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Das Buch

Der französische Molekularbiologe und Medizin -Nobelpreis träger
Jacques Monod stellt in seinem vieldiskutierten Buch >Zufall und
Notwendigkeit< die These auf, daß das Leben in all seinen Formen
durch einen einzigen unwahrscheinlichen Zufall entstanden sei. Auf
Zufall aber könne weder ein philosophisches noch ein theologisches
System aufbauen. »In klarer Form sind die chemischen
Grundprozesse von Wachstum und Vererbung dargestellt.
Stoffwechsel und Entwicklung folgen in strenger Notwendigkeit
der Steuerung des Code, so wie ein geregeltes System seinem
Programm folgt. Bei der Fortpflanzung werden die Programme
von chemischen Reaktionen, die weitgehend einem mechanischen
Abdruckverfahren entsprechen, kopiert. Würde dieses Verfahren
streng eingehalten, so wäre keine biologische Entwicklung
möglich. Aber bisweilen kommt es doch zu Änderungen im
Programm, zu den Mutationen, die Monod als zufällige Störungen
des an sich konservativen Erhaltungsund Fortpflanzungsprozesses
bezeichnet. Der Zufall - so schließt er weiter - "liegt einzig und
allein jeglicher Neuerung, jeglicher Schöpfung in der belebten Natur
zugrunde". Daher ist auch der Mensch ein Zufallsprodukt, er muß
"seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen ...
ein Zigeuner am Rande des Universums". In diesem Buch geht es
Monod nicht um biologische Einsichten, sondern um die
menschliche Situation, um Philosophie, um Ethik, um Politik! Es
ist ein engagiertes Buch, aus der "geistigen Not der Zeit"
geschrieben.« (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

Der Autor

Jacques Monod, geboren 1910 in Paris, Studium der Naturwis -
senschaften, Rockefeller-Stipendiat, 1945 Eintritt ins Institut
Pasteur, dort seit 1971 Direktor. 1965 erhielt er zusammen mit
André Lwoff und Francois Jacob den Nobelpreis für Medizin. Er
starb 1976 in Cannes.

Jacques Monod:
Zufall und Notwendigkeit
Philosophische Fragen der modernen Biologie

Deutsch von Friedrich Griese

Vorrede zur deutschen Ausgabe von Manfred Eigen

H. München © Editions du Seuil. scanned & proofread by M .T. Auflage April 1975 3. KG. bis 3 5 . Piper & Co. Verlag. Paris 1970 Titel der Originalausgabe: >Le hasard et la necessite< Alle Rechte der deutschen Ausgabe bei R. Tausend Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. Beck'sche Buchdruckerei. Nicht zum Verkauf ! Weitergabe ausschließlich kostenlos! Ungekürzte Ausgabe 1. Nördlingen Printed in Germany • ISBN 3-423-01069-x . Auflage Januar 1977: 26. München 1971 • ISBN 3-492-01913-7 Umschlaggestaltung: Celestino Piatti Gesamtherstellung: C.

........ 19 Kapitel 1: Seltsame Objekte ...... die sich selbst konstruieren 28 — Maschinen........Die Notwendigkeit einer kritischen Erkenntnistheorie 49 ............... 83 Die spontane Assoziation der Untereinheiten in den oligomeren Pro- teinen 84 .. 55 Die Proteine als molekulare Träger der strukturell-funktionalen Teleonomie 5 5 — Die Enzym-Proteine als spezifische Katalysato- ren 5 7 .........Die spontane Strukturation komplexer -Partikel 8..................Der »wissenschaftliche« Vita- lismus 41 ...............Die animistische Projektion im dialektischen Materialismus 46 ......... 2 Kapitel III: Maxwells Dämonen................. ..................................... die sich reproduzieren 29 — Seltsame Eigenschaften: Invarianz und Teleonomie 30 — Das »Paradoxon« der Invarianz 34 — Teleonomie und Objektivitätsgrundsatz 36 Kapitel II: Vitalismen und Animismen.......Maschinen.. 38 Das Grunddilemma: die Priorität von Invarianz und Teleonomie 3 8 .........Der erkenntnistheoretische Zusammenbruch des dialektischen Materialismus 49 ... 23 Das Natürliche und das Künstliche 23 — Die Schwierigkeiten eines Raumfahrtprogramms 25 — Mit einem Projekt ausgestattete Ob- jekte 27 .Kovalente und non-kovalente Bindungen 6 2 .Die Biosphäre: ein einmaliges............ 9 Vorwort ..Die Regelung der Enzymsynthese 76 -Der Begriff der Zwangsfreiheit 79 — Holismus und Reduktionismus 81 Kapitel V: Molekulare Ontogenese................Die anthropo- zentrische Illusion...........Der Begriff des non-kovalenten stereospezifischen Komplexes 64 .Inhalt Vorrede zur deutschen Ausgabe von Manfred Eigen ... 68 Funktionale Kohärenz der Zellmaschinerie 68 — Regelungs-Proteine und die Logik der Regelung 68 — Der Mechanismus der allosterischen Wechselwirkungen 73 ....Die »animistische Projektion« und der »Alte Bund« 43 - Der »wissenschaftliche« Fortschrittsglaube 44 .....................Maxwells Dämonen 66 Kapitel IV: Mikroskopische Kybernetik.... - ......... i ................. aus den ersten Prinzipien nicht ableitbares Ereignis ....Der metaphysische Vitalismus 40 ................................

....... Mikroskopische und makroskopische Morphogenese 87 ..Operatio - nale und essentielle Unbestimmtheit 107 ............... 96 Platon und Heraklit 96 — Die anatomischen Invarianten 97 — Die chemischen Invarianten 98 — Die DNS als grundlegende Inva- riante 100 — Die Übersetzung des Code 102 — Die Irreversibilität der Übersetzung 104 — Mikroskopische Störungen 105 .141 Der Selektionsdruck in der Evolution des Menschen 141 .........Die ultima ratio der teleonomischen Strukturen 94 — Die Interpretation der Botschaft 95 Kapitel VI: Invarianz und Störungen...........Die Ethik der Erkenntnis 154 .....Primär- struktur und globuläre Struktur der Proteine 89 — Die Bildung dei globulären Strukturen 91 .....Die andere Grenze: das Zentralnervensystem 130 ...........Die Aufhebung des »Alten« animistischen »Bundes« und die geistige Not der Neuzeit 148 — Die Wertvorstellungen und die Erkenntnis 1 5 1 .124 Die heutigen Grenzen der biologischen Erkenntnis 124 .....Das Verhalten als Selektionsfak- tor 115 — Die Sprache und die Evolution des Menschen 118 ....Die Ethik der Erkenntnis und das sozialistische Ideal 156 .....Der ursprüngliche Spracherwerb 121 ........... 110 Zufall und Notwendigkeit 110 — Die Unermeßlichkeit des Zu- falls 111 — Das »Paradoxon« der Stabilität der Arten 112 — Die Irreversibilität der Evolution und der Zweite Hauptsatz 1 1 3 ......Das falsche Paradoxon der epigene- tischen »Bereicherung« 92 ...Die Evolution: eine abso - lute Schöpfung und keine Offenbarung 108 Kapitel VII: Evolution .Das Ur- sprungsproblem 125 ....Die Simu- lationsfunktion 136 — Die Illusion des Dualismus und die Erfahrung des Geistes 139 Kapitel IX: Das Reich und die Finsternis ...............Die Gefahr der genetischen Entartung in der modernen Gesellschaft 143 .Die Funktionen des Zentralnervensystems 132 — Die Auflösung der sensorischen Ein - drücke 133 ...Die Herkunft der Antikörper 114 .......................Der Empirismus und das Angeborene 1 3 4 ......Der Spracherwerb ist in der epi- genetischen Entwicklung des Gehirns programmiert 122 Kapitel VIII: Die Grenzen .....Der rätselhafte Ursprung des Code 127 .....Die Selektion der Ideen 145 — Das Erklärungsbedürfnis 146 — Mythische und metaphysische Ontogenien 147 ................................

Anhang
I. Die Struktur der Proteine................................................ 161
[I. Die Nukleinsäuren ............................................................ 165
[I. Der genetische Code.......................................................... 168
V. Über die Bedeutung des Zweiten Hauptsatzes der
Thermodynamik................................................................ 172

Vorrede zur deutschen Ausgabe
von Manfred Eigen

Jacques Monods >Le hasard et la necessite< - »mag es sich als der
Wahrheit letzter Schluß erweisen oder nicht - muß zweifellos
aufgrund seiner Breite, Tragweite und Gründlichkeit als ein be-
deutsames Ereignis in der Welt der Philosophie betrachtet wer-
den«.
Dieser Satz, in dem lediglich der Name des Autors und der
Titel seines Werkes geändert wurden, ist ein Zitat aus Bertrand
Russells Vorrede zur englischen Übersetzung von Ludwig Witt-
gensteins >Tractatus Logico-Philosophicus<*. Ein Vergleich bei-
der Werke drängt sich dem Leser auf. Hier wie dort werd en
grundlegende Fragestellungen der Philosophie in der Reflexion
mathematisch-naturwissenschaftlichen Denkens behandelt. Beide
Autoren glauben »die Probleme im wesentlichen endgültig gelöst
zu haben«, und in beiden Fällen scheint die Lösung nicht zuletzt
darin zu bestehen: »gezeigt (zu haben), wie wenig damit getan ist,
daß diese Probleme gelöst sind«. Daß schließlich noch beide
Werke bei ihrer Übersetzung in der Weise kommentiert werden,
daß zwar die geäußerte Wahrheit nicht angetastet, wohl aber die
Endgültigkeit der Schlußfolgerungen eingeschränkt wird,
scheint mir nicht nur Zufall, sondern auch Notwendigkeit zu
sein.
Die »Wahrheit« hat ihre Grenzen in unserer Reflexion. An-
dererseits muß die »Erkenntnis« gewissen Kriterien unterlie -
gen, Kriterien der Objektivität. Für den Biologen Monod gilt
dies vor allem, wenn wir das Phänomen der Evolution des Le -
bens betrachten, dessen Produkt wir selber sind. Aber wie kön-
nen wir »objektiv« sein, wenn wir »uns selber« betrachten? Hier
sieht Monod den Ursprung des Dilemmas: »In drei Jahrhunder-
ten hat die durch das Objektivitätspostulat begründete Wissen-
schaft ihren Platz in der Gesellschaft erobert: in der Praxis wohl-
gemerkt, aber nicht im Geiste der Menschen« (vgl. S. 149). Objektiv
müssen wir heute erkennen, daß wir — wie jedes Lebewesen — zu-
mindest unsere individuelle Existenz einer Kette von »konser-

* Das Originalzitat lautet: »Mr. Wittgenstein's Tractatus Logico-Philosophicus, whether or not it
prove to give the ultimate truth on the matters with which it deals, certainly deserves by its breadth and
scope and profundity to be considered an important event in the philosophical world« (Routledge and
Kegan Paul Ltd., London 1922, Seite 7).

vierten« Zufällen verdanken. Notwendige nur der Mechanismus
der makroskopischen Äußerung dieser »mikroskopischen« Zu-
fälle. Aber: »Wir möchten, daß wir notwendig sind, daß unsere Exi-
stenz unvermeidbar und seit allen Zeiten beschlossen ist« (vgl.
S. 54). So hat sich unsere Ideenwelt bis in unsere Tage der allein
dem Objektivitätspostulat verhafteten naturwissenschaftlichen
Erkenntnis verschlossen. »Von Platon bis Hegel und Marx
bieten die großen philosophischen Systeme alle eine gesellschaft-
liche Ontogenese, die zugleich explikativer und normativer
Natur ist« (vgl. S. 147). Mit anderen Worten: Sie setzen von
vornherein voraus, was eigentlich erst - und hier muß man hin-
zusetzen »allenfalls« - als Ergebnis ihrer Überlegungen heraus-
kommen dürfte. Monod prangert diesen inneren Widerspruch
der - von ihm als »animistisch« bezeichneten - Theorien, Welt-
anschauungen und Religionen heftig an und erhebt beschwö-
rend die Forderung, daß endlich »die Idee der objektiven Er-
kenntnis als der einzigen Quelle authentischer Wahrheit im Reiche
der Ideen erscheinen möge« (vgl. S. 148).
Ich habe in dieser kurzen Exegese des Monodschen Gedan-
kenganges bewußt provokativere Formulierungen ausgelassen.
Sie erst machen die ganze Brisanz dieses Werkes aus (die sich
nicht zuletzt in der hohen Auflageziffer der französischen Origi-
nalausgabe widerspiegelt). Für mich liegt die besondere Über-
zeugungskraft in der hervorragenden Darstellung der natur-
wissenschaftlichen Grundlagen der Evolution »vom Molekül
zum Menschen« und ihrer Gegenüberstellung der »Evolution
der Ideen«, die ja ebenfalls in dem Anspruch gipfeln, den Men-
schen erklären zu können. Sie liegt in der Unbestechlichkeit der
Argumentation, »nichts zu sagen, als was sich sagen läßt«, nur
Sachverhalte anzuerkennen, die durch objektive Beobachtungen
gesichert sind und sich in unser naturwissenschaftliches Ge -
dankengebäude widerspruchslos einfügen, mithin auch nichts
zu folgern, was sich nicht auf diese und nur auf diese Weise be-
gründen ließe. Damit hebt sich Monods »Idee der objektiven
Erkenntnis« deutlich von anderen Ideologien ab, etwa der
»biologischen Philosophie« Teilhard de Chardins, in der - richtig
beobachtete - biologische Tatsachen mit subjektiven, naturwis -
senschaftlich nicht begründbaren »Vorstellungen« verwoben
sind. In dem Bestreben, derartigen - den Kriterien objektiver
Erkenntnis nicht standhaltenden - »wissenschaftlichen« Be-
gründungsversuchen philosophischer, gesellschaftlicher und
religiöser Ideen (oder Ideologien) entgegenzuwirken, sieht sich
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daß er gegen tief eingewurzelte Vorurteile anzukämpfen hat. Diese Idee ist keineswegs neu. solche Über- treibungen etwas zurechtzurücken und gewisse Formulierun- gen zu interpretieren. dabei von bildhafter. Zur Aufklärung der molekularen Mechanismen der Verer- bung sowie der Steuerung von Lebensvorgängen hat Jacques Monod selber bedeutende Beiträge geleistet. die Quantenmechanik. Ja. Die Physik hat diesen Be - griff längst akzeptiert. pointiert und auf das Wesentliche gerichtet. Doch gibt es Ausnahmen. h. Monod gelegentlich genötigt. Diese Einschränkung geht so weit. an dem sich die Pole- mik am leichtesten entzünden kann. Übertreibungen verfolgen immer einen Zweck. daß für makroskopische Vorgänge im allgemeinen exakte Gesetzmäßig - keiten resultieren (z. Die ungeheure Vielfalt der Strukturen und Prozesse wird zwei Begriffen untergeordnet: der Teleonomie (der »apparativen« Or- ganisation bzw. wenn der »unbestimmte« Elementarprozeß sich selber — etwa durch autokatalytische Verstärkung — zum makroskopischen Ereignis aufschaukelt. eine der grundlegenden physikalischen Theorien. B. Natürlich ist es der Begriff des »Zufalls«. So ist seine Dar- stellung überlegen. Die makroskopische Abbildun g solcher der Unbestimmtheit unterworfenen Elementarprozesse. z. Daher möchte ich den Versuch unternehmen. das von ihm selbst aufgestellte Objektivitätspostulat etwas zu strapazieren. Dann nämlich muß die elementare Unscharfe sich auch makroskopisch »abbilden«. aber sie war solange bloße Hypothese . manchmal auch allegorischer Anschaulich- keit .und damit für die Wissenschaft relativ wert - los -. mithin die individuelle Form aller — auch makroskopisch in Er- scheinung tretenden . selektiert wird. die Gesetze der Thermodynamik oder der klassischen Mechanik und Elektrodynamik). mit der sie makroskopisch in Er - scheinung treten.Lebewesen verdankt ihre Entstehung also dem Zufall. solange sie sich nicht durch objektive Beobachtung der dem Verstärkungsmechanismus zugrunde liegenden Elementar- prozesse eindeutig beweisen ließ. ihrer Leistungen) und der Invarianz (der den teleonomischen Strukturen zugrunde liegenden Information).für den Übersetzer gewiß keine leichte Aufgabe. und man muß Monod zugute halten. wenn eine »vorteilhafte« Mutation sich durchsetzt. mit der jedes elementare Ereignis behaftet ist. d. Ge - nau das aber geschieht. B. basiert auf dem Begriff der Unbestimmtheit. Eingeschränkt wird diese »Unscharfe« elementarer Ereignisse aber durch die große Zahl. 11 .

daß die Informationsübertragung niemals vollkommen präzise ist. die Nukleinsäuren andererseits verdanken ihre »konservierenden« Eigenschaften einem einfa - chen Ausschließlichkeitsprinzip ihrer Wechselwirkungen: der Komplementarität. ja daß laufend Fehlablesungen erfolgen. an- dererseits aber von einer gewissen Unscharfe im Elementarpro- zeß der (nur nahezu) invarianten Reproduktion ab. eine »Störung« des normalen Ablaufs. also eine Evo- lution herbeizuführen. die versucht. Diese Fehler oder Muta- tionen sind die einzige Möglichkeit. S. So muß ein Kompromiß geschlossen werden. was uns heute bekannt ist - in der Frühzeit unseres Planeten erfüllt waren. die die »er- kennende« Zuordnung stabilisieren. die Bindungen werden zu »klebrig«. hängt natürlich von gewissen physikalischen und chemischen Bedingungen ab. Monod sagt sehr treffend: Das ganze Konzert der belebten Natur ist aus störenden Geräuschen hervorgegangen (vgl. Sie wirken der Wärmebe- wegung entgegen. Schal- tung und Regelung.nach allem. in dem System einen Zustand maximaler »Unordnung« zu erzeugen. Bis hinauf zu den hoch entwickelten Organisationsformen der zentralnervös gesteuerten Lebewesen findet man die strikte Auf- gabenteilung zwischen Legislative und Exekutive sowie die Nichtumkehrbarkeit ihres Wechselspiels (die nur innerhalb jedes 12 . Beide lassen sich in ihrem Verhältnis zuein - ander mit Exekutive und Legislative in einem Staatswesen ver- gleichen. so wird der Ablauf des Prozesses zu träge. 110).Repräsentiert werden beide Prinzipien durch die beiden Haupt- klassen biologischer Makromoleküle: die Proteine als Träger teleonomischer Leistungen und die Nukleinsäuren als Speicher der (nahezu) invarianten Information. doch noch eine Verände- rung des durch die selbstreproduzierende Invarianz der Legis - lative festgelegten teleonomischen Programms. Ist aber diese stabilisie - rende Wechselwirkungsenergie zu hoch. aufgrund ihres unübersehbaren strukturel- len Reichtums zu vollbringen. die . hängt einerseits von der teleonomischen Leistung der organisierten Protein -Nukleinsäure-Systeme. wie Reaktionsvermittlung. Daß diese Struk- turen weiterhin sich zu imme r höheren Organisationsformen entwickeln konnten. Die Proteine vermögen ihre vielfältigen Leistungen. Daß solche Strukturen sich überhaupt bilden konnten. der zur Folge hat. Die individuelle Ursache jedes einzelnen Schrittes dieser Evolution ist ein Übersetzungsfehler. Im moleku - laren Bereich ist die Genauigkeit der Informationsübermittlung allein durch Wechselwirkungsenergien bestimmt.

Folge). Treffend ist wieder der bildhafte Vergleich für die zufällige Ver- knüpfung voneinander unabhängiger Ereignisfolgen (S.und Boten-(RNS)-Form der Nu - kleinsäuren möglich ist. 107): Ein Arzt wird zu einem neuerkrankten Patienten gerufen (1. Die zufällige Mutation ist einem Aus- leseprozeß unterworfen. nämlich »survival of the survivor« zum Ausdruck bringen. B. Der Selektion liegt vielmehr ein physi- kalisch klar formulierbares Bewertungsprinzip zugrunde. Der Hammer trifft den Kopf des Arztes (Verknüpfung beider Folgen aufgrund zufälliger Koinzidenz).nur eine triviale Tautologie. z. und dieser trifft keineswegs eine »will- kürliche« Entscheidung. Der einzige formelle Unterschied besteht darin. Das Bewertungsprinzip der Selektion läßt sich für makroskopische Systeme ähnlich den Ge - setzen der Thermodynamik formulieren. Wäre die Selektion reine Willkür. so würde Darwins Selektionsprinzip — von ihm selbst formuliert als »survival of the fittest« . Beide Folgen mögen in ihrem Einzelablauf weitgehend durch vorangehende Ereignisse determiniert sein. selber zu seiner Veränderung nichts beitragen. Folge). sondern mit analogen Stabilitätskriterien für stationäre irreversible Prozesse. Ein Dachdecker läßt bei seiner Arbeit einen Hammer fallen (2. Aufgrund dieser Nichtumkehrbarkeit kann das teleonomische Programm. in der Transkription der Information zwischen Speicher-(DNS). daß an die Stelle der absoluten Ex- trernalprinzipien der Thermo dynamik »eingeschränkte« Opti- malprinzipien treten. Hier wird aber auch die Begrenzung der Rolle des Zufalls in der Evolution sichtbar. obwohl es Gegenstand der Mutation ist. allerdings nicht unmittelbar mit den im Anhang dieses Buches erläuterten Sätzen der Gleichgewichts- thermodynamik. Wegen ihrer Unab- hängigkeit voneinander ist jedoch die im Unfall zum Ausdruck kommende Verknüpfung eine rein »zufällige«. Diese lassen sich sogar mit Hilfe der Ther- modynamik begründen. wäre das einzige Kriterium der Aus- wahl die Tatsache des Überlebens selbst. Ähnlich sind Entstehung einer Mutation und selektiver Vorteil (infolge ver- änderter Funktionen des teleonomischen Apparates) zwei von- einander unabhängige. auf verschiedenen Ebenen ablaufende Ereignisfolgen.einzelnen Bereichs. Leider ist Darwin oft in dieser Weise mißdeutet worden. Eines der Hauptmerkmale 13 .

(Tatsächlich sind wohl auch diese Prinzipien der Nicht-Gleichgewichts-Thermodynamik gemeint. Ihre Selektion . daß nur die Entstehung der individuellen Form dem Zufall unterworfen ist. . nicht dagegen für seine (oder des Dachdeckers) Versicherung. in der Überschrift: >Der Mensch — ein Betriebsunfall der Natur ?< Sagen wir also noch einmal ganz deutlich: Allein aufgrund der durch Optimalprinzipien gekennzeichneten Selektionsgesetze 14 .den Ausgang des Unfalls noch offengelassen. sobald für ein Ereignis eine Wahrscheinlichkeitsverteilung existiert und diese sich . daß ein aus bestimmter Höhe fallender und den Kopf eines Menschen treffender Hammer eine tödliche Verletzung hervorruft. also Notwendigkeit bedeuten. Der Titel dieses Buches bringt diese Gleichbe- rechtigung eindeutig zum Ausdruck. B. Eine derartige Wahrscheinlich- keitsrelation wäre für den Arzt als Individuum uninteressant.) Wir sehen also.durch große Zahlen be- schreiben läßt.für den Physiker nicht ganz befriedigend . den Zustand maximaler Unordnung.von der einen Zeitumkehr entsprechenden Entropieabnahme aufgrund gleichgerichteter »konservierter« Schwankungen die Rede ist. Was ich sagen will.in Konkur- renz zu anderen Formen . da die »Notwendigkeit« ja ohnehin je- dermann gern zu akzeptieren bereit ist. In dem oben angeführten Beispiel für die zufällige Koinzidenz unabhängiger Ereignisfol- gen hatte ich . wenn etwa auf S. z.wie in der Physik makroskopischer Systeme . Für den Arzt (in diesem Beispiel) bedeutet er »alles oder nichts«. ist.jedoch bedeutet eine Einschränkung bzw. daß die »Notwendigkeit« gleichbe- rechtigt neben den »Zufall« tritt. denn sie erfolgt nach streng for- mulierbaren Kriterien. die sich auch in den Re- zensionen der französischen Originalausgabe widerspiegelte. daß sie ständig Energie in einer zur Arbeitsleistung geeigneten Form aufnehmen und sich da- durch dem Abfall in den Gleichgewichtszustand. Si- cherlich könnte man aufgrund empirischer Unterlagen die Wahr- scheinlichkeit dafür ausrechnen. die im Einzelfall zwar . entziehen. er besiegelt sein Schicksal. Monod mußte aber den Zufall stärker betonen. die daraus für eine bestimmte Unfallquote relativ genau ihr Ri- siko errechnen kann. Das hat natürlich zu einer leichten Verzerrung des Bildes geführt. lebender Systeme ist nämlich.wie in der Ther- modynamik — Schwankungen zulassen.etwas abweichend von Monod . in der großen Zahl aber Gesetz. Reduzierung des Zufalls.113f.

suchen. wie etwa der vom Elementarteilchen zum Atom. gie.bzw. denn hier ist der Ursprung aller Ideen.. An dieser Stelle muß wiederum ein Endgültigkeitseinwand gemacht werden. in welcher Weise die Rolle des Zufalls durch das »Sieb« der Selektion ein- geschränkt wurde. Die »Entste- hung des Lebens«. mag komplizierteren . vom Atom zum Mole- kül. der Philosophie. Nahrungsangebot angepaßten Stoffwechsel entwickel- ten. daß es keine Veranlassung gibt. auf dieser Stufe doch noch die bereits ad absurdum geführte vitalistische oder animi- stische Auffassung wieder zum Leben zu erwecken. die sich in unseren Gehirnen vollzieht. Wir haben gesehen. So sehr die individuelle Form ihren Ur- sprung dem Zufall verdankt. Nicht mehr! Also keine geheimnisvolle inhärente »Vitaleigenschaft« der Ma- terie. ist nur ein Schritt unter vielen. . einen dem Ener-. Wenn wir schon eine Begründung unserer Ideen finden wollen.konnten in der relativ kurzen Zeitspanne der Existenz unseres Planeten und unter den herrschenden physikalischen Bedingun- gen Systeme entstehen. Warum sollten wir gerade diesen Schritt vom Molekül zum Einzeller mit größerer Ehrfurcht betrachten als irgendeinen der anderen? Die Molekularbiologie hat dem Jahrhunderte aufrecht erhalte- nen Schöpfungsmystizismus ein Ende gesetzt. so sollten wir diese in der letzten Stufe. Weltanschauung und Religion so große Bedeutung zugemessen haben. auch der von der göttlichen Durchdringung unseres Seins. nämlich beim Zentralnervensystem des Menschen. Monod legt in Kapitel VIII und IX überzeu- gend dar. was Galilei begann. um hier eine wesentlich weitergehende Aussage machen zu können. Die Evolution der Ideen. Aber wir müssen andererseits auch — objektiv — zugeben. oder auch der vom Einzeller zum Organverband und schließlich zum Zentralnervensystem des Menschen. so sehr ist der Prozeß der Auslese und Evolution unabwendbare Notwendigkeit. Umweltreize aufnahmen und verarbeiteten und schließlich zu »denken« begannen. So bleibt uns im Augenblick nur die ständige gei- stige Auseinandersetzung mit den von uns akzeptierten Ideen 15 . die schließlich auch noch den Gang der Geschichte be- stimmen soll! Aber auch nicht weniger — nicht nur Zufall! Damit verschwindet die tiefe Zäsur zwischen der unbelebten Welt und der Biosphäre. . sie hat vollendet. die sich reproduzieren. daß wir sehr viel mehr wis sen müßten.objektiv noch nicht vollständig erkannten . also die Entwicklung vom Makromolekül zum Mikroorganismus.Einschränkungsbedingungen unter- worfen sein.

die nicht ge- forscht haben und doch reden.« . alles noch einmal in Frage stellen. wenn wir es noch einmal gefunden haben. sondern im Schneckentempo. Und wir werden nicht mit Siebenmeilenstiefeln vorwärtsgehen. August 1971 Manfred Eigen 16 . Mir schaudert aber bei dem Gedanken einer Dogmatisierung des Objektivitätspostulats.« Jacques Monod jedenfalls gehört zu denen.. gefunden. wir werden alles. die über die For- derung nach ständiger geistiger Auseinandersetzung hinaus- geht. mit besonderem Mißtrauen ansehen. die geforscht haben. »Sollte uns dann aber jede andere Annahme als diese unter den Händen zerronnen sein. werden wir morgen von der Tafel streichen und erst wieder anschreiben. Und was wir zu finden wünschen. Und was wir heute finden. Was wir zu tun haben. . dann keine Gnade mehr mit denen. das werden wir. Barmherzigkeit und Nächstenliebe wären die ersten Opfer. läßt Bertolt Brecht seinen Galilei treffend sagen: »Ja.weltanschaulicher oder religiöser Art anhand der Kriterien objek - tiver Erkenntnis.

die die Götter leugnet und die Steine bewegt. der sehen möchte und weiß. daß alles Menschliche nur menschli- chen Ursprungs ist. Jedes Gran dieses Gesteins. was im Weltall existiert. Seine Last findet man immer wieder. das.immer unterwegs. Der Kampf um die Gipfel allein kann ein Menschen- herz ausfüllen. daß alles gut ist. von nun an ohne Herren.sich wieder seinem Leben zuwendet. jeder Mineralsplitter dieses Berges voller Nacht ist eine Welt für sich. er- scheint ihm weder unfruchtbar noch nichtig. Überzeugt. Demokrit In diesem hehren Augenblick. Doch Sisyphos lehrt die höhere Treue. Albert Camus. von ihm selber ge - schaffen. Auch er glaubt.Alles. die zu seinem Schicksal wird. Dieses Universum. Man muß sich Sisyphos glücklich denken. da der Mensch.ein Blinder. der zu seinem Stein zurückkehrt .wie Sisyphos. Der Mythos von Sisyphos 17 . bleibt er . daß die Nacht kein Ende hat . betrachtet er jene Folge zusammenhangloser Handlungen. in seiner Erinnerung zusammenschießt und alsbald durch sein en Tod besiegelt wird. Ich verlasse Sisyphos am Fuß des Berges. Wieder rollt der Stein. ist die Frucht von Zufall und Notwendigkeit.

die Evolutions- theorie hing solange sozusagen in der Luft. was man suchte. Die Hoffnung. das in allen Bereichen — der Philosophie. So definiert. bietet heute die Molekulartheorie des genetischen Code. Wie sicher man sich auch seit Ende des 19. daß sie sich immer direkt auf molekularer Ebene analysieren ließen. dann muß man der Biologie eine zentrale Stellung zuerkennen.die Frage nach der »Na- tur des Menschen« auch nur stellen kann. daß es den Anschein hat. (Man kann alle Einzelheiten der Chemie mit Hilfe der Quantentheo- 19 . die zunächst gelöst sein müssen. sondern auch in die molekularen Mechanismen des morphogenetischen und physiologischen Ausdrucks dieser In- formation. denn von allen Dis - ziplinen versucht sie am direktesten ins Zentrum jener Probleme vorzudringen. noch gar. sie hat sicher mehr als jede andere zur Entstehung des modernen Denkens beigetragen. die Beziehung des Menschen zum Universum zu erhellen. bevor man . die außerhalb der Bio- sphäre anwendbar wären. Wenn es jedoch — wie ich glaube — der höchste Ehrgeiz aller Wissenschaft ist. Das bedeutet selbstverständlich nicht. »Theorie des genetischen Code« verstehe ich hier im weiten Sinne: Sie umfaßt für mich nicht nur die Einsicht in die chemi- sche Struktur der Erbsubstanz und die in ihr enthaltene Infor- mation. Jahrhunderts ihrer Geltung für die Erscheinungswelt war und obwohl sie die gesamte Biologie beherrschte . weil die belebte Welt einen so winzigen und so »speziellen« Teil des uns bekannten Universums darstellt. als sollte die Erforschung lebender Wesen kaum jemals zur Ent- deckung allgemeiner Gesetze führen.und eine Randstellung ein. Das jedoch. daß die komplexen Strukturen und Funktionen der Organismen aus der Theorie abgeleitet werden könnten. bald dahin zu gelangen. erschien noch vor dreißig Jahren trotz der Erfolge der klassischen Genetik wie ein Traum. wie es keine physika- lische Theorie der Vererbung gab. Eine Randstellung deshalb.in anderen als metaphysischen Begriffen . Die Biologie ist ohnehin die für den Menschen bedeutendste Wissenschaft.eine tiefe Er- schütterung und eine entscheidende Prägung durch die Evolu- tionstheorie erfuhr. ist die Theorie des genetischen Code die Grundlage der Biologie. der Religion wie der Politik .Vorwort Die Biologie nimmt unter den Wissenschaften zugleich eine Zen- tral.

Es ist heute zum großen Teil enthüllt.) Aber auch wenn die gesamte Biosphäre heute (und zweifellos auch künftig) durch die Molekulartheorie des Code nicht vor- hergesagt und erklärt werden kann. sondern auch durch Ge - danken. rie weder vorhersagen noch erklären. Anm. Das »Geheimnis des Le- bens« konnte noch als prinzipiell unauflöslich erscheinen. und der eigentlichen Wissenschaft zu vermeiden. die sich aus ihrer Fachwissenschaft ergeben und die nach ihrer Ansicht für die Menschheit wichtig sein könnten. daß diese Theorie die universelle Grundlage bildet. ihre Fachdisziplin im Gesamtzusammenhang der modernen Kultur zu sehen und diese nicht nur durch technisch bedeutende Erkenntnisse zu bereichern. 20 . Übers. Ich * Der französische üriginalrirel spricht von der »Philosophie naturelle« der modernen Biologie. daß die Wissenschaftler sie mit Mißtrauen. Damit kann er sicher sein. wenn man erst über den Kreis der reinen Spezialisten hinaus die allgemeine Bedeutung und die Tragweite der Theorie erkannt und begriffen haben wird. d. daß ihre volle Bedeutung sichtbar wird. Das ist eine schwierige Aufgabe. Ich hoffe. Diese bemerkenswerte Tat- sache muß eigentlich das Denken von heute stark beeinflussen. Vor dem Auf- kommen der Molekularbiologie gab es etwas Derartiges in der wissenschaftlichen Erkenntnis nicht. das Wort »Philosophie«. Ich habe nur eine Entschuldigung. Selbstverständlich ist jegliche Verwechslung zwischen den Gedanken. die Philosophen bestenfalls mit Herablassung aufnehmen werden. die von der wissenschaftlichen Erkenntnis nahegelegt werden. die den Wissenschaftlern heute mehr denn je auferlegt ist. weniger die Erkenntnis - inhalte der modernen Biologie als vielmehr deren »Form« klar- zustellen und ihre logischen Beziehungen zu anderen Bereichen des Denkens zu entwickeln. Aber auch die Unbefangenheit. Die Folgerungen aus der wissenschaftlichen Einsicht müssen jedoch auch ohne Zögern so weit vorangetrieben werden. und sei es »Naturphilosophie«. daß der vorliegende Essay dazu beitragen kann. obwohl kaum jemand daran zweifelt. mit der man etwas ganz neu be- trachtet — wie es die Wissenschaft immer tut —. so stellt diese doch von nun an eine allgemeine Theorie lebender Systeme dar. im Titel (oder auch nur Untertitel) einer Arbeit zu verwenden*. die ich jedoch für legitim halte: die Pflicht. kann manchmal alte Probleme in einem neuen Lichte erscheinen lassen. Für einen Wissenschaftler ist es heute unvorsichtig. Ich habe versucht.

daß man auf die Lektüre des Anhangs verzichten kann. die für mich seit langem ein Anlaß zur Reflexion. so gewagt sie auch seien. ich habe nur Erkenntnisse zusammengefaßt. die ich während des Studien- jahres 1969-70 am College de France hielt. aber kein Gegenstand der Lehre waren. die in der heutigen Wissenschaft als wohlbegründet gelten. Ich möchte jedoch betonen. die ihnen langweilig erscheinen mögen. die ich daraus ableiten zu können glaubte. wenn ich sage. Die volle Verant- wortung muß ich übernehmen für die Ausführungen ethischen oder politischen Charakters. die ich einzelnen Ausführungen beigemessen habe. Ich trage natür- lich die Verantwortung für die ideologischen Verallgemeine- rungen. aus der Moleku- lartheorie des Code die Quintessenz zu ziehen. über diese Schwierigkeiten hinwegzukom- men. Allerdings of- fenbaren sich persönliche Neigungen in der Bedeutung. Hier habe ich indessen die beruhigende Gewißheit. daß diese Deutungen. Der Anhang wird man- chem Leser helfen. mich mit einigen Biologen von heute.den »Robbins Lectures« -. Diese Abhandlung beruht auf einer Vortragsreihe .will nicht behaupten. deren Werk die allergrößte Achtung verdient. aber nicht für die Ideen. die Zustimmung der meisten modernen Biologen finden werden. Ein bedeutender Teil der Biologie bleibt sogar unerwähnt. vor einem sehr jungen und eifrigen Publikum einige Gedanken zu entwickeln. Ich muß die Biologen wegen einiger Ausführungen. wenn man sich nicht unmittelbar mit den chemischen Realitäten der Biologie auseinandersetzen will. Diese großartige und 21 . Ich meine mich nicht zu täuschen. und in der Auswahl der Beispiele. in voller Übereinstimmung zu befinden. so- weit sie erkenntnistheoretischer Art sind. die in ihm wohnen und die er verteidigen soll. die ich im Februar 1969 am Pomona College in Kalifornien gehalten habe. daß ich sie fehlerfrei erfüllt hätte. und mögen sie auch ungewollt naiv oder zu anspruchsvoll erscheinen: Bescheidenheit schickt sich für den Gelehrten. und die Nicht-Biologen wegen der trockenen Darstellung einiger unumgänglicher »techni- scher« Begriffe um Nachsicht bitten. die ich nicht umgehen wollte. Noch einmal: Dieser Essay will keineswegs die ge- samte Biologie darstellen. er versucht einfach. Der rein biologische Teil der vorliegenden Abhandlung ist keineswegs originell. Ich möchte der Leitung dieses College für die Gelegenheit danken. Aus diesen Gedanken habe ich ebenfalls den Stoff für eine Vorlesung gemacht.

April 1970 22 .wertvolle Institution gestattet es ihren Mitgliedern. Clos Saint-Jacques. Dafür sei Guillaume Bude und Franz L Dank abge- stattet. manchmal die strengen Grenzen der ihnen anvertrauten Lehre zu über- schreiten.

wenn wir das Grundpostulat der wissenschaftlichen Methode akzeptieren: nämlich daß die Natur objektiv. Gewerbeprodukte. Ein solches Programm könnte Anwendungen finden. geplant. die schon vorher bestand und die Ursache seines Daseins ist. ein Taschentuch. der Fluß sind natürliche Objekte. die von ihm erwartet wurde. weil wir uns auf unsere eigene" bewußt ge- plante Tätigkeit beziehen. 23 . daß sie durch das freie Spiel der Naturkräfte gestaltet wurden. daß sie weder unmittelbare Tatsachenaussagen noch streng ob- jektiv sind.Kapitel I Seltsame Objekte Die Unterscheidung zwischen künstlichen und natürlichen Ob- jekten erscheint jedem von uns unmittelbar und unzweideutig. bevor es noch fertig war. Wir wissen. Die Form des Ob- jekts erklärt sich aus der Leistung. ein Automobil sind künstliche Objekte. Nehmen wir an. die von größtem Interesse sind. von Pro- dukten einer bewußt geplanten Tätigkeit im Gegensatz zu na- türlichen Objekten zu definieren. weil wir selber Artefakte erzeugen. ob unsere Nachbarsterne von * Kunst-. der Berg. daß das Messer vom Menschen im Hin- blick auf eine im voraus geplante Nutzung und Leistung gestal- tet wurde. Arte- fakte*. dann findet man jedoch. gegeben ist und nicht projektiv. demnächst solle ein Raumschiff auf der Venus oder auf dem Mars landen. denen wir kei- nen Plan. Welche Frage wäre interessanter als die. Der Fels. von denen wir wissen oder glauben. dann wenig- stens nicht. ob unter Verwendung dieser Kriterien ein Programm erstellt werden könnte. das es einem Elektronenrechner ermöglicht. Das ist nicht der Fall bei dem Fluß oder dem Felsen. Das Objekt verkörpert die Absicht. Prüft man diese Aussagen nach. Ist es tatsächlich möglich. Wir stellen uns also ein jegliches Objekt als »künstlich« oder als »natürlich« vor. keinen »Entwurf« zuschreiben können. ein Artefakt von einem natür- lichen Objekt zu unterscheiden. sollte man sich zwei- fellos am besten die Frage stellen. mit Hilfe objektiver und allgemeiner Kriterien die Merkmale von künstlichen Objekten. die aus dem freien Spiel der Naturkräfte hervorgehen? Um sich der völligen Objektivität der gewählten Kriterien zu vergewissern. ein Messer.

daß die natürlichen. rationale Absicht beweist. durch das Spiel der Naturgewalten geformten Objekte fast nie einfa- che geometrische Strukturen aufweisen. die normaler- weise in Ängström (1 cm = 108 [hundert Millionen] Angström) ausgedrückt werden. Mit dem Kriterium der Regelmäßigkeit würde man Nutzen aus der Tatsache zu ziehen versuchen. läßt man den Rechner am besten irdische Objekte be- 24 . verkörpern ein wiederkehren- des Projekt und geben in gewisser Annäherung die gleichblei- benden Absichten ihres Schöpfers wieder. unter »mikroskopisch« solche. Nehmen wir jetzt an.und sei es andeutungs. be- wohnt werden oder früher bewohnt worden sind ? Um eine der- artige frühere oder gegenwärtige Tätigkeit nachzuweisen. wenn man viele Exemplare von solchen Objekten entdecken würde. die sie erdacht haben könnten. denn im mikroskopischen Bereich würde man es mit atomaren oder molekularen Strukturen zu tun haben. Wiederholbarkeit. dürfte das Programm nur sehr allge- meine Kriterien verwenden. Unter »makrosko- pisch« sind Größenordnungen zu verstehen. die sich ausschließlich auf die Struk- tur und Gestalt der untersuchten Objekte stützen müßten. die zu projektiver Tätigkeit fähig sind. intelligenten Wesen. Im Hinblick darauf wäre es also sehr bezeichnend. Darüber hinaus ist noch festzustel- len. so radikal verschieden sie auch von den Früchten menschlichen Fleißes sein mögen. sondern nur den Gesetzen der Chemie entspricht. wieder- kehrende Geometrie natürlich keine bewußte. deren einfache. Homologe Artefakte. wie ebene Oberflächen. rechte Winkel und exakte Symmetrien. Um seine Leis tungsfähigkeit zu erproben. Es wird zwei verwendbare Kriterien geben: 1.diese Merkmale zeigen. während Artefakte im allgemeinen . Ohne Kenntnis von der Natur solcher Wesen und der Pläne. 2. Das Kriterium der Wiederholbarkeit wird zweifellos das entscheidende sein. daß die zu untersuchenden Objekte von makroskopischen und nicht von mikroskopischen Ausmaßen sind. müßte man natürlich ihre Erzeugnisse untersuchen. geradlinige Kanten. Diese Festlegung ist notwendig. ohne irgendeinen Bezug auf ihre eventuelle Funktion zu nehmen. Derart könnten — in kurzer Definition — die verwendbaren allgemeinen Kriterien sein.und näherungsweise . Regelmäßig- keit. die in Zentimetern gemessen werden. die für eine gleicharti- ge Verwendung bestimmt sind. deren Gestalt ziemlich ge- nau festgelegt ist. das Programm sei aufgestellt und dem Rechner eingegeben worden.

das Erzeugnis der automatischen Tätigkeit eines »natürlichen« Wesens als »künstlich« zu betrachten? 25 . Artefakte schaffende Tätigkeit entdecken möchten. zum Beispiel einen Stock wilder Bienen. Wir haben jedoch gute Gründe anzunehmen. Nehmen wir weiter an. Dieses Urteil scheint einen »Fehler« in der Struktur des Programms zu beweisen .einen »Fehler«. Damit würde der Bienenstock in die gleiche Kategorie von Objekten eingereiht wie die Häuser von Barbizon. Als gute Naturforscher halten wir die Bienen indessen für »natürliche« Wesen. Jetzt wendet die Maschine ihre Aufmerksamkeit Objekten ge- ringeren Ausmaßes zu. neben denen sie Quarzkristalle entdeckt.arbeiten. Mit anderen Worten: Der Kristall ist der makro- skopische Ausdruck einer mikroskopischen Struktur. aus denen sie sich zu- sammensetzen. weil sich in ihrer makroskopischen Struktur unmittelbar die einfache. Die Kristalle weisen deshalb ganz genau bestimmte geome- trische Formen auf. Was ist von diesem Urteil zu hal- ten? Wir wissen. daß die Kieselsteine natür- liche und die Quarzkristalle künstliche Objekte sind. daß der Bienenstock in dem Sinne »künstlich« ist. daß die Felsen natürliche Objekte. Sie wird dort natürlich alle Kriterien eines künstlichen Ur- sprungs vorfinden: die einfachen und wiederkehrenden geo- metrischen Strukturen der Waben und Zellen. periodische mikroskopische Struktur der Atome oder Moleküle widerspiegelt. die Maschine sei von den Experten der Mars-NASA kon- struiert worden. Ist es nicht ein flagranter Widerspruch. Die Ma- schine prüft und vergleicht die beiden auffälligsten Objekt- reihen in der Umgebung: die Häuser von Barbizon einerseits und die Felsen von Apremont andererseits. daß er das Erzeugnis der Tätigkeit der Bienen darstellt. aber nicht bewußt geplant ist. daß das erste Mars-Raumschiff im Wald von Fontainebleau in der Nähe des Dorfes Barbizon landet. Unter Verwendung der Kriterien: Regelmäßigkeit. daß die Maschine jetzt einen anderen Objekttyp untersucht. untersucht einige kleine Kieselsteine. Nach den gleichen Kri- terien wird sie natürlich entscheiden. da alle möglichen kristallinen Strukturen bekannt sind. Kehren wir unsere Hypothese um und stellen wir uns vor. Nehmen wir aber an. geometrische Einfachheit und Wiederholbarkeit wird sie schnell entscheiden. Dieser »Fehler« wäre übrigens leicht zu beseitigen. daß diese Tätigkeit wirklich streng automatisch abläuft. die Häuser dagegen Artefakte sind. die auf der Erde Beweise für eine organisierte. dessen Herkunft übrigens interessant ist.

Untersucht man eine Biene nach der anderen. daß ein eventueller Widerspruch nicht aus einer fehler- haften Programmierung. durch die wir den Begriff des künstlichen Objekts seines wesentlichen Inhalts beraubten. den Unterschied zwischen »natürlichen« und »künst- lichen« Objekten. umfaßte. daß sie nicht nur die Struktur. sie habe auf der Erde eine Industrie entdeckt. Denn wenn die Maschine jetzt nicht nur den Stock. sondern auch die eventuellen Leistungen der überprüften Objekte untersucht. daß diese Wesen Erzeugnisse einer über- legten. die alle »wirklichen« Artefakte. nämlich Spiegel. zu denen unser Programm führt. Struktur und Geometrie war. von (makroskopi- schen) strukturellen Kriterien ausgehend zu einer Definition des Künstlichen zu gelangen. 26 . entdecken. der es zuallererst bestimmt: nämlich die Funktion. Der si- cherste Beweis also. Wenn man über die Ursache der (scheinbaren?) Verwechs- lungen nachdenkt. Aufgrund derart eindeutiger Unterlagen müßte die Maschine den Technikern der Mars-NASA melden. aber so offensichtlich natürliche Objekte. dergegenüber die eigene primitiv er- scheint. die Leistung. der uns doch intuitiv einleuchtend erscheint. so wird man überdies und insbesondere feststel- len. daß man zu noch enttäu- schenderen Ergebnissen gelangt. die wir doch auch zu den na- türlichen Systemen rechnen möchten. Programmiert man von nun an die Maschine so. den wir eben gemacht haben und der eigentlich überhaupt keine science-fiction ist. zu definieren. Zweifellos ist es unmöglich. dann wird man indessen bald sehen. gestaltenden und äußerst raffinierten Tätigkeit sind. daß die hohe Komplexität ihrer Struktur (Anzahl und Lage der Bauchhaare oder der Flügelrippen beispielsweise) sich bei jedem Tier mit außergewöhnlicher Treue wiederholt. sondern die Bienen selber untersucht. Bei einer Fortsetzung der Untersuchung würde man bald sehen. ausschlösse. sondern aus der Mehrdeutigkeit un- serer Schlußfolgerungen resultiert. wie die Kristallstrukturen und die Lebewesen.und Punktsymmetrie. wird man sicher darauf kommen. die sein Erfinder von ihm erwartet. Der Umweg. kann sie in ihnen nur höchst ausgeklügelte künstliche Objekte erblicken. sollte die Schwierigkeit ver- deutlichen. daß es unsere absichtliche. die es erfüllen soll. Die oberflächlichste Prüfung wird bei der Biene ein- deutige Elemente einfacher Symmetrie. wie die Erzeugnisse des menschlichen Fleißes. ausschließ- liche Beschränkung auf die Gestalt.

dem auch das Auge seinen Bau verdankt. Verschluß und lichtempfindliche Pigmente: Die gleichen Bestandteile können nur deshalb in den beiden Objekten zusammengebracht worden sein. um von diesen gleichartige Leistungen zu erlangen. um ein anderes Beispiel zu nehmen. da sie keine objektiven Kriterien angebe. selbst wenn sie notwendig ist. die aus- nahmslos alle Lebewesen kennzeichnen: Objekte zu sein. die auf der Straße fahren. Nehmen wir zum Beispiel an. Jedes Artefakt ist das Erzeugnis der Tätigkeit eines Lebewesens. als. die mit einem Plan ausgestattet sind. Statt. Wir sagen. Man wird jedoch einwenden. der Maschine die Aufgabe stellen würden. etwa von Pferden. wenn auch auf verschiedenartigen Oberflächen. das so auf besonders einleuchtende Art eine der grundlegenden Eigenschaften zum Ausdruck bringt. kein anderes sein kann als dasjenige. Das wäre um so absurder. dieses neue Programm mache es tatsächlich möglich. diese Objekte seien eng miteinander vergleichbar insofern. indem sie Artefakte schaffen). in letzter Analyse. nach 27 . für die Definition der Lebewesen nicht hinreichend sei. das den Apparat »erklärt«. den sie gleichzeitig in ihrer Struk- tur darstellen und durch ihre Leistungen ausführen (zum Bei- spiel. ist es im Gegenteil vielmehr notwendig. Und wenn wir. Linsen. daß diese sich von allen anderen Strukturen aller im Uni- versum vorhandenen Systeme durch die Eigenschaft unterschei- den. daß das natürliche Organ . Die Analyse wird zu dem Schluß führen. sie als für die Definition der Lebewesen wesentlich anzuerkennen. diese Erkenntnis zu bestreiten. daß die Maschine korrekt die Strukturen und Leistungen von zwei Objektreihen analysiert. Aus vielen anderen klassischen Beispielen für die funktionale Anpassung bei den Lebewesen habe ich dieses eine nur ange- führt. wie es einige Biologen versucht haben. wie willkürlich und unfruchtbar es wäre. als die einen wie die anderen entworfen wurden. das Auge eines Wirbeltieres und einen Photoapparat nach Struktur und Leistung zu vergleichen. und von Autos. wenn man leugnen wollte. um zu schnellen Orts- veränderungen fähig zu sein.das Endergebnis eines Projekts (nämlich Bilder einzu- fangen) ist. was ihren Strukturunterschieden Rechnung trägt. um zu unterstreichen. das Projekt.das Auge . die auf dem Feld laufen. die wir Teleonomie nennen. während man dem Photoapparat einen solchen Ur- sprung wohl zuerkennen würde. daß diese Bedingung. Blende. so könnte das Programm nur weitgehende Analogien erkennen.

seinen inneren. daß die Struktur eines Lebewesens aus einem völlig anderen Prozeß hervorgeht. den Erzeugnis - sen ihrer Tätigkeit. aber alles — von der allgemeinen Gestalt bis in die kleinste Einzelheit . nicht aber zu dem künstlichen Objekt selber. daß das durch einen Photoapparat dargestellte Projekt. verleihen). Der Formulierung eines solchen Programms steht zumindest im Prinzip nichts entgegen. Härte. Mit diesem Programm ließe sich. die eine quasi totale »Freiheit« gegenüber äußeren Kräften und Bedingungen einschließt. Denn die Maschine müßte bestäti- gen. zu einem anderen Objekt als dem Apparat selber gehört? Die Untersuchung der fertigen Struktur und die Analyse der Leistungen erlaubt es nur. Dagegen müßte das Programm die Tatsache festhalten. daß es schwierig wäre. Diese evidente Einsicht ist noch zu subjektiv. das Projekt zu identifizieren. Wie könnte der Rechner feststellen. Seine Struktur beweist eine klare und uneingeschränkte Selbstbestimmung.. sondern die äußeren Kräfte. sondern seinen Ursprung. seine Geschichte und das Verfahren seines Aufbaus untersucht. Es genügt nicht.aus der An- wendung äußerer Kräfte auf das Ausgangsmaterial und das Ob- jekt selber resultiert. brauchte man ein Programm. Äußere Bedin- gungen können die Entfaltung des lebenden Objekts wohl be- hindern. Um das zu erreichen. sie im Programm eines Elektro- nenrechners zu verwenden. das dieses Artefakt geschaffen hat. ein radikaler Unterschied zwischen einem — wenn auch noch so perfektionierten — Artefakt und ei- nem Lebewesen feststellen. es verdankt fast nichts der Einwirkung äußerer Kräfte. Durch den autonomen und spontanen Cha - 28 . sie können ihm seine Organisation nicht aufzwingen. eine Steinzeit-Axt oder ein Raumschiff . denen sich die Lebewesen von den Artefakten. unterscheiden lassen. »morphogenetischen« Wechselwir- kungen. was sich dadurch erweist. die die Struktur gestaltet haben. Bilder einzufangen. so bezeugt sie nicht die inneren Kohäsionskräfte zwischen den Atomen und Molekülen. einen von Bibern errichteten Damm. zu dem Tier gehört. die das Material bilden (und ihm nur seine allgemeinen Eigenschaften. Leitfähigkeit usw. nicht aber seinen Urheber. wie Dichte. Ist die makroskopische Struktur einmal hergestellt. daß die makroskopische Struktur eines Artefakts . selbst wenn es sehr einfach wäre. nicht jedoch lenken. das nicht bloß das vorliegende Objekt. daß das Projekt. das ein Artefakt hervorruft. wenn man behauptet.handle es sich um eine Bienenwabe.

die für die kristalline Morphologie verantwortlich sind. Daß die Strukturen der Kristalle und der Lebewesen einander durch dieses Merkmal wie auch durch ihre Regelmäßigkeit und ihr wiederholtes Auftreten so nahe kommen sollen. daß solche Struk- turen eine beträchtliche Menge an Informationen darstellen. in denen sich ihre makroskopische Struktur aufbaut. die ihrer eigenen 29 .rakter der morphogenetischen Prozesse. Unser Programmierer hat jetzt die Informationsquelle festgestellt und eine dritte bemerkenswerte Eigenschaft erkannt: Diese Objekte sind fähig. deren Quelle noch festzustellen bleibt. mit Notwendigkeit erkennen. müßte unser Programmierer. denn jede zum Ausdruck gekommene und folglich aufgefangene Information setzt einen - Absender voraus. Nur aufgrund dieses Kriteriums wären die Kristalle also bei den Lebewesen einzuordnen. ob die inneren Kräfte. Nachdem er »entdeckt« hat. daß ein autonomer innerer De- terminismus für die Herausbildung der äußerst komplexen Strukturen der Lebewesen sorgt. Er müßte sich fragen. aber von Beruf »Infor- matiker« ist. Nehmen wir an. unterscheiden sich die Lebe- wesen absolut von den Artefakten wie übrigens auch von den meisten natürlichen Objekten. mit diesem Lebe- wesen identisches Objekt ist. selbst wenn er von moderner Biologie nichts versteht. de- ren charakteristische Geometrie die mikroskopischen Wechsel- wirkungen innerhalb des Objekts widerspiegelt. deren makroskopische Morpho- logie zum großen Teil von der Einwirkung äußerer Kräfte her- rührt . könnte dem Programmierer. eine andere Klasse darstellen. Gegenwärtig versuchen wir.bis auf eine Ausnahme: Wieder sind es die Kristalle. daß der Programmierer seine Untersuchung fortsetzt und schließlich seine letzte Entdeckung macht: daß nämlich der Absender der in der Struktur eines Lebewesens aus- gedrückten Information immer ein anderes. die den Lebewesen ihre makroskopische Struktur vermitteln. nicht von gleicher Art sind wie die mikroskopischen Wechselwirkungen. durch absolut generelle Kriterien die makroskopischen Eigen- schaften zu bestimmen. Artefakte und natürliche Objekte würden. zu denken geben. der zwar von Biologie nichts versteht. weil sie durch äußere Einwirkung geformt wurden. in denen die Lebewesen sich von allen anderen Objekten im Universum unterscheiden. die in den folgenden Kapiteln der vorlie- genden Arbeit verfolgt werden. Daß es sich allerdings so verhält. ist einer der Hauptgedanken.

wenn möglich quantitative Bestimmung zu versuchen. auch den Kristallen. daß einige Substanzen in über- sättigter Lösung nicht kristallisieren. Dieses rein quantitative Merkmal — das muß betont werden . Dieses Gedankenexperiment sollte uns nur dazu zwingen. zu reproduzieren und zu übertragen. An dieser Stelle wird ma n anmerken. Handelt es sich um eine Substanz. die allgemeinsten Eigenschaften »wiederzuentdek- ken«. die alle Lebewesen auszeichnen und vom übrigen Univer- sum unterscheiden. Von diesen drei Eigenschaften ist die Invarianz am leichte- sten quantitativ zu definieren. die bei den einfachsten uns bekannten Lebewesen von einer Generation zur anderen über- tragen wird. zu unterscheiden. Doch weiß man. doch bleibt sie von Generation zu Generation voll- ständig erhalten. die autonome Morpho- genese und die reproduktive Invarianz. dann werden außerdem die in der Lösung erscheinenden Kristalle in ihrer Struktur durch diejenige der verwendeten Keime bestimmt. daß wir die Biologie kennen (soweit man sie heute kennen kann). seinen Überlegungen. Wir bezeichnen diese Eigenschaft als invariante Reproduktion oder einfach als Invarianz. die Lebewesen von allen anderen Objek- ten. daß die Lebewesen und die kristallinen Strukturen durch ihre Eigenschaft der invarian- ten Reproduktion ein weiteres Mal in Analogie gebracht und allen anderen bekannten Objekten im Universum gegenüber- gestellt werden. Da es sich um die Fähigkeit han- delt. Die Informationsmenge. eine Struktur von hohem Ordnungsgrad zu reproduzie - ren. die von den Kristall- strukturen dargestellt wird. die bei der Übertragung von einer Generation zur nächsten die 30 . Überlassen wir jetzt den Programmierer vom Mars. ist indessen um mehrere Größen- ordnungen kleiner als die Menge. und da der Ordnungsgrad einer Struktur in Informations- einheiten gemessen werden kann. um die fraglichen Eigenschaften zu analysieren und eine genauere. Drei Eigenschaften haben wir gefunden: die Teleonomie. sagen wir. denn sie beschreibt einen überaus komple - xen Aufbau. Diese Information ist sehr reichhaltig. also unverän- dert. von dem wir angenommen haben. daß er die Biologie nicht kennt. solange der Lösung keine Kristallkeime zugefügt worden sind.erlaubt es. Struktur entsprechende Information ne varietur. Geben wir jetzt zu. die in zwei verschiedenen Systemen kristallisieren kann. daß der »Invarianz- gehalt« einer gegebenen Art der Informationsmenge gleicht.

Man wird schnell erkennen. das teleonomische Projekt derart zu definieren. Man kann nämlich sagen. die man als Aspekte oder Teilstücke eines einmaligen ursprünglichen Projekts be - trachten kann. werden also »teleonomisch« genannt. daß bei den verschiedenen Arten und auf den verschiedenen Stufen der Tierordnung für die Ver- 31 . da er die subjektive Vor- stellung eines »Projekts« einschließt. Wenn wir annehmen. die zum Erfolg des eigentlichen Projekts beitragen. daß es im wesentlichen in der Übertragung des für die Art charakte- ristischen Invarianzgehalts von einer Generation auf die nächste besteht. Alle Strukturen. die willkürliche Ent- scheidung. daß mit dem Auftauchen des Wirbeltierauges ein ähnliches »Projekt« erfüllt wird. die übertragen werden muß. daß das »Teleonomie- Niveau« einer gegebenen Art der Informationsmenge ent- spricht. der sich in der Analyse allerdings als sehr zweideutig erweist. alle Leistungen. Erinnern wir uns an das Beispiel des Photoapparats. daß alle teleonomischen Strukturen und Leistungen einer bestimmten Informationsmenge entsprechen. um die Übermittlung des arteigenen Gehalts an re- produktiver Invarianz an die folgende Generation zu gewähr- leis ten. Nennen wir diese Menge die »teleonomi- sche Information«. Erhaltung der spezifischen Strukturnorm sichert. dem Begriff der Teleonomie. können wir uns näher mit dem Begriff befassen. damit diese Strukturen verwirklicht und diese Leistungen er- füllt werden können. Wir treffen. der sich bei der Untersuchung der Strukturen und Leistungen von Lebewesen am unmittelbarsten aufdrängt. Nachdem wir dies festgestellt haben. das in der Erhaltung und Vermehrung der Art besteht. Man kann jetzt sagen. Wir werden sehen. die im Durchschnitt vom Einzelwesen übertragen wer- den muß. zu einer Schätzung dieser Größe zu gelangen. daß die Existenz dieses Objekts und seine Struktur das »Projekt« ver- wirklichen. Bilder einzufangen. daß es mit Hilfe einiger Hypothesen möglich ist. Aber jedes erdenkliche Einzelprojekt hat nur Sinn als Teil eines allgemeineren Projekts. um es genauer zu sagen. Damit können wir eine erste Definition des teleonomischen »Niveaus« einer Art geben. alle Tätigkeiten. dann müssen wir offensichtlich auch annehmen. Alle funktionalen Anpassun- gen der Lebewesen wie auch die von ihnen gestalteten Arte- fakte verwirklichen Einzelprojekte.

daß alle diese Leistungen und Strukturen die Aufgabe haben. der es nicht wagt. Wir stellen uns vor. die wir zu bestimmen suchten . zum Beispiel bei der Maus. keine vergleichbaren Leistungen er- fordert. sind also deutlich verschieden. Nehmen wir an. Sie erlaubt jedoch. dem teleonomischen Projekt zu dienen. die er ihr widmet. stellen wir uns einen schüchter- nen verliebten Dichter vor. Um ein extremes Beispiel zu nehmen. autonome Mor- phogenese und Invarianz. mehr oder weniger raffinierte und komplexe Strukturen und Leistungen benutzt werden. daß es sich dabei nicht nur um Tätigkeiten handelt. daß der Erfolg des Plans bei anderen Lebewesen. daß die Dame schließlich durch diese raffinierten Hul- digungen verführt wird und bereit ist. Es muß betont werden. der invarianten Reproduktion) vielfä ltige.der Gehalt an genetischer Invarianz ist bei der Maus und beim Menschen un- gefähr gleich . Das Spiel ist zum Beispiel bei den Jungen der höheren Säugetiere ein wichtiges Element der psy- chischen Entwicklung und der gesellschaftlichen Einordnung. die - und sei es auch nur sehr indirekt — zum Überleben und zur Ver- mehrung der Art beitragen. der geliebten Frau seine Liebe zu gestehen. die direkt mit der Reproduktion im eigent- lichen Sinne verbunden sind. wirklichung des grundlegenden teleonomischen Projekts (d. Das führt uns zu der sehr wichtigen Frage der Beziehungen zwischen den drei Eigenschaften. und der sein Verlangen nur symbolisch in den Gedichten ausdrü cken kann. sich dem Dichter hinzu - geben.und dieser Punkt ist wichtig .Teleonomie und Invarianz -. da es den Gruppenzu - sammenhang fördert. der seinerseits eine Bedingung für das Überleben und die Ausbreitung der Art ist. Es hat also einen teleonomischen Wert. Diese theoretisch definierbare Größe ist praktisch nicht meß- bar. und die in ihnen enthal- tene Information müßte folglich zu den teleonomischen Lei- stungen gerechnet werden. Seine Gedichte hätten dann zum Erfolg des eigentlichen teleonomischen Projekts beigetragen. Daß das verwendete Untersuchungs - programm sie nacheinander und unabhängig voneinander fest- 32 . die wir als charakteristisch für die Lebewesen erkannt haben: Teleonomie. es geht um alle Tät igkeiten. Die beiden Grö - ßen. Es ist klar.tatsächlich bei allen Säugetieren. die die Übertragung der genetischen Invarianz sichern. Aber . verschiedene Arten oder Klassen wenig - stens grob auf einer »teleonomischen Skala« einzuordnen. h. ihren Komplexitätsgrad müßte man schätzen.

die Klasse der Proteine. daß sie nicht einfach drei ver- schiedene Äußerungen einer einzigen Eigenschaft sind. Die Unterscheidung zwischen Teleonomie und Invarianz ist keine bloße logische Abstraktion. Es ist möglich und tatsächlich unerläßlich. so müßte es willkürlich and illusorisch bleiben. würden wir es damit nur magisch beschwören. Statt die wahren Probleme zu erhellen. gestellt hat. Sie ist aus chemischen Gründen gerechtfertigt. wird diese Un terscheidung schließlich — ausdrücklich oder stillschweigend - in allen Theorien und allen ideologischen (religiösen. die den teleonomischen Apparat darstellt. daß dieser Mechanismus sowohl bei der Reproduk- tion der invarianten Information wie bei der Bildung teleonomi- scher Strukturen auftritt. für fast alle teleonomischen Strukturen und Leistun gen verantwortlich. 2. nämlich die der Nukleinsäuren gebunden ist. sie auseinanderzuhalten . Ein Beispiel dafür bieten die kristallinen Strukturen - freilich auf einer viel niedrigeren Komplexitätsstufe als alle be kannten Lebewesen. Daß die beiden Eigenschaften schließlich durch diesen Me- chanismus hervorgerufen werden. 1. daß sie deshalb zusammengeworfen werden dürfen. Wäre das der Fall.und das aus mehreren Gründen. 3. Während die Teleonomie und die In- varianz tatsächlich charakteristische »Eigenschaften« der Lebe- wesen sind. die sich inva riant vermehren können. Denn von den beiden biologisch wich tigen Klassen von Makromolekülen ist die eine. Es ist vollkommen richtig. aber keinen teleonomischen Apparat besitzen. Die genetische Invarianz offenbart sich nur durch die autonome Morphogenese der Struktur. Ein erster Einwand drängt sich auf: Diese drei Begriffe haben nicht den gleichen Status. In den folgenden Kapiteln werden wir übri- gens sehen. Wie man im folgenden Kapitel sehen wird. die - ganz ursprünglich und tief verborgen — sich jeder direkten Be- obachtung entzieht. beweist noch nicht. wissen- 33 . bedeutet aber nicht. Man kann sich zumindest Objekte vorstellen. daß diese drei Eigenschaften bei allen Lebewesen eng miteinander verknüpft sind. während die genetische Invarianz aus schließlich an die andere Klasse. wollte man zwischen diesen Eigenschaf- :en einen Unterschied treffen und verschiedene Definitionen für de suchen. statt das »Ge - heimnis des Lebens« einzukreisen und es wirklich aufzudecken. muß der spontane Aufbau eher als ein Mechanismus betrachtet werden.

Aber welche Prinzipien waren das genau? Das ist nicht unmittelbar klar. dem Zweiten Hauptsatz zu gehorchen. Angesichts der physikalischen Ge- setze.die reproduktive Invarianz und die Teleonomie. wenn man die Gesamtentwicklung eines energetisch abgeschlossenen Systems betrachtet. ohne daß deshalb die Gesamtentwicklung des Systems aufhört. Denn dieses Prinzip schreibt vor. Die Invarianz scheint tatsächlich eine zunächst äußerst para- doxe Eigenschaft darzustellen. Ein solches System hat eine genau erfaßte Thermodynamik. Die Lebewesen sind seltsame Objekte. Der Zusammenschluß von anfänglich ungeordneten Molekülen zu einem vollkommen be- stimmten Kristallgitter stellt eine örtliche Zunahme an Ordnung dar. Die Entropie * Siehe Anhang IV. 172. schien die bloße Existenz von Lebewesen ein Paradoxon darzustellen und einige der Grundprinzipien zu verletzen. auf die sich die moderne Wissenschaft stützt. Diese Aussage des Zweiten Hauptsatzes ist jedoch nur gültig und verifizierbar. weil die Erhaltung.schaftlichen oder metaphysischen) Gebilden angenommen. Jahrhundert und ihr Aufblühen seit dem 19. 34 . diesen Eindruck von Sonderbarkeit zu verwischen. die die makroskopischen Systeme lenken. daß jedes »abge- schlossene« makroskopische System sich nur in Richtung des Abbaus seiner Ordnung entwickeln kann*. Innerhalb eines solchen Systems wird man in einer einzelnen Phase die Entstehung und Vermehrung von geordneten Strukturen beobachten können. Jahr- hundert ihn noch verschärft. Weit davon entfernt. den Status der beiden für die Lebewesen cha- rakteristischen Haupteigenschaften im Hinblick auf die Natur- gesetze zu bestimmen . die Repro- duktion und die Vermehrung von Strukturen hoher Ordnung mit dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik unvereinbar erscheinen. S. Die Menschen müssen das zu allen Zeiten mehr oder weniger undeutlich gewußt haben. Dadurch erhalten wir die Gelegenheit. die mit einer Überführung thermischer Energie aus der kristallinen Phase in die Lösung »bezahlt« wird. Die Kristallisation in einer gesättigten Lösung liefert dafür das beste Beispiel. haben die Entwicklung der Naturwissenschaften seit dem 17. die sich mit der Biosphäre und ihren Beziehungen zum übrigen Universum befassen. Also muß man wohl das Wesen dieses oder dieser »Paradoxa« analysieren.

etwa Glukose. ordnungsgemäß geregelt worden. die die wesentlichen Elemente enthalten. so kann man die thermodynamische Bilanz des Vorgangs bestimmen und feststellen. daß — wie im Falle der Kristallisation . Schwefel usw. sondern sich meh- rere Milliarden Mal vermehrt hat. Gewicht ungefähr 5 x 10-13 g). Während die extrem komplexe Struktur. Bei der Beobachtung dieses Phänomens wird unsere Naturanschauung aber unvermeidlich stark irritiert sein und noch mehr als vor dem Experiment dessen ganze Seltsam- keit empfinden. Die Zellen freilich verletzen die Gesetze der Thermodynamik nicht. (Unordnung) des Gesamtsystems wächst um den durch den Zweiten Hauptsatz vorgeschriebenen Betrag.die Entropie des Ge samtsystems (Bakterien + Milieu) um ein wenig mehr als den vom Zweiten Hauptsatz vorgeschriebenen Mindestbetrag zugenommen hat. daß ein örtlicher Ordnungszuwachs innerhalb eines geschlossenen Systems mit dem Zweiten Haupt- satz vereinbar ist. während der Rest zu CO2 und H2 O oxydiert wurde.). Führt man das ganze Experiment in einem Kalorimeter durch. nicht nur erhalten worden ist. enthält und Mineral- salze. Dieses Beispiel zeigt. Das kann man durch ein Experiment verifizieren. Es erhebt sich die Frage. 40% des Zuckers in Zell- bestandteile verwandelt worden sind. die durch diesen Vorgang entstand. daß dieser Prozeß ausschließlich in einer Richtung verläuft . Warum? Weil wir ganz deutlich erkennen. ihnen zu gehorchen. Nach einem Zeitraum von 36 Stunden wird die Lösung einige Milliarden Bakterien ent- halten. ob die Erhaltung und invariante Vermehrung solcher Strukturen ebenfalls mit dem Zweiten Hauptsatz vereinbar ist. sie benützen sie so- gar. daß ca. das sich mit der Kristalli- sation gut vergleichen läßt.auf die Zellvermehrung hin. daß der Ord- nungsgrad selbst des einfachsten Organismus unvergleichlich viel höher ist als der eines Kristalls. wie es ein guter Ingenieur tun würde. die in die Zu- sammensetzung der chemischen Bestandteile der Lebewesen eingehen (Stickstoff. Phosphor. Wir haben jedoch unterstrichen. der einige Milligramm eines einfachen Zuckers. Setzen wir in dieses Milieu ein Bakterium etwa der Art Escherichia coli (Länge 2µ. um mit der höchsten 35 . Der Zweite Hauptsatz wird also keineswegs feststellbar oder meßbar verletzt. Nehmen wir einen Milliliter Wasser. wie sie eine Bakterien- zelle darstellt. ist die thermodynamische »Schuld«. Sie begnügen sich nicht allein damit. ganz im Gegenteil. Wir werden feststellen.

dem Raffinement und der Leistungsfähigkeit der chemischen Anlage zu vermitteln. und es erfordert den Aufbau der Zellorganellen. Dieser Apparat ist vollkommen logisch. Die Entdeckung dieses Grundsatzes läßt sich genau datieren. durch ein »Projekt«. sondern durch ihre Ausnützung zum ausschließlichen Vorteil seiner persön- lichen Eigenart. wenn man die Erscheinungen durch eine Endursache. wo es benötigt wird. daß das durch die Oxydation des Zuckers freigesetzte chemische Potential mobilisiert und dort eingesetzt wird. es könne zu einer »wahren« Erkenntnis füh- ren. dem die von den Menschen erbauten Maschinen kaum nahekommen. deutet. Das Projekt erfor- dert die Synthese von mehreren hundert verschiedener chemi- scher Bausteine und deren Zusammenschluß zu mehreren tau- send Arten von Makromolekülen. das durch den teleonomischen Apparat gleichzeitig erfüllt und verfolgt wird. Den Vorläufern von Descartes hat es gewiß weder an Verstand. aber es gibt einen krassen erkenntnistheoretischen Widerspruch. daß es dieses Pro - jekt gibt. der mit den Kalorien geizt und bei seiner unendlich komplexen Aufgabe einen Wirkungs- grad erreicht. In Wirklichkeit gibt es kein Paradoxon oder Wunder. Grundpfeiler der wissenschaftlichen Methode ist das Postulat der Objektivität der Natur. das Projekt verlangt. erstaunlich rationell und seiner Bestimmung völlig angepaßt: die Strukturnorm zu erhalten und zu reproduzieren. sondern auch die Erkenntnistheorie der modernen Wissenschaft begründet und damit die aristotelische Physik und Kosmologie außer Kraft gesetzt. viel tieferen Ebene als der der Naturgesetze.h. die für die Verwirklichung dieses Projekts nötig ist. den »Traum« (Fran5ois Ja - cob) jeder Zelle zu verwirklichen. Das Wunder? Nein. Und das nicht. indem er die Naturgesetze überschreitet. d. noch an Logik.dank der Perfek- tion des teleonomischen Apparats. In einem anderen Kapitel dieses Buches wird versucht. unsere Intuition des Phänomens. Das bedeutet die systematische Absage an jede Erwägung. Das »Wunder« besteht darin. Galilei und Descartes haben mit der Formulierung des Trägheitsprinzips nicht nur die Mechanik. Effizienz das Projekt auszuführen. noch an Erfahrung oder gar 36 . es geht um unser Verständnis. zwei Zellen zu werden. die wirkliche Frage stellt sich auf einer anderen. eine Vorstellung von der Komplexität. In der invarianten Reproduktion dieser Strukturen gibt es jedoch kein physikalisches Paradoxon: Der thermodynamische Preis für die Invarianz wird auf den Pfennig genau bezahlt .

am Einfall gemangelt. ein Experiment zu ersinnen. Es hat ihre außerordentliche Entwicklung seit dreihundert Jahren angeführt. daß sie in ihren Strukturen und Leistungen ein Projekt verwirklichen und verfolgen. den teleonomischen Charakter der Lebewesen anzuerkennen und zuzugeben. Doch nur auf diesen Grundlagen konnte die Wissenschaft. Verstand. zumindest scheinbar. ein tiefer er- kenntnistheoretischer Widerspruch. als grundsätz- lich unlösbar zu beweisen ist. für immer unbeweisbares Postulat. 37 . so wie wir sie heute ver- stehen. Logik und Erfahrung syste- matisch miteinander zu konfrontieren. Die Objektivität selbst zwingt uns aber. Aber das Objektivitätspostulat ist mit der Wissenschaft gleichzusetzen. denn es ist offensichtlich un- möglich. der als ein nur scheinbarer aufzulösen oder. Das zentrale Problem der Biologie ist eben dieser Widerspruch.und sei es nur provi- sorisch oder in einem begrenzten Bereich — zu entledigen. eines irgendwo in der Natur angestreb- ten Zieles beweisen könnte. Sich seiner . Dazu brauchte man noch die strenge Zensur der Objektivitätsforderung. Hier ist also. ohne daß man auch den Bereich der Wissenschaft verläßt. ist unmöglich. wenn es sich wirklich so verhält. Diese ist ein reines. sich nicht konstituieren. durch das man die Nicht- Existenz eines Projekts.

38 . Übers. die diese Zusammenhänge er- fahren. wie sie im übrigen auch motiviert sein mag. die in den Augen der modernen Wissenschaft als einzig annehmbare betrachtet wird: daß näm- lich die Invarianz der Teleonomie notwendig vorausgeht. daß das Auftreten. Wir behalten es einem späteren Kapitel vor. d. Das ist. Man nimmt dem Darwinschen Genie jedoch nichts. die Darwin selber hatte. ** »Auslese«. die Hypothese darzustellen und zu begründen. religiösen oder wissenschaftlichen Weltanschau - ung. die in einer Struktur eintreten. zu ihrer ganzen Bestimmtheit und Klarheit gelangen konnte. er konnte zu seiner Zeit keine Vorstellung besitzen von den chemischen Zusammenhängen der reproduktiven Invarianz oder von der Art der Störungen. Jede Lösung. Anm. die allein * Der Ausdruck »Evolution« hat sich in der Biologie durchgesetzt. die schon die Eigenschaft der Invarianz besitzt und deshalb »den Zufall konservieren« und seine Ergebnisse dem Spiel der natür- lichen Selektion** unterwerfen kann. um es deutlicher zu sagen. die Evolution* und die fortschreitende Ver- feinerung von immer stärker teleonomischen Strukturen auf Störungen zurückzuführen sind. Die Selektionstheorie macht die Teleonomie zu einer sekun- dären Eigenschaft und leit et sie aus der Invarianz ab. daß die Theorie der Evolution durch Selek- tion erst vor weniger als zwanzig Jahren zu ihrer vollen Bedeu- tung. welcher der beiden für die Lebewesen charak- teristischen Eigenschaften (Invarianz und Teleonomie) die ur- sächliche und zeitliche Priorität zukommt. zuvor die »natürliche Zuchtwahl«: der Prozeß. Früher sprach man von der »Ab - stammung« oder der »Entstehung der Arten«. Übers. die darwinistische Vorstellung. Anm. »Evolution« läßt sich nicht durch »Entwicklung« überset - zen: dieser Ausdruck ist der Entwicklung der Organismen vorbehalten.Kapitel II Vitalismen und Animismen Die teleonomischen Eigenschaften der Lebewesen scheinen eines der Basispostulate der modernen Erkenntnistheorie in Frage zu stellen. d. Schon deshalb ist eine implizite oder explizite Lösung dieses Problems die notwendige Voraussetzung jeder phi- losophischen. setzt ihrerseits mit gleicher Unvermeidlichkeit eine Annahme darüber voraus. durch den nicht alle Exemplare einer Art zur Vermehrung zugelassen werden. Die hier von mir knapp und dogmatisch angedeutete Theorie ist selbstverständlich nicht die Theorie. wenn man feststellt .

die beim Menschen und der Menschheit endete. machen also zwischen den Lebewesen und der unbeleb- ten Welt einen radikalen Unterschied. die sich dem Anschein nach sehr unterscheiden. Das ist gewiß ein starkes Argument zu - gunsten der Theorie. So kann man einerseits eine erste Gruppe von Theorien defi- nieren. um die Eigentümlichkeit der Lebewesen darzulegen. Es wird tunlich sein. in der es nur deutlicher und stärker zum Ausdruck kommt. sondern sich ohne Einschränkungen oder Zusätze auf sie stützt. wirksam sein soll. auf das sie sich berufen.Klassifikation dieser Konzeption vorzunehmen. oder wie sie implizit in den religiösen Ideologien und in der Mehrzahl der großen philosophischen Systeme enthalten sind. Auf der anderen Seite kann man die Konzeptionen zusam- menfassen. weil sie dort 39 . nehmen die entgegengesetzte Hypothese an: die Invarianz. zu diesem Zweck eine . innerhalb der »lebenden Ma- terie«. die ich vitalistisch nenne. eine ein - gestandene oder uneingestandene. das für die Entwicklung des Kosmos ebenso verant - wortlich sein soll wie für die Evolution der Biosphäre. Von allen bisher vorgetragenen Theorien ist sie die einzige. die ein teleonomisches Prinzip annehmen. In diesem Kapitel werde ich schematisch die Denkweise dieser Interpretationen untersuchen. die aber alle eine teilweise oder völlige. das die Invarianz aufrecht- erhält. die sich mit dem Objektivitätspostu- lat vereinbaren läßt. die der Biologie ihren erkenntnistheoretischen Zusammenhalt gibt und ihr unter den Wissenschaften von der »objektiven Natur« ihre Stellung verleiht. Diese Theo- rien erblicken in den Lebewesen die entwickeltsten und voll- kommensten Produkte einer umfassend gerichteten Evolution. wie sie explizit vorgetragen wor- den sind. eine bewußte oder unbe - wußte Preisgabe des Objektivitätspostulats einschließen. entsprechend der Natur und dem angenommenen Geltungs - bereich des teleonomischen Prinzips. würde aber zu ihrem Beweise nicht aus - reichen. das ausdrück- lich nur innerhalb der Biosphäre. Alle anderen Konzeptionen. die sich auf ein universelles teleonomisches Prinzip berufen. die Ontogenese lenkt und die Richtung der Evolution bestimmt. Und schließlich ist es die Theorie der Evolution durch Selektion.freilich ein wenig willkürliche . als ursprünglich betrachtet wird. die Ontogenese und die Evolution seien Äußerungen eines ur- sprünglichen teleonomischen Prinzips. Diese Theorien. Sie ist ebenfalls die einzige Theorie. die sich nicht nur mit der modernen Physik vereinbaren läßt.

ohne daß sie es jedoch angestrebt oder vorhergesehen hat. Übers. ohne die Schöpferische Entwicklung< gelesen zu haben. Im Gegensatz zu fast allen Vitalismen und Animismen ist Bergsons Auffassung nicht finalistisch. zwischen dem . daß seine Philoso- phie dank eines verführerischen Stils und einer bildhaften Dia - lektik. Der bekannteste Vorkämpfer eines metaphysischen Vitalis - mus war zweifellos Bergson. zu dem die Evolution gelangt ist. während man zu meiner Jugend- zeit nicht hoffen konnte. Jede analytische. Mit dieser Auffassung verbindet sich eine andere. kann also weder End- zweck noch Ursache haben. 40 . sich zu organisieren. Er ist vielmehr Ausdruck und Beweis der totalen Freiheit des schöpferischen Dranges. Es muß also daran erinnert werden. nicht aber der Poesie entbehrte. aber völlig unfähig ist.wie ich es nennen möchte . Anm. daß ich hier die Bestimmungen »animistisch« und »vitalistisch« in einem besonderen Sinne benutze. Die Evolution. kann eine unmittelbare. das als ein »Drang«. die der Logik. einen ungeheuren Erfolg erlebt hat. der sich von der gebräuchlichen Verwendung ein wenig abhebt. die ich »animistisch« nenne. die von Bergson als grundlegend erachtet wird: Die rationale Intelligenz ist ein Erkenntniswerkzeug. Unter den vitalistischen Theorien lassen sich sehr unterschied- liche Tendenzen feststellen. aber mit ihr kämpft und sie »durchdringt«. Allein der Instinkt. an anderer Stelle mit » Rede« übersetzt. die Erschei- nungen des Lebens zu erfassen. daß diese Philosophie gänzlich auf einer bestimmten Vorstellung vom Leben beruht.enden sollte. Heute scheint sie fast vollständig in Mißkredit gefallen zu sein. das Abitur zu bestehen. ein »Strom« aufgefaßt wird. der sich von der unbelebten Materie radikal unterscheidet. gemeint. ist der Mensch. um sie zu zwingen. Diese Auffassungen. Das höchste Stadium. das speziell der Beherrschung der trägen Materie angepaßt. sind in vieler Hinsicht interessanter als die vitalistischen Theo- rien. Damit ist der Ausdruck einer argumentierenden Ab- handlung. Es ist bekannt. ** Der Autor spricht von »discours« nach Descartes' >Discours de la Méthode< (Abhandlung über die Methode). denen ich nur eine kurze Darstellung widmen werde*. die mit dem Lebensdrang zusammenfällt. d. mit dem Lebensdrang wesensgleich. die dem Leben eigentümliche Spon- taneität in irgendeiner Bestimmung festzulegen. Er weigert sich.»metaphysi- schen Vitalismus« und dem »wissenschaftlichen Vitalismus« zu unterscheiden. Ich werde mich hier damit begnü- gen. ratio- nale Abhandlung** über das Leben ist folglich sinnlos oder viel- * Es ist vielleicht hervorzuheben. eines »diskursiven« Denkens. umfassende Intuition der Lebensphänomene geben.

mehr gegenstandslos. Die hohe Entwicklung der rationalen
Intelligenz beim homo sapiens hat zu einer bedenklichen und be-
klagenswerten Verarmung seiner intuitiven Fähigkeiten ge-
führt, deren Reichtum wiederzuerlangen wir heute versuchen
müssen.
Ich werde nicht versuchen, diese Philosophie zu diskutieren —
sie eignet sich übrigens nicht dazu. Eingesperrt in die Logik und
arm an umfassenden Ahnungen, fühle ich mich dazu auch nicht
in der Lage. Deshalb halte ich jedoch Bergsons Haltung nicht
für unbedeutend, ganz im Gegenteil. Der bewußte oder unbe-
wußte Aufstand gegen das Rationale und der Respekt, den man
dem Es auf Kosten des Ich schenkt, sind Zeichen unserer Zeit
(ohne von der schöpferischen Spontaneität zu reden). Wenn
Bergson eine weniger klare Sprache und einen »tieferen« Stil
benützt hätte, würde man ihn heute wieder lesen*.

Es hat viele »wissenschaftliche« Vitalisten gegeben. Zu ihnen
zählen Wissenschaftler von hohem Rang. Aber während sich
vor fünfzig Jahren die Vitalisten unter den Biologen rekrutierten
(der bekannteste, Driesch, gab die Embryologie zugunsten der
Philosophie auf), kommen sie heute hauptsächlich aus den Rei-
hen der Physiker, wie etwa Elsässer und Polanyi. Man kann ge-
wiß verstehen, daß Physiker stärker noch als Biologen von der
Eigentümlichkeit der Lebewesen betroffen sind. Elsässers Stel-
lung zum Beispiel ist, schematisch zusammengefaßt, die fol-
gende.
Die merkwürdigen Eigenschaften der Invarianz und der
Teleonomie verletzten sicher nicht die physikalischen Gesetze,
aber sie sind nicht vollständig erklärbar mit Hilfe physikalischer
Kräfte und chemischer Wechselwirkungen, die sich an unbeleb-
ten Systemen beobachten lassen. Folglich wird die Annahme
nötig, daß zu den physikalischen Prinzipien andere hinzutreten,
die in der lebenden Materie, nicht aber in unbelebten Systemen
wirksam sind, wo diese, ausschließlich für das Lebendige gülti-
gen Prinzipien deshalb auch nicht entdeckt werden konnten.
Diese Prinzipien (oder biotonischen Gesetze, um Elsässers Ter-
minologie zu verwenden) gilt es aufzuklären.

* In Bergsons Denken fehlt es natürlich nicht an Unklarheiten und greifbaren Widersprüchen. Es
scheint, als könne man zum Beispiel bestreiten, daß der Dualismus bei Bergson notwendig ist: Vielleicht
muß man ihn als abgeleitet aus einem ursprünglichen Monismus betrachten? (Persönliche Mitteilung von
C. Blanchard.) Ich denke selbstverständlich nicht daran, hier das Bergsonsche Denken in seinen Veräste -
lungen zu analysieren, sondern nur in seinen unmittelbarsten Folgerungen für die Theorie lebender
Systeme.

41

Selbst der große Niels Bohr hat — wie es scheint — solche Hypo-
thesen nicht verworfen. Er wollte jedoch nicht den Beweis er-
bringen, daß sie nötig seien. Sind, sie es ? Darauf kommt es ent-
schieden an. Besonders Elsässer und Polanyi behaupten es. Man
kann aber zumindest sagen, daß es der Argumentation dieser
Physiker merkwürdig an Stärke und Entschlossenheit fehlt.
Ihre Argumente beziehen sich auf jede der beiden sonderbaren
Eigenschaften. Was die Invarianz betrifft, so ist ihr Wesen heute
so gut bekannt, daß man behaupten kann, ein außerphysikali-
sches Prinzip sei nicht nötig, um sie zu erklären (vgl. Kap. VI).
Bleibt noch die Teleonomie, oder genauer: bleiben die mor-
phogenetischen Abläufe, welche die teleonomischen Strukturen
aufbauen. Es ist vollkommen richtig, daß die embryonale Ent-
wicklung offenbar eines der wunderbarsten Phänomene der ge-
samten Biologie ist. Auch ist es richtig, daß diese von den
Embryologen in bewundernswerter Weise beschriebenen Er -
scheinungen sich noch (aus technischen Gründen) zum größten
Teil der genetischen und biochemischen Analyse entziehen, die
offenbar allein in der Lage wäre, sie aufzuhellen. Die Einstellung
der Vitalisten, die der Ansicht sind, die physikalischen Gesetze
seien zur Erklärung der Embryogenese unzureichend oder wür-
den sich jedenfalls als unzureichend erweisen, ist also nicht durch
klare Erkenntnisse, durch abgeschlossene Beobachtungen, son-
dern nur durch unsere gegenwärtige Unkenntnis gerechtfertigt.
Dagegen haben unsere Erkenntnisse über die molekularen
kybernetischen Funktionen, die die Tätigkeit und das Wachstum
der Zellen regeln, beträchtliche Fortschritte gemacht und wer-
den zweifellos in naher Zukunft zur Erklärung der Entwicklung
beitragen. Die Erörterung dieser Funktionen behalten wir dem
Kapitel IV vor, wodurch wir Gelegenheit haben werden, auf
einige Argumente der Vitalisten zurückzukommen. Um zu
überleben, hat der Vitalismus es nötig, daß in der Biologie, wenn
nicht wirkliche Paradoxa, so doch zumindest »Geheimnisse«
erhalten bleiben. Die Entwicklungen der letzten zwanzig Jahre
in der Molekularbiologie haben den Bereich der Geheimnisse
außerordentlich zusammenschrumpfen lassen; dadurch blieb
den Spekulationen der Vitalisten kaum mehr als das weite Feld
der Subjektivität offen — der Bereich des Bewußtseins. Man geht
kein großes Risiko ein mit der Voraussage, daß diese Spekula-
tionen sich auf diesem, im Augenblick noch unzugänglichen
Gebiet als ebenso unfruchtbar erweisen werden wie überall, wo
das bisher auch offenkundig der Fall war.

42

Die animistischen Vorstellungen gehen bis auf die Kindheitstage
der Menschheit, vielleicht bis vor das Erscheinen des homo
sapiens zurück und haben noch tiefe und starke Wurzeln in der
Seele des modernen Menschen.
Unsere Vorfahren konnten zweifellos nur sehr verworren die
Fremdartigkeit ihrer Beschaffenheit wahrnehmen. Sie hatten
nicht die Gründe, die wir heute haben, sich fremd zu fühlen in
der Welt, die sie vor Augen hatten. Was sahen sie dort zunächst?
Tiere, Pflanzen; Wesen, deren Natur sie auf den ersten Blick
durchschauen konnten, weil sie der eigenen glich. Die Pflanzen
wachsen, streben zur Sonne, sterben. Die Tiere jagen ihre
Beute, greifen ihre Feinde an, nähren und verteidigen ihre
Nachkommen; die Männchen schlagen sich um den Besitz eines
Weibchens. Die Pflanzen, die Tiere wie auch der Mensch selbst
waren leicht zu erklären: Diese Wesen haben ein Projekt, das
darin besteht, zu leben und als Art in den Nachkommen zu über-
leben - und sei es um den Preis des eigenen Lebens. Das Projekt
erklärt das Dasein, und das Dasein hat nur durch sein Projekt
einen Sinn.
Unsere Vorfahren erblickten um sich herum aber auch andere,
sehr viel geheimnisvollere Gegenstände: Felsen, Flüsse, Berge,
das Gewitter, den Regen und die Himmelskörper. Wenn diese
Objekte existierten, so mußte das wohl auch um eines Projekts
willen sein, und sie mußten eine Seele besitzen, um dieses zu
nähren. So löste sich für diese Menschen die Fremdheit des Uni-
versums auf: Es gibt in Wirklichkeit keine unbeseelten Objekte;
das wäre unverständlich. Im Schöße des Flusses und auf dem
Gipfel des Berges nähren verborgene Seelen Projekte, die ge-
waltiger und undurchdringlicher sind als die durchsichtigen
Pläne der Menschen und der Tiere. So konnten unsere Vorfahren
in den Gestalten und Ereignissen der Natur das Wirken von
Kräften erblicken, die freundlich oder feindlich gesonnen, nie-
mals jedoch gleichgültig, niemals völlig fremd waren.
Die wesentliche Maßnahme des Animismus - so wie ich ihn
hier definieren will — besteht darin, daß er das Bewußtsein,
welches der Mensch von der stark teleonomischen Wirkungs-
weise seines eigenen Zentralnervensystems hat, in die unbeseelte
Natur projiziert. Das ist, mit anderen Worten, die Hypothese,
daß die Naturerscheinungen entschieden in der gleichen Weise,
durch die gleichen »Gesetze« erklärt werden können und erklärt
werden müssen wie das bewußte, absichtsvolle, subjektive
Handeln der Menschen. Der primitive Animismus formulierte

43

bringt Teilhard dazu. den sie bis in die Kreise der Wissenschaft gefunden hat . neben der sich nur eine erschrek- kende Einsamkeit auszubreiten schien. Man täte unrecht. Die animistische Projektion findet man sogar in mehr oder weniger verschleierter Gestalt im Zentrum einiger Ideologien wieder. während der andere der Kraft der aufsteigenden Evolution entsprechen soll. Die Energie soll sich gewissermaßen auf zwei Vektoren verteilen. an das ungeheuer große und erdrückende Denkmal. die ihrem ausdrücklichen Anspruch nach in der Wissenschaft begründet sind. und] wäre es mit der Zärtlichkeit und dem Respekt. Glaubt man denn. weil das Objektivitätspostulat es fordert? Die Ideen- geschichte seit dem 17. das Hegel errichtet hat. von den Elementarteilchen bis zu den Spiralnebeln. die Evolutions- kraft wirke im gesamten Universum. diese Hypothese in völliger Naivität. die jahrhundertelang der Kunst und der Dichtung Nahrung gegeben haben. würde man diese Naivität belächeln. Der Idealismus ist jedoch bei weitem nicht die einzige Zuflucht eines kosmischen Animismus gewesen. Jahrhundert zeugt von den Bemühun- gen. Der Wunsch. Muß man dieses Band zerreißen. den Bund neu zu knüpfen. sie auf eine neue Definition der Energie zu stützen. voller Freimut und Klar-j heit und bevölkerte so die Natur mit liebenswürdigen und! furchtbaren Mythen. diese Konzeption als »wissenschaftlich« anzubieten. deren einer (so vermute ich) die »ge- wöhnliche« Energie darstellt. Aber im Gegensatz zu Bergson nimmt er an. Teilhard nimmt ihn ohne Umschweife wieder auf. die die größten Geister nicht gescheut haben. Seine Philosophie stützt sich wie die Bergsons völlig auf ein evolutionistisches Ausgangspostulat. wäre nicht der überraschende Erfolg. der von der Angst und von dem Be- dürfnis zeugt. Es gibt keine »träge« Materie und folg- lich keinen wesensmäßigen Unterschied zwischen Materie und Leben. Man denke an so grandiose Versuche wie den von Leibniz. daß man sich mit ihr aufhält. um den Bruch zu vermeiden und den Ring des »Alten Bundes« neu zu schmie- den. Diese Evolu- 44 . die moderne Kultur habe wirklich auf diese subjektive Naturdeutung verzichtet? Der Animismus stellte zwischen der Natur und dem Menschen eine innere Verbindung her. wie wir ihn Kin- dern gegenüber zeigen.ein Erfolg. Die Biosphäre und der Mensch sind die gegenwärtigen Produkte dieser am geistigen Vektor der Energie entlang aufsteigenden Linie. Die biologische Philosophie von Teilhard de Chardin hätte es nicht verdient.

In Ermangelung einer Seele. um dort Vielfalt und Einheit. damit der Mensch nicht durch eine unergründliche Kluft von ihr getrennt sei. die nach Spencer im ganzen Universum wirken soll. die dieses Projekt hegen könnte. um sie schließlich lesbar und verständlich zu machen. spielt schließlich genau die gleiche Rolle wie Teil- hards »aufsteigende« Energie: Die menschliche Geschichte ist eine Verlängerung der biologischen Evolution. die alte animistische Verbindung mit der Natur wiederzufinden oder durch eine universelle Theorie neu zu schaffen. den Pascal drei Jahrhunderte zuvor wegen seiner theologischen Laxheit attackierte. Obwohl die Logik von Teilhard zweifelhaft und sein Stil schwerfällig ist. gleichzeitig mit der Gewißheit des Fortschritts. Die Vorstellung. bis alle Energie an diesem Vek- tor konzentriert ist: Das ist dann der Punkt ? . eine gewisse poetische Größe darin sehen. Die differenzierende Kraft Spencers stellt natürlich (wie die aufsteigende Energie Teilhards) eine animistische Projektion dar. Die unbekannte und un- erkennbare Kraft. Jahrhunderts. allem stattgeben zu wollen. Um der Natur einen Sinn zu geben. die auch heute noch über den immerhin umfangreichen Kreis ihrer Anhänger hinaus einen tiefen Ein - 45 . führt man eine »Kraft« der auf- steigenden Evolution in die Natur ein. die selber Teil der Evolution des Kosmos ist. dem er auf immer verbunden ist. Das ist in der Tat die zentrale Vorstellung des »wissen- schaftlichen« Fortschrittsglaubens des 19. wollen manche. Jahrhunderts. Dank diesem einzigart igen Prin- zip findet der Mensch die ihm gebührende hervorragende Stel- lung in der Welt wieder. mußte der Natur ein Projekt unterstellt werden. Das kommt einer Preis - gabe des Objektivitätspostulats gleich. um jeden Preis alles miteinander versöhnen. die seine Ideologie nicht völlig akzeptieren. Mich stößt bei dieser Philosophie der Mangel an intellektueller Schärfe und Nüchternheit ab. Alles in allem war Teilhard vielleicht nic ht umsonst Mitglied jenes Ordens. Die wirksamste unter den wissenschaftsgläubigen Ideologien des 19. Ich sehe darin vor allem eine systematische Bereitschaft. Spezialisie rung und Ordnung zu schaffen. derzufo lge die Evolution der Biosphäre bis zum Menschen bruchlos aus der kosmischen Evolution folgt . Man findet sie im Positivismus von Spencer wie im dialektischen Ma- terialismus von Marx und Engels.tion soll sich so lange fortsetzen.diese Vorstellung ist selbstverständlich keine Entdeckung von Teil- hard.

daß auch Marx und Engels in der Ab- sicht. mit der Marx den dialektischen Materialismus an die Stelle von Hegels idealistischer Dialektik setzte. dann ist es legitim. Wenn alle Ereignisse. ist in einem Zustand andauernder Entwick lung. Im folgen- den zähle ich die wesentlichen Punkte auf: 1. das Gebäude ihrer Gesellschaftslehre auf die Gesetze der Natur zu gründen. das nur dem Geist dauerhafte und au- thentische Wirklichkeit zuerkennt. um sie zu beweisen. Diese Erkenntnis wird aber nur erlangt in der sich ent wickelnden und selber wieder Entwicklungsursache werden den Wechselwirkung zwischen dem Menschen und der Materie 46 . zu nehmen und daraus die Gesetze einer rein materiellen Welt zu machen . 4. 2. fluß ausübt. beherrschen also die »Gesetze der Dialektik« die gesamte Natur. Mir scheint es in der Tat unmöglich. 3. zur »animistischen Projektion« Zuflucht genommen haben. Jede wahre Erkenntnis über das Universum trägt zur Ein sicht in diese Entwicklung bei. Und da das Denken dialektisch fortschreitet. Die Bewegung ist die Existenzweise der Materie. kann man jedoch versuchen.das bedeutet. Diese subjektiven »Gesetze« aber so. Weder Marx noch Engels haben. Nach den zahlreichen Anwendungsbeispielen. Hegels Postulat. Es ist deshalb be- sonders aufschlußreich. die die Welt in ihrer Entwicklung regieren. ist in einem System am Platze. die berühmte »Umkeh- rung«. ist offensichtlich der Marxismus. die Lo- gik dieser Umkehrung der Dialektik genau untersucht. wie sie sind. daß die allgemeinsten Gesetze. die insbesondere Engels (im >Anti-Dühring< und in der > Dialektik der Natur<) gibt. in aller Deut- lichkeit und mit allen Konsequenzen die animistische Projektion zu vollziehen. angefangen mit der Aufgabe des Objektivitäts- postulats. definiert als die Totalität der allein exi stierenden Materie. dialektis cher Natur seien. anders zu inter- pretieren. alle Erscheinungen nur teilhafter Ausdruck eines Denkens sind. viel deutlicher und überlegter noch als Spencer. das sich selber denkt. die großen Gedanken der Begründer des dialektischen Materialismus zu rekonstruieren. Das Universum. den unmittelbarsten Aus- druck der universellen Gesetze in der subjektiven Erfahrung der Bewegung des Denkens zu suchen.

Marx 47 . In erster Linie untersuchen die Marxisten die Wissenschaft als eine menschliche Tätigkeit. 5. Diese Rekonstruktion ist gewiß anfechtbar. 6. daß die vorgeschlagene Rekonstruk- tion mindestens als eine »Vulgata« des dialektischen Materialis - mus ihre Berechtigung hat. Jede wahre Erkenntnis ist also »praktisch«. muß das Entwick lungsgesetz des Universums dialektisch sein. (oder genauer: der »übrigen« Materie). Die Dialektik ist konstruktiv (besonders dank dem dritten »Gesetz«). der auf der klassischen Logik beruhte und nur mechanische Wech selwirkungen zwischen invariant gedachten Objekten erkennen konnte und der folglich unfähig blieb. Der Einfluß einer Ideologie ist abhängig von der Bedeutung. Das ist jedoch von untergeordneter Bedeutung. Indem er den Entwicklungscharakter der Strukturen des Universums betont. 8. Die Entwicklung des Universums ist also selber auf steigend und konstruktiv. 7. Deshalb können solche Ausdrücke wie Widerspruch. J. geht der dialektische Materialismus gründ lich über den Materialismus des 18. Zahllose Texte belegen. die ihrerseits durch die Wissenschaft ebenso verändert werden wie die Entwicklung der Bedürfnisse. die sie im Geiste ihrer Anhänger hat und die die Epigonen ihr geben. Ihr höchster Ausdruck und ihre not wendigen Produkte sind die menschliche Gesellschaft. Jahrhunderts hinaus. und man kann be- streiten. Das bewußte Denken reflektiert daher die Be wegung des Universums. Dieser Wechselwirkung der Erkenntnis ist das Bewußtsein zuzuschreiben. S. Affirmation und Nega tion im Hinblick auf Naturerscheinungen verwendet werden. ein hervorragender moderner Biologe war. den Gedanken der Ent wicklung zu fassen. Sie zeigen. Da also das Denken Teil und Reflex der universellen Bewe gung ist und da es sich dialektisch bewegt. das Be wußtsein und das Denken. als sein Verfasser. Haldane. der inso- fern sehr bedeutsam ist. In seinem Vorwort zur englischen Übersetzung der >Dialektik der Natur< schreibt er: »Der Marxismus betrachtet die Wissenschaft unter zwei Ge- sichtspunkten. B. folglich von ihren Produk- tionsmethoden. Ich zitiere nur einen Text. daß die wissenschaftliche Tätigkeit einer Gesellschaft von der Entwick- lung ihrer Bedürfnisse abhängt. daß sie dem wahren Denken von Marx und Engels ent- spricht.

« Die Außenwelt. was ihre Epigonen . Sie drängt sich dem Geist auf. und Engels haben sich jedoch darüberhinaus nicht darauf be- schränkt. daß der dialek- tische Materialis mus relativ spät dem schon von Marx errichte- ten sozio-ökonomischen Lehrgebäude hinzugefügt wurde. wir ent- decken so die allgemeinsten Kategorien und ihr e Verkettung. wie sie »durch das menschliche Denken re - flektiert« wird: Daraufkommt es tatsächlich an. Übers. Für den dialektischen Materialismus ist es notwen- dig.im Sein. Ihre Verkettung tendiert zum Ausdruck der Gesamtbewegung des Inhalts und erhebt diesen auf das Niveau des Bewußtseins und der Reflexion.wohl gesehen haben. ohne irgendeine Auswahl unter seinen Eigenschaften auf die Ebene des Bewußtseins gelangt. Die Logik der Umkehrung verlangt selbstverständlich. daß das »Ding an sich« unverstellt und ungeschmälert. In der Dialektik entdecken sie die allgemeinen Gesetze des Wandels nicht nur der Gesellschaft und des menschlichen Den- kens. Die Widersprüche im Denken gehen nicht nur aus dem Denken. Frankfurt 1966 (edition suhrkamp). die von nun an sogleich als »idealistisch« und »kan- tianisch« bezeichnet wurde. Diese Haltung ist bei Menschen des * Zitieren wir deshalb den folgenden Text von Henri Lefebvre (Der dialektische Materialismus. die auf die Gesetze der Natur selbst gegründet ist. die des dürrsten Denkens. Sie bleibt trotzdem für die logische Kohärenz des dialektischen Materialismus unverzichtbar. Dieser Konzeption könnte man gewiß manche Texte von Marx selbst entgegenhalten. Wir analysieren zunächst die einfachste und abstrakteste Bewegung. Das bedeutet letzten Endes. daß die Dialektik auf Probleme der >reinen< Wissenschaft ebenso ange- wandt werden kann wie auf die Beziehungen zwischen Wissen- schaft und Gesellschaft. eine innere Bewe- gung des Geistes zu sein. daß die Bewegung des Inhalts und des Seins sich für uns in den dialektischen Gesetzen erhellt. Diese Hinzufügung sollte sichtlich aus dem historischen Mate- rialismus eine »Wissenschaft« machen. mit dem gegebenen Inhalt verbinden.wenn nicht Marx und Engels selbst . Diese Bewegung müssen wir anschließend wieder mit der konkreten Bewegung. sie entspringen auch dem Inhalt. wir werden uns dabei der Tat- sache bewußt. Die radikale Forderung nach dem »vollkommenen Spiegel« macht es verständlich. seiner Ohnmacht oder Inkohärenz hervor. sondern der äußeren Welt. Vergessen wir im übrigen nicht. S. ist die Dialektik wirklich vor dem Geist .« 48 . warum die materialistischen Dialektiker so erbittert jede Art kritischer Erkenntnistheorie zurückgewie - sen haben. Die Außenwelt muß buchstäblich in der umfassenden Gesamtheit ihrer Strukturen und Bewegun- gen dem Bewußtsein gegenwärtig sein*. wie sie durch das menschliche Denken reflektiert wird. 88): »Weit davon entfernt. von Alfred Schmidt. daß diese Widerspiege- lung mehr sei als eine mehr oder weniger getreue Abbildung der Außenwelt. die Veränderungen der Gesellschaft zu analysieren.

zu denen diese These unweigerlich führen mußte. bei Zeitgenossen der ersten großen Wissen- schaftsexplosion sicher zu einem gewissen Grade verständlich. Seit Ende des 19. damit die Verwirrung und der Unsinn sichtbar würden. als sei der Mensch dank der Wissenschaft im Begriff. daß die Gravitation ein Gesetz ist. Jahrhunderts . Man brauchte freilich nicht die Ent- wicklungen der Wissenschaft des 20.eingeleitet werden durch eine Rückkehr zu den Quellen. Niemand zweifelte zum Beispiel daran. Von nun an sind es nicht mehr die Philosophen allein. umgesetzt und in feststehende Normen eingefügt ist . den Quellen der Erkennt- nis selbst. sich direkt der Natur zu be- mächtigen und sogar ihre Substanz an sich zu reißen. es sind auch die Wissenschaftler.. wird ne- giert. daß eine kritische Erkenntnistheorie als reine Bedingung für die Objektivität der Erkenntnis von absoluter Notwendigkeit ist. sollte das zweite Zeitalter der Wissenschaft - der Wissenschaft des 20. und um ihm ein Licht zu setzen. die Ne - 49 . die Kritik in ihre theoretische Arbeit mit aufzunehmen. daß das Zentral- nervensystem dem Bewußtsein nur eine solche Information lie - fern kann und sicher auch soll. 19. Schon der arme Dühring hat diese Verworrenheit denunziert. von dem vollkommenen Spiegelbild. die sich mit der Kritik befassen. eine verarbeitete und nicht einfach nur wiedergegebene Information. Damals konnte es wohl den Anschein haben. Unhaltbarer als je erscheint uns heute also die These von dem bloßen Reflex.kurz. fällt es auf günstigen Boden. Jahrhunderts wird erneut deutlich. die verschlüsselt. Wie man weiß. Auf der anderen Seite lassen allmählich die Fortschritte der Neurophysiologie und der Experimentalpsychologie das Funk- tionieren des Nervensystems wenigstens in einigen Aspekten erkennen. die sich veranlaßt sehen. das Korn vergeht als solches. Jahrhunderts abzuwar- ten. Jahrhunderts. Dadurch wird hinreichend deutlich. es keimt. so geht unter dem Ein- fluß der Wärme und der Feuchtigkeit eine eigne Veränderung mit ihm vor. das man dem Innersten der Natur entrissen hatte. an seine Stelle tritt die aus ihm entstandne Pflanze. . das nicht einmal seitenverkehrt ist. Unter eben dieser Bedingung konnten die Rela - tivitätstheorie und die Quantenmechanik sich entwickeln. mit dem er das dritte Gesetz (der Dialektik) illustrieren wollte: ». hat Engels selber zahlreiche Beispiele für die dialektische Interpretation der Naturerscheinungen gegeben. Man erinnere sich an das berühmte Beispiel des Gerstenkorns. findet solch ein Gerstenkorn die für es normalen Bedin- gungen vor.

eine subjektive Naturdeutung zum System zu erheben. zwanzig -. Die modernen materialistischen Dialektiker vermeiden es im allgemeinen. Berlin (Dietz Verlag) 1948. Diese Beispiele illustrieren vor allem das Ausmaß des er- kenntnistheoretischen Bankrotts. 167f. drei- ßigfacher Anzahl. befahl Zdanov später den russischen Philoso- phen.«. . gation des Korns. stirbt der Halm ab. 50 . und sobald diese gereift.*. Aus den gleichen Grundsätzen heraus führte Lenin seine heftigen Angriffe gegen die Erkenntnis - theorie Machs. Als Resultat dieser Negation der Negation haben wir wieder das anfängliche Ger- stenkorn. in der Natur eine auf- steigende. In welcher Verkleidung sie auch auf- tritt. . Anm. der sich aus dem »wissen- schaftlichen« Gebrauch dialektischer Interpretationen ergibt. wird befruchtet und produziert schließlich wieder Gerstenkörner. Negieren wir sie. aber auf einer hohem Stufe. sondern in zehn-. den »kantianischen Unfug der Kopenhagener Schule« zu * Friedrich Engels. d. d. Negieren wir diese Negation. Übers. Aber was ist der normale Lebenslauf dieser Pflanze? Sie wächst. Jedesmal. hat sich gezeigt. Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft (>Anti-Dühring<). daß diese Interpretation nicht nur wissenschaftsfremd. so haben wir —a (minus a).« Ein bißchen weiter fügt Engels hinzu: »Ebenso in der Mathe- matik.. wenn die materialistischen Dialektiker von ihrem bloßen »theoretischen« Geschwätz abgegangen sind und die Wege der Erfahrungswissenschaft mit Hilfe ihrer Vorstellungen erleuchten wollten. sie schließlich verstehbar zu machen und ihr moralische Bedeutung zu verleihen. auf ähnliche Albernheiten zu verfallen. die »animistische Projektion« erkennt man immer wieder. Engels selber. h. die ursprüngliche positive Größe. S. der doch von der Wissenschaft seiner Zeit gründliche Kenntnis besaß.das läuft auf den Versuch hinaus. konstruktive und schöpferische Bestimmung zu ent- decken. so haben wir +a 2 . im Namen der Dialektik zwei der größten Entdeckungen seiner Zeit abzulehnen: den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und — trotz seiner Bewunderung für Darwin — die rein selektive Erklärung der Evolution. war dahin gekommen. Nehmen wir eine beliebige algebraische Größe. wird seinerseits negiert. aber nicht einfach. sondern mit Wissenschaft unver- einbar ist. usw. mit deren Hilfe es möglich wird. indem wir —a mit —a multiplizieren. . 166 u. Aus dem dialektischen Widerspruch das »Grundgesetz« jeglicher Be - wegung. jeglicher Entwicklung zu machen . blüht. also a.

Das ist per definitionem eine idealistische Theorie. sei es des gesamten Uni- versums . denn die Beschreibung. der Objektivitätsgrundsatz . um das alte Trugbild zu zerstreuen. daß man heute die Struktur des Gens und den Mechanismus seiner invarianten Reproduktion kennt. Die Theorie vom Gen als der durch Genera - tionen und sogar durch Kreuzungen unveränderten Erbanlage war in der Tat mit den dialektischen Prinzipien ganz und gar nicht zu versöhnen. daß ich hier aus- drücklich nur das herausheben wollte. schien die Evolutionstheorie ihr neue Realität zu verleihen. In den Augen der modernen wissenschaft- lichen Theorie sind alle diese Konzeptionen falsch.machen. was diese Vorstellungen bezüglich der Biologie annehmen oder implizieren und welche Beziehung sie insbesondere zwischen Invarianz und Teleono- mie annehmen. Ich bin diese verschiedenen Ideologien oder Theorien kurz und sehr unvollständig durchgegangen.das alles konnte nicht ausreichen. die auf einem mechanistischen »Vulgärmaterialismus« beruht und daher »objektiv idealistisch« ist. Man hat gesehen. Ursache dieser Fehler ist ganz gewiß die anthropozentrische Illusion. Ich möchte mich dadurch zu rechtfertigen suchen. indem sie den Menschen nun nicht mehr zum Mittelpunkt. die Illusion verschwinden zu lassen.sei es allein der Biosphäre. Im günstigsten Falle ist es also immer noch eine Konzeption. weil bruchstückhaftes Bild vermittelt habe. klagte Lyssenko die Genetiker an. Daran ändert auch die Tatsache nichts. sondern aus faktischen Gründen. die die moderne Biologie davon gibt. ist eine rein mechanistische. Endlich konnte 51 . die mit dem dialektischen Materialismus grund- sätzlich unvereinbar und daher notwendig falsch sei. da sie auf einem Postulat der Invarianz beruht. Die heliozentrische Theorie. der Trägheitsbegriff. Weit davon entfernt. daß ich ein entstelltes. daß sie alle ohne Ausnahme ein ursprüngliches teleonomisches Prinzip zum Motor der Evolution . wie Herr Althusser in seinem strengen Kommentar zu mei- ner Antrittsvorlesung am College de France vermerkt hat.attackieren. die vor allem im Kapitel VI erörtert werden. Trotz allen Leugnens der russischen Genetiker hatte Lyssenko voll- kommen recht. dafür aber zum seit jeher erwarteten natürli- chen Erben des gesamten Universums machte. eine Theorie zu unterstützen. Es ist denkbar. und das nicht nur aus methodischen Gründen (weil sie auf die eine oder die andere Art die Preisgabe des Objektivitätspostulats beinhal- ten).

die Quantentheorie und eine Theorie der Elementarteilchen einschließen. Vorausge- * »Wir kommen also zu dem Schluß.Friedrich Engels. wir kön- nen heute behaupten. Diese einheitliche Theorie glaubten die materialistischen Dialektiker tatsächlich schon formuliert zu haben. (. formell den Zweiten Hauptsatz (der Thermodynamik) zu bestreiten. ihre Struktur und Evolution als Phänomene enthalten kann. die die gesamte Wirklichkeit einschließlich der Biosphäre und des Menschen erklärt. wenn schon nicht der menschlichen Gattung. daß eine Universaltheorie. daß die Materie in allen ihren Wandlungen ewig dieselbe bleibt. und daß sie daher auch mit derselben eisernen Notwendigkeit. wieder ausrotten wird. Diese Behauptung mag unklar erscheinen. 326 f. Band 20. bis in einem Sonnensystem nur auf einem Planeten die Bedingungen des organischen Lebens sich herstellen. daß auf einem Wege. in eine andre Bewegungsform sich umzusetzen.) Aber wie oft und wie unbarmher zig auch in Zeit und Raum dieser Kreislauf sich vollzieht. ehe aus ihrer Mitte sich Tiere mit denkfähigem Gehirn entwickeln und für eine kurze Spanne Zeit lebensfähige Bedingungen vorfinden. wie zahllose organische Wesen auch vorhergehn und vorher untergehn müssen. Und damit fällt die Hauptschwierigkeit. so mindestens dem »denkenden Gehirn« eine ewige Wiederkehr verspricht. wie lange es auch dauern mag. bis sich auch das neue. mit der er.wir haben die Gewißheit. gestützt auf wenige Grundsätze eine einheitliche Theorie zu formulieren.. Man mußte die zweite Hälfte des 20. womit sie auf der Erde ihre höchste Blüte. Es ist bezeichnend. weil an seine Stelle diese neue grandiose Täu- schung trat. in: Karl Marx . Von dieser erhebenden Gewißheit nährte sich der wissenschaftliche Fortschrittsglaube des 19. Jahrhunderts. Berlin (Dietz Verlag) 1962.« Friedrich Engels. Einleitung zur >Dialektik der Natur<. 52 . die in den Weltraum ausgestrahlte Wärme die Möglichkeit haben muß. Von nun an ist es die höchste Absicht der Wissen- schaft. Weil es ihm wie ein Anschlag auf die Gewißheit erscheint. um dann auch ohne Gnade ausgerottet zu werden . wieviel Millionen Sonnen und Erden auch entstehn und vergehn mögen.. Das ist tatsächlich eine Rück- kehr zu einem der ältesten Mythen der Menschheit*. daß das schon in der Einleitung zur >Dialektik der Natur< geschieht und daß er unmittelbar an dieses Thema eine leidenschaftliche kos- mologische Predigt anknüpft. Werke. den es später einmal die Aufgabe der Natur- forschung sein wird aufzuzeigen. Ich glaube. die sich aus den ersten Prinzipien ableiten ließen. Jahrhunderts abwarten. Versuchen wir sie zu verdeutlichen: Eine Universaltheorie müßte selbstverständ- lich gleichzeitig die Relativitätstheorie.Gott sterben. niemals die Biosphäre. in der sie wieder zur Sammlung und Betätigung kommen kann. daß keins ihrer Attribute je verlorengehn kann. wird Engels dazu verleitet. daß der Mensch und das menschliche Denken die notwendigen Produkte einer ansteigenden kosmischen Entwicklung sind. ihn anderswo und in andrer Zeit wieder erzeugen muß. so ungeteilt ihr Erfolg im übrigen auch sein mag. die der Rückverwandlung abgelebter Sonnen in glühenden Dunst entgegenstand. der Evolutionstheorie aufgepfropfte anthropozentrische Trugbild verflüchtigte. den denkenden Geist. S.

sondern selber ein besonderes Ereignis darstellt. das seinem Wesen nach also unvor- hersehbar ist. Man verstehe mich richtig. allein und ausschließlich anwendbare Prinzipien herangezogen werden müßten. aus denen der Kiesel- stein in meiner Hand besteht. aber es darf existieren. einzigartige und reale Objekt mit der Theorie vereinbar ist. daß die Biosphäre keine prognostizierbare Klasse von Objekten oder Erscheinun- gen enthält. so will ich damit keineswegs suggerieren. was Laplace und nach ihm die »materialistische« Wissenschaft und Philosophie des 19. Gegen eine universelle Theorie wird niemand den Vorwurf erheben. könnte aber nur die Wahrscheinlichkeit ihrer Existenz feststellen. den Planeten Venus. nicht aber 53 . den Mount Everest oder das Gewitter von gestern abend. sie könnte jedoch auf keinen Fall aus ihren Prinzipien die notwendige Existenz eines bestimmten Objekts. eines bestimmten Ereignisses oder eines bestimmten Einzelphänomens ableiten. dann würde die Welttheorie gleichfalls eine Kosmologie enthalten. Die Theorie würde eine allgemeine Voraussage über die Existenz. Der Theorie zufolge muß dieses Objekt nicht.setzt. So würde die Theorie sicher das periodische System der Elemente enthalten. Das genügt uns. die die allgemeine Evolution des Weltalls vorhersagen würde. Des- gleichen würde sie das Auftreten solcher Objekte wie Spiral- nebel oder Planetensysteme vorhersagen. die Eigen- schaften und die Beziehungen bestimmter Klassen von Objekten oder Ereignissen treffen. sie könnte aber selbstverständlich nie die Existenz oder die Unterscheidungsmerkmale irgendeines einzelnen Objekts oder Ereignis ses voraussehen. daß sie sie ir- gendwie überschreiten und daß andere. es ließen sich bestimmte Ausgangsbedingungen formulie- ren. Die These. handele es sich nun um den Andromeda -Nebel. Wir wissen indessen. daß diese Voraussagen . es genügt uns. daß sie die Existenz dieser speziellen Atomkonfiguration nicht behauptet und voraussieht. die ich hier vortrage. Jahrhunderts glaubte - nur statistischen Charakter haben könnten. daß sie aus diesen Prinzipien nicht erklärbar wären. das gewiß mit den fundamentalen Prinzipien vereinbar. daß die Lebewe - sen als Klasse nicht von den fundamentalen Prinzipien her vor- aussagbar sind.im Gegen- satz zu dem. wenn es um den Kieselstein geht. besagt. daß dieses vorliegende. Nach meiner Ansicht ist die Biosphäre genauso unvorhersehbar wie die spezielle Konfiguration der Atome. Wenn ich sage. aus ihnen aber nicht ableitbar ist.

54 . fast alle Philosophien und zum Teil sogar die Wissenschaft zeugen von der unermüdlichen. heroischen An- strengung der Menschheit. verzweifelt ihre eigene Zufällig - keit zu verleugnen. daß wir notwendig sind.für uns selbst. daß unsere Existenz unvermeidbar und seit allen Zeiten beschlossen ist. Wir möchten. Alle Religionen.

Kapitel III
Maxwells Dämonen

Der Teleonomie-Begriff schließt die Vorstellung einer gelenkten,
kohärenten und aufbauenden Tätigkeit ein. Nach diesen Kriterien
müssen die Proteine als die hauptsächlichen molekularen Träger
der teleonomischen Leistungen von Lebewesen betrachtet
werden.
1. Die Lebewesen sind chemische Maschinen. Das Wachstum
und die Vermehrung aller Organismen machen Tausende von
chemischen Reaktionen erforderlich, durch die die Hauptbe
standteile der Zellen hergestellt werden. Diesen Vorgang nennt
man »Stoffwechsel«. Der Stoffwechsel (Metabolismus) ist in
einer Vielzahl von »Wegen« organisiert, die einen divergenten,
konvergenten oder zyklischen Verlauf aufweisen; jeder Weg
umfaßt eine Folge von Reaktionen. Die genaue Lenkung und
die hohe Leistungsfähigkeit dieser enormen, mikroskopisch
geringen chemischen Aktivität werden durch ein e bestimmte
Klasse von Proteinen besorgt, die Enzyme, die die Rolle von
spezifischen Katalysatoren erfüllen.
2. Wie eine Maschine stellt jeder Organismus, auch der »ein
fachste«, eine kohärente und integrierte Funktionseinheit dar.
Die Sicherung der funktionellen Kohärenz einer so komplexen
und darüberhinaus autonomen Maschine macht offensichtlich
ein kybernetisches System erforderlich, das an zahlreichen Punk
ten das chemische Geschehen steuert und kontrolliert. Vor al
lem bei den höheren Organismen hat man noch längst nicht den
Aufbau dieser Systeme vollständig erforscht. Jedoch sind heute
schon sehr viele Systemelemente bekannt, und es zeigt sich im
mer wieder, daß die hauptsächlichen Wirkungsfaktoren soge
nannte Steuerproteine sind, die - kurz gesagt - die Aufgabe
haben, chemische Signale aufzufangen.
3. Der Organismus ist eine Maschine, die sich selbst aufbaut.
Seine makroskopische Struktur wird ihm nicht durch das Ein
greifen äußerer Kräfte aufgezwungen. Er bildet sich autonom,
durch innere Wechselwirkungen, die dem Aufbau dienen. Ob
wohl unsere Kenntnisse vom Mechanismus der Entwicklung
mehr als unzureichend sind, kann man doch jetzt schon sagen,

55

daß der Aufbau sich durch mikroskopische molekulare Wechsel-'
Wirkungen vollzieht und daß die betreffenden Moleküle im-
wesentlichen, wenn nicht sogar ausschließlich Proteine sind.

Die Steuerung der Tätigkeit, die Sicherung der funktionalen
Kohärenz und der Aufbau der chemischen Maschine werden
also durch Proteine besorgt. Alle diese teleonomischen Leistun-
gen der Proteine beruhen in letzter Instanz auf ihren sogenann-
ten »stereospezifischen« Eigenschaften, d. h. auf ihrer Fähigkeit,
andere Moleküle (darunter auch andere Proteine) an ihrer Form
zu »erkennen«, so wie sie durch ihre molekulare Struktur festge-
legt ist. Es handelt sich buchstäblich um eine mikroskopische
Unterscheidungs-, wenn nicht sogar »Erkennungs«fähigkeit.
Man kann annehmen, daß alle teleonomischen Leistungen oder
Strukturen eines Lebewesens sich grundsätzlich als stereospezi-
fische Wechselwirkungen eines, mehrerer oder sehr vieler Prote-
ine bestimmen lassen*.
Die Funktion eines gegebenen Proteins, eine besondere ste-
reospezifische Unterscheidung zu treffen, hängt von seiner
Struktur, seiner Form ab. Ursprung und Ausbildung der
teleonomischen Leistung würden in dem Maße klar, wie es
gelänge, die Entstehung und Evolution dieser Struktur zu be-
schreiben, die die Leistung vollbringen soll.
Im vorliegenden Kapitel wird die spezifische katalytische
Funktion, im folgenden die Regelungsfunktion und im Kapitel V
die Aufbaufunktion der Proteine erörtert. Das Problem der Her-
kunft der funktionalen Strukturen wird in diesem Kapitel ange-
schnitten und im folgenden fortgesetzt.
Die funktionalen Eigenschaften eines Proteins kann man
allerdings untersuchen, ohne sich auf die Einzelheiten seiner be-
sonderen Struktur beziehen zu müssen. (Tatsächlich sind heute
erst etwa fünfzehn Proteine in allen Einzelheiten ihres räumli-
chen Aufbaus bekannt.) Es ist jedoch nötig, an einige allgemeine
Gegebenheiten zu erinnern.
Die Proteine sind sehr große Moleküle mit einem Molekular-
gewicht zwischen 10.000 und 1.000.000 oder mehr. Diese
Makro-

* Das ist eine bewußte Vereinfachung. Einige DNS(Desoxyribonukleinsäure)-Strukturen spielen eine
als teleonomisch anzusehende Rolle. Daneben bilden einige RNS (Ribonukleinsäuren) die wichtigsten
Teile des Mechanismus, der den genetischen Code übersetzt (vgl. Anhang III, S. 168). Es sind jedoch auch
spezifische Proteine in jene Mechanismen verwickelt, die auf fast allen Stufen Wechselwirkungen zwischen
Proteinen und Nukleinsäuren ins Spiel bringen. Wenn hier jegliche Erörterung dieser Mechanismen
unterbleibt, so berührt das nicht die Analyse und die allgemeine Erklärung der teleonomischen Wechsel -
wirkungen der Moleküle.

56

moleküle bilden sich durch die Reihenpolymerisierung von Bau-
steinen mit einem Molekulargewicht von etwa 100, die zur
Klasse der »Aminosäuren« gehören. Jedes Protein enthält also
zwischen 100 und 10 000 solcher Aminosäure-Einheiten. Diese
sehr zahlreichen Bausteine bestehen indessen aus nur ca. 20 ver-
schiedenen chemischen Typen*, die man bei allen Lebewesen,
von der Bakterie bis zum Menschen, wiederfindet. Diese Gleich-
förmigkeit der Zusammensetzung ist einer der eindrucksvollsten
Belege des Sachverhalts, daß die wunderbare Vielfalt der makro -
skopischen Strukturen der Lebewesen tatsächlich auf einer tiefen
und nicht minder bemerkenswerten Einheitlichkeit der Zusam-
mensetzung und der mikroskopischen Struktur beruht. Wir kom-
men noch darauf zurück.
Nach ihrer allgemeinen Form kann man zwei Hauptklassen
von Proteinen unterscheiden:
a) die sogenannten »fibrillären« Proteine; sie erfüllen bei den
Lebewesen eine vorwiegend mechanische Funktion wie etwa
die Takelung eines Segelschiffes; obwohl einige dieser Proteine
(die des Muskels) sehr interessante Eigenschaften aufweisen,
werden wir sie hier nicht besprechen;
b) die sogenannten »globulären« Proteine sind bei weitem die
zahlreichsten und wegen ihrer Funktionen die wichtigsten; bei
diesen Proteinen sind die durch die Reihenpolymerisation der
Aminosäuren gebildeten Ketten auf höchst komplexe Weise in
sich gefaltet, was diesen Molekülen ihre kompakte, nahezu
kugelförmige Struktur verleiht**.
Die Lebewesen, selbst die einfachsten, enthalten eine sehr
große Anzahl verschiedener Proteine. Für das Bakterium Esche-
richia coli (ungefähr 5 x 10-13 g Gewicht und ca. 2 µ Länge) läßt
sich diese Zahl auf 2500 ± 500 schätzen. Für die höheren Tiere
wie die Menschen läßt sich die Zahl von einer Million als Größen-
ordnung angeben.

Jede einzelne der Tausende von chemischen Reaktionen, die
zur Entwicklung und zu den Leistungen eines Organismus bei-
tragen, wird spezifisch von einem bestimmten Enzym-Protein
provoziert. Ohne große Vereinfachung kann man annehmen,
daß jedes Enzym innerhalb des Organismus seine Tätigkeit als
Katalysator nur an einem einzigen Punkt des Metabolismus aus-
übt. Die Enzyme unterscheiden sich vor allem durch die außer-

* Siehe Anhang I, S. 162 f.
* Siehe Anhang I, S. 164.

57

2. von denen einige sehr aktiv. die Maleinsäure: . h. Es gibt ein Enzym — die Fumarase —. in der Lage sind.gewöhnliche Auswahlfähigkeit ihrer Wirkung von den im Labo- ratorium oder in der Industrie verwendeten nichtbiologischen Katalysatoren. Die Wirkung der Enzyme ist doppelt spezifisch: 1. Jedes Enzym katalysiert nur einen einzigen Reaktions typus. d. Keiner dieser Katalysatoren erreicht je- doch die spezifische Effektivität eines »Durchschnittsenzyms«. Das Enzym wird in der Regel nur gegenüber einer einzigen unter den manchmal im Organismus sehr zahlreichen Substan zen aktiv. Es gibt jedoch ein geometrisches Isomer der Fumarsäure. in sehr geringer Menge verschiedene Reaktionen beträcht- lich zu beschleunigen. die diesem Reaktionstypus entsprechend reaktions fähig sind. das die Hydratation (Hinzufügung von Wasser) der Fumarsäure zu Apfelsäure kata- lysiert : Diese Reaktion ist umkehrbar. und dasselbe Enzym kataly - siert gleichfalls die Dehydratation der Äpfelsäure zu Fumar- säure. Einige Beispiele mögen diese Behauptungen er läutern.

Ihr gegenüber ist das Enzym jedoch total inaktiv. die das Enzym zwischen beiden optisch aktiven Isomeren trifft. sind chemisch äquivalent und mit den klassischen chemischen Verfahren praktisch nicht zu trennen. daß man aus einer optisch symmetrischen Substanz (Fu- marsäure) eine asymmetrische Substanz (Äpfelsäure) erhält. In zweiter Linie jedoch drängt sich aus der Tat- sache. 59 . die ein Kohlenstoffatom enthalten. um daraus ausschließlich Fumarsäure herzustellen. ist nicht nur ein schlagender Be- weis der sterisch spezifischen Wirkung der Enzyme. dehydratisiert das Enzym ausschließlich die L-Äpfelsäure. 2. aber nicht die D-Äpfelsäure her. Denn 1. das Enzym selber die »Quelle« der Asymmetrie darstellt. Hier liegt in erster Linie die Erklärung für die lange Zeit geheimnisvolle Tatsache. Das Enzym trifft jedoch zwischen den beiden eine absolut sichere Entschei- dung. Man nennt sie »optisch aktiv«. nach dem sehr allgemein geltenden Satz von Curie über die Erhaltung der Symmetrie der Schluß auf. stellt das Enzym aus der Fumarsäure ausschließlich L-Äpfel- säure. weil bei der Durchleuchtung dieser Sub- stanzen mit polarisiertem Licht die Polarisationsebene eine Drehung nach links (levogyre — linksdrehende Substanzen: L) oder nach rechts (dextrogyre = rechtsdrehende Substanzen: D) erfährt. * Substanzen.Sie ist chemisch der gleichen Hydratation fähig. an das vier verschiedene Gruppen gebunden sind. Die strenge Unterscheidung. verlieren dadurch die Symmetrie. daß 1. da sie ein asymmetrisches Kohlenstoffatom enthält*: Diese beiden Substanzen. daß von den zahlreichen asymmetrischen chemischen Zellbestandteilen (und das sind in der Tat die meisten) in der Regel nur eines der beiden optisch aktiven Isomere in der Bio- sphäre auftritt. was auch wirklich der Fall ist. die einander spiegelbildlich ent- sprechen. daß es folglich selber optisch aktiv ist. Aber darüber hinaus hat die Äpfelsäure zwei optisch aktive Isomere.

der durch eine zeitweilige Verbindung zwi - schen dem Enzym und dem Substrat gebildet wird. das mit der Fumarsäure zusammenge- bracht wird. Die Hydratisierungsreaktion muß folglich innerhalb eines » Kom- plexes« stattfinden. darauf zurückkommen. das »natürliches« Isomer genannt wird. Der Begriff des »stereospezifischen Komplexes«. daß auch diese letzteren Moleküle zur Zusammensetzung des stereospezifischen Kom- plexes gehören. unter Ausschluß jeder anderen Substanz. die wir in den Proteinen vorfinden.. die Asparagin - säure: Die Asparaginsäure besitzt ein asymmetrisches Kohlenstoff- atom. Die beiden Enzyme. Die durch dieses Enzym katalysierte Reaktion der »Addition an Doppelbindung« ist der obengenannten sehr analog. sondern ein Ammoniakmolekül. die Aspartase und die Fumarase. ge- hören alle der L-Reihe an. die Aspartase. nachdem wir einige weitere Beispiele erörtert haben.und Ammoniakmole- külen. denn die Aminosäuren. der die Spezifizi- tät der Wirkung wie auch die katalytische Fähigkeit der Enzyme erklärt. um eine Aminosäure zu ergeben. sondern gleichfalls zwischen den Wasser. Wir werden. ist von zentraler Bedeutung. der Maleinsäure. das der L-Reihe. diskri- minieren daher streng nicht nur zwischen den optisch aktiven und den geometrischen Isomeren ihrer Substrate und Produkte. Wie im vorhergegangenen Falle erzeugt die enzymatische Reaktion ausschließlich eines der Iso- mere. Diesmal ist es kein Wasser-. und daß 60 . ist daher optisch aktiv. in dem die Additionsreaktion abläuft. Es gibt (bei bestimmten Bakterien) ein anderes Enzym. die ursprüngliche Symmetrie des Substrats im Verlaufe sei- ner Wechselwirkung mit dem Enzym-Protein verlorengeht. Man gelangt zu der Annahme. 2. das ebenfalls nur auf die Fumarsäure wirkt. insbesondere ihres geome - trischen Isomers. in einem solchen Komplex geht die ursprüngliche Symmetrie der Fumar- säure tatsächlich verloren.

Das ist der Fall bei dem ß-Galaktosidase genannten Enzym. die die unten durch die Formel A wiedergegebene Struktur besitzen: Erinnern wir uns. Die durch das Schwefelatom gebildete Bin- dung ist jedoch viel stabiler als die Sauerstoffbindung. die Existenz dieses Komplexes direkt nachzuweisen. Man 61 . in denen der Sauerstoff der zu hydrolysierenden Bindung durch Schwefel ersetzt wird (siehe oben Formel B). dazu die optisch aktiven Antipoden jedes dieser Isomere). das spezifisch die Hydrolyse von Substanzen katalysiert. Das Schwefelatom ist zwar größer als das Sauerstoffatom. aber die beiden Atome haben die gleiche Wertigkeit.und H-Gruppen an den Kohlenstoffato- men i bis 5 unterscheiden. Sowohl die Spezifizität der Wirkung wie auch die Stereospezifizität der Reaktion sind ein Ergebnis dieser Zuord- nung.innerhalb dieses Komplexes die Moleküle einander genau zuge- ordnet werden. Diese Substanz wird daher durch das Enzym nicht hydrolysiert. die sich in der jeweiligen Anordnung der OH. und auch die Orientierung der Wertigkeiten ist die gleiche. In einigen günstigen Fällen ist es möglich. Das Enzym unterscheidet tatsächlich scharf zwischen all die- sen Isomeren und hydrolysiert nur ein einziges davon. daß es von solchen Substanzen zahlreiche Isomere gibt (i 6 geometrische Isomere. Man kann das Enzym jedoch »täuschen«. Diese sulphurierten Derivate haben also praktisch die gleiche dreidimensionale Gestalt wir ihre homologen Sauer- stoffverbindungen. indem man synthetisch »sterische Analoge« der Substanzen dieser Reihe herstellt. Aus den vorhergehenden Beispielen ließ sich die Existenz eines stereospezifischen Komplexes als Vermittler der enzy- matischen Reaktion nur im Sinne einer Erklärungshypothese ableiten.

in der enzymatischen Reaktion zwei verschiedene Etappen zu sehen: } 1. die ausschließlich non-kovalente Bindungen umfaßt. daß zwischen zwei oder mehr Atomen eine gemeinsame Elek- tronenbahn hergestellt wird. daß wir hier nur Reaktionen in Betracht ziehen. die kovalente Bindungen einschließt. Mit einer gewissen Vereinfachung und der Einschrän- kung. die bei einer Reaktion auftritt. Diese Unterscheidung der zwei Etappen ist von höchster Bedeutung. denn sie ermöglicht uns eine der wichtigsten Er - kenntnisse der Molekularbiologie. die aber keine gemeinsame Elektronenbahn einschließen. die die Stabilität einer chemischen Verbindung gewährleisten. die in wäßriger Phase ablaufen. dagegen beträgt die mittlere Energie 1 bis 2 kcal*. insbesondere die biochemi- schen Reaktionen eher in einem Austausch als in einer bloßen Lösung von Bindungen. Die non-kovalenten Bindungen entstehen aus mehreren unterschiedlichen Wechselwirkungen. die man aufbringen muß. Es ist zu- nächst hervorzuheben. Solche Beobachtungen bestätigen nicht nur die Theorie des Komplexes. die ver- brauchte oder freigesetzte mittlere Energie pro Bindung zwi- schen 5 und 20 kcal liegt. daß man unter den verschiedenen Bindungsarten. Vorher ist jedoch daran zu erinnern. kann man nämlich annehmen. ist einem Austausch der folgenden Art zuzuordnen: AY + BX --------------------------. daß bei einer Reaktion. um die Bindung zu lösen. zwei Gruppen zu unterscheiden hat: a) die sogenannten kovalenten Bindungen und b) die non-kovalenten Bindungen. Die Energie. die verschiedenen Arten dieser Wechselwirkungen durch die Art der dabei auf- tretenden physikalischen Kräfte näher zu bezeichnen.kann indessen direkt zeigen. die Bildung eines stereospezifischen Komplexes zwischen dem Protein und dem Substrat. daß sie mit dem Protein einen stereo- spezifischen Komplex bildet. der Komplex selbst orientiert und spezifiziert diese Reaktion. Für unsere Belange ist es hier nicht nötig. die katalytische Aktivierung einer Reaktion innerhalb des Komplexes. 62 .AX + BY Sie ist daher immer geringer als die zur Lösung benötigte Energie. Tatsächlich aber bestehen die meisten chemischen. daß die Energie einer Bindung als diejenige definiert ist. Bei einer Reaktion. daß die beiden Bindungsarten sich durch die Energie unterscheiden. * Erinnern wir uns. sie legen auch nahe. 2. Die kovalenten Bindungen (denen man oft die Bezeichnung »chemische Bindung« sensu stricto vorbehält) beruhen darauf. mit der sie eine Verbindung aufrecht- erhalten.

Dieser Begriff ist äußerst wichtig.und das ist der Punkt. um in Reaktion treten zu können. auf den es ankommt . die die ausreichende Energie erlangt haben) oder einen Katalysator benutzen. Nun ist aber . Dieser bedeutende Unterschied erklärt zum Teil die unter- schiedliche Stabilität »kovalenter« und »non-kovalenter« Ge - bilde. die bei Normaltemperatur und für den Fall hoher Aktivierungsenergie praktisch gleich Null sein wird. Um ihn zu erläutern. Die Differenz an potentieller Energie zwischen den beiden Grenzzuständen entspricht der Energiemenge. 1). die eine Molekülmenge aus einem gegebenen stabilen Zustand in einen anderen stabilen Zustand überführen. in dem die potentielle Energie größer ist als im Anfangs. daß die durch non -kovalente Kräfte bestimmten Strukturen eine gewisse Stabilität nur dann erreichen können. erinnern wir daran.und dem Zwischenzu- stand (dem sogenannten »aktivierten« oder »Übergangs«-Zu- stand) ist die Aktivierungsenergie. Daraufkommt es uns indessen nicht an. der bei den beiden Reaktionsarten auftritt. Das ist die Energie. die durch die Reaktion freigesetzt werden kann. deren Abszisse den Fortschritt der Reaktion darstellt und deren Ordinate die potentielle Energie wiedergibt (Abb. die in einem ersten Abschnitt erlangt und im zweiten Abschnitt wieder freigesetzt wird. Um eine solche Reaktion hervorzurufen. ein Zwischenzustand auftritt.und Endzustand. Dieser Prozeß wird oft durch eine Graphik dargestellt. Diese Energie. daß bei Reaktionen. bei geringer Temperatur und ohne Katalysator ist die Reaktionsgeschwindigkeit daher gering oder praktisch gleich Null. wenn sie vielfache Wechselwirkungen einschließen. die die Moleküle vorübergehend erwerben müssen. Daraus ergibt sich. den aktivierten Zustand zu »stabilisieren« und dadurch den Unterschied des Potentials zwischen diesem Zustand und dem Anfangszustand zu verringern. tritt in der thermodynamischen Schlußbilanz nicht auf. Von ihr ist jedoch die Reaktionsgeschwindigkeit abhängig. b) bei non-kovalenten Reaktionen sehr gering oder nahe Null.im allgemeinen die Aktivierungsenergie: a) bei kovalenten Reaktionen hoch. muß man also entweder die Temperatur beträchtlich erhöhen (davon hängt der Anteil der Moleküle ab. sondern vielmehr auf den Unterschied der sogenannten »Aktivierungs«-Energie. Die Differenz zwischen dem Anfangs. der die Aufgabe hat. 63 . sie laufen daher bei geringer Temperatur und ohne Katalysator spontan und sehr schnell ab.

die es mit der Empfänger-Fläche des Enzym- Moleküls verbinden. daß die Stabilität eines non-kovalenten Komplexes je nach der Anzahl der betätigten non-kovalenten Wechselwirkungen in einem sehr großen Um- fang variieren kann. die der Form des Substrat-Moleküls exakt »komplementär« ist. Die Komplexe aus Enzym und Substrat müssen sich sehr schnell bilden und 64 . wenn die Atome sehr wenig voneinander entfernt sind. daß das Substrat-Molekül in dem Komplex durch die vielfachen Wech- selwirkungen. daß die zwischen dem Enzym und dem Substrat gebildeten Komplexe non-kovalenter Natur sind. wenn sie praktisch miteinander »in Berührung« sind. Das ist eine sehr wertvolle Eigenschaft der non-kovalenten Komplexe: Ihre Stabilität kann genau der Funk- tion angepaßt werden. mit mehreren Atomen des anderen Moleküls in Kon- takt zu treten. die es mehreren Atomen des einen Moleküls erlauben. Daher können zwei Moleküle (oder Mole- külbereiche) nur dann eine non-kovalente Verbindung einge- hen. wenn das Enzym-Molekül eine Oberfläche aufweist. die sie zu erfüllen haben. wenn die Oberflächen der beiden Moleküle komplementäre Flächen enthalten. notwendig eine sehr genau bestimmte Position erhält.Überdies erreichen die non-kovalenten Effekte eine beachtens- werte Wechselwirkungsenergie nur dann. warum diese Komplexe notwendig stereospezifisch sind: sie können sich nur bilden. dann erkennt man. Man erkennt schließlich außerdem. Man wird ebenfalls erkennen. Zeigt man jetzt noch.

die durch dessen räumliche Struktur festgelegt ist.-Ionen regeln. Es liefert deshalb eine Information. erfüllt also. wird uns nicht lange aufhalten. daß die enzymatische Katalyse sich aus der induzierenden und polarisierenden Wirkung bestimmter Mole- külgruppen ergibt. Die Bildung des stereospezifischen Komplexes. der dem katalytischen Effekt der induzierenden Gruppen entspricht und diesen somit genau festlegt. die Anordnung des Substrats nach einem genauen Orientie irungsplan. erhält man eine Mischung der beiden optisch aktiven Isomere der Asparaginsäure. Dage- gen katalysiert das Enzym ausschließlich die Bildung von L-Asparaginsäure. Der katalytische Abschnitt. die für alle Lebewesen charakteristisch sind und ihnen den Anschein geben. die auch die Wirkung nicht-biologischer Katalysatoren wie etwa der H+ -Ionen oder der OH . Wenn man die Animierung der Fumarsäure mit den Mitteln der organischen Chemie durchführt. Es ist inter- essant. Diese Komplexe sind tatsächlich leicht und sehr schnell dissoziierbar. die Auswahl eines bestimmten Substrats. Bisher haben wir nur den ersten Abschnitt einer enzyma- tischen Reaktion erörtert . das Vorspiel für den eigentlichen katalytischen Akt. die exakt 65 . 2. wieder trennen können. zwei Funktionen zugleich: 1. Andere Komplexe. wie sie einer kovalenten Verbindung entspricht. Abgesehen von der spezifischen Wirkung (die auf die äußerst genaue Zuordnung des Substrat- Moleküls zu den induzierenden Gruppen zurückzuführen ist) erklärt sich der katalytische Effekt nach den gleichen Prinzipien. die sich in der spezifisch angepaßten Rezep- torfläche des Proteins befinden. in dieser Hinsicht noch einmal das Beispiel der Fumarase zu betrachten. das der Zweite Hauptsatz für sie vorsieht. der elektiven Unterscheidung. Der Begriff des non-kovalenten stereospezifischen Kom- plexes ist nicht bloß auf die Enzyme und . die eine stän- dige Funktion erfüllen. Man nimmt heute an. der der Bildung des Komplexes nachfolgt.wie man sehen wird — auch nicht nur auf die Proteine zu beziehen. das ist die Bedingung für eine hohe katalytische Aktivität. erwerben eine Stabilität. als würden sie dem Schicksal entgehen. denn gegenüber dem vorangehenden Abschnitt sind seine Probleme unter biologischem Aspekt nicht von so großer Bedeutung. Er ist von zentraler Bedeutung für alle Phänomene der Auswahl. wenn man es genau betrachtet.die Bildung des stereospezifischen Komplexes.

der eine sich erwärmte. läßt sich in letzte Instanz nach den gleichen Prinzipien erklären. in der anderen Richtung nur die langsamen Molekül (mit geringer Energie) durchgelassen wurden. drängt sich natürlich die Hypothese auf. als habe der Dämon durch die Ausübung seiner Erkenntnisfunktion die Macht. Den Schlüssel zur Auflösung des Paradoxons lieferte Leon Brillouin. Man erinnert sich. wie die strukturelle In- formation bei den Lebewesen geschaffen und verbreitet werde kann. wodurch er den Übergang bestimmter Moleküle von einem Behälter in den an- deren verbieten konnte. die mit einem beliebigem Gas gefüllt waren. Wenn dies auch nur ein Gedankenexperiment war. in der Struktur seines stereospezifischen Re- zeptors. daß in einer Richtung nur die schnellen Moleküle (mit hoher Energie). daß von den beiden Behältern. die zur Verstärkung dieser Informa- tion nötig ist. Die gesamte Synthesetätigkei der Zellen. als solle sich Maxwells »Paradoxon« jeglicher Überprüfung in ope- rationalen Begriffen entziehen.einer binären Wahl entspricht (da es zwei Isomere gibt). und das alles ohne ersichtlichen Ener- gieverbrauch. erkennt man. Der Dämon konnte also »entscheiden«. Natürlich besitzt das Enzym die Information. Das Ergebnis davon war. die Physiker zu beunruhigen: Es schien nämlich so. ohne wesentlich Energie zu verbrauchen. Hie: auf der untersten Ebene. und dort angeblich. das der Umwand lung der Fumarsäure entstammt. Eine derartige Funktion schrieb Maxwell seinem mikroskopischen Dämon zu. daß dieser Geist in einem Verbindungsrohr zwischen zwei Behältern postiert war. Doch die Energie. hatte es den Anschein. kommt nicht aus dem Enzym: Um die Reaktion entlang des einen der beiden möglichen Wege zu orientierer benützt das Enzym das chemische Potential. während der andere sich abkühlte. die diese Wahl entspricht. daß sie gelenkt werden durch irgendwelche »erkenntnismäßigen« Funktionen. angeregt durch eine frühere Arbeit von Szilard: Er 66 . die in ihrer Kompli- ziertheit und in ihrer Leistungsfähigkeit bei der Ausführung eines vorher festgelegten Programms erstaunlich wirken. die anfänglich die gleiche Temperatur aufwiesen. den Zweiten Hauptsatz (der Thermodynamik) zu verletzen. Bei der Betrachtung dieser Phänomene. eine gedachte Klappe betätigte. Und da diese Erkenntnisfunk- tion weder meßbar noch überhaupt vom physikalischen Stand- punkt aus definierbar zu sein schien. wie kompliziert sie auch sein mag. so hörte es doch nicht auf.

Nun setzt aber ej de Messung. muß der Dämon vorher die Ge -schwindigkeit jedes Gasteilchens gemessen haben. bewies. 67 . die das Programm festgelegt hat. die selbst Energie verbraucht. daß die Ausübung seiner Erkenntnisfunktionen durch den Dämon notwendig eine bestimmte Menge Energie verbrau- chen mußte. Diese Herstellung von Ordnung ist aber. Hier interessiert uns dieses Theorem insofern. in der die letzte Erklärung der eigentümlichsten Merkmale der Lebewesen zu sehen ist. Die folgenden Kapitel werden die zentrale Bedeutung dieser Schlüsselerkennt- lis belegen. als die Enzyme ja gerade im mikroskopischen Maßstab eine Ordnung schaffende Funktion ausüben. Denn um »sachkundig« die Klappe schließen zu können. die in der Bilanz des Vorgangs genau die Abnahme des Systems an Entropie ausglich. dessen Aus- führende sie sind. das heißt jede Informationsgewinnung. nicht umsonst zu haben. sie vollzieht sich auf Kosten eines Verbrauchs an che- mischem Potential. zusammen mit anderen Molekülen non- kovalente stereospezifische Komplexe zu bilden. Dieses berühmte Theorem ist eine der Quellen für die moder- len Vorstellungen über die Äquivalenz zwischen Information und negativer Entropie. wie wir gesehen haben. eine Wechselwirkung voraus. Halten wir die in diesem Kapitel entwickelte wichtige Er- kenntnis fest: Die Proteine erfüllen ihre »dämonische« Funktion dank ihrer Fähigkeit. Die Enzyme funktionieren schließlich genau wie der Maxwellsche Dämon nach der Richtigstellung durch Szilard und Brillouin: Sie zapfen das chemische Potential auf den Wegen an.

Diese Systeme gewährlei- sten die Koordination zwischen Organen oder Geweben. um uns erraten zu lassen. sind von der Erkennung ausgeschlossen. deren Aufgabe es ist. die zum größten Teil in d ie letzten zwanzig. wären sie nicht irgendwie von einander abhängig. die Gesamtsumme ihrer Tätigkeiten nur zum Chaos führen könnte.von äußerster Effizienz ist. jede andere Substanz wie auch jeder Vorfall.Kapitel IV Mikroskopische Kybernetik Gerade aufgrund seiner äußersten Spezialisierung stellt ein »klassisches« Enzym (wie die im vorigen Kapitel als Beispiel gewählten) eine völlig unabhängige Funktionseinheit dar. Es ist natürlich seit langem bekannt. das der Bakterien. Noch lange nicht hat man das System vollständig untersucht. das Wachstum und die Teilung der ein- fachsten bekannten Zellen beherrscht. Im vorliegenden Kapitel werden diese Regeln erörtert. die in großem Maßstab die Leistungen des Orga- nismus koordinieren. daß es bei den Tieren Systeme gibt. das den Stoffwechsel. ihr spezifisches Substrat zu erkennen. Das Nervensystem und das endokrine System erfüllen solche Funktionen. der sich im chemischen Betrieb der Zelle er- eignen könnte. Würden wir die gegenwärtigen Erkenntnisse über den Zell metabolismus in einer Übersicht zusammenstellen. so würde eine einfache Überprüfung genügen. chemische Information wahrzunehmen und zu integrieren. 68 . wenn nicht gar in die letzten fünf bis zehn Jahre fallen. Daß innerhalb jeder Zelle ein fast genauso. um ein kohärentes System zu bilden. das heißt letztlich: zwischen Zellen. Nun gibt es aber die deutlichsten Beweise dafür. daß die elementaren Steuerungsoperationen von spezialisierten Proteinen versehen werden. Durch die detaillierte Analyse einiger Teile dieses Systems sind die Regeln seines Funktionierens heute relativ weitgehend erfaßt. daß selbst wenn die Enzyme in jedem Abschnitt ihre Aufgabe perfekt erfüllen würden. daß die chemische Ausrüstung der Lebewesen — von dem »einfachsten« bis zu den »kompliziertesten« . Die »kognitive« Fähigkeit dieser »Dämonen« besteht lediglich darin. wenn nicht noch komplizierteres kybernetisches oder Steuerungsnetz die funktionale Kohärenz des intrazellulären chemischen Ablaufs sichert — das haben die Forschungen ge- zeigt. Dabei werden wir sehen.

1. deren (stereospezifische) Verbindung mit dem Protein die Wirkung hat. der sogenannten allosterischen Wechsel- wirkungen. wird seinerseits durch einen Metaboliten aktiviert. Diese En - zyme stellen wegen der Eigenschaften. wird durch das Endprodukt der Folge gehemmt. 2. die zwischen der betreffenden Reaktion und dem Ent- stehungsort innerhalb des Stoffwechsels jener »allosterischen Effektoren« bestehen. eine besondere Gruppe dar. Das ist häufig der Fall bei den Metaboliten. Dieses Rege- lungsverfahren trägt also dazu bei. indem sie sich mit ihm ver- binden. Die Hemmung durch Rückkoppelung. * Jede durch den Stoffwechsel. den Metabolismus erzeugte Substanz nennt man »Metabolit«. Dieses Regelungsverfahren trägt dazu bei. deren hohes chemisches Potential im Stoffwechselprozeß als Tauschmittel dient.h. die sie von den »klas- sischen« Enzymen unterscheiden. Ebenso aktivieren sie die Umwandlung eines Substrats in ein Produkt.und Koordinierungsfunktion dieser Art von Wechselwirkungen. Das Enzym wird durch ein Abbauprodukt des Endmetaboliten aktiviert. der in einer davon unabhängig und parallel verlaufenden Reaktionsfolge synthetisiert wird. Die Konzentration dieses Metaboliten innerhalb der Zelle lenkt also die Geschwindigkeit seiner eigenen Synthese. Im folgenden die wichtigsten Regelungsverfahren (Abb. das verfügbare chemische Potential auf einem vorgeschriebenen Niveau zu halten. von denen die Reaktion abhängig ist. Die Aktivierungdurch Rückkoppelung. Unter diesen Regelungs-Proteinen sind die sogenannten »allosterischen« Enzyme heute am besten bekannt. die Konzentrationen von Metaboliten wechselseitig anzupassen. eine oder mehrere andere Verbindungen zu erken- nen. ist heute durch zahllose Beispiele belegt. Die parallele Aktivierung. 69 . das eine zu einem essentiellen Metaboliten führende Reaktionsfolge katalysiert. Wie auch die klassischen Enzyme erkennen die allosterischen Enzyme ein spezifisches Substrat. je nachdem zu steigern oder zu hemmen. 3. seine Aktivität im Hinblick auf das Substrat zu be- einflussen. Diese Wechselwirkungen lassen sich zu einer bestimmten Anzahl von »Regelungsverfahren« zusammenfassen — je nach den Bezie- hungen. die zu einem essen- tiellen Metaboliten* (beispielsweise Proteine oder Nukleinsäu- ren) führt. die allgemein für das Wachstum und 'die Vermehrung der Zellen erforder- lich sind. 2). Das Enzym. Das erste Enzym. das die erste Reaktion einer Reaktionsfolge katalysiert. d. »essentielle Metabolite« jene Substanzen. Darüberhinaus aber haben diese Enzyme die Eigenschaft. Die Regelungs.

.

und seine Aktivität stellt in jedem Augenblick die Summierung dieser drei Informationen dar. G. Das Enzym erkennt also die drei Effektoren gleichzeitig.. wird jenachdem auf zwei verschiedene Weisen vermieden . kann man als Beispiel die Regelungsverfahren der »verzweigten« Stoff- wechselbahnen erwähnen. Dieses Regelungs- verfahren unterwirft letztlich die »Nachfrage« dem »Angebot«. Eine häufig anzutreffende Situation ist eine »ternäre« (»Dreier«-)Rege- lung aus folgenden Elementen: 1. N. in: >Advances in Enzymology< 28 (1966).entweder gibt es 1. das gleich- zeitig seine »klassische« Rolle (als Substrat) sowie die Rolle des allosteris chen Effektors gegenüber dem Enzym spielt. Im allgemeinen unterliegen diese Enzyme gleichzeitig mehreren allosterischen Effektoren. Um die Raffiniertheit dieser Systeme zu illustrieren. Das Enzym wird durch eine Substanz aktiviert. »mißt« ihre relative Konzentration. 3). R. Die Aktivierung durch einen Prekursor. 183-231. die ihren Platz an der Gabelung des Stoffwechselprozes- ses haben. Parallelaktivierung durch einen Metaboliten der gleichen Familie wie das Endprodukt (Verfahren 3). das nur in »abgestimmter« Weise * E. die entweder kooperativ oder antagonistisch wirksam sind. Hemmung durch das Endprodukt der Folge (Verfahren 1). S. durch Rückkoppelungs-Hemmung reguliert. nur ein einziges Enzym. die zu einer Familie gehören und zu einer Klasse von Makro- nolekülen zusammentreten sollen. von denen es viele gibt (Abb. daß die Synthese eines der Metaboliten durch die überschießende Synthese eines anderen Metaboliten blockiert wird. oder es gibt 2. in: >Current Topics in Cellular Regulatiom 1 (1969). 2. Die Gefahr. 71 . Selten ist ein allosterisches Enzym nur einem einzigen dieser Regelungsverfahren unterworfen. 3. Ein sehr häufiger Sonderfall dieses Regelungsverfahrens ist die Aktivierung des Enzyms durch das Substrat selbst. Im allgemeinen werden in diesen Fällen nicht nur die Anfangsreak- tionen. Cohen. wobei jedes ausschließlich durch einen der Metaboliten gehemmt wird. sondern auch die Anfangsreaktion des gemeinsamen Zweiges wird durch die beiden (oder die mehreren) Endprodukte gleichzeitig ge- lenkt*. zwei verschiedene allosterische Enzyme für diese eine Re aktion. 41-159. Aktivierung durch das Substrat (Verfahren 4). 4. Stadtman. die ein entfernterer oder näherer Prekursor seines unmittelbaren Substrats ist. S.

wie wir gesehen haben . die ein Relais verbraucht. die die Tätigkeit eines allosterischen Enzyms regulieren. wenn das elektronische Relais nicht linear auf die Veränderungen des Steue- rungspotentials reagiert.abgesehen von dem Substrat - die Effektoren. die man bei den elektronischen Schaltungen automatisierter Prozesse benutzt. Die Analogie geht jedoch weiter. die eine genauere Regulierung ermöglichen. Man erhält dabei Schwelleneffekte. Die von diesen sehr schwachen Wechselwirkungen gesteuerte katalytische Reaktion kann da- gegen verhältnismäßig beachtliche Energieumsetzungen bein- halten. keineswegs an der Reaktion selbst teilnehmen. ist es im allgemeinen günstiger. so ist . aus dessen jederzeit möglicher vollständiger Auflö- sung sie unverändert wieder hervorgehen.ein allosterisches Enzym im allgemeinen von mehreren chemischen Potentialen abhängig. Daher lassen sich diese Systeme mit jenen vergleichen. Im allgemeinen bilden sie mit dem Enzym nur einen non-kovalenten Komplex. durch die beiden Metaboliten gleichzeitig. Wie man weiß. daß . Es muß betont werden. Die regulierende Wechselwirkung verbraucht praktisch keine Energie: Nur ein winziger Bruchteil des intrazellulären chemischen Potentials der Effektoren wird benötigt. Die Aktivität eines solchen 72 . Wie ein elektronisches Relais gleichzeitig von mehreren elek- trischen Potentialen abhängig sein kann. nicht aber durch einen einzelnen gehemmt wird. So ist es auch im Falle der meisten allosterischen Enzyme. in denen die sehr geringe Energie. eine beträchtliche Wirkung auslösen kann wie zum Beispiel die Zündung einer ballistischen Rakete.

über die eine Zelle verfügt. das zu den gleichen Lei- stungen fähig ist. welches Mindestgewicht ein elektronisches Relais haben könnte. Nehmen wir als Größenordnung 10-2 Gramm an. als 1015 (das ist eine Billiarde) mal weniger als das elektronische Relais. Diese astronomische Zahl vermittelt eine Vorstellung von der »kybernetischen« (das heißt: teleonomi- schen) »Potenz«. Im Vertrauen auf eine Reihe von Erfahrungstatsachen nimmt man heute an. Enzyms variiert in Abhängigkeit von der Konzentration eines Effektors (darunter auch des Substrats) derart. daß bestimmte Proteine zwei (oder mehr) Strukturzustände annehmen können (so wie be- stimmte Substanzen in verschiedenen allotropen Zuständen existieren können). daß in der gra - phischen Darstellung fast immer eine »sigmoidale« Kennlinie entsteht. die alle bei der Erhaltung der Struktur zusammen- wirken. Diese Eigenschaft ist um so bemerkenswerter. die mit einigen hundert oder tausend Arten dieser mikroskopischen »Wesen« ausgestattet ist. daß die komplizierte und kompakte Struktur eines globu- lären Proteins durch sehr viele non-kovalente Bindungen stabili- siert wird. wie dieses von einem allosterischen Protein ge- bildete molekulare Relais solche komplizierten Leistungen er- bringt. als sie für die allosterischen Enzyme charakteristisch zu sein scheint. 73 . Ein Molekül eines allosterischen Enzyms. Im nächsten Kapitel werden wir sehen. Die Frage ist. Die beiden Zustände und die »allosterische Umlagerung«. die sich mit einer anderen zu verbinden trachtet. Dann stellt man sich vor. hat ein Gewicht in der Größenordnung von 10-17 Gramm. Die Wirkung des Liganden* nimmt mit anderen Wor- ten zunächst stärker als linear mit seiner Konzentration zu. Ich weiß nicht. die das Molekül umkehrbar vom einen in den anderen Zustand überführt. das mit den gleichen logischen Eigen- schaften wie ein durchschnittliches allosterisches Enzym ausge- stattet wäre (also drei oder vier Potentiale messen und summie - ren und eine Reaktion mit Schwelleneffekt in Gang setzen könnte). werden meistens durch die fol- genden Symbole ausgedrückt: * Mit »Ligand« bezeichnet man eine Substanz. Bei den gewöhnlichen oder »klassischen« Enzymen nimmt die Wirkung immer schwächer als linear mit der Konzentration zu. die noch viel intelligenter sind als der Dämon von Maxwell-Szilard-Brillouin. daß die allosterischen Wechselwirkungen auf diskrete Veränderungen in der Molekularstruktur des Pro- teins zurückzuführen sind.

Man sieht. Im Zustand »R« kann das Protein sich zum Beispiel mit einem Liganden a assoziieren. aber in einem an- deren räumlichen Bereich des Moleküls a . nicht aber mit einem anderen Liganden ß. der Ligand ß als Inhi- bitor. * J. ohne die es unmöglich erscheint. J. da sie sich gegenseitig von der Verbindung mit dem Protein ausschließen. Nehmen wir jetzt einen dritten Liganden ? an (der das Substrat sein könnte).-P. einen der beiden Zustände auf Kosten des anderen zu stabilisieren. und man sieht. der sich ausschließlich mit der Form R verbindet. Es gibt tatsächlich keine Wechsel wirkungen zischen den Liganden untereinander.Nach dieser Festlegung wird angenommen (und läßt sich in günstigen Fällen auch unmittelbar zeigen). Die katalytische Reaktion ist also von den Größen dieser drei chemischen Potentiale abhängig. der seinerseits unter Ausschluß von a im Zustand »T« erkannt wird. Die Anwesen - heit eines der Liganden hat also die Wirkung. S. daß a und ? bei der Stabilisierung des aktivierten Zustandes (in dem das Substrat erkannt wird) zusammenwirken. und ß antagonistisch sind. Der Ligand a und das Substrat ? wirken also als Aktivator. Monod. Später werden wir auf diese grundlegende Erkenntnis zurückkommen. Die Aktivität einer Molekülmenge ist daher dem Anteil der Moleküle proportional. sondern nur zwischen dem Protein und jedem einzelnen Liganden. in: >Journal of Moleculat Biology< 6 (1965). die - ser Anteil hängt natürlich von der relativen Konzentration der drei Liganden ab sowie von dem inneren Gleichgewichtswert zwischen R und T. daß a. Changeux und F. die Entstehung und Entwicklung kybernetischer Sy steme bei den Lebewesen zu verstehen*. die sich im Zustand R befinden. 74 . daß die stereospezi- fischen Erkennungseigenschaften des Proteins wegen der unter- schiedlichen räumlichen Strukturen in den beiden Zuständen durch die Umlagerung beeinflußt werden. Jacob. Heben wir jetzt nachdrücklich die weitaus wichtigste Er - kenntnis aus dieser schematischen Darstellung hervor: Die ko - operativen oder antagonistischen Wechselwirkungen der drei Liganden sind gänzlich indirekter Art. 306-329.

sogenannter Protomere zusammensetzen. Alle be- kannten allosterischen Proteine sind nämlich »Oligomere«. Stellen wir uns vor. die das Protein erkennt. Nehmen wir jetzt den einfachsten Fall — ein Dimer. Die durch kristallographische Messungen bestätigte Theorie zeigt aber. non-kovalent verbundener Unterein- heiten. sind daher symmetrisch unter den Protomeren verteilt. Auf der Grundlage dieses Schemas indirekter Wechselwir- kungen ist es möglich. so ist dem anderen Monomer die Rückkehr in den assoziierten Zustand T untersagt. Man sieht. denen sie unterliegen. die in der »nicht-linearen« Antwort des Proteins auf die Konzentrationsänderungen seiner Effektoren liegt. wie die Lösung der Bindungen es den beiden Monomeren möglich macht. Durch diese Abstimmung erklärt sich der nicht-lineare Charakter der Reaktionsantwort. was sich aus seiner Dissoziation zu zwei Mono- meren ergibt. durch die alle Protomere geometrisch gleich- wertig werden. Jedes Proto- mer trägt einen Rezeptor für jeden der Liganden. einen »entspannten« Zu- stand anzunehmen. 8 oder 12) chemisch gleichartiger. die sich aus einer kleinen Zahl (oft 2 oder 4. daß die oligomeren Proteine solche Strukturen anzuneh- men bestrebt sind. Wir sprechen von einer »abgestimmten« Zustandsänderung der beiden Protomere. der sich strukturell von dem »gespannten« Zustand im Assoziat unterscheidet. Das Gleichgewicht zwischen den beiden Zuständen ist daher eine quadratische 75 . die Spannungen. Die sterische Struktur jedes einzelnen Protomers wird wegen seiner Verbindung mit einem oder mehreren anderen Protomeren teilweise durch seine Nachbarn »verspannt«. Denn wird bei einem der Monomere der dissoziierte Zustand R durch ein Liganden-Molekül stabilisiert. und im um- gekehrten Sinne verhält es sich ebenso. auch die hohe Vervollkommnung zu erklären. seltener 6.

Changeux. ** Siehe Kapitel III. steuert die Synthese von drei Proteinen im Bakterium Escherichia coli. Die beiden ersten sind dagegen gleich unerläßlich * ]. Wichtig war jedoch zu zeigen. daß auch auf dieser Stufe Regelungs- systeme in Funktion sind. Sie sind viel schwieriger zu unter- suchen als die allosterischen Enzyme. Monod. Die Chemie der Zellen umfaßt noch eine andere Stufe der Synthese: die der Makromoleküle. S. In den wirklichen Systemen findet nur selten eine vollständige Dissoziation statt: Die Proto- mere bleiben in beiden Zuständen miteinander verbunden. die man als »primitiv« betrachten muß. Ein zweites Protein hydro- lysiert die /J-Galaktoside (siehe Kapitel III). und in der Tat hat bisher nur ein einziges annähernd vollständig erforscht werden kön- nen. Ich habe absichtlich nur das einfachste mögliche Modell be- handelt. daß die an sich extrem einfachen molekularen Mechanismen eine Erklärung der »integrativen« Eigenschaften der allosterischen Proteine ermöglichen. Eines dieser Proteine. Wymanund J.-P. die Galaktosid-Permease. Bei einem Tetramer wäre es eine Funktion vierter Potenz. in: >Journal of Molecular Biology< 12 (1965). Wenig erfaßt ist die Funktion des dritten Proteins. Unter »Stoffwechsel« versteht man jedoch hauptsächlich die Umwandlungen kleiner Moleküle und die Mobilisierung ihres chemischen Potentials. Die bisher angeführten allosterischen Enzyme bilden gleich- zeitig eine chemische Funktionseinheit und ein Vermittlungs- element bei den Wechselwirkungen der Steuerung. 1 Funktion der Konzentration der Liganden. 88-118. das sogenannte »Laktose-System«. Nuklein- säuren und Proteine (darunter insbesondere die Enzyme selbst). wie der homöostatische Zustand des Zellstoffwechsels auf der höchsten Stufe der Leistungsfähigkeit und Kohärenz erhalten wird. Es ist seit langem bekannt. es ist offensichtlich von geringer Bedeutung. J. das tatsächlich in einigen Systemen vorkommt. wenn auch im einen Zustand lockerer als im anderen. Es wird hier als Beispiel dienen. Ihre Eigen- schaften machen verständlich. und so weiter*. Dieses System. Seite 61. ohne das erwähnte Protein wäre die Zellmembran für diese Zuckerarten undurchlässig. Im übrigen sind zahlreiche Variationen über dieses Grund- thema möglich. ermöglicht es den Galaktosiden** ins Zellinnere einzudringen und sich dort anzu- sammeln. 76 .

An dieser * Der finnische Forscher Karstrom. solange der Induktor vorhanden ist. Fügt man dem Milieu ein Galaktosid hinzu. so fällt die Synthese- Rate innerhalb von zwei bis drei Minuten auf ihren Ausgangs- wert zurück. dann erhöht sich fast unmittelbar danach (innerhalb von etwa zwei Minuten) die Rate. Wachsen die Bakterien in einem Milieu ohne Galaktoside. Wird der Induktor entfernt. 77 . das in diesem Falle »Induktor« genannt wird.für die Verwertung der Laktose (und anderer Galaktoside) im Stoffwechsel des Bakteriums.offenbar. Die Ergebnisse der Untersuchung dieses in erstaunlichem und beinahe übernatürlichem Maße teleonomischen Phänomens* sind in dem Schema der Abbildung 4 zusammengefaßt. mit der die drei Proteine synthetisiert werden. der in den dreißiger Jahren zur Erforschung dieser Erscheinungen beträchtlich beigetragen hatte. der durchschnittlich einem Molekül während fünf Generationen entspricht. hat später die Forschung aufgegeben . dann werden die drei Proteine in einem kaum meßbaren Umfang hergestellt. um Mönch zu we rden. um einen Faktor 1000 und hält sich auf diesem Wert.

Vgl. Wir interessieren uns hauptsächlich für die Bestandteile des Rege- lungssystems. hier: die Aneinanderreihung von Aminosäuren in bestimmter Folge. ? F von etwa 15 kcal) verbindet. Anm. Es ist zu unterstreichen. S. d. in: >Journal of Molecular Biology< 8 (1961). ver bindet sich aber nur im freien Zustand fest mit ihnen. Hrsg. diese Syn these muß zwangsläufig auf der Stufe des Promotors beginnen. 78 . mit dem er sich zu einem sehr stabilen Komplex (entsprechend einer freien Energie. d. also auch von Proteinen****. Halten wir nur fest. ***** »Ablesung«: besser Umschreibung der Information (in eine leicht lesbare Form). d. Jacob und J. Beckwith und David Zipser. Cold Spring Harbor Monograph 1970. Bei Vor handensein von ß-Galaktosiden trennt sich daher der Komplex aus Operator und Repressor und ermöglicht die Synthese des Boten.das »Promotor«-Segment (p) der DNS . Übers. in der Wissenschaft ist der lateinische Ausdruck üblich. c) Bei diesem Stande ist die Synthese des Boten (zu der das Enzym RNS-Polymerase eingreifen muß) blockiert .da der Bote ein ziemlich kurzes Leben (von einigen Minuten) hat . v. d.wahr scheinlich durch ein einfaches sterisches Hindernis. Anm. daß die beiden Wechselwirkungen des Repressors non-kovalent und umkehrbar sind und daß ins- besondere der Induktor durch seine Verbindung mit dem Re - pressor nicht verändert wird. 518-316. So ist die Logik dieses Systems äu- ßerst einfach: Der Repressor legt die Transkription***** still.Stelle werden wir darauf verzichten. R. die rechte Seite der Zeich- nung zu diskutieren. wo die Operationen der Synthese der »Boten«-RNS* und ihre »Translation«** in Polypeptid-Sequen- zen*** dargestellt sind. auch: The lactose operon. Anm. * Aus dem Englischen »messenger« (französisch »messager«) = »Bote«. Übers.die Ge - schwindigkeit seiner Synthese ist. ** »Übersetzung« . Übers. Übers.ein Galaktosid-Induktor-Molekül (ßG). d) Der Repressor erkennt gleichfalls die ß -Galaktoside. *** »Sequenz« bezeichnet die Reihenfolge. b) Der Repressor erkennt spezifisch das Operator-Segment. Anm. Der Ablauf geht folgendermaßen vor sich: a) Das Regulator-Gen lenkt in konstantem und sehr geringem Umfang die Synthese des Repressor-Proteins. **** F. Dazu gehören — das »Regulator«-Gen (i) — das Repressor-Protein (R) — das »Operator«-Segment (o) der DNS . J. Daher auch »m RNS« im wis- senschaftlichen Sprachgebrauch. durch die auch die Geschwin- digkeit der Synthese der drei Proteine bestimmt wird. daß es . Monod.

Man kann bemerken. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich. Davon ist keines bisher völlig »auseinandergenom- men« worden. In ihrem Falle erfüllt ein und dasselbe Eiweißmolekül gleichzeitig die spezifische katalytische Funktion und die Rege- lungsfunktion. wie er entsprechend dem genetischen Code in der Struktur der DNS niedergeschrieben ist. Es handelt sich um die folgenden Erkenntnisse: a) Der Repressor. ist diese Beziehung dennoch chemisch willkür lich. daß er zwei einan der ausschließende Zustände annehmen kann. Übers. b) Die Wirkung des Galaktosids auf die Synthese des Enzyms ist gänzlich indirekt und nur den Erkennungseigenschaften des Repressors und der Tatsache zuzuschreiben. daß die Logik dieser Negation der Negation nicht dialektisch ist: sie führt nicht zu einem neuen Satz. bezieht sich auf die allosterischen En- zyme. ist ein bloßer Vermittler (Transduktor) chemischer Signale. gelten aber auch für diese anderen Sy- steme. Man kennt heute (bei den Bakterien) eine große Zahl analoger Systeme. daß ihre Biosynthese durch die gleichen Substanzen induziert wird. sondern zur bloßen Wiederholung des ur- sprünglichen Satzes. an sich ohne jede Aktivität. von denen diese Funktion abhängig ist. Der Ausdruck stammt vom Verfasser. c) Zwischen der Tatsache. Die Logik der biologischen Regelungssysteme gehorcht nicht der Hegeischen Logik. Die allgemeinsten und bedeut- samsten Erkenntnisse. Wir nennen sie »zwangsfrei«. sind die allosterischen * Französisch »gratuité« (englisch »gratuity«): kennzeichnet einen Vorgang »ohne Veranlassung«. 79 . gibt es keine chemisch notwendige Beziehung. die sich aus der Analyse des »Laktose- Systems« ziehen lassen. und der weiteren Tatsache. Aus dieser doppelten Negation geht eine positive Wirkung. Anm. also »rationell«. daß einige dieser Systeme eine noch kompliziertere Logik besitzen als das »Laktose-System«. Dieser grundlegende Begriff der Zwangsfreiheit*. Physiologisch nützlich. Wie wir gesehen haben. das heißt einer chemischen Unabhängigkeit zwischen der Funktion und der Beschaffenheit der chemischen Signale. weil sie insbesondere nicht nur negative Wechselwirkungen umfassen. Es handelt sich also um eine allosterische Wechselwirkung im Sinne des weiter oben abgehandelten allgemeinen Schemas. er wird seinerseits durch den Induktor inaktiviert. d. eine »Affir- mation« hervor. daß die ß-Galaktosidase die ß-Galaktoside hydrolysiert. sondern der Booleschen Algebra und der Logik der Elektronenrechner.

die dieses an- nehmen kann. die seine Aktivität anregen oder hemmen. daß sie sich vollständig durch spezifische chemische Wechselwirkungen erklären lassen. gibt es keine chemisch notwendige Beziehung der Struktur oder der Reaktionsfähigkeit. diese Proteinstruktur wird ihrerseits frei und willkürlich durch die Genstruktur diktiert. den sie der Zelle oder dem Organismus verschaffen. In der Struktur dieser Moleküle muß man den letzten Ursprung der Autonomie 80 . ist es schließ- lich gerade die Zwangsfreiheit dieser Systeme. die gegenüber dieser Reaktion chemis ch fremd und indifferent sind. Der spezifische Charakter der Wechselwirkungen ist schließlich auch von der Struktur der Liganden unabhängig. Wechselwirkungen jedoch indirekt und nur auf die unter- schiedlichen stereospezifischen Erkennungseigenschaften des Proteins in den zwei (oder mehr) ihm zugänglichen Zuständen zurückzuführen. so ergibt sich daraus . Weil sie der molekularen Evolution ein praktisch unbegrenztes Forschungs. daß die Evolution der Moleküle ein ungeheures Netz von Steuerungskontakten aufbauen konnte.und Effizienz- zuwachs. er ist völlig von der Struktur des Pro - teins in den verschiedenen Zuständen bestimmt.und das ist der wesent- liche Punkt -. Untersucht man diese Leistungen im mikroskopischen. mole- kularen Maßstab. daß alles möglich ist. dessen Leistungen die Gesetze der Chemie zu übertreten. das eine positive oder negative Wechsel- wirkung zwischen Substanzen ohne chemische Affinität herzu- stellen vermag und derart eine beliebige Reaktion der Einwir- kung von Verbindungen unterwerfen kann. Zwischen dem Substrat eines allosterischen Enzyms und den Liganden. durch die es mög- lich wurde. die. weil sie sich jedem chemischen Zwang entziehen. um so besser ausschließlich den physiologischen Zwängen gehor- chen können. die den Orga- nismus zu einer autonomen Funktionseinheit machen. die von den Steuerungs-Proteinen selektiv her- gestellt und frei gewählt und organisiert werden. wenn nicht gar ihnen sich zu entziehen scheinen. dann stellt sich ja tatsächlich heraus. aufgrund dieser physiologischen Zwänge werden sie dann ausgewählt entsprechend dem Kohärenz. Das Wir- kungsprinzip der allosterischen Wechselwirkungen gestattet also eine völlige Freiheit in der »Wahl« der Steuerungsmechanis - men.und Experimentierfeld eröffnet hat. Was die Regelung durch Vermittlung eines allosterischen Proteins anbetrifft. Ein allosterisches Protein muß als ein spezialisiertes Erzeugnis des molekularen »engineering« betrachtet werden.

Beyond Reductionism. der auf Seiten der »Holisten« nur von einer tiefen Unkenntnis der wissenschaftlichen Methode und der wesentlichen Rolle zeugt. Geweben und Organen: Dabei handelt es sich nicht nur um das Nervensystem und das endo- krine System. wenn es um so komplexe Systeme wie die Lebewesen geht. (Ed. die darin die Analyse spielt. auf Proteine zu- rückzuführen sind. 81 . zum Abschluß dieses Kapitels auf den alten Streit zwischen »Reduktionisten« und »Organi- zisten« zurückzukommen. Hutchinson) London 1969. Wir wol- len indessen die Hypothese akzeptieren. Hier ist es vielleicht angebracht. Ich will hier nicht beginnen. die alle mehr oder weniger bewußt oder undeutlich durch Hegel beeinflußt sind. der den Mechanismus eines irdischen Elektronenrechners erklären wollte. die Funktions- weise dieser Systeme zu untersuchen. sondern auch um direkte Wechselwirkungen zwischen Zellen.»Reduktionismus« bezeichnet die Tendenz zur Reduktion auf allgemeinste. d. wie es sich aus der Untersuchung der allosterischen Wechsel- wirkungen im eigentlichen Sinne ergibt. . elementare Sachverhalte. weil sie versucht. gesamt. Vom griechischen???? = ganz. Es ist bekannt. Koestler und Smythies. Übers. Bei den mehrzelligen Organismen besorgen spezialisierte Systeme die Koordination zwischen Zellen. Die bisher untersuchten Systeme koordinieren die Tätigkeit der Zelle und machen sie zu einer Funktionseinheit. Anm. Nach diesen »organizistischen« oder »holi- stischen« Schulen*. die in jeder Generation wie der Phoenix wiedererstehen**. daß einige Denkschu- len. die mit unterschiedlichen stereospezifischen Erkennungseigenschaften ausgestattet sind. Kann man sich auch nur vor- stellen. für diese Proteine würde das Wesensprinzip der chemischen Zwangsfreiheit gel- ten. zu irgendeinem * Von den Anhängern des analytischen Denkens benutzter Ausdruck für das »ganzheitliche« Denken. ist die als »reduktionistisch« bezeichnete analytische Haltung für immer unfruchtbar. Das ist ein sehr übler und sehr dummer Streit. den Wert des analytischen Ansatzes be- streiten wollen. die sich noch fast voll- ständig der mikroskopischen Beschreibung entziehen. daß die molekularen Wechselwirkungen. durch die in diesen Systemen chemische Signale weitergeleitet und gedeutet werden. durch die sich die Lebewesen in ihren Leistungen auszeichnen. die Eigenschaften einer sehr komplexen Organisation einzig und allein auf die »Summe« der Eigenschaften ihrer Teile zu- rückzuführen. oder genauer: der Selbstbestimmung erblicken. ** Vgl. daß ein Ingenieur vom Mars.

nicht jedoch aufgrund einer vagen »allgemeinen Theorie der Systeme«* wird es uns möglich zu begreifen. so ist es die Erforschung der mikroskopischen Kybernetik. wenn er sich prinzipiell weigern würde. die sich den chemischen Zwängen entziehen. scheinbar überschre itet . die wir im Laufe dieses Kapitels kurz skizziert haben. was die Untersuchung der bloßen Globalleistun- gen der Organismen jemals ahnen lassen könnte. wie und warum diese molekularen Regelungswechsel- wirkungen. a. 82 . die elektronischen Grundbestandteile zu sezieren. Auf einer solchen Grund- lage. so zeigen sie doch. nicht nur selektiv eine Reaktion zu aktivieren. indem er sie gleichwohl einhält. der Reichtum und die Potenz des Steuerungsnetzes bei den Lebewesen weit über das hinausgehen. Schließlich zeigt uns die Untersuchung dieser mikrosko- pischen Systeme. * Von Bertalanffy. daß alle Tätigkeiten. ausnahmslos direkt oder indirekt voneinander abhängig sind. die zum Wachstum und zur Vermehrung dieser Zelle beitragen. in welchem sehr realen Sinne der Organismus die Naturgesetze. die die Opera - tionen der propositionalen Algebra durchführen ? Wenn es in der Molekularbiologie ein Gebiet gibt. Die Analyse der allosterischen Wechselwirkungen zeigt zu- allererst. auf dem sich besser als auf einem anderen die Unfruchtbarkeit der organizistischen Thesen im Gegensatz zur Stärke der analytischen Methode zeigt.a.Ergebnis käme. daß die Komplexität. daß die teleonomischen Leistungen nicht ausschließlich das Erbteil komplexer Systeme mit vielen Bestandteilen sind. An zweiter Stelle sehen wir durch die Erkenntnis der Zwangs- freiheit. Und selbst wenn diese Analysen noch lange keine vollständige Beschrei- bung des Steuerungssystems der einfachsten Zelle liefern.nur um sein Pro- jekt zu verfolgen und zu vollenden. in: Koestler.O. allein aufgrund ihrer Beteiligung am Zusammenhang des Systems ausgewählt werden konnten. sondern seine Aktivität in Abhängigkeit von mehreren chemischen Informationen zu steu- ern. denn schon ein Protein-Molekül erweist sich als fähig.

und ich möchte zeigen. um ihm eine Gestalt aufzu - zwingen. aus dem ihr Körper sich ganz von selbst entwickelt. bevor er sich in makroskopischen Strukturen äußert. daß es sich dabei um einen wirklichen Prozeß »molekularer Ontogenese« handelt. von Werkzeu- gen. wie wir gesehen haben. Ich habe schon bei anderer Gelegenheit daran erinnert.Kapitel V Molekulare Ontogenese Die Lebewesen lassen sich. Wir suchen also in der Primärstruktur der Proteine das »Geheimnis« dieser kognitiven Eigenschaften. in ihrem makroskopischen Aufbau und ihren Funktionen weitgehend mit Maschinen vergleichen. Nicht zu verwechseln mit der allgemeinen Evolution! Anm. Da die Anzahl dieser Untereinheiten im all- * Mit »Entwicklung« (developpement) ist die Herausbildung. In diesem Kapitel möchte ich zeigen. Die Bildung einiger mole - kularer Gebilde ist dagegen heute ziemlich gut erfaßt. die auf einen Stoff einwirken. die eine begrenzte Anzahl chemisch identischer Unter- einheiten enthalten. Wenn die Embryologie auch bewundernswerte Beschreibungen der Entwicklung* ge- liefert hat.Übers. doch die Göttin wird aus dem Schaum der Wellen geboren (die durch Uranus' blutiges Organ befruch- tet wurden). in dem sich die physikalische Natur dieser Erscheinung offenbart. die Onto- genese makroskopischer Strukturen als mikroskopische Wech- selwirkungen analysieren zu können. d. Der Meißel des Bildhauers holt die Formen Aphrodites aus dem Marmor heraus. daß dieser Prozeß einer spontanen und autonomen Morphogenese in letzter Instanz auf den stereospezifischen Erkennungseigenschaften der Proteine beruht. Von diesen unterscheiden sie sich dagegen radikal in ihrer Konstruktionsweise. daß er ein mikroskopischer Prozeß ist. Es muß zunächst unterstrichen werden. daß die jetzt von uns angeschnittenen Probleme des Entwicklungsmechanismus der Biologie noch tiefe Rätsel aufgeben. daß die globulä ren Proteine oft in der Form von Aggregaten auf- treten. so ist man doch noch weit davon entfernt. Eine Maschine oder ein beliebiges Artefakt verdankt seine makroskopische Struktur der Einwirkung von äußeren Kräften. die Entfaltung von Merkmalen oder Eigenschaften bei den Organismen gemeint. die sie zu den belebenden und aufbauenden Maxwellschen Dämonen der lebenden Systeme machen. 83 .

der gleichen Symmetrie und dem uneingeschränkten Wieder- erscheinen der funktionalen Eigenschaften. ist es oft möglich. ohne neue Symme- trie-Elemente zu erwerben und (im allgemeinen) einige der alten zu verlieren. Wir haben schon gesehen. Es läßt sich leicht beweisen. daß die oligomeren Aggregate sich spontan wieder bilden und der »native« Zustand vollständig wiederhergestellt wird mit der gleichen Anzahl von Protomeren. daß jedes Protomer durch eine Symmetrieoperation.und das ist der entscheidende Punkt - im allgemeinen feststellen.wie wir schon gesehen haben — die Protomere innerhalb eines oligomeren Moleküls derart angeordnet. katalytischen oder regulierenden Eigenschaften verloren. Da die Protomere in einem oligomeren Molekül nur durch non-kovalente Bindungen zusammengefügt sind. Darüberhinaus vollzieht sich die Reassoziation von Unterein- heiten. dann läßt sich . sie durch sehr schwache Einwirkungen (beispielsweise ohne auf hohe Temperaturen oder aggressive chemische Mittel zurückzugreifen) in monomere Einheiten zu zerlegen.B. daß schließlich einige funktionale Eigenschaften dieser Proteine an ihren oligomeren Zustand wie an ihre symmetrische Struktur gebunden sind. in jedes beliebige andere Protomer verwandelt werden kann. daß sie alle einander geometrisch äquivalent sind. gehören jedoch zu einer besonderen Klasse. gemeinen gering ist. Daraus folgt mit Notwendigkeit. bezeichnet man diese Proteine als »Oligo- mere«. die zur gleichen Proteinart gehören. Diese Moleküle stellen daher richtige mikroskopische Kri- stalle dar. daß die so gebildeten Oligomere die Sym- metrieelemente einer der Drehgruppen (Symmetriegruppen er- ster Art) aufweisen. denn im Unterschied zu den Kri- stallen im eigentlichen Sinne (die gemäß einer der Raumgruppen aufgebaut sind) können sie nicht wachsen. eine Drehung. ich nenne sie »geschlossene Kristalle«. die allein dieses betreffende Protein enthält. Die Entstehung dieser mikroskopischen Gebilde stellt ein biologisch bedeut- sames und physikalisch interessantes Problem dar. In diesem Zustand hat das Protein im allgemeinen viele seiner funktio - nalen. Darüberhinaus sind . In diesen Oligomeren sind die Untereinheiten (Proto- mere) ausschließlich durch nonkovalente Bindungen miteinander verbunden. Sie findet 84 . Werden nun die »normalen« Ausgangsbedingungen wiederher- gestellt (durch Entfernung des die Dissoziation begünstigenden Mittels). z. nicht nur in einer Lösung.

Auch dort baut sich spontan eine Ordnung auf. die Hunderte. Der Prozeß ist nicht nur in thermodynamischer Beziehung. Das ist der Fall bei den Ribosomen. daß auch hier wieder einmal ein Erkennungsprozeß von äußer- ster Spezifizität stattfindet. da es eine graduelle Bereiche - rung des Organismus gegenüber dem durch das ursprüngliche Ei dargestellten rein genetischen Aus - gangspunkt bezeugen sollte. ist kein Katalysator erforderlich. Man hat jedoch vor kurzem zeigen können. Das für die Bildung der Oligomere nötige chemische Po tential ist nicht in das System eingegeben worden: Man muß annehmen. das Ei enthalte das erwachsene Tier in Miniatur) und die Anhänger einer epigenetischen Entwicklung (die an eine wirkliche Bereicherung der ursprünglich gegebenen Information glaubten) voneinander schieden. denn aus einer Lösung von monomeren Molekülen ohne jegliche Symmetrie sind grö- ßere Moleküle von einem höheren Ordnungsgrad hervorge- treten. von welch großer Bedeutung es ist. daß es in den gelösten Monomeren enthalten ist. daß die Protomere untereinander non-kovalente stereospezifische Komplexe bilden. Eine solche Erscheinung läßt sich gut mit der Bildung von molekularen Kristallen aus einer Lösung von Molekülen ver- gleichen. daß das Auftreten von neuen Strukturen und Eigenschaften im Verlauf der embryo- nalen Entwicklung oft als ein »epigenetischer« Prozeß bezeichnet worden ist. als sich in beiden Fällen Strukturen bilden. die mit einem Schlage die vorher gänzlich abwesenden funktionalen Eigenschaften gewonnen haben. und zwar im doppelten Sinne: 1. ebensogut in komplexen Mischungen statt. 2. Ein Beweis dafür. daß dieser Prozeß der molekularen Epigenese spontan abläuft. Die Analogie is t um so zwingender. Das ist natürlich der Tatsache zuzuschreiben. daß diese Bindungen non-kovalenter Art sind. In der Hauptsache interessiert uns hier. wenn nicht Tausende anderer Proteine enthalten. daß gewisse Zellorganellen von viel komplexerer Struktur ebenfalls Produkt einer spon- tanen Ansammlung sind. sondern auch in kinetischer Hinsicht spontan: Um ihn zu akti vieren. Wir haben schon hervorgehoben. 85 . * Es ist bekannt. Das Adjektiv wird häufig in bezug auf heute überholte Theorien benutzt. daß die Ausbildung wie die Lösung solcher Bindungen beinahe überhaupt keine Aktivierungsenergie er fordert. durch die sich die Anhänger einer »Präformation« (die glaubten. der selbstverständlich darauf zurück- zuführen ist. indem Moleküle. die nach einfachen und sich wiederholenden geometrischen Regeln geordnet sind. die zu einer chemischen Art gehören. Man kann dies zu Recht als einen epigenetischen Prozeß* betrachten. Ich benutze diesen Ausdr uck hier ohne Bezug auf irgendeine Theorie zur Kennzeichnung eines jeglichen strukturellen und funktionalen Entwicklungsprozesses. sich unterein- ander assoziieren.

** »Bakteriophagen« nennt man die Viren. die gleiche funk-- tionale Aktivität aufweisen wie das »native« Ausgangsmaterial*.h. Aus einer ungeordneten Mischung von Molekülen. Die paar Fälle. sondern sich an die Wand der Wirtszelle zu heften. Die komplizierte Struktur des Bakteriophagen T4 ist sehr gut seiner Funktion angepaßt. d. sind indessen gewisse Bakteriophagen**. Die verschiedenen Bestandteile dieser mikroskopischen Präzi- sionsmaschine lassen sich einzeln von verschiedenen Mutanten dieses Virus gewinnen. 498. die die gleiche Zusam- mensetzung. 86 . S. nicht bloß das Genom (das heißt die DNS) des Virus zu schützen. B. das gleiche Molekulargewicht. so läßt sich in vitro. so lagern sie sich spontan zusammen und stellen wieder Teilchen her. die dazu führen werden. das bis heute bekannt ist. genügen indessen zur Verdeutlichung des Prozesses. die einzeln für sich ohne jede Aktivität sind und * M. ihre Funktion als DNS-Spritze auszuüben***. Das zweifellos spektakulärste Beispiel für eine spontane Her- Stellung komplexer molekularer Gebilde. in: >Scientific American< 221 (1969). Gebildet werden diese Teilchen. Ribosomes. Morphogenesis of Bacteriophage T« in Extracts of Mutant Infected Cells. Nimmt man nun die dissoziierten Bestandteile von Ribo- somen. Nomura. Edgar und W. in >Proceedings of the National Academy of Science< 55 (1966). deren Molekulargewicht 106 überschreitet. daß dieses äußerst präzise organisiert ist und daß seine funktionale Tätigkeit davon ab - hängt. wie zum Beispiel Mitochondrien oder Membransysteme. die wir hier vorgeführt haben. also der Maschine für die Synthese der Proteine. und man kann auf diesem Gebiet der Forschung mit bedeutenden Fortschritten rechnen. Alle diese Beobachtungen sind verhältnismäßig neuen Da- tums. *** ft. die mit den normalen Teilchen identisch und vollkommen in der Lage sind. an die sich funktionale Eigenschaften knüpfen. Wood. S. in vitro künstlich wieder- herstellt. Mischt man sie in vitro. daß man immer komplexere Zellorganellen. in dem durch die spontane stereospezifische Aggregation von Eiweißbestandteilen komplexe Strukturen aufgebaut werden. die Bakterien befallen. S. Obwohl die genaue Anordnung dieser unterschiedlichen Bestandteile innerhalb des Ribosons nicht bekannt ist. steht doch fest.diese Teilchen bilden die Hauptbestandteile des Übersetzung apparates des genetischen Code. im Reagenzglas. durch die Ansammlung von etwa dreißig verschiedenen Proteinen und drei verschiede- nen Arten von Nukleinsäuren. 28. um seinen DNS-Gehalt nach Art einer Spritze in sie zu injizieren. die spontane Wieder- herstellung von Teilchen beobachten.

für die es noch keine direkten Beweise gibt. so sind doch letzten Endes die ins Spiel kommenden chemischen Wechselwirkungen von der gleichen Art wie jene.h. Organe. In makroskopischem Maßstab finden die wichtigsten konstruktiven Wechselwirkun- gen nicht zwischen molekularen Bestandteilen.ohne äußeren Eingriff. sondern auch der Komplexität. das jeg- lichen Interesses entbehrt. Wie bei einem Kristall bildet eigentlich die Struktur der aggregierten Moleküle die »Informations«quelle für den Aufbau des Ganzen. Und wenn man bei den Ribo- somen oder den Bakteriophagen auch nicht mehr von Kristalli- sation sprechen kann. Die Information war — jedoch unausgedrückt — in den Be standteilen schon vorhanden. ohne Eingabe neuer Information. Die vollendete Struktur war nirgend- wo als solche präformiert. Diese Analyse reduziert offenbar den alten Streit zwischen Präformatisten und Epigenetisten auf ein Wortgefecht. Glieder usw.) dienen könne und solle - daran zweifeln die modernen Biologen nicht. die einen molekularen Kristall aufbauen. die sich direkt auf die Untersuchungen über die Entstehung mikroskopischer Gebilde stützt. daß es sich um eine Extrapolation handelt. Daß diese Konzeption. strukturelle Diffe - renzierung und Funktionserwerb. Das Wesen dieser epigenetischen Prozesse besteht folglich darin. d. Aber der Strukturplan war schon in seinen Bestandteilen vorhanden. mit denen sie eine Struktur bilden sollen - aus dieser Mischung »erscheinen« Ordnung. er ist eine Offenbarung. da diese Teilchen einen sehr viel höheren Komplexitäts -.keine wirkliche funktionale Eigenschaft besitzen. gleicher- maßen zur Erklärung der Epigenese makroskopischer Struk- turen (Gewebe. einander differenzierend zu erkennen und sich zu vereinigen. Ordnungsgrad aufweisen als die uns be - kannten Kristalle. Die Struktur kann sich daher autonom und spontan verwirklichen . Man weiß 87 . daß die Gesamtorganisation eines komplexen multimolekularen Gebildes potentiell in der Struktur seiner Bestandteile enthalten ist. sich aber erst offe nbart und damit wirklich wird durch ihren Zusammenschluß. Der epigenetische Aufbau einer Struktur ist nicht eine Schöpfung. sondern zwi- schen Zellen statt. Diese Probleme stellen sich in einem ganz unterschiedlichen Maßstab nicht bloß der Dimen- sionen. daß aus demselben Gewebe isolierte Zellen wirklich in der Lage sind. Man hat zeigen können. außer daß sie die Partner erkennen. auch wenn sie zugeben.

daß diese »Reduktion« der Erschei- nungen der Morphogenese »aufs Mikroskopische« vorerst keine wirkliche Theorie dieser Erscheinungen darstellt. ob einzelne Molekularstrukturen oder multimolekulare Oberflächengitter diese Erkennungsele- mente sind*. in dem eine solche Theorie formuliert werden müßte. die für die Biosynthese der anderen Bestandteile des Gitters (zum Beispiel Polysaccharide oder Lipide) verantwortlich sind.) 1969. S. wie ihn das Zentralnervensystem dar- stellt. Strandberg. Alles deutet darauf hin. Es ist daher möglich. die Entwicklung eines so komplexen Apparates im moleku- laren Maßstab zu erklären. sie gehen über die spontane Bildung non-kovalenter Komplexe auf die stereospezifischen Erkennungseigenschaften der Proteine zurück. daß die »kognitiven« Eigenschaften der Zellen nicht die unmittelbare Äußerung der Unterscheidungs- fähigkeit einiger Proteine sind. 88 . hrsg. Es ist eher eine Grundsatzposition. durch welche Bestandteile oder Strukturen. Die Embryologen haben zur Erklärung vornehmlich der * J. in dem Milliarden spezifischer Schaltungen zwischen den Zellen realisiert werden müssen . die Zellen sich untereinander erkennen. A. Es ist jedoch zuzugeben. die sich nicht ausschließlich aus Proteinen zusammensetzen -. 11. 255-256. wenn sie mehr als eine bloße phänomenologische Beschreibung bieten soll.und das manchmal über relativ beachtliche Entfernungen. indessen noch nicht. Changeux. Man stelle sich nur vor.-P. die bloß den begrifflichen Rahmen an- gibt. >NobeI Symposium< Nr. sondern diese Fähigkeit nur auf sehr großen Umwegen zum Ausdruck bringen. doch wirft er nur sehr schwaches Licht auf den einzuschlagenden Weg. v. Der Aufbau eines Gewebes oder die Differenzierung eines Organs müssen als makroskopische Erscheinungen gleichwohl als die inte- grierte Folge vielfacher mikroskopischer Wechselwirkungen von Proteinen betrachtet werden. in: Symmetry and Function in Biological Systems at the Macromolecular Level. daß es sich um charakteristische Strukturen der Zellmembranen handelt. wie ungeheuer problematisch es ist. letzten Endes wäre die Struktur solcher Gitter notwendig durch die Erkennungseigenschaften ihrer Eiweißbestandteile bestimmt wie durch die Erkennungseigenschaften der Enzyme. Aber man weiß nicht. Wie dem auch sei . Engström und B. Dieser Grundsatz definiert das zu erreichende Ziel. New York (John Wiley and Sons Inc.und selbst wenn es Gitter sind. Das zweifellos schwierigste und wichtigste Problem der Em- bryologie sind derartige Fernwirkungen oder Fernorientierun- gen.

daran zu zweifeln -. Dieser Begriff scheint zunächst weit über die stereospezifische Wechselwirkung linauszugehen.oder Zentimetermaß- itab schaffen oder bestimmen können.chen Feldes« oder »Gradienten« eingeführt. daß die räumliche Struktur eines globulären Proteins durch zwei Typen von chemischen Bindungen bestimmt wird (vgl. Wenn diese Konzeption richtig ist - und es ist kein Anlaß. daß die detaillierte Untersuchung dieser molekularen Strukturen. und es ist keineswegs unvorstellbar. Er wäre durch kineti- sche Hypothesen zu erweitern. in welcher Weise die sich assoziierenden stereospezifischen Pro- teinstrukturen entstehen und nach welchen Mechanismen sie sich entwickeln. man kann nicht umhin zuzugeben. die vielleicht jenen analog sind.wenigstens grundsätzlich — in die- sen Begriffen analysieren. daß sie insgesamt und in erster Linie auf den stereospezifischen Assoziationseigenschaften dieser Mo- leküle beruhen. Anhang I. Der Begriff rein statischer stereo- spezifischer Wechselwirkungen wird sich sehr wahrscheinlich für die Erklärung des morphogenetischen »Feldes« oder der Gradienten als unzureichend erweisen. in denen ja das letzte »Geheimnis« der Teleonomie verborgen liegt. 89 . daß letzten Endes allein bei den stereospezifischen Assoziations- eigenschaften der Proteine der Schlüssel zu diesen Erscheinun- gen liegt.Regenerationserscheinungen den Begriff des »morphogeneti- . Welche der Funktionen der Proteine man auch untersucht . daß solche n kleinen Schritten wiederholten und vervielfältigten Wechsel- wirkungen einen Aufbau im Millimeter. die regulierende oder die epigenetische -. Nach der in diesem und in den beiden vorhergehenden Kapi- teln dargelegten Konzeption lassen sich alle teleonomischen Leistungen und Strukturen . so bleibe ich bei der Überzeugung. Doch nur sie bietet eine angemessene physika- lische Erklärung. S. die sich in der Größenordnung einiger Äng- itröm abspielt. dann muß zur Auf- lösung des Paradoxons der Teleonomie noch geklärt werden. Ich hoffe zeigen zu können. zu sehr bedeutsamen Schlußfolgerungen führt. Zunächst ist daran zu erinnern. Was mich betrifft. Ich ziehe an dieser Stelle nur die Entstehungs- weise dieser Strukturen in Betracht und behalte die Frage ihrer Entwicklung den folgenden Kapiteln vor. durch die sich die allosterischen Wechselwirkungen erklären lassen. Die moderne Embryo- logie geht in diese Richtung. 161).die katalytische.

elektiv mit anderen Molekülen stereospezifische (und ebenfalls non-kova- lente) Komplexe zu bilden. daß sie durch je- weils sehr labile non-kovalente Wechselwirkungen stabilisiert werden. durch die das Molekül seine Erkennungsfunktion ausübt. daß die Pro- teinkristalle ausgezeichnete Beugungsbilder von Röntgen- Strahlen ergeben. 2. daß die große Mehrheit der Tausende von Atomen. Diese Konformation ist sehr präzise festgelegt. pseudoglobuläres Knäuel entsteht. Diese komplexen Fal tungen bestimmen schließlich die räumliche Struktur des Mole küls und damit die genaue Form der stereospezifischen Assozia tionsflächen. Das Problem. theoretisch eine beinahe unbegrenzte Anzahl verschiedener Konformatio nen anzunehmen. Wie man sieht. die es dem Protein ermöglicht. aus denen ein Molekül besteht. die Entstehungsweise dieser besonderen. ist die Ontogenese. die sich nicht sehr stark voneinander unterscheiden wie im Falle der allosterischen Proteine). 1. was durch die Tatsache bewiesen wird. daß wegen der Komplexi- tät dieser Strukturen und wegen der Tatsache. Aber die sogenannte »native« Konformation eines globu- lären Proteins wird darüberhinaus durch eine sehr große Anzahl non-kovalenter Wechselwirkungen stabilisiert. Das bedeutet. daß ein (durch seine Primärstruktur definierter) chemischer Typus im nativen Zustand unter normalen physiologischen Bedingungen nur in einer einzigen Konformation vorkommt (oder zumindest in einer sehr geringen Anzahl verschiedener Zustände. in ihrer Position bis auf wenige Bruchteile eines Ängström genau fest- 90 . Man hat lange Zeit glauben können. ein und dieselbe Polypeptid-Faser sehr viele distinkte Konformationen annehmen könne. Diese Bindungen allein legen also eine Ket tenstruktur fest. das uns hier interessiert. einmaligen Konformati- on. die äußerst flexibel und fähig ist. die die Amino säure-Radikale entlang der topologisch linearen kovalenten Se quenz untereinander verbinden. so daß ein kompak tes. Im Ergebnis faltet sich det Polypeptid-Faden in sehr komplexer Weise. Die sogenannte »Primärstruktur« wird durch eine topolo gisch lineare Folge von kovalent verbundenen Aminosäure- Radikalen gebildet. wird also durch die Summe oder viel mehr das Zusammenwirken einer großen Zahl non-kovalenter Wechselwirkungen innerhalb des Moleküls die funktionale Struktur stabilisiert. an die die kognitive Funktion eines Proteins geknüpft ist. Aufgrund einer ganzen Reihe von Beobachtungen sollte es sich jedoch zeigen.

Nur eine einzige oder eine sehr geringe Anzahl unter den verschiedenen gefalteten Strukturen. um einen wirklichen epigenetischen Prozeß. Man weiß nämlich. das heißt in wäßriger Phase. und 2. Der gefalteten Form ist dagegen nur ein einziger Zustand möglich. 1. Andererseits zeigt sie keiner- lei biologische Aktivität. die dadurch ausgeglichen wird. dem folglich ein sehr hohes Ord- nungsniveau entspricht. Das ist für die Proteine eine Zunahme an Ordnung (oder Negen- tropie). daß 1. Und nur an diesen Zustand ist die funk- tionale Aktivität geknüpft. Die Ursache dieses Stabilitätsgewinns ist sehr interessant. Etwa die Hälfte der Aminosäure-Radikale. d. Daher nimmt das Protein eine kompakte Struktur an und fixiert die Radikale. es ist wichtig. die einer gegebenen Poly- 91 . sie verhält sich im Wasser wie Öl: Diese Radikale tendieren dazu. der sich auf der einfachsten möglichen Stufe. die derart synthetisierte Polypeptid-Kette sich spontan und selbsttätig faltet. 2. aufgrund der gegenseitigen Wechselwirkungen. sie zu klä ren. Es handelt sich. daß diese Gleichförmig- keit und diese Präzision der Struktur Vorbedingung für die Spe- zifizität der Assoziation und damit biologisch wesentliche Ei- genschaften der globulären Proteine sind. Merken wir im übrigen an. die die Sequenz bilden. Dieses kleine Wunder an molekularer Epigenese läßt sich in seinem Prinzip relativ leicht erklären. funktionale Konformation entsteht. In physiologisch norma lem Milieu. ist »hydrophob«. Der entfalteten Faser sind Tausende von Konformationen zugänglich. welche die Polypeptid-Kette grundsätzlich annehmen kann. gelegt ist. mit denen sie vorher in Kontakt standen. die genetische Determination der Proteinstrukturen aus schließlich die Sequenz der Aminosäure -Radikale festlegt. wie man sieht. Der Entstehungsmechanismus dieser Strukturen ist in seinem Prinzip heute ziemlich gut erfaßt. daß die durch ihre Aus schließung freigesetzten Wassermoleküle die Unordnung. sich aneinander zu lagern und dabei die Wassermoleküle freizusetzen. sind die gefalteten Formen des Proteins thermodyna - misch stabiler als die entfalteten Formen. wodurch die pseudo-globuläre. wählt sie tatsächlich eine einzige aus und verwirklicht sie. das heißt die Entropie des Systems zunehmen lassen. h. Aus den Tausenden von gefalteten Konformationen. in einem einzelnen Makromolekül abspielt. aus denen die Kette sich zu sammensetzt. die einem gegebenen Protein entspricht.

seine funktionale Wirksamkeit bestimmende globuläre Konfor- mation wird also tatsächlich durch die Reihenfolge der Radikale in der Kette zwingend vorgeschrieben. daß die (durch die Sequenz repräsen- tierte) genetische Information tatsächlich unter genau festgeleg- ten Anfangsbedingungen zum Ausdruck kommt (in wäßriger Phase. innerhalb bestimmter enger Grenzen der Temperatur. dieser Zahl noch eine große Menge von Informationen hinzufügen — eine Menge. die am meisten Wassermoleküle ausschließt. das physikalisch nicht erklärbar ist. die übrigens nicht leicht zu berechnen ist (sagen wir: mindestens 1000 bis 2000 bits). um die Sequenz festzulegen. rührt daher. wie sie der Bildung der dreidimensionalen Struk- tur entspricht. den die genetische Determination di- rekt zur Bestimmung dieser Struktur beiträgt. Sagen wir mit einer gewissen Vereinfachung. wenn man die Mechanismen der molekularen Epigenese im Detail untersucht: Die Informations- bereicherung. um die dreidimensionale Struktur festzulegen. ist jedoch . der gerade in der epigenetischen Entwicklung der (makroskopi- schen) Strukturen der Lebewesen ein Phänomen erblickt.und darauf kommt es j entscheidend an . die man benötigt. Dieser Einwand entfällt. h. deren Informationsgehalt größer ist als der Betrag.peptid-Kette zugänglich sind. die zur Festlegung der Reihenfolge eines Polypeptids aus hundert Aminosäuren nötig wäre. Man kann daher einen Widerspruch darin erblicken. daß jene Struktur »ausgewählt« wird. während diese Funktion andererseits an eine dreidi- mensionale Struktur gebunden ist. d. Es war unver- meidlich. So entspräche zum Beispiel die Information (H).sehr viel größer als die Informationsmenge. Die für ein gegebenes Protein eigentümliche. daß einige Kritiker der modernen biologischen Theo- rie diesen Widerspruch herauskehrten . unge- fähr 432 bits (H = log2 20100 ). Die Informationsmenge.vor allem Elsässer. kann eine Struktur größtmögli- cher Kompaktheit annehmen. demgegenüber müßte man. die zur vollständigen Bestimmung der dreidimensionalen Struktur eines Proteins'nötig wäre. der Reihenfolge der Amino- säure-Radikale (vor allem der hydrophoben Radikale) in der Kette abhängig. Diese Struktur ist daher gegen- über allen anderen privilegiert. daß ei- nerseits das Genom die Funktion eines Proteins »vollständig be- stimmt«. Die verschiedenen Reali- sierungsmöglichkeiten kompakter Strukturen sind offensicht- lich von der relativen Stellung. weil es eine »Bereicherung ohne Ursache« zu bezeugen scheint. 92 .

dem sie in ihrer 93 . durch welche sich die Zellorganellen bilden.). wie in einem mehrstufigen Feuerwerk. sondern auch das Gesetz zu benennen. so es eines gibt. So tragen die An- fangsbedingungen zu der Information bei. einer a priori zum Teil mehrdeutigen Botschaft eine eindeutige Interpretation zu geben. die schließlich in der globulären Struktur enthalten ist. die latenten Möglichkeiten der früheren Stufen. 3.der Ionenzusammensetzung usw. sie gehen aus spontanen Wechselwirkungen zwischen den Produkten der vorhergehen- den Etappe hervor und zeigen. ohne sie deshalb zu spezifi- zieren. aus der die globulären Strukturen entstehen. In einem sehr realen Sinne ruht das Geheiminis des Lebens. 2. Seine Ursache findet der ganze Determinismus dieser Erscheinung schließlich in der genetischen Information. assoziative Wechselwirkungen zwischen Proteinen (oder Proteinen und anderen Bestandteilen). Man kann also in dem Strukturierungsprozeß eines globulären Proteins gleichzeitig das mikroskopische Abbild und die Ur- sache der selbsttätigen epigenetischen Entwicklung des Orga- nismus sehen. In dieser Entwicklung lassen sich mehrere Etap- pen oder aufeinander folgende Stufen erkennen: 1. die in der Summe der Polypeptid-Sequenzen zum Ausdruck kommt und die durch die Anfangsbedingungen interpretiert. oder genauer: gefiltert wird. 4. Die Faltung der Polypeptid-Ketten. die mit stereospezifischen Assoziations eigenschaften ausgestattet sind.in den »Embryos« jener biologischen »Maxwellschen Dämonen« (der glo ibulären Proteine). Wüßte man diese Sequenzen nicht nur zu beschreiben. Auf jeder dieser Etappen tauchen neue Strukturen höherer Ordnung und neue Funktionen auf. Die ultima ratio aller teleonomischen Strukturen und Leistungen der Lebewesen ist also in den verschiedenen Sequenzen von Radikalen der Polypeptid-Ketten enthalten . sie eliminieren nur die anderen möglichen Strukturen und schlagen auf diese Weise vor oder erzwingen es vielmehr. so daß von allen möglichen Strukturen nur eine einzige realisierbar wird. Wechselwirkungen zwischen Zellen zur Bildung von Ge - weben und Organen. auf allen diesen Etappen Koordinierung und Differenzie rung der chemischen Aktivitäten durch Wechselwirkungen allosterischer Art. auf dieser Stufe der chemischen Organisation.

In dieser Sequenz mit der man die Struktur. wie sich solche Belege häufen würden. das Ge heimnis sei durchbrochen. wird man Zufallsfolgen erhalten. wir drücken damit eine Tatsachenfeststellung aus . Man konnte jedoch noch hoffen. Es war zugleich eine Offenbarung und eine Enttäuschung. die aus den unterschiedlichsten Organismen extrahiert wurden. Die erste vollständige Sequenzaufklärung eines globulären Proteins wurde 1952 von Sanger beschrieben. Nehmen wir ein Kartenspiel an. Man kann das auch mit einem anderen Bilde dar- stellen. keine Ein- schränkung entdecken. bei denen der mittlere Anteil jeder Amino- säure berücksichtigt ist. dem Produkt der mittleren Häufigkeiten gleich ist. Der Haufen bestehe aus zweihundert Karten.und daran ist festzuhalten — einem Eingeständnis der Unwissenheit gleich. doch irgend welche Gesetze für die Art der Verknüpfungen oder einige funktionale Korrelationen zum Vorschein kommen würden Heute kennt man Hunderte von Sequenzen verschiedener Pro - teine. die sich durch nichts von den tatsächlich beobachteten Folgen in den natürlichen Polypepti- den unterscheiden lassen. keine Besonderheit. die ultima ratio sei enthüllt. daß in dem Maße. noch nicht durch die Analyse festgestellten Bausteins vorhersagen ließe. in dem jede Karte die Bezeichnung einer Aminosäure trägt. irgendeine theore| tische oder empirische Regel zu formulieren. Wenn uns auch in diesem Sinne jede primäre Proteinstruktur als das reine Produkt einer Zufallsauswahl erscheint. Nachdem man die Karten gemischt hat. als es unmöglich ist. mit der sich aus ei- ner genauen Kenntnis von 199 eines aus 200 Bausteinen beste- henden Proteins die Beschaffenheit des restlichen.und Rechenmethoden läßt sich heute das allgemeine Gesetz ableiten: Es ist das Gesetz des Zufalls.derart zum Beispiel. Wenn wir sagen. folglich auch die Auswahleigenschaft- ten eines funktionalen Proteins (des Insulins) bestimmen konnte ließ sich keine Regelmäßigkeit. dann könnte man sagen. Zusammensetzung gehorchen. Um es genauer auszudrücken: Diese Strukturen sind in dem Sinne »zufällig«. so kommt das keineswegs . daß die Reihenfolge der Aminosäuren in einem Polypeptid »zufällig« sei. Aus diesen Sequenzen und einem systematischen Ver- gleich mit Hilfe moderner Untersuchungs. mit der ein bestimmter Baustein in den Polypeptiden auf einen bestimmten anderen Baustein folgt. mit denen die beiden Bausteine allgemein in den Proteinen vorkommen. so trifft andererseits in einer ebenso signifikanten Weise für jedes der 94 . daß die mittlere Häufigkeit.

nicht aber . der damit die Invarianz der Strukturen gewährleistet. Man muß daher annehmen. Diese Botschaft ist indessen mit einem Sinn be -frachtet. weil er in der Struk-tur nur den Zufall seiner Entstehung offenbart. enthüllt sich in dieser Botschaft . Ursprung und Ab- stammung der gesamten Biosphäre spiegeln sich in der Onto- genese eines funktionalen Proteins. die durch die Übersetzung der linearen Reihenfol-ge in drei Dimensionen entsteht. 'die uns aus der Tiefe der Zeiten erreicht. die in der Reihenfolge der Radikale in einer Polypeptid -Kette steckt. solange er nicht seine physiologisch notwendige Funktion geäußert hat. Es ist unnötig. als sei diese Botschaft durch den Zu-fall diktiert. Ein globuläres Protein ist schon Um molekularen Maßstab aufgrund seiner funktionalen Eigen- schaften eine richtige Maschine. um zu verstehen. Der Zufall wird durch den Invarianzmechanismus eingefangen. daß die Reihenfolge ihrer Synthese keineswegs eine zufällige ist. In einem späteren Kapitel kommen wir darauf zurück. Aber gerade darin besteht für uns der innerste Sinn dieser Botschaft. daß die »zufällige« Reihenfolge jedes Proteins tatsächlich in jedem Organismus. das die Lebewesen darstellen. verfolgen und vollen- den. und der letzte Grund des Projekts. Regel.zwanzig verfügbaren Kettenglieder zu.aufgrund seiner fundamentalen Struktur. auch das Sehen. funktionalen. sondern auch die meisten Teile dieses Mechanismus. in der sich nur ein blindes Kombinationsspiel ausmachen läßt. der sich in den auswählenden. in jeder Zelle und in jeder Generation Tausende und Millionen mal durch einen Mechanismus von hoher Wiedergabequalität reproduziert wird. die Einzelheiten die ses Mechanismus zu kennen. konser- viert und reproduziert und so in Ordnung.wie wir jetzt er- kennen . unmittel-bar teleonomischen Wechselwirkungen der globulären Struk-tur offenbart. Unter allen möglichen Kriterien scheint es. Wäre dem nicht so. Notwendig- keit verwandelt. Aus einem völlig blinden Spiel kann sich per definitionem alles ergeben. durch die chemische Analyse die Reihenfolge einer Molekülmenge festzustellen. dann würde es in der Tat unmöglich. zuverläs-sigen Text der primären Struktur. Man kennt heute nicht nur das Prinzip. da die gleiche Ord nung praktisch fehlerfrei in allen Molekülen des betreffenden Proteins wiederkehrt. Undechiffrierbar.in dem klaren. der jedoch seinem Wesen nach undechiffrierbar ist. 95 . welch tiefe Bedeutung die geheimnisvolle Botschaft hat.

darunter auch den Menschen. Bern 1957/58). Einer diese Philosophien zufolge kann die höchste und authentische Wirk- lichkeit der Welt nur in vollkommen unwandelbaren. London (Routledge) 1945 (deutsch: Die offene Gesellschaft und ihte Feinde. The Open Society and Its Enemies. jedes Ereignis. die als apriorische dargestellt wurden. daß es stets gleichbleibende Entitäten in der Struktur des Universums gibt. wie etwa die Biosphäre. Ganz im Gegenteil: Die Hauptstrategie der Wissenschaft bei der Untersuchung der Erscheinungen läuft auf die Entdeckung der Invarianten hinaus. Das klarste Beispiel dafür ist vielleicht die Formulierung der Gesetze der * Vgl. ihrem We- sen nach unveränderlichen Formen liegen.Kapitel VI Invarianz und Störungen Das westliche Denken ist seit seiner Geburt auf den Ionischen Inseln vor fast dreitausend Jahren zwischen zwei scheinbar ent- gegengesetzten Einstellungen geteilt gewesen. Das einzige a priori für die Wissenschaft ist die Objektivitäts - forderung. Diese Erkenntnis ist je- doch keineswegs unvereinbar mit der Vorstellung. Die Wissenschaft studiert die Entwick- lung des Universums oder der in ihm enthaltenen Systeme. daß diese metaphysischen Erkenntnistheo- rien immer eng mit den moralischen und politischen Ideen ihrer Urheber verbunden waren. von Heraklit bis Hegel und Marx liegt es offen zutage. 96 . Popper. die eine vorgefaßte ethisch-politische Theorie rechtfertigen und begründen sollten*. An jedem beliebigen Beispiel. Diese ideologischen Gebilde. daß es in der Tat unmöglich ist. daß jede Erscheinung. die es ihr erspart oder vielmehr verbietet. Nach der anderen Philosophie besteht dagegen die einzige Wirklichkeit der Welt in der Bewegung und der Entwicklung. waren in Wirklichkeit Konstruk- tionen a posteriori. das man auswählen könnte. R. irgendeine Erscheinung anders zu analysieren als in Begriffen der in ihr bewahrten Invarianten. K. ist leicht einzusehen. sich an die- ser Debatte zu beteiligen. Wir wissen. Von Platon bis Whitehead. Die grundlegenden Sätze der Naturwissenschaft sind univer- selle Erhaltungspostulate. die selber Veränderungen in den Be- standteilen des Systems hervorrufen. Jedes Naturgesetz wie übrigens jede mathematische Ableitung legt eine Invarianzbeziehung fest. jede Erkenntnis Wechsel- wirkungen beinhalten.

Es gab einen »platonischen« Ehrgeiz in der systematischen Er - forschung der anatomischen Invarianten. die das Grundmuster der wissen- schaftlichen Aussage bilden. nicht Fiktionen sind.eine Konvention allerdings. a. Gewiß kann man sich fragen. Deshalb auch wird in der Quantentheorie den atomaren und molekularen Symmetrien ein absoluter. um festzustellen. die sich im gleichen quantischen Zu- stand befinden*. das zwar teilweise substanzlos.. die Veränderung durch das unverändert Bleibende zu bestimmen. daß die durch die Quantenmechanik hervorgerufene Umwäl- zung seinen Status tiefgehend verändert hat. nicht mehr vervollkommnungsfähiger Darstellungswert zugeschrie- ben. daß es eine substantielle Wirklichkeit zumindest im Quantum zum Ausdruck bringt. ohne daß ihm deshalb eine substantielle Wirklichkeit unterstellt werden müßte. Vielleicht lassen die modernen Biologen dem Ge- * V. dafür aber einer Lo - gik zugänglich geworden ist. die sich auf ein rein abstraktes. Weisskopf. Ganz anders verhält es sich in der modernen Physik: Eines ihrer grundlegenden Postulate ist die absolute Identität zweier Atome. 97 . In der klassischen Wissenschaft kommt das Identitätsprinzip nicht in dem Sinne vor. ein platonisches Element gibt es und wird es in der Naturwissenschaft geben.a. und man wird es nicht aus ihr entfernen können. ob alle die Invarianzen. Es wird dort nur im Sinne einer logischen Operation verwendet.also eines Mittels. Hier erwähne ich dieses klassische Problem. Jahrhunderts nach Cuvier (und Goethe) widmeten. Wie dem auch sei. Erhal- tungen und Symmetrien. S. In der unendlichen Vielfalt der Erscheinungen kann die Wissenschaft nur die In- varianten s uchen. Bewegungslehre. in: Symmetry and Function in Biological Systems at the Macromolecular Level. die die Entwicklung der Differentialgleichun- gen erforderlich machte . 28. Es hat daher den Anschein. als könne man das Identitäts- prinzip heute nicht mehr auf den Status einer simplen Regel zur Anleitung des Geistes beschränken: Man muß annehmen. der sich die großen Naturforscher des 19. daß es als physikalische Wirklichkeit postuliert würde. vielleicht »konventionelles« Identitätsprinzip gründet . die an die Stelle der Realität treten und ein Operationales Abbild von ihr vermitteln. ohne sie zu ruinieren.O. auf die der menschliche Verstand an- scheinend nicht verzichten kann.

Heute weiß man. daß die Seeigel uns viel näher ver- wandt sind als einige viel höher entwickelte Klassen. Was hatten zum Beispiel eine Blaualge.und die Biochemie bestätigt das -. daß der chemische Apparat von der Bakterie bis zum Menschen im wesentlichen der gleiche ist — in seiner Struktur wie in seiner Funktionsweise. die innerhalb der durch sie charakterisierten Klasse invariant blieben. Sicher war es nicht sehr schwierig zu erkennen. Viel schwieriger war es aber.nius jener Männer nicht immer Gerechtigkeit widerfahren. In seiner Struktur: Alle Lebewesen setzen sich ausnahmslos aus den gleichen beiden Hauptklassen von Makromolekülen zusammen — aus Proteinen und Nukleinsäuren. daß viele völlig unterschiedliche makroskopische Aufbaupläne in der belebten Natur nebenein- ander existierten. ein Tintenfisch und der Mensch miteinander ge- mein? Durch die Entdeckung der Zelle und die Zelltheorie wurde es möglich.ein Monument. die den Fleischfressern auf dem Lande sehr nahe stehen. vier Arten von Nukleotiden bei den Nukleinsäuren. einen gemeinsamen Grundplan in der Anatomie der Manteltiere und der Wirbeltiere auszumachen. zwischen den Chordaten und den Stachelhäutern eine Ver- wandtschaft festzustellen. Die Verschiedenheit der Typen blieb indessen bestehen. die bei den Lebewesen unter der verblüffenden Vielfalt der äußeren Gestalt und der Lebensweise. Dank jener ungeheuren Arbeit in der Erforschung der grund- legenden Organisationspläne wurde das Gebäude der klassi- schen Zoologie und Paläontologie errichtet . eine neue Einheit unter dieser Vielfalt zu er- blicken. ein Infusorium. daß die Seehunde Säugetiere sind. dessen Aufbau die Evolutionstheorie herausfordert und zu- gleich begründet. wenn nicht eine einheitliche »Form«. wie zum Beispiel die Kopffüßler. 98 . Doch erst durch die Entwicklung der Biochemie - vornehmlich während des zweiten Viertels des 20. Darüberhinaus werden bei allen Lebewesen diese Makromoleküle aus einer begrenzten Anzahl der gleichen molekularen Bausteine gebildet: zwanzig Aminosäuren bei den Proteinen. um sie in den Stamm der Chordaten einzuordnen. und man mußte wohl zugeben. Jahrhunderts — zeigte sich die tiefe und unbestreitbare Einheit der gesamten belebten Welt im mikroskopischen Maßstab. 1. so doch mindestens eine begrenzte Anzahl anatomi - scher Pläne zu erkennen vermochten. noch schwieriger. Es ist jedoch unzweifelhaft .

Diese graduelle Enthüllung einer einheitlichen »Form« der Zellchemie schien jedoch im übrigen das Problem der reproduk- tiven Invarianz in seiner Paradoxie noch zu verschärfen. In seiner Funktionsweise: Die gleichen Reaktionen oder vielmehr Reaktionsfolgen werden bei allen Organismen für die wesentlichen chemischen Operationen benützt: Mobilisierung und Reservenbildung des chemischen Potentials und Biosyn- these der Zellbestandteile. dar. Die Hoffnungen der überzeugtesten »Platoniker« waren mehr als erfüllt. synthetisiert.wo ist dann der Ursprung ihrer erstaunlichen morphologischen und phy- siologischen Vielfalt? Und mehr noch: Wie kann jede Art. invariant erhalten? Wir besitzen heute die Lösung dieses Problems.übrigens geringfügige — Modifikation der Reaktionsfolge. in dem die Struk- tur und damit die spezifischen Bindungsfunktionen der Proteine aufgezeichnet sind. eine Aminosäure. die in allen Nukleinsäuren vorkommen. Die Harn- stoffsynthese bei den Säugetieren ist eine Modifikation eines ebenfalls universellen Stoffwechselweges: Dieser erzeugt das Arginin. sie entsprechen verschiedenen funk- tionalen Adaptationen. die Säugetiere Harnstoff aus. die Aminosäuren. die bei allen Organismen die sogenannten Purine-Nukleotidbestandteile. die Quasi-Identi- tät der Zellchemie in der gesamten Biosphäre zu enthüllen. 2. Den Biologen meiner Generation fie l es zu. So vollzieht sich zum Beispiel die Stickstoffausscheidung bei den Vögeln und den Säugetieren in unterschiedlicher Weise: Die Vögel scheiden Harnsäure. die zu- nächst für andere Funktionen verwendet wurden. Wenn die Bestandteile bei allen Lebewesen chemisch die gleichen sind und auf den gleichen Wegen synthetisiert werden . In diesem Alphabet kann daher die ganze 99 . Gewiß findet man zahlreiche Variationen über dieses Haupt- thema des Stoffwechsels. Die Nu - kleotide stellen die logischen Analoga eines Alphabets für die universellen Bausteine. da sie doch die gleichen Rohstoffe und die gleichen chemischen Umwandlungen wie alle anderen Arten benützt. die in allen Proteinen vorkommt. und jede neue Veröffentlichung brachte eine Bestätigung. die sie von jeder anderen Art unterscheidet. Die Beispiele ließen sich leicht vermehren. Nun ist der Syntheseweg der Harnsäure bei den Vögeln nur eine . Seit 1950 war man sich dessen gewiß. Sie bestehen indessen fast immer in neu- en Anwendungen universeller Stoffwechselabfolgen. durch alle Generationen hindurch ihre charakteristische Strukturnorm.

der chemische Apparat.Vielfalt der Strukturen und Leistungen abgefaßt werden.alle diese Tatsachen und Er- kenntnisse sind umfassend und ausgezeichnet für Nicht-Speziali- sten dargestellt worden. die in der belebten Natur enthalten sind. die Fähigkeit dieser Struktur. der die Nukleotid-Sequenz eines DNS-Segments in die Aminosäure- Sequenz eines Proteins übersetzt . eine genaue Abschrift von der für ein Gen charakteristischen Nu- kleotid-Sequenz zu diktieren. . die jemals in der Biologie ge- macht wurden. Die grundlegende biologische Invariante ist die DNS. daß der Text. der durch die Nukleotid- Sequenz in der DNS aufgezeichnet ist. die durch Hershey bestätigt wurde. Die Struktur der DNS. die übrigens nur durch diese Entdeckungen zu ihrer vollen Be- deutung und Bestätigung gelangen konnte. in dem nur das Wesent- liche der beiden Prozesse der Replikation und der Translation wiedergegeben ist. Dem ist noch die Evolutionstheorie anzufügen. Men- dels Definition des Gens als des invarianten Trägers der Verer- bungsmerkmale. Das folgende Schema. Die Invarianz der Art wird dann dadurch gesichert. die chemische Identifikation des Gens durch Avery. Hier werden sie nicht im einzelnen wie- derangeführt*. in jeder Zellgeneration unverändert reproduziert wird. und die Aufhellung der strukturellen Grundlagen seiner replikativen Invarianz durch Watson und Crick stellen deshalb ohne jeden Zweifel die wichtigsten Entdeckungen dar. wird als Grundlage für die gegenwärtige Erörterung ausreichen.

2. daß ihr durch die Gesamtstruktur. wobei jedes Nukleotid durch seinen sterisch dafür prädestinierten Partner »ausgewählt« wird. die ein Makromolekül annehmen kann. den es zu beleuchten gilt: Das »Geheim- nis« der invarianten Replikation der DNS liegt in der stereoche- mischen Komplementarität des aus den beiden in dem Molekül verbundenen Strängen gebildeten non-kovalenten Komplexes. Die Gesamtstruktur des DNS-Moleküls ist die einfachste und die wahrscheinlichste. dann muß man sagen. daß es sich um einen aperiodischen Kristall handelt. daß 1. Doch ist bei der DNS die topologische Struktur des Komplexes viel einfacher als bei den Eiweißkom- plexen. die eine Dimension ist begrenzt und enthält an jedem Punkt ein Paar zueinander kom plementärer Nukleotide. Man kann daher das DNS-Molekül wegen der Regelmäßigkeit seiner Gesamtstruktur als einen fibrillären Kristall betrachten. Daraus er- gibt sich. daß die Reihenfolge völlig »frei« ist in dem Sinne. während die andere eine potentiell unbegrenzte Folge dieser Paare enthält. weil jedes der vier Radikale (auf- grund sterischer Beschränkungen) sich individuell nur mit einem einzigen der drei anderen Radikale verbinden kann. die komplementäre Sequenz Stück für Stück durch aufein anderfolgende Additionen von Nukleotiden wiederhergestellt werden kann. Die stereochemische Struktur eines der beiden Stränge ist nämlich vollständig definiert durch die Sequenz (Reihenfolge) der sie bildenden Radikale. keine Einschränkung auferlegt wird. und dadurch kann die Replikationsmechanik funktionie- ren. 101 . daß das Grundprinzip der Stereospezifizität der Assoziation. Man sieht also.eine Verschiebung und eine Drehung. denn die Reihenfolge der Basenpaare wiederholt sich darin nicht. wenn einer (beliebig welcher) der beiden Stränge gegeben ist. das durch die lineare Polymerisierung gleichartiger Radikale ge- bildet wird: Es ist ein Helixstrang. die sterische Struktur des Komplexes vollständig in zwei Dimensionen dargestellt werden kann. Das ist der erste Punkt. Auf diese Weise diktiert jeder der beiden Stränge die Struktur seines komplemen tären Partners und bewirkt damit eine Wiederherstellung des Gesamtkomplexes. durch das die diskriminativen Eigenschaften der Proteine erklärt werden. auch den Replikationseigenschaften der DNS zugrunde liegt. der durch zwei Symmetrie - vorgänge definiert wird . Berücksichtigt man jedoch seine Feinstruktur. die alle möglichen Sequenzen enthalten kann. Es ist wichtig zu betonen.

S. erklärt sich dieser letztere Prozeß schließlich durch direkte stereospezifische Wechselwirkungen zwischen einer Poly- nukleotid-Sequenz. Orgel. Diese Bindungen können nicht spontan entstehen: Dazu bedarf es eines chemischen Po- tentials und eines Katalysators. die sich mit ihr verknüpfen wollen. Jedes Reihen- element in einem der beiden Stränge spielt die Rolle eines kri- stallinen Keimes. auswählt und ausrichtet und so für das Wachs- tum des Kristalls sorgt. der die Moleküle. die in den Nukleotiden selber vorhanden sind und im Verlauf der Kondensierungsreaktion gelöst werden. Die Quelle des Potentials be- steht in bestimmten Bindungen. die sich spontan mit ihm verbinden wollen. und den Nukleotiden. durch welche die Nukleotide sich unter- einander kettenartig verknüpfen. auch wenn es die Se- quenz nicht beeinflußt. läßt sich die Bildung dieser Struktur gut mit der Kristallbildung vergleichen. die DNS-Polymerase. daß das Enzym. Dieses Enzym ist »indifferent« gegenüber der Sequenz. in: >Journal of Molecular Biology< 58 (1968). Doch diese Steuerungs- * L. Auf diesen wichtigen Punkt werden wir bald zurückkommen. 381-339. die durch nicht-enzymatische Katalysatoren aktiviert wurden. Das Wachstum jedes Stranges erfordert jedoch die Bildung kovalenter Bindungen. 102 102 . da es sich um einen mikroskopi- schen Prozeß handelt. das heißt zur Genauigkeit der Informati- onsübertragung. die als Matrize dient. Wie man soeben gesehen hat. Es ist jedoch sicher. die aber. doch zur Genauigkeit der komplemen- tären Kopie beiträgt. Auch bei der Translation sind es non-kovalente stereospezifische Wechselwirkungen. Der Vorgang der Translation der Nukleotid-Sequenz in eine Aminosäure-Sequenz ist in seinem Prinzip viel komplizierter als der Vorgang der Replikation. Diese Reaktion wird durch ein Enzym kataly- siert. Es ist übrigens bewiesen worden. Wie wir soeben gesehen haben. Trennt man zwei komplementäre Strän- ge auf künstliche Weise. die durch den vorgegebenen Strang festgelegt wird. dann bilden sie spontan den spezifischen Komplex wieder. daß die Kon- densation von Mononukleotiden. Wie die Erfahrung beweist. niemals absolut sein kann. tatsächlich durch ihre spontane Paarung mit einem vorgegebenen Polynukleotid gesteuert wird*. ist das eine äußerst hohe Genauigkeit. die die Informationsübertragung besorgen. indem jeder fast fehlerfrei unter den Tausen- den oder Millionen anderer Sequenzen seinen Partner aussucht.

wie wir im Kapitel V gesehen haben - * Auf diesen Punkt werden wir im Kapitel VIII zurückkommen. um ein Polypeptid hervorzubringen. dieses Triplett legt eine unter den zwan- zig Aminosäuren in der Polypeptid-Kette fest. Da im übrigen . Daraus ergibt sich die sehr wichtige Folgerung. Fehler kommen zweifellos vor. die ein Werkstück während der Bearbei- tung immer um eine Zahnraddrehung vorrücken läßt. dieses Teilchen ist vergleichbar mit einer Werkzeugmaschine. die für den Organismus sehr nachteilig sind. Der sehr mechanische und sogar »technische« Aspekt des Übersetzungsprozesses verdient hervorgehoben zu werden. »was am anderen Ende passiert«. Das alles läßt unwiderstehlich an ein Fließband in einer Maschinenfabrik denken. Da der Code für die Überset- zung der DNS in Eiweißstoffe eindeutig ist. von de- nen jeder ausschließlich seinen unmittelbaren Funktionspartner erkennt. dadurch die Interpretation bestimmter Tripletts abändern und folglich (im Hinblick auf die herrschende Übereinkunft) Ablesefehler be- gehen. die die Struktur bestimmter Be- standteile des Translationsmechanismus verändern. Die am Anfang dieser Kette der Informationsübertra- gung auftretenden Bestandteile wissen überhaupt nicht. daß dieser Code. daß die Nukleotid-Sequenz in einem DNS-Segment die Reihenfolge der Aminosäuren in dem entsprechenden Polypeptid vollständig festlegt. Man kennt übrigens Mutationen. in dem Sinne chemisch willkürlich ist. der in der gesamten belebten Natur auftritt. Wechselwirkungen umfassen mehrere aufeinanderfolgende Etappen. 103 . Zwischen dem codierenden Triplett und der codierten Aminosäure besteht je- doch keine unmittelbare sterische Beziehung. Im ganzen verleiht beim normalen Organismus diese mikro- skopische Präzisionsmechanik dem Übersetzungsprozeß eine bemerkenswerte Wiedergabetreue. in denen verschiedene Bestandteile auftreten. Verschiedene Bestandteile treten nacheinander auf jeder Stufe in Wechselwirkung. daß es keine brauchbare Statistik über ihre mittlere Normalverteilung gibt. Der genetische Code ist zwar in einer stereochemischen Sprache abgefaßt. Dieses wird Baustein für Baustein auf der Oberfläche eines Ribosoms zusammengefügt. und jeder Buchstabe dieser Sprache besteht aus einer Sequenz von drei Nukleotiden in der DNS (einem Triplett). aber so selten. folgt daraus. als die Informationsübertragung eben- sogut nach einer anderen Übereinkunft stattfinden könnte*.

sobald es sich gebildet hat. durch den die Struktur und die Leistungen eines Proteins verändert und diese Veränderungen an die Nachkom- men weitergegeben werden können .B. daß man sie als eines der Grundprinzipien der modernen Biolo - gie betrachten muß. die Operation der gewohnten. das heißt: vom Protein zur DNS übertragen würde. d. der sich aus diesen Eiweißstoffen zusammensetzt. Durch seine Eigenschaften wie durch seine Funktionsweise als eine Art mikroskopischer Uhr. ist die strukturelle und damit die funktionale »Interpretation« der ge- netischen Information eindeutig und unerschütterlich.diese Feststellung hin- fällig machen. die . gar keinen Platz dafür läßt. schon klassisch gewor- denen Systeme umkehren können. muß man den gesamten Organismus. Umgekehrt gibt es auch keinen vorstellbaren Mechanis - mus. Die Autoren der Entdeckung (die sehr kompetente Molekularbiologen sind) haben natürlich eine der- artige Behauptung nicht gemacht. daß die Übersetzung der Information aus der DNS (oder der RNS) in das Protein irreversibel ist. Es ist weder beobachtet worden noch im übrigen vorstellbar. Diese bedeutende Beobachtung verletzt indessen keineswegs den Grundsatz. bei Durchsicht der Übersetzung. d. daß der Mechanismus der Translation streng irreversibel ist. auf jüngste Beobachtungen verweisen zu kö nnen.und sei es auch nur teil- weise . Anm. da der Me- chanismus. Piaget) scheinen sich sehr gefreut zu haben. und ihre Konsequenzen insbesondere für die Evolutionstheorie sind derart bedeutsam. so wie wir ihn kennen. Verf. Insofern. das ist nur möglich infolge einer Änderung der Anwei- sungen. als den höchsten epigenetischen Ausdruck der genetischen Botschaft auffassen. daß »Information« jemals in umgekehrter Richtung. Diese Erkenntnis beruht heute auf einer Reihe derart vollstän- diger und sicherer Beobachtungen. Sie begründeten ihre Kritik mit Temins und Baltimores Entdeckung von Enzymen. die durch ein Segment der DNS-Sequenz repräsentiert werden. * Einige Kritiker der französischen Ausgabe dieses Buches (so z. die die Transkription von RNS in DNS durchführen. Eine wei- tere Zufuhr von (anderen als genetischen) Informationen ist nicht nötig und anscheinend nicht einmal möglich. Schließlich ist noch hinzuzufügen — und dieser Punkt ist von sehr großer Bedeutung —. Daraus folgt nämlich. als alle Strukturen und Leistungen der Organismen das Endergebnis der Strukturen und Wirkungen der Proteine sind. h. irgendeine Belehrung aus der Außenwelt anzunehmen. daß kein Mechanis - mus möglich ist.die Reihenfolge innerhalb des Polypeptids (unter normalen Aus - gangsbedingungen) vollständig die gefaltete Struktur festlegt.wie sie glauben . 104 . streng in sich abgeschlossen und absolut unfähig. die das Polypeptid annimmt. Das ganze System ist folglich total konservativ. durch den irgendeine Anweisung oder Information auf die DNS übertragen werden könnte*.

Ablesungsfehler wer- den . Das ist ohne Zweifel richtig. Sie werden ebenso getreu in eine Änderung der Aminosäure - Sequenz in dem Polypeptid übersetzt. die in Wirklichkeit noch viel paradoxer ist als die Evolution selbst. zeigt sich die funktionale »Bedeutung« der Mutation. 517. für die Überset- zungsgenauigkeit verantwortliche Bestandteile verändert. Es ist von Grund auf kartesianisch und nicht hege-lianisch: Die Zelle ist sehr wohl eine Maschine. 112f. Die Physik lehrt uns aber. wird das makroskopische System lang- sam aber unfehlbar in seiner Struktur verändert. daß bestimmte Arten sich mit erstaunlicher Stabilität ohne merkliche Veränderungen seit hundert Millionen Jahren reproduzieren konnten. Orgel. in dem die Mutation auftritt. ** L. Das Altern und der Tod der mehrzelligen Organismen erklären sich mindestens zum Teil durch die Häufung zufälliger Übersetzungsfehler. jeglicher Evolu-tion sich widersetzen. Aber erst wenn dieses teilweise neue Polypeptid sich faltet. Mindestens einige dieser Störungen ziehen mehr oder weniger diskrete Veränderungen bestimmter Sequenzelemente nach sich. daß (außer am absoluten Nullpunkt. dann kann auch der Mechanismus der Replikation sich nicht allen Störungen. das dem DNS-Segment entspricht. S. wenn diese Störungen sich häufen. 105 . die zwischen DNS und Protein wie auch zwischen Organismus und Umwelt Beziehungen ausschließlich in einer Richtung her- sellt. und langsam und unaus- weichlich wird die Struktur dieser Organismen abgebaut**. und damit haben wir die Erklärung* für eine Tatsache. allen Unfällen entziehen. einer unerreichbaren Grenze) alle mikroskopischen Phänomene quantenhaften Störungen nicht entgehen können. entgehen die Lebewesen diesem Gesetz nicht. Trotz der Perfektion des Apparates. widersetzt sich dieses System jeder »dialektischen« Be- schreibung. als müsse dieses System aufgrund seiner Stru ktur jeglichem Wandel. der durch die Wieder- gabetreue seiner Übersetzung die Erhaltung sichert. die Tatsache nämlich. Es könnte daher den Anschein haben. * Eine teilweise Erklärung siehe S. werden durch solche Fehler vornehmlich bestimmte. E. so nimmt die Häufigkeit dieser Fehler zu. Sollen nicht die Gesetze der Physik verletzt werden.von anderen Störungen abgesehen — wegen der blinden Treue des Mechanismus automatisch wieder abgeschrieben. in: >Proceedings of the National Academy of Sciences< 49(1963).

Einige der methodologisch glänzendsten und bedeutsamsten
Forschungen innerhalb der modernen Biologie bilden den Be
reich der Molekularen Genetik (Benzer, Yanofsky, Brenner und
Crick). Durch diese Untersuchungen wurde es vor allem mög-
lich, die verschiedenen Typen verborgener zufälliger Änderun-
gen zu analysieren, denen eine Polynukleotid-Sequenz im Dop-
pelfaden der DNS unterliegen kann. So hat man verschiedene
Mutationen festgestellt, die zurückzuführen sind auf
1. den Austausch eines Nukleotidpaares durch ein anderes;
2. die Deletion oder Addition eines oder mehrerer Nukleotid-
paare;
3. verschiedene Arten von »Durcheinander«, die den geneti
schen Text durch die Inversion, Wiederholung, Translokation
und Verschmelzung mehr oder weniger langer Sequenzab
schnitte veränderten*. Wir sagen, diese Änderungen seien akzi-
dentell, sie fänden zufällig statt. Und da sie die einzige mögliche
Ursache von Änderungen des genetischen Textes darstellen, der
seinerseits der einzige Verwahrer der Erbstrukturen des Organis
mus ist, so folgt daraus mit Notwendigkeit, daß einzig und allein
der Zufall jeglicher Neuerung, jeglicher Schöpfung in der be
lebten Natur zugrunde liegt. Der reine Zufall, nichts als der Zu
fall, die absolute, blinde Freiheit als Grundlage des wunderbaren
Gebäudes der Evolution — diese zentrale Erkenntnis der moder
nen Biologie ist heute nicht mehr nur eine unter anderen mög
lichen oder wenigstens denkbaren Hypothesen; sie ist die einzig
vorstellbare, da sie allein sich mit den Beobachtungs- und Er
fahrungstatsachen deckt. Und die Annahme (oder die Hoff
nung), daß wir unsere Vorstellungen in diesem Punkt revidie
ren müßten oder auch nur könnten, ist durch nichts gerechtfer
tigt.
Von allen Erkenntnissen aller Wissenschaften ist es diese, die
einen jeglichen anthropozentrischen Standpunkt am stärksten
trifft und die für uns als stark teleonomisches Wesen gefühls -
mäßig am wenigsten annehmbar ist. Es ist daher diese Erkennt-
nis - oder vielmehr dieses Schreckgespenst, welches die vitali-
stischen und animistischen Ideologien um jeden Preis vertrei-
ben sollen. Daher ist es sehr wichtig klarzustellen, in welcher
Bedeutung genau das Wort Zufall benutzt werden darf und muß,
wenn es um die Mutationen als die Grundlage der Evolution
geht. Der Inhalt des Begriffs Zufall ist nicht einfach, und das

* Vgl. Anhang II, S. 167.

106

Wort selbst wird in sehr unterschiedlichen Situationen benutzt.
Wir nehmen am besten einige Beispiele.
So verwendet man dieses Wort beim Würfelspiel oder beim
Roulett, und man benutzt die Wahrscheinlichkeitsrechnung,
um den Ausgang eines Spiels vorherzusagen. Doch diese rein
me-chanischen und makroskopischen Spiele sind »zufällig«
nur wegen der praktischen Unmöglichkeit, den Wurf des
Würfels oder der Kugel mit hinreichender Genauigkeit zu
lenken. Selbstver-ständlich läßt sich eine Wurfmechanik von
hoher Präzision vorteilen, durch die sich die Unbestimmtheit
des Resultats zum großen Teil beseitigen läßt. Sagen wir, daß
die Unbestimmtheit beim Roulett eine rein Operationale,
technische, nicht aber eine wesensmäßige ist. Genauso verhält
es sich, wie man leicht ein-sehen wird, mit der Theorie
zahlreicher Erscheinungen, in der man den Zufallsbegriff und
die Wahrscheinlichkeitsrechnung aus rein methodologischen
Gründen benutzt.
Doch in anderen Situationen nimmt der Zufallsbegriff eine
nicht mehr bloß operationale, sondern eine wesensmäßige Be-
deutung an. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn man von
»absoluter Koinzidenz« sprechen kann; ein solches unabhängi-
ges Zusammentreffen resultiert aus der Überschneidung zweier
voneinander völlig unabhängiger Kausalketten. Nehmen wir
zum Beispiel an, Dr. Müller sei zu einem dringenden Besuch
bei einem Neuerkrankten gerufen worden, während der Klemp -
ner Krause mit der dringenden Reparatur am Dach eines Nach-
bargebäudes beschäftigt ist. Während Dr. Müller unten am Hause
vorbeigeht, läßt der Klempner durch Unachtsamkeit seinen
Hammer fallen; die (deterministisch bestimmte) Bahn des Ham-
mers kreuzt die des Arztes, der mit zertrümmertem Schädel
stirbt. Wir sagen, er habe kein Glück gehabt*. Welchen anderen
Ausdruck sollte man für ein solches, seiner Natur nach unvor-
hersehbares Ereignis verwenden? Hier muß der Zufall natürlich
als ein essentieller aufgefaßt werden, der in der totalen Unab-
hängigkeit der beiden Ereignisreihen steckt, deren Zusammen-
treffen den Unfall** hervorruft.
Nun besteht aber gleichfalls vollständige Unabhängigkeit
zwischen den Ereignissen, die in der Replikation der genetischen
Botschaft einen Fehler hervorrufen können, und dessen funk-
tionalen Auswirkungen. Der funktionale Effekt ist abhängig
* Im Originaltext ist von »chance« die Rede. - Auch im deutschen Sprachgebrauch werden - etwa beim
Wettspiel - »Glück« und »Zufall« gleichzeitig durch »Chance« ausgedrückt. Anm. d. Übers.
** Das französische »accident« bezeichnet sowohl einen Unfall wie auch den Zufall! Anm. d. Übers.

107

von der Struktur und der tatsächlichen Rolle des veränderten
Proteins, von den Wechselwirkungen, die es eingeht, und von
den Reaktionen, die es katalysiert. Das sind alles Dinge, die mit
dem Mutationsvorfall selbst wie auch mit seinen unmittelbares
oder ferneren Ursachen nichts zu tun haben - seien dies im übri-
gen nun deterministische »Ursachen« oder nicht.
Auf mikroskopischer Ebene gibt es schließlich eine noch ent-
scheidendere Ursache der Unbestimmtheit, die in der Quanten-
struktur der Materie selber wurzelt. Eine Mutation ist nun an
sich ein mikroskopisches, quantenhaftes Ereignis, auf das da-
her die Unbestimmtheitsrelation (nach Heisenberg) anzuwen-
den ist. Ein solches Ereignis ist also seiner ganzen Natur nach
wesensmäßig unvorhersehbar.
Wie bekannt, wurde die Unbestimmtheitsrelation von einigen
der bedeutendsten modernen Physiker nie völlig akzeptiert -
um bei Einstein zu beginnen, der von sich sagte, er könne nicht
annehmen, daß »Gott würfelt«. Einige Schulen haben in der
Unbestimmtheitsrelation nur einen rein operationalen, nicht
jedoch einen substanziellen Begriff sehen wollen. Alle Bemü -
hungen, die Quantentheorie durch die Entdeckung einer »fei-
neren« Struktur zu ersetzen, aus der die Unbestimmtheit ver-
schwunden wäre, haben jedoch mit einem Mißerfolg geendet.
Sehr wenige Physiker scheinen heute zu der Annahme zu nei-
gen, die Unbestimmtheitsrelation könne jemals aus ihrem Fach
verschwinden.
Wie dem auch sei - und sollte selbst eines Tages das Unbe-
stimmtheitsprinzip aufgegeben werden, es muß betont werden,
daß sich trotzdem zwischen der - wenn auch noch so totalen -
Determiniertheit einer Mutation in der DNS-Sequenz und der
Determiniertheit ihrer funktionalen Auswirkungen auf der
Ebene der Proteinwechselwirkungen nicht mehr als eine »ab-
solute Koinzidenz« feststellen ließe - in dem oben durch das
Beispiel vom Klempner und vom Doktor definierten Sinne. Das
Ereignis bliebe folglich im Bereich des »notwendigen« Zufalls -
ausgenommen selbstverständlich, daß wir zu dem Universum
von Laplace zurückkehren, aus dem der Zufall durch Definition
ausgeschlossen ist und wo der Doktor schon von jeher unter
dem Hammer des Klempners sterben sollte.
Man erinnert sich, daß Bergson in der Evolution den Aus-
druck einer schöpferischen Kraft erblickte, die er in dem Sinne
für absolut, für unumschränkt ansah, als sie auf kein anderes Ziel
gerichtet sein sollte als auf die Schöpfung an sich und für sich.

108

aber selbstverständlich nicht auf das durch die Evolution Zutage- tretende. erkennt die moderne Biologie dagegen. 109 . für den verblüffenden Reichtum der be- lebten Natur und für die erstaunliche Vielfalt der Formen und Verhaltensweisen empfänglich sein.der replikationsfähigen DNS-Struktur. der übrigens sehr gut über die Naturerkenntnisse seiner Zeit unterrichtet war. wenn die Wege der Bergsonschen Metaphysik mit den Wegen der Wissenschaft so offenbar zu- sammenlaufen ? Vielleicht nicht. daß alle Eigenschaften der Lebewesen auf einem grundlegenden Mechanismus der molekularen Erhaltung beruhen. die alle in der Evolution den majestätischen Ab- lauf eines Programms entdeckten. Anm. Der Begriff der »Offen- barung« oder »Enthüllung« läßt sich der modernen Theorie zu- folge wohl auf die epigenetische Entwicklung anwenden. * Der französische Ausdruck »emergence« wird an anderer Stelle auch mit »Zutagetreten« und »Auf- auchen« übersetzt. das im Grundmuster der Welt vorgezeichnet war. daß die gleiche Störungsquelle. Für sie ist deshalb die Evolution nicht wirk- lich Schöpfung. Darin unterscheidet er sich radikal von den Animisten (handle es sich um Engels. in der embryonalen Entwicklung in gleicher Weise wie in der Evolution ein »Hervortreten«* zu sehen. Man muß daher sagen. da sie ihre Ursache gerade in den Un- vollkommenheiten des Erhaltungsmechanismus hat. der allerdings ihren einzigen Vorzug darstellt. d. Für die moderne Theorie ist die Evolution keineswegs eine Eigenschaft der Lebewesen. die bei einem unbelebten. die sich in ihr entfalten und die in der Tat fast unmittelbar eine von jeglicher Einschränkung freie. sondern lediglich »Offenbarung« der bisher un- ausgesprochenen Absichten der Natur. in der belebten Natur am Beginn der Evolution steht und deren totale schöpferische Freiheit ermöglicht . daß die Evolu- tion das »Prinzip des Lebens« sei.frei- lich dank jener Bewahrerin des Zufalls. unaufhörlich verschwenderis che Schöpfung zu beweisen scheinen. das heißt nichtreplikativen System langsam die ganze Struktur vernich- ten würde. Daher die Tendenz. als Künstler und Dichter mußte Bergson. Teilhard oder so optimistische Positivisten wie Spencer). das seinen Ursprung im wesentlich Unvorhersehbaren nimmt und gerade deshalb etwas uneingeschränkt Neues darstellt. Aber wo Bergson den deutlichsten Beweis sah. die gegen jede Störung unempfindlich ist . Übers. Ist es noch ein reiner Zufall.

hat die Selektion jenen Erfordernissen und nicht dem Zufall abgewonnen. Ihre meist aufsteigende Richtung. Nach Darwin neigten übrigens manche Anhänger der Evolu- tionstheorie dazu.j skopischen Ebene der Organismen. der unerschüt- terlichen Gewißheit. tritt er unter die Herrschaft der Notwendigkeit. daß nämlich die natürliche Auslese ein reiner »Kampf ums Dasein« sei. Ist der einzelne und als solcher wesentlich unvorhersehbare Vorfall aber einmal in die DNS-Struktur eingetragen.Kapitel VII Evolution Der Weg der Evolution wird den Lebewesen. daß inner- halb einer Art nicht der »Kampf ums Dasein«. durch elementare Ereignisse mikro- skopischer Art eröffnet. die sie widerzuspiegeln scheint. die sie in der teleonomischen Funk- tionsweise auslösen können. er wird zu - gleich vervielfältigt und auf Millionen oder Milliarden Exem- plare übertragen. die zufällig und ohne jede Beziehung zu den Auswirkungen sind. dann wird er mechanisch getreu verdoppelt und übersetzt. Die Ergebnisse der modernen Biologie ermöglichen eine Aufhellung und weitergehende Präzisierung des Selektionsbe- 110 . Ihr Wirkungsfeld ist ein Bereich strenger Erfordernisse. eine zu sehr vereinfachte und naiv grausame Vorstellung zu verbreiten. Der Herrschaft des bloßen Zufalls entzogen. sondern von Spencer.nicht von Darwin. ihre sukzessiven Erobe- rungen und die geordnete Entfaltung. Denn die Selektion arbeitet auf der makro. aus dem jeder Zufall verbannt ist. Die Selektion arbeitet nämlich an den Produkten des Zufalls. Die Neodarwinisten vom Anfang unseres Jahrhunderts haben da- gegen eine viel gehaltvollere Konzeption vorgebracht und ge- zeigt — und zwar aufgrund quantitativer Aussagen —. Dieser Ausdruck stammt - nebenbei gesagt . daß allein die Selektion aus störenden Geräuschen das ganze Konzert der belebten Natur hervorgebracht haben könnte. So mancher ausgezeichnete Geist scheint auch heute noch nicht akzeptieren oder auch nur begreifen zu können. sondern die un- terschiedliche Vermehrungsrate der entscheidende Auslese- faktor ist. da sie sich aus keiner anderen Quelle speisen kann. diesen äußerst konservativen Systemen.

Besonders von den Möglichkeiten. griffs. die den teleonomischen Apparat in seiner schon eingeschlagenen Orientierung zumin- dest nicht schwächen. Aber in wenigen Milliliter Wasser kann sich eine Population von meh- reren Milliarden Zellen entwickeln. Es läßt sich eben- falls abschätzen. daß dort ein gegebenes Gen eine Mutation erfährt. Die einzigen Organismen. mit der sich der Replikations- mechanismus erhält. für die wir über diesen Punkt zahlreiche und genaue Ergebnisse haben.und Regelungswechselwir- kungen ist. von der Komplexität und der Kohärenz des intrazellulären Steuerungsnetzes selbst bei den einfachsten Organismen besitzen wir heute eine so deut- liche. die ein Gesamtausdruck aller Eigen- schaften des Netzes von Aufbau. wenn eine Mutatiorf zum erstenmal zum Tragen kommt. sondern vielmehr stärken oder gar — was sicher viel seltener vorkommt — mit neuen Möglichkeiten be- reichern.wegen der Vollkommenheit. einen uralten »Traum« fortzu - setzen und auszuarbeiten. Die Wahrscheinlichkeit. daß die verschiedenen Arten von Mutanten in dieser Population in einer Gesamtzahl von 105 bis io 6 vorkom- men. daß in einer solchen Population jede gegebene Mutation in 10. daß der Plan des Organismus ausgeführt wird. Daher ist die Mutation für die gesamte Population keines- wegs eine Ausnahmeerscheinung: Sie ist die Regel. Wie der teleonomische Apparat funktioniert. Eine Mutation ist für sich betrachtet ein sehr seltenes Ereignis . Der Selek- 111 .das Projekt. daß jede in Gestalt einer Änderung der Proteinstruktur auftretende »Neuerung« zunächst daraufhin getes tet wird. Man hat daher die Gewiß- heit. die dafür sorgen. dieses Gesamtsystem wird schon durch unzählige Steuerungsmechanismen zusammengehalten. Die Sele ktion erfolgt nach der Beurteilung der teleonomischen Leistung. sind die Bakterien. läßt sich mit 10-6 bis 10-8 pro Zellgeneration annehmen. ob sie mit dem Gesamtsystem des Organismus vereinbar ist. ob der aus dem Zufall gebo- rene Versuch zeitweilig oder endgültig angenommen oder ver- worfen wird. Angenommen werden daher allein jene Mutationen. früher unbekannte Vorstellung. 100 oder 1000 Exemplaren vorhanden ist. das ist die haupt- sächliche Ausgangsbedingung dafür. die bei dem entsprechenden Protein eine deutliche Änderung seiner Funktionseigenschaften hervorruft. Deshalb hat es den Anschein. als führe die Evolution ein »Projekt« aus . daß wir viel besser als vorher verstehen können.

The Meaning of Evolution. Im ganzen kann man schätzen. aus- gebildet waren. daß sich in der gegenwärtigen menschlichen Bevölkerung (3 x 109 ) bei jeder Generation einige hundert bis tausend Milliarden Mutationen vollziehen. die man heute in den Restaurants ser- viert*. Es ist bekannt. ist die Anzahl der Ze//generationen und damit der Muta tionschancen in der Keimbahn von Eizelle zu Eizelle oder vorn Samenzelle zu Samenzelle sehr groß.so zum Beispiel der Langfisch seit 450 Millionen Jah- ren. daß gewisse Arten sogar seit Hunderten von Jahrmillionen sich nicht merklich entwickelt haben . deren individuelle Folgen stärker hervortreten. die durch geschlechtliche Rekombination empfindliche . um eine Vorstellung vom Ausmaß des ungeheuren Vorrats an zufälliger Veränderlichkeit zu geben. daß die den Haupt- stämmen des Tierreichs entsprechenden Organisationspläne seit Ende des Kambriums. also seit 500 Millionen Jahren. wenn nicht beinahe Paradoxe nicht mehr die Evolution. enthält das Genom eines höheren Lebewesens. Ich nenne diese Zahl nur. Schließlich läßt sich abschätzen. daß der- artige Mutationen in der Evolution bedeutsamer waren als jene. eines Säuge tieres zum Beispiel. mit der die Natur darin spielt. Es ist noch festzuhalten. für eine bestimmte An- zahl von Mutationen. liegt die Rate beispielsweise bei io -+ bis io~5. nicht aber auf das einzelne Individuum. aber 1. der — wiederum trotz des eifersüchtig nach Erhaltung strebenden Replikationsmechanismus . tionsdruck wirkt nun im Rahmen der Population. Und was die Auster von vor 150 Millionen Jahren betrifft. 2. Freilich erreichen die höheren Organismen mit ihren Populationen nicht die gleichen Größen« Ordnungen wie die Bakterien. so hatte sie das gleiche Aussehen und zweifellos den gleichen Geschmack wie jene. Es ist wahrscheinlich. Yale University Press 1967. daß die »moderne« * Simpson. tausendmal mehr Gene als das Genom einer Bakterie. daß bei den hier vorgetragenen Zahlen die individuell nicht feststellbaren Mutationen nicht berücksich- tigt sind. Dadurch erklären sich vielleicht gewisse Mutationsraten. Man weiß ebenso. die leicht feststellbare Erbkrankheiten hervorrufen. die beim Menschen relativ hoch erscheinen. Auswirkungen haben können. dann ist das schwer Erklärbare.im Genom einer Art steckt. 112 . Bedenkt man die Dimensionen dieser gewaltigen Lotterie und die Schnelligkeit. sondern im Gegenteil die Beständigkeit der »For- men« in der belebten Natur.

deren Objekt es unvermeidlich ist. weiterent- wickelt und integriert hat.fast immer vergeblich . durch den eine Richtung in der Zeit fest- gelegt wird. auch wenn sie sehr eng verwandt sind- setzt jedoch eine große Anzahl unabhängig voneinander erfol- gender Mutationen voraus. nur einen verschwindenden Bruchteil festgehalten. Eine einfache. punktuelle Mutation . Es ist in der Tat berechtigt.an die teleonomische Filterung weitergeben. aus denen sie hervorgeht. die durch ihren invarianten chemischen Organisations- plan (vor allem durch die Struktur des genetischen Code und den komplizierten Translationsmechanismus) gekennzeichnet ist. Was das Replikationssystem betrifft. deren Leistungen letzten Endes dem Urteil der Selektion unterliegen. Die Evolution in der belebten Natur ist also ein notwendig unumkehrbarer Prozeß. die ihm das Roulett der Natur in astronomischer Anzahl bot. die mikroskopischen Störungen beseitigen zu können. Das ist viel mehr als ein bloßer Vergleich. Die ungewöhnliche Stabilität bestimmter Arten.durch den mit der Geschlechtlichkeit entstandenen »genetischen Ge - zeitenstrom« rekombiniert werden. das heißt: durch den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. ist eine solche Erscheinung statistisch irreversibel. Der Zweite Hauptsatz und die Irreversibilität der Evolution beruhen auf gleichartigen stati- stischen Überlegungen. die Milliar- den von Jahren andauernde Evolution und die Invarianz des grundlegenden chemischen »Plans« der Zelle lassen sich offen- bar nur durch die äußerst starke Kohärenz des teleonomischen Systems erklären.wie etwa der Ersatz eines Codebuchstaben in der DNS durch einen anderen . so ist es weit davon ent- fernt.und eine Bremserfunktion ausgeübt und von den Chancen. Das wird durch die Theorie vorausgesagt und durch das Experiment bewiesen. die Richtung ist die gleiche. vorgeschrieben wird. Wegen der Fülle der unab- hängigen Ereignisse. die nach und nach in der ursprüng- lichen Art sich häufen und dann — immer noch zufällig . Jede merkliche Evolution — etwa die Ausbildung zweier Arten. seit zwei oder drei Milliarden Jahren existiert und sicher schon damals mit mä chtigen molekularen Steuerungsnetzen versehen war. es kann sie nur aufzeichnen und . wie sie durch das Gesetz der zunehmenden Entropie.ist um- kehrbar. Zelle. das wohl in der Evolution zugleich eine Füh- rer. die Irreversi- bilität der Evolution als Ausdruck des Zweiten Hauptsatzes in der be- 113 . die ihren Funktionszusammenhang herstellten.

daß der Organismus fähig ist. daß dies einigen als wundersam. der eine gegebene Substanz. tritt jedoch — wie jedermann weiß - im Organismus erst auf (um dort für eine gewisse Zeit zu blei- ben). nachdem der Replikationsmechanismus sie ein- gefangen und reproduziert hatte. die Informations- 114 . die. Man hat daher lange Zeit angenommen. aus der die Selektion schöpft. sich den unerschöpflichen Reichtum der Zufallsquelle vorzustellen. Der Antikörper. die mit der Eigenschaft ausgestattet sind. sondern im Gegenteil ganz natürlich. in den Or- ganismus eingedrungene »fremde« Substanzen . lebten Natur zu betrachten. nachdem dieser mit der Substanz wenigstens einmal »seine Erfahrungen« gemacht hat (durch natürliche oder künstliche Impfung). Antikörper zu bilden. Die Möglichkeiten in dieser Hinsicht scheinen praktisch unbegrenzt zu sein. Es ist nicht erstaunlich. anderen als paradox vorkam und daß manche Denker. mit der man in der Zeit zurückgehen kann. Dieser Mechanismus der Zeitumkehr brachte als Ergebnis die allgemeine aufsteigende Tendenz der Evolution und die Ver- vollkommnung und Bereicherung des teleonomischen Appa- rates hervor. Die selektive Evolution ist in der Auswahl jener seltenen.B. Philosophen und sogar Bio- logen die moderne. h. sie stellt in diesem Sinne eine Art Ma- schine dar. daß ein beliebiges makroskopisches System in ei- ner Veränderung von sehr geringer Reichweite und für eine sehr kurze Zeitdauer den Abhang der Entropie wieder hinab- steigen. »darwinistisch-molekulare« Evolutionstheo- rie heute noch mit Mißtrauen betrachten. d. irgendwie in der Zeit zurückgehen kann. Man hat im übrigen gezeigt. Bakterien oder Viren — durch stereospezifische Komplexbildung zu er- kennen. kostbaren Störungen begründet.z. durch die Auslese festgehalten worden sind. Dafür gibt es jedoch eine hervorragende Illustration in dem Verteidigungssystem des Organismus durch die Antikörper. Der Zweite Hauptsatz formuliert nur eine statistische Voraussage und schließt damit selbstverständ- lich nicht aus. Bei den Lebewesen sind es gerade jene wenigen und flüchtigen Verän- derungen. zum Bei- spiel das für eine bestimmte Bakterienart eigentümliche »steri- sche Muster« elektiv erkennt. Die Antikörper sind Ei- weißstoffe. die unter einer Unzahl anderer gleichfalls in dem riesigen Vorrat des mikroskopischen Zufalls enthalten sind. Das kommt mindestens zum Teil von der ungeheuren Schwie- rigkeit. die praktisch jedem beliebigen natürlichen oder synthetischen steris chen Erscheinungsbild an- gepaßt sind.

es ist jedoch wahrscheinlich. in großer Zahl erzeugte Zellen innerhalb des Organismus besitzen die einzigartige Eigenschaft. und es ist doch sehr bemerkenswert. durch die eine Art sich auszeichnet. sie mache allein Bedingun- gen der Umwelt als Auslesefaktoren verantwortlich. die man kennt. Eine weitere Schwierigkeit für die Selektionstheorie rührt daher. durch welche die Struktur der Antikörper bestimmt wird. die in der gleichen Umwelt leben. Es ist klar. spezialisierte. Aber im nachhinein ist es klar. den die äußeren Bedingungen auf den Organismus ausüben. daß allein eine solche Zufallsquelle dem Organismus ausrei- chende Mittel bieten konnte. der es (das Antigen) erkennen kann. Die genaue Funktionsweise dieses spezialisierten. Dabei ist das eine ganz und gar irrtümliche Vorstellung. daß die Selektionsrichtung immer stärker durch die teleonomischen Leistungen bestimmt wird. überschnellen genetischen Rouletts ist noch nicht vollständig aufgeklärt. die der Organismus zum Teil selber »wählt«. Denn der Selek- tionsdruck. daß dabei sowohl Rekombinations. darunter auch mit den anderen Organismen. Verschiedene Organismen. werden durch diese spezifischen Wechselwirkungen be- stimmt. mit einem genau festgelegten Teil der genetischen Segmente. Nun ist heute bewiesen. Das Antigen betreibt dagegen eine Selektion und fördert bevorzugt die Vermehrung jener Zellen. Dies ist eine der exaktesten molekularen Adaptationen. ist auf keinen Fall unabhängig von den teleonomischen Leistungen. die einen wie die anderen entstehen auf jeden Fall zufällig. treten mit den äußeren Bedingungen in sehr unterschiedliche spezifische Wech- selwirkungen. daß ihr zu oft angelastet worden ist. ohne von der Struktur des Antigens irgend etwas zu wissen. die gleichzeitig und unauflöslich die äußere Umwelt und die Ge - samtheit der Strukturen und Leistungen des teleonomischen Apparats umfassen. daß die Struktur des Antikörpers sich nicht aus dem Antigen ableitet. sich gewissermaßen »rundum« zu verteidigen. »Roulett zu spielen«.quelle für die Synthese der spezifischen assoziativen Struktur des Antikörpers sei das Antigen selbst. wenn das Orga- 115 . daß ihr eine Zufallsursache zugrunde liegt. den ein Organismus er- fährt. Art und Richtung des Selektionsdrucks. die einen Antikörper produzieren. Eine neue Mutation stößt auf »Ausgangsbedingungen« der Selektion.wie auch Mutationsvorgänge im Spiel sind.

Vögeln und Säugetieren geht darauf zurück. hinausreicht und sich auf ihre gesamte Nachkommenschaft erstreckt. ihr Überleben und ihre Reproduktion sind vor allem von ihrem eigenen Ver- halten abhängig. sind die großen Schöpfungen der Evolution auf die Eroberung neuer ökologi- scher Räume zurückzuführen. daß die teleono- mischen Leistungen bei den höheren Lebewesen sicher ent- scheidend die Selektionsrichtung bestimmen. Weil die Vorfahren des Pferdes sich frühzeitig entschlossen haben. Es ist bekannt. läuft die heutige Art . in der Ebene zu leben und bei der Annäherung eines Verfolgers zu fliehen (statt zu versuchen. bei der sich dieses Verhalten zum erstenmal ansatzweise äußert. daß die Art mit der Grundentscheidung für einen bestimmten Verhaltenstypus (etwa gegenüber dem An- griff eines Verfolgers) den Weg einer beständigen Vervoll- kommnung jener Strukturen und Leistungen einschlägt. daß die Grundentschei- dung für diesen oder jenen Verhaltenstypus einen sehr weit- reichenden Einfluß ausübt. daß ein Urfisch sich »entschieden« hatte. dieses Magellan der Evolution. Unter den Nachkommen die - ses »kühnen Forschers«. sehr zweckmäßige und kom- plexe Verhaltensweisen wie das Werbungsverhalten der Vögel sehr eng an bestimmte. nisationsniveau und damit die Autonomie des Organismus gegen- über seiner Umgebung steigt. auf dem er sich jedoch nur durch unbeholfene Sprünge fortbewegen konnte.nach einer langen Entwicklung. besonders hervorstechende morpho- 116 . durch den sich dann die starken Gliedmaßen der Vierfüßler entwickeln sollten. In der Evolution bestimmter Klassen beobachtet man eine durch Jahrmillionen ununterbrochene allgemeine Tendenz zu einer anscheinend gerichteten Entwicklung bestimmter Organe. Das geht so weit. Diese Tatsache bezeugt. Darüber hinaus ist es einleuchtend. Reptilien. die dieses Verhalten fördern. daß bestimmte. können einige mit einer Geschwindigkeit von mehr als 70 Kilometern in der Stunde laufen. andere klettern mit einer verblüffenden Gewandtheit auf den Bäumen. Im Gefolge dieser Verhaltensänderung schuf er den Selektionsdruck. sich zu verteidigen oder zu verstecken). das Land zu erforschen. andere haben schließlich die Luft erobert und damit den »Traum« des Urfisches verwirklicht. selbst wenn diese eine ganze Klasse bildet. Das Auftreten der vierfüßigen Wirbeltiere und ihre erstaunliche Entfaltung in den Amphibien. der über die Art. die zahlreiche Rückbildungsstufen umfaßt — auf der Spitze eines einzigen Fingers. Wie man weiß.

das Lamarck erklären wollte: zu der engen Koppelung zwischen den anatomischen Adaptationen und den spezifischen Leistungen. von den Tieren verwendeten (aku- * Vgl. daß die Entwicklung der spezifisch mensch- lichen Leistung . Tinbergen. sich gemeinsam entwickelt haben. die höchsten Zweige der Bäume zu erreichen.zum Beispiel ein Marsbewohner — müßte mit Sicherheit erkennen. gewissermaßen auf sein Erbgut zurückwirkt. wobei das eine unter dem Druck der geschlechtlichen Auslese das andere herausgefordert und verstärkt hat. Denn ein unparteiischer Beobachter . Der ungeheure Hals der Giraffe sollte den konstanten Willen ihrer Vorfahren. das heißt letztlich die Begierde. N. zum Ausdruck bringen. daß allein die Selektion. der Erkenntnis. Die Frage des Selektionsdruckes. muß man in diesem Sinne auffassen.die in der belebten Natur ein einzigartiges Ereignis darstellt -. dadurch daß sie auf die Elemente des Verhaltens wirkt. wenn wir die Wurzeln unseres Wesens in der Evolution festzustellen suchen. daß die Symbolsprache des Menschen auf die sehr verschiedenartigen. Diese Frage ist von außergewöhnlichem Interesse — selbst wenn wir davon absehen. um »im Leben Erfolg zu haben«. Was das einzigartige Ereignis angeht. daß die Anspannung bei den Be- mühungen. so heben die modernen Linguisten hervor. zu dem Ergebnis führt. der die Evolution des Men- schen gelenkt hat.logische Merkmale gekoppelt sind. daß dieses Ver- halten und das anatomische Merkmal. aber man erkennt. die ein neues Reich entstehen ließ: das Reich der Kultur. daß es sich dabei um uns selber handelt und daß wir zu einem besseren Verständnis der heutigen menschlichen Natur gelangen könnten. Social Behavior in Animals. der Ideen. daß der Sexualinstinkt. Man kann daher zu Recht feststellen. Diese Hypothese ist heute natürlich unan- nehmbar. verstärkt er nur den ursprünglichen Selektionsdruck und begünstigt damit die Vervollkommnung dieses Schmuckes. Sobald sich bei einer Art ein mit dem Paarungser- folg verbundener Schmuck zu entwickeln beginnt. auf dem es beruht. die ein Tier entwickelt. 117 . die Bedingungen für die Auslese so mancher herrlicher Gefieder schuf*. London (Methuen) 1953. sich ihm eingliedert und unmittelbar die Nachkommenschaft formt. daß die Entwicklung der Symbolsprache den Weg zu einer anderen Evolution öffnete. Es ist sicher. Lamarck war der Ansicht.

wie es zum Beispiel die großen Affen verwenden. welche die Sprache zugleich darstellt und ermöglicht.und darauf kommt es eben an — in einer Form. Das ermöglicht dagegen die menschliche Sprache. einem anderen Individuum eine eigene. originale Ver- knüpfung oder Umwandlung mitzuteilen. Das Gehirn der Tiere ist ohne jeden Zweifel fähig. doch scheint es mir ein weiter Schritt bis zu der Behauptung. seit mehr als zwei Millionen Jahren ununterbrochener gerichteter Selektions- druck nötig. Nach Chomsky haben im übrigen alle menschlichen Sprachen die gleiche Grundstruktur. Wir kennen keine primitiven Sprachen. wo die bei einem Individuum realisierten schöpferischen Kombinationen oder neuen Assozia- tionen an andere weitergegeben wurden und nicht mehr mit ihm untergehen konnten. daß die Evolution des Menschen seit seinen entferntesten bekannten Vorfahren sich vor allem auf die zunehmende Vergrößerung seines Schädels und damit des Gehirns erstreckt hat. Informa- tionen nicht nur zu registrieren. taktilen. denn diese Entwicklung war von relativ kurzer Dauer. Dazu war ein fortgesetzter. Diese Hypothese ist auf jeden Fall nutzlos. sie kann man per definitionem als an dem Tag geboren ansehen. visuellen oder anderen) Kommunikations- mittel absolut nicht zurückzuführen sei. Die außerordentlichen Leistungen. Diese Entwicklung ist übri- gens sein stärkstes anatomisches Unterscheidungsmerkmal. nicht aber . ein ganz beträchtlicher Selektionsdruck. sie umzuwandeln und das Ergebnis dieser Opera - tionen in Gestalt einer Einzelleistung wiederzugeben. denn in keiner anderen Abstammungslinie läßt sich etwas Ähnliches beobachten: Der Schädelinhalt der heute anzutreffenden Menschenaffen ist kaum größer als der ihrer Vorfahren von vor einigen Millionen Jahren. 118 . und ein spezifischer Selektionsdruck. die es ge- stattete. die gleiche »Form«. in der Evolution bestehe eine uneinge- schränkte Diskontinuität und die menschliche Sprache habe von Anfang an überhaupt nichts zu tun gehabt mit einem System verschiedener Lockrufe und Warnschreie. heute steht das sym- bolische Instrumentarium bei allen Völkern unserer einzigarti- gen Gattung deutlich auf dem gleichen Niveau der Komplexität und des Kommunikationsvermögens. Es läßt sich heute feststellen. stischen. sind offensichtlich mit der bemerkenswerten Entwicklung des Zentralnervensy- stems beim bomo sapiens verknüpft. Diese Meinung ist zweifellos begründet. sondern auch miteinander zu verknüpfen.

glaube ich . daß zwi- schen der bevorzugten Entwicklung des Zentralnervensystems und der Evolution der den Menschen auszeichnenden einzig- artigen Leistung eine sehr enge Koppelung bestanden hat. Kein Zweifel. die vorderen Gliedmaßen zu benutzen. Die für mich wahrscheinlichste Hypothese ist. für den Leroi-Gourhan die Bezeichnung »Australanthro- pus« zu Recht vorzieht) besaß schon . des Gehirns. daß das Gehirn des Sinanthro- pus. wie es für alle Anthropiden . unterscheiden. Der früheste heute bekannte echte Hominide (der Australopi- thecus.was ihn übrigens definiert .üblich ist. Oft hat man die Bedeutung hervorgehoben. den Pongi- den oder Menschenaffen. Das Gewicht des Gehirns ist zwar gewiß seinen Leistungen nicht proportional. sondern zu einer der Ausgangsbedingungen dieser Evolution werden ließ. insbesondere der Wirbelsäule und der Stellung des Schädels zu ihr. daß die sehr bruchstückhafte symbolische Verständigung. daß diese sehr frühe. wenn es auch weniger wog als das des Gorillas.die Merkmale. sich auf vier Pfoten fortzubewegen. die durch die Schaffung eines neuen Selektions- druckes die Zukunft der Art festlegen.jedoch unter Ausnahme des Gibbons . daß sie zu einer jener Grund»entscheidun- gen« wurde. Jäger mit der Fähigkeit zu werden. Für diese Hypothese gibt es . die für die Evo- lution des Menschen die Befreiung von dem Zwang gehabt haben muß. doch setzt es ihnen zweifellos eine Grenze. sondern mit zahlreichen Ver- änderungen des Skeletts und der Muskulatur verbunden ist.hinreichend starke Argumente. die sehr früh in unserer Abstammungsgeschichte auftrat. welche die Sprache nicht nur zum Produkt. die ihn von seinen engsten Vettern. Der Australanthropus hatte den aufrechten Gang angenommen. begünstigen. der nicht nur mit einer Spezialisierung des Fußes. Man kommt unmöglich um die Annahme herum. die den Pongiden unbekannt sind: Der 119 . Wie dem auch sei . ohne im Lauf innezuhalten. diese Selektion mußte die Entwicklung der Sprachleistung und damit die Entwicklung des ihr dienenden Organs. vor das Auftreten des Australanthropus zurückgehende »Erfindung« von größter Be- deutung war: Allein sie erlaubte unseren Vorfahren. der homo sapiens konnte sicher nur dank der Ent- wicklung seines Schädels hervortreten.es steht fest. doch zu Leistungen fähig war. Der Schädelinhalt dieser ersten Hominiden war jedoch kaum größer als der eines Schimpansen und ein wenig kleiner als der eines Gorillas. so radikal neue Mög- lichkeiten eröffnete.

eine sehr enge Korrelation bestanden hat*. Daher erscheint die Annahme gerechtfertigt. Wenn es darüber hinaus stimmt — wie Dart glaubt** —. a. doch erzeugen sie nichts den Artefakten Vergleichbares. daß der Gebrauch einer wenn auch sehr primitiven Sprache den Über- lebenswert der Intelligenz in beträchtlichem Umfang steigern mußte und damit unvermeidlich einen mächtigen. R. T. Gardner. Le Geste et la Parole. daß zwischen der Ent- wicklung der Sprache und der Entwicklung einer Industrie. " * Nach Leroi-Gourhan. A. So muß der Sinanthropus als ein sehr primitiver homo faber aufgefaßt werden. in: To Honor Roman Jakobson. Steine oder Äste. Bronowsky. daß der Erwerb der symbolischen Ausdrucksfähig- keit zur Voraussetzung hatte. das Flußpferd und den Panther mit Erfolg jagten. daß die Affen. die freilich derart primitiv war. Gardner und R. in: Behavior of Non-Human Primates. J. das in diesem Stadium nicht intelligenter war als ein heutiger Schimpanse. Doch scheinen neuere Experimente mit einem jungen Schimpansen zu beweisen. gerichteten * Leroi-Gourhan. Die großen Affen benutzen natürliche »Werkzeuge«. a. also etwas das nach einer erkennbaren Norm gestaltet ist. dann mußte eine solche Leistung im voraus unter einer Gruppe von Jägern abgesprochen worden sein. dann ist es klar. 374. das der rudimentären Entwick- lung seiner Industrie entsprach. 120 . Hrsg. doch einige Elemente der Symbolsprache der Taub- stummen aufnehmen und benützen können***. 395. in: >Current An- thropology< 10(1969). Dieser Hypothese steht die geringe Entwicklung des Gehirn- volumens des Australanthropus entgegen. wenn sie auch unfähig sind. wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt. S. O. die nicht notwendig besonders komplex sein mußten. daß der Australanthropus ein Werkzeug zu sym- bolischer Verständigung besaß. Sinanthropus hatte nämlich eine »Industrie«. daß die Australanthropiden unter anderen Tieren so starke und gefährliche Bestien wie das Rhinozeros. disziplinierten Tätigkeit zeugt.. Holloway. die von einer geplanten. New York (Academic Press) 1970. neuromotorische Veränderungen eintraten. S. v. "" B. Man darf daher annehmen. daß seine »Werkzeuge« als Artefakte nur daran erkennbar sind. War dieser Schritt aber einmal getan. Schrierund Stol- nitz. Paris (Mouton) 1967. Es ist nun sehr wahrscheinlich. daß bei einem Tier. daß die gleichen groben Strukturen sich wieder- holen und daß sie in Gruppierungen um manche fossilen Skelette herum gefunden wurden. die gesprochene Sprache zu erlernen. Die vorausgehende Formulierung eines derartigen Planes machte aber die Benutzung einer Sprache erforderlich. Paris (Albin-Michel) 1964. I.

in dessen Verlauf sich die neuralen Strukturen entwickeln. und die Zeitfolge ist für alle Sprachen die gleiche. darin nicht den Ausdruck eines em- bryologischen. 121 . Man erkennt ebenfalls. Selektionsdruck zugunsten der Gehirnentwicklung schuf. Im ersten Stadium (mit etwa 18 Monaten) hat das Kind einen Vorrat von ungefähr 10 Wörtern. epigenetischen Prozesses zu sehen. die ebenfalls keine bloße Wiederholung oder Nachahmung der Erwachsenensprache ist. mit welcher Leichtigkeit das Kind (nach dem ersten Jahr) innerhalb von zwei bis drei Jahren durch dieses Spiel die Sprache zu beherrschen lernt. Diese Hypothese wird durch Beobachtungen über Aphasien traumatischen Ursprungs be- * E. daß er seiner Natur nach von einem regelrechten Erlernen eines Systems formaler Regeln völlig verschieden ist*. Sobald ein System symbolischer Verständigung bestand. ungeheure Möglich- keiten enthaltende spezifische Leistung am besten auszuwerten verstand. dann liegt das - wie seine Untersuchung in unwiderstehlicher Weise nahelegt - daran. die Sprache der Erwachsenen nachzuahmen. Lenneberg. den die Individuen einer sprachlosen Art durch eine entsprechende Überlegenheit der Intelligenz hätten gewinnen können. Wenn der Sprach- erwerb des Kindes uns unerklärlich vorkommt. Biological Foundations of Language. Später verknüpft es erst zwei. was ihm in jedem Stadium seiner Entwicklung ent- spricht. ohne sie aber jemals. es versucht keineswegs. Diese Hypothese hätte bloß für sich. dieser Vorteil war unvergleichlich viel größer als derjenige. würde sie nicht gleichfalls durch gewisse Ergeb- nisse der heutigen Sprachforschung gestützt. miteinander zu verbinden. Das Kind erlernt keine Regel. gewannen die für seinen Gebrauch am besten ausgestatteten Individuen oder vielmehr Gruppen einen Vorteil gegenüber den anderen. Doch ist es schwierig. Dem erwachsenen Beobachter ko mmt es immer unglaublich vor. der diese einmalige. die den sprach- lichen Leistungen zugrunde liegen. Man könnte sagen. daß es davon nimmt. daß sie reizvoll und ein- leuchtend ist. die es einzeln benutzt. wie ihn eine sprachlose Gattung niemals erfahren konnte. auch nicht auf dem Wege der Nachahmung. New York (Wiley) 1967. dann drei Wörter usw. daß der durch die Verwendung einer Sprache entstehende Selektionsdruck die Evolution des Zentralnerven- systems besonders in Richtung eines bestimmten Intelligenz- typus fördern mußte. nach einer Syntax. Dieser Prozeß scheint allgemeingültig zu sein.

Von hier aus ist es nur ein Schritt. ununterbrochene Anstrengung des Wil- lens. daß der ursprüngliche Spracherwerb an einen epigenetischen Entwicklungsprozeß gebunden ist. Diese Beschädigungen werden dagegen nicht rück- gängig zu machen sein. dann gehen sie um so schneller und um so vollständiger zurück. Die auf diese Weise erlernte Sprache wird praktisch immer eine niedrigere Stellung einnehmen als die spontan erworbene Muttersprache. Während der beiden ersten Lebensjahre verläuft dieser Prozeß sehr schnell und wird anschließend langsamer. der Kulturentwicklung. weil die Sprache sich mit einem epigenetischen Entwicklungsprozeß verwebt. diese Annahme wird natürlich mit der großen Vielfalt menschlicher Sprachen begründet. Es ist nämlich bekannt. Weil die Sprache gerade während die - ser Epigenese erworben wird. a. bis zu dem Gedanken. die ein Er- gebnis der zweiten Evolution. Wie jedermann weiß. Die Vorstellung. Ich will versuchen. Hauptsächlich scheint diese Entwicklung in einer beträchtlichen Zunahme der Schaltungen zwischen kortikalen Neuronen zu bestehen. * Lenneberg. die Sprache stelle nur einen »Überbau« dar. daß die Reifung des Gehirns sich nach der Geburt voll- zieht und mit der Pubertät endet. den ich ohne Zögern voll- ziehe. kann sie sich so eng mit dem Er- kenntnisvermögen verbinden. je jünger das Kind ist. in welcher der ursprüngliche Spracherwerb möglich ist*. wird durch die anatomischen Gegebenheiten bestätigt. stätigt. 122 . erfordert es eine systematische. Treten solche Aphasien beim Kind auf. wenn sie zu Beginn der Pubertät oder später erfolgen. dessen eine Funktion es ist. Sprache aufzunehmen. die sprachliche Leistung und die durch sie zum Ausdruck gebrachte Erkenntnis in der Selbstbeobachtung auseinander zu halten. Darüber hinaus bestätigt eine ganze Reihe an- derer Beobachtungen. es ein wenig genauer auszu drücken: Von diesem postnatalen Wachstum des Kortex ist die Entwicklung der Erkenntnisfunk- tion zweifellos abhängig. sind. daß es uns sehr schwerfällt. daß es für den spontanen Erwerb der Sprache ein kritisches Alter gibt. Er setzt sich (sichtbar) nicht über die Pubertät hinaus fort und deckt sich folglich mit der »kritischen Periode«.a. Es wird im allgemeinen angenommen. will man im erwachsenen Alter eine zweite Sprache erler- nen. daß der Spracherwerb beim Kind nur deshalb so unerklärlich spontan erscheint.O.

eine enge Symbiose besteht.fest- gelegt ist. daß die Entwicklung der kortikalen Strukturen des Menschen unvermeidlich sehr stark beeinflußt werden mußte durch eine Sprachfähigkeit. seit sie im Stammbaum der Menschen auftrat. als er zum ersten Male ein gesprochenes Symbol benutzte. sondern entscheidend zur körperlichen Entwicklung des Menschen beigetragen hat. die Darwinsche Evolutionstheorie zu entwerfen. die nur das Ergebnis einer langen gemeinsamen Evolution sein kann. und sie haben darin eine Rückkehr zur kartesianischen Metaphysik ge- sehen. nicht nur die Entwicklung der Kultur ermög- licht. Doch hat der Sinanthropus oder einer seiner Kameraden an dem Tage. Das kommt der Annahme gleich.der des genetischen Code . gewaltig die Wahrscheinlichkeit gesteigert.nach Chomsky — folglich als angeboren und artspezifisch betrachtet werden. die schon sehr früh im unentwickelt- sten Zustande erworben worden war. daß die linguistische Tiefenanalyse nach Chomsky und seiner Schule unter der ungeheuren Vielfalt der mensch- lichen Sprachen eine allen Sprachen gemeinsame »Form« findet. Werden die kognitiven Funktionen dieses Werkzeuges beraubt. sobald man an- nimmt. 123 . ein Bestandteil der »menschlichen Natur« geworden. wel- che die Sprache hervorrufen und in ihr zum Ausdruck kommen. dann sind sie zum größ- ten Teil gelähmt und unbrauchbar. daß die gesprochene Sprache. so ist heute die Sprachfähigkeit. Wenn man den biologischen Inhalt dieser Vorstellung akzeptiert. daß eines Tages ein Gehirn auftauchen würde mit der Fähigkeit. dann finde ich sie keineswegs anstoßerregend. Man muß annehmen. Doch lassen sich der Umfang und die Verfeinerung des Erkennt- nisvermögens beim homo sapiens offensichtlich nur in der Sprache und durch die Sprache begründen. Man weiß. die ihrerseits im Genom in einer völlig anderen Sprache . Wenn das wirklich der Fall war. Die Sprachfähigkeit kann in diesem Sinne nicht mehr als ein Überbau angesehen werden.denn letzten Endes handelt es sich um ein Produkt des Zufalls. Diese Form muß . daß beim neuzeitlichen Menschen zwi- schen der Symbolsprache und den Erkenntnisfunktionen. Ein Wunder? Gewiß . um eine Kategorie darzustellen. die sich im Laufe der epigeneti- schen Entwicklung des Gehirns zeigt. sie erscheint mir im Gegenteil selbstverständlich. Bei einigen Philosophen und Anthropologen hat diese Vorstellung Anstoß erregt.

Bei der Biologie ist die Schwierigkeit anderer Art. Mutation und Translation) sich vereinbaren läßt. ob das alles Ergebnis einer riesigen Lotterie sein kann. daß solche Schwierigkeiten nicht als Argument gegen eine Theorie gelten können. Die allem zugrunde liegenden elementaren Wechselwirkungen sind wegen ihres mechanischen Charakters verhältnismäßig leicht zu begrei- fen. Diesen Mangel kann allein die Abstraktion ausgleichen. wie in der Physik. ist noch viel unglaublicher als das. Doch wissen wir ebenfalls. Das Wunder wurde zwar »er- klärt«. daß die elementaren Mechanismen der 124 . Die ungeheure Komplexität lebender Systeme aber versagt sich jeder umfassenden intuitiven Vorstellung. welche die Gewißheiten der Erfah- rung und der Logik für sich hat.« Das ist ebenso wahr wie die Tatsache. doch bleibt es für uns noch immer ein Wunder. Die Ursache unserer Verständ- nisschwierigkeiten im Bereich der Physik.kön- nen einem leicht wieder Zweifel kommen. Überprüft man aber im einzelnen die bis heute angehäuften Beweise. Der Größenmaßstab der beobachteten Erscheinungen ist mit den Kategorien unserer unmittelbaren Erfahrung nicht zu fassen. was wir armen Christen glauben. nach denen diese Konzeption wohl als einzige mit den Tatsachen (insbesondere mit den molekularen Vorgängen der Replikation. sei sie mikroskopisch oder kosmologisch. so gewinnt man zwar wieder sicheren Boden. Mauriac schreibt: »Was dieser Professor sagt. und an die wunderbare Leistungsfähigkeit von Lebe- wesen — angefangen vom Bakterium bis zum Menschen . uns von bestimmten Abstraktionen der modernen Physik eine befriedigende geistige Vorstellung zu machen. ohne ihn freilich zu beheben. ist dieses subjektive Unvermögen kein Argu- ment gegen die Theorie.Kapitel VIII Die Grenzen Bei dem Gedanken an den gewaltigen Weg. aber deshalb noch kein unmittelbares. den die Evolution seit vielleicht drei Milliarden Jahren zurückgelegt hat. an die ungeheure Vielfalt der Strukturen. daß es uns nicht gelingt. ist erkennbar. umfassendes und intuitives Verständnis des gesamten Evolutionsprozesses. bei der eine blinde Selektion nur wenige Gewinner ausersehen hat. In der Biologie. Heute kann man sagen. die durch sie geschaffen wurden.

Im vorliegenden Kapitel möchte ich versuchen. habe die Lösung der Frage nach dem Ursprung er- leichtert. Jede dieser Etappen wirft unterschiedliche Interpretations- probleme auf. denen die präbiotische chemi- sche Entwicklung gefolgt ist. die Entdeckung der universalen Mechanis - men. sondern auch dem Experiment in weitem Maße zu - gänglich. Im we - sentlichen ist das Problem jedoch gelöst. Vor vier Milliarden Jahren begünstigten die Be- 125 .Evolution nicht nur grundsätzlich begriffen. daß die Frage nicht nur fast völlig neu wiederaufgeworfen wurde und heute viel genauer formuliert wird. der zum Erscheinen der ersten Organismen geführt haben kann: a) Bildung der hauptsächlichen chemischen Bestandteile von Lebewesen auf der Erde. Die erste. das ist einerseits der Ursprung der ersten lebenden Systeme. Man könnte denken. und die Evolution steht nicht länger im Grenzbereich unserer Erkenntnis. Trotzdem wird der Begriff der Evolution der zentrale Begriff der Biologie bleiben. als es vorher schien. Diese Entdeckungen haben dazu geführt. oft »präbiotisch« genannte Phase ist nicht nur der Theorie. das jemals hervorge- treten ist: Ich meine das Zentralnervensystem des Menschen. die um diese »replikativen Strukturen« her um einen teleonomischen Apparat aufbaut und zur Urzelle führt. auch Ungewißheit herrscht und ohne Zweifel weiter herrschen wird. diese beiden Gren- zen zum Unbekannten hin abzustecken. seine genauere und vollständigere Be - stimmung wird noch lange Zeit in Anspruch nehmen. b) ausgehend von diesen Stoffen die Bildung der ersten repli- kationsfähigen Makromoleküle. so ist das Gesamtbild doch ziemlich klar. Die Grenzen der Erkenntnis liegen für mich an den beiden äußersten Punkten der Evolution. sondern auch genau identifiziert sind. c) die Evolution. auf denen die wesentlichen Eigenschaften aller Lebewesen beruhen. Wenn über die Wege. andererseits die Funktionsweise des am stärksten teleonomischen Systems. der Nukleotide und Aminosäuren. Die Lösung. A priori lassen sich drei Etappen des Prozesses definieren. die auch die Stabilität der Arten sichern: die Invarianz der DNS bei der Replikation und die teleonomisch gesicherte Kohärenz der Organismen. die man in dieser Frage gefunden hat. als es sich um die gleichen Mecha- nismen handelt. ist um so befriedigender. sie hat sich auch wegen dieser Entdeckungen als viel schwieriger erwiesen.

Zucker) auftreten. daß einige Wasserflächen auf der Erde in einem gegebenen Augenblick erhöhte Konzen- trationen der Hauptbestandteile der beiden Klassen biologischer Makromoleküle. die in ihrer allgemei- nen Struktur den »modernen« Makromolekülen ähnlich sind. daß diese Synthesen unter bestimmten Bedingun- gen. die Mutation und die Selektion. Nukleinsäuren und Proteine. daß eine Polynukleotid-Sequenz durch spontane Paarung tat- sächlich die Bildung von komplementären Sequenzelementen lenken kann. Ein solcher Mechanismus konnte natürlich nur sehr unwirksam sein und mußte zahllosen Irrtümern unterlie - gen. Aber die erste entscheidende Etappe ist noch nicht erreicht: die Bil- dung von Makromolekülen. der Aminosäuren und Nukleotide. Nun erhält man aus diesen einfachen Verbindungen in Gegenwart nicht- biologischer Katalysatoren ziemlich leicht zahlreiche komplexere Substanzen. bilden. zu wirken begonnen und sollten jenen Makromolekülen einen beträcht- lichen Vorteil verschaffen. ihre eigene Replikation ohne die Hilfe eines teleonomischen Apparats durchzuführen. Nach unserer Hypothese bestand die dritte Etappe im stufen- weisen Hervortreten teleonomischer Systeme. die aufgrund ihrer sequentiellen Struktur am besten in der Lage waren. deren Zusammentreffen durchaus plausibel ist. Orgel. die um die repli- *L. Es gab ebenfalls Wasser und Ammoniak. Bemerkens- wert ist nun. die den Bestandteilen der moder- nen Zelle analog oder gar mit ihnen identisch sind. die unter den Bedingungen der Ursuppe in der Lage sind.a. In dieser »präbiotischen Suppe« konnten sich verschiedene Makromoleküle durch Polymerisierung ihrer Vor- läufer. sich spontan zu ver- doppeln*. Man kann daher als erwiesen erachten. in Lösung ent- halten konnten. Tatsächlich hat man im Laboratorium unter »plausiblen« Bedingungen Polypeptide und Polynukleotide erhalten. Doch von dem Augenblick an. Bis hierher gibt es also keine größeren Schwierigkeiten. Man hat gezeigt.dingungen in der Atmosphäre und der Erdkruste die Anhäufung von bestimmten einfachen Kohlenstoffverbindungen wie etwa Methan. hatten die drei fundamentalen Prozesse der Evolu- tion : die Replikation.O. da dieser Mechanismus sich einschaltete. Diese Schwierigkeit ist aber nicht unüberwindlich. 126 . a. in großem Umfang Substanzen ergeben. unter denen Aminosäuren und Vorläufer der Nu- kleotide (stickstoffhaltige Basen.

eingeschlagen hat.in der folgenden Alternative angeben: 127 . bietet die gleichen gewaltigen Probleme wie das Auftauchen einer Membran mit selektiver Durchlässigkeit. Die chemische Gesamtanlage dieser Zelle ist die gleiche wie die aller anderen Lebewesen. Sie sind das Produkt einer Selektion. eine solche Evolution ohne Fossile zu rekon - struieren. läßt sich zumindest das Problem genau — mit einer gewissen Vereinfachung . An dieser Stelle erreicht man die wirkliche »Schall - mauer«. daß die Spuren der ersten. Doch da man heute weiß. man müßte eher von einem wirklichen Rätsel sprechen. Sie verwendet den gleichen genetischen Code und die gleiche Über- setzungsmechanik wie zum Beispiel die menschlichen Zellen. wie die Struk- tur einer Urzelle aussehen könnte . die selber in der DNS codiert sind: Der Code kann nur durch Übersetzungsergebnisse über - setzt werden. wie die Ursuppe auslaugte. Das ist die moderne Ausdrucksweise für das alte omne vivum ex ovo. Die Übersetzungsmaschine der modernen Zelle enthält mindestens fünfzig makromolekulare Bestandteile. wenn er nicht übersetzt wird. Es ist unmöglich. gar nichts »Primitives«. wirklich primitiven Strukturen verwischt wurden. sich das vorzustellen. das che- mische Potential zu mobilisieren und die Zellbestandteile zu synthetisieren. Die Entwicklung des Stoffwechselsystems. hat »lernen« müssen. Doch möchte man wenigstens eine plausible Hypo- these über den Weg vortragen. den diese Evolution — vor allem an ihrem Ausgangspunkt . das ja in dem Maße. kative Struktur herum einen Organismus. Tatsächlich dürfte man nicht von einem »Problem«. Das größte Problem ist jedoch die Herkunft des genetischen Code und des Mechanis - mus seiner Übersetzung. So haben die einfachsten Zellen. ohne die es keine lebensfähige Zelle geben kann. wie der Code zu dechiffrieren ist und daß er allgemeingültig ist. ist eine kleine Maschine von äußerster Komplexität und Leistungsfähigkeit und hat ihren gegenwärtigen Grad der Vollkommenheit vielleicht schon vor mehr als Milliarden Jahren erlangt. Der Code hat keinen Sinn. die durch fünfhundert oder tausend Milliarden Generationen hindurch eine derart mächtige teleonomische Apparatur hat zusammentragen können. die uns zur Erforschung zur Verfügung stehen. eine Urzelle aufbauen sollten. Das einfachste uns bekannte lebende System. denn wir haben keine Vorstellung davon. die Bakterienzelle. Wann und wie hat sich dieser Kreis in sich ge- schlossen? Es ist überaus schwierig.

daß sie deshalb nicht stimmt. wird man auf die zweite Hypothese verwiesen. Dieser Gedanke widerstrebt den meisten Wissenschaftlern. weil diese Hypothese. Das würde bedeuten. Da muß dann die Spekulation aus- helfen. zu- nächst. einer direkten Wechselwirkung zwischen den Aminosäuren und der replika- tiven Struktur zuzuschreiben wäre. in: >Journal of Molecular Biology< 38 (1968). Es bleibt das Rätsel. weil sie die Universalität des Code erklären würde. deren Bilanz vorerst als nega- tiv zu betrachten ist*. weil sie erlauben würde. dann. Man muß dann annehmen. daß das entscheidende Ereignis sich nur ein einziges Mal abgespielt hat. * Vgl. der Code. wie groß war vor dem Ereignis die Wahrscheinlichkeit dafür. so deshalb. sich grundsätzlich verifizieren ließe. das auch die Antwort auf eine andere sehr interessante Frage verbirgt. was an sich übrigens sehr wahrscheinlich ist. was kei- neswegs heißt. in dem die Sequenz oder Anordnung der Aminosäuren. Sie ist unangenehm aus mehreren Gründen. zu frei. daß es eintreffen würde ? Aufgrund der gegenwärtigen Struktur der belebten Natur ist die Hypothese nicht ausgeschlossen . Das Leben ist auf der Erde erschie- nen . ist das Resultat einer Serie von Zufalls wahlen. Sie gibt keine Erklärung für die Uni- versalität des Code. Die erste ist die bei weitem verführerischste Hypothese. 128 . Crick. uns einen ersten Translationsmechanis - mus vorzustellen. wobei es an ausgeklügelten Ideen nicht fehlt: das Feld ist frei. so wie wir ihn kennen. wenn sie richtig wäre. a) Die Struktur des Code erklärt sich aus chemischen oder ge nauer stereochemischen Gründen. S. daß die a priori-Wahrscheinlichkeit dieses Ereignisses fast null war. weil zwischen ihnen eine gewisse stereochemische Verwandtschaft bestand. aber kein primitives Translationsmodell anbietet. um eine bestimmte Amino säure darzustellen. Während man auf eine unwahrscheinliche Bestäti- gung wartet. b) Die Struktur des Code ist chemisch willkürlich. Es wurden auch schon zahlreiche Versuche ihrer Verifikation unternommen. die ihn nach und nach bereichert haben. die aber aus methodologischen Gründen unangenehm ist. schließlich und vor allem. daß nur einer unter zahlreichen Ausarbeitungsversuchen überlebt hat. aus der sich das Polypeptid ergibt. wenn ein bestimmtes Codon (Codeeinheit) »gewählt« wurde. Vielleicht ist das letzte Wort in dieser Sache noch nicht ge- sprochen. F.es ist im Gegenteil wahrscheinlich. 367-379.

eine endliche Größe hat. Sie widersetzt sich unserer all- gemeinmenschlichen Neigung: zu glauben. Indessen existiert das Univer- sum. bevor nicht die menschliche Art hervortrat. Die Naturwissenschaft kann über ein einmaliges Ereignis weder etwas sagen. das uns schon deshalb vor einem jeglichen Anthropozentrismus warnen sollte. Wenn es so einzigartig und einmalig war wie das Erscheinen des Lebens. Ist es da verwunderlich.nicht im voraus. der im Glücksspiel eine Milliarde gewonnen hat ? 129 . angefangen beim Code . Nun scheint aber die Biosphäre — schon aufgrund der Universalität ihrer Strukturen. Diese Deutung ist jedoch keineswegs zwingend.Wahrscheinlichkeit dafür. Das ist ein weiteres einmaliges Ereignis. die als einzige in der be- lebten Natur ein logisches System symbolischer Verständigung benützt. und es müssen also wohl Einzelereignisse vorfallen. Wir können zur gegenwär- tigen Stunde weder behaupten noch bestreiten. Unsere »Losnummer« kam beim Glücksspiel heraus. noch kann sie damit etwas anfangen. dann deshalb. Die moderne Natur- wissenschaft kennt keine notwendige Vorherbestimmtheit. Das Universum trug weder das Leben. Natür- lich ist es möglich. Die a priori. wie es sich vollendet . noch trug die Biosphäre den Menschen in sich. deren Wahrscheinlichkeit (Erwartungswahrscheinlichkeit vor dem Ereignis) verschwindend gering ist. daß wir unser Dasein als sonderbar empfinden . daß unter allen im Uni- versum möglichen Ereignissen ein besonderes Einzelereignis sich vollzieht. Wir müssen immer vor diesem so mächtigen Gefühl auf der Hut sein. Das Schicksal zeigt sich in dem Maße. daß alles vorherbestimmt sei. die eine Klasse bilden und deren a priori-Wahrscheinlichkeit.das Produkt eines einmaligen Ereignisses zu sein.wie jemand. Unsere Bestimmung war nicht ausgemacht. liegt nahe bei Null. soweit sie Wissenschaftler sind. daß das Leben auf der Erde ein einziges Mal aufgetreten sei und folglich vor sei- nem Auftreten fast keine Chancen für sein Dasein bestanden hätten. Diese Vorstellung ist nicht nur den Biologen unangenehm. weil es vor seinem Eintreten ebenso un- wahrscheinlich war. daß viele andere Versuche oder Varianten durch die Selektion ausgeschaltet wurden. daß diese Einmaligkeit darauf zurückgeht. so gering sie auch sein mag. Sie kann nur Ereignisse »abhandeln«. daß alle wirklich in der Welt existierenden Dinge von jeher notwendig gewesen seien.

Ein solcher Einwand ist auf jeden Fall unzutreffend. daß sie alle schwierige Probleme auf- werfen. Ich habe schon erwähnt. daß seine Be - mühungen. vorerst stimmen sie höchstens darin überein. Insbesondere dank einiger bemerkenswerter Experimente lassen sich derartige Probleme wenigstens klar formulieren*. Der Logiker könnte dem Biologen voraussagen. eines Tages zu einem gemeinsamen Ziel führen werden. kann man dann behaupten. die durch die epigenetische Entwicklung einer derart kom- plexen Struktur aufgeworfen werden. da kein logisches System imstande ist. Eine große Schwierigkeit bleibt indessen auch in diesem Fall bestehen: Die bewußte Er- fahrung eines Tieres ist uns unzugänglich und wird es zweifellos immer bleiben. die durch etwa 1014 bis 1015 Synapsen untereinander verbunden sind. und werde hier nicht darauf zurückkommen. wie sie das Zentralner- vensystem darstellt. Es umfaßt beim Menschen 1012 bis 1013 Neuronen. welches Rätsel die Fernwirkungen bei der Morphogenese aufgeben. als die Erfor- schung des menschlichen Gehirns . 130 . seine eigene Struktur vollständig zu beschreiben. Wenn uns aber diese Gegebenheit unzugänglich bleibt.Struktur und Funktion des Gehirns kön- nen und müssen gleichzeitig auf allen zugänglichen Ebenen un- tersucht werden. Dieser Hinweis käme allerdings zur falschen Zeit. die objektiven und die subjektiven Ergebnisse einer Erfahrung miteinander zu ver- gleichen. daß diese Forschungen. * Sperry. Zu den schwierigsten und bedeutendsten Problemen gehören jene. die sich sowohl hinsichtlich ihrer Methode wie auch ihres unmit- telbaren Gegenstandes stark unterscheiden. daß eine erschöpfende Be- schreibung der Funktionsweise des Gehirns etwa eines Frosches möglich sei? Das darf bezweifelt werden insofern.trotz aller Hindernisse. manche verbinden auch weit voneinander ent- fernte Nervenzellen. aussichtslos sind. Wie dem auch sei . in der Hoffnung. von dem wir annehmen können. weil sie die Möglichkeit bietet. weil wir von dieser absoluten Grenze der Erkenntnis noch weit entfernt sind. die gesamte Funktionsweise des menschlichen Ge - hirns zu »begreifen«. daß es weniger komplex und nicht so leistungsfähig ist wie unseres. passim. die dem Experimentieren entgegenstehen — für immer unersetzbar bleiben wird. wenn der Mensch das Zentralnervensystem eines Tieres untersucht.

Nun ist aber diese Theorie gerade angesichts unserer gegenwärtigen Kenntnisse über den Code und die Vorgänge der Übersetzung unhaltbar. und durch raffinierte Techniken hat man eine ansehnliche Menge von Unterlagen erlangt. Trotzdem ist die Analogie zwischen den kybernetischen Maschinen und dem Zentralnervensystem eindrucksvoll. Es ist wie diese beispielsweise in der Lage. 131 . denn ohne Zweifel liegt hier das letzte Geheimnis des Gedächtnisses. Trotz dieser weitgehenden Unkenntnis der Grundvorgänge des Zentralnervensystems hat die moderne Elektrophysiologie sehr bedeutsame Resultate über die Aufschlüsselung und Inte- gration von Nervensignalen besonders in den sensorischen Lei- tungsbahnen erbracht. Seit langer Zeit ist behauptet worden. Bei den Eigenschaften des Neurons als eines Integrators der Signale. daß er sich freilich auf die unteren Integrat ionsstufen beschränkt. daß das Neuron aufgrund seiner Leistungen sich gut mit den integrierten Teilen eines Elektronenrechners verglei- chen läßt. der zufolge das Gedächtnis in der Sequenz der Radikale gewisser Makromoleküle (Ribonukleinsäuren) verschlüsselt wird. und der Vergleich zwischen ihnen bleibt fruchtbar. aber keine direkten Beweise*. Damit glauben sie anscheinend die aus der Erforschung des genetischen Code gewonnenen Konzeptionen aufzunehmen und zu nutzen. Man muß aber sehen. wenn man die Funktionsweise des logischen Grund- elements. die für die Übertragung der Nervenimpulse auf eine Reihe von Synapsen verantwortlich sind. Doch ist dies eine wesent- liche Frage. die Erinnerung werde in Gestalt einer mehr oder weniger unum- kehrbaren Veränderung der molekularen Wechselwirkungen registriert. hat die Analyse vor allem gezeigt. nicht kennt. die synaptische Leitung als eine Folge molekularer Wech- selwirkungen erklären zu können. alle logischen Operationen der propositionalen Algebra durchzu - führen. Man ist indessen noch weit davon ent- fernt. Tatsächlich kann kein gegenwärtig in den modernen Rechnern verwendeter Einzelbestandteil derart viel- fältige und fein modulierte Leistungen erbringen. Von allen Untersuchungs- ebenen ist sie dem Experiment am leichtesten zugänglich. etwa auf die * Bei einigen Physiologen hat jüngst eine Theorie Glauben gefunden. Aber darüber hinaus kann es verschiedene Signale unter Berücksichtigung ihres zeitlichen Zusammentreffens addieren oder subtrahieren sowie die Frequenz der von ihm ausgesandten Signale in Abhängigkeit von der Amplitude der empfangenen Signale verändern. der Synapse. Diese Theorie hat die ganze Wahrscheinlichkeit für sich. die es (durch Vermittlung der Synapsen) von zahlrei- chen anderen Zellen empfangen kann. Man wird die Funktionsweise des Zentralnervensystems nicht verstehen.

ob hier nur ein »quantitativer« (Kom- plexitätsgrad) oder ein »qualitativer« Unterschied vorliegt. finden sich bei den Insekten. Es ist fraglich. Verfeinerung und Auffächerung der angebore nen Programme unter Einschluß dieser Erfahrungen. das heißt Darstellung und Simulation von äußeren Ereignissen oder Handlungsprogrammen des Tieres selbst. Gewiß kann man sich fragen. in dem das erste Gesetz der Dialektik anzuwenden ist. Wenn es einen Fall gibt. 5. Steuerung und zentrale Koordination der neuromotori- schen Tätigkeit in Abhängigkeit insbesondere von den senso rischen Reizen. die man kennt. Bereicherung. Diese ursprünglichen Funktionen lassen sich vielleicht in der folgenden Weise aufzählen und definieren: 1. wie Sprache und Ausdruck. 3. Mei- nes Erachtens ist eine solche Frage sinnlos. scheinen sich noch immer diesem Vergleich völlig zu entziehen. die das Gehirn in der Entwick- lungsreihe der Tiere. darunter auch des Menschen. dann ist es gewiß dieser Fall. Die in den ersten drei Punkten definierten Funktionen werden schon durch das Zentralnervensystem von Tieren erfüllt. 2. und ihre Zusammenfassung zu Klassen von Ereignissen entsprechend ihren Analogien. Nichts rechtfertigt die Annahme. Besonders die Verfeinerung der kognitiven Funktionen beim Menschen und die Fülle ihrer Anwendungen verdecken uns die ursprünglichen Funktionen. Erfindung. die den spezifischen Leistungen des Tieres angepaßt ist. die im Hinblick auf die Band breite der spezifischen Leistungen bedeutsam sind. Analyse.ersten Stufen der Auflösung sensorischer Reize. Verknüpfung dieser Klassen entsprechend den Koinzidenz. Die höheren Funktionen des Kortex. um eine Vorstellung der Außenwelt zu bilden. Aufzeichnung der Ereignisse. die man nicht zu den höheren rechnet. Bereitstellung von mehr oder weniger komplexen Hand lungsprogrammen in Gestalt genetisch festgelegter Schaltungen und ihre Auslösung in Abhängigkeit von besonderen Stimuli.oder Folgebeziehungen zwischen den Ereignissen. erfüllt hat. zum Beispiel von Glieder- füßlern (Arthropoden). 4. Filterung und Integration der äußeren sensori schen Reize. Die spektakulärsten Beispiele von sehr komplexen angeborenenHandlungsprogrammen. daß die elementaren Wechselwirkungen auf den verschiedenen Integrationsstufen unterschiedlicher Natur sind. ob die unter Punkt 4 zusammengefaßten Funktionen bei diesen Tieren eine bedeu - 132 .

die man vielleicht als »projektive« Funktionen bezeichnen könnte. daß der Frosch den unbeweglichen schwarzen Punkt nicht etwa verschmäht. doch es wird nicht weitergelei- tet. daß es sich tatsächlich so verhält. 2. Hier schiebt sich jedoch die Barriere des Bewußtseins vor. daß ein Gesichtsfeld. da das System nur durch ein Objekt in Bewegung erregt wird. B. Oxford University Press 1964. A Model of the Brain. Das Bild des schwarzen Punktes prägt sich ohne Zweifel der Netzhaut ein. was das Tier besonders in Abhängigkeit von seinem spezifischen Verhalten interessiert. dagegen nur Koordinations . nicht aber im Ruhezustand erken - nen***. Einen sehr bedeutenden Beitrag leisten diese Funktionen dagegen zum Verhalten der höheren Wirbel- losen.. und 3. und natürlich zum Verhal- ten aller Wirbeltiere. Gewisse Experimente mit Katzen geben uns eine Erklärung für die geheimnisvolle Tatsache. in: > Journal of Physiology< 119(1953) . während sie fliegt. Young. von dem gleichzeitig alle Farben des Spektrums reflektiert werden. Es muß hervorgehoben werden — und diese Tatsache wird durch die elektrophysiologische Untersuchung bestätigt -. tende Rolle spielen*. Der Frosch wird also nach der Fliege nur schnappen. So läßt zum Beispiel der hinter dem Auge eines Frosches befind- liche Analysator den Frosch eine Fliege (das heißt: einen schwar- zen Punkt) in Bewegung. 68 -88. Nur die unter Punkt 5 genannten Funktionen können eine subjektive Erfahrung schaffen. daß wir die äußeren Zeichen dieser Gehimtätigkeit (den Traum beispiels - weise) nur bei unseren nahen Verwandten erkennen. eine Art Zusammenfas - sung. Z. unter 1. Barlow.und Darstellungsfunktionen an- geführt. in der nur das in vollem Lichte erscheint. obwohl sie bei anderen Arten eventuell auch auftreten könnte. Dem Inhalt von Punkt 3 zufolge liefert die Analyse der Sinnes - eindrücke durch das Zentralnervensystem eine beschränkte und gelenkte Darstellung der Außenwelt. ** J. sind allein den höheren Wirbeltieren vorbehalten. und es mag sein. wie etwa des Tintenfisches**. Unter 4. Das Experiment zeigt deutlich. während das Weiße subjektiv als * Vielleicht mit Ausnahme der Bienen. Es ist im ganzen eine »kritische« Zusammenfassung in einem der kantischen Bedeutung komplementären Sinne. sind Erkenntnisfunktionen. als ein weißer Fleck gesehen wird.S. als stelle dieser mit Sicherheit keine Nahrung dar. *** H. 133 . Die unter Punkt 5 benannten Funktionen. und 5.

Diese modernen Entdeckungen geben somit in einem neuen Sinne Descartes und Kant gegen den radikalen Empirismus recht. Wiesel.N. S. Die Experimente* haben gezeigt. Bei der Untersuchung der Schaltkreise. der das Objekt wahrnimmt und es aus seinen einfachsten Elementen wieder zusammensetzt**. Sein Irrtum ist für einen Dichter in höchstem Grade verzeihlich. Noch heute scheinen einige Verhaltensforscher der Vorstellung anzuhängen. Es unterliegt ebenfalls keinem Zweifel. Richtung oder Farbe man ihnen das reale Objekt prä sentiert. 574-581. durch die eine im Blickfeld der Katze vorhandene Figur aufgelöst wird. H. N. zeigte sich. andere nur auf eine in umgekehrter Richtung geneigte Gerade. Goethe hatte also gegen Newton in einem subjektiven Sinne recht. Fehlen jeglicher Farbe gedeutet wird. vor allem nach geometrischen. die das Netzhautbild filtern und wieder zusammensetzen. Diese Analysatoren ziehen be- stimmte einfache Elemente aus dem Bild heraus und zwingen ihm schließlich die eigenen Beschränkungen auf. in: . sie werden vielmehr durch den sensorischen Analysator repräsentiert.unabhängig davon. daß die Elemente des * T. in welcher Größe. daß die Tiere in der Lage sind. der indessen seit zweihundert Jahren eine fast ununter- brochene Vorherrschaft in den Wissenschaften behauptet und den Verdacht der Unwissenschaftlichkeit gegen jegliche Hypo- these geschleudert hat. zu ordnen: Ein Tintenfisch oder eine Ratte können die Vorstellung von einem Dreieck. Einige Nervenzellen sprechen zum Beispiel nur auf eine von links nach rechts geneigte Gerade an. die das »Angeborensein« der Kategorien der Erkenntnis unterstellte. infolge sich überkreuzender Leitungshemmungen keine Signale absenden. einem Kreis oder einem Quadrat erlernen und diese Figuren fehlerfrei an ihren geometrischen Eigenschaften wiedererkennen .Journal of Physiology< 148 (1959). S. daß diese geometrischen Leistungen auf die Struktur der Schaltkreise zurückzuführen sind. 1115- 1156 ** D. Hubel und T. Objekte oder Beziehungen zwischen Objekten nach abstrakten Gesichtspunkten. Hubel. H. wenn die Netz- haut gleichmäßig dem gesamten Spektrum der sichtbaren Wel- lenlängen ausgesetzt wird. daß bestimmte Neuronen. die jeweils auf unterschied- liche Wellenlängen ansprechen.Wiesel und D. Die »Begriffe« der elementaren Geome trie sind also nicht so sehr in dem Objekt. 134 . in: »Journal of Neurophysiology< 29 (1966).

war sie für die Definition des Erb- guts unerläßlich. Die lang andauernde Kontroverse über Descartes' Idee von den »angeborenen Vorstellungen«. Lorenz.Verhaltens beim Tier entweder angeboren oder erlernt sind. daß solche grau- samen Experimente am Menschen. Chicago (University of Chicago Press) 1965. Der Mensch muß sich aus Achtung vor sich selbst versagen. Wenn das Verhalten Elemente enthält. durch den das Postulat von der Invarianz des Gens gerettet werden sollte. Die Verhaltensforscher führen solche Experimente tagtäglich durch. wo- bei das eine das andere absolut ausschließt. Auf diese Weise muß man zweifellos den Prozeß des ursprünglichen Spracherlernens beim Kinde deuten (vgl. die nur den wirklichen. Diese beiden Geisteshaltungen stehen einander im- * K. die von den Empiristen bestrit- ten wurden. Das Lernen wird durch die Struktur des Programms hervorgerufen und gelenkt. Derartige Probleme sind dem Experiment grundsätzlich zugänglich. das heißt genetisch fest- gelegt ist. die darunter das verborgene Abbild einer idealen Gestalt zu entdecken versuchen. Es gibt keinen Grund zu der Annahme. damit wird der Lerninhalt in eine feststehende »Form« eingebracht. Evolution and Modifikation of Behavior. erinnert an die Meinungsverschiedenheiten unter den Biologen über den Unterschied zwischen Genotypus und Phänotypus. in den Augen vieler nichtgenetisch orientierter Biologen war sie dagegen sehr suspekt: Sie sahen darin nur einen Kunstgriff. Es gibt nur zwei Arten von Gelehrten. insbesondere am Kind. das seinerseits angeboren. aber für den einzelnen und die Gesell- schaft sehr bedeutsamen Elementen des menschlichen Verhal- tens. konkreten Gegen- stand in seiner vollständigen Präsenz kennen wollen. so wurden sie nach einem Programm erworben. die durch das Erbgut der Art festgelegt ist. die durch Er - fahrung erworben wurden. Kap. sagte Alain: Die einen lieben die Ideen. Es ist allerdings undenkbar. weniger grundlegenden. 135 . durchgeführt würden. einige der konstitutiven Strukturen seines Wesens zu erforschen. ist eine derartige Vorstellung völlig falsch*. Für die Genetiker. daß es sich mit den Grundkategorien der Erkenntnis beim Menschen nicht genauso verhält und vielleicht ebenfalls mit vielen weiteren. und je - nen. Wieder einmal stoßen wir auf den Gegen- satz zwischen denen. VII). die diese grundlegende Unter- scheidung eingeführt hatten. und die anderen hassen die Ideen. Wie Konrad Lorenz nachdrücklich gezeigt hat.

einen Rahmen zu liefern. Nun ist aber diese Funktion nicht ausschließlich auf den Menschen beschränkt. Die besonderen Eigenschaften des menschlichen Gehirns scheinen mir dadurch charakterisiert zu sein. die der Sprache zugrunde liegen und sicher nur teilweise durch sie zum Ausdruck kommen. Der junge Hund. allein diese zahllosen. daß die Simulati- onsfähigkeit stark entwickelt ist und intensiv genutzt wird . durch die Auslese bereinigten Versuche konnten aus dem Zentralnerven- system wie aus jedem anderen Organ ein System entstehen las- sen. welche Abenteuer ihn erwarten und was für köstliche Schauder er dank der beruhigenden Gegenwart seines Herrn gefahrlos erleben wird. mer noch in der Naturwissenschaft gegenüber. um ihre Ergebnisse vorwegzunehmen und das Handeln vorzubereiten. subjektiv zu simulie- ren. welche Entdeckungen er machen wird. ihre Ausübung kommt im Spiel zum Vorschein.die Erfahrung. das heißt. und — beim Menschen . Es ist vollkommen richtig. in dem die an sich unbrauchbaren Einzeldaten der un- mittelbaren Erfahrung wirksam eingeordnet werden können. ihnen unablässig unrecht gibt. zu dem sie beitragen. sondern aus der im Laufe der Evolution von allen Generationen angehäuften Erfahrung. Allein diese zu- fällig geschöpfte Erfahrung. Doch kommt es nicht aus der gegenwärtigen Erfahrung. Aber beim (erwachsenen) Menschen wird die subjektive Simulation 136 . daß dieser Fortschritt. sei es der angeborene Rahmen der menschlichen Erkenntnis. auch das erblich Angeborene. der seine Freude ausdrückt. eine den Leistungen der Art entspre- chende Darstellung der Sinneswelt zu geben.und zwar auf der Basis der Erkenntnisfunktionen. In einem — sehr bedeutsamen — Sinne hatten die großen Em- piristen des 18. daß bei den Lebewesen alles aus der Er- fahrung stammt. Jahrhunderts indessen nicht unrecht. im wirren Durcheinander des Traumes. Beim Tier wie auch beim Kind scheint die subjektive Simula- tion nur teilweise von der neuromotorischen Aktivität getrennt zu sein. das seiner besonderen Funktion angepaßt war. für deren Fort- schritt sind beide durch ihren Gegensatz notwendig. wenn er beobachtet. stellt sich offensichtlich vor. Später wird er das alles noch einmal simulieren. Für die Verächter der Idee kann man freilich nur bedauern. er simu - liert im voraus. die im Falle des Gehirns darin besteht. sei es nun das stereotype Verhalten der Bienen. die jeder einzelne in jeder Genera- tion von neuem macht. daß sein Herr sich zum Spazier- gang vorbereitet.

zur höheren Funktion par excellence.was Chomsky unterstreicht — die Sprache selbst in ihrer schlichtesten Verwendung fast immer Neuerer: Sie überträgt eine subjektive Erfahrung. in welcher Richtung seine Phantasie spielt. Am eindrucksvollsten sind 137 .ab- strakte. mit Hilfe von Formen. daß es annähernd zeigt. die beweisen. Als ich einmal mein Bewußtsein ganz auf ein Gedankenexperiment konzen- triert hatte. mit denen die Simulation arbeitet. sie ist ein Gedankenexperiment. subjektive »Wirklichkeit«. sondern vielmehr als die . höchstens. sein »Be- wußtsein zu befreien«. mich mit ei- nem Eiweißmolekül zu identifizieren. Doch nicht in diesem Au- genblick tritt die Bedeutung des simulierten Experiments zu- tage. bei dem sie zum erstenmal simuliert worden ist. besitzt kein Mittel. daß ihre innere Reflexion nicht verbal ist. eine eigen- tümliche.üblicherweise wird der Simulationsvor- gang vollständig durch die Sprache verdeckt. jedes Mal neue Simulation. wenn es einmal symbolisch ausgedrückt wor- den ist. die schöpferische Eingebung geht nicht mehr mit demjenigen unter. Deshalb ist . daß sogar die komplexen Erkenntnisfunk- tionen beim Menschen nicht unmittelbar an die Sprache gebun- den sind oder an irgendein anderes symbolisches Ausdrucks- mittel. die sich auf Lockrufe und Warnungen beschränkt. zur schöpferischen Funkti- on. Kräften und Wechselwirkungen simuliert.wenn ich so sagen darf . eine eingebildete Erfahrung. habe ich mich selber dabei überrascht. Wie dem auch sei . alle Wissenschaftler müssen sich dessen bewußt geworden sein. Darin weicht die mensch- liche Sprache ebenfalls radikal von der tierischen Verständigung ab. Ich glaube. als Symbole ansehen sollte. die nur mit Mühe ein »Bild« im visuellen Sinne ergeben. daß man die nichtvisuellen Bilder. Man kann vor allem die Untersuchungen über verschie- dene Arten der Aphasie heranziehen. die ihm fast un- mittelbar folgt und mit dem Denken selber zu verschmelzen scheint. indem sie deren Operationen übersetzt und zu- sammenfaßt. Das intelligenteste Tier. die dem Gedankenexperi- ment unmittelbar zur Verfügung steht. sondern erst. das ganz sicher ziemlich deutlicher Simulationen fähig ist. Ich glaube nämlich nicht. Die sprachliche Symbolik läßt diese schöpferische Funktion deutlich werden. Doch sind zahlreiche objektive Beobachtungen be- kannt. welche ei- ner bestimmten Anzahl stereotypisierter konkreter Situationen entsprechen. Der Mensch dagegen kann von seinen subjektiven Erfahrungen sprechen: Die neue Erfahrung.

Bei einigen schwierigen Tests. in: >Proceedings of the National Academy of Sciences< 61 (1968). So wird ein vom rechten Auge erblickter oder von der rechten Hand ertasteter Gegenstand er- kannt. die (drei- dimensionale) Form eines mit einer der beiden Hände festgehal- tenen Gegenstandes mit der flächigen. über die der Australanthropus. die von der konkreten Erfahrung bestätigt wurden. in dessen Ver- lauf die Leistungsfähigkeit dieses Vorgangs und sein Wert fürs Überleben durch die Auslese im konkreten Handeln erprobt worden sind. daß die hohe Entfaltung dieser Fähigkeit beim Men- schen das Ergebnis eines Evolutionsprozesses ist. daß das Denken auf einem Vorgang subjektiver Simulation beruht. 138 . vorausgesetzt.vielleicht die neueren Experimente von Sperry an Versuchs- personen. ohne daß die Versuchsperson ihn benennen könnte. das seinerseits durch das Gedankenexperiment vorbereitet wurde. das sich ständig mit * J. daß dem Simulator die nötigen Informationselemente geliefert werden. eine Pantherjagd zu organisieren. Das Simulationsvermögen des Zentral- nervensystems ist also bei unseren Vorfahren wegen seiner Fä- higkeit der adäquaten Darstellung und der exakten Voraussage. der Pithec- anthropus oder sogar der homo sapiens von Cro-Magnon ver- fügte. das heißt: sie in Symbolsprache zu beschreiben und vorherzusehen. bis zu dem Grade entwickelt worden. W. Als ein Instrument der Vorwegnähme. mit den Waffen. deren beide Hirnhälften durch einen chirurgischen Schnitt im »corpus callosum« voneinander getrennt worden waren*. die Ereignisse im Universum zu »be- greifen«. angeborene logische Werkzeug nicht und erlaubt uns. S. erwies sich nun die rechte (aphasische) Hälfte als der »dominanten« linken Hälfte in der schnellen Unterscheidung weit überlegen. über die Möglichkeit zu spekulieren. den es beim homo sapiens erreicht hat. Der subjektive Simulator durfte sich nicht täuschen. Es ist verlockend. Bei diesen Versuchspersonen vermitteln die rechte Hand und das rechte Auge Informationen nur an die linke Hälfte des Gehirns und umgekehrt. Wenn man zu Recht der Ansicht sein darf. dann ist anzu- nehmen.1151. wenn es darum ging. vielleicht der »tiefgründigste« Teil der subjektiven Simulation durch die rechte Hälfte besorgt wird. auf einer Leinwand dar- gestellten Ausführung dieser Form zu verbinden. bei denen es darum ging. daß ein be- deutender. Sperry. Deshalb täuscht uns das von unseren Vorfahren ererbte. Levi-Agresti und R.

Doch ist diese Illusion so innig mit diesem Wesen verknüpft. Hier stoßen wir auf die Grenze. ist der Simula - tor das Werkzeug der Entdeckung und der Neuschöpfung. Anm. daß die vom Menschen geschaf- fenen mathematischen Formeln so getreu die Natur wiedergeben können. in dem scheinbaren Dualismus des menschlichen Wesens eine Illusion zu erkennen. Jahr- hunderts. man könne sie jemals aus der unmittelbaren Auffassung der Subjekti- vität auslöschen oder lernen. wie es funktioniert und wie es aufgebaut ist. wo sie doch nichts der Erfahrung verdanken. wir können das Ergebnis seiner Operationen durch die Sprache wiedergeben. Große Geister wie Einstein haben sich oft sehr darüber verwundert. Die Selbstbeobachtung mit allen ihren Gefahren sagt uns trotz allem ein wenig mehr darüber. Das physiologische Experiment ist in dieser Hinsicht noch immer fast wirkungslos. Gehirn und Geist sind für uns im aktuellen Er- leben noch genauso getrennt wie für die Menschen des 17. der durch die ungeheure. Durch die objektive Analyse werden wir genötigt. Bleibt schließlich die Sprach- analyse übrig. Übers. doch haben wir keine Vorstellung davon. Nichts verdanken sie freilich der konkreten. und zwar zu Recht. Und warum sollte man es im übrigen auch? Wer könnte die Erfahrung des Geistes bezweifeln? Verzichten * Die traditionelle philosophische Unterscheidung von Geist und Materie. Solange sie nicht überwunden ist. daß es eine vergebliche Hoffnung wäre. Wenn wir nach wissenschaftlicher Me- thode systematisch die Logik und die Erfahrung einander ge- genüberstellen. individuellen Erfahrung. 139 . affektiv und moralisch ohne die Illusion zu leben. schmerzliche Erfahrung unserer einfachen Vor- fahren gestaltet wurde.seinen eigenen Erfahrungsresultaten anreichert. dann vergleichen wir tatsächlich die Erfahrung dieser Vorfahren mit der gegenwärtigen Erfahrung. alles dagegen der Leistungsfähigkeit des Simulators. Wir können zwar die Existenz dieses wunderbaren Instruments erraten. die für uns immer noch fast genauso unüberwindlich ist wie für Descartes. Dank der Analyse der Logik seiner subjektiven Funktionsweise konnten die Regeln der objektiven Logik formuliert und neue symbolische Instrumente wie etwa die Mathematik geschaffen werden. d. im Sinne der kartesianischen Lehre. doch enthüllt die Sprache den Simulationsvor- gang nur über unbekannte Umformungen und läßt sicher nicht alle seine Operationen deutlich hervortreten. behält der Dualismus* seine phänomenologi- sche Wahrheit.

den Reichtum und die unergründliche Tiefe des genetischen und des kulturellen Erbes wie auch der bewußten und unbewußten persönlichen Erfah- rung zu erkennen. die Komplexität. das sich in uns einmalig und unwiderleglich selber bezeugt. dann leugnen wir nicht deren Existenz. sondern wir beginnen im Gegenteil. die zusammen das Wesen ausmachen.wir auf die Illusion. 140 . in der Seele eine immaterielle »Substanz« zu sehen.

gegenwärtige Erfahrung. Es trägt in sich . da es dem Australanthropus oder einem seiner Artverwandten gelang. die Evolution der Kul-tur.die Spuren.Kapitel IX Das Reich und die Finsternis An dem Tage. Dadurch änderten sich die Selektionsbedingungen von Grund auf. Der Selektionsdruck. Man kann sich denken. so haben wir gesagt. von nun an war sie mit der Entwicklung der Sprache eng verbunden und stand stark unter ihrem Einfluß. Daraus ergab sich der starke Selektionsdruck. Ein jegliches Lebewesen ist zugleich ein Fossil. wie diese gemeinsame Evolution Fortschritt. der die erste Evo- 141 . Das gilt für den Menschen noch viel stärker als für jede andere Tierart. der lediglich fähig war. vielleicht sogar die Male seiner Herkunft. Die physische Entwicklung des Menschen sollte sich noch lange Zeit fortsetzen. sondern den Inhalt einer subjektiven Erfahrung. weil sie eingeschränkt wurde durch die geringe Entwicklung eines Kortex. Des - halb auch ist diese Evolution so überraschend schnell verlaufen. weil er der Erbe einer doppelten Evolu-t ion ist . war ein neues Reich entstanden — das Reich der Ideen. die geistige Komponente immer unabhängiger wer- den gegenüber den Einschränkungen. Der moderne Mensch ist das Produkt dieser Evolutions- symbiose.der natürlichen und der »ideellen« Evolution. Doch mußte in dem Maße. nicht mehr nur eine konkrete. wie sich an den fossilen Schädelfunden zeigt. Unter jeder anderen Hypothese bliebe seine Entwicklung unverständlich. die dessen Operationen zum Ausdruck brachte. daß die Evolution der Ideen durch ei- nige hunderttausend Jahre der physischen Evolution nur wenig vorausgeeilt ist. einer persönlichen »Simulation« mitzuteilen. die ihrerseits durch die Entwicklung des Zentralnervensystems nach und nach aufgeho- ben wurden. Aufgrund dieser Evolution konnte der Mensch seine Herrschaft über das außermenschliche Universum aus- dehnen und brauchte weniger unter den Gefahren zu leiden. direkt mit dem unmittelbaren Überleben verknüpfte Ereignisse vorherzu- sehen. eine neue Evolution wurde möglich. der auf die Entstehung des Simulationsvermögens und der Sprache drän- gen sollte.und bis in die mikroskopische Struktur seiner Eiweißstoffe hinein . die es für ihn enthielt.

Es sollte nicht der letzte sein: in der Geschichte sind genügend Mas sen- morde bekannt. Ich habe nicht die Absicht. Der wichtige Punkt dabei ist. Zumindest von einer bestimmten Stufe der Entwicklung und Ausdehnung der Art an hat der Stammes- und Rassenkrieg offensichtlich eine bedeutende Rolle als Evo- lutionsfaktor gespielt. konnte daher nachlassen. hatte er keinen anderen ernst- haften Gegner mehr vor sich als sich selbst. Viel stärker noch als bei jedem anderen Tier wird beim Menschen gerade aufgrund seiner unendlich 142 . Alle Fachgelehrten sind sich darin einig. Das gilt jedoch nicht für den Menschen. der homo sapiens. die mit Intelligenz. In der tierischen Evolution tritt die Erschei- nung des intraspezifischen Kampfes äußerst selten auf. begangen hat.lutionsphase gelenkt hatte. Zähigkeit und Ehrgeiz am besten ausgestattet waren. daß die kulturelle Evolution während dieser Hundert- tausende von Jahren einen Einfluß auf die körperliche Entwick- lung nehmen mußte. Ich stimme allen Einwänden zu. daß der direkte Kampf. sondern auch in der physischen Evolution des Menschen eine gewiß sehr große Rolle gespielt haben. Er mußte jedoch gleichfalls den Zusammenhalt der Horde und die Aggressivität der Gruppe nach außen in noch stärkerem Maße begünstigen als den Mut des einzelnen. er nahm jedenfalls einen anderen Charakter an. die menschliche Evolution in zwei unterschiedliche Phasen einzu- teilen. Heute ist bei den Tieren der Krieg innerhalb der Art zwischen ver- schiedenen Rassen oder Gruppen unbekannt. Ich habe nur versucht. die Achtung der Stammesgesetze mehr noch als die Initiative. die nicht nur in der kulturel- len. intraspezifische Kampf auf Leben und Tod zu einem der wichtigsten Selektionsfaktoren innerhalb der menschlichen Art. den unser Vorfahre. die hauptsächlichen Ausprägungen des Selektionsdruckes aufzuzählen. daß der Neander- taler-Mensch durch einen brutalen Massenmord verschwunden ist. Bei den großen Säugetieren hat der zwischen den Männchen sehr häufig statt- findende Einzelkampf nur selten den Tod des Besiegten zur Folge. Von jetzt ab wurde der unmittelbare. die man gegen dieses verein- fachende Schema erheben wird. Da der Mensch vor nun an seine Umwelt beherrschte. Phantasie.Spencers »struggle for life« — in der Evolution der Ar- ten nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat. Es ist sehr gut möglich. In welche Richtung mußte dieser Selektionsdruck die mensch- liche Entwicklung drängen? Selbstverständlich hat er die Aus- dehnung jener Rassen fördern können.

Die Statistiken zeigen ganz im Gegenteil. das heißt in moderneren Worten: das genetische Überleben dieses »Tüch- tigsten« in einer größeren Nachkommenschaft. deren Umfang immer mehr schrumpfen wird. Das ging jedoch nur bis zu dem Augenblick. Sie hat zumindest nichts »Natürliches« im Darwinschen Sinne mehr. Ehrgeiz. Wenn in unseren Gesellschaften noch eine gewisse Selektion stattfindet. In dieser Situation liegt die Gefahr. wie allgemein bekannt ist. Die Mehrheit erreichte nicht das Pubertätsalter. Es liegt auf der Hand. mußten die kulturellen Eigentüm- lichkeiten einen Druck auf die Evolution des Genoms ausüben. sondern durch die Kultur gesteuert wurde. da das Verhalten nicht mehr hauptsächlich automatisch. Darüberhinaus geht aus den gleichen Statistiken hervor. der allein für die Evolution zählt. Heute leben viele dieser erblich Schwa- chen lange genug. daß diese beiden Entwicklungen in den nodernen Gesellschaften völlig voneinander gelöst sind. daß das beste Erbgut sich nach und nach bei einer Elite sammelt. Gegen den Verfall. 143 . Und von der Zeit an. Hier ist die Selektion aufgehoben worden. Es geht noch weiter: In einer noch nicht lange zurückliegen- den Zeit wurden selbst in den relativ »fortgeschrittenen« Gesell- schaften die körperlich und geistig weniger Tüchtigen automa- tisch und unerbittlich ausgeschieden. daß zwischen dem Intelli- genzquotienten (beziehungsweise dem kulturellen Niveau) and der durchschnittlichen Kinderzahl pro Elternpaar eine ne- gative Korrelation besteht. Intelligenz. um sich vermehren zu können. schützte sich die Art durch einen Mechanismus. Aber es handelt sich dabei um den persönlichen und nicht den genetischen Erfolg.viel größeren Autonomie der Selektionsdruck durch das Ver- halten in seiner Richtung bestimmt. wenn die natürliche Auslese aufgehoben ist. der unvermeidlich wird. wo sich wegen der zunehmenden Geschwindigkeit der Kulturentwicklung diese und die genetische Evolution vollständig voneinander lösen sollten. daß bezüglich des Intelligenzquotienten un- ter Ehegatten eine starke positive Korrelation besteht. dann för- dert sie nicht mehr das »Überleben des Tüchtigsten«. Mut und Phantasie sind in den modernen Gesellschaf- ten gewiß immer noch Erfolgsfaktoren. der heute dank der Fortschritte der sozialen Einsicht und der Sozialethik höchstens noch bei den allerschwersten Erbschäden wirksam wird.

einschneidend zu revidieren.: ihnen manchmal die Heilmittel entgegengehalten. und man hat. einer geistigen Not. Diese falsche Hoffnung. doch nur bei dem betroffenen Individuum. Die heutigen Gesellschaften werden nun aber von unvergleichlich viel dringenderen und schwereren Gefahren bedroht. Die moderne Moleku - largenetik stellt uns kein Mittel zur Verfügung. sondern von einem sehr viel tieferen und ernsteren Übel. Oft ist auf diese Gefahren hingewiesen worden. Zu einer sehr ernsten Gefahr werden sie jedoch erst auf lange Sicht . Es ist heute schwerlich zu fassen. von der Zerstörung der Natur oder gar von den Megatonnen-Bomben. Ich spreche hier nicht von der Bevölkerungsexplosion. und wahre Erkenntnis kann nur aus der syste- matischen Gegenüberstellung von Logik und Erfahrung stam- men. daß die in den fortgeschrittenen Gesellschaften herrschenden Bedingungen einer Nicht-Auslese oder einer Gegenauslese für die Art eine Ge - fahr darstellen. Die erstaunliche En tfaltung der Erkenntnis seit dreihundert Jahren zwingt den Menschen heute. die er sich von sich selbst und seinem Verhältnis zur Welt gemacht hat. die von einigen Halbgebildeten ver- breitet wird. muß zerstreut werd en. Zweifellos wird man einige Erbfehler abstellen können. wie eitel eine derartige Hoffnung ist: Der mikroskopische Maßstab des Genoms verbietet vorerst und ohne Zweifel auch in aller Zukunft solche Manipulationen. Indessen erwächst uns all dies — die geistige Not wie die Ge - walt der Megatonnen . sie zeigt im Gegenteil. um es mit neuen Qualitäten an - zureichern und einen genetischen »Übermenschen« zu schaffen. den neuesten Fortschritten der molekularen Genetik erwartete. die man von . warum dieser so einfache und klare Gedanke erst hunderttausend Jahre nach dem Hervor- treten des homo sapiens in aller Deutlichkeit im Reich der Ideen 144 . die seit Zehntausenden von Jahren tief verwurzelte Vorstellung. in einigen hundert Jahren. eine bewußte und strenge Selektion zu treffen.aus einem einfachen Gedanken: Die Na - tur ist objektiv. nicht aber in seiner Nachkommenschaft. Aber wer würde das wollen. mit dem wir auf das Erbgut einwirken kö nnten. Sie entstand durch die entscheidende Wende in der Entwicklung des Geistes und verschärft sich unaufhörlich.vielleicht in zehn oder fünfzehn Genera - tionen. Ab - gesehen von den Hirngespinsten der science-fiction bestünde das einzige Mittel zur »Verbesserung« der menschlichen Art darin. wer würde das wagen ? Es steht fest.

warum so hoch entwickelte Kulturen wie die chinesische diesen Gedanken nicht gekannt haben und ihn erst vom Westen lernen mußten. noch ist es begreiflich. Wie diese wollen sie ihre Struktur fortpflanzen und vermehren. Descartes und Bacon fast 2 5 oo Jahre hat dauern müssen.hat auftauchen können. dann verleiht sie ihr damit auch eine gesteigerte Ex- pansionskraft. Aber man kann mindestens versuchen. hängt nicht ei- gentlich von deren Struktur ab. es 145 . auf die eine Idee trifft. Die verstärkte Macht. endlich hervortrat. wie diese können sie ihren Inhalt vermischen. Der Verbreitungsgrad der Idee steht in keiner notwendigen Beziehung zu dem Anteil objektiver Wahr- heit. und damit auch von den Ideen. als diese die unbelebte Welt überschreitet. von einer Selektionstheorie der Ideen zu sprechen. daß sie sich durchsetzt. so haben doch die Ideen einige der Eigenschaften von Organis - men behalten. die für eine Gesellschaft in einer religiösen Ideologie liegt. Wenn eine Idee von einer Gruppe von Menschen angenommen wird und ihr mehr Zusammenhalt. die diese Kultur zuvor schon gefördert hat. warum es im Abendland von Thaies und Pythagoras bis zu Galilei. den sie enthalten mag. mehr Zielstrebigkeit und mehr Selbstvertrauen vermittelt. Das eigentliche Durchsetzungsvermögen einer Idee ist sehr viel schwieriger festzustellen. rekombinieren und wieder abtrennen. der bis dahin nur in der Anwendung der mechanischen Künste enthalten war. Ich gehe nicht so weit. Wenn auch das Reich des Abstrakten viel weiter noch über die belebte Natur hinausgeht. wodurch dann andererseits die Verbreitung der Idee gesichert wird. daß es von den gei- stigen Strukturen abhängt. und in dieser Evolution spielt die Selektion ohne jeden Zweifel eine große Rolle. wie diese haben sie schließlich eine Evolution. einige der Hauptfaktoren zu bestimmen. Für einen Biologen ist es verlockend. sondern davon. man kann kaum verstehen. bis dieser Gedanke. die Evolution der Ideen mit der Evolution der belebten Natur zu vergleichen. Deshalb läßt sich auch das Durchsetzungsvermögen einer solchen Idee nur schwer von ihrer Wirkungskraft trennen. daß diese Struk- tur angenommen worden ist. wenn diese die Idee annehmen. die dabei eine Rolle spielen. Der Wirkungsgrad einer Idee hängt von der Verhaltens- änderung ab. Diese Selektion muß notwendig auf zwei Ebenen vor sich gehen: auf der Ebene des Geistes und auf der Ebene der Wirkung. die sie beim einzelnen oder bei der Gruppe her- beiführt. Sagen wir so.

daß jene Ideen das größte Durchsetzungsvermögen haben. sie in Frage zu stellen. die den Menschen dadurch erklären. aller Religionen. aller Philosophien und selbst der Wissenschaft. Die Stabilität der Institutionen hängt bei den sozial lebenden Insekten fast überhaupt nicht von einem kulturellen Erbe. eine so ungeheure Gewalt über die einzelnen. daß sie ihm seinen Platz in einem notwendigen Schick- salsablauf zuweisen. es sei denn bei bestimmten Insekten: den Ameisen. aber sicher hätte niemand daran gedacht. Deshalb hatten die Gesetze. mit deren Hilfe die Geschlos- senheit des Stammes organisiert und garantiert wurde. daß es irgendwo in der Sprache des genetischen Code verzeichnet steht und sich spon- tan entwickelt. Außerhalb der menschlichen Gattung findet man nirgendwo im Tierreich sehr hoch differenzierte Sozialorgani- sationen. Diese Angst ist die Schöpferin aller Mythen. Beim Menschen sind die gesellschaftlichen Institutionen rein 146 . den Sinn des Daseins zu erforschen. so zweifle ich kaum daran.jene Angst. Vielleicht konnte der Mensch die Gesetze manchmal übertreten. daß sie die genetische Evolution der angeborenen Kate- gorien des menschlichen Gehirns beeinflußt haben müssen. Einige hunderttausend Jahre lang stimmte das Schicksal eines Menschen mit dem Los seiner Horde. Was mich angeht. es durch eine mythische Erklärung zu be- gründen und ihm dadurch Herrschaftsgewalt zu verleihen. Von ihnen haben wir zweifellos das Bedürfnis nach einer Erklärung geerbt . Aber es ist deutlich zu erkennen. die zu identifizieren uns im übrigen ziemlich schwerfällt. den Termiten und den Bienen. Wir sind die Nachfahren dieser Menschen. die uns zwingt. kommt man schwerlich um den Gedanken herum. daß dieses ge- bieterische Bedürfnis angeboren ist. wo seine Angst sich löst. das Stammesgesetz zu akzeptieren. die derartige Sozialstrukturen für die Selektion not- wendig annehmen mußten und die sie während so langer Zeit - räume innehatten. Das soziale Verhalten ist gänzlich angeboren und automatisch. seines Stammes überein. Bei der immensen Bedeutung. Durch diese Evolution mußte nicht nur die Bereitschaft gestei- gert werden. Der Stamm konnte nur überleben und sich verteidigen durch seinen Zusammen- halt. sie mußte auch das Bedürfnis wecken. völlig dagegen von der genetischen Überlieferung ab. außerhalb dessen er nicht überleben konnte.hängt aber sicher ebenso von gewissen angeborenen Strukturen ab.

ohne sich einem reinen Automatismus zu unterwerfen. sie knüpft. für diesen spricht und die Geschichte wie die Bestimmung der Menschen verkündet. Es brauchte eine gene- tische Unterlage. und in der »Republik« will er schließlich eine Maschine in Gang setzen. daß die Re- ligion bei unserer gesamten Art den Gesellschaftsstrukturen zu- grunde liegt ? Wie wollte man im übrigen erklären. bevor sie durch einen göttlichen Pro- pheten bereichert wird. daß in der un- ermeßlichen Vielfalt der Mythen. er sieht in der Geschichte nur einen allmählichen Verfall der idealen Formen. Von Platon bis Hegel und Marx bieten die großen philosophi- schen Systeme alle eine gesellschaftliche Ontogenese. Entwicklungsge- schichten sind. wenn er nicht selber der Begründer aller Dinge ist. das transzendentale Gesetz. Die großen Religionen haben die gleiche Form. das das Schicksal des ein- zelnen regiert. Aber das bloß kulturelle Erbe allein war nicht sicher und nicht stark genug. Wer wollte das übrigens auch wünschen? Die Erfindung der Mythen und Religionen und die Errichtung ge- waltiger philosophischer Systeme waren der Preis. »Geschichten« oder genauer: Ontogenien. Bei Platon ist es freilich eine Entstehungsgeschichte im umgekehrten Sinne. Er ist mehr eine Geschichte der Seelen als eine Ge - schichte der Menschen. Die ersten Mythen beziehen sich fast alle auf mehr oder weniger göttliche Helden. die der Geist benötigt. Der Buddhismus ist dagegen viel differenzierter und knüpft in seiner ursprünglichen Gestalt ausschließlich an das Karma an. Von allen großen Religionen ist die jüdisch-christliche in ihrem historischen Aufbau sicherlich die »primitivste«. daß alle die »Erklärungen«. sie besteht in der Lebensgeschichte eines begnadeten Propheten. damit daraus die Nahrung wurde. Für Marx wie für Hegel läuft die Geschichte nach einem im- 147 . Wäre es nicht so. wie wollte man erklären. mit deren großer Tat die Entstehung der Gruppe erklärt und ihre Sozialstruktur auf un- antastbare Traditionen gegründet wird: denn man arbeitet die Geschichte nicht um. direkt an die Heldentat eines Beduinen- stammes an. Religionen und philosophi- schen Lehren stets die gleiche Grund-»Form« wiederkehrt? Es ist unschwer zu sehen.kulturbedingt und werden niemals eine derartige Stabilität er- reichen können. um den der Mensch als soziales Lebewesen hat überleben können. um die sozialen Strukturen abzustützen. der. mit der sich die Zeit zurückdrehen läßt. die das Gesetz begründen und die Angst beschwichtigen sollen. die zu- gleich explikativer und normativer Natur ist.

Sie wollte eine hunderttausendjährige. wenn die »Erklärung«. daß sie das Verspre- chen einer Befreiung des Menschen enthält. die keine Erklärung bietet. akzeptiert werden? Sie ist nicht akzeptiert worden. ist nicht allein darauf zurückzuführen. aus der langen animistischen* Tradition hervorgehen muß - dann ist es begreiflich. sie hob den alten animistischen Bund des Menschen mit der Natur auf und hinterließ anstelle dieser unersetzlichen Verbindung nur ein ängstliches Suchen in einer eisigen. bis die Idee der objektiven Erkenntnis als der einzigen Quelle authentischer Wahrheit im Reich der Ideen er- schien. gegenwärtigen und zukünftigen Geschichte gibt. Wenn sie sich trotzdem durchge- * Es sollte vielleicht erneut betont werden. Es mußte der dialekti- sche Materialismus hinzutreten.sie steigerte die Angst aufs höchste. daß sie eine Ontogenese enthält. bedeutsamen und beruhigenden Erklärung zu machen. blieb der historische Materialismus etwas Bruchstückhaftes.manenten. 148 . um den Eindruck einer wirk- lichen. Wie konnte eine solche Idee. die der Geist benötigt: Die Geschichte des Menschen und die des Kosmos sind darin vereint. der seinerseits die umfassende Erklärung liefert. sondern einen asketischen Verzicht auf jede weitere geistige Nahrung fordert. wenn die Angst nur durch eine Erklärung beschwichtigt werden kann. für die nichts als eine puritanische Anmaßung zu sprechen schien. die in Gestalt einer umfassenden Geschichte die Bedeutung des Menschen aufzeigt. daß ich dieses Adjektiv in einem besonderen. konnte die angeborene Angst nicht beruhigen. notwendigen und positiven Plan ab. 40). Diese strenge und nüchterne Idee. daß das Bedürfnis nach einer umfassenden Er- klärung angeboren ist und daß das Fehlen einer solchen Erklä - rung eine Ursache tiefer Angst ist. daß so viele Tausende von Jahren ver- gehen mußten. Wenn es stimmt. Be- schränkt auf die menschliche Geschichte und selbst mit den Si- cherheiten der »Wissenschaft« ausstaffiert. daß sie eine vollständige und detaillierte Erklärung der vergan- genen. S. ganz dem menschlichen Wesen assi- milierte Tradition mit einem Schlage auslöschen. als gehorch- ten sie beiden den gleichen ewigen Gesetzen. in Kapitel II definierten Sinne verwende (vgl. Daß die marxi- stische Ideologie einen so ungeheuren Einfluß auf die Geister hat. verlorenen Welt. indem sie ihm einen notwendigen Platz in den Plänen der Natur zuweist. sondern auch und sicherlich vor allem darauf. im Gegenteil . bis heute noch nicht.

Die moderne Gesellschaft ist auf der Grundlage der Wissen- schaft errichtet. Die »liberalen« Gesellschaften des Westens verkünden als Grund- lage ihrer Moral nach außen immer noch eine abstoßende Mi- schung aus jüdisch-christlicher Religiosität. Vor unserer Gesellschaft hat keine andere eine ähnliche Zer- rissenheit erlebt. sie genießt alle Reichtümer. die auf den überlieferten Animismus als Quelle der Erkenntnis. »wissenschaftli - 149 . Die Gesellschaft der Neuzeit hat die Reichtümer und Möglich- keiten akzeptiert. wie ein finsterer Abgrund sich vor uns auftut. hat aber die ur- sprünglich unbewußte Entscheidung für eine wissenschaftliche Praxis die Entwicklung der Kultur ebenfalls in eine Einbahn- straße gelenkt. Unsere Gesellschaft ist mit allen Möglichkei- ten ausgerüstet. ihr verdankt sie ihren Reichtum. Der »wissenschaftliche« Fortschrittsglaube des 19. In den primitiven wie in den klassischen Kultu- ren fielen die Quellen der Erkenntnis und der Wertvorstellungen in der animistischen Überlieferung zusammen. daß mit der animistischen Tradition radikal gebrochen werden muß. So wie eine grundlegende »Entscheidung« in der biologischen Evolution einer Art die Zukunft ihrer ge- samten Nachkommenschaft festlegen kann. Zum erstenmal in der Geschichte soll eine Zivilisation entstehen. daß dem Menschen morgen. wir sehen heute. Doch die wichtigste Botschaft der Wissenschaft hat sie nicht akzep- tiert. aber sie versucht noch. welche die Wissenschaft ihr eröffnete. die die Wissenschaft ihr gibt. Wertsysteme zu praktizieren und zu lehren. dann allein aufgrund ihrer erstaunlichen Leistungsfä- higkeit. die ihr die Wissenschaft schenkt. In drei Jahrhunderten hat die durch das Objektivitätspostulat begründete Wissenschaft ihren Platz in der Gesellschaft erobert: in der Praxis wohlgemerkt. ihre Macht und die Gewißheit. Jahrhunderts meinte. diese Bahn müsse unfehlbar zu einer wunderbaren Entfaltung der Menschheit führen. setzt hat. die schon an der Wurzel durch eben diese Wissenschaft zerstört sind. noch viel größere Reichtümer und Möglichkeiten zur Verfü- gung stehen können. so er will. daß die Grundlagen der Ethik einer totalen Revision bedürfen. sie hat sie kaum wahrgenommen: daß eine neue und aus- schließliche Quelle der Wahrheit bestimmt worden ist. als Ur- sprung der Wahrheit verzichtet. daß der »Alte Bund« definitiv aufzugeben und ein neuer Bund zu schmieden ist. aber in der Begründung ihrer Wertvorstellungen hoffnungslos an ihn gebunden bleibt. aber nicht im Geiste der Menschen.

das heute so viele Men- schen angesichts der wissenschaftlichen Zivilisation empfinden.auf jeden Fall ein Gefühl der Entfremdung. die bisher ihre Stärke ausgemacht hat. Es ist schon richtig. daß die Wissenschaft die Wertvorstel- lungen antastet. aber sie wollen sie nicht respektieren und ihr dienen. daß es das Gewissen eines jeden Menschen quält und zerreißt. Das trifft alle jene. So groß ist die Kluft und so offenkundig die Lüge. Die geistige Not der Moderne . der über einige Kultur und Intelligenz verfügt und von jener moralischen Angst nicht losgelassen wird. Ungeachtet dessen lassen sich alle diese im Animismus verwurzelten Systeme nicht mit der objektiven Erkenntnis und der Wahrheit vereinbaren. Es läßt sich natürlich leicht erwidern. der Zerstörung der Natur und der bedrohlichen Bevölkerungs- entwicklung. sondern eine unzulängliche Technik verrät. daß jedes Jahr Millio- nen Kinder vom Tode gerettet werden: sollte man sie wieder sterben lassen? Was ist das für eine oberflächliche Rede. sie stehen der Wissenschaft gleichgültig und schließlich sogar feindselig gegenüber: sie wollen sich die Wissenschaft zunutze machen. daß die Technik nicht die Wissenschaft ist und daß im übrigen die Nut- zung der Atomenergie bald für das Überleben der Menschheit unerläßlich sein wird. die die Ursache allen Schaffens ist. »natürlichen« Menschenrechten und utilitaristischem Pragmatismus. die die Anzeichen mit den tieferen Ursachen des Übels verwechselt. aber auch verletzlicher . Nicht direkt zwar. vor dem Anschlag auf die Wertvorstellungen. die für die Entwicklung der Gesellschaft und der Kultur Verantwortung tragen oder tragen werden.vielleicht gerade wegen der Strenge. Die Absage richtet sich deutlich gegen die wichtigste Botschaft der Wissen- schaft. Die marxistischen Gesell- schaften bekennen sich noch immer zur materialistischen und dialektischen Religion der Geschichte. Ihre moralische Verfas- sung ist anscheinend solider als jene der liberalen Gesellschaften. Diese Furcht ist völlig gerechtfer- tigt. daß die Zerstörung der Natur nicht zu viel.cher« Fortschrittsgläubigkeit.das ist diese Lüge. die dem moralischen und gesellschaftlichen Dasein zugrunde liegt. wenn nicht gar Haß hervor . Man fürchtet sich vor dem Sakrileg. denn sie gibt keine Urteile 150 . Dieses mehr oder weniger undeutlich diagnostizie rte Leiden ruft das Gefühl von Furcht. daß die Be- völkerungsexplosion darauf zurückgeht. Die Aversion kommt offen zumeist gegenüber den technischen Nebenprodukten der Wissenschaft zum Ausdruck: der Bombe.

dann muß der Mensch endlich aus seinem tausendjährigen Traum erwachen und seine totale Verlassenheit. daß die objek- tive Wahrheit und die Lehre von den Werten auf ewig getrennte Bereiche bleiben.von den australischen Ureinwohnern bis zu den materialistischen Dialektikern . Leiden oder Verbrechen. das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen. auf denen für die animistische Tradition . seine radikale Fremdheit erkennen. Jede 151 . Nun weiß er. weil schon die Definition der »wahren« Erkenntnis letzten En - des auf einer ethischen Forderung beruht. Er weiß nun. die sich nicht nur gegen den Leib. dann scheinen sie sich in der gleichgültigen Leere des Universums aufzulösen. Ich halte sie nicht nur für unannehmbar für die meisten Menschen. Aber wer bestimmt denn. Wo ist Abhilfe ? Muß man ein für allemal zugeben. er kann jetzt ihre schreckliche Zerstörungs - kraft ermessen. sondern ge- rade gegen den Geist richtet. Er war nicht Herr über die Werte: Sie waren ihm aufgezwungen. aber sie zerstört alle mythischen oder philosophischen Ontogenien. Jeder dieser beiden Punkte verlangt eine kurze Ausführung. Wenn er diese Botschaft in ihrer vollen Bedeutung aufnimmt. sondern für absolut falsch. was ein Verbrechen ist? Wer be- nennt das Gute und das Böse ? In allen überlieferten Systemen gingen die Ethik und die Wertvorstellungen über die Verstan- deskraft des Menschen hinaus. und er war ihnen unter- worfen. und zwar aus zwei wichtigen Gründen: Zunächst natürlich. die Pflichten. Darum wen- det der moderne Mensch sich von der Wissenschaft ab oder vielmehr gegen sie. dann und vor allem. Rechte und Verbote beruhen sollten. daß sie allein seine Sache sind. die nichts miteinander zu tun haben? Diese Einstellung scheint bei einem großen Teil der modernen Denker vorzuherrschen. Das Han- deln bringt gleichzeitig das Wissen und die Werte ins Spiel.die Werte. daß er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat. die Moral. Philosophen oder selbst Wissenschaftler. Die Ethik und die Erkenntnis werden unvermeidlich im Han- deln und durch das Handeln miteinander verbunden. und macht er sie sich schließlich Untertan. seien sie nun Schriftsteller.über sie ab und soll sie auch ignorieren. weil Wertvor- stellungen und Erkenntnis im Handeln wie in der Re de immer und notwendig miteinander verknüpft werden. bei denen sie nur die Angst aufrecht - erhalten und schüren kann.

dient bestimmten Werten oder ist ihnen abträglich. denn der Animismus vermeidet jegliche scharfe Unterscheidung zwischen diesen beiden Kategorien: Er betrachtet sie als zwei Aspekte einer Wirklichkeit. so bin ich versucht. Durch diese Unter- scheidung wurde es nicht nur der Wissenschaft ermöglicht. Die Wissenschaft entstand dadurch. daß dies vielleicht teilweise darauf zurückgeht. während die ihrem Wesen nach nicht objektive Ethik für immer vom Objekt- bereich der Erkenntnis ausgeschlossen ist. 152 . die unaus- gesprochene Moral des Marxismus explizit zu machen. durch die Unterschei- dung wurde der Geist auch auf die sehr viel radikalere Unter- scheidung vorbereitet. erhaben. Dem Abendländer mag es einige Mühe bereiten zu begreifen. Wenn dieses einmalige Ereignis in der Kulturgeschichte sich eher im christlichen Abendland als innerhalb einer anderen Kul- tur vollzogen hat. In dem Augenblick. daß es den Unterschied zwischen dem Sakralen und dem Profanen für manche Religionen nicht gibt und nicht geben kann. stellt eine Wertentscheidung dar oder gibt es vor. an dieser Stelle anzumer- ken. die auf angeblichen »Naturrechten« des Menschen gründet. Andererseits aber setzt jede Handlung notwendig ein Wissen voraus. Handlung drückt eine Ethik aus. Für den Hinduismus gehört alles zum Bereich des Heiligen. wo die Forderung der Objektivität als der notwendigen Bedingung für jegliche Wahrheit der Erkennt- nis erhoben wird. Eine derartige Haltung offenbart sich in der Vorstellung einer Sozialethik. das sich nicht auf den »erkenntnistheoretischen Wert« bezieht. noch viel systematischer und deutlicher zeigt sie sich jedoch in den Versuchen. daß die radikale Unter- scheidung dieser beiden Bereiche zum Axiom erhoben würde. Die eigentliche Erkenntnis ist über jegliches Werturteil. sich ihren eigenen Weg zu suchen (unter der Bedingung. In einem animistischen System entsteht kein Konflikt durch die gegenseitige Durchdringung von Ethik und Erkenntnis. wird eine radikale Trennung zwischen den Bereichen der Ethik und der Erkenntnis eingeführt. schon der Begriff des »Weltlichen« ist ihm unverständ- lich. die für die Erforschung der Wahrheit auch unerläßlich ist. und umgekehrt ist die Handlung eine der beiden unerläßlichen Quellen der Erkenntnis. die mit dem Objektivitätsgrundsatz auf- gestellt wurde. daß sie nicht in den sakralen Bereich eindrang). daß die Kirche zwischen den Bereichen des Heiligen und des Profanen einen grundlegenden Unterschied machte.

wenn (oder wie) es die Unterscheidung der beiden Katego- rien. kann und will übrigens auch nicht eine absolute Unter- scheidung zwischen Erkenntnisaussagen und Werturteilen tref- fen. durch das die objektive Erkenntnis begründet wird. (Hierin liegt grundsätzlich das logische Verbindungsglied zwischen Erkenntnis und Wertung. selbst wenn sie ungewollt sind. ihre volle Bedeutung enthüllen. eine Verhaltensvorschrift. in dem Ethik und Erkenntnis sich treffen. die es miteinander verbindet. zwischen Wertkategorien und Erkenntniskategorien zu unterscheiden. als authentisch betrachtet werden soll. ist selber nicht objektiv und kann es nicht sein: Es ist eine moralische Regel. nicht auseinandergehalten werden. daß im Universum eine zwar verborgene. Der Animismüs. dieses »erste Gebot«. aber nicht vermischen. Es gilt jedoch weiterhin. Aber dieses Verbot. Es ist ganz deutlich. so hatten wir gesagt. wo sie dem Menschen. in der die beiden Kategorien mitein- ander vermengt. Kommen wir nach dieser Abschweifung zur Sache zurück. in dem die Wertungen und die Wahrheit sich miteinander verbinden. doch um sie zu be- gründen. Die nichtauthentische Rede.und Werturteilen untersagt. deutlich macht und aufrecht- erhält. daß diese beiden Kategorien im Handeln und damit auch in der Rede unvermeidbar miteinander ver- knüpft werden. wenn man unterstellt. bedarf es eines Werturteils oder vielmehr eines wer- 153 . Um unserem Grundsatz treu zu bleiben. und zwar nicht nur von den Berufspolitikern. wird der Begriff der Authentizität zu dem Bereich. Aber kehren wir nach dieser weiteren Abschweifung zu den Quellen der Erkenntnis zurück. denn welchen Sinn hätte eine derartige Unterscheidung. der aufmerksam ihre Untertöne wahrnimmt. daß diese gefährliche Verquickung syste- matisch und immer wieder in der »politischen« Rede (»Rede« verstehe ich hier immer im Sinne von Descartes' >Discours<) vollzogen wird. kann umge- kehrt nur zum schlimmsten Unsinn und zur frevelhaftesten Lüge führen.) Die wahre Erkenntnis kennt keine Wertung. aber doch vorhandene Absicht herrscht? In einem objektiven System ist dagegen jegliche Vermischung von Erkenntnis und Wertung verboten. So definiert. daß eine Rede (oder ein Handeln) nur dann (oder in dem Maße) als gültig. Durch die Forderung nach Objektivität wurde der »Alte Bund« aufgehoben und damit gleichzeitig jegliche Verwechslung oder Vermischung von Erkenntnis . be- stimmen wir daher. Selbst Wissenschaftler zeigen sich außerhalb ihres Gebietes oft in gefährlicher Weise unfähig.

aber ihn ebenso unterjochen können. Die Ethik der Erkenntnis zwingt sich dem Menschen nicht auf. es ist im Gegenteil der Mensch. die die Erkenntnis begründet. läßt sich mit die- ser Welt vereinbaren. Darin liegt ein radikaler Unterschied zu den animistischen Systemen der Ethik. dann trifft man folglich das grund- legende Urteil einer Ethik — der Ethik der Erkenntnis. sie lebt von deren Pro - dukten und ist davon so abhängig geworden wie ein Süchtiger von der Droge. um- 154 . indem er sie axiomatisch zur Bedingung für die Authentizität. Die >Abhandlung über die Methode< (>Discours de la Methode<) von Descartes enthält eine normative Erkenntnistheorie. In der Ethik der Erkenntnis wird die Erkenntnis durch die ethi- sche Entscheidung für einen grundlegenden Wert begründet. die alle dadurch begründet sein wollen. denn dem Postu - lat Zufolge konnte es vor dieser unausweichlichen Entscheidung keine »wahre« Erkenntnis geben. Wenn man das Ob - jektivitätspostulat akzeptiert. als eine Askeseübung des Geistes. doch muß man sie auch und vor allem als eine moralische Meditation ver- stehen. allein diese Ethik kann. die Wahrhaftigkeit aller Rede und allen Handelns macht. der sie sich selbst auferlegt. daß sie für den Menschen zwingende religiöse oder »natürliche« Gesetze »er- kennen«. Ihre materielle Stärke verdankt sie jener Ethik. Die authentische Rede nun begründet die Wissenschaft und gibt dem Menschen jene ungeheuren Möglichkeiten in die Hand. er reißt jenen Abgrund auf. durch die die Welt von heute geschaffen wurde.wahr ist. der in der objektiven Erkenntnis selbst besteht. Doch kann diese Ethik jemals verstanden und akzeptiert wer- den ? Wenn es — wie ich glaube .tenden Axioms. Allein die Ethik der Erkenntnis. Das Objektivitätspostulat stellt die Norm für die Erkenntnis auf und legt dafür einen Wert fest. Die Aufstellung des Objektivitätspostulats als Bedingung wahrer Erkenntnis stellt offensichtlich eine ethi- sche Entscheidung und nicht ein Erkenntnisurteil dar. die Entwicklung dieser Welt lenken. daß die Angst vor der Verlassenheit und das Bedürfnis nach einer zwingenden. Die moderne Gesellschaft ist von der Wissenschaft durchwoben. wenn sie einmal verstanden und akzeptiert worden ist. der sich unter unseren Füßen öffnet. die ihm Freiheit geben. auf die sie sich noch immer zu berufen versucht und die durch die Erkenntnis selbst zerstört wurden. die ihn heute bereichern und bedrohen. Dieser Widerspruch ist tödlich. ihre moralische Schwäche jenen Wertsys temen.

Sie kann in ihm das nicht so sehr absurde. Vielleicht hat der Mensch mehr noch als nach einer »Erklärung«. gerade weil sie ein so hohes Ziel verfolgt. dieses Bedürfnis nach Transzendenz be- friedigen. wenn es nicht zumindest ein Ideal enthält.ist es da denk- bar. welche die Ethik der Erkenntnis nicht ver- mitteln kann. daß seine Aufopferung für das Ideal im Notfall gerechtfertigt ist. sie haben ihn erniedrigt und ihm Gewalt ange- tan . 155 . sondern mit Sicherheit ein genetisches Erbe ist . der sich in Kunst und Dichtung und in der menschlichen Liebe ausdrückt. ein Wesen. sie haben ihn dahin bringen wollen. dieses Erbe zu achten und auf sich zu nehmen. gewisse Merkmale. die seiner tierischen Beschaffenheit innewohnen. mit Schrecken und Abscheu an sich wahrzunehmen. das sich zugleich gepeinigt und bereichert sieht durch jenen Zwiespalt. Die Ethik der Erkenntnis ist indessen auch ein Humanis - mus. abstrakte und hochmütige Ethik die Angst beschwichtigen und das Bedürfnis stillen kann? Ich weiß es nicht. Kein Wert- system kann von sich sagen. denn sie achtet im Menschen den Schöpfer und Bewahrer dieser Transzendenz. der Bedürfnisse und Grenzen des biologischen Wesens Mensch. das gleichzeitig zwei Herrschaften unter- worfen ist: dem Reich der belebten Natur und dem Reich der Ideen. In einem Sinne ist die Ethik der Erkenntnis gleichermaßen ei- ne »Erkenntnis der Ethik«. das Bedürfnis nach Transzendenz ? Die Wirkung des großen Trau- mes vom Sozialismus. eine wirkliche Ethik darzustellen. zu beherrschen. das über den einzel- nen so weit hinausgeht. sondern ihm von nun an durch eine freie und bewußte Entscheidung dienstbar zu sein. Sie legt einen überragenden Wert fest und gibt dem Menschen auf. vielleicht ist es schließlich doch nicht völlig ausge- schlossen. es aber auch. Die animistischen Systeme haben im Gegensatz dazu alle mehr oder weniger den biologischen Menschen nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Die Ethik der Erkenntnis da- gegen ermutigt den Menschen. der noch immer in den Herzen der Men- schen lebendig ist.fassenden Erklärung angeboren sind und daß dieses aus der Tiefe der Zeiten überkommene Erbe ein nicht nur kulturelles. über sich selbst hinauszugehen. Die Ethik der Erkenntnis kann vielleicht. wenn es sein muß. das Bedürfnis. ein Wesen. daß diese nüchterne. aber doch sonderbare und gerade aufgrund seiner Sonderbarkeit einmalige Tier er- kennen. der Antriebe und Leidenschaften. scheint das klar zu beweisen. nicht sich seiner zu bedienen.

Wie kann ein wahrer Sozialis - mus jemals auf einer ihrem Wesen nach unwahrhaftigen Ideolo- gie errichtet werden — einer Karikatur der Wissenschaft. daß diese großartige Bestrebung ihren philosophischen Ausdruck nur in Gestalt einer animistischen Ideologie gefunden hat. doch es war vielleicht unvermeidlich. Der historische Materialismus beruht vielleicht in noch stärkerem Maße als die anderen animistischen Lehren auf einer totalen Verwirrung von Wert . Man erkennt leicht. we il dieses Ideal so oft verraten worden ist. daß sie sie in freier Entscheidung zum höchsten Wert. auf der allein ein wirklicher Sozialismus begründet werden könnte. Jahrhunderts lebt in den Herzen der Jugend noch immer mit schmerzlicher Heftigkeit fort — schmerz- lich deshalb. die dann schließlich auch eingetreten sind.in der Ethik. daß die »geschichtlichen« Prophezeiungen. von Anfang an mit den Gefahren behaftet waren. Wo sonst soll man die Quelle der Wahrheit und die moralische Inspiration eines wirklich wissenschaftlichen sozialistischen Hu- manismus finden.und Erkenntniskategorien. die Nächstenliebe. die in seinem Namen begangen wurden. proklamieren. sie bestätigt aber auch ihren überragen- den Wert im Dienste des von ihr festgelegten Ideals. statt sie zu »revidieren«. auf die sie sich nach der aufrichtigen Meinung ihrer Anhänger zu stüt- zen vorgibt? Der Sozialismus hat nur dann eine Hoffnung. die Großmut und den schöpferis chen Ehr- geiz. zum Maß und Garanten aller übrigen Werte macht ? Diese Ethik begrün- det die moralische Verantwortlichkeit auf der Freiheit jener 156 . daß sie sozio-biologi- schen Ursprungs sind. Die- ser große Traum des 19. Gerade aufgrund dieser Verwirrung kann er dann in seiner Rede. wenn nicht sogar tödliche Illusion muß ein für allemal verzichtet werden. er habe die hi- storischen Gesetze »wissenschaftlich« festgestellt und der Mensch könne ihnen nur noch gehorchen. Es ist tragisch. wenn er die Ideologie. so gibt die Ethik der Erkenntnis zu. die sich auf den dialektischen Materialismus stützen. und wegen der Verbrechen. die jeder Authentizität entbehrt. Die Ethik der Erkenntnis ist schließlich in meinen Augen die zugleich rationale und bewußt idealistische Haltung. wenn nicht bei den Quellen der Wissenschaft selbst .Was die höchsten menschlichen Eigenschaften angeht: den Mut. die ihn seit mehr als einem Jahrhundert be- herrscht. wolle er nicht ins Wesenlose fallen. total aufgibt. Auf diese kindliche. welche die Erkenntnis dadurch begründet.

zum Sozialismus führen können. 157 . der Erkenntnis und der Schöpfung gewid- met. sie ist die Schluß- folgerung. er würde von Institutionen geschützt. auch seine Pflicht steht nirgendwo geschrieben. Das ist vielleicht eine Utopie. aber es ist kein unzusammenhän- gender Traum. Die von dieser Ethik verlangten Institutionen sind der Vertei- digung. wenn man sie als Basis der gesellschaftlichen und politi- schen Institutionen und damit als den Maßstab ihrer Wahrheit und ihrer Geltung akzeptiert. zu der die Suche nach dem Wahren unausweichlich führt. Dieses Reich ist im Menschen. endlich sein wahres Leben ent- falten können. Es ist an ihm. Erweiterung und Entfaltung des transzendenten Reiches der Ideen. daß er in der teilnahmslosen Unermeßlichkeit des Universums allein ist. Diese Vorstellung drängt sich allein durch die Stärke ihrer logischen Geschlossenheit auf.grundsätzlichen Entscheidung. der Mensch weiß endlich. aus dem er zufällig hervortrat. Nicht nur sein Los. Der Alte Bund ist zerbrochen. Allein die Ethik der Erkenntnis wird. unwiederbringlichen Wesen die- nen müßten. von ma- teriellen Zwängen wie auch von der Knechtschaft der animisti- schen Lüge immer mehr befreit. die in ihm den Untertan und zugleich den Schöpfer des Reiches sähen und die ihm in seinem einmaligen. zwi- schen dem Reich und der Finsternis zu wählen. und hier würde er.

Anhang .

16 I. Die Struktur der Proteine 161 .

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161): sie immobilisiert die assoziierten Atome relativ zueinander. dem Papain. bilden) eingeschränkt. Bei den nativen globulären Proteinen (siehe S. . 164 . Man sieht. ist verhältnis - mäßig starr (starke Striche in der Abbildung auf S. R2 usw. 89f.) nehmen jedoch alle Moleküle der gleichen chemischen Art (die durch die Sequenz der Radikale in der Kette festgelegt ist) die gleiche ge- faltete Konfiguration an. Die Abbildung 5 gibt schematisch den Verlauf der Polypeptid-Kette bei einem Enzym. Im Gegensatz dazu erlauben die beiden anderen Bindungen eine unbehinderte Drehung (gestrichelte Pfeile) der Atomgruppen um ihre Verbindungslinie umeinander.Diese letztere. Diese Faltungsmöglichkeiten sind grundsätzlich nur durch die gegenseitige Behinderung der Atome (besonders je- ner. wieder. Dadurch kann die Poly- peptid-Kette sich in äußerst komplexer und vielfältiger Weise falten. die sogenannte Peptidbindung. welche die Seitenketten R. wie komplex und scheinbar inkohärent dieser Verlauf ist.

Cytosin und Thymin genannt und allgemein mit A. die aus der linearen Polymerisierung von molekularen Einheiten hervorgehen. die man »Nukleotide« nennt. die sich durch die Struktur der sie bildenden stickstoff- haltigen Base unterscheiden. G. Das Polymer entsteht vermittels der Phosphatgruppen. welche die einzelnen Zucker- Reste untereinander verbinden und auf diese Weise eine »Polynukleotid«-Kette bilden. Diese vier Basen werden Adenin. Dies sind die Buchstaben des genetischen Alphabets. In der DNS (Desoxyribonukleinsäure) findet man vier Nu- kleotide. C und T bezeichnet. Aus sterischen Gründen trachtet das Adenin (A) in der DNS danach.II. Die Nukleinsäuren Die Nukleinsäuren sind Makromoleküle. Guanin. Gebildet werden diese Nukleotide durch die Verknüpfung eines Zuckers mit einer stickstoffhaltigen Base einerseits und einem Phosphorsäure-Rest andererseits. mit dem Thymin (T) spontan eine non-kova- 165 .

Die Fünfecke symbolisieren die Zucker-Radi- kale. In den Doppelstrang ist das A des einen Stranges mit dem T des anderen Stranges assoziiert. T—A. T. G und C bezeichneten Quadrate stellen die Basen dar. das G mit dem C. die durch jene spezifischen. non-kovalenten Bindungen mitein- ander verknüpft sind. Die beiden Strän- ge sind folglich komplementär. sie ist in ihrer Länge nicht begrenzt. gestrichelt wiedergegebene Wechselwir- kungen paarweise (A —T. Die Struktur kann sich aus allen möglichen Se- quenzen von Paaren zusammensetzen. C-G) miteinander ver- knüpft sind. welche gemein- sam die Kontinuität der beiden Ketten gewährleisten. so wie Guanin (G) und Cytosin (C) sich spontan assoziieren. das T mit dem A und das C mit dem G. Diese Struktur ist in der oben abgebildeten Figur schematisch wiedergegeben.lente Assoziation einzugehen. die mit A. die durch non-kovalente. G—C. Die DNS wird durch zwei Polynukleotid-Stränge gebildet. die schwarzen Kreise die Phosphor-Atome. daß die beiden . Die Replikation dieses Moleküls erfolgt derart.

bei der die Fähigkeit zur spezifischen Paarbildung gewissermaßen »umgekehrt« wird (die Base C paart sich in der tautomeren »Ausnahme«form zum Beispiel mit A und nicht mit G). In einer vereinfach- ten Formel und mit Beschränkung auf vier Paare ist dieser Vor- gang durch die oben abgebildete Figur dargestellt. worauf die komplementären Stränge Nu- kleotid für Nukleotid neu gebildet werden. Diese beiden Moleküle sind miteinander und mit dem Muttermolekül identisch. h. Andere chemische Agentien. So sieht der in seinem Prinzip sehr einfache Vorgang der invarianten Replikation aus. welche die Wahr- scheinlichkeit. Man kennt chemische Mittel. Schließlich rufen ionisierende Strahlen (Röntgen. d. So ist beispielsweise die Substitu- tion eines Nukleotidenpaares durch ein anderes darauf zurück- zuführen. 167 . Stränge sich trennen. deformieren diesen und begünstigen auf diese Weise solche »Unfälle« wie die Deletion (Beseitigung) oder Addition (Hinzufügung) eines oder mehrerer Nukleotide. die Häufigkeit dieser »unerlaubten« Paar- bildungen.und kosmi- sche Strahlen) verschiedene Fälle der Deletion oder Mißpaarung von Nukleotiden hervor. beträchtlich erhöhen. daß die stickstoffhaltigen Basen außer ihrem »norma- len« Zustand ausnahmsweise und vorübergehend eine tautomere Form annehmen können. die diesem mikroskopischen Vorgang widerfahren kön- nen. Diese Mittel sind starke »Mu- tagene«. Der chemische Mechanismus einiger dieser »Unfälle« ist heute ziemlich genau erfaßt. die sich zwischen die Nukleotide im DNS-Strang einschieben können. Die Mutationen resultieren aus den verschiedenartigen »Un- fällen«. Die beiden auf diese Weis e hergestellten Moleküle enthalten je einen der Stränge des Muttermoleküls und einen durch spezi- fische Paarbildung — Nukleotid für Nukleotid — neugebildeten Strang.

Der genetische Code Die Struktur und die Eigenschaften eines Proteins sind durch die Sequenz (Reihenfolge) der Aminosäure-Radikale in der Poly- peptid-Kette festgelegt (vgl. Da die Boten-RNS als Matrize für die Anordnung der Aminosäuren dient. wird der Code in der Tabelle in der Schreibweise des RNS. Sie spielen jedoch eine wichtige Rolle als Inter- punktionszeichen bei der Übersetzung der Nukleotid-Sequen- zen. Da es 20 Aminosäure-Reste darzustellen gilt und im Alphabet der DNS nur vier »Buchstaben« (4 Nukleotide) auftreten. zahlreiche makromolekulare Bestand- 168 . Der genetische Code (sensu stricto) ist die Regel.90f. Aus einem Alphabet von vier Buchstaben kann man nämlich 43 = 64 »Wörter« zu je drei Buchstaben bilden. Die Zuordnungen sind in der Tabelle II >Der genetische Code< wiedergegeben. sondern zunächst von einer Transkription (»Um- schreibung«) eines der beiden Stränge in ein einstrangiges Poly- nukleotid der »Boten-Ribonukleinsäure« (Boten-RNS) aus- geht.). Es ist anzumerken. weil sie keiner Aminosäure zu- geordnet sind. S. Die RNS-Polynukleotide unterscheiden sich von jenen der DNS in einigen Struktureinzelheiten. Der Code besteht tatsächlich aus »Tripletts«: jede Amino- säure wird durch eine Sequenz von drei Nukleotiden bestimmt. Der Mechanismus der Translation (Übersetzung) im eigent- lichen Sinne ist komplex. die das Polypeptid bilden sollen. Diese Sequenz wird be- stimmt durch die Sequenz der Nukleotide in einem Segment der DNS-Kette. um eine Aminosäure festzu- legen. Man sieht.III.und nicht des DNS-Alphabets wiedergegeben. insbesondere durch die Substitution der Base T (Thymin) durch die Base Uracil (U). UAG. UGA) werden hingegen als sinnlos (nonsense) bezeichnet. daß der Übersetzungsmechanismus nicht direkt die Nukleotid-Sequenzen der DNS in die Proteinsprache überträgt. sind mehrere Nukleotide erforderlich. Drei Tripletts (UAA. nach der eine Polypeptid-Sequenz mit einer gegebenen Poly- nukleotid-Sequenz verknüpft ist. Nun sind aber nur 20 Aminosäure-Reste festzulegen. daß es für die meisten Aminosäuren mehrere ver- schiedene Formeln in Gestalt von Nukleotid-»Tripletts« gibt.

Tabelle II Der genetische Code .

eine komplementäre Sequenz jedes einzelnen der Tripletts des Code. . statt. Danach rückt das Ribosom um ein Triplett vor. das die Rolle einer »Werkbank« für die Montage der verschiedenen Bauelemente spielt. Bei jedem Schritt katalysiert ein Enzym die Ausbil- dung einer Peptid-Bindung zwischen der jeweils von der Trans- fer-RNS übertragenen Aminosäure und der am Ende der schon gebildeten Polypeptid-Kette befindlichen.teile greifen in ihn ein. Dieser Mechanismus ist noch nicht richtig verstanden. 2. Dabei paart sich jedes Triplett auf der Oberfläche des Ribosoms mit der entsprechenden Boten-RNS. Für das Verständnis des Textes ist die Kenntnis dieses Mechanismus nicht unbedingt erforderlich. dem Ribosom. bei denen letztlich der Schlüssel der Übersetzung liegt. welche die durch dieses Triplett bestimmte Amino- säure trägt. Es genügt. spezielle Enzyme erkennen einerseits eine Aminosäure. dadurch kann sich jede einzelne Transfer-RNS mit dem entsprechenden Triplett der Boten-RNS paaren. Die Boten-RNS wird der Reihe nach abgelesen. wodurch sich die Kette um eine Einheit verlän- gert. Diese Moleküle enthalten 1. Diese Paarbildung findet in Verbindung mit einem komple - xen Zellbestandteil. andererseits die zugehörige Transfer-RNS und katalysieren die (kovalente) Bin dung der Aminosäure an das RNS-Molekül. Es sind die sogenannten »Trans- fer«-Ribonukleinsäuren. wenn wir die Vermittler nennen. und der Prozeß beginnt von neuem. er ermöglicht. eine »Akzeptor«-Gruppe für die Aminosäuren. daß das Ribosom an der Polynukleotid-Kette von einem Triplett zum ändern vorrücken kann. vorangehenden Aminosäure.

daß die Boten-RNS von dem mit einem Sternchen versehenen DNS-Strang abgeschrieben wird. Die nebenstehende Figur gibt das Grundschema der Informa- tionsübertragung eines (beliebig gewählten) Segments der DNS wieder. als seien sie alle gleichzeitig paarweise verknüpft. In dieser Darstellung wird angenommen. Der Deutlichkeit halber sind sie hier so dargestellt. Im eigentlichen Übersetzungsschritt paaren sich die Transfer-RNS-Moleküle der Reihe nach mit der Boten- RNS. 171 171 .

Also kann in einem System mit gleichmäßi ger Temperatur. Unter- schiede der thermodynamischen Potentiale zwischen verschie- denen Bereichen des Systems unmöglich auftreten können. über die Entro- pie. Durch die Entwicklung der kinetischen Theorie der Materie (bzw. wie es zum Beispiel das Universum ist. h. d.IV. Es seien zum Beispiel zwei Behälter mit Systemen unterschiedlicher Temperatur miteinander ver- bunden. Der Zweite Hauptsatz schreibt weiterhin vor .was auf das gleiche hinausläuft —. langsamen. Jedes beliebige Phänomen in einem abgeschlossenen System ist daher dem Zweiten Haupt- satz zufolge notwendig von einem Entropiezuwachs begleitet. Der »Ener- gieverfall« — oder die Zunahme der Entropie — ist eine statistisch vorhersehbare Konsequenz der Bewegungen und zufälligen Zu- sammenstöße der Moleküle. und die »kalten«. der statistischen Mechanik) sollte der Zweite Hauptsatz seine tiefste und allgemeinste Bedeutung enthüllen. Man kann dies so interpretie- ren. in dem eine gleichmäßige Temperatur herrscht. der Zweite Hauptsatz behauptet einen unver- meidlichen Verfall der Energie innerhalb eines abgeschlossenen Systems. sich spontan aufzuheben. schnellen. Die »warmen«. dieses Thema überhaupt in Kürze abzuhandeln. wie er 1 8 5 0 in Verallgemeinerung des Theorems von Carnot durch Clausius ausgesprochen wurde. Über die Bedeutung des Zweiten Hauptsatzes der Thermo- dynamik Über die Bedeutung des Zweiten Hauptsatzes. Die »Entropie« ist das thermodynamische Maß für den Energieverfall eines Systems oder die Energieentwertung. Manchem Leser wird indessen eine Erinnerung von Nutzen sein. postuliert der Zweite Hauptsatz. um einen Kühlschrank kühl zu halten. Moleküle werden zufällig auf ihrem Weg von einem 172 . h. daß in einem energetisch abgeschlossenen System alle Temperaturunter- schiede danach streben müssen. über die »Äquivalenz« von negativer Entropie und Informa- tion ist derart viel geschrieben worden. Energie aufzuwenden. in dem kein Unterschied des thermodynamischen Potentials mehr besteht. rein thermodynamischen Form. d. Des - halb ist es zum Beispiel nötig. kein Ereignis (makroskopischer Größenordnung) stattfinden. daß man zögert. In seiner ersten. daß innerhalb eines solchen abgeschlossenen Systems. Das System ist inert. daß man sagt.

und die Gesamt - energie des Systems verteilt sich infolge der Zusammenstöße statistisch auf alle Moleküle. Behälter in den anderen hinüberwandern. daß die Entro- piezunahme in einem solchen System mit einer' Zunahme an Unordnung verbunden ist: Die zunächst getrennten langsamen und schnellen Moleküle sind jetzt vermischt. Man darf jedoch zu Recht behaupten. daß eine der fundamentalen Aussagen der Informationstheorie: daß nämlich die Übermittlung einer Botschaft notwendig von einem gewis - sen Verlust der in ihr enthaltenen Information begleitet ist.wie man es manchmal zu bezeich- nen vorzieht . da es einen Potentialunterschied zwischen beiden Teilsystemen einschloß. Die Ordnung eines Systems ist .in dieser Sprache ausgedrückt . Der Ordnungsgrad eines Systems läßt sich jedoch in einer anderen Sprache. dann kann sich innerhalb des Systems nichts mehr ereignen. die wir Szilard und Leon Brillouin verdanken (siehe S. 173 . die zur Beschrei- bung dieses Systems erforderlich ist. eine äußerst fruchtbare Vorstellung. der Sprache der Informationstheorie. wodurch der Tempe- raturunterschied zwischen den beiden Systemen unvermeidlich aufgehoben wird.einer Zufuhr negativer Entropie (oder »Negen- tropie«). Daher die Vorstellung einer gewissen »Äquivalenz« zwischen »Information« und »Negen- tropie«. definieren. Vor der Mischung konnte das gesamte System Ar- beit leisten. darüber hinaus werden die beiden zu Anfang durch ihre Temperatur unterscheidbaren Systeme äquivalent. 67). die aber auch zu unvorsichtigen Vergleichen und Verallgemeinerungen Anlaß geben kann. in der Informatik das Äquivalent des Zweiten Hauptsatzes in der Thermodynamik darstellt. so entspricht eine Zunahme an Ordnung einer Abnahme der Entropie oder . Man sieht an diesem Beispiel. Ist das statistische Gleichgewicht ein- mal erreicht.gleich der Informationsmenge. Mißt die Entropiezunahme den Zuwachs an Unordnung in einem System.