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Rolf Kirsch

Das Ereignis

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1. Dialog

Sie warten auch?

Selbstverständlich - und Sie?

Ich auch.

Irgendwann ist es soweit.

Ja, irgendwann.

Man muss nur etwas Geduld haben.
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Geduld? Ja.

Wie ist es mit Ihrer Geduld?

Ich bezeichne mich durchaus als geduldig.

Wie geduldig?

In ausreichendem Maße geduldig.

Man weiß vorher nie, was einem abverlangt wird.

Wenn man weiß, dass das Ereignis eintrifft, wird
man die notwendige Geduld schon aufbringen.

Sie haben Recht.

Im anderen Falle allerdings ist es anders.

In welchem Falle?

In dem Falle, dass über das Eintreffen des Ereig-
nisses Unsicherheit bestünde.

Was meinen Sie damit?
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Na, ob es sicher ist, dass das Ereignis auf jeden
Fall eintrifft.

Sie meinen ...

Nun, wenn es unsicher ist, ob sich das Ereignis
ereignet oder nicht, ...

Dann?

Dann wäre es schwierig, die notwendige Geduld
aufzubringen.

Das leuchtet mir ein. Wenn man nicht weiß, ob
sich überhaupt etwas ereignet, dann ...

Das sag ich ja.

... dann kann man nicht abschätzen, welches
Ausmaß an Geduld einem abverlangt wird.

So ist es.

Dann könnte man schon ungeduldig werden.

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Früher oder später.

Je nach Veranlagung.

Aber in unserem Falle ...

In unserem Falle wissen wir ja, dass das Ereignis
eintreffen wird.

Früher oder später.

Sicherlich, früher oder später.

Man muss nur Geduld haben.

Man muss nur Geduld haben, nichts weiter.

...und warten.

Geduld haben und warten.

Wir warten einfach.

Wir warten einfach, nichts weiter.

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2. Dialog

Solange man wartet, könnte man etwas tun.

Was sollte man tun?

Irgendetwas.

Warum?

Um sich die Zeit zu vertreiben.

Warum wollen Sie sich die Zeit vertreiben?

Es dauert eine Weile, bis das Ereignis eintritt.

Ja und? Da hilft nur warten.

Aber während wir warten, könnten wir etwas tun.

Sicherlich könnte man etwas tun, aber ...

Aber?

Das hält uns nur vom Warten ab.
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Aber es vertreibt die Zeit.

Die Zeit kann man nicht vertreiben, eine Minute
ist eine Minute.

Man kann keine Zeit an sich vertreiben, man kann
nur sich die Zeit vertreiben.

Das ist der Beweis.

Der Beweis, wofür?

Der Beweis, dass die Wirklichkeit nicht die
Wirklichkeit ist.

Ich verstehe nicht.

Wenn Sie beim Warten etwas tun, dann ...

Dann?

Dann vertreiben Sie sich die Zeit. Aber Sie
vertreiben nicht meine Zeit.

Natürlich nicht. Jeder muss seine eigene Zeit
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vertreiben.

Eine Minute ist eine Minute.

So vertreibt sich eine Uhr die Zeit.

Jeder wartet anders.

Und während man wartet, wird die Zeit
vertrieben.

Jeder vertreibt sich die Zeit auf seine Weise.

Und was ist mit der Zeit an sich?

Vielleicht gibt es sie gar nicht.

Sie meinen, jeder hat nur seine Zeit?

Könnte sein.

Sie wissen es nicht?

Nein, ich weiß es nicht. Aber ich weiß, ...

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Was?

Man kann sich die Zeit vertreiben, aber man kann
sie sich auch entstehen lassen.

Wie?

Die Zeit entsteht beim Warten.

Man kann sich die Zeit vertreiben und man kann
sie sich entstehen lassen. Wundervoll.

Wundervoll?

Ja, wundervoll. Sie steht mir nach Belieben zur
Verfügung. Ich kann sie vertreiben und entstehen
lassen.

Und werden nicht von ihr getrieben.

Erstaunlich, welche Erkenntnisse durch Warten
entstehen.

Warten wir also weiter.

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3. Dialog

Ich habe mir gerade Gedanken gemacht.

Welche?

Ich habe mir gedacht, dass wir hier vielleicht
vergebens warten.

Wie meinen Sie das?

Dass es gar kein Ereignis geben wird.

Es wurde uns versprochen.

Was?

Das Ereignis.

Welches Ereignis?

Irgendein Ereignis.

Und wenn es nun kein Ereignis geben wird?

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Irgendetwas ereignet sich immer.

Man wird vielleicht lange warten müssen.

Man wird möglicherweise lange warten müssen,
aber niemals vergeblich.

Also warten wir.

Also warten wir.

Aber ich werde den Gedanken nicht los, dass ...

Dass ... ?

Dass es möglicherweise niemals ein Ereignis
geben wird.

Beruhigen Sie sich.

Ich bin durchaus nicht beunruhigt. Ich möchte nur
nicht vergeblich warten.

Sie warten nicht vergeblich.

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Was macht Sie so sicher?

Selbst, wenn es kein Ereignis geben wird, ...

Ja?

... ist das Warten nicht vergeblich.

Das verstehe ich nicht.

Dann ist das Warten ...

... also doch vergeblich?

Nein, nicht vergeblich. Dann ist das Warten das
Ereignis.

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4. Dialog

Manchmal frage ich mich, ob es sich lohnt.

Was lohnt?

Das Warten.

Das hängt davon ab?

Wovon hängt etwas ab.

Das Warten hängt davon ab, ...

...wovon ab?

...davon ab, ob das Ereignis wichtig oder groß
genug ist.

Sie meinen also, ...?

Ja?

Sie meinen also, das Warten lohnt sich dann,
wenn das Ereignis wichtig oder groß genug ist?
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Das genau meine ich.

Interessant, aber ...

Aber was?

Könnte es nicht auch genau umgekehrt sein?

Ich verstehe nicht.

Weil wir warten, geben wir dem Ereignis
Wichtigkeit und Größe.

Sie meinen ...?

Ich meine, vielleicht ist das Ereignis an sich gar
nicht wichtig und groß.

...und nur, weil wir warten?

So mag es sein.

Nur weil wir warten, wird das Ereignis wichtig
und groß?

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Genau das meine ich. Nur weil wir warten, wird
das Ereignis wichtig und groß.

Das bedeutet aber ...

Ja, was bitte bedeutet es?

Das bedeutet, dass ein Ereignis nicht an sich
wichtig und groß ist, sondern ...

Sondern?

... sondern dass wir dem Ereignis Wichtigkeit
und Größe verleihen.

Wodurch?

Durch unser Warten. Je länger wir warten, desto
wichtiger und größer das Ereignis.

Sie meinen ...?

Ja?

Sie meinen, wir sind Herr der Lage?
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Genau, wir bestimmen, wie wichtig und groß das
Ereignis ist.

Oder wie klein und nichtig?

Oder wie klein und nichtig.

Wissen Sie was?

Ja?

Ich fühle mich blendend!

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5. Dialog

Ich frage mich manchmal, ...

Ja?

Ich frage mich manchmal, ob das alles einen Sinn
hat.

Das Warten oder das Ereignis?

Das Warten auf das Ereignis.

Warten hat einen Sinn, weil es ein Ereignis geben
wird.

Sie meinen ...?

Ich meine, wenn es kein Ereignis gäbe, hätte das
Warten keinen Sinn.

Sicherlich, ohne Ereignis gäbe es gar kein
Warten.

Und ohne Warten gäbe es keinen Sinn des
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Wartens.

Das Ereignis gibt dem Warten erst einen Sinn, ist
es so?

So ist es.

Das Ereignis macht das Warten überhaupt erst
möglich.

So ist es.

Gäbe es kein Ereignis, würden wir gar nicht
wissen, dass wir warten.

Ohne Ereignis würden wir das Warten gar nicht
erleben.

Was wir nicht erleben könnten, hätte auch keinen
Sinn für uns.

So ist es.

Obwohl es vielleicht da wäre, das Warten.

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Wir würden ohne Ereignis nichts davon
bemerken.

Und dem Warten keinen Sinn geben können.

So ist es.

Nur, weil es das Ereignis geben wird, können wir
dem Warten einen Sinn geben.

So ist es.

Daher sollten wir uns freuen, dass es ein Ereignis
geben wird.

Ja, es wird ein Ereignis geben.

Ob das Ereignis selbst auch einen Sinn hat?

Vielleicht hat es einen Sinn.

Welchen?

Das Ereignis lässt uns dem Warten einen Sinn
geben.
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Mehr nicht?

Verlangen Sie nicht zuviel vom Ereignis.

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