die Bibel weiter durch meinen Verstand zu kontrol lieren oder
mein Denken durch den Heiligen Geist verwan deln zu lassen.

An Johannes 3,16 wurde mir diese Entscheidung klar, denn ich hatte inzwischen die Wahrheit
dieses Wortes erfahren. Es machte jetzt mein Leben aus, was Gott für mich und für die ganze
Welt getan hat – seinen lieben Sohn dahinzugeben. Das konnte ich nicht mehr als ein
unverbindliches Theologu menon eines – mehr oder weniger – von der Gnosis beeinflußten
theologischen Schriftstellers beiseite schieben. Auf Gottes verbindlicher Zusage kann der Glaube
ruhen. Theolo gische Sätze sind nur von akademischem Interesse.

Durch Gottes Gnade durfte ich dann Jesus als den erfahren, dessen Name über alle Namen ist.
Ich durfte erkennen, dass Jesus Gottes Sohn ist, von der Jungfrau geboren, dass Er der Messias
und Menschensohn ist und Ihm solche Titel nicht durch menschliche Überlegungen beigelegt
wurden. Ich durfte die Inspiration der Heiligen Schrift zunächst erkennen und dann auch lebendig
erfahren.

Ich habe – nicht durch Reden von Menschen, sondern durch Zeugnis des Heiligen Geistes im
Herzen – klare Erkenntnis, dass mein verkehrtes Lehren Sünde war und bin froh und dankbar,
dass mir diese Sünde vergeben wurde, weil JESUS sie ans Kreuz getragen hat. Deshalb sage
ich NEIN zur historisch-kritischen Theologie.

Nach wie vor erachte ich alles, was ich gelehrt und geschrie ben habe, bevor ich Jesus mein
Leben übergab, für einen Dreck. Ich möchte die Gelegenheit benutzen, um darauf hin zuweisen,
dass ich meine beiden Bücher »Gleichnisse Jesu …« und »Studien zur Passionsgeschichte«
samt meinen Beiträgen in Zeitschriften, Sammelbänden und Festschriften verworfen habe. Was
sich davon in meiner Wohnung befand, habe ich 1978 eigenhändig in den Müll getan und bitte
Sie herzlich, mit dem, was sich davon etwa noch auf Ihrem Bücherbord findet, das Gleiche zu
tun.

Dr. Eta Linnemann, Prof. i.R. - 5. Juli 1985

Anmerkungen zum Studium der historisch-kritischen Theologie

Vorbemerkung: An der Formulierung des Themas wurde An stoß genommen. Man hat gesagt, es
müsse heißen: Anmerkungen zum Studium der historisch-kritischen Methode.

Dazu ließe sich manches sagen; ich möchte mich jedoch auf zwei Bemerkungen beschränken:

1. Die Formulierung »historisch-kritische Theologie« hält sich durchaus im Rahmen des


allgemeinen Sprachgebrauchs.

Wenn jemand zum Beispiel erzählt, dass er zu einer Kneippkur fährt, dann weiß man, was er dort
verordnet bekommt: Wassertreten, Kniegüsse und Ähnliches mehr. Exakt müßte es frei lich
heißen: Er fährt zu einer Kur, in der er nach den weiland von Pfarrer Kneipp gefundenen
Methoden behandelt wird. Jeder weiß, dass eine Kneippkur nach diesen Methoden er folgt und
sich gerade darin von anderen Kuren unterscheidet.

Ebenso ist es in der Theologie. Die Theologie, wie sie heute rings um den Erdball an den meisten
Universitäten gelehrt wird und die ganz gewiß in Deutschland an den staatlichen Universitä ten
das Monopol hat und den Alleinvertretungsanspruch erhebt, basiert auf der historisch-kritischen
Methode. Diese ist nicht nur Grundlage in den exegetischen Disziplinen. Sie entscheidet auch
darüber, was der Systematiker sagen kann und was man ihm abnimmt und wie man in
Katechetik, Homiletik und Ethik vorzugehen pflegt. Vielleicht ist das denen, die darin leben, gar
nicht so bewußt. Das Historisch-kritische hat wirklich – wie ein Sauerteig den Teig – die gesamte
Universitätstheologie durchdrungen. Wenn man aber ständig mit Sauerteig arbeiten muß, nimmt
man den Geruch wahrscheinlich gar nicht mehr wahr.

2. Meine früheren Kollegen, mit denen ich bei den Meetings der Society for New Testament
Studies Gemeinschaft hatte, würden sich streng dagegen verwahren, wenn man sie als
historisch-kritische Methodiker einstufen würde anstatt als Theologen. Denn sie selber verstehen
sich als Theologen und wollen als solche ernst genommen werden. Dann ist es aber doch wohl
nicht verkehrt, ihre Arbeit als historisch-kritische Theologie anzusprechen und nicht bloß von
historisch-kritischer Methode zu reden.

Es ließe sich gewiß noch mehr dazu sagen. Aber lassen wir es dabei bewenden und kommen zur
Sache.

A. Der Grundansatz der Theologie als Wissenschaft

1. Es wird geforscht, ut si Deus non daretur, d.h. die Realität Gottes wird von vornherein
theoretisch ausgeklammert, auch wenn die Forscher einräumen, dass er sich in seinem Wort
bezeugen könne.

2. Der Maßstab, an dem alles gemessen wird, ist nicht Gottes Wort, sondern das Prinzip der
Wissenschaftlichkeit. Aus der Schrift entnommene Angaben über Ort und Zeit, Handlungs
abläufe und Personen werden nur soweit akzeptiert, wie sie sich mit den anerkannten
Unterstellungen und Theorien in Einklang bringen lassen. Alles übrige wird als »unwissen
schaftlich« abgewiesen. Die Wissenschaftlichkeit ist zum Götzen geworden.

3. Voraussetzung der wissenschaftlichen Theologie ist die Einordnung der Bibel

und des christlichen Glaubens in die Vergleichsebene mit anderen Religionen und ihren heiligen
Schriften. Auch da, wo man das Besondere des Christentums betont, ist die allgemeine
religionswissenschaftliche Einord nung die Grundvoraussetzung. Diese Vergleichsebene ist aber
keine Tatsache, keine Gegebenheit, sondern sie ist eine Abstraktion, ein Kunstgebilde, das man
gewonnen hat auf grund der Abwendung vom lebendigen Gott. (Wer Theologie studiert, wird
zwangsläufig mit seinem Denken auf den Boden dieser lügenhaften Unterstellung versetzt.)

4. Der Begriff »Heilige Schrift« wird religionsgeschichtlich relativiert:

Da auch andere Religionen ihre heiligen Schriften hätten, könne man nicht von vornherein davon
ausgehen, dass die Bibel die Heilige Schrift sei. Deshalb wird mit ihr umgegangen wie mit jedem
anderen Buch. Man macht kei nen Unterschied in der Untersuchung der Bibel und der
Untersuchung der Odyssee, wenngleich man in solcher Untersuchung Unterschiede zwischen
beiden feststellt.

Gerade im Feststellen solcher Unterschiede meint man der Verkündigung des Evangeliums einen
Dienst zu tun. Man übersieht dabei, dass man in solchem Vergleichen das Wort Gottes zu
religiösen Vorstellungen und theologischen Be griffen reduziert und dadurch aus dem lebendigen
Wort einen toten Buchstaben macht. Erst auf der Kanzel wird das offenbar, wenn der Prediger
sich vergeblich darum bemüht, diesen toten Buchstaben zum Reden zu bringen und schließ lich
versucht, ihm mit Hilfe von Psychologie, Soziologie, So zialismus und anderen -ismen Leben
einzuhauchen.

5. Man geht mit der Bibel nicht so um, dass man sie als Got tes Wort respektiert.

a) Es wird unterstellt, dass Bibelwort und Gotteswort nicht identisch sind. Das, was zwischen den
beiden Buchdeckeln des Bibelbuches an Gedrucktem stehe, sei an und für sich noch nicht Gottes
Wort. Gottes Wort sei es lediglich dann, wenn es sich je und dann beim Lesen oder im Hören der
Pre digt als solches erweise.

b) Man spielt das Neue Testament gegen das Alte aus, bis hin zu der Unterstellung, dass der
Gott des Neuen Testaments nicht derselbe sei, denn Jesus habe einen neuen Gottesbegriff
gebracht. Paulus wird gegen Jakobus ausgespielt. Es wird auch behauptet, der Paulus der
Apostelgeschichte sei nicht vereinbar mit dem Paulus, der die Briefe an die Römer, Korinther,
Galater usw. geschrieben habe. Der Apostelge schichte wird vielfach nur literarischer Wert
zuerkannt. Als Berichterstatter wird Lukas ebensowenig ernst genommen wie als Theologe; ja,
seine »Theologie«, die man anstelle einer treuen Wiedergabe des Geschehenen in jedem Satz
ver mutet, wird geradezu als negatives Paradebeispiel herausge stellt. Mit grotesken
literarkritischen Methoden, die sich sofort ad absurdum führen ließen, wenn man sich nur einmal
daran machte, sie auf das biografisch überschaubare Werk eines Dichters oder eines Theologen
– sagen wir Johann Wolfgang von Goethe oder Karl Barth – anzuwenden, wur den für die
Pastoralbriefe und für den Epheser- und Kolosser brief Behauptungen der Unechtheit aufgestellt
und werden unbesehen von einer Theologengeneration an die nächste überliefert. Unterschiede
zwischen einzelnen Büchern der Heiligen Schrift werden aufgebauscht und als Unvereinbar
keiten hochgespielt.

c) Da man nicht an die Inspiration der Schrift glaubt, kann man nicht annehmen, dass die
einzelnen Bücher der Schrift sich ergänzen. Man findet durch dieses Vorgehen in der Bibel nur
noch ein paar Hände voll unverbundener schriftstelleri scher Erzeugnisse. Man räumt zwar ein,
dass sich in ihnen der Glaube ihrer Verfasser bezeugt, aber man will nicht sehen, dass sich in
ihnen der bezeugt, an den diese Verfasser glau ben. Anders gesagt, man läßt sie nicht als
Offenbarung gel ten. Sie werden nur als schriftstellerische und theologische Erzeugnisse
betrachtet. Als solche – zwei- bis dreitausend Jahre alt, von antiken Verfassern für antike Leser
geschrieben, in Verhältnissen, die nach historisch-kritischer Untersuchung angeblich völlig
anders als die unsern sind, bescheinigt man ihnen, alles andere als aktuell zu sein.

d) Um dem Anspruch der Verbindlichkeit gerecht zu werden, den der Kanon für die Kirche hat
und natürlich auch zur eige nen Orientierung, sucht man nach dem »Kanon im Kanon«.

Für einige bleibt nicht viel mehr übrig als Römer 7, der barm herzige Samariter, Lukas 10 und das
»Gleichnis vom Weltge richt«, Matthäus 25. Bei anderen fällt dieser »Kanon im Kanon« breiter
aus. An diesem Maßstab wird dann die ganze Bibel gemessen und es wird – ausgesprochen
oder unausge sprochen – Sachkritik getrieben. Mit dem Römerbrief wird der Jakobusbrief
abgewertet; vom paulinischen Glaubensver ständnis wird 1. Korinther 15,5-8 kritisiert: Paulus sei
hier nicht auf der Höhe seiner Theologie, da er von der Auferste hung Jesu wie von einer
historischen Tatsache rede.

e) Da man in den biblischen Büchern nur Erzeugnisse theolo gischer Schriftsteller sieht, wird das
einzelne Bibelwort zu einem unverbindlichen »Theologomenon«. Johannes 3,16 zum Beispiel ist
demnach nur eine theologische Aussage eines urchristlichen Theologen, der gegen Ende des 1.
Jahrhun derts sein Evangelium geschrieben hat und der entweder Gnostiker (d.h. ein Häretiker)
war oder die Gnosis mit Hilfe ihres Vokabulars bekämpfte oder nur mehr oder weniger von der
Gnosis – einer antichristlichen, teilweise auch pseudo christlichen Heilslehre – beeinflußt wurde.
Anders gesagt: Für die historisch-kritische Theologie ist Johannes 3,16 keine verbindliche
Heilszusage Gottes, sondern nur eine unver bindliche Menschenmeinung.

In gleicher Weise verfährt man mit sämtlichen Gottesver heißungen in der Bibel, obwohl sie doch
nach Gottes Wort »Ja« und »Amen« in Jesus Christus sind (2Kor 1,20).

6. Die Heilige Schrift wird als »Text« verstanden, welcher der Auslegung bedarf.

Der unmittelbare Zugang zur Schrift wird zwar nicht bestrit ten, aber er wird in Frage gestellt als
subjektive, nur für den Auslegenden selbst verbindliche »existentielle Interpreta tion« und ohne
einen vorherigen Durchgang durch die historisch-kritische Interpretation allein im Privatgebrauch
für zulässig erklärt.

Verantwortliche Auslegung für andere, z.B. in Predigt und Unterricht habe »methodisch«, nach
Regeln, zu erfolgen, damit sie kontrollierbar sei. Der Heilige Geist, der weht, wo er will, wird
beiseitegestellt, »weil kein Mensch jederzeit garan tieren könne, dass er ihn hat« (so Rudolf
Bultmann). An seine Stelle wird die Auslegungsmethode gesetzt, welche die Objektivität der
Auslegung und ihre Angemessenheit an den Bibeltext garantieren soll.
Doch, der im Himmel sitzt, spottet ihrer. Abgesehen von eini gen Grundannahmen und der
Übereinstimmung in den Methoden kann man sicher sein, dass da, wo sich zwei Theo logen über
Ergebnisse ihrer Arbeit austauschen, in der Regel zwei verschiedene Meinungen zutage treten.
Wo dagegen Bibellehrer, die Gottes Wort wörtlich nehmen, im Vertrauen auf den Heiligen Geist
mitteilen, was sie empfangen haben, wird man immer wieder die Einheit im Geist und die Überein
stimmung in der Lehre feststellen können – quer durch Kon fessionen, Kontinente und Zeitalter.

7. Der nicht erklärte, aber praktizierte Grundsatz alttesta mentlicher und neutestamentlicher
Wissenschaft ist: So, wie es dasteht, kann es auf keinen Fall gewesen sein. Der Exeget ist darauf
eingestellt, »Schwierigkeiten« im »Bibeltext« zu entdecken und zu lösen. Je besser der Ausleger
ist, umso größer wird seine Findigkeit darin sein. Denn wenn er als Pro fessor etwas taugen will,
muß er sich »einen Namen machen«. Dazu ist er verpflichtet, wenn er nicht ein Dieb sein will, der
sein Professorengehalt umsonst bezieht. Er ist in der Zwangslage: Er muß nach Menschenehre
trachten, auch wenn er charakterlich alles andere als ehrsüchtig ist. Dem Charakter nach sind die
meisten meiner früheren Kollegen weithin eher demütig und bescheiden, wie ich ihnen gerne
bescheinige. Aber durch das System der Universitätstheolo gie stehen sie unter dem Zwang, sich
einen Namen zu machen und nach Menschenehre trachten zu müssen.

Unser Herr Jesus aber sagt: »Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmt und die
Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, nicht sucht?« (Joh 5,44).

Ein Theologiestudent, der dem Bedürfnis nach Anerkennung durch Menschen noch nicht
gestorben ist, steht unter dem gleichen Druck. Kein Wunder, dass viele gläubige Theologie
studenten bald ernsthafte Glaubensschwierigkeiten haben. Oft ist es auch so, dass sie vom
Glauben abdriften, ohne es selber wahrzunehmen. Es bleibt so einiges hängen von dem, was sie
gelernt haben – wie sollte es anders sein? Dazu stu dieren sie ja doch. Es werden Abstriche
gemacht an Gottes Wort. Es wird ihm nicht mehr alles abgenommen, was er sagt und deshalb
wird auch seine Kraft nicht mehr so erfahren. »Die Pastoralbriefe sind nicht von Paulus«, hat man
gelernt; »der Verfasser des Johannesevangeliums ist natürlich nicht der Zebedaide Johannes«,
»die 5 Bücher Mose sind nicht von ihm, sondern aus verschiedenen Quellen zusammengeschrie
ben«. Wer das im 6. Semester noch nicht gelernt hat, gilt als »bescheuert« und so wird der
Weinberg von den kleinen Füchsen verwüstet. Das sieht alles so harmlos aus: Das sind doch
alles nur Kleinigkeiten, nicht entscheidend für den Glau ben, was hängt schon daran. Aber die
Autorität des Wortes Gottes wird dadurch in Frage gestellt. Es verliert an Verbind lichkeit und das
macht sich bald dort bemerkbar, wo es uns unbequem wird. Lassen wir uns nicht beirren. Selbst
ein Mau seloch kann einen Deich gefährden. Wenn eine Sturmflut kommt, wird das offenbar.

8. Der kritische Verstand entscheidet in der historisch-kritischen Theologie darüber, was in der
Bibel Realität ist und was es nicht sein kann und zwar aufgrund der alltäglichen, jedermann
zugänglichen Erfahrung. Nur das wird als Tatsa che genommen, was allgemein für möglich
gehalten wird. Geistliches wird fleischlich beurteilt. Erfahrungen von Got teskindern werden völlig
ignoriert.

Es kommt aufgrund der Voraussetzungen, von denen man ausgeht, gar nicht in den Blick, dass
der Herr, unser Gott, der Allmächtige, regiert. Man ist offensichtlich nicht einmal in der Lage,
Wunder, die heute geschehen, zur Kenntnis zu neh men, selbst wenn sie glaubhaft bezeugt und
medizinisch nachgewiesen sind. Zumeist bekommt man sie gar nicht erst in den Blick, weil die
Bücher, die solches zur Ehre des Herrn berichten, nur in Verlagen erscheinen können, deren
Veröf fentlichungen für den historisch-kritischen Theologen von vornherein und unbesehen
»unter dem Strich« sind und als »Erbauungsliteratur« abgewertet werden.

9. Nach ihrem eigenen Selbstverständnis will die historisch -kritische Theologie Hilfe zur
Verkündigung des Evangeliums leisten durch eine Bibelauslegung, die wissenschaftlich zu
verlässig und objektiv ist. Es besteht jedoch ein ungeheuer licher Widerspruch zwischen diesem
Selbstverständnis und der Realität.
Dass die Verkündigung des Evangeliums durch einen solchen Umgang mit Gottes Wort nicht
gefördert, sondern behindert

– wenn nicht gar verhindert – wird, das sollte nach dem Vor angegangenen offenbar sein. Aber
auch die Objektivität und wissenschaftliche Zuverlässigkeit der Schriftauslegung, die man
unterstellt, ist keineswegs gegeben. Es stimmt nicht, dass anstelle subjektiver Eindrücke eine
gegründete Wahr heitsfindung durch Abwägen von Argumenten getreten sei.

a) Der Widerspruch von Theorie und Praxis, von Ideal und Wirklichkeit zeigt sich bereits im
Umgang mit der einschlägi gen Literatur. Der Theorie nach müßten alle einschlägigen, historisch-
kritischen Veröffentlichungen zum Thema berück sichtigt werden. In der Praxis erweist sich das
angesichts der ständig wachsenden Literaturflut als unmöglich.

– Auf der Zeitlinie ist man deshalb zu einer mehr oder weni ger willkürlichen Beschneidung
genötigt. Der Schnitt wird entweder in das Jahr 1900 oder in das Jahr 1945 gelegt. Aus der Zeit
von 1900 bis 1945 werden nur ausgewählte Klassiker der historisch-kritischen Theologie benutzt,
aus der Zeit vor 1900 nur einige wenige Werke.

– Obwohl heute in allen Ländern und Erdteilen historisch kritische Theologie betrieben wird,
bleiben die Veröffent lichungen dieser Theologen oft allein aus dem Grunde unberücksichtigt,
weil sie in einer Sprache abgefaßt sind, die ihre Kollegen nicht beherrschen. Bereits das
Französische stellt für viele angelsächsische und deutsche Forscher eine Sprachbarriere dar, die
zu übersteigen eine Mühe macht, die man nur bei wichtigen Klassikern auf sich nimmt. Wer aber
macht sich schon daran, die Sprachen zu lernen, um die Bücher neugriechischer, spanischer
oder japanischer Kollegen zu studieren, um nur einige Beispiele zu nennen. Solche sprachlich
nicht zugängliche Literatur bleibt für die Wahr heitsfindung von vornherein unberücksichtigt.

– Vielfach gibt es obendrein noch Schwierigkeiten bei der Beschaffung der bekannten und
sprachlich zugänglichen Literatur. Wartezeiten bei der Fernleihe können ein Viertel jahr und
länger sein. Ausdrücklich oder stillschweigend beschränkt man sich deshalb »auf die mir
zugängliche Literatur«.

– Ein in jüngerer Zeit zunehmend angewandtes Hilfsmittel, um die Literaturflut einzudämmen, das
besonders von Lin guisten gerne gebraucht wird, ist die grundsätzliche Aus klammerung der
einschlägigen Literatur, welche nicht die gleichen Spezialmethoden verwendet.

– Mehr und mehr setzt sich die fragwürdige Technik durch, sich Literatur, deren intensive
Bearbeitung eindeutig vom Thema her erforderlich wäre, dadurch vom Halse zu schaffen, dass
man ein solches Buch in einer einzigen Anmerkung nennt und nach einer verzerrten
Kurzdarstellung von weni gen Zeilen so abfällig beurteilt, dass man damit eine weitere
Bearbeitung ausschließt. Auf diese Weise erspart man sich eine Mühe, welche die eigene
Veröffentlichung um Jahre ver zögern würde. Angesichts der bestehenden Verhältnisse kann
man das als Notwehr gelten lassen. Allerdings wird bei die sem Verfahren übersehen, dass
dadurch Bücher, welche von namhaften theologischen Fakultäten als Dissertationen oder
Habilitationsschriften angenommen und somit gutgeheißen wurden, als indiskutabel hingestellt
werden – ein Sachver halt, der bisher anscheinend niemandem aufgegangen ist.

Als Ergebnis ist festzustellen, dass bereits die Praktiken der Literaturbenutzung die behauptete
Objektivität der historisch-kritischen Theologie in Frage stellen.

b) Dass Wahrheitsfindung aufgrund von kritischen Argumen ten stattfindet, ist eine
Selbsttäuschung:

– Für entgegenstehende Hypothesen lassen sich in der Regel gleichgewichtige Argumente


finden, wenn auch nicht beim selben Forscher. Entsprechend der Blickrichtung auf Figur oder
Grund springt jedem das ins Auge, was seine eigene Unterstel lung bestätigt. Werden
gegnerische Argumente im eigenen Bezugsrahmen geprüft, erweisen sie sich zwangsläufig als
schief. Eine solche Überprüfung führt deshalb in der Regel zur Erhärtung und Stabilisierung der
eigenen These.

Die grundsätzliche Bereitschaft in der historisch-kritischen Bibelauslegung, die eigenen Thesen


für überholbar zu halten und zur Diskussion zu stellen, bedeutet deshalb keineswegs, dass auf
diesem Weg Wahrheit ermittelt würde.

Wo im Einzelfall eine Ansicht geändert wird – was besonders bei Forschern von Rang nicht allzu
häufig vorkommt, werden sofort genauso gute Argumente für die neue Ansicht gefun den, denn
die Vernunft ist nun einmal eine Hure.

– In der Praxis des Umgangs der Forscher miteinander, abge sehen von den Veröffentlichungen,
herrscht das Beharren auf einmal gewonnenen Positionen vor. Auf die Zusendung von
Sonderdrucken wird gerne geantwortet: »Ihre Ausführungen finde ich sehr interessant, aber ich
kann mich ihnen nicht anschließen.« Gründe werden dafür nicht genannt. Das ist kein
Charakterfehler, sondern in der Sachlage begründet: Der Professor muß in der Lehre ein
verhältnismäßig breites Gebiet repräsentieren und soll in der Lage sein, aus dem Gesamtbereich
alttestamentlicher oder neutestamentlicher Forschung Informationen aufzunehmen. Aber nur auf
dem kleinen Spezialgebiet, das er zur Zeit bearbeitet, kann er sol chen Fragen wirklich
nachgehen. Aber selbst dort ist er durch frühere Forschungen bereits stark festgelegt, so dass
die Auf nahme neuer Gedanken ein unverhältnismäßig großes Maß an Neubearbeitung erfordern
würde, das sich oft im Rahmen der übrigen Pflichten: Lehre, Verwaltungsarbeit, Betreuen von
Examensarbeiten und Dissertationen, Arbeit an der Fer tigstellung eigener Publikationen oder als
Herausgeber von Zeitschriften u.a. gar nicht aufbringen läßt.

Die Aufnahme von neueren Forschungsergebnissen durch Forscher, welche sich bereits in einem
breiten Bereich eine Meinung gebildet haben, wird dadurch zwangsläufig willkür lich. Der
»Name« des Verfassers einer Veröffentlichung und die »Schule«, welcher derselbe angehört,
entscheiden viel fach darüber, wie dieselben aufgenommen werden.

Unter diesen Voraussetzungen kann die behauptete Objekti vität historisch-kritischer


Bibelauslegung von vornherein unmöglich zustande kommen.

10. Unter der nachwachsenden Forschergeneration breitet sich vielfach Resignation in Bezug auf
Wahrheit aus. Sie wird ausgemünzt in Theorien der Subjektivität. Eigentlich müßte sie das Ende
wissenschaftlicher Arbeit in der Theologie mar kieren, wird aber in dieser Weise nicht
ernstgenommen. Man muß sich fragen, ob hier Wissenschaft als Selbstverwirkli chung getrieben
wird. Man darf aber auch nicht übersehen, dass das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, das
besteht, solange die Kirchen den Zugang zum Pfarramt in der Regel nur über das Studium an
diesen theologischen Fakultäten freigeben, diesen Fakultäten so, wie sie sind, ein gutes Gewis
sen bei ihrer Arbeit gibt.

11. In zunehmendem Maße ist bei der jüngeren Theologen generation eine sozialistische
Unterwanderung festzustellen.

An die Stelle des Heilsplanes Gottes und die ewige Erlösung in Jesus Christus sind menschliche
Ziele der Weltverbesserung getreten. Sie werden verbrämt mit willkürlich ausgewählten Worten
des sogenannten »historischen Jesus«, der je nach Spielart als Sozialreformer oder als
Revolutionär gedeutet wird. Vorzugs»texte« sind: die Gleichnisse vom barmherzigen Samariter
(Lk 10,25-37) und vom Weltgericht (Mt 25,31-46), ferner Jesu Wort über den Sabbath (Mk 2,27-
28), wobei das Wort »Menschensohn« in Vers 28 einfach als »Mensch« interpretiert wird, was
sprachlich möglich ist. Jesu Tischge meinschaft mit Zöllnern und Sündern (Mk 2,15-17) wird als
Beweis genommen, dass er ungerechte soziale Strukturen verändert hat und wir es ihm darin
gleichtun sollen.
Kennzeichnend ist die Theorie vom »Überbau«, mit der das Alte Testament weitgehend beiseite
geschoben wird als etwas, das uns nichts angeht. Es wird verstanden – ganz oder in Teilen – als
eine geistige Konstruktion, die Ausfluss damali ger patriarchalischer Gesellschaftsstrukturen und
bäuerlicher Produktionsverhältnisse ist und die Funktion hatte, dieselben zu rechtfertigen und zu
stabilisieren. Aufgrund dieser Theorie sind selbst die Zehn Gebote für uns nicht mehr verbindlich.
Jesus habe sie im Liebesgebot aufgehoben. Was aber unter Liebe zu verstehen ist, wird nicht an
Gottes Wort abgelesen, sondern fleischlich beurteilt.

Die Propheten werden als Sozialreformer eingestuft, wofür Amos als Alibi herhalten muß.

B. Die Praxis der historisch-kritischen Theologie

1. Wie jede Wissenschaft ist auch die Theologie angewiesen auf Hypothesen. Eine Hypothese
ist eine Unterstellung, dass etwas sich so verhält.

In den Naturwissenschaften werden aufgrund von Erfahrun gen Gesetzmäßigkeiten unterstellt


und durch Experimente nachgeprüft. In den Geisteswissenschaften dagegen haben Hypothesen
keineswegs die gleichen Funktionen und kön nen auch nicht auf dieselbe Weise geprüft werden.

Die alttestamentliche und die neutestamentliche Wissen schaft haben sich u.a. die
Fragestellungen der Geschichts wissenschaft und der Literarkritik zu eigen gemacht.

a) In der Geschichtswissenschaft benutzt man vorliegende Sachfunde und sprachliche Zeugnisse


als Quellen für Infor mationen über eine vergangene Epoche, in welche man diese Funde und
Zeugnisse datiert. Bei solcher Datierung setzt bereits das Unterstellen ein; sie ist ein wichtiger
Komplex der Hypothesenbildung.

Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen:

– Wenn man unterstellt, dass das Gleichnis von den zehn Jungfrauen (Mt 25,1-13) nicht von
Jesus selbst gesprochen ist, sondern erst in der Urgemeinde entstand, dann ordnet man es in
einen anderen Zusammenhang ein. Man entnimmt ihm dann keine Informationen über Jesus,
sondern über die Urgemeinde. Man zieht zu seinem Verständnis auch nicht das heran, was man
über Jesus weiß, sondern dasjenige, was einem über die Urgemeinde bekannt ist.

– Unterstellt man aufgrund der Unterschiede zwischen dem Johannesevangelium und den drei
übrigen Evangelien, dass der Verfasser dieses Evangeliums nicht Johannes, der Jünger Jesu ist,
dann zieht diese Unterstellung eine Kette von weite ren nach sich: In diesem Fall konnte der
Verfasser das, was er mitteilt, nicht von Jesu selbst erfahren. Also mußte er Vorla gen benutzen.
Sofort erhebt sich die weitere Frage, welcher Art die Vorlagen gewesen sind. Daraus folgt die
Frage, wie diese Vorlagen von dem eigenen Beitrag des Evangeliums abzugrenzen sind. Das
setzt weitere Unterstellungen in Bezug auf dessen Theologie, Tendenz und Gruppenzu
gehörigkeit in Gang. Dabei taucht die Frage nach dem religi onsgeschichtlichen Hintergrund auf
(wobei zwischen dem Evangelisten und seinen Vorlagen zu unterscheiden ist): Wel che Einflüsse
haben auf den Verfasser des Johannesevangeli ums eingewirkt? Gnosis? Qumran?
Gnostizierendes Juden tum? Oder orientiert er sich wirklich nur am Alten Testament? Und wenn
Gnosis, wie ist seine Beziehung dazu: polemisch? positiv? oder kritisch?

b) In der Literarkritik hat die Hypothesenbildung eine andere Funktion. Es wird Antwort auf die
Frage nach Struktur und Überlieferung des »Textes« gesucht. Unter anderem spielen folgende
Fragen eine Rolle: Mündlich geprägt oder von vorn herein schriftlich fixiert? Mündlich oder/und
schriftlich über liefert? Literarisch einheitlich oder nicht? Wurden Quellen benutzt oder
Traditionszusammenhänge oder Einzelüberlie ferungen? Liegt literarische Abhängigkeit vor? Ist
mit einer späteren Bearbeitung zu rechnen oder gar mit mehreren? Lassen sich
Gesetzmäßigkeiten in der Formbildung erkennen, die den Aufbau charakterisieren?

Diese Fragen sind herausgegriffen ohne Zusammenhang und ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Auf jede solcher Fragen wird durch Unterstellungen Antwort gegeben. Diese Ant worten lassen
sich samt und sonders nicht überprüfen. Sie sind lediglich ausgewiesen durch Plausibilität und
durch die Kunst des Forschers, seine Unterstellungen mit Argumenten zu begründen. Sie werden
dadurch für andere Forscher annehmbar, dass sie sich in die Komplexe der bereits mehr oder
weniger allgemein angenommenen Unterstellungen gut einfügen, d.h. durch einen sorgfältigen
Rückbezug auf die bisherige Forschung. Anders gesagt: Die Hypothesenbildung in der alt- und
neutestamentlichen Wissenschaft ist ein sich selbst stabilisierendes System.

Es ist ein müßiges Spielen mit Gottes Wort, das nicht nach Gott fragt, auch wenn der einzelne
Forscher in dem Glauben sein kann, damit Gott einen Dienst zu tun. Sehr viel Arbeit und
Entbehrung wird darin investiert – eine 60-Stunden-Woche ist für solche Forscher durchaus
normal – und das ein ganzes Leben lang, bis die geistigen und körperlichen Kräfte verfallen.

Soll diese Lebensarbeit nicht vergebens sein, dann ist der Alt oder Neutestamentler darauf
angewiesen, dass seine Hypo thesen Anerkennung finden. Er muss danach trachten, Ehre von
den Menschen zu nehmen. Allein durch dieses wechsel seitige Ehre-Geben und -Nehmen
gewinnt diese Arbeit, wel che unter so viel Einsatz und Entbehrung geschieht, den Schein der
Realität.

c) Aufgrund seiner Arbeit gewinnt der Theologieprofessor zwangsläufig die feste Überzeugung,
dass man Gottes Wort nicht verstehen kann, ohne sich die Hypothesengebilde alt und
neutestamentlicher Wissenschaft zu eigen gemacht zu haben. Er ist wirklich überzeugt davon
und deshalb in der Lage, diese Überzeugung auch seinen Hörern zu übermitteln.

Da die Studenten sich nie im gleichen Umfang die in lebens langer Arbeit erworbenen
»Ergebnisse der Forschung« zu eigen machen können, werden sie unsicher und geraten in
Abhängigkeit. Anstatt den Heiligen Geist nicht nur formal zu bitten, sondern wirklich von ihm zu
erwarten, dass er ihnen sein Wort aufschließt, greifen sie nach einem »Kommentar«, einem
Werk, das ein Buch der Bibel Vers für Vers historisch kritisch »erklärt«. Sie werden durch das
Studium so darauf getrimmt, »Schwierigkeiten« im »Text« zu entdecken, dass sie gar nicht mehr
damit rechnen können, ohne Hilfe eines Kommentars mit dem »Text« zurechtzukommen.

Da jede Unterstellung eine Kette von weiteren Unterstellun gen nach sich zieht, genügt es
überdies, dass zu einem Bibel wort eine der gelernten Hypothesen ins Gedächtnis kommt, um
das Bedürfnis, »nachzuschlagen« zu wecken.

Der studierte Theologe ist meistens unfähig, Gottes Reden in Seinem Wort zu vernehmen.
Deshalb gibt er die ihm eingeimpfte Überzeugung, dass allein durch die historisch-kritische
Theologie die Heilige Schrift erschlossen werden könne, an seine Gemeinde weiter und lehrt sie
unter Abstrichen, was er selber an der Hochschule gelernt hat. Je mehr Mühe ihn der Erwerb
dieses Wissens gekostet hat, je kostbarer ist es ihm geworden. Überdies bringt es ihm die Ehre
ein, als »Sachverständiger« vor seinen Schülern oder Gemeindegliedern zu stehen. Der schlichte
Umgang mit Got tes Wort, der darauf abzielt, ein Täter des Wortes zu werden, verschafft ihm
solche Ehre nicht. Denn dabei teilt der Heilige Geist zu, wem Er will und das muss keineswegs
der »Herr Pfarrer« sein.

Überwältigt durch den »Sachverstand« des Theologen ver liert der Schüler, der Konfirmand oder
das Gemeindeglied das Zutrauen, er könne selber Gottes Wort verstehen und zumeist auch die
Freude am Umgang damit.

2. Nirgendwo wird so viel »geglaubt« wie im wissenschaftlichen Studium, zumindest im Studium


der Theologie.
a) Den einzelnen Hypothesen liegen zwar Argumente zu grunde, aber der durchschnittliche, ja
selbst der sorgfältigere Student nimmt 80-90 % der Hypothesen auf, ohne in der Lage zu sein,
die Argumente abzuschätzen und zu wägen und etwa 40-50 %, vielleicht sogar mehr, ohne die
Argu mente auch nur zu kennen. Denn die Argumente werden in den Lehrveranstaltungen im
Allgemeinen nur soweit in den Blick gebracht, wie Thesen vertreten werden, die relativ neu und
noch nicht allgemein anerkannt sind oder soweit die Ausführungen des Lehrenden auf
Widerspruch stoßen. Ein sorgfältiges Einarbeiten in die Lehre kommt im Einzelfall zwar vor, ist
aber nicht die Regel und kann es auch nicht sein. Denn das Gebäude der Wissenschaft besteht
aus einer Vielzahl von Hypothesen, von denen jede einzelne zu ihrer Unterstützung zahlreicher
Argumente bedarf.

b) Eine Reihe von Grundannahmen, die den Charakter eines Consensus Communis haben, d.h.
betreffs deren eine allge meine Übereinstimmung unter den Forschern besteht, bilden einen
Raster, ohne den es überhaupt nicht möglich ist, in Vorlesungen und Seminaren Informationen
aufzunehmen oder zu verarbeiten.

Diese Grundannahmen werden zwar nicht in der Theorie, wohl aber im praktischen Umgang
Tatsachen gleichgesetzt, d.h. man geht mit ihnen um, als ob es Tatsachen wären. Wer sie
solchermaßen in sein Denken einbezieht, wird durch sie geprägt und verändert.

Das Risiko des Theologiestudiums ist deshalb sehr groß, denn diese Veränderungen geschehen
zwangsläufig und unbemerkt. Man atmet eine Atmosphäre ein, die tödlich ist wie Kohlenmonoxid
und von demjenigen, der sich darin auf hält, ebensowenig wie dieses wahrgenommen wird, wenn
nicht Gottes Gnade in besonderer Weise helfend eingreift.

c) Objektivität wissenschaftlicher Arbeit ist weithin Schein. In der Praxis spielen


außerwissenschaftliche Elemente eine erhebliche Rolle: z.B. Gruppenbildung, personale
Vertretung, der »Name« des Wissenschaftlers (der in verschiedenen theologischen Lagern
unterschiedliche Bedeutung haben kann), Schlüsselstellungen als Inhaber eines Lehrstuhles oder
Leiter eines Institutes, vor allem aber Herausgeber von Zeit schriften oder Fachberater von
Verlagen für die Publikation von Reihen.

d) Scheinbar ist der Student in der Lage, sich ein objektives Urteil zu bilden. In Wirklichkeit ist
seine Informationsauf nahme vorgefiltert. Dieser Filter wird gebildet

– durch seine Lehrer. Die »Wahl« des Hochschulortes, oft nach völlig anderen Kriterien als der
an der Hochschule vorherrschenden Richtung getroffen, kann für die theologische Prägung des
Studenten entscheidend sein.

– Gleichermaßen wird der Filter gebildet durch die Begren zung seiner Möglichkeiten zum
Buchstudium in der begrenz ten Studienzeit. Der Student kann nur eine Auswahl verar beiten und
hält sich deshalb zunächst an das, was ihm emp fohlen wird in den besuchten
Lehrveranstaltungen. Aber auch da, wo er unabhängig wählt, bekommt er nur einen Ausschnitt in
den Blick. Die Literatur, welche ihm in den Seminarbüchereien und der Universitätsbibliothek zur
Ver fügung steht, ist vorgefiltert. Christliche Literatur von bibel treuen Verfassern ist weithin tabu.
Die Erzeugnisse mancher Verlage gelten von vornherein als indiskutabel und können im
Literaturverzeichnis einer wissenschaftlichen Arbeit nicht angeführt werden, wenn man sich keine
Minuspunkte ein handeln will. Der Professor kennt sie auch nicht und man setzt ihn unter Druck,
wenn man sie in seiner Arbeit anführt. Er müßte sie erst einmal anschaffen, sie lesen und sich
damit auseinandersetzen. Da er aber ohnehin unter Zeitdruck steht und von vornherein von der
Fragwürdigkeit dieser Druck erzeugnisse überzeugt ist, wird er sie in der Regel abweisen.

– Heutzutage bietet man den Studenten im Seminar sogar die Möglichkeit an, »sich an der
Forschung zu beteiligen«.

Genau gesehen handelt es sich dabei aber entweder um die Übernahme von zeitaufwendigen
Routineaufgaben, die der Professor in einem von ihm zuvorbedachten Arbeitsvorhaben erledigt
haben möchte oder aber um eine Arbeit mit vorge fertigten Materialien. Sie verläuft dann ähnlich,
wie Kinder mit Lego-Spezialkästen ein bestimmtes Haus oder Fahrzeug zusammenbauen.
Natürlich sind Abweichungen möglich, aber sie erweisen sich gegenüber dem vorgeplanten
Modell als nicht optimal, was der Professor oder selbst der ältere Stu dent mit Leichtigkeit
demonstrieren kann. Durch das Mate rial wird das erwartete Ergebnis sichergestellt; doch schein
bar hat sich der Student »selbst überzeugt«. Auf diese Weise werden Rebellen ins System
eingebunden. Die Ehre, als »Forscher« ernstgenommen zu werden, tut das ihrige hinzu.

3. Der Studienverlauf hat den Charakter einer sekundären Sozialisation. Der Student erfährt eine
starke Prägung. Er kommt als homo novus in das Studium hinein, als einer, der nichts weiß und
nichts kann und die Gepflogenheiten und Spielregeln nicht kennt. Um akzeptiert zu werden, muss
er sich diese Regeln und Gepflogenheiten zu eigen machen und dasjenige Können und Wissen
erwerben, das in seinem Stu dium zählt.

a) Der Student steht unter dem Druck eines gewaltigen Infor mationsgefälles, das nicht durch
pädagogische Staustufen abgemildert ist. Der Professor breitet in Vorlesungen und Seminaren
die Ergebnisse seiner Lebensarbeit aus, die auf der Arbeit von Forschergenerationen vor ihm
beruht, während die Studenten noch Mühe haben, die Methoden zu erfassen, nach denen diese
Ergebnisse erarbeitet wurden.

Angesichts dieses Informationsdruckes ist es schwer, an mit gebrachten Einsichten aus Gottes
Wort festzuhalten, wenn diese als »unwissenschaftlich« disqualifiziert werden. Von seiten der
Lehrenden begegnet dem gläubigen Studenten vielfach Widerstand in folgenden Spielarten:

Herablassung: »Sie werden es schon noch lernen!«

Versuchung: »Stellen Sie sich doch wenigstens theoretisch auf diesen Standpunkt.«

Verführung: »Ist denn Ihr Glaube so schwach und trauen Sie Gott so wenig zu, dass Sie sich auf
diese Gedanken nicht einlassen wollen?«

So wird er dazu gebracht, sich Gedanken zu eigen zu machen, die dem, was er im Worte Gottes
gelernt hat, wider streiten.

b) Der Studierende steht zugleich unter einem starken Grup pendruck. Die Kommilitonen,
besonders diejenigen aus den höheren Semestern oder solche, die sich durch besondere
Begabung auszeichnen, sind »Miterzieher«, die entscheiden den Mit-träger dieser Sozialisation.
Ein gläubiger Student, der auf Grund seiner anderen Einstellung zu Gottes Wort nicht bereit ist,
bestimmte Methoden oder Ergebnisse der historisch-kritischen Theologie zu akzeptieren, wird
meistens dis kriminiert. Er wird belächelt, verspottet und – bei allem heim lichen Respekt – als
Außenseiter behandelt. Wenn er seine Ansichten geschickt zu vertreten weiß, kann er vielleicht
hier und da auch einen Achtungserfolg erringen. Mit einer Aner kennung seiner Ansichten als
gleichberechtigt darf er höchs tens in Einzelheiten rechnen, mit denen er sich nicht zu weit vom
Traditionszusammenhang der in Frage stehenden wis senschaftlichen Disziplin entfernt.

c) In dem Maße, wie der Student zunehmend in die historisch-kritischen Gedankengänge


eingeweiht wird, wird er den Menschen entfremdet, mit denen er zuvor im Glauben verbunden
war. Sie können jetzt »nicht mehr mitreden« und es wird ihm schwer, auf sie zu hören. Er
versteht sie nicht mehr und wird von ihnen nicht mehr verstanden. Er wird iso liert und steht in der
Gefahr, sich zu überheben. Um so anfäl liger wird er für den Gruppendruck durch die Lehrenden
und durch die Mitstudenten.

d) Der Student hat Arbeiten vorzulegen, in denen er nach weisen muss, dass er sich die
Arbeitsweise der historisch-kritischen Theologie hinreichend zu eigen gemacht hat. Er steht unter
dem Zwang, selber historisch-kritisch zu denken, zu reden und zu schreiben. Ohne besondere
Gnade Gottes führt das zu einer schwerwiegenden Veränderung in seinem Den ken und in
seinem Glauben. Er ist nicht mehr derselbe. Sein Umgang mit Gottes Wort wird grundlegend
verändert, auch dann, wenn er es zu seiner eigenen Erbauung lesen will. Das im Studium
Gelernte schiebt sich vor das Wort und verstellt ihm den Zugang.

4. In der Praxis des Umgangs mit der christlichen Überliefe rung geschieht in der historisch-
kritischen Theologie das, was man in der Gnosisforschung mit dem Begriff Pseudomor phose
belegt hat. Pseudomorphose besagt, dass Begriffe ihres ursprünglichen Sinnes entleert und mit
einem neuen Inhalt gefüllt werden, der mit dem ursprünglichen Sinn nicht viel mehr als nur den
Namen gemein hat. Diese Sinnvertau schung ist eine Erscheinung, die in der theologischen
Wissen schaft auf Schritt und Tritt vorkommt. Die biblischen Begriffe wie Rechtfertigung aus
Glauben, Stellvertretung, Gnade, Erlösung, Befreiung, Erbsünde, Glaube, Gebet, Gottessohn
schaft Jesu werden zwar weiterhin gebraucht, aber so, dass diesen Begriffen ein anderer Sinn
unterlegt ist.

Dass Jesus Gottes Sohn ist, wird z.B. vielfach nicht so verstan den, dass er »Gott von Gott, Licht
von Licht, wahrhaftiger Gott aus wahrhaftigem Gott« ist, sondern lediglich als eine Chiffre, die
aussagen soll, dass am »historischen Jesus« etwas Besonderes ist, wodurch er sich von
anderen Großen der Geschichte unterscheidet und dass wir es in ihm – irgendwie – mit Gott zu
tun bekommen. In diesem Zusammenhang be gegnet die Aussage, dass jede Epoche ihr eigenes
Geschick habe und ihre eigene Christologie hervorbringen müsse. Diese Formel kenne ich seit
30 Jahren. Ich habe sie früher selbst verbreitet und allen Ernstes auf eine solche Christologie
gewartet – vergeblich. Es erwies sich, dass diese Formel ledig lich ein Freibrief war, um das, was
uns Gottes Wort von unse rem Herrn und Retter Jesus sagt, als unverbindlich beiseite zu
schieben als »Christologie« einer vergangenen Epoche.

Man pflegt zu sagen: Messias sei nur ein Würdetitel, Gottes sohn ebenso, Retter desgleichen,
den verschiedene Gruppen des Urchristentums Jesus angehängt hätten, um seine
»Bedeutsamkeit« denjenigen klarzumachen, welche mit die sen Titeln Heilserwartungen
verbanden. Man scheut sich heutzutage nicht zu sagen, Jesus sei durch solche Titel »von seinen
Anhängern hochgejubelt worden«. Wer sich auf diese Denkweise einläßt, der verläßt den
einfältigen Glauben an Gottes Wort und wird Schaden leiden. »Glaubst du, so hast du«, sagt
Luther mit Recht. Wenn ich Gottes Wort keinen oder nur halben Glauben schenke in dem, was es
über Jesus sagt, dann werde ich Mangel haben an dem, was Er für mich ist. Ich werde Jesus nur
erfahren entsprechend meinem Glau ben und ich werde bei solcher Einstellung Mangel haben an
Seinem Segen und an Gemeinschaft mit Ihm. Lassen wir uns nicht davon abbringen, dass Jesus
der Messias, der Gottes sohn, der Retter ist, auch wenn man uns deswegen den Gebrauch einer
überholten und unzulänglichen Philosophie unterstellt, weil wir nach ihrer Ansicht bloße Worte für
Tatsa chen nehmen.

Nur einen Heilsbegriff aus der Heiligen Schrift kenne ich, der von dieser Sinnvertauschung nicht
erfaßt worden ist: das Blut Jesu. Diesen Begriff schiebt man beiseite mit der Behauptung, die
Rede vom Blut sei ein fragwürdiges Überbleibsel aus einer Epoche, in der bei Juden und Heiden
blutige Opfer an der Tagesordnung waren.

Nur der Heilige Geist kann uns Licht geben, dass wir diese Sinnvertauschungen durchschauen.
Wir dürfen Gott dafür um Weisheit bitten. Es sind Lügengewebe vom Feind, so fein gesponnen
und gewebt, dass man ihnen nur mit Hilfe des Heiligen Geistes beikommen kann. Wir sollten uns
nicht täu schen – die Theologieprofessoren glauben, was sie sagen. Sie sind selber in diesen
Lügennetzen gefangen, bis Gott sie aus Gnade herausholt und versetzt aus der
Verfügungsgewalt der Finsternis in das Reich Seines lieben Sohnes (Kol 1,13f.).

Es wird gesagt, die alten Begriffe seien so, wie sie einmal ursprünglich gebraucht wurden, den
modernen Menschen nicht mehr zugänglich und man müsse deshalb das, was sie meinen, in die
heutige Situation übertragen. Es wird aufge fordert in Gottes Wort zwischen Gesagtem und
Gemeintem zu unterscheiden. Dagegen ist geltend zu machen: »Alle Schrift ist von Gott
eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der
Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig zugerüstet«
(2Tim 3,16-18).

Man sagt, die Heilige Schrift sei Gotteswort und Menschen wort, wie unser Herr Jesus Gott und
Mensch ist nach dem Bekenntnis der Kirche. Aber in dem gleichen Bekenntnis heißt es:
unvermischt und ungeschieden. Deshalb ist es nicht zuläs sig und auch nicht möglich,
zeitbedingtes Menschenwort und ewig gültiges Gotteswort auseinanderzuklauben. In einer
Mischung von Eisenfeilspänen und Sägemehl kann ich das Eisen mit einem Magneten
aussortieren. Aber Gottes Wort ist keine Mischung von gültigem Gotteswort und zeitbedingtem
Menschenwort, die sich auseinandersortieren ließe.

C. Konsequenzen

Diese Zeilen sind nicht zu dem Zweck geschrieben, Men schen zu verurteilen, für die doch unser
Herr Jesus ans Kreuz gegangen ist. Vielmehr soll das System der historisch-kritischen Theologie
in seiner Gefährlichkeit gekennzeichnet werden, so, wie man auf eine Giftflasche ein
entsprechendes Etikett aufklebt, damit niemand aus Versehen daraus trinkt und meint, er würde
sich etwas Gutes einverleiben.

Wenn man weiß, was man im Theologiestudium zu erwarten hat, dann wird man nicht mehr ohne
weiteres den Schluß ziehen, dass jemand, der vom Herrn berufen ist, Apostel, Missionar,
Evangelist, Hirte oder Lehrer zu werden, selbstver ständlich Theologie studieren müsse.

In der Welt muss man – wenn möglich – studieren, um ein gutes Einkommen zu erringen und
»etwas aus seinem Leben zu machen«. Wir sind aber nicht in der Welt zu Hause, sondern unser
Bürgerrecht ist im Himmel (Phil 3,20). Wir werden aufgefordert, uns nicht der Welt gleichzustellen
(Röm 12,2). Wir dürfen nicht vergessen, dass die Welt uns haßt (Joh 15,19; 1Jo 3,13). Wir sind
Soldaten Jesu Christi und kein Soldat bewegt sich ohne Marschbefehl, schon gar nicht in
Feindesland. Sollte er es aber doch tun, dann zieht er sich Schwierigkeiten zu.

Ein junger Mensch, der vor der Frage steht, ob er diese Theo logie studieren soll, der sollte mit
lauterem Herzen, bereit die eigenen Pläne dranzugeben, Gott fragen, ob das Sein Wille ist. Er
sollte Klarheit gewinnen, ob er vom Herrn dazu beru fen ist, nicht nur dazu, »ein Gelenk des
Dienstes« (Eph 4,16) zu werden, sondern ausdrücklich auch zu solchem Studium der Theologie.

Wen der Herr dazu beruft, der begebe sich fröhlich – und getrost an die Theologische Fakultät. Er
ist ein Gesandter sei nes Königs und der wird ihn auch an diesem Ort zu bewahren wissen. Nur
muss er sich mit aller Vorsicht dort bewegen, wie das ein Soldat in Feindesland tut.

Wer zu diesem Theologiestudium keinen Ruf hat, der sollte wissen, dass unser Vater im Himmel
über viele Möglichkei ten verfügt, einen Menschen zum Dienst vorzubereiten:

Josef wurde nicht an der königlichen Verwaltungsakademie ausgebildet, der zweite im Reich des
Pharao zu sein, sondern im königlichen Gefängnis.

Mose war zwar, da er als Sohn der Tochter des Pharao galt, in allen Wissenschaften und
Künsten der Ägypter unterwiesen. Aber er wurde zubereitet, sein Volk aus Ägypten bis zum ver
heißenen Land zu führen, in einer vierzigjährigen Ausbildung als Schafhirte seines
Schwiegervaters Jethro in der Wüste Midian.

Josua hat seine Zubereitung durch eine jahrzehntelange Tätigkeit als Diener Moses erhalten.

Gott spricht: »Gib mir, mein Sohn, dein Herz und laß deine Augen Gefallen haben an meinen
Wegen« (Spr 23,26).
Der Glaube der Theologie und die Theologie des Glaubens

I. Vorbemerkungen zum wissenschaftlichen Studium

A. Wissenschaftliches Studium ist zunächst einmal eine Disziplinierung des Denkens.

1. Der Vollzug des Denkens wird von der persönlichen Betroffenheit gelöst. Die das Herz
bewegenden, den Ver stand beschäftigenden und den Menschen umtreibenden,
antwortheischenden Fragen werden verworfen zugunsten »wissenschaftlicher Fragestellungen«.
Eine Weile mag der Student meinen, in der Wissenschaft Antworten auf seine mitgebrachten
Fragen zu erhalten. Mit der Zeit muss er begreifen, dass es für »vorwissenschaftliche« Fragen
keine wissenschaftlichen Antworten gibt. Sie sind im Bereich der Wissenschaft auch gar nicht
relevant.

2. Die Verstandestätigkeiten werden geschult und geläufig gemacht.

Der Student übt sich im: Beobachten, Benennen, Vergleichen, Unterscheiden, Zuord nen,
Einordnen, Voraussetzen, Schließen u.a.m.
Das Ergebnis solcher – anfangs oft mühseligen – Übung erfährt er als persönlichen Gewinn: Er
hat etwas gelernt, er kann etwas und er unterscheidet sich dadurch von anderen, denen dieses
Können abgeht.

3. Der Student lernt es, sich Einzelinformationen zu besorgen und so in vorgegebene Raster
einzufügen, dass ihm allmäh lich größere Zusammenhänge geläufig werden. Aufgrund der
notwendig aufzuwendenden Mühe wird dieses Ergebnis natürlicherweise als erhebliche
Bereicherung erfahren. Der Student hat den Eindruck, Durchblick zu gewinnen, wo er sich in den
ersten Semestern wie durch einen Nebel hindurch tasten mußte und bekommt dadurch
automatisch ein Über legenheitsgefühl solchen gegenüber, die diesen Durchblick (noch) nicht
besitzen. Was er erworben hat, ist ihm wert und teuer, denn er hat zuvor unter der Situation
gelitten, zumeist nur Glocken läuten zu hören, von denen er nicht wissen konnte, wo sie hingen.

4. In den höheren Semestern lernt der Student, angesichts der Vielzahl abweichender Meinungen
Stellung zu beziehen und eine durch Argumente gestützte Position zu gewinnen, die ihm von sich
selbst den Eindruck geistiger Eigenständigkeit vermittelt. Das ist ein großer Lustgewinn, der für
manche Mühe vorangegangener Monate und Jahre entschädigt.

5. Ein Teil der Studierten erreicht in der Disziplinierung des Denkens die Stufe der disziplinierten
Kreativität, die zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen führt.* Das wird von einer gar nicht so
kleinen Zahl von Menschen als ein sinn volles Lebensziel und ein so tiefes Glückserlebnis
erfahren, dass sie dafür bereit sind, ein wahrhaft asketisches Leben mit 60
Wochenarbeitsstunden über Jahre und Jahrzehnte zu führen und den Großteil ihrer Finanzen in
Arbeitsmittel zu investieren.

B. Wissenschaftliches Studium ist nicht nur eine Disziplinierung, sondern auch eine
Reglementierung des Denkens.

Jede Wissenschaftsdisziplin stellt einen Traditionszusam menhang dar, der durch die im
Zeitverlauf gesehenen Pro bleme des Fachbereichs, die angebotenen Lösungsversuche, ihre
Annahme und Abstoßung unter dem Einfluß wissen schaftlicher Gesichtspunkte und
außerwissenschaftlicher Fak toren gebildet wird. Auch wenn diese Geschichte der Diszi plin gar
nicht bewußt im Blick und den Vertretern der Fachrichtung möglicherweise nicht einmal
hinreichend bekannt ist, reglementiert dieser Traditionszusammenhang dennoch die gesamte
wissenschaftliche Arbeit innerhalb der Disziplin.

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse können nur in Anbin dung an den


Traditionszusammenhang zur Geltung gebracht werden.

Die fachwissenschaftliche Reglementierung des Denkens ist ein Lernprozeß, der von der
Fremdbegrenzung zur Selbstbegrenzung führt. Die Reglementierung des Denkens ist an sich
keineswegs negativ zu sehen, sondern ist eine Notwendig keit, wenn Denken kommunizierbar
sein soll. Ich kann mir über vieles meine Gedanken machen, aber es bleibt fruchtlos, wenn es
nicht auf einer Ebene geschieht, die anderen ermög licht, daran teilzuhaben und darauf
hinzuweisen.

Der Theorie nach ist wissenschaftliches Denken frei und erkennt keine Begrenzung an. »Freiheit
der Wissenschaft«. »Lehr- und Lernfreiheit« sind allgemein als berechtigt aner kannte
Forderungen. In der Praxis gibt es diese Freiheit nur innerhalb des Traditionszusammenhanges
der verschiedenen Fachrichtungen und Disziplinen. Für diesen Tatbestand be steht weithin
Betriebsblindheit, auch wenn der einzelne Wis senschaftler mehr oder weniger schmerzliche
Erfahrungen damit macht. In wissenschaftlichen Darstellungen kommt der Tatbestand manchmal
in den Blick, wenn es heißt, die Zeit sei noch nicht reif gewesen für eine bestimmte Erkenntnis.
De facto war jedoch ihre Einbindung in den Traditionszusam menhang nicht zufriedenstellend
vollzogen. So entstehen Außenseiterpositionen – teils im Abseits verschwindend, teils vom
Lavafluss des Traditionsstromes eingeholt, mitunter auch, wenn durch Gruppenbildung eine
Außenseiterposition sehr stark besetzt wird, in bewußtem Brückenschlag allmäh lich einholt.

Wissenschaftliche Fragestellungen ergeben sich in der Regel nicht (oder nicht primär) aus dem
untersuchten Gegenstand, sondern aus den jeweiligen Gegebenheiten des Traditionszu
sammenhanges. Eine freie Wissenschaft in dem Sinne, dass sie nur den Gesetzmäßigkeiten
eines disziplinierten Denkens unterworfen und dem Gegenstand, den sie erforscht, ver pflichtet
sei, gibt es nicht, zumindest nicht im Sinne der Frei heit des einzelnen Forschers. Die Entstehung
eines separaten Zusammenhanges ist möglich und, soweit ich sehe, teilweise auch schon
verwirklicht worden. In solchem Fall ist einerseits mit weitgehender Diskriminierung und
Negierung der Neu bildung zu rechnen. Auf der anderen Seite werden in dem Fall, dass sich die
Neubildung als lebensfähig erweist, Integrationsbemühungen kaum ausbleiben, die
Umklammerungs tendenzen haben.

C. Wissenschaftliches Studium verändert den Studierenden

Aus dem Vorangegangenen sollte deutlich geworden sein, dass wissenschaftliches Studium nicht
lediglich ein Sammeln nützlicher Erkenntnisse oder das Einholen von Antworten auf wichtige
Fragen ist. Es ist nicht nur eine Ausbildung, in der Fähigkeiten geschult und Fertigkeiten
gewonnen werden.

Wissenschaftliches Studium bewirkt vielmehr eine tiefgrei fende Veränderung in der Person des
Studierenden. Die Dis ziplinierung des Denkens bedeutet eine starke Prägung, die vom
Studierenden ungeachtet aller möglichen Neben wirkungen notwendig als Gewinn verbucht wird.
Auch der Reglementierung des Denkens kann er sich nicht entziehen, wenn er sein Studium
erfolgreich zum Abschluß bringen will. Er kann sie nicht nur übungsweise über sich ergehen
lassen, sondern er ist zwangsläufig genötigt, sich dieselbe weitge hend zu eigen zu machen. Ihm
werden ja weniger die Ant worten diktiert, als vielmehr die Fragestellungen vorgegeben, durch
welche die Antworten bereits vorprogrammiert sind, auch wenn sie von ihm relativ eigenständig
gewonnen wer den sollen.

Diese Einsichten müssen wir im Blick behalten, wenn wir im Folgenden die wissenschaftliche
Theologie, wie sie an unse ren Universitäten gelehrt wird, ins Auge fassen wollen.

II. Der Glaube der Theologie

1. Der Studierende wird genötigt, »vorurteilslos« an das theologische Studium heranzugehen,


»radikal und rückhaltlos nach der Wahrheit zu fragen«. Es wird von ihm erwartet, das, was er
bisher aus Gottes Wort gelernt hat und was er im Glauben erfahren durfte, beiseite zu stellen
zugunsten des sen, was er im Studium zu lernen hat.

Der Studierende ist ja an die Hochschule gekommen, um zu lernen und er geht von der
Voraussetzung aus, er werde im Verlauf seines Studiums tiefer eindringen in die Erkenntnis der
Wahrheit. Deshalb scheint ihm diese Zumutung tragbar, selbst wenn sie ihn vielleicht schmerzlich
anmuten mag. Er strebt ja der Wahrheit nach und Wahrheit wird ihm versprochen.

Was ihm verschwiegen wird, ist die Tatsache, dass die Wis senschaft selber, auch und
besonders die theologische Wissenschaft, keineswegs vorurteilsfrei und voraussetzungslos ist.
Die Voraussetzungen, die den Arbeitsvollzug jeder ihrer Disziplinen bestimmen, walten im
Verborgenen und werden nicht offen dargelegt.

Die grundlegende Voraussetzung der gesamten wissen schaftlichen Theologie, wie sie an
unseren Universitäten gelehrt wird, besteht darin, dass der disziplinierte, fachmäßig
reglementierte kritische Verstand die letzte Instanz in der Frage der Wahrheit ist. D.h.: Der
Verstand wird der Heiligen Schrift übergeordnet. Der Verstand entscheidet, was in der Schrift
wahr und was wirklich ist. Der Verstand entscheidet, was sicher, wahrscheinlich, wenig
wahrscheinlich oder gar nicht geschehen ist, geschieht oder geschehen wird. Der Ver stand
entscheidet, ob Gott als handelndes und redendes Sub jekt anzusehen ist oder ob man es nur
mit menschlichen Gottesvorstellungen und Gottesbegriffen zu tun hat.

Der Verstand bedient sich dabei seiner ihm innewohnenden Möglichkeiten des Erkennens:
Singuläres Geschehen entzieht sich dem Verstand; also muss er die grundsätzliche
Gleichartigkeit allen Geschehens vor aussetzend behaupten.

Erkenntnis ist dem Verstand nur möglich durch Vergleichen und Unterscheiden. Also muss er da,
wo er erkennen möchte, zunächst einmal Vergleichsebenen entwerfen. Offenbarung ist dem
Verstand nicht faßbar; er geht aus von zu jeder Zeit von jedermann machbaren Erfahrungen. Er
urteilt fleischlich und ist von sich aus völlig außerstande, Geistliches zu beurtei len, das geistlich
beurteilt werden muss. Es wird für ihn zum bloßen Begriff und zu einer Vorstellung ohne
Realitätsgehalt.

2. Machen wir uns das an einem Beispiel klar: Für den Glau benden ist Johannes 3,16 Realität:
»Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einziggeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an
ihn glauben, nicht verlorengehen, sondern das ewige Leben haben.« Er dankt Gott dafür.

Von dieser Realität soll er als Student in der theologischen Arbeit Abstand nehmen und
stattdessen zusehen, wie ein solches Wort auf das Prokrustesbett des religionsgeschicht lichen
Vergleichs geschnallt wird: Der religionsgeschichtliche Vergleich sieht völlig ab von Realität und
Wahrheit. Das zu Vergleichende wird von vornherein reduziert auf Gedanken, Vorstellungen und
Begriffe. Gedanken, Vorstellungen und Begriffe aus verschiedenen Religionen werden
miteinander verglichen, wobei immer auch die Frage der Korrelation gestellt ist. Läßt sich das
eine aus dem anderen ableiten oder besteht eine wechselseitige Beeinflussung?

Für Johannes 3,16 kann das – grobschlächtig dargestellt – etwa folgendermaßen aussehen:

Da das Judentum keinen Sohn Gottes von Herkunft kennt, sondern nur von Adoption und die
heidnischen Göttersöhne keine Offenbarergestalten sind, kommen als Vergleichsmate rial nur
gnostische, speziell mandäische Schriften in Frage. Dafür scheint zu sprechen, dass mandäische
Offenbarerge stalten darin in Begriffen reden, die im Johannesevangelium Jesus gebraucht
(Licht/Finsternis; Leben/Tod; u.a.m.). An sonsten kann von Parallelität kaum die Rede sein. Der
»Lo gos« des Johannesevangeliums ist Weltschöpfer, die mandä ischen Offenbarergestalten
sind es nicht. Von einer Erlösung am Kreuz ist bei ihnen schon gar keine Rede. Die zeitliche
Bezugslinie stimmt ebenfalls nicht: Die mandäischen Schrif ten sind Jahrhunderte jünger und
man sieht sich deshalb genötigt, ein Urmandäertum zu konstruieren. Diese Pro bleme werden
zwar gesehen, aber man betrachtet sie nicht als Infragestellung des religionsgeschichtlichen
Vergleichs. Man zieht sie lediglich als ausgedehntes Arbeitsfeld für Hypo thesenbildung in
Betracht, d.h. für Kartenhäuser von Unter stellungen, bei denen die eine die andere stützen
muss.

Wird der religionsgeschichtliche Bezugspunkt nicht im Man däertum, sondern stattdessen in den
Schriften von Qumran gesehen, ergeben sich gradweise Unterschiede und gewisse
Verschiebungen. Es liegt aber genauso die Anschauung zu grunde, dass das Bibelwort seine
Entstehung mehr oder weniger solcher Beziehung zu außerchristlichen antiken Religionen
verdankt, sei es in Aufnahme ihrer These, sei es in völliger oder teilweiser Antithese. Das original
Christliche wird lediglich als Abweichung vom vorgegebenen Muster konstatiert.

Welcher Art auch die religionsgeschichtlichen Beziehungen sind, die man unterstellt, immer ist
man auf dieser Basis genötigt, ein Kartenhaus von Hypothesen aufzubauen. Im Ergebnis bleiben
dann Vermutungen übrig, die mehr oder weniger durch Argumente plausibel gemacht werden.

Das Nebenprodukt ist natürlich eine erhebliche seelische Be friedigung im Selbstbeweis des
Intellekts. Es hat Mühe gekos tet, einander widersprechende Vermutungen und Lösungs
versuche aufzuarbeiten und miteinander auszugleichen. Man hat den Eindruck der
Überlegenheit, da es einem gelungen ist, vorliegende Erklärungen, die vom eigenen Blickwinkel
aus offensichtlich Mängel zeigten, in einer neuen, umfassenderen Erklärung aufzuheben. Man ist
zutiefst überzeugt, damit der Wahrheit einen Dienst erwiesen und einen Beitrag zur Ver
kündigung des Evangeliums geleistet zu haben.

Solche Überzeugung ist unbestreitbar ehrlich, aber mit der Wahrheit, dem Weg und dem Leben
hat solches Unterfangen nichts zu tun. Durch derartige intellektuelle Anstrengungen wird ein
Bibelwort wie Johannes 3,16 zu einem Bündel reli giöser Vorstellungen und theologischer
Begriffe erklärt und hört auf, Gottes Wort zu sein, das Menschen zur Rettung führt. Die
Voraussetzung, unter der man angetreten ist – zu forschen, als ob es Gott nicht gäbe –, legt die
Ergebnisse im vorhinein fest.

3. Es ist Vorurteil, dass nur geschehen sein kann, was je dermann zu jeder Zeit in ähnlicher
Weise widerfährt. Auf dieser Basis wird – um ein Beispiel zu nennen – Markus 13,2 für ein
»vaticinium ex eventu« erklärt: Weil genau das geschehen ist, was das Wort sagt, kann es nach
Ermessen der Forschung keine echte Weissagung sein. Denn die historisch kritische Theologie
erkennt wohl menschliche Vorahnung und Vorausschau an, so dass man z.B. Jesus zubilligt, er
habe seine Tötung vorausgesehen. Eine von Gott gegebene Er kenntnis zukünftiger Dinge läßt
sie jedoch nicht gelten.

Welche Kartenhäuser die Forschung baut, mag man auch daran sehen, dass jene Stelle, Markus
13,2, nachdem sie zuvor willkürlich zum vaticinium ex eventu erklärt wurde, die Beweislast dafür
tragen muss, dass das Markusevangelium »nach 70« entstanden sei. Diese Unterstellung wird
dann als Eckdatum der Datierung der übrigen Evangelien und der Apostelgeschichte
zugrundegelegt.

Wahrlich, die historisch-kritische Methode ist ein Koloss, der auf sehr gebrechlichen tönernen
Füßen steht!

4. Es ist Vorurteil – nicht Ergebnis wissenschaftlicher Unter suchung –, dass man nach der
historisch-kritischen Methode die Wundergeschichten im Neuen Testament nicht als Berichte von
geschehenen Wundern lesen darf. Ich selber habe oft genug gelehrt – wie ich es Jahrzehnte
vorher gelernt hatte – dass man, selbstverständlich, nicht annehmen dürfe, diese Wunder seien
so passiert. Nachdem ich durch die Gnade Gottes überführt worden war, dass Gott heute noch
dieselben Wunder tut, fing ich an nachzudenken, welche Argumente für diese Behauptung zur
Verfügung stehen und mußte beschämt feststellen: keine. Denn das Vorhandensein
religionsgeschichtlicher Parallelen ist wirklich kein Beweis. Dass im Alten Testament
Speisungswunder, Totenaufer weckungen u.a. berichtet werden, ist doch kein Argument, es sei
denn, man setzt voraus, was zu beweisen wäre, dass die neutestamentlichen Berichte von den
alttestamentlichen literarisch abzuleiten seien. Von den bei Weinreich gesam melten antiken
Heilungswundern wird der größte Teil von Personen erzählt, die weit später gelebt haben, als die
Evan gelien nach der Ansetzung der historisch-kritischen Methode geschrieben worden sind.
Ohne Vorurteil würde man sie eher als Beweis dafür nehmen, dass hier das Neue Testament ein
gewirkt hat, anstatt der umgekehrten Annahme Raum zu geben. Dass für antike Heilorte wie
Epidaurus Wunder berichtet werden, trifft zu. Auch das ist aber kein Beweis dafür, dass die
neutestamentlichen Wundergeschichten se kundäre literarische Gebilde sind. Eine literarische
Abteilung ist schon vom Befund her nicht möglich. Und im Übrigen gibt es den negativen Teil der
unsichtbaren Welt, mit dessen Wir ken an derartigen Plätzen zu rechnen ist.

5. Dies sind nur einige Andeutungen. Eine genauere Untersu chung würde zeigen, dass der
Arbeitsweise der historisch kritischen Methode eine Reihe von Vor-Urteilen zugrunde liegen, die
selber nicht Ergebnis wissenschaftlicher Untersu chung sind, sondern dogmata, Glaubenssätze,
deren Grund lage die Absolutsetzung der menschlichen Vernunft als Kon trollorgan ist.

Soweit auf dieser Grundlage von Gott und von Jesus Christus die Rede ist, haben wir es
demnach offensichtlich mit einem Synkretismus zu tun – eine These, für die der Beweis im Ein
zelnen noch angetreten werden muss.

III. Die Theologie des Glaubens

Die Verneinung einer Theologie, deren Grundlage der Ver nunftglaube ist, bedeutet keineswegs
die Verneinung von Theologie überhaupt noch eine Verneinung des Verstandes im Bereich der
Theologie.

1. Der Heilige Geist weht, wo er will und ist nicht auf die Vor aussetzung eines akademisch
disziplinierten Verstandes angewiesen. Er kann Köche, Bäcker, Schuster und Fabrik arbeiter zu
vollmächtigen Predigern des Evangeliums machen. Die akademische Ausbildung ist kein
Anrechtschein für Bevollmächtigung durch den Heiligen Geist. Aber der dis ziplinierte Verstand
kann durch den Heiligen Geist benutzt und in seiner Hand ein Präzisionswerkzeug werden, wann
und wo Gott es will.

2. Die notwendige Reglementierung des Denkens muss in der Theologie des Glaubens
geschehen durch die Heilige Schrift. Sie kontrolliert das Denken. Es hat sich dem Wort Gottes
unterzuordnen. Wenn Schwierigkeiten auftauchen, zweifelt es nicht an Gottes Wort, sondern an
der eigenen Weisheit. Es bittet Gott um Weisheit in der Erwartung, zu empfangen, worum es
gebeten hat und in demütigem War ten auf Gottes Stunde. Es setzt die Wahrheit und Einheit des
Wortes Gottes voraus und ist darum auch in der Lage, sie ganz real zu erkennen und zu
erfahren. Es glaubt der Schrift, die von sich selber sagt, dass sie von Gott eingegeben ist. Es ist
dessen eingedenk, dass Jesus Christus uns zur Weisheit gemacht ist und weiß darum, dass
göttliche Weisheit und »irdische, sinnliche, teuflische« (Jak 3,15) unterschieden wer den müssen.

Ein Denken, das sich durch die Heilige Schrift reglementieren läßt, enthält sich der müßigen
Streitfragen und der intellek tuellen Neugier. Es gibt seine Gedanken gefangen unter Got tes
Wort und spielt nicht herum: Was wäre aber, wenn? Kann man aber nicht auch …? usw. usw. Die
Heilige Schrift ist ja Vaters Wort an uns. Wie wir mit ihr umgehen, so begegnen wir unserem
Vater im Himmel.

Fragen werden auf den Knien gelöst, nicht durch das Wälzen von Kommentaren. Gott kann das
Werk der Brüder, die Kommentare geschrieben haben, benutzen zu unserer Belehrung und wir
dürfen dankbar dafür sein. In Gottes Regie ist es Hilfe; in unserer Hand bedeutet es, dass wir uns
auf Fleisch verlassen.

3. Die Frucht eines Studiums der Theologie des Glaubens sollte sein:

a) Grammatischer und lexikalischer Durchblick; die Fähig keit, mit Gewinn Gottes Wort in den
Ursprachen zu lesen und Übersetzungen prüfen zu können.

b) Der Erwerb von Hintergrundinformationen und die Fähig keit, solche Informationen zu prüfen
und einzuordnen, z.B. über Völker und Könige, die im Alten und Neuen Testament erwähnt
werden, über kulturgeschichtliche Besonderheiten, über Geographie und Klima,
Rechtsverhältnisse u.a.m.

c) Einen breiten Überblick über Gottes Heilsplan zu haben und in der Lage zu sein, den ganzen
Ratschluß Gottes mitzu teilen. Fähig zu sein, Gottes Wort in gerader Richtung zu schneiden
(1Tim 1,15), an dem der Lehre gemäßen, zuverlässi gen Wort festzuhalten und dadurch
imstande zu sein, sowohl mit der gesunden Lehre zu ermahnen, als auch die Wider sprechenden
zu überführen (Tit 1,9) und für den ein für alle mal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen
(Jud 3).

d) Es sollte Erkenntnis von Beziehungen und Zusammenhän gen in Gottes Wort gewonnen
worden sein; z.B. wie die Opfergesetze das Heilswerk Jesu vorschatten oder wie das, was in der
Offenbarung mitgeteilt wird, stückweise bereits von den Propheten vorhergesagt worden ist.

e) Es sollte die Erfahrung gemacht worden sein, dass es in Gottes Wort durch demütiges Bitten
verborgene Schätze zu heben gibt, z.B. Jesus in der Stiftshütte, der Lobpreis Gottes in den
Geschlechtsregistern.

f) Es sollte aber auch die Fähigkeit gewonnen sein, solche Schätze von eigenen Fündlein bei sich
und anderen zu unter scheiden. Das intellektuelle Vergnügen ist nun einmal da. Gott kann es
gebrauchen, aber wenn das Fleisch es in die Fin ger bekommt – und das Biest kann wirklich
schwimmen! –, dann werden keine verborgenen Schätze aus Gottes Wort gehoben, vom Urheber
des Wortes aufgezeigt, sondern es werden intellektuelle Fündlein gemacht und auf Nebensätzen
in der Bibel ganze Theologien aufgebaut. Das Schlimme ist, dass der Autor ehrlicherweise
meinen kann, das, was er von sich gibt, durch den Heiligen Geist empfangen zu haben. So sind
wir, deshalb brauchen wir brüderliche Korrektur. Wer etwa meint, er wolle sich lieber gleich auf
seinen Intellekt ver lassen, ist deswegen auch nicht besser dran. »Wir irren alle mannigfaltig«
(Jak 3,2).

Solide Kenntnis des gesamten Wortes Gottes, wie sie oben beschrieben wurde, kann von Gott
gebraucht werden, solche Fündlein und Nebensatz-Theologien zu entlarven. Aber, wohlgemerkt,
von Gott. Der Theologe sitzt nicht kraft seines akademischen Studiums auf einem Richterstuhl.
Gott allein hat recht.

Wenn wir meinen, recht zu haben, kann es uns ergehen, wie es in Richter 20,12-28 beschrieben
wird: Wegen einer scheußlichen Greueltat, die in Gibea verübt worden war, zogen elf Stämme
Israels gegen den zwölften, den Stamm Benjamin, aus, weil dieser nicht bereit gewesen war, die
Urheber des Verbrechens auszuliefern. Die Sache, für die sie zu Felde zogen, war wirklich
gerecht und sie hatten auch den Herrn gefragt, ob sie ausziehen sollten. Dennoch ließ der Herr
es zweimal zu, dass die elf Stämme von dem einen geschlagen wurden – vermutlich, weil es
nicht nur die Sache des Herrn, sondern in ihrem Herzen auch ihre eigene Sache war, ihre eigene
»gerechte Empörung«. Als dann der Herr beim dritten Anlauf die Benjaminiten in ihre Hand gab,
machten sie ihre Arbeit so gründlich, dass sie darüber ver gaßen, dass es ja ein Teil des Volkes
Gottes war, gegen den sie zu Felde zogen. Der Stamm Benjamin wurde beinahe ausge rottet und
da Israel nur vollzählig vor dem Herrn erscheinen durfte, mußte das Problem gelöst werden, wie
dieser Stamm, von dem es nur noch sechshundert junge Männer, aber keine Frauen gab, vor
dem Aussterben bewahrt werden konnte.

Nicht wir sind es, die nach unserem Gutdünken in Aktion zu treten haben; Gott kann uns als
Instrument gebrauchen, wenn es ihm gefällt und dann haben wir zu gehorchen.

Die Denkweise der historisch-kritischen Theologie

Das Charakteristische der Denk- und Arbeitsweise der historisch-kritischen Theologie soll an
einem Beispiel verdeutlicht werden. Wir wollen daran das allgemein Übliche zeigen. Des halb
wählen wir einen Abschnitt aus einem Buch, das für einen breiteren Leserkreis geschrieben ist,
der Nichttheologen einschließt. Der Verfasser dieses Buches ist ein namhafter Theologe und
fleißiger Gelehrter, der eher konservativ als kri tisch ist. Diese behutsame Wahl der Vorlage gibt
uns umso eher das Recht, unsere Beobachtungen zu verallgemeinern.

In seiner Theologie des Neuen Testaments stellt Werner Georg Kümmel fest, dass sich »in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der geistigen Bewe gung der
Aufklärung innerhalb der protestantischen Theologie die Erkenntnis durchzusetzen begann, dass
die Bibel ein von Menschen geschriebenes Buch sei, das wie jedes Werk menschlichen Geistes
nur aus der Zeit seiner Entstehung und darum nur mit den Methoden der Geschichtswissenschaft
sachgemäß verständlich gemacht werden könne«.

Der unbefangene Leser wird durch die Formulierung zu der Annahme verführt, er habe als
Tatsache zur Kenntnis zu neh men, dass die Bibel nur ein Werk menschlichen Geistes sei. Denn
der Grundsatz der historisch-kritischen Theologie, die Bibel als ein Werk menschlichen Geistes
anzusehen, mit dem nicht anders umgegangen werden darf, als mit anderen menschlichen
Geisteswerken, wird ihm als Erkenntnis präsen tiert, d.h. als Einsicht aufgrund der Kenntnis
gegebener Tatsa chen. Zwangsläufig wird der Leser diese sogenannte »Er kenntnis« als ein
Forschungsergebnis ansehen, das sich durchgesetzt und allgemeine Anerkennung gefunden hat.
Als Laie, der die Zusammenhänge nicht kennt, wird er das Gelesene akzeptieren, weil dahinter ja
die ganze Autorität der Wissenschaft steht, in der sich die »Erkenntnis« bereits vor
Jahrhunderten durchgesetzt hat.

Auf diese Weise wird ein Mensch im Netz der Lüge gefan gen. Die sogenannte Erkenntnis war in
Wahrheit nur eine Entscheidung. Eine Minderheit, klein an Zahl, wenngleich zur Elite des
abendländischen Geistes gehörig, hat sich dafür ent schieden, den Menschen als Maß aller
Dinge anzusehen (Humanismus) und folgerichtig erkannte man nur noch das als Wahrheit an,
was induktiv gewonnen wurde (Aufklärung, Francis Bacon).

Das war die Entscheidung, die Wahrheit in Ungerechtigkeit darniederzuhalten. Damit entschied
man sich gegen Gottes Wort als geoffenbarte Wahrheit, für die Weisheit dieser Welt, die in ihrem
Wesen atheistisch ist, auch wenn sie sich fromm gebärdet und den Namen Gottes im Munde
führt. Diese Ent scheidung, die Wahrheit in Ungerechtigkeit darniederzuhal ten, die zunächst nur
von einigen wenigen getroffen wurde, die sich selbst für weise hielten, hat sich inzwischen so
weit durchgesetzt, dass heute in Deutschland selbst der letzte Grundschüler von ihr erreicht wird.

Wie diese Verbreitung geschieht, können wir an unserer Vor lage studieren:

Man gibt vor – wie gesagt –, ein Fundament klarer Erkenntnis zu haben, auf dem Boden der
Tatsachen und der Wahrheit zu stehen; davon ausgehend wird dann die Unausweichlichkeit der
Folgerungen behauptet: Weil die Bibel »ein Werk menschlichen Geistes« sei, könne sie »nur mit
den Methoden der Geschichtswissenschaft sachgemäß verständlich gemacht werden«.
Derartige demagogische Vereinnahmung ist nicht allein die Grundstruktur der historisch-
kritischen Theologie, sondern wahrscheinlich darüber hinaus auch der gesamten Geistes
wissenschaften. »Wie jeder sehen kann …«; »… muss jeder erkennen …«; »die Folgerung ist
unausweichlich …«; »die Annahme ist zwingend …«; »es ist nicht zu übersehen, dass …«; »man
muss …«; »man darf nicht …«; »man konnte

nicht auf halbem Weg stehenbleiben …« – wann immer Ihnen derartige Formulierungen
begegnen, sehen Sie in der Regel die tönernen Füße des Kolosses Wissenschaft bloß vor Ihren
Augen.

Wer behauptet, die Bibel könne nur mit Methoden der Ge schichtswissenschaft verständlich
gemacht werden, der ernennt eine von Grund auf antichristlich konzipierte Wissen schaft zum
»Haushalter der Geheimnisse Gottes«! Gottes Wort sagt uns, dass Gott die Geschicke der Völker
lenkt; die Geschichtswissenschaft weigert sich von vornherein, Gottes Handeln in der Geschichte
auch nur als Möglichkeit in Be tracht zu ziehen – und diese atheistische, antichristliche Wis
senschaft wird von der historisch-kritischen Theologie als der einzig sachgemäße Zugang zu
Gottes Wort anerkannt. Jeder, der als theologisch gebildet gelten will, soll das akzeptieren.

Um einen akademischen Grad in der Gottesgelehrsamkeit zu erhalten, muss ich mich


entscheiden, in meinem Denken dem Atheismus Raum zu geben. Fromme Gefühle wird man mir
freundlicherweise erlauben, aber mein Denken hat die atheistische Grundsatzentscheidung
nachzuvollziehen und »methodisch« vorzugehen – ut si Deus non daretur. Das ist Perversion!

Sowohl die historisch-kritische Theologie als auch die Ge schichtswissenschaft ist auf das
Fundament der Lüge gegrün det. Wissenschaft ist demnach nicht das Synonym für Wahr heit,
sondern für Rebellion gegen Gott, welche die Wahrheit in Ungerechtigkeit darniederhält. Was sie
an richtigen Einzel erkenntnissen zutage fördert, ist durch das Element der Lüge gebrochen und
verzerrt, so wie man einen Löffel durch ein Glas Wasser nur optisch verzerrt erkennen kann.

Kümmel fährt fort: »Aus dieser Erkenntnis ergab sich nämlich die unausweichliche Folgerung,
dass auch die Darstellung des Gedankengehalts der Bibel, die ›Biblische Theologie‹, nur mit Hilfe
geschichtlicher Fragestellung sachgemäß geschehen könne, wenn der Gedankengehalt der Bibel
unbeeinflußt von der Dogmatik und wirklich selbständig erkannt werden sollte.«

Damit unterstellt Kümmel, dass ich nur mit Hilfe der Ge schichtswissenschaft den
Gedankengehalt der Bibel »unbeeinflußt von der Dogmatik« lesen kann. Anders gesagt, dass ich
in dem Fall, dass ich es ablehne, mein Denken durch das Nadelöhr der Geschichtswissenschaft
hindurchzuschicken und die Bibel schlicht so lese, wie sie dasteht, von der Dogma tik beeinflußt
sei. Er stellt also zur Alternative:

Entweder lese ich die Bibel beeinflußt von der Dogmatik; das ist dann unsachgemäß und die
Bibel wird nicht »wirklich selbständig erkannt«. Oder ich lese die Bibel mit Hilfe geschichtlicher
Fragestellung; das ist sachgemäß und führt dazu, dass der Gedankengehalt der Bibel »wirklich
selbstän dig erkannt« wird.

Ziel ist das »wirklich selbständige Erkennen«, bei dem der Mensch das Maß aller Dinge ist. Die
atheistische Geschichtswissenschaft liefert dafür das »pou stoo«, um mit Gottes Wort
umzugehen, ohne sich auf Gottes Wort einzu lassen. Bei diesem Zugriff von außen wird die Bibel
auf einen »Gedankengehalt« reduziert und das nennt man dann noch Theologie – Reden von
Gott! Die Perversion ist ungeheuer lich. Gottes Offenbarung soll »sachgemäß« und »wirklich
selbständig« so erkannt werden, dass von Gott keine Rede mehr ist, dass Gott nicht mehr als
Gott geehrt wird, noch Ihm gedankt. Generation um Generation von Gotteskindern, die bereit und
eifrig waren, Gott zu dienen, haben wir »durchs Feuer gehen« lassen und diesem Moloch einer
atheistischen Theologie geopfert. Das Ergebnis ist Generation um Genera tion von verführten
Verführern. Wann werden wir endlich umkehren und uns lossagen von diesem Götzendienst?
Kümmel setzt seinen Gedankengang fort, indem er aufzeigt, zu welchen Konsequenzen sich die
historisch-kritische Theo logie genötigt sieht, nachdem sie es unternommen hat, »die Bibel als
Werk menschlicher Verfasser geschichtlich zu erfor schen«: »Sobald man aber mit einer solchen
geschichtlichen Fragestellung gegenüber den Gedanken der Bibel wirklich ernst machte, wie es
um 1800 zuerst geschah, sah man sich nicht nur gezwungen, die Darstellung des Alten und des
Neuen Testamentes völlig voneinander zu trennen, sondern auch bei der Schilderung der
Gedanken des Neuen Testa mentes Jesus und die verschiedenen apostolischen Schrift steller je
für sich zu Wort kommen zu lassen.«

Die Sprache verrät ihn bzw. die historisch-kritische Theologie, als deren Repräsentant Kümmel
hier spricht: »sah man sich gezwungen, nicht nur … sondern auch«. Wer sich auf diesen Weg
der Gottlosigkeit einläßt, ist also fortan nicht mehr frei in seiner Entscheidung; ein Es oder ein Er
ist da, der zwingt. Das ist wahr gesprochen. Dieser Zwang wird nicht ausgeübt durch Regeln der
Logik noch durch eingeübte Methoden; das vermag nicht zu zwingen. Es sind dämonische
Mächte, unter deren Zwang jeder gerät, der sich auf diesen Weg begibt. Er ist fortan nicht mehr
frei, sondern unterliegt einem Bann.

Kümmel zieht aus dem vorher Gesagten den Schluß: »Man konnte eben nicht auf halbem Wege
stehen bleiben: Muss die Bibel als Werk menschlicher Verfasser geschichtlich erforscht werden,
um ihren wirklichen Sinn zu verstehen, so darf und kann man nicht an der Voraussetzung
festhalten, dass das Alte Testament und das Neue Testament in sich je eine gedankliche Einheit
bilden; dann muss man auch auf die Unterschiede innerhalb der beiden Testamente achten und
auch eine etwaige Entwicklung und Verfälschung der Gedan ken in Betracht ziehen.
Infolgedessen sah sich die Bemühung um eine Theologie des Neuen Testamentes von Anfang
an vor das Problem der Verschiedenheit und Einheitlichkeit im Neuen Testament gestellt.«

Es ist ungeheuerlich, aber es steht wirklich da: »Die Bibel muss als Werk menschlicher Verfasser
… erforscht werden, um ihren … Sinn zu verstehen.« Das wird nicht erst nachge wiesen, sondern
von vornherein vorausgesetzt. Das ist nicht die Privatmeinung von Herrn Kümmel, sondern
Allgemeingut der historisch-kritischen Theologie, hier nur noch einmal ge nannt, um die
Konsequenzen aufzuzeigen. Konsequenz ist die Atomisierung der Bibel, bei der man Teile in der
Hand hat, ohne noch den lebendigen Zusammenhang zu erkennen und sich schließlich in seiner
selbstverschuldeten Hilflosigkeit sogar dazu versteigt, Verfälschung der Gedanken in Betracht zu
ziehen.

So geht man mit der Heiligen Schrift des Heiligen Gottes um! So tritt man das Wort unseres
Erlösers mit Füßen. Auf dem Missionsfeld treten dann Moslems den Missionaren mit einer
Blütenlese aus den Werken historisch-kritischer Theologen entgegen und stellen sarkastisch fest:
Eure Leute sagen ja sel ber, dass die Bibel nicht stimmt! Wahrlich, Gott ist langmütig und
geduldig. Aber irret euch nicht, Er läßt sich nicht spotten.

Das Gericht kommt. Wohl dem, der seine Zuflucht zum Blute Jesu genommen hat!

Kümmel fährt fort: »Die Bemühungen um den theologischen Gehalt des Neuen Testaments als
einer selbständigen geschichtlichen Größe stand darum von Anfang an in einer Spannung zu
jeder Form von dogmatischer Theologie. Denn die Darstellung der christlichen Lehre als Antwort
auf die Frage nach dem Wesen der Offenbarung Gottes in Jesus Christus wird
selbstverständlich, von welchen Voraussetzun gen sie auch ausgeht und welche Bindungen sie
sich auch auferlegt, das Ziel haben müssen, eine einheitliche Lehre vor zutragen und die
Dogmatik muss darum in Schwierigkeiten geraten, wenn sie sich auf das Neue Testament als
Grundlage ihrer Aussagen stützen will und die biblische Theologie ihr dazu keine einheitliche
Lehre im Neuen Testament aufzuzei gen vermag. Damit stehen wir aber vor dem eigentlichen
Problem einer ›Theologie des Neuen Testaments‹.«

An dieser Stelle läßt sich besonders deutlich erkennen, wie gearbeitet wird:
1. Durch die Einführung des Begriffs Spannung (steht in Spannung) wird die Fragestellung von
vornherein aus dem Bereich der Koordinaten Wahrheit – Lüge herauskatapultiert.

2. Als Bezugsgröße wird die dogmatische Theologie einge führt. D.h., Einwände, welche sich
gegen eine derartige Theo logie des Neuen Testaments vom Glauben her erheben, wer den von
vornherein diskriminiert, indem man sie nicht als grundsätzliche In-Frage-Stellung gelten läßt,
sondern ab schiebt als etwas, das sich aus der Sichtweise einer anderen Fachdisziplin ergibt, die
– nicht anders als die eigene – bloß eine menschliche Konzeption darstellt. Diese Art zu
argumentieren ist zwar nicht neu, wird aber dadurch keineswegs besser.

3. Die Dogmatik, als Widerpart genommen, wird für den Blickwinkel der Wissenschaft von
vornherein disqualifiziert:

Sie geht von Voraussetzungen aus, hat sich Bindungen aufer legt und ist – bei allen
zugegebenen möglichen Unter schieden – in solchen Voraussetzungen und Bindungen ein
heitlich tendenziös. Soweit sie der Theologie des Neuen Testaments entgegensteht, wird das als
ihre – begreifliche – Tendenz gewertet. Auf diese Weise schottet man sich in der historisch-
kritischen Theologie von vornherein gegen unbe queme Fragen ab.

Das oben genannte Problem ist für Kümmel nur eines unter vielen. Er scheut nicht vor der
Behauptung zurück: »Denn schon dann, wenn sich der Ausleger zunächst einmal um den Sinn
der einzelnen Schriften des Neuen Testaments bemüht …, steht er im Grunde vor einer
unlösbaren Aufgabe« (S. 13).

Damit behauptet der Theologe Kümmel klar und eindeutig, dass Gottes Wort, uns zum Heil
gegeben, in seinem Sinn im Grunde nicht zu erkennen sei.

Eigentlich sollte ein derartiger Bankrott der Auslegung ja wohl dazu führen, dass man das
Gesetz, nach dem man angetreten ist, in Frage stellt. Aber Kümmel fährt stattdessen fort: »Die im
Neuen Testament gesammelten Schriften sind ihrer ge schichtlichen Art nach ja Urkunden antiker
Religionsge schichte, in einer toten Sprache und einer uns nicht mehr ohne weiteres
verständlichen Begrifflichkeit und Vorstel lungswelt geschrieben; sie können darum nur auf dem
Weg geschichtlicher Forschung zum Reden gebracht und es kann nur auf diesem Weg ein
Verstehen des von den Verfassern Gemeinten annähernd erreicht werden.«

Es ist ungeheuerlich! Das Buch des Neuen Bundes, das von unserer Erlösung handelt – eine
Sammlung von Urkunden antiker Religionsgeschichte! »Also hat Gott die Welt geliebt, dass Er
Seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen« – ein
Satz aus einer Urkunde antiker Religionsgeschichte! »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das
Leben« – das Wort unseres Herrn und Hei landes – ein Gedankensplitter antiker
Religionsgeschichte! »Es ist in keinem anderen Heil und ist auch kein anderer Name unser den
Menschen genannt, darin sie sollen selig werden« – desgleichen Bruchteil einer Urkunde antiker
Religionsgeschichte!

»… in einer toten Sprache und einer uns nicht mehr ohne weiteres verständlichen Begrifflichkeit
und Vorstellungswelt geschrieben.« – Hier wird mit aller Gewalt versucht, Gottes Wort in ein
historisches »Damals« abzuschieben, es dem Gebrauch zu entziehen und zu einem Museum zu
machen, für das gelegentlich Führungen angeboten werden.

Millionen von Gotteskindern erfahren heute täglich das Neue Testament und darüber hinaus die
ganze Bibel als Got tes lebendiges Wort, durch das Gott zu ihnen redet. Unge achtet solcher
weltweiten Erfahrungen wird behauptet: »Die im Neuen Testament gesammelten Schriften …
können … nur auf dem Weg geschichtlicher Forschung zum Reden ge bracht werden.«

Damit wird der Heilige Geist verleugnet und Jesus wider sprochen, der gesagt hat: »Ich preise
Dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, der Du dieses vor Weisen und Ver ständigen
verborgen hast und hast es Unmündigen geoffen bart. Ja, Vater, denn so war es wohlgefällig vor
Dir« (Mt 11,25 f.). Gilt der Weheruf Jesu: »Wehe aber euch, Schriftge lehrte und Pharisäer,
Heuchler! Denn ihr verschließt das Reich der Himmel vor den Menschen; denn ihr geht nicht
hinein, noch laßt ihr die, welche hineingehen wollen, hinein gehen« (Mt 23,13) nicht auch für eine
solche Theologie?

Halten wir uns dabei immer vor Augen: Wir haben es nicht mit einem »Fall Kümmel« zu tun.
Werner Georg Kümmel gilt mit seinen Äußerungen lediglich als ein Exempel und er ist, was wir
nicht vergessen dürfen –, noch ein gemäßigter Ver treter dieser weltweit verbreiteten Theologie.

Kümmel läßt uns keineswegs im Zweifel, wie fragwürdig die Ergebnisse der Bemühungen sind,
»die Schriften des Neuen Testaments« »auf dem Weg geschichtlicher Forschung zum Reden«
zu bringen:

»Solche Bemühung um wissenschaftliches Verständlichma chen kann ihrem Wesen nach nur zu
wahrscheinlichen und oftmals nur zu hypothetischen Resultaten führen und es bedarf des
abwägenden Urteils, ob man sich einem erzielten Resultat anschließen oder es durch einen
anderen Erklärungs versuch ersetzen will.«

Weil man sich entschieden hatte, dass der »Gedankengehalt der Bibel« »wirklich selbständig
erkannt werden sollte«, löste man die Einheit der Bibel auf und machte keinen Gebrauch mehr
davon, dass Gottes Wort sich selber interpretiert. Fol gerichtig ist man nunmehr genötigt, anstatt
Tatsachen zu erkennen, sich in Unterstellungen zu ergehen, Hypothese an Hypothese
anzuschließen, bis ganze Kartenhäuser von Hypo thesen aufgerichtet werden.

Den Ausschlag in der Beurteilung und Einstufung der Hypo thesen gibt jeweils ein
selbstmächtiges Ich, das nach seinem Gutdünken über Gottes Wort entscheidet. Man erhielt, was
man erwählte, das Ich sitzt auf dem Thron. Wie König Midas nur noch Gold zu fassen bekam und
verhungern mußte, weil alles, was er berührte, nach seinem eigenen habsüchtigen Verlangen zu
Gold wurde, so ist der Mensch, der sich Gottes Wort gegenüber für seine Selbstmächtigkeit
entschieden hat, seinem Selbst ausgeliefert und bekommt wirklich nur noch die Gebilde seines
Selbst zu fassen. Für ihn wird Gottes Wort wirklich zu einem toten Buchstaben. Das ist Gottes
Gericht!

»Dieselben Schriften des Neuen Testaments sind nun aber von der alten Kirche in einen Kanon
heiliger Schriften zusammengeordnet worden, dessen Umfang seit dem Ende des 4. Jahr
hunderts nicht mehr ernstlich umstritten war und haben dadurch den Charakter normativer, für
den Glauben des Chris ten grundlegender Schriften erhalten, denen der Christ glau benden
Gehorsam entgegenbringen müßte. Es ist aber leicht zu sehen, dass es im Grunde unmöglich ist,
den Schriften des Neuen Testaments zu gleicher Zeit als urteilend forschender und als gläubig
hörender Mensch gegenüberzutreten.«

Das ist wahr! Mir ist nicht bekannt, dass noch ein anderer historisch-kritischer Theologe diesen
Sachverhalt mit gleicher Klarheit gesehen hätte. Spätestens an dieser Stelle müßte die eigene,
historisch-kritische Position in Frage gestellt werden. Wenn sie zu solchen Konsequenzen führt,
dann muss sie ver kehrt sein. Aber das geschieht nicht. Stattdessen wird zu einem Salto mortale
angetreten: »Wenn man daher begreif licherweise immer wieder auf verschiedene Weise
versucht hat, diesem Dilemma zu entgehen, so waren und sind doch alle solche Versuche zum
Scheitern verurteilt, weil sie dem Sachverhalt nicht entsprechen. Das wissenschaftliche Be
mühen um das Verstehen des Neuen Testaments muss, ge rade wenn es im Raum der Kirche
und von der Voraussetzung des Glaubens aus betrieben wird, der Tatsache Rechnung tra gen,
dass wir auch zum gläubigen Hören auf die Botschaft des Neuen Testaments nur auf einem Weg
gelangen können: nämlich dadurch, dass wir uns die Aussagen der antiken Ver fasser der
neutestamentlichen Schriften verständlich zu machen suchen, so wie sie ihre zeitgenössischen
Hörer oder Leser verstehen konnten und mußten.«
Es sei Kümmel zugegeben, dass Kompromisse keine trag fähige Basis sind. Das gibt ihm aber
keineswegs das Recht zu der bodenlos unbegründeten Behauptung, dass es Tatsache sei, dass
gläubiges Hören auf die Botschaft des Neuen Testa ments nur durch das Hörgerät der historisch-
kritischen Theo logie geschehen könnte. Das kleinste und jüngste Gotteskind kann ihn bei dieser
unverschämten Behauptung der Lüge überführen.

Kümmel jedoch stellt anschließend noch einmal die These hin: »Es gibt darum keinen andern
Zugang zum Verstehen der neutestamentlichen Schriften, als die für alle Schriften des Altertums
gültige Methode historischer Forschung.«

Die selbstmächtigen Ich-Entscheidungen darüber, welches hypothetische Resultat ich als


gelungenen Erklärungsversuch gelten lasse, sollen also der einzige Zugang sein »zum gläu
bigen Hören auf die Botschaft des Neuen Testaments«.

Wohlgemerkt ist nicht vom glaubenden, sondern vom gläu bigen Hören die Rede. Gläubig sein ist
eine subjektive Eigen schaft; Glaube dagegen hält sich an die objektiv gegebene Zusage.

Kümmel versucht zwar, obwohl man ihm das nach den vor angegangenen Aussagen schwer
abnehmen kann, die Wich tigkeit des Glaubens für den Umgang mit der Bibel festzuhal ten: »Es
kommt freilich sehr viel darauf an, ob man solche Forschung als Unbeteiligter und in bewußter
Distanz oder als innerlich Beteiligter und darum als mit letzter Aufgeschlos senheit Hörender
betreibt.«

Aber dennoch bleibt Kümmel dabei, dass es »keinen anderen Zugang gibt zum Verstehen der
neutestamentlichen Schrif ten«. Er fährt fort: »Sieht sich so derjenige, der nach dem
Gedankengehalt und der Anrede einer neutestamentlichen Schrift fragt, vor die Notwendigkeit
gestellt, auf dem umständlichen Weg der wissenschaftlichen Erhellung des antiken Textes zu
einem persönlichen Hören zu gelangen, so zeigt sich diese Schwierigkeit bei der Bemühung um
die Theologie des Neuen Testaments in verstärktem Maße.«

Keinen anderen Zugang – wehe dem, der mit solcher Be hauptung vor Gottes Richterstuhl
erscheinen muss! Ich bin so dankbar, dass das Blut Jesu meine Verfehlungen abgewa schen hat!
Ich war ja nicht besser, eher schlimmer und habe ebenfalls solche unverantwortlichen Aussagen
gemacht. Und wer auch immer sich auf die historisch-kritische Theologie einläßt, wird ebenfalls
dahin kommen. Ebensowenig wie ein bißchen schwanger kann man ein bißchen historisch-
kritisch sein.

Anmerkungen

Exkurs: Verführungen

1. Gotteskindern, die davor zurückschrecken, an einer theo logischen Fakultät zu studieren, weil
sie in ihrem Herzen wis sen, dass in der historisch-kritischen Theologie nicht die Stimme des
guten Hirten zu hören ist, wird von solchen, die es besser wissen müßten, entgegengehalten: »Ist
denn dein Glaube so klein, dass du dich nicht auf die historisch-kritische Theologie einlassen
willst?« Das ist Verführung!

Gott fordert uns nicht auf, unseren Glauben zu testen. Schon die Vorstellung, dass wir in solcher
Weise über unseren Glau ben verfügen könnten, ist irrig. Jesus ist der Anfänger und der
Vollender des Glaubens (Hebr 12,2) und das Maß unseres Glaubens ist von Gott gegeben (Röm
12,3).

Keiner der Verführer, welche Gotteskinder dazu ermuntern, sich dorthin zu begeben, wo ihre
Seelen verdorben werden durch eine auf Langzeit dosierte geistliche Vergiftung, wäre bereit, in
gleicher Weise seinen eigenen Leib mit kleinen, aber auf Dauer tödlichen Dosen von Arsen
vergiften zu lassen. Er würde sich mitnichten darauf einlassen, unter Berufung auf Markus 16,18
seinen eigenen Glauben und Gottes Bewah rung solchermaßen zu testen!

Möge Gott ihnen Gnade zur Buße schenken, damit sie auf hören, die ihnen anvertrauten Seelen
verführerisch zu nötigen, sich in ein Abhängigkeitsverhältnis zu begeben in einem Lehr system,
das methodisch von der Voraussetzung ausgeht, als gäbe es Gott nicht und somit atheistisch und
antichristlich ist.

Die historisch-kritische Theologie ist Irrlehre. Darüber ist man sich mindestens im Fall Rudolf
Bultmann in evangelikalen Kreisen einig. Es gibt aber keine grundsätzlichen, sondern selbst im
günstigsten Fall höchstens gradweise Unterschiede zwischen Rudolf Bultmann und den übrigen
Vertretern dieser Richtung. 1 Gottes Wort hat uns klare Anweisungen gegeben, wie wir uns
Irrlehrern gegenüber zu verhalten haben (2 Jo 10 f.; Röm 16,17; Jud 23; Kol 2,8; 2Petr 3,17;
u.a.m.). Die Befolgung dieser Anweisungen dürfte mit einem Studium der

historisch-kritischen Theologie nicht vereinbar sein. Wenn ich mich ohne Gottes Führung und
ohne dazu ge zwungen zu sein, in eine Situation begebe, in der ich ge genüber klaren
Anweisungen aus Gottes Wort ungehorsam sein muß, kann ich in dieser Situation nicht mit dem
sonst verheißenen Schutz Gottes rechnen, sondern ich muß darauf gefaßt sein, dass Er diesen
Schutz zum mindesten teilweise zurückzieht. Deshalb ist der Verführung zu widerstehen.

2. Die erste Verführung wird gelegentlich durch eine weitere ergänzt. Es wird auf Beispiele
verwiesen, welche zeigen, dass Gott Menschen aus der historisch-kritischen Theologie her
ausgerettet hat, um dadurch zu beweisen, dass die Gefahr ja so groß nicht sei, wenn jemand
diese Theologie studiert.

Es ist wahr: Gott rettet Menschen aus der historisch-kritischen Theologie heraus, Ihm sei Dank
dafür. Gott kann das! Aber sollen wir uns deshalb in Gefahr begeben? Der Teufel sprach zu
Jesus, nachdem er Ihn auf die Zinne des Tempels gestellt hatte: »Wenn du Gottes Sohn bist, so
wirf dich hinab, denn es steht geschrieben: ›Er wird seinen Engeln über dir befehlen und sie
werden dich auf Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stoßest.‹ Jesus
aber, der gewiß gewußt hat, dass Gott ihn ohne Zweifel bewahren konnte, begab sich nicht in die
Gefahr, sondern antwortete dem Versucher: »Wiederum steht geschrieben: ›Du sollst den Herrn,
deinen Gott, nicht versuchen‹« (Mt 4,6f.).

Ohne klare Führung von Gott sich in das Studium der historisch-kritischen Theologie
hineinzubegeben, weil Gott ja bewahren kann, heißt Gott versuchen.

3. Es wird damit argumentiert, dass ein junger Mensch, der Theologie studieren wolle, um Gott zu
dienen, ja gezwungen sei, an die Universität zu gehen, zum mindesten dann, wenn er in der
Volkskirche dienen wolle.

Hier wird den Fakten mehr vertraut als Gott, der doch die Fakten in der Hand hat und die
Umstände verändern kann. Solange die Mehrzahl der Studenten an die Uni geht und das Risiko
nicht auf sich nimmt, in der Institution Volkskirche kei nen Dienstplatz zu bekommen, läßt Er
diese Umstände viel leicht noch länger zu. Wenn Seine Kinder jedoch einsehen würden, dass sie
durch das Studium zwar den Dienstplatz bekommen, aber untauglich werden für den Dienst des
Herrn und deshalb einmütig zu Gott schreien würden, dass Er das Ausbildungsmonopol der
historisch-kritischen Theologie auf heben möge –, dann wird unser Vater im Himmel gewiß das
Schreien Seiner Kinder erhören. Er hat uns ja schon jetzt in Seiner Gnade einige bibeltreue
Ausbildungsstätten (z.B. FTA Gießen und STH Basel) geschenkt und die Abgänger dieser
Institute sind in Seinem Reich nicht arbeitslos geblieben.

4. Eine weitere Verführung – unter Missbrauch des Wortes Gottes! – lautet folgendermaßen:
»Paulus wurde den Juden ein Jude und den Griechen ein Grieche; also laßt uns den Historisch-
Kritischen ein Historisch-Kritischer werden!«

Gottes Wort wird dabei nur zur Hälfte zitiert, weil es sich nur so für diese Verführung gebrauchen
läßt. Man möge jeweils den ganzen Bibelvers beachten: »Und ich bin den Juden wie ein Jude
geworden, damit ich die Juden gewinne; denen, die unter Gesetz sind, wie einer unter Gesetz –
obwohl ich selbst nicht unter Gesetz bin –, damit ich die, welche unter Gesetz sind, gewinne;
denen, die ohne Gesetz sind, wie einer ohne Gesetz – obwohl ich nicht ohne Gesetz vor Gott bin,
sondern unter dem Gesetz Christi –, damit ich die, welche ohne Gesetz sind, gewinne« (1Kor
9,20f.).

Paulus wurde wie einer unter dem Gesetz, obwohl er selbst nicht unter dem Gesetz war. Galater
2,1ff. und Philipper 3,2 sowie Römer Kap. 1-4 zeigen u.a., wie solches Den-Juden-ein-Jude-
Werden praktisch aussieht.

Zu einem derartigen Verhalten ist aber der Student in seiner inneren und äußeren Abhängigkeit
als Lernender im Regel fall gar nicht in der Lage. Selbst Paulus hat dafür eine lange Zeit der
Zubereitung gebraucht. Außerdem ist es gar nicht die Aufgabe eines jeden, der sich auf seinen
zukünftigen Dienst als Hirte, Evangelist und Lehrer vorzubereiten hat.

Ohne eine spezielle Gnade Gottes, die ihm durch ein beson deres Reden Gottes zugesagt ist,
wird der Student den Historisch-kritischen nicht wie ein Historisch-Kritischer; er wird ein
Historisch-Kritischer – möglicherweise mit einigen Abstri chen. Aber diese Abstriche wirken sich
nicht aus als missiona rische Kraft; sie wirken auf die Historisch-Kritischen lediglich als
Inkonsequenz, werden belächelt und gegebenenfalls geduldet, wenn nur im Übrigen die
historisch-kritische Arbeitsweise stimmt.

Paulus wurde »den Juden ein Jude« – nicht im Rabbinat, nicht als Angehöriger des
Synhedriums, nicht als ordinierter Rabbi und Mitarbeiter an einer Synagoge –, nicht während
seiner Ausbildung, sondern als ein gestandener Christ in Unabhängigkeit, der zwar an jedem Ort
seinen Dienst in der Synagoge beginnen, aber jederzeit auch aus ihr herausgehen konnte. Unter
dieser Bedingung konnte er den Juden so ein Jude werden, dass er ihnen aufgrund ihrer eigenen
Voraus setzungen die Notwendigkeit der Umkehr aufzeigen konnte, die darin besteht, die von
Jesus auf Golgatha vollbrachte Erlö sung anzunehmen.

5. Auch das Schriftwort »Alles ist euer« (1Kor 3,21) wird aus dem Zusammenhang gerissen, um
zu belegen: »In der Frei heit des Glaubens an Christus ist die Auseinandersetzung mit jeglichen,
auch mit historisch-kritischen Hypothesen möglich. Angsthaltungen sollten überwunden
werden.«2

Formal lassen sich zwar unter »Welt oder Leben« und unter »Gegenwärtiges« auch historisch-
kritische Hypothesen subsumieren. Man darf jedoch den Zusammenhang des Verses nicht außer
Acht lassen:

»Niemand betrüge sich selbst! Wenn jemand unter euch meint, weise zu sein in dieser Welt, so
werde er töricht, damit er weise werde. Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott; denn
es steht geschrieben: ›Der die Weisen fängt in ihrer List‹. Und wieder: ›Der Herr kennt die
Überlegungen der Weisen, dass sie nichtig sind‹. So rühme sich denn niemand (im Blick auf)
Menschen, denn alles ist euer« (1Kor 3,18-21).

Historisch-kritische Theologie ist »Weisheit dieser Welt«, und durch Hypothesen wird der Ruf von
Wissenschaftlern begründet, so dass man sich ihrer rühmt und sich zu ihrer »Schule« zählt. Wir
aber werden ermahnt, »töricht zu wer den, damit wir weise werden«, anstatt von der Weisheit die
ser Welt in der Freiheit Christi Gebrauch zu machen.

Nebenbei bemerkt: Auseinandersetzung mit Hypothesen – sofern sie nicht als ihre
Zurückweisung durch Gottes Wort geschieht – ist nichts anderes, als sich einzulassen auf das
Hypothesenspiel. Solche »Auseinandersetzung« stellt sich von vornherein auf den Boden, auf
dem derartige Hypothe sen gebildet werden und hat den festen Grund des Wortes Gottes bereits
verlassen. Überdies setzt sie solche Hypothe sen keineswegs außer Kurs, sondern trägt
letztendlich nur zu ihrer Stabilisierung bei.

6. Deshalb ist auch die Fragestellung verderblich: »Da wollen wir erst einmal sehen: Wie ist es
denn nun wirklich?«

Wenn ich mit dieser Haltung an Gottes Wort herangehe, bin ich schon abgewichen, auch wenn
das Ergebnis »positiv« ist. Ich habe mich auf meinen Verstand verlassen und traue mir zu, das
Richtige herauszubekommen.

Die angemessene Haltung wäre dagegen: »Mein Vater, ich danke Dir für Dein Wort. Es ist durch
und durch wahr. Aber ich habe Probleme. Ich habe mich verunsichern lassen. Als ich in die Enge
getrieben wurde, habe ich Deinem Wort mißtraut. Bitte, bring mich zurecht und zeige Du mir
durch den Heiligen Geist aus Deinem Wort, wie es sich verhält.«

Die Versuchung besteht darin, als Sieger dastehen zu wollen durch die Kraft meines Intellekts
und die Stärke meiner Argu mente. Gott hat aber gesagt. »Nicht durch Heer und nicht durch
Kraft, sondern durch meinen Geist« (Sach 4,6).

7. Der Tiefschlag unter den Verführungen ist die Frage: »Willst du denn besser sein … ?«

Gottes Wort sagt uns (Röm 6,11): »Achtet euch als tot für die Sünde.« Es wird nicht von uns
verlangt, uns mit anderen so zu identifizieren, dass wir uns mit ihrer Sünde identifizieren. Ich bin
nicht besser als Diebe, Hurer, Ehebrecher und historisch kritische Theologen. Aber genauso, wie
ich dem Ehebruch im Namen Jesu widerstehe, darf ich auch der historisch-kritischen Theologie
widerstehen und meinen Heiland anrufen in der Not.

Kleine Handreichung aus dem Worte Gottes

»Alle Worte meines Mundes sind in Gerechtigkeit; es ist nichts Verdrehtes und Verkehrtes in
ihnen. Sie alle sind richtig dem Verständigen und gerade denen, die Erkenntnis erlangt haben«
(Spr 8,8 f.).

»Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; und die Erkenntnis des Heiligen ist Verstand«
(Spr 9,10).

»Der Mund des Gerechten sproßt Weisheit, aber die Zunge der Verkehrtheit wird ausgerottet
werden« (Spr 10,31).

»Laß ab, mein Sohn, auf Unterweisung zu hören, die abirren macht von den Worten der
Erkenntnis« (Spr 19,27).

»Wer Aufrichtige irreführt auf bösen Weg, wird selbst in seine Grube fallen; aber die
Vollkommenen werden Gutes erben« (Spr 28,10).

»Wehe denen, die in ihren Augen weise und bei sich selbst verständig sind!« (Jes 5,21).

»So spricht der Herr: Verflucht ist der Mann, der auf den Menschen vertraut und Fleisch zu
seinem Arm macht und dessen Herz von dem Herrn weicht« (Jer 17,5).

»Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmt und die Ehre, die von dem alleinigen
Gott ist, nicht sucht?« (Joh 5,44).

»Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Got tes, eure Leiber darzustellen als ein
lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, was euer vernünftiger Gottesdienst ist. Und seid
nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung des Sinnes,
dass ihr prüfen mögt, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene«
(Röm 12,1 f.).

Anmerkungen

1 Wer daran immer noch Zweifel hat, möge den minutiösen Nachweis stu dieren, in der
Schrift von Dr. Ernst Bartels: Beitrag zur Auseinanderset zung mit der Theologie von
Landesbischof D. Eduard Lohse, Selbstverlag 1984, zu beziehen beim Verfasser, Breslauer Str.
10, 37434 Bilshausen. Da Lohse noch zu den vergleichsweise gemäßigten Vertretern dieser
Richtung zählt, darf der Nachweis als exemplarisch gelten.

2 Name und Fundort des Zitates werden hier nicht genannt, um den Bru der zu schonen.

Die Bibel und der moderne Mensch

Die Bibel ist ein sehr altes Buch, und was alt ist, wird heutzu tage nicht mehr als ehrwürdig
angesehen. Man redet zwar von Altertumswert, schwelgt in Nostalgie und kauft sich Anti quitäten,
aber solche alten Dinge stehen nur zum Bestaunen in den Vitrinen, heben den Besitzerstolz und
bedeuten Prestige gewinn, sind jedoch überwiegend nicht zum Gebrauch be stimmt. Was alt ist,
gilt heute im Allgemeinen als antiquiert.

Was zählt, ist modern: die jüngsten technischen Errungen schaften, die neueste
wissenschaftliche Erkenntnis, die neuesten Nachrichten, die neue Mode, modernes Wohnen,
usw., usw.

Unmodern zu sein, ist zu einem schwerwiegenden Vorwurf geworden. Man versteht sich als
»moderner Mensch«.

1. Aber wie modern ist der moderne Mensch?

Beim Einräumen meiner Bücher nach dem Umzug hielt ich ein Buch in der Hand mit dem Titel:
»Moderne Predigtlehre«. Dieses Buch ist Anfang der zwanziger Jahre erschienen. Heut zutage
würde niemand ein Produkt aus den zwanziger Jahren als modern ansehen. Das sind inzwischen
alles »Oldtimer« geworden. Der moderne Mensch von 1920 ist inzwischen gestrig und der
moderne Mensch nach der Französischen Revolution, der die Göttin Vernunft auf den Thron
gesetzt und in den Kathedralen angebetet hat, ist inzwischen längst vorgestrig geworden.

Demnach scheint der moderne Mensch eine sehr relative Größe zu sein. Wir wollen aber nicht
versäumen zu fragen, ob es nicht dennoch Merkmale gibt, die den Menschen früherer Zeitalter
von dem jetzigen unterscheiden.

Meine theologischen Lehrer pflegten den Menschen des Neuen Testaments (und natürlich erst
recht den des Alten) als den mythischen Menschen anzusehen und ihn damit vom Menschen der
Moderne, dem Menschen des Logos, zu unter scheiden. Aber bei näherem Hinsehen ist dieser
sogenannte mythische Mensch von den heutigen Menschen gar nicht wesentlich verschieden.
Gewiß zog er Wunder in Betracht; aber dennoch waren Wunder für ihn keineswegs das Nor
male, sondern versetzten ihn in Erstaunen und Erschrecken.
Normalerweise rechnete er mit den Naturgesetzen:

Die Angestellten des Jairus sagen ihrem Arbeitgeber: »Deine Tochter ist gestorben, was bemühst
du weiter den Meister« (Mk 5,35).

Jesus wird von den Klageweibern ausgelacht, als er am Toten bett des Mädchens zu ihnen sagt:
»Was lärmt und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, sondern es schläft« (Mk 5,39). Denn sie
waren von Berufs wegen sehr wohl in der Lage, die Merkmale des Todes zu erkennen.

Als Jesus den Befehl gibt, den Stein von der Grabhöhle des Lazarus zu entfernen, »spricht zu
ihm Martha, die Schwester des Verstorbenen: Herr, er stinkt schon, denn er hat vier Tage
gelegen« (Joh 11,39).

Die Wunder der Totenauferweckungen, die Jesus wirkte, ge schahen vor Menschen, die mit den
Gesetzmäßigkeiten des Sterbens durchaus vertraut waren. Natürlich konnten sie den
eingetretenen Tod noch nicht an Instrumenten ablesen, wel che die wesentlichen
Körperfunktionen darstellen. Aber wenn das die Voraussetzung dafür wäre, ein moderner
Mensch zu sein, dann wären nur die Techniker moderne Menschen, die solche Geräte herstellen
und die Ärzte und Krankenschwestern, die mit ihnen umgehen; Sie und ich wären es nicht.

Die Menschen zur Zeit Jesu waren auch in der Lage, aufgrund von Beobachtungen
Wettervorhersagen zu machen. Jesus setzte das voraus, als er zum Volk sprach: »Wenn ihr eine
Wolke von Westen aufgehen seht, so sprecht ihr alsbald, ›es kommt Regen‹. Und es geschieht
also. Und wenn ihr den Südwind wehen seht, so sprecht ihr: ›es wird heiß werden‹. Und es
geschieht also« (Lk 12,54f.).

Gewiß hatten die Menschen damals keine Wettersatelliten und sonstige Meßgeräte für die
Wettervorhersage. Aber wenn ein solches Instrumentarium die Voraussetzung dafür wäre, ein
moderner Mensch zu sein, dann wären zwar die Meteorologen moderne Menschen, aber Sie und
ich wären es nicht, denn mit unserem Barometer können wir da wohl nicht mitreden.

Der Mensch der Bibel ist auch durchaus in der Lage, wirt schaftlich zu denken: Im Blick auf die
bevorstehenden sieben Hungerjahre nach den vorher zu erwartenden sieben reichen Erntejahren
gibt Josef den Rat: »Nun sehe der Pharao nach einem verständigen und weisen Mann, den er
über Ägypten land setze, und sorge dafür, daß er Amtsleute verordne im Lande und nehme den
Fünften in Ägyptenland in den sieben reichen Jahren und lasse sie sammeln den ganzen Ertrag
in den guten Jahren, die kommen werden, dass sie Getreide aufschütten in des Pharao
Kornhäuser zum Vorrat in den Städten und es verwahren, damit für Nahrung gesorgt sei für das
Land in den sieben Jahren des Hungers, die über Ägyp tenland kommen werden, und das Land
nicht vor Hunger verderbe« (1Mo 41,33-36).

Traktoren und Mähdrescher kannte man damals nicht; das ist wahr. Aber ich frage mich, wie viele
von Ihnen so etwas konstruieren oder damit umzugehen vermögen. Sollte die Tech nik wirklich
für die Modernität entscheidend sein?

Auch ein Papua in Neuguinea, der heute noch so lebt, wie wir uns das Leben der
Steinzeitmenschen vorstellen, wird in der Regel ziemlich bald den Zusammenhang zwischen dem
Licht schalter und dem Licht in der elektrischen Glühbirne erfassen. Unzählige, nach
allgemeinem Urteil zweifellos »moderne« Menschen in unseren Breiten haben von der Technik
auch nicht viel mehr als ein solches Schalterverständnis.

Der Landsmann des genannten Papuas in Djakarta entwirft vielleicht in seinem


Konstruktionsbüro die modernste Reispflanzmaschine. Aber in seinem Neubauhaus in einem mo
dernen Viertel der Stadt hat er seine Djimats in Gebrauch, mit denen er an Dämonen gebunden
ist. Ist das ein »moderner Mensch«?
Das ist Indonesien. Aber wie steht es in Europa und Nord amerika? Jede Wohnung ist
ausgestattet mit den modernsten elektrischen und elektronischen Geräten. In Büros und Fa
briken wird mit den modernsten Maschinen gearbeitet. Was einige Jahre alt ist, wird im
buchstäblichen Sinne zum »alten Eisen« geworfen.

Als Auto fährt man, wenn man es erschwingen kann, das neueste Modell. Sofern man sich
bewußt einen »Oldtimer« zulegt, ist man dabei auch nur einer neueren Mode gefolgt.

Wenn es danach geht, sind wir wirklich modern. Moderne Literatur und moderne Kunst werden
bis in die Grundschule hinein verbreitet. Man führt eine moderne Ehe und denkt modern in allen
Lebensbereichen.

Zur gleichen Zeit aber ist der älteste Aberglaube noch leben dig: Man »klopft an Holz« und sagt
»toi, toi, toi«, was nichts anderes als »Teufel, Teufel, Teufel« bedeutet. Man wünscht sich »Hals-
und Beinbruch«, hält sich den Daumen und beachtet den »Montag, der nicht wochenalt« wird.
Bei Jah resbeginn werden wie im alten China die bösen Geister durch ein gewaltiges Feuerwerk
vertrieben und die Katze, die ihm in verkehrter Richtung über den Weg gelaufen ist, hat schon
manchem Menschen den ganzen Tag verdorben.

Aber nicht nur alter Aberglaube ist weiter im Schwange, der neue Aberglaube hat überhand
genommen und ist vorherr schend geworden in eben dem Maße, wie man den Glauben an
unseren Herrn und Heiland Jesus Christus verleugnet hat.

– Der sogenannte »moderne Mensch« beschäftigt sich mit Horoskopen und geht zur
Wahrsagerin. Selbst das beschei denste Anzeigenblättchen auf dem Lande, das jedermann frei
Haus geliefert wird, bietet per Inserat Dienste von Astrologen und Wahrsagern an.

– Große Illustrierte boten schon vor Jahren per Inserat Glück und Gesundheit versprechende
Amulette zum Verkauf an.

– Okkulte Praktiken, Tischrücken u.ä. sind zu Gesellschafts spielen geworden.

– Das okkulte Nerokreuz, das satanische Gegenbild des Kreu zes, an dem unser Herr Jesus
Christus die Sünde der ganzen Welt getragen hat, wird als Zeichen des Kampfes gegen ato mare
Aufrüstung und als Friedenssymbol an die Wände gepinselt.

– In der transzendentalen Meditation meditieren diejenigen, welche das Mantra empfangen


haben, wissentlich oder unwissentlich, über Verse, die zu Ehren hinduistischer Gott heiten
geschrieben wurden.

– Magische Praktiken werden in unserem Kulturkreis heutzu tage sogar planmäßig verbreitet.

– Mehr und mehr ergreift selbst der unverhüllte Satanskult Raum.


Ist ein Unternehmer, der eine vollelektronische Fabrikanlage besitzt und sich in transzendentaler
Meditation »entspannt«, ein »moderner Mensch«?

Ist der rasante junge Sportwagenfahrer mit dem Amulett um den Hals und/oder der
Christophorusplakette am Handge lenk ein »moderner Mensch«?

Ist der Politiker, der sich vor schwerwiegenden Entscheidun gen von einer renommierten
Wahrsagerin beraten läßt, ein »moderner Mensch«?

Ist der Revoluzzertyp, der mit Farbtopf und Sprühpistole okkulte Zeichen an die Wände schmiert,
ein »moderner Mensch«?
Wie steht es dann aber mit den durch die theologische Auf klärung inzwischen eingebürgerten
Redensarten:

– »Ein moderner Mensch kann die Lehre von der stellvertre tenden Genugtuung durch den Tod
Jesu Christi nicht verste hen.«

– »Man kann dem modernen Menschen, der den elektrischen Lichtschalter bedient, unmöglich
zumuten, an Engel oder an Dämonen zu glauben.« (Um Mißverständnissen vorzubeu gen:
Christen glauben nicht an Engel oder Dämonen, son dern an Gott, den Vater, den Sohn und den
Heiligen Geist. Aber sie wissen aus Gottes Wort, dass es Engel und Dämonen gibt.)

Wie steht es mit der Behauptung: »Die Normen der Bibel gel ten nicht mehr für den modernen
Menschen«?

Was haben wir von dem vielfältigen Gerede zu halten in der Art: »Ein moderner Mensch kann
unmöglich …« wobei unterstellt wird, dass einer, der heute lebt und es trotzdem tut, kein
»moderner Mensch« ist, sondern ein »ewig gestri ger«, der es ja, bei genügender Aufklärung und
dem nötigen Gruppendruck vielleicht doch noch lernen wird?

Angesichts der Relativität des Begriffes »modern« bzw. »moderner Mensch« erweisen sich die
oben zitierten theolo gischen Redensarten mit ihrer Vermischung von Relativen und Absoluten
als ungegründete Schlagworte mit demago gischem Charakter.

2. Der moderne Mensch will von der Bibel angeblich nichts wissen. Weiß denn die Bibel etwas
von dem modernen Menschen?
Die relative Modernität, in der das, was heute modern ist, mor gen schon als gestrig und
übermorgen als vorgestrig gilt, wird in der Bibel als das genommen, was es ist, als »Haschen
nach Wind« (Pred 1,14) und das Urteil darüber steht im Prediger Salomons: »Es gibt nichts
Neues unter der Sonne« (Pred 1,9).

Gottes Wort redet aber auch über den modernen Menschen, der den »modernen Menschen« von
1525, 1789, 1848, 1918, 1945, 1984 usw. überholt. Es redet nämlich über den Menschen in den
letzten Tagen, bevor Gottes gewaltige End gerichte über diese Erde gehen werden und danach
unser Herr Jesus, der Menschensohn, als Richter auf ihr erscheint. Über diesen Menschen der
letzten Tage sagt Gottes Wort zweierlei:

Zum Ersten: Dieser Mensch lebt grundsätzlich nicht anders, als die Menschen vor ihm gelebt
haben. Was für ihn das Leben ausmacht, ist das Gleiche geblieben:

– »Denn wie sie waren in den Tagen vor der Sintflut – sie aßen, sie tranken, sie freiten und ließen
sich freien bis an den Tag, da Noah in die Arche hineinging und sie achteten es nicht, bis die
Sintflut kam und nahm sie alle dahin –, so wird auch das Kommen des Menschensohnes sein«
(Mt 24, 37-39).

– »Desgleichen, wie es geschah zu den Zeiten Lots: sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie
verkauften, sie pflanzten, sie bau ten; an dem Tag aber, als Lot aus Sodom ging, da regnete es
Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um. Auf diese Weise wird’s auch gehen an
dem Tage, an dem des Menschen Sohn wird offenbar werden« (Lk 17,28-30).

Der unüberholbar moderne Mensch, der Mensch der letzten Tage, lebt wie die vielen
Generationen vor ihm gelebt haben:

Er ißt, trinkt, heiratet, kauft, verkauft, pflanzt und baut. Die ses »normale« menschliche Leben,
das an sich nicht verkehrt ist, erweist sich in seiner Blindheit gegenüber den Zeichen der Zeit als
verhängnisvoll. Es ist das Leben, das sich mit dem Natürlichen begnügt und nicht nach Gott fragt.
Dieses Leben steht unter Gottes Gericht:
»Denn Gottes Zorn vom Himmel her ist offenbart über alles gottlose Wesen und Ungerechtigkeit
der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit gefangen halten. Denn was man von Gott
erkennen kann, ist unter ihnen offenbar; Gott hat es ihnen offenbart. Denn Gottes unsichtbares
Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen seit der Schöpfung der Welt und
wahrgenommen in seinen Werken, so dass sie keine Entschuldigung haben. Sie wußten, dass
ein Gott ist und haben ihn nicht gepriesen als einen Gott noch ihm gedankt, sondern haben ihre
Gedanken dem Nichtigen zugewandt und ihr unverständiges Herz ist verfinstert … Darum hat sie
auch Gott dahingegeben in ihrer Herzen Ge lüste, in Unreinigkeit, zu schänden ihre eigenen
Leiber an sich selbst, sie, die Gottes Wahrheit verwandelt haben in Lüge und haben geehrt und
gedient dem Geschöpf statt dem Schöpfer, der da gelobt ist in Ewigkeit. Amen … Und gleich wie
sie es für nichts geachtet haben, dass sie Gott erkannten, hat sie auch Gott dahingegeben in
verworfenem Sinn, zu tun, was nicht taugt« (Röm 1,18-21.24f.28).

Zum Zweiten zeichnet Gottes Wort von dem Menschen der letzten Tage, dem unüberholbar
modernen Menschen, ein deutliches Porträt, in dem jene besonderen Züge hervorge hoben sind,
die ihn von den früheren Geschlechtern unter scheiden:

»Das sollst du aber wissen, dass in den letzten Tagen gräu liche Zeiten kommen werden. Denn
es werden die Menschen viel von sich halten, geldgierig sein, ruhmredig, hoffärtig, Lästerer, den
Eltern ungehorsam, undankbar, gottlos, lieblos, unversöhnlich, Verleumder, zuchtlos, wild,
ungütig, Verräter, Frevler, aufgeblasen, die die Lüste mehr lieben als Gott, die da haben den
Schein eines gottesfürchtigen Wesens, aber seine Kraft verleugnen sie; solche meide. Zu diesen
gehören, die hin und her in die Häuser schleichen und umgarnen die losen Weiber, die mit
Sünden beladen sind und von mancherlei Lüsten umgetrieben, immerdar lernen und nimmer zur
Erkenntnis der Wahrheit kommen. Gleicherweise wie Jannes und Jambres dem Mose
widerstanden, so widerstehen auch diese der Wahrheit: Menschen mit zerrütteten Sinnen,
untüchtig zum Glauben« (2Tim 3,1-8).

Ist Ihnen auch die Porträtähnlichkeit mit dem heutigen Men schen aufgefallen? Es lohnt sich,
diese Bibelstelle aufgeschla gen neben die Tageszeitung zu legen und zu vergleichen!

Bei diesem Menschen der Endzeit hat der Geist des Wider christs Raum gewonnen, der in
Gottes Wort klar gekenn zeichnet wird:

»Wer ist ein Lügner, wenn nicht, der da leugnet, dass Jesus der Christus sei? Das ist der
Widerchrist, der den Vater und den Sohn leugnet« (1Joh 2,22).

»Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind;
denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt. Daran sollt ihr den Geist Gottes
erkennen: ein jeglicher Geist, der da be kennt, dass Jesus Christus ist im Fleisch gekommen, der
ist von Gott und ein jeglicher Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist
der Geist des Widerchrists, von welchem ihr habt gehört, dass er kommen werde und ist jetzt
schon in der Weit« (1Joh 4,1-3).

»Wir haben gesehen und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Heiland der Welt«
(1Joh 4,14). Das ist das Bekenntnis des Glaubens. Aber dieses Bekenntnis ist rar geworden in
Kirche und Theologie und wo es noch sonntäg lich gesprochen wird, ist es weithin zu einem
Lippenbekennt nis geworden, bei dem jeder das, was er meint, von dem, was er sagt,
unterscheidet.

Gottes Wort hat vorhergesagt, wie die Theologie des moder nen Menschen, des Menschen der
letzten Tage, aussehen wird:

– »Es waren aber auch falsche Propheten unter dem Volk, wie auch unter euch falsche Lehrer
sein werden, die verderbliche Lehrmeinungen heimlich einführen werden, indem sie den
Gebieter, der sie erkauft hat, verleugnen und sich selbst schnelles Verderben zuziehen. Und viele
werden ihren Aus schweifungen nachfolgen, um derentwillen der Weg der Wahrheit verlästert
wird. Und aus Habsucht werden sie euch mit betrügerischen Worten kaufen, denen das Gericht
von Alters her nicht zögert und ihr Verderben schlummert nicht« (2Petr 2,1-3).

– »Denn gewisse Menschen haben sich heimlich eingeschlichen, die längst zu diesem Gericht
vorher aufgezeichnet sind, Gottlose, welche die Gnade unseres Gottes in Ausschweifung
verkehren und den alleinigen Gebieter und unseren Herrn Jesus Christus verleugnen … Diese
sind Murrende, die mit dem Schicksal hadern und nach ihren Begierden wandeln und ihr Mund
redet stolze Worte, obwohl sie des Vorteils halber Personen bewundern. Ihr aber, Geliebte,
gedenkt der von den Aposteln unseres Herrn Jesus Christus vorausgesagten Worte. Denn sie
sagten euch, dass am Ende der Zeit Spötter sein werden, die nach ihren Begierden der
Gottlosigkeit wan deln. Diese sind es, die Trennungen verursachen, irdisch Gesinnte, die den
Geist nicht haben« (Jud 4,16-19).

– »… dies wißt, dass in den letzten Tagen Spötter mit Spötte rei kommen werden, die nach ihren
eigenen Begierden wan deln und sagen: Wo ist die Verheißung seiner (d.h. des Herrn) Ankunft?
Denn seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles so von Anfang der Schöpfung an« (2Petr
3,3f.).

Gott kennt den »modernen Menschen«. Er hat ihn längst durchschaut. Das nach dem Gerede
vieler antiquierte Bibelbuch hat als Gottes Wort längst offenbar gemacht, wie es um den
modernsten aller modernen Menschen steht, um den Menschen der Endzeit. Er ist vor Gott
offenbar und kann in der Bibel nachlesen, wie Gott über ihn denkt!

Kommt uns in dieser Situation ein Schrecken an? Müssen wir mit Psalm 139 bekennen: Herr, du
erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine
Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn
siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht schon wüßtest. Von allen Seiten
umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und
hoch, ich kann sie nicht begreifen. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich
fliehen vor deinem Angesicht?

Psalm 139,1-7

Es gibt einen Zufluchtsort, an dem wir uns bergen können vor Gottes Zorn, der zu Recht über
unsere Sünde ergeht: Das ist unser Heiland Jesus Christus und Sein Werk von Gol gatha.

Laßt uns heute zu Ihm gehen. »Heute, so ihr seine Stimme hört, so verstocket euer Herz nicht!«
(Ps 95,7f.) Für die Sünde unserer Gottlosigkeit und für die zahlreichen Sünden, die daraus
gekommen sind, ist Jesus Christus ans Kreuz gegangen. An unserer Stelle hat Er dort gehangen.
An unserer Stelle hat Ihn der Zorn unseres Schöpfers dort getrof fen. »Die Strafe lag auf Ihm, auf
dass wir Frieden haben« (Jes 53,5). Gott selber hat Seinen geliebten Sohn als Opferlamm für
uns gegeben: »So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzig geborenen Sohn gab, auf
dass alle, die an ihn glauben, nicht verlorengehen, sondern das ewige Leben haben« (Joh 3,16).

Ewiges Leben, das ist nicht nur »Leben nach dem Tode«. Es ist das kostbare, wunderbare,
sinnvolle und erfüllte Leben, das Gott denen gibt, die den Weg der Nachfolge Jesu gehen. Es ist
Leben in Ewigkeit, das einmündet in die ewige Herrlich keit und Freude vor Gottes Angesicht.

Wer Jesus in sein Leben aufnimmt, dem gibt Gott der Vater Vollmacht, sein Kind zu sein (Joh
1,12). Können wir über haupt erfassen, was es heißt, Kinder dessen zu sein, der Him mel und
Erde geschaffen hat? Noch ist die Herrlichkeit ver borgen, die das bedeutet. Aber eines Tages
wird sie offenbar werden.

Laß dich versöhnen mit Gott, der das alles für dich bereit hält. Nimm Seine größte Gabe heute
an: Seinen lieben Sohn, dahingegeben um unserer Sünde willen und auferweckt um unserer
Gerechtigkeit willen (Röm 4,2). Mit ihm will Gott uns alles schenken (Röm 8,32).

Eines sollst du aber wissen: Wenn Jesus dein Heiland wird, dann will Er auch dein Herr sein. Er
will dein Leben regieren. Nur so kann Er aus deinem Leben etwas Gutes machen – zum Lobe
Seiner Herrlichkeit. Du sollst nicht länger beherrscht werden durch Süchte, Sünden und
Begierden und durch Todesfurcht ein Leben lang versklavt sein. Du sollst geführt und geleitet
werden von dem Guten Hirten, der dich liebt.

Gottes Wort

1. Das Wort Gottes ist inspiriert.

a) Wir haben darüber zwei direkte Zeugnisse in der Heiligen Schrift. Das erste finden wir in 2.
Timotheus 3,16f.: »Die gesamte Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur
Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch
Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig zugerüstet.«

Das zweite Zeugnis steht in 2. Petrus 1,19-21: »Und so besit zen wir das prophetische Wort um
so fester und ihr tut gut, darauf zu achten als auf eine Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet,
bis der Tag anbricht und der Morgenstern in euren Herzen aufgeht, indem ihr dies zuerst wißt,
dass keine Weissagung der Schrift aus eigener Deutung geschieht. Denn niemals wurde eine
Weissagung durch den Willen eines Men schen hervorgebracht, sondern von Gott her redeten
Men schen, getrieben vom Heiligen Geist.«

Diese beiden Zeugnisse drücken nicht bloß aus, »dass Gottes Geist, Gottes Weisheit in diese
Schriften eingegangen sind«.1 Sie beschränken sich auch nicht auf die Feststellung, dass die
Verfasser der Schrift die Erfahrung von Römer 8,14 gemacht haben und deshalb der Geist
Gottes ihnen wie im Allgemei nen, so »auch beim Abfassen der neutestamentlichen Schrif ten
[…] beigestanden und geholfen hat«.

Theopneustos, 2. Timotheus 3,16, heißt nicht: »den Geist Gottes atmend«, sondern »von Gott
eingehaucht«. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Es besagt, dass Gott der Urheber der Schrift
ist.

Die biblischen Verfasser wurden nicht »zu fehl- und irrtums losen Menschen«, auch nicht »für die
Zeit der Abfassung ihrer Schriften«, sondern »sie redeten von Gott her, getrie ben durch den
Heiligen Geist«.

Gottes Wort selbst bezeugt klar Gottes Heiligen Geist als Urheber der Schrift. Die Inspiration der
Schrift ist durch die Schrift selbst bezeugt. Die Inspirationslehre ist deshalb keine »unnötige
Schutzmauer um die Bibel«,5 sondern die lehr mäßige Zusammenfassung dessen, was Gottes
Wort von sich selber sagt. Das ist nicht »Römer 8,14 und verwandten Stellen« zu entnehmen, 6
sondern in erster Linie 2. Timotheus 3,16f. und 2. Petrus 1,19-21. Dort wird »eine besondere
Geistesleitung für die Niederschrift der biblischen Bücher« ausdrücklich bezeugt. Deshalb setzt
man sich in Widerspruch zur Heiligen Schrift, wenn man diese Annahme für »unnötig und biblisch
theologisch bedenklich« erklärt.

b) Das Selbstzeugnis der Heiligen Schrift bezeugt die Inspira tion gleicherweise als
Verbalinspiration und als Personal inspiration.

Das Zeugnis für die Verbalinspiration ist 2. Timotheus 3,16f. Diese Stelle sieht auf das Ergebnis
der Inspiration: »Die gesamte Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur
Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit….« D.h.: Es ist nichts
ausgenommen, es gibt keine Worte in der Schrift, für welche die Inspiration nicht gilt.
Das Zeugnis für die Personalinspiration finden wir in 2. Pe trus 1,19-21. Es hat die Weise der
Inspiration im Blick: »Von Gott her redeten Menschen, getrieben vom Heiligen Geist.« D.h.: Es
geschah durch die Leitung des Heiligen Geistes von innen, nicht nach mechanischem Diktat.

Die Verbalinspiration ist also keine Idee, welche im 16. Jahr hundert aufkam. Sie wird von der
Heiligen Schrift bezeugt und dementsprechend auch von den Kirchenvätern vertre ten.
Personalinspiration und Verbalinspiration sind keine kon kurrierenden Lehrmeinungen, zwischen
denen wir die Wahl treffen können, sondern sind lediglich zwei Sichtweisen ein und desselben
Sachverhaltes, die Gottes Wort uns vermittelt.

Von der Verbalinspiration ist die im 16. Jahrhundert aufgekom mene Diktattheorie zu
unterscheiden. Sie ist ein mißglückter menschlicher Versuch, die Verbalinspiration zu erklären.

Rechte Lehre von der Personalinspiration steht zwar im Gegensatz zur Diktattheorie, aber nicht
im Gegensatz zur Verbalinspiration. Wenn sie sich zur Verbalinspiration in Gegensatz stellt, dann
hat sie aufgehört, Inspirationslehre zu sein und ist nicht mehr schriftgemäß.

c) Treue gegenüber Gottes Wort verbietet auch die Be hauptung: »Die Schrift ›ist‹ also nicht
Gottes Wort, denn Got tes Wort ist ewig, die Schrift ist zeitlich.«9 Durch seine Inspira tion hat
Gott das von Menschen geredete und geschriebene Wort der Zeitlichkeit entnommen.

Über die beiden Hauptzeugnisse hinaus finden wir nahezu auf jeder Seite der Bibel das
Selbstzeugnis, Gottes Wort bzw. Heilige Schrift zu sein. Wenn wir diesem Selbstzeugnis der
Bibel keinen Glauben schenken, setzen wir uns nicht nur in Widerspruch zu Gottes Wort, sondern
erklären damit zu gleich Gott selber, den Urheber der Schrift, zum Lügner. Wir widerstehen damit
auch dem, der das Wort selber ist (Joh 1,1ff.) und »treu und wahrhaftig« heißt (Offb 19,11). Er ist
»der Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh 14,6). An Ihm entscheidet sich darum auch, was
Wahrheit ist: »Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme« (Joh 18,37).

Sollte ich ein Professor, ein Pastor, ein Superintendent oder ein Bischof sein und Gott keinen
Glauben schenken? Kann ich Ihm denn dienen, wenn ich Ihm nicht glaube, was Er sagt? Ich
behandle Ihn dann wie einen Vater, dem ich auf Schritt und Tritt zeige: Du bist alt, ich habe
keinen Respekt mehr vor dir, dein Wort gilt mir nichts.

Gott ist unser Schöpfer und wir leben von Seiner Gnade, dass Er Jesus für uns dahingegeben
hat. Wer da meint, er könne sich solche Respektlosigkeit gegenüber Seinem Wort heraus
nehmen, der sei gewarnt: »Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten« (Gal 6,7).

Vielleicht sind hier Menschen, denen jetzt die Augen aufge gangen sind. Sie haben nicht gewußt,
was sie taten. Sie sind mit Gottes Wort umgegangen, wie sie es gelernt haben. Für sie ist heute
ein guter Tag. Sie können umkehren von ihren verkehrten Wegen. Gott ist barmherzig und
gnädig und war tet darauf, jeden, der umkehrt, in Seine Vaterarme zu schlie ßen. Er vergibt ihm
gern um Jesu willen.

d) Die historisch-kritische Theologie sagt: Wir können die Bibel nicht als Heilige Schrift
betrachten, sondern höchstens als ein Buch, das den Anspruch erhebt, Heilige Schrift zu sein. Es
gibt andere Bücher, welche den gleichen Anspruch erheben: den Koran, die Veden und andere
mehr. Laßt uns deshalb von diesem Anspruch absehen und an die Bibel her angehen wie an
jedes andere Buch.

Es stimmt, dass es auch andere Bücher gibt, die den Anspruch erheben, Heilige Schrift zu sein.
Sollen wir deshalb die Bibel als eine Schrift unter vielen ansehen? Sollen wir sie verglei chen mit
den Veden oder dem Koran, um zu sehen, ob sie nicht vielleicht hier und da noch ein wenig
besser ist?
Das tut die historisch-kritische Theologie. Aber sie ist damit auf einem verkehrten Weg. So, wie
die Götter aller Völker »Nichtse« sind (1Chr 16,26; Ps 96,5; Ps 97,7; Jer 2,11; Jer 5,7), so sind
auch die heiligen Bücher anderer Religionen, welche den Anspruch auf Offenbarung erheben,
nichts. Ich weiß, unsere gute Erziehung zur Toleranz lehnt sich gegen diesen Gedanken auf. Wir
möchten das für ehrwürdig halten, was anderen Menschen, die wir achten, lieben und schätzen,
heilig ist. Aber der Satz ist dennoch wahr. Wenn nach Gottes Wort die Götter aller Völker
»Nichtse« sind, dann sind zwangsläufig auch ihre heiligen Bücher, welche den Anspruch auf
Offenbarung erheben, nichts, denn sie offenbaren nicht den einen wahren Gott, der nicht nur
Schöpfer Himmels und der Erden, sondern auch der Vater unseres Herrn Jesus Chris tus ist und
mit Ihm und dem Heiligen Geist ein Gott und sie können nicht den Weg zur Rettung weisen.

Wenn wir uns auf die Ebene herunterziehen lassen, auf der man solche »Heiligen Schriften«
miteinander vergleicht, um dann vielleicht der Bibel einen relativen Vorrang zuzubilligen, dann
machen wir uns des Götzendienstes schuldig. Laßt uns aus Gottes Wort lernen, wie gewaltig
unser Gott ist und wie erbärmlich und töricht solch ein Götzendienst.

Gottes Wort beschreibt uns in Jesaja 40,12-17 unseren Gott: »Wer hat die Wasser gemessen mit
seiner hohlen Hand und die Himmel abgegrenzt mit der Spanne und hat den Staub der Erde in
ein Maß gefaßt und die Berge mit der Waage gewogen und die Hügel mit Waagschalen? Wer hat
den Geist des Herrn gelenkt und wer, als sein Ratgeber, ihn unter wiesen? Mit wem beriet er
sich, dass er ihm Verstand gege ben und ihn belehrt hätte über den Pfad des Rechts und ihn
Erkenntnis gelehrt und ihm den Weg der Einsicht kundge macht hätte? Siehe, Nationen sind
geachtet wie ein Tropfen am Eimer und wie ein Sandkorn auf der Waagschale. Siehe, Inseln sind
wie ein Stäubchen, das emporschwebt. Und der Libanon reicht nicht hin zum Brennholz und sein
Wild reicht nicht hin zum Brandopfer. Alle Nationen sind wie nichts vor ihm und werden von ihm
geachtet wie Nichtigkeit und Leere.«

An der gleichen Stelle führt uns Gottes Wort die Torheit des Götzendienstes vor Augen: Da
werden »Götter« angebetet, die sich der Mensch selber gemacht hat: »Und wem wollt ihr Gott
vergleichen und was für ein Gleichnis wollt ihr ihm an die Seite stellen? Hat der Künstler das Bild
gegossen, so über zieht es der Schmelzer mit Gold und schweißt silberne Ketten daran. Wer arm
ist, so dass er nicht viel opfern kann, der wählt ein Holz, das nicht fault; er sucht sich einen
geschickten Künstler, um ein Bild herzustellen, das nicht wanke« (Jes 40,18-20) .

Wie kann man nur den lebendigen Gott mit den Machwer ken von Menschen vergleichen! Er ist
nicht nur der Schöpfer, er ist auch der Herr, unser Gott, der Allmächtige, der regiert. Er ist es, der
die ganze Schöpfung in jedem Augenblick erhält und alles Geschehen darin lenkt:

»Wißt ihr es nicht? Hört ihr es nicht? Ist es euch nicht von Anbeginn verkündet worden? Habt ihr
nicht Einsicht erlangt in die Grundlage der Erde? Er ist es, der da thront über dem Kreise der
Erde und ihre Bewohner sind wie Heuschrecken; der die Himmel ausgespannt hat wie einen Flor
und sie aus gebreitet wie ein Zelt zum Wohnen; der die Fürsten zu nichts macht und die Richter
der Erde in Nichtigkeit verwandelt. Kaum sind sie gepflanzt, kaum sind sie gesät, kaum hat ihr
Stock Wurzeln in die Erde getrieben: da bläst er sie schon an und sie verdorren und ein
Sturmwind rafft sie wie Stoppeln hinweg. Wem denn wollt ihr mich vergleichen, dem ich gleich
wäre? spricht der Heilige. Hebet zur Höhe eure Augen empor und sehet: Wer hat diese da
geschaffen? Er, der ihr Heer her ausführt nach der Zahl, ruft sie alle mit Namen; wegen der
Größe seiner Macht und der Stärke seiner Kraft bleibt keines aus« (Jes 40,21-26).

Unser Gott allein ist es, der die Zukunft heraufführt und des halb ist Er auch allein in der Lage,
das Zukünftige zu verkün den. Auch daran gemessen erweisen sich die Götter der Völker als
Nichtse. »Bringet eure Rechtssache vor, spricht der König Jakobs. Sie mögen herbeibringen und
verkünden, was sich ereignen wird: das Zunächstkommende, was es sein wird, ver kündet, damit
wir es zu Herzen nehmen und dessen Ausgang wissen; oder laßt uns das Künftige hören,
verkündet das spä terhin Kommende, damit wir uns gegenseitig anblicken und miteinander es
sehen. Siehe, ihr seid nichts und euer Tun ist Nichtigkeit; ein Greuel ist, wer euch erwählt« (Jes
41,21-24).

Wer Gottes Wort, das Wort des Schöpfers des Himmels und der Erde, des Herrn, unseres
Gottes, des Allmächtigen, der regiert, des Vaters unseres Herrn Jesus Christus« für grundsätzlich
vergleichbar hält mit anderen »heiligen Schrif ten«, der macht sich des Götzendienstes schuldig.
Er zieht Gott auf die Ebene der Götzen herab.

Somit erwies sich der religionsgeschichtliche Vergleich, der grundlegend ist für die historisch-
kritische Theologie, als Greuel von Götzendienst. Er duldet andere Götter neben Gott und erweist
ihnen die gleiche Ehre.

e) Als inspiriertes Gotteswort ist die Heilige Schrift von Irr tümern frei, nicht nur im Bereich von
Glauben und Leben, sondern in allen übrigen Bereichen auch. Im Zweifelsfall gilt Gottes Wort
und nicht unsere vermeintliche Einsicht.

Gott sagt von sich selber: »Ich wache über meinem Worte, es auszuführen« (Jer 1,12). Sollte Er
nicht über Seinem Wort gewacht haben, als es niedergeschrieben und gesammelt

wurde? Gott sagt von sich selbst in Seinem Wort: »Gleich Wasser bächen ist eines Königs Herz
in der Hand des Herrn, wohin immer er will, neigt er es« (Spr 21,1). Sollte Er die Herzen derer,
denen Er Sein Wort eingehaucht hat, nicht davor be wahrt haben, aus begrenzter menschlicher
Kenntnis und Ein sicht der Heiligen Schrift Irriges oder Unzutreffendes beizumi schen? Wer wagt
es, Ihm darin Ohnmacht oder Versäumnis zu unterstellen?

2. Timotheus 3,16f. besagt klar und deutlich, dass die Heilige Schrift nichts Irriges oder
Unzutreffendes enthält. Denn andernfalls wäre nicht »die gesamte Schrift« »nütze zur Lehre, zur
Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterwei sung in der Gerechtigkeit«. Irriges oder
Unzutreffendes kann solchen Dienst nicht tun.

Wie können wir es wagen, im Bereich der Naturwissenschaf ten oder Geschichte oder auf
anderen Fachgebieten Gottes Wort Irrtümer nachzurechnen; wir, deren wissenschaftliche
Erkenntnisse von gestern und vorgestern heute schon Maku latur geworden sind? Wehe uns,
wenn wir solche Vermessen heit besitzen! Müssen wir uns nicht in Grund und Boden schämen,
wenn wir zu sagen wagen: »Hier irrt Gottes Wort«? Wie wollen wir damit dereinst vor den
Flammen augen Jesu bestehen, wenn unsere gelehrten Bücher, die sol ches verbreitet haben,
wie Spreu verbrennen? Lasst uns umkehren und Zuflucht nehmen bei unserem Heiland Jesus
Christus!

Gottes Wort hat die heutige Theologie längst durchschaut:

Der Gemeine, wörtlich: der Tor (dessen Torheit aber nicht Mangel an Intelligenz ist, sondern
Gottlosigkeit) wird edel genannt und der Arglistige, der Betrüger wird vornehm geheißen (vgl. Jes
32,5). Sind wir nicht gottlose Toren, wenn wir mit Gottes Wort so umgehen, als ob es Gott nicht
gäbe? Und genau das tut die historisch-kritische Theologie! Sind wir nicht arglistige Betrüger,
wenn wir durch einen solchen Umgang mit der Heiligen Schrift Gottes Wort verfälschen, so dass
es der Gemeinde nicht mehr rein und lauter dargereicht wird? Aber jene, die solches tun, werden
edel genannt, gel ten als ehrbare Wissenschaftler, finden Anerkennung in der Kirche und in der
Welt. Sie werden vornehm geheißen – sie erwerben Titel, werden Doktor und Professor und
werden oft sogar zu Bischöfen ernannt.

Gottes Wort aber sagt von solchen: »Denn ein gemeiner Mensch redet Gemeinheit; und sein
Herz geht mit Frevel um, um Ruchlosigkeit zu verüben und Irrtum zu reden wider den Herrn, um
leer zu lassen die Seele des Hungrigen und dem Durstigen den Trank zu entziehen. Und der
Arglistige, seine Werkzeuge sind böse: er entwirft böse Anschläge, um die Sanftmütigen durch
Lügenreden zugrunde zu richten, selbst wenn der Arme sein Recht dartut« (Jes 32,6-8).
Genauso geschieht es heute: Gottes Wort, verfälscht durch historische Kritik, läßt die Seele des
Hungrigen leer. Der Trank des lebenspendenden Wassers, des lebendigen Gotteswor tes, wird
dem Durstigen dadurch entzogen. Wenn aber einer der Sanftmütigen, der durch Gottes Wort
belehrt ist, aus Got tes Wort sein Recht dartut, dann wird er – im Namen der Wis senschaft – in
Grund und Boden debattiert. Denn er steht als Armer da: er hat nicht studiert, er besitzt keinen
Titel und kann kein Examen vor einer menschlichen Instanz nach weisen.

Aber so muß es nicht bleiben, denn unser Heiland Jesus ist erschienen: »Siehe, ein König wird
regieren in Gerechtigkeit und die Fürsten, sie werden nach Recht herrschen. Und ein Mann wird
sein wie ein Bergungsort vor dem Winde und ein Schutz vor dem Regensturm, wie Wasserbäche
in dürrer Gegend, wie der Schatten eines gewaltigen Felsens in lech zendem Lande. Und die
Augen der Sehenden werden nicht mehr verklebt sein und die Ohren der Hörenden werden auf
merken und das Herz der Unbesonnenen wird Erkenntnis erlangen und die Zunge der
Stammelnden wird fertig und deutlich reden. Der gemeine Mensch wird nicht mehr edel genannt
und der Arglistige nicht mehr vornehm geheißen werden« (Jes 32,1-5).

Lasst uns durch Gottes Gnade Erkenntnis erlangen und Edle werden, die Edles entwerfen und
auf Edlem bestehen (Jes 32,8), damit die Seelen der Hungrigen nicht leer bleiben und den
Durstigen nicht der Trank entzogen wird und die Sanft mütigen nicht länger durch Lügenreden
zugrunde gerichtet werden.

2. Das Wort Gottes ist ungeteilt

a) Es ist ganz und gar Gottes Wort. Es nach unserer Wert schätzung einzustufen, ist Anmaßung.
In der historisch-kritischen Theologie ist es jedoch üblich,

den einzelnen Teilen des Wortes Gottes nicht die gleiche Wertschätzung zuzuerkennen, sondern
stattdessen einige Bestandteile der Heiligen Schrift zum Maßstab zu machen, um das Übrige
daran zu messen und abzuwerten. Man sucht solchermaßen nach dem »Kanon im Kanon« und
betreibt, wie man sagt, Sachkritik.

Zwei Beispiele sollen hier genannt werden:

– Die sogenannte »präsentische Eschatologie« im Johannesevangelium wird ausgespielt gegen


die futurische Escha tologie in den drei übrigen, sogenannten synoptischen Evan gelien. Dabei
sieht man sich allerdings genötigt, diejenigen Aussagen im Johannesevangelium, welche sich der
unter stellten präsentischen Eschatologie nicht einfügen, einer »kirchlichen Redaktion«
zuzuschreiben.

– Die christologischen Aussagen im Römerbrief werden aus gespielt gegen die sogenannte
»kosmische Christologie« des Epheser- und Kolosserbriefes. Das dient u.a. dazu, jene Briefe als
unpaulinisch hinzustellen und damit faktisch als geringer wertig einzuschätzen. Paulus rangiert
vor den »Deuteropauli nen«.

Wo der Feind uns nicht vom ganzen Wort abbringen kann, versucht er, uns zur Anmaßung
eigener Wertung zu ver führen. Das ist ihm selbst bei Martin Luther gelungen, der nun mit seiner
Abwertung des Jakobusbriefes als »stroherner Epistel« zum Kronzeugen für die historisch-
kritische Theolo gie gemacht worden ist. Lasst uns wachsam sein, denn unser »Widersacher, der
Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen könne« (1Petr 5,8).

Wer in Form von Sachkritik aus Gottes Wort auswählt, was er für maßgeblich hält, ist einem
Götzenbildner zu vergleichen, der sich selbst den Gott schafft, den er anbetet. Welche Tor heit:
Ein vergänglicher Mensch, der Speise und Trank be nötigt für seine Erhaltung, wagt es, einen
Gott zu schaffen. Er schafft ihn nach seinem eigenen Bild, entsprechend seiner Be grenztheit. Er
ist genötigt, das Material dazu aus der Schöp fung des Gottes zu nehmen, der Himmel und Erde
und auch ihn selber geschaffen hat. Das gleiche Material, das zur Befriedigung seiner übrigen
Bedürfnisse gebraucht wird, dient ihm zur Erschaffung des Gottes, den er anbetet:

»Die Bildner geschnitzter Bilder sind allesamt nichtig und ihre Lieblinge nützen nichts; und die für
sie zeugen, sehen nicht und haben keine Erkenntnis, damit sie beschämt werden. Wer hat einen
Gott gebildet und ein Bild gegossen, dass es nichts nütze? Siehe, alle seine Genossen werden
beschämt werden; und die Künstler sind ja nur Menschen. Mögen sie sich alle versammeln,
hintreten: erschrecken sollen sie, beschämt werden allzumal! Der Eisenschmied hat ein Werk
zeug und er arbeitet bei Kohlenglut und er gestaltet es mit Hämmern und verarbeitet es mit
seinem kräftigen Arm. Er wird auch hungrig und kraftlos; er hat kein Wasser getrunken und
ermattet. Der Holzschnitzer spannt die Schnur, zeichnet es ab mit dem Stift, führt es aus mit den
Hobeln und zeichnet es ab mit dem Zirkel; und er macht es wie das Bildnis eines Mannes, wie die
Schönheit eines Menschen, damit es in einem Haus wohne. Man haut sich Zedern ab oder nimmt
eine Steineiche oder eine Eiche und wählt sich aus unter den Bäumen des Waldes; man pflanzt
eine Fichte und der Regen macht sie wachsen. Und es dient dem Menschen zur Feue rung und
er nimmt davon und wärmt sich; auch heizt er und bäckt Brot; auch verarbeitet er es zu einem
Gott und wirft sich davor nieder, macht ein Götzenbild daraus und betet es an. Die Hälfte davon
hat er im Feuer verbrannt; bei der Hälfte davon ißt er Fleisch, brät seinen Braten und sättigt sich;
auch wärmt er sich und spricht: Ha! mir wird’s warm, ich spüre Feuer. Und das Übrige davon
macht er zu einem Gott, zu sei nem Götzenbild –, er betet es an und wirft sich nieder und er betet
zu ihm und spricht: errette mich, denn du bist mein Gott« (Jes 44,9-17).

Bin ich nur ein Götzendiener, wenn ich meinen Gott aus Erz oder Stein oder Holz mir bilde? Bin
ich nicht genauso ein Götzendiener, wenn ich Gottes Wort benutze wie eine Erzgrube wie einen
Steinbruch oder einen Wald zum Holzfällen? Wenn ich daraus entnehme, was mir gut scheint
und mir daraus mit Hilfe meines Verstandes einen Gott zusammensetze nach dem Bild meiner
begrenzten Einsicht?

Der gleiche Verstand, mit dem ein solcher Mensch sein Auto kauft und sein Häuschen finanziert,
sich für Öl- oder Kohle heizung entscheidet und sein Geld verdient, muß dafür her halten, einen
Gott herzustellen. Aber Gott sagt: »Ich bin der Herr, das ist mein Name; und meine Ehre gebe ich
keinem anderen, noch meinen Ruhm den geschnitzten Bildern« (Jes 42,8). »Die auf das
geschnitzte Bild vertrauen, die zu dem gegossenen Bild sagen: Du bist unser Gott! werden
zurück weichen, werden gänzlich beschämt werden« (Jes 42,17).

Kann man wohl im Ernstfall solch einem selbstgemachten Gott vertrauen? Wahrlich nicht! Möge
deshalb ein jeder, der so mit Gottes Wort umgeht, sich ernsthaft prüfen, ob er sich wirklich auf
Gott verläßt oder ob er nicht vielmehr in den Dingen dieser Welt seine Sicherheit sucht.

Mögen wir doch darüber erschrecken, dass ein solcher Göt zendienst unter Gottes Volk heute so
weit verbreitet ist. Lasst uns Gottes Klage hören: »… mein Volk hat seine Herrlichkeit vertauscht
gegen das, was nicht nützt. Entsetzt euch darüber, ihr Himmel und schaudert, starret sehr!
spricht der Herr. Denn zwiefach Böses hat mein Volk begangen: Mich, den Born le bendigen
Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen auszuhauen, geborstene Zisternen, die kein
Wasser halten« (Jer 2,11-13).

Lasst uns umkehren, wo wir auf verkehrtem Wege sind. Lasst uns Gott bitten, es uns zu zeigen.
Oft sind es kleine Anfänge, durch die eine Weiche in die verkehrte Richtung gestellt wird. Die
Abweichung kann zuerst ganz gering sein, aber allmäh lich kommt es heraus, dass wir auf
falschem Geleise sind: Hier ein paar Abstriche an Gottes Wort, da ein Achselzucken, dort ein
Vorbehalt; die Annahme von ein paar kritischen Gedan ken, die sich als Lösung anbieten, wo wir
Probleme haben oder man sie uns eingeredet hat, – und schon ist die Bibel für uns nicht mehr
ganz das Heilige Wort des lebendigen Gottes.

Lasst uns zum Kreuz gehen, wenn wir gefehlt haben. Auch dafür hat unser Herr Jesus Sein Blut
vergossen. b) Als inspiriertes Wort Gottes, das zwar viele menschliche Verfasser, aber nur einen
göttlichen Urheber hat, ist Gottes Wort eine wunderbare Einheit. Sobald ich das Selbstzeugnis
des Wortes Gottes von der Inspiration der Schrift im Glauben angenommen habe, fange ich an,
die wunderbare Einheit des Wortes Gottes zu erfahren: Wie herrlich ist das Gefüge der
Verheißungen auf unseren Herrn und Heiland Jesus Christus und ihrer Erfüllung. Wie kostbar ist
die Übereinstimmung zwi schen Ezechiel 16 und Lukas 15, zwischen Johannes 10 und Ezechiel
34,11ff. Wie wunderbar ist alles, was in der Offenba rung gesammelt steht, im Einzelnen schon
von den Propheten vorhergesagt. Wem noch die Decke vor den Augen hängt, vermag es zwar
nicht zu sehen, wer aber Gottes Wort nicht länger ungehorsam ist, dem öffnet es der Heilige
Geist.

Wo man Gottes Wort nicht als Einheit sehen will, die einen Urheber hat und in der eines das
andere ergänzt, sondern als ein Sammelwerk verschiedener Autoren, deren Profile man
herauszuarbeiten sucht, da nimmt man die Einheit des Wortes Gottes auch nicht wahr. Da wird
versucht, das Neue Testa ment gegen das Alte auszuspielen, Paulus gegen Jakobus, 1. Mose 1
gegen 1. Mose 2, 1. Korinther 15 gegen Johannes 5. Da soll denn gar in 1. Mose 2 ein anderer
Gottesbegriff vorlie gen als in 1. Könige 18 und Jesus einen anderen Gott gebracht haben, als es
der Gott des Alten Testamentes war.

Der Grund für solche Fehlurteile ist, wie gesagt, dass man sich zuvor ein Bild von Gott gemacht
hat, das als Menschenwerk viel zu klein ist, um die ganze Fülle der Selbstoffenbarung Gottes in
Seinem Wort in sich aufzunehmen. Außerdem fehlt es aufgrund der in der theologischen
Wissenschaft eingebür gerten Spezialisierung sehr oft an gründlicher Kenntnis des gesamten
Wortes Gottes. Wer das Alte Testament wirklich kennt und nicht nur einen zurechtgemachten
Begriff davon hat, kann es doch unmöglich gegen das Neue ausspielen und umgekehrt.

3. Das Wort ist identisch

Eine der großen Lügen des Feindes, mit denen er die Men schen von Gottes Wort wegtreibt, ist
die Behauptung der »epochalen Bedingtheit« des Menschen. Es wird gesagt, der Mensch habe
ein »Zeitgeschick«. Jede Generation sei im Glauben anders dran als die ihrer Väter und Vorväter,
da sich ja die äußeren Verhältnisse verändert haben und man in der Technik Fortschritte
gemacht hat. Dabei gilt es als unwesent lich, ob es der Fortschritt vom Reismesser zur Sichel
oder von der Mähmaschine zum Mähdrescher ist. Es wird behauptet, jede Generation brauche
ihren eigenen Zugang zum Wort Gottes, ihre eigene Auslegung und ihre eigene Christologie. Es
wird behauptet, dass das Wort Gottes auslegungsbedürf tig, auf Auslegung angewiesen sei. Das
Frühere gilt als veral tet, wobei auch das Wort Gottes nicht ausgenommen wird. Man sagt,
damals habe es andere Produktionsmittel und andere gesellschaftliche Verhältnisse gegeben.
Deshalb könnten wir es nicht so wörtlich nehmen, wie es dasteht, son dern nur noch in einer
Auslegung, die herausstreicht, was daran für uns heute (noch) gilt.

Aber Gottes Wort sagt dem Menschen im 20. Jahrhundert das Gleiche wie dem im ersten. Der
Mensch steht heute vor Gott nicht anders da wie vor ein paar tausend Jahren. Die
Produktionsmittel des technischen Zeitalters haben den Men schen nicht wesentlich verändert.
Wie in den Tagen Lots und Noahs ist es auch heute noch: Sie essen, sie trinken, sie kau fen, sie
pflanzen, sie bauen, sie heiraten und werden geheira tet (vgl. Lk 17,27 und 28). Es wird gesagt,
man könne dem modernen Menschen, der den Umgang mit der Technik gewohnt ist, der Radio
und Kühlschrank, elektrisches Licht und Auto hat, nicht mehr zumuten, an Totenauferweckung
und Wunder, Engel und Dämonen zu glauben. Aber eben dieser moderne Mensch ist einem
Aberglauben verfallen, wie man ihn seit Jahrhunderten bei uns nicht mehr gekannt hat: Er verläßt
sich auf Amulette und Horoskope, sucht Weisung bei Wahrsagern und befaßt sich sogar mit
Satanskult!

Gottes Wort kennt den Menschen, auch den Menschen von heute. Worin er sich wirklich vom
Menschen früherer Zeitalter unterscheidet, hat Gott in Seinem Wort bereits vorausgesagt: »Dies
aber wisse, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten eintreten werden: denn die Menschen
werden selbstsüchtig sein, geldliebend, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam,
undankbar, unheilig, lieblos, unversöhnlich, Ver leumder, unenthaltsam, grausam, das Gute nicht
liebend, Ver räter, unbesonnen, aufgeblasen, mehr das Vergnügen liebend als Gott, die eine
Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen; und von diesen wende dich weg.
Denn aus diesen sind, die sich in die Häuser schleichen und lose Frauen verführen, die mit
Sünden beladen sind, von mancherlei Begierden getrieben werden, immer lernen und niemals
zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können. Auf diese Weise aber, wie Jannes und Jambres
Mose widerstanden, so wider stehen auch sie der Wahrheit, Menschen, verdorben in der
Gesinnung, im Glauben unbewährt« (2Tim 3,1-8).

Die These, dass Gottes Wort auf Auslegung angewiesen sei und jede Generation ihrer eigenen
Auslegung bedürfe, steht der Wahrheit entgegen. Die Auslegungsbedürftigkeit des Wortes Gottes
ist ein Kunstprodukt historisch-kritischer Theologie, die das Wort nicht nehmen will, wie es
dasteht und deshalb viel Mühe aufwenden muß. Da sie das Wort Gottes auch nicht als Einheit
gelten lassen will, kann sie wenig Gebrauch davon machen, dass die Heilige Schrift ihr eigener
Ausleger ist. Und da sie den Heiligen Geist nicht als Urheber der Schrift gelten läßt, kann sie ihn
auch nicht als Ausleger erfahren. Überdies ist sie durch Unkenntnis behindert, da dem Theologen
aufgrund der weitgehenden Spezialisierung zumeist nur Bruchteile der Bibel regelmäßig unter die
Augen kommen. Er kennt in der Regel unzählige Bücher über sein Spezialgebiet, aber er kennt
seine Bibel nicht.

Es soll aber nicht vergessen werden zu erwähnen, dass bibel treue Lehrer, die uns im Wort
Gottes unterweisen, eine Gnadengabe sind (Eph 4,11). Wir wollen ihren Dienst und die Hilfe ihrer
Bücher nicht verachten.

4. Das Wort Gottes ist gewachsen

Abraham und Noah hatten noch nicht das Gesetz und unser Herr Jesus sagt von den Propheten
und Gerechten des Alten Bundes: »Wahrlich, ich sage euch, viele Propheten und Gerechte
haben begehrt zu sehen, was ihr anschaut und haben es nicht gesehen und zu hören, was ihr
hört und haben es nicht gehört« (Mt 13,17). Das Gesetz hat »einen Schatten der zukünftigen
Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst« (Hebr 10,1). Irdisches und himmlisches Jerusalem
müssen unterschieden werden (Gal 4,25f.) und es ist zu beachten, was für die
Nachkommenschaft Abrahams nach dem Fleisch und was für die Kinder der Verheißung
geschrieben steht (Röm 4,16; Gal 4,28). Gottes Wort muß in gerader Richtung geschnitten
werden (2Tim 2,15). Wir müssen den Heilsplan Gottes im Blick behalten.

Gottes Wort gibt uns selber Anleitung dafür, es recht zu lesen: »Alle Schrift ist von Gott
eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterwei sung in der
Gerechtigkeit« (2Tim 3,16).

Gottes Wort belehrt uns, wie wir die Geschichten im Alten Testament zu verstehen haben: »Denn
ich will nicht, dass ihr in Unkenntnis darüber seid, Brüder, dass unsere Väter alle unter der Wolke
waren und alle durch das Meer hindurchge gangen sind und alle in der Wolke und im Meer auf
Mose getauft wurden und alle dieselbe geistliche Speise aßen und alle denselben geistlichen
Trank tranken; denn sie tranken aus einem geistlichen Felsen, der sie begleitete. Der Fels aber
war der Christus. An den meisten von ihnen aber hatte Gott kein Wohlgefallen, denn sie sind in
der Wüste hingestreckt wor den. Diese Dinge aber sind als Vorbilder für uns geschehen, damit
uns nicht nach bösen Dingen gelüstet, wie es jene gelüstete. Werdet auch nicht Götzendiener
wie einige von ihnen, wie geschrieben steht: ›Das Volk setzte sich nieder, zu essen und zu
trinken und sie standen auf, zu spielen‹. Auch laßt uns nicht Unzucht treiben, wie einige von
ihnen Unzucht trieben und es fielen an einem Tag dreiundzwanzigtausend. Lasst uns auch den
Herrn nicht versuchen, wie einige von ihnen ihn versuchten und von den Schlangen umgebracht
wurden. Murret auch nicht, wie einige von ihnen murrten und von dem Verderber umgebracht
wurden. Alles dieses aber widerfuhr jenen als Vorbild und ist geschrieben worden zur Ermahnung
für uns, über die das Ende der Zeitalter gekommen ist« (1Kor 10,1-11).

Wir werden auch angewiesen, Christus in der Schrift zu suchen: »Der Fels aber war Christus«,
heißt es in 1. Korinther 10,4. »Ihr erforscht die Schriften«, sagt unser Herr Jesus in Johannes
5,39, »denn ihr meint, in ihnen ewiges Leben zu haben und sie sind es, die von mir zeugen.«

Gottes Wort sagt deutlich genug, wozu es da ist und wie wir es recht gebrauchen: »Denn alles,
was zuvor geschrieben ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch das Ausharren
und durch die Ermunterung der Schriften die Hoff nung haben« (Röm 15,4). Wenn wir diesen
Anweisungen folgen, werden wir mit Gottes Wort recht umgehen und das Erforschen der Schrift
wird fruchtbar sein.

5. Das Wort Gottes ist genug

Es ist voll und ganz ausreichend: für jeden Menschen, für jede Epoche, für jede Situation.
»Gottes Brünnlein hat Was sers die Fülle« (Ps 65,10). Wir können Gottes Wort nie aus schöpfen.
Situationen, von denen die Schreiber des Wortes Gottes nichts wissen konnten, hat Gottes Geist
sehr wohl bedacht. Dinge, von denen wir vor wenigen Jahren noch nichts gewußt haben, sind vor
zwei- oder dreitausend Jahren bereits aufgeschrieben worden. Als Beispiel dafür sei Daniel 12,8f.
genannt: »Und ich hörte es, aber ich verstand es nicht; und ich sprach: Mein Herr, was wird der
Ausgang von diesem sein? Und er sprach: Gehe hin, Daniel; denn die Worte sollen verschlossen
und versiegelt sein bis zur Zeit des Endes.«

Das Wort Gottes bedarf keiner Ergänzung, weder durch Psy chologie oder Tiefenpsychologie
noch durch moderne Pädagogik.

Es kennt den Menschen besser, als Psychologie und Tiefen psychologie ihn zu erkennen
vermögen. Soweit beide Ele mente von Wahrheit enthalten, sind diese längst zuvor in Gottes
Wort zu finden. Überwiegend haben jedoch Psycho logie und Tiefenpsychologie antichristlichen
Charakter und stehen im Gegensatz zu Gottes Wort.

Wo man gemeint hat, dem Wort Gottes aufgrund von besse rer Einsicht und größerer
Barmherzigkeit widersprechen zu müssen – zum Beispiel in der Frage des vorehelichen Ge
schlechtsverkehrs, von Ehe und Ehescheidung – ist am Ende nichts als Elend herausgekommen.

Das gleiche gilt für die moderne Pädagogik. Man hat gemeint, den Kindern wohl zu tun, indem
man sich von den Prinzipien der Kindererziehung abwandte, die Gottes Wort uns lehrt. An den
Produkten solcher Erziehung läßt sich mitt lerweile bereits ablesen, dass Gott es besser weiß,
was dem Menschen frommt.

Gottes Wort sagt z.B.: »Narrheit ist gekettet an das Herz des Knaben; die Rute der Zucht wird sie
davon entfernen« (Spr 22,15).

»Entziehe dem Knaben nicht die Züchtigung. Wenn du ihn mit der Rute schlägst, wird er nicht
sterben. Du schlägst ihn mit der Rute und du errettest seine Seele von dem Scheol« (Spr
23,13f.).

»Wer seine Rute spart, haßt seinen Sohn, aber wer ihn lieb hat, sucht ihn früh heim mit
Züchtigung« (Spr 13,24). Die moderne Pädagogik wollte es besser wissen. Sie sagt: Kinder
dürfen nicht geschlagen werden, schon gar nicht mit der Rute. Man geht jetzt sogar so weit, dass
man behauptet, es sei besser, Kinder überhaupt nicht zu erziehen, sondern sich selbst entfalten
zu lassen. Aber wie viele junge Narren laufen bereits heute bei uns herum: unfähig,
Verantwortung zu übernehmen und ein normales menschliches Leben zu führen. Sie sind im
Herzen daran gebunden, jeder Empfin dung von Lust oder Unlust Raum zu geben. Viele verfallen
den Drogen und dem Alkohol, sterben an einer Überdosis oder landen schließlich in der
Heilanstalt.

Gottes Wort bedarf auch nicht der Ergänzung durch Sozio logie. Gott weiß mehr vom Menschen
und seinen Beziehun gen untereinander, als unsere Vernunftschlüsse ergründen können.

Gottes Wort bedarf ebensowenig der Korrektur durch die Naturwissenschaften. Es hat sich
herausgestellt, dass in zwischen naturwissenschaftliche Bibelkritik von den Natur wissenschaften
selber überholt worden ist.

Lasst uns doch endlich wie der junge Daniel auf die Tafelkost dieser Welt als Zubrot zu Gottes
Wort verzichten. Es wird sich dann schon herausstellen, dass »unsere Angesichter kei neswegs
verfallener sein werden« (Dan 1,10) als die An gesichter derjenigen, die sich von der königlichen
Weisheits kost der Welt ernähren. Wir werden vielmehr in Sachen einsichtsvoller Weisheit
solchen Schriftgelehrten überlegen sein (vgl. Dan 1,20).

»Alle Rede Gottes ist geläutert. Ein Schild ist er denen, die auf ihn trauen. Tue nichts zu seinem
Wort hinzu, damit er dich nicht überführe und du als Lügner erfunden werdest« (Spr 30,5).

Gottes Wort bedarf auch nicht der Hinzufügung unserer Erfahrungen. Wenn sie nicht im Wort
Gottes erfunden wer den, dann haben sie beim Wort Gottes nichts zu suchen. Selbst ein
Gebrauch der Gaben des Heiligen Geistes, der dem Wort Gottes etwas hinzufügt, indem er
Weissagungen neben dem Wort als Offenbarung tradiert, ist verwerflich.

6. Das Wort Gottes ist wirksam

»Denn er spricht und es geschieht, er gebietet und es steht da« (Ps 33,9).

Diese Wirksamkeit erweist sich aber nur dort, wo es im Glau ben einfältig genommen wird, wie es
dasteht. Deshalb geschehen so viele Wunder Gottes in Gegenden, zu denen das theologische,
psychologische, soziologische und historisch-kritische »Sollte Gott gesagt haben?« noch nicht
durch gedrungen ist. Deshalb erfahren auch hier die Menschen Gottes Wunder, die Seinem Wort
einfältig Glauben schenken.

Zwei Fehlwege sind zu vermeiden. Beide werden in Jako bus 4,2f. genannt: »Ihr habt nichts, weil
ihr nicht bittet; ihr bittet und empfangt nichts, weil ihr übel bittet, um es in euren Lüsten zu
verzehren.«

Voraussetzung für das Bitten ist das Belehrt- und Vertrautsein mit Gottes Wort. Ich muß wissen,
was Gott geben will, damit ich bitten kann. Jede Schmälerung des Wortes Gottes durch
theologische Theorien (Gott will heute solches nicht mehr tun, das galt nur für die Zeit der
Apostel) oder durch kritisches Messen an der alltäglichen Erfahrung hat weitreichende prak
tische Folgen: »Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet.« Selbst ein Raumgeben dem Zweifel, ob denn
Gott wirklich solches geben wolle, ist verhängnisvoll. Gottes Wort sagt: »Er bitte aber im Glauben
und zweifle nicht, denn der Zweifler gleicht einer Meereswoge, die vom Wind bewegt und hin und
her getrieben wird. Denn jener Mensch denke nicht, dass er etwas von dem Herrn empfangen
werde, ist er doch ein wan kelmütiger Mann, unbeständig in allen seinen Wegen« (Jak 1,68).
Durch Erwartungslosigkeit hindern wir Gott daran, uns zu geben, was Er uns schenken möchte
und was er uns deshalb schon in Seinem Wort verheißen hat. Wir hin dern Sein Wort daran, dass
es geschieht!

Der andere Fehlweg besteht im »übel bitten« – einer An spruchshaltung, die Gottes
Verheißungen wie einklagbare Schuldforderungen nimmt. Wenn wir wie trotzige, verzogene
Kinder vor Gott stehen, die alles gleich haben wollen, wonach es ihnen gelüstet und nicht zuerst
nach Seinem Reich trach ten, sondern nach der Erfüllung selbstsüchtiger Wünsche dann nötigen
wir Gott, uns zu verweigern, was Er uns doch in Seinem Wort verheißen hat. Wir hindern Sein
Wort daran, dass es geschieht!

7. Gottes Wort ist der Spiegel Gottes

Wir können in ihm Gottes Herz und die Prinzipien Seines Handelns erkennen. Zwei Beispiele
dafür:

Wie groß Gottes Erbarmen und Seine Retterliebe ist, können wir zum Beispiel erkennen an
Gottes Handeln gegenüber Ahab, 1. Könige 21,27-29. Von Ahab wurde zuvor gesagt: »Es ist gar
keiner gewesen wie Ahab, der sich verkauft hätte, um zu tun, was böse ist in den Augen des
Herrn, welchen Ise bel, sein Weib, anreizte« (1Kö 21,25). Als Ahab den durch Mord erworbenen
Weinberg Naboths besichtigt, geht der Prophet Elia zu ihm, um ihm Gottes Strafgericht an seiner
Per son und an seinem Hause anzusagen. »Und es geschah, als Ahab diese Worte hörte, da
zerriß er seine Kleider und legte Sacktuch um seinen Leib und fastete; und er lag im Sacktuch
und ging still einher. Da geschah das Wort des Herrn zu Elia, dem Tisbiter, also: Hast du
gesehen, dass Ahab sich vor mir gedemütigt hat? Weil er sich vor mir gedemütigt hat, will ich das
Unglück in seinen Tagen nicht bringen; in den Tagen sei nes Sohnes will ich das Unglück über
sein Haus bringen« (1Kö 21,27-29).

Wahrlich, wenn Gott uns auffordert, »langsam zum Zorn« zu sein (Jak 1,19), dann ist Er es
zuerst allemal selber. Das überwältigendste Bild des Charakters Gottes sehen wir im Spiegel von
1. Korinther 13,4-7:

»Die Liebe ist langmütig; die Liebe ist gütig; sie neidet nicht; die Liebe tut nicht groß, sie bläht
sich nicht auf, sie benimmt sich nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihrige, sie läßt sich nicht
erbittern, sie rechnet Böses nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie
freut sich mit der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.«

Lasst uns forschen in der Schrift und laßt es uns so tun, dass wir darin den Weg zum Herzen
Gottes finden. Wahre Schrifterkenntnis führt zur Anbetung Gottes im Geist und in der Wahrheit.

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Renovaré Bibel -

Dave Hunt

Die Bibel ist Gottes Wort

Die Renovaré Spiritual Formation Bible – eine inakzeptable Studienbibel

Nie passt Sich Gott oder Sein Wort dem Geschmack von Menschen an. Nie ändert Er etwas, um
bei den verdorbenen Gelüsten der Gottlosen jedes Zeitalters Anklang zu finden – alle müssen zu
Seinen Bedingungen zu Ihm kommen. Er gebietet allen Menschen überall, Buße zu tun wegen
des kommenden Gerichts (Apg 17,30.31). „Der Gottlose verlasse seinen Weg und der Übeltäter
seine Gedanken; und er kehre um zu dem HERRN…“ (Jes 55,7). Es gibt kein Erweichen des
Evangeliums, um es „sucherfreundlich“ zu machen.

Viele behaupten, Gott zu suchen, finden Ihn aber nie. Doch er hat versprochen: „ja, ihr werdet
mich suchen und finden, wenn ihr von ganzem Herzen nach mir verlangen werdet“ (Jer 29,13).
Der wahre Gott muss nach Seinen Bedingungen gesucht werden. Es ist keine Frage von Musik,
Videos oder anderen Knüllern, um die Jugend anzuziehen, oder von Ikonen, Kerzen, Ritualen
oder anderen Ausschmückungen, um eine Aura der „Heiligkeit“ zu schaffen. Die Wahrheit
braucht keine Requisiten, nur unser leidenschaftliches Verlangen. Der ernsthafte Sucher muss in
Buße zu Gott kommen, und aufschreien zu Ihm um Barmherzigkeit.

Gott hat in Seinem unfehlbaren Wort gesprochen. Was Er gesagt hat müssen wir ehren.
Wahrheit ist nicht verhandelbar. Doch viele christliche Leiter unterstützen gottlose Bibelversionen,
wie zum Beispiel Eugene Petersons The Message, die Gottes Wort pervertieren. Männer wie
Peterson haben kein schlechtes Gewissen, das zu verändern, was Gott sagt und ersetzen Seine
Worte mit ihren eigenen.

Viele christliche Leiter preisen Peterson für diese Perversion, wie zum Beispiel J.I. Packer,
Warren Wiersbe, Jack W. Hayford und Richard Foster, Begründer der Renovaré Bewegung und
Herausgeber der Renovaré Spiritual Formation Bible. Foster liebt The Message, weil sie diese
Bewegung unterstützt. Peterson ist „Beratender Herausgeber, Neues Testament, der Renovaré
Bibel. Er reduziert vieles, was Paulus in seiner grundlegenden Behandlung des Evangeliums im
Römerbrief darlegt, zu Metaphern, welche, so sagt er, das 'Gegenteil des präzisen Gebrauches
von Sprache' darstellen (S. 2045).

Das Hauptziel der Renovaré Bewegung ist, die Kirche schleichend zurück zum Okkultismus der
Mystiker der frühen römisch-katholischen Kirche durch „geistliche Disziplinen“ und „geistliche
Formung“ zu führen, Die Renovaré Bibel ist eine Hauptanstrengung in dieser Richtung. Eine
Schar von „Gelehrten“ leistete Beiträge in Form von Kommentaren, unter ihnen Bruce Demarest,
Professor für Theologie am Denver Seminar, Walter C. Kaiser Jr., Präsident am Gordon Conwell
Theologischen Seminar, Tremper Longman III, Professor für biblische Studien am Westmont
College, Earl F. Palmer, Pastor der presbyterianischen Kirche der Universität in Seattle, WA und
im Aufsichtsrat des seit langem abgefallenen Princeton Theologischen Seminars (wo auch Sir
John Marks Templeton war).

Die Renovaré Bibel enthält die Apokryphen und erklärt, dass „ein Großteil der Gemeinde in der
ganzen Kirchengeschichte die Deuterokanonika als Schrift akzeptiert hat….“ Auch waren diese
13 Bücher, geschrieben während der Zeit zwischen Maleachi und der Geburt Christi, niemals von
Israel als inspiriert akzeptiert worden. In der Tat stellt 1 Makkabäer fest, dass Gott nicht durch
Propheten sprach und entschuldigt für seine Irrtümer (9,27 und 14,41). Offensichtlich konnte
nichts Schrift sein, was während dieser Stille Gottes geschrieben wurde.

Aus den Apokryphen rechtfertigt die römisch-katholische Kirche das Fegefeuer, Gebete für die
Toten und deren eventuelle Erlösung durch ein Sühneopfer (wodurch sie die Messe rechtfertigt),
Kauf der Sündenvergebung, Verehrung von Engeln, Gebete zu den „Heiligen“ und deren
Fähigkeit, einschreiten zu können. Doch Renovaré versichert, „Die Deuterokanonika verletzen
keine zentrale Lehre des christlichen Glaubens.“

Weder Christus noch Seine Apostel zitierten jemals die Apokryphen, obgleich das Alte Testament
im Neuen mehr als 250-mal zitiert wird. Sogar Renovaré stellt die Apokryphen nicht auf dieselbe
Ebene wie die Bibel, sondern als hilfreich für „geistliche Formung.“ Warum sollten sie dann in den
gleichen Band als Schrift eingeschlossen werden – und ohne jede Warnung hinsichtlich ihrer
häretischen Lehren?!

Die Renovaré Bibel führt etwas ein, was sie „Geistliche Disziplinen“ nennt, um die eigene
„geistliche Formung“ zu unterstützen. Beide Begriffe werden in der Bibel nicht gefunden.
Renovaré erklärt, dass das Ziel dieser Studienbibel die „Entdeckung, Belehrung und Praxis von
Geistlichen Disziplinen“ ist. In der Tat werden viele dieser okkulten „Disziplinen“ nicht in der
Schrift gefunden, sondern durch die Mystiker als ein Mittel befürwortet, um mit Gott in Berührung
zu kommen. Foster hatte mit denselben Praktiken einen großen Einfluss bei der Verführung der
heutigen Gemeinde – und hat nun eine Bibel herausgegeben mit dem ausdrücklichen Ziel, diese
Verführung zu rechtfertigen.

Eine Anzahl empfehlenswerter „Geistlicher Disziplinen“ werden erwähnt, aber auch einige, die
nicht empfehlenswert sind: „Einsamkeit, Beichte… Meditation und Stille… Heimlichkeit, Opfer,
Feier.“ Diese unschuldigen Worte haben für Foster eine spezielle Bedeutung. Seine Sicht von
„Celebration – Feiern“ beschreibt er folgendermaßen:

„Wir aus dem New Age können es riskieren, gegen den Strom zu schwimmen. Lasst uns
hemmungslos… Visionen sehen und Träume träumen…. Die Vorstellungskraft kann eine Flut
kreativer Ideen freisetzen [und] sehr viel Spaß machen.“

Im Westen bedeutet Meditation, tief über etwas nachzudenken, aber im Osten bedeutet es, den
Geist zu leeren, um ihn für die Geisterwelt zu öffnen, was zu mystischen „Gottes“ - Erfahrungen
führt. Angeblich weist Foster den östlichen Mystizismus zurück, aber er sagt, „christliche
Meditation ist ein Versuch, den Geist zu leeren, um ihn zu füllen.“ Verführerisch schlägt er vor:
„Johannes war „im Geist am ‚Tag des Herrn’, als er seine apokalyptische Vision empfing. (Off
1,10). Könnte es sein, dass Johannes trainiert war in einer Weise des Hörens und Sehens, die
wir vergessen haben? Lasst und den Mut haben… noch einmal die althergebrachte… Kunst der
Meditation zu lernen“ (Celebration, S 14,15). Die Idee, dass Johannes eine spezielle Technik
hatte, um Gottes Wort zu hören, ist Häresie der schlimmsten Art, aber ein wesentlicher
Bestandteil der Werbung für „geistliche Disziplinen“ und „geistliche Formung“ seitens Renovaré!

Die Anregung der Vorstellungskraft durch Phantasie und Visualisierung ist ein Hauptthema von
Fosters Celebration. Er erkennt an, dass Agnes Sanford ihm das „Gebet durch Vorstellungskraft“
beibrachte. Sie machte die „innere Heilung“ populär, eine Hauptquelle eines Großteils des
Okkultismus in der charismatischen Bewegung. Wir haben diese Irrtümer im Detail in Die
Verführung der Christenheit, Jenseits der Verführung und Die okkulte Invasion behandelt.

Foster schreibt in Celebration, „In ihrer Vorstellungskraft erlauben sie ihrem geistlichen Körper,
der voll Licht ist, ihren physischen Körper zu verlassen…. Beruhigen sie ihren Körper, dass sie
zurückkehren werden…. Reisen sie tiefer und tiefer in das Weltall, bis da nichts ist außer der
warmen Gegenwart des ewigen Schöpfers. Bleiben sie in seiner Gegenwart. Lauschen sie jeder
gegebenen Belehrung“ (S. 27). Das ist astrale Projektion und okkulter Kontakt durch
Vorstellungskraft, und das ist die Haupttechnik, die Schamanen verwenden, um mit ihren
Führungsgeistern in Kontakt zu kommen.

Doch Foster behauptet, dass diese Technik zu Christus und Gott führen würde: „Nehmen sie eine
einzelne Begebenheit [aus der Schrift]. Versuchen sie die Erfahrung zu leben, erinnern sie sich
dabei an die Ermutigung von Ignatius von Loyola (Begründer der Jesuiten), alle ihre Sinne der
Aufgabe zu widmen… stellen sie ihrer Vorstellungskraft das Ganze des Mysteriums… als ein
aktiver Teilnehmer dar…. Sie können dem lebendigen Christus dabei begegnen, angesprochen
werden durch Seine Stimme… berührt werden von Seiner heilenden Kraft…. Jesus wird
tatsächlich zu ihnen kommen.“ - Das ist falsch! Sie können Jesus Christus nicht von der Rechten
des Vaters herbeirufen, um Ihnen zu erscheinen – aber irgendein Dämon wird sich freuen, sich
als „Jesus“ auszugeben (S. 26)

In gleicher Weise ehrt die Renovaré Bibel katholische Häretiker und Okkultisten als „Heilige“ und
ihre Schriften als Rahmen, innerhalb dessen die Schriften zu verstehen sind. Die Geistlichen
Übungen des Ignatius von Loyola werden unterstützt, obgleich sie okkulte Techniken beinhalten,
die Ursache für die Dämonenbesessenheit Vieler wurden.

Leider verleugnen die Renovaré Erläuterungen die göttliche Autorschaft eines Großteils der
Schrift – sogar dass Moses den Pentateuch schrieb. Doch erklärt sie heuchlerisch, „wir lesen die
Bibel wörtlich, von vorne bis hinten… und im Kontext.“ Renovaré behauptet, dass 1. Mose 1-11
weder historisch noch wissenschaftlich sei, und dass das ganze Buch 1. Mose nur eine
Sammlung von Mythen darstelle:
Das erste Buch Mose begann als eine mündliche Überlieferung erzählter Geschichten, die von
Generation zu Generation weitergereicht wurden. Diese Geschichten nahmen [schrittweise]
theologische Bedeutung an…. Mit der Zeit wurden [sie] aufgeschrieben und zusammengestellt (1
Mo 12-50), und ein Prolog (1 Mo 1-11) hinzugefügt…. Sie entlehnten Geschichten aus anderen
Schöpfungsberichten…. Geschichten mit Parallelen zu anderen althergebrachten nahöstlichen
religiösen Erzählungen und Mythologien wurden umgestaltet mit monotheistischer Absicht….
Diese Stränge unterschiedlichen Materials wurden zusammengetragen und in den geschriebenen
Text hineingebaut….

Welche Schlechtigkeit seitens christlicher „Gelehrter“, sich den Skeptikern anzuschließen und zu
erklären, dass 1. Mose, welches grundlegend für die Bibel ist, einfach ein aufbereitetes
Sammelwerk von Mythologien und Volksmärchen sein soll! Wenn 1. Mose nicht wörtlich von Gott
inspiriert ist, wie sollten wir dann Vertrauen in irgendeinen anderen Teil der Bibel haben? Was ist
mit der Feststellung des Paulus, „Alle Schrift ist von Gott eingegeben“ (2 Tim 3,16) oder des
Petrus, „vom Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet“ (2 Pt 1,21)
oder die vielen Zitate Christi aus 1. Mose und Bezugnahme auf „die Dinge, die Mose befohlen
hat“ (Mt 8,4; 19,7; Mk 1,44; 7,10; 10,3.4; 12,19; Lk 16,29-31, usw.)?

Im Gegensatz zu Renovaré, erklärt die Bibel an vielen Stellen, dass Moses unter der Inspiration
Gottes den Pentateuch schrieb: „Da sprach der HERR zu Mose: Schreibe das zum Gedenken in
ein Buch…. Da schrieb Mose alle Worte des HERRN nieder…. Und Mose schrieb dieses Gesetz
auf und gab es… allen Ältesten von Israel…. Da gebot er den Leviten…. Nehmt das Buch dieses
Gesetzes und legt es neben die Bundeslade des HERRN, eures Gottes….“ (2Mo 17,14; 24,4;
5Mo 31,9.25.26)

Auf „das Gesetz Mose“ wird wiederholt hingewiesen (Jos 8,31-32; 2 Kö 14,6; 23,25; 2 Chr 30,16;
Esr 3,2; Neh 8,1, usw.). Jesus nannte den Pentateuch „das Gesetz Moses“ (Lk 24,44). Das
Evangelium nach Johannes ist voll von Bekräftigungen, dass Moses ein Prophet war, der ein
Großteil der Schrift schrieb (Jh 1,17.45; 5,45.46; 7,19-23, usw.).

Über das Buch Daniel sagt die Renovaré Bibel, „wir wissen nicht, wer es schrieb oder wann es
genau geschrieben wurde… es wurde am wahrscheinlichsten während der Verfolgung der Juden
in Babylon durch Antiochus Epiphanus geschrieben, welche mit der Entweihung des Tempels im
Jahre 167 vor Christus begann.“ Somit wäre es das Werk eines Betrügers, der vorgibt, Daniel zu
sein, 400 Jahre nach den Geschehnissen! Um dem Eingeständnis zu entrinnen, dass Daniel
Jahrhunderte im voraus die Teilung von Alexanders Reich unter vier Generälen, den Aufstieg von
Antiochus Epiphanes und die Verschmutzung des Tempels prophezeite, mussten Skeptiker ein
späteres Datum für diese Prophezeiungen erfinden.

Renovaré betet diese Lüge nach, und beraubt Christen eines wesentlichen Beweises der
Gültigkeit der Bibel und enthält den Ungeretteten lebensrettende Wahrheit vor!

Daniel ist in der ersten Person geschrieben und berichtet über Ereignisse, die dem Schreiber vier
Jahrhunderte vor 167 vor Christus passierten: „als ich, Daniel, das Gesicht sah (8,15)…. Aber
ich, Daniel, lag mehrere Tage krank (8,27)…. Im ersten Jahr des Darius… achtete ich, Daniel
(9,1.2)…. In jenen Tagen trauerte ich, Daniel, drei Wochen lang (10,2)“, etc.

Die Renovaré „Gelehrten“ spielen beständig die mächtigen alttestamentlichen Prophezeiungen


über Christus herab. Die Schlüsselprophezeiung in Jesaja 9,5-6 über den kommenden Messias,
welcher „starker Gott, Ewig-Vater“ ist, spreche angeblich von „menschlichen Handelnden“ (S.
997).

Die Anmerkungen reduzieren die Prophezeiungen von Jesaja zu „Traditionen“ (S. 982, 983), und
möchten uns glauben machen, dass ein Großteil dieses Buches nicht von Jesaja geschrieben
worden war (es gebe „drei Autoren“ – S. 982, 1068), und verleugnet sogar, dass Kapitel 53 das
Opfer Christi für unsere Sünden prophezeit (S. 984)!

Renovaré beschreibt das Buch Jesaja als „poetische Einbildungskraft… Jesaja stellt sich vor“,
usw. Die Renovaré Gelehrten erklären, „Die Propheten Israels dürfen nicht primär angesehen
werden als… Vorhersager der Zukunft… sie waren Poeten“ (S. 1079). Durch Poesie versucht
Jeremia, „Sinn in die Ereignisse seiner Zeit zu bringen…“ (S. 1080). Blasphemie!

Renovaré weist die kraftvollen Prophetien Daniels zurück, einschließlich des Beweises aus 9,24-
26, dass Jesus der Christus ist. Da ist nicht ein Wort über das Bild, das die vier Weltreiche
vorhersagt und die Wiederbelebung des vierten (Römisches Reich) unter Zehn Häuptern (2,36-
45), welches durch den Messias zerstört wird, wenn Er Sein ewiges Königreich errichtet. Auch ist
da kein Wort über die zukünftige, apokalyptische Bedeutung der vier Tiere in Daniel 7, die mit
Offenbarung 13 übereinstimmen. Der Zorn Gottes, der sich über die Erde ergießt während der
Großen Trübsalszeit (Renovaré vermeidet den Begriff), wird beschrieben als „Naturkatastrophen
gerade aus Exodus“ (S. 2268). Doch sogar die Zauberer in Ägypten sagten zum Pharao, „Das ist
der Finger Gottes“ (2 Mo 8,15).

Alle die großen Prophetien, die zum Beweis der Bibel, das Wort Gottes zu sein, so wesentlich
sind und dass Jesus von Nazareth der Messias ist, werden entweder nicht kommentiert, oder
werden im übertragenen Sinne weggedeutet, als sich auf die „Glaubensgemeinschaft“ und ihre
„Geistliche Formung“ beziehend. Da ist keine Anerkennung der großen Prophetien in Jeremia,
Hesekiel usw. dass Israel in den letzten Tagen wieder in sein Land zurückgebracht wird, und
dass es ewig bestehen wird (Hes 35-37, etc.). Zum Beispiel wird das kraftvolle prophetische
Versprechen Gottes, die um die Welt verstreuten Juden wieder in ihr Land zurückzubringen (Jer
31,8-14), interpretiert als ein Versprechen an alle heimatlosen Leute (nichts über Israel), und
Gottes Versprechen, dass Israel nie zerstört werden kann (31,35-37), werden ignoriert!

Israel wird behandelt, als ob es durch die Gemeinde ersetzt wäre. Unglaublich, das Tal mit den
Totengebeinen, die laut Hesekiel 37 zum Leben zurückgebracht werden, welches eindeutig als
„das ganze Haus Israel“ bezeichnet wird (37,11), wird interpretiert als die Geburt der Gemeinde
an Pfingsten! Hesekiel 38-39 handelt nicht von Armageddon, mit echten Armeen, die die in ihr
Land zurückgekehrte Nation Israel in den letzten Tagen angreifen, um vom Messias gerettet zu
werden, sondern angeblich um „dunkle Mächte“, die immer auf der Welt im Einsatz sind.

Es gibt keinen Kommentar bei Offenbarung 1,7 über das Zweite Kommen Christi (S. 2269), kein
Beleg für Glauben an die Entrückung; nur dass Christus eines Tages „zurückkehren wird und die
bösen Mächte überwinden wird“ (S. 2266).

Die Offenbarung wird reduziert zu einem „pastoralen Brief mit der Absicht, die Leidenden zu
stützen und die matten Getreuen zu ermutigen“ (S. 2267).

Der Antichrist und der Falsche Prophet (Off 13) werden als „dunkle Kräfte des Bösen“
entpersonalisiert (S. 2281). Die Frau auf dem Tier (Off 17) hat keine prophetische Bedeutung
sondern „verkörpert jene Institutionen, die sich im Laufe der Zeitalter den dunklen Mächten
verschrieben haben…“ (S. 2284). Da steht nichts über die Stadt, und was sie darstellt, wie es klar
beschrieben wird. So beschreibt der Fall von Babylon (Off 18) „den letztendlichen
Zusammenbruch aller menschlichen Institutionen, die sich der Machtbegierde hingegeben
haben…“ (S. 2285).

Die Hochzeit des Lammes mit Seiner Braut (Off 19) ist kein wirkliches Ereignis im Himmel,
sondern steht „symbolisch für die vielen verschiedenen Feiern, die Freude und Jubel“ in unser
Leben mit sich bringen (S. 2287)

Die Tausendjährige Herrschaft Christi (Off 20) ist kein wirkliches Ereignis, und die Armeen der
Welt, die gegen Christus und die Heiligen in Jerusalem nach Satans Freilassung ziehen,
symbolisieren nur die „Armeen der Dunkelheit, [welche] uns umgeben“ (S. 2288).

Diese „Studienbibel“ ist ein weiterer Schritt auf dem schlüpfrigen, nach unten gehenden Weg in
einen sich vertiefenden Abfall.

Die Bibel wird in der Kirche verspottet. Lasst uns fest stehen, der Sprache mächtig und aktiv in
Verteidigung von Gottes heiligem, unfehlbarem Wort!

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WER IST ANSELM GRÜN?

Anselm Grün ist ein Benediktinermönch und leitet die Verwaltung der Benediktinerabtei
Münsterschwarzach. Gemäß den Angaben zum Autor heißt es: Geistlicher Berater und Kursleiter
- für Meditation, tiefenpsychologische Auslegung von Träumen, Fasten und Kontemplation.
(„Herzensruhe“- „Im Einklang mit sich selber sein“, Herder-Verlag, 1998). Seine Bücher finden
immer mehr Resonanz, stehen auf der Bestsellerliste der evangelikalen Buchläden, z.B. „50
Engel für das Jahr“, und vor allem die Zeitschrift „Aufatmen“ wirbt für Anselm Grün und empfiehlt
wärmstens seine Betrachtungen. Sein mildes Konterfei lächelt vom Titelbild der letzten Ausgabe
(Nr. 2/2000).

Unter der Überschrift „Meditation“ heißt es in „Herzensruhe“: Die christliche Meditation, die seit
dem 3. Jahrhundert geübt wird, verbindet den Atemrhythmus mit einem Wort. Schon das Achten
auf den Atem lenkt das Bewußtsein nach innen und erzeugt Ruhe (S. 112).

Zunächst erfährt man hier, wie diese Meditation der urchristlichen Gemeinde unbekannt war. Man
wird deswegen auch schwerlich Hinweise im Neuen Testament finden. Doch das Heidentum
begann in die Kirche einzubrechen. Das überrascht auch nicht besonders, denn die obige
Erklärung der christlichen Meditation und die damit verbundene besondere Atemweise erinnert
eher an Yoga oder östliche Meditation, denn an biblisches Christentum. So hat beispielsweise
der Bhagwan Rajneesh, unrühmlich als der Sex-Guru von Puna bekannt geworden, diese
besondere Atemmeditation empfohlen, wobei er spezielle Energie mit gewissen gesprochenen
Worten verband.

Wem dieser Vergleich zu scharf erscheint, möge die weiteren Ausführungen von Anselm Grün
zur Kenntnis nehmen. Im Ausatmen können wir uns vorstellen, wie wir all die Gedanken, die
immer wieder hochkommen, einfach abfließen lassen. Wenn wir das eine Zeitlang tun, werden
wir innerlich ruhig. Dann können wir den Atem mit einem Wort verbinden. Wir können z.B. beim
Einatmen still sagen: „Siehe“ und beim Ausatmen „Ich bin bei dir“...Ich muß mich bei dieser
Meditation gar nicht konzentrieren („Herzensruhe“, ebd.). Hier aber befinden wir uns voll im Trend
der New-Age-Mystik. Gott ist nicht mehr eine Person, der der Mensch im Anruf gegenübersteht,
sondern eine Art kosmische Energie, die durch Atemtechniken, die noch dazu die ideale
Voraussetzung für Passivität sind, einen angeblich immer mehr erfüllen kann.

Daß Anselm Grün diese Methoden von den Mystikern gelernt hat, verschweigt er keineswegs,
sondern er beruft sich eher stolz auf sie: Die Mystiker sind davon überzeugt, daß in uns ein Raum
des Schweigens ist, in dem Gott wohnt. Dorthin haben die Gedanken und Gefühle, die Pläne und
Überlegungen, die Leidenschaften und die Verletzungen keinen Zutritt...Die Meditation will mich
wieder in Berührung bringen mit diesem inneren Ort...Aber tief unten ist es still. Da kann ich mich
fallen lassen...Meditation ist das Eintauchen in die innere Ruhe, die auf dem Grund unseres
Herzens in uns verborgen ist (ebd., S. 113).

Dies aber ist die schon bald klassische Definition der Gnosis, die von dem göttlichen Funken
ausgeht, der angeblich in allen Menschen wohnen soll, besonders im Gläubigen und da vor allem
im christlichen Mystiker. Die Benediktiner möchte diesen Funken Gottes im Menschen zur
Flamme anblasen (Aufatmen, 2/2000, S. 43). Von daher ist es verständlich, daß in den ersten
Jahrhunderten nichts von alledem in der Christenheit zu finden ist, was für jeden Gläubigen, für
den die Bibel Autorität ist, schon genug aussagen sollte (2. Joh. 8-9, Judas 3). Wir glauben nicht,
im Gegensatz zum Katholizismus, der Mystik und den schwarmgeistigen Bewegungen, an neue
Erkenntnisse und Offenbarungen. Mit sola scriptura steht oder fällt die wahre Kirche.

Während Paulus noch deutlich feststellte, „denn ich weiß, daß in mir, das ist in meinem Fleische,
wohnt nichts Gutes“ (Röm. 7,18), erklärt die dann später einbrechende Gnosis, die heute in Form
von New-Age eine Renaissance auf allen Gebieten erlebt, daß in uns solch ein innerer Ruheort
vorhanden ist. Dort findet Anselm Grün seinen Gott. „Gott im Innersten seines Herzens suchen,
das ist der Weg auch zum wahren Selbst, zum eigenen unverfälschten Wesen.“ (Aufatmen
2/2000 S. 42). Nur wenn wir uns der eigenen Seele zuwenden, wird Begegnung mit Gott möglich.
(ebd. S. 43).

Dieses oben erwähnte „Sich Fallen-lassen“ („Herzensruhe“, S. 113) ist ganz typisch für die
Annahme eines passiven Zustandes, wodurch der Mensch, auch der Gläubige, schneller zu
einem Medium umfunktioniert werden kann, als er es meint. Jedenfalls ist diese Haltung das
Gegenteil der von Jesus so oft betonten Ermahnung zur Wachsamkeit, die er besonders mit der
endzeitlichen Verführung ausspricht (Mk. 13,33-37).

Über all diese Vorschläge kann man das Wort Jesu aus Luk. 11,35 setzen: „Siehe zu, daß das
Licht in dir nicht Finsternis ist“. Dies wird noch deutlicher durch Grüns weitere Vorschläge. Aber
wenn wir sie nicht beachten (gemeint sind die Gedanken, Anm.), wenn wir durch Wort und Atem
immer tiefer in den eigenen Seelengrund gelangen, dann kann es sein, daß es für einen
Augenblick ganz still ist in uns. Ich spüre dann: jetzt berühre ich das Eigentliche. Jetzt bin ich
ganz da, ganz bei mir, ganz bei Gott („Herzensruhe“ S. 114). Das ist die klassische Unio mystica,
wie sie die Gnostiker und Schwärmer seit Jahrtausenden praktizieren. Sie finden Gott angeblich
in ihrem Seelengrund, jenem göttlichen Funken der Seele.

Um zur Ruhe zu kommen wird folgendes vorgeschlagen: Ein anderer Weg, über den Leib zur
Ruhe zu kommen, sind autogenes Training oder Eutonie. ...Das autogene Training arbeitet mit
der Methode der Autosuggestion. Ich stelle mir z.B. vor, wie mein rechter Arm warm und schwer
wird. ...Indem ich den Atem an die verspannten Stellen meines Leibes hinfließen lasse, können
sich die Spannungen auflösen...Manchmal bin ich beim Sitzen zu unruhig. Auch wenn ich mich
auf den Atem konzentriere und mich vom Atem in die Ruhe führen lassen möchte, weicht die
Unruhe nicht. Dann hilft es mir, die Hände zu einer Schale zu formen und mit meinem ganzen
Bewußtsein in den Händen zu sein. Die Gebärde bringt mich zur Ruhe...In den Hände ist ja mein
ganzes Sein versammelt (ebd., S. 116-117). Dies aber sind Techniken, wie sie die Zauberpriester
und Schamanen praktizieren. Es sind die typischen Methoden, um einen veränderten
Bewußtseinszustand hervorzurufen.1

Die Auswirkungen dieser Unio mystica werden auch von Anselm Grün folgerichtig ungeschminkt
positiv beschrieben. Da ist die Gebärde des Kreuzes. ..., dann stelle ich mich manchmal in dieser
Kreuzgebärde in die Sonne und die frische Luft des Morgens. Dann fühle ich mich ganz eins, eins
mit der Schöpfung, eins mit Gott, eins mit mir selbst, eins mit allen Menschen. Da ist dann keine
Spaltung mehr in mir zwischen Himmel und Erde, zwischen Geist und Trieb, zwischen
Spiritualität und Sexualität. Da ist alles eins...Aber in dem ich die Arme weit ausbreite, erahne ich
manchmal, wie das ist, mit allem eins zu sein, all-eins zu sein (S.117). Es wird leider Psyche mit
Pneuma, Agape mit Eros, Licht mit Finsternis, Christus mit Belial verwechselt. Man findet diese
Phänomene nur zu oft bei den Mystikern und Schwärmern.2

Amseln Grün ist ein typischer Repräsentant katholischer Frömmigkeit. So schreibt er z.B. Mir hilft
das Rosenkranzbeten, um einzuschlafen („Herzensruhe“ S. 128). Auch in der Aussage, Es ist gut
und sinnvoll, für die Verstorbenen zu beten („Wenn ich in Gott hineinhorche“, Matthias-
Grünewald-Verlag - Mainz, 2. Auflage 1997, S. 42) wird offensichtlich, wessen Geistes Kind er ist.
Aber soll einer nach 20 Jahren noch dafür beten, daß sein verstorbener Vater aus dem
Fegefeuer in dem Himmel kommen möge? ...Das Beten für die Verstorbenen hat natürlich immer
Sinn. Aber es verwandelt sich. Zu Beginn ist das Beten Fürbitte, daß der Verstorbene sich für
Gott entscheidet, daß er den Sprung in die Liebe Gottes schafft. Dann wird es zu einem Gebet,
das mich mit dem Verstorbenen verbindet, zu einem Gebet, in dem mich der Verstorbene auf das
eigentliche Ziel meines Lebens hinweist. Und es wird dann oft auch zu einem Gespräch mit dem
Verstorbenen und zu einer Bitte an ihn, mich zu begleiten und mich zu bewahren vor einem
Verfehlen meines Lebens (ebd.).

Hier ist unzweideutig erkennbar, wie der Mystiker bewußt unbewußt, hier ganz bewußt, statt
unter dem Heiligen Geist unter der Leitung eines Totengeistes steht. Es bestätigt auch, daß die
Kehrseite der Gnosis der Spiritismus ist und Rom wegen seines starken Bezugs zu den
Verstorbenen, von Heiligen bis Fegefeuer, hier besonders anfällig ist. Man muß schon sehr
verblendet sein, wenn man aus solch einer Quelle noch Brauchbares für die Gläubigen schöpfen
möchte.

Dieser offenkundige Bezug zu den Verstorbenen erklärt auch, warum dieser Benediktinermönch
so sehr von C. G. Jung angetan ist. So erfährt man durch Arne Völkel, dem Autor des Artikels
über Anselm Grün in Aufatmen: Die Bibelauslegung Grüns ist teilweise stark durch die Einflüsse
von C. G. Jung geprägt. Dieser betrachtete „archetypische Bilder“ als Hinweis auf das
menschliche Phänomen der Gottessuche... Für Grün bietet die Sprache und das
Gedankensystem C. G. Jungs beste Voraussetzungen, das im christlichen Glauben auf dem Weg
der Selbsterforschung Angestrebte in eine für Nichtchristen verständliche Sprache zu kleiden
(Aufatmen 2/2000 S. 43). Es würde auch folgendes erklären: ...wenngleich auch Grün (ähnlich
wie Drewermann) faszinierend griechische Mythen auslegt - ganz so, wie er das auch mit
biblischen Texten tun kann (ebd., S. 44).

Kaum jemand hat so intensiv von spiritistischen Quellen getrunken, wie dieser Vater der
Tiefenpsychologie. Seine ganze Karriere begann mit spiritistischen Sitzungen. C. G. Jungs
Kontrollgeist Philemon war für ihn so real wie ein Wesen aus Fleisch und Blut. Er berichtet in
seiner Selbstbiographie, wie ihn eigene Traumerfahrungen und visionäre Erlebnisse auf das
Studium visionärer und spiritistischer Literatur führten, und wie er gerade in der spiritistischen
Literatur überraschende Hinweise auf eine systematische Erfassung und Kontrolle seelischer
Vorgänge fand, die ihm für die Entwicklung seiner eigenen Psychologie und seine
Archetypenlehre wegweisend waren (Ernst Benz, „Die Vision“, Ernst Klett Verlag, S. 11). C.G.
Jung ist eigentlich das Paradigma für Erleuchtung aus der Finsternis.

Daß solche Bücher von evangelikalen Verlagen verkauft und Evangelikalen empfohlen werden,
zeigt, wie sehr die von der Bibel vorausgesagten Dämonenlehren am Ende der Tage um sich
greifen (1. Tim. 4,1). Die Texte klagen nicht an und sie fordern nicht. Aber sie fördern ungemein,
weil der Pater Gutes für seine Leser will...Er begleitet, indem er lehrt, leitet, tröstet und aufbaut.
Nach einem Buch von Anselm ist man ein Stück reicher. Aufatmen 2/2000 S. 40-41. Die
eingehende Bildersprache Grüns fasziniert in seinen Büchern (ebd., S. 44). In derselben Nummer
von „Aufatmen“ heißt es in dem Zeugnis von Birgit Schilling, wo sie ihren vom pietistischen Erbe
zur „charismatischen Bereicherung“ schildert und zur Versöhnung von „Vielfalt und
Unterschiedlichkeit“ kommt: Autoren wie Anselm Grün, Joyce Huggett und Henri Nouwen
begleiteten uns in den kommenden Jahren (ebd. S. 64).

Es ist die typische Mischung unsrer Tage: Etwas Psychologie, bevorzugt Tiefenpsychologie,
etwas Mystizismus, etwas charismatische und ökumenische Frömmigkeit, gemäßigte Bibelkritik,
New-Age in homöopathischer Verdünnung und das Ganze mit so viel Bibelsprüchen garniert, daß
es unsere Neoevangelikalen unter dem Deckmantel einer seelischen Liebe anstandslos
schlucken. Mit diesem Cocktail versucht man heute eine „Erweckung“ zu bewirken. Leider
handelt es sich oft genug um Pseudo-Erweckungen. So sagte A.W. Tozer schon 1959 über die
westliche Christenheit in „Keys to Deeper Life“: Wenn wir mit der Theologie, die wir heute haben,
eine Erweckung bekommen, bedeutete es für die Christenheit eine moralische Tragödie, von der
sie sich in hundert Jahren noch nicht erholt hat.

Wir sind tatsächlich heute Augenzeugen eines Aufbruchs wie Einbruchs falscher und
verführerischer Geister (2. Thess. 2,9-11). Es ist der Einbruch des Totenreiches (Offb. 6,8) und
nicht des Gottesreiches, obwohl es als solches buchstäblich verkauft wird. „Christus ist das Licht
der Welt, das Mönchtum ist die Nacht“. So hat es Pater Chiniquy formuliert, jener ehemalige
katholische Priester im 19. Jhdt., der dann die Kirche Roms verlassen hat.

Man möge mir die deutlichen Worte nachsehen, aber ich kenne diese Frömmigkeit nur zu gut. Ich
bin selber im katholischen Kindergarten aufgewachsen und halbintern in der Klosterschule
erzogen worden. Für mich ist es ein doppelter Schock, nun all das im frommen Gewand
zurückkehren zu sehen, aus dem mich die Gnade Gottes herausgeführt hat. Es muß leider auch
so deutlich gesagt werden, daß, wer immer solche Bücher verbreitet bzw. diesen Autor empfiehlt,
nicht vom Heiligen Geist, sondern von einem mystischen Geist geleitet wird. Man wird damit zum
Werkzeug der endzeitlichen Verführung bzw. zum blinden Blindenleiter, es sei, wer er wolle.

Anselm Grün stellt auch Betrachtungen über Joh 17 an, ein in unseren Tagen sehr oft zitierter
Bibelabschnitt, wo von dem Einssein die Rede ist. Hier finden sich einige ansprechende
Gedanken, die zum Teil so fromm und einleuchtend formuliert sind, daß mancher ahnungslose
Christ dies für empfehlenswert halten kann. Allerdings sollte sich spätestens dann die
Ernüchterung einstellen, wenn man einige Zeilen danach erfährt, wodurch diese Einheit bewirkt
werden soll. Der Ort, an dem wir bei Christus sind, ist das Gebet. Für die Ostkirche ist es das
Jesusgebet, das sie mehr und mehr mit dem Geist Jesu Christi erfüllt. Die Ostkirche versteht das
Jesusgebet als Zusammenfassung das ganzen Evangeliums. Für sie ist es der Weg, den Geist
an Christus zu binden und durch Christus eins zu werden mit dem Vater. Für mich persönlich ist
das Jesusgebet seit etwa dreißig Jahren mein Meditationsweg geworden. Ich übe es nicht nur bei
der morgendlichen Meditation, sondern es begleitet mich auch tagsüber immer wieder, wenn ich
durch die Gänge gehe, wenn ich irgendwo warte, wenn eine kleine Pause entsteht. Das
Jesusgebet bringt mich immer und überall mit mir selbst in Berührung und läßt mich die Einheit
mit Gott mitten in der Unruhe des Alltags erfahren. Wenn ich mit dem Einatmen die Worte
spreche „Herr Jesus Christus“ und beim Ausatmen „Sohn Gottes, erbarme dich meiner“ dann bin
ich dort, wo Christus ist. Dann erlebe ich, daß Christus hinabsteigt in alle Abgründe meiner
Seele,.. („Herzensruhe“, S. 145-146).

Dieses so genannte Jesusgebet ist allerdings nichts Neues. Vor ca. 30 Jahren hat es Wilhard
Becker praktiziert und propagiert. Damals kam es allerdings noch aus der offiziellen
evangelischen Freikirche. Heute ist das ökumenische Gefälle so groß, daß es keinen „Alarm“
mehr auslöst, wenn wir uns nun unverblümt zu Füßen eines Benediktinermönches setzen und
andächtig seinen Aus-führungen lauschen. Ähnlich wie es in der evangelischen Kirche auch
keinen Aufstand mehr gibt, wenn ein Moslem seine Weisheiten oder Meditationen dem
„christlichen“ Publikum präsentiert. In der postmodernen Generation gibt es so gut wie keinen
Berührungsängste mehr.

Gottes Geist wohnt also nicht durch den Glauben in uns (Eph. 3,17), sondern durch
Atemtechniken. Nun, dies gilt auch für Yogis, Gurus, Medizinmänner und Schamanen. Es hat
dies mit der Bibel sehr wenig, mit dem Zeitgeist aber sehr viel zu tun. Nicht im Wort, wie die
Reformatoren noch darlegten, sondern im eigenen Seelengrund begegnet man angeblich
Christus.

Man fragt sich wie es möglich ist, daß solche ungeschminkten Irrlehren auf so breite evangelikale
Akzeptanz stoßen. So erwähnt auch Arne Völkel im offensichtlich positiven Kontext diese
Gebetsform in seinem Bericht über Anselm Grün: Doch auch bei der Arbeit, in Pausen, beim
Essen bleibt Gott durch das Jesusgebet gegenwärtig: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes,
erbarme dich meiner“ (Aufatmen, 2/2000 S. 43). Ähnlich harmlos heißt es von seiner
persönlichen Meditation: Dabei hilft ihm die Ikonenbetrachtung (ebd.)
Zwar setzt der Autor bei anderen Passagen ein paar sachte Fragezeichen, doch der
Gesamtartikel ist ein Lobeshymnus auf Anselm Grün im besonderen und das benediktinische
Mönchtum im allgemeinen. Irgendwie hat man den Eindruck, daß die Unterscheidungsgabe zur
Mangelware geworden ist. Die Klage des Apostels Paulus, daß „man einen anderen Jesus, einen
anderen Geist und ein anders Evangelium gerne annimmt“ (2. Kor. 11,4), ist - man verzeihe die
deutliche Aussprache - bald zum Markenzeichen, um nicht zu sagen Credo, dieser auch
evangelikalen, postmodernen Generation geworden. Das Gericht beginnt bekanntlich am Haus
Gottes (1. Petr. 4,17).

Und das ist nun die tragische Folgerung, die man ziehen muß. Wir haben es hier nicht mit einem
erwecklichen Aufbruch zu tun, wie die Schwärmer verschiedenen Couleurs meinen, sondern mit
einer okkulten Invasion. Wir sind heute Augenzeugen eines esoterischen Dammbruches, der so
ziemlich alle Bereiche erfaßt hat. Mit „Aufatmen“ als Flaggschiff dringt dieser mystische Zeitgeist
zum Teil gut getarnt, zum Teil kaum versteckt, in die Reihen einer evangelikalen Generation ein,
die es leider immer mehr verlernt hat, vom Wort her zu leben (Mt. 4,4). Der dadurch vorhandene
Mangel wird nur allzu gerne durch solche Techniken gefüllt.

Es soll hier nicht über die Motive von Ulrich Eggers gerichtet werden. Sicherlich sehnt er sich
nach einer Erweckung, beseelt von dem großen Wunsch, Evangelikale und Charismatiker endlich
zusammenzuführen. Daß er aber von dem christlichen New-Ager Anselm Grün sehr angetan ist,
kommt nicht völlig überraschend. Schon vor etlichen Jahren hat unter seiner Ägide Ulrich
Schaffer im damaligen „Punkt“ eine einflußreiche Plattform erhalten, dessen mystische
Betrachtungen den Ausführungen eines Anselm Grün nicht unähnlich sind. Übrigens findet man
ähnliche bis identische Meditationstechniken bei Roger Schütz, dem Gründer von Taizé.

Im Prinzip können sich über diesen Geist alle Religionen und Kulte finden und vereinen. Die
Mystik kann sich mit jeder Irrlehre oder falschen Religion verbinden. Dies zeigt auch Grüns
Aussage: Jeder Weg, der mich tiefer in die Gemeinschaft mit Gott führt, führt mich auch in die
Ruhe. Für den einen ist es die Meditation, für einen anderen die Eucharistie, für einen dritten ein
Spaziergang („Herzensruhe“, S. 147). Auch dies entspricht dem heutigen Pluralismus.

Der Absolutheitsanspruch Jesu Christi wird offen oder verdeckt preisgegeben. Gott ist für alle
Religionen immer auch der erlösende Gott. Glaube ist in allen Religionen wesentlich der Glaube
an das rettende und befreiende Wirken Gottes. Jesus Christus ist Gipfel und Vollendung der
Erlösung. Aber wir dürfen nicht so tun, als ob Erlösung erst mit Jesus Christus anfange. Gott ist
schon immer der erlösende Gott. Und er wirkt Erlösung auch in anderen Religionen („Mit Herz
und allen Sinnen“, Verlag Herder Freiburg im Breisgau 1999, S. 200).

Im Buch der Offenbarung wird uns für das Ende der Tage eine große Einheitsbewegung bzw.
falsche Ökumene vorausgesagt. Leider bricht dieser Sog auch in das evangelikale Lager ein.
zum Teil durch Leute, die meinen, sie erweisen mit der Verbreitung solcher Bücher und
Empfehlung solcher Autoren Gott einen Dienst. Wie dieser Sog dann alle Aspekte er- und
umfassen kann, zeigt auch die folgende Feststellung: Das Einssein ist auch die Bedingung für die
wahre Ruhe. Wenn die Gegensätze in mir sich nicht mehr bekämpfen, wenn alles in mir eins ist,
wenn Gott und Mensch, Geist und Trieb, Licht und Dunkelheit, Stärke und Schwäche, animus
und anima miteinander eins werden, dann bin ich tief in meiner Seele ruhig geworden
(„Herzensruhe“, S. 144-145).

Diese „universelle Liebe“ umfaßt schließlich auch alles und jedes, einfach weil man seine eigene
Abgründe nicht kennt und sie luziferisch erleuchtet mit Licht verwechselt. So kommt dieser
Benediktinermönch zu dem Ergebnis: Aber zugleich dürfen wir hoffen, daß die Hölle leer ist. Wir
dürfen der Liebe Gottes vertrauen, daß sie stärker ist als der Haß und die Selbstverschließung
der Menschen („Wenn ich in Gott hineinhorche“, S. 40-41).

Man lädt sich buchstäblich Lehrer auf, wonach einem die Ohren jucken (2. Tim. 4,4). Natürlich
sagt Anselm Grün wie auch andere Mystiker manch Richtiges und zu Beherzigendes, doch ein
Gift wird nicht dadurch besser, daß es gut, nahrhaft und schmackhaft verpackt ist. Ganz im
Gegenteil, es wird dadurch nur viel gefährlicher. Anselm Grün ist eine bald wörtliche Erfüllung
von Röm. 16,18b, wo es heißt: „...und durch süße Worte und prächtige Reden verführen sie die
Herzen der Arglosen.“ Diese Leute gleichen Doppelagenten, die nach außen hin Treueschwüre
für Volk und Vaterland abgeben, andererseits durch ihre privaten Schreiben verraten, daß sie im
Dienste eines fremden Staates stehen.

Die Reformation begann nicht damit, daß ein Mann ins Kloster ging, sondern aus dem Kloster
ging. Heute drängt man immer mehr in die Klöster zurück. Es ist eine ebenso unheimliche wie
massive Gegenreformation, die mit der Charismatik und ihren vielen Schattierungen als
Brückenkopf in immer mehr christliche Kreise eindringt. Vor unseren Augen bahnt sich eine
zunehmende Verbrüderung mit Rom an.

Die Tatsache, daß christliche Verlage, wie z. B. die Alpha-Buchhandlung, die Bücher von Anselm
Grün wärmstens empfehlen und am Laufmeter verkaufen, zeigt, wie sehr Verführung und Abfall
schon in den eigenen Reihen um sich gegriffen haben. Anstatt zur Wachsamkeit aufzurufen, wird
immer mehr die seelische Liebe und (mystische) Einheit betont, die uns letztlich befähigen soll,
solche Irrlehren und falsche Geister zu tolerieren. Dies soll keineswegs so verstanden werden,
als ob man gegen Liebe und Einheit wäre, ganz im Gegenteil. Doch die Christenheit ist
streckenweise in einen erschreckenden Sog des Zeitgeistes hineingeraten, zum Teil durch Leute,
die von Erweckung und Einheit reden, in Wirklichkeit aber Abfall und Spaltung bewirken. „Auch
aus eurer Mitte werden Männer aufstehen, die Verkehrtes lehren, um die Jünger an sich zu
ziehen“ (Apg. 20,30).

Diese Stellungnahme war nicht geplant, entstand aber aus großer Betroffenheit. Man möge mir
verzeihen, falls etwas zu scharf oder lieblos formuliert worden ist. Doch das folgende Zitat von
Anselm Grün sollte auch dem begeistertsten Anhänger wenigstens nachdenklich stimmen bzw.
ernüchtern: In manchen Köpfen schwirrt noch immer die Idee herum, dass Gott seinen Sohn
sterben lässt, um unsere Sünden zu vergeben. Doch was ist das für ein Gott, der den Tod seines
Sohnes nötig hat, um uns vergeben zu können? („Erlösung“, Kreuz-Verlag 2004, S. 7).

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Wohin führt die „Emerging Church“-Strömung?

Eine Beurteilung des Buches von E. R. McManus: Eine unaufhaltsame Kraft

Von Rudolf Ebertshäuser

Erwin Raphael McManus veröffentlichte sein Buch „An Unstoppable Force. Daring To Become
The Church GOD Had In Mind“ im Jahr 2001; die deutsche Übersetzung erschien 2005 bei
Gerth-Medien. Ich habe nur das amerikanische Original gelesen und beziehe mich im folgenden
darauf. Das geschieht u. a. deshalb, weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß die deutschen
Übersetzungen gewisser amerikanischer Autoren (z. B. Rick Warren) von den Verantwortlichen
vielfach stillschweigend „geglättet“ werden, so daß Aussagen, die ihnen für das deutsche
Lesepublikum zu „gefährlich“ sind, einfach gar nicht oder verharmlosend wiedergegeben werden.
Ich übersetze die Zitate deshalb selbst aus dem Englischen und gebe hin und wieder das
englische Original in Klammern wieder. Diese Stellungnahme ist Teil meiner Untersuchungen für
ein ausführlicheres Buch mit dem Arbeitstitel „Der breite Weg der modernen Evangelikalen“, in
dem ich u. a. auf die Lehren von Rick Warren, Bill Hybels, die „Emerging Church“ und die „Neue
Spiritualität“ eingehen möchte, und das, so Gott will, 2007 erscheinen soll.

McManus und die „Emerging-Church“-Strömung


Erwin Raphael McManus, etwa Mitte 40, studierter Psychologe und Absolvent eines baptistischen
Predigerseminars, ist zur Zeit der leitende Pastor der „Mosaic“-Gemeinde in Los Angeles, einer
aus verschiedenen Nationalitäten zusammengesetzten „postmodernen“ Gemeinde mit vielen
Künstlern und über 2000 Besuchern, die der „Emerging-Church“-Strömung zugerechnet wird. Er
ist ein viel gefragter Redner, der u. a. auch bei „Willow-Creek“-Kongressen auftritt, und hat
mehrere Bücher geschrieben, die fast alle auch auf Deutsch erschienen sind: An Unstoppable
Force. Daring To Become The Church GOD Had In Mind (2001), dt. „Eine unaufhaltsame Kraft.
Gemeinde, die die Welt verändert“ (2005), Seizing Your Divine Moment. Dare to Live a Life of
Adventure (2002), dt. „Gottes Träume leben. Aufbruch in ein heiliges Abenteuer“ (2004), neu
hrsg. als Chasing Daylight (2006); Uprising. A Revolution of The Soul (2003), dt. „Aufstieg aus
der Asche. Wie unser Glaube Flügel bekommt“ (2006); The Barbarian Way. Unleash The
Untamed Faith Within (2005), dt. „Go wild! Schluß mit dem braven Christsein“ (2005), Stand
Against The Wind. Awaken The Hero Within (2006).

Bevor wir auf das Buch eingehen, soll zunächst einiges über die „Emerging-Church“-Bewegung
gesagt werden, zu der auch McManus gerechnet wird, und die unter amerikanischen
evangelikalen Kreisen rasch Einfluß gewinnt. Diese Strömung versteht sich als Vorhut der neu
„aufkommenden“ oder „auftauchenden“ (engl. emerging) postmodernen Kirche oder Gemeinde
des 21. Jahrhunderts. Sie ist geprägt vom Erbe der „Gemeindewachstumsbewegung“ (Donald
McGavran, C. Peter Wagner, Robert Schuller, Bill Hybels, Rick Warren), von dem sie sich
allerdings in manchem auch etwas abgrenzt, von der Charismatischen Bewegung, besonders
von gewissen Irrlehren über das „Reich Gottes“ und „Lobpreis“, sowie vom geistigen Klima des
modernen Evangelikalismus, der der Bibeltreue längst abgesagt hat.

Der „Emerging-Church“-Strömung gehören zumeist jüngere, intellektuell geprägte Absolventen


von Predigerseminaren an, die als Pastoren bzw. Gemeindegründer einen neuen Weg gehen
wollen, um die „postmodernen“ Menschen, insbesondere die Generation der 16-30jährigen,
anzusprechen. Dabei sind sie selbst von der postmodernen weltlichen Philosophie und
Lebenshaltung geprägt. Diese kann man vereinfacht so beschreiben:

* Bewußte Abwendung vom Denken der „Moderne“, das von Vernunft- und
Wissenschaftsgläubigkeit geprägt war
* Öffnung für intellektuellen Zweifel, das Irrationale, Gefühle, das Übernatürliche
* Ablehnung aller absoluten Wahrheiten und „dogmatischen“ Lehraussagen
* Zweifel an der Fähigkeit der menschlichen Vernunft, zuverlässig zu erkennen
* hinterfragendes Auflösen aller sicheren Lehraussagen (deconstruction) und ihre
Umwandlung in einem nur noch relativen, veränderten Bezugs- und
Deutungsrahmen („Rekonstruktion“/reconstruction; „Wiedererfinden“/„reinventing“;
„reimagining“)
* Gespräch, offener Dialog und Erzählen von bedeutungsvollen Geschichten anstatt lehrhafter
Vermittlung und
Festsetzung
von bestimmten Grundsätzen, Überzeugungen usw.
* Betonung der Erfahrung, des Gefühls und der mystischen Eingebung gegenüber Lehre und
Verstand
* Betonung des ehrlichen Sich-Selbst-Seins und des „authentischen“ (echten) Lebens gegenüber
Normen und
Geboten; existentialistische Lebenshaltung

Das sind Denkweisen, Werte und Grundsätze, die zutiefst heidnisch sind und ihre Wurzeln in der
griechischen Philosophie und antiken heidnischen Religionen haben. Sie sind keineswegs etwas
Neues unter der Sonne; sie waren im 20. Jahrhundert bereits von Existentialisten, Hippies und
New-Age-Anhängern propagiert worden. Daß das nachchristliche Neuheidentum einen solchen
Relativismus immer anziehender findet, hat nicht nur etwas mit dem offenkundiger werdenden
Bankrott der weltlichen „Vernunftreligion“, des Rationalismus mit seiner naiven
Wissenschaftsgläubigkeit, zu tun. Es hängt auch damit zusammen, daß die Weltgeschichte mit
immer rascheren Schritten auf das Kommen des Antichristen zugelenkt wird, und für den Eintritt
in dieses Neue Zeitalter (New Age) bereitet der Gott und Fürst dieser Welt seine Anhänger vor,
indem er sie zunehmend öffnet für Mystik, falsche Propheten und falsche Wunderzeichen.

Die Religion und das Denken in der antichristlichen Endzeit müssen, wenn man die Bibel
daraufhin studiert, offen sein für mystische Geistererfahrungen, Wunder und falsche „Botschaften
von Gott“. Wenn alle Wahrheit relativ ist, dann gibt es auch viele verschiedene Wege, die alle
gleichberechtigt zu dem „Gott“ dieser Welt führen. Die Postmoderne führt auf religiösem Gebiet
zur Gleichberechtigung aller religiösen Überzeugung und darüber hinaus zu religiösen Einheit
aufgrund einer gefälschten mystischen „Gotteserfahrung“. Damit ist die Verbindung mit den
verschiedenen New-Age-Lehren vorgegeben.

Die Verfechter der „Emerging-Church“-Bewegung sind sich bei allen unterschiedlichen


Ausprägungen darin einig, daß die Bibel für sie nicht mehr die verbindliche, völlig genügende
Grundlage und Norm für all ihr Glauben, Denken und Leben ist. Ohne es deutlich zu formulieren,
nehmen sie den Standpunkt von Barth, Bultmann und anderen bibelkritischen Theologen ein, der
besagt, daß die Bibel nicht die völlig genügende, vollkommene Selbstoffenbarung Gottes ist, das
„Wort der Wahrheit“, auf das wir im Glaubensgehorsam unser ganzes Leben bauen können,
sondern daß sie angeblich nur „Gottes Wort enthält“, daß sie ein „Mythos der Gemeinde“ ist –
„erhaben“, „bedeutsam“, aber nur Rohstoff für das Denken und die Religion, nicht vollkommene
Norm. Die Anhänger der „Emerging Church“ suchen in Abgrenzung zum „modernen“ Christentum
nach einer „alten“, „ursprünglichen“, „aufs Wesentliche zurückgeführten“ Spiritualität, aber ohne
die Bindung an die Bibel landen sie nur bei Anleihen an die katholische heidnische Falschreligion
oder an die heidnische Spiritualität des New Age.

Die postmodernen „Jesus-Nachfolger“ reden noch von „Glauben“, von „Leidenschaft für Jesus“,
von Opfer und brennendem Einsatz für „das Evangelium“ – aber sie haben die Grundlage des
echten, biblischen Christentums bewußt verlassen, sie haben dem ein für allemal den Heiligen
überlieferten Glauben (Jud 3) abgesagt. Sie basteln sich einen falschen „Jesus“ aus den
Evangelien zurecht, verwerfen aber das Wort des erhöhten Herrn in der Lehre der Apostel. Ihre
Abneigung gegen jede Art von Lehre überdeckt die Tatsache, daß sie die gesunde Lehre und das
wahre apostolische Evangelium verlassen haben. Die „mutigeren“ unter ihnen haben bereits die
Lehre des stellvertretenden Sühnopfers Jesu Christi, des erlösenden Blutes, der realen Hölle und
ewigen Verdammnis für alle Ungläubigen offen verworfen; andere, wie McManus, die noch unter
konservativen Evangelikalen wirken wollen, begnügen sich mit in Frage stellenden Bemerkungen
(s. u.). Weit verbreitet ist die Irrlehre, daß auch Angehörige anderer Religionen ohne Glauben an
Jesus Christus gerettet werden könnten (so hat es neuerdings auch Billy Graham geäußert).
Manche Sprecher der „Emerging Church“, wie z. B. Brian McLaren, halten verschiedene Wege zu
Gott für legitim.

Eine Gemeinsamkeit der „Emerging-Church“-Leute besteht darin, daß sie eine konsequente
Anpassung an die Kultur und Denkweise ihrer postmodernen Zielgruppe für wichtig halten. Das
bedeutet Übernahme der weltlichen, gottlosen Pop- und Rockkultur, Einsatz von Videos, Tanz,
Theater, moderner Kunst und Internet. Sie sind stark auf „Erfahrung“ und „Erlebnis“ ausgerichtet
und meinen, Fernstehende vor allem durch das Erlebnis „authentischer Gemeinschaft“ erreichen
zu können. Sie sind meist stark mystisch orientiert, d. h. sie suchen eine heidnisch geprägte
religiöse Erfahrung der „Gegenwart Gottes“, die u. a. in Meditation und Stille erfahrbar sei. Sie
greift in ihrer Praxis viele verführerische katholische Praktiken auf, so z. B. die Benutzung von
Weihrauch, Kerzen und Bildern in den „Gottesdiensten“, bis hin zur Meditation und „Anbetung“
vor Ikonen. Es ist durchaus folgerichtig, daß diese Strömung offen ökumenisch ist und die
Vermischung verschiedener christlicher und teilweise auch nichtchristlicher religiöser Ansätze
befürwortet.

Die „Emerging-Church“-Strömung ist in den USA zunehmend mit der verführerischen Strömung
der „Neuen Spiritualität“ verbunden, die von den katholischen Priestern Thomas Merton und
Henri Nouwen, von dem Quäker Richard Foster und anderen (Brennan Manning, Dallas Willard,
Tony Campolo z. B.) geprägt wurde. Der Kern der „Neuen Spiritualität“ ist die Suche nach einer
intensiven Beziehung mit Gott über das „kontemplative [= betrachtende, meditative] Gebet“ und
verschiedene Meditationstechniken, die alle darauf hinauslaufen, mithilfe von „Mantras“ (d. h.
ständig im inneren Gebet wiederholten Wörtern; vgl. Mt 6,7) oder mit Atemtechniken den
Verstand zu entleeren und auszuschalten, damit eine „Gotteserfahrung” erreicht werden kann.
Das ist nichts anderes als die heidnische Mystik des Zen-Buddhismus oder Hinduismus in einem
„christlichen“ Gewand. Auf diesem Weg kommt es zu dämonisch gesteuerten „Geisterfahrungen“,
aber nicht zur Gemeinschaft mit dem wahren Gott. Die Verfechter der „Neuen Spiritualität“ treten
folgerichtig vielfach dafür ein, daß es verschiedene Wege zu Gott geben kann und daß die Mystik
der Buddhisten oder Moslems ebenfalls echte Gottesbegegnungen ermögliche.

Die Strömung der „Emerging Church“ hat eine stark verführerische Anziehungskraft vor allem auf
jüngere, intellektuelle, nicht wirklich wiedergeborene Christen im evangelikalen Umfeld.
Besonders evangelikale „Gemeindeleiter“ und „Gemeindegründer“ werden von ihrer Botschaft
angesprochen, sowie vor allem Jugendmitarbeiter in evangelikalen Gemeinden, denen der
mystisch-ursprüngliche Ansatz der „Emerging Church“ empfohlen wird, um junge Leute zu
angeln. Sie wird in Deutschland vor allem von Ulrich Eggers („Aufatmen“) und der „Stiftung
Christliche Medien“ gefördert, in deren Brockhaus-Verlag viele entsprechende Bücher erschienen
sind. Zu den wichtigsten Vertretern in den USA gehören neben Erwin McManus auch Brian
McLaren, Dan Kimball, Leonard Sweet, Tony Jones, Rob Bell, Donald Miller, Spencer Burke,
Doug Pagitt, Chris Seay.

Wichtige Aussagen des Buches „Eine unaufhaltsame Kraft“

Das Buch „Eine unaufhaltsame Kraft“ handelt davon, wie nach der Sicht von Erwin McManus die
Gemeinde wieder zu einer bestimmenden und umwälzenden Kraft in der heutigen Kultur und
Gesellschaft werden kann. Er hält dazu eine radikale Umformung (engl. transformation) für nötig.
Er will die Gemeinde von Verkrustungen und Traditionen befreien und sie angeblich zu der Kraft
und Authentizität (Echtheit) der Apostelzeit zurückführen; andererseits fordert er eine radikale
Anpassung an die heutige postmoderne Denkweise und Kultur. Nur so könne die Gemeinde
verhindern, daß sie ihren Einfluß auf die suchenden Menschen verliere und allmählich aussterbe.
Sie müsse wieder neu erkennen, daß es ihre Berufung sei, der Welt zu dienen und die Welt
durch ihren Dienst zu verändern. Dabei müsse sie sich von erstarrten Dogmen befreien und ganz
neu herausfinden, wie man die Kreativität und Begabung der Menschen freisetzen könne und
ihre Bedürfnisse nach Gemeinschaft und echtem spirituellem Leben erfüllen könne. McManus
setzt sich für ein radikales, „ganzheitliches“ (holistic) Christsein ein, das einen bestimmenden
Einfluß auf die Kultur und Gesellschaft des 21. Jahrhunderts ausübt.

Das hört sich vordergründig interessant an und spricht manchen modernen, besonders jüngeren
Christen sicherlich aus dem Herzen. McManus hat eine provozierende, intellektuell anregende,
halb-literarische Art zu schreiben; er verwendet auffällig viele sprachliche Bilder (Metaphern) und
bringt eine Menge „kreativer“ Gedanken vor, an denen manches dem Leser zunächst richtig
erscheint. Insbesondere kritisiert er die heutige „Christenheit“ mit sehr radikalen Worten; sie sei
zu einer Institution und einer menschlichen Religion verkommen, während Jesus ursprünglich
eine „Revolution“ und eine „Bewegung“ beabsichtigt hätte. Er kritisiert die Ichbezogenheit,
Selbstzufriedenheit und Passivität vieler heutigen Christen, ihren Mangel an Opferbereitschaft
und Glaubensmut und ruft zu einer Neubesinnung und „Erweckung“ auf, und in all dem könnte
man ihm zustimmen. Aber wenn man die Aussagen dieses Buches tiefergehend erfaßt und
biblisch nüchtern prüft, muß man feststellen, daß McManus nicht nur die satte, selbstzufriedene
Laodicäa-Namenschristenheit angreift, sondern die Grundlagen des biblischen Christentums
überhaupt.

In diesem Zusammenhang sollte auch eine Äußerung von McManus aus einem Interview mit
dem Christian Examiner aufwachen lassen, wo er sagt: „Mein Ziel ist es, das Christentum als
eine Weltreligion zu zerstören und als ein Katalysator zu wirken für die Bewegung von Jesus
Christus. Manche Leute regen sich über mich auf, weil es so klingt, als sei ich antichristlich. Ich
denke, sie könnten recht haben.“ [hier das englische Original: “My goal is to destroy Christianity
as a world religion and be a recatalyst for the movement of Jesus Christ. Some people are upset
with me because it sounds like I’m anti-Christian. I think they might be right.”]

Wahre, von Gott geschenkte Erweckung und Erneuerung bedeutet immer eine Umkehr zu Gottes
Wort und den ewigen Grundsätzen und Lehren der Heiligen Schrift. Aber McManus tritt in seinem
Buch letztlich für einen bewußten Bruch mit den Grundsätzen des biblischen Evangeliums und
des biblischen Gemeindelebens ein. Er will eine andere Gemeinde, die die Fundamente des
biblischen Christentums hinter sich läßt und zu neuen, noch nicht klar sichtbaren Ufern aufbricht.
Vieles in seinem Buch läßt erkennen, daß sein Modell einer „postmodernen Gemeinde“ letztlich
von heidnisch-weltlichen Philosophien und New-Age-Mystik geprägt wird. Einige seiner
Grundgedanken sollen im folgenden kurz skizziert und der Lehre der Bibel gegenübergestellt
werden:

1. Eine falsche Lehre über Gott, die Gemeinde und die Welt:

Die Bibel lehrt, daß die wahre Gemeinde aus der Welt herausgerufen und herausgerettet ist, daß
sie als ein heiliges Priestertum abgesondert für Gott lebt und sich nicht eins machen darf mit der
gottfeindlichen, sündenverseuchten Welt. McManus jedoch vermittelt eine völlig unbiblische,
verkehrte Sicht, die vom New-Age-Denken und weltlicher Ökologie geprägt ist. „Nach der Schrift
ist alles miteinander verbunden, und jede Handlung hat zumindest eine gewisse Wirkung auf das
Ganze. Auf dieselbe Weise ist die Gemeinde Teil des Ganzen; sie wird von der Welt um sie
herum beeinflußt und ist ihrerseits berufen, die Welt zu beeinflussen, in der sie existiert. Allzu oft
erkennt die Gemeinde nicht, daß sie ein Teil eines größeren gesellschaftlichen und spirituellen
Ökosystems ist, und daß ihre Rolle darin besteht, gerade das Element zu sein, das in diesem
ökologischen System Gesundheit bewirkt“.

Diese Lehre, daß das ganze Universum eins und miteinander verbunden sei, ist eine der
Fundamente des New-Age-Denkens. Die Anwendung auf die Gemeinde ist klare Irrlehre. Die
Gemeinde ist gerade nicht Teil der Welt und auch niemals berufen, die Welt gesund zu erhalten
oder gesunden zu lassen. Sie ist nicht von der Welt; sie ist die heilige Braut des Christus. Sie
bezeugt der Welt, daß sie unter dem Zorngericht Gottes steht und bald vergehen muß (2. Petrus
3) und ruft Menschen heraus aus dieser Welt (vgl. Joh 17,13-18; Eph 5,25-32; Phil 2,14-16; Tit
2,11-14; 2Pt 1,4; Jak 4,4; 1Joh 2,15-17). Aber diese klare biblische Lehre hat McManus längst
hinter sich gelassen; er redet offen davon, man müsse die Gemeinde „neu definieren“.

McManus behauptet, es sei die Berufung der Gemeinde, der Welt zu dienen und dabei sich
selbst (und damit vor allem ihre Heiligkeit und Absonderung von der Welt) aufzugeben. „Der
einzige Weg, wie Gemeindehäuser über Generationen hinweg gefüllt bleiben können, besteht
darin, daß die Gemeinde immer wieder neu lebt und stirbt und wieder geboren wird (…) wenn die
Gemeinde zu einem apostolischen Ethos erwacht, wird sie bereit sein, sich selbst wegzugeben,
damit andere leben können“ (18/19). „Doch die Gemeinde ist nicht berufen, in der Geschichte zu
überleben, sondern der Menschheit zu dienen“. „Das Leben der Gemeinde ist das Herz Gottes.
Das Herz Gottes ist es, einer gebrochenen Welt zu dienen“. „Wenn die Gemeinde eine
Bewegung ist, wird sie ein Zufluchtsort für eine ungläubige Welt“ (65). Die Bibel sagt aber ganz
klar, daß die Gemeinde berufen ist, dem lebendigen und heiligen Gott zu dienen (1Th 1,9) und
sich für Ihn zu heiligen (1Pt 1,14-16). Gerade durch ihren heiligen, von der Welt abgesonderten,
gottesfürchtigen Wandel ist sie ein Zeugnis für Gott (Phil 2,15; Tit 2,12-14).

Die Gemeinde wird so bei McManus zur Dienstmagd der Welt, die sich der Welt anzupassen hat,
um sie durch ihren Einfluß zu „heilen“ und zu „verbessern“. Das ist genau die Lehre der liberalen
Theologie und des Glaubensabfalls, aber in neuen, radikal klingenden Phrasen verpackt. Der
wahre Gott der Bibel herrscht über die Welt und wird sie einmal blutig richten – der falsche Gott
von McManus will die „gebrochene“, „kranke“ Welt durch eine falsche Kirche, die sich mit ihr
verschmelzt, reformieren und ihr Leben einhauchen. Für das wahre Evangelium ist das
Zorngericht Gottes über alle Sünde und Sünder ein wesentliches Fundament – aber McManus
tritt für eine „menschenfreundliche“ Neuorientierung des Evangeliums ein, ganz im Sinne von
Robert Schuller, dem Boten des falschen „positiven Evangeliums“: „Wenn wir das Evangelium
von Jesus ansprechen, dann scheinen wir irgendwie immer festgefahren zu sein bei der
Botschaft von Sünde, Verdammnis und Hölle. Kein Wunder, daß viele Leute meinen, die Kirche
habe ihnen nur schlechte Nachrichten mitzuteilen. (…) Was würde passieren, wenn die Leute das
Evangelium als eine Botschaft der Hoffnung hören würden und nicht als eine Botschaft des
Gerichts?“ (160).

Im biblischen Evangelium gibt es keine Botschaft der Hoffnung ohne die Botschaft des Gerichtes
Gottes. McManus spielt beides auf trügerische Weise gegeneinander aus.
McManus stellt kein offen vom biblischen Glauben abweichendes Lehrsystem vor, dazu ist er viel
zu gescheit, und das entspricht auch nicht der Methode der „postmodernen“ falschen Lehrer.
Aber seine Aussagen über Gott blenden Gottes Gerechtigkeit und Heiligkeit, wie sie die Bibel
lehrt, völlig aus, ebenso Seinen Zorn über die gottlose Welt und den einzelnen Sünder. Sein
„Gott“ ist der falsche Gott der „bedingungslosen Liebe“ (212), der nur Annahme, Heilung und
Befreiung kennt, ein Gott, der nicht herrscht und richtet, sondern angeblich nur danach verlangt,
„einer gebrochenen Welt zu dienen“. Wir finden bei McManus verführerische, der Bibel
widersprechende Aussagen wie „Gott ist der Wind der Geschichte“ (166) und „Gott ist ein Diener“
(175).

Der „Christus“ dieses Buches ist ein anderer, falscher Christus, dessen sühnendes Blutopfer
nirgends wirklich klar genannt wird, dessen Wiederkunft in die weiteste Zukunft verschoben wird
und so gut wie bedeutungslos erscheint, weil ja die Gemeinde das Reich Gottes auf Erden bauen
soll („ […] mit der Weisheit, daß er womöglich in den nächsten tausend Jahren oder darüber
hinaus nicht wiederkommt“ -19). Der „Geist“, von dem McManus angebliche prophetische
Gottesoffenbarungen erhält, ist nicht der wahre Heilige Geist, der die Bibel als unfehlbares Wort
Gottes eingehaucht hat und jeden Gläubigen durchs Wort zu Christus führt und dann ins Wort
immer tiefer hineinleitet, sondern ein falscher Geist, der widerbiblische Offenbarungen gibt und
vom Wort wegführt.

2. Abschied von der biblischen Lehre und von der Bindung an das Wort Gottes:

Ohne daß er das offen aussprechen würde, löst sich McManus in seinem Buch radikal von der
Grundlage alles bibeltreuen Gemeindelebens, nämlich von der verbindlichen Ausrichtung der
Gemeinde auf die geoffenbarte Lehre der Heiligen Schrift. Seine Argumente für eine
postmoderne Gemeinde sind praktisch durchgängig aus der modernen Sozialwissenschaft und
Philosophie abgeleitet, manches auch aus eigenen Erfahrungen oder kühnen Übertragungen aus
der Naturwissenschaft. Geschickt umgeht er die Tatsache, daß der Gemeinde in den Briefen des
Neuen Testaments die klare Lehre der Apostel als Leitlinie für alle Zeiten vorgegeben ist.

Stattdessen redet er davon, daß Vieles in der Bibel immer noch ein „Geheimnis“ [mystery] sei,
daß Gott unsichtbar sei und wir Ihn nicht klar erkennen könnten. Darin ähnelt er dem
Sprachgebrauch der Mystiker und der katholischen Kirche. „Wir wissen, daß es Gott gibt und daß
sein Name Jesus ist. Es gibt viele Dinge, die wir nicht wissen, aber was wir wissen, ist genug“
(58). „Und, ganz ehrlich, die Kirche klingt so gewiß in bezug auf alle Dinge. Es scheint gar kein
Vielleicht zu geben. Wir handeln, als hätten wir alles kapiert. Wir haben alle Antworten. Wenn du
verwirrt bist, dann komm zu uns, wir haben alles auf der Karte eingezeichnet. Es wirkt manchmal
so, als gäbe es gar kein Geheimnis, wenn es um Gott oder das Evangelium geht, aber Paulus
spricht davon als von einem Geheimnis. Und das letzte Mal, als ich es nachprüfte, war der Gott
der Bibel immer noch der unsichtbare Gott“ (59). Hier wird die typische postmoderne
Relativierung der absoluten Wahrheit der Bibel über Nebenbemerkungen eingestreut.
Sehr aufschlußreich ist die Aussage von McManus in einem Internet-Interview mit dem
RELEVANT-Magazin über sein Verhältnis zur Heiligen Schrift: „Ich baue mein Leben nicht auf
das Wort, sondern auf die Stimme Gottes“. An anderer Stelle im selben Interview sagt er: „Unter
der Oberfläche dessen, was wie Erfindung, Neuerung und Kreativität aussieht, liegt in Wirklichkeit
ein Kern von Mystizismus [a core mysticism], der von Gott hört, und der wird von etwas wirklich
Uraltem genährt. … Wir [Mosaic] sind zutiefst mystisch und schämen uns nicht dafür. Worum es
uns wirklich geht, ist, uns mit dem Schöpfer des Universums auf einer tief mystischen Ebene zu
verbinden“. Die „uralte“ Quelle, aus der dieser Mystizismus (im Griechischen eine Bezeichnung
für den Eingeweihten einer okkulten Geheimreligion) gespeist wird, ist nichts Göttliches, sondern
die babylonische Mysterienreligion (vgl. Offb 17,4-5)! Zusammen mit der Betonung von Träumen
und kreativen Vorstellungen, durch die der Gläubige angeblich von Gott geleitet wurde, zeigen
diese Äußerungen, daß McManus die biblische Ausrichtung auf die Heilige Schrift aufgegeben
hat zugunsten einer mystisch-charismatischen falschprophetischen Eingebung.

McManus entfaltet seine Ideen so gut wie überall ohne begründeten Bezug auf die Apostellehre,
die zeigt, wie Gott Seine Gemeinde haben will – und zwar vom 1. Jahrhundert bis zum letzten
ihres Daseins auf Erden! Wenn er die Bibel heranzieht, dann arbeitet er mit willkürlichen, frei
erdachten Umdeutungen und Ableitungen. So benutzt er die Entscheidung des Apostelkonzils
gegen die Beschneidung der Heiden, um zu „beweisen“, daß die Gemeinde sich den
Ungläubigen anpassen müsse, um ihnen den Schritt zu Gott leichter zu machen (87).

Seine Ablehnung von Lehre (die im klaren Widerspruch zum NT steht – vgl. Apg 2,42; Röm 6,17;
1Tim 4,6+16; 1Tim 6,3; Tit 1,9; Tit 2,1; 2Joh 1,9) begründet er mit Aussagen wie „Biblische
Auslegung muß missiologisch sein, nicht theologisch … Sie nehmen die Bibel in Dienst, um die
Antworten zu finden, die für Ihr Leben erforderlich sind“ (72). Damit meint er, sie müsse einseitig
aufs Handeln bezogen sein statt auf begründeter und systematischer Auslegung der Schrift zu
fußen, und sie müsse der „Sendung“ der Kirche, wie er sie versteht, untergeordnet sein.
Folgerichtig befürwortet er auch das bedürfnisorientierte Predigen, das auf praktische
Anwendung ausgerichtet ist statt auf Lehre und Erkennen (126).

Er fordert die Leser auf, alle Annahmen und Voraussetzungen ihres Bibelverständnisses
wegzulegen und es zuzulassen, „daß die Bibel ganz neu zu uns spricht“ (188). Damit meint er
auch die ganze Frucht der gesunden Lehre, die in der wahren Gemeinde über Jahrhunderte von
Gott gegeben wurde. In typischer New-Age-Sprache formuliert er ein „Gesetz“, das der Bibel
völlig zuwiderläuft: „Wenn ein neues Paradigma [= Grundsatz, Denkweise, ein typischer New-
Age-Begriff, RE] aufkommt, kann unser Wissen im Rahmen des früheren Paradigmas
unwesentlich und sogar hinderlich für einen Erfolg im neuen Paradigma werden … die
entscheidende Regel, um im neuen Paradigma zu überleben und zu gedeihen, ist die „Zurück-
auf-Null“-Regel, die besagt, daß alles auf Null geht, wenn ein Paradigma sich ändert. … Für uns
bedeutet das Zurückgehen auf Null, daß wir die Schrift neu in Dienst nehmen und uns zugleich
von allen unseren Annahmen in bezug auf Methodologie trennen“ (187/188). Das ist die
heidnisch-postmoderne Methode der „Dekonstruktion“, der Auflösung bibeltreuer Lehre, um dann
eine Umdeutung an deren Stelle zu setzen. Zugleich fordert er die neuen Führer auf, die Sprache
der biblischen Verkündigung entweder als veraltet und untauglich zu verlassen oder ihre
Bedeutung neu zu definieren (126), was er selbst auch vielfältig tut.

Was soll nun an die Stelle der biblischen Lehre treten? Nach McManus müssen dies Bilder und
Geschichten sein, denn das sei der heutigen postmodernen Kultur alleine angemessen. Er
versteigt sich zu der Behauptung: „Die Gemeinde auf eine gänzlich vom Wort geleitete [text-
driven] Art zu betreiben bedeutet den Todeskuß für sie“ (17). Stattdessen solle man
bedeutungsvolle Bilder (auch im Sinne künstlerischer Darstellungen) und Metaphern (sprachliche
Bilder) verwenden. McManus tut dies am laufenden Band. So benennt er die Rolle des
Pastors/Gemeindeleiters mit bildhaften Bezeichnungen wie „spiritueller Künstler“ (137),
„kultureller Architekt“ (132), „spiritueller Umweltschützer“ (165) – und alle dienen sie dazu, Dinge
zu lehren, die völlig von der klaren Lehre der Bibel über den Aufseher oder Ältesten abweichen!
Ja, für ihn ist das Kreuz nur noch die „zentrale Metapher“ der Kirche! (33).

Schlimmer noch wird es, wenn McManus die Elemente der von ihm geforderten spirituellen
Transformation (ein New-Age-Begriff) bildhaft mit den klassischen esoterischen „Elementen“ (vgl.
Kol 2,8 Alte Elberfelder!) Wind (Luft) – Wasser – Holz – Feuer – Erde darstellt. Die
dazugehörenden Illustrationen von Künstlern aus der „Mosaic-Gemeinde“ enthalten die
entsprechenden chinesischen Schriftzeichen (wie im Taoismus) sowie kleine Symbolbilder, die
an das okkulte taoistische Yin-Yang-Symbol angelehnt sind – am deutlichsten die Illustration zu
„Wasser“ auf S. 169! Auch hier zeigt sich, daß das Bild [gr. eidolon, das Idol, auch das
Götzenbild] das Medium des Satans, des Verführers ist, während die Wahrheit Gottes durch das
WORT vermittelt wird. Es ist bezeichnend, daß in der babylonischen Falschreligion das Bild
immer wieder ein wesentliches Mittel der Verführung war und ist (Götzenbilder, Mandalas,
Ikonen, katholische Kirche).

Der andere Ersatz, den McManus für das Wort und die Lehre der Schrift anbietet, sind
Geschichten (stories). In klassischer weltlicher Art definiert er: „Verpackt in den Metaphern einer
Gemeinschaft sind die Geschichten. Jede Kultur hat Geschichten, die in ihrer Religion, ihrer
Mythologie oder ihren Volkserzählungen eingepackt sind“ (117). Hier setzt er „Geschichten“ im
Grunde mit dem griechischen Begriff „Mythen“ gleich und unterstellt, dies sei für alle Kulturen und
Völker zutreffend. Im nächsten Schritt stellt er das Wort Gottes auf dieselbe Ebene wie die
„Geschichten“ oder Mythen der Heidenvölker: „Die Bibel ist voller großer Geschichten (…)
Letztlich ist die Bibel eine große Geschichte (…) Die Geschichte der Bibel ist Gottes Absicht, die
Nationen zu sich zu bringen“ (117). Damit steht er auf der Ebene der klassischen Bibelkritiker, die
die Bibel ebenfalls mit den Mythen der Völker gleichsetzten. Er verleugnet damit praktisch, daß
die Bibel eine inspirierte Offenbarung Gottes ist, die neben objektiv wahrer Geschichte sehr viel
Lehre über Gott und Sein Heilshandeln enthält.

McManus treibt diese bibelkritische Haltung weiter, wenn er hinter die Schriften des Neuen
Testaments auf die anscheinend „authentischeren“ mündlichen Geschichten zurückgehen will:
„Die Gemeinde wurde aus Geschichten heraus geboren [!!]. Die Gemeinde des ersten
Jahrhunderts wurde durch die Erzählung geleitet. Es gab kein Neues Testament, es gab keine
Evangelien, um die Geschichte von Jesus weiterzugeben. Seine Geschichte wurde
Geschichtenerzählern anvertraut. Der christliche Glaube wuchs durch Geschichtenerzählen, nicht
durch Text [d. h. fixierte Worte - RE]. Erst später wurden die Geschichten zur Schrift. Wir müssen
zwar die Schrift mit größter Hochachtung behandeln, aber wir dürfen auch die Macht der
erzählten Geschichte nicht vernachlässigen“ (117/118).

Auch hier übernimmt McManus den bibelkritische Ansatz, der hinter das geschriebene Wort auf
eine „vorliterarische“ mündliche Überlieferung zurückgehen wollte, die angeblich „ursprünglicher“
ist als die niedergeschriebene, und wertet damit das geschriebene Wort ab. Außerdem leugnet er
im Endeffekt die große Bedeutung der apostolischen Lehrbriefe, die ja der Gemeinde und dem
einzelnen Gläubigen keine „Geschichten“, sondern verbindliche, von Gott inspirierte Lehre
vermitteln. Hier zeigt sich wieder die postmoderne Abneigung gegen das festgeschriebene,
autoritative Wort, das mit seinem „Es steht geschrieben“ der Infragestellung widersteht.

Es ist nur folgerichtig, wenn statt des biblischen Gebots „Verkündige das Wort, tritt dafür ein, es
sei gelegen oder ungelegen; überführe, tadle, ermahne mit aller Langmut und Belehrung!“ (2Tim
4,2) das Erzählen von Geschichten als Aufgabe der Pastoren und Führer betont wird:
„Apostolische Führer sind große Geschichtenerzähler, und sie sorgen dafür, daß die große
Geschichte eine zentrale Rolle bei der Formung des Ethos der Gemeinschaft spielt“ (117). Damit
sind nicht einmal ausschließlich biblische Geschichten gemeint, sondern auch rein menschliche
Geschichten, bedeutungsvolle Erlebnisse aus dem Leben des Leiters oder einzelner
Gemeindeglieder. „Geschichten enthalten in sich das Wesen des Ethos. Du kannst entweder zu
den Leuten von Gottes Macht reden, oder du erzählst ihnen die Geschichten, die Gottes Macht
enthüllen. (…) Großartige Führer sind großartige Geschichtenerzähler. Großartige Gemeinden
haben großartige Geschichten. Großartige Geschichten erschaffen eine großartige Zukunft“
(122).

Wir werden hier an die prophetische Aussage in 2Tim 4,3-4 erinnert, die uns warnt: „Denn es wird
eine Zeit kommen, da werden sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern sich selbst nach
ihren eigenen Lüsten Lehrer beschaffen, weil sie empfindliche Ohren haben; und sie werden ihre
Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Legenden [gr. mythoi = Geschichten, Mythen]
zuwenden.“ Das Wort Gottes warnt uns also vor solchen, die lieber Geschichten hören als das
klare Wort Gottes und die gesunde Lehre der Apostel. Diese Warnung finden wir auch in 1Tim
1,3-4 in bezug auf Irrlehrer: „Ich habe dich ja bei meiner Abreise nach Mazedonien ermahnt, in
Ephesus zu bleiben, daß du gewissen Leuten gebietest, keine fremden Lehren zu verbreiten und
sich auch nicht mit Legenden [mythoi = Geschichten, Mythen] und endlosen
Geschlechtsregistern zu beschäftigen, die mehr Streitfragen hervorbringen als göttliche Erbauung
im Glauben …“

Ohne die biblische Lehre und das biblische Evangelium direkt anzugreifen (er ist immerhin noch
bei den „Südlichen Baptisten“ [Southern Baptists] und will dort noch viele beeinflussen), macht
McManus immer wieder Äußerungen, die zeigen, daß er die bibeltreue Lehre ablehnt. „Die Idee,
daß Menschen ohne Jesus in die Hölle kommen, ging solchen Christen viel zu leicht ein, die nur
Christen kannten. Alles beginnt sich zu verändern, wenn die Welt Ihr Freund wird, wenn die
Nationen Ihre Nachbarn werden“ (52/53). „Wenn wir vom Evangelium Jesu Christi sprechen,
dann kreisen wir irgendwie zwanghaft um die Botschaft von Sünde, Verdammnis und Hölle. Kein
Wunder, daß viele Leute das Gefühl haben, die Gemeinde habe nur schlechte Nachrichten für
sie“ (160). Nebenbei erfährt man, daß er offensichtlich dafür ist, daß auch Katholiken und
Homosexuelle in seiner modernen Gemeinde einen Platz haben sollten (143).

3. Anpassung an die Kultur und das Denken der Welt und eine falsche „Reichgottes“-Lehre:

McManus verwirft die biblische Lehre, daß die Gemeinde von der Welt abgesondert und heilig für
Gott leben und dienen soll. Er behauptet, wie wir oben gesehen haben, daß die Gemeinde sich
selbst aufgeben müsse, um der Welt zu dienen. Dem entspricht seine Forderung, die Gemeinde
müsse ihre Botschaft und ihr geistliches Leben an die vorherrschende Kultur anpassen –
angeblich, damit sie die Menschen besser erreichen könne. Er begründet das mit einer völlig
falschen Anwendung Darwinscher Gedanken auf die Gemeinde: „Jedes lebende System, das
fruchtbar ist und sich vermehrt, muß sich an die Umwelt anpassen, in die es gesetzt worden ist …
Die Gemeinde muß sich akklimatisieren an eine Welt, die sich ständig verändert, oder sie wird
sich zur Bedeutungslosigkeit oder sogar zum Aussterben verurteilen“ (17).

Das ist ein ganz wichtiger, verführerischer Grundsatz bei McManus und anderen modernen
Gemeindewachstums-Lehrern. Völlig im Gegensatz zur Bibel lehrt er, die Gemeinde müsse in
ständiger Veränderung existieren und sich immer wieder selbst „neu erfinden“. Damit wird die
beständige Bindung an das Wort Gottes und die inspirierten Gemeindeordnungen der Schrift
außer Kraft gesetzt. McManus fordert die Leiter auf: „Sie müssen eine klare Theologie der
Veränderung entwickeln – eine Theologie, die den Übergang zu Neuem und die Umgestaltung
verlangt“ (189). Die einfachen Gemeindemitglieder werden durch die ständigen – von den
Führern vorgegebenen – Veränderungen verwirrt und entmündigt und ihrer festen Orientierung
beraubt. Nur die Führung mit ihrer „Vision“ und den „großen Träumen von Gott“ hat das Heft noch
in der Hand.

Wenn schon der Ausgangspunkt dieser ständigen Veränderungen ein unbiblisches und
weltförmiges Gebilde ist, bis in welche Tiefen des Glaubensabfalls wird dann die „Emerging
Church“ in 20 Jahren mutiert sein? Die völlig unbiblische Vorgabe der „ständigen Veränderung“
ist ein Mittel auch der modernen Managementtheorien zur Manipulation und Steuerung von
Organisationen. Das Ziel ist eine angebliche Höherentwicklung und Selbstvervollkommnung
durch ständige bessere Anpassung – und dieses Ziel hat in den Managementlehren eines Peter
Drucker oder Ken Blanchard mystische und New-Age-Hintergründe.

McManus fordert die Gemeinde auf, geistliche Ordnungen und Grundsätze des biblischen
Gemeindelebens preiszugeben, die er als „Traditionen und kulturelle Vorlieben“ abtut (34). Wie
die Vorläufer der „Gemeindewachstumsbewegung“ macht er den modernen ungläubigen
Menschen zum Maßstab, an dem sich das Gemeindeleben auszurichten hat. „Wir müssen jedes
nicht wesentliches Hindernis beseitigen, das denen gegenübersteht, die Gott suchen, aber ihn
noch nicht gefunden haben“ (87). Das bedeute, daß niemand die Kultur hinter sich lassen müsse,
in der er lebt (87). Damit leugnet er völlig, daß unsere heutige „Kultur“ völlig gottfeindlich und
durch die Sünde verdorben ist. Für ihn ist „Kultur“ ein neutraler, ja ein positiver Begriff. „Eine
Kultur ist ein schönes Kunstwerk, das Menschen als seine Leinwand benutzt. Die Formung einer
Kultur ist sowohl spirituell als auch natürlich“ (112). Ohne Hemmungen fordert er, man müsse
„Anbetung schaffen, die die Kultur ausdrückt, in der wir leben“ (25), und schildert die dämonische
Pop- und Rockmusik ganz positiv als Widerspiegelung der heutigen Kultur, als „weltliche
Anbetung“ und als das, was in der Erfahrung der Massen einem spirituellen Erlebnis am
Nächsten kommt (127).

Er redet von der „aufkommenden [neuen] Kultur“ [emerging culture], der auch die „aufkommende
[neue] Kirche“ [emerging church] entsprechen müsse. Diese Kirche müsse eine „Revolution“ und
eine „Bewegung“ sein, ständig in Veränderung, um mit der Kultur Schritt zu halten und angeblich
die Menschen für Jesus zu erreichen. Er verleugnet damit die Tatsache, daß die Gemeinde ein
von Gottes Geist gewirkter Organismus ist, der auf ewigen, seit zwei Jahrtausenden gleichen
Grundsätzen aufgebaut ist und nicht dem Diktat dieser Weltzeit und ihrer antichristlichen
Entwicklungen folgt, sondern dem ewigen Wort Gottes und dem Herrn, von dem geschrieben
steht: „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8). Eine weltförmig
gewordene Gemeinde ohne biblisches Fundament, die ein angepaßtes humanistisches
Falschevangelium verkündet, hat gar keine geistliche Kraft, sündige Menschen wirklich zur Buße
und Wiedergeburt zu führen. Sie kann nur scheinchristliche Mitläufer in ihre Reihen ziehen, die
wiederum die Weltförmigkeit und Abfallstendenzen in dieser „emporkommenden Kirche“ nur
verstärken. So ist diese Kirche, die da „auftaucht“ und „emporkommt“, zugleich eine geistlich zum
Untergang verurteilte Kirche.

Aber McManus geht über die bloße Anpassung an die „postmoderne“ Kultur weit hinaus. Er
vertritt in seinem Buch eine uralte, aber sehr gefährliche Irrlehre, die besagt, die Kirche
(Gemeinde) sei die führende Kraft der Gesellschaft, die berufen sei, auf allen Gebieten das
„Reich Gottes“ voranzutreiben, d. h. auch, es in Politik, Gesellschaft und Kultur ohne Christus und
anstelle von Christus aufzurichten. Diese falsche „Reichgottes“lehre hat ihre Wurzeln im frühen
Katholizismus, wo sie u. a. von Augustin vertreten wurde. Heute wird sie in
radikalcharismatischen Kreisen, von denen McManus eindeutig beeinflußt ist, als „dominionism“
gelehrt und praktiziert; sie ist mit der verführerischen Strömung der „Neuen Apostolischen
Reformation“ verbunden. Sie macht aus der von der Welt abgesonderten, leidenden reinen Braut
des Christus die weltförmige und machtausübende Hurenkirche, die der weltlichen Macht dient
und sie zu beeinflussen sucht.

Das war der Weg der katholischen Kirche seit dem 4. Jahrhundert; das war die Wurzel der
„christlich-abendländischen Kultur“, auf die sich McManus positiv bezieht. Es ist eine
Verfälschung der wahren Gemeindegeschichte, wenn McManus sagt: „Die Kirche des ersten
Jahrhunderts veränderte die Zeit. Sie schrieb die Geschichte neu. Sie beeinflußte die Kultur
radikal. Die Kirche lief voraus, nicht hinterher. Und aus dem Einfluß der Kirche kam die größte
Kunst, die größte Musik, und die größten Denker“ (66). Das alles trifft nicht auf die Gemeinde des
ersten Jahrhunderts zu, sondern auf die Hurenkirche des vierten Jahrhunderts. Die
abgesonderte, heilige Gemeinde des 1. Jahrhunderts gewann durch ihr mutiges, der damaligen
„Kultur“ völlig entgegenstehendes Zeugnis viele Menschen für Christus und verbreitete das wahre
Evangelium. Die Weltkirche nach dem 4. Jahrhundert verriet das Evangelium und beeinflußte die
weltliche Kultur und Gesellschaft mit ihrem Namenschristentum. Wie unbiblisch und weltlich
McManus denkt, zeigt sich, wenn er als die „größten Denker“ die gottlosen Verführer Voltaire und
Nietzsche (!!) sowie Einstein und Hawking nennt.

McManus lehrt, die Gemeinde sei dazu berufen, die führende Kraft in der Gesellschaft zu sein,
die Kultur und die Werte (das „Ethos“) der Gemeinschaft zu prägen und umzugestalten, in der sie
lebt. Das widerspricht ganz klar der Lehre der Bibel, nach der die Welt (das umfaßt eindeutig die
nichtbiblischen Begriffe „Kultur“ und „Gesellschaft“) der wahren Gemeinde unversöhnlich feindlich
gegenübersteht, daß sie im Bösen ist und bleibt, bis Christus persönlich wiederkommt, um an ihr
Gericht zu üben und Sein Reich selbst als der persönlich herrschende König aufzurichten. Die
Lehre von McManus ist eindeutig weltlich und letztlich antichristlich, weil sie Menschen etwas
zuschreibt, was sie anstatt Christus vollbringen sollen, das die Bibel nur dem Herrn Jesus
Christus selbst zuschreibt. Nicht Menschen, auch nicht „Christen“, können diese Welt zum Guten
verändern und Frieden und Gerechtigkeit auf gesellschaftlicher und internationaler Ebene
einführen, sondern das kann nur der Herr selbst tun.

Gegen die ausdrückliche Anweisung der Schrift: „Habt acht, daß euch niemand beraubt durch die
Philosophie und leeren Betrug, gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß den
Grundsätzen der Welt und nicht Christus gemäß“ stützt sich McManus bei seinen Lehren auf die
griechische Philosophie (er zitiert mehrfach okkult beeinflußte Philosophen wie Sokrates, Heraklit
und Platon) und auf die katholischen Irrlehren statt auf die Bibel. Seine heidnischen „Ethos“lehren
entbehren jeder biblischen Grundlage und verführen die Gemeinde. Einige Zitate sollen hier
angeführt werden: „Ethos: der grundlegende Charakter oder Geist einer Kultur; das
zugrundeliegende Empfinden, das die Glaubensüberzeugungen, Sitten und Handlungen einer
Gruppe oder Gesellschaft beeinflußt“ (97).
„(…) wir müssen erkennen, daß es gewichtige unsichtbare Mächte gibt, die unser Leben formen.
Einige davon hängen mit unserer Beziehung zu den unsichtbaren Königreichen zusammen.
Andere sind Teil einer unsichtbaren Macht, die wir Ethos, Kultur oder Umwelt nennen. Viel zu
lange haben wir die Stärke dieser unsichtbaren Macht unterschätzt.“ (98/99) „Ethos hat die
Fähigkeit, alles in unserem Leben zu beeinflussen und zu formen“ (100). „Kein Reich ist
mächtiger als der Ethos. (…) Es ist entscheidend, daß wir [in der Kirche] die Macht des Ethos
wieder gewinnen. Wenn wir dies tun, werden wir nicht nur die evangelistische Ausrichtung der
örtlichen Gemeinde wiederherstellen, sondern wir werden auch den transformierenden Einfluß
hervorbringen, der die Kultur formt und umformt“ (102/103).

McManus verleugnet die biblische Wahrheit, daß das „Ethos“ unserer „Kultur“ von der
unsichtbaren Macht des Satans geprägt ist; die Bibel nennt das beim Namen: „in denen ihr einst
gelebt habt nach dem Lauf dieser Welt, gemäß dem Fürsten, der in der Luft herrscht, dem Geist,
der jetzt in den Söhnen des Ungehorsams wirkt“ (Eph 2,2) „… die Weltbeherrscher der Finsternis
dieser Weltzeit, … die geistlichen [Mächte] der Bosheit in den himmlischen [Regionen]“ (Eph
6,12).

Für McManus ist Ethos und Kultur neutrales Land, das die Kirche angeblich heute schon führend
beeinflussen kann. „Kann die Gemeinde die Kultur erschaffen und formen? Ich bin überzeugt,
daß die Antwort ‚Ja’ lautet. Dieses ganze Buch ist eigentlich auf der Überzeugung aufgebaut, daß
die Gemeinde genau das tun muß, mehr als irgend etwas anderes“ (101). „[Gottes] höchstes Ziel
für die Kirche ist nicht, daß sie der kulturellen Veränderung folgt, wie der Wasserskifahrer dem
Boot, sondern daß sie die dynamische, als Katalysator wirkende Gemeinschaft ist, die
Veränderung in eine Welt bringt, die den Gott der Veränderung so dringend braucht“ (82). Mit
diesen Irrlehren wird die Gemeinde von ihrem eigentlichen Auftrag abgelenkt, ein heiliges
Zeugnis für Gottes Heilsbotschaft zu sein und damit Menschen aus der verdorbenen Welt und
ihrer völlig verdorbenen „Kultur“ herauszurufen; sie wird zur innerweltlichen Reformkraft gemacht,
die letztlich vom Geist dieser Welt gesteuert ist.

Die Irrlehren von McManus gehen darüber noch hinaus. Sie geben der Gemeinde eine völlig
unbiblische Schlüsselrolle in den „globalen Veränderungsprozessen“ des 21. Jahrhunderts. Hier
wird es ganz gefährlich, denn nach der Bibel ist die „globale Transformation“, die in der Welt
heute vor sich geht, die Vorbereitung auf die Herrschaft des Antichristen! Letztlich laufen die
großen Worte von McManus darauf hinaus, eine entartete, verweltlichte Kirche zum Werkzeug
der Veränderung (change agent) für die weltweiten antichristlichen Entwicklungen zu machen, die
unter der Förderung der (völlig antichristlich und New-Age-beeinflußten) Vereinten Nationen
ablaufen. Er spricht davon, daß wir angesichts der Globalisierung in der Welt „globale Christen“
mit einer „globalen Verantwortung“ werden müßten (26; 50); das erinnert uns sehr an die New-
Age-Parolen vom „globalen Denken“. „Die Welt wartet darauf, daß die Gemeinde noch einmal zu
Gottes Urheber der Veränderung [God’s agent of change] wird“ (29).

Das ist niemals der biblische Auftrag der wahren Brautgemeinde; sie wartet auf den
wiederkommenden Herrn, der allein wahre Veränderung zum Guten in dieser Welt bewirken
kann. Die Kirche, die sich in die heute ablaufenden „globalen Veränderungen“, „Friedenspläne“
und „sozialen Reformen“ einbinden läßt (wie es auch Rick Warren mit seinem PEACE-Plan tut),
ist die abgefallene Hurenkirche. Diesen Irrweg haben die liberaltheologischen Kämpfer für das
„soziale Evangelium“ (Ökumenischer Weltrat der Kirchen) schon vor Jahrzehnten beschritten,
und nun folgen die Aktivisten der „Gemeindewachstumsbewegung“ ihnen nach.

Die Gemeinde, so McManus, habe es versäumt, „eine Armee von Heilern“ zu sein, „die den
Planeten [Erde] anrühren“ (30). „Gott beruft uns, Menschenfischer zu werden und Eroberer von
Nationen“ (118). In diesem völlig unbiblischen, von extremcharismatischen Irrlehren der
„geistlichen Kriegsführung“ beeinflußten Sinn versteht er auch das Reich Gottes, wenn er
schreibt: „Die Kirche zu führen bedeutet, das unsichtbare Königreich voranzubringen. Und so
wird vieles sichtbar. Du beginnst, die Pforten der Hölle zu sehen. Du beginnst, die Mächte und
Fürstentümer zu sehen …“ (37; vgl. S. 43). „(…) der Führer [einer neuen Gemeinde] wird am
besten beschrieben als ein Krieger-Dichter, der Gottes Volk dazu führt, das Reich der Finsternis
zu besiegen. Solch ein Führer wird Leute aus der Gefangenschaft befreien und sie zur Freiheit
Christi führen und wird das Reich Gottes ausweiten (…)“ (130). McManus versteigt sich zu der
Aussage: „Die zukünftigen Führer dieser Welt werden von irgendwoher kommen. Sollte es nicht
die Kirche sein?“ (183).

4. Eine gefährliche Betonung „apostolischer Leiterschaft“

Mit dem unbiblischen Machtanspruch in Gesellschaft und letztlich auch Politik geht eine ebenso
unbiblische Betonung einer „apostolischen Leiterschaft“ einher, die angeblich eine Schlüsselrolle
bei der „Erneuerung“ der Gemeinde zu spielen habe. Dieser Begriff wird von McManus schillernd
verwendet; er verweist nicht nur zurück auf die Zeit der ersten Apostel, sondern beinhaltet
ziemlich deutlich, daß Gott angeblich auch heute wieder „Apostel“ bzw. „apostolische Führer“
berufe, die in ähnlicher Weise wie die ersten Apostel mit Autorität und Geistesgaben ausgestattet
seien. „Die Führer der Gemeinde müssen Apostel, Propheten und Evangelisten sein, nicht
einfach Hirten/Lehrer“ (61).

Von den „apostolischen Leitern“ wird zwar gesagt, daß sie „servant leaders“ („dienende Führer“)
sein sollten, aber in der Praxis wird ihnen eine sehr weitgehende Autorität zugesprochen, durch
„Visionen“ und „Träume“ das Volk Gottes zu neuen Ufern zu führen. Dagegen erscheinen die
einfachen Gemeindemitglieder mehr als passive, zu führende und zu formende „Basis“, die zwar
großen Freiraum in ihrer „Kreativität“ haben soll, die aber erst einmal „transformiert“ (= im Sinne
des „neuen Paradigmas“ umgepolt) werden muß.

Der Leiter ist die Zentralfigur; er hat die „Vision“ und soll sie vorleben, um andere nachzuziehen,
er empfängt die „großen Träume“ von Gott und begeistert andere dafür, er erkennt die Menschen
und führt sie in ihre „Berufungen“ ein, bevollmächtigt und führt sie dazu, ihr volles Potential
auszuschöpfen. Von diesen „begabten Leitern“ wird ganz offen ausgesagt, daß sie Menschen
magnetisch an sich ziehen werden (vgl. Apg 20,30: „… und aus eurer eigenen Mitte werden
Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen in ihre Gefolgschaft.“).
„Leute, die Masse haben, sind magnetisch … unsere geistliche Dichte wird uns magnetisch
machen … Dein Leben hat nun göttliche Triebkraft, und die, welche nach ihm suchen, werden
magnetisch zu deinem Leben hingezogen werden“ (78).

Die „apostolischen Leiter“ ersetzen als „neue Apostel“ im Endeffekt die Autorität der ein für
allemal gegebenen Heiligen Schriften, die in der sich ständig verändernden und anpassenden
„emporkommenden Gemeinde“ keinen wesentlichen Stellenwert mehr haben. Deshalb steht nicht
Verkündigung des WORTES im Mittelpunkt, sondern das Reden der prophetisch begabten neuen
Führer, durch die die Gemeinschaft zu neuen Horizonten geführt werden soll. „Die Stimme des
spirituellen Führers erzeugt, wenn darin das Herz Gottes widerhallt, eine Resonanz in den
Herzen derer, die schon nach Gott suchen“ (195). „Der Pastor ist sowohl Prophet als auch
Dichter (!!), der die lebendigen Worte Gottes spricht und Briefe schreibt, die atmen und
empfinden“ (138). Unter Berufung auf Joel 3 behauptet er, Gott erwähle sich „Visionäre und
Träumer“ als Führer; hier zeigen sich eindeutig radikalcharismatische Irrlehren bei diesem Mann,
der als Pastor der „Südlichen Baptisten“ auftritt.

Dabei wird auch angeknüpft an Theorien des New Age über Führerschaft und an ihre okkulte
Spiritualität. McManus zitiert nicht nur den esoterisch beeinflußten Mangagement-Experten Peter
Drucker (S. 20) und Ray Kroc, den Begründer von McDonald’s, sondern er schreibt auch:
„Weltliche Leiterschaft ist spirituell“ und führt als positives Beispiel den üblen Okkultisten und
Startrainer Phil Jackson an, der mit seiner Mannschaft „Chicago Bulls“ indianische Zauberrituale
praktiziert, sowie Steven Job, der anscheinend die Gründung der Computerfirma „Apple“ als eine
„Sendung von Gott“ bezeichnet und seine Verkäufer „Evangelisten“ nennt.

McManus formuliert völlig unbiblisch und ohne Unterscheidung der Geister: „Alles, was Führer
einmalig macht, ist spirituell … das Wesen ihrer wahren Führerschaft bleibt unfaßbar … Ob in der
Geschäftswelt, im Sport, in der Politik oder in der Religion, die Fähigkeit, eine Kultur des Erfolges
zu schaffen, wird mit mystischer Sprache beschrieben … Großartige Organisationen haben ein
Ethos der Großartigkeit … Großartige Vorstandsvorsitzende schaffen und formen das Ethos.
Großartige Präsidenten schaffen und formen das Ethos. Jeder von ihnen ist ein spiritueller
Führer“ (134/135).

Genau dieses Ideal eines „spirituellen Führers“ im Sinne der Mystik und des New Age steckt
hinter den Lehren von McManus über Leiterschaft. Die demütigen Hirten und Lehrer der „alten“
biblischen Prägung, die sich an das Wort der Heiligen Schrift halten, dieses Wort treu
verkündigen und die Herde in Abhängigkeit von ihrem Oberhirten weiden, sind für seine
hochfliegenden Pläne geradezu hinderlich. Hier zeigt sich auf die verführerische Gefahr, wenn
solche Botschaften vor teilweise noch recht jungen „Nachwuchsleitern“ gehalten werden:
Aufgeblasenheit, Hochmut und ein vermessenes Vertrauen auf falschgeistige „Eingebungen“ und
„Träume“ können ein böser Fallstrick für manche junge Menschen sein.

5. Verführung zu einer mystischen Welt-Kirche mit New-Age-Prägung

Das Buch von McManus ist insgesamt eine hochgradig verführerische Botschaft, die die
Gläubigen aus den bewährten, von der Apostellehre des Neuen Testaments geprägten Bahnen
herauslocken soll und sie zu neuen Ufern führen soll, in ein „Neues Zeitalter“, dessen Konturen
noch im Nebel bleiben, aber an verschiedenen Stellen schon recht deutlich zutage treten.

Wohin die Reise gehen soll, wird dem wachsamen Leser daran deutlich, daß immer wieder
Schlüsselbegriffe des New Age verwendet werden, der okkulten Bewegung des „Neuen
Zeitalters“, die die Geheimlehren des Westens mit den okkulten Traditionen der östlichen Völker
verbindet und einen mystischen „Christus“ erwartet, den der Bibelleser leicht als den Antichristen
entlarven kann. Diese Bewegung redet viel von der „Transformation“ der Kultur und Gesellschaft,
von dem neuen Zeitalter der globalen Vernetzung und des globalen Wandels, von einer
„Transformation“ des Einzelnen, besonders des Bewußtseins, von der schöpferischen Kraft der
Vorstellung und des Denkens, von dem „neuen Paradigma“ (dem neuen Prinzip / der neuen
Denkweise), das das „alte Paradigma“ ablösen soll, vom menschlichen Potential, das angeblich
auch ins Übersinnliche reicht, von der „neuen Spiritualität“, davon, daß das Leben eine
„spirituellen Reise“ sei usw.

Diese Begriffe, die ja vom Denken und den Lehren des New Age geprägt sind, tauchen nun
immer wieder im Buch von McManus auf. Einige Beispiele seien angeführt (die meisten kommen
öfters vor): Neue Spiritualität (new spirituality – 52); Transformation (transformation – 81);
persönliche Transformation (personal transformation 162); spirituelle Reise (spiritual journey –
161; 169); Paradigma (paradigm – 187); holistisch / ganzheitlich (holistic – 27); menschliches
Potential (human potential – 108; 110; 181); global (global responsibility – 50; global christians –
26). Ein Bereich soll hier hervorgehoben werden, in denen McManus New-Age-Denken vertritt:
die Haltung zum „menschlichen Potential“ und zur „schöpferischen Kraft der Vorstellung“.

Die Bibel zeigt ganz deutlich, daß der natürliche Mensch ein beachtliches „Potential“ hat, aber ein
Potential zum Bösen, zur Sünde und Verderbnis! Schon vor der Flut heißt es von dem
„menschlichen Potential“: „Als aber der HERR sah, daß die Bosheit des Menschen sehr groß war
auf der Erde und alles Trachten der Gedanken seines Herzens allezeit nur böse …“ (1Mo 6,5).
Auch ein Paulus muß bekennen: „Denn ich weiß, daß in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts
Gutes wohnt“ (Röm 7,18). Demgegenüber behandelt McManus das „human potential“ ganz im
Sinne der damit verbundenen New-Age-Lehren: „(…) wenn wir viele Gemeinden von innen sehen
würden, könnten wir sehen, wie die Einzigartigkeit des menschlichen Geistes und das Potential,
das Gott in jede einzelne Person gelegt hat, vernachlässigt werden“ (108). „Das Geburtsrecht der
Gemeinde ist es, die Quelle der Kreativität und des menschlichen Potentials zu sein“ (110). „Gott
ist dabei, das göttliche Potential für sich in Anspruch zu nehmen [to reclaim the divine potential],
das er in jede einzelne Person gepflanzt hat“ (180).

Insbesondere die letzte Formulierung zeigt die Verwandtschaft mit den verführerischen Lehren
des „Neuen Zeitalters“: dort wird gelehrt, jeder Mensch habe „göttliche Fähigkeiten“, ein
„göttliches Potential“ in sich, das entfaltet werden müsse. So steht es auch in der
Selbstbeschreibung der von McManus gegründeten Bewegung AWAKEN: „In der Überzeugung,
daß die Welt von Träumern und Visionären verändert wird, dient AWAKEN dem Ziel der
Geschichte, indem es das göttliche Potential in jedem menschlichen Wesen maximal entwickelt“
[Convinced that the world is changed by dreamers and visionaries, Awaken serves the purpose of
history by maximizing the divine potential in every human being. – so nach WIKIPEDIA].

Wie im New Age und radikalcharismatischen Irrlehren auch, wird bei McManus dieses „göttliche
Potential“ in Zusammenhang mit der Vorstellungskraft (imagination), mit Träumen und Visionen
gesehen, durch die der Mensch angeblich die Realität verändern und für sich erschaffen könne.
„Eine Person, die geistlich gesund ist, träumt große Träume mit Gott“ (109), stellt er fest. Unter
Bezug auf Joel 3 und charismatische Lehren fragt er: „Was würde von geistlicher Leiterschaft
verlangt werden, wenn wir uns als Visionäre und Träumer verstehen würden? (…) Die Gemeinde
sollte ein Ort sein, wo Träumer gefördert werden und Visionen verwirklicht werden. Das
apostolische Ethos ist eine Sache des Staunens und der kindlichen Neugier, ein Ort, wo Ideen
geschätzt werden und wo eine geistinspirierte Vorstellungskraft freien Auslauf hat“ (139).

Aber seine Lehren über die angebliche schöpferische Kraft der Vorstellung gehen noch
eindeutiger in den Bereich okkulten und magischen Denkens hinein: „In Ihrem
Vorstellungsvermögen [imagination] haben Sie unbegrenzte Hilfsquellen, unbegrenzte
Leistungsfähigkeit und einen unbegrenzten Einflußbereich [!!]. In mancher Hinsicht sind wir im
unserem Vorstellungsvermögen am meisten Gott ähnlich. (…) wenn unsere Herzen mit Gott
verbunden sind, kann unsere Vorstellung der Geburtsort der Träume Gottes für unser Leben
werden. So lädt uns der Herr ein: ‚Ruft mich an, und sich werde euch Dinge zeigen, die Ihr euch
nicht erträumen oder vorstellen könntet.’ Ich bin überzeugt, daß unsere Vorstellungskraft das
Spielfeld Gottes ist, ein Platz, an dem Gott uns begegnet und uns eine Zukunft zeigt, die er durch
uns erschaffen kann. Welche Träume hat Gott in Ihr Herz gelegt? Haben Sie es ihm erlaubt, Sie
in Ihrer Vorstellung an Orte zu führen, an die er sie jetzt in der [realen] Geschichte führen will?
Wenn Gott träumt, formt sich die Wirklichkeit. Wenn wir von Gott [geleitet] träumen, dann werden
wir selbst transformiert und werden zu Urhebern der Transformation. Ein apostolisches Ethos ist
eine Eruption der Kreativität. Es wird zur Quelle des Idealen und Imaginativen“ (182/183).

Diese Lehren haben nichts mit der Lehre der Bibel zu tun. Wohl aber finden wir solche Gedanken
bei dem Irrlehrer Robert Schuller, der davon sprach, daß Gott uns „einen neuen Traum geben“
wolle, „der das Reich baut“, und bei Schullers Vorbild, dem Freimaurer Norman Vincent Peale,
der z. B. schrieb: „Ihr unbewußter Geist … [hat eine] Kraft, die Wünsche in Wirklichkeit
verwandelt, wenn die Wünsche stark genug sind“ (zit. n. Hunt, Okkulte Invasion, S. 117). Wir
finden sie bei charismatischen Irrlehrern wie Yonggi Cho und bei allen Arten von Schamanen und
Okkultisten. Das New Age lehrt, die Menschen seien Götter, die sich mit ihrem eigenen Geist ihre
eigene Realität erschaffen könnten (vgl. Hunt, Okkulte Invasion, S. 9).

Letztlich steckt hinter McManus’ Forderung nach ständiger Veränderung der Gemeinde auch der
New-Age-Gedanke von einer spirituellen Höherentwicklung durch Transformation, nicht nur in
bezug auf Einzelne, sondern auf die ganze Gemeinde, und dieser Gedanke ist pure Verführung
und ganz gegen die Lehre der Bibel gerichtet: „Das letzte Ergebnis des Veränderungsprozesses
ist nicht die Einführung irgendeiner einzelnen Veränderung, ganz gleich wie wichtig sie sein mag.
Es besteht darin, das Volk Gottes durch eine Reise zu bewegen, die sie vom Übergang zur
Transformation [Umgestaltung] führt“ (198). „Wir dürfen nicht zufrieden sein, bevor wir in eine
explosionsartige globale Transformation eintreten, die dem herausfordernden Auftrag gerecht
wird, die uns anvertraut wurde“ (48).

Mit mystischen, vagen und verführerischen Worten lädt McManus seine zumeist jüngeren Leser
ein, sich auf eine „spirituelle Reise“ zu begeben, die sie weit weg führt von dem biblischen Herrn
Jesus Christus und von der wahren Gemeinde Jesu Christi: „Der weite Ozean des Unbekannten
kann nur befahren werden mithilfe des Kompasses eines uralten Textes. Die Karten, die dich
leiten, widerspiegeln eine edle Vergangenheit, die willig ist, den gegenwärtigen Kontext zu
entziffern. Die Reise, zu der du aufgebrochen bist, sucht nicht nach der Welt, die du bisher
gekannt hast, sondern nach den Geheimnissen der zukünftigen Textstrukturen [textures]“ (10).
„Eine Bewegung beginnt. Sie mißachtet die Tradition. Seltsam heilig und zugleich frevlerisch.
Ohne Titel oder Privileg. Revolutionär. Aus der Unbekanntheit in die Geschichte. – Eine
Bewegung beginnt. Gegen alle Wahrscheinlichkeit. Unaufhaltsam. Alles in Frage stellend und nur
Gott verantwortlich“ (11). Diese Worte sind nicht vom Heiligen Geist Gottes, vom Geist der Bibel
geprägt; sie sind aus einem fremden, mystischen, heidnischen Geist. Wohl dem, der noch die
Geister unterscheiden kann!

Was McManus an heidnischen Irrlehren in bezug auf die Gemeinde zu Papier gebracht hat,
bringt er in seinem Buch The Barbarian Way. Unleash the Untamed Faith Within [w. „Der Weg
des Barbaren. Entfessele den ungezähmten Glauben, der in Dir steckt“; dt. Titel: „Go Wild!
Schluß mit dem braven Christsein“] im Hinblick auf das nachchristliche „Glaubensleben“ zum
Ausdruck. Hier verwirft er bewußt das biblische, von Bewußtheit und Nüchternheit (1Tim 3,2; Tit
2,2), Selbstbeherrschung (Gal 5,22; Tit 1,8), Geisteszucht (2Tim 1,7) und Anstand (Röm 13,13;
1Th 4,12) geprägte geistliche Leben und stellt dem Leser das verführerische Bild eines
heidnisch-keltischen „mystischen Kriegers“ vor Augen. Er wirbt für einen „ungezähmten“,
„urtümlichen“, rohen und wilden „Glauben“, den er im Vorbild der heidnischen Barbaren findet,
der wilden Kriegervölker, die zwar Mut und Kraftentfaltung aufweisen, aber auch Grausamkeit
und Verschlagenheit, übelsten okkulten Götzendienst und böse Mißachtung des Nächsten. Bei
McManus wird dieses heidnische Kriegertum idealisiert und die verführerische Losung
ausgegeben: „Wir müssen den Mut und die Freiheit finden, wir selbst zu sein!“

In einem Interview redet McManus davon, daß es im menschlichen Geist etwas gebe, das sich
danach sehne, ein edles, heroisches Leben zu führen. Seine Vorstellung von „Heldentum“ ist
aber heidnisch und damit antichristlich. Im Buch schreibt er: „Der Barbar ergreift den gefährlichen
Ruf Gottes zu einem Abenteuer“. Zu dem „barbarischen Weg“ gehört nach McManus auch, daß
ein gewisses Maß an Geistesgestörtheit [insanity] vorkommen kann und daß Gläubige von Gott
„um den Verstand gebracht“ würden. Hier finden wir wieder den Einfluß extremcharismatischer
und mystischer Irrlehren. Tatsächlich wirbt er wiederholt für einen mystischen Weg und
behauptet, wir müßten „mystische Krieger“ werden. Er behauptet völlig zu unrecht: „der Glaube
der Schriften ist ein mystischer Glaube“.

Diese üble Vermischung von brutalem Heidentum und angeblicher „Jesusnachfolge“ geht einher
mit einer verzerrten und verächtlichen Darstellung des „zahmen“ „zivilisierten“ echten biblischen
Christentums, das Sanftmut und Eifer, Besonnenheit und Glaubensmut, Zucht und Hingabe
ausgewogen miteinander verbindet. Lästerlich wird es, wenn er dem Herrn Jesus und den
Aposteln anhängt, sie seien „barbarisch“ gewesen. Seiner Feindseligkeit gegen das biblische
Christentum läßt er offen Lauf: „Der Weg von Jesus ist viel zu wild für ihre [der gezähmten
Christen] Empfindlichkeiten … Warum ein rücksichtsloser Aufruf, den barbarischen Glauben in
uns aufzuwecken, auch wenn wir damit riskieren, diese großartige Zivilisation zu gefährden, die
wir als Christenheit kennengelernt haben? … Es ist Zeit, den barbarischen Ruf zu hören, einen
barbarischen Stamm zu bilden und den barbarischen Aufstand zu entfesseln. Laßt den
Einmarsch beginnen!“

Wie die „Verwegenheit“ und der „rohe Glaube“ der „barbarischen Krieger“ in der Praxis aussehen
kann, zeigt sich in Einträgen auf der Webseite „into the mystic“ von Alex McManus, dem Bruder
und engen Mitstreiter von Erwin. Dort teilt er mit, daß er einen besonders radikalen und effektiven
„barbarischen Jesusnachfolger“ einmal fragte, ob er sich vorstellen könne, ein Bordell zu
eröffnen, um die „Kunden“ dort zu „erreichen“. Er antwortete: „Das hört sich gut an“. Auch wenn
Alex McManus dagegen Bedenken anmeldete, ist allein die Erörterung einer solchen Möglichkeit
und die Antwort des verführten Aktivisten ein Beleg dafür, in welche Verirrungen dieses
verwegene heidnische Pseudochristentum führen kann. Laut Alex McManus gibt es
„missionarische Aktivisten“ im Umkreis von „Mosaic“, die sich als Barkeeper ausbilden lassen, um
eine Bar zu eröffnen und so „Menschen zu gewinnen“. Tatsache ist, daß sich eine „Mosaic“-
Versammlung in einem Nachtclub abspielt und „Mosaic“-Gottesdienste in einem Club abgehalten
werden, in dem zahllose Maya-Götzenbilder und gespenstisch anmutende künstliche Felsen die
Kulisse bilden.

Ein Wort der Warnung

Ich kann nur vor der Bewegung der „Emerging Church“ warnen. Sie kommt nicht aus dem Geist
Gottes, sondern aus den verführerischen Geistesmächten, die in der Endzeit immer offener eine
falsche Christenheit aufbauen, die die Bibel und den wahren Herrn Jesus Christus verlassen hat
und auf einem verschlungenen Weg zu der Endzeit-Welteinheitsreligion ist. Dort wo die Bibel als
absolute Wahrheit und verbindliche Grundlage für Denken und Leben verlassen wird, da gibt es
keinen festen Halt mehr, und der Strom des gegenwärtigen Zeitlaufs trägt die irregeführten
„modernen“ und „postmodernen“ Christen immer weiter in den Abgrund der Hure Babylon, deren
Ende das Gericht und der Feuersee ist.

Auch vor Erwin McManus möchte ich warnen. Dieser Mann hat die nötigen intellektuellen und
rhetorischen Fähigkeiten und die Ausrüstung verführerischer Geister, um unreife, noch nicht
entschiedene Gläubige durcheinanderzubringen und zu verführen. Seine Lehren und seine
Bücher werden, so steht es zu befürchten, auch im deutschsprachigen Raum bewirken, daß
jüngere Christen vom biblischen Christentum abgewandt werden und sich auf die neuheidnische
Verführung der „Emerging Church“ einlassen. Im November 2006 ist er eingeladen, in der
Schweiz vor zahlreichen Jugendleitern und Jugendmitarbeitern, überwiegend aus evangelikalem
Hintergrund, zu sprechen.

Gerade Jugendliche, die sich vielleicht von den geschickten Worten eines Erwin McManus und
anderer Größen der „Emerging Church“ blenden lassen, möchte ich ernst und in Liebe warnen,
sich an die Bibel und das biblische Christentum zu halten. Aber die Warnung muß auch an die
Gemeindeältesten und Verantwortlichen in christlichen Werken gerichtet werden. Sie müssen vor
Gott Rechenschaft ablegen, wo sie ihre jungen Leute hinschicken und wen sie als Redner
einladen. Möge der Herr uns doch allen die Augen öffnen über die Verführungen dieser letzten
Zeit und uns nüchtern und wachsam machen!

Da nun dies alles aufgelöst wird, wie sehr solltet ihr euch auszeichnen durch heiligen Wandel und
Gottesfurcht, indem ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und ihm entgegeneilt, an
welchem die Himmel sich in Glut auflösen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden! Wir
erwarten aber nach seiner Verheißung neue Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit
wohnt. Darum, Geliebte, weil ihr dies erwartet, so seid eifrig darum bemüht, daß ihr als unbefleckt
und tadellos vor ihm erfunden werdet in Frieden! Und seht die Langmut unseres Herrn als [eure]
Rettung an, wie auch unser geliebter Bruder Paulus euch geschrieben hat nach der ihm
gegebenen Weisheit, so wie auch in allen Briefen, wo er von diesen Dingen spricht. In ihnen ist
manches schwer zu verstehen, was die Unwissenden und Ungefestigten verdrehen, wie auch die
übrigen Schriften, zu ihrem eigenen Verderben. Ihr aber, Geliebte, da ihr dies im voraus wißt, so
hütet euch, daß ihr nicht durch die Verführung der Frevler mit fortgerissen werdet und euren
eigenen festen Stand verliert! Wachst dagegen in der Gnade und in der Erkenntnis unseres Herrn
und Retters Jesus Christus! Ihm sei die Ehre, sowohl jetzt als auch bis zum Tag der Ewigkeit!
Amen. (2Pt 3,11-18)

Hervorhebungen von Horst Koch, Herborn, im November 2006

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Alexander Seibel

Die sanfte Verführung der Gemeinde

Inhalt

Passivität - Segen oder Fluch?

Die Identitätstheorie
Nachfolge Jesu und Gebet, aktiv oder passiv?
Wort oder Bild?
Passivität in christlichen Strömungen
Die wachsende Woge der Passivität
Das Fallen auf den Rücken
Verlust der Selbstkontrolle
Handauflegung unbiblischer Art
Parallelen zwischen New Age und charismatischer Bewegung
Wachsende Infiltration
Die Erfahrung der Exkursion der Seele
Die Renaissance der Mystik

Heilungsdienste - Bereicherung oder Verführung?

Ein populärer Heilungsdienst


Die Geistheiler und ihre Begleitsymptome
Wie wurde der Heilungsauftrag wiederentdeckt?
Ein biblischer Heilungsauftrag?
George Bennett und seine Heilungserfahrungen
John Wimber und die »Dritte Welle des Heiligen Geistes«
Der Einfluß von Agnes Sanford
Wunderheiler
Ermutigt die Bibel zu Wunderberichten?
Ist alle Heilung göttlich?
Der Sog der Verführung

Zeichen und Wunder


Worauf es ankommt

Vorwort

Irrationale Erlebnisse sind im Moment in einem unglaublichen Aufwind und breiten sich geradezu
epedemiartig aus. Fast gleichzeitig erreicht die Drogenwelle eine Dimension ungeahnten
Ausmaßes. Parallel dazu ist in christlichen Kreisen eine neue Begeisterung für »spirituelle«
Erlebnisse und berauschende Erfahrungen festzustellen.

Sind diese Entwicklungen rein zufällig, oder gibt es Zusammenhänge? Besteht möglicherweise
eine Verbindung zwischen Drogenvergangenheit und charismatischen Erlebnissen? Wie ist die
sich besonders durch die New-Age Bewegung ausbreitende Passivitäts- und Meditationswelle
einzuordnen?

Wir erleben im Moment einen zunehmenden Drang von Menschen, sich von einer übersinnlichen
Welt lenken und steuern zu lassen. Ist es nun bei Christen notwendigerweise jedes Mal der
Heilige Geist? Der Autor des vorliegenden Buches zeigt hier Gesetzmäßigkeiten auf, die jeden
kritischen Leser nachdenklich stimmen werden.

Neben der konsequenten Hinwendung zum Übersinnlichen ruft eine ständig kränker werdende
Menschheit immer eindringlicher nach Heilung. Heilung für den eigenen Leib und die Seele, aber
auch Heilung der Natur, Heilung für den sterbenskranken Globus.

Zu den zahlreichen New Age Therapeuten und Wunderheilern rückte in den letzten Jahren eine
weitere Gruppe ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, die sich auch aufs übersinnliche Kurieren
versteht. Es sind christlich religiöse Heiler Charismatiker, extreme Pfingstler. Sie hantieren mit
Zeichen und Wundern und wollen dadurch nicht nur Menschen an Leib und Seele
gesundmachen, sondern die hilfesuchenden Kranken auch zu einem ewigen Seelenheil geleiten.
Sie führen das »Wort Gottes« im Munde und mahnen ihr Publikum zur Buße und Umkehr von
ihrem sündigen Leben und zu einem Glauben an Jesus Christus.

Von außen betrachtet unterscheiden sich diese Heilphänomene allerdings kaum von denen der
New Age Heiler oder Geistheiler. Das Übersinnliche präsentiert sich in wichtigen Teilen hier wie
dort gleich.

Doch diese Zeichen und Wunder weisen eindeutig in eine andere religiöse Richtung, in die
christliche. Was ist von dieser Sorte von Heilern zu halten? Kann man sich ihnen guten
Gewissens anvertrauen? Welche biblischen Informationen können herangezogen werden, um
das Wirken der »christlichen Geistheiler« zu beurteilen? Dieses Buch will allen Fragenden und
Zweifelnden unterstützend zur Seite stehen, die hier Orientierung und Hilfe suchen.

Ulrich Skambraks

Zum Geleit

Vorliegendes Buch ist das Ergebnis mehrerer Ausarbeitungen zu aktuellen Fragen. Besonders
die Themen Heilung und Heilungsdienste haben immer größere Anziehungskraft und entwickeln
eine gewisse Eigendynamik. Daneben beobachtet man eine zunehmende Verunsicherung der
Gläubigen gegenüber diesen neuen Betonungen. Ist es tatsächlich der Ausdruck von mehr
Vollmacht, oder sollte es gar eine noch subtilere Verführung sein?

Doch auch das Phänomen der Rückenstürze in charismatischen und Heilungsversammlungen


beunruhigt die Gemeinde und wirft Fragen auf. Deswegen bin ich auch immer wieder um
Stellungnahmen gebeten worden.

Hier liegt nun eine Zusammenfassung und Überarbeitung der verschiedenen Themenbereiche
vor: eine Zusammenstellung, bei der besonders der Abschnitt über die Heilungsdienste auch
getrennt von den vorigen Ausführungen gelesen werden kann.

Es ist mein Wunsch und Gebet, daß das Buch dem Leser ermöglicht, aktuelle Strömungen
biblisch zu beurteilen. Es soll dazu Mut machen, das Schwert des Geistes, das Wort Gottes, neu
zu ergreifen. Möge es darin vielen zum Segen werden.

Alexander Seibel

Passivität - Segen oder Fluch?

»Trance« ist in unseren Tagen zu einem Modewort geworden. So sah man am Rande der
Berliner Sommer Uni ganze Schlafsäle voll Feministinnen »in Trance«. Im Zustand der Hypnose
möchte man aus der Tiefe der weiblichen Seele die bevorstehende Katastrophe meditieren.

Meditation ist ebenfalls ein Modewort geworden. So werden in einer christlichen


Seelsorgetherapie Zen-Meditation und meditative Selbsterfahrung empfohlen. »Traumarbeit«,
Traumdeutung ist ebenso aktuell geworden wie gruppendynamische Spiele, Autogenes Training,
Atemübungen usw. Auf einer Woge der Zustimmung und bald schon Begeisterung umarmt man
angesichts zunehmender seelischer Konflikte immer mehr Methoden, die in ihrem
Grundcharakter Passivität als Wurzel haben, und man erhofft sich darin Heilung in einer
verunsicherten Zeit.

Erwähnenswert ist dies deshalb. weil solche Methoden auch sehr stark in Kirchen und
Freikirchen eingedrungen sind und viele Gläubige sie kritiklos akzeptieren. Selbst Yoga-
Meditation scheint manch einem Christen der Schlüssel zum seelischen Gleichgewicht. Man wird
an die Klage Gottes im Propheten Jeremia erinnert: »Mein Volk tut eine zwiefache Sünde: mich,
die lebendige Quelle, verlassen sie und machen sich Zisternen, die doch rissig sind und kein
Wasser geben.« (Jer 2,1 3).

Kann man solchen Methoden gegenüber nun neutral bleiben? Sind sie nicht zunächst positiv
anzusehen, wenn doch erwiesenermaßen etliche dadurch subjektive Erleichterung erfahren
haben? Wie viele strahlende Gesichter schwärmen von den großen Vorzügen der TM. Kann man
hier für Christen nicht auch manches verwerten und das beste in einem christlichen Rahmen nun
den Gläubigen empfehlen? Oder sollten gar Gefahren damit verbunden sein?

Um dies näher zu beleuchten soll auf das Wesen der Passivität eingegangen werden. Einblicke
in Verbindung mit diesem Phänomen vermitteln vielleicht die Forschungsergebnisse von
weltlichen Wissenschaftlern. In Zusammenhang mit der Gehirnforschung haben u. a. die Namen
Wilder-Penfield und Sir John Eccles weltberühmtheit erlangt. Eccles ist Nobelpreisträger und
vielleicht die größte Kapazität auf diesem Gebiet. An den Ausführungen seines Buches Das Ich
und sein Gehirn kann man nun erkennen, wie die Identitätstheorie der Materialisten falsch ist.

Die Identitätstheorie

Was ist nun mit dieser Theorie gemeint? Das materialistische Weltbild, das in unseren Tagen in
verschiedenen Facetten und Verkleidungen in die Vorstellungen der Menschen eingesickert ist,
gestattet nicht die Existenz einer unsichtbaren Wirklichkeit oder einer unsichtbaren,
eigenständigen Persönlichkeit, die man mit Seele oder Geist bezeichnen könnte. Die
Persönlichkeit des Menschen sei demnach nur die Summe der hochkomplizierten
elektrochemischen Abläufe des Gehirns. Mein Gehirn ist folglich identisch mit meiner Person.
Ohne Gehirn gibt es keine Person, und wenn das Gehirn erstirbt, wird nach dieser Theorie auch
die Persönlichkeit des Menschen ausgelöscht.

Die beiden erwähnten Wissenschaftler haben nun erkannt, daß Ansicht überhaupt nicht den
Tatsachen entspricht. Ihre Forschungsergebnisse brachten sie zur Erkenntnis, daß unser Gehirn
vielmehr mit einer hochkomplizierten Maschine verglichen werden kann, die sich aber nicht
selber steuert, sondern von unsichtbarer Seite bedient wird.

Bei dieser »Bedienungsgröße« handelt es sich gewissermaßen um eine unsichtbare Person. Sir
John Eccles nennt es das »Selbst«. Diese beiden Forscher haben erkannt, - es soll hier so
deutlich formuliert werden -, daß das Gehirn selber nicht denken kann. Was tatsächlich denkt, ist
eine unsichtbare Seinsgröße, die als übergeordnete Instanz sich des Gehirns wie einer Maschine
bedient. Das Gehirn wurde, grob gesprochen, mit einem Klavier verglichen. Entscheidend ist
somit, wie dieser Vergleich eindrücklich zeigt, nicht das Klavier selber, sondern wer es bedient,
sozusagen darauf spielt. Unser »Ich« denkt mittels des Gehirns, so wie ein Programmierer mit
seinem Computer zusammenarbeitet.

Aus diesen Zusammenhängen wird auch folgendes verständlich: Nicht nur mein Geist kann die
komplizierte Maschinerie des Gehirns bedienen, sondern auch ein anderer Geist oder »Geist«
schlechthin. Auch duldet die Natur hier eigentlich keinen neutralen Bereich. Wenn der Mensch
selbst es ablehnt, sein Gehirn zu betätigen, sich also in einen Zustand der Passivität versetzt,
dann wird eben jemand anderer (Geist) sich dieses Organs bedienen.

Mit dieser Tatsache hängt das Phänomen von Zwangs- und Lästergedanken zusammen. Es ist
dies in unseren Tagen vielmehr verbreitet, als man allgemein annimmt. Menschen erhalten
Gedanken, Bilder, Eingebungen gegen ihren Willen aufoktroyiert. Christen, die sich aus der
Drogenszene heraus bekehrt haben, wissen davon zu berichten, wie sie anfänglich noch von
Zwängen, ungewollten Bildern und »flash backs « geplagt worden sind. Dave Hunt formulierte es
folgendermaßen:

»Als eine Maschine, die auch ein Geist bedienen kann, hat der Nobelpreisträger und
weltbekannte Hirnforscher Sir John Eccles das menschliche Gehirn bezeichnet. Normaler ist
meine Persönlichkeit der «Geist«, der mein Gehirn bedient. Aber wenn ich mich in einen
veränderten Bewußtseinszustand begebe und einer Macht die Kontrolle übergebe, die ein
Spiritist oder Meditationslehrer eine kosmische Kraft nennt oder ein Medium als einen Geist
bezeichnet, dann hindert nichts diesen neuen »Geist«, mein Gehirn zu steuern und darin
Erlebnisse hervorzurufen. die mir zwar sehr real vorkommen, in Wirklichkeit aber gar nicht
stattfinden.«

Nachfolge Jesu und Gebet - aktiv oder passiv?

Ein Missionar, der öfters in Indien weilte, erzählte mir persönlich: »Wenn man in Indien zu einer
Wahrsagerin geht, sagt sie als erstes: >Make your mind blank< (Mach deinen Verstand leer)«!
Man hört heute in wachsendem Maße von Gurus, Meditationslehrern, Therapeuten,
Gruppendynamikern u. a. Vorschläge wie: Öffne dich, laß dich fallen, entleere dich, versenke
dich, schalte deinen Verstand aus, laß dich gleiten usw. Außerdem verlangen der Hypnotiseur
und der Spiritist. daß man sich einfach passiv einem anderen Willen oder Geist aussetzt bzw.
ausliefert. So gesteht jeder Hypnotiseur, daß er dort nichts ausrichten kann, wo man ihm
willentlich aktiv widersteht.
Die Nachfolge Jesu und das Gebet sind nun das absolute Gegenteil von den oben erwähnten
Vorschlägen. Es heißt: Ringet, bittet, suchet, klopfet an, jaget nach, widersteht, fliehet, nahet
euch zu Gott, laufet in dem verordneten Kampf und als genaues Gegenteil zu Passivität: Wachet
oder seid wachsam.

Diese beiden grundlegenden Tatsachen sollen hier besonders gegenüber gestellt werden. Der
Heilige Geist erleuchtet den Verstand und aktiviert unseren Willen, der falsche Geist schaltet den
Verstand aus und bewirkt je nach Art der Infiltration verschieden stark - Zwang. Der Heilige
Geist macht wachsam, der falsche Geist passiv. Der Heilige Geist beeinflußt das Herz (Röm 5,5)
des Menschen, der verführerische Geist bedient sich des Leibes.

Der Heilige Geist bewirkt Selbstkontrolle. Es heißt in Gal. 5,22 bei der Auflistung der
Geistesfrucht u. a. »enkrateia«, welches auch mit Selbstkontrolle wiedergegeben werden kann.
Der falsche Geist sucht die Direktkontrolle. Der Heilige Geist bewirkt also, daß ich immer besser
diese Maschinerie bedienen, immer klarer denken kann, er wird aber nie direkt hineinschalten.
Dies gehört in den Bereich des Zwanges. Gott aber respektiert seine Schöpfungsordnung und hat
sich hier selbst eingeschränkt, weil Er seine Geschöpfe liebt und keinen Menschen manipuliert.

Einige deutliche Beispiele sollen diese Gesetzmäßigkeiten demonstrieren: In dem Buch: »Der
Verkehr mit der Geisterwelt« schreibt der Spiritist Greber unter der Überschrift: »Die Ausbildung
der Medien« folgendes:

»Er beginnt mit einem kurzen Gebet, hält eine Lesung aus Heiligen Schrift und denkt über das
Gelesene nach. Darauf hält er seine Hand mit einem Bleistift auf ein vor ihm liegendes Blatt
Schreibpapier und verhält sich abwartend ohne irgendwelche geistige Spannung. Wird er zur
Niederschrift von Gedanken gedrängt, die mit großer Bestimmtheit ihm inspiriert werden, so
schreibt er sie nieder. Wird seine Hand durch eine fremde Kraft in Bewegung gesetzt, so gibt er
nach.«

Bibel erklärt: Widerstehet!

Ein junger Mann erzählte mir von seinem persönlichen Werdegang bzw. Irrweg, bevor er zu
Jesus fand. In dieser Zeit der Suche praktizierte er auch Zen Meditation. Auf einmal, so
berichtete er, verlor er die Kontrolle über Arme und Beine. Verlust der Selbstkontrolle ist das
beinahe klassische Charakteristikum - vorausgesetzt natürlich, daß physiologische Ursache
vorliegt - falscher Geister.

Friedrich Nietzsche, der sich für einmalig inspiriert hielt, sagte: »Ich habe nie eine Wahl gehabt«.

Vielleicht ist in diesem Zusammenhang ein Zitat aus dem Buch »Jugend in Trance?« angebracht:

»Trance nennen wir einen Zustand, in dem der Mensch nicht mehr die vollständige Kontrolle über
sich selbst besitzt. Um in Trance zu verfallen, genügt schon das Starren in eine mit Wasser
gefüllte Glaskugel oder das konzentrierte Betrachten eines weißen Kreidekreises auf einem
schwarzen Fußboden. Es bedarf dazu also keineswegs unbedingt der Anwesenheit eines
Hypnotiseurs. Der Effekt der Autosuggestion oder Selbsthypnose ist allgemein bekannt.«

Durch ständiges Wiederholen von Silben oder Worten erzielt man ähnliche Resultate. Dies ist die
Technik von TM (Mantra) oder auch des »Chantens« der Krischna Anhänger. Durch diese
Monotonie (das Wort Hare Krischna soll pro Tag 1728 Mal wiederholt werden) kommt es zu einer
Entleerung des Verstandes. Die fremde Macht erfaßt dann den Menschen, der so dazu die
Voraussetzung geliefert hat. Das Opfer gerät in Trance, Verzückung oder Ekstase, wirkt wie
berauscht und verliert oft genug die Selbstkontrolle. Auch das Wort Begeisterung hat hier seine
Wurzel.
Wort oder Bild?

Auch Gläubige können solche Effekte durch fromm getarnte Meditation erreichen. Ein passives
Entleeren kann sich auch durch das anhaltende Starren in eine Kerze oder auf einen
Meditationsgegenstand einstellen. Gerade in der Mystik ist dies vorherrschend. Auch das
ständige (geistlose) Wiederholen frommer Silben und Worte, z. B, Halleluja, vermag solche
Phänomene zu bewirken. Diese Ausführungen sollen nun andererseits nicht so verstanden
werden, daß wir vor Gott nicht mehr stille werden dürfen. Wir sollen unsere »stille Zeit« einhalten,
doch nie mit einem passiven oder leeren Verstand. Es sei hier nur an Psalm 1 oder Josua 1, 8
erinnert, wo erwähnt wird, wie man über Gottes Wort nachdenken und es auswendig lernen soll.

Geistliche Wahrheiten aber werden über den Verstand bzw. den Sinn und nicht über das Gefühl
vermittelt. Wer Gottes Wort hört und versteht, der bringt viel Frucht (Mt. 13, 23). »Wer Ohren hat,
der höre«, sagt der Herr Jesus wiederholt. Es heißt nicht, »wer Augen hat, der sehe«. Deswegen
lehrt die Schrift auch die Erneuerung des Sinnes (Röm. 12,2) und ein verstandesmäßiges Prüfen
(Eph. 5, 10). Das »Verstehen, was des Herrn Wille ist« (Eph. 5, 17), bezeichnet ein Erkennen,
das aus gehörten bzw. gelesenen Wort Gottes gespeist wird. Dasselbe griechische Wort syniemi
findet sich auch in Mt. 13, 23, in Luk. 24, Vers 45. Wörtlich heißt es dort von Jesus: »Er öffnete
ihnen den Sinn, die Schriften zu verstehen (synienai)«. Es bedeutet ein Verstehen des Herzens,
wie Er es in Mt 13,15 buchstäblich, wenn auch in diesem Fall negativ, formuliert.

Letztlich ist dies ein Ergebnis des Lesens der Bibel und des Gehorsams gegenüber dem
Anspruch der Heiligen Schrift. Dann öffnet der erhöhte Herr durch seinen Geist auch heute das
Verständnis für sein Wort. Denn »die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und
sind Leben» (Joh. 6, 63), erklärt der Herr Jesus.

Die dem Auge angebotenen Bilder jedoch speisen primär in die alte Natur und der übermäßige
Bildkonsum prägt den gefühlsmäßigen ichbezogenen Bereich und bewirkt Emotionalisierung,
Passivität sowie zunehmende Verstandesfeindlichkeit. Doch gerade im Verstehen, so ermahnt
Gottes Wort, sollte man vollkommen sein (l. Kor. 14,20). Bezüglich der Entwicklung in den letzten
Tagen redet die Bibel von »Menschen mit zerrütteten Sinnen, untüchtig zum Glauben« (2. Tim 3,
8).

Diese verstandesfeindliche Tendenz zeichnet sich immer mehr ab. Früher hieß es noch: »Ich
behalte dein Wort in meinem Herzen, damit ich nicht wider dich sündige« (Ps. 119, 11). Heute
heißt es vermehrt: »Ich bete besonders viel in Zungen, damit ich nicht sündige.« Dies aber
illustriert sehr deutlich die Verlagerung von der Ratio zum Irrationalismus, letztlich vom Wort zum
Bild. Wir leben in einem nachliterarischen Zeitalter. Früher war das größte Machtmittel das Wort,
heute ist es über Fernsehen und Video das erlebnishafte Bild geworden. Früher sagte man: Es
steht geschrieben. Heute hört man immer öfters: Ich habe erlebt.

Damit ist nicht gemeint, daß Erlebnisse prinzipiell schlecht seien oder negiert werden sollen.
Jeder, der Jesus treu nachfolgt, wird Erfahrungen mit seinem Herrn machen. Doch unser Glaube
gründet sich nicht auf Erfahrungen oder Gefühle, sondern auf das Wort Gottes und Tatsachen.
Auch sind Gefühle nicht immer abzuwerten oder grundsätzlich negativ. Was man jedoch heute
sehen kann, ist eine zunehmende Verlagerung der Betonung und der Schwerpunkte. Man ist
immer mehr erfahrungs- und gefühlsorientiert. Auch kann der Heilige Geist zweifellos Gefühle
bewirken. Jedoch rufen umgekehrt Gefühle und eine emotionalisierte Atmosphäre nicht das
Wirken des Heiligen Geistes hervor.

Auch sollen diese Ausführungen nicht den Eindruck erwecken, daß der Verstand die letzte
Instanz des Menschen sei, geistliche Wahrheiten zu akzeptieren. Diese ist das Herz des
Menschen, seine wahre, innere Persönlichkeit, der auch der Verstand untergeordnet ist. Doch es
spielen sich die göttlichen Gehorsamsschritte über den Filter des erneuerten Verstandes ab,
wodurch die Persönlichkeit des Menschen respektiert wird. Ein Umgehen oder Ausschalten des
Verstandes aber bedeutet das Nichtbeachten der Persönlichkeit bzw. des Willens des Menschen.
Dies aber ist dem Heiligen Geist fremd.

Passivität in christlichen Strömungen

Diese Gesetzmäßigkeiten der Passivität findet man auch bevorzugt in den pfingstlichen und
charismatischen Kreisen. Wenn dies nun so deutlich gesagt wird, soll damit nicht ein Urteil über
die Gotteskindschaft gefällt werden. Auch echte Kinder Gottes können einen verführerischen
Geist empfangen und manipuliert werden. wie 2. Kor. 11,4 zeigt. Auch kann ein Kind Gottes sich
passiv machen. Petrus meint nicht Gläubige, wenn er die Warnung ausspricht: »Seid nüchtern
und wachet: denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht,
welchen er verschlinge.« 1 Petr. 5.8).

In diesen Kreisen meint man nun gewöhnlich, daß der Heilige Geist sich des Menschen wie eines
Mediums bedienen müsse und direkt aus ihnen spreche. Deswegen beginnen alle diese
Strömungen - und dies kann man nun tatsächlich so pauschal feststellen -, immer mit den
Weissagungen: »So spricht der Herr« oder eben mit dieser direkten Anrede des angeblichen
Heiligen Geistes an die Anwesenden.

So hat es sich beim Beginn der klassischen Pfingstbewegung 1906 in Los Angeles abgespielt, so
verlief und verläuft es bei der charismatischen Bewegung, die um 1960 ihren Anfang genommen
hat, so ereignete es sich bei dem Aufbruch katholisch charismatischen Bewegung, der in das
Jahr 1967 fällt.

Diese Formulierung, »so spricht der Herr«, gibt es allerdings nicht im Neuen Testament. Es
handelt sich um eine rein alttestamentliche Ausdrucksweise.

Die Briefe des Apostels Paulus, Johannes oder Petrus sind Gottes Wort, beginnen aber nicht mit
dieser Einleitung: »So spricht der Herr«. Letztlich ist die Inspiration ein Geheimnis, doch kann
man erkennen, wie sich die Pesönlichkeit des Schreibers enttfaltet. Der Heilige Geist verbindet
sich in harmonischer Weise mit dem Menschen, schaltet aber seine Persönlichkeit nicht aus,
noch umgeht er sie oder gebraucht sie in mediumistischer Weise. Vielleicht ist in diesem
Zusammenhang ein Zitat von Watchman Nee angebracht:

»Der Christ muss ganz klar verstehen, dass alle seine Äußerungen das Resultat seines eigenen
Denkens sein müssen. Jedes Wort, das den Denkprozess umgeht, ist von bösen Geistern
formuliert worden.«

Mit dieser Vorstellung, nun im direktesten Sinne ein Werkzeug des Heiligen Geistes zu sein, ist
oft das starke Sendungsbewusstsein in diesen Bewegungen verbunden, das sich nur zu oft in
völliger Unbelehrbarkeit äußert.

Erwähnenswert ist vielleicht, dass sich diese Phänomene auch schon im Montanismus finden,
jenem einflussreichen schwarmgeistigen Aufbruch im 2. Jahrhundert nach Christus.

»Ein Phrygier namens Montanus wurde vom Geist ergriffen und verkündete zusammen mit zwei
Frauen Prisca (der Jesus in Gestalt einer Frau und in leuchtendem Gewand erschien) und
Maximilla im Zustand der Ekstase, in dem das normale Bewusstsein ausgeschaltet war, Worte
des Parakleten. Gegen die eigentümlich Form dieser Kundgebungen erhoben andere Christen
Protest: diese ekstatische prophetische Verkündigung erfolgte nämlich nicht in der dritten Person
wie die der biblischen Propheten, sondern war direkte Rede des Geistes selbst, dem der Mund
des Propheten als Instrument diente.«
Gerhard Meier schreibt in seinem Bibel Kommentar zu Matthäus 24, V, 5, im Zusammenhang mit
der durch falsche Christusse:

»Es ist nicht auszuschliessen, dass auch Eingebungen darunter fallen, bei denen Glieder der
Gemeinde aufstehen und im Ich-Stil scheinbar Worte Christi weitergeben.«

Infragestellung dieser Manifestationen wird nicht selten mit Kritik an Gott selber gleichgesetzt, der
ja direkt gesprochen habe, und nur zu oft wird daraus die Lästerung des Heiligen Geistes
konstruiert. Doch diese Überzeugungen sind das Ergebnis einer falschen Anthropologie und
Pneumatologie, die diesen schwarmgeistigen Strömungen zugrunde liegen.

Diese schwerwiegenden Aussagen sollten anhand einiger Zitate von zum Teil Schlüsselleuten
belegt werden. Barratt, den man den Vater der europäischen Pfingstbewegung nennen kann,
denn durch ihn kam das Pfingstfeuer von Los Angeles nach Europa, berichtet mit eigenen
Worten über seine Geistestaufe wie folgt:

»Die Kraft kam so plötzlich und mächtig, dass ich am Boden lag und für einige Zeit unaufhörlich
in Zungen redete ... Es schien, als ob eine eiserne Hand über meinen Kiefern lag. Sowohl Kiefer
als auch Zunge wurden von dieser unsichtbaren Kraft bewegt.«

Ganz offen liegen hier die Gesetze der Direktkontrolle durch eine andere Macht zutage.

Über den Beginn der klassischen Pfingstbewegung schreibt G. H. Lang u.a., wie eine Frau bei
solch einer erwecklichen Versammlung trancegleich zum Klavier schritt. Ihr Mann, wohlwissend,
dass seine Frau nicht Klavier spielen konnte, hatte den Deckel eigens geschlossen, Sie öffnete
jedoch diesen und spielte tadellos. Was war wirklich geschehen?

Die biologische Maschine dieser Frau diente einem fremden Geist als Werkzeug, um dieses
Musikinstrument zu bedienen. Die Frau war hier Medium im direktesten Sinne.

Arnold Bittlinger, den man in gewissem Sinne den Vater der charismatischen Bewegung auf
deutschem Boden nennen kann, schreibt in seinem Buch »Glossolalia«:

»Viele Christen haben die Erfahrung gemacht, daß »es« in ihnen ständig betet auch wenn sie
schweigen oder wenn sie mit ihren Gedanken bei der Arbeit sind.«

Mit diesen falschen Vorstellungen über das Wirken des Heiligen Geistes hängt auch zusammen,
daß Anhänger dieser Strömungen mit Berufung auf 1. Korinther 14 meinen, der Heilige Geist
bete direkt in ihnen oder durch sie in direkter Form. Doch muß man hierzu sagen, daß das Wort
Heiliger Geist im ganzen Kapitel 14 dieses Briefes überhaupt nicht vorkommt.

Paulus schreibt ausdrücklich: »Denn wenn ich in Zungen bete, so betet mein Geist« (1 Kor
14.14). Die »Gute Nachricht« übersetzt hier leider bereits falsch, wenn sie diese Stelle wiedergibt
mit: »Wenn er in solchen Sprachen redet, betet der heilige Geist in ihm.« Nun ist zwischen dem
menschlichen und Heiligen Geist solch ein gewaltiger Unterschied, eben wie zwischen Mensch
und Gott, daß es wirklich nicht Nebensache ist, hier die Geister zu verwechseln.

In dem Informationsdienst »Arbeitskreis Christlicher Publizisten« heißt es zum Thema


Zungenrede:

«Das wird manchmal so beschrieben, als ob Kiefer und Zunge sich selbständig machten und sich
der Kontrolle durch den Verstand entziehen. Ein Zungenredner: >Es ist nicht mein Verstand, der
die Worte formt. Mir kommt es so vor, als stünde ich beobachtend neben mir und hörte mir zu.<«

Der Heilige Geist bewirkt, daß ich selber bete, selber aktiv Gott anrufe usw. Der Geist Gottes wird
nicht Passivität oder gar Faulheit unterstützen.

Ein junger Mann, der vor seiner Bekehrung stark, in Autogenes Training verstrickt war, berichtete,
wie einer der Schlüsselsätze dieser Technik lautet: »Es atmet mich«. Dies soll nicht so
verstanden werden, als dürfe unser Atemzentrum uns nicht steuern, sind wir doch auch im Schlaf
nun körperlich passiv und werden buchstäblich geatmet. Hier ist vielmehr das Einüben einer
passiven Grundhaltung gemeint, die zu den Gesetzmäßigkeiten der (Selbst)Hypnose und/oder
Passivität überleitet.

Kathryn Kuhlman, nun wahrlich keine Randfigur der charismatischen Szene, erklärte selbst:

»Du bist darin so unter der Salbung, daß buchstäblich deine Ohren hören denn Er predigt durch
deinen Mund ..., Er hat mittels meiner Lippen gesprochen und meine Ohren haben es gehört und
ich wußte, es war nicht K. Kuhlman.«

Immer wieder stößt man bei diesen »Geistgesalbten« auf die typischen Phänomene des
Mediumismus und Spiritismus. Ähnlich zeigen sich auch bei Paul Toaspern die wiederum
klassischen Symptome des automatischen Schreibens. So berichtet er mit eigenen Worten über
den Empfang von Botschaften nach einer Handauflegung durch Steve Lightle:

»Nach einer Gewitternacht wurde ich ... wach und fühlte es wie einen Befehl, etwas
aufzuschreiben. Das Niederschreiben, bei dem mir kein Reflektieren oder Untermischen eigener
Gedanken erlaubt war, geschah in einer drängenden Eile, in etwa zwölf bis vierzehn Minuten ...
Gegen den Inhalt eines der Abschnitte und gegen einen Begriff wollte ich mich sträuben, aber ich
hatte nur aufzuschreiben und wußte genau, was zu schreiben war.«

Der Koreaner Yonggi Cho, Pastor der größten Kirche der Welt – vom Standpunkt des
Gemeindewachstums einer der erfolgreichsten Verkündiger, die je gelebt haben -, berichtet über
seine Geistestaufe:

»Plötzlich wurde es hell im Zimmer. Wellen wie Rauch rollten herein. Ich war vor Ehrfurcht
ergriffen. Ich dachte, dass das Haus in Flammen stände und versuchte, um Hilfe zu rufen, aber
ich brachte keinen Ton heraus. Verzweifelt schaute ich mich um, und sah zwei Füße neben mir.
Ich schaute hinauf und sah ein weißes Kleid,. Dann schaute ich in ein Gesicht, das wie eine
starke Sonne war, von der Lichtstrahlen ausgingen. Ich wußte immer noch nicht, wer es war, bis
ich die Dornenkrone sah. Sie durchstach seine Schläfen, und Blut lief herunter. Jetzt wußte ich,
daß es Jesus Christus war. Seine Liebe schien über mich zu strömen ... Herrliche Freude kam
aus meinem Innern. Meine Zunge und Lippen begannen zu sprechen. Ich versuchte aufzuhören,
aber es schien, als ob eine andere Person sie kontrollierte und sich ungestüm äußern wollte. Ich
wußte nicht, was es war, aber ich stellte fest, je mehr ich sprach, umso besser fühlte ich mich.«

Von der französischen Mystikerin Madame Guyon berichtet Dr. Kurt Hutten, wie sie in ihrer
Autobiographie folgendes mitteilt:

»Ich schreibe nicht aus meinem Geiste, sondern durch den inneren Geist. Griff ich zur Feder, so
wußte ich kein Wort von dem was ich schreiben würde; und auch nachher nicht, was ich
geschrieben hatte. Es floss in Strömen des inneren Lichts gleichsam aus der Tiefe hervor und
nahm nicht den Weg über meinen Kopf. Die Geschwindigkeit, mit der ich schrieb, war so groß,
daß mein Arm anschwoll und ganz steif wurde ... Ich schrieb Tag und Nacht ununterbrochen,
wobei die Hand kaum Schritt halten konnte mit dem diktierenden Geist.«

Gottfried Mayerhofer, Nachfolger des berühmten Schreinmediums Jakob Lorber, schildert in


einem Brief die Art des Empfangens seiner Botschaften:

»Ich bin immer ganz passiv bei solchen Mitteilungen, weiß höchst selten, um was es sich
handelt ...«
Dr. Toaspern ist nun einer der einflussreichsten Leute innerhalb der charismatischen Bewegung
in der DDR, Yonggi Cho Vertreter extremer Pfingstlehren, sogar von weltweitem Einfluß innerhalb
der evangelikalen Christenheit.

Es ist tatsächlich so, daß in diesen charismatischen Aufbrüchen die Phänomene des fromm
getarnten Spiritismus zu erkennen sind. Deswegen ist diesen Strömungen gegenüber auch keine
neutrale Haltung möglich, wie sie heute leider immer mehr als der Weisheit letzter Schluß in den
Gemeinden und von verantwortlich Stellen empfohlen wird.

Es entspricht dies allerdings viel mehr dem pluralistischen Zeitgeist, der im Zuge der geistlichen
Entspannungspolitik vor allem den Toleranzbegriff umarmt.

Die wachsende Woge der Passivität

Vielleicht wird es ersichtlich, warum der Herr Jesus seine Wiederkunftsreden immer mit der
Warnung vor Verführung beginnt und uns zu besonderer Wachsamkeit ermahnt. In den letzten 5
Versen von Markus 13 gleich viermal. Eine richtige Welle der Passivität ergießt sich über unsere
Generation und Kultur. Yoga, Autogenes Training, Gruppendynamik, TM, die asiatische
Meditationsmethoden, vieles vom Fernsehen, die Drogenkultur, die New-Age-Bewegung, harte
Beat- und Rockmusik, besonders ab einer gewissen Lautstärke, beruhen auf oder führen zur
Passivität.

Der Grundsatz ist immer der gleiche. Der Mensch lehnt es ab, selber etwas zu tun (schreiben,
beten usw.) und liefert sich dadurch einer fremden Macht aus. die er für wohlwollend oder göttlich
hält, in Wirklichkeit aber dämonisch ist.

Bei zunehmender Intensität der Passivität kann diese Macht den Menschen immer mehr erfassen
und kontrollieren. Der Betreffende stürzt dann manchmal zu Boden, wird »erschlagen« oder »ruht
im Geist«, wie im Zusammenhang mit der Tätigkeit von beispielsweise Kim Kollins nun das
Hinstürzen der Anwesenden bezeichnet wird.

Das Fallen auf den Rücken

Von den Teilnehmern nun, die in solch »erwecklich«-charismatischen Versammlungen zu Boden


stürzen, fällt der überwiegende Teil nicht nach vorne, sondern immer häufiger auf den Rücken.
Gibt es dazu biblische Beispiele, oder wie ist dies von der Heiligen Schrift her Zu beurteilen'?

Nun wird in Gottes Wort immer wieder davon berichtet, wie Menschen in Ehrfurcht vor dem
lebendigen Gott auf ihr Angesicht fallen. Abraham (1 Mos 17.3), Mose und Aaron (4 Mos 17,10),
Josua (Jos 7,10). Petrus (Mt 17,6), der Samariter (Luk 17,16) und viele andere. Von der
Anbetung vor dem himmlischen Throne Gottes wird zweimal ausdrücklich gesagt, wie man dabei
auf das Angesicht fällt (Offb 7,11 und 11,16).

1 Kor 14 wird als Beleg für die besonderen charismatischen Gottesdienste immer wieder zitiert.
Gerade dieses Kapitel aber spricht davon, daß vom Heiligen Geist überführt, der Betreffende auf
sein Angesicht fallen würde (Vers 25).

Von daher ist es eher bemerkenswert. daß sich in diesen Strömungen, die sich bevorzugt auf den
Korintherbrief berufen in gewisser Hinsicht das genaue Gegenteil manifestiert. Die Menschen
fallen auf den Rücken und müssen von besonderen »Auffängern« vor Schaden bewahrt werden.
Für diese Art Dienste oder Amt gibt es kein biblisches Beispiel. Wir lesen nirgends in der Heiligen
Schrift, daß, wenn der Herr Menschen heilte oder anrührte, sich seine Jünger in Auffangstellung
unter die Zuhörermenge mischten.
Gibt es jedoch Hinweise in Gottes Wort für das Fallen auf den Rücken? Die Bibelstellen, die
davon berichten, deuten an, daß bei solchen Ereignissen ein Gericht Gottes vorliegt. Als der
Hohepriester Eli die Nachricht erfährt, daß die Bundeslade von den Philistern geraubt worden ist,
fällt er rücklings vom Stuhl und erschlägt sich (1 Sam 4,18). Gott hatte dies vorher als Gericht
angekündigt (1 Sam 2,34 und 3,11).

In Jesaja 28 spricht Gott ab Vers 7 von dem Gericht über die falschen Propheten. Der 13. Vers
sagt schließlich: »... daß sie hingehen und rücklings fallen, zerbrochen, verstrickt und gefangen
werden.« Dies ist um so mehr bemerkenswert, als die Verse unmittelbar davor (Vers 11 12) von
Paulus in 1 Kor 14 zitiert werden.

Eine allegorische Deutung läßt vielleicht 1 Mos 49,17 zu: Durch den Biß der Schlange fällt der
Reiter auf den Rücken.

Der Teufel als der »Affe Gottes« wirkt oft genug das Gegenteil des Heiligen Geistes. So ist es
bekannt, daß in Satanszirkeln als lebende Altäre die Menschen (gewöhnlich Frauen) auf dem
Rücken liegen.

Es bedeutet dies Aufdecken der Blöße vor Gott. Deswegen durfte im Alten Testament der Altar
nicht auf Stufen errichtet werden: »Du sollst nicht auf Stufen zu meinem Altar hinaufsteigen, daß
nicht deine Blöße aufgedeckt werde vor ihm« (2 Mos 20,26).

Der Mensch, der sich vor Gott aufs Angesicht wirft, verdeckt seine Blöße. Wer aber auf dem
Rücken liegt, deckt sie auf. Es ist der Geist des Widersachers, der den Menschen entblößt (Offb
16,15), nie und nimmer aber ist so etwas das Wirken des Heiligen Geistes.

Auch weiß man von der Missionsgeschichte, wie Menschen durch das Wirken des Heiligen
Geistes auf den Rücken fallen. So wird in dem Buch »Chinas Märtyrer« berichtet, wie die
Chinesen, die am Boxeraufstand teilnahmen, sich einem besonderen Ritual unterzogen. Der
betreffende Initiand mußte sich in einen Kreis stellen, sich verbeugen und Beschwörungsformeln
so lange aufsagen, bis der angerufenen Geist kam und von ihm Besitz nahm, wobei er rücklings
platt auf die Erde fiel. Er geriet in Trance und erwachte erst wieder aus diesem Zustand, wenn
der Zeremonienmeister seine Stirn berührte.

Auch aus heidnischen Religionen kennt man solche Phänomene. So schreibt Rabi Maharaj in
seinem Buch »Der Tod eines Guru« unter der Worterklärung Shakti Pat: »Bezeichnet die
Berührung des Guru, gewöhnlich seiner rechten hand an der Stirn des Anbetenden, die
übernatürliche Wirkungen hat ... Durch Verabreichung des Shakti Pat wird der Guru zum Kanal
der Urkraft, der kosmischen Kraft, welcher das ganze Universum zugrunde liegt ... Die
übernatürliche Wirkung des Shakti durch Berührung des Guru kann den Anbetenden zu Boden
werfen, oder er kann ein helles Licht wahrnehmen und eine innere Erleuchtung oder sonstige
mystische oder psychische Erfahrung machen.«

Karl Guido Rey berichtet in seinem Buch »Gotteserlebnisse im Schnellverfahren« wie die
Mesmeristen ihre Schüler in Hypnoseexperimenten rücklings fallen ließen. Sie bezeichneten es
»als Experimente der magnetischen Anziehungskraft.«

Abgesehen davon, wo Menschen aus rein körperlichen Gründen zu Boden sinken, weil schwach
oder gar ohnmächtig werden, was hier natürlich nicht gemeint ist, muß festgestellt werden, wie
es sich hier nicht um ein neutrales Phänomen handelt. Es treten Wirkungen einer
transzendenten, geistlichen macht auf. Die Bibel aber ordnet übernatürliche Phänomene nicht
neutral ein, sondern nennt sie entweder göttlich oder dämonisch. Hier aber ist der Befehl an die
Jünger Jesu, die Geister zu prüfen.

Manchmal wird noch als biblischer Beleg von charismatischer Seite für diese Phänomene
Johannes 18. 6 angeführt: »Als nun Jesus zu ihnen sprach: Ich bin’s! wichen sie zurück und
fielen zu Boden.« Zwar heißt es nicht ausdrücklich, daß sie rücklings fielen, doch ist dies hier
nicht völlig auszuschließen.

Auch John Wimber, Amerikas derzeit bekanntester Heilungsevangelist, beruft sich auf diese
Stelle. Nun sollte man erstens beachten, daß zwischen dem Herrn Jesus und einem Menschen,
auch wenn er noch so ein brennender Christ ist, ein bedeutender Unterschied besteht. Doch von
einfachen Textzusammenhang her kann man in dem Abschnitt aus Joh. 18 erkennen, daß dies
nicht Leute waren, die mehr Geistesausrüstung oder Hingabe an jesus suchten, sondern im
Prinzip seine Todfeinde waren. Sie wollten ihn gefangen nehmen und hinrichten lassen. Insofern
kann es sich hier bestenfalls nur um ein Gerichtszeichen handeln, was wiederum mit dem oben
Gesagten übereinstimmt.

Bei Reinhard Bonnke, dem deutschen Pfingstprediger, treten solche Machtwirkungen des
Zurückfallens mit tranceähnlichen Begleiterscheinungen in massiver Fülle auf. Zwei Beispiele von
vielen:

»Ich weiß, was mit mir geschah, während ich vorne stand. Alles, woran ich mich erinnern kann,
ist, daß eine Welle der Kraft mich von Kopf bis Fuß durchströmte. Ich muß zu Boden gefallen
sein, denn dort erwachte ich nach geraumer Zeit. Oder: Da war zum Beispiel die
schwergewichtige Zigeunerfrau, die sich auf ihren Krücken daherschleppte. Ich betete mit ihr und
die Kraft Gottes warf sie zu Boden.« (Rey, Gotteserlebnisse im Schnellverfahren)

Manch ein Teilnehmer an solchen Versammlungen kann erst wieder aufstehen, wenn ihn die
Seelsorgehelfer anrühren. Dies erinnert in gerichtsmäßiger Vorschattung an Jeremia 25, 27, wo
es heißt: »Trinkt, daß ihr trunken werdet und speit, daß ihr niederfallt und nicht aufstehen könnt
vor dem Schwert, das ich unter euch schicken will.«

Dieses »Ruhen im Geist« ist sehr oft von Zungenreden begleitet. Jesaja 29, 4 charakterisiert den
Geist, der hier tatsächlich wirkt: »Dann sollst du erniedrigt werden und von der Erde her reden
und aus dem Staube mit deiner Rede murmeln, daß deine Stimme sei wie die eines Totengeistes
aus der Erde und deine Rede wispert aus dem Staube. «

Verlust der Selbstkontrolle

Auf ähnlicher Ebene liegt die Erfahrung von Demos Shakarian, dem Begründer der
»Geschäftsleute des vollen Evangeliums« (GdvEI). Bei seiner Geistestaufe wird er schließlich zu
Boden gezogen:

»Ich sank zu Boden und lag dort völlig hilflos, unfähig aufzustehen, um ins Bett zu gehen.«

Hier übt die fremde Macht direkt ihren Herrschaftsanspruch aus. Der Heilige Geist bewirkt
Selbstkontrolle gerade in dem Kapitel über die Geistesgaben wird ausdrücklich erklärt, wie »die
Geister der Propheten den Propheten untertan sind« (1 Kor 14,32) -, in diesem Fall jedoch
geschieht das Gegenteil, und ein Mensch verliert die Kontrolle über sich selber. Davon rührt auch
das schwerwiegende Wort »Besessenheit« her, daß nämlich jemand anderer von mir Besitz
ergreift und mich kontrolliert. Man kann selber nicht mehr ausführen, was man will.

In Eph 5,18, wo wir den Befehl lesen, voll Heiligen Geistes zu werden, wird auch ermahnt,
Trunkenheit zu vermeiden, weil dies zur Ausschweifung (asotia) führt. John Stott erwähnt zu
diesem Begriff:

»Das griechische Wort asotia ... beschreibt eigentlich einen Zustand, in dem eine Person sich
nicht >retten< oder kontrollieren kann. Weil nämlich Trunkenheit den Verlust der Selbstkontrolle
bewirkt, deswegen schreibt Paulus, dies zu vermeiden. Es wird impliziert, daß der gegenteilige
Zustand, nämlich das Erfülltsein mit dem Geist, keinen Verlust der Selbstkontrolle zur Folge hat.«

Es wird auch hier deutlich, daß man in diesen Bewegungen (Demos Shakarian kommt aus der
klassischen Pfingstbewegung und ist über seine GdvEI voll in die charismatische Strömung
integriert) sich einem Geist ausliefert und einer Macht dient, die im Gegensatz zum Geiste Gottes
stehen. Paulus erklärt es als Kennzeichen des fremden Geistes, der im Heidentum wirkt, daß
Menschen umfallen. weggezogen werden, keine Selbstkontrolle mehr ausüben (1 Kor 12,2). »Ihr
wißt, daß ihr, als ihr zu den Heiden gehörtet, zu den stummen Götzenbildern hingezogen, ja,
fortgerissen wurdet.«

Mit der Berufung auf das Erfülltwerden mit dem Heiligen Geist, treten nun bei den Charismatikern
Symptome auf, die das genaue Gegenteil zum Wirken des Geistes Gottes offenbaren. Aus der
möglichen Fülle von Belegstellen seien zwei erwähnt. Das in Amerika innerhalb dieser
Strömungen einflußreiche Ehepaar Charles und Frances Hunter schreibt in dem Buch: »Wie man
Kranke heilt«:

»Ich habe meinen Augen nicht getraut, aus seinen (Charles) Fingerspitzen schossen etwas 10
cm bläuliche Flammen ... Als Charles herunter rannte, um ihnen die Hände aufzulegen, war die
Kraft Gottes so stark, daß sie in Wellen zu Boden fielen. Als er die Stirnseite des Auditoriums
halb entlanggegangen war, hob er seine Hände, um einige zu berühren, und sofort fielen etwa
dreißig bis vierzig Menschen gleichzeitig unter der Kraft ... Es war eine >Heilig-Geist-Bombe<!
Charles bahnte sich den Weg durch die Menge, und die Menschen fielen überall um.«

Ähnliche Phänomene, wo Leute abrupt die Selbstkontrolle verlieren, ereignen sich bei
Versammlungen mit John Wimber. Er erzählt auf einer Kassette die Geschichte seiner Gemeinde
in Yorba Linda, Kalifornien. Wörtlich berichtet er von dem angeblichen Kommen des Heiligen
Geistes:

»Der heilige Geist fiel auf uns ... Ich ging auf eine Frau zu, um für sie zu beten und sie flog
davon .. bam! Gegen die Mauer sauste sie, über eine Couch, knallte über den Tisch und eine
Lampe und prallte in die Ecke ... Dabei hatte sie Genickschmerzen, für die sie mich ersuchte zu
beten. Jemand anderer fiel gegen mich und traf mich an der Brust und sprach dabei in Zungen
wie ein Maschinengewehr ... Ich dachte mir, was haben wir hier losgelassen? Dies ist ja
unheimlich! In dem Moment, wo sie mich berührten, fielen wir beide zu Boden, und da war so ein
Empfinden, als ob jemand unsichtbar gegenwärtig wäre. Gott! ... Ich ging nach Hause und fühlte
mich fast wie betrunken ... Ich sagte zu Carol: >Ich denke, etwas geschieht mit uns<, und kaum
hatte ich das gesagt, sauste ich schon zu Boden! ... Ein Mädchen fiel so hart, ich dachte: O nein,
sie stirbt ja! Sie schlug mit ihrem Kopf auf den Stuhl, Tisch und Boden auf. Bam! Bam! Bam! ...
Dann brauchten wir eben Auffänger.«

Handauflegung unbiblischer Art

Sehr oft treten diese Phänomene in Verbindung mit dem raschen Auflegen der Hände auf.
Dieses vorschnelle Handauflegen ist ein Kennzeichen praktisch aller schwärmerischen
Strömungen. Nicht, daß man Handauflegung generell ablehnen müßte oder sollte. Es wird auch
in der Heiligen Schrift darüber berichtet. Aber die einzige Stelle im Neuen Testament, die
Handauflegung mit einer Befehlsform verbindet, ist keine Ermutigung, sondern vielmehr eine
Warnung: In 1 Tim 5,22 mahnt der Apostel, »niemandem die Hände zu schnell aufzulegen.«
Paulus gibt auch die Begründung dazu: »Mache dich nicht fremder Sünden teilhaftig, halte dich
selbst rein.« Zwar ist der Skopus hier wahrscheinlich primär das Einsetzen der Ältesten, doch
lässt sich im allgemeinen Sinne daraus auch eine generelle Anweisung ableiten.

Es ist eine leidvolle Tatsache: Träger falscher Geister legen in der Regel vorschnell ihre Hände
auf. Der Heilige Geist aber wird normalerweise nicht durch die Hände von Menschen
weitergereicht, weil er Gott ist und Gott sich bekanntlich nicht von Mensch Händen dienen läßt
(Apg 17,25). Den Heiligen Geist gibt nur Gott (Apg 5,32). Paulus vergleicht sogar die Ansicht
oder Lehre, den Heiligen Geist anders als durch Glauben bzw. Gehorsam zu empfangen, mit
Verzauberung bzw. Behexung (Gal 3,1-2).

Im Fall eigenmächtiger Handauflegung wollen Menschen letztlich über Gott verfügen. Dies aber
ist das Wesen der Magie. Die immer stärkere Ausreifung magischen Denkens, auch unter
frommem Deckmantel, gehört aber leider zu dem Erscheinungsbild unserer letzten Tage und von
New Age. Wie aktuell New Age auch für gewisse Bereiche der Christenheit geworden ist, soll im
folgenden Abschnitt versucht werden aufzuzeigen.

Parallelen zwischen New Age und charismatischer Bewegung

Ist zwischen zwei so scheinbar grundverschiedenen Strömungen überhaupt eine geistliche


Verwandtschaft gegeben? Kann man hier tatsächlich Parallelen aufzeigen? Das sind berechtigte
Fragen.

Es soll nun anhand einiger Beispiele gezeigt werden, wie hier doch zum Teil verblüffende
Ähnlichkeiten vorhanden sind. Dies bezieht sich nicht nur auf die parallele Betonung von
angeblich gewaltigen Ausgießungen des Heiligen Geistes. Während von christlicher Seite die
Prophetie von Joel zur Erklärung nun vermehrt auftretender übernatürlicher Befähigungen bei
Gläubigen herangezogen wird, berufen sich die New-Age-Jünger auf die sogenannte
Geistesausgießung des Wassermanns. Diese bewirke angeblich eine Bewusstseins-Erweiterung,
die die Menschen mit besonderen esoterischen Kräften wie gaben ausrüste. Auffallend ist auch
hier, wie sehr beide Richtungen die Heilung betonen.

Auf die Prophetie von Joel Bezug nehmende Voraussage von David Wilkerson beispielsweise,
liest sich fast wie eine christlich verbrämte Vorwegnahme des New-Age-Programms zur
spirituellen Erleuchtung:

»Gemäß Gottes Wort können wir annehmen, daß es eine begrenzte Zeit geben wird, in der es
möglich ist, daß jeder Mensch ein >überwältigendes Erlebnis< mit dem Heiligen Geist macht:
Jeder Mohammedaner und jeder Jude; Politiker, führende Männer und Diktatoren; ... Jeder
Kriminelle hinter Gittern, jede Prostituierte auf der Straße ...« (Jesus Christus-Felsengrund, S.69;
Verlag Joh. Fix, Schorndorf, 1973).

David Wilkerson hat auch viel Gutes und Zutreffendes wie Aufrüttelndes gesagt, doch hier hat er
sich ganz offensichtlich, bedingt durch das falsche Verständnis der Prophetie bei Joel,
verführerischen Eingebungen geöffnet. Die zweite Geistesausgießung in den letzten Tagen ist
ein Ereignis, das für den Überrest Israels verheißen ist (Jes 32,15; Hes 39,28; Sach 12,10) und
nicht für die Gemeinde, über die der Heilige Geist längst ausgegossen ist (Titus 3,6).

Eine Geistesverwandtschaft ist auch bei den Techniken für den erstrebten Empfang dieser
angeblich göttlichen Kräfte erkennbar. Die New-Age-Bewegung ist besonders gekennzeichnet
von Passivität und »Traumreisen« in das Innere des Menschen. In einem Prospekt, in dem
»bep«, d.h. »Bewusstseins-Erweiterungs-Programm«, angepriesen wird, heißt es beispielsweise
zur Erlangung solcher »Erleuchtungen«: »Die Herstellung einer Gedankenleere ist der Idealfall ...
Je mehr Sie sich entspannen und es »geschehen lassen«, umso besser und plastischer wird ihr
eigenes geistiges Bild sein.« Solche Anleitungen sind die konsequente Folge der wachsenden
Woge der Passivität.

Auf gleicher Ebene wie die Vorschläge der Befürworter des »Neuen Zeitalters« ist die Anleitung
des Pfingstpredigers Dornfeld, wenn er unter der Überschrift, den Heiligen Geist empfangen, u.a.
erklärt:
»Öffne nur deinen Mund wie ein hungriges kleines Rotkehlchen... Drittens nun atme ein und aus,
so tief wie du kannst. Tue das so lange, bis du die Gegenwart Gottes spürst.“

Völlig auf der Geistesebene von New Age sind auch folgende Verse des vielgelesenen Autors
Ulrich Schaffer: „gott ist die anziehungskraft der erde ist die luft ist die berührung zweier
gedanken in mir glaubt es und ich folge ihm“.

Don Basham, einer der Hauptlehrer von Jugend mit einer Mission, empfiehlt in einem Seminare
zum Empfang der Zungenrede und Geistestaufe folgendes:

»Alles fertig. Das ist der erste Schritt: >Atme ein< den Heiligen Geist und glaube, dass er in dich
gekommen ist ... Nachdem ich das Gebet für euch gebetet habe und ihr den Mund geöffnet habt
und den Heiligen Geist einatmet, werde ich es sagen, dass du es herauskommen lassen, sollst«.

Gott wird zu einer unpersönlichen Kraft, die man durch Atem oder Meditationstechniken in sich
aufnimmt. Diese Kraft wird oft genug körperlich in Form von Energie wahrgenommen. Machmal
hat man den Eindruck, als wäre man an eine elektrische Kraftquelle angeschlossen. Oft wird
auch berichtet, wie eine Wärmeempfindung den Körper durchströmt. So schreibt der Vater der
charismatischen Bewegung, Dennis Bennett, nach dem Empfang seiner Geistestaufe folgendes
von seiner Frau:

»Nein, antwortete sie. Aber etwas Eigenartiges geschah. Ich schlief fest, als du Hause kamst:
aber als du deine Hand an die Haustürklinke legtest, fuhr eine Art Kraftstrom - anders kann ich es
nicht nennen - durchs Haus und weckte mich«.

Ähnliche Phänomene kennt auch der bereits erwähnte faszinierende Heilungsevangelist John
Wimber. Er schreibt wörtlich:

»Meine Hände prickeln gewöhnlich und sind warm, und ich fühle so etwas wie Elektrizität aus
ihnen herauskommen, wenn ich ein befehlendes Wort spreche. Dies veranlaßt mich,
Empfindungen wie Prickeln und Hitze zu verstehen als eine Salbung des Heiligen Geistes an mir,
um zu heilen«.

Noch handgreiflicher werden diese Phänomene bei folgender Begebenheit: Anne Watson ist die
Frau des vor wenigen Jahren an Krebs verstorbenen berühmtem englischen Charismatikers
David Watson. Trotz einer Weissagung von John Wimber, daß er von dem Tumor genesen
werde, verstarb er an dieser bösartigen Krankheit. Anne Watson berichtet u.a. von ihrem
geselligen Zusammensein mit John Wimber: »Einmal zum Beispiel, als wir aus einem Restaurant
kamen. wo wir mit John, Carol (Wimbers Frau) und einigen anderen gegessen hatten, fingen
meine Hände an zu zittern. John nahm sie und legte sie David (Watson) mit den Worten auf, es
sei schade, die ganze Kraft zu verschwenden. Dieses Zittern hielt manchmal eine lange Weile
an.«

Soll das das Wirken des Heiligen Geistes sein, der bekanntlich eine Person und nicht eine
unpersönliche Kraftwirkung ist? Hier wird man eher an eine spirituelle »Akku-Batterie« erinnert,
die verschieden stark anzapfbar und offensichtlich unkontrollierbar anhaltend Energie abgibt, die
noch dazu vergeudet werden kann?

Solch ein Gottesbild entspricht vielmehr den religiösen Vorstellungen der Hindus und Schamanen
und paßt nahtlos in unser zunehmendes Okkultzeitalter.

Von daher überrascht es nicht, daß die New Age Bewegung auf die charismatischen Phänomene
aufmerksam wird. Beispielsweise bringt die Zeitschrift »Das Neue Zeitalter« unter der Überschrift
»Wunderheilung vor dem Altar« einen begeisterten Bericht über Pastor Kopfermanns
Heilungsgottesdienst in Hamburg. Bezeichnenderweise heißt es von den Handauflegungen
zwecks Heilung:

»Wie anschließend von den Gruppenmitgliedern zu erfahren ist, strömt Wärme von den Händen
aus, wohltuende Wärme.«

Die theosophisch geprägte Zeitschrift »Der Templer« berichtet eher ausführlich unter der
Schlagzeile »Stichwort: Geistheilung« über den charismatischen Gottesdienst in der Hauptkirche
St. Petri:

»>Jesus Christus gab den Auftrag zu heilen. Was er vollbrachte, sollen wir vollbringen.< Applaus.
Kopfermann: >Gott geht durch die Reihen und wird euch anrühren<. ... Kopfermann: >Die Hand
soll auf die Stelle gelegt werden, wo Heilung erwünscht ist, soweit es der Takt erlaubt<«.

Theodore Roszak, ein weltlicher Fachmann und Vertreter der New-Age-Bewegung, zählt in
seinem Buch «Das unvollendete Tier« auf, was seiner Meinung nach zu dieser Strömung
hinzuzurechnen ist. Dort heisst es u.a.:

»Neuer Pfingstglaube und Charismatische Gemeinden innerhalb der Großkirchen«.

Noch deutlicher stellen Bach und Molter als New-Age-Kritiker folgendes fest: »Wer heute
Probleme hat, die er allein nicht mehr bewältigen kann, geht nicht mehr zum Pfarrer, sondern
zum Psychologen oder in eine der vielen Formen von Selbsterfahrungsgruppen. Gegenwärtig tritt
sogar eine neue Dimension verstärkt in den Vordergrund: Yoga, Zen-Meditation, Pfingst- oder
charismatische Bewegung, Okkultismus, Spiritismus, Übersinnliches, Astrologie oder
Seelenwanderung«.

Natürlich werden die Charismatiker von den New AgeLeuten vereinnahmt. Auch nicht jeder
Anhänger der pfingstlichen oder neopfingstlichen Strömung bejaht die Exzesse aus den eigenen
Reihen. Trotzdem sind die Phänomene auffallend ähnlich.

So schreibt beispielsweise Arnold Bittlinger, durch den die Charismatische Bewegung nach
Deutschland kam, in einem Artikel unter dem Thema: »Geistgewirkte Krankenheilung in der Bibel
und heute« u, a. folgendes:

»Die Gabe der Heilung, die in uns liegt, muß erlernt und weiter entwickelt werden, ebenso wie
auch andere Gaben.«

Dies aber erinnert in verblüffender Parallele an das »Bewusstseins-Erweiterungs-Programm« der


New-Age-Jünger, wo man ebenfalls lehrt, daß die Gaben und Kräfte (auch die übernatürlichen)
angeblich in einem schlummern und nun entfacht werden sollen.

Auch bei den oben im Zusammenhang mit den Heilungsdiensten von John Wimber und Wolfram
Kopfermann erwähnten Hitze bzw. Wärmeempfindungen, handelt es sich nicht um physische
Reaktionen dem Heiligen Geist gegenüber, wie beschwichtigend versucht wird zu erklären.
Abgesehen davon, daß dies nicht in der Bibel zu finden ist. kennen vielmehr die New Age
Anhänger diese Phänomene nur zu gut und sehen darin ein positives Wirken der kosmischen
Kräfte, der heilenden Energien bzw. der »göttlichen« Schwingungen, die gewöhnlich körperlich
wahrgenommnen werden.

Eines der neuesten Bücher von John Wimber heißt sogar »Die Dritte Welle des Heiligen
Geistes«. Auch die New-Age Bewegung redet in unseren Tagen von einer 3. Welle, die nun in
ihrem Sinne um sich greift.

So ist es leider keine Übertreibung, gerade mit Blick auf viele Schlüsselleute dieser Bewegung,
wenn man diese schwarmgeistigen Strömungen als eine christlich verbrämte Form der New-Age
Bewegung bezeichnet.
Dies gipfelt sogar darin, daß die Theosophen, deren Begründerin Madame Blavatsky fast als
geistige Mutter der heutgen New Age Bewegung bezeichnet werden kann, in einer Beurteilung
der charismatischen Bewegung sich höchst lobend dazu äußern:

»Die Gebetshaltung, die Gnade und Wunder produziert, war und ist noch immer ... Magie ob
bewußt oder unbewußt ... Meine Erfahrung ist, daß die gegenwärtige Charismatische
Erneuerungsbewegung ein Schritt seitens der christlichen Gemeinschaft zu den Idealen ist, wie
sie Helena P. Blavatsky aufgezeigt hat. Zugegeben, sie setzen einen persönlichen Gott voraus,
aber auch dies ist auf einen Heiligen Geist ausgedehnt, der auch als unpersönlich betrachtet
werden kann.«

Wachsende Infiltration

Die Basis der Einflußnahme der Finsternis wird selbstverständlich (leider) durch schwere Sünden
verbreitet. Okkultismus. Droge, sexuelle Entartung gestatten einen immer festeren Zugriff auf die
jeweilige Person. Wogen dieser Art haben leider unsere Generation heimgesucht. Immer mehr ist
es dadurch der verführerischen Macht ermöglicht, die Direkteinflußnahme auszuüben. Sie greift
auch das Nervengerüst ihrer Opfer an. Auf manche »beseligende« Erfahrung, begleitet mit
schönsten Visionen und Auditionen, folgte nur zu oft ein Nervenzusammenbruch oder geistige
Zerrüttung. Andererseits kann man auch beobachten, wie der Schwarmgeist im Fleich endet.
Nach manch euphorischer und übergeistlicher Phase, begleitet von den scheinbar himmlischsten
und frömmsten Eingebungen und Erscheinungen, folgen nur zu oft Ehebruch oder gar noch
schlimmere Entgleisungen des »frommen« Fleisches.

In diesem Zusammenhang wird man an einen Brief von Jung-Stilling erinnert, der wegen seiner
Aktualität, beinahe 200 Jahre alt, hier noch erwähnt werden soll. Jung-Stilling schrieb wegen des
Führers der damaligen »Inspirierten«, Prediger Rock, folgendes:

»Ich habe Rocks Schriften gelesen und bin von Herzen überzeugt, daß er es treu und redlich
gemeint hat. Aber lieber Herzensbruder, der Heilige Geist bedient sich nicht der Ohnmachten,
Konvulsionen (Zuckungen) und Verlust des Bewußtseins, wenn er Zeugnisse an die Menschen
verkünden lassen will. Mir sind viele männlich und weibliche Personen bekannt geworden, die
auch solche Zuckungen bekamen, dann in eine Entzückung gerieten und so die herrlichsten und
heiligsten Bibelwahrheiten auf die schönste und heiligste Weise aussprachen, sogar zukünftige
Dinge voraussagten, die pünktlich eintrafen. Aber allmählich und am Ende ging es kläglich und
oft schändlich aus, und nun zeigte es sich, daß sich ein falscher Geist in einen Engel des Lichts
verstellt hatte.«

Jedenfalls vermag der fremde Geist wie ein Instrument das eroberte Gehirn zu bedienen, und
dementsprechend hören deren Opfer Stimmen, haben Gesichte usw. Dies nimmt auch in der
christlichen Literatur in ertaunlichem Maße zu. Visionen, »himmlische« Offenbarungen, Engel-
und Jesuserscheinungen und dergleichen treten immer häufiger auf. Hier soll das freie Wirken
Gottes nicht eingeschränkt werden. Er vermag durchaus in besonderen Fällen jemand hörbar
anzurufen, doch sind solche Ereignisse die Ausnahme und nicht die Regel.

Die okkulte Quelle ist manchmal nur zu offensichtlich. Doreen Irvine, einst Königin der schwarzen
Hexen, bekehrt sich und erlebt ihre Geistestaufe mit Zungenreden. Mike Warnke, vormals Agent
und Priester Satans, bekehrt sich und erfährt ebenfalls seine Geistestaufe. Merlin Carothers
verkehrt in spiritistischen Zirkeln und hat später eine Vision, wie Jesus vor ihm kniet und wird
auch sonst ständig über Gesichte und Stimmen gesteuert. Susan Atkins, ehemalige Braut von
Charles Manson und vormals in schlimmste Okkultsünden verstrickt, bekehrt sich und »Jesus«
erscheint vor ihr in hellster Lichtgestalt.

Der schon erwähnte Don Basham schreibt in seinem Buch »Befreie uns vom Bösen«, wie er
sogar als Bibelschüler und bereits Zungenredener arglos (er hat dies dann später durchschaut)
regelmäßig spiritistische Séancen besuchte. Seine oben erwähnte Praktiken zum Empfang der
Geistestaufe erinnern dementsprechend wiederum mehgr an fromm getarnten Spiritismus oder
eben New-Age denn an Lehren der Bibel.

Es wird höchste Zeit, daß die Gläubigen endlich erkennen, welche Gesetzmäßigkeiten sich hier
tatsächlich abspielen und warum die Charismatiker unter den Rauschgiftsüchtigen solche
»Erfolge« haben und warum Leute mit Drogen- oder okkulter Vergangenheit so schnell in
charismatischen Kreisen wiederzufinden sind und warum diese Strömungen in Ländern der
Dritten Welt, vor allem in der Hochburg des Spiritismus, nämlich Südamerika, solch
phänomenales Wachstum verzeichnen.

Gerade der Korintherbrief, der wegen mangelnder Gemeindezucht geschrieben wurde, zeigt nur
zu deutlich die Gesetzmäßigkeiten der Vermischung. Die beiden klassischen Quellen sind
Unzucht bzw. Hurerei und Götzendienst. So ermahnt Paulus eben diese Gläubigen, weil sie darin
verstrickt waren, der Unzucht und dem Götzendienst zu fliehen (1 Kor 6,18 und 10,14).

Wegen dieser Vermischung betonten die Korinther auch besonders das Zungenreden. Paulus
jedoch drängt es in seiner Darlegung in 1 Kor 14 systematisch zurück. Heute haben wir eine
Porno- und Okkultwelle, und dementsprechend aktuell sind heute wiederum die »korinthischen«
Zustände geworden.

Diese höchste Form der widergöttlichen Vermischung findet sich in 1 Kor 5,5. Das Fleisch dieses
Gläubigen ist im Griff Satans, dennoch ist der Geist durch Bekehrung Eigentum des Herrn. So
zeigt es jedenfalls dieser Vers. In gewisser Hinsicht ist diese Epistel der Standardbrief der
Vermischung, die ja auch allegorisch in Form des Sauerteigs erwähnt wird, der alles zu
durchsäuern pflegt 1 Kor 5,6.

So kann man dem Herausgeber des »The Trumpet Sounds for Britain«, David E. Gardner, nur
zustimmen, wenn er feststellt: »Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß auch ein anderer
Geist in der charismatischen Bewegung am Wirken sein muß, der definitiv nicht der Geist von
Jesus ist, auch wenn der Heilige Geist ebenfalls mitwirkt.«

Das Durchbruchserlebnis für den falschen Geist ist häufig die Erfahrung der Zungenrede, die mit
der biblischen Gabe des Sprachenredens verglichen wird, leider aber eine Imitation des
Verführers sein dürfte. Wie sehr diesem Erlebnis eine Schwellenfunktion zukommt, um Gläubige
für Eingebungen der irrationalen Welt und damit verbundener mangelnder Selbstkontrolle zu
konditionieren, wird von den Vertretern dieser Strömungen erstaunlich ungeschminkt zugegeben.
So erklärt Wolfram Kopfermann in einem Kurs zur Heilung in der Kraft des Geistes:

»Die transrationalen Geistesgaben sind nicht vom Willen und Verstand her geprägt. Die
Glossolalie ist zugleich eine Schwellengabe. Die Schwelle ist der Übergang von einem Raum
zum anderen. Wir betreten damit ein Land, wo wir den Boden unserer gedanklichen
Selbstkontrolle verlassen. Darum ist diese Gabe für die allermeisten Christen so wichtig. Wenn
sie auf dem Wege über die Glossolalie über diese Schwelle gegangen sind, dann haben suie es
leichter, auch für andere Gaben des transrationalen Typs zu bitten. Darum ist es richtig, daß
diese Gabe in der charismatischen Bewegung so hoch geachtet wird ...«

Die Ahnungslosigkeit vieler ist heute notvoll, und gerade eine Kenntnis der Gesetzmässigkeiten
der möglichen Vermischung und der Phänomene der Passivität könnte hier manche
Zusammenhänge aufschließen und manchen Durchblick vermitteln, wie Verführung verhindern.

Die Gefahr der Exkursion der Seele

Bei noch größerer Einflußnahme seitens der Finsternis vermag diese fremde Macht sogar die
Seele des Menschen, also sein Selbst oder Ich, aus dem Leib, der biologischen Maschine,
herauszuziehen. Man nennt dies Exkursion der Seele. Es ist ein bekanntes Phänomen des
Okkultismus und Spiritismus. Das Tibetanische Totenbuch ist voll von solchen Berichten, die
Yogis vermögen dies zu bewerkstelligen, und auf gleicher Ebene sind auch die Sterbeerlebnisse,
die durch Elisabeth Kübler-Ross und Raymond Moody weltweite Publizität erfahren haben.

Raymond Moody hört immer eine Stimme, die er als göttlich versteht. Das gewohnte und
vertraute Vernehmen einer Stimme wird im Spiritismus als Kontrollgeist bezeichnet. Kübler-Ross
hat mehrmals Exkursionen der Seele erfahren und weiß von mindestens drei Kontrollgeistern zu
berichten. Eigentlich ist sie durch bald sämtliche okkulte Phänomene hindurchgegangen.

Auch C. G. Jung hatte solch ein Sterbeerlebnis. Dies sollte nicht unbedingt überraschen, war er
doch ein aktiver Spiritist, der offen zugab, seine Psychologie und Archetypenlehre aus
spiritistischer Literatur abgeleitet zu haben. Er hatte ebenfalls einen Kontrollgeist (Philemon) und
schrieb das Vorwort zu dem Tibetanischen Totenbuch, das natürlich seinen spiritistischen Lehren
entsprach.

Solche Leute berichten jedenfalls, wie sie sich selber sitzen oder liegen sehen und den Eindruck
haben, zu schweben. Erwähnenswert ist dies deshalb, weil diese okkulten Phänomene auch in
die christliche Literatur Einzug gehalten haben.

Wiederum sind es in erster Linie die Charismatiker, die diese hochgradigen Okkultphänomene als
göttliche Geisteswirkungen einstufen.

So erfährt Demos Shakarian diese Exkursion der Seele: »Und dann war die Vision vorbei. Ich
merkte, wie ich auf die Erde zurückkehrte. Unter mir war Downey in Kalifornien. Dort war unser
Haus. Ich konnte mich selbst sehen, kniend, ...«

Nun sind die Geschäftsleute des vollen Evangeliums, deren Gründung auf obige Vision
zurückgeht, keine Randerscheinung, sondern eine Gruppe, die die charismatische Bewegung
unterstützt und populär gemacht hat, wie kaum eine andere. Auch Volkhard Spitzers gesamte
Olympiaaktion, die nun allerdings anders kam, als er in der angeblich göttlichen Vision zu sehen
vermeinte, wäre ohne den einflussreichen und finanzkräftigen Arm dieser Gruppe erst gar nicht
möglich geworden.

Roland Buck, dem wir das im Leuchter-Verlag erschienene Buch »Begegnungen mit Engeln«
verdanken, sieht sich selber nach der Rückkehr aus dem angeblichen Thronsaal Gottes von
hinten über seinen Schreibtisch gebeugt sitzen.

In dem Buch »Allah mein Vater?« von Bilquis Sheikh liest man von ähnlichen Erfahrungen. Auch
Kathrin Kuhlman weiß davon zu berichten.

Die Renaissance der Mystik

In diesem Bereich der Verführung über eine Woge der Passivität gehört auch das
Wiederaufleben der Mystik. Sie ist schon von ihrer Definition her der ideale Nährboden für
Passivität. Ihr liegt das griechische Wort »myein« zugrunde, was sich schließen oder
verschließen, insbesondere der Augen und den Mund, bedeutet. Man gleitet in eine passive Stille
und wird so für übernatürliche Erfahrungen konditioniert.

Friso Melzer empfiehlt in diesem Zusammenhang: »In solchen Übungen sind Verstand und Wille
ausgeklammert; der Übende ist empfangsbereit und läßt sich gefallen, läßt sich widerfahren, was
ihm geschieht.«

Dies sind wiederum klassische Gesetze der Passivität. Solche im religiösen Gewand betrogenen
Opfer empfangen oft eine Fülle von »himmlischen« Eingebungen, auch Träume, nicht ahnend,
daß sie durch diese Methoden den satanischen Mächten ihr leibliches Instrumentarium (Gehirn)
zur Bedienung überlassen haben.
Viele große »Heiligen« der katholischen Kirche waren tatsächlich irregeführte Medien einer
fremden Macht und hatten Symptome von (zeitweiliger) Besessenheit. So litt Teresa von Avila
dauernd an Ohrensausen und Schwindelanfällen; sie konnte fast zwei Jahrzehnte kaum essen.
Herzattacken und Nervenschmerzen führten nahezu zum Tode. Catarina von Siena erlebte in
einer Exkursion der Seele eine Führung durch Paradies, Hölle und Fegefeuer.

Viele Lehren der kath. Kirche, wie beispielsweise das Fegefeuer oder das Fronleichnamsfest,
gründen sich auf solch mediale Visionen. Der Katholizismus ist durchzogen mit frommem
Spiritismus (Gebete für Verstorbene, Fegefeuer) und Mystizismus, und dementsprechend
erfahren diese Kräfte in unserem endzeitlichen Gefälle eine ganz neue Popularität.

Die mystische Grundströmung des Schwarmgeistes vermag sich nahtlos mit katholischen
Dogmen zu verbinden, wie die katholisch charismatische Bewegung so eindrücklich zeigt. In dem
von Siegfried Großmann herausgegebenen Buch »Der Aufbruch« heißt es u.a.: »Bei allen fanden
wir eine große Liebe zur Eucharistie, und manche, auch Mädchen und junge Männer, sagten uns,
daß sie die Liebe zur Gottesmutter neu gefunden haben und oft den Rosenkranz beten. Auf
meine Frage, warum in den »prayer meetings« selten von Maria die Rede ist, sagten sie, dies
geschehe aus Rücksicht auf die nichtkatholischen Christen, die mit ihnen beteten.«

Die mystische Sakramentslehre des Katholizismus geht völlig parallel mit den charismatischen
Erlebnissen.

»Die Erfahrung zeigt, daß viele Christen aufgrund ihrer charismatischen Erfahrung eine tiefere
Beziehung zu den Sakramenten, vor allem zur Eucharistie, gewinnen.«

Noch eindrücklicher ist folgendes Zeugnis aus dem Buch »Zen – ein Weg für Christen«, wo der
Autor folgende Erlebnisse berichtet: » ... andere ums Gebet und die Handauflegung und wieder
andere um die Geistestaufe baten. Ich erhielt die Geistestaufe ... Ich glaube, daß die Sakramente
dieselbe Wirkung haben können ... Immerhin erkannte ich durch die Pfingstbewegung die
Parallelen zwischen Zen-Satori und christlicher Bekehrung oder Metanoia.« (William Johnston,
Zen - ein Weg für Christen, Topos Taschenbücher, p.118-120).

Auf dieser Basis der Erfahrung ist es möglich, alle Menschen zum gemeinsamen
»Gotteserlebnis« der Welteinheitskirche zu führen.

Die Bildmeditation, besonders die Ikonen der Ostkirche, sind das ideale Sprungbrett für Passivität
und die damit verbundene Macht. Es wird verlangt, daß man sich diesen Bildern überlässt, und
dementsprechend sind gerade in der orthodoxen Ostkirche Visionen und Stimmenerlebnisse ein
zum religiösen Leben der Heiligen gehörendes Phänomen. Das Klosterwesen hat seinen
Ursprung in diesem mystischen, synkretistischen Verständnis einer nur zu oft passiven
Absonderung. Die extremste Form ist der Säulenheilige.

Nicht das Klosterwesen, auch viele Kommunitäten (nicht alle) haben ihre Wurzel in mystischer,
passiver Frömmigkeit. So behauptet Roger Schütz, der für seinen synkretistischen Ökumenismus
bekannte Ordensgründer von Taizé, folgendes: »Um nicht in der Trockenheit des Schweigens
stehenzubleiben, sollten wir sehen, daß das Schweigen Wege zu unbekannten schöpferischen
Möglichkeiten eröffnet. In der weiten Tiefenschicht der menschlichen Person, im
Unterbewußtsein, betet Christus weit mehr, als wir es uns vorstellen können. Verglichen mit der
Unmeßlichkeit dieses verborgenen Betens Christi in uns, ist unser artikuliertes Gebet nur ein
kleiner Teil. Das Wesentliche des Gebets vollzieht sich vor allem in einem großen Schweigen.«

Doch die Reformation begann nicht damit, daß ein Mann ins Kloster ging, wie die heutige
mystische Frömmigkeit immer wieder nahelegt, sondern dadurch, daß ein Mann aus dem Kloster
austrat und all diesen subjektiven Erlebnissen die Autorität des Wortes Gottes entgegenhielt.
»Die Schrift allein.«
Teil 2

Heilungsdienste - Bereicherung oder Verführung?

Immer mehr wird man heute mit dem Anspruch konfrontiert, man habe nur das »halbe« und nicht
das »volle« Evangelium, wenn man nicht die Kranken heilt. Angeblich schließe die
Evangeliumsverkündigung auch den Heilungs¬auftrag mit ein. »Predigt und heilt« laute der
biblische Missionsbefehl. Gott begleite auch heute noch die Verkündigung seines Wortes mit
übernatürlichen Machtwirkungen, Zeichen und Wundern. Der Chor der Stimmen, der dies fordert
und früher eher schwach zu vernehmen war, schwillt heute immer lauter an und ist unüberhörbar
geworden.

Vorweg muß deutlich gesagt werden, daß in keiner Weise der Eindruck vermittelt werden soll, als
könne Gott heute nicht mehr heilen. Zwar muß gesehen werden, daß unser Leib in diesem Äon
noch nicht erlöst ist (Röm 8,23). Dies geschieht erst mit der Vollendung der Gemeinde (1 Kor
15,51 55). Deswegen ist es unhaltbar zu behaupten (wie es zu den dogmatischen Aussagen der
Pfingstbewegung gehört), das Kreuzesopfer Jesu schließe jetzt schon auch die Heilung von
unseren Krankheiten ein. Dennoch heilt der lebendige Gott auch heute noch wann, wo und wie Er
will. Ich selber weiß von Heilungen - selbst von Krebs - im Rahmen der Anleitungen nach
Jakobus 5,14 16.

Ein populärer Heilungsdienst

Doch in unseren Tagen offenbart sich mehr und mehr ein Heilungsdienst ganz besonderer Art.
Heilungsevangelisten wie John Wimber, Reinhard Bonnke, Wolfram Kopfermann, Yonggi Cho
und andere sprechen eine ständig zunehmende Zahl von Christen an.

John Wimber ist ein sympathisch wirkender Mann von faszinierender Ausstrahlung, der sicherlich
nur das Beste für die Gemeinde beabsichtigt. Doch entheben uns selbst eine große
Massenbegeisterung und edle Motive nicht von der Verpflichtung, die Geister zu prüfen. So
deutet der Herr Jesus mit keinem Wort etwa eine Dämpfung des Geistes dadurch an, daß die
Gläubigen zu Ephesus »geprüft haben, die da sagen, sie seien Apostel, und sind's nicht« (Offb
2,2). Im Gegenteil, sie werden dafür gelobt.

Wie geschah nun bei John Wimber die Hinwendung zur charismatischen Bewegung, bei dem
Mann, der heute viel¬leicht am meisten zur Ausbreitung der Heilungsdienste innerhalb der
Christenheit im Westen beiträgt? Über seinen Werdegang konnte man u. a. folgendes in einer
englischen Zeitschrift lesen:

»Bevor er soweit war, ihre Ansichten zu teilen (Seine Frau hatte sich vor ihm der charismatischen
Strömung geöffnet, Anm.), wollte seine Frau wissen, ob er die Gabe der Hei¬lung habe. Eines
Nachts, während er schlief, nahm sie seine Hand, legte sie auf ihre rheumatische Schulter und
betete, >OK, Herr, nun tue es!< Eine Woge von Hitze strömte plötzlich in ihre Schulter und John
Wimber wachte auf, seine eigene Hand heiß und pulsierend.«

Was soll man von dieser Art Heilung halten? Dies erinnert eher an den medialen
Berührungskontakt bzw. Sympathiezauber, als an ein biblisches Heilungswunder. Die
Persönlchkeit Wimbers bzw. sein Wille ist zweifelsfrei umgangen. Er ist als Schlafender
buchstäblich Medium einer Geistes¬kraft, die ihn wie einen Kanal benützt und durchströmt.
Geistliche Wahrheiten aber werden bekanntlich über den Verstand und nicht über das Gefühl
vermittelt. Umgehen oder Ausschalten des Verstandes aber bedeutet das Nichtbeachten der
Persönlichkeit bzw. des Willens des Menschen. Wie bereits gesagt, ist dies dem Heiligen Geist
völlig fremd.

Die Geistheiler und ihre Begleitsymptome

Auch die Hitzeempfindung ist eine altbekannte Begleiterscheinung von Geistheilem bzw.
Geistheilungen. Dies soll an einigen Zitaten belegt werden.

Harry Edward, Englands berühmtester Geistheiler, erklärte, daß die Geister verstorbener
Menschen durch seine Hände wirkten. Auf die Frage, wie er und der Patient den Heilvorgang
wahrnähmen, antwortete er: »Vor allem Wärme dort, wo man die Hand auflegt. Sowohl Heiler
als auch Patient spüren das. Es muß sich dabei irgendein Energieumsatz abspielen.«

Über den in Deutschland tätigen Geistheiler Starczewski hieß es in einer Tageszeitung:

»Er heile Krankheiten nicht selbst, sondern als Medium mit Hilfe einer besonderen kosmischen
Strahlkraft, einer gebündelten Wärme, die durch seine Hände fließe, als Medium von Geistern
aus dem Jenseits, sagt er.«

Paul Uccusic, Fachautor über esoterische Themen und Geistheilung, schrieb unter dem Titel
»Die heilende Kraft der Hände«:

»Bei der Direktbehandlung wird der Heiler in der Regel seine Hände, die stärkste seiner Waffen
im Kampf gegen die Krankheit, bemühen ... Die meisten Heiler spüren die Kraft in Armen und
Händen, und sie wissen auch, daß die Kraft nicht aus ihnen selbst kommt; aber dennoch wirkt sie
mittels der Hände ... Bei diesem Verfahren, dem Handauflegen, spürt der Kranke meist eine
Wärme, die das Gewebe und die Knochen durchdringt und die Schmerzen in der Regel bald zum
Verschwinden bringt. Der Kranke glaubt, die Hände des Heilers seien warm; aber das ist
unrichtig: er spürt einfach die Kraft.«

Ständig wird betont, wie diese Heilungskräfte eine göttliche Gabe zum Wohle der Menschheit
seien. Mit dieser Überzeugung verbindet sich oft ein selbstloser Einsatz.

Man kann nun berechtigterweise fragen, was denn dieser offensichtliche Mediumismus mit den
christlichen Heilern zu tun habe?

Zunächst fällt auf, wie an einigen Beispielen der Heilungsevangelisten und führender
Charismatiker bereits aufgezeigt, daß die Symptome (Wärme etc.) verblüffend ähnlich sind. Doch
berechtigt das zu solchen Schlußfolgerungen?

Wie wurde der Heilungsauftrag wiederentdeckt?

Dazu soll kurz und ohne Anspruch auf Vollständigkeit skizziert werden, durch welche
Schlüsselleute der angebliche Auftrag zu heilen »wiederentdeckt« und in den Gemeinden
verkündet wurde. Das Thema Heilung war schon immer eine Domäne der Pfingst- und späteren
charismatischen Bewegung, doch wie drang es in die etablierten Kirchen und Freikirchen ein?
Denn Tatsache ist, daß die Thematik Heilung erst in den letzten Jahrzehnten oder eigentlich
Jahren so an Aktualität gewonnen hat.

Man liest weder von Missionaren des vorigen Jahrhunderts, noch bei solchen, die sich noch
früher hinauswagten wie Bartholomäus Ziegenbalg oder William Carey, daß sie neben ihrer
Verkündigung auch Heilungsdienste abgehalten hätten. So schrieb David Livingstone in einem
Brief:

»Meine Praxis ist hier außerordentlich groß. Gegenwärtig habe ich Patienten, die mehr als 200
km weit hergekommen sind, um sich von mir behandeln zu lassen. Viele sehr schlimme Fälle
wurden vor mich ge¬bracht, und manchmal war mein Wagen von Blinden, Hinkenden und
Lahmen förmlich belagert. Welch ein gewaltiger Erfolg würde erzielt, wenn einer der siebzig
Jünger hier wäre, um sie alle mit einem Wort zu heilen! Übrigens sind sie ausgezeichnete
Patienten. Da gibt es kein Gejammer. Bei einer Operation sitzen selbst die Frauen unbeweglich.«

Gerade auf diese Aussendungsbefehle an die zwölf bzw. siebzig Jünger beruft man sich heute
immer häufiger zur biblischen Legitimierung des Heilungsauftrages. David Livingstone, einer der
gesegnetsten Missionare überhaupt, wußte nichts von dieser »Vollmacht des Heilens«. Hatte
auch dieser einmalige Diener Gottes nicht das »volle« Evangelium?

So ist es auch von diesem historischen Standpunkt erwähnenswert, was Roland Brown in seiner
Biographie »Gott ist gut, Jesus ist wunderbar« in diesem Zusammenhang, es war das Jahr 1924,
schreibt:

»Ich malte mir aus, wie herrlich es wäre, wenn wir jemanden berühren könnten und der Herr ihn
heilen würde. Allerdings hatte ich bisher von solchen Heilungen in unserer Zeit nicht gehört. Auch
in Predigten kam dieses Thema nicht vor; ich kannte auch kein Buch darüber und keinen
Zeitschriftenartikel. In mir lebte der große Wunsch, daß das, was bei den Anfängen des
Christentums geschehen war, auch heute geschehen sollte.«

Roland Brown lebte damals in Chikago. Teilweise waren noch Nachwirkungen der großen
Erweckung unter D. L. Moody, der dort so segensreich gewirkt hatte, vorhanden. Ist es möglich,
daß die damalige Christenheit solch einen angeblich wesentlichen Aspekt der Verkündigung
einfach außer acht gelassen hat?

Wer waren nun die Schlüsselleute für die Wiederentdeckung dieser »verschollenen« Gabe?
Cameron Peddie, schottischer Pfarrer der anglikanischen Kirche, nannte sein Buch, in dem er die
Krankenheilung als bleibenden biblischen Auftrag vertrat, bezeichnenderweise »Die vergessene
Gabe«. Er schreibt von seinen Wahrnehmungen der »Heilungskräfte«:

»Der, der die Behandlung durchführt, ist sich dabei stets dessen bewußt, daß Kraft durch ihn
strömt (wenn er dafür in seinem Inneren genügend empfänglich ist), und der Patient spürt ein
eigenartiges Hitze oder Kältegefühl. Die Hitze, die an den kranken Stellen entsteht, ist manchmal
so stark, daß der Patient die Bemerkung macht: >O, es brennt ja geradezu!<«

Aus welcher Quelle bezieht nun Cameron Peddie seine Gabe und seinen Auftrag? Bei ihm ist der
spiritistische Einfluß ganz offensichtlich. Er gibt zu, wie er 1942 zu einem Medium ging:

»Allmählich schienen sich ihre Gesichtszüge zu wandeln und ein östliches Aussehen
anzunehmen. Sie befand sich im Trancezustand ... Wir hatten das Gefühl, in der Gegenwart
eines Engels zu sein - gewiß nicht in der eines Teufels. Sie legte meiner Frau die Hände auf ...
Die spiritualistischen Medien heilten im Namen und in der Kraft vertrauter Geister, die nicht
unbedingt böse, aber körperlose Geister waren.«

Seine Berufung, den Heilungsauftrag in der Kirche wieder bekannt zu machen, spielte sich
folgendermaßen ab:

»Ich sagte zu Gott: Vater, ich bin noch immer im Dunkeln ... Wie kann ich da meinen Mitbrüdern
den Heilungsauftrag recht weitergeben? Wenn ich mein Schlafzimmer betrete, werde ich die
Bibel öffnen. Bitte laß die ersten Worte, die ich dort sehe, eine Botschaft sein, die mir Weisung
gibt. ...Ich zeigte mit dem Finger auf einen Vers und wollte ihn gerade lesen, als sich drei Seiten
von selbst einzeln umblätterten, eine nach der anderen, als ob sie von einer unsichtbaren Hand
bewegt worden wären.«

Diese Berufung zum Heilungsauftrag ist hier jenseits allen Zweifels eine mediale Steuerung, ein
Werk verführerischer Geister, die gemäß 1 Tim 4,1 am Ende der Tage besonders aktiv sein
werden.

Ein biblischer Heilungsauftrag?

Als Beleg für den Heilungsauftrag zitiert man die Passagen aus den Evangelien, nämlich Mt 10,5
ff. und Luk 10,9. Dies aber war vor Golgatha und stand ganz offensichtlich in Beziehung zu Israel
(besonders Mt 10,5 6). Im Missionsbefehl von Mt 28, wo (ganz im Gegensatz zu Mt 10)
ausdrücklich gesagt wird, nun unter alle Völker zu gehen, wird ein Heilungsauftrag dagegen mit
keiner Silbe erwähnt.

Auch findet sich der vollendete Ratschluß für die Gemeinde nicht primär in den
Geschichtsbüchern oder gar Evangelien (das Wort Gemeinde wird nur dreimal in den vier
Evangelien erwähnt), sondern in den Briefen. Vom Römer bis Judasbrief wird jedoch kein
einziges Mal befohlen, daß die Gläubigen Kranke heilen sollen.

Warum wird bei der Evangeliumsverkündigung selbst in der Apostelgeschichte den Zuhörern
immer nur Vergebung der Sünden angeboten und nie Heilung von Krankheiten angesprochen?
Hätte dann nicht z. B. Petrus im Hause des Kornelius sagen müssen: »Von diesem bezeugen
alle Propheten, daß durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden
empfangen« (Apg 10,43) und (nun in diesem Sinne fortfahrend) Heilung von ihren Krankheiten
erfahren? Sollten die Apostel solch einen wesentlichen Bestandteil des Verkündigungsauftrags
vergessen haben zu erwähnen?

Besonders der 1. Johannesbrief zeigt den Grund des Kommens unseres Herrn, erwähnt die
Warnung vor Verführung und befiehlt das Prüfen der Geister. Dieser Brief zeigt die biblischen
Kriterien für den Gläubigen. Dort nun, wo der Grund für Jesu Kommen erwähnt wird (1 Joh 3,
Verse 5 und 8 usw.) steht diese Aussage immer in Verbindung mit der Sünde. Kein einziges Mal
heißt es, daß Jesus erschienen sei, um die Kranken zu heilen. »Darin besteht die Liebe: nicht,
daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur
Versöhnung für unsere Sünden« (1 Joh 4,10). Dies wäre eine sonderbare Auslassung, wenn es
einfach für selbstverständlich erachtet werden sollte, daß die Gemeinde zu heilen hat.

George Bennett und seine Heilungserfahrungen

Auch George Bennett, Priester der anglikanischen High Church, verkündigt mit Berufung auf die
gleichen Bibelstellen den Heilungsauftrag. Auf der Rückseite seines Buches »Heilung brauchen
wir alle«, heißt es bezeichnenderweise: »In unseren Tagen entdeckt die Kirche neu ihren Auftrag
zu heilen.«

Es ist also nicht etwas, das immer schon durch die Jahrhun¬derte der Kirchengeschichte
praktiziert wurde, sozusagen seit Beginn der Gemeinde oder der Reformation, sondern etwas,
das neu auf uns zukommt.

Zunächst sind George Bennetts Ansichten, die er in seinem Buch vertritt, eine Vermischung von
Heilungsdienst und kirchlicher Sakramentslehre. Besonders aufschlußreich ist der Abschnitt
seines Buches, wo er erläutert, wie man die Krankheiten erfühlen bzw. die Krankheitsherde mit
den Händen feststellen kann. Wörtlich heißt es:

»Eine >andere< Empfindung mag auch die Fähigkeit sein, durch Intuition oder Berührung die
kranken Stellen im Körper eines Leidenden ausfindig zu machen. Manchmal spürt der
Ausübende in seinen Fingerspitzen, daß die Stellen, die geheilt werden sollen, heiß sind oder
sich >tot< anfühlen. Der >Heiler< weiß dann unwillkürlich, wie lange er seine Hände über dem
kranken Körperteil halten sollte. Manchmal vibrieren seine Hände, wenn die schöpferischen
Energien Gottes durch sie hindurchströmen. Später berichtet der Leidende vielleicht, daß er eine
>Glutwelle< oder so etwas wie einen elektrischen Strom verspürte, der durch ihn hindurchlief. Ein
derartiges Geschehen hat als solches keine Bedeutung; es ist nur die äußere Erscheinungsform
des Wirkens der wirklichen Kraft im Innern obwohl es sehr beunruhigend sein kann, wenn es
das erste Mal auftritt.«

Dies sind nun wiederum unzweifelhafte Symptome des Mediumismus, nicht des Wirkens des
Heiligen Geistes. Interessanterweise erklärt George Bennett unmittelbar danach, wie sich diese
»Gabe«, die Krankheiten mit den Händen zu erfühlen, auswirkt:

»Der >Heiler< spürt, daß er von dieser Kraft in eine ganz andere, wunderbare Welt versetzt wird,
die sich nicht richtig erklären läßt. Er mag manchmal darüber erschrocken sein. und unsicher
werden, ... Auch stellt er fest, daß er selbst verwundbarer gegenüber den Verletzungen in seinem
Leben und den Zugriffen des Bösen wird.«

Auch hier werden die Zusammenhänge durch solche Selbstzeugnisse offensichtlich.

John Wimber und die »Dritte Welle des Heiligen Geistes«

Diese Wahrnehmungen einer Wärme bzw. Hitze werden auffallend häufig in dem von John
Wimber herausgegebenen Buch »Die Dritte Welle des Heiligen Geistes« erwähnt. So schreibt
seine Frau Carol über das Kommen des angeblichen Heiligen Geistes.

»Aber ich wußte, daß Gott zu uns gekommen war. Ich war sehr glücklich, denn ich hatte so lange
um Gottes Kraft gebetet. Ich hatte es mir etwas anders vorgestellt, aber Gott gab uns seine Kraft
eben auf diese Weise. Ich stand auf, ging umher und hielt meine Hände in die Nähe der
Men¬schen, die auf der Erde lagen. Ich konnte die Kraft spüren, die von ihren Körpern ausging,
es war so etwas wie Hitze oder Elektrizität.«

In diesem Zusammenhang erscheint erwähnenswert, daß auch Katholiken, die nun angeblich von
der Himmelkönigin Maria geheilt worden sind, die gleichen Begleitsymptome erleben. Ein
gelähmter Mann, der in Lourdes geheilt wurde, berichtet, wie er am ganzen Körper eine starke
Hitze verspürte. Danach konnte er aus dem Rollstuhl aufstehen.

Überrascht es da noch sonderlich, daß John Wimber in seinem Buch »Vollmächtige


Evangelisation« sogar Lourdes im positiven Sinne anführt? Angeblich soll es ein Ort sein, wo
Gottes zeichenhaftes Wunderhandeln erfahrbar ist.

In demselben Buch erklärt Amerikas bekanntester Heilungs¬evangelist wörtlich:

»Manchmal bekomme ich Schmerzen in verschiedenen Teilen meines Körpers. Das zeigt mir an,
welche Krankhei¬ten Gott bei anderen heilen will.«

Auch dafür gibt es keine biblische Parallele, doch sind solche Phänomene den Geistheilern nur
zu gut bekannt.

Aus dem Glauben an den persönlichen Gott der Bibel wird mehr und mehr die Wahrnehmung
einer unpersönlichen Kraftwirkung, die sich in erster Linie physisch bemerkbar macht. In Wimbers
Buch »Die Dritte Welle des Heiligen Geistes«, das übrigens eine wahre Fundgrube für solche
Phänomene darstellt, berichtet seine Frau Carol:

»So ging John im Zimmer umher und betete für uns. Von seinen Händen strömte eine
unglaubliche Kraft. Wenn er die Menschen berührte, fielen diese einfach um. Für John war es, als
ob aus seinen Händen eine geistliche Kraft strömte, ähnlich wie Elektrizität. Es war das erste Mal,
daß John tatsächlich fühlte, wie Kraft von ihm ausging.«

Wie oben dargelegt, mißachtet dieser Geist, der leider als Heiliger Geist angesehen und
angesprochen wird, die Persönlichkeit bzw. die Selbstkontrolle des Menschen. So erzählt Carol
von ihrem Mann gleich danach:
»John ging zum Kühlschrank, weil er ein Glas Milch trinken wollte. Während er sich die Milch
einschenkte, sagte er: >Ich glaube, wenn man das Wort Gottes lehrt, dann wird der Heilige
Geist ...< John konnte seine Gedanken nicht mehr ausführen. Als er >der Heilige Geist< sagte,
sackten ihm plötzlich die Beine weg, und er konnte sich gerade noch an der Theke festhalten. Die
Milch spritzte überall herum. Er schaute überrascht und lachend zu mir hoch und sagte: >Ich
glaube, wir werden noch einiges erleben, Carol Kay<.«

Hier noch ein weiteres Beispiel zu diesen Phänomenen der sogenannten »Dritten Welle« des
Heiligen Geistes. Terry Virgo, Pfingstprediger aus England, schreibt über ein Gebetstreffen in
Südafrika:

»Während wir für sie beteten, fiel auf einmal mit Macht der Heilige Geist ... Etliche fielen unter der
Kraft Gottes zu Boden, und einige fingen heftig an zu zittern. Ein junger Mann wurde mit Macht
auf dem Boden hin und her geworfen, er bewegte sich wie ein aufs Trockene geworfener,
zappelnder Fisch. Es war undenkbar, daß er die körperlichen Verrenkungen selber machte. Seit
jenem Abend hat sein Leben einen ganz neuen Glanz bekommen.«

Hier wird zugegeben, wie eine andere Kraft den Menschen kontrolliert.

Wie vermittelt nun John Wimber die Gabe der Heilung? Wir haben schon erwähnt, wie sich diese
Kraft primär im seelisch körperlichen Bereich manifestiert. Lassen wir aus diesem mehrfach
zitierten Bestseller »Die Dritte Welle ...« jemanden zu Worte kommen, der dies buchstäblich am
eigenen Leibe erfahren hat.

Unter dem bemerkenswerten Titel »Darüber kann man lachen«, schildert der Neuseeländer
Murray Robertson seine Ausrüstung für den Heilungsdienst folgendermaßen:

»>Alle, die der Herr zum Dienst der Heilung beruft, werden an ihrem Körper eine Reaktion
merken<, fuhr John Wimber fort. >Wenn Sie dies merken, dann kommen Sie nach vorne, und wir
werden für Sie beten.< ...Da begann meine rechte Hand plötzlich stark zu zittern, so als ob sie
einen Preßluftbohrer festhalten würde... Darum ging ich nach vorne. Für alle, die nach vorne
gekommen waren, wurde gebetet ... In mir stieg ein Lachen auf, doch da der Augenblick dafür
völlig unpassend war, unterdrückte ich es. >Der Geist wird in Wellen kommen<, sagte Wimber,
>jede neue Welle wird mehr Menschen mit hineinnehmen als die vorherige.< In den ersten
Reihen fingen einige Menschen an zu lachen ... Diejenigen, die gelacht hatten, wurden still bis
auf mich. Ich konnte einfach nicht aufhören. Und schließlich konnte ich auch nicht mehr stehen!
Ich fiel zuerst nach vorne, dann nach hinten, und zum Schluß lag ich auf dem Boden, rollte hin
und her und hielt mir vor Lachen die Seite. Inzwischen war ich umringt von Zuschauern, ich
lieferte eine gute Unterhaltungsshow! ... Ich lachte etwa eine dreiviertel Stunde lang. Als ich
schließlich aufhörte, kam ein Kollege, ein sehr guter Freund von mir, legte mir die Hand auf den
Kopf und sagte: >Herr, gib ihm noch mehr davon< und ich mußte noch einmal eine dreiviertel
Stunde lang lachen! Dann flehte ich ihn an, nicht mehr für mich zu beten, meine Rippen
schmerzten schon von all dem Lachen!«

Der Brite H. E. Alexander, Gründer der Action Biblique, schrieb schon vor Jahrzehnten über die
Phänomene des christlichen Spiritismus unmißverständlich deutlich – fast zu deutlich, jedoch für
das gerade Zitierte möglicherweise nicht übertrieben:

»Hast du noch nie starke, physisch seelische Empfindungen, Verzückungen und seelisch
geistliche Gemütserregungen gehabt? Hat dich ein außergewöhnliches Zittern befallen? Wurdest
du zur Erde geworfen und bliebest auf deinen Knieen liegen oder krochest du herum, indem du
glaubtest, unter der Wirkung des Heiligen Geistes zu stehen? Sei versichert, daß in diesem
Augenblick Satan von deinem Körper ganz oder teilweise Besitz genommen hat, der damit ein
Medium des Geistes >des Engels des Lichts< wurde ... Dabei wähnst du, daß die, welche dich
vor dieser schreckli¬chen Gefahr warnen, gegen den >Heiligen Geist sündigen<, indem sie sich
dem Wirken Gottes entgegenstellen. Dein Leben steht in direkter Verbindung mit der
Dämonenwelt und dies im Namen Gottes!«

Es war Prof. Peter Wagner, der John Wimber zu Vorlesungen am Fuller Theological Seminary
(Kalifornien) berief. Nach dem theoretischen Teil wurde der Heilungsdienst gleich praktisch
ausgeführt. John Wimbers Einfluß hat dadurch eine viel größere Plattform erhalten. So nahm an
diesen Kursen auch der angesehene christliche Psychiater Dr. John White teil, Autor vieler
einflußreicher und erfolgreicher Bücher. Leider beweist auch er wenig
Unterscheidungsvermögen, wenn er über die Heilung des verletzten Beines eines Studenten im
positiven Sinne berichtet:

»Der junge Mann hatte sein Gesicht erhoben, es glänzte ein wenig von Schweiß. Die Augenlider
zuckten. Nach einer Weile begannen sein Kopf und seine Oberarme zu zittern, zuerst nur leicht,
dann immer stärker. Schon bald zitterte sein ganzer Körper, und zwar so stark, daß man
befürchten mußte, er würde das Gleichgewicht verlieren und zu Boden stürzen. Seine Krücke
polterte zu Boden, und zwei Studenten liefen zu ihm, um ihn vorsichtig auf den Boden zu legen,
wo er noch stärker zu zittern begann... Inzwischen schlug das rechte Bein des jungen Mannes in
alle Richtungen aus und gab dabei einer Aktenmappe einen kräftigen Schubs, so daß diese über
den Boden rutschte. Ich machte mir Sorgen, weil das linke Bein (das ich fälschlicherweise für das
verletzte hielt) angewinkelt unter dem Bein lag, das wild hin und her zuckte. Ich bat die
Studenten, die am nächsten bei dem jungen Mann saßen, das Bein vorsichtig unter dem anderen
wegzuziehen. Als sie dies versuchten, wurden sie scheinbar ebenfalls von dem Zittern ergriffen,
so daß sie meiner Bitte nicht nachkommen konnten. Nach fünf bis sieben Minuten hörte das
Ganze wieder auf ...«

Der vorhin erwähnte Dr. Peter Wagner ist Professor für Gemeindewachstum am Fuller
Theological Seminary »School of World Mission«, Pasadena, Kalifornien. Seine Arbeiten zum
Thema Gemeindewachstum sind so zahl und einflußreich, daß man ihm schon den Namen »Mr.
Church Growth« (Mr. Gemeindewachstum) gegeben hat. Der Einfluß von Peter Wagner auf die
weltweite evangelikale Bewegung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Nun liest man bereits in seinem Beitrag zu dem schon mehrfach zitierten Buch von John Wimber
»Die Dritte Welle des Heili¬gen Geistes« eher merkwürdige Dinge. Zunächst meint er, besonders
im Visier Satans zu sein:

»Der Herr hatte mich nämlich auch wissen lassen, daß ich auf Satans schwarzer Liste ziemlich
weit oben stände. Im Januar 1983 wurde nach einem Seelsorgegespräch mit John Wimber die
Kraft eines bösen Geistes gebrochen, der mir seit Jahren Kopfschmerzen verursacht hatte, die
mich sehr behinderten. Im März versuchte der Teufel, mich zu töten, indem er mir eine Leiter
unter den Füßen wegzog. Aus drei Meter Höhe fiel ich mit dem Kopf zuerst auf den
Betonboden.«

Unmittelbar danach nahmen die angeblichen Geisterangriffe noch sonderbarere Formen an:
»Dieses Ereignis weckte in uns die Vermutung, daß der Feind böse Geister in unser Haus
geschickt hatte. Dies bestätigte sich später, als meine Frau Doris in unserem Schlafzimmer
tatsächlich einen solchen Geist sah.«

Dieser Mann versucht nun dank seines großen Einflusses, die Prinzipien des Heilungsdienstes
und Gemeindewachstums verbunden mit Zeichen und Wundern in die von der
charisma¬tischen Bewegung noch nicht tangierten Kreise systematisch einzuschleusen. Sein
letztes Buch, »How to Have a Healing Ministry Without Making Your Church Sick« (Regal, 1988),
behandelt wiederum das Thema Heilungsdienste und wie diese von den Gemeinden in die Praxis
umgesetzt werden können. Die deutsche Ausgabe trägt den Titel »Der gesunde Aufbruch«
(Wolfgang Simson Verlag, 1989).

In einer jüngsten Veröffentlichung behandelt nun Peter Wagner das Thema »Territorial spirits and
world missions«, wo er sich besonders mit dämonischen Aktivitäten in Zusammenhang mit der
Ausbreitung des Evangeliums auseinandersetzt. Dieser Artikel enthält manch Richtiges und zu
Beherzigendes. Allerdings finden sich auch eine Menge absonderlicher Berichte und
Begebenheiten. So erzählt Peter Wagner von einer Südamerikanerin namens Rita Cabezas,
deren Dienst darin besteht, die Namen der Hierarchie Satans zu erforschen.

»Ich werde nicht ihre Methoden beschreiben, nur möchte ich erwähnen, daß alles mit ihren
umfangreichen Psychologischen- und Befreiungspraktiken seinen Anfang nahm und später sich
bis zum Empfang von Worten der Erkenntnis und Offenbarung entwickelte. Sie entdeckte, daß
direkt unter Satan weltweit sechs Fürstentümer stehen, namens Damian, Asmodeo, Menguelesh,
Arios, Beelezebub und Nosferasteus. Unter jedem, so berichtet sie, sind sechs Regenten für
jedes Land.«

Dann werden u. a. auch die sechs Namen der für die USA zuständigen Regenten aufgezählt, die
angeblich folgendermaßen lauten: Ralphes, Anoritho, Manchester, Apolion, Deviltook und ein
Ungenannter.

Hier meint man offensichtlich, die Tiefen Satans erkannt zu haben (Offb. 2, 24).

Vollends offenbar aber wird der fromme Spiritismus bei folgendem Bericht, den Peter Wagner im
Zusammenhang mit dem berüchtigten »Bermuda Dreieck« zustimmend wiedergibt:

»Kenneth McAll verbrachte viele Jahre als Missionsarzt in China und kehrte danach nach
England als beratender Psychiater zurück. In China begann er einen Befreiungsdienst und
engagierte sich durch umfangreiche Untersuchungen und Veröffentlichungen zu diesem Thema.
1972 fuhren er und seine Frau mit dem Schiff durch das Bermuda Dreieck. Viele Schiffe und
Flugzeuge waren dort spurlos verschwunden, aber sie dachten, daß so etwas ihnen nicht
widerfahren könne. Es geschah. Ein gewaltiger Sturm überwältigte sie, doch glücklicherweise
wurden sie gerettet. McAll entdeckte durch seine Nachforschungen, daß im Bermuda Dreieck
Sklavenhändler an die zwei Millionen Sklaven, die entweder zu krank oder zu schwach waren,
um verkauft werden zu können, über Bord geworfen und danach noch Versicherungsgelder für
sie eingestrichen hatten. Er hatte den Eindruck, daß Gott ihn anleitete, etwas zu unternehmen.
McAll versammelte mehrere Anglikanische Bischöfe, Priester und andere in ganz England, um
eine Jubiläums Eucharistiefeier im Jahre 1977 abzuhalten. Eine andere wurde kurz danach auf
der Bermudainsel selber gefei¬ert. Die erklärte Absicht war, >die spezielle Befreiung all derer zu
erlangen, die ein unzeitgemäßes Ende im Bermuda Dreieck erfuhren<. Als Resultat davon wurde
der Fluch aufgehoben. McAll berichtete 1982, >Von dem Zeitpunkt der Jubiläumsmes¬se bis
jetzt 5 Jahre hat sich kein unerklärlicher Unfall im Bermuda Dreieck ereignet<.

Gemeindewachstum und geistliche Kampfführung vorangetragen durch Messen für Verstorbene?

Inzwischen bekam Peter Wagner nicht nur das Charisma der Krankenheilung, sondern auch die
besondere Gabe, zu kurze Beine verlängern zu können. Seine Geistestaufe erhielt er bei Yonggi
Cho, von dem im »Dictionary of the Pentecostal und Charismatic Movements« berichtet wird, daß
ihm bei seiner Bekehrung Jesus als Feuerwehrmann erschien.

Yonggi Cho ist Koreaner und Pastor der größten Kirche der Welt. Sein Bestseller »Die vierte
Dimension« ist aber eher, wie Dave Hunt eindrücklich aufzeigt, eine Apologetik des Okkultismus
bzw. christlich verbrämtes Schamanentum denn biblisches Christentum. So schrieb die englische
Zeitschrift » Sword & Trowel« einen ganzen Artikel über Yonggi Chos Heilungstechniken unter
der Überschrift »Occult healing bu¬ilds the world's largest church« (Okkultheilung baut die größte
Kirche der Welt).

Ähnlich äußert sich Hank Hanegraaff. In seinem neuerschienenen Buch »Christianity in Crisis«
stellt er unumwunden fest:
»Chos Vorstellung des vierdimensionalen Denkens ist nichts anderes als Okkultismus. In seinem
Bestseller >Die vierte Dimension< offenbart Cho sein Abweichen von der historischen christlichen
Theologie und sein Eindringen in die Welt des Okkultismus.«

Der Einfluß von Agnes Sanford

Als Schlüsselfigur für die Wiedereinführung der Heilungsdienste in die Hauptgruppierungen der
amerikanischen Christenheit gilt Agnes Sanford. Vielleicht gibt es kaum eine Frau in diesem
Jahrhundert, die einen so großen Einfluß auf die heutige Christenheit in Amerika ausübte, wie
diese Lehrerin und Autorin vieler erfolgreicher Bücher. Sie ist die entscheidende Wegbereiterin
zur Ausbreitung der »vergesse¬nen Gabe«.

Francis MacNutt, ein katholischer Pater, wurde ebenfalls durch Agnes Sanford zu diesem
Heilungsdienst motiviert. Er war einer der ersten Katholiken, der sich in der charismatischen
Erneuerung engagierte und einer der ersten, der Gebet für Heilung in Gebetsgruppen
praktizierte. Er schreibt dazu:

»Diese Schulen wurden von Pastor Ted Sanford und seiner Frau Agnes gegründet, um die
Geistlichen davon zu über¬zeugen, daß der Heilungsdienst Teil des normalen Auftrags eines
jeden Pastors sein sollte. Obwohl ihr Gatte vor ein paar Jahren starb, hat Frau Sanford das Werk
des Unter¬richts weitergeführt und ist vielleicht mehr als jeder andere für die Erneuerung des
Heilungsdienstes in den großen Denominationen Amerikas verantwortlich.«

In ihrem Buch über die Heilungsgaben des Geistes schreibt sie:

»Beim Zungenreden wird nun diese Macht, die im Unbewußten aller Menschen verborgen liegt ...
zum Leben erweckt, so daß das Unbewußte Verbindung aufnehmen kann mit dem Unbewußten
eines anderen, der irgendwo auf dieser Erde lebt, oder mit jemandem, der früher hier gelebt hat
oder erst in der Zukunft leben wird ...«

In einem weiteren bedeutenden Werk, »Heilendes Licht«, wird die spiritualistische Verstrickung,
die fromme Verbun¬denheit mit Totengeistern, noch offensichtlicher.

»Auch die >Geister der vollendeten Gerechten<, für die wir vielleicht gebetet haben, als sie noch
auf Erden waren, sind Gegenwart (Hebr 12) und wirken durch uns, denn die Brücken, die von
Geist zu Geist gebaut werden, dauern über den Abgrund des Todes hinüber ... In der Bitte um
sein Kommen und in der Mitarbeit der anderen »Heiligen« erleben wir einen Machtzustrom. Viele
von uns empfinden ihn als einen wirklichen Strom voller Leben, der ins Inner ste des Körpers
dringt und durch das Rückgrat aufwärts steigt. Er ist so kräftig, daß wir gezwungen sind, uns
ganz gerade zu halten und ganz leicht und ruhig zu atmen. Für eine kleine Weile können wir
vielleicht auch nicht sprechen ... Diese Fülle muß weitergegeben werden.«

Wie sich die Heilungsmethoden dieser Frau auswirken, kann man wiederum in dem Buch »Die
Dritte Welle des Heiligen Geistes« nachlesen. Mike Flynn, Priester einer Episkopalkirche in
Kalifornien, schreibt im Zusammenhang mit Agnes Sanford:

»Es gab einige Dinge, die mich beunruhigten, und ich beschloß, Agnes Sanford aufzusuchen ...
Agnes, die hinter meinem Stuhl stand, sagte, sie würde trotzdem für mich beten. Sie ließ mich
wissen, daß sie beim Beten zitterte. Ich sollte mich davon nicht stören lassen. Sie legte mir die
Hände auf den Kopf und war eine Weile still.«

Danach praktiziert er die typischen Visualisierungen, wo der Jesus des Wortes durch einen Jesus
des Bildes bzw. der Vorstellung ersetzt wird. Eine Frau, die mit Schwierig¬keiten und Problemen
zu ihm in die Seelsorge kommt, wird folgendermaßen »geheilt«:
»Ich hatte mir angewöhnt, mir Jesu Gegenwart bildlich vorzustellen. Überall, wo ich war, konnte
ich ihn auf dem Thron sitzen sehen. So blickte ich zu Jesus. Er erhob sich von seinem Thron,
kniete sich neben die Frau, legte den rechten Arm um ihre Schulter, griff mit seiner Linken in ihr
Herz und holte etwas heraus, das wie eine schwarze, gallertartige Masse aussah. Diese Masse
tat er in sein eige¬nes Herz, wo sie schrumpfte, bis sie sich in nichts auflöste. Dann griff er erneut
in sein Herz und holte eine weiße Masse heraus, die er vorsichtig in das Herz der Frau legte, an
die Stelle, wo vorher die dunkle Masse gewesen war. Schließlich wandte sich Jesus mir zu und
sagte: >Tu das< ... Innerhalb der nächsten Jahre betete ich in ähnlicher Weise für Hunderte von
Menschen und lehrte viele diese Art des Gebets.«

Diese Methode der »Inneren Heilung« bzw. Visualisierung, nämlich die Überzeugung, daß man
durch eine bildliche Vorstellung Jesu seiner göttlichen Kräfte teilhaftig wird, hat durch Agnes
Sanford eine überaus große Verbreitung gefunden. Dave Hunt legt in seinem Bestseller >Die
Verfüh¬rung der Christenheit< dar, wie diese Visualisierungstechniken der heidnischen Welt und
besonders den Schamanen bekannt sind und einen direkten und schnellen Zugang in die
Geisterwelt vermitteln. Abgesehen davon, daß es un¬denkbar ist, daß der erhöhte Herr, vor dem
sich einmal alle Kniee beugen müssen, nun selber vom Thron herabsteigt und sich bei einer Frau
hinkniet.

Diese Methode der Visualisierung empfiehlt auch Richard Forster in seinem vielgelesenen Buch
»Nachfolge feiern«. Beispielsweise soll man sich vorstellen, wie man seinen Leib verläßt und
immer tiefer in den Weltenraum ver¬schwindet, bis man schließlich nur noch in der warmen
Gegenwart des ewigen Schöpfers verweilt. Richard Forster aber gehört zu den vielen
Bewunderern von Agnes Sanford. Er schreibt:

»Agnes Sanford und mein lieber Freund, Pfarrer Bill Vas¬wig, haben mir sehr geholfen, die
Bedeutung der Phantasie für die Fürbitte besser zu verstehen.

In dem Buch »Nachfolge feiern« finden sich auch sehr empfehlenswerte Passagen, doch tragisch
ist wiederum die teilweise vorhandene Naivität gegenüber Strömungen und Gestalten, die die
Gemeinde Gottes zerstörten und verfolgten. So empfiehlt er die Exerzitien des Ignatius von
Loyola, des Gründers des Jesuitenordens, und versteigt sich sogar zu der Behauptung:

»Sein (Ignatius, Anm.) dünnes Büchlein über Meditations¬übungen mit seiner Betonung der
Phantasie (imagination) hatte einen unglaublich positiven Einfluß zum Guten im 16.
Jahrhundert.«

In diesem Jahrhundert aber begann dank Ignatius von Loyo¬la und seiner Jesuiten die
Gegenreformation, in deren Folge Abertausende von Nachfolgern Jesu getötet wurden.

Jedenfalls sind durch Agnes Sanfords übergroßen mediumi¬stischen Einfluß fast alle
charismatischen Kreise, die Heilung propagieren, durchsäuert worden. So war sie eine beliebte
und häufige Sprecherin bei Camp Farthest Out, dessen internationaler Direktor der oben
erwähnte Roland Brown war. Auch Larry Christenson verdankt seine neop¬fingstlichen Impulse
wesentlich dem Buch »Heilendes Licht«, wie er im Vorwort zur deutschen Auflage anerken¬nend
schreibt.

Arnold Bittlinger, zusammen mit Larry Christenson der Vater der charismatischen Bewegung auf
deutschem Boden, veröf¬fentlichte in seiner Schrift »...und sie beten in anderen Sprachen« einen
Artikel von Agnes Sanford unter dem Titel »Erfahrungen mit dem Sprachenreden.«

In dem Gaben Test von Christian Schwarz wird unter dem Charisma der Auslegung des
Zungenredens Agnes Sanford als Autorität für die Existenz dieser Gabe zitiert. Dies ist nur eines
von etlichen Beispielen bei diesem Test, wo man bezüglich der diakritischen Gabe dieser
Gemeindewachstums¬strategen größte Fragezeichen setzen muß.
Körperliche Heilung empfiehlt auch Morton Kelsey, der mit Agnes Sanford eng verbunden war.
Eines seiner Hauptwerke trägt den Titel » Healing and Christianity« (Heilung und Chri¬stentum).
Kelsey gibt zu, wie ihm seine Methode durch das Studium von C. G. Jung erwachsen ist. Jungs
wissenschaftliche Karriere aber begann durch spiritistische Sitzungen mit seiner Cousine Helly
Preiswerk. Kelsey empfiehlt sogar den Kontakt mit Verstorbenen.

»Dank Jungs Eintreten für die aktive Phantasie und seinem Verständnis der Toten, die in
Wirklichkeit weiterleben, konnte ich dieses besondere Zusammentreffen mit meiner (toten) Mutter
erleben ... es erschien mir alles ganz echt.«

Was ist dann von John Wimbers Unterscheidungsgabe zu halten, wenn auf seinen Büchertischen
die Werke von Agnes Sanford und Morton Kelsey zum Verkauf angeboten werden? Ja, er preist
sogar dieses zutiefst mediumistische Werk >Heilendes Licht< in seinem jüngst erschienen Buch
>Heilungsdienst praktisch< als »den Klassiker unseres Jahrhunderts über die Thematik der
göttlichen Heilung« an.

Übrigens greift auch Arnold Bittlinger in der bereits genann¬ten Veröffentlichung unter der
Überschrift »Glossolalie psychologisch betrachtet« Morton Kelsey positiv auf.

»In der Schule C. G. Jungs wird die Glossolalie erklärt als eine Sprache, die aus dem Kollektiv
Unbewußten kommt. So schreibt z. B. der Jung Schüler Prof. Morton Kelsey: >Bei der Glossolalie
geschieht ein echtes Bewußtwerden von Inhalten, die aus den tiefsten Schichten des Kollektiv
Unbe¬wußten kommen.< (M. Kelsey, Tongue Speaking, New York 1964, S. 199).«

Bittlinger weiter:

»Nach dieser Meinung wäre also das Sprachenreden ein Ausdruck des Kollektiv Unbewußten,
das die gesamte Menschheit miteinander verbindet. Dies war auch mein Eindruck, als ich zum
ersten Mal dem Phänomen des Sprachenredens begegnete. Dadurch könnte auch das
Phänomen der Xenoglossia erklärt werden.«

C. G. Jung aber hat seine Lehre von dem Kollektiv Unbe¬wußten bzw. den damit verbundenen
Archetypen, wie oben kurz erwähnt, aus spiritistischer Literatur abgeleitet. Der nicht
unbedeutende Einfluß von C.G. Jung, nach all den positiven Erwähnungen führender Leute der
Neopfingstbewe¬gung überrascht es auch keineswegs, wird von charismatischer Seite offen
zugegeben: »C.G. Jung spielt bei vielen Verantwortlichen der charismatischen Erneuerung eine
wich¬tige Rolle.«

Eingedenk der Tatsache, daß durch Arnold Bittlinger die charismatische Bewegung in
Deutschland Fuß faßte, stellt sich erneut die Frage, um welchen Geist es sich bei dieser
Bewegung handelt, wenn hier ohne Bedenken Personen als Autoritäten herangezogen werden,
die sich offenkundig aktiv mit dem Spiritismus befaßt haben.

Diese Vermischung mit unbiblischen Strömungen wird durch eine jüngste Veröffentlichung von
Arnold Bittlinger noch deutlicher.

Um einen Eindruck von der Schlüsselrolle und Lehrauffassung zu vermitteln, die sich mit dieser
Person verbinden, möchte ich noch zwei Zitate voranstellen. So schreibt Wolfram Kopfer¬mann:

»Ein eigenes Schrifttum der evangelischen Gemeinde Erneue¬rung ist noch im Entstehen
begriffen. Hinzuweisen ist bisher auf einige Veröffentlichungen von Arnold Bittlinger, vor allem
zum Gesamtgebiet der Charismen, speziell auch zum Thema Sprachengebet, die als
Standardwerke gelten. Überhaupt kommt Bittlinger das Verdienst zu, schon in den sechziger
Jahren die Anliegen der charismatischen Bewegung theolo¬gisch so reflektiert und dargelegt zu
haben, daß sie von vielen sonst kritischen deutschen Zuhörern bzw. Lesern aufgenom¬men
werden konnten.«

Zum Phänomen des Zungenredens erklärt Arnold Bittlinger:

»Glossolalie ist sehr häufig das Phänomen, durch das Menschen Zugang zur Dimension des
Charismatischen finden .... Im Privatgebet spielt die Glossolalie innerhalb der Charismatischen
Bewegung eine bedeutende Rolle. Millionen von Christen, darunter viele Pfarrer, Priester und
Bischöfe, haben durch die Glossolalie Zugang zu einem verinnerlichten Beten gefunden ohne
daß sie diese Gabe in einem öffentlichen Gottesdienst praktizieren. Man kann deshalb zweitens
sagen: >Ohne Glossolalie gäbe es keine Charismatische Erneuerung<.

»In Verbindung mit meiner Forschung im Bereich der Charis¬matischen Erneuerung, der
ökumenischen Spiritualität und der Tiefenpsychologie, bin ich allmählich in Verbindung mit
nicht¬christlichen geistlichen Erfahrungen und Praktiken ge¬kommen.

Seit 1962 habe ich Forschungen über die Charismatische Er¬neuerung angestellt. Ich war ein
Mitglied des inneren Teams im Dialog zwischen der römisch katholischen Kirche und der
pfingstlich/charismatischen Erneuerungsbewegung. Ich war auch als Berater für die
charismatische Erneuerung beim Weltkirchenrat tätig.

Im Zuge meiner Nachforschungen begann ich mich für die afrikanischen unabhängigen Kirchen
zu interessieren, wo ich eine harmonische Vermischung von traditionellen afrikani¬schen und
christlichen Elementen vorfand. Als ich entdeckte, daß viele charismatische Elemente dieser
Kirchen ihre Wurzel in vorchristlichen Traditionen hatten, begann ich auch nach charismatischen
Elementen in anderen Religionen Ausschau zu halten. Ich entdeckte, daß vor allem die
Charismata der >Heilung< und der >Prophezeiung< in solchen Religionen manchmal
überzeugender waren als in der charismatischen Erneuerungsbewegung wenigstens soweit sie
von der nordamerikanischen Art des Christentums beeinflußt ist. Im Scha¬manismus fand ich
faszinierende Parallelen zu dem Dienst Jesu, den ich immer mehr als einen Archetypus des
Schamanen erkannte. Bezüglich »Heilung« war ich besonders beeindruckt durch den
ganzheitlichen Zugang zur Heilung, den ich unter den Indianern fand. Das hat mich motiviert, zu
solch einem Zugang auch für unsere christlichen Heilungsdienste Mut zu machen.

Bezüglich >Prophetie< bin ich beeindruckt von Erfahrungen im Hinduismus. Einige unserer
europäischen >Propheten< ent¬deckten und entfalteten ihre prophetische Gabe unter dem
Einfluß von indischen Gurus. Auch andere charismatische Erfahrungen haben ihre manchmal
eindrücklichen Entspre¬chungen in anderen religiösen Traditionen (z.B. >Beten im Geist< im
Japa Yoga). Ich bin davon überzeugt, daß die charismatische Erneuerungsbewegung noch
bedeutender wird besonders für die Mission der Kirche wenn sie auch die charismatischen
Gaben von anderen Religionen ernst nimmt.

Seit 1966 habe ich in der Arbeit einer ökumenischen Akademie mitgewirkt, die auch mit einer
ökumenischen Kommunität verbunden ist. Ein Hauptanliegen dieser Arbeit besteht darin, eine
ökumenische Spiritualität zu entwickeln. Aber wir waren auch an der Spiritualität anderer
Religionen interessiert. So hatten wir beispielsweise eine Konferenz zu dem Thema der
Bedeutung von Abraham als eine Wurzel des Glaubens im Judaismus, Christentum und Islam
und auch eine Konferenz über afrikanische, indische und jüdische Spiritualität mit Refe¬renten
dieser Traditionen. Wir hatten auch Konferenzen über das chinesische I Ging und das
Tibetanische Bardo Gödol (Tibetanische Totenbuch, Anm.). Aber unser Hauptanliegen ist, zu
unseren eigenen keltischen und alemannischen Traditio¬nen zurückzugehen und sie wiederum
zu beleben, um sie in unseren christlichen Glauben integrieren zu können.« - Soweit A. Bittlinger
-

Nun werden sich zweifellos die meisten Charismatiker von solchen Aussagen distanzieren. Auch
Wolfram Kopfermann lehnt diesen Synkretismus entschieden ab. Dennoch ist die Entwicklung
Bittlingers fast ein Paradebeispiel für die Manife¬station des verführerischen Geistes dieser
Strömungen und für die damit verbundene Öffnung zu immer bibelfremderen Quel¬len. Erst sind
die charismatischen Erfahrungen im evangelikal¬-protestantischen Lager scheinbar bibeltreu
verpackt. Dann entdeckt man auf einmal bereichernde spirituelle Elemente in der katholischen
Kirche, danach in der Liturgie der orthodoxen Kirche und letztlich findet man ähnliche oder
identische » Spiri¬tualität« in anderen Religionen und heidnischen Kulten über die gemeinsame
religiöse Erfahrung. Über charismatische Auf¬brüche führt es in den ökumenischen Dialog,
schließlich zurück zur katholischen Kirche und danach ins reine Heidentum.

Wunderheiler

Auch Oral Roberts verkündigt ganz entschieden den Hei¬lungsauftrag. Schon seit Jahrzehnten
hält er seine Heilungsfeldzüge. Er hat sich allerdings durch seine Methoden, den Leuten
Spendengelder aus der Tasche zu ziehen, mehr als ein Wolf im Schafspelz denn als demütiger
Diener Christi ausgewiesen. So verschickte er Gebetstücher und sogar »heiliges Wasser«, das
richtig angewandt alle möglichen Probleme heilen sollte.

William Branham erschien ein Engel, angeblich aus der Gegenwart Gottes, der ihm mitteilte, er
habe die Gabe der Glaubensheilung. Branham leugnete die Trinität und glaubte, daß uns das
Wort Gottes in dreifacher Weise gegeben sei: Durch den Tierkreis, durch die ägyptischen
Pyramiden und durch die Heilige Schrift.

Er war einer der entschiedensten Verfechter der notwendi¬gen Heilung und Übertragung des
Geistes durch Handauflegung. Er hatte unglaubliche Heilungskräfte und spürte oft Hitze in den
Händen, wenn er die kranke Seele berührte. Durch seine starken okkulten Fähigkeiten konnte er
bei Leuten, die er überhaupt nicht kannte, ihre Krankheiten wie Sünden durch mediale Eingebung
erkennen. Die Bewegung, die ihm am meisten ihre organisatorische Basis zur Verfü¬gung stellte,
waren die »Geschäftsleute des vollen Evangeli¬ums« (GdvEI).

Als Branham starb, schrieb Demos Shakarian, der Gründer der GdvEI: »Rev. Branham machte
öfters die Feststellung, daß die einzige Gemeinschaft, der er angehörte, die der GdvEI war.«

Sicherlich ließe sich noch manch anderes aufschlussreiche Beispiel anführen. Doch praktisch
ausnahmslos stößt man auf dasselbe Grundmuster.

Greift man durch diese Lehren und Praktiken des Heilungs¬auftrages nicht auf Quellen zurück,
die womöglich höchst gefährlich sind? Nach Offb 13, Vers 3 wird einmal ein Heilungswunder in
aller Welt Munde sein: Der antichristli¬che Übermensch wird von einer tödlichen Wunde geheilt,
worüber alle Welt verwundert sein wird. Ein Blick in die weltliche Literatur verrät, daß das Thema
Heilung, beson¬ders im Rahmen von New Age, die beherrschende Thematik ist. Die Hexen
behandeln in ihren Seminaren ganz selbstverständlich Themen wie: Intuition, Prophetie, geistige
und spirituelle Heilung. Geschieht hier womöglich eine eschato¬logische Hinführung zu den
übernatürlichen Manifestationen des kommenden Verführers (Offb 13,13 14), und zwar sowohl im
weltlichen wie im christlichen Bereich? Wir erleben ja in unseren Tagen einen wahren
Dammbruch des Spiritismus. Die Tageszeitung »Die Welt« spricht sogar davon, wie »der Satan
das Lebensgefühl dieser Generation verkörpert«. Das Totenreich hält machtvollen Einzug.

So erklärte John Wimber in einer Botschaft an seine Gemein¬deglieder vor kurzem:

»Es werden Männer auftreten, die den Herrn Jesus Christus gesehen haben und die die Zeichen
und Wunder eines Apostels tun werden. Wir haben Männer dieser Art seit dem ersten
Jahrhundert nicht gehabt. Doch wenn Gott dies zu Beginn verwendet hat, warum soll er es nicht
am Ende gebrauchen?... Weiter wird es ein neues Verständnis des Übernatürlichen geben.
Engelerscheinungen werden in Versammlungen zum Normalen gehören und auch der Herr
selbst wird in den kommenden Monaten und Jahren erscheinen. Hei¬lungen werden so
selbstverständlich werden, daß sogar Kinder imstande sein werden, sie auf regelmäßiger Basis
durchzufüh¬ren... sogar Auferstehungen von den Toten werden zum Allge¬meingut werden... Ihr
werdet Heilungsevangelisten erleben, die ihre Hände hochheben und Licht wird aus ihren
Händen hervorgehen. Wenn dieses Licht irgend jemanden trifft, der krank ist, dann wird er sofort
geheilt sein. Ihr werdet amputier¬te Arme und Glieder nachwachsen sehen, wenn das Licht aus
der Hand des Evangelisten sie trifft.«

Teilnehmer an den Kongressen mit John Wimber und Reinhard Bonnke berichten von starken
psychischen Erfahrungen wie Ruhen im Geist, Berauschung, unerhörtes Glücksgefühl, »La¬chen
und Weinen im Geist« usw. Ist John Wimbers »Dritte Welle« und die Begleiterscheinungen von
anderen Heilungs¬evangelisten etwas Neues?

Den Befürwortern dieser »Power Evangelisationen« soll nicht eine Passage vorenthalten werden,
die in dem Klassiker über geistliche Verführung »War on the Saints« nachzulesen ist. Unter der
Thematik, wie sich ein falscher Geist auch unter Kindern Gottes während der Verkündigung
manifestieren kann, berichten die Autoren Evan Roberts (das begnadete Werkzeug der
Erweckung von Wales) und Jessie Penn Lewis mit zum Teil verblüffender Vorwegnahme
aktueller Ereignisse:

»Die Mehrzahl der Anwesenden mag die eingeschlichene Mi¬schung gar nicht erkennen. Einige
fallen zu Boden, unfähig, die spannende Erregung länger zu ertragen. Andere werden von einer
übernatürlichen Gewalt umgeworfen. Und wieder andere fangen an, ekstatisch zu schreien. Der
Redner verläßt die Plattform und geht an einem jungen Mann vorüber, der sich eines Gefühls der
Berauschung bewußt wird, das ihn lange nicht loslässt. Mehrere lachen in einem Überschwall der
Selig¬keit. Einige haben wirklich Hilfe und geistlichen Segen durch die Auslegung des
Gotteswortes erhalten und das durch die ungetrübte Wirkung des Heiligen Geistes, ehe dieser
>Höhe¬punkt< erreicht wurde. Aus diesem Grund nehmen sie nun die nachfolgenden seltsamen
Erscheinungen als >von Gott< hin. Sie können nicht die zwei total verschiedenen >Strömungen<
durch denselben >Kanal< unterscheiden. Zweifeln sie die Ausartun¬gen an, so fürchten sie,
gegen ihre innere Überzeugung zu kämpfen, die ihnen sagt, daß der Anfang göttlich war. Andere
wissen wohl, daß ihr geistliches Urteil die besagten Kundge¬bungen ablehnen muß, aber um des
erhaltenen Segens willen unterdrücken sie ihre Bedenken und sagen: >Wir können zwar diese
körperlichen Erscheinungen nicht verstehen. Aber es ist nicht nötig, alles zu verstehen, was Gott
tut. Wir wissen nur, daß die Verkündigung der Wahrheit von Gott war und unserem Bedürfnis
entsprach. Niemand kann die Aufrichtigkeit und die reinen Motive des Redners in Frage stellen...
darum, obgleich wir das Übrige nicht verstehen und zugeben, daß es uns abstößt, dennoch muß
alles von Gott sein.< Dieses Streiflicht beleuchtet den Zustand der Mischung, in den z.B. die
Gemein¬de seit der Erweckung in Wales geraten war; denn beinahe ohne Ausnahme hat sich in
jedem Land, wo neues Leben durchbrach, nach kurzer Zeit ein verführerischer Geist mit dem
wahren vermengt. Und ebenso wurde beinahe ohne Ausnahme das Unechte mit dem Echten
zusammen angenommen, weil die Gläubigen die Möglichkeit derartiger konkurrierender
Einflüs¬se nicht ahnten.«

Auch ist von keiner noch so falschen Religion bekannt, daß sie nicht Heilung in irgendeiner Form
in ihrem Angebot hätte. Zurecht beklagt Peter May:

»Die Betonung, die gegenwärtig auf Heilungen gelegt wird, wirkt neurotisierend. Das Äußere, das
Sichtbare und das Zeitliche werden in den Mittelpunkt gerückt, während das Innere, das
Unsichtbare und das Ewige vernachlässigt werden. Hier werden wir vom positiven Wert des
Leidens abgelenkt... Hinzu kommt, daß der, dem es um Zeichen und Wunder geht, das Sofortige
und das Spektakuläre in den Mittelpunkt rückt und die Pflege der chronisch Kranken
vernachlässigt. Diese Einseitigkeit läßt falsche Erwartungen bezüglich der Gesundheit und des
Wesens der Erlösung aufkommen und untergräbt die Heilsgewissheit derer, die nicht geheilt
werden. Im Blick auf die geistliche Gesundheit der Kirche sind diese Fakten von erheblicher
Bedeutung.«

Ermutigt die Bibel zu Wunderberichten?


In der Bibel wird uns davon berichtet, wie jemand aus dem Totenreich missionieren wollte. Seine
Absichten waren echt und gut gemeint. Es handelt sich um den reichen Mann, der in Lukas 16,
die Verse 19 31 erwähnt wird. Er möchte einen Toten, nämlich Lazarus, auferstehen lassen, um
seine fünf Brüder zu warnen. Bei solch einem Wunder, so meint er, würden die Menschen nicht
mehr zweifeln können und Buße tun.

Er bekommt zur Antwort: »Sie haben Mose und die Prophe¬ten, mögen sie die hören«.

Doch dies ist dem reichen Mann eindeutig zu wenig, und aus dem Totenreich kommt das Nein
gegenüber dem Worte Gottes: >Nein, sondern wenn jemand von den Toten zu ihnen geht,
werden sie Buße tun.< Sein Vorschlag lautete, nun mit anderen Worten: Die Bibel ist gut, aber
das Wort genügt nicht. Wir brauchen Zeichen, Wunder, Heilungen, Visionen,
Totenauferweckungen usw., dann wird wirklich etwas für das Reich Gottes geschehen. Dann wird
es atemberaubendes Gemeindewachstum geben. Dann werden die Menschen glauben und sich
bekehren.

Doch dies war buchstäblich ein Vorschlag von unten, aus dem Totenreich. Und weil dieses
Totenreich (der Machtbereich Satans) sich leider immer mehr in den letzten Tagen ausweitet
(Offb 6,8), deswegen wachsen parallel damit die Vorschläge und Rufe nach großen Zeichen und
mächtigen Taten. Man belegt aber damit nur, daß man auch aus einer fremden Quelle getrunken
hat.

Der oben erwähnte Cameron Peddie schrieb schon über die damalige (während des Krieges)
Situation in England: »Wenn unsere Pfarrer wüssten, wie viele aus ihrer Gemein¬de
spiritualistische Medien aufsuchen, um sich von ihnen den Heilungsdienst erweisen zu lassen,
wären sie be¬stürzt.«

Wen nimmt es da wunder, daß in England fast alle evangelikalen Kreise von der charismatischen
Bewegung durchsäuert sind? Dort gibt es kaum noch Berührungsäng¬ste zwischen diesen
Gruppen. Insofern muß man leider feststellen, daß die Geistheiler sowohl in der Welt wie auch
fromm getarnt innerhalb der Gemeinde große Erfolge verzeichnen.

Diese Beziehung Totenreich und »Evangelisation mit Zeichen und Wundern« ist bei Benny Hinn,
dem neuen Stern am amerikanischen »christlichen Fernsehhimmel« nicht einmal mehr getarnt. In
einer Predigt vom 7. April 1991 offenbarte er, daß er das Grab von Amerikas berühmter
Pfingstpredigerin, Aimee McPherson, Begründerin der einflussreichen »Foursquare Gospel
Church«, besuchte:

»Ich fühlte eine unglaubliche Salbung . . .! Ich zitterte am ganzen Leib . . . zitterte unter der Kraft
Gottes . . . >Lieber Gott<, sagte ich, >ich fühle die Salbung.< . . . Ich glaube, die Salbung
verweilte über dem Körper von Aimee.«

Der reiche Mann muß jedenfalls zur Kenntnis nehmen, daß nicht ein Wunder die Menschen
überführt, sondern das Wort Gottes: »Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie
auch nicht glauben, wenn jemand von den Toten aufstünde (Luk 16,31).«

Ist alle Heilung göttlich?

Walter Hollenweger ist entscheidender Bahnbrecher für die Pfingst und charismatische
Bewegung gewesen. Sein Buch »Enthusiastisches Christentum« hat wesentlich zur
gesamtkirchlichen Anerkennung dieser Strömungen beige¬tragen.

Er verschleiert nicht einmal mehr diesen sich abzeichnen¬den Sachverhalt der


Geistesverwandtschaft zwischen den Geistheilern und den Heilungsevangelisten. In seinem
Referat über »Heilung« auf der »Konferenz über pfingstliche und charismatische Forschung«
erklärt Prof. Walter Hollenweger ganz offen:

»>Alle Heilung kommt von Gott<, betonte Hollenweger und wollte keinen grundsätzlichen
Unterschied zwischen der Gabe der Heilung etwa bei den Geistheilem in der 3. Welt und der
christlichen Heilungsgabe feststellen. Entscheidend sei der Kontext, in dem die Gabe ausgeübt
werde.«

Auch in einem weiteren Bereich zeigt sich diese Geistes-Verwandtschaft. Es ist üblich, bei den
Heilungsversammlungen mit John Wimber, Wolfram Kopfermann oder ande¬ren, daß die Hände
auf die kranken Stellen gelegt werden, soweit es der Takt erlaubt. Biblisch ist dafür kaum ein
Vorbild zu finden, besonders nicht bei dem Dienst der Jünger Jesu bzw. seiner Apostel. Jedoch
einer der Ersten, wenn nicht der Erste überhaupt, der lehrte, daß man dem Patienten
wohlwollend die Hände auf die kranke Stelle legen und dadurch, bei freundlichem Anblicken des
Kran¬ken, Lebenskraft übertragen soll, war Franz Mesmer. Franz Mesmer aber ist der Begründer
des sogenannten animali¬schen Magnetismus und Bahnbrecher des Spiritismus.

Ein magisches Denken verlangt immer einen Berührungs¬punkt, besonders den direkten Kontakt
mit der erkrankten Stelle. Durch diesen sichtbaren Kontakt wird ein Wirken oder Hindurchströmen
der Heilungskraft erwartet. Man wandelt nicht im Glauben, sondern im »berührenden« Schauen.

Kenneth Hagin, führender Wunderheiler der in Amerika zunehmend populärer werdenden


Heilungsbewegung » faith movement«, spricht es ganz offen aus:

»Ich lege Hände auf durch Anleitung des Hauptes der Ge¬meinde, Jesus Christus, und im
Gehorsam gegenüber dem Gesetz der Berührung und Übertragung. Der Kontakt meiner Hände
überträgt die Heilungskraft Gottes ... Da ist sie! ... Sie wird euch alle heilen, wenn ihr es mit
Glauben vermischt ...«

Ähnlich formuliert es John Wimber bzw. seine Frau Carol: »Wir hatten noch nicht erkannt, daß
man das, was Gott einem selbst gibt, durch Handauflegung einem anderen weitergeben kann.«

Hier ist der Heiler auch magischer Mittler. Mag er auch noch so oft zur Beschwichtigung
leichtgläubiger Gemüter behaupten, nicht er könne heilen, sondern nur allein Jesus, so ändert
dies nichts daran, daß er tatsächlich das Medium eines verführerischen Geistes ist, der durch ihn
heilt und eben jenen Kontakt benötigt.

Der Sog der Verführung

Ergibt sich bei den angeführten Fakten nicht fast unausweichlich die Schlussfolgerung, daß diese
Zeichen und Wunder in den Bereich der für die Endzeit angekündigten Verführungen fallen (2
Thess 2,9)? Daß diese Verführungen in den letzten Tagen besonders erfolgreich sein werden,
hat uns das Neue Testament vorausgesagt (Mt 24,11 u. a.).

In eindrücklicher Weise führt Dr. Gerhard Maier in seinem Kommentar zu Matthäus, Kap. 24, aus:

»Es fällt auf, daß Jesus die Warnung vor den Verführern an die Spitze stellt. Verführung ist für die
Gemeinde gefährlicher als Verfolgung. Verfolgung eint die Gemeinde, Verführung spaltet sie.
Verfolgung läßt das Echte hervortreten, Verführung das Unechte triumphieren ... Aber was ist das
Furchtbarste in jener Zeit? Körperliche Leiden? Nein. Katastrophen und Kriege? Nein.
Verfolgung? Nein. V. 23 27 geben die Antwort. Es ist die Verführung ... Von daher versteht man,
wie notwendig der Kampf gegen die Irrlehre ist.«

Dies erinnert an die Ermahnung, von der wir im Judasbrief lesen, »daß wir nämlich für den
Glauben kämpfen sollen, der ein für allemal den Heiligen übergeben ist« (V. 3).
So möchte ich das ermahnende Wort von Wilhelm Busch, das er damals in Zusammenhang mit
dem Wunderwirken des deutschen Heilungsevangelisten Hermann Zaiß aussprach, wiederholen:

»Der Teufel kann sich verstellen in einen Engel des Lichts, wie die Bibel sagt. Es kann also
geschehen, daß eine Bewegung den Namen >Jesus< rühmt und doch einen >fremden< Geist,
ein fremdes Feuer (3 Mose 10) hat ... Wunder beweisen nichts. Denn nach Offenbarung 13,13 tut
auch der Geist aus dem Abgrund Wunder ... Nein! Mit diesem Geist wollen wir nichts zu tun
haben ... Unser Herz schreit nach Erweckung. Aber nicht auf diesem Wege der alten, wieder neu
aufgelegten Pfingstbewegung. Nein! Auf diesem Wege nicht!«

Zeichen und Wunder

Abschließend soll noch auf folgendes hingewiesen werden: Bei den heutigen Manifestationen
von Zeichen und Wundern beruft man sich in der Regel auf die Apostelgeschichte. Man
behauptet, weil Gott heute noch derselbe ist, deswegen geschehen auch in unserer Zeit diese
übernatürlichen Machterweise.

Selbstverständlich kann der lebendige und allmächtige Gott übernatürlich wirken und eingreifen,
wie und wann es Ihm gefällt. Doch es ist zunächst festzustellen, daß in den Abschnitten über die
Wiederkunft Jesu die Begriffe »Zeichen und Wunder« nicht neutral oder gar positiv, sondern nur
in Verbindung mit Verführung erwähnt werden. Daß unser Herr derselbe ist wie zu allen Zeiten,
steht fest. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß er auch heute noch genau so handelt. Hebr
1,1: >Nachdem Gott vielfältig und auf vielerlei Weise ehemals zu den Vätern geredet hat in den
Propheten, hat er am Ende dieser Tage zu uns geredet im Sohn...<

Wir glauben der Heiligen Schrift aufs Wort, daß Gott die biblischen Wunder getan hat. Doch man
kann feststellen, daß es im Laufe der Heilsgeschichte nur ganz bestimmte Zeitabschnitte
gegeben hat, in denen göttliche Zeichen und Wunder ihre besondere Aufgabe hatten bzw.
gehäuft auftraten. Für die Zeit der Urgemeinde z.B. gilt Hebr. 2,3 4: »Wie wollen wir entrinnen,
wenn wir ein solches Heil nicht achten, welches zuerst gepredigt ist durch den Herrn, bei uns
bekräftigt durch die, die es gehört haben. Und Gott hat dazu Zeugnis gegeben mit Zeichen und
Wundern und Taten und Austeilung des Heiligen Geistes nach seinem Willen.«

Nun ist bekannt, daß der Herr gewöhnlich auf zwei oder drei Zeugen hin eine Sache bekräftigte,
und in den Versen 3 und 4 haben wir nun die drei Zeugen des neuen Bundes.

Der erste Zeuge ist unser Herr Jesus Christus, »zuerst gepredigt durch den Herrn«. Darauf
folgen die Apostel, die Augen und Ohrenzeugen, die das Wort bestätigen, denn es heißt, »bei
uns bekräftigt durch die, die es gehört haben«. Als dritter Zeuge wird Gott selbst erwähnt, der
sein Wort mit Zeichen und Wundern bekräftigte. Warum nun soll Gott heute noch so wirken,
nachdem das Zeugnis vollgültig abgeschlossen ist? Wenn wir diese Verse näher betrachten, so
stellen wir fest, daß das Prädikat des Hauptsatzes passiv ist und im Aorist des Indikativs steht.
Also liegt hier eindeutig eine Vergangenheitsform vor. Der Schreiber des Hebräerbriefes redet
damit zu seiner Zeit schon in der Vergangenheit. Wohl steht der V. 4 dann in der
Gegenwartsform, dieser ist aber ein genetivus absolutus, somit zeitlich dem Prädikat des
Hauptsatzes zu und untergeordnet. Die Vergangenheitsform in diesen Versen des
Hebräerbriefes gibt uns eine Erklärung dafür, daß Gott zur Zeit Jesu und zu Beginn der
Gemeindezeit so zeichenhaft handelte und wirkte. Wenn wir uns beispielsweise das
Gerichtshandeln Gottes bei Ananias und Saphira in Erinnerung rufen (Apg 5), so ist
offensichtlich, daß dies nicht die normale Form der Bestrafung von Sünde bei Gläubigen seitens
des Herrn heute ist! Die Verse Markus 16,17 20b, die oft von Irrströmungen oder anderen
sektiererischen Gruppen (Mor¬monen, Christliche Wissenschaft etc.) zitiert werden, münden
ebenfalls zeitlich - jedenfalls in ihrem Zeichencharakter - in die Darlegung von Hebr 2,3 4 ein.

Wir müssen uns nun folgendes vor Augen halten: Genau die gleichen Begriffe von Hebr 2,4
nämlich Zeichen (semeion), Wunder (teras) und Krafttaten (dynamis) die nur in fünf Bibelstellen
als gemeinsamer Ausdruck vorkommen, finden wir, wenn auch in anderer Reihenfolge, in 2
Thess 2,9 wieder. Dort werden ja, wie bereits ausgeführt, die Wiederkunft Jesu und die
unmittelbar vorausgehenden Ereignisse geschildert. Somit werden diese Zeichen, Wunder und
Krafttaten, die zu Beginn der Gemeindezeit da waren, nochmals auftreten, aber mit anderem
Vorzeichen. Und hier erfüllt die Charismatische Bewegung in gewisser Hinsicht Gottes Wort.
Hätte man noch nie von solchen Strömungen gehört, müßte man allein schon aufgrund der
biblischen Prophetie annehmen, daß genau so etwas kommen und sich ausbreiten muß. Doch ist
diesmal die Quelle nicht aus Gott, sondern, wie der 9. Vers aus 2 Thess 2 unzweideutig sagt, aus
Satan. Das zeigt auch die Geschichte der Pfingst und Charismatischen Bewegung ziemlich
deutlich. Wenn man auf den ersten Blick vielleicht versucht, im positiven Sinne an die Ereignisse
der Urgemeinde zu denken es werden ja auch dieselben Begriffe gebraucht , so verbirgt sich
doch etwas völlig anderes dahinter. Wenn nüchterne Seelsorger hinter die Kulissen dessen
blicken, was sich zunächst so biblisch gebärdet, dann finden sie gewöhnlich eine okkulte Quelle.
Wir haben bereits dargelegt, wie das einen guten Nährboden für das Verlangen nach Zeichen
und Wundern und auch besonderen Charismen bedeutet.

Die Aussage von Hebr. 2,3 4 dürfte auch erklären, warum die Abschnitte der Bibel, die sich mit
der Zeit vor der Wiederkunft Jesu befassen (was einigermaßen unseren Ta¬gen entspricht), die
Begriffe Zeichen und Wunder, wie bereits kurz vermerkt, nur in Verbindung mit Verführung
erwähnen.

So die oben erwähnte Stelle 2. Thess 2,9 10 oder Matth 24,24: »Sie werden so große Zeichen
und Wunder tun, so daß, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführt würden« oder
Offb 13,14: »... und verführt, die auf Erden wohnen, durch die Zeichen.« Siehe auch Offb 16,14
und 19,20.

Aus diesem Blickwinkel erscheinen die in charismatischen Kreisen immer wieder »strapazierten«
Passagen der Bibel, nämlich Apg 2,17 18 als angebliche heutige Erfüllung der Prophetie bei Joel
oder Mark 16, 17 18 in einem neuen Licht. Es handelt sich hier um den Beginn der
Gemeinde¬zeit. Für das Ende der Gnadenzeit aber, wie oben dargelegt, ergibt sich ein völlig
anderes Bild.

Interessanterweise greift auch der bekannte englische Bibellehrer und weitgereiste Missionar
Michael Griffiths diese Verse aus dem Hebräerbrief auf. Im Zusammenhang mit der Gabe des
Wunderwirkens schreibt er:

Wir sollten beachten, daß die Stelle in Hebr 2,4 nahelegt, Zeichen, Wunder, Machttaten und
Gaben eine besondere Beglaubigung des apostolischen Zeugnisses für die Worte des Herrn
Jesu sind, wobei Paulus den Korinthern erklärt, daß >die Zeichen eines Apostels unter euch
geschehen sind in aller Geduld, mit Zeichen und mit Wundern und mit Taten<. Ein starkes
Argument kann davon abgeleitet werden, besonders wenn man Wunder mit Zeichen zur
Bestätigung des Dienstes der ursprünglichen Apostel in Verbindung bringt, zu behaupten, daß
die Gabe aufgehört habe ... Lukas scheint absichtlich Beispiele ausgewählt zu haben, um die
apostolischen Dienste von sowohl Petrus als auch Paulus zu beglaubigen. Gewiss ist in der
Schrift als Ganzes das Wunderwirken im Alten Testament offenbar auf gewisse Perioden der
Geschichte konzentriert, wie etwa der Auszug aus Ägypten und die Zeit von Elia und Elisa.
Ähnlich kann argumentiert werden, daß wir erwarten können, daß der Dienst des Herrn Jesu und
die Bekräftigung des apostolischen Zeugnisses solch eine Periode sein dürfte. Wir haben auch
die relative Seltenheit der apostolischen Wunder wie das Auferwecken von Toten und die völlige
Abwesenheit der Heilung von Aussatz und Blindheit (abgesehen von Paulus' zeitweiliger
Blindheit) registriert. Doch während wir einerseits den relativen Mangel von Wundern erkennen,
sollten wir andererseits uns offen halten für die Möglichkeit solcher Wunder heute, besonders
vielleicht in der primitiven Pioniersituation, wo die Notwendigkeit für eine gewisse Bestätigung
des apostolischen Zeugnisses gegeben sein mag ... Ich muß jedoch aber auch berichten, daß ich
Missionare in besonders schwierigen und harten Gebieten gekannt habe, die speziell um die
Gabe des Wunderwirkens gebetet hatten. Mir ist kein Fall bekannt, daß dieses Gebet jemals
erhört worden ist.«

Erklärt dies womöglich auch, warum man bei genauerem Überprüfen von solchen Fällen, die bei
einem Heilungsfeldzug angeblich gesund geworden sind, gewöhnlich große Enttäuschungen
erlebt?

So wird von folgendem Untersuchungsergebnis berichtet:

Nach einem Heilungsfeldzug von Dr. Price in Vancouver wurden 350 Fälle von Heilungen
proklamiert. Verschiedene Christen taten sich zusammen, um die Wahrheit dieser Behauptung zu
überprüfen. Die Resultate waren: 39 Fälle starben innerhalb von sechs Monaten an der
Krankheit, von der sie angeblich geheilt worden waren; fünf der Fälle wurden geisteskrank; bei
301 Fällen stellte sich nach sechs Monaten heraus, daß sie keinen Nutzen empfangen hatten;
viele gaben dies unumwunden zu; von fünf wurde berichtet, daß sie tatsächlich geheilt waren,
doch litten sie an psychosomatischen Beschwerden, die auf psychiatrische Behandlung
ansprachen.

Worauf es ankommt

Nüchternen Christen und Gemeinden wird heute oft der Vorwurf gemacht: Euch fehlt Vollmacht,
euch fehlt Kraft, es ist doch bei euch nicht so, wie es nach der Bibel sein sollte! Wenn wir
aufrichtig sind, müssen wir uns unter diesen Vorwurf beugen. Jeder, der von sich aus sagen
würde, bei mir ist alles in Ordnung, müßte sich doch wohl wie ein Heuchler vorkommen. Aber die
Alternative für echtes Glaubensleben ist keineswegs die Schnellmethode des Handauflegens, der
eilige Empfang eines >zweiten Segens< durch Berührung, um die >Geistestaufe< zu erhalten,
Erlebnisse zu haben und Gaben, Charismen und Erfahrungen zu bekommen. Das alles führt
letzten Endes zur Selbsterhö¬hung. Der biblische Weg, zu mehr Geistesfrucht zu kom¬men, ist
ein anderer. Es steht nur einmal in der Bibel, daß der Vater läuft, daß der Schöpfer seinem
Geschöpf mit Riesenschritten entgegeneilt, nämlich in der Geschichte vom verlorenen Sohn. Hier
haben wir den Fall, wo jemandem der Segen, die Fülle und Gnade Gottes in >Windeseile< zuteil
wird. Pastor Wilhelm Busch stellte einmal die Frage: Wem läuft der Vater entgegen? Den Großen
dieser Welt, den Frommen oder den Kirchenchristen? Auf unser Thema bezogen müßten wir die
Frage erweitern: Oder den Menschen, die nach mehr Geistesgaben, nach einer >Geistestaufe<
oder nach mehr Erlebnissen streben? Nein, sondern der Vater läuft dem Sünder entgegen, der
um Gnade fleht: >Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir< (Luk 15,21). Wenn
wir so vor unseren Herrn treten, erhalten wir >in Eile< die Gnade, den Segen, die Fülle und die
Kraft Gottes. Das ist der Weg zum Herzen Gottes, der Weg zu mehr geistlicher Kraft: Buße! In
den Sendschreiben werden sehr beklagenswerte Zustände dargestellt. Es kann tatsächlich
Rückschritte im Glaubensleben geben. Aber keiner der Gemeinden wirft der Herr Jesus vor, daß
sie die Geistestaufe nicht empfangen habe oder womöglich zu wenig Gaben besitze. Jedoch
mahnt er fünfmal: Tue Buße!

Möge der Herr uns Gnade schenken, dass wir täglich den Weg des Kreuzes gehen, den Weg des
Zerbruchs und des Gehorsams, und daraus immer neu die Gnade, den Segen und die Kraft
Gottes empfangen dürfen, um auch in diesen letzten Tagen überwinden zu können und in aller
Nüchternheit ein Leben zu führen, das zur Ehre Gottes gereicht und Segensspuren hinterlässt.

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Wer ist Robert Schuller?

Er gilt als Amerikas Fernsehprediger Nr. 1, eng und bestens befreundet mit Yonggi Cho.
Schullers Bestseller "Selfesteem - The New Reformation" handelt davon, daß wir zu einem
positiven Selbstwertgefühl kommen müssen. Dieses Buch zentriert um das gute Selbstwertgefühl
und die Positive Selbsteinschätzung des Menschen. Es geht um die Ehre des Menschen. "Von
neuem geboren werden bedeutet, daß wir von einer negativen zu einer positiven
Selbsteinschätzung verändert werden - von Minderwertigkeit zu Selbstwertgefühl" (S. 68). "Das
Kreuz heiligt den Ego-Trip (The cross sanctifies the ego trip)" (S. 75). "Fürchte dich nicht vor
Stolz" (S. 57). Gottes Wort erklärt: "Gott widersteht dem Stolzen" (1. Petr 5,5). Doch gemäß Bob
Schuller ist "die schlimmste Sünde die, die mich veranlaßt zu sagen, 'Ich bin unwürdig' (I am
unworthy)" (S. 98).

Der Fehler der Reformatoren bestand darin, daß sie anstatt der Aussagen Jesu die paulinische
Lehre von der Verderbtheit des Menschen in den Mittelpunkt gerückt haben. Luther und Calvin
waren "mehr besessen von dem Geist des Paulus denn von dem Geist Jesu Christi" (S. 39).

Es ist dies eine anthropozentrische, psychologisierte Botschaft, die das Hauptproblem des
Menschen nicht in der Sünde, sondern darin sieht: "Stolz darauf, ein Mensch zu sein, ist die
größte Not, mit der die menschliche Rasse gegenwärtig zu tun hat" (S. 19). Dieses Botschaft fällt
unter das Verdikt des Paulus von 2. Kor. 11,4: Ein anderes Jesus, ein fremder Geist, ein fremdes
Evangelium.

In einem idea-Interview kommentierte er die Aussagen über eine ewige Verdammnis als
„Lächerlich und unbiblisch... Meine Berufung ist es, in unserer Zeit neu zu definieren, was Sünde,
Buße, Wiedergeburt und ein geheiligtes Leben ist“ (ideaSpektrum 50/2002).

Noch schlimmer ist Bob Schullers Empfehlung des Buches von Marjorie Holmes "Three from
Galilee" mit den Worten "Carefully researched and lovingly written, it's a winner!" (sorgfältig
recherchiert und liebevoll geschrieben, ein gewinnendes Buch). In diesem Buch wird Jesus
beschrieben als jemand, der einem Mädchen namens Tamara nachläuft und zu seiner Mutter
sagt: "Ich bin beinahe dreißig Jahre alt und ich habe nichts bewerkstelligt! Ich habe keine
besonderen Gaben. Ich habe keine Kraft zu heilen, wie du glaubst, Ich konnte nicht einmal
meinem eigenen Vater helfen, als er im Sterben lag...Ich bin ein Mensch Mutter! Ich liebe
Tamara. Ich möchte mit ihr schlafen und sie lieben und ihr einen Sohn schenken" (S. 191).
Kommentar überflüssig.

Falls man noch Zweifel haben sollte, wessen Geistes Kind dieser beliebte Prediger wirklich ist,
vielleicht kann folgendes Zitat noch zur Klärung beitragen: „...wenn er (Schuller) in 100 Jahren
wiederkäme und alle seine Nachkommen wären Moslems, würde ihm dies nichts ausmachen,
solange sie nicht Atheisten sind“ (gedruckt in Grand Rapid Press, 1. 9. 1997).

In einem Interview, daß bei „Larry King Live” Weihnachten 1999 ausgestrahlt wurde, erklärte
Schuller unumwunden nach einer Begegnung mit dem Groß-Mufti von Damaskus: „Ich bin selten
einem Menschen begegnet, mit dem ich so eine unmittelbare Verwandtschaft des Geistes und
solch eine Übereinstimmung des Glaubens und der Philosophie empfand, wie ich sie mit dem
Groß-Mufti des Glaubens habe.“

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Dave Hunt

Das Phänomen der Promise Keepers


Die Promise Keepers (PK) mit ihren sieben Versprechungen sind wohl die schnellstwachsende
religiöse Bewegung der Geschichte. Die erste Ver¬sammlung von Promise Keepers
(»Versprechen-Halter«) fand in Wirk¬lichkeit am Fuße des Berges Sinai statt, als Gott die Zehn
Gebote erteilt hatte und Israel versprach, sie zu halten. Diese ersten »Promise Keepers«
scheiterten gänzlich mit der Erfüllung ihres Gelöbnisses. An den Zehn Geboten ist überhaupt
nichts falsch; aber die Menschen sind einfach un¬fähig, sie zu halten. Dann sind aber sieben
weitere Verpflichtungen of¬fensichtlich nicht das, was wir brauchen. Wer hat diese sieben
erfunden? Und aufgrund welcher Autorität?

Die PK (die mit Hilfe einer anfänglichen Spende von James Dobson über 10.000 Dollar starten
konnten) behaupten, dass Wachstum als Christ »mit bestimmten Versprechungen beginnt … die
wir einhalten wollen«. Dann konnten also Christen nicht wachsen, bis es die PK gab? Die Bibel
sagt nichts davon, ebenso wenig sind diese »neuen sieben« in der Bibel zu finden. Wenn die
Bibel hinlänglich ist, warum brauchen wir dann diese neuen menschlichen Regeln, von denen
weder Christus selbst noch Pau¬lus etwas sagten?

PK steckt katholische Ökumene samt ihren okkulten Verbindungen,


Rekonstruktionismus/Herrschaftstheologie und geistliche Kriegsführung samt ihrer Offenheit für
das Okkulte in einen Topf. Diese Ausrichtung stammt aus ihren Wurzeln in Vineyard. PK-Gründer
Bill McCartney besucht eine Vineyard-Gemeinde. Sein Pastor James Ryle ist Mitglied im PK-
Führungsgremium und der ehemalige Vineyard-Pastor Randy Phil¬lips ist PK-Präsident. Es war
die Vineyard-Bewegung, die uns falsche Propheten, die Toronto-Erweckung und eine Menge
weiteren Unsinn beschert hat, zusammen mit den oberflächlichen, wiederholenden Lie¬dern der
Praise&Worship-Bewegung – und unter diesem Einfluß stehen die PK. Einer der bedeutendsten
falschen Propheten, der die Vineyards stark beeinflußte, war Paul Cain.

Cains erster Besuch bei Wimber in Anaheim wurde angeblich von ei¬nem Erdbeben
angekündigt, das er vorausgesagt hatte. Wimber war der¬art beeindruckt, dass Cain sich an der
Spitze von Wimbers Prophetenliste wiederfand. Hier eine von Paul Cains schlüsselhaften
Prophezeiungen:

Vor etwa 30 Jahren gab der Herr Paul [Caine] eine Vision, die Paul über 100-mal erlebt hat und
bis heute immer wieder erlebt. Es ist eine Vision der letzten Tage; überall in den USA werden die
Sportstadien mit Tausenden von Menschen gefüllt sein.

In dieser Vision werden Menschen geheilt und Tausende erleben Wunder im Namen Jesu Christi.
Menschen kehren in Scharen zum Herrn um und die ganze Nation befindet sich in einer
Erweckung. Es hat den Anschein, dass die ganze Erde sich zu Christus wendet.

Fernsehmeldungen berichten von Auferstehungen und Wunderhei¬lungen … Er hört einen


Fernsehkoordinator sagen: »Heute Abend gibt es keine Berichte von Sportereignissen, denn alle
Stadien, alle Parks und Arenas werden für große Erweckungstreffen gebraucht, voller Menschen,
die rufen: Jesus ist Herr, Jesus ist Herr.«

John Wimber und andere Vineyard-Führer bezogen sich häufig auf diese Prophezeiung von Cain
und gaben selber ähnliche Prophezeiungen von sich. Die Beziehung zwischen solchen
Prophezeiungen und Bill McCart¬neys Traum von stadienfüllenden Promise Keepers führte dazu,
dass Letz¬terer von Vineyard-Führern begeistert begrüßt wurde und diese von An¬fang an eine
Schlüsselrolle bei den PK gespielt haben.

Und die PK haben Stadien mit noch nie dagewesenen Männermassen gefüllt, die Jesus
zujubelten (1996 besuchten mehr als 1 Million Männer die 22 regionalen Massenveranstaltungen
– und knapp 3 Millionen bis Ende 1997). Eine solche Bewegung birgt die Gefahr des
Emotionalismus in sich. Die Aussagen von Pastor Travers van der Merwe, einem der über 82.000
Besucher des PK-Treffens 1995 in Detroits Silverdome, geben zu denken:
Es war eine fein abgestimmte Gehirnwäsche-Komposition, ausgerich¬tet auf eine Hypnotisierung
der Gefühle. Mittels Musik, Videos und laut und schnell sprechenden Rednern wurde die Menge
auf einen emotionalen Trip geführt. Einmal sagte der Sprecher: »Willkommen in Woodstock, hier
und jetzt … Hier gibt’s ’ne Menge Testosteron …!

Beim Besuch der Promise Keepers wurden meine Emotionen hoch¬geputscht, aber ich wurde
nicht mit dem Wort Gottes genährt. Ich wurde nicht näher zu Gott oder seinem Wort gezogen.
Das Geschehen war darauf aus, näher zu den Promise Keepers zu ziehen. Meine Emotio¬nen
waren stimuliert, aber mein Herz und mein Verstand wurden nicht angesprochen. Hinterher sagte
jeder, mit dem ich sprach: »Es war klas¬se.« Aber wenn ich sie fragte, was sie mitnehmen
würden, konnten sie nichts antworten. Symbolik übertraf die Substanz.

Promise Keepers, Ökumene und Katholizismus

Das 6. Versprechen der PK besagt, dass »denominationelle Barrieren« ignoriert werden


(einschließlich der zwischen Katholiken und Evangeli¬kalen). So dringend wird »Einheit«
erstrebt, dass es keine Korrektur der Lehre oder Praxis geben kann. Einem Homosexuellen wird
nicht mehr gesagt, dass sein Verhalten Sünde ist; er muss einfach »akzeptiert« wer¬den. Im PK-
Handbuch schreiben Geoff Forsuch und Dan Schaffer: »Die erste Aufgabe von Männer-
Kleingruppen ist es, völlige Akzeptanz zu ler¬nen: kein Verurteilen, kein ›ich hab’ es dir gesagt‹
oder ›du hättest es besser wissen können‹. Keine versteckten Absichten! Ich bin nicht darauf aus,
dich zu verändern, und du bist nicht darauf aus, mich zu verändern.« Und doch hoffen sie, die
Welt zu verändern!

Das 5. Versprechen ist eine Bitte an die Männer, heimzukehren und ihre Gemeinde zu
unterstützen. Diese Bitte wurde öffentlich von der Million Männer erneuert, die am 4. Oktober
1997 in Washington zusam¬mentrafen. In vielen protestantischen Gemeinden gibt es
schwerwiegen¬de Verfehlungen. Manche sind abgefallen und praktizieren Okkultismus. Die
römisch-katholische Kirche befindet sich seit 1500 Jahren in Abfall und Okkultismus
(Kommunikation mit Toten, Fetische und magische Rituale uvm.), und die Stadionereignisse
werden von vielen Katholiken besucht. Doch PK ruft die Männer buchstäblich auf, gerade die
Kirche zu unterstützen, aus der sie kommen, wie häretisch oder okkult sie auch sein mag. Dass
den Katholiken gesagt wird, sie sollen heimkehren und ihre Kirche unterstützen, zeigt, wie
uneingeschränkt PK den Katholizis¬mus unterstützt samt allem, wofür er steht. Al Dager schreibt:

Ich kann den »Jesus« der Promise Keepers sehen. Da ist er, er steht am Hang des Berges und
ermahnt seine Zuhörer: »Ich möchte, dass ihr alle nach Hause zurückkehrt, in eure Synagogen,
eure heidnischen Tempel, und – vergesset nicht – in Pilatus’ Prätorium! Ich möchte, dass ihr in all
diesen Feldern Führungsrollen übernehmt und euren Zuhö¬rern verkündet, dass ihr anständige
Männer seid, die gelernt haben, sensibel und in Kontakt mit euren Gefühlen zu sein! Aber paßt
auf, dass ihr nicht andere verurteilt in dem, was sie glauben.«

Die PK-Führer haben vermieden, die Wahrheit über PKs Beziehungen zum Katholizismus zu
sagen. Diese Wahrheit ist jedoch offen bekannt, seitdem am 20. Juli 1997 eine bedeutende
katholische Wochenzeitschrift eine Coverstory über die PK veröffentlichte. Hier einige Auszüge:

Die Promise Keepers … haben Schritte unternommen, um noch mehr katholische Männer zu
ihren Veranstaltungen zu bewegen …

Bei ihrer Zusammenkunft im März begrüßte das Leiterkomitee der Promise Keepers Mike Timmis
als neues Mitglied … einen langjähri¬gen Führer der katholisch-charismatischen Erneuerung.

Bei mehreren Großveranstaltungen in diesem Jahr haben die Pro¬mise Keepers den
katholischen Evangelisten Jim Berlucchi als Red¬ner eingesetzt.

Im Juni beherbergten die Promise Keepers ein »katholisches Gip¬feltreffen« in ihrer Zentrale in
Denver, wobei katholische ehrenamtli¬che Helfer und Führungspersonen aus dem ganzen Land
ausgehorcht wurden. Und Anfang dieses Jahres änderten die Promise Keepers ihr
Glaubensbekenntnis und revidierten die Zeilen, die für Katholiken an¬stößig waren …

Als Kritik an dieser Verbindung mit dem Katholizismus laut wurde, »er¬klärten« PK-Sprecher,
dass Katholiken zu den Veranstaltungen eingela¬den werden, um sie für Christus zu gewinnen.
Wahrheit ist, dass Katholi¬ken von Anfang an von PK als echte Christen akzeptiert wurden. Der
Ka¬tholizismus wurde als das wahre Evangelium akzeptiert und die römisch¬katholische Kirche
wurde uneingeschränkt unterstützt. »PK-Gründer Bill McCartney sagte kürzlich zu Our Sunday
Visitor, dass die uneingeschränkte Einbeziehung von Katholiken von Anfang an seine Absicht
war.«

Uneingeschränkte Einbeziehung von Katholiken bedeutet, dass zwischen ihnen und


Evangelikalen nicht unterschieden wird. Doch die unterschied¬lichen Lehren verleugnen die
Einheit, die PK zufolge angeblich besteht. Die höchste Autorität des Katholizismus, das Konzil zu
Trient, verkünde¬te über 100 Anathemata gegen jene, die Roms falsches Evangelium ab¬lehnen
– allesamt vom II. Vatikanischen Konzil bestätigt. So jubeln bei PK-Massenveranstaltungen
Männer gemeinsam Jesus zu, denen vermit¬telt wird, sie seien eins, wenn in Wirklichkeit die
meisten von ihnen für viele andere unter ihnen anathema sind und sie keineswegs im
Evangeli¬um oder anderen grundlegenden christlichen Lehren vereint sind! Da sind Katholiken
dabei, die okkulte Fetische tragen wie Skapuliere und wundertätige Medaillen, und PK erteilt
ihnen die volle Bestätigung. Ka¬tholischen Männern wird gesagt, sie sollen zurückkehren und
gerade die Kirche unterstützten, die einen Großteil der anderen Männer dieser Ver¬anstaltung
verdammt, die sie umarmt und mit denen sie sich als eins be¬kannt haben! Das Ignorieren dieser
Tatsachen untergräbt gerade die In¬tegrität, die PK bei den Männern fördern möchte.

Wenn wir uns der Herausforderung dieser Zeit stellen wollen, müssen wir in Bußfertigkeit zum
ehrfurchtgebietenden Gott der Bibel umkeh¬ren, der nicht unsere eigenen Pläne absegnen wird,
sondern Überein¬stimmung mit seinem Willen verlangt. In Wort und vorbildlicher Tat müs¬sen
wir deutlich machen, dass die Zubereitung für den Himmel nicht das »positive Bekenntnis« eines
Pharisäers ist, sondern der Ruf eines Zöll¬ners: »Gott sei mir, dem Sünder, gnädig« (Lk. 18,9-
14). Sie liegt nicht in den vielgepriesenen Prophezeiungen, Wundern und Austreibungen de¬rer,
zu denen Christus sagen wird: »Ich habe euch niemals gekannt, wei¬chet von mir« (Mt 7,21-23),
sondern in der Zusicherung, dass »Christus Jesus in die Welt gekommen ist, Sünder zu erretten«
(1.Tim. 1,15).

Das Evangelium wird gerade von den Führern kompromittiert, die es eigentlich an vorderster
Front verteidigen sollten. Eine emotionale Zele¬bration von noch weiteren 1000 Jahren
geistlicher Finsternis und wach¬sendem Okkultismus samt der Verwerfung des Einen, der der
Weg, die Wahrheit und das Leben ist, wird nur noch das Urteil verschlimmern, das über diese
Welt mit all ihren erhofften Plänen und Träumen ausgesprochen wurde.

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Positives Denken
Was ist Positives Denken?

Von Dr. theol. Lothar Gassmann

„Ich denke positiv" - immer häufiger hört und liest man diesen Satz. Was hat es mit der
Bewegung des „Positiven Denkens", des „Neuen Denkens", der „Neugedankenlehre" u.a. auf
sich? Der einflußreichste Autor dieser Bewegung - neben Vertretern wie Norman Vincent Peale,
Napoleon Hill, Robert Schuller und anderen - ist Joseph Murphy. Deshalb werde ich mich bei der
nachfolgenden Darstellung und Beurteilung auf ihn konzentrieren. Ich zitiere dabei aus
verschiedenen Büchern von ihm (Quellenangaben und eine ausführlichere Analyse finden sich in
meiner Schrift „Was ist Positives Denken?“, Logos-Verlag, Lage 1998).

Murphy schreibt: „Es gibt eine universelle geistige Kraft. Nichts auf der Welt ist mächtiger als sie.
Was immer Sie sich wünschen, diese Kraft vermag Ihren Wunsch zu erfüllen. Und diese Kraft ist
geistiger Natur und in Ihnen. Es ist Ihr Geist, der Teil des universellen Geistes und eins mit ihm
ist." - Das ist der Kern von Murphys Lehre des Positiven Denkens. Murphy setzt beim Menschen
und seinem Glücksstreben an. „Tun Sie, wonach Ihr Herz Sie drängt, und tun Sie es aus reinem
Vergnügen an der Sache." Alles - Gott, Glaube, Gebet, positives Denken usw. - wird diesem
Glücksstreben untergeordnet und ist nichts weiter als Schlüssel zur Erfüllung möglichst vieler
Wünsche.

Gott ist nach Murphy die „unendliche Heilkraft, die göttliche Vorsehung oder einfach die Natur,
das Leben, das Lebensprinzip". „Psychologisch gesehen wird Gott für Sie das, als was Sie ihn
betrachten ... Ob Sie ihn die Heilige Dreifaltigkeit oder Schöpfer nennen, ob Allah, Brahma oder
Wischnu, Überseele oder Vorsehung, unendliche Weisheit oder Allgegenwart, Erschaffer des
Universums oder göttlicher Geist, höchstes Wesen, Lebensprinzip, lebendiger Geist oder
schöpferische Allmacht - es tut nichts zur Sache." Der Mensch ist es somit, der sich kraft seiner
Vorstellung seinen Gott erschafft. Und tatsächlich setzt Murphy Gott mit dem menschlichen
Unterbewußtsein gleich: „Das Wort 'Herr' ist auszulegen als die Allmacht bzw. die unendlichen
Kräfte Ihres Unterbewußtseins." „Ihr Geist ist Gottes Geist, Ihre Seele ist Gottes Seele, und das
Lebensprinzip (Gott) wirkt in Ihnen."

Glaube ist demzufolge ein „Gedanke" oder „Geistesinhalt". „Glauben bedeutet, etwas als wahr zu
akzeptieren." „Nicht der Inhalt oder Gegenstand seines Glaubens ist es, der die Gebete eines
Menschen wirksam gestaltet. Die Erhörung tritt vielmehr dann ein, wenn das Unterbewußtsein
des Betreffenden auf seine Gedanken oder Vorstellungen reagiert. Dieses Gesetz des Glaubens
entfaltet seine Wirkungen in allen Religionen der Welt und verleiht ihnen ihren psychologischen
Wahrheitsgehalt.“ „Es gilt ... sich ... voll gläubigen Vertrauens auf die unbegrenzte Macht des
Unterbewußtseins zu verlassen.“ Murphy lehrt den Glauben an sich selbst, an die im
Unterbewußtsein schlummernden Kräfte. Von einem Glauben an Gott kann er nur insoweit
sprechen, als er Gott und Unterbewußtsein identisch sieht. Zwischen Glauben und Denken
besteht für ihn kein Unterschied. Deshalb braucht der Mensch nicht an eine außerhalb von ihm
existierende Macht zu glauben, sondern kann durch Programmierung seines Glaubens bzw.
Denkens sein Leben verändern: „Was Sie glauben, werden Sie." „Denken Sie Gutes, ist Gutes
die Folge; denken Sie Schlechtes, ist Schlechtes die Folge." Das ist der Kernsatz der Lehre vom
„Positiven Denken".

Gebet nach Murphy ist Autosuggestion und Mittel zur Selbstverwirklichung. „Christen,
Buddhisten, Mohammedaner und orthodoxe Juden werden in gleicher Weise erhört ... einzig und
allein deshalb, weil sie geistig und seelisch von der Überzeugung durch¬drungen sind, ihre
Gebete würden erhört werden ... Im Grunde genommen ist ja die Erhörung eines Gebets nichts
anderes als die Verwirklichung bestimmter Herzenswünsche.“ „Unter einem >wissenschaftlichen
Gebet< verstehen wir das harmonische Zusammenwirken der bewußten und unterbewußten
Geisteskräfte, die mittels wissenschaftlich gesicherter Methoden zur Verwirklichung eines
bestimmten Ziels eingesetzt werden.“ Murphy verwendet die Begriffe „Gebet“ und „Suggestion“
oft in austauschbarer Form. Zur Veranschaulichung sei ein typisches Murphy'sches „Gebet“
wiedergegeben: „Ab sofort erwarte ich nur das Beste, und ich weiß, daß mir unweigerlich das
Beste zuteil wird. Ich weiß, daß ich auf vielfältigste Weise Erfolg haben werde. Sobald ich dazu
neige, meine Kraft zu bezweifeln, mich herabzusetzen oder zu verurteilen, werde ich
nachdrücklich bekräftigen: 'Ich preise Gott in mir, der mich auf allen Wegen führt und über mich
wacht.' Ich weiß, daß meine wirkliche Natur göttlich ist, daß Gott mir innewohnt und mich in jeder
Weise gedeihen läßt. Ich entscheide mich für gute Leistung, Erfolg und Wohlstand. Göttliche
Liebe geht mir auf allen Wegen voraus und ich komme besser voran, als ich mir hätte träumen
lassen.“
Sünde ist laut Murphy nicht wirklich. „Gott in seiner Vollkommenheit sieht Sie makellos“ , weil ja
jeder identisch mit dem vollkommenen Gott bzw. Unterbewußtsein ist. „Die einzige Sünde ist die
Unkenntnis der Lebensgesetze." Sie liegt also nicht im Wesen des Menschen, sondern in seiner
mangelnden Erkenntnis des „Wahren, Schönen und Guten". „Sündigen bedeutet ... am Sinn des
Lebens vorbeigehen und vom Weg der Gesundheit, menschlichen Glücks und inneren Friedens
abzuirren." „Ihr Ziel zu verfehlen bzw. nicht zu erreichen, ist Sünde - nicht mehr, nicht weniger.
Sie sündigen daher, wenn Sie nicht Gesundheit, Wohlstand, Erfolg, Seelenfrieden, Liebe und
Glück - echte Selbstverwirklichung - anstreben." Nicht die Trennung von Gott, sondern der
Verzicht auf Steigerung des menschlichen Selbst ist somit laut Murphy Sünde.

Krankheit und Tod haben für Murphy ebenfalls keine Wirklichkeit bzw. werden nicht ernst
genommen. Krankheit ist nichts anderes als Folge von Irrglauben, grundlosen Befürchtungen
sowie negativen Gedanken und Vorstellungen. Zu ihrer Heilung bedarf es nur einer geistigen
Umstellung hin zum positiven Denken. Der „einzige wirkliche Tod“ ist „ein psychologischer
Prozeß und zwar von der Art, daß ein Mensch sich selber aufgebe, verkümmere, ja >sterbe<,
indem er sich im Gefälle der Unwissenheit und Trägheit sowie der Furcht und des Aberglaubens
treiben lasse. Darüber triumphieren Glaube und Begeisterung, Vertrauen und wahre
Lebenserfüllung; sie erwecken einen Menschen zu neuem Leben".

Vergebung ist Selbstvergebung. Nach Murphys Konzeption kann der mit unserem
Unterbewußtsein identische Gott weder richten noch vergeben, sondern uns in seiner Liebe nur
mit allen erdenklichen Wohltaten überschütten. „Gottes Segnungen nehmen kein Ende. Es liegt
Gottes Liebe fern, zu richten und zu verdammen ... Das Urteil wird von uns selbst gefällt auf
Grund dessen, was wir begreifen und glauben." „Gott verurteilt niemanden, und wenn wir uns
selbst verzeihen, wird uns verziehen. Selbstverurteilung ist die Hölle, Selbstvergebung ist der
Frieden des Himmels." „Hölle“ bedeutet „Einengung, Fessel“; „Himmel“ bedeutet „Frieden,
Harmonie und Gesundheit", ist also - wie die Vergebung - rein innerweltlich verstanden. Solche
Vergebung, solche Erlösung, solches Heil kommt nicht von außen, wird nicht von einem
wirklichen Gott zugesprochen, sondern es kommt von innen: aus dem Unterbewußtsein wenn
ihm die richtige Geisteshaltung des positiven Denkens einsuggeriert ist.

Betrachtet man solche Zielsetzungen kritisch, dann entdeckt man hier eine moderne Form des
Hedonismus. Der Begriff „Hedonismus" umfaßt verschiedene ethische Lehren, die im Empfinden
von Lust (griech. hedone) den letzten Grund des sittlichen Handelns sehen. Murphy ist insofern
Hedonist, als seine ganze Lehre auf die Gewinnung von möglichst viel Glück und Lust für den
einzelnen zielt. Glück und Lust fallen bei Murphy zusammen, etwa indem er schreibt: „Ihre Reise
in die wunderbare Tiefenwelt Ihrer Seele wird Ihnen vielfachen Gewinn bringen. Sie befinden sich
unterwegs zur Verwirklichung Ihrer Persönlichkeit und des Ihnen wie allen Menschen
eingegebenen Glücksstrebens. Sie werden in klingender Münze entschädigt werden: durch
Gewinn an Liebe, Gesundheit, Wohlergehen und Harmonie." Immer wieder verfällt er einem
platten Materialismus: „Geld ist nicht nur etwas Gutes, sondern sogar etwas sehr Gutes." „Armut
ist eine geistige Krankheit." Wer arm ist, hat nach Murphy noch nicht die richtige Geisteshaltung.
Wer positiv denkt, dem werden sich alle Wünsche erfüllen. An anderer Stelle wiederum heißt es:
„Reichtum allein macht nicht glücklich ... Nur aus der richtigen Geisteshaltung erwächst das
Glück." Der Mensch kann „sein Glück nur in sich selbst finden." Murphy empfiehlt auch die
Zuwendung zum Mitmenschen, aber nicht um des Mitmen¬schen willen, sondern zur eigenen
Glückssteigerung: „Am glücklichsten ist, wer sein bestes verwirklicht und gibt.“

Murphy und alle Hedonisten sind zu fragen: Was ist Lust? Was ist Glück? Gibt es nicht noch
etwas Größeres, von dem her Glück erst definiert werden kann, nämlich Heil? Heil im biblischen
Sinn (hehr. schalom, griech. eirene) meint Ganz-Sein, im Einklang stehen, Frieden haben mit
Gott und den Menschen. Heil beinhaltet somit die Dimension über mir (Gott) und neben mir (die
Mitmenschen). Heil ist nicht egozentrisch, sondern theo- und altrozentrisch bestimmt. In diesem
Rahmen finde ich auch Glück, aber eben im Bezogensein auf Gott um Gottes willen und den
Nächsten um des Nächsten willen, nicht im Kreisen um mich selber. Glück finde ich, wenn ich
von mir wegsehe und hinsehe auf Gott und den Nächsten. Dann kann ich mich freuen mit den
Fröhlichen und weinen mit den Weinenden (Röm 12,15) - und beides ist Glück. Dann kann ich
Gott danken, daß er mich erlöst hat, dann kann ich ihm danken, wenn er mir Lasten auferlegt -
und beides ist Glück. Denn Jesus hat mein Kreuz zuerst getragen und meine Last ein für allemal
abgetragen: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne (!) sich selbst und nehme sein Kreuz auf
sich und folge mir. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; wer aber sein Leben
verliert um meinetwillen, der wird's finden" (Mt 16,24 f.).

Und weiter die Frage, die an alle Hedonisten gerichtet sein könnte: „Was würde es dem
Menschen helfen, wenn er die ganze Welt (mit all ihrer Lust, ihrem Glück; d. Verf.) gewönne und
doch Schaden nähme an seiner Seele? (Mt 16,26). Gibt es eine deutlichere Absage
insbesondere an den hedonistischen Materialisten? Gibt es Glück - wahres, dauerhaftes Glück -
ohne Blick auf Gott?

Schließlich ist festzustellen: Der Hedonismus geht von einem naiven Utopismus aus. Gewiß ist
es zu begrüßen, wenn es dem Menschen möglichst gut geht. Gewiß soll jeder so glücklich sein,
wie er kann. Aber in Wirklichkeit läßt sich das kaum erreichen. Im Gegenteil: Der Mensch, der
ständig auf der Glückssuche ist, wird um so unglücklicher, wenn er das erstrebte Ziel nicht
erreicht. Der Hedonist übersieht gern, daß Glück und Leid sich wie zwei Pole verhalten, von
denen keiner fehlen kann. Leid ist eine menschliche Grunderfahrung, die niemals ausbleiben
wird. Das Paradies auf Erden wird nie entstehen. Die realistischste Sicht unter den Hedonisten
hatte noch Epikur. Er begegnete in Gelassenheit dem Leid und der Unlust und suchte durch
seine innere Geisteshaltung auch daraus Lust zu gewinnen. Leid beginnt schon da, wo der
Mensch mit seinem Glücksstreben an die Grenze des Mitmenschen stößt. Je mehr einer nach
seinem eigenen Glück strebt, desto mehr Widerstand wird er beim anderen erfahren.

Weitere Grenzen liegen in den eigenen schwachen Kräften und Mitteln sowie in den von Gott
jedem Menschen gesetzten Schranken. Wer wie Murphy seinen Lesern alles verspricht, führt sie
in tiefstes Unglück hinein, wenn die Erwartungen die Möglichkeiten übersteigen. Murphy
verspricht nämlich seinen Lesern viel, sehr viel. Und er kann auch erstaunliche Erfolgsberichte
bringen. Worauf aber beruhen diese „Erfolge“? Auf Autosuggestion - einer Methode, die durchaus
wirksam ist, aber mit Gebet im biblischen Sinn nichts zu tun hat.

Autosuggestion heißt Selbstbeeinflussung. Ausgehend von der Annahme, daß Hypnose eine
normale, der Beeinflußbarkeit besonders zugängliche menschliche Erscheinung sei, hat E. Coué
(1857-1926) diese Methode entwickelt. Murphy bringt also im Grunde nichts Neues, sondern baut
auf den Erkenntnissen von Coué auf. Er verbrämt sie mit einer religiösen Sprache und verbindet
sie mit seinem mystisch-säkularen Weltbild.

Autosuggestion setzt voraus, daß im Menschen Selbstheilungskräfte vorhanden sind. Diese


müssen nur aktiviert werden, dann treten Heilung, Besserung des Wohlbefindens und Erfüllung
von Wünschen ein. Die Aktivierung von menschlichen Kräften geschieht durch dauerndes
Bewußterhalten suggestiver Inhalte, etwa durch ständiges Wiederholen formelhafter Wendungen:
„Es geht mir von Tag zu Tag immer besser und besser." - „Ich bin vollkommen, und vollkommene
Harmonie durchströmt meinen Körper." Murphy verwendet besonders gern Bibelsprüche als
„Formeln" (!) - oder Wendungen wie „Die geistige Heilkraft ist allgegenwärtig"; „Wunderbar sind
die Werke der mir innewohnenden Weisheit" usw. Als äußere Haltung wird ein tranceartiger
Zustand empfohlen, in dem das Unterbewußtsein besonders aufnahmebereit ist: „Versetzen Sie
sich in eine Art Dämmerschlaf und wiederholen Sie dann in völliger innerer und äußerer Ruhe ein
und denselben Gedanken."

Die Wirksamkeit der autosuggestiven Methode auf psychosomatischem Gebiet ist unbestreitbar.
Hier wird mit der Erkenntnis, daß der Mensch eine untrennbare Einheit von Leib, Seele und Geist
ist, ernst gemacht. Viele körperliche Leiden lassen sich durch seelische Beeinflussung heilen.
Ähnlich wirkt ja auch die Heilung durch Einbildung mittels des Plazeboeffekts
(Scheinmedikament). Es ist aber falsch anzunehmen, daß alle Krankheiten auf diese Art heilbar
sind. Es besteht die ernstzunehmende Gefahr, daß man sich einseitig auf die autosuggestive
Selbstheilung verläßt und es dadurch versäumt, organischen Ursachen auf den Grund zu gehen
bzw. anderweitige Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Ferner kann derjenige, der Autosuggestion betreibt, einem ungesunden Wunschdenken verfallen,
das zu Fehlverhalten in der konkreten Lebenswirklichkeit führen kann. Er erwartet alles von der
Programmierung seines Unterbewußtseins und ist enttäuscht, wenn er Widerstand in der
wirklichen Welt erfährt. Selbstverständlich schildert Murphy ausschließlich Erfolgsberichte.
Diesen könnten aber mindestens genau so viele Versagensberichte entgegengestellt werden.

Wie sieht im Unterschied zur Autosuggestion, die Murphy „Gebet" nennt, wirkliches, biblisches
Gebet aus? Der biblische Beter erwartet nichts von sich und alles von Gott. Für ihn ist Gott nicht
identisch mit der Macht seines Unterbewußtseins, sondern ein wirkliches, personales Gegenüber.
Während die Murphy'schen „Gebete" Selbstgespräche sind, sagt der biblische Beter zu Gott
„Du“. Während der Murphy'sche Beter Heil aus seinem Inneren erwartet, hofft der biblische Beter
auf die gnädige Zuwendung Gottes von außen.

Er hofft darauf, aber er hat sie nicht in der Hand. Gott ist frei, Gebet auch nicht zu erhören oder in
einer anderen Weise als erwartet. Deshalb betet der Christ: “Dein Wille geschehe" (Mt 6,10). Gott
weiß über unser Bitten und Verstehen, was für uns und für ¬den Nächsten gut ist. Er sieht weiter
als wir. Er ist kein billiger Wunscherfüller, sondern der Herr der Welt, der uns lieb hat, aber auch
straft, wenn wir ungehorsam sind.

Es gibt so viele unvernünftige, egoistische und einander widersprechende Wünsche. Würde uns
Gott alle Wünsche erfüllen, würde diese Welt im Chaos enden. Man weiß, wie schwierig,
rücksichtslos und genußsüchtig Kinder werden können, denen ihre Eltern alles durchgehen
lassen. Verwöhnung tut nicht gut. Auch Gott will uns nicht verwöhnen, sondern als
verantwortliche Menschen haben, die für andere dasein können. Das ist Liebe. „Mein Sohn,
verwirf die Zucht des Herrn nicht und sei nicht ungeduldig, wenn er dich zurechtweist; denn wen
der Herr liebt, den weist er zurecht und hat doch Wohlgefallen an ihm wie ein Vater am Sohn"
(Spr 3,11 f.). - Wo findet sich ein solcher Gedanke bei Murphy?

Zusammenfassend ist zur Lehre vom Positiven Denken folgendes festzustellen:

Positives Denken betrachtet Gott als Projektion und Geschöpf des Menschen, als „Macht des
Unterbewußtsein“, über die der Mensch verfügen kann. – Die Bibel beschriebt Gott als den
Schöpfer des Menschen, der lebendig, wirklich, transzendent (überweltlich) und frei ist – frei,
auch in die Immanenz (Innerweltlichkeit) einzugehen, ohne in ihr aufzugehen.

Positives Denken betrachtet Glauben als Denken mit dem Ziel eines „positiven Denkens“, das
fast alle Probleme lösen kann. – Die Bibel beschreibt Glauben als festes Vertrauen auf den
lebendigen Gott und die durch Jesu Kreuzestod geschehene Erlösung.

Positives Denken betrachtet Gebet als Autosuggestion mit dem Ziel der Erfüllung menschlicher
Wünsche. – Die Bibel beschreibt Gebet als Reden mit dem lebendigen Gott im Namen Jesu mit
dem Ziel der Erkenntnis und Erfüllung des Willens Gottes.

Positives Denken betrachtet Sünde als das Verfehlen menschlicher Selbstverwirklichung. - Die
Bibel beschreibt Sünde als menschliche Selbstverwirklichung an Gott vorbei und gegen Gott.

Positives Denken betrachtet Krankheit und Tod als Einbildung. – Die Bibel beschreibt Krankheit
und Tod als Lohn der Sünde und bittere Wirklichkeit.

Positives Denken betrachtet Vergebung als Selbstvergebung. – Die Bibel beschreibt Vergebung
als Vergebung durch Gott und Erlösung von Sünde, Teufel und Tod.
Positives Denken betrachtet Jesus Christus als guten Menschen und Vorbild. – Die Bibel
beschreibt Jesus Christus als wahren Menschen und wahren Gott zugleich, als Gottes Sohn,
einzigen Weg zu Gott dem Vater und einzigen Erlöser.

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Die Jesus-Marsch-Bewegung

Die weltweite Jesus-Marsch-Bewegung ist in ihrer Theologie und Praxis untrennbar mit der
Geistlichen Kriegsführung verbunden. Es ist sicher nicht übertrieben, wenn man sagt, daß die
Jesus-Märsche zur Zeit das wichtigste und populärste Instrument der Geistlichen Kriegsführung
sind. Auch wenn sicher der größte Teil derer, die an diesen Märschen teilnehmen, wenig oder gar
keine Ahnung davon haben, was Geist¬liche Kriegsführung bedeutet und in der Annahme
mitmarschieren, daß es sich hier um eine zeitgemäße Form der Evangelisation han¬delt, so
haben doch die Initiatoren dieser Bewegung ihre Absichten und Ansichten nie verschwiegen.

Die Anfänge in England

Zu den Initiatoren der Jesus-Märsche gehören vier Freunde:

Roger Forster, Leiter der 3.000 Mitglieder zählenden Ichtys-Gemeinschaft im Südosten Londons;

Gerald Coates, in den vergangenen zwanzig Jahren aktiv in der „Hauskirchenbewegung“ in


Großbritannien und Gründer von „Pionier-Trust“ und Leiter des „Pionier-Teams“;

Lynn Green, Leiter von „Jugend mit einer Mission“ (JMEM) für Europa, den Mittleren Osten und
Afrika;

Graham Kendrick, früher musikalischer Leiter von „Jugend für Christus“, inzwischen auch in
Deutschland bekannt durch seine Jesus-Marsch-Lieder.

Diese vier Freunde trafen sich zum Gebet, weil sie das Anliegen hatten, „daß Lobpreis und
Gebet, wie wir sie aus der charismatischen Erneuerung kennen, auf die Straße hinausgetragen
werden.“

1980 begann Lynn Green für London zu beten und lud auch andere Mitarbeiter von JMEM dazu
ein. Sie trafen sich gelegentlich von acht Uhr abends bis Mitternacht, um konzentriert für die
Rettung der Menschen zu beten.

Als sie nach einigen Monaten Zeit den Eindruck hatten, daß die Arbeit keine Fortschritte machte,
beteten sie um Klarheit und bekamen dann den Eindruck, daß ein „Fürst“ oder eine „geistliche
Macht des Bösen“ über London am Werk sei, den sie als „Habgier und ungerechter Handel“
identifizierten.

Schließlich entstand der Gedanke, einen Marsch durchzuführen und unter Bannern und Lobpreis
einige Tage hintereinander die Earls Road hinauf und die Warwick Road hinunterzumarschieren.
Etwa 125 Leute nahmen an diesem ersten Marsch teil.

1985 fand wieder ein Tag des Gebets für London statt, wo sie die Überzeugung gewannen, daß
die Beherrschung der Stadt durch „Mächte der Finsternis“ historische Wurzeln haben müsse, so
daß besonders an den Stellen gebetet wurde, wo die alten Stadtmauern gewesen waren.
1986 nahm auch Graham Kendrick an einem solchen Tag teil und schließlich kam auch die
Ichtys-Gemeinschaft mit Roger Forster und Gerald Coates hinzu. Inzwischen hatte Graham
Kendrick sein erstes Album „Macht Bahn“ herausgebracht, das die Lieder von den ersten
kleineren Märschen enthielt.

„Die Kombination von unserem Marschieren mit Grahams Liedern war sehr kraftvoll und schien
ein Sprungbrett für die nächste Phase zu sein – ein Marsch auf nationaler Ebene.“

Graham Kendrick, Sohn eines Baptistenpredigers, berichtet, wie diese Lieder entstanden sind
und welche Bedeutung er ihnen gibt:

„Nachdem ich mit dem Heiligen Geist erfüllt worden war, begann Gott, mich freizusetzen und
mich zu seinem Anbeter zu machen. Als ich es lernte, meine Anbetung in einer nie gekannten
Tiefe auszudrücken, flossen neue Anbetungslieder daraus hervor... Aus meiner Sicht entstand
das Marsch für Jesus – Konzept aus meinem Lobpreisstudium und meiner Erfahrung als
Anbetungsleiter. Als ich Anfang der achtziger Jahre meine Anbetungserfahrungen mit anderen
Leuten diskutierte, fand ich heraus, daß viele christliche Gruppen ein großes Glaubenswachstum
oder das Gefühl von geistlichem Durchbruch festgestellt hatten – als Folge von Lobpreis, der die
Wahrheit proklamiert.

Ich begann, mich für die Dynamik des Lobpreises und seine Beziehung zu Gebet und Geistlicher
Kampfführung zu interessieren. Nachdem ich mit vielen Leuten Erfahrungen ausgetauscht hatte,
gelangte ich zu der Überzeugung, daß Gott seine Kraft häufig dann freisetzt, wenn sein Volk ihn
preist.“

„City-Marsch“ 1987

Der erste große „City-Marsch“ fand am 23.5.1987 statt. 15.000 Teilnehmer gingen in London auf
die Straße. Die Absicht dieses Marsches hatte John Pressdee beschrieben:

„Das Ziel war, Christen zu mobilisieren, damit sie den Namen Jesus in London proklamieren und
die Niederlage der geistlichen Mächte erklären würden, die sich in der City und dem Herzen der
Nation verschanzt hatten. Wir wollten der wachsenden Kraft der Kirche und ihrer Hingabe an den
Missionsbefehl dadurch Ausdruck verleihen, indem wir die City von London mit Gebet und
Lobpreis überfluteten.“

In einem Marsch-Rundbrief hob Roger Forster die Ziele des Tages hervor und beendete das
Schreiben mit folgenden Worten:

„Wir glauben, daß mit dem heutigen Tag eine neue Ära beginnt, in der die vielfältige Weisheit
Gottes im Leben von Gottes Kindern und durch ihren Lobpreis für die Fürsten und Gewalten
stärker erkennbar wird (Eph. 3,10). Für einige wird es eine Einführung in die Geistliche
Kriegsführung sein, für andere bietet es die Möglichkeit, in der Solidarität des Volkes Gottes
etwas Positives zur Veränderung der übernatürlichen Atmosphäre unseres Landes beizutragen.

Wir befinden uns nicht auf einem Spaziergang, sondern wir gehen ernstzunehmende Anliegen
an, indem wir versuchen, eine wirkliche Veränderung in der unsichtbaren Welt zu schaffen. Dies
werden wir mit Lobpreismusik und festlichen Märschen erreichen, gemeinsam mit unserem
Christus, der ‚uns stets im Siegeszug mitführt‘ (2. Kor. 2,14).“

„Westminster-Marsch“ 1988
Am 21.5.88 fand der sog. „Westminster-Marsch“ mit ca. 55.000 Teilnehmern statt. Inzwischen
hatten die ersten „Propheten“ erklärt, daß „Großbritannien in Gottes Strategie eine
Schlüsselposition innehat“ und so wurde diesem Marsch eine besondere prophetische
Bedeutung zugesprochen:

„Viele Menschen waren sich dessen bewußt, daß es etwas mit Geistlicher Kampfführung zu tun
hat, wenn man mit Gebet und Lobpreis auf die Straße geht. Sie waren sich des Widerstands und
der Freisetzung bewußt wie auch der Veränderung, die es mit sich brachte, während sie
marschierten. Viele Leute begriffen, daß Christsein auch Feiern und Festlichkeit bedeutet. Und es
machte ihnen Spaß...“

Als der Marsch sich der Westminsterabtei und der Methodist Central Hall näherte, wurde darum
gebetet, „daß wir eine größere Erweckung erleben mögen, als die, die unter Wesley
stattgefunden hat.“ Vor der Westminster-Kathedrale konzentrierte sich das Gebet vor allem auf
das „unerschütterliche Zeugnis der Römisch-Katholischen Kirche für den Wert des ungeborenen
menschlichen Lebens und ihre Ablehnung der Abtreibung.“

„JMEM – Fackel-Marsch“ 1989

Am 31.7.1989 startete ein Fackel-Marsch in Großbritannien, der von JMEM organisiert und von
„Prophetien“, „prophetischen Bildern“ und „Heilungen“ begleitet wurde. Auch Angus Kinnear, der
als Herausgeber vieler Watchman Nee-Bücher und als Nee-Biograph bekannt geworden ist,
schloß sich als Ichtys-Mitglied dieser Aktion an. Dieser Marsch hatte eine „tiefgehende
Auswirkung“ auf die Teilnehmer. John Pressdee erzählt:

„Als unsere Autorität und Vollmacht im fürbittenden Gebet immer mehr zunahm, entschieden die
Teilnehmer dieses Fackel-Marsches vor Gott, das Land unter Gebet quer von Anglesey bis
Lowesoft zu durchwandern, um so die Form eines Kreuzes auf das Land zu zeichnen.“

Graham Kendrick war von diesem Vorhaben begeistert und sofort zur Mitarbeit bereit:

„Ich fühlte, daß wir an einer prophetischen Handlung teilnehmen würden. Ich hatte gerade ein
paar Monate vorher das Make Way for the Cross-Album herausgebracht, mit dem Eindruck, daß
eine Betonung des Kreuzes wichtig war. Als John Pressdee dann das Gefühl hatte, wir sollten
von Westen nach Osten ziehen und dadurch die Form eines Kreuzes auf das Land malen, war
ich sofort dabei! Wir fühlten wirklich, daß dies eine wichtige prophetische Handlung war und nur
Gott weiß, welche Auswirkungen sie gehabt hat.“

Jesus – Marsch 1989

Am 16.9.1989 wurde in Großbritannien an 45 verschiedenen Orten ein Jesus-Marsch


durchgeführt, bei dem insgesamt 200.000 Menschen unterwegs waren. Auf diesem Marsch
wurde erstmals das Lied gesungen, daß Graham Kendrick speziell für diesen Marsch
geschrieben hatte:

Laß die Flamme brennen!


Wir geh’n voran, Herzen entbrannt,
und jeder Schritt wird zum Gebet.
Neue Hoffnung, neuer Morgen,
Lieder klingen überall!
Zweitausend Jahr’, die Flamme brennt
und leuchtet hell durchs ganze Land.
Herzen warten, flehen, sehnen,
daß Erwachen neu beginnt.
Refrain:
Laß die Flamme leuchten,
alles Dunkel durchdringen,
aus der Nacht wird heller Tag!
Unser Lied wird lauter,
unsere Liebe stärker.
Strahle hell!

Für Wahrheit stehn,


in Liebe gehn,
im Namen Jesu empfangt die Kraft;
Helft allen Schwachen,
bewahrt die Kinder,
füllt die Nationen mit seinem Lied!

Am Schluß dieses Marsches wurden die Teilnehmer sämtlicher Regionen aufgefordert, an einem
Partnerschaftsprojekt mitzuarbeiten und sich persönlich zu verpflichten, das Evangelium bis zum
Jahr 2000 im ganzen Land verbreitet zu haben. 1990 kamen auch die ersten kritischen
Stellungsnahmen zu den Jesus-Märschen. Elf evangelikale Anglikaner drückten in einem Brief
ihre Besorgnis aus, die sich auf zwei Artikel, die in der Zeitschrift „Today“ erschienen waren,
gründete. Diese Kritik lenkte die Aufmerksamkeit überregionaler Zeitschriften auf die Märsche
und sorgte für Schlagzeilen. So schrieb die „Times“ unter der Überschrift „Anglikaner boykottieren
Dämonen-Märsche“:

„Ein landesweiter Marsch für Jesus wird von einigen Anglikanern aufgrund der Ansichten einiger
Marschteilnehmer in Bezug auf Dämonologie, Exorzismus und böse Geister boykottiert. Hohe
Kir¬chenmänner sind besorgt, daß einige Marschteilnehmer glauben, daß Teile mancher Städte
und bestimmte Firmen ‚dämonisiert‘ worden seien und sie fürchten, daß die Marschierenden
versuchen werden, die Dämonen auszutreiben.“ 12

Doch die durch die Presse ausgelöste heftige Kontroverse hatte auch zur Folge, daß eine Flut
von positiven Reaktionen kirchlicher Gruppen eintraf, die 1990 auch einen Marsch organisieren
wollten.

Jesus-Marsch 1990

So startete am 16.9.1990 ein weiterer Jesus-Marsch mit dem Schwerpunktthema „Kinder“. Etwa
200.000 Teilnehmer, die 3.000 Gemeinden repräsentierten, marschierten mit. Ein Drittel der
Teil¬nehmer kam aus neuen Gemeinden, ein weiteres Drittel aus den tra¬ditionellen Kirchen und
das letzte Drittel hatte keine Kirchenzu¬gehörigkeit angegeben. Unterstützt wurde dieser Marsch
von leitenden Kirchenmännern der Anglikanischen Kirche, der Baptisten, Methodisten, Pfingstler
und neuer Gemeinden. In diesem Jahr begann Graham Kendrick „Krönt ihn“ zu schreiben, eine
Sammlung von Liedern, die auf Ps. 24 basieren und die bei den Jesus-Märschen 1991 und 1992
eingesetzt wurden. Inzwischen richtete sich der Blick der Initiatoren auf einen europäi¬schen
Marsch im Jahr 1992 und als Bestätigung traf ein Brief aus Deutschland ein, in welchem ein
Überblick über die Geschichte und den Hintergrund Berlins und Brandenburgs gegeben wurde.

Jesus-Marsch in Deutschland und die „Berliner Er¬klärung“

Als der erste große Jesus-Marsch 1992 in Berlin geplant wurde, war es naheliegend, daß er in
Beziehung zu der „Berliner Erklärung“ von 1909 stand.
Damals hatten die Führer der Gemeinschaftsbewegung und Allianz in Deutschland in dieser
Erklärung die Lehren und Praktiken der anbrechenden Pfingstbewegung als unbiblisch beurteilt
und davor gewarnt. 13

Von vielen Pfingstlern und Charismatikern wurde diese Erklärung verantwortlich dafür gemacht,
daß der Heilige Geist sich aus Deutschland zurückgezogen habe und ein Bann über Deutschland
gekommen sei. Manche sprachen von einer „70jährigen babyloni¬schen Gefangenschaft“ der
Kirche in Deutschland.

1979, also 70 Jahre nach dieser Erklärung, veranstaltete Volkhard Spitzer in Berlin eine
Osterkonferenz, um dort mit vielen interna¬tionalen Leitern der Pfingst- und Charismatischen
Bewegung eine „Gegenerklärung“ zu unterschreiben, in welcher der Heilige Geist eingeladen
wurde, wieder nach Deutschland zu kommen.

Auch die von V. Spitzer organisierten „Berliner Bekenntnistage“ 1981 stehen in diesem
Zusammenhang. Damals sollte nach der Überzeugung der Verantwortlichen der Heilige Geist
über Deutsch¬land ausgegossen werden.

Es ist eine interessante Beobachtung, daß zahlreiche Charismatiker, besonders solche, die von
der Geistlichen Kriegsführung beeinflußt sind, einer Art „magischen Denkens“ erlegen sind. Sie
sind der Überzeugung, daß Erklärungen und Geschehnisse an bestimmten Orten eine Art „Bann“
oder „geistliche Finsternis“ bewirkt haben. Diesen „Bann“ versucht man durch entsprechende
Gegenerklärun¬gen und Aktionen, durch stellvertretende Buße usw. aufzuheben. Dieser „Bann“
über Deutschland – aus der Sicht vieler Charismati¬ker ausgelöst durch die „Berliner Erklärung“
von 1909 – war nun auch der Anlaß, den ersten überregionalen Jesus-Marsch in Deutschland
durchzuführen.

Zwar hatte im Jahr 1991 bereits ein kleinerer Marsch in Nürnberg stattgefunden, in Verbindung
mit dem 1. Gemeindekongreß. Dieser von Walter Heidenreich organisierte Marsch war eine Art
Training oder Vorbereitung für den überregionalen Marsch am 23.5.1992 in Berlin.

Nun ist es interessant zu sehen, daß die „Väter“ der Jesus-Marsch-Bewegung in England die
Beziehung des geplanten Jesus-Marsches in Berlin zur „Berliner Erklärung“ von 1909 offen
aussprachen:

„Die sogenannte Berliner Erklärung war dabei eine besondere Quelle der Besorgnis. Am
15.9.1909 hatte es ein Treffen von 650 protestantischen Leitern gegeben, die hauptsächlich aus
den Reihen der Evangelischen Allianz und dem Verband der Lan¬deskirchlichen Gemeinschaft
kamen. Sie gaben eine Erklärung heraus, in der stand, daß die Pfingstbewegung „von unten“ sei.
Keine der beschuldigten Gruppen war angehört worden. Das Ergebnis dieser Erklärung war, daß
die Pfingstbewegung und die Charismatische Erneuerung in Deutschland vollkommen
unterdrückt wurden. Die Erklärung wurde in den Jahren 1934, 1945, 1972 und 1986 erneut
bestätigt und wurde erst zurückgenommen, als am 7. November 1991 einige evangelikale Leiter
in Deutschland Schritte unternahmen, die Erklärung zu widerrufen.

Eines unserer Ziele für den Gebetsmarsch von London nach Berlin war, daß die geistlichen
Auswirkungen dieser Erklärung aufgehoben würden und ihr Einfluß auf das geistliche Leben in
Europa gebrochen würde.“ 14

„Als die Marschteilnehmer sich am 23. März 1992 in Berlin versammelten, rief Walter
Heidenreich, einer der Leiter des deutschen ‚Marsch für Jesus‘-Teams, zur Buße für die Berliner
Erklärung auf. In der darauffolgenden Stille wehte plötzlich ein starker Wind über den Platz. Wir
beteten dafür, daß das Wehen des Heiligen Geistes in der Kirche in Deutschland und überall in
Europa stark zunehmen möge.“ 15
In dieser Stellungnahme werden einige sachliche Fehler deutlich.

1. In Berlin waren im Jahr 1909 nicht 650, sondern 60 Brüder anwesend, von denen 56 die
Erklärung unterschrieben.

2. Es entspricht einfach nicht den Tatsachen, wenn der Eindruck erweckt wird, als ob die Berliner
Erklärung geschrieben worden wäre, ohne daß man mit den beschuldigten Gruppen vorher
gesprochen hätte. Wahr ist, daß der Berliner Erklärung Hunderte von Gesprächen und
Briefwechseln voraufgegangen sind. Die Führer der Pfingstbewegung und die Männer der
Berliner Erklärung kannten sich größtenteils gut, einige hatten in der Vergangenheit eng
miteinander gearbeitet und waren befreundet.

3. Daß die Berliner Erklärung in den Jahren 1934, 1945, 1956, 1972 und 1986 erneut bestätigt
wurde, ist mir nicht bekannt. Zumindest kann es sich hier nicht um offizielle Stellungnahmen
handeln.

4. Die Berliner Erklärung wurde nicht am 7.11.91 zurückgenommen, sondern am 9.11.91 bat
Klaus Eickhoff im Namen vieler Evangelikaler die Charismatiker und Pfingstler um Vergebung für
alle Verurteilungen und negative Beurteilungen in der Vergangen¬heit. Dabei konnte sich jeder
Anwesende denken, daß es hier auch um die Berliner Erklärung ging, obwohl diese erst
namentlich einen Tag später in der Abschlußveranstaltung erwähnt wurde. Dabei gab Klaus
Eickhoff den Konferenzteilnehmern die „theologische Fra¬ge“ mit auf den Weg, „ob sich nicht
damals die Brüder, welche von tiefer Sorge erfüllt die Berliner Erklärung unterschrieben haben,
geirrt haben, wenn sie von einem Geist ‚von unten‘ in der Pfingstbewegung sprachen.“ 16

Aber abgesehen von diesen Ungenauigkeiten macht diese Stellung¬nahme deutlich, welche
Absichten die Jesus-Märsche in Berlin verfolgen und welch ein Einfluß auf das geistliche Leben
der Christen in Europa der Berliner Erklärung zugesprochen wird.

Jesus-Marsch Berlin 1992

Anfang Oktober 1990 fand in De Bron/Holland ein Leitertreffen statt, auf dem Lynn Green, Gerald
Coates, Roger Forster und Gra¬ham Kendrick die eingeladenen Leiter aus dreizehn
europäischen Ländern (darunter elf Leiter aus Deutschland) über ihre Erfahrun¬gen und
Führungen mit diesen Märschen informierten. In dem Informationsschreiben von „Fürbitte für
Deutschland“ (FFD) war zu lesen:

„Im Gebet und Austausch der nationalen Gruppen entstand gro¬ße Einmütigkeit, daß Mai 1992
ein guter Zeitpunkt sein könnte, solche Proklamations- und Gebetsmärsche in allen europäischen
Ländern durchzuführen, die sich beteiligen möchten.“

Dieses Schreiben endete mit den Worten:

„Die Proklamationsmärsche für Jesus in Großbritannien und Irland haben auch einen enormen
Beitrag zur Einheit der Chri¬sten geleistet. Sie liefen voll unter der Unterstützung und
Mit¬leiterschaft der Ev. Allianz sowie exponierter Leiter aller Deno¬minationen und diverser
großer Bewegungen und Werke. Wir hoffen deshalb sehr und beten dafür, daß auch in
Deutschland eine möglichst breite Beteiligung erreicht wird.

Die deutsche Gruppe der in DeBron teilnehmenden Leiter bat Berthold Becker (FFD), die
Koordination für ein Leitertreffen in Deutschland zu übernehmen.“

Dieses Leitertreffen fand dann am 8.2.1991 in Lüdenscheid, in den Räumen der „Freien
Christlichen Jugendgemeinschaft“ (Walter Heidenreich) statt.

Inzwischen hatte man auch den „Marsch für Jesus e.V.“ mit dem Sitz in Lüdenscheid gegründet.

Zum Vorstand gehören: Walter Heidenreich (FCJG Lüdenscheid), Berthold Becker (FFD), Peter
Gleiss (Ev. Geistliche Gemeinde-Erneuerung), Mechthild Humpert (Kath. Charism. Gemeinde-
Er¬neuerung), Robert Humburg (Glaubenszentrum Bad Gandersheim) und Keith Warrington
(JMEM).

Zum Trägerkreis und Referenzkomitee gehören eine große Anzahl Personen aus der
Katholischen und Evangelischen Kirche, von den Baptisten, aus den Pfingstgemeinden,
Charismatischen Gemeinden, der Anskar Kirche, verschiedenen Charismatischen Jugendwerken
und dem CVJM.

Aus der langen Liste von Namen hier einige aus den genannten Kir¬chen und Werken:

Aus dem Trägerkreis: Jobst Bittner, Wilhelm Bläsing, Mike Change, Peter Dippl, Emanu¬el Enke,
Hermann Riefle, Fred Ritzhaupt, Ortwin Schweitzer, Wolfgang Simson, Andreas Zerger, Suzette
Hattingh, Andreas Hermann, Kim Kollins, Jon MacFarlane, Wolfhard Margies, Eckhard Neumann,
Christian Gölker.

Aus dem Refenzkomitee: Friedrich Aschoff, Norbert Baumert, Reinhard Bonnke, Wolfram
Kopfermann, John Angelina, Reinhold Ulonska, Paul Toaspern, George Carrey, Johannes
Facius, Horst Stricker, Peter Wenz, Hein¬rich Christian Rust, Axel Nehlsen, Clive Calver.

Es sticht ins Auge, daß diese Personen ein sehr breites Spektrum der Charismatischen
Bewegung repräsentieren, von sehr extremen Gruppen („Wort des Glaubens“, „Christus für alle
Nationen“, „Bi¬blische Glaubensgemeinde“, „Gemeinde auf dem Weg“ usw.) bis hin zu Vertretern
der Pfingstgemeinde und Anskar-Kirche, die zumindest eine kritische Haltung zur „Geistlichen
Kriegsführung“ haben.

Es wurden dann auch bald die „Marsch für Jesus-Nachrichten“ herausgegeben und verbreitet, die
in Abständen über die geplanten Märsche informieren.

Mit dieser Werbung für die Jesus-Märsche öffnete sich dann auch ein Markt für alle möglichen
Artikel: Marsch für Jesus-T-Shirt, Hals¬tuch, Aufkleber, Rucksack, Luftballons, Watch, Tasse,
Baseballkap¬pe usw., die vor allem vom Verlag „Projektion J“ angeboten wurden, der auch
verschiedene Bücher und Tonträger zum Thema „Marsch für Jesus“ und „Geistliche
Kriegsführung“ herausgegeben hat.

Zielsetzung und Theologie

Aus den „Marsch für Jesus – Nachrichten“ nun einige Auszüge, die Aufschluß über die
Zielsetzung und Theologie des ersten überregionalen Jesus-Marsches in Deutschland geben:

Norbert Baumert SJ:

„Dieses Ereignis ist nicht ein Spektakel (Schauspiel), sondern so sinnvoll wie die uns Katholiken
vertrauten ‚Flurprozessio¬nen‘. Doch diesesmal beten wir nicht um den Segen Gottes für die
Felder und die Ernte, sondern für unser ganzes Volk, für alle politischen, wirtschaftlichen,
ethischen und sozialen Aufgaben, vor denen wir stehen. Lohnt es sich, deshalb nach Berlin zu
fah¬ren? – Schon deshalb, weil Christen aus allen Konfessionen gemeinsam vor Gott treten und
die Freude ihres Glaubens mit¬einander teilen wollen. Hat Jesus nicht dem gemeinsamen Gebet
einen besonderen Segen verheißen?“
Reinhard Bonnke:

„Der Marsch für Jesus ist von Gott. ‚Worauf wir unseren Fuß setzen, das soll unser Erbe sein‘ –
dieses Wort hat etwas mit geistlichem Besitz zu tun, wenn wir uns nach Gottes Wort in
Bewegung setzen. Und dieses Wort aus dem Mund Gottes heißt: ‚Gehet hin ... predigt die Frohe
Botschaft aller Kreatur...‘“

Berthold Becker:

„Ich glaube, daß durch die gemeinsame Proklamation und durch unser Gebet vor der sichtbaren
und unsichtbaren Welt eine machtvolle Aussage für unser Land gemacht wird, die unsere Nation
verändern wird. Wir werden verkündigen, daß Jesus Christus der Herr über Berlin und über
Deutschland ist, daß Er kommt, um seinen Thron einzunehmen. Dadurch wird der Marsch für
Jesus 92 zu einem Meilenstein auf dem Weg zur Erweckung in Deutschland...“

Walter Heidenreich:

„Ich glaube, daß der Marsch für Jesus ein von Gott gegebenes Instrument für Erweckung in
Deutschland ist. Wir dürfen Teil eines historischen Ereignisses in der Kirchengeschichte sein...
Die Kirche Jesu begibt sich in die Offensive, und wird in einem prophetischen Akt die Herrschaft
Jesu und die Einheit des Lei¬bes öffentlich proklamieren.

Durch eine Neuausgießung des Geistes Gottes wird eine bisher noch unbekannte Dimension der
Evangelisation, diakonischem Handeln und Weltmission entstehen...“

Im April 1992, wenige Wochen vor dem Start des Jesus- Marsches, wurde noch einmal eine
kurze Information des Marsch für Jesus-Vorstandes verschickt, der besonders deutlich den
„prohetischen“ Charakter dieses Marsches und das Anliegen der Geistlichen Kriegsführung
deutlich macht. Hier einige Auszüge aus dieser Mitteilung:

1. „Das Land liegt offen vor uns.“

Dieser Satz stammt von Keith Warrington. Damit soll aus¬gedrückt werden, daß wir in der
Geschichte Gottes mit un¬serem Land und mit seinem Volk in Deutschland an der Schwelle zu
einem neuen Abschnitt stehen, einer Gnadenzeit, einem „Jubeljahr“, einem „neuen Tag“. Die
Zeichen standen in den vergangenen Jahrzehnten noch nie so deutlich auf Erweckung in
Deutschland und Europa wie in diesen Tagen... Aber es gibt auch die Möglichkeit, eine
Gnadenstunde Gottes zu verpassen...

2. Der Marsch für Jesus – ein Katalysator!

Mit dem Marsch für Jesus wollen wir proklamativ zum Aus¬druck bringen, daß wir in diesem
Sinne das Land im Glauben ergreifen und geistlich einnehmen und damit dazu beitragen, daß in
Berlin und in Deutschland nicht alte Finsternismächte wieder neu Fuß fassen können, sondern
ein neuer Geist, der Heilige Geist, in Deutschland Raum bekommt. Die Teilnahme am Marsch
bedeutet somit eine prophetische Identifikation, ein „sich eins machen“ im Glauben und im
prophetischen Han¬deln... So verstehen wir den Marsch für Jesus in erster Linie als einen
„geistlichen Katalysator“, als ein Ereignis, das für den Heiligen Geist mehr Freiraum schafft und
eine Beschleunigung der Ausbreitung des Reiches Gottes in unserem Leben, im Leben des
Gottesvolkes und in unserem Land bewirkt. Wir betrachten des¬halb den Marsch als eine
einmalige Chance. Dies ist ein nicht beliebig wiederholbarer Zeitpunkt, eine mögliche „Stunde
Got¬tes“ in seiner Geschichte mit Deutschland und mit seinem Volk in Deutschland...

3. Das Volk Gottes – eine geistliche Armee!

...Der Herr der Heerscharen ruft und sammelt uns am 23. Mai in Berlin als eine geistliche Armee,
um unter der Salbung des Hei¬ligen Geistes, in geistlicher Einheit durch Gebet, Proklamation,
Lobpreis und andere geistliche Waffen über unserem Land Boll¬werke der Finsternis
niederzureißen, die sich wider die Erkennt¬nis Jesu erheben. In diesem Zusammenhang
möchten wir auch deutlich machen, daß es durchaus von Bedeutung ist, wieviele Menschen zum
Marsch für Jesus kommen und zwar nicht wegen der Medien oder um der Menschen willen,
sondern aus geistlichen Gründen: Die Anzahl der Teilnehmer drückt vor der unsichtbaren und der
sichtbaren Welt aus, wieviele Christen die Zeichen der Zeit erkannt und den Ruf Gottes
vernommen haben und bereit waren – selbst unter Opfern – diesem Ruf zu folgen. Unsere
Vollmacht, geistlich zu handeln, hängt in diesem Sinne mit davon ab, wieviele Christen sich durch
ihr Kommen mit uns in diesem geistlichen Akt vereinigen.

4. Die Herausforderung

...All diese Gedanken möchten deutlich machen, daß nach unse¬rem Verständnis der Marsch für
Jesus am 23. Mai 1992 ein ein¬maliges, durch keine andere Veranstaltung zu ersetzendes und
ein nicht verschiebbares oder wiederholbares geistliches Ereig¬nis werden soll und werden
wird...

In diesem Schreiben werden, kurz zusammengefaßt, folgende Aus¬sagen gemacht:

- Deutschland und das Volk Gottes in Deutschland steht vor einer besonderen Gnadenzeit, vor
einem „Jubeljahr“.

- Durch den Jesus-Marsch soll Deutschland im Glauben ergriffen und geistlich eingenommen
werden. Gleichzeitig soll damit ver¬hindert werden, daß „alte Finsternismächte“ wieder Fuß
fassen können.

- Der Jesus-Marsch ist eine „prophetische Handlung“.

- Im ausdrücklichen Auftrag des „Herrn der Heerscharen“ wird diese „geistliche Armee“ der
Marschierenden durch „geistliche Waffen“ die „Bollwerke der Finsternis“ niederreißen.

- Die geistliche Kraft dieser Aktion hängt von der Anzahl der Teilnehmer ab.

- Dieser Marsch ist ein „einmaliges“, „nicht zu ersetzendes“ und „nicht wiederholbares geistliches
Ereignis“. 17

Unter welch einen Druck und eine Last können junge, gutgläubige Christen durch solche
Aussagen geraten, so daß sie ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie nicht an diesem
Marsch teilneh¬men, der den Anspruch erhebt, ein für Deutschland heilsgeschicht¬lich
entscheidendes Werkzeug zu sein. Es ist erschreckend, mit welcher Leichtfertigkeit man eine von
Menschen geplante und organisierte Aktion zu einem einmaligen, nicht ersetzbaren geistlichen
Ereignis der Kirchengeschichte macht, mit dem Anspruch, daß der „Herr der Heerscharen“ dazu
ruft.
„Die Vision“

In der ersten Ausgabe der Marsch für Jesus-Nachrichten wurden weitere Ziele genannt, die man
mit den Märschen anstrebt. Es fällt auf, wie hier ein Zusammenhang mit den Zukunftsprognosen
der „Propheten“ und den Zielen von „Evangelisation 2000“ deutlich wird:

„Der Marsch verfolgt keinen frommen Selbstzweck – es geht um die Neu-Evangelisierung


Europas bis zum Jahr 2000. Wäre es nicht großartig, wenn bis zur Jahrtausendwende jeder
persön¬lich von der guten Nachricht gehört hätte?

Weltweit wurde das letzte Jahrzehnt dieses Jahrtausends zu einer Phase verstärkter
Evangelisation erklärt. Über alle Kir¬chengrenzen hinweg sind sich Christen einig in diesem Ziel.
In der Folge steht dann eine Durchdringung der Gesellschaft mit christlichen Werten, eine Reform
der Gesellschaft auf der Grundlage des Evangeliums. Schließlich das Wahrnehmen des großen
Auftrags: Geht hinaus in alle Welt. Deutschland soll ein Land sein, das anderen Ländern zum
Segen wird und ihnen dient. Weltmission!“

Die „biblische“ Begründung

Interessant ist auch die biblische Begründung der Jesus Märsche. In dem Artikel „Für Jesus auf
die Straße“ führt Immanuel Malich ver¬schiedene biblische Begebenheiten als Beleg an: die
Wüstenwande¬rung des Volkes Israel, die Rückkehr der Juden aus dem balyloni¬schen Exil, der
Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag, die Wanderungen Jesu mit seinen Jüngern.
Schließlich nennt er auch noch Vorbilder aus der Kirchengeschichte:

„Seit dem 4. Jahrhundert kennt die Kirche den öffentlich sicht¬baren Zug von Christen durch
Land und Stadt unter Gebet und Gesang; seit dem 13. Jahrhundert auch mit der Darbietung der
Hostie – die Prozession in ihrer vielfältigen, geschichtlich ge¬wachsenen Ausprägung. In ihrer
eigentlichen Form ist die (katholische) Prozession „ein feierlicher Bittgang, den das gläu¬bige
Volk unter der Führung des Klerus veranstaltet, indem es sich geordnet von einem
gottesdienstlichen Ort zu einem ande¬ren begibt ...

Daß die Kirche die Prozession sehr wohl auch als Mittel im geist¬lichen Kampf eingesetzt hat,
zeigen die sog. Lustrationsprozes¬sionen, bei denen man im allgemeinen durch Räume (Häuser
oder Gebiete) zieht, die exorziert – also von Dämonen befreit – oder geheiligt – also Gottes
Herrschaft übereignet – werden sollen.“ 18

Die katholischen Prozessionen also als weiteres Vorbild für die Jesus-Märsche.

Die englischen Initiatoren der Märsche nennen noch weitere bi¬blische Vorbilder: Der Marsch um
Jericho (Jos. 6) wird als eine „prophetische Handlung“ geschildert, ebenso der Auszug
Josa¬phats, der mit seinen Sängern und Kriegsleuten den Feinden entge¬genlief (2. Chron.
20,21), wie auch die Dankchöre, die unter der Leitung Nehemias auf der Stadtmauer Jerusalems
marschierten. (Neh. 12,31) 19

„Wenn wir marschieren, handeln wir prophetisch, um den Heili¬gen Geist freizusetzen – um Gott
‚herauszulassen‘, der in unse¬rem Lobgesang wohnt. So geht er von uns aus in die dunklen und
schmutzigen Straßen hinein, um dort das Leben der Men¬schen zu verändern... So kann wieder
Heiligkeit ins Bewußtsein unserer Gesellschaft gebracht werden.“ 20

Die Durchführung

Am 23.5. 1992 war es dann soweit. Nach intensiver Vorbereitung trafen bei strahlendem
Sonnenschein etwa 60.000 Christen aus allen Teilen Deutschlands in Berlin zu dem bisher
größten Bekennt¬nismarsch auf deutschem Boden ein. Singend und tanzend, mit Luftballons
bestückt und Transparente tragend folgte die Masse einem liturgischen Konzept, das dem
ganzen Zug über Lautsprecher vorgegeben wurde. Graham Kendrick wurde auf der
Eröffnungskundgebung mit gro¬ßem Jubel begrüßt und Reinhard Bonnke sprach auf der
Abschluß-kundgebung. Walter Heidenreich rief zur Buße für die Berliner Erklärung auf und Keith
Warrington von JMEM „lud den Heiligen Geist ein“, wieder nach Deutschland zu kommen. „In der
darauf folgenden Stille wehte plötzlich ein starker Wind über den Platz...“ 21

Nach den Angaben der deutschen Veranstalter waren an diesem Tag in 130 Städten
Nordamerikas und weiteren 50 Städten Europas ins¬gesamt etwa 1,5 Millionen Menschen auf
Jesus-Märschen unterwegs, während die englischen Veranstalter insgesamt 200 Städte mit etwa
500.000 Teilnehmern errechnet haben. 22

„Der Tag, der die Welt verändert“ – Jesus-Marsch am 25.6.1994

Der Jesus-Marsch 1994 hat eine besondere Geschichte und in den Augen der Veranstalter eine
besondere Bedeutung.

„Anfangs war es fast nur ein Scherz gewesen, wenn wir von die¬sem ‚Tag, der die Welt
verändert‘ sprachen. Er war wie ein Phantasiegebilde, das wir verbreiteten, während wir dieses
Buch schrieben, bis zu dem Tag, als Peter Wagner von Church Growth Movement (eine
Gemeindewachstumsbewegung in den USA) zu uns kam und vor der Ichtys-Gemeinschaft
sprach.

Er war mit Roger und Gerald zum Essen verabredet und äußerte sich begeistert über das Marsch
für Jesus-Konzept. Mit seinem Enthusiasmus brachte er den globalen Traum der Verwirkli¬chung
näher und schlug die Organisation eines weltweiten Mar¬sches für Jesus für den 25. Juni 1994
vor.

Am selben Tag wird in Seoul in Korea auch die AD 2000 World Evangelisation Conference (Anno
Domini 2000-Konferenz für Weltevangelisation) stattfinden. Er geht davon aus, daß an diesem
Tag bis zu zwei Millionen Christen auf den Straßen Seouls für Jesus marschieren werden.
Diesem Ereignis werden vierzig Tage des Betens und Fastens vorausgehen. Für die Nacht vor
der eigentlichen Veranstaltung sind Christen zur Teilnahme an einer Gebetsnacht eingeladen, in
der sie gemeinsam Gott darum bitten sollen, seinen Segen über diese Welt auszugießen. In allen
Hauptstädten auf der ganzen Welt werden die Christen aufgefordert, am 25. Juni 1994 dann
loszumarschieren, wenn es in ihrer Zeitzone 14.00 Uhr wird. “ 23

Auf dem 1. Gemeindekongreß 1991 in Nürnberg stellte C.P. Wag¬ner diesen Jesus-Marsch vor
und kündigte an, daß im Juni 1994 in Seoul ein internationales Leitertreffen von „AD 2000“ mit
etwa 5.000 Teilnehmern stattfinden würde. Als Koordinator dieser Kon¬ferenz wollte er 5.000
Gemeinden in aller Welt bewegen, für diese Konferenz und für den geplanten Marsch eine Nacht
im Gebet zu verbringen.

Er berichtete, daß andere Gruppen 40 Tage lang fasten würden und am letzten Tag der
Konferenz, am 25.6.94, in allen Hauptstädten der Welt Jesus-Märsche durchgeführt werden
sollten, die etwa 25 Millionen Christen auf die Straße bringen würden, um die Herr¬schaft Jesu
über diese Welt zu proklamieren. „Jugend mit einer Mission“ werde dann die „vier Enden der
Erde“ mit Betern beset¬zen und von dort aus die dämonischen Mächte brechen.

C.P. Wagner wörtlich: „Dieser Tag wird die Welt verändern!“

In den meisten deutschsprachigen charismatischen Zeitschriften war man etwas vorsichtiger, dort
wurde dieser Marsch als „Ein Tag, der die Welt verändert!“ angekündigt. Dieser Satz war auch
auf der Umschlagseite des Informationsblattes „Marsch für Jesus“ 1/94 zu lesen. In dieser
Einladung wurde die weltweite Bedeutung und die öku¬menische Ausrichtung dieses Marsches
betont:

„Stichtag 25. Juni. Millionen von Christen auf allen Kontinen¬ten gehen auf die Straße. Sie
bekennen ihren Glauben an Jesus Christus. Sie beten dafür, daß in jedem Land die Botschaft
von Jesus Christus bekannt wird. Öffentlich, auf den Straßen, feiern sie die Liebe und Macht
Gottes; Tausende von Märschen weltweit.

Schon jetzt machen Christen in 100 Ländern bei dieser gewaltigen Demonstration mit. Selbst
nach vorsichtigen Schätzungen ist mit einer gesamten Teilnehmerzahl von 15 Millionen
Men¬schen zu rechnen. Das ist keine Vision oder Wunschdenken, sondern ein Vorausblick auf
das Geschehen am 25.Juni 1994.“

„Einheit der Christen. An den Märschen nehmen überall Chri¬sten aus den verschiedensten
Kirchen und Gemeinden teil. Was sie verbindet, ist die Liebe zu Gott und der Glaube an die
Erlö¬sung durch Jesus Christus. Obwohl sie zu verschiedenen Gemeinden und Kirchen gehören,
eint sie doch der Wunsch, Jesus in der Öffentlichkeit in Freude zu bekennen. Nicht selten sind
Planung und Durchführung eines Marsches Anlaß für Gruppen und Gemeinden,
zusammenzuarbeiten, die bisher eher distanziert zueinander waren. Dem Vorstand des Marsch
für Jesus in Deutschland gehören Christen aus Freikirchen, der evangelischen Landeskirche und
der Katholischen Kirche an.“

„Ein Tag für Deutschland. Über viele Jahrhunderte gingen von Christen aus Deutschland gute
Impulse in die ganze Welt hin¬aus. Dazu gehörte eine klare Orientierung an der Heiligen Schrift
und ein großer missionarischer Einsatz. Wir erwarten, daß diese Gaben neu in Deutschland
freigesetzt werden.“

„...Der 25. Juni ist ein weltweiter Tag des Gebets. Die Initiative A.D. 2000 (Leitung Dr. Peter
Wagner) schätzt, daß an die¬sem Tag insgesamt 160 Millionen gläubige Christen an Märschen
oder an einer der 16 (!) weiteren Gebetsinitiativen beteiligt sind. Es handelt sich damit um eine
einzigartige Gebetsbewegung.“

In diesem Informationsblatt werden weitere Initiativen vorgestellt, die dem „Tag, der die Welt
verändert“ voraufgehen. Ein „Gebetstag für Deutschland“ für den 9. April in der Messehalle in
Kassel wur¬de angekündigt, wie auch die Durchführung einer „Gebetsstafette“ mit dem Hinweis
auf Jos. 1,2-6. Der „Schluß-Countdown“ der Für¬bitteaktion sollte am 23. und 24. Juni in Berlin
stattfinden. Entlang der Marschroute, im Olympiastadion und an anderen Orten, sollte gezielt
gebetet werden, wozu mehrere Hundert Fürbitter aus Berlin und ganz Deutschland erwartet
wurden.

Aus den Statements zu den Zielen:

Mike Chance (Leiter des Glaubenszentrums Bad Gandersheim):

„Der Marsch ist eine Demonstration des Reiches Gottes. Wir bekennen und rufen: Sein
Königreich ist hier. Menschen auf der Straße werden das Reich Gottes durch uns sehen. Gott
wird unser Herz anrühren, damit wir uns den Armen und Bedürftigen zuwenden. Gott will in uns
eine Haltung der Barmherzigkeit gegenüber unserem Nächsten freisetzen.“

Mechthild Humpert (katholisch, Nehemia Initiative Karlsruhe):

„‚Gott ruft sein Volk zusammen, rings auf dem Erdenrund, eint uns in Christi Namen, zu einem
neuen Bund...“ Diese Verse eines katholischen Kirchenliedes drücken aus, um was es bei dem
Marsch für Jesus geht: Eine große Sammelbewegung des Volkes Gottes in unserem
Jahrhundert. So ist der Marsch für Jesus ein Zeugnis gelebter Einheit und zugleich Ausdruck der
Sehnsucht nach Heilung des zerrissenen Leibes Christi.“

Keith Warrington („Jugend mit einer Mission“):

„Es ist ein Tag der Gemeinschaft des weltweiten Volkes Gottes. Christen in Deutschland reihen
sich ein in die internationale Bewegung des Lobpreises und der Bitte für die Vollendung des
Missionsbefehls. Deutschland tritt heraus aus seinem Winkel und reiht sich ein in die weltweite
Familie Gottes. Wir fangen an zu begreifen, was Jesus in unserem Land verändert. Er will
Deutschland zum Die¬ner für die anderen Nationen machen.“

Im Programmheft zum Marsch für Jesus war außerdem von Keith Warrington zu lesen:

„An diesem Tag erhoffe und erwarte ich eine weitere Freiset¬zung der Christen in Deutschland,
damit viele im Auftrag Jesu gehen und anderen Nationen dienen. Diese Freisetzung möge die
ganze Nation erfassen...“

In einer weiteren Nummer des Informationsblattes „Marsch für Jesus“ werden die einzelnen
Programmpunkte der Abschlußveran¬staltung im Olympiastadion genannt:

Walter Heidenreich „wird den Heiligen Geist ehren und neu einla¬den.“

Berthold Becker wird den Teil der Versammlung leiten, wo man sich für „den Abfall vom Wort
Gottes in Deutschland gemeinsam demü¬tigen und das Wort Gottes neu über unserem Land
erheben“ wird.

„Loren Cunningham, Gründer des weltweiten Missionswerkes ‚Jugend mit einer Mission‘, wird
eine Botschaft der Sendung an alle Teilnehmer richten. Deutschland soll wieder ein Land
wer¬den, das wie der verlorene Sohn zum Vater zurückkehrt, um sei¬nen Herrn und Schöpfer zu
ehren und ihm mit allen Gaben, Möglichkeiten und Mitteln zu dienen.

Deutschland soll seine Gaben wiederentdecken. Wir haben ver¬schiedene Leiter zum Gebet für
die Freisetzung verschiedener Dienste im Reich Gottes angesprochen. Zum Thema
Weltmis¬sion haben wir Reinhard Bonnke eingeladen.“

Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, daß in der öffent¬lichen Werbung für diesen
Marsch der Gedanke an Geistliche Kriegsführung nicht so deutlich ausgesprochen wird, sondern
mehr der Eindruck einer ökumenischen Bekenntnisveranstaltung vermit¬telt wird.

Tatsache ist allerdings, daß dieser Marsch wie kein anderer vorher im Sinn der Geistlichen
Kriegsführung gedacht, geplant und veranstaltet wurde.

Weiter fällt auf, daß in den Informationsschriften zum Jesus Marsch oft die Rede vom
„Freisetzen“ ist. Dienste im Reich Gottes sollen „freigesetzt“ werden, Deutschland soll für seine
„endzeitliche Berufung freigesetzt“ werden, Evangelisation und Anbetung sollen „freigesetzt“
werden, eine Haltung der Barmherzigkeit gegenüber unserem Nächsten soll „freigesetzt“ werden.

Diese „Freisetzung“ ist nach Auffassung der Gebetskämpfer dann möglich, wenn vorher die
dämonischen Mächte gebunden oder unschädlich gemacht und die Herrschaft Jesu proklamiert
wurde. Zahlreiche bekannte Charismatiker glauben allerdings darüberhin¬aus, daß sie immer
dann, wenn sie eine besondere „Salbung“ des Heiligen Geistes empfangen haben,
„Geistesgaben“ oder „Wirkun¬gen des Heiligen Geistes“ freisetzen können.
Der Marsch

Bei strahlendem Sonnenschein und hohen Temperaturen trafen sich die Teilnehmer des
Marsches auf dem Breitscheidplatz vor der Kai¬ser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Die
Zahlenangaben schwanken, die Veranstalter gaben eine Zahl von ca. 75.000 Menschen an,
einige Zeitungen und Beobachter schätzten etwa 50.000 Teilnehmer.

Etwa viereinhalb Stunden dauerte der 8 Kilometer lange Marsch bis zum Olympiastadion. Damit
in dieser ungewöhnlichen Prozession gewährleistet war, daß alle zur gleichen Zeit dasselbe
sangen und die gleichen Gebete sprachen, wurde die Liturgie auf einer UKW-Frequenz
übertragen und über mitfahrende Lautsprecherwagen an die Marschierenden weitergegeben.

Im Rap-Rhythmus hörte man aus Hunderten von Lautsprechern:

Leiter: „Wer hat Macht zu retten?“

Alle: „Jesus!“

Leiter: „Wer hat den Tod besiegt?“

Alle: „Jesus!“

Leiter: „Wer ist aller Herr?“

Alle: „Jesus!“

Leiter: „Ruft seinen Namen!“

Alle: „Jesus!“

Leiter: „Den höchsten Nam‘!“

Alle: „Jesus!“

Leiter: „Ruft es immer lauter!“

Alle: „Jesus!“

Leiter: „Ich liebe diesen Namen!“

Alle: „Jesus!“

Alle: „Wir bringen diesen Namen allen Nationen. Proklamiert allen Generationen: König der
Völker, dein Reich bricht an. Dein Wille geschehe in unserem Land. König der Völker!“ 24

Mit diesen und ähnlichen Sprechchören, Marsch-Liedern und Gebeten zog man mit
Transparenten, Luftballons usw. singend und tanzend durch die Straßen, um „Gott zu feiern“.

Die Erwartungen der Veranstalter wurden nicht ganz erfüllt. Man hatte mit so vielen Besuchern
gerechnet, daß man die Abschlußver¬sammlung evtl. auch per Video auf das Maifeld übertragen
wollte. Doch ein großer Teil der Marschierenden suchte die Abschlußveranstaltung offensichtlich
nicht auf. Auch hier schwanken die Anga¬ben, die Veranstalter sprechen von 50.000
Teilnehmern im Stadion, Beobachter von ca. 30 – 40.000. Jedenfalls war das Stadion mit 76.000
Sitzplätzen nur etwa zur Hälfte gefüllt.

Beim Eintritt ins Olympiastadion mußten diejenigen, die sich nicht angemeldet und die
Teilnahmegebühr von DM 18.- bis DM 25.- (je nach Anmeldedatum) bezahlt hatten, ca. DM 20.-
zahlen, um das Programmheft zum Eintritt ins Stadion zu bekommen. Diese Tat¬sache, sowie
die große Hitze, waren sicher einige der Gründe, warum die Teilnahme an der Veranstaltung im
Olympiastadion nicht den Erwartungen der Veranstalter entsprach.

Zu Beginn wurden die Gäste von Walter Heidenreich aufgefordert, Jesus mit einem
„Klatschopfer“ zu begrüßen, worauf dann fünf Minuten lang heftig applaudiert wurde.

Nachdem dann einige Redner ihr Bedauern darüber ausgedrückt hatten, daß im Land der
Reformation der Einfluß der Bibel stark zurückgegangen sei, wurde von den Teilnehmern
folgende „Prokla¬mation der Hingabe an das Wort Gottes“ ausgesprochen:

„Ich nehme die Bibel an als das heilige und ewige Wort Gottes. Die ganze Schrift ist inspiriert
durch den Heiligen Geist; sie ist Gottes verbindliche Offenbarung. In ihr begegnet uns Christus,
das lebendige Wort Gottes. Ich bekenne ihre lebendige Kraft, ihre erlösende Wahrheit und
abso¬lute Gültigkeit. Gottes Wort ist die höchste Autorität und der bleibende Maßstab für alle
Bereiche meines Lebens. Alles soll ihm untergeordnet werden. Ich will die Bibel lesen und lieben.
Ich will sie ehren und leben. Ich will Gottes Wort nie verleugnen oder verwässern. Ich ver¬pflichte
mich, die Wahrheit der Schrift hoch zu halten und zu verkündigen, in diesem Land und in aller
Welt, bis Christus wie¬derkommt und alles erfüllt ist, was geschrieben steht. Amen.“

Dieses Bekenntnis zur Bibel, das sicher jeder bibeltreue Christ freu¬dig unterstreichen kann,
steht allerdings in einem auffallenden Gegensatz zu den unbiblischen Theorien und Praktiken wie
z.B. „Prophetie“ und „Geistliche Kriegsführung“, die in dieser Bewe¬gung üblich sind.

Hauptredner dieser Veranstaltung war Loren Cunningham, der Gründer und Leiter von JMEM,
der u.a. erklärte, daß Gott ihm „im Geist“ offenbart habe, daß künftig tausende Deutsche auf den
Mis¬sionsfeldern in aller Welt tätig sein werden.

Als Bekräftigung dafür, daß Gott so mit ihm rede, wies Cunning¬ham auf eine Vision im Jahr
1987 zurück, die er während der „Feu¬erkonferenz“ unter der Leitung von Reinhard Bonnke
ausgespro¬chen hatte. Damals habe er den Fall der Berliner Mauer voraus¬gesagt.

Tatsächlich hatte damals Loren Cunningham in Frankfurt prophe¬zeit, daß Deutschland wieder
eine vereinte Nation werden würde. Allerdings hatte er die Einheit der Christen in Deutschland als
not¬wendige Vorbedingung für die Vereinigung der Nation genannt. Wörtlich sagte er damals in
Frankfurt in deutlicher Anspielung auf die „Berliner Erklärung“:

„Gott fing an, mir ein Gebet für Deutschland zu geben, daß die Kirche in Deutschland wieder eins
wird. Und Er sagte: ‚Dann wird die Nation auch wieder eins werden...‘ Ich glaube, daß es wieder
ein Deutschland geben wird.“ 25

Leider wird bis heute diese „Prophezeiung“ von Loren Cunning¬ham nicht korrekt
wiedergegeben. In Berlin sagte Cunningham in Bezug auf Deutschland:

„Gott will, daß durch Deutschland die Völker der Erde gesegnet werden.“ 26

Hier erliegt Cunningham dem Irrtum, den wir schon bei den „Pro¬pheten“ festgestellt haben. Daß
diese „Prophezeiung“ nicht mit der Bibel gestützt werden kann, dürfte jedem Bibelleser deutlich
sein. In unserer Zeit gibt es keine politische Nation, die ein Segensträger für die Welt ist, sondern
nur eine Person: Jesus Christus und seine Gemeinde, die aus Menschen aller Nationen besteht,
aus Men¬schen, die an ihn glauben.

Nach der Ansprache von Cunningham zog eine Fahnenprozession mit 205 Fahnen der
verschiedenen Nationen durch das Stadion, angeführt mit der Fahne Deutschlands und Israels.
Die Veranstaltung ging damit zuende, daß sich anschließend kleine Gruppen um jede Fahne
scharten, um für das jeweilige Land zu beten.

Nach Angaben der Veranstalter haben sich an diesem Tag weltweit etwa zwölf Millionen Christen
in 177 Ländern an Jesus-Märschen beteiligt.

Vier Wochen nach dem Marsch wurde vom „Marsch für Jesus e.V.“ ein Rundschreiben
verschickt, in dem u.a. folgendes zu lesen war:

„Wir haben sehr viel Grund zu danken! Was für ein wunderbarer Tag war das in Berlin! Es wird
noch längere Zeit dauern, um immer mehr zu entdecken, was Gott alles Gutes tat und noch tun
wird.

Es war ein Tag, den Gott auf dem ganzen Globus zu einem besonderen Ehrentag für sich
gemacht hat. Was für eine Freude, beim Marsch zusammen mit ca. 75.000 Geschwistern aus
vielen Konfessionen und Gruppierungen Jesus Christus als Herrn der Welt und Herrn über
Deutschland zu erheben! Und das in dem Wissen, mit vielen Millionen Christen rings um den
ganzen Erd¬ball verbunden zu sein!

... Wir haben uns als Vorstand mit dem Leitungsteam und den verantwortlichen Pastoren aus
Berlin nach dem Marsch für mehrere Tage getroffen, und wir waren uns in der
Gesamt¬bewertung dieses Tages einig: Es war ein historischer Tag für die Christenheit unseres
Landes und für unsere ganze Nation – ein Tag, der unsere Welt verändert hat!

Dennoch entsprach die Abschlußveranstaltung im Olympia¬stadion nicht vollständig unseren


Erwartungen, weder was die Teilnehmerzahl, noch was den Verlauf angeht...“

Es werden dann u.a. organisatorische Mängel genannt, das zu lange und zu schwere Programm
im Stadion und schließlich der Minus¬betrag von DM 1,4 Millionen bei einem Gesamtbudget von
DM 2,4 Millionen.

Außerdem wird bekannt, daß man nicht aufmerksam genug auf den Rat von begleitenden
Freunden gehört habe und zu wenig Zeit und Kraft investierte, um das Maß an Einheit zu
erreichen, das für eine solche Veranstaltung nötig gewesen wäre.

Der Rundbrief endet dann mit folgenden Worten:

„Wir haben für all diese Dinge ehrlichen Herzens vor Gott und voreinander Buße getan, um
Vergebung gebeten und einander Vergebung zugesprochen.

Um diese Vergebung bitten wir auch Euch von ganzem Herzen! Wir vertrauen und hoffen auf
Eure Hilfe zur Begleichung der noch anstehenden Defizite. Der Herr bewege Eure Herzen, Sein
Werk in Berlin und für dieses Land auch nachträglich mitzutragen! Gott segne Euch alle!“

So anerkennenswert dieses Bekenntnis ist, bleiben doch manche Fragen offen, was die
angekündigten Veränderungen, Freisetzun¬gen usw. betrifft. Schade, daß man scheinbar nur
formale Fehler und Mängel eingesteht, anstatt die Veranstaltung an sich in Frage zu stellen.

Im Stadion wollte man ursprünglich nur für ein Katastrophengebiet sammeln, es wurde aber auch
für die eigene Veranstaltung gesam¬melt und trotzdem blieb ein Minus von DM 1,4 Millionen.

Kann es sein, daß ein solcher Tag, „der die Welt verändern“, der „eine Welle der Weltmission“
auslösen und der die „Weichenstel¬lung für die Berufung Deutschlands“ freisetzen soll – wenn er
wirk¬lich dem Willen Gottes entspricht, trotzdem mit einem solchen Defizit endet?
Vor 13 Jahren hatten ebenfalls im Berliner Olympiastadion die „Berliner Bekenntnistage“
aufgrund einer Vision Volkhard Spitzers stattgefunden. Auch damals wurden 100.000 Teilnehmer
prophezeit und eine Ausgießung des Heiligen Geistes angekündigt. Etwa 25.000 Teilnehmer
befanden sich schließlich im Stadion und nach der Veranstaltung mußte V. Spitzer einen
ähnlichen Brief schreiben, in dem er „menschliche Planungsfehler“, „Übereifer“ und „voreili¬ges
Reden über von Gott Anvertrautes“ bekannte.

Auch sein Brief endete nicht mit einer kritischen Selbstprüfung, sondern mit der Bitte um
finanzielle Zuwendungen, um die Schul¬den bezahlen zu können.

Sollte die große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der Charismatischen
Bewegung nicht Grund genug sein, sich einmal grundsätzlich in Frage zu stellen?

Reaktionen

Wie zu erwarten, waren die Reaktionen sehr unterschiedlich. In der Woche vor der Veranstaltung
gab es Schlagzeilen in den Zeitungen. So schrieb z.B. die Morgenpost: „Massenexorzismus auf
Berlins Straßen?“, womit auf den Aspekt der Geistlichen Kriegsführung des Jesus-Marsches
hingewiesen wurde.

Die offiziellen Kirchen reagierten zunächst sehr zurückhaltend mit der Bemerkung, daß sie
offiziell nicht an der Vorbereitung des Mar¬sches beteiligt waren.

Die Evangelische Allianz dagegen äußerte sich erstaunlich kritisch. So erklärte der Vorsitzende
Pastor Fr. Eckert gegenüber „idea“:

„Wir haben Bedenken gegen religiöse Märsche, bei denen Gläu¬bige ganze Länder von
dämonischen Mächten freibeten wollen. Damit ist nicht gesagt, daß sich unter den Teilnehmern
des Mar¬sches für Jesus nicht auch viele Christen mit ehrenwerten Moti¬ven befinden.“ 27

Auch die baptistische Referentin beim Ökumenischen Rat in Ber¬lin, Frau Dr. Andrea Strübind,
hatte in einer Stellungsnahme u.a. festgestellt:

„... Nach außen hin scheint der Marsch für Jesus als Demonstra¬tion für Jesus und ein Tag des
Gebets, damit ‚in jedem Land die Botschaft von Jesus Christus bekannt wird‘... Der Marsch wird
vorwiegend als ökumenische Aktion vorgestellt, an der Mitglie¬der vieler Kirchen, Konfessionen
und Denominationen beteiligt sind. Wird dagegen von den Verantwortlichen in den Teilneh¬mern
nicht eher das Aufgebot der bisherigen charismatischen Bewegung gesehen, wobei alle
Beteiligten unter diesem Vorzei¬chen vereinnahmt werden? Diese Interpretation scheint denkbar
durch die Formulierung, daß der Marsch ‚Ausdruck einer wach¬senden Bewegung des
Lobpreises, der Fürbitte und der Mission in unserem Land‘ sei.

Der Marsch für Jesus könnte nach Ausweis der Materialien als Teil der sog. ‚territorialen
Kampfführung‘ verstanden werden. Dieser exorzistische Grundansatz der Demonstration wird
jedoch nicht öffentlich bekanntgegeben...“ 28

Möglicherweise hat auch W. Kopfermanns kritische Haltung der Geistlichen Kriegsführung


gegenüber dazu beigetragen, daß viele Evangelikale und Charismatiker den Jesus-Märschen mit
wachsen¬der Skepsis gegenüberstehen.

In der Zeitschrift „dran“ (Bundes Verlag), die zu dem „großen und moderaten Strom“ der
Charismatischen Bewegung eine freundliche Nähe hat, bezog W. Kopfermann in einem Interview
mit Ulrich Eggers Stellung zum Jesus-Marsch:
„U.E.: Ihre Bedenken gegen die geistliche Kampfführung mü߬ten Sie ja eigentlich auch zu
einem gemischten Gefühl in Rich¬tung auf den Marsch für Jesus veranlassen...

W.K.: Ja, das ist auch so. Es gibt da zwei unterschiedliche Bewertungen in mir. Einmal ein
Unbehagen gegenüber dem Argumentationsstrang, daß mit dem Marsch angeblich Dinge über
Deutschland freigesetzt werden und daß durch die Prokla¬mation des Volkes Gottes in der
unsichtbaren Welt etwas geschieht. Das ist für mich abwegig. Andererseits sehe ich die
Sehnsucht des Volkes Gottes nach Einheit, die Öffentlichkeitswirkung großer Veranstaltungen
und die Tatsache, daß die meisten diese explizite Kampfführungs¬-Theorie, die hinter dem
Marsch steht, zum Glück gar nicht ken¬nen. Also sage ich unseren Leuten, daß wir uns nicht
aus¬schließen wollen und hinfahren. Wenn Gott von Menschen ehrlich gesucht wird, dann wird
er sicher auch dann Segen geben, wenn ein Teil der Theologie fragwürdig ist.

U.E.: Wird diese „Schlacht“ der geistlichen Kampfführung in Berlin die erhoffte Erweckung
„freisetzen“?

W.K.: Diese Erwartung teile ich nicht. So einfach ist Erweckung nicht zu haben.“ 29

Auch die inzwischen veröffentlichte kritische Stellungsnahme der Lausanner Bewegung zur
Geistlichen Kriegsführung (siehe Anhang) wird dazu beigetragen haben, daß man im deutschen
evan¬gelikalen Lager sehr zurückhaltend den Berliner Jesus-Marsch kommentiert.

Inwieweit dieser Tag die Welt verändert hat, kann jeder selbst nachprüfen. Schade nur, daß die
Veranstalter selbst offensichtlich diese kritische Selbstprüfung nicht vornehmen, sondern von
einer Aktion zur anderen eilen.

Drei Wochen später fand vom 14. – 17.7.94 der Euro-Teenager-Congress in Recklinghausen
statt. Die Leitung hatte Walter Heidenreich unter Mitwirkung von Paul Cain, Kevin Prosch, Peter
Vlug usw. Auch hier wird deutlich, wie eng die Prophetenbewegung mit der Geistlichen
Kriegsführung und der Jesus Marsch-Bewegung ver¬bunden ist.

Der Stellenwert der Musik

Es würde den Rahmen dieses Buches und auch meine Kompetenz übersteigen, dieses Thema
hier ausführlich zu behandeln. Daher beschränke ich mich darauf, einige Beobachtungen
weiterzugeben und auf einige Tendenzen aufmerksam zu machen.

Sowohl die „Prophetenbewegung“, wie auch die „Geistliche Kriegsführung“ und damit in
Verbindung die Jesus-Marsch-Bewe¬gung ist ohne Musik kaum denkbar. Inzwischen gibt es
auch unter den Evangelikalen einen Boom an sog. „Anbetungsmusik“, weil
„Anbetungsgottesdienste“ nun auch in den nicht typisch charismatisch geprägten Kirchen und
Freikir¬chen modern geworden sind. Tatsache ist allerdings, daß fast alle modernen
„Anbetungslieder“ charismatischen Ursprungs sind. Die Wichtigkeit von „Lobpreismusik“ in dieser
Bewegung hatte Roger Forster bereits 1987 beschrieben:

„Wir befinden uns nicht auf einem Spaziergang, sondern wir gehen ernstzunehmende Anliegen
an, indem wir versuchen, eine wirkliche Veränderung in der unsichtbaren Welt zu schaffen. Dies
werden wir mit Lobpreismusik und festlichen Märschen erreichen, gemeinsam mit unserem
Christus, der uns stets im Siegeszug mitführt.“ (2. Kor. 2,14) 30

Lobpreismusik wird also als ein Mittel angesehen, „Veränderungen in der unsichtbaren Welt“ zu
bewirken.

Andererseits wird Musik auch bewußt eingesetzt, um zu stimulieren:


„...Um dem Aspekt der Festlichkeit Ausdruck zu verleihen, haben unsere Märsche fast eine Art
Karnevalsatmosphäre. Eini¬ge von uns verkleiden sich als Clowns, andere tragen grelle Farben;
auch haben wir Luftballons und farbenfrohe Banner mit dabei, und natürlich darf fröhliche,
beschwingte Musik nicht fehlen – all das, um Gottes verschwenderische Liebe für diese Welt zu
feiern.“ 31

Wie sehr Musik zur Stimulation eingesetzt werden kann, konnte man auf dem Gemeindekongreß
’93 in Nürnberg beobachten. Die Musikgruppe um Graham Kendrick und Thomas van Dooren
war in der Lage, eine ausgelassene Karnevalsatmosphäre zu erzeugen, die dazu führte, daß die
etwa 4.000 Teilnehmer durch die Festhalle tanzten. Wenige Minuten später zerfloß die Menge in
„Anbetung“, weil entsprechend sanfte und gefühlvolle Musik gespielt wurde.

Bereits auf dem 1. Gemeindekongreß ’91 hatte man öffentlich fest¬gestellt, daß die
Charismatische Bewegung besonders durch ihre Lieder und Musik Eingang in bisher
nichtcharismatische Kreise gefunden hat. Auf diesem Gebiet hat besonders JMEM intensiv
gearbeitet und Tatsache ist, daß es heute wohl kaum ein Liederbuch gibt, welches nicht Lieder
aus der Charismatischen Bewegung und speziell von JMEM enthält. So ist es auch nicht
verwunderlich, wenn langsam aber sicher cha¬rismatische Auffassungen durch dieses Liedgut in
die Gemeinden eindringt und die Theologie dieser Gemeinden beeinflußt. Martin Wollin schreibt
sehr richtig:

„ ...Luthers Feinde wüteten darum mehr über die neuen Lieder als über seine Verkündigung, wohl
wissend, daß gesungene Dogma¬tik in der Bevölkerung weit haltbarer Fuß fassen konnte als
jede Predigt. Wir haben es also in unserem Gesangbuch im allgemeinen mit gesungener Lehre
zu tun. Die Auswahl der Lieder war Sache rein theologisch motivierter Fachleute, entscheidendes
Kriteri¬um die Vermittlung von theologisch sauberen Aussagen über Gott, Gottes Reich und die
Kirche.“ 32

Wenn man geistliche Lieder tatsächlich mit „gesungener Dogma¬tik“ bezeichnen kann, dann hat
die Theologie der Charismatischen Bewegung allerdings Eingang in alle christlichen Kreise
gefunden. Dann kann man sich nur über die Naivität der verantwortlichen Männer wundern, wenn
sie neue Lieder aus der Charismatischen Bewegung für harmlos halten.

Sehr aufschlußreich ist folgender Auszug aus einem Interview mit Kevin Prosch und Martin
Bühlmann, das von Peter Aschoff geführt und in der Zeitschrift „Gemeinde Erneuerung“ der GGE
veröffent¬licht wurde. Hier wird deutlich, welchen Stellenwert Musik in der Charismatischen
Bewegung einnimmt.

Kevin Prosch aus Anaheim/USA ist der Vineyard-Anbetungsleiter und dafür bekannt, „in der
Anbetung neue Akzente“ gesetzt zu haben. 33

Martin Bühlmann ist Leiter der „Basileia“ Bern, einer charisma¬tischen Laienbewegung unter dem
Dach der Evangelischen Kirche, der u.a. auch Konferenzen mit John Wimber in Bern
durch¬geführt hat.

„GE: Kevin, ich höre bei Dir viel Instrumentalmusik. Hast Du damit besondere Erfahrungen
gemacht?

Kevin Prosch: Ich habe gemerkt, daß bestimmte Wirkungen des Heiligen Geistes nur eintreten,
wenn ich mit dem Schlagzeuger zusammen spiele, also nicht singe. Oft wirkt das wie eine
Pro¬phetie, die die Herzen der Menschen berührt. In Australien haben wir viele Heilungen und
Wunder erlebt. Dort fing eine Frau, die vor 21 Jahren eine Verletzung an der Wirbelsäule erlit¬ten
hatte, wieder an zu gehen. In England erleben wir immer wieder, daß in dem Moment, wo wir
anfangen zu spielen, Men¬schen aufschreien, weil sie von Dämonen befreit werden.
GE: Es scheint manchmal, daß es beim Thema Anbetung einen Generationskonflikt gibt. Geht es
da nur um verschiedene For¬men oder auch um Inhalte?

Martin Bühlmann: Inhaltlich geht es darum, daß das, was kommt, viel größer ist als das, was wir
vor zehn Jahren erlebt hatten – nämlich die erlebbare Gegenwart Gottes in einem Maß, wie wir
das in den letzten fünfzig Jahren nicht gesehen haben. Aber beim Stil und der Lautstärke beginnt
der Generationskon¬flikt. Die Nachkriegsgeneration ist in ganz anderer Weise offen für die
Musik. Und so sehr er auch verteufelt wurde: Der Rock’n’Roll hat der Welt eine Sprache
gegeben, die alle verste¬hen. Gott wird diese Sprache nehmen, um den Völkern das Heil zu
vermitteln.“

Über die Herkunft und negative Wirkung von Rockmusik ist schon viel geschrieben und gesagt
worden (vgl. U. Bäumer: Rockmusik – Revolution des 20. Jahrhunderts, CLV). Eine solche
Aussage aber, das nicht das Wort Gottes, oder die Verkündigung des Wortes Got¬tes, sondern
Musik – und ausgerechnet Rockmusik – das Mittel sei, durch welches Gott sein Heil den
Menschen vermittelt, zeigt, wie weit man sich von den geistlichen Prinzipien des Neuen
Testamen¬tes entfernt hat.

Wenn diese Auffassungen Schule machen, wird man sich in den neueren charismatischen
Bewegungen wahrscheinlich daran ge¬wöhnen müssen, daß nur noch Veranstaltungen mit
Rockmusik besondere „Wirkungen des Heiligen Geistes“ hervorbringen.

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The Secret
Dave Hunt

Die Verführung durch Das Geheimnis (The Secret)

Die neueste okkulte Masche, um die Vorstellungskraft des Westens für sich einzunehmen, nennt
sich „The Secret - Das Geheimnis". Das Buch mit diesem Titel, ein Spitzenbestseller der New
York Times, hat rasch Verkaufszahlen von mehr als 6 Millionen erreicht, und die DVD wurde
mehr als zwei Millionen Mal verkauft. Beide enthalten zahlreiche Irrtümer, falsche Angaben,
falsche Voraussetzungen und falsche Versprechen. Ja und? Es sollte ihnen nicht egal sein. Mit
dem, was ich jetzt vorstelle, könnten sie jemanden vor der Hölle retten.

Die zahlreichen falschen Angaben beginnen mit dem Titel selbst. The Secret ist überhaupt kein
Geheimnis, sondern recycelter Hinduismus, Schamanismus und Torheit des New Age. Eine von
vielen ungeheuren Lügen ist seine Behauptung; „Sie erschaffen in ihrem Geist ihre eigene
Wirklichkeit." Das war das falsche Versprechen der Schlange an Eva - das Versprechen der
Gottheit (1 Mo 3,5). Weil Eva auf diese Täuschung hereinfiel, ging für sie und ihre Nachfahren
das Paradies verloren - und der Himmel wäre der Menschheit versperrt gewesen, wäre Christus
nicht für die Sünden der Welt gestorben. In den 6.000 Jahren seit Eden, haben sich die
Versprechen der Schlange auch nicht im Leben einer einzigen Person erfüllt.

Fehlinformationen und falsche Behauptungen folgen einander in einer schwindlig machenden


Abfolge von Absurditäten. Die Behauptung, dass The Secret wissenschaftlich als wahr erwiesen
ist, wird überall im Buch und der DVD aufgestellt. Zum Beispiel, „Es wurde wissenschaftlich
bewiesen, dass ein positiver Gedanke Hunderte Male kraftvoller ist als ein negativer Gedanke."[1]
Wann? Wo? Wie?

Keine wissenschaftlichen Untersuchungen maßen je positive und negative Gedanken, auch sind
solche Tests unmöglich, weil Gedanken nichtphysisch sind und ihre „Kraft" nicht gemessen
werden kann. Gedanken existieren außerhalb des Bereiches der Physik. Auch gibt es so etwas
wie „geistige Wissenschaft" oder „Wissenschaft des Geistes" nicht [das ist nicht zu verwechseln
mit der deutschen Bezeichnung „Geisteswissenschaften", welche im Englischen „The Arts" oder
„The Humanities" heißen, d. Übersetzer]. Diese Tatsache ist nur einer von vielen Gründen,
warum Psychologie niemals eine Naturwissenschaft sein kann, obgleich sie seit Jahrzehnten
diesen Anspruch erhebt.
Der Köder am Haken von The Secret wird wiederholt vorgestellt: „The Secret gibt ihnen alles,
was sie sich wünschen: Glück, Gesundheit und Wohlstand.... Sie können alles, was sie wollen,
haben, machen oder sein.... Wir können haben, was immer wir uns aussuchen."[2]
Gesunder Menschenverstand antwortet: „Danke, aber nein danke." Doch Millionen, die in das
Geheimnis eingeführt werden, sind erregt und begierig, es selbst umzusetzen.

Die zugrunde liegenden Lügen sind im Grunde die, dass es keinen persönlichen Gott gibt, der
das Universum erschuf und der Gesetze aufstellte, denen der Mensch gehorchen muss. Dass
Universum hat schon immer bestanden, doch wir schaffen es mit unserem Geist durch
Anwendung vieler okkulter Gesetze, welche zur Erfüllung unserer selbstsüchtigen Bedürfnisse
existieren. Eines der verführerischsten ist das „Gesetz der Anziehungskraft": welcher Gedanke
sie auch immer erfüllt (Gesundheit, Wohlstand, Desaster, Gewinn, Verlust, Schmerz, Freude,
usw.), das werden sie als Wirklichkeit in ihrem Leben anziehen. Wir sind alle Götter, die unsere
individuellen Schicksale durch unsere Gedanken erschaffen.

Selbst für jeden, der zu denken aufhört, müsste die Amoralität von The Secret offensichtlich sein.
Demnach war Hitler nicht mehr für den Holocaust verantwortlich als seine Opfer, die das in ihrem
Denken kollektiv erschaffen haben. So geschah es auch mit der Titanic, jedem Flugzeugabsturz,
und den Opfern jeder Vergewaltigung und jeden Mordes.

Das Buch und die DVD beruhen auf nichts anderem als den Aussagen einer Reihe angeblicher
Experten auf dem Gebiet der Erfolgsmotivation und dem positiven Denken. Wer sind sie? Ein
„bündnisfreier, transreligiöser Fortschrittlicher... spirituelle Leuchten... Lehrer spiritueller
Metaphysik... Feng Shui Meister... erfolgreiche Geschäftsführer... Begründer der Bewegung des
New Thought - Neuen Denkens... ein moderner, spiritueller Botschafter, und andere." Sie
befinden sich gewiß nicht in derselben Klasse wie Jesus, der Seine Gottheit mit Seinem
sündlosen Leben und Wundern erwies, der für unsere Sünden starb und von den Toten
auferstand. Die „Experten", welche in The Secret erwähnt und zitiert werden, sind keine Gruppe,
deren Händen irgendjemand sein Leben anvertrauen würde, und noch weniger sein ewiges
Schicksal.

Im Buch und der DVD wird, wie bei einem gebrochenen Rekord, die gleiche ansprechende, aber
durchsichtige Lüge immerzu wiederholt: „Es gibt keine einzige Sache, die sie nicht mit diesem
Wissen zustande bringen können... The Secret kann ihnen geben, was immer sie wollen... wenn
sie es in ihrem Geist sehen, werden sie es in ihren Händen halten... sie erschaffen ihr Leben mit
ihren Gedanken... ihre Gedanken sind wie Samen, und die Ernte die sie einfahren, wird von den
Samen abhängen, die sie pflanzen... ihr Leben liegt in ihren Händen... was sie über sich denken,
wird es hervorbringen.... Sie werden alles anziehen, was sie fordern. Wenn es Geld ist, was sie
brauchen, werden sie es anziehen... wie Aladins dienstbarer Geist, das Gesetz der
Anziehungskraft erfüllt jeden ihrer Befehle... in dem Moment, wo sie beginnen ‚richtig zu
denken'... wird diese Macht in ihnen, die größer ist als die Welt, ihr Leben übernehmen... sie
ernähren... kleiden... führen... beschützen... leiten... und ihre Existenz aufrecht erhalten. Wenn
sie es zulassen. Nun, das ist etwas, was ich gewiß weiß...."

Folgendes weiß nun ich gewiß: während die geschichtlichen Individuen, die im Buch und der
DVD benannt und zitiert werden, einige zeitliche materielle Besitztümer und Erfolg erlangten,
versagten sie alle bei dem, was weit wichtiger ist: Gesundheit. Ja, die meisten, aber nicht alle,
erhielten ein zufrieden stellendes Niveau guter Gesundheit in ihren kurzen Leben aufrecht, aber
die Gesundheit eines jeden von ihnen versagte schließlich. Ein Zeichen des Versagens, was sie
alle teilten, war: sie alle starben. Zu guter Letzt konnte The Secret sie nicht lebendig halten,
obgleich sie jede Technik versuchten, die es anbot. Und die Befürworter von The Secret, die
heute noch leben, werden unausweichlich das gleiche Schicksal erleiden.

Nach dem, was diese angeblichen Meister von The Secret mir großem Zutrauen verkünden,
sollten sie nicht sterben. Wenn The Secret wahr währe und sie es richtig anwenden würden -
„The Secret kann ihnen geben, was immer sie wollen" - sie sollten alle noch am Leben sein. In
der Tat gab es keinen Meister von The Secret, der auch nur die normale Lebenserwartung
überschritt - aber das hätte gewiß passieren müssen, wenn The Secret wahr wäre. Es ist
offensichtlich, dass The Secret eine Täuschung ist. Es bietet eine falsche Hoffnung an, die
weiterhin die Menschheit täuscht - und eine gewissenlose, amoralische Hoffnung obendrein.

Laßt uns einen schnellen Blick auf einige dieser „Meister von The Secret" werfen. Ralph Waldo
Emerson ist einer, der in höchsten Tönen gelobt wird. Er erklärte, „The Secret ist die Antwort auf
alles, was gewesen war, alles was ist, und alles was sein wird." Aber Emerson lebte in seinen
letzten zehn Lebensjahren in einem Zustand von schlechter werdender Gesundheit und
finanziellen Nöten. Er starb im Alter von 79 Jahren. Gewiß wollte er ein längeres, gesunderes und
glücklicheres Leben haben. Warum hegte er nicht solche Gedanken, und hätte das, was er
wollte, durch das Gesetz der Anziehungskraft realisiert? Das geht deshalb nicht, weil dies für
niemanden jemals möglich war oder möglich sein wird. „The Secret" ist eine Lüge Satans, „dem
Vater der Lüge" (Joh 8,44). Es hält jene, die daran glauben, vom Glauben an den wahren Gott ab
und an die Erlösung, die Er Sündern verschaffte, durch das Opfer Christi für die Sünden der
ganzen Menschheit am Kreuz.
Was ist mit Prentice Mulford, ein weiterer der angeblichen Meister von The Secret und ein
Begründer der New Thaught Bewegung, welche auf derselben Verblendung beruht? Er sagte,
dass es einen materiellen Geist und einen spirituellen Geist gibt; ein niedrigeres Selbst und ein
höheres Selbst, und das Letztere erhält Gedanken von der „Höchsten Macht".

Aber diese „Macht" ließ ihn im Stich. Sie gab ihm den Gedanken ein, dass er ein Mitglied des
kalifornischen Parlamentes werden wollte. Mulford wurde nominiert, verlor aber die Wahl. Warum
bewirkten seine Gedanken nicht, was er begehrte? The Secret, und New Thaught, sein
Spiegelbild, funktionierten bei ihm nicht, einem der „Experten", der in dem Buch und der DVD als
ein Vorbild hingestellt wurde. Schließlich ließ ihn The Secret gänzlich im Stich: er starb im Alter
von 57 Jahren - gewiß ein kürzeres Leben, als er sich gewünscht hatte.
Oder was ist mit Wallace Wattles, für die meiste Zeit seines kurzen Lebens ein sorgfältiger
Student von The Secret und ein weiterer Mitbegründer von New Thought? Sein berühmtestes
Buch war The Science of Getting Rich - Die Kunst reich zu werden, doch er lebte die meiste Zeit
seines Lebens in Armut. Diese krönende Errungenschaft seines Lebens wurde 1910
veröffentlicht. Er starb 1911 im Alter von 51 Jahren. Wollte er denn nicht länger leben, um den
Erfolg jenes Buches zu sehen und mehr über die unglaublichen Vorteile von „The Secret" zu
schreiben, doch es ließ ihn im Stich? Und er konnte seinem Leben keine Minute hinzufügen. The
Secret funktionierte nicht bei Wattles, einem seiner Hauptbefürworter.

Das Buch und die DVD enthalten auch sachliche Irrtümer. Es wird festgestellt, dass die
Babylonier durch Anwendung von The Secret „eine der wohlhabendsten Rassen in der
Geschichte wurden". Nein, durch ihre militärische Macht wurden sie es, auf Kosten von Leben,
Folterung und Sklaverei einer Vielzahl von Opfern. Babylon war eines der grausamsten Imperien
in der Geschichte. Und das ist eine Empfehlung für The Secret? Zum Glück gibt es Babylon nicht
mehr. Warum fiel es? Ließ The Secret die Babylonier im Stich oder haben sie unterlassen, es
anzuwenden? Die Beweislage ist überwältigend: The Secret ist eine Lüge.

Die Täuschung, dass die Realität durch den Geist geschaffen wird, hat der Menschheit seit
Tausenden von Jahren falsche Hoffnung suggeriert. Es ist die Standardlehre von Christian
Science, der Church of Religious Science, der Unity School of Christianity, New Thought und
andere Mind Science Sekten. Nie zuvor jedoch wurde diese so attraktiv und clever verpackt wie
in The Secret, um sie der allgemeinen Öffentlichkeit zu verkaufen. Die Enttäuschung einer
Vielzahl wird folgen.

Die Werbung von Larry King und Oprah Winfrey hat wesentlichen Anteil an der raschen
Verbreitung dieser neuen Darstellung des altberühmten und wohlbekannten angeblichen Secret.
Millionen ihrer Fans kauften das Buch und die DVD. Am 5. April 2007 diskutierte Oprah Winfrey
The Secret mit vorgeblich nichtphysischen Wesen, welche durch die Secret Befürworterin Esther
Hicks „gechannelt - kontaktiert" wurden. Wie wir schon oft gezeigt haben, wird heute die so
genannte „Geisterkommunikation" mit den Toten, die üblicherweise in Seancen geschah (in der
Bibel als dämonisch strengstens verboten - 5 Mo 18,11, 3 Mo 20,6), als „Channeling" bezeichnet,
und schon lange offen in Radio und Fernsehen beworben.

Jeder, der auch nur etwas gesunden Menschenverstand hat, würde viele moralische und
praktische Probleme erkennen. Was The Secret befördert, ist vollständig amoralisch und
selbstzentriert: „Das Gesetz [der „Anziehungskraft"] gibt Antwort auf ihre Gedanken, egal was sie
sein mögen.... Leute, die den Wohlstand in ihr Leben gezogen haben... denken Gedanken des
Überflusses und Wohlstands... nichts anderes existiert in ihrem Geist." „Sie müssen dem Geld
gegenüber ein positives Gefühl haben, um mehr davon anzuziehen.... Beginne zu sagen und zu
fühlen... ich bin ein Geldmagnet. Ich liebe Geld." (Die Bibel sagt, nicht das Geld selbst, sondern
„die Geldgier ist eine Wurzel alles Bösen" (1Tim 6,10 [1]).

Was ist mit selbstloser Liebe, Güte, Barmherzigkeit, Freundlichkeit, Nächstenliebe, Erbarmen,
Großzügigkeit, mit anderen teilen? Solche Gedanken würden bei der zielstrebigen Absicht, den
Wohlstand anzuziehen, stören. The Secret, geglaubt und angewandt, führt nur zu größerer
Selbstsucht und bringt diejenigen, die es anwenden, in Konflikt mit anderen.

Laßt uns annehmen, dass „Herr Jones" glaubt, dass The Secret ihm alles gibt, was er begehrt.
Da Herr Jones Präsident der X Firma werden will, wo er arbeitet, und da er das „Gesetz der
Anziehungskraft" anwendet, um zu bekommen, was er will, hegt er in seinem Denken den
Gedanken, „Ich bin der Präsident der X Firma". Wird Herr Jones Gedanke den gegenwärtigen
Präsidenten aus seiner Position vertreiben und ihn selbst an dessen Stelle bringen?
Angenommen es gibt zufällig zwanzig andere ehrgeizige und habgierige Leute, vom
Fabrikarbeiter über Gärtner, Sekretärinnen und Buchhalter bis zum Vizepräsident, die auch
Präsident der X Firma werden wollen; und jeder einzelne verläßt sich deshalb auf das „Gesetz
der Anziehungskraft" von The Secret, um seinen heißen Wunsch zu erfüllen. Damit sich ihr
selbstsüchtiges Begehren erfüllt, visualisiert sich jeder von ihnen in den Stuhl des Präsidenten
hinter dem großen Schreibtisch in seinem vornehmen Büro. Wird The Secret jeden von ihnen
zum Präsidenten machen? Wer wird die Schlacht der Gedanken in dem selbstsüchtigen
Wettbewerb gewinnen, das dieses uralte, amoralische, angebliche Geheimnis ausgebrütet hat?

Eine der angeblich erfolgreichen Anwenderinnen der okkulten Prinzipien wird in dem Buch zitiert,
Lisa Nichols, wird beschrieben als eine „kraftvolle Befürworterin der persönlichen
Bevollmächtigung" - mehr Egoismus. Sie sagt, „Gott sei Dank, dass es einen gewissen
Zeitverzug gibt, dass nicht alle ihre Gedanken sofort wahr werden."[3]
Welchen „Gott" meint sie? Wo paßt Gott in ein Universum, das Er weder erschuf noch kontrolliert,
und das beständig von menschlichen Gedanken neu erschaffen wird - ein Universum, das immer
bereit zur Verfügung steht, der Menschheit jedwedes selbstsüchtiges Begehren zu erfüllen, das
an es gerichtet ist?

Befürworter von The Secret und New Thought glauben nicht an den persönlichen, lebendigen
Gott der Bibel, der nach des Menschen Liebe fragt und Unterwerfung unter Seinen Willen. Ihr
Gott ist unpersönlich, eine Art von Krieg der Sterne Kraft oder universeller Macht, die keinen
eigenen Geist hat, sondern einzig dafür da ist, uns zu geben, was immer wir wollen. Joe Vitale ist
ein weiterer der erfahrenen Experten von The Secret, der in dem Buch und der DVD zitiert wird.
In Larry King Live fragte ein Anrufer, ich bin neugierig, wo Gott in „The Secret" hereinkommt?

Vitale antwortete, „Gott sind wir alle, Gott entspricht dem Sekret und alles in dem
Zusammenhang. Das ist ein Gesetz Gottes."[4] Das ist natürlich Unsinn, die alte Religion des
Pantheismus: Du bist Gott, ich bin Gott, der Baum ist Gott, alles ist Gott. Dann ist „Gott" sowohl
Böses wie Gutes, Tod wie auch Leben, hat keine Moral, usw. Wenn alles „Gott" ist, dann
bedeutet „Gott" nichts. Pantheismus ist eigentlich Atheismus.

Eine andere althergebrachte okkulte Technik, welche Schamanen seit Tausenden von Jahren
anwenden, ist die Visualisierung: der Glaube, dass ein geistiges Bild, das man fest in seinem
Denken festhält, sich schließlich im physikalischen Universum manifestieren wird. Natürlich ist
auch das eine Täuschung. Niemand war je in der Lage, diese Fähigkeit nachzuweisen. Wenn wir
alle die Kraft hätten, welche The Secret verspricht, hätten wir eine Schrecken einjagende
Existenz mit Milliarden von Darth Vadern und Obe Wan Kenobies, welche einander durch ihre
geistige Vorstellungskraft fertig machen!

Viele Christen lehren, wie wir gesehen haben, im Grunde denselben Okkultismus, der von den
„Schutzgeistern“ C.G. Jungs gelehrt wird (1 Sam 28,9 [2]; Jes 8,19).
Yongghi Cho hat dasselbe seit Jahren gelehrt und praktiziert, wie es auch zahlreiche christliche
Psychologen und charismatische Führer getan haben. Visualisierung, um seine eigene Realität
zu schaffen, war Herz und Seele von allem, was Norman Vincent Peale lehrte und praktizierte:
„Die Idee, dass man es sich bildlich vorstellt... war stillschweigend inbegriffen in all den Vorträgen
und Büchern, die ich gemacht habe...."[5]
Robert Schuller hat seit langem den selben Okkultismus gelehrt: „Ich habe die Kraft des inneren
Auges praktiziert und nutzbar gemacht, und sie funktioniert.... Vor dreißig Jahren begannen wir
mit einer Vision einer Kirche. Es ist alles wahr geworden."[6]

Cho, Pastor der größten Gemeinde der Welt, behauptet, dass der Heilige Geist ihm gesagt hätte,
dass er ein klares Bild dessen visualisieren müsse, wofür er betete, oder das Gebet könne nicht
beantwortet werden. Aber alles, was Cho in seinem Geist halten konnte, war der grobe Umriß
dessen, was er wollte; er konnte nicht die atomare Struktur dieser Objekte „sehen" oder sogar
„sich vorstellen", welche die ihr zugrunde liegende Realität waren.

Jeder, der willens ist zu glauben, dass die Menschheit das Universum mit ihren kollektiven
Gedanken erschafft (oder dass jedes Individuum durch Visualisierung alles ins Dasein bringen
könnte, was Teil der täglichen Erfahrung ist) hat sich willentlich Satan ausgeliefert und ist für jede
andere Lüge empfänglich, die er vorbringt. Offensichtlich war das Universum vor dem Menschen
da. Zu glauben, dass die unermeßliche Ausdehnung des Kosmos mit seinen Trillionen von
Sternen und Monden, die kein Mensch je gesehen hat, einschließlich vieler subatomarer
Teilchen, die sich niemand je vorgestellt hätte, alles von den kollektiven Gedanken der
Menschheit erschaffen und zusammengehalten wird, bedeutet, intellektuellen, moralischen und
geistlichen Selbstmord zu begehen.

Die, welche solche Lügen, wie The Secret sie vorstellt, glauben, haben sich willentlich vom
wahren Gott abgewandt, der Sich in jedem Gewissen und in dem Universum, das Er schuf,
offenbart, und sich selbst dämonischer Täuschung geöffnet, die sie schließlich in die ewige
Trennung von dem Gott führen wird, der sie liebt, und von dem Christus, der starb um sie zu
erlösen. Laßt uns retten so viele wir retten können!

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Yuan - Der Himmelsbürger

DER HIMMELSBÜRGER

- Befreit! -
Haavald Slaatten

Zunächst das Positive vorweg. Der Abschnitt, wo Bruder Yuns Zeit im Gefängnis zu Myanmar
geschildert wird, hat mich sehr angesprochen. Er konnte den Gefangenen dort wirklich ein
Zeugnis sein und er durfte etliche von ihnen zum Herrn führen. Seine Bereitschaft zu leiden und
die Schmach Christi zu ertragen, gleichzeitig aber das Evangelium zu diesen Ärmsten der Armen
zu bringen, ist beeindruckend.

Dieser letzte Abschnitt des Buches liest sich eher nüchtern und man freut sich über die
Menschen, die durch das Zeugnis des „Himmelsbürgers“ zum Glauben finden.

Zustimmen kann ich auch Yuns Ausführungen zur Drei-Selbst-Kirche, der vom chinesischen
Staat offiziell anerkannten Kirche. Er nennt sie eine politische Organisation, die der atheistischen
Regierung dient (Seite 41).

Vor mir liegt die Ausgabe des Leuchter Verlags „Der Himmelsbürger - Befreit!-“ von Haavald
Slaatten, eine Koproduktion von Leuchter Edition und Literaturdienst, Aktionskomitee für verfolgte
Christen, 1. erweiterte Neuauflage Januar 2003, beides pfingstliche Verlage.

Das dürfte nicht zufällig sein, denn neben all dem Positiven und Herausfordernden, das in diesem
Buch zu finden ist, atmet diese Biographie über den „Himmelsbürger“ Bruder Yun, den
klassischen Schwarmgeist in beeindruckender Fülle.

Das Vorwort stammt von Waldemar Sardaczuk, dessen pfingstliche Theologie sich ebenfalls
nicht verleugnen läßt. Er schildert auf Seite 11, wie Bruder Yun eine Vision hatte: Er sah, dass
Gott ihm eines Tages eine geistliche Erntemaschine geben würde, mit der die Seelenernte
großflächiger und schneller eingebracht werden würde als in mühseliger Kleinarbeit. Br. Yun
bekam die Vision, dass er mit einer großen Erntemaschine weltweit und ausdrücklich auch im
Westen das Evangelium verkündigen würde.

Dies erinnert nur allzu sehr an den derzeit großen „Mähdrescher“ Gottes und „Völkerfischer“
Reinhard Bonnke.

Bruder Yuns Berufung, wo er eine Stimme hört, erinnert an den Werdegang Samuels. Er fragt
seine Eltern, ob sie ihn gerufen haben. Seine Mutter antwortete: „Nein, warum?“ Überrascht
erwiderte Yun: „Aber wer hat mich dann gerufen und meinen Namen ausgesprochen? Wer hat
mich berührt?“ (Seite 18).

Könnte man mit etwas Wohlwollen dem ersten Ereignis noch zustimmen, so ist letztere
Manifestation, die Berührung, typisch für spiritistische Phänomene bzw. Geister.

Gleich darauf folgen große Berufungsträume oder –visionen, wobei man manchmal nicht weiß,
was ist Einbildung, was ist Wirklichkeit und was sind Wahr- bzw. Wachträume. Alles allerdings
sattsam bekannte Begleitphänomene von Okkultismus und Geisterglauben, der nun in China
nicht gerade auf Sparflamme brannte und brennt. Es wird auch ganz offen erwähnt, wie der
Aberglaube im Dorfe weit verbreitet war und So war der 16-jährige Yun bereit, die Kunst der
Zauberei zu lernen (Seite 23). Sicherlich eine gute Voraussetzung für all die Spukerlebnisse,
Träume und Heilungen, die dann in reicher Fülle dem guten Mann folgen.

Yuns Vater, von Krebs zerfressen schon mehr tot als lebendig, wird ganz geheilt. Dies war Yuns
erste Begegnung mit der Kraft des Evangeliums (Seite 24).

Nun wollen wir hier wirklich nicht behaupten, daß Gott nicht heilen kann. Doch wer meint,
Heilungen und Wunder seien die Kraft des Evangeliums, dessen wahre Kraft Seelen rettet (Röm.
1,16) und Sünden vergibt, hat wieder einmal das Sichtbare mit dem Unsichtbaren, das Vorletzte
mit dem Ewigen verwechselt. So heißt es auf Seite 32: Das Feuer des Evangeliums breitete sich
aus, - mit Zeichen und Wundern.

Dies ist nichts anderes als eine Neuauflage des „vollen Evangeliums“, der Gruß aus dem
Totenreich (Luk. 16,30), wo der reiche Mann, ähnlich wie einst John Wimber, mit dieser
„Powerevangelisation“ die Menschen zur Buße rufen möchte. Im Vergleich dazu hatten Leute
wie Hudson Taylor, Charles Spurgeon, David Livingstone, William Carey usw. offensichtlich nur
das „halbe“ Evangelium. Ihnen fehlten diese Kräfte.

Bewegend ist, wie Yun alles daransetzt, eine Bibel zu bekommen. Er fastet und betet und ruft
immer wieder deswegen zu Gott. Dann hat er wiederum einen (Wahr)Traum, der für ihn so real
ist, daß Seine Eltern, die durch Schreie und durch sein Sprechen im Schlaf sehr gestört waren,
sahen, wie er etwas im Hause suchte. Da fragten sie sich, ob ihr Sohn seinen Verstand verloren
habe (Seite 27).

Der gute Yun konnte einfach Traum und Wirklichkeit nicht unterscheiden, was typisch ist für
mediale Eingebungen. Während Petrus, nachdem er das Gesicht von dem Tuch hatte (Apg.
10,17) noch grübelte, was es bedeuten könnte, beginnt hier unser Freund offensichtlich schon im
Haus die Bibel zu suchen, von der er gerade so lebendig geträumt hatte, er werde sie durch drei
Männer empfangen.

Dann erfüllt sich dieser Traum bzw. das nächtliche Gesicht haargenau. Nun, dies kennt man zur
Genüge aus Wahrsagerei und Hellseherei. Ähnlich hat die Mutter von Loren Cunningham, dem
Begründer von JMEM, genau Ereignisse vorausgehen, die sich dann detailgetreu erfüllt haben.
Und China hat nun tatsächlich keinen Mangel an Wahrsagegeistern. Man lese einmal nach bei
Watchman Nees „Der geistliche Christ“, was er dort von okkulten Phänomen gerade in diesem
Reich der Mitte berichtet.

Typisch ist auch sein Gebet um den Heiligen Geist, nachdem er in der Bibel auf Apg. 1,8 stößt.
Danach: Plötzlich geschah etwas. Eine unbeschreibliche Liebe und Offenbarung der
Anwesenheit Gottes durchfluteten sein Wesen. Lieder, die er noch niemals gelernt hatte,
sprudelten aus ihm heraus wie ein wilder Fluss (Seite 28).

Fast wortgleich lesen sich Zeugnisse beim Beginn der Pfingstbewegung. Es ist die klassische
Doktrin der Geistestaufe bzw. Zweistufenlehre und der Leuchter-Verlag hat nicht zufällig dieses
Buch aufgelegt. Dazu gehört auch das in unserer Zeit sattsam bekannte „Geisteslachen“,
ebenfalls ein uraltes spiritistisches Phänomen. Wenn Christen verhaftet wurden, reagierten sie
mit großer Freude, das sich in einem heiligen Lachen Bahn brach (Seite 33).

Ein wundersames Ereignis nach dem anderen und massenhafte Bekehrungen begleiten den
Bruder Yun. Doch mehr als wundersam ist der Bericht, daß ähnlich wie Philippus in der
Apostelgeschichte, auf einmal unserer chinesischer Freund mehr oder weniger entrückt wird. Als
er sich auf den Rückweg machte, befand er sich plötzlich - ohne dass Zeit vergangen war – zu
Hause in seinem Dorf bei seinen Eltern (Seite 31).

Man sollte sich nicht davon beeindrucken lassen, daß man sich hier auf den Beginn der
Christenheit beruft. Es ist anzunehmen, daß die luziferische Totenauferweckung (Offb. 13,3)
ebenfalls mit Berufung auf Apostelgeschichte „biblisch“ abgesegnet wird. Auch ist gemäß der
Parallele von Hebr. 2,4 mit 2. Thess. 2,9 am Ende der Zeiten mit genau den Zeichen, Wundern
und gewaltigen Taten der Urgemeinde zu rechnen, allerdings in unseren Tagen in der Macht der
Verführung. Apostelgeschichte ist das große „Lehrbuch“ der charismatischen Strömungen. Man
übersieht leider, daß die Bibel einiges über die Zeit vor der Wiederkunft Jesu zu sagen hat, der
Abschnitt, der nun wirklich für uns topaktuell ist, wo allerdings die Vorzeichen in Sachen
Prophetie und übernatürlicher Phänomene genau verkehrt sind. In unseren Tagen dienen sie der
Verführung. Und die ist nun tatsächlich großflächig, eigentlich global geworden.

Typisch für diese Vermischung von Bibel und frommen Spiritismus sind nicht nur die ständigen
Stimmen, Träume, Heilungen und Visionen, sondern ist auch z.B. folgendes Gesicht: Plötzlich
überkam ihn eine schreckliche, dunkle Vision. Ein Wesen mit grausamen Gesicht kam auf ihn zu.
Zugleich rief Yun jedoch „Halleluja. Wir überwinden durch das Blut Jesu! Jesus ist Sieger!“ Als
die Vision vergangen war, fragten ihn die anderen, was vorgefallen sei. Yun erzählte ihnen, dass
ein Monster ihn auf den Boden gezwungen und auf ihm gesessen habe. „Es versuchte, meinen
Mund mit seinen Händen fest zu verschließen. Dann, als ich schon beinahe erstickt war, sah ich
einen Engel auf mich zufliegen. Mit ganzer Kraft stach ich meine Finger in die Augen des
Monsters. Es fiel auf den Boden und ich flog mit dem Engel davon“ (Seite 48). Geistlicher
Karatekampf gegen Monster. Das erinnert mehr an Harry Potter denn an die Lehren der Bibel.

Dabei kennt man solche Kämpfe nur zu gut von katholischen Heiligen und Mystikern, die
einerseits in himmlischen Sphären schwebten und Wunder über Wunder erfuhren, dann wieder in
furchtbaren Anfechtungen mit Teufeln und Dämonen kämpften. Während Yun weiter fastete und
betete, durchlebte er eines Tages eine schreckliche Vision... Aus den Wänden kamen viele
Skorpione, schwarze Schlangen und Schwärme von Wespen hervor, die ihn angriffen... In dieser
Vision dreht er sich um und sah eine nackte Frau, die ihre Arme ausbreitete (Seite 75). Auch
befindet man sich mit solchen Erlebnissen in bester New-Age-Gesellschaft.

Ebenso erinnern das Entkommen aus den Gefängnissen der Polizisten und das Entrinnen aus
dem Griff seiner Verfolger öfters an solche Legenden. Seile lösen sich in wundersamer Weise
(Seite 49), im Namen Jesu werden seine tauben Hände sofort wieder normal funktionsfähig Er
springt wie eine Gazelle, offensichtlich von Engeln getragen, über ein hohe Mauer, deren
Oberseite mit Glasscherben gespickt ist (Seite 50), usw. usf.

Doch einsame Spitze dieser mehr als wundersamen Befreiungen und Legenden dürfte folgender
Bericht sein: Um ganz sicherzugehen, dass er nicht aus dem Gefängnis entkommen konnte,
nahmen sie einen Vorschlaghammer und zerschmetterten damit seine Beine gerade oberhalb der
Knöchel. Nur noch Muskelgewebe hielt danach die Knochen zusammen. Von da an war es für
Yun unmöglich, zu gehen oder zu stehen... Der Himmelsbürger war nun ein Krüppel geworden...
(Seite 104). Dennoch wird ihm nahegelegt zu fliehen. In Glauben und Gehorsam wagte er den
ersten Schritt. Da durchströmte ihn die Kraft, er stand auf ER KONNTE GEHEN! So bewegte er
sich auf die Tür seiner Zelle zu, die sich vor ihm öffnete. In Glauben ging er die ersten Schritte in
die Freiheit. Zu seiner großen Überraschung öffneten sich auch die weiteren Türen, sobald er auf
sie zutrat. Gleich mehrere Naturgesetze gleichzeitig wurden hier außer Kraft gesetzt (Seiten 105-
106).

Auch wird ausdrücklich erwähnt, wie hier kein natürlicher Heilungsprozeß dies ermöglicht haben
konnte, denn ein Christ in dem Gefängnis stellte fassungslos fest: Ich wusste doch, dass er
infolge seiner zerschmetterten Beine völlig verkrüppelt war. Doch jetzt sah ich, wie er mir in
großer Eile entgegenkam (Seite 106).

Nun möchte ich klarstellen, daß natürlich Gott nichts unmöglich ist und wer mag Ihm verbieten,
hier nicht gleich mit ganzen Wunderkaskaden einzugreifen? Doch warum treten solche Berichte
gewöhnlich im Dunstkreis der Pfingstbewegung auf, deren fragwürdige Heilungen und Wunder
sich herumgesprochen haben sollten? Auch ermahnt uns das Neue Testament gleich achtmal,
nüchtern zu sein. Und in unseren Tagen der Zeichen- und Wundersucht sowie der
Okkultinvasion, wo ein ganzes Feuerwerk des übernatürlichen abgebrannt wird, sollte man
besonders wachsam sein.

Diese Berichte erinnern mehr an Gutgläubigkeit und Aberglauben, typische Merkmale, wie bereits
erwähnt, für die katholische Frömmigkeit mit ihren unnüchternen Heiligen- und
Märtyrergeschichten, wo noch an den Gräbern dieser „Heiligen“ erstaunlichste Dinge passiert
sein sollen. Es ist jedenfalls kaum der biblische Glaube des reifen Mannesalters (Eph. 4,13), der
alles prüft, sondern vielmehr kindisches Verhalten, eine Eigenschaft, die Paulus gerade bei den
Korinther beklagen muß (1. Kor. 3,1-3). Wir wollen kindlich, aber nicht kindisch sein.

Auf ähnlicher Ebene ist der Bericht über Bruder Yuns Fasten im Gefängnis einzuordnen. Er
weigert sich, daß ohnehin kärgliche Essen im Gefängnis zu sich zu nehmen und fastet 74(!) Tage
lang. Nachedem Yun vierzig Tage und Nächte im Gefängnis gefastet hatte, versuchte ihn Satan
mit der Frage: „Willst du es besser machen als dein Herr? Er hat nur 40 Tage und Nächte
gefastet... Yun wusste nicht mehr, wie er mit diesem Druck umgehen sollte, und war versucht,
sich selbst das Leben zu nehmen... Sein Kampf dauerte an. Freude und Friede wechselten mit
Verzweiflung, Schmerz und Angst (Seite 71).

Gott gibt ihm angeblich eindrucksvolle Visionen und der Heilige Geist erinnert ihn an die
Visionen, die er früher hatte. Doch nach diesem senkten sich einmal mehr erdrückende Wolken
der Qual auf ihn herab... Der Herr erinnerte ihn: „Meine Berufung ist unwiderruflich. Jeder wirklich
Gläubige kann es mir gleichtun. Ja, sie werden sogar größere Dinge tun als ich (Seite 72).

Wer redet hier eigentlich? Wer stellt sich hier praktisch ungeschminkt mit Gott gleich? Nun wird
von den Charismatikern Johannes 14,12 bis zum Überdruß zitiert, um ihre Pseudowunder
angeblich biblisch belegen und noch mehr erwarten zu können. Doch hier geht es doch bei dem
40tägigen Fasten um die besondere Vorbereitung unseres Herrn, der als der letzte Adam (1. Kor.
15,45) für uns versucht und geprüft ward, um als Lamm Gottes das vollkommen Opfer für die
Erlösung der Welt zu bringen. Das Fasten von Bruder Yun hat nun in diesem Sinne mit dem
einmaligen Heils- und Erlösungsplan Gottes durch Christus wirklich nichts zu tun. Kann es im
Erlösungshandeln tatsächlich jeder mit Jesus gleichtun? Wird hier nicht unser einmaliger Herr auf
eine menschlich tiefere Ebene gezogen? Für mich liegt hier eine Grenzüberschreitung vor, wo ein
fremder Geist sich als Gott bzw. Jesus tarnt (2. Kor.11,4).

Der Bericht über diese unglaubliche lange Fasten, verbunden mit all den Folterungen und
Torturen ließt sich ebenso erschreckend wie erschütternd. Wenn nur 10% von den erwähnten
unmenschlichen Quälereien zutreffen sollten, wäre es schon mehr schlimm genug und für uns
verwöhnte Westbürger sicherlich ein Todesurteil. Über diese Episoden im Leben Yuns fällt es
daher schwer, von dieser Warte her ein kritisches Urteil zu fällen. Sein Ausharren und seine
Tapferkeit verlangt Respekt und nötigt uns Bewunderung ab. Soll ich, weil kein Mensch
normalerweise 74 tage Fasten überlebt, erklären, dies sei erfunden oder unglaubwürdig? Das
wage ich nicht zu sagen, obwohl manches mehr als fragwürdig bis sonderbar ist. So z.B. die
oben erwähnte Quelle seiner Inspirationen. Und Joh. 14,12 dafür in Anspruch zu nehmen, fast
doppelt so lange wie unser Herr zu fasten, ist theologisch und biblisch unhaltbar. In dem Buch
selbst heißt es über diese Periode: Yun erlebte eine bis dahin nicht gekannte Furcht und
Dunkelheit in seinem Leben. Aber neben all dem Bösen gab es auch Zeichen, Visionen, Träume
und Offenbarungen des Herrn (Seite 86).
In einer weiteren Vision gestatte Gott ihm einen Einblick, in dem Yun sich selbst und andere
Gläubige sah, wie sie alle Hindernisse und Schwierigkeiten überwanden, denen sie
gegenüberstanden (Seite 72). Dies ist für mich Hellseherei und bei all den in diesem Buch
geschilderten Visionen, z. B. Eines nachts, kurz bevor das Baby geboren wurde, hatte Yun eine
Vision. Er sah seine Frau auf ihn zukommen und stolz ein Baby auf ihrem Arm halten (Seite 91),
nur die Spitze des Eisbergs. Auch mancher Dialog Yuns mit „Jesus“ erinnert mehr an einen
Dialog mit einem Kontrollgeist denn ein Gespräch mit dem lebendigen Gott. So fragte er Jesus:
Ist das wirklich die Wahrheit, oder willst Du einen Narren aus mir machen?“ Aber Jesus
antwortete: „Das ist die Wahrheit. Ich habe mich nicht verändert“ (Seite 109).

Bruder Yun ist eben nicht die einflußreiche Gestalt der chinesischen Hauskreisbewegung
gewesen, die auf Watchman Nee und Wang Ming Tao zurückgeht, sondern eine offensichtlich
zentrale Gestalt der pfingstlich-charismatischen Hauskreise Chinas. So heißt es beispielsweise
auf Seite 55: Viele Prophezeiungen wurden in dieser Zeit gegeben.

Dieses Buch wimmelt nur so von Gesichten, Stimmen, Heilungen und Visionen und wird
deswegen in den charismatischen Kreisen auf große Begeisterung stoßen. Einiges scheint
beeindruckend, einiges ist einfach Unnüchternheit und, wie heute üblich, Verwechslung von
Phantasie mit Wirklichkeit.

So könnte man sich zur Not damit anfreunden, daß Engel Menschen in Notsituationen geleiten
oder aus dem Kerker führen. Wir haben dazu biblische Beispiele und auch Missionare berichten
hin und wieder, wie sie von unsichtbaren Wesen beschützt worden sind. Doch manches liest sich
bizarr. Yuns Frau und Tochter beispielsweise verirren sich auf der Flucht an der Grenze zwischen
Birma und Thailand. Die Situation ist lebensbedrohlich. Plötzlich tauchte direkt neben ihnen eine
strahlende Erscheinung auf und sie sahen eine Gestalt, die so etwas wie ein blinkendes Suchlicht
auf dem Kopf trug (Seite 146). Das erinnert mehr an Fantasy-Romane denn an biblischen
Realismus.

Auch die immer wieder erwähnten Heilungen sind oft genug das Proprium solcher Strömungen.
Er betete mit großer Autorität über seiner Mutter und wies die Krankheit im Namen Jesu zurück
(Seite 132). Auch dies ist leider typisch für das unnüchterne Weltbild dieser Christen.

Nach dem dritten Schlaganfall seiner Mutter, hatte man bereits den Sarg bestellt. Bruder Yun war
zu dieser Zeit in der Schweiz. Er rief seine Mutter über das Mobiltelefon in China an. „Mama,
hörst du? Jesus liebt dich und er wird dich heilen.“ Als seine Mutter die Worte „Jesus liebt dich“
hörte, richtete sie sich auf, bewegte sich umher und begann triumphierend zu tanzen (Seite 133).

Ausdrücklich wird erwähnt, wie Bruder Yun den Auftrag von Gott bekommen haben soll, die
Hauskreise zu zentralisieren. Gott sprach zu ihm und forderte ihn auf, die verschiedenen
Netzwerke der Hauskirchen zusammenzubringen und in die Einheit zu führen, indem er Führer
fand, die die gleiche Vision mit ihm teilten (Seite 99). Gerade dies wird von der anderen
Hauskreisbewegung, die 1950 begann, entschieden abgelehnt. Einfach auch deswegen, weil
eine nicht zentralisierte Bewegung viel weniger leicht zu infiltrieren und zu überwachen ist.

Ein weiterer bemerkenswerter Zug dieser charismatischen Hauskreise ist die Bewegung „Zurück
nach Jerusalem“. Gott will angeblich 100 000Missionare aus China in die Länder Asiens schicken
mit Endziel Jerusalem. Doch im Licht der historischen Tatsachen können wir festhalten, dass die
Berufung, das Evangelium von China aus auf den Weg nach Jerusalem zu bringen, eine
lebendige und mächtige Vision unter den chinesischen Christen seit fast 100 Jahren ist (Seite
116).
Nun gibt es das „Jerusalemsyndrom“ und mancher Schwärmer wird von dieser Stadt
unwiderstehlich angezogen. Doch unser Ziel sollte das himmlische Jerusalem (Hebr. 12, 22) und
nicht primär die gegenwärtige Stadt sein. Solche Eingebungen sind nichts anders als hochgrade
Unnüchternheit, wo Enthusiasten die himmlische Berufung Gottes mit der irdischen verwechseln.
Es wird eine „Missionsreise“ sein, die viele Jahre dauern wird. Keiner weiß jetzt, wieviel Zeit nötig
sein wird, um all die vielen Volksgruppen, die auf dem Weg der Missionare auf ihrem Weg nach
Jerusalem liegen, zu erreichen (Seite 114).

Solche unnüchternen Strömungen sind in der Christenheit nicht neu. So gab es um die Wende
zum 20. Jahrhundert die Templer-Bewegung unter Pfarrer Hoffmann, die dann in der Nähe von
Haifa siedelte. Zurück ins Gelobte Land, hieß die Verheißung. Inzwischen sind sie so gut wie
verschwunden. Ähnlich erging es den Visionären in China. Eines ist gewiss, diese Vision wird von
vielen geteilt und sie ist weder neu, noch eine Modererscheinung. Vor etwa einem halben
Jahrhundert, noch bevor Yun geboren wurde, pflanzte Gott diesen Traum in die Herze vieler
chinesischen Christen. Sie wurden damals als „Träumer“ angesehen. Aber schon zu Beginn der
20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts begannen sie , sich im Nordwesten Chinas zu
versammeln. Ihr Ziel war Jerusalem. Doch sie kamen nicht weit. Sie gelangten zu diesem
Zeitpunkt nicht einmal aus China heraus (Seite 115).

Was sind das für Führungen? Was ist das für ein Gott, der solche Eingebungen schenkt, die
dann nur gescheiterte Versuche beinhalten? Gab es damals in China nicht genügend Menschen,
die auf das Evangelium warteten?

Es wurde bald deutlich, dass Gott diese Vision steuerte und koordinierte, da jede Hauskirche,
unabhängig voneinander, die gleiche Vision erhielt“ (Seite 116).

Andere Hauskreisleiter in China, nämlich die nichtcharismatischen, warnen eindringlichst vor dem
Sauerteig dieser „Zurück nach Jerusalem“- Bewegung.

Es erinnert mich dieses Buch zum Teil an die bizarren Wunder der Zulu-Bewegung eines Erlo
Stegen, der ebenfalls, eine gewisse Zeit jedenfalls, als großer Erweckungsmann herumgereicht
wurde und jede Menge Spaltungen verursachte.

Das Buch ist auch ein Ergebnis dessen, was Walter Hollenweger konstatierte. Er erklärte ganz
frei und offen, daß in der Dritten Welt „Kirchen mit Geistheilern zusammenarbeiten. Es sei dort
für Christen selbstverständlich, ihre vorchristliche Heiltraditionen in ihr Glaubensleben
einzubauen“ (ideaSpektrum 49/2004). Nun ist Hollenweger keine Randfigur. Er ist eine
Schlüsselgestalt der Pfingst- und charismatischen Bewegung. Diese Vermischung von
Animismus, Spiritismus, Wahrsagerei und Aberglauben mit neutestamentliche Christentum ergibt
eben die heute so expandierende charismatische Frömmigkeit. Das hier besprochene Buch und
die erwähnten Phänomenen ist das typische Resultat von solch einem Durcheinander von Licht
und Finsternis, Heiliger Geist und Geister, wie es gerade auch in der Gemeinde zu Korinth der
Fall war (1. Kor. 10,2; 2. Kor. 6,14-16).

Es ist möglich, daß in der Ausgabe dieser Biographie im Brunnen-Verlag manches geglättet
wurde. Der Bericht über die zerschmetterten Beine in „Heavenly Man“, Brunnen Verlag, S. 265,
ist teilweise ausführlicher, teilweise weniger dramatisch.
So hat man z.B. in den Biographien über Sadhu Sundar Singh gewöhnlich den Abschnitt
weggelassen, wo er sich in seinen Visionen mit Swedenborg unterhielt, dem größten Spiritisten
des 18. Jahrhunderts. Swedenborg war ein großer Mann, ein Philosoph, Wissenschaftler und vor
allem ein Seher klarer Gesichte. In einem Brief vom 12. Nov. 1928 schrieb Sundar Singh: Ja, ich
habe den verehrten Swedenborg in meinen Gesichten mehrmals gesehen. Er ist eine sehr
liebenswerte Persönlichkeit und hat im Himmel eine hohe Stellung inne; (Sundar Singh, A.J.
Appasamy, Verlag Friedrich Reinhardt AG., Basel, S. 271 u. 273).

Bei diesen Aussagen nun hätte man merken können, daß dieser hingegebene Zeuge Jesu in den
Spiritismus verstrickt war. Doch hat man diese anstößigen Stellen herausgenommen und damit
die arglosen Gläubigen verführt. Eine Fälschung, die das Echte genauer imitiert, ist deswegen
nicht besser, sondern nur gefährlicher.

Wir wollen uns nichts vormachen. Wenn so ein brennender Zeuge wie Sundar Singh betrogen
werden konnte, denn kaum jemand hatte so eine glühende Hingabe an unseren Herrn wie dieser
Sadhu, dann kann auch jeder von uns betrogen werden, wenn er so töricht oder einfältig ist,
Stimmen, Träumen, Visionen oder gar Jesuserscheinungen zu vertrauen.

Der „große Prophet“ Rick Joyner, der von sich behauptet, in seinen Visionen nicht nur mit Jesus,
sondern auch Noah und Paulus zu sprechen, für den der gegenwärtige Papst angeblich die Gabe
der Heilung und Prophetie habe, erklärt in seinem neu erschienenen Buch „Die Fackel und das
Schwert“, Schleife Verlag Winterthur: „Wenn wir glauben, dass wir uns wirklich dem Ende des
Tage nähern, dann kommen wir nicht umhin, zugleich die Vorhersage ernst zu nehmen, dass es
dabei unweigerlich zu einer dramatischen Ausweitung prophetischer Erlebnisse und
Offenbarungen kommen wird. Träume, Visionen und prophetische Eindrücke sind immer eine
Begleiterscheinung von Ausgießungen des Heiligen Geistes“ (zitiert in Charisma, Nr. 130, S. 40).

Genau das spielt sich vor unseren Augen in Erfüllung von 2. Thess. 2,9-11 ab, allerdings anders,
als Rick Joyner es meint. Das Totenreich weitet sich aus (Offb. 6,8) und die Geisterwelt
veranstaltet dementsprechend eine „charismatische Show“ nach der anderen.

Eines ist sicher. Sollte der Herr noch verziehen, werden noch andere solche „Himmelsbürger“
aufstehen, die große Erweckungen mit Zeichen und Wundern auf ihre Fahne geschrieben haben,
um, wenn möglich auch die Auserwählten zu verführen (Mt. 24,24). - Alexander Seibel

Samuel Lamb

„Der Himmelsbürger“ – Ein großer Betrüger aus China

„Der Himmelsbürger“ kommt ebenfalls aus der Henan Province. Viele Irrströmungen entstammen
aus diesem Teil Chinas. Ursprünglich war er ein Mitglied der „Born Again“ Sekte. Es ist
angemessener, ihn einen „einen groß aufgemachten Betrüger“ zu nennen, denn er hat viele
christliche Gemeinden betrogen, besonders in Europa and USA.

Er war einmal in China eingesperrt. Er bezeugte, daß er im Gefängnis 74 Tage gefastet hat ohne
Nahrung und Wasser. Sein Fasten dauerte sogar länger als das unseres Herrn Jesus Christus.
Wie glaubwürdig ist dies? Jesus „nachdem er 40 Tage und Nächte gefastet hatte, hungerte ihn“
(Matth. 4,2; auch Luk. 4,2). Die Bibel sagt nicht, daß Er dann durstig war, sondern „es hungerte
ihn“. Es ist offensichtlich, daß Jesus Christus sich der Nahrung, nicht aber des Wassers enthielt.
Die Länge des Fastens von ihm (Yun) war beinahe doppelt so lange wie die von Jesus Christus.
Das ist absolut lächerlich.
1. Seine Namen

Dieser „Himmelsmann“ hat mehrere Namen: Liu Zhenying (sein wirklicher Name). In China hat er
von sich selbst behauptet, der „Heavenly Man“ zu sein. Nachdem er im Westen eingetroffen war,
nannte er sich unter den Chinesen „Lehrer Tien“, aber für den Westen ist er „Liu Yun“ oder kurz
„Bruder Yun“.

Er wurde am 22. Febr. 1958 in Hung Ni Wan, Nan Yang, Henan Provinz geboren. Er ist ein
begabter Prediger und gebraucht geschickt psychologische Gegebenheiten.

Er war in China völlig korrupt. Gegenüber dem Westen behauptet er, er sei der Leiter von 58
Millionen Christen der Untergrundkirche Chinas. Er hatte früher Unterstützung von der „Born
Again Sekte“ gesucht. Er ist ein ausgemachter Betrüger, der raffinierteste in Chinas
Kirchengeschichte.

Seine Bücher sind unter den Christen im Westen sehr bekannt und populär geworden. Die
chinesische Fassung ist für seine chinesischen Unterstützer. Der Inhalt unterscheidet sich von
der englischen Ausgabe.

Er sprach kühn von seiner „Berufung“ in den Westen und behauptete der „Apostel“ der Chinesen
der Untergrundkirche zu sein. Er hat oft Träume und empfängt Offenbarungen von Gott, der ihn
beruft und ihn (angeblich, Anm.) in den Westen und Süden als Pionier sendet.

In der deutschen Fassung ist das Ereignis angefügt, wie er und seine Familie aus Burma
ausgewiesen wurden. Angeblich weil „Dawn Minsitry“ (eine taiwanesische Reha-Arbeit unter
Drogenabhängigen) eine Flagge Taiwans ausgebreitet hatte. Das setzte eine Untersuchung des
birmesischen Militärs in Gang. Deswegen hatte er keine andere Wahl und mußte Burma
verlassen. Aber Rev. Liu Minhe und seine Frau , die Verantwortlichen von Dawn Ministry in
Taipeh, verneinen kategorisch solch einen Vorfall und sagten, „wie kennen den Himmelsmann
nicht“.

Bruder Lin Mushi schrieb auf Ersuchen im Jahre 2003 eine Stellungnahme beruhend auf den
beiden deutschen Publikationen unter dem Titel „Verborgene Lügen“.

Nicht viele Chinesen sind betrogen worden und wir selbst wußten nichts von seiner selbst
angemaßten Behauptung, der Leiter der chinesischen Untergrundkirchen zu sein. Es wäre nicht
leicht für ihn in China den Leuten das Geld aus der Tasche zu locken, aber im Westen ist es
schwierig, seinen Betrug aufzudecken und deswegen ist es relativ einfach (zu täuschen, Anm.).
Er verließ China 1997.

Wenn er wirklich der Leiter der chinesischen Untergrundkirchen gewesen wäre, hätte er als
mindestes diese Länder (Chinas) besuchen sollen, anstatt nun im Westen zu wohnen und die
Untergrundkirchen Chinas ohne Leiter zu lassen. Ihr, unsere Mitchristen im Westen, bitte denkt
darüber sorgfältig nach. In China gab es viele Diener des Herrn, die unterdrückt und eingesperrt
wurden, aber dem Herrn bis in den Tod treu geblieben sind. Traurig, wenn er außerhalb Chinas
ist, rühmt er sich seiner Leiden und nutzt seine Predigten dazu aus, um finanziellen Vorteile zu
erzielen.

Die deutsche Regierung ist betrogen worden und garantierte im Flüchtlingsstatus. Von 1997 bis
1999 verbarg er sich im Haus von Bruder Lin Mushi. Nicht lange danach entdeckte Bruder Lin
seine Heuchelei, die tatsächlich falsches Zeugnis gegenüber Christen und Zwietracht bewirkte.
Er ist ein großer Schwindler.
In Burma: Er wurde am 10. Febr. 2001 gefangen genommen, weil er Jade schmuggelte und viele
gefälschte Pässe verwendete. E wurde zu 7 Jahren Gefängnis verurteilt. Viele Nordeuropäer und
Deutsche beteten and spendeten für seine Freilassung in der Meinung, er sei wirklich der Apostel
Chinas, treu und tapfer and der Vorsitzende und Sprecher der Sinim Untergrundkirche.

Aber eine Woche nach dem 11. Sept. 2001 wurde er von der burmesischen Regierung entlassen.
Zuvor hatte der deutsche AVC seine Familie nach Deutschland gebracht. Sie wußten nicht, wer
dieser „Himmelsmann“ wirklich ist und waren in der Annahme, sie helfen den Kirchen Chinas.

(5) Er verschaffte sich durch Lügen Zugang (zu den Evangelikalen) in Skandinavien, Paris,
Italien, Singapur, England, Holland und Südamerika etc.

Dr. Jonathan Chao (CMI-China Ministry International) ermahnte ihn aufzuhören. Doch der
„Himmelsbürger“ macht hier nicht Schluß. Her wird fortfahren zu betrügen. Er ist nicht damit
zufrieden, die Gläubigen in Europa zu betrügen, er möchte alle Gläubigen weltweit betrügen. In
der neuen Ausgabe des „The Heavenly Man“, von den „Evangelikalen“ im Dez. 2002
herausgegeben (der Name des Buches ist derselbe aber der Name des Autors und die
ursprünglichen Lügen sind abgeändert worden), hat er geschickt Sachverhalte (Geschichte)
verändert und setzt seinen Betrug fort, indem er Heucheleien veröffentlicht.

Nachdem er aus China geflohen ist, hat seine Behauptung, für die Ausbildung und Einsetzung
von 100 000 Chinesen als Missionare verantwortlich zu sein, bereits zehntausende Dollars
mobilisiert, um diese Missionare „Zurück nach Jerusalem“ zu unterstützen.

Wir, die Christen Chinas, müssen dies enttarnen und vor ihm warnen. Mitchristen in Europa und
den USA müssen wach werden von ihren Handlungen und nicht länger von ihm geblendet und
betrogen werden. Bitte lest 2. Kor. 11,1-3; 14-15.

Er verwendet Geld und Beziehungen, um Leute zu bestechen ihn zu unterstützen . Viele


Pastoren sind auf diesen betrügerischen Handel eingegangen, aber aus Furcht, ihr Gesicht zu
verlieren, kommen sie nicht ans Licht. Wir müssen für die Betrogenen beten.

Viele bekannte Pastoren von Taiwan haben die Unwahrhaftigkeit seines Zeugnisses bestätigt,
darunter James Shao, Chang Maosong, Chen Luei, Bai Jia Ling & China Ministry International
Internationaler Dienst für China) und Bible league (Bibelbund) etc.

Allen Yuan und seine Frau und Bruder Moses Xie von Peking widerstehen völlig diesem großen
Betrüger, „dem Himmelsmann“. Die Christen aus dem Westen sind herzlich eingeladen nach
China zu kommen, um die Fakten für sich selber vor Ort zu überprüfen bzw. herauszufinden. Sie
würden dann erkennen, daß die Mehrheit der chinesischen Christen ihn (Yun) nicht kennen und
darüber hinaus ihn nicht als Führer der Untergrundkirchen Chinas anerkennen. In den letzten
Tagen wird der Satan alle seine üblen Tricks anwenden. Das ist eine neue Dimension von ihm.
Bitte seid auf der Hut.

Nun, nachdem sein Name „Himmelsmann“ etwas kritisiert wurde, versucht man jetzt, ihn mit
einem neuen Namen zu nennen, “Der Mann vom Himmel“. Das ist nichts anderes als Täuschung.

Der Teufel tut viel Böses in dieser Endzeit. Das ist ein neues Szenarium. Bitte seid wachsam.

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Mystische Meditation und Bibel


Peter Zimmerling und mystische Meditation

von Alexander Seibel


Ist fernöstliche Meditation mit der Bibel vereinbar?, so fragte idea im Februar 2004. Dr. Peter
Zimmerling vertrat die Pro-Seite. Als Begründung erwähnte er u.a.: „Weil es in der evangelischen
Tradition kaum noch Meditationsformen gab, kam es seit den 70er Jahren des vergangenen
Jahrhunderts zur Übernahme von Meditationsmethoden aus fernöstlichen Religionen. Dagegen
ist nichts einzuwenden, wenn neben der Chance auch die Grenzen der Integration beachtet
werden. ... Körperhaltung und Konzentration der Atmung sind wesentliche Voraussetzungen
gelingender Meditation. An dieser Stelle kann die evangelische Spiritualität Entscheidendes von
der Meditationspraxis der fernöstlichen Religionen lernen. Auch das Ziel der Gedankenstille
stammt von dort“ (ideaSpektrum 9/04, S. 19).

In „Erwecklicher Stimme“ Nr. 2, Febr. 97 schrieb Peter Zimmerling zum Thema Vom Segen,
seinem Wesen und seiner Kraft unter der Überschrift „Der Segen im Handeln der Kirche“ u.a.:
„Daß auch ein Gestorbener ein Segnender sein kann, ist für uns Protestanten ein zunächst
unverständlicher Gedanke... Auch als Vollendeter kann ein Mensch diese Welt segnen. Das
belegen nicht nur die Wundererfahrungen an den Gräbern der Märtyrer aus der Zeit der alten
Kirche“ (S. 4). - Dies lässt befürchten, dass von dem Autor frommer (katholischer) Spiritismus mit
„Segnungserfahrungen“ verwechselt wird, was in unseren Tagen leider gar nicht so selten
geschieht.

Seine magische Vorstellung von Segnungshandlungen erkennt man auch daran, daß er im
selben Artikel (S. 3) schreibt: „Um diese Dimension deutlich zu machen, lohnt es sich, leibliche,
symbolhafte Segensgesten neu zu entdecken: den Segen mit dem Kreuzeszeichen auf der Stirn
und den Segen in Form der Salbung mit Öl... Nicht nur Häuser dürfen gesegnet werden...“

Besonders verhängnisvoll ist die von Dr. Zimmerling empfohlene „Gedankenstille“ in seiner
Bejahung der Vereinbarkeit fernöstlicher Meditation mit der Bibel (ideaSpektrum 9/2004). Sie ist
der ideale Nährboden für die Inbesitznahme durch einen anderen Geist. Sie ist das genaue
Gegenteil der von unserem Herrn Jesus so oft betonten Wachsamkeit (Siehe Schluss von Mk.
13). Zwar sollen wir als Christen vor Gott stille werden, doch nie mit einem leeren Verstand, wie
es gerade Ps. 1 und Josua 1,7-8 nahelegen, wo uns echtes Meditieren vorgestellt wird, nämlich
dem Nachsinnen über Gottes Wort.

In der New-Age-Bewegung ist die Gedankenstille die Voraussetzung für das Wirken des
„kosmischen Geistes“. So empfiehlt der New-Ager H.J. Ament unter der Überschrift
„Bewußtseins-Erweiterungs-Programm“ für genau diese „Geisterfahrung“ wörtlich: „Die
Herstellung einer Gedankenleere ist der Idealfall...“ Und der Spiritist Johannes Greber schreibt
unter der Überschrift „Die Ausbildung der Medien“, damit man ein Werkzeug der Geister wird,
man solle sich nach Gebet und Bibellesen „abwartend ohne irgendwelche geistige Spannung
verhalten“ („Der Verkehr mit der Geisterwelt“, S. 133).

Die Vorschläge von Peter Zimmerling sind, so ist zu befürchten, nur die Spitze des Eisbergs.
Manche Seminare zum „Erlernen“ von Prophetie, inneren Eindrücken, Träumen und Worten der
Erkenntnis erinnern mehr an New-Age-Techniken denn an biblische Charismen.

Auf der diesjährigen Evangelistenkonferenz in Berlin wurde u.a. empfohlen: „Zudem können
Pilgerreisen, das Krankengebet mit Salbung und die Segnung mit Handauflegung die
Verkündigung unterstützen, so Zimmerling vor 220 Teilnehmern. Die Menschen sehnten sich in
einer emotional kühlen Gesellschaft nach solchen Zeichen“ (ideaSpektrum, 50/2008).

Es erinnert an ein Zitat von Dr. Georg Huntemann: „Diese Generation kann einen nüchternen
Glaubenswandel nicht mehr ertragen. Sie braucht eine religiöse Sinnlichkeit bzw. sinnliche
Religiosität“

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Taize und das Evangelium
Jakob Hitz

Entspricht der Taizé - Glaube dem biblischen Evangelium?

Als sich 1940 der gebürtige Schweizer Roger Schutz, Sohn eines evangelisch-reformierten
Pastors, im französischen Örtchen Taizé-les-Cluny niederließ, kannte kaum jemand diesen
Flecken im romantischen Burgund. 1949 gründete der reformierte Theologe mit einigen anderen
Brüdern in Taizé die erste protestantische Mönchsgemeinschaft seit der Reformation. Seitdem
geht der Name Taizé um die ganze Welt, und Roger Schutz wurde zu einem berühmten Mann.

Taizé, das ist nicht nur die Mönchsgemeinschaft in dem burgundischen Dorf, zu der seit 1950
Hunderttausende zumeist junge Leute aus allen Teilen dieser Erde pilgerten, um dort die
theologische Ausrichtung und das Leben und Wirken des Ordens kennenzulernen. Mit dem
Namen Taizé verbinden sich auch jährliche Jugendtreffen. Das Europäische Jugendtreffen 1996
fand zum Jahreswechsel in Stuttgart statt und lockte etwa 70 000 Jugendliche an. Viele Christen
fragen sich allerdings, ob die Ziele von Taizé mit dem biblischen Evangelium übereinstimmen.
Auf den ersten Blick scheint dies der Fall zu sein.

Während des Zweiten Weltkriegs versteckte Roger Schutz in seinem Haus politische Flüchtlinge
und Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Später, als sich seine Gemeinschaft bereits um
einige Glaubensbrüder erweitert hatte, nahm er auch über 20 Waisenkinder und Hinterbliebene
des Judenmordes auf. Von Anfang an herrschte in Taizé eine Atmosphäre von Opfer- und
Hilfsbereitschaft, Güte und Freundlichkeit, die bestimmt war von einem zentralen Anliegen, das
Prior Roger Schutz bis heute eisern verfolgt: die Suche nach Versöhnung innerhalb der
Christenheit und der gesamten Menschheitsfamilie. Mit dieser Zielvorstellung wurde der Prior der
Taizé-Gemeinschaft schnell zum Fackelträger und Vater der ökumenischen Idee - und ist es bis
heute geblieben.

Bei der klerikalen Prominenz - von Papst Johannes Paul II über den Patriarchen Alexij von
Moskau bis hin zum englischen Erzbischof George Carey von Canterbury - ist der
protestantische Glaubensbruder aus Taizé immer wieder ein gern gesehener Gast. In der
Öffentlichkeit genießen Schutz und seine Taizé-Brüder ein hohes Ansehen, treffen sie doch mit
ihrem Versöhnungsgedanken das Empfinden vieler, vor allem junger Menschen. Das, was auf
den ersten Blick als verwirklichte christliche Nächstenliebe erscheint und auch permanent mit
biblischen Aussagen begründet wird, ist bei theologischer Prüfung jedoch weniger bis gar nicht
im biblischen Urgrund verankert.

Nach Auffassung des Taizé-Gründungsvaters sollen Gott und Christus schon von Natur aus im
Menschen sein. Der Mensch sei eigentlich gut und bedürfe der Erlösung durch Christus nicht. In
dem regelmäßig erscheinenden "Brief aus Taizé" (Sonderausgabe 1996), der in 58 Sprachen
übersetzt wird, formuliert Schutz das aktuell so: "Wir alle sind Menschen, die bewohnt sind,
bewohnt von der Gegenwart, mit der Christus unser Leben durchdringt." Auch den Jugendlichen
in Stuttgart wurde von Roger Schutz mehrfach verkündet, daß der Heilige Geist, der Geist
Gottes, in jedem Menschen wohne. Deshalb ist auch nicht verwunderlich, daß in Taizé die
Anschauung vertreten wird, daß sich Christus in allen Religionen manifestiere.

Für Schutz befindet sich Christus "in der weiten Tiefenschicht der menschlichen Person, im
Unterbewußtsein und bete, daß er tief in uns selbst entdeckt werden könne und daß sich in
solcher Tiefe das Fest des auferstandenen Christus ereigne." Wer zu diesem Christus
durchdringen will, muß einen Weg der Selbsterlösung gehen durch Kontemplation, Askese,
Armwerden usw. Besonders die Kontemplation, ein mystisches Meditieren, nimmt in der Taizé-
Religiosität einen breiten Raum ein und ist die eigentliche Pforte auf dem Weg zum "Taizé-
Christus". Roger Schutz schreibt: "Um nicht in der Trockenheit des Schweigens stehenzubleiben,
sollten wir sehen, daß das Schweigen Wege zu unbekannten schöpferischen Möglichkeiten
eröffnet. In der weiten Tiefenschicht der menschlichen Person, im Unterbewußtsein, betet
Christus weit mehr, als wir es uns vorstellen können. Verglichen mit der Unermeßlichkeit dieses
verborgenen Betens Christi in uns, ist unser artikuliertes Gebet nur ein kleiner Teil. Das
Wesentliche des Gebets vollzieht sich vor allem in einem großen Schweigen ... Wenn wir
Christus mit kindlichem Vertrauen in uns beten lassen, werden eines Tages die Abgründe
bewohnbar sein. Eines Tages, später einmal, werden wir feststellen, daß sich in uns eine
Revolution vollzogen hat."

Die Bibel kennt diesen Weg der Kontemplation nicht. Nirgendwo in der Bibel ist von einer
Selbstversenkung die Rede, durch die man in eigener Kraft Christus finden könnte. Auch von
einer sich selbst vollziehenden Revolution im Inneren des Menschen wird im Wort Gottes nicht
gesprochen. Ebenso ist der Bibel eine passive Haltung beim Beten fremd. Die in Taizé
vorgestellten Glaubenspraktiken haben ihr Zuhause in der Esoterik und in fernöstlichen
Religionen. Deren Herzstück ist das Aufspüren einer Jenseitsdimension im Unterbewußtsein des
Menschen, die durch Passivität und Versenkungstechniken anvisiert wird. Wer sie erreicht,
berichtet von paradiesischen Zuständen, von Explosionen von Liebesgefühlen. Für Menschen,
die danach über den Weg von biblischen Erkenntnissen zu Gott fanden, offenbarte diese
beglückende Jenseitsdimension ihre Kehrseite: eine raffinierte diabolische Verstrickung.

In den Schriften von Roger Schutz ist viel von der Liebe zu Gott, zu Christus und zu den
Menschen die Rede, doch die Grundtatsachen der biblischen Heilslehre fehlen: der Mensch als
Sünder; die Trennung von Gott wegen seiner Sünden; Gottes einziger Rettungsweg durch Jesu
Sterben und Auferstehung; die Vergebung der Sünden und die Versöhnung mit Gott durch die
persönliche Annahme dieser Heilstat - bei Schutz Fehlanzeige! Wer diesen einzigartigen
Heilsweg verkündigt, kann dann schnell auch eine ganz andere Seite der ansonsten friedsamen
Taizé-Anhänger kennenlernen. Als auf dem Taizé-Jugendtreffen 1994 in München, zu dem 80
000 Jugendliche aus ganz Europa angereist waren, Schriftenmissionare evangelistische Schriften
sowie 40 000 Gutscheine für das Wilhelm Busch-Buch "Jesus unser Schicksal" verteilen wollten,
sorgten Taizé-Ordner dafür, daß die Missionare mit Polizeigewalt entfernt wurden. Ein
Schriftenmissionar: "Einen derartigen, organisierten Widerstand haben wir bei Straßeneinsätzen
noch nicht erlebt!"

Viele Jugendliche, die Taizé besuchen, erleben eine Spiritualität, die sie schnell ansteckt und
begeistert. Sie geraten in eine Art religiösen Rausch, der einerseits durch mystische Erlebnisse in
der Selbstversenkung, andrerseits auch durch ekstatische Elemente gefördert wird. Neben der
Stille haben auch Musik und Tanz im religiösen Leben von Taizé einen festen Platz. Immer
wieder kommt es vor, daß zu Texten wie "Christus ist auferstanden" am Lagerfeuer bis zur
Erschöpfung gesungen und getanzt wird. Nach dem seelischen High in der Kommunität erlebt so
mancher jugendliche Taizé-Pilger in der Wirklichkeit des heimischen Alltags allerdings einen
jähen psychischen Absturz, wie Betreuer von lokalen Taizé-Gruppen zu berichten wissen.

Die Bruderschaft Taizé versteht sich heute als ökumenische Gemeinschaft mit einem starken
sozialpolitischen Engagement, wobei man mittlerweile nicht mehr eindeutig sagen kann, ob Taizé
nun katholisch oder protestantisch ist. Roger Schutz jedenfalls verbirgt in seinen Schriften seine
Sympathien zur katholischen Kirche nicht. Regelmäßig besuchte er die Päpste und beriet sie. So
soll er beispielsweise den Vatikan vor der Gefahr der protestantischen Mission in Lateinamerika
gewarnt haben, worauf der Heilige Stuhl ein ganzes Heer von Priestern und Missionaren dorthin
entsandte.

1985 überreichte Schutz dem damaligen UN-Generalsekretär Perez de Cuellar eine Aufforderung
zur Schaffung einer Weltautorität und offenbarte damit Sympathien für eine Vorstellung, die nach
der Bibel in einem antichristlichen Umfeld angesiedelt ist und zur Zeit ihrer Verwirklichung
entgegenstrebt. Die in Taizé zelebrierte Frömmigkeit ist eine christliche Variante von
esoterischem Glaubensgut und New Age-Vorstellungen, eine Mischung aus mildem Mystizismus
und friedlichen Weltveränderungsideen. Wer glaubt, der Mensch sei in Wirklichkeit gut und könne
Christus durch eigene Anstrengungen in sich selbst aufspüren, um dadurch positive Energien zur
Veränderung der Welt zu erlangen, befindet sich auf einem gefährlichen Irrweg.

Der Erlösungsweg, den die Bibel vorstellt, sieht völlig anders aus: "Denn es ist kein Unterschied,
denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes und werden umsonst
gerechtfertigt durch seine Gnade, durch die Erlösung, die in Jesus Christus ist" (Römer 3, Verse
23-24). Wer sich als Sünder erkennt, Buße tut und zur Rettungstat Jesu Christi voll und ganz ja
sagt, dringt zu Jesus Christus durch. Einen anderen Weg gibt es nicht! Über einen solchen
Menschen sagt Jesus Christus selbst: "Ich sage euch, also wird Freude sein im Himmel über
einen Sünder, der Buße tut ..." (Lukas 15 Vers 7).

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Reinkarnation

Reinkarnation:

1. Begriff:

Der Begriff "R." kommt vom lateinischen "re - in - carne", das bedeutet: "wieder - ins - Fleisch"
gehen. Der Begriff bezeichnet die Vorstellung, dass die "Seele" - oder besser: das Nichtstoffliche,
Nicht-Materielle - des Menschen nach dessen Tod wieder in einen neuen Körper Einzug hält und
eine weitere Existenz lebt. In der Regel wird von vielen tausend Verkörperungen jeder "Seele"
ausgegangen. Manchmal wird auch "Seelenwanderung" als Synonym gebraucht. Das ist jedoch
nicht korrekt, denn der Begriff "Seelenwanderung" geht von der abendländisch-westlichen
Vorstellung einer individuellen "Seele" im Sinne einer unteilbaren, unverwechselbaren
Persönlichkeit aus, während die fernöstlichen Vorstellungen von "R." gerade die Auflösung des
"Selbst" erstreben. "Atman" ist gerade nicht das "individuelle Ich", das die Existenz überdauert,
sondern wesensgleich mit "Brahman", der überindividuellen "göttlichen" Transzendenz, an
welcher Atman, das die einzelnen Existenzen durchfließt, teilhat, um am Ende der
Verkörperungen ins Meer des Brahman zu münden und sich aufzulösen (Nichtung, Entselbstung,
Nirwana als Ziel). Freilich werden in der westlichen Literatur beide Begriffe nicht immer klar
unterschieden.

2. Wo finden sich R.svorstellungen?

a. Fernöstliche Religionen: R.sglaube assoziiert man zu Recht mit den religiösen Systemen des
>Hinduismus, wo er frühestens am Anfang des ersten Jahrtausends v. Chr. sich durchsetzte, und
des >Buddhismus. Er ist wichtiger Bestandteil dieser Religionen. Durch viele Erdenexistenzen
hindurch soll der Mensch seine "Erlösung" (im Sinne der Auflösung von Atman ins Brahman)
bewirken, was konkret heisst, die Kette der Inkarnationen abzubrechen. Heute berufen sich
Vertreter moderner R.svorstellungen gerne auf diese alten Religionen - meist zu Unrecht, denn
im Hinduismus und Buddhismus wird im Gegensatz zu modernen Konzepten das "Immer-Wieder-
Geboren-Werden-Müssen" als Fluch verstanden.

b. Griechische Antike: Auch in der griechischen Philosophie finden sich R.svorstellungen, die sich
aber nie ganz durchsetzen konnten. Pythagoras, Empedokles und >Platon lehrten in einer bereits
optimistischen Umdeutung der fernöstlichen Vorstellungen, dass der Mensch durch verschiedene
Erdenleben zur Vervollkommnung streben solle.

c. R. in der Neuzeit im Westen: Die Lehre der R. trifft man selten isoliert an, sie ist meistens Teil
eines größeren religiösen Systems und hat gegenüber den fernöstlichen Wurzeln manche
Umdeutungen erfahren. Heute findet sie sich z.B. in den religiösen Systemen der
>Anthroposophie, der >Theosophie, der >Rosenkreuzer, des >Universellen Lebens, von
>Scientology und bei anderen esoterischen Gruppen und Autoren. Häufig begegnen wir aber
auch R.svorstellungen, die nicht an ein bestimmtes religiöses System gebunden sind (vgl. die
vielen Menschen, die früher einmal eine berühmte Persönlichkeit gewesen sein möchten, z.B. die
Königin von Saba, Julius Caesar u.ä.). Manchmal wird behauptet, es seien Rückerinnerungen an
eine frühere Existenz vorhanden.

3. Kennzeichen der R.slehre:

a. Leib-Seele-Dualismus: Alle R.smodelle unterteilen den Menschen in einen materiellen Teil, im


nachfolgenden der Einfachheit halber "Leib" genannt, und in einen immateriellen Teil, im
nachfolgenden - trotz obiger Differenzierung - der Einfachheit halber "Seele" genannt. Dabei sei
die "Seele" das Eigentliche, was den Menschen ausmache. Der Leib spiele kaum eine Rolle oder
wird als etwas Negatives (bei Plato: "Kerker") gesehen.

b. Wiederverkörperung: Die Seele des Menschen sei unsterblich. Daher sterbe beim Tode nur
der Leib, die Seele löse sich von ihm und inkarniere sich in einem neuen Leib eines
neugeborenen Babys. So wie ein Mensch die alten Kleider ablege und neue anlege, so lege die
Seele den alten Körper ab und einen anderen, neuen an. Die Zeitspanne, die zwischen Tod und
Neuinkarnation liegt, variiert von System zu System.

c. Karma: Untrennbar mit allen R.svorstellungen verbunden ist die Lehre vom >Karma, oft
wiedergegeben mit "Schicksalgesetz". Karma ist der Ausgleich zwischen guten und bösen Taten.
Für jede Tat, die ein Mensch tut, wird er in seinem nächsten Leben einen Ausgleich schaffen
oder erleiden müssen. Entweder wird man durch gute Taten die bösen sühnen oder aber die
böse Tat am eigenen Leibe erdulden. Für Gruppen gibt es – etwa nach >anthroposophischer
Ansicht - Gruppenkarma. Jedes Volk beispielsweise habe sein spezielles Karma - mit
entsprechenden Auswirkungen.

d. Höherentwicklung: Während in den fernöstlichen Reinkarnationsvorstellungen das Ziel die


Erlösung vom Erdendasein ist, geht es bei den modernen Varianten (z.B. bei G. E. >Lessing, R.
>Steiner) darum, dass der Mensch bzw. seine "Seele" sich höherentwickelt, eine Art "geistige
>Evolution" durchmacht. Der Mensch soll in jedem Erdenleben etwas dazulernen und dem
Göttlichen näherkommen. Das bedeutet in vielen Systemen, dass die Seele verschiedene
Verkörperungen in Pflanzen und Tieren durchgemacht hat, bevor sie sich das erste Mal in einem
Menschen inkarnieren konnte. Und oftmals verlässt sie die Menschenstufe und nähert sich immer
mehr der „Engelsstufe“ oder „göttlich-geistigen Welt“ an.

3. Empirische Kritik:

a. Wunschdenken und Betrug: Es ist auffallend, wie oft Menschen, die sich angeblich an eine
frühere Existenz zurückerinnern, irgendeine bedeutende historische Persönlichkeit (z.B. Cäsar,
Napoleon oder die Königin von Saba) gewesen sein oder ein besonderes historisches Ereignis
miterlebt haben wollen. Dazu Ian Stevenson: "Wenn alle, von denen behauptet wird, sie hätten
die Kreuzigung Christi in einem früheren Leben beobachtet, wirklich zugegen gewesen wären,
hätten die römischen Krieger bei diesem Ereignis wohl keinen Platz mehr zum Stehen gehabt"
(Wiedergeburt, 1989, 51f.). In vielen zunächst spektakulären Fällen stellte sich hinterher heraus,
dass die Angaben falsch waren oder auf Kryptomnesie beruhten. Kryptomnesie ist eine
Gedächtnisstörung, bei welcher Gedächtnisinhalte, deren Erinnerungscharakter nicht bewusst ist,
als scheinbare Neuschöpfung aufgefasst werden. Weiter ist zu bedenken, dass aufgrund von
„Rückerinnerungen“ noch keine archäologischen Funde gemacht wurden und keine bisher
unbekannten antiken Schriftzeichen entziffert werden konnten.

b. Suggestion: Wichtige Faktoren beim Zustandekommen von Rückerinnerungen unter >Hypnose


sind die Bereitschaft des Patienten, sich an etwas zu erinnern und der damit verbundene
Leistungsdruck. Die Sitzung soll ja etwas bringen, und erinnert man sich nicht, ist sie vergebens
gewesen. Ferner sind gerade Menschen unter Hypnose für Suggestion besonders empfänglich,
so dass bereits der Hypnotiseur den Patienten dazu bringen kann, sich zu "erinnern". Diese
Möglichkeit wurde in Versuchen festgestellt.

c. Spiritistische Einflüsse: Ian Stevenson und eine weitere Reinkarnationstherapeutin, Helen


Wambach, räumen beide ein, dass das Wissen auch auf übersinnliche statt auf natürliche
Quellen zurückführbar sein kann. Wambach schreibt: "Für mich ist das menschliche Gehirn wie
ein Empfänger, der einfach nur aufnimmt, was an Wellen vorhanden ist" (Conta Costa Times,
2.12.1977). Sie rechnet mit der Möglichkeit, dass Personen unter Hypnose von "Geistern und
Dämonen" ergriffen werden können. Die Bibel redet eine klare Sprache von >Dämonen als den
"Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, den bösen Geistern unter dem Himmel" (Eph
6,12). Diese können dem Menschen Botschaften aus dem Jenseits - auch aus der Vergangenheit
- vermitteln, stürzen ihn dafür aber in die geistliche Finsternis.

d. Widersprüche: Die verschiedenen religiösen Systeme, die die Lehre der R. eingebaut haben,
fühlen sich oft als eine gemeinsame Bewegung, die das Bewusstsein für Seelenwanderung im
Volke schafft. Jedoch sind die verschiedenen Modelle sehr unterschiedlich und widersprüchlich,
z.B. in den Fragen, wie viel Zeit zwischen den einzelnen Inkarnationen liegt, was das Ziel der
verschiedenen Erdenleben ist und wie sich das Karma auswirkt. Die Systeme, die "den Christus"
zu integrieren versucht haben, z.B. Theosophie und Anthroposophie, weisen ihm eine völlig
unterschiedliche Rolle und Bedeutung zu. Viele derjenigen, die heute R. propagieren, wollen bei
den alten fernöstlichen Religionen wie Buddhismus und Hinduismus anknüpfen. Sie berufen sich
auf sie als Autorität. Dabei lassen sie außer Acht, dass in den erwähnten Religionen R. durchaus
nicht als etwas Positives angesehen wird, sondern als Fluch, den es zu überwinden gilt. Die
verschiedenen Erdenleben werden nicht als Spirale gesehen, die nach oben führt, sondern als
ein sich (fast) ewig drehendes Rad von mühseligen, leidvollen Verkörperungen.

e. Fehlender Lerneffekt: Das Karmagesetz soll uns erziehen. Jedoch fehlt bei fast allen
Menschen die Erinnerung an ihre frühere Existenz und die vollbrachten Taten (die wenigen
Ausnahmen sind fraglich; s.o.). So weiss also niemand, warum er gerade leidet, und hat keine
Möglichkeit, aus seinen Fehlern zu lernen.

f. Unbarmherzigkeit: Ein Beispiel einer ganzen Kultur, die nach den Vorstellungen von R. und
Karma aufgebaut ist, ist die indische. In den Augen eines Hindus hat es keinen Sinn, einem
leidenden Menschen zu helfen, denn dadurch würde man dessen Karma nur aufschieben, nicht
aber aufheben. Wer leiden muss, der wird auch leiden, und nichts kann ihn davor bewahren.
Deshalb kümmert sich ein Hindu - zumindest im Rahmen seines religiösen Systems - nicht um
seinen Nächsten und tut nichts gegen seine Not und sein Elend, da er ja doch nichts ausrichten
kann. Nach diesem Denken muss auch der 2. Weltkrieg als positives Ereignis gesehen werden,
da hier viel Karma abgebaut worden ist. Auch die Juden haben, denkt man konsequent in
karmischen Kategorien, in Hitlers Gaskammern nur ihre gerechte Strafe erlitten. Aber hier
offenbart sich eine weitere Frage: Wurde hier nicht ebenso viel neues Karma geschaffen? Wann
wird das abgetragen? Wo ist der Ausweg aus diesem Kreislauf? Das R.s- und Karma-Denken ist
unbarmherzig und stellt keine wirkliche Antwort auf die Frage nach dem Grund des Leidens dar.

4. Biblische Kritik:

a. R. oder Auferstehung? Rs-lehren gehen von einem zyklischen Weltgeschehen aus: Alles
wiederholt sich zwangsläufig, alles ist schon einmal dagewesen und alles wird wieder sein. -
Christlicher Glaube aber kennt ein lineares Weltbild: Gott, der Herr, hat mit der Schöpfung der
Erde aus dem Nichts einen Anfang geschaffen. Nach dem Sündenfall hatte der Mensch wenig
Erkenntnis von Gott, dieser offenbarte sich erst im Lauf der Geschichte immer mehr. Abraham,
Mose und schließlich Jesus Christus und seine Gemeinde bilden eine Linie der fortschreitenden
Offenbarung. Gott wird dieser Welt ein Ende setzen und etwas vollkommen Neues schaffen. Gott
selbst ist Anfang und Ende (Offb 21,6; 22,13).

Die Seelenwanderungslehre teilt den Menschen dualistisch auf in Leib und Seele, dabei ist der
Leib von geringer Bedeutung. Dies muss so sein, denn die Seele inkarniert sich ja in viele
verschiedene Leiber, die wie Kleider wieder abgelegt werden. - Nach biblischem Menschenbild ist
der Mensch eine Einheit aus Körper und Seele. Der Körper des Menschen wird in der Bibel nicht
gering geachtet. Die Seele des Menschen existiert nicht unabhängig vom Leib und ist auch nicht
das Wahre, das Bessere, das Eigentliche, das den Menschen ausmacht. Bei der Erschaffung des
Menschen machte Gott einen Leib aus Erde, dem er den Lebensatem einhauchte. Dadurch
"wurde der Mensch zu einem lebenden Wesen" (Gen 2,8). In Psalm 139,13 heisst es: "Du hast
mich gebildet im Mutterleibe". Es heisst nicht "Du hast mir einen Leib gebildet im Mutterleib".

Auch die christliche Auferstehungshoffnung zeigt, dass der Mensch nicht nur eine Seele ist, die
vorübergehend von einem nicht so wichtigen Leib überkleidet wird. Es ist in der Tat eine
schwierige Frage, ob und wie der Mensch zwischen Tod und Auferstehung ohne den Leib
existieren kann, jedoch ist dies kein Grund, deshalb den Menschen nur in seiner Seele zu
suchen. In der Auferstehung wird der gesamte Mensch in seinen geistigen und materiell-
stofflichen Dimensionen an sein seliges Ziel kommen. Dem Tod gegenüber steht aber die
christliche Auferstehungshoffnung (1. Kor 15,35-49). Die Auferstehung wird leibhaftig sein, und
auf die Frage, mit was für einem Leib man auferstehen wird - der erste ist ja dann schon verwest
- antwortet Paulus, dass sich der Auferstehungsleib zum jetzigen Körper verhält wie eine Pflanze
zum Samenkorn (1. Kor 15,36-38). Der neue Leib der Erlösten ist unsterblich (1. Kor 15,53 ff.),
unverweslich (1. Kor 15,42.53) und kennt keine Schmerzen (Offb 7,16f.; 21,4).

Im Gegensatz zu modernen R.svorstellungen kennt die Bibel keine Höherentwicklung des


Menschen. Der Mensch ist vollkommen verdorben und sündhaft und daher dem gerechten
Gericht Gottes verfallen. Deshalb werden diejenigen, die durch den Glauben an Jesus Christus
als Retter Vergebung haben, zum ewigen Leben auferstehen, die anderen zur ewigen
Verdammnis (Joh 5, 28f.; Mt 25,41; Mt 3,12.42; 2. Thess 1,9 u.a.).

b. Selbsterlösung oder Erlösung? Die Karmavorstellung ist mit der Erlösung in Christus
unvereinbar. Dem allmählichen Abtragen immer neuer Aktualsünden durch eigene gute Werke im
Laufe vieler Wiederverkörperungen steht die ein für allemal geschehene und vollkommene
Erlösung des Menschen von allen Sünden durch die stellvertretende Selbsthingabe Jesu Christi
am Kreuz in radikaler Weise entgegen, die im Glauben empfangen wird (Röm 3,23 f; 8,1; Eph 2,8
f; Hebr 9,12; s.o.). Gal 6,8 als Entfaltung von Gal 6,7 ist geradezu eine Widerlegung der
Karmalehre und besagt: Der Mensch, der auf sein "Fleisch" sät - das heisst: der auf sein altes,
unerlöstes Wesen und dessen Werke baut (auch auf seine "guten Werke" im Verlauf vieler
hypothetischer Wiederverkörperungen!) -, "der wird von dem Fleisch das Verderben ernten". Wer
aber auf den "Geist" sät - wer allein auf die Kraft Gottes vertraut und die "Frucht des Geistes"
hervorbringt -, "der wird von dem Geist das ewige Leben ernten." Gegen alle
Selbsterlösungsbestrebungen ist das Wort des Paulus gesprochen: "So halten wir nun dafür,
dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben" (Röm
3,28).

c. Findet sich R. in der Bibel? Immer wieder wird behauptet, es gäbe Hinweise auf R. und Karma
in der Bibel. So sei Johannes der Täufer der wiederverkörperte Elias gewesen, und auch bei der
Heilung des Blindgeborenen in Joh 9 sei von R. und Karma die Rede. Man übersieht in dieser
Argumentation jedoch die Einzigartigkeit des Elias und seiner Funktion, durch die er gerade kein
Beispiel für andere Menschen sein kann. Vor allem gilt: Elias ist gar nicht gestorben, sondern er
wurde "entrückt" (2. Kön 2,11), so dass von einer R., die den physischen Tod voraussetzt, nicht
geredet werden kann. Weil Elias nach der biblischen Erzählung nicht gestorben war, herrschte in
der vorchristlichen Überlieferung des Judentums und im jüdischen Umfeld Jesu die allgemeine
Überzeugung, dass der Weggang des Elias "keinen endgültigen Abbruch seiner Beziehungen zur
Erde und zu seinem Volk bedeute, dass der Entrückte vielmehr auch noch in der Gegenwart,
wann er wolle und wie er wolle, auf der Erde erscheine". Gegründet auf Mal 3,1.23f, wo Elias als
"Wegbereiter Gottes" und "Friedensstifter zwischen Vätern und Söhnen" geschildert wird, war die
Erwartung der "Wiederkunft des Propheten Elias am Ende der Tage" ein "feststehender
Glaubensartikel der alten Synagoge" geworden (Strack/Billerbeck, Exkurse zu einzelnen Stellen
des Neuen Testaments, IV/1, 1956, 746.779).

Das Kommen des Elias ist somit an das Kommen des Messias gebunden, dem es vorausgeht.
Johannes der Täufer bereitete als der angekündigte Elias dem angekündigten Messias Jesus bei
seinem ersten Kommen im Fleische den Weg (Mt 3,3 parr). Nur in dieser heilsgeschichtlichen
Konkretion ist das Wort Jesu aus Mt 11,14 zu verstehen, das vollständig heisst: "Er ist Elias, der
kommen soll." Wenn Johannes der Täufer als eine "Verkörperung" des Propheten Elias
verstanden wurde, so ist das vom biblischen Textbefund her im übertragenen Sinn zu verstehen:
Nach Lk 1,17 wird Johannes der Täufer "in Geist und Kraft des Elias" vor dem Herrn hergehen,
was auf die Ausrüstung mit einer besonderen Vollmacht, nicht jedoch auf eine Wesensidentität
hinweist. Nach Joh 1,21 lehnt es Johannes der Täufer sogar ausdrücklich ab, Elias zu sein. Vom
biblischen Gesamtkontext her ist die Vorstellung einer Wiederverkörperung eindeutig
auszuschließen.

Das Gleiche gilt für die Erzählung vom Blindgeborenen (Joh 9). Die Frage der Jünger "Meister,
wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?" (V. 2) scheine – so der
anthroposophische Autor R. Frieling - "bei den Jüngern die Meinung vorauszusetzen, dass ´er`
eventuell selbst durch Sündigen in einem vorangegangenen Erdenleben die Ursache für sein
Blindgeborenwerden geschaffen haben könnte". Es habe damals auch "jüdische Anschauungen"
gegeben, denen zufolge "dieses frühere Sündigen in einem präexistenten seelischen Dasein
hätte möglich sein können". Aus der "abweisenden Antwort" des Christus ("weder er noch seine
Eltern ..."; V. 3) dürfe man nicht eine "prinzipielle Verneinung" der Wiederverkörperung
heraushören. Verneint werde "nur im Hinblick auf gerade diesen speziellen Fall, wo das nicht so
stand" (Christentum und Wiederverkörperung, 1974, 93).

Diese Deutung von V. 2 gibt jedoch nur eine von mehreren Möglichkeiten wieder, und zwar
diejenige, die dem jüdischen Denken zur Zeit Jesu am wenigsten entspricht. Die Lehre von der
Präexistenz der menschlichen Seele findet sich bei den palästinensischen Schriftgelehrten - unter
hellenistischem Einfluss - "erst seit der Mitte des 3. Jahrhunderts so vereinzelt ... dass sie für
Jesu Zeit überhaupt nicht in Betracht kommt" - und damit auch nicht die Lehre von der R..
Hingegen gibt es in der rabbinischen Literatur und auch in der Bibel einige Stellen, die "ein
Sündigen des Kindes im Mutterleib" erwähnen (vgl. Gen 25,22; Ps 58,4 u.ö.), und ganz geläufig
war die andere - auch medizinisch erhebbare - Vorstellung, dass "körperliche Gebrechen der
Kinder auf Versündigungen der Eltern zurückzuführen" sein können (z.B. Blindheit der Kinder
durch eine Geschlechtskrankheit der Eltern) (Strack/Billerbeck, Das Evangelium nach Markus,
Lukas und Johannes und die Apostelgeschichte, 1956, 528f.). Diese Vorstellungen mögen am
ehesten hinter der Frage der Jünger gestanden haben, wogegen der Gedanke an eine
Präexistenz oder gar R. mit großer Wahrscheinlichkeit auszuschließen ist. Und selbst wenn der
Gedanke an R. in der Frage der Jünger anklingen sollte, so wird er doch durch die Antwort Jesu
Christi klar abgewehrt: "Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern die Werke
Gottes sollen an ihm offenbar werden" (Joh 9,3).

Erschwerend für derartige Argumentationsversuche der R.sanhänger kommt hinzu, dass


zahlreiche Bibelstellen die Vorstellung eines wiederholten Sterbens und Geborenwerdens klar
verneinen, z.B. 2. Sam 12,23; 14,14; Ps 78,39; Lk 23,39-43; Apg 17,31; 2. Kor 5,1.4.8; 6,2; Gal
2,16; 3,10-13; Eph 2,8 f.; Phil 1,23; Hebr 9,27; 10,12-14; Offb 20,11-15. In Hebr 9,26-28 etwa
wird die Einmaligkeit der menschlichen Lebensexistenz so selbstverständlich vorausgesetzt, dass
sie als Vergleichspunkt dienen kann, um die Einmaligkeit des Opfers Jesu - im Gegensatz zu
dem jährlich sich wiederholenden Opfergang des jüdischen Hohenpriesters (Hebr 9,25) -
herauszustellen

Die R.s- und Karmalehre widerspricht somit völlig der Mitte des Evangeliums von der
Rechtfertigung des Sünders durch Jesu Sühnetod (Röm 4,5; 5,6-9 u.ö.). Die Bibel verkündigt
nicht die R., sondern die Auferstehung zum Gericht oder zur ewigen Seligkeit. Das ist ihre
eindeutige und rettende Botschaft.
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Anbetungstanz

Alexander Seibel

Was sagt die Bibel zum Tanzen

Tanzen, so lautet eine Meldung in Topic, wird in den Gemeinden auch im Rahmen des
Gottesdienstes immer beliebter. Begonnen hat diese Form des „Lobpreises“ Ende der 60er-Jahre
mit dem Beginn der Jesus-People- bzw. der charismatischen Bewegung. Befürworter berufen
sich darauf, daß uns Gott schließlich ganzheitlich geschaffen habe und es sei deshalb ein
legitimes Mittel, durch seinen Körper seiner Freude Ausdruck zu verleihen. Dafür gebe es doch
im Alten Testament genügend Belege. Als „Kronzeuge“ wird fast immer David zitiert, der
bekanntlich vor der Bundeslade getanzt hat.

In der Geschichte Israels werden nun tatsächlich drei Ereignisse erwähnt, wo Israel, jedesmal
unter der Führung von Frauen, zum Reigen tanzte, um seiner Freude über Gottes Eingreifen und
große Taten Ausdruck zu geben. Nach dem Untergang der Armee Pharaos heißt es: „Da nahm
Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand und alle Frauen folgten ihr
nach mit Pauken im Reigen“ (2. Mose 15,20-21).

Den Reigentanz definiert Zeller: „Der Reigen ist ein Reihentanz, da eine Anzahl Personen sich zu
einem Kreis die Hände reicht und unter dem Schall der Handtrommel...im Kreise sich
herumbewegt, wie beim Ringelreihen unserer Kinder....Es ist der Ausdruck der freudigen inneren
Bewegung“ („Biblisches Wörterbuch“, Verlag, R. Besser, 1856).

Mirjams Reigen wird durch die großen, soeben erlebten Taten Gottes ausgelöst, die bei ihr und
dem Volk solch eine Jubelstimmung bewirken, daß sie spontan mit den Frauen Israels im
Reigengesang die Treue Gottes preist. Der Impuls kam von Gott und führte zu Gott.

Das nächste Ereignis ist das Tanzen von Jephtas Tochter (Richter 11,32-34). Dann lesen wir in
1. Sam. 18,6-7: „Es begab sich aber, als David zurückkam vom Sieg über die Philister, daß die
Frauen aus allen Städten Israels herausgingen mit Gesang und Reigen dem Saul entgegen unter
Jauchzen, mit Pauken und Zimbeln. Und die Frauen sangen im Reigen und sprachen: Saul hat
tausend erschlagen, aber David zehntausend.“

Hier ist zu betonen, daß keines der Ereignisse Inhalt eines normalen Gottesdienstes war. Es
handelte sich um spontane Freudenkundgebungen über die Siege Gottes, die damals auch noch
mit vielen Erschlagenen auf Seiten des Feindes verbunden waren.

Da unser Kampf heute nicht mehr mit Fleisch und Blut ist (Eph. 6,12), läßt sich schon daraus für
das Zeitalter des Neuen Bundes eine andere Beurteilung vermuten. Jedenfalls wäre es höchst
fragwürdig, solche Stellen direkt auf unsere Situation zu übertragen.

Dann wird der Tanz bzw. Reigen öfters in den Psalmen, insgesamt viermal (Ps. 30,12; 87,7;
149,3; 150,4), erwähnt, wobei besonders die beiden letzten Psalmen von Befürworten des
Tanzes heute gerne ins Feld geführt werden. Doch schon Psalm 149 zeigt wiederum eine
ähnliche Problematik. Denn Vers 3 erwähnt zwar zum Lob Gottes den Reigen, die Pauken und
Harfen, die Verse 6-9 ergeben aber wiederum einen sehr martialischen Aspekt, der bei wörtlicher
Anwendung, wie für Vers drei eingefordert, in einem Massenabschlachten der Gottlosen enden
würde. Solche Stellen sind unmöglich für die gegenwärtige Gemeindezeit anwendbar, sondern
beziehen sich hier auf Verheißungen für das irdische Bundesvolk Israel bzw. geben einen
Ausblick auf das messianische Friedensreich. Von daher ist es mehr als problematisch, solche
Passagen, besonders mit Berufung auf den nächsten Psalm 150, als Inspiration zur
Direktumsetzung für den neutestamentlichen Gottesdienst einzufordern.

Die anderen Bibelstellen, wo tanzen noch im Alten Testament erwähnt wird, meistens als
Vergleich oder gleichnishaft, sind Sprüche 26,7, Pred. 3, 1 u. 4, Jer. 31,4 u. 13 und Klagelieder
5,15.

Israel hatte also besondere Gelegenheiten, verbunden mit den sichtbaren Anlässen, z.B. Siegen
oder Festen, seiner Freude durch Reigentanz Ausdruck zu verleihen. Mit dem normalen
Gottesdienst hatte dies allerdings nichts zu tun. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, daß
keine Silbe von Tanz im Gesetz des Mose zu finden ist. Dabei waren es ja gerade diese
Anweisungen, die den Gottes- und Priesterdienst bis in kleinste Details regelten. So kann man
jetzt schon sagen, wie einmalige Ereignisse aus dem Alten Testament von Befürwortern des
gegenwärtigen Tanzens als Anleitung für gemeindliche „Dauerbrenner“, noch dazu im Zeitalter
des Neuen Bundes, genommen werden.

Besonders auffällig ist dies bei der „Kardinalstelle“ zur angebliche Rechtfertigung des Tanzens
heute, nämlich Davids Tanz vor der Bundeslade (2. Sam. 6,5 und 14). Auch hier handelt es sich
um ein besondere und nicht normales Begebenheit. Man muß im Gegenzug die Frage stellen,
wie oft denn David getanzt habe? Insgesamt zweimal, nachdem beim ersten Mal die Sache im
Gericht endete, da man die Techniken der Heiden für den Transport der Bundeslade
übernommen hatte (Vers 6).

Wer sich also nun auf David beruft, um Tanz zum normalen Ereignis eines Gottesdienstes
hochzustilisieren, dem ist zu entgegnen, daß man zufrieden wäre, würde er so oft wie David
tanzen. Man nimmt ein punktuelles Ereignis und leitet daraus ein Verhaltensmuster für eine
bleibende Gottesdienstform ab. Dies ist übrigens ganz typisch für den schwärmerischen Umgang
mit der Bibel, der ein heilsgeschichtliches Denken so gut wie nicht kennt. Ganz abgesehen
davon, daß man eine Bibelstelle auch in ihrem Zusammenhang stehen lassen muß. Hätten wir
also heute noch die Beschneidung, das davidische Königtum, die Bundeslade, den levitischen
Tempeldienst usw., dann bestünde in etwa eine Berechtigung, solch eine Stelle für unsere Tage
anzuwenden.
Doch wer den Gott der Bibel kennt, weiß, wie gerade mit dem Beginn der Gemeinde die
systematische Verlagerung des Sichtbaren in das Unsichtbare einsetzte. Berühmtes Beispiel
dafür ist das Gespräch Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen. War früher der sichtbare
Berg oder Ort die Stelle der Gottesbegegnung, so ist es heute unsichtbar und kein Mensch muß
mehr nach Jerusalem pilgern, um den wahren Gott anzubeten. Ähnlich hat der selbe Gott, der
Paulus zu Beginn noch sichtbar aus dem Kerker befreite (Apg. 16,26), seinen Diener später in
sichtbaren Ketten gelassen. Jedoch als ein im Unsichtbaren Befreiter, obwohl im Gefängnis,
schrieb Paulus seine größten Epistel für die Gemeindezeit (Epheser- und Kolosserbrief).

So läuft in der Bibel im allgemeinen und besonders im NT die Entfaltung für die Gemeinde vom
Sichtbaren zum Unsichtbaren (2. Kor. 4,18; 5,7). Heute, im Zuge des endzeitlichen Abfalls, ist
eine umgekehrte Entwicklung zu beobachten. Sucht man nun nach Stellen zum Thema Tanz im
Neuen Testament, so begegnet einem im Prinzip eine große Leere, was auch nicht überraschen
sollte.

Es hat eigentlich nur drei Stellen, wo Tanzen bzw. Reigen erwähnt wird. Mt. 11,17, wo der Herr
einen Vergleich mit dem Kindertanzspiel vornimmt. Dann wird in Luk. 15,25 berichtet, wie die
Heimkehr des verlorenen Sohnes mit Liedern und Reigen gefeiert wird. Doch hier handelt es sich
ja um das vielleicht bekannteste Gleichnis der Bibel, kein tatsächliches Tanzereignis.

Das einzige Mal, wo im NT wirklich getanzt wurde, war bei dem Geburtstagsfest des Herodes
Antipas (Mark. 6,22), und zwar durch seine Stieftochter Salome. Als Folge davon wurde
Johannes der Täufer geköpft (Vers 27). Von daher ist der neutestamentliche Befund zum Thema
Tanzen nicht gerade ermutigend, milde formuliert.
Diese Begebenheit veranlaßte den Fürst der Prediger, den Baptisten Spurgeon, bei einem
Vortrag zu demselben Thema zu folgender Aussage: „I have great fear talking about this subject,
because the head of the first baptist (gemeint ist Johannes der Täufer, John the Baptist, Anm.)
was danced off “. (Ich habe große Angst, über dieses Thema zu sprechen, denn der Kopf des
ersten Täufers wurde weggetanzt).

Auch erklärt Paulus in Röm. 8,23, wie wir auf des Leibes Erlösung warten. Wir sind zwar durch
die Sünde ganzheitlich gefallen, aber nicht ganzheitlich erlöst. Die Erlösung des Leibes ist noch
zukünftig (1. Kor. 15,54). Weil der Leib nicht erlöst ist, gehört Tanz immer noch zu dem
bevorzugten Ausdruckmittel der gefallenen Welt und löst dementsprechende Lüste und
Begierden aus. So hat David Wilkerson als unverdächtiger Zeuge geklagt, daß, seitdem die
Charismatiker mit Tanz im Gottesdienst begonnen haben, die sexuellen Sünden überhand
nahmen.

Im biblischen Christentum läuft die Erkenntnis über den Sinn (Gr. nous) des Menschen, nicht
über das Gefühl. Der Glaube kommt bekanntlich aus der Predigt (Röm. 10,17). Die Bibel erklärt,
daß, wer Jesu Worte hört und versteht, ein guter Boden ist (Mt. 13,23) und spricht von den
Menschen der letzten Tage, daß sie zerrüttete Sinne (nicht zerrüttete Gefühle) haben, untüchtig
zum Glauben (2. Tim. 3,8). Auch erklärt Paulus gerade den Korinthern in 1. Kor. 14,6-19 lang und
ausführlich, wie Manifestationen, die keinen Sinn ergeben, bzw. nicht verstanden werden, für den
biblischen Gottesdienst unbrauchbar sind (z.B. Verse 8-9). Es geht um geistliche Erkenntnis,
nicht Ekstase oder Irrationalität.

Im Heidentum dagegen ist man seiner Gottheit um so näher, je mehr man buchstäblich außer
sich ist, was Ekstase eigentlich bedeutet. Um diesen veränderten Bewußtseinszustand zu
erreichen, ist Tanz seit dem Beginn der Menschheit ein bevorzugtes Mittel. Es ist auch von daher
nicht überraschend, daß die Beliebtheit des Tanzes im christlichen Rahmen in die Zeit des
Einbruchs von New-Age und Neuheidentum fällt, das immer deutlicher seine Einflüsse auch auf
die Gemeinde offenbart. Man denke nur an den Wertewandel, der sich im ethischen Bereich
vollzogen hat, von dem die Kinder Gottes keineswegs ausgeklammert sind. Gerade im New-Age
ist Tanz bzw. Körperbewußtsein eine beliebte Form zur angeblich „ganzheitlichen“ Therapie des
Menschen.

Auch können diese Körperbewegungen, jedenfalls ab einer gewissen Intensität und Lautstärke
der Musik, das Ausschütten von Endorphinen, sog. Glückshormonen, bewirken. Und das ist es,
was in unserem hedonistischen Zeitalter zählt. Nicht primär Wahrheit und geistliche Erkenntnis,
sondern der beglückende Zustand des Rausches, das „schöne Feeling“ in einer
Wohlfühlgesellschaft.

So schreibt Benedikt Peters, als jemand der vor seiner Bekehrung mit Hindus und Moslems in
Indien zusammengelebt hat, in Verbindung mit den Ereignissen in Offb. 19,1-5: „Es werden uns
die Gründe genannt, warum der Himmel jubelt: dreimal steht ein erklärendes ‘denn’. Das zeigt
uns, daß Anbetung immer begründet ist. Sie wird durch Erkenntnis des Wesens, der Wege und
der Werke Gottes geweckt. Das ist sehr wichtig in einer Zeit, da immer mehr Christen heidnische
Vorstellungen von Anbetung haben: Sie denken, anbeten heiße, sich in erhabene Gefühle
hineinzusteigern, sich durch äußerliche Stimulanzien wie entsprechende Musik, Händeklatschen,
Tanzen usw. in eine besondere Stimmung hineinversetzen zu lassen. Das ist vollständig
heidnisch. So dienen etwa Hindus oder muslimische Derwische ihren Göttern. Nicht aus
Umständen oder Gefühlen, sondern von Gott selbst geht der Anstoß zur Anbetung aus: «Von dir
kommt mein Lobgesang in der großen Versammlung (Ps. 22,25)“, („Geöffnete Siegel“,
Schwengeler-Verlag, S. 130-131).

Von daher ist es bemerkenswert, daß noch eine Stelle im NT mit Tanzen übersetzt werden kann.
Es handelt sich um 1. Kor. 10,7. Hier steht im Grundtext paizw (paizo), was wörtlich sich wie ein
Kind benehmen heißt, und mit Tanzen, Spielen, Hüpfen wiedergegeben werden kann. Diese
Stelle steht in der Bibel als ernste Warnung, bezugnehmend auf das Goldene Kalb.

Und dies ist nun der eigentliche Tatbestand, der sich vor unseren Augen abspielt. Ein
zunehmender Infantilismus, manchmal ein Betragen, das mehr an einen Kindergarten denn an
geistliche Reife erinnert. Zwar beruft man sich für sein graziles Verhalten gerne auf David, der,
wie bereits erwähnt, vor der Bundeslade tanzte. Die Ablehner gegenwärtiger ähnlicher
Darbietungen werden gerne mit Michal verglichen, die ihren Mann in ihrem Herzen verachtete.
Doch was sich tatsächlich heute ereignet ist im Prinzip der Tanz ums Goldene Kalb. Ähnlich wie
damals wird es Jahwes Fest (2. Mose 32,5), heute Lobpreistanz zur Ehre Gottes genannt, doch
in Wirklichkeit feiert man sein ungekreuzigtes Fleisch. Man baut mit dieser Musik und den damit
verbundenen Körperbewegungen keine Beziehung zu Gott, sondern in Wirklichkeit zu sich selbst
auf.

Brian Edwards ist in dem sehr empfehlenswerten Buch „Shall We Dance?“ (Evangelical Press,
England) der Frage nachgegangen, wann Tanz und Theater besonders einflußreich in der
Kirchengeschichte waren? Sein Ergebnis: Immer in den Zeiten des Niedergangs und Verfalls
nahmen diese Elemente überhand. Kaum hatte die Gemeinde Erweckung, kehrte sie zum Wort
allein zurück, und Theater und Tanz waren kein Thema mehr. Von dieser Diagnose her besehen,
wäre es auch höchst überraschend, wenn in unseren Tagen Tanz und Theater keine Bedeutung
hätten.

Der Götze dieser Generation ist durch die Macht des Bildes längst das Gefühl und Fleisch
geworden und gerade diesen zu Ehren wird getanzt. Es ist von daher auch nicht zufällig, daß
Tanz besonders in charismatischen und ähnlich verwandten Strömungen propagiert wird, da es
Bewegungen sind, die primär das Gefühl ansprechen und oft genug auch den Sinnenrausch bzw.
den veränderten Bewußtseinszustand (man denke nur an den Toronto-Segen ) anstreben und
sehr oft verstandesfeindlich sind.

So kann man zusammenfassend sagen: Der Bibel ist Tanzen nicht fremd. Die Bibel unterscheidet
zwischen geistlichem und fleischlichem Tanzen. Geistliche Tänze sind spontane Tänze, die durch
ein göttliches Handeln ausgelöst werden und zum Lobe Gottes getan werden. Sie sind form- und
regellos und die wahren Freudentänze.

Die Bibel kennt kein Tanzen im Gottesdienst. Dem Neuen Testament ist Tanz fremd. Die
Gemeinde tanzte nicht, auch Gruppen oder Einzelne tanzten nicht. Weder die Jünger bei dem
Pfingstereignis, noch die Gemeinde, als sich zu Beginn der Predigten des Petrus Tausende
bekehrten. Paulus tanzte nicht noch Johannes nach dem Empfang des letzten Buches der Bibel.
Weder der Herr, noch seine Apostel, die Jünger oder die Gemeinde tanzten.

Dies soll nicht so verstanden werden, als dürfe ein Kind Gottes bei keiner Gelegenheit mehr
tanzen. Es gibt sicherlich freudige Ereignisse, wie eine Hochzeit oder andere Feste, wo man in
dieser Form seiner Freude Ausdruck verleihen darf. Doch im gottesdienstlichen Rahmen ist Tanz
undenkbar und zutiefst heidnisch.

Auch wenn das biblische Urteil so eindeutig ausfällt, wäre es naiv anzunehmen, daß sich diese
Generation von enthusiastischen Gläubigen davon beeindrucken oder etwas sagen ließe. Diese
Gedanken werden wahrlich nicht nur auf Gegenliebe stoßen. Wir leben in den Tagen, wo sich die
Frommen die Lehrer aufladen, wonach ihnen die Ohren jucken (2. Tim. 4,3-4) und es gibt kaum
ein Fehlverhalten heute, das nicht mit gewissen Bibelstellen scheinbar begründet wird. So
möchte ich wenig optimistisch mit der Klage Jeremias abschließen: „Sie halten so fest am
falschen Gottesdienst, daß sie nicht umkehren wollen“ (Jer. 8,5).

Alexander Seibel
Die Hervorhebungen im Text wurden von mir vorgenommen. Horst Koch, Herborn, im Februar
2009.

www.horst-koch.de
info@horst-koch.de

ANHANG

Kann man Gebete tanzen?

Von Alexander Seibel

Als neuester Schrei war in der letzten Charisma folgendes zu lesen: Tänzer in ihren farbenfrohen
mit Perlen und Federn , Lederfransen und Glöckchen dekorierten Bekleidung betreten die Bühne
zum Sound der traditionellen Trommel. Die Tänzer bewegen sich um den Kreis der Trommler.
Aufmerksam folgen die Zuschauer den Tänzen und klatschen im Rhythmus.
Was für den Uneingeweihten wie eine Kulturvorführung erscheint, ist weit mehr, wie der Leiter
der Gruppe Broken Walls, Jonathan Maracle, dem Publikum mitteilt. Ihre Musik, ihre Tänze und
ihre Kleidung – das ist alles eine von Herzen kommende Anbetung ihres Schöpfers und Retters,
Jesus Christus. Die Indianer tanzen ihre Gebete! (Nr. 139, Jan. – März 2007, S. 16)
Maracle ist selber Indianer und hat den Wunsch, als Christ und Indianer, die Anbetung mit
stammestypischem Charakter auszudrücken.

Man sieht, wenn man sich einmal diesen Dingen öffnet, gibt es kein Halten mehr. Erst hat man
mit Tanz Gott angeblich angebetet, jetzt werden Gebete sogar getanzt.

Vorreiter für diese letzte Neuheit ist wieder einmal Charisma, das Flagschiff der charismatischen
Publikationen. Das Heidentum, nicht nur in der Moral, breitet sich in unserer Generation immer
hemmungsloser aus und dringt, gewöhnlich mit Charismatiker als Brückenkopf, immer mehr in
die frommen Kreise ein. Indianertanz als angeblich neue Gebetsform! Der Synkretismus ist
überhaupt nicht mehr getarnt. Der vom Zeitgeist geprägte Christ feiert immer ungehemmter sein
Fleisch und nennt dies alles geistlich. Der Tanz um das Golden Kalb und die Berauschung
unserer Christenheit marschieren fröhlich voran.

In 1. Kor. 10,7 heißt es: Werdet auch nicht Götzendiener, wie einige von ihnen es wurden, wie
geschrieben steht: »Das Volk setzte sich nieder, um zu essen und zu trinken, und stand auf, um
zu tanzen.«

Das hier im Griechischen gebrauchte Wort „paizo“ heißt wörtlich, sich wie ein Kind, griechisch
„pais“, zu benehmen. So wird dies je nach Bibelübersetzung als spielen, tanzen oder hüpfen
wiedergegeben. Das sogenannte „Anbetungskonzert“ Calling All Nations am 15. Juli letzten
Jahres war eine Art Paradebeispiel solchen Verhaltens. Allerdings musste Paulus schon vor fast
2000 Jahren in seinem Brief an die Korinther klagen, dass sie „kindisch“ seien (1. Kor. 3,1). Doch
dank dieser modernen Strömungen haben wir einen zunehmenden Infantilismus, einen
wachsenden Kindergarten, mit dem nun angeblich, dank geistlicher Kampfführung und
Gebetsmärsche, die Festungen der Finsternis ins Wanken gebracht werden.

Vielleicht charakterisieren zwei Zitate von dem brillanten Apologeten Ravi Zacharias diesen
gegenwärtigen Trend: Wenn Emotionen den Verstand als Geisel nehmen, dann kommt damit ein
zerstörerisches Element ins Spiel. Erst wenn die Emotionen in Zaum genommen und durch die
Wahrheit gelenkt werden, kommt ein legitimer Ausdruck der Anbetung dabei heraus...
Wenn sinnleere Wiederholungen zur Gewohnheit werden, wiederholen wir sie nur noch mehr,
und mehr Sinnlosigkeit ist die Folge. Vielleicht ist das der Grund, warum Anbetung in unserer Zeit
einer Neuerung nach der anderen nachjagt und so zur Verdummung degeneriert (Sehnsucht des
Herzens Gottes Nähe wieder spüren, Brunnen Verlag Gießen, 2003, S. 242 und S. 254)

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Positives Denken
Hansjörg Hemminger

„Denk' Dich gesund“ - die Überschätzung mentaler Glaubenssätze:

Positives Denken und NLP

Positives Denken
Neurolinguistisches Programmieren
Schnell Helfer werden, schnell Erfolg haben?
Mentale Magie - eine Kritik
Literatur

Positives Denken: Der amerikanische Traum als Weltanschauung

Kern des Positiven Denkens ist die Idee, daß Gedanken Macht über die Dinge haben, und daß
sich das, was der Mensch sich zum Guten und Bösen vorstellt, in der Praxis verwirklicht. Daher
zielt das Positive Denken auf die Kontrolle von Bewußtseinsinhalten.

"Aus der Pflege glücklicher Gedanken und Gewohnheiten entsteht auch ein glückhaftes Leben.
Glückliche Gewohnheiten entspringen einem befreiten und glücklichen Denken. Machen wir uns
eine Erinnerungsliste glückbringender Gedanken und werfen wir täglich mehrmals einen Blick
darauf. Wenn unzufriedene und düstere Gedanken Einlaß begehren, müssen wir sie
augenblicklich und mit Entschiedenheit abweisen und - das ist wichtig - durch einen guten,
glücklichen und zufriedenen Gedanken ersetzen."

Positives Denken bezeichnet also nicht eine optimistische Lebenseinstellung. Vielmehr geht es
um einen “kosmischen Mechanismus”. Der Mensch bzw. sein Unterbewußtsein bzw. sein
höheres Selbst werden mit positiven Gedanken programmiert, von denen man glaubt, daß sie die
Realität nach sich ziehen. Es handelt sich um ein Glaubenssystem, dessen Wurzeln im
Idealismus und Okkultismus des 19. Jahrhunderts liegen, das sich aber im Jahr 2000 immer noch
als erstaunlich vital erweist. Ein Beispiel dafür sind die Bücher des bereits 1970 verstorbenen
Napoleon Hill, der altmodischste und amerikanischste unter den Autoren des Positiven Denkens.
Reichtum, Macht und Ruhm, soziales Ansehen und privates Glück sind für ihn verschiedene
Seiten des “amerikanischen Traums”, die sich aufgrund derselben Geistesmagie ergeben, die er
als magischen Schlüssel bezeichnet. Der Begriff Glaube, der bei den religiöseren Vertretern (z.B.
Dale Carnegie, s.u.) anders besetzt ist, bedeutet bei Napoleon Hill einen kraftvollen Zustand des
menschlichen Geistes, der Reichtum garantiert. Um dem Kosmos den einem zustehenden
Reichtum abzuringen, muß man mit Disziplin und Ausdauer einfache Regeln befolgen:
“Entfalten Sie Ihre ganze Willenskraft und ergreifen Sie die uneingeschränkte Herrschaft über
Ihren Geist! Es ist Ihr Geist! Er wurde Ihnen geschenkt als ein Diener, der Ihre Wünsche zu
erfüllen hat. Niemand darf in Ihren Geist eindringen oder ihn auch nur im geringsten beeinflussen,
ohne daß Sie zustimmen...”
Als weitere klassische Vertreter wären beispielhaft zu nennen: Joseph Murphy und Dale
Carnegie („Sorge dich nicht - lebe!“), als moderne Epigonen Og Mandino und Nikolaus B.
Enkelmann sowie Roland Arndt. Die Wirkungsgeschichte des Positiven Denkens geht reicht
jedoch weit darüber hinaus. Der gegenwärtige Erfolgsglaube, der sich in „Motivationstagen“ und
„Reichtumsanleitungen“ manifestiert, verdankt sich zu einem erheblichen Teil dieser Tradition (s.
das folgende Kapitel).

Der Gedankenmagie des Positiven Denkens entspricht ein idealistisches Menschenbild. Von
Enkelmann und Arndt wird in typischer Argumentation festgestellt:
“Bei unserer Geburt waren wir eine für diesen Zustand vollkommene Persönlichkeit und erst
später bekamen wir unsere Macken, Ecken und Kanten. Aber nicht nur durch unsere Eltern,
sondern durch Nachbarn, Bekannte, Verwandte, Arbeitskollegen und Fremde”. Die beiden
Autoren verstehen deshalb wie viele andere ihre Lehre als einen Weg aus der Entfremdung vom
eigentlichen, erfolgreichen Selbst: “Wir haben dieses Erfolgssystem für Menschen entwickelt, die
Veränderungen einleiten und durchsetzen wollen..... Es ist ein System für Menschen mit einer
positiven Einstellung zum Leben und zur Welt. Mit der Fähigkeit, so vorzugehen wie es
beschrieben steht, werden Sie alles erreichen, was ein Mensch hier auf Erden erreichen kann”.

Positives Denken ist deshalb sowohl ein “Lernen am Modell”, nämlich am Beispiel erfolgreicher
Personen, als auch eine Anleitung zur suggestiven Fremd- und Selbstbeeinflussung. Die
Programmierung des Denkens soll einerseits auf dem Weg der Selbsthilfe möglich sein, indem
Regeln oder Gesetze gelernt und im Leben umgesetzt werden. Die Gültigkeit dieser Regeln
wiederum wird von Personen verbürgt, die Erfolg hatten (oder dies glaubwürdig behaupten). Die
tägliche Praxis wird durch Hilfsmittel unterstützt. Es gibt Kalender für Manager mit dem täglichen
positiven Sinnspruch. Über Telefon ist es möglich, einen positiven Impuls für den Tag zu
bekommen; Subliminaltonträger sind im Angebot, deren unterschwellig aufzunehmenden
Botschaften Erfolge bringen sollen (z.B: "Mehr erledigen in weniger Zeit"), Audio- und
Videokassetten dienen der Suggestion mit technischen Mitteln usw.

Es ist kaum notwendig zu betonen, dass das Positive Denkens weder in der Fachpsychologie
noch in anderen Humanwissenschaften einen Anhalt besitzt. Trotzdem hat es einige günstige
Auswirkungen, allerdings nicht aus geistesmagischen Gründen. Wichtigster Grund ist der
Mechanismus der “self-fulfilling prophecy”. Was man erwartet, hat die Tendenz einzutreten, da
man sich häufig so verhält, daß man das erhoffte oder gefürchtete Ereignis fördert. Daher hat es
günstige Auswirkungen, wenn man - auf welchen Wegen auch immer - Zuversicht vermittelt und
die Willenskraft stärkt. Zukunftsorientierung ist hilfreicher als ein Grübeln über die Vergangenheit
usw. Hinzu kommt der Stressabbau durch die kontemplativen Übungen, die mit dem Positivem
Denken verbunden sind. Dabei kommt es jedoch nicht auf die Inhalte an, sondern auf die
Ruhepausen, die Stille und die Aufmerksamkeit für das eigene Innere. Sven Tönnies meint sogar:
"Die konstruktiven Änderungen, die durch das positive Denken zu erreichen sind, können
demnach nicht auf die affirmativen Selbstsuggestionen zurückgeführt werden. Die treten auch
ohne diese, allein infolge der Entspannung ein."

Die günstigen Effekte erklären den - subjektiv meist ehrlichen - Eindruck vieler Anhänger,
Positives Denken habe ihnen geholfen. Allerdings handelt es sich um kurzfristige und alltägliche
Effekte, die sich verlieren, besonders wenn man sie zu häufig in Anspruch nimmt. Daher
berichten viele ehemalige Anhänger von einer anfänglichen Euphorie, die später der
Ernüchterung oder sogar einem deprimierenden Absturz wich.

Die Risiken des Positiven Denkens kann man mit dem Stichwort Realitätsverlust
zusammenfassen. Zum einem tritt dann Realitätsverlust ein, wenn man die Ziele so hoch ansetzt,
daß sie unerreichbar sind. Dann werden Lebensentscheidungen gefällt, die in die Verschuldung
führen, menschliche Beziehungen belasten usw. Die Gründe brauchen hier nur angedeutet zu
werden: Das Positive Denken berücksichtigt weder die unterschiedlichen Fähigkeiten der
Menschen, noch ihre unterschiedliche Persönlichkeitsstruktur noch die Wechselwirkung zwischen
der individuellen Psyche und deren sozialer Umgebung. Außerdem gibt es für das Positive
Denken angeblich keine unlösbaren Probleme, nichts was auszuhalten oder als unabänderlich
anzunehmen wäre. Damit wird ein Teil der Kompetenz, mit Problemen umzugehen, gerade nicht
entwickelt. Krankmachend wirkt es, wenn Versagen, Unglück und Leid als vom Menschen
selbstverschuldet gesehen werden. Dann hat man als erfolgloser oder leidender Mensch die
Methode falsch angewandt, man war nicht eifrig genug, nicht konsequent genug usw. - jedenfalls
war man selbst an allem schuld. Besonders Günther Scheich beschreibt solche Fälle aus seiner
psychologischen Praxis.

Neurolinguistisches Programmieren: Unsinn ausmerzen?

Das Neurolinguistische Programmieren entstand in den siebziger Jahren in den USA. Soweit es
sich um eine fachlich vertretbare Form handelt, gehört es zu den kognitiven Psychotherapien. Im
Zentrum steht eine konstruktivistische Theorie des Denkens: Danach baut sich aus den
Sinneserfahrungen, eine “Innenwelt” auf, an der sich unser Denken - und damit unser Handeln -
orientiert. Um die Sinneseindrücke zu einer inneren Repräsentation der Welt verarbeiten zu
können, müssen sie “gefiltert” werden. Biologische Mechanismen, aber auch soziale
Erwartungen, wirken deshalb auf die Entwicklung der Innenwelt ein. Ihre Struktur kann man
wahrnehmen, nämlich als innere Bilder, als einen inneren Dialog usw.

Alle Denkvorgänge lassen sich laut NLP als eine Abfolge innerer Repräsentationen beschreiben,
wobei verschiedene Menschen Eindrücke bevorzugt visuell, auditiv, kinästhetisch usw.
repräsentieren. Jede dieser inneren Konstruktionen kann jedoch auch defizitär sein. Dann bewirkt
sie problematisches Denken und Handeln bzw. Fehlanpassungen. Der Kern der NLP-Methode
liegt in der Annahme, man könne die innere Konstruktion des Selbst- und Weltbilds mit Hilfe der
Sprache, auch durch einige Übungen, in Richtung besseren Problemlösens, besserer
Anpassung, besserer Effizienz usw. verändern.

Nach Bandler und Grinder (1984) entstand das NLP, indem sie erfolgreiche Therapeuten
verschiedener Schulen beobachteten, nämlich Fritz Perls (Gestalttherapie), Virginia Satir
(Familientherapie) und Milton H. Erickson (Hypnosetherapie). Daraus ergab sich das NLP
angeblich in einem jahrelangen Forschungsprozess, der von Walker (1998) nacherzählt wird.
Diese Ursprungslegende ist jedoch nicht plausibel, da ihre angebliche Analyse therapeutischer
Interaktionen von Bandler und Grinder nirgends dokumentiert wurde. Wahrscheinlich war es eher
so, daß Bandler und Grinder, inspiriert von den eindrucksvollen Arbeiten von Satir und Erickson,
eine eigene Interpretation therapeutischer Prozesse entwickelten. Die Vermutung einer
Legendenbildung liegt auch deshalb nahe, weil das Werk Bandlers und Grinders von
Behauptungen wimmelt, man habe Sachverhalte (zum Beispiel neurophysiologische) festgestellt,
für die es in Wirklichkeit keine empirische Grundlage gibt (s.u.). Die Stärke des NLP liegt
eindeutig nicht in der Theorie, sondern in der Praxis.

„Ich bin sehr gut darin, Unsinn auszumerzen...“ behauptet Richard Bandler (Amsler 1999). Die
vom NLP bewirkte Veränderung wird als Umprogrammierung neuronaler Verknüpfungen
verstanden. “Wenn jemand meint, in einer verfahrenen Situation zu sein, und keinen Ausweg
sieht, so könnte das an seinem inneren Atlas liegen, mit dem er sich selbst den Weg verstellt.”
(Winiarski 1997 S. 9) Man meint also durch sprachliche Interventionen den “inneren Atlas”
vervollständigen zu können: “Ziel ist dabei, die 'krankmachende' Sprache, die Veränderungen
verhindert, zu erkennen und damit zusammenhängende negative Grundüberzeugungen
umzuwandeln.” (S. 12)
Entscheidend ist folglich die Analyse der kognitiven Strukturen, die mit dem Problem des Klienten
zu tun haben. Dies geschieht durch eine Analyse sprachlicher Äußerungen und anderer
Verhaltensweisen, zum Beispiel der Augenbewegungen. Eine nach oben weisende
Augenposition zeigt danach an, daß wir uns mit inneren Bildern beschäftigen (visuelles
Repräsentationssystem), eine mittlere steht in Zusammenhang mit auditiven Repräsentationen.
Eine untere Blickrichtung soll meist unten rechts mit Gefühlen, auch mit Geruchs- und
Geschmacksrepräsentationen zu tun haben, während wir angeblich nach unten links blicken,
wenn wir mit einem inneren Dialog beschäftigt sind. Diese Zusammenhänge können zum
“Umprogrammieren” benutzt werden: Man unterstützt zum Beispiel lebhafte Vorstellungsbilder
zukünftiger Situationen, wenn man nach rechts oben blickt. (Rechts wird angeblich die Zukunft,
links die Vergangenheit repräsentiert.)

Eine Persönlichkeitsdiagnostik oder eine Störungsdiagnostik gibt es beim NLP jedoch nicht. Alle
Probleme lassen sich durch Einwirkungen auf die kognitive Repräsentation von Selbst und Welt
lösen. Das NLP bietet dafür eine Reihe von Interventionen an, die schnell zu erlernen sind.
Praktisch vielleicht am wichtigsten ist eine dialogische Fragetechnik, mit der versucht wird, die
“innere Repräsentation der Wirklichkeit” im Denken eines Klienten konstruktiv zu erweitern. Ein
Beispiel:
“Man ist immer gegen mich.”

Die Betrachtungsweise solcher Aussagen als „Unsinn“ (Bandler) führt zu Rückfragen, durch die
(in diesem Fall) Generalisierungen und Tilgungen im Denken revidiert werden sollen:
“Wer ist man...? Wann und wo genau war jemand gegen Sie? Warum gegen Sie und nicht gegen
andere?” usw.
Andere Methoden würden evt. ähnliche Rückfragen nahelegen wie “Das sollten Sie mir näher
erklären. Können Sie ein Beispiel geben?”

Ebenso sinnvoll könnte es aber sein, auf die nonverbale “Botschaft” zu reagieren.
“Das klingt resigniert. Fühlen Sie sich wirklich so?”

Diese Möglichkeit eröffnet das NLP von der Theorie her kaum. Von daher entgehen den NLP-
Anwendern leicht die emotionalen Unterströmungen einer Aussage, und sie haben ihre eigene
Emotionalität zu wenig im Blick. Ansonsten ist diese Fragetechnik in der Psychotherapie alles
andere als originell, kann aber helfen, gezielt zum Kern eines Problems zu kommen. Ebenfalls
schon lange bekannt ist das “Reframing”, das Umdeuten eines Sachverhalts in positive Richtung.
Man versucht, aus einer unangenehmen Situation günstige Möglichkeiten herauszulesen und
Schwächen auch als Stärken zu interpretieren. Zum Beispiel ist es denkbar, eine Neigung zum
Flunkern als lebhafte Phantasie zu deuten. Man nimmt das “Reframing” zum Anlaß um zu
überlegen, wie die guten Seiten einer Sache besser zum Tragen kommen können, während
Nachteile vermieden werden sollen.
Zwei Kommunikationstricks des NLP heißen “Pacing” und “Leading”. Beim “Pacing” nimmt der
Helfer dieselbe Körperhaltung ein wie der Klient, bewegt sich im selben Rhythmus usw. Dadurch
spiegelt er dem Klienten dessen innere Haltung zurück und kann sie selbst besser wahrnehmen.
Wenn der Helfer die Körpersignale verändert, um über ein “modeling” eine andere Haltung zu
vermitteln, spricht man von “Leading”. Diese Vorgänge, die in Beratungsgesprächen usw. ständig
ablaufen, werden im NLP bewußt wahrnehmbar. Andere Schulen, zum Beispiel fast alle
Körpertherapien, lehren solche Vorgehensweisen ebenfalls.

Unter “Ankern” versteht man das Verknüpfen von Stimmungen und Haltungen mit bestimmten
Signalen, mit denen man sie angeblich auslösen kann. Zum Beispiel soll man Prüfungsangst
dadurch bekämpfen können, daß man sich ein angenehmes, erfolgreiches Prüfungsgespräch
vorstellt und dabei seine Stirn berührt. Wenn man dann vor der Prüfung nervös wird, soll das
Berühren der Stirn die gute Stimmung wieder wachrufen. Andere Methoden, wie das “Chunking”,
das “Kalibrieren” usw. seien nur erwähnt. Sie sind ähnlich nützlich wie das “Pacing” usw.,
allerdings auch (unter anderen Namen) ähnlich allgemein verbreitet. Ebenso nützlich ist die
Regel, daß jeder NLP-Arbeit eine Zielbestimmung vorangehen sollte. Auch dieser Punkt (zum
Beispiel die Klärung des “Auftrags” in einer Beratungsbeziehung) gehört zum Standard-
Repertoire fachlicher Methoden.

Das soziale Umfeld eines Menschen und seine Beziehungsstruktur kommen im NLP nur am
Rand vor. Zum Beispiel wird angestrebt, in jeder menschlichen Beziehung eine win-win-Situation
zu erzeugen, d.h. eine Situation, in der beide Seiten profitieren können. Daß eine solche Situation
in den meisten Fällen erreichbar sei, wird schlicht behauptet. Weiterhin gibt es den sog. Öko-
Check im Rahmen der Zielfestlegung einer NLP- Arbeit. Das heißt, es wird geprüft, ob das
angestrebte Ziel in das Umfeld des Klienten paßt oder nicht, und wie es sich auswirken wird.
Doch das ist nicht viel. Der fast vollständige Verzicht auf Diagnostik und Sozialpsychologie führt
dazu, daß menschliches Fühlen, Denken und Verhalten nur soweit erfaßt wird, als es den Regeln
der kognitiven Informationsverarbeitung folgt. Es ist ein Verdienst dieser Methode -aber auch
anderer, z.B. der Kurztherapie - demonstriert zu haben, wieviel selbst auf dieser Basis erreicht
werden kann. Andererseits gibt es Problem- und Konfliktlagen, in denen ohne Psychopathologie,
ohne Persönlichkeitsdiagnostik oder ohne eine Analyse von Beziehungssystemen nicht
auszukommen ist.

Schnell Helfer werden, schnell Erfolg haben?

Die NLP-Ausbildung stellt sich als ein international organisiertes Unternehmen mit
standardisierter Zertifikationspraxis dar. Die erste Stufe bildet der “Practitioner”, den man an 9
Wochenenden erwerben kann. Die nächste Stufe ist der “Master”, die letzte der “NLP-Trainer”,
beide erfordern einen drei- bis vierwöchigen Intensivkurs. Richard Bandler beansprucht ein
Urheberrecht für das NLP, das er jedoch außerhalb der USA nicht durchsetzen kann. Seit einiger
Zeit existiert eine deutsche Dachorganisation, die “German Association for NLP” (GANLP), die
Bandler kritisch gegenübersteht. Auch sonst gibt es unter NLP-Anwendern eine kritische
Diskussion (z.B. Henes-Karnahl 1999, Zillich-Limmer 1997, Winiarski 1997, Weerth 1992).
Kritische Eindrücke von außen wurden von Bremerich-Vos 1997, der Stiftung Warentest 1997,
Saum-Aldehoff 1997, Geyer 1996, Federspiel/Lackinger-Karger 1996, Möller 1995 und Trenkler
1989 publiziert. Allerdings überwiegen die unkritischen Darstellungen bei weitem. Lehrbücher
finden sich v.a. im Programm des Junfermann-Verlags Paderborn, daneben ist z.B. hinzuweisen
auf Birker/Birker (1997), Grinder (1995), Köster (1995).

Nimmt man die publizierte Kritik als Grundlage, kann festgestellt werden, daß die
neurophysiologischen Vorstellungen des NLP falsch sind. Der kognitive Verarbeitung von
Sinneserfahrungen ist viel komplizierter, als das NLP annimmt. Der Zusammenhang zwischen
Denken und Sprache ist ebenfalls viel komplizierter, als es die NLP-Theorie will. Zum Beispiel
gibt es für die angebliche Bedeutung von Augenbewegungen keinen empirischen Beweis. Dem
Schluß von Weerth (1992) ist nichts hinzuzufügen:

“1. Die NLP-Theorie ist lückenhaft und z.T. wissenschaftlich nicht haltbar...

2. Die NLP-Techniken sind zum großen Teil anderen Therapie-Methoden entnommen und in der
angewendeten Form anfechtbar, die behauptete durchgreifende Wirkung ist nicht genügend
belegt...

3. Das NLP-Modell weist Widersprüche auf und beinhaltet Gefahren...”

Da das NLP oft von Personen benutzt wird, die sonst keine therapeutischen Kenntnisse besitzen,
besteht die Gefahr der Selbst- und Methodenüberschätzung. Gegen Machbarkeits- und
Größenideen ist das NLP seiner theoretischen Schwäche wegen nur unzureichend abgesichert,
wie Bremerich-Vos (1997) mit Recht feststellt. Da es sich um eine ausgesprochen direktive
Methode handelt, entstehen dadurch Gefahren für die Klienten.

Eine Ideologiehaltigkeit des NLP wird von Befürwortern dagegen heftig bestritten, man bevorzugt
das Bild eines “neutralen Werkzeugs”. Aber unbefangenen Betrachtern - und sogar internen
Kritikern (Ulsamer 1994) - fallen Ideologieelemente auf: Zum einen wird NLP für sämtliche
Probleme des menschlichen Lebens empfohlen, so daß der Eindruck eines Allheilmittels entsteht.
Kein NLP-Vertreter informiert darüber, wann man statt mit NLP besser mit einem
tiefenpsychologischen Ansatz, mit einem klassisch seelsorgerlichen Ansatz, mit einer
Persönlichkeitsdiagnostik usw. operieren sollte. Dieser Tendenz zum Allheilmittel entspricht ein
optimistisches Menschenbild, nach dem der Mensch an sich immer gut und kompetent sei, auch
wenn seine “Ergebnisse” derzeit nicht gut sein sollten. Kürzlich betonte Richard Bandler: „Das
Stärkste am NLP ist eine geistige Haltung, die sagt, daß alles besser werden kann.“ (Amsler
1999) In der Tat spielen sogenannte starke Glaubenssätze eine wichtige Rolle:
“Jedes Verhalten hat eine positive Absicht.”

“Jeder hat alle Fähigkeiten, die er braucht, in sich.”

Solche positiven “beliefs” sind wohl christlich noch einholbar. Die Vorstellung, daß es für jeden
menschlichen Konflikt eine win-win-Situation gebe, ist dagegen falsch. Von daher muß ein
realistisches Menschenbild auf jeden Fall über das NLP hinausgehen. Das gilt noch mehr für die
in der Werbung vorherrschende, mehr oder weniger schrille Glücks- und Erfolgsideologie.

“Wir alle glauben etwas. Was wir glauben, beeinflußt unseren Erlebnis- und Handlungsspielraum.
Erleben Sie, welche Horizonte sich öffnen, wenn Sie einschränkende Glaubenssätze über sich
selbst ablegen”, hieß es in der Werbung für einen NLP - Kompaktkurs. Weiter las man: ”Der
höchste Glückswert aus Ihrer Quelle soll Ihnen zur Verfügung stehen, wann immer sie ihn
brauchen. Lernen Sie diesen Zustand abrufen, damit Sie ihn auch bei einem Geschäftstermin
oder in der überfüllten U-Bahn aufrechterhalten können.” Die Schlußfolgerung, daß Glück eine
Frage der richtigen Psychotechnik sei, läßt sich kaum vermeiden. Erst im Kurs erfährt man, daß
ein simpler Psychotrick wie das Anchoring gemeint war, und daß Glück nur „gute Laune“
bedeutet.

Viele NLP-Anbieter entwerfen ein äußerst erfolgsgläubiges Bild vom “guten Leben”, das auch ihre
Praxis bestimmt, wie Erfahrungsberichte belegen (Möller 1995). Wer das besonders
hemmungslos tut, wie der Superstar der Management-Trainings in den USA, Anthony Robbins,
ruft sogar Unbehagen in den eigenen Reihen hervor (Walker 1998). Nun kann man eine Figur wie
Anthony Robbins nicht dem NLP insgesamt anlasten. Trotzdem kommt es in der Praxis zur
Konkurrenz zwischen einer christlichen Lebensorientierung und einer, die im NLP-Umfeld
überwiegende Geltung besitzt. Die Tatsache, daß solche Lebensorientierungen meist nicht als
ausformuliertes Glaubenssystem auftreten, sondern als praktische Entwürfe für den Alltag, ändert
daran nichts. In einer individualistischen und erlebnisorientierten Gesellschaft wirken praktische
Beispiele und charismatische Präsentationen stärker als intellektuelle Argumente.

Unbestreitbar gilt: Das NLP hat wie jede andere psychotherapeutische Methode nicht nur
psychologische Effekte, sondern führt zum Ideen- und Ideologietransfer: Deutungen für
Probleme, Werte, Lebensziele, Lebensentwürfe werden vermittelt. Diese können sich als
unrealistisch herausstellen und zu einem Wirklichkeitsverlust beitragen. Die Gefahren sind zwar
im Fall des NLP nicht so stark wie im Positiven Denkens. Doch sie sind dann gegeben, wenn die
Glückszusagen der NLP-Ideologie einen zu hohen Stellenwert erhalten: Unrealistische Glücks-
und Erfolgshoffnungen werden verfolgt, man überschätzt sich selbst, alte Beziehungen werden
auf der Jagd nach dem neuen, besseren Leben geopfert usw. Immer wieder beobachtet man
nahezu klassische Konversionsmuster, die zeigen, wie sehr die Ideen und Erfahrungen des NLP
existentielle Hoffnungen an sich binden können. Auch ein beruflich und persönlich
problematischer “Missionseifer” kann dann auftreten.

Mentale Magie - eine Kritik

Aus christlicher Sicht ist dem Positiven Denken ebenso wie dem ideologisierten NLP ein
realistisches Menschenbild entgegenzuhalten. Der menschliche Geist hat keine kosmische
Schöpferkraft, er ist und bleibt Teil der Schöpfung und damit an die Bedingungen biologischen,
sozialen und geschichtlichen Lebens gebunden. Die Vorstellung, der Kosmos schulde dem
(richtig instruierten) Menschen Glück, ist absurd und kann nur als eine weltanschauliche
Überhöhung einer - in sich legitimen - politischen Idee verstanden werden, nämlich dem in der
amerikanischen Verfassung verankerten Recht, das eigene Glück zu suchen („pursuit of
happiness“). Doch ein bürgerliches Recht ist kein kosmisches Gesetz. Was der freiheitliche
Verfassungsstaat zu ermöglichen (nicht einzulösen) verpflichtet ist, bindet weder Gott noch die
Naturgesetze. Daher reduziert sich das Schicksal des Menschen nicht auf Auswirkungen seines
Denkens, wie das NLP tendenziell behauptet. Allerdings muß gesagt werden, daß diese Idee im
NLP nicht annähernd so sehr im Mittelpunkt steht wie im Positiven Denken.

Eine christliche Anthropologie orientiert sich demgegenüber an den drei miteinander


verschränkten Bezügen menschlicher Existenz: Gottesliebe, Nächsten- und Selbstliebe. Diese
gilt es in allen Lebenssituationen auszubalancieren. Obwohl im Positiven Denken häufig biblische
Begriffe angesprochen werden, bleibt deren Deutung an der Oberfläche oder ist irreführend. Gott
wird als Erfüllungshelfer für eigene Wünsche, Visionen und Ziele verstanden. In Wirklichkeit
bewirkt die Gottesbeziehung keinesfalls Erfolg im Sinn des Positiven Denkens. Vielmehr wird
zugesagt, dass Gott den Menschen durch Höhen und Tiefen begleitet. Er erbarmt sich des
Menschen und will seine Erlösung. Darin liegt auch ein Versprechen der Heilung von
Beziehungen, sei es die zum Mitmenschen, sei es die zu sich selbst. Wenn und wo eine
therapeutische Methode dem dient, widerspricht sie dem Glauben nicht - auch durch NLP und
selbst durch Positives Denken sind heilende Anstöße möglich.
Doch menschlicher Selbstüberschätzung widersteht der Glaube. Seines eigenen Glückes
Schmied zu sein, ist nur begrenzt möglich. Wir sind nicht nur auf uns selbst, sondern auf die
Gemeinschaft mit anderen Menschen angewiesen. Der geradezu besessene Individualismus, der
Positives Denken und NLP-Ideologie verbindet, steht in krassem Widerspruch zum christlichen
Menschenbild. Versuche, Positives Denken und Christentum bruchlos zu einer
Lebensorientierung zu verbinden, überzeugen deshalb nicht. Zwischen der Einübung in den
christlichen Glauben und einem Erfolgsdenken, das vor allem an sich selbst glauben will, bleiben
tiefe Unterschiede.

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„Jahr der Stille“ 2010 – Türöffner für Mystik und heidnische Meditation

Rudolf Ebertshäuser

Das Jahr 2010 ist zum „Jahr der Stille“ erklärt worden. Über 50 Verbände, Werke und Gemeinden
haben sich zusammengeschlossen, um in der christlichen Öffentlichkeit dafür zu werben, in
diesem Jahr besonders die Stille zu suchen. In einer Erklärung der Evangelischen Allianz dazu
heißt es: „Das Jahr der Stille will helfen, Balance zu finden. Ein gesundes Gleichgewicht
zwischen Arbeit und Ruhe. Gottes faszinierenden Lebensrhythmus entdecken, den er selbst in
uns angelegt hat. Neue Impulse bekommen über das fruchtbare Wechselspiel von Aktion und
Stille. Stille einbauen lernen in den ganz normalen Alltag von Beruf, Familie und Gemeinde“.

Zum Trägerkreis dieser Initiative gehören einflußreiche evangelikale Werke und Verbände wie die
Evangelische Allianz in Deutschland, Gnadauer Gemeinschaftsverband, Bund Freier
Evangelischer Gemein den, Jugendverband EC, Jugend für Christus Deutschland, Heilsarmee
Deutschland, Willow Creek Deutschland, „Kirche mit Vision“ Deutschland, Campus für Christus,
die Navigatoren, der Bibellesebund

u.a.m. Dabei sind auch charismatische Gruppen wie die „Geistliche Gemeinde-Erneuerung“ in
der EKD, Adoramus-Gemeinschaft, Aglow, Josua-Dienst, Gemeinde Gottes, Gebet für die
Regierung (TOS), sowie auch ökumenisch-liberale Gruppen wie die Deutsche Bibelgesellschaft
und die Selbstständige Evange lisch-Lutherische Kirche (SELK).

Verbunden mit der Aktion sind auch Kommunitäten und „Häuser der Stille“, so z.B. die
Christusbruder schaft Selbitz, das „Haus der Besinnung Betberg“ (von Pfarrer Wolfsberger
geleitet), das Haus der Stille Gnadenthal (von der ökumenisch-charismatischen Jesus-
Bruderschaft). Seminare und Tagungen im Zusammenhang damit finden u.a. statt bei der
Evangelischen Akademie Loccum, dem Evangelischen Allianzhaus Bad Blankenburg,
Langensteinbacher Höhe, Schloß Craheim, Geistliches Rüstzentrum Krelingen, Gästehäuser
Hohe Rhön, Neues Leben Zentrum Wölmersen, Gästezentrum Schönblick und Wörnersberger
Anker.

Einige Verlage, so der Brunnen Verlag, Bundes-Verlag, Stiftung Christliche Medien, Gerth Verlag
neh men an der Aktion teil und präsentieren zahlreiche geschickt aufgemachte Buchtitel zum
Thema, darunter von Emerging Church-Autor Brian McLaren, Dem Leben wieder Tiefe geben,
Hanspeter Wolfsberger, Stille suchen – im Schweigen hören, Augustinus, Bruder Lorenz u.a.
katholische Mystiker: Man hört nur mit dem Herzen gut (Brunnen); Jürgen Werth, Pssst … Stille
finden in einer lauten Welt; Bill Hybels, Auf bruch zur Stille, Doug Fields, Aus.Zeit, Amy Reinhold,
Komm in die Stille (Gerth Medien); Elke Werner u. Klaus-Günther Pache, Stille – dem begegnen,
der alle Sehnsucht stillt, T. M. Rhodes, Hörst du sein leises Flüstern?, Peter Zimmerling, Meine
Seele ist still in mir (SCM).

„Kirche mit Vision“ hat sich eingeklinkt mit einer Aktion „Stille – 40 Tage Gott erleben“, die mit
dem oben erwähnten Buch des Pfingstpastors Pache und der modernen Evangelikalen Elke
Werner (der Frau von Roland Werner und Mitleiterin des Christustreffs Marburg) speziell für diese
Kampagne verfaßt wurde – die übrigens auf eine Anregung des Brockhaus Verlages zurückging.
Nach dem Muster der 40-Tage-Kampgne mit „Leben mit Vision“ sollen evangelikale Gemeinden
miteinander 40 Tage dieses Buch lesen und in Kleingruppen besprechen.

Was ist von dieser ganzen Initiative zu halten? Zunächst einmal knüpfen die Befürworter des
„Jahres der Stille“ an ganz zutreffende Beobachtungen an. Zu recht weisen sie darauf hin, daß
die meisten Menschen heute gehetzt und getrieben werden von viel zu vielen Beschäftigungen,
daß sie durch den Druck der Arbeit und der Alltagsaktivitäten kaum noch zur Ruhe und
Besinnung kommen und überflutet werden mit zu vielen Informationen und Impulsen. Es ist wahr,
daß Gott selbst uns durch den Ruhetag (Sabbat) zei gen möchte, daß der Mensch auch ein Zur-
Ruhe-Kommen und Stillwerden braucht. Ganz gewiß besteht auch aus geistlicher, bibeltreuer
Sicht bei vielen Gläubigen ein Mangel an Stille und innerer Ruhe vor Gott; wer von uns wünschte
sich nicht mehr Zeit für Bibellesen und Gebet?

Und doch können bibeltreue Christen diese Initiative nicht begrüßen. Wenn man sich die
offiziellen Materialien für das „Jahr der Stille“ ansieht, wird rasch deutlich, daß hier nicht die
biblische Begegnung mit Gott in der Stille gefördert wird, das geistgeleitete Nachsinnen über
Gottes Wort und das Gebet im bibli schen Sinn. Manche Formulierungen werden zwar gebraucht,
die diesen Anschein erwecken sollen.

Doch bei genauem Hinsehen wird offenbar, daß stattdessen für etwas ganz anderes Werbung
gemacht wird. Wir zitieren im folgenden aus dem offiziellen Ideenheft dieser Initiative.

Immer wieder, z.B. in Jürgen Werths Beitrag (S. 9), finden wir den Verweis auf das Vorbild der
„Wüstenväter“, katholischer Mönche, die in Ägypten die Einsamkeit der Wüste suchten, um dort
zu meditieren und Gotteserfahrungen zu machen. Doch diese Mönche waren keine echten
Gläubigen; sie versuchten in fleischlicher Askese und heidnischen Meditationspraktiken ihrem
falschen Gott zu dienen, wovor im Kolosserbrief ausdrücklich gewarnt wird (vgl. Kol 2,4-8; 2,18-
23).

Ganz nach dem Muster der heidnischen (z.B. der buddhistischen und yogischen) Meditation soll
der Mensch durch die Konfrontation mit der Stille in „Stilletagen“ oder „Stillewochenenden“
zunächst „sich selbst erkennen“. Werth schreibt: „Es macht nur selten Spaß, sich selbst zu
begegnen, in die eigenen Abgründe zu blicken“.

Danach soll er durch Meditation und Stille, Entleerung von sich selbst zu einer
„Gottesbegegnung“ ge führt werden. Dr. M. Gerland, Pfarrer für Meditation, schreibt: „Menschen
gehen in die „Wüste“, um leer zu werden, stille zu werden, zu schweigen, zu hören, was das
Leben bzw. Gott [!!] ihnen zu sagen hat. (…) Aus diesem Schweigen erwächst ein neues Hören
auf das, was mir von einer anderen Welt, von Gott her, gesagt wird“ (S. 14/15). Es wird eine
mystische „Gegenwart Gottes“ gesucht, die angeblich nur in der künstlich erzeugten Versenkung
erfahren würde: „Stille werden im Leib. Stille werden in der Seele. Stille werden im Geist. Nichts
tun, nichts wollen, nichts denken, einfach nur da sein, ganz da sein im Augen blick, ausruhen in
der bergenden Gegenwart Gottes, wie ein leeres Gefäß sein, sich Gott hinhalten …“

(S. 14). Dabei wird immer wieder betont, wie wichtig die „Achtsamkeit“ und Aufmerksamkeit bei
der Meditation ist – dies ist ein buddhistischer Schlüsselbegriff, der in ein verändertes
Bewußtsein führen soll.

Das Ziel der gelenkten meditativen Stille ist vor allem auch ein mystisch verstandenes „Hören auf
Gott“. Es wird in den Beiträgen immer wieder betont, daß man das „Reden Gottes“ auf neue
Weise suchen und finden solle. Damit ist das Hören auf innere Eindrücke und Stimmen gemeint,
wie es auch in der charis matischen Verführungspraxis des „Hörenden Gebets“ empfohlen wird,
die ebenfalls positiv erwähnt wird. Susanne Oppliger: „Ich versuche selber in die Begegnung mit
Jesus zu kommen, schaue ihm in die Au gen [!!], höre, was er mir sagt … Vertrauen Sie sich der
inneren Führung durch den Heiligen Geist an und versuchen Sie, seine Impulse aufzunehmen“
(S. 26). Hier wird der meditierende Mensch dazu verleitet, auf die trügerische Stimme falscher
Geister zu hören, für die sie durch die Meditationsrituale offen ge macht werden.

Immer wieder wird betont, daß es wichtig für das Stillewerden sei, „gute Rituale“ und
„Stilleübungen“ zu praktizieren. Der Meditationspfarrer Gerland empfiehlt in dem Ideenheft eine
solche Übung:

„Ich lade Sie zu einer Übung ein, die Ihnen helfen will, zur Stille zu kommen und sich dem Ge-
heimnis der Gegenwart Gottes zu öffnen (…) Suchen Sie sich einen stillen Ort in Ihrer Wohnung
oder in einer Kirche. Zünden Sie eine Kerze an. Bevor Sie sich auf Ihrem Platz niederlassen, be-
ginnen Sie in den Knien zu wippen, zunächst langsam und dann immer heftiger, bis der ganze
Körper in eine Schüttelbewegung kommt. Streifen Sie mit den Händen den Körper ab und hau
chen Sie alle verbrauchte Luft aus. Führen Sie die Handflächen zusammen und verneigen Sie
sich vor dem Geheimnis der Gegenwart Gottes. (…) Nehmen Sie Ihren Atem wahr, wie er kommt
und geht, ohne ihn zu verändern … Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Ausatmen, legen
Sie in das Ausatmen alle innere Unruhe und lassen Sie sie mit dem Atem abfließen (…) Lassen
Sie nun die Stille mit jedem Atemzug in sich einströmen (…) Wiederholen Sie die Worte mehrfach
leise im Inneren … Hin zu Gott ist stille meine Seele – lauschen Sie in diese Stille … Gott ist da
und Sie sind da … verweilen Sie, ruhen Sie in seiner Gegenwart, solange es ihnen möglich ist.
Öffnen Sie langsam wieder die Augen, lösen Sie sich aus der Meditationshaltung. Führen Sie Ih
re Hände vor der Brust zusammen und verneigen Sie sich vor der Gegenwart Gottes.“ (S. 15).

In einem weiteren Beitrag von Gerland, „Stille beim Pilgern“, wird die katholische Sitte der
Pilgerreise als spirituelle Übung empfohlen. Dabei solle man auch die „Übung der Achtsamkeit
(awareness)“ praktizie ren: „Im verlangsamten Gehen durchlässig, feinfühlig und hellhörig für die
Bewegungen des eigenen Kör pers werden: dem Kontakt des Fußes mit dem Bode nachspüren;
Bewegungsabläufe und Atemzüge synchronisieren und deren Weg durch den Körper verfolgen;
Aufmerksamkeit für den Augenblick, für das Hier und Jetzt gewinnen. Beim Gehen oder während
einer Pause die freischwebende Aufmerksamkeit für die Gesamtheit der Phänomene um einen
herum einüben“. Zum anderen empfiehlt Gerland die katholi sche Meditationspraxis des
„immerwährenden Gebets“: „In der ständigen Wiederholung eines kurzen Gebetswortes, z.B. des
Herzensgebetes („Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!“) oder Bibelwortes beim Gehen, in
dem es nicht um ein Nachdenken geht [!], rutscht das Gebetswort vielleicht vom Kopf in das
Herz“ (S. 54). Gerland empfiehlt dazu die Lektüre eines Buches von Anselm Grün, der als katholi
scher Mönch New-Age-Lehren und katholische Mystik verbreitet.

Im dem Ideenheft findet sich auch ein Interview mit einem katholischen Mönch, „Bruder Paulus“,
der von seiner Meditationspraxis berichtet, die als nachahmenswert hingestellt wird. „Meditation
hat etwas mit Mitte zu tun – ich komme zum innersten Kern meiner Person, dahin, wo ich sagen
kann: das macht mich aus (…) In der Meditation lasse ich mich in Ruhe darauf ein. Ich bin ganz
bei mir [!]. In der Stille eines Raumes, mit anderen zusammen, achte ich auf meinen Atem und
habe die Augen dabei halb offen. Ich sitze auf einem harten Stuhl, den Rücken gerade, die
Hände zu einer Schale geformt. (…) Seine [Gottes] Gegenwart genieße ich, wenn ich einfach da
bin und immer wieder beim Einatmen bete: Von dir zu mir. Und beim Ausatmen: Von mir zu dir.
Schweigen gibt mir Gelegenheit, auf meine innere Stimme zu hö ren.“ Sein Ratschlag für eine
Stilleübung: „sich hinsetzen, eine Kerze anzünden und auf das Kreuz schauen. Dann auf den
Atem achten und nach drei Minuten sagen: Heute mit dir für dich und die Men schen.“ (S. 21).
Auf S. 38 werden in der Broschüre die Exerzitien des hochgradig okkulten Mystikers und
Begründers der Jesuiten Ignatius von Loyola lobend erwähnt, und auch sonst wird die
katholische Mystik als nachahmenswert empfohlen.

Kerstin Hack („Down to Earth“-Verlag), die pseudochristliche Meditationsbücher verfaßt, wirbt in


dem Heft für ein Meditationsritual: „Ein Ritual ist eine nach festen Regeln ablaufende Handlung
mit Symbolgehalt.“ Als Anfangsrituale für Meditationen empfiehlt sie u.a. „eine Kerze anzünden,
mehrmals tief durchatmen, Muskeln anspannen und entspannen; mit einem Gegenstand, wie
beispielsweise einem Stein, symbolisieren, was belastet – und es bewußt loslassen“. Als
Abschlußritual empfiehlt sie u.a.: „die Kerze auslöschen; die Arme symbolisch für das Leben
öffnen; einige Energie spendende Bewegungen wie Armkrei sen“ (S. 28). Eine Schwester
Marianne Bernhard, Exerzitienleiterin in einer Schweizer evangelischen Kommunität, wirbt für
„meditativen Tanz“ und „getanztes Gebet“ und verwendet dabei klassische okkulte
Meditationsbegriffe: „Wichtig ist, daß der Mensch in diesem Augenblick ganz wach ist, ganz bei
sich [!], ganz gegenwärtig im Hier und Jetzt“ (S. 35).

So müssen wir festhalten: dieser Initiative geht es nicht darum, das biblisch verstandene Gebet
und die so wichtige Stille und Andacht der Gläubigen vor Gott zu fördern. Vielmehr wird unter
evangelikalen Chri sten für heidnische Meditation und katholische Mystik geworben, in einer
Weise, die Verwandtschaft mit dem „Emerging Church“-Gedankengut aufweist. Man redet von
„Hilfen, um in die Stille zu finden“; was aber angeboten wird, stammt aus dem Repertoire
buddhistisch-heidnischer Meditationstechniken. Das gilt besonders für die Empfehlung, auf den
eigenen Atem zu achten und mithilfe des Atems symbolisch Negatives „auszuatmen“ und
Positives „einzuatmen“. Das ist letztlich eine magische Handlung, wie sie auch buddhistische und
hinduistische Meditationsmeister empfehlen. Auch die Aufforderung zum innerli chen
„Leerwerden“ und zur „Achtsamkeit“ entstammt der buddhistisch-esoterischen
Meditationstechnik.

Dasselbe gilt für Rituale wie das Entzünden einer Kerze oder das Einnehmen besonderer
Körperhaltun gen, das Nachspüren der „Erdung“ der Füße oder das Betrachten eines Kreuzes.
Das alles dient dazu, den Meditierenden in einen tranceähnlichen veränderten
Bewußtseinszustand zu bringen, wo er dann Erlebnisse mit Geistern machen kann, die als
„Gegenwart Gottes“ oder „Reden Gottes“ angepriesen wer den. Auch die eingebauten Elemente
katholisch-orthodoxer Mystik sind keineswegs „christlich“ oder für Gläubige unbedenklich. Sie
sind ebenfalls okkulte Wege zur Kontaktaufnahme mit trügerischen Geistern, die sich als „Gott“
ausgeben. Das ostkirchliche „Immerwährende Herzensgebet“ etwa ist nichts anderes als ein
heidnisches Mantra, das durch ständige Wiederholung (vgl. die Warnung des Herrn, wir sollten
nicht „plappern wie die Heiden, Mt 6,7) andere Bewußtseinszustände herbeiführen soll. Die
Übungen (Exerzitien) des Ignatius von Loyola stehen bei Okkultisten und fernöstlichen
Meditationsmeistern in ho hem Ansehen, weil sie esoterische Meditation in Reinkultur bieten. Der
Okkultist C. G. Jung empfahl sie und meinte, wer diese Wege nutze, brauche keine fernöstlichen
Religionen. Zen-Meister wie D. Suzuki lobten sie als die nächste Entsprechung in der
abendländischen Tradition zum Zen.

Die ganze Vorstellung von „Stille“, die dieser Kampagne zugrundeliegt, ist heidnisch-mystisch
geprägt und nicht biblisch begründet, auch wenn immer wieder entsprechende Bibelverse
angeführt werden. Das biblische Gegenstück der Stille und Andacht vor Gott beruht nicht auf
unpersönlichen Techniken zur Bewußtseinsveränderung. Der Gläubige hat den Heiligen Geist
innewohnend in sich und hat allezeit durch den Geist Gottes und Jesus Christus Gemeinschaft
mit dem lebendigen Gott. Auch der echte Gläubige braucht herausgenommene Zeiten der Stile,
um mit Gott enge Gemeinschaft zu pflegen und sich Ihm im Gebet zu nahen. Gerade aber die
klassische „Stille Zeit“ wird in den Beträgen zum Jahr der Stille unter schwellig als ungenügend
dargestellt. Man brauche „besondere Orte der Stille“, wie etwa katholische Kirchen oder
katholisch-ökumenische Stille-und Retraitehäuser oder zumindest einen Hausaltar („Herr
gottswinkel“) mit Bildern und Kerzen.

Wir brauchen als Gläubige gewiß auch mehr Zeit, vor Gott stille zu werden und über dem Wort
Gottes nachzusinnen und auch, um Gott im Gebet zu suchen. Aber dazu wollen wir nicht unser
Bewußtsein entleeren, nicht „uns selber spüren“; wir wollen nicht Kerzen entzünden und auf
unseren Atem achten. Wir haben im Geist unmittelbaren Zugang zu Gott im himmlischen
Heiligtum. Wir dürfen unsere Gebete und Bitten kindlich im Glauben vor Gott aussprechen,
anstatt beständig Mantraformeln vor uns hinzumurmeln. Es ist gut, wenn wir uns mehr Zeit
nehmen, in Gottes Wort zu lesen und Ihn zu bitten, durch Sein Wort zu uns zu reden. Wir wollen
uns aber hüten, auf irgendwelche „innere Stimmen“ und angebliches „Reden Gottes“ durch
mystische Erlebnisse zu warten.

Die neue Aktion, an der führende Evangelikale beteiligt sind, die es eigentlich besser wissen
müßten, bringt nur Verführung und eine weitere Irreleitung der Evangelikalen auf die katholische
Kirche und ihrer falsche Religion hin. Hier wird an dem Ausbau der babylonischen Endzeitkirche
mitgewirkt, anstatt echtes Glaubensleben zu fördern. Alle wahren Gläubigen tun gut dran, diese
Aktionen zu meiden – und auch die Kirchen und Werke, die solche ökumenischen
Verführungskampagnen fördern.