Magazin für Politische Antizipation

MAP
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Dezember Januar Februar März 2013

Zusammenfassung
Edito Der eine Witz zu viel (s.3) – Governance Nationalstaaten, Europa, Regionen und ...
Macro- Regionen (s.5) – FuturHebdo 21. März 2063: Ist die Menschheit
bereit für ein neues Abu Simbel ? (s.9) - Gesellschaft Die Gegenrevolution des
amerikanischen Volkes wird kommen (s.11) - Euro-BRICS Auf dem Weg zum Abschluss von schengenähnlichen Verträgen zwischen Euroland und den BRICS (s.18)
Geopolitik 2015: Führt die neue Indienroute über Nicaragua ? (s.21)
Magazin für Politische Antizipation

EDITO

Der eine Witz zu viel
von Michaël Timmermans (Übersetzung : Harald Greib)

Bei Komödienschreibern ist das ein weit verbreiteter Trick: Das Publikum zum Lachen zu bringen, damit es sich für die Dramatik der Geschichte weiter öffnet. So kann man auch die italienischen Wahlen im letzten Monat sehen...
Am 26. Februar stand das amtliche Endergebnis der italienischen Parlamentswahlen fest - und Beppe Grillo, ein ehemaliger Komiker, ist der große Sieger. Berlusconi hat mit seiner Koalition 30% der Stimmen eingefahren und kann sich
damit in der italienischen Politik halten. Die Zeitungen schrieben, die drittgrößte Wirtschaft der Eurozone sei Clowns
und Euroskeptikern in die Hand gefallen. Die Mächtigen Europas blamierten sich mit der herben Wahlniederlage ihres
Favoriten Mario Monti. Die Aktienkurse setzten zum Tiefflug an.
Laut der Berichterstattung der großen Medien ist die Niederlage vollständig1. Italien sei blockiert. So eindeutig ist es jedoch nicht. Zwar wird
Beppe Grillos Fünf- Sterne- Bewegung als euroskeptisch bezeichnet, aber sie ist nicht grundsätzlich gegen den Euro und noch weniger gegen
die Europäische Union. Warum sonst sollte sich das Parteiprogramm an mehreren Stellen auf europäische Richtlinien und andere Mitgliedstaaten beziehen ?2. Beppe Grillo spricht zwar immer davon, eine Volksbefragung zum Euro zu organisieren, aber nicht davon, die Eurozone
verlassen zu wollen. Natürlich brachten die vorhergehenden Volksbefragungen, die innerhalb der EU durchgeführt wurden, nicht die von Brüssel erwünschten Ergebnisse. Dennoch darf man eine Absicht, eine Volksbefragung zu den wichtigsten Fragen durchführen zu lassen, nicht mit
einer Ablehnung gleichsetzen. Grillos Partei, die sich auch nicht im
traditionelle Rechts- Linksschema einordnen lassen möchte, ver1. “Le succès de Grillo, aussi fascinant qu’effrayant”, 26.02.2013, Le Soir
sucht, einen neuen Politikstil zu erfinden und den Italienern wieder
einen Platz in den öffentlichen Angelegenheiten einzuräumen3.
2. Das Programm von Fünf Sterne, Wikipedia
3. “Elections en Italie, un nouveau pas vers la Démocratie”, 04.03.2013,
Schon immer haben die Italiener den Weg zuerst beschritten, auf
Libération
dem ihnen anschließend ganz Europa folgte. Ohne bis zur Antike
und den Römern zurückgehen zu wollen - die Italiener waren die
4. “Beppe Grillo se prépare à envahir l’Europe”, 20.03.2013, Presseurop
ersten, die in den Abgrund des Faschismus abstiegen. Und gerade
erst ein paar Jahre zurück liegt es, dass Berlusconi mit seiner Politik Emotionen in den Mittelpunkt schob und Privates und Öffentliches miteinander verschmolz; Sarkozy folgte ihm auf diesem Weg.

Und wieder einmal spielt sich in Italien etwas ab, was sich bald in vielen europäischen Ländern wiederholen wird, nämlich das Schauspiel einer
nationalen Politik im Endstadium4. In den Wirren der umfassenden weltweiten Krise verlagert sich die wahre Macht von den Nationalstaaten
3 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

auf die europäischen Institutionen. Als die EU Mario Monti an die Spitze der italienischen Regierung
setzte, traf sie eine so schwerwiegende wie radikale Entscheidung. Die Machthaber Eurolands mischten sich in den demokratischen Prozess in Italien ein, um die Wirtschafts- und Währungsunion
zu stabilisieren. Angesichts solcher Umtriebe bleibt der nationalen Politik nur noch, die Weisungen supranationaler Institutionen umzusetzen, und die nationalen Amtsträger sind auf die Rolle der
Befehlsempfänger reduziert. Da den nationalen Politiker jeglicher Handlungsspielraum entzogen ist,
begnügen sie sich, populistische Reden zu schwingen, mit Schlagwörtern um sich zu werfen bzw.
einfach nur eine Show abzuziehen.
Angesichts dieser allgemeinen Lage begreift Euroland, dass es nicht mehr zulassen kann, dass
“regionale” Wahlen die Stabilität aller Mitglieder der Währungsunion gefährden. Auch insofern bedeuten die italienischen Wahlen eine Weichenstellung auf europäischer Ebene. U.a. weil die Medien die Bedeutung der Wahlergebnisse so
aufgebauscht haben, indem sie wie üblich auf Schlagworte und Vereinfachungen reagiert haben, konnten die italienischen Wahlen einen echten Schock in der europäischen öffentlichen Meinung auslösen. In der Tat, angesichts der gleichartigen Reaktionen in ganz Europa kann man
heute ernsthaft von einer “europäischen öffentlichen Meinung” sprechen.
Daher folgt auf die Schockstarre nach den Wahlen nun ein “window of opportunity” für Europa und vor allen Dingen für Euroland. Jede Krise,
jedes Problem, jede Herausforderung bringt inzwischen neue Lösungen und ermöglicht Fortschritte für die EU. Bürger und Politiker teilen inzwischen die Überzeugung, dass eine Neuorganisation der Institutionen notwendig ist. Aus den Ereignissen der letzten Wochen könnte die
Demokratisierung der europäischen Institutionen erwachsen und ihnen die demokratische Legitimation verschaffen, die sie benötigen, damit
die Eurozone und ihre Herausforderungen beherrschbar bleiben.
Während die Welt von Gestern immer versinkt, entsteht die “Welt von Morgen” und zeigt Fassetten, die manchmal überraschend sind. Mit dem
arabischen Frühling drängten die Menschen Nordafrikas in die Politik ihrer Region ; inzwischen versuchen aber weltweit die Menschen, die
Herrschaft über ihr Schicksal wieder zu erlangen. Ebenso haben die Wähler der Fünf Sterne, indem sie 104 Abgeordnete und 58 Senatoren
aus der Zivilgesellschaft in die Volksvertretung schickten, klar gemacht, dass auch sie den politischen Raum ihres Landes wieder in Besitz
nehmen wollen.

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ORGANISATION

Nationalstaaten, Europa, Regionen und ... Macro- Regionen
von Christel Hahn (Übersetzung : Harald Greib)

Ein Blick auf regionale Integration als ein Element der Euroland- Governance
Im Juni des vergangenen Jahres nahm eine Konferenz der Alpenregionen in Bad Ragaz in der Schweiz eine Entschließung
an, die dem Ziel dient, eine macro- regionale Strategie für die Alpen zu entwickeln.1 Die Konferenz war das Ergebnis eines
ständigen Networkings unter einigen transalpinen Arbeitsgruppen und Organisationen, die in den verschiedenen Phasen
der europäischen Integration entstanden waren.
1. Quelle : Arge Alp

Die “Alpenfamilie”

1. Der Einsatz für den Schutz der Natur in den Alpen ist älter als die politische Integration Europas und führte 1952, nur wenige Jahre nach dem
Krieg, zu CIPRA, 1. einer Nicht- Regierungsorganisation mit ungefähr 100 Mitgliedsorganisationen, die sich für eine nachhaltige Entwicklung
der Alpen einsetzt und die entscheidende Kraft hinter der Schaffung des Alpenübereinkommens war.
2. In der ersten Phase der europäischen Integration wurde 1972 die Arbeitsgemeinschaft Alpen auf Initiative
der regionalen Regierungen von Tirol, Südtirol und Bayern gegründet. In Europa war das der erste Zusammenschluss von Staaten unterhalb der Nationalstaatsebene und ihre Gründung markierte das Ende der heißen
Phase des Südtirolkonflikts.
3. Die erste Europäische Renaissance 1985 bis 1992 in der Zeit des Falls des Eisernen
Vorhangs brachte auch die Gründung der Europaregion Tirol- Südtirol - Trentino, eine
transnationale Region aus den nach dem 1. Weltkrieg auseinander gerissen Teilen Tirols.
Diese Europaregion ist die Keimzelle der alpinen Integration wie Frankreich/Deutschland
die Keimzelle der europäischen Integration sind.
4. Als die Europäische Union mit dem Maastrichtvertrag gegründet wurde, schufen die Alpenstaaten gleichzeitig mit der Unterzeichnung des Alpenübereinkommens einen internationalen Vertrag zum umfassenden Schutz und zur nachhaltigen Entwicklung der Alpen.

Quelle : Alpenübereinkommens

5. Die EU richtete für die Apen das Alpenraumprogramm ein. Es handelt sich dabei um
eine europäische territoriale Zusammenarbeit im Rahmen der EU- Kohäsionspolitik (die
das Ziel verfolgt, die Folgen ungleicher wirtschaftlicher Entwicklung auszugleichen)2, 5. und

5 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

 

ihre Partner sind die Unterzeichnerstaaten des Alpenübereinkommens. Während das Alpenübereinkommen nur die Kernalpenregion umfasst,
umfasst das Alpenraumprogramm auch große urbane Gebiete.
6. Die erweiterte EU unternimmt zur Zeit den Versuch, sich in tiefer integriertes Euroland fortzuentwickeln und alle Alpenregionen beteiligen
sich dabei mit der Schaffung einer macro- regionalen Strategie für die Alpen entsprechend der Ostsee- und der Donau- Strategie). Die Arbeit
zur Entwicklung dieser macro-regionalen Strategie für die Alpen wurde von der Arbeitsgemeinschaft Alpen, des Alpenübereinkommens und
des Alpenraumprogramms seit 2009 geleistet; sie soll auf lange Sicht 40 Regionen in sieben Staaten mit 50 Millionen Einwohnern einbeziehen.

Auf dem Weg zu einer macro- regionalen Strategie für die Alpen
2012 war ein Jahr der Recherche und Debatte für die Alpen und als Ergebnis konnte das Netzwerk erweitert werden, der geografische Umfang
einer macro- regionalen Strategie wurde diskutiert, Inhalt wurde entwickelt und Einfluss bei den EU- Institutionen und den nationalen Regierungen ausgeübt.
Die drei Ziele für eine macro- regionale Strategie für die Alpen sind :
l
l
l

Förderung von Innovation und Wettbewerbsfähigkeit in dieser wohlhabenden Region
Gemeinsame Strategien für Wasser, Energie, Land - und Forstwirtschaft, , Umwelt und Klima
Entwicklung von Lösungen bezüglich des zunehmenden alpenüberschreitenden Verkehrs

2. EU Cohesion Policy 2014-2020, EU
Alpine Space, Youtube
3. Quelle : Arge Alp

Eine macro- regionale Strategie für die Alpen soll einen Rahmen für multi- level Governance bieten, was bereits im laufenden Prozess stattfindet3.

Trends
Die Notwendigkeit eines ökologischen Gleichgewichts in schwierigen Zeiten
Die dauerhafte Notwendigkeit, das fragile Ökosystem der Alpen im Gleichgewicht zu halten, ist einer der wichtigen Beweggründe für regionale
Zusammenarbeit. Die gegenwärtige umfassende weltweite Krise ist eindeutig eine stürmische Zeit, sowohl politisch, wirtschaftlich, wie auch klimatisch, und erhöht damit den Aufwand für die Erhaltung des Gleichgewichts. In der Welt, die aus der Krise erwächst, ist es nicht ausreichend,
sich auf bestehende Verfahren zu verlassen; vielmehr ergibt sich eine Notwendigkeit für vollkommen neue Methoden und Lösungen als Folge
eines wachsenden Bewusstseins.
Der Alpenbogen als Ergebnis der Geschichte
1919 wurde das Habsburgreich zerstückelt und Südtirol Italien zugeschlagen. Nach dem 2. Weltkrieg verblieb Südtirol bei Italien, das ihm die
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vertraglich zugesicherte Autonomie verweigerte. Die Situation eskalierte, doch dank ständiger Verhandlungen und internationalen Drucks auf die italienische Regierung wurde 1972 eine Lösung gefunden.
Die Regierungen der Regionen vermochten Tirol als Europaregion zu vereinen. Die friedliche Lösung
eines langen Streits setzte genug Energien frei, um aus der Region einen Motor der Alpenintegration
zu machen.
Die EU ist mehr als die EU
Obwohl die EU als politische Entität über klare Grenzen verfügt, ist dies nicht der Fall bei ihre Kohäsionspolitik und macro- regionalen Strategien. Diese umfassen viele Regionen, die nicht zur EU gehören. In den Alpen gilt dies für die Schweiz als ein wichtiger und aktiver Partner
des alpinen Netzwerks. Dies gibt dem alpinen Netzwerk zusätzlich Gewicht und Einfluss.
Der Drang nach föderaleren und stärker dezentralen Strukturen
Die vielen Grenzen in der Alpenregion und die geringe Fläche von Österreich und Schweiz führen dazu, dass regionale Regierungschefs gerne
wie “Staatsoberhäupter” auftreten, die ein Netzwerk von “auswärtigen Beziehungen” pflegen4. Die föderale, dezentrale Struktur der Schweiz,
von Deutschland, Österreich und Italien verstärkt diesen Trend.
Wohlstand der Alpenregionen
In den Alpen sind die Regionen wohlhabend mit einer vergleichsweise homogenen wirtschaftlichen Struktur von Netzwerken mittelständischer
Betriebe und mittelgroßer Universitäten. Viele Faktoren sind ursächlich für ihren Wohlstand: Politische Stabilität und der daraus resultierende
Kapitalzustrom, die Kraft als Ergebnis des ständigen Kampfs gegen die Herausforderungen der Natur, ihre Lage im Herzen Europas und
besondere geschichtliche und politische Bedingungen.
4. vgl als Beispiel : Four Motors for Europe

Eine neue Entwicklungsform

5. “Nichts wie weg von de Pleitegeiern”, 23.06.2010, Tages Anzeiger

Der hier beschriebene Prozess ist Teil des Wandels, der von Franck Biancheri in seinem Buch “Nach der Krise: Auf dem Weg in die Welt von
Morgen” beschrieben wurde.
Macro- regionale Strategien für die Alpen
Die meisten Akteure sind recht optimistisch hinsichtlich des weiteren Verlaufs, aber wichtiger als jegliche Entscheidung in Brüssel ist das
Funktionieren der bestehenden routinierten Netzwerke, was zeigt, dass in Euroland (als Bezeichung für eine durch die Krise gewandelte neue
EU) Entwicklungen sich nicht von oben nach unten vollziehen, sondern in Netzwerken, und also in Wirklichkeit Prozesse der Selbstorganisation darstellen.5
7 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

6. Die Schweiz ist das erste Land, in dem eine Volksinitiative betreffend einer Reform des
Geldsystems vorbereitet wird. Vgl. : Vollgeld

Förderung von Innovation und Wettbewerbsfähigkeit in dieser wohlhabenden Region

Dieses Ziel für die Macro- Region in den Alpen zeigt,
dass die Regionalpolitik der EU angepasst werden
muss. Von einer Welt, die glaubte, jeder “müsse gleich
gemacht werden” und dass Lösungen herbeigeführt
werden könnten, wenn eine zentrale Stelle viel Geld mit der Gießkanne über eine Region ausschütte, entwickeln wir uns zu einer Welt, die anerkennt, dass jeder einzigartig ist und autarke Gemeinden nebeneinander bestehen. In dieser neuen Welt werden Parlamente weniger wichtig
und Expertennetzwerke wichtiger sein. Wohlhabende Regionen werden kein Geld bekommen, das in die armen Regionen fließt, aber - wichtiger - sie erhalten Platz, um sich zu entwickeln. Dies wird nicht möglich sein ohne Änderungen im Geldsystem, um sicherzustellen, dass nicht
der Markt, sondern die Gemeinden und Regionen entscheiden, wohin das Geld fließt.6
7. Ein sehr hoch entwickelter Prozess ist EMAS (European Eco-Management and Audit
Scheme). Es ist ein sich selbst verbessernder Kreislauf, in dem eine Organisation Ziele
definiert und sich dann kontinuierlich in Bezug auf die Ziele verbessert. Quelle : EMAS

Gemeinsame Strategien für Wasser, Energie, Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Klima
Wieder einmal sehen wir, dass wir im Übergang sind von einer Welt der Gießkanne zu einer Welt, in der die Umwelt nicht als eine Summe
von Herausforderungen gesehen wird, sondern als ein Ökosystem, an dem wir teilhaben.7 In dieser Welt von Morgen mit seinen wachsenden
Wechselbeziehungen, müssen Antworten auf Fragen gefunden werden, die Bürgerbewegungen stellen. Eine dieser Fragen betrifft das Schweizer Vorhaben, ein Endlager für atomare Abfälle in der geologisch instabilen nördlichen Voralpenregion zu bauen.
Lösungsentwicklungen hinsichtlich des wachsenden alpenüberschreitenden Verkehrs
In der kommenden Welt kommt den Bedürfnissen der Menschen eine große Bedeutung zu. In der Schweiz lehnten die Menschen in einer
Abstimmung den Bau von Höchstgeschwindigkeitszügen ab, statt dessen wurde ein Beispiel gebendes Schienenstreckensystem entwickelt.
Good practices werden über das alpine Netzwerk verbreitet. Die Ersetzung der nationalen Autovignetten für die Autobahnnutzung durch eine
Alpenvignette käme bei den Menschen sehr gut an und wäre ein Anreiz für eine bessere Koordinierung und gemeinsame Finanzierung des
Ausbaus des Straßenverkehrs.
Die Alpenintegration verlief parallel1zur europäischen Integration; gegenwärtig speist sich die Entwicklung aus sich selbst heraus und ihre Analyse mit den Methoden der Politischen Antizipation könnte dazu beitragen, Lösungen für die Probleme der Euroland- Governance zu finden.
Eine längere Version dieses Papiers mit mehr Material kann unter den folgenden links auf Englisch, Französisch und Deutsch eingesehen
werden.

8 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

FUTURHEBDO
Das Magazin von unserer unmittelbaren Zukunft

21. März 2063 : Ist die Menschheit bereit für ein neues Abu Simbel ?
von Olivier Parent (Übersetzung : Harald Greib)

Die antiken Stätten von Damaskus, New Orleans, Venedig, die Statuen auf den Osterinseln,
Salzburg, Hoi An in Vietnam usw., die Liste der als Weltkulturerbe geschützten Stätten die
vom Klimawandel bedroht sind, wird immer länger. Eine Frage wird immer drängender: Ist
die Staatengemeinschaft bereit, die notwendigen Mittel aufzuwenden, um diese Stätten zu
retten, die in ihrer Vielfalt Ausdruck des kulturellen Reichtums unserer Geschichte sind?
Was 1958 vollbracht wurde, um das am Nil liegende Abu Simbel von der wegen des Baus
des Assuan- Hochstaudamms unvermeidlichen Überschwemmung zu retten, war ein Höchstleistung: 60.000 Tonnen Stein wurden Stück für Stück auseinander genommen, von 1 bis
1600 gekennzeichnet und wieder zusammengesetzt, damit auch zukünftige Generationen
in den Genuss der Besichtigung dieser Schmuckstücke pharaonischer Baukunst kommen.
Heute geht es nicht um eine Stätte, sondern um zig. Es geht nicht mehr um tausende Tonnen oder Kubikmeter, sondern um Millionen. Es geht
nicht darum, dass einige Staaten zusammen arbeiten, sondern das die Staatengemeinschaft in ihrer globalen Gesamtheit einen gigantischen
Rettungsplan für dieses Erbe der Menschheit ausarbeitet.
Angesichts des Umfangs eines solchen Unterfangens stehen wieder einmal Realismus und Idealismus in Widerstreit. Und die selben Gruppen, die auch ihren Widerstand gegen Projekte wie
den Weltraumaufzug angekündigt hatten, sprechen sich gegen dieses Projekt der Rettung eines
Erbes aus, mit dem sie sich nicht verbunden fühlen. Diese gefährdeten Meisterwerke sind die
Symbole einer Welt, mit der sie absolut brechen wollen: “Wie der Verlust der Buddhas von Bamiyan dazu beigetragen hat, der breiten Öffentlichkeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine Vorstellung vom Extremismus der afghanischen Taliban zu vermitteln, werden diese überschwemmten
und für immer verlorenen Stätten weitere Meilensteine auf dem langen Weg der Erkenntnis sein,
den die Menschheit zurücklegen muss, um sich vor seiner eigenen Maßlosigkeit zu retten!” Die
Kosten der Rettung sind natürlich ein großes Argument der Kritiker dieses großen Projekts, das
schon heute den Namen NAS- Projekt erhalten hat (Neues Abu Simbel- Projekt).

9 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

Dem NAS fehlt es dabei nicht an Unterstützung. Ob über Mäzene aus Industrie oder staatenübergreifend, von Kulturstiftungen oder ganz unmittelbar mit der Hilfe von Staaten jeder Größe, wurde diese Unterstützung organisiert, indem mit der Bildung eines Expertenausschusses aus
Wissenschaftlern begonnen wurde. Der Sprecher dieses Ausschusses bringt in Erinnerung, dass der heutige Kontext nicht mit dem zu vergleichen ist, der vorlag, als das erste Abu Simbel- Projekt verwirklicht wurde.
Was damals für die mit der Ausführung beauftragten Gruppen ein wahrhaft pharaonisches Projekt war, könnte heute einfacher umgesetzt
werden, dank der Unterstützung durch die neuen Techniken. Zu diesen gehört vor allen Dingen der Einsatz von Robotern und die künstliche Intelligenz. “Es wäre nicht undenkbar, die Ausführung einer Rettungsanstrengung einer Stätte (Analyse, Auswahl eines neuen Orts, Verlagerung,
Vorbereitung der neuen Aufbaustätte und Aufbau) einer künstlichen Intelligenz zu übertragen, die sich um eine Gesamtheit der Elemente strukturieren würde, die die zu verlagernde Stätte bedingen (physische wie auch kulturelle und ästhetische Elemente). Ihr künstlicher Überlebensinstinkt würde die Leitung der Bewegungen einer Myriade von Robotern übernehmen, die alle dieser künstlichen Intelligenz untergeordnet wären.
Man könnte also sicher sein, dass der neue Ort wie auch alle eingesetzten Mittel sich nicht nur in den Rahmen der Funktionsweise von Robotern einfügen würden, sondern viel besser als ein menschliches Unterfangen den Reichtum dieser einmaligen und für die Erinnerung der
Menschheit unverzichtbaren Stätte respektieren würde!”
Der Expertenausschuss des NAS wird bald der Vollversammlung der Vereinten Nationen einen Kalender für die durchzuführenden Arbeiten
unterbreiten. Die beiden Lager schärfen schon jetzt ihre Waffen für diese große Argumentationsschlacht mit Folgen für die gesamte Welt.

Nach der Krise
Auf dem Weg in die Welt von Morgen
Europa und die Welt im Jahrzehnt 2010-2020

Bestellen

von Franck Biancheri

Franck Biancheri nimmt in diesem Buch kein Blatt vor den Mund und entlarvt die europäischen Regierungen
und Entscheidungseliten als verantwortungslose Leichtmatrosen, die einen Supertanker auf Sicht durch
einen Sturm fahren. Er bietet einen Blick in die Zukunft Europas und der Welt bis 2020. Er füllt damit ein
Manko an Visionen für die Zukunft unseres Kontinents in einer Welt von Morgen. Franck Biancheri, Jahrgang 1961, ist Forschungsdirektor des Laboratoire Européen d’Anticipation Politique.
“Denn die gegenwärtige Krise ist nicht nur das „Ende der Welt von Gestern“ sondern auch eine wunderbare Gelegenheit die „Welt von Morgen“ zu gestalten; vorausgesetzt dass wir uns nicht über die Gefahren,
ISBN: 978-2-919574-00-1 Herausforderungen und Möglichkeiten, die vor uns liegen, täuschen.”
preis: 20,00 €
Bestellen: Anticipolis Editions
MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

GESELLSCHAFT

Die Gegenrevolution des amerikanischen Volkes wird kommen
von Bruno Paul (Übersetzung : Harald Greib)

Die amerikanische Republik hat sich seit dem September 2001 tiefgreifend verändert. Was geschah, verdient sehr wohl die Bezeichnung Revolution, oder besser noch, permanenter Staatsstreich, durch den
nach und nach die Institutionen der Republik der Vereinigten Staaten zu leeren Hüllen verkamen. Diese
Revolution ist ein gigantischer gesellschaftlicher Rückbau, der erst dann wieder umkehrbar gemacht
werden kann, wenn dem amerikanischen Volk eine Gegenrevolution gelingt. Dafür sind schon heute die
ersten Anzeichen zu erkennen. Nach einem langen Kampf werden die meisten Bundesinstitutionen aufgehört haben zu existieren; es sei denn, es wäre ihnen gelungen, sich nachhaltig zu verändern.1,2
Die weltweite umfassende Krise ist vor allem eine Krise des Status quo, also
des Zustands, in dem die realen und tiefgreifenden Veränderungen wenig zahlreich sind und dabei oberflächlich oder in den großen Medien kaum wahrnehmbar. Die Krise zerreißt dann den Schleier und gibt den Blick frei auf die wahren
Veränderungen und beschleunigt gleichzeitig die Dynamik der Veränderungen;
die großen Tendenzen bleiben dabei unverändert. Deshalb ist es so wichtig, die
Entwicklungen der amerikanischen Republik unter einem dynamischen Blickwinkel zu betrachten, anstatt sich auf eine statische Bestandsaufnahme zu begrenzen, die lediglich wie ein Foto die aktuelle Situation zu einem ganz bestimmten
Zeitpunkt darstellen kann.

1. Wir veröffentlichen hier nur einen Teil des Gesamttextes. Das vollständige Dokument ist unter Conscience-Sociale.org verfügbar und
enthält noch weitere Kapitel, insbesondere über die weiteren Phasen.
2. Wir verwenden die Technik der parrêsia gemeinsam mit der Methode der Politischen Antizipation. Dieser Text soll für jeden Betroffenen
eine Entscheidungshilfe sein und wieder einmal bringen wir darin unser starkes Mitgefühlrs für das amerikanische Volk zum Ausdruck.

Wir können vier entscheidende Kräfte identifizieren, die häufig gegeneinander wirken, die je nach Phase von unterschiedlicher Intensität sind, und die
zusammen betrachtet zu jedem Moment verstehen lassen, warum die Situation in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft so und nicht anders
war, ist und sein wird:
l

Die Moraldynamik, die in der Gesellschaft Ideologien entstehen lässt ;

l die Sozialdynamik, also die Beziehungen zwischen Einzelpersonen entsprechend der dominierenden Ideologie (was unter anderem alle Elemente der
klassischen ökonomischen Analyse einschließt) ;
l Die Außendynamik, die von anderen Ländern ausgeht, indem sie die (wirtschaftlichen, finanziellen, monetären, militärischen, politischen usw.) Beziehungen zwischen Regierungen und Organisationen prägen; die nationale Außenpolitik versucht, diese Beziehungen so zu beeinflussen, dass aus ihnen
positive Folgen für das eigene Land erwachsen ;
l die innenpolitische Dynamik als Folge der Beziehungen zwischen den Bürgern, den Organisationen und der Bundesregierung, von denen ein wichtiger
Bereich die Justiz ist.

11 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

Eine Gedankenwelt, die nicht mehr ins 21. Jahrhundert passt
Die Moraldynamik ist diejenige, die sich am langsamsten entwickelt. Die Schaffung und vor allen Dingen die Verbreitung einer Ideologie in der Gesellschaft
beansprucht Jahrzehnte. Der Neoliberalismus dominiert gegenwärtig und die politische Ökologie steht in den USA noch ganz am Anfang. In den Machtzirkeln hat die Ideologie, die die der starken Exekutive ist, jegliche alternative Gedankenwelt ins Abseits gedrängt.
Die progressiven Kräfte sind unorganisiert3 und im Lärm der dominierenden Me3. The progressive movement lacks a spine for the moment, and is
dien darauf reduziert, im besten Fall lediglich punktuelle Widerstandsstrategien zu
badly divided over a number of difficult issues which diffuse them,
entwickeln oder auch Warnungen zu verfassen oder zu versuchen, die Menschen
instilling hatred and fear in their hearts, driving out love, and leavwachzurütteln; was die progressiven Kräfte nicht sind, sind politische Organisaing room only for a destructive pride and selfishness. And the timtionen, die sich für die Verbreitung von grundsätzlich neuen Ideen der sozialen
4
id thinkers, the so-called intelligentsia, hide in their studies and
Gerechtigkeit einsetzen . Religion hat, im Gegensatz zu dem, was sich in Südafrika
in their cellars, and in their work, waiting for someone else to do
ereignete, lediglich eine konservative Funktion. Den Menschen verbleibt nur, Vorsomething. Eventually progressive people will come together or,
räte und Munition zu horten und sich auf das Schlimmste gefasst zu machen, und
as Edmund Burke observed, “they will fall, one by one, an unpitied
deshalb wird es genau zu diesem Schlimmsten kommen.
sacrifice in a contemptible struggle.”. Quelle : A Financial Coup
Das Problem der sozialen Gleichheit wird sich noch d’Etat, the Credibility Trap, and What Must Be Done, 28.09.2012,
Jesse’s Café Américain
zuspitzen
Die Sozialdynamik in den USA wird seit Beginn der umfassenden weltweiten Krise
in vielen Übersichten und Schaubilder dargestellt5 Wir greifen hier nur drei besonders bezeichnende Beispiele heraus: Das erste eine Darstellung der Entwicklung der Einkommenstranchen in den USA über die letzten hundert Jahre; das
zweite eine Übersicht über das Lebensmittelhilfeprogramm seit 1976; und das
dritte eine Darstellung der Entwicklungsunterschiede der höchsten Einkommen für
die USA, Großbritannien, Frankreich und Kanada:

12 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

4. “Resistance, Revolution, Liberation – A model for positive
change”, C.H. Smith, 2012, oftwominds.com
5. “The Middle Class In America Is Being Wiped Out – Here Are
60 Facts That Prove It”, 04.01.13, The Truth ; “Why the Middle
Class Is Declining: Economist”, 24.02.13, CNBC ; “Eroding middle
class falls to 51%, survey finds”, L.A. Times, 08/2012

Die Ideologie der US- Gesellschaft ist ausschließlich auf
das Freiheitsprinzip ausgerichtet. Wie zu erwarten hat diese
verkürzte Konzeption letztendlich dazu geführt, dass die Idee
der Gleichheit zwischen den Menschen aufgegeben wurde
und das Verbrechen im Namen der Freiheit möglich wurden.6

Die Expansionswelle zieht sich zurück
Was die Außendynamik anbelangt, hat die umfassende weltweite Krise auch offengelegt, dass die USA an der äußersten
Grenze ihrer Expansion angelangt sind. Ihre traditionellen Verbündeten haben sich gegen sie gewandt (Iran, Philippinen,
Irak, Chile usw.), bevorzugen enge Beziehungen zu anderen
Staaten (Brasilien, Südafrika, Indien und nun China und Australien), oder besinnen sich wieder auf ihre Souveränität (Japan
und seine Geldpolitik), oder sind in einem steilen Niedergang
begriffen (GB7). Ein neues internationales Währungssystem
ist aktiv in der Vorbereitung, um die ungerechtfertigte Leitwährungsfunktion des Dollars8, zu beenden, und den USA fehlen die Mittel, sich dagegen zu wehren. Sollten sie sich dafür
entscheiden, daran nicht teilzunehmen, würden sie sich selbst
aus dem globalen System ausschließen, wie es die Sowjetunion nach Bretton Woods vorgemacht hat.

6. Rumsfeld erklärte nach der Plünderung und der Zerstörung der archäologischen Schätze Bagdads, Bestandteil
des Weltkulturerbes : “Freedom’s untidy… Free people are
free to make mistakes and commit crimes”. Quelle : “It’US
policy that’s untidy”, 17.04.13, Los Angeles Times
7. From the US to the UK, industrial decline creates ‘anxious
class’, 04.02.13, GlobalPost
8. “Gold, the renminbi and the multiple-currency reserve
system”, 01.2013, OMFIF ; Conscience Sociale

13 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

Am 12. September 2002 kündigte G.W. Bush vor den Vereinten Nationen die Absicht der amerikanischen Regierung an, gegen den Irak einen Präventivkrieg zu führen, obwohl dies im Widerspruch zum geltenden internationalen Recht stand.9 Kein Delegierter protestierte und so konnte die Invasion am
20. März 2003 beginnen. An diesem 21. September wurden die internationalen Beziehungen und das internationale Recht, das sie regeln soll, auf das
Recht des Stärkeren reduziert, da dieses internationale Recht von den Vereinten Nationen nicht angewendet und nicht geschützt wurde. Dieser Tag wird
als Symbol des amerikanischen Imperialismus in den internationalen Beziehungen in Erinnerung bleiben. Diese Ideologie ist eine Grundtendenz der amerikanischen Außenpolitik seit dem Völkermord an den amerikanischen Ureinwohnern und denen der Philippinen. Diese lange Expansion als Quelle ihres
Wachstums ist nunmehr rückläufig. Die USA haben sich aus dem Irak zurückgezogen, werden bald aus Afghanistan abziehen, und auch die 88000 Militärstützpunkte in Europa10 werden bald in die USA zurück - oder nach Asien verlegt werden. Aber die Umsteuerung eines militärisch- industriellen Komplex
in zivile Aktivitäten ist äußerst schwierig; diese Erfahrung haben die USA bereits 1946/1947 gemacht.

Im Namen meines Rechts...
Die gegenwärtige politische Situation in der amerikanischen Republik fasst der Pr. Chalmers in der folgenden einfachen Aussage
zusammen: In der Praxis ist die Gewaltenteilung - das grundlegendste Element der Verfassung - verschwunden11. Die neue Form
der Macht hat die Institutionen des Kongresses oder des Supreme
Courts nicht etwa abgeschafft, wie ein Diktator es gemacht hätte,
der sich in einem Staatsstreich an die Macht geputscht hat. Dass
die Institutionen noch Jahre bestanden, obwohl sie ihre Funktion
eingebüßt hatten, verhinderte, dass die Menschen erkannt haben, was in Wirklichkeit passierte, obwohl Warnungen schon seit
2002 erschallten.12 Die Institutionen konnten nicht mehr die Grundrechte gewährleisten und die bürgerlichen Freiheiten (die zehn
Verfassungszusätze der amerikanischen Bill of Rights) wurden in
wenigen Jahren mit dem Erlass neuer Gesetze geschleift.

9. “The mantra that means this time it’s serious”, 14.09.02, The Independent (reprinted by Daily Times)
10. Quelle : 30.09.12, Military personnel statistics, DoD
11. This evolution has been remarkably explained in a multidisciplinary approach
by the “Blowback” trilogy by Pr. Chalmers Johnson, and particularly in his last volume : Nemesis – The last days of the American Republic,  Metropolitan Books,
2006 ; See also “ The military Keynesianism of the U.S. and the Road to Tyranny”,
Conscience Sociale.
12. “On presidential records”, 04.2002, Federation of American Scientists ; “Uncle
Sam’s Iron Curtain of Secrecy”, 08.2005, James Bovard ; 13.03.06, The Guardian
; “2 U.S. Supreme Court Justices – And Numerous Other Top Government Officials
– Warn of Dictatorship”, 18.09.12, Washington’s blog

13. Siehe : Conscience Sociale
14. “Can juries tame prosecutors gone wild ?“, 02.02.13, Boston.com
15. See also “DOJ: We Can’t Tell Which Secret Application of Section 215 Prevents Us From Telling You How You’re Surveilled”, .01.02.2013, Empty Wheel
16. Using legislation which came into force one month after the US entry into
the First World War (Espionage Act, 1917) or the extremely controversial
CFAA (Computer Fraud and Abuse Act)
17. To enable him to obtain in exchange a sentence lower but certain.

14 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

... sind Sie verhaftet!
Der Tod von Aaron Swartz 11. Januar13 weist viele Parallelen zu dem
von Mohamed Bouazizi auf, der, der sich im Alter von 26 Jahren als ultimativen Protest gegen die Politik seiner Regierung umbrachte. Sein
Handeln wurde das Symbol für eine ganze junge Generation sein, die
sich in ihm wiedererkennt. Genauso ist der Freitod von Aaron Swartz
ein politischer Akt eines Mannes, der von einem Justizsystem verfolgt
wurde, das seine Bürger verrät, statt sie zu beschützen14. In den zwei
Jahren, die das Strafverfahren andauerte, das mit Methoden betrieben
wurde, die an die Romane Kafkas erinnern15  in denen der Staatsanwalt
ohne jegliche richterliche Kontrolle jenseits der Gesetze handelte16 um
eine Schuldiganerkenntnis von Aaron Swartz zu erreichen,17 ist eine

Neuauflage von “Der Prozess”18, in dem ein junger Mann plötzlich in den Stricken eines Justizsystems verheddert ist, das willkürlich, unmenschlich, absurd
und mörderisch ist.

Letztes Mittel
Der Tod von Aaron Swartz beinhaltet alle Ingredienzen, die erforderlich sind, damit sich in der Internetgemeinschaft die Erkenntnisgewinnung beschleunigt.
Wie jedes Symbol schafft es Gemeinschaft und Solidarität zwischen Individuen.
Was auf dem Spiel steht, hat sich in der Dimension, aber nicht in seinen wesentlichen Elementen
verändert. Die neuen Spieler fühlen sich nicht nur betroffen; sie fühlen, dass sie sich im Fadenkreuz der
politischen Ziele eines unterdrückenden Justizsystems befinden, das mit Achselzucken die Verbrechen
der Banker ungestraft lässt und statt dessen die Verteidiger der Grundrechte verfolgt. Dieses Gefühl von
einer ungerechten Justiz, das der Internetgemeinschaft gemeinsam ist, hat das Potential, Solidarität über
die traditionellen Parteigrenzen hinweg zu erzeugen. Hier wird nicht nur eine kleine Gruppe von Politikern
angegriffen, sondern die Legitimität eines Regierungssystems, das ein derartiges Justizgebaren duldet.
Die tiefe politische Krise hat sich damit noch einmal zugespitzt.
Die rechtlichen Garantien für den Schutz der Bürger wurden zwar schon vor Jahren abgeschafft, aber die unmittelbaren Folgen auf das Leben der Menschen in den USA machen sich erst jetzt bemerkbar. Die Menschen reagieren und radikalisieren sich, wie sich am 25. Januar zeigte, als Anonymous in die
Webseite des Justizministeriums eindrang und die öffentliche Phase der Bürgermobilisierung einläutete, “Last Resort” (Letztes Mittel).19

18. A novel by Franz Kafka, written between
1914 and 1915 and published in 1925
19. Diese Radikalisierung der Internetgemeinschaft war antizipiert worden.
20. Siehe : video (oder here).

Es handelt sich dabei um eine Aktion, die für die Medien bestimmt ist, die aber vor allen Dingen sich
für die Freiheit einsetzt; sie läuft ausschließlich im internet ab und jenseits der geltenden Gesetze, im
Gegensatz zur Occupy- Bewegung. Die von OpLastResort bei dieser Gelegenheit verbreitete Nachricht20 stellt mehrere Beweggründe in den Vordergrund, die sich nicht darauf beschränken, freiheitsbeschränkende Praktiken und Gesetze anprangern zu wollen:
l Dass es sich dabei um eine als Reaktion auf die Verhaftungen von Hacktivisten im Jahr 2012 lange
Zeit vorbereitete Operation handelt; dass der Tod von Aaron Swartz, verursacht durch die staatliche
Verfolgung, der er ausgesetzt war, der Auslöser für ihren Start war
l dass allgemeinem Rechtsempfinden Vorrang vor formalen Gesetzen zukommt, wenn diese Verrat

15 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

am Gemeinwohl oder rechtswidrige Angriffe auf die Freiheiten sind; in diesem Zusammenhang steht auch die staatliche Verfolgung anderer Whistleblower durch die Justiz21 ;
l dass es kein Verhandlungsangebot gibt; der Regierung wird ein Ultimatum gestellt, um sie
zu zwingen, die vielen freiheitsbeschränkenden Gesetze zu kassieren; dass der Kampf erst
eingestellt wird, wenn dieses Ziel erreicht ist ;
l dass sich die Nachricht an alle Menschen dieser Welt richtet und nicht nur an die Amerikaner, auch wenn nur sie betroffen sind; dies ist ein entscheidendes Merkmal dieser Protestbewegung, die ihre Aktivisten auch im Ausland rekrutiert, sogar auch für Anliegen, von denen
man bei naiver Betrachtung davon ausgehen könnte, dass sie nur für die Amerikaner von
Bedeutung sind.

21. Assange, Manning, Hammond, Kiriakou, Ellsberg,
Drake, Radack…
22. “Why the WikiLeaks Grand Jury is So Dangerous
: Members of Congress Now Want to Prosecute New
York Times Journalists Too”, 23.07.12, EFF.org
23. ”President Obama reportedly set to enact cybersecurity order as Congress revives CISPA“, 09.02.13,
TheVerge.com

Die Namen hinter der Finanzindustrie offenlegen
OpLastResort kündigte eine Reihe von Hackerangriffen gegen Regierungswebseiten im Februar 2013 an. Mit der ersten Ankündigung wurden mehrere verschlüsselte Archive, ohne den Schlüssel, versandt. Sie enthalten zweifelsohne
Informationen, die auf den Bundeswebseiten abgeschöpft wurden. Bei dieser Verbreitungsmethode, bei der es ausdrücklich darum geht, auf sicherem Weg Kontakt mit Zeitungen zu bekommen, wurden nicht die schon eingespielten Kanäle
über Wikileaks genutzt. Das überraschte die Internetgemeinschaft und weckte bei
den Medien, die fürchteten, nicht mehr vom Anwendungsbereich des ersten Verfassungszusatzes22, geschützt zu sein, Zweifel; bis dann am 4. Februar eine Liste
von 4600 Namen von leitenden Mitarbeitern der amerikanischen Finanzinstitute
mit ihren Personalangaben und (verschlüsselten) Passwörtern verbreitet wurde,
die über Hackerangriffe gegen bestimmte Seiten der amerikanischen Zentralbank
in den Besitz der Aktivisten gebracht worden waren.
Am gleichen Tag gab Bloomberg bekannt, dass Obama plane, die Veröffentlichung einer executive order des Präsidenten zu beschleunigen, die im Geiste der
Vorschläge zum CISPA- Gesetz ermöglicht, die Cyberüberwachung23 zu verstärken. Die Eskalation setzt sich also fort.

16 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

Die Gegenrevolution, die kommen wird
Das Gesamtergebnis ist schwer ertragbar, aber die Rechnung muss aufgemacht werden, und es muss aufgezeigt werden, was dies als langfristiger Trend
bedeutet; denn man kann keinen neuen Weg gehen, wenn man blind und taub bleibt:
Ein Bürgerkrieg steht bevor und wird noch vor dem Ende der Regierungszeit Obamas ausbrechen; denn den Machtzirkeln geht es vor allem darum, ihn in
seinem Amt zu halten (das Ultimatum von OpLastResort wird folgenlos verstreichen), aber der Druck der Außendynamik wird nicht nachlassen. Extreme
Ereignisse und Reaktionen (wie die Einführung des Kriegsrechts) können jederzeit seinen Ausbruch beschleunigen. Die großen Medien werden ihn nicht
beim richtigen Namen nennen, sondern werden ohne Augenmaß und ohne Einsicht die Aufständischen als Terroristen diffamieren. Aber nichts wird die
Gegenrevolution des amerikanischen Volkes aufhalten oder auch nur hinausschieben können.
Auch wenn es schon zu spät ist, um zu retten, was schon verloren ist, ist es niemals zu spät, um sich neue Optionen zu schaffen. Allein schon, um die Hoffnung zu erhalten. Und auf dem Feld der Hoffnung sind die Feindes des Volkes ohne Waffen.
“Man hofft heute auf die Revolution nicht als eine Lösung für die Probleme der gegenwärtigen Zeit, sondern wie auf ein Wunder, das einen von der Notwendigkeit befreit, die Probleme zu lösen.”
(S. Weil, 1909 – 1943)

Handbuch Der Politischen Antizipation
von Marie-Hélène Caillol

Bestellen

Im Laufe der letzten 25 Jahre konnten Franck Biancheri und seine Mitstreiter in den von ihm gegründeten europäischen Bewegungen wichtige historische Ereignisse und Entwicklung korrekt antizipieren: Der Fall des Eisernen Vorhangs, die Krise der Europäischen Kommission, der Zusammenbruch des Dollars und die umfassende weltweite Krise waren und sind eminent wichtige
Vorhersagen.
Wenn eine Vorhersage richtig ist, kann es Zufall sein. Wenn zwei richtig sind, kann es Glück sein. Wenn drei und mehr Vorhersagen richtig sind, ist
es Zeit, sich die Frage zu stellen, ob nicht etwas anderes Grundlage des Erfolgs ist, nämlich eine besondere, auf Rationalität basierende Methode,
die Gegenwart zu analysieren.
Aus den auf diesen Grundlagen erstellten Arbeiten ragen die des Laboratoire européen d’Anticipation Politique (LEAP) heraus. Monat für Monat
werden sie im GlobalEuropa Antizipations-Bulletin veröffentlich. Sie sind inzwischen als ernsthafte Prognosen bis in den akademischen Bereich
hinein anerkannt. Damit entstand der Wunsch, dass wir unsere Methode erläutern und strukturieren.

MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

Euro-BRICS

Auf dem Weg zum Abschluss von schengenähnlichen
Verträgen zwischen Euroland und den BRICS
von Harald Greib (Übersetzung : Harald Greib)

Die Schengenverträge stellen die Reisefreiheit von Menschen innerhalb des sogenannten Schengenraums sicher, indem sie die Kontrolle an den Binnengrenzen abschaffen, aber im Ausgleich
die Kontrollen an den Außengrenzen nach einem gemeinsam von allen an diesen Verträgen
beteiligten Länder festgelegten Standard verstärken.
Dieser Standard umfasst vier Bereiche :
l Verstärkung der Außengrenzkontrollen (Verpflichtung, jede Person, die die Grenze überschreiten möchte, zu kontrollieren, Verbot von Beschränkung auf Stichprobenkontrollen)
l Gemeinsame Visapolitik
l Gemeinsame Asylpolitik
l Verstärkte Zusammenarbeit von Polizei, Justiz und Zoll.
Unterzeichnerstaaten sind zur Zeit die Mitgliedstaaten der EU mit Ausnahme von Großbritannien und Irland, sowie Norwegen, Island und die
Schweiz.
Daraus sieht man, dass die Beteiligung an den Schengenverträgen in keiner Weise die Zugehörigkeit zur EU voraussetzt.
Die Schengenverträge wurden nicht etwa geschlossen, um die Angehörigen der Unterzeichnerstaaten grosszügig in den Genuss einer weiteren
Freiheit kommen zu lassen, sondern vielmehr als Reaktion auf das enorme Verkehrsaufkommen zwischen den ersten Unterzeichnerstaaten
(Deutschland, Frankreich, Luxembourg, Belgien und den Niederlanden), das wirksame Kontrollen an den Grenzen zwischen diesen Ländern
unmöglich machte. Daher entschieden sich die betroffenen Regierungen dafür, die unzuverlässigen und wenig wirksamen Stichprobenkontrollen an diesen Grenzen durch eine verstärkte Kontrolle an den gemeinsamen Außengrenzen zu ersetzen, die von einer verstärkten Zusammenarbeit der Polizei-, Zoll- und Justizbehörden ergänzt wurde. Man kann daher zu Recht sagen, dass die die Schengenverträge tragende
Logik darin besteht, die Kontrollmittel an den Außengrenzen zu konzentrieren.

18 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

Der Schengenraum und seine Grenzsicherung ist daher die zwingende
Folge der wachsenden Zahl der Reisenden, die die “klassischen” Kontrollen an den nationalen Grenzen impraktikabel werden ließen. Die
Schweiz hatte eigentlich gar keine andere Möglichkeit, als Schengen
beizutreten, da es ihr als von EU- Staaten umschlossenem Transitland
nicht möglich war, auch nur noch den Anschein aufrecht zu erhalten, ihre
Grenzen wirksam kontrollieren zu können.
Entsprechend spricht nichts dagegen, uns nicht eine vergleichbare Entwicklung im Verhältnis von Euroland und BRICS vorzustellen. Sollten
die regelmäßigen Verkehrsströme so massiv ansteigen, dass die Kontrolle an den Grenzen eine zu große Anstrengung für die Staaten bedeuteten, wäre es sicherlich angebracht, darüber nachzudenken, ob der
Abschluss schengenähnlicher Verträge über die Einführung des freien
Personenverkehrs zwischen Euroland und BRICS nicht eine Möglichkeit
wäre, die Reiseströme besser zu kontrollieren.
Die Existenz der Enklave von Kaliningrad ermöglicht sogar, uns eine langsame und graduelle Entwicklung auszumalen. Die Enklave wäre in
gewissem Sinne das Experimentierfeld für den Aufbau eines “Schengenraums” Euro-BRICS. Gegenwärtig sind die Bewohner der Enklave
noch verpflichtet, ein Schengenvisum zu beantragen, wenn sie innerhalb des Schengenraums reisen wollen. Angesichts der geografischen
Lage ist dies ein ständiger Konfliktpunkt zwischen den Schengenstaaten und Russland und eine Freiheitsbeschränkung der betroffenen Personen. Die geringe Anzahl der Enklavenbewohner macht aus dieser ein perfektes Versuchsfeld, um zu prüfen, ob eine Schengenkooperation
möglich sein könnte.

Das Verfahren auf dem Weg zum Abschluss von Euro-BRICS - Verträgen sollte einer Logik von schrittweiser Privilegiengewährung und anschließender Evaluierung folgen:
Zuerst werden den Bewohnern der Enklave Kaliningrad Schengendauervisa gewährt. Nach einigen Jahren evaluieren die Schengenstaaten,
ob die Visumsinhaber die gesetzlichen Bestimmungen von zeitlich begrenztem Aufenthalt und Arbeitsverbot eingehalten haben. Ist es nur in
geringen Fällen zu Missbrauch gekommen, folgt die nächste Etappe : Die Schengenstaaten schaffen die Visumspflicht für alle Bewohner der
Enklave ab. Nach einigen Jahren erfolgt eine weitere Evaluierung.

Wenn Missbrauchsfälle wenig zahlreich sind, folgen die nächsten Etappen, immer abwechselnd zwischen Privilegiengewährung und Evaluierung:
l

Gewährung von Schengendauervisa für alle russischen Staatsangehörigen - Evaluierung

19 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

l
l

Abschaffung der Visumspflicht für alle russischen Staatsangehörigen - Evaluierung
Abschaffung der Visumspflicht für alle Staatsangehörigen der BRICS - Evaluierung

Dann folgt die wichtigste Etappe:
l Evaluierung der Zahl der Reisenden, die die Euro- BRICS- Grenzen überqueren, um zu entscheiden, ob der Abschluss von schengenähnlichen Verträgen die Effizienz der Grenzkontrollen bei geringeren Kosten ermöglichten könnte.
Man muss sich immer wieder vor Augen halten, dass die Schengenverträge entgegen der landläufigen Meinung nicht das Sicherheitsniveau
und die Kontrollintensität an den Grenzen verringern, sondern lediglich die Kontrollmöglichkeiten an die neue Situation der angeschwollenen
Reiseströme anpassen, die die klassischen Kontrollen an den Grenzen impraktikabel machen. Es gibt sogar Stimmen, die die Ansicht vertreten, dass die in den Schengenverträgen vorgesehenen Maßnahmen die Kontrollintensität erhöhten, der Reisende in den und Bewohner des
Schengenraums ausgesetzt sind. Dass darüber hinaus die Verträge staatenübergreifend das Gefühl erzeugen, einen gemeinsamen geografischen Raum zu bevölkern, ein gemeinsames Schicksal zu teilen, dass die Unterzeichnerstaaten Freunde seien, ist nicht das erklärte Ziel der
Verträge, aber ein sehr schöner Nebeneffekt.

Anticipolis Editions

Der Zusammenbruch des Immobilienmarkts in den westlichen Staaten

von Sylvain Perifel und Philippe Schneider

Bestellen

Die Krise hat gezeigt, dass die Immobilienmärkte in den westlichen Staaten nicht so solide waren wie sie schienen. Bei Käufern,
Verkäufern, Eigentümern, Mietern, Maklern, Bauentwicklern, ja bei allen, die sich für den Wohnungsimmobilienmarkt interessieren,
kamen wesentliche Zweifel auf. In der Krise wurde auch allgemein klar, dass zwischen den verschiedenen nationalen Immobilienmärkten
und den internationalen Entwicklungen in Wirtschaft, Finanzen, Währungen und Zinssätzen komplexe Wechselwirkungen bestehen.
Vielen begann zu dämmern, dass auf dem Immobilienmarkt in Zukunft wenig so sein würde wie heute..
Aber diesem Erkenntnisgewinn sind Grenzen gesetzt. Wie könnte es auch anders sein angesichts der Dürftigkeit, wenn nicht gar des Fehlens von
länderübergreifenden Analysen, die auch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte umfassen? Ohne einen solchen Rückblick kann keine Prognose der
kommenden Entwicklungen des Immobilienmarkts in den jeweiligen Ländern Glaubwürdigkeit beanspruchen. Und von solchen Prognosen hängt ab,
welche Antworten auf entscheidende Fragen die richtigen sind: Wann verkaufen? Wann kaufen? Lieber mieten?
Mit diesem Buch füllen die Autoren Sylvain Perifel und Philippe Schneider diese Lücke für den Wohnimmobilienmarkt in den westlichen Staaten, für
den sie zweifelsohne gemeinsame Trends herausgearbeitet haben. Sie haben ein angenehm zu lesendes Buch geschrieben, in dem präzise Analysen,
notwendige Statistiken, stringente Argumente, mit Zahlen unterfütterte zeitgenaue Prognosen und nützliche Ratschläge eine glückliche Verbindung
eingehen. Es bietet damit eine wichtige Informationsquelle für Privatleute wie Immobilienprofis oder auch Investoren.

MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

GEOPOLITICS

2015: Führt die neue Indienroute über Nicaragua ?
von Gilles Maury (Übersetzung : Harald Greib)

Mit der Entdeckung Amerikas tauchte die Idee eines Kanals zwischen Atlantik und Pazifik auf1,
um die Reise von Europa nach Indien abzukürzen und zu vereinfachen. Aber erst gegen Ende
des 19. Jahrhunderts rückte ein solches Projekt in den Bereich des Machbaren. Zwei Optionen
wurden ernsthaft in Erwägung gezogen: Ein Durchbruch durch Panama oder durch Nicaragua2,
In Nicaragua ließ 1888 der Millionnair J.P. Morgan mit Arbeiten beginnen3, die aber bald aus Geldmangel eingestellt wurden, als an den Aktienmärkten Panik ausbrach. Letztendlich entschloss
sich der amerikanische Präsident, die Arbeiten in Panama wieder aufnehmen zu lassen, die die
Franzosen abgebrochen hatten, offiziell wegen den Kosten und den Erdbebenrisiken, aber überwiegend aus geostrategischen Gründen. Panama wurde Kolumbien entrissen und unter amerikanische Kontrolle gestellt, während Nicaragua, das sich einige Jahrzehnte davor den Angriffen des Yankee- Piraten William Walker erwehrt hatte, erleben musste, dauerhaft bestraft zu werden.
Damit wurde der Panama-Kanal ab 1914 ein “amerikanisches Gibraltar”, sehr profitträchtig und unentbehrlich für den wachsenden weltweiten Handel. In
dieser Zeit hielten die USA militärisch und politisch Nicaragua dauerhaft unter ihrem Joch4 was zu Aufständen der Bevölkerung führte. Der nicaraguanische Bürgerkrieg von 1972 bis 1990 verheerte das Land, 70.000 Menschen kamen ums Leben und die Wirtschaft lag darnieder - heute ist Nicaragua das
zweitärmste Land der Region. Als Ironie der Geschichte ist anzusehen, dass heute der
Präsident des Landes Daniel Ortega ist, der während der blutigen Jahre der Mann an
der Spitze der antiamerikanischen Sandinisten war. Wenn er sich auch den neuen Zeiten
angepasst hat und seinen revolutionären Kampf aufgegeben hat, so hat er sich doch
sein massives Eintreten gegen den amerikanischen Imperialismus bewahrt. Dieses Jahr
hat er die Staatschefs von Venezuela, Kuba, China, Russland und des Irans getroffen
und dadurch Nicaragua zu einem unbedingten Verbündeten dieser alternativen Achse
gemacht.

1. Quelle : 10.1996, Peter Constantini
2. “Nicaragua Canal project steps up to rival Panama”,
15.06.12, The Voice of Russia
3. “Le rêve du grand canal du Nicaragua refait surface”,
07.06.12, Le Monde

Nicaragua glaubt daran und will es

4. Quelle : History of Nicaragua, Wikipedia

2004 wurde das Nicaraguakanalprojekt5 aus der Schublade gezogen, um das Land aus
der Armut zu führen. Ortega machte es zu seinem Hauptanliegen, als er 2006 erneut an
die Macht kam. In vollem Bewusstsein der geopolitischen Möglichkeiten des Projekts und

5. Ortega revives Nicaragua Canal fantasy, 05.06.12,
The Nicaragua Dispatch

21 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

der Erwartungen der Menschen daran, setzte er einen äußerst ehrgeizigen
Entwicklungsaktionsplan um6, für den er große ausländische Investitionen
einwarb7 mit denen das Projekte finanziert werden kann. Diese positive
Entwicklung spiegelte sich in den Wahlergebnissen wieder, wo er, äußerst
selten in der Region, 2011 mit deutlichem Vorsprung für weitere fünf Jahre
wiedergewählt wurde8.

Im Juni 2012 wurde ein genauer Ablaufplan des Projekts vorgestellt: Mit

dem Bau soll in zehn Jahren begonnen werden, die Kosten sollen sich auf
30 Milliarden USD belaufen, die zu 51% von Nicaragua getragen werden
und der Rest von einem Zusammenschluss von China, Russland, Brasilien, Venezuela, Japan und Südkorea. Alle diese Länder haben schon ihr
Interesse erklärt und im Juli 2012 hat das Parlement Nicaraguas bereits mit massiver Mehrheit9 ein entsprechendes Gesetz angenommen. Die
Vorteile wären enorm für das Land: Hundertausende Arbeitsplätze würden
geschaffen, Gebühren für die Kanalnutzung in Millionenhöhe anfallen, was
zu einer Verdopplung des BIP in nur zehn Jahren führen würde.
Natürlich könnte ein solch gigantisches Projekt nicht allein von der Hoffnung der Nicaraguaner getragen werden, um Wirklichkeit zu werden.

6. “Nicaragua’s economy up 30% under Sandinistas”, 21.09.12, The Nicaragua Dispatch
7.”Nicaragua sedujo a inversionistas”, 29.04.12, El Financiero
8. “Ortega será el primer presidente reelegido en Nicaragua desde el dictador Somoza”, 07.11.11, El Mundo
9. “Nicaragua construirá una alternativa al Canal de Panamá”, 04.07.12,
RT
10. “China’s overseas investment set to soar, minister says”, 29.11.12,
South China Morning Post
11. Quelle : “Gran Canal Interoceánico por Nicaragua”, Gobierno de
Nicaragua
12. “Dutch Consortium to Conduct Canal Study”, 26.07.12, Central America
Data

Ein Kanal zwischen Pazifik und Atlantik durch Nicaragua - kann es gelingen?
l

30 Milliarden müssen eingesammelt werden

Nicaragua ist ein Land, das politisch instabil ist, mit schwachen Institutionen, und in dem Rechtsstaat das ist, was die Herrschenden darunter verstehen.
Aber das heißt auch, dass das Projekt dauerhaft von Nicaragua unterstützt werden wird.
Weiterhin wird sicherlich erforderlich sein, wenn Investoren interessiert werden sollen, dass diese die Kontrolle über die Durchführung erhalten. Umso mehr
als Nicaragua, um selber 51% des Kapitals aufbringen zu können, was dem vierfachen jährlichen BIP entspricht, wiederum auf diese Investoren angewiesen
sein wird. Aber eine solche Summe über 10 Jahre, auch wenn sie sicherlich neu bewertet werden muss, einzusammeln, ist nicht abwegig. Allein im Jahr
2012 hat China 70 Milliarden Dollar10 außerhalb seiner Grenzen investiert. Die Schwellenländer wollen ihre großen liquiden Mittel umgehend in Zukunftsprojekte investieren; von diesen Schwellenländern zählen drei zu den BRICS.
l

Die Baustelle

Der erste Projektentwurf von 2004 schlug sechs unterschiedliche Streckenführungen vor11. Im Juli 2012 wurden zwei niederländische Unternehmen bestimmt12, um ein Vorabmachbarkeitsstudie zu den technischen Aspekten zu erstellen, deren Ergebnisse in sechs Monaten vorliegen werden. Schon im Sep-

22 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

tember wurde ein Abkommen unterzeichnet, mit dem ein neu gegründetes chinesisches Unternehmen13
–das vom Präsidenten des Telekommunikationsanbieter Xinwei geführt wird - beauftragt wird, eine
Machbarkeitsstudie14, zu erstellen, aber vor allen Dingen das Projekt auszuarbeiten, zu finanzieren und
durchzuführen. (Auffallend ist die mangelnde Klarheit über eine Beteiligung der anderen Investoren). Es
ist auch vorgesehen, dass das Projekt neben dem Kanal auch noch eine Strecke über Land aufweist.
l

Wird es ausreichend Nachfrage geben?

40 % der Schiffe, die auf den Weltmeeren unterwegs sind oder sich in Bau befinden, sind für eine Passage durch den Panamakanal bereits zu groß15,der doch gerade bis 2014 verbreitert worden war. Allein der Nicaraguakanal wäre dann eine mögliche Durchfahrt für Schiffe von 248.000 Registertonnen,
also doppelt so groß wie die Schiffe, die den Panamakanal nutzen können. Die Arbeitskommission des
großen Kanals geht schon heute davon aus, dass 4,5% des weltweiten Seehandels durch Nicaragua
gehen werden, während der Panamakanal heute 3% abwickele. Der Nicaraguakanal hätte auch den
nicht unerheblichen Vorteil, den Seeweg von New York nach Los Angeles um 800 km zu verringern auch wenn er wohl ungefähr 280 km lang sein dürfte, während der Panamakanal nur 80 km lang ist.
Weiterhin nimmt der weltweite Seeverkehr trotz der Krise konstant zu.

13. “Nicaragua taps China for canal project”, 11.09.12, Nicaragua
Dispatch

14. “Chinese company to assess
new cross-ocean canal for Nicaragua”, 11.09.12, Want China Times

15. Siehe 3

23 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

Was das hypothetische Ende des Wachstums im Allgemeinen anbelangt (entsprechend zu Peak Oil), was zu einem Zusammenbruch des internationalen
Handels führen würde, so ist damit nicht schon für morgen zu rechnen16.
l

Ideen und Erdöl

Das Projekt sieht vor, dass Venezuela neben dem Kanal, nahe der Stadt León im Nordosten des Landes eine Raffinerie baut. Anschließend soll eine Ölpipeline zwischen den Meeren gebaut werden17.
Seit 2008 prospektiert Nicaragua seine Hoheitsgewässern nach Öl. Es ist sogar möglich, dass Nicaragua diskret bereits Öl exportiert18. die Informationen
dazu vom April 2012 sind jedoch unbestätigt. Ende November 2012 sprach der Internationale Gerichtshof Nicaragua das Eigentum an einer Meereszone
von 70.000 km219 um die zu Kolumbien gehörende Touristeninsel San Andrés vor seiner Küste zu. Wutentbrannt kassierte Kolumbien seine Anerkennung
dieser internationalen Instanz, was in der Staatengemeinschaft zu erheblichem Unbehagen führte. Ganz offensichtlich sind diese Gewässer sehr begehrt.

Ein komplexer, aber solider Zusammenschluss von Investoren
Die Rolle dieser Staaten als Investoren in Nicaragua
ist bereits Wirklichkeit. Die Chinesen haben dem Land
gerade den Satelliten NicaSat-1 für 300 Millionen
USD verkauft, die Russen werden ein 4G- Mobiltelefonnetz bauen20,Venezuela lässt das Land an seinen
Ölerträgen teilhaben, was 10% des BIP des Landes
ausmacht21. Brasilien möchte seinen Einfluss in der
Region verstärken, insbesondere im befreundeten
Land Nicaragua22.
Managua revanchiert sich dafür politisch, indem es
sich zur anti- US- imperialistischen Achse gesellt, indem es der von Hugo Chavez initiierten ALBA beitritt23, indem es, was für Moskau wichtig ist, die
Unabhängigkeit von Südossetien und Abchasien anerkennt24 indem es Mahmud Ahmadinedschad empfängt25 (und sogar indem es dem gestürzten Gaddafi
2011 anbietet, nach Nicaragua ins Exil zu gehen26).
Trotz seiner Komplexität zeigt das Kanalprojekt schon
heute, dass die einzelnen Akteure sich gut ergänzen:
Die Russen wollen für die Landstreckenführung neben dem Kanal Züge verkaufen27. China und Vene-

16. Quelle : BBC
17. “Venezuela financia construcción de refinería en Nicaragua”, 20.09.12, Globovision
18. “¿Nicaragua exporta petróleo?”, 22.04.12, La Prensa
19. “Nicaragua, lista para explotación petrolera en el Caribe”, 21.11.12, El Espectador
20. “Is US out of ideas on Nicaragua ?”, 13.11.12, The Nicaragua Dispatch
21. “Chavez’s Havana-to-Tehran Alliance at Stake as Venezuelans Vote”, 05.10.12, Bloomberg
Business Week
22. “Fortalecen relaciones Nicaragua y Brasil”, 30.10.12, La Voz del Sandinismo
23. “El canal de Nicaragua movería las fuerzas desde EE.UU. a los países del ALBA”, 02.11.12,
RT
24. Siehe 2
25. “Iran’s Mahmoud Ahmadinejad welcomed by Nicaragua president Daniel Ortega”, 11.01.12,
The Telegraph
26. “Qaddafi and Ortega: Brotherhood of Blood”, 25.02.11, FrontpageMag
27. “Is Russia eyeing dry canal ?”, 06.02.12, The Nicaragua Dispatch

24 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

zuela kofinanzieren die Raffinerie bei León28. Das chinesische Unternehmen Xinwei wird dort seine Telekommunikationsdienste anbieten29, ohne Rücksicht
auf die bereits angesiedelten und nun beunruhigten Anbieter30.
Diese Art und Weise, Geschäfte zu führen, unterscheidet sich von den Gepflogenheiten: Keine spektakulären Erklärungen, keine illegalen, aber kaum verhehlten Nebenabsprachen, wo die Politik das Primat über die Wirtschaft hat, und eine Korruption, die das Projekt aktiv befördert: Der Kommandant Pastora,
auf nicaraguanischer Seite für das Projekt verantwortlich, erhielt Ländereien, die seinem Eigentümer weggenommen worden waren31, um damit, wenn sie
für den Kanal später verstaatlicht werden, seinen Reibach zu machen. Und es geht noch besser: China wird also in einemLand investieren, das es völkerrechtlich noch nicht einmal anerkannt hay32. Offensichtlich spielen die BRIC nach anderen Regeln, was auch notwendig macht, ihre Strategie mit anderen
Methoden zu analysieren.

Wer wird Widerstand leisten?
Seit zwei Jahren befindet sich Costa Rica in einem Dauerkonflikt
mit seinem nördlichen Nachbarn wegen einer benachbarten Zone,
in der Nicaragua bereits Schlepparbeiten hat durchführen lassen,
eventuell in Vorbereitung für die südliche Streckenführung des Kanals. Costa Rica, das über keine Armee verfügt, hat einen diplomatischen Konflikt vor dem Internationalen Gerichtshof angestrengt,
jedoch ohne nennenswerten Erfolg33. Kolumbien, das ja auch ein
Verbündeter der USA ist, ist alles andere als erfreut über das Projekt, da er eine Konkurrenz zu seiner eigenen Alternative34, eines
“trockenen Kanals” darstellen würde, den übrigens ebenfalls China
finanzieren wird.
Umweltschutzgruppen haben auch das Wort ergriffen, insbesondere um auf das Verschmutzungsrisiko35 für den Nicaragua- See
aufmerksam zu machen. Die Regierung hat darauf bereits reagiert,
indem sie ihren Vorschlag36 mit einigen Erwägungsgründen über die
Bedeutung des Umweltschutzes aufgehübscht hat.
Aber spannend ist natürlich die Reaktion von Panama und seinem
großen amerikanischen Beschützer, der schon immer Nicaragua
feindselig gegenüberstand. Es ist inoffiziell bekannt geworden, dass
die CIA 30 Millionen USD ausgegeben hat, um das Land zu destabilisieren37 und die Wiederwahl von Daniel Ortega zu verhindern,
der jedoch 62% der Stimmen auf sich vereinen konnte. Seither
werden von der amerikanischen Seite nur noch politisch sehr korrekte Erklärungen abgegeben, wobei insbesondere auf die positiven Auswirkungen von Wettberwerb38 hingewiesen wird, während
im Hintergrund das Projekt, mit dem die Armut in Mittelamerika39

25 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

28. “China le pone a Nicaragua una refinería”, 28.04.12, RT
29. “Xinwei se queda solo”, 12.11.12, La Prensa
30. “Nicaragua courts Chinese telecom giants”, 17.09.12, The Nicaragua Dispatch
31. “Winners and losers in Nicaragua’s ‘Grand Canal’ project”, 08.19.12, Tico
Times
32. Quelle : Relaciones entre Nicaragua y la República de China, Wikipedia
33. Quelle : Conflicto diplomático entre Costa Rica y Nicaragua de 2010-2011,
Wikipedia
34. “China intenta construir en Colombia alternativa al canal de Panamá”, 14.02.11,
RT
35. “Oposición señala riesgo en canal”, 15.07.12, El Financiero
36. Siehe 11
37. “A Channel to Link the Oceans, or the Ortega Syndrome”, 21.10.12, Strategic
Culture Foundation
38. “Panama not worried over Nicaragua’s canal ambitions”, 12.06.12, Tico Times
39. “Is Nicaragua canal bid an attempt to deflect from country’s poverty?”, 22.06.12,
Tico Times

bekämpft und damit die illegale Einwanderung in die USA verringert und auch der Panamakanal entlasten werden könnte, in dem die Schiffe, die Waren
von oder in die USA transportieren, wertvolle Zeit verlieren, inzwischen mit Wohlwollen gesehen wird. Aber eigentlich glauben weder Amerikaner noch Panamaer daran, dass es den Nicaraguaner gelingen könnte, dieses Projekt vor dem Hintergrund der Krise zum Abschluss zu bringen.
Das einzig wirkliche Problem für die USA ist die Präsenz des Irans in diesem Spiel der Allianzen. Trotz seiner seit 2007 engen Annäherung an Managua
lässt Teheran seinen Versprechen von Kooperationsprojekten40. keine Taten folgen. Wohl geht es dem radikalen Iran darum, die Toleranzschwelle der USA
auszutesten, wie er es auch schon im Mittleren Osten gemacht hat, und zwar bisher mit Erfolg. Dieses Barometer ermöglicht die Antizipation des Spielraums für das Gesamtprojekt.
40. “US foes unite: Nicaragua’s Daniel
Ortega cozies up to Iran’s Ahmadinejad”,
09.01.12, The Christian Science Monitor

Die Strategie des Go (Spiel)
Während des Schachspiel, ein typisch westliches
Spiel mit dem Ziel der Eroberung, zum unmittelbaren Schlagabtausch führt, erfordert sein östliches Pendant Go (Spiel) geschicktes Umgehen
des Gegners, um ihn so einzuschnüren. Genau
das ist die Strategie, die China weltweit und insbesondere in Lateinamerika anwendet, indem
es zuerst massiv Geld investiert, um schließlich
dafür diplomatische und letztlich geostrategische
Unterstützung zu ernten.
Beim Projekt des Nicaraguakanals folgen Entscheidungen und Aktionen Schlag auf Schlag,
ohne dass man davon viel in der Presse lesen
könnte. Es handelt sich dabei also um einen sehr
gut vorbereiteten Plan mit insbesondere einer
überraschenden russisch- chinesischen Abstimmung, die nicht auf sich aufmerksam macht und
die USA inaktiv lässt. Die Supermacht zeigt insoweit ganz konkret, dass sie ihre alte Stärke
eingebüßt hat.
Heute muss der Warenverkehr zwischen Atlantik und Pazifik durch Panama gehen, also unter

26 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

den Kanonen der amerikanischen Flotte. Die neue Achse um China möchte daher diese Alternativroute entwickeln, um somit seine wirtschaftlichen und
politischen Interessen militärisch absichern zu können. Der kürzlich erfolgte Stapellauf des ersten chinesischen Flugzeugträgers41 lässt erkennbar werden,
dass China in der Lage sein möchte, seine Stärke weltweit auszuspielen.
Die USA, die durch ihre wiederholten Niederlagen militärisch erschöpft sind, werden trotz ihrer 22 Militärstützpunkte in Lateinamerika42, nicht den Konflikt
mit den BRIC, suchen, die nicht nur die neue Supermacht sind, sondern auch gigantische Gläubiger der USA, deren Verhalten über die Zukunft des Dollars
entscheidet. Und auch die innenpolitischen Spannungen, die sich als Folge der Krise abzeichnen, werden
die USA anderweitig beschäftigen und viel Energie kosten. Der “Hinterhof” der USA emanzipiert sich, die
Monroe Doktrin gilt bald nicht mehr.
Der Nicaraguakanal ist ein Element der weltweiten Machtergreifungsstrategie der BRIC. Technisch hat das
Projekt bereits begonnen, über die Zeit wird es sich in eine Bastion zur Verteidigung geostrategischer Interessen wandeln, ohne den Yankeestolz zu verletzen, während darauf gewartet wird, dass die alte Hegemonie bröckelt und in sich zusammenfällt.

27 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

41. “Premier appontage sur le porte-avions
chinois”, 26.11.12, Le Monde
42. “United States adds bases in South
America”, 26.04.12, People’s World

Magazin für Politische Antizipation

MAP
MÄRZ 2013

8

MAP ist eine Veröffentlichung des Laboratoire Européen d’Anticipation Politique (LEAP) in Zusammenarbeit mit NewropMag
Direktorin und Verantwortliche : Marie-Hélène Caillol
Herausgeber : Michaël Timmermans
Mit Beiträgen von : Harald Greib, Christel Hahn, Gilles Maury, Olivier Parent, Bruno Paul
Kontact : map@leap2020.eu

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to Creative Commons, 171 Second Street, Suite 300, San Francisco, California, 94105, USA. Illustrations belong to the autors mentionned in the references.

28 MAP März 2013 - Ein Vier-Monats-Veröffentlichung des LEAP

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