„Marokko, Ich und mein Buch“

Als ich 2013 in Gravelines zu Anas sagte, ich würde zu ihm und den anderen Teilnehmern der
marokkanischen Gruppe nach Marokko kommen, hätte ich nicht vermutet, dass ich Jahre in
Marokko bleiben werde. Ich lernte Anas bei einer trinationalen Jugendbegegnung in Nordfrankreich
kennen, die ich als Gruppenleiter der deutschen Gruppe mitorganisierte. Anas war einer der
Teilnehmer der marokkanischen Gruppe. Innerhalb dieser Jugendbegegnung verbrachten wir, als
Gäste einer französischen Gruppe, der nordfranzösischen Stadt Gravelines, drei schöne und
spannende Wochen damit, eine Freiluftbühne für ein internationales Kinderferiendorf zu bauen, in
dem Kinder aus aller Welt ihren Urlaub verbringen.

Im September 2014, nachdem ich meine Arbeit aufgab, flog ich dann nach Marokko, den Winter
dort zu verbringen und an meinem Buch zu arbeiten, dass ich im Februar 2014 zu schreiben begann.
Ich fühlte mich ausgebrannt, von der Arbeit, die ich nun schon sieben Jahre machte. Das verflixte
siebente Jahr. Es war eine tolle Zeit, voller extrem schöner und trauriger Momente. Es war Zeit
etwas Neues zu machen. Als ich in Ouled Oujih, einem Vorort von Kenitra, eine halbe Stunde von
der Hauptstadt Rabat entfernt, im „Block M“ 2014 ankam, war das schon ein kleiner Kulturschock.
Ich kam gegen 23:00 Uhr an und Anas und seine Familie empfingen mich mit einer
ausgesprochenen herzlichen Freundlichkeit. Der Vater sagte mir bereits am ersten Tag, dass ich
mich bei ihnen wie zu Hause fühlen soll, denn schließlich habe er schon viel von Anas von mir
gehört und es sei sowieso selbstverständlich, dass die Freunde seines Sohnes quasi zur Familie
gehören. Das sagte er nicht einfach so. Ich war überrascht von der Größe des Hauses, 3 Etagen, auf
dem Dach eine große Terrasse. In der Nacht gingen wir noch eine Runde durch den Kiez, „Block
M“. Irgendwie erinnert mich der Kiez an „mein kleines Wedding“, man kennt und grüßt sich.
Ein Arbeiterviertel, vor den Häusern saßen kleine Gruppen von Jugendlichen, wo am Tag die
Mütter mit ihren Kindern saßen und den Tag verbrachten, sich trafen und tratschten, beunruhigend
und familiär zugleich. Am nächsten Morgen machte die Mutter, wie jeden Morgen, das Frühstück.
Ich brauch leider morgens nur meinen Kaffee und ne Zigarette, aber später esse ich für zwei.
Danach ging es ab an den Strand. Was für ein wunderbarer Ausblick, was für ein wunderbares
Gefühl hier zu sein, weil ich es so wollte und es einfach tat. Ich freute mich den Winter an diesem
Ort zu verbringen und ich freute mich noch viel mehr, hier in die Familie von Anas, in dieser Form
aufgenommen worden zu sein. Ich war quasi sofort Teil der Familie und zu Familienfesten,
religiösen Festen und auch zum Familienurlaub luden sie mich ein. Familienleben war mir nicht
fremd, doch diese Art von Familienleben war anders und ich genoss es sehr.
Nach acht Monaten in meiner neuen Familie suchte ich mir dann eine eigene möblierte Wohnung
und später dann eine unmöblierte Wohnung, die ich selbst einrichtete, in einem neuen Kiez, in
einem gerade fertiggestelltem Haus, in dem ich bis Heute wohne.

In der Wende habe ich am Beispiel meiner Eltern und auch an mir ganz persönlich feststellen
müssen, dass der Platz in der Fiktion des Systems und die Fiktion des Systems selbst, keine
Konstante, keine persönliche Realität darstellen. So war mein Stiefvater in der DDR zu einem
angesehenen Diplomaten in den Botschaftsrat in der Pariser Botschaft der DDR aufgestiegen, was
nach der Wende überhaupt keinen Wert mehr hatte. Ganz im Gegenteil für die Integration, in die
neue westliche Gesellschaftsordnung, sehr hinderlich war. Meine Eltern haben sich beide einen
Doktortitel in verschieden Sozialwissenschaften erarbeitet, eine passable Grundlage in der
Gesellschaftsordnung des ehemaligen Ostblocks. Nachvollziehbar, dass das Studium und der
Doktortitel, auf der Grundlage des Marxismus/Leninismus, dann in der westlichen
Gesellschaftsordnung keinen Wert mehr hatte.
Nun standen sie beide, in der Hälfte ihres Lebens, vor den Trümmern der Gesellschaftsordnung
ihres Systems und damit vor den Trümmern ihrer persönlichen Fiktion und Platz im System. Ich
selbst, geboren 1977, bin in den zwei Systemen aufgewachsen und zur Schule gegangen, habe
meine Kindheit in Ost-Berlin, Paris und Eberswalde verbracht und war zur Wende zwölf Jahre alt.
Hätte es das System zugelassen, wäre meine Mutter mit mir zu meinem leiblichen Vater nach Kuba
ausgewandert. Geboren in Wolgast, in Mecklenburg Vorpommern an der Ostsee, als Sohn eines
Kubaners, den ich nie kennenlernte und meiner Mutter aus der DDR, die wenige Jahre später einen
angehenden DDR-Diplomaten heiratete, verbrachte ich fünf Jahre meiner Kindheit in Paris. Der
Auslandsauftrag meines Vaters ging ein Jahr länger, als die Möglichkeit, die Botschaftsschule der
DDR zu besuchen. So musste ich für das fünfte Schuljahr nach Eberswalde, zu meiner Oma. Meine
Eltern und meine Schwester blieben ein Jahr länger in Paris. In der Wende war die Familie wieder
in Berlin Marzahn vereint.

Die Wende und Nachwendezeit verbrachte ich in der Berliner Hausbesetzer-Szene, bei der „Antifa“,
bei den Hooligans vom „BFC“ (Berliner Fußballclub Dynamo), der neu aufkommenden Techno-
Kultur, in den Jugendkulturen, vor allem in der Berliner Sprüherszene und bei den Westberliner
Jugendgangs. Meine Zeit als junger Erwachsener verbrachte ich im Gefängnis, auf der Schulbank
und zwei Jahre im Vertrieb einer Softwarefirma, bevor ich schließlich als Sozialarbeiter in Berlin
Wedding zu arbeiten begann. Innerhalb meiner Arbeit als Sozialarbeiter, in der Straßensozialarbeit
und Projektarbeit mit Jugendlichen mit Einwanderergeschichten, die oft als schwierig galten,
arbeitete ich auf Grundlage der Jugendkulturen und es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, ich baute
das größte soziale RAP-Projekt Berlins, vielleicht Deutschlands auf, „Kingz of Kiez“, dessen Geist,
auch noch Jahre nach dem Projekt vorhanden zu sein scheint.
In der marokkanischen Gruppe der Jugendbegegnung in Nordfrankreich war ein weiterer
Marokkaner Namens Zakaria, den ich in Marokko wiedertraf. Mit ihm fuhr ich eines Tages zu
seinem Cousin in die marokkanischen Berge, aufs Land. Was für eine beeindruckende Natur und
Landschaft. Mit Zakaria verliefen sich die Lebenswege, jedoch mit seinem Cousin und der Familie
blieb ich weiterhin in engem Kontakt und fuhr oft in die Berge. In den Bergen Marokkos, im
Rifgebirge, in der Pampa, auf einer Haschisch-Farm, zu Gast bei einer marokkanischen Familie, bei
Freunden. Nach einem Tag in Ouazzane und einem Tag Chefchaun, zwei kleine schöne Städte in
den Bergen, komme ich auf der Farm an. Es ist abends, gegen 20:00 Uhr. Zehn Minuten nach
Ankunft steht der marokkanische Pfefferminztee mit frisch gebackenem noch warmen Brot, einer
kleinen Schale mit frischem Olivenöl aus eigener Produktion, frische Oliven aus der Umgebung,
frischer hundertprozentigem selbst produziertem Honig und einem Teller mit gebratenen Eiern aus
dem Hühnerstall neben dem Haus, auf dem Tisch. Das ist der Willkommen-Snack. Das eigentliche
Essen kommt gegen 22:00 Uhr. Ich sitze unter Männern. Nur Omar, der Cousin von Zakaria, spricht
etwas französisch. Mit dem Rest verständige ich mich mit dem Marokkanisch, das mir zur
Verfügung steht, also doch mehr mit Händen und Füßen, vorwiegend mit Mimik und Gesten. Es
sind einfache, herzliche und offene Menschen, Muslime.

Jeder freut sich, dass ich da bin, alle die mir begegnen heißen mich "Herzlich Willkommen" und
viele öffnen mir ihr Zuhause, laden mich Freitags, den Tag des Freitagsgebetes, zum "Couscous
Essen" ein oder für ein paar Tage zum Ausspannen, ein paar Tage Urlaub, in die Ferienhäusern der
Familien auf dem Land, zu Hochzeiten oder Geburtsfeiern, zu muslimischen Festen oder anderen
Veranstaltungen. Die Menschen kenne ich maximal drei Jahre. Die Herzlichkeit und
Gastfreundschaft, mit der das geschieht macht mich oft sentimental. Das bin ich nicht oft... in der
Regel. Oft weiß ich, dass meine Gastgeber selbst wenig haben, jedoch von mir nur einen Euro
anzunehmen, würde ihnen eher die Hand abfaulen. Ich habe mich darauf eingestellt und bringe
Geschenke mit, die können sie nicht ablehnen und die Freude ist oft groß. Wir fangen an zu essen
und ich frage, was es Neues gibt. "Walo" ist die Antwort, was soviel heißt wie nichts. Ich sage zu
Omar "Alles so wie immer...hört sich gut an...", Omar übersetzt. Der Vater von Omar's Onkel
lächelt zufrieden und fragt mich, wie es meiner Familie geht. Ich sage gut und erwidere die Frage.
Gut sagt er "Hamdoula", wieder lächelt er zufrieden. Ich mag sehr gern hier sein, in dieser
Atmosphäre, in den Bergen, in der Natur, bei einfachen Menschen und einem einfachen Leben. Hier
in den Bergen kommt man zu sich und die Dinge werden auf einmal ganz einfach. Dinge die
gestern noch wichtig waren, sind jetzt und hier eher klein und unwichtig, in Relation zu den
Millionen Jahre alten Bergen, in ihrer mächtigen Natur und konfrontiert, mit der eigenen Winzigkeit
des Seins.
Dem einfachen Leben der Menschen hier, die offenkundig näher am wahren Leben dran sind, als
ich und die Menschen „aus meiner Welt“. Zur Ruhe kommen, entschleunigen, ausbrechen. Kein
Fernseher, kein Internet, obwohl an einer Stelle etwa zweihundert Meter von der Farm entfernt gibt
es eine Stelle mit Empfang, bestem Empfang. Ich sitze da oft auf dem Berg in der Sonne und tauche
ein, für einen Moment, in den Wahnsinn der Welt da draußen. Ich sehe die Berichte über
Intensivstraftäter unter den „Flüchtlingen“ und der selbst auferlegten gesellschaftlichen falschen
Toleranz, der Ohnmacht des Rechtsstaates ihnen gegenüber. Unzählige Berichte über sexuelle
Übergriffe und Vergewaltigungen, Körperverletzungen und Morde, begangen durch „Flüchtlingen“
und den immer gleichen rassistischen und plumpen Pauschalierungen und bizarren
Erklärungsmustern von beiden Seiten. Ich weiß aus vielfältigen persönlichen Erfahrungen sehr
genau, dass es nur zu einem winzigen Teil mit der "Nordafrikanischen/Südländischen Kultur" oder
gar mit dem Islam als Ganzes zu tun hat. Noch haben Paradigmen und Dogmen, die totalitäre
Ignoranz von Problemen, in der Bewältigung von Problemen, je zu Lösungen geführt und falsche
Toleranz führte in der Geschichte immer in den Untergang der Gesellschaften und ganzer
Zivilisationen. Das Ideal Echnatons „Stiehlst du mir den Rock, schenke ich dir den Mantel dazu...“
ist ein edles Ideal, lässt sich allerdings nur in einer Welt leben, die nicht so verkommen ist, wie die
Welt aus der er kam und die sie bis heute geblieben ist.

Es ist sicher, entlässt man die jungen Männer aus vorwiegend armen ländlichen Regionen, oder die
Abgehängten der Städte, eingesperrt in ein Leben einer Jahrhunderte alten Kultur und Lebensweise,
einem alten oft völlig überholtem Traditionsbewusstsein, einem oft hartem Leben, das ihnen Härte
und Prioritäten abverlangt, in eine "Neue Welt", die auf Mythen, falschen Vorstellungen und
Versprechungen, fantastischen und utopischen Zukunftsperspektiven fußen, der Welt bunter
westlicher Werbung unter dem Motto "Sex Sales" und westlichen Seifenopern, die eine
Fantasiewelt kreieren, ist es fast so, als wenn junge pubertierende „Deutsche Männer" das erste
Mal, ohne Aufsicht nach "Malle" oder Ibiza in den Urlaub fahren. An der Stelle sei bemerkt, dass
eine große Zahl „Schutzsuchender“ in Europa Marokkaner sind, mit knapp einer Millionen in
2015/2016. Die unterschiedliche Sozialisation, mit ihren eigenen Regeln und Normalitäten in
unterschiedlichen Gesellschaften und Lebensrealitäten.
Das Gefühl der Sehnsucht und die Hoffnung, bei uns die Freiheit und all das zu finden, nachdem
sich junge Männer sehnen, was sie in ihrer vertrauten Gesellschaft und Sozialisation vermissen, ist
ebenso verständlich wie bei Pubertierenden der Wunsch nach Unabhängigkeit und dem Austesten
der Grenzen, sowohl dem privaten, als auch dem gesellschaftlichen Umfeld gegenüber. Auch die
Logik in Deutschland, die Deutschen müssten sich den Neubürgern anpassen und nicht etwa Gäste
und Neubürger müssten sich den bestehenden Normalitäten, Regeln und Gesetzen anpassen ist eine
bizarre Vorstellung. Ich stelle mir an dieser Stelle vor wie das wohl wäre, würde ich diese
angebliche Selbstverständlichkeit in Marokko leben und würde mich über die Normalitäten, Regeln
und Gesetze in dieser Art und Weise hinwegsetzen, wie es in Deutschland zur Normalität und
Selbstverständnis erklärt wurde. Von einem schlichten in Haft genommen zu werden oder des
Landes verwiesen zu werden, über das Davontragen leichterer Verletzungen bis mittlerer
Verletzungen oder gar schwerer Verletzungen bis hin zum Tot ist für mich alles Vorstellbar. Nicht so
in Deutschland, wo man die Verletzung von Normalitäten, Regeln und Gesetzen bis hin zu
persönlichen gesellschaftlichen und körperlichen Einschränkungen, hinzunehmen und zu
akzeptieren hat, will man weiterhin als Mensch gelten und nicht als Unmensch gebrandmarkt
werden. An der Stelle sei noch nicht näher drauf eingegangen, warum der absolut überwiegende
Teil junge Männer bis fünfunddreißig Jahre sind und auch nicht warum das Land, das ich zur Zeit
zu meinem Lebensmittelpunkt wählte und ein ausgewiesenes Urlaubsland ist, kein sicheres
Herkunftsland sein soll, vor dessen grausamer Lebensrealität die Marokkaner zu schützen wären. In
einer Studie, die sich mit den Staaten unter dem Aspekt der Sicherheit beschäftigt, rangiert Marokko
auf Platz 20 und Deutschland auf Platz 50.

Auch war die unsichere Zukunft und die Angst vor einem Krieg in Deutschland und Europa ein
Grund für mich persönlich Deutschland zu verlassen und nach Marokko zu gehen. Die Zerstörung
von Sitte und Anstand, der kulturellen und spirituellen Identität, der Sitten und Bräuche, die
Zerstörung des nationalen Bewusstseins, kurz der gesellschaftlichen Identität, die Zerstörung der
Institution Familie und damit jegliche Grundlage eigener Identität und Herkunft ist hier noch nicht
so fortgeschritten, wie in Europa und den westlichen Industrienationen.
Es ist eine sozial geprägte und größtenteils freundliche und aufgeschlossene Gesellschaft. Meine
Nachbarschaft ist eine Gemeinschaft. Kinder spielen den ganzen Tag vor den Häusern und in den
Straßen. Die Mütter und Alten sitzen vor ihren Häusern und trinken Tee, tratschen und fühlen sich
integriert und verantwortlich. Sie grüßen sich auf der Straße, auch Fremde untereinander. Auch ich
werde oft mit einem „Salam alaikum“ gegrüßt und grüße ebenso die Menschen, die mir in meiner
Nachbarschaft begegnen. An Hochzeiten, Geburten und Todesfällen nimmt die Nachbarschaft Teil
und Anteil. Ich reise oft allein in Marokko herum und treffe immer auf freundliche, interessierte,
aufgeschlossene und hilfsbereite Menschen, die mir auch mit meiner eingeschränkten
Kommunikationsfähigkeit oft mit einem Lächeln im Gesicht weiterhelfen, mich vor allem immer
wieder darauf Aufmerksam machen, Willkommen zu sein. Aber auch hier ist das Geldsystem und
seine äußerst negativen Einflüsse auf die Gesellschaft allgegenwärtig und es schadet nichts
aufmerksam und nicht allzu naiv zu sein.

Viele Menschen in Deutschland und den westlichen Ländern haben die Relationen, den Bezug zur
Realität und zu den eigenen Urlaubserinnerungen, Erfahrungen und ihrer gesunden Logik verloren.
Den Wert vielfältiger Kulturen und Lebensentwürfe, Sitten und Gebräuchen, geographischer und
gesellschaftlicher Eigenheiten, mit der auch der Stolz auf die eigene Kultur und Herkunft, die
Identität der Völker bestimmt. Die vielfältigen Möglichkeiten und Chance voneinander zu lernen
und sich so zusammen weiterzuentwickeln. Sie haben den Kampf über die Fähigkeit des
eigenständigen Denkens gegen die perfide, emotionalisierte, sinnfreie und polarisierende
Massenmanipulation verloren, wenn diese je vorhanden war, oder nicht schon in frühster Kindheit
weg konditioniert wurde. Die perfide Art und Weise, wie den Deutschen suggeriert wird, sie hätten
um des Menschsein Willens sich selbst der völligen Aufgabe hinzugeben, ist in Anbetracht der
Realität außerhalb Deutschlands schon wirklich grotesk.
Sieht man sich dann an von wem die Propaganda aus geht und propagiert wird, das Mensch- und
Unmenschsein definiert wird, wird es zudem lächerlich. Wir dürfen nicht gegen die Menschen die
zu uns kommen vorgehen, sondern gegen jene Menschen und Strategien, den Mechanismen, die
ihnen systematisch die Lebensgrundlagen stehlen und sie zu Millionen zu uns schleusen, um uns
selbst die Lebensgrundlagen zu nehmen. Der Logik nach müssten wir uns mit den Menschen, die zu
uns kommen verbünden, denn wir haben den selben Feind. Die Geldeliten, die nur die Völker der
westlichen Industrienationen in letzter Instanz besiegen können. Und wenn wir diese zusammen
entmachtet haben, bekommen die Flüchtlinge ihre Lebensgrundlagen in ihren Heimatländern
zurück, wir alle unsere Freiheit und die Souveränität der Völker und wir können auf den
Erfahrungen ungerechter Gesellschaften und Unrechtssysteme der letzten Jahrhunderte oder gar
Jahrtausende, gerechte Gesellschaften und wenn es nötig und tatsächlich gewollt ist, ein neues
gerechtes globales Gesellschaftssystem erdenken und erschaffen. Was für ein spannendes Umfeld
und Zeit mein Buch zu schreiben, zwischen einer nie endenden Flut an Eindrücken und Ereignissen
und der Möglichkeit völlig abschalten zu können. Schon öfter in meinem Leben hatte ich das
Gefühl alles Richtig gemacht zu haben, so auch jetzt.

Die letzten sieben Jahre, von 2007 bis 2014, arbeitete ich bei einem Sozialen Träger, der einerseits
eine Schule war, in der Jugendliche, vorwiegend mit Migrationshintergrund, ihre Schulabschlüsse
nachholen konnten und der andererseits mit langzeitarbeitslosen Erwachsenen arbeitete. Zudem war
ich über Jahre Quartiersrat im „Soldiner Kiez“ in Berlin Wedding. Anfangs arbeitete ich mit
langzeitarbeitslosen Erwachsenen in einer sogenannten „MaE-Maßnahme“, im Volksmund „1-Euro-
Job“, in der ich 8 Monate 37 Erwachsene anleitete und verantwortlich war. Hier setzte ich meine
eigene Projektidee „Unser Baum für Europa ein Projekt zur Förderung Europäischer Identität“ um.
Parallel dazu arbeitete ich Ehrenamtlich im Jugendklub in der Koloniestrasse in Berlin-Wedding,
wo sich eine Straße weiter, in der Drontheimer Strasse, auch meine Arbeitsstelle befand, im
„berüchtigten Soldiner Kiez“. Als ich „puk“, meine spätere Arbeitsstelle, kennenlernte war ich im
„Offenen Vollzug“ in der „JVA Hakenfelde“. Nach achtmonatiger Untersuchungshaft in der „JVA
Moabit“, verbrachte ich sechsundzwanzig Monate in Hakenfelde, dem sich dann acht Jahre
Bewährungsstrafe anschlossen. Ich brauchte damals etwas, um in den „Freigang“ zu kommen und
während ich mir vorstellte bei „Benecke“ auf dem Bau zu arbeiten, wie viele meiner Knacki-
Kollegen, entschloss ich mich lieber meinen Schulabschluss nachzuholen. Den
Hauptschulabschluss holte ich schon vorher bei einem Verein Namens „Nachschlag“ nach. Den
Realschulabschluss wollte ich nun bei „puk“ nachholen. Ich hatte ja noch viel Zeit und die
Alternativen waren beschränkt. Angelika Zachau, die Chefin der „puk“, führte mit mir das
Vorstellungsgespräch. Eine korpulente, energische Frau, mit stechendem Blick, als könne sie in
meinen Augen lesen. Sie forderte mich auf ihr zu vertrauen. Ich vertraute ihr. Ich vertraute in dieser
von ihr geschaffenen Atmosphäre auch den anderen Lehrern und Sozialarbeitern der „puk“. Nun
konnte ich für die Zeit des Unterrichts raus aus der Justizvollzugsanstalt und bei der „puk“ zur
Schule gehen. In der Regel hatte ich noch 2/3 Stunden Zeit nach der Schule, bevor ich wieder
zurück in den Knast musste. Bei „puk“ saßen die Kollegen nach der Arbeit fast immer noch
zusammen, aßen und tranken noch was zusammen, tauschten sich aus und diskutierten. Ich blieb
fast immer nach dem Unterricht noch da und war „Angelikas Liebling“ und sie wurde mit der Zeit,
wie eine zweite Mutter für mich.
Ich wusste ihr Interesse an mir ist nicht gespielt und das Vertrauen, das sie mir entgegenbrachte,
genoss ich sehr und wollte es nie enttäuschen. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. Nach bestandenem
Realschulabschluss blieb ich in Kontakt und kam 2006, mit einer Idee für ein Projekt wieder zu
Angelika ins Büro. Zu dieser Zeit befand sich die „puk GmbH“ in Insolvenz und in der
Umbenennung und Neugründung in die „puk a malta gGmbH“. Eine schwere Zeit für Angelika und
die „Pukis“. Angelika erkannte meinen Willen meine Idee umzusetzen und auch das Potenzial,
schließlich war ich vorher schon bei der Europäischen Kommission in Brüssel gewesen und stellte
auch dort mein Projekt für die Entwicklung einer gemeinsamen Europäischen Identität „Unser
Baum für Europa“ vor. Das Engagement der Kommission hielt sich sehr in Grenzen, jedoch bekam
ich ein offizielles Schreiben der Kommission, dass aus Sicht der Kommission mein Projekt
unterstützenswert ist und ich bekam den Kontakt zu dem Europabeauftragten in der Staatskanzlei
Brandenburg. Zu diesem Termin in der Staatskanzlei nahm ich Angelika mit und wir amüsierten uns
köstlich. Der Europabeauftragte, sehr nett, etwas schusselig, der sich gerne reden hörte, lud uns
später zu allerlei Veranstaltungen und Gesprächsrunden zum Thema Europa ein. Später lernte ich
dann auch den Europabeauftragten von Berlin-Mitte kennen, der meiner Arbeit und später der „puk“
sehr wohlgesonnen war. Angelika bewarb sich mit meinem Projekt bei der Agentur für Arbeit, als
sogenanntes „MaE-Projekt“, ein Projekt für langzeitarbeitslose Erwachsene. Sie bekam die
Finanzierung für mein Projekt und die nach der Insolvenz der „puk GmbH“ hervorgegangenen „puk
a malta gGmbH“ kam in den Pool von Trägern, die überhaupt die Berechtigung haben, an
Ausschreibungen der Agentur für Arbeit im Bezirk Berlin-Mitte teilzunehmen. Das war der
herbeigesehnte Neuanfang für Angelika und die Firma und mein Einstieg in die Arbeit bei der puk a
malta gGmbH.

Ehe ich mich versah war ich für 37 Menschen innerhalb meiner eigenen Maßnahme, meines
eigenen Projektes, finanziert durch das Jobcenter, verantwortlich. Wie Angelika mir vertrauen
konnte, dass ich diese Aufgabe werde bewältigen können, beeindruckt mich noch heute. Ich
bewältigte diese Mammutaufgabe, vom Wecken des Interesses an meiner Idee, über die Motivation
meiner Teilnehmer, sich über 8 Monate täglich in meinem Projekt einzubringen.
Ich betete jeden Tag, dass mir nicht die Ideen ausgehen und damit die Aufgaben für diese Anzahl
von Teilnehmern und diese lange kontinuierliche Projektlaufzeit. In diesen acht Monaten schuf ich
die Grundlage für ein auf ganz Europa ausgelegtes Jugendprojekt. Ein „Content Management
System“, bestehend aus siebenundzwanzig Internetseiten, für siebenundzwanzig Betreiber in den
Mitgliedsstaaten der EU. Mit eigens programmierten Wissensspielen, Materialsammlungen für die
Arbeit mit dem Thema Europa und vielfältigen Möglichkeiten der Vernetzung und Kommunikation.

Eine Projektwoche an Berliner Schulen in der Woche vor dem „9. Mai, dem Europatag“, war der
jährliche Höhepunkt des Projektes. Bei einer feierlichen Baumpflanzaktion in Ben Wagin's
„Parlament der Bäume“ pflanzten wir symbolisch mit Kindern einer Grundschule, Jugendlichen aus
dem Schulbereich der „puk“ und den Erwachsenen aus meiner MaE-Maßnahme, als Höhepunkt des
Projektes einen Baum. Eine „Europäische Eibe“, eine ausgesprochene Giftpflanze, neben dem
Bundeskanzleramt. Es folgte eine Veranstaltung in der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-
Mitte. Dort führten wir vor geladenen Gästen ein Kulturprogramm auf, dass wir mit einigen
Jugendlichen des Schulbereichs der „puk“, der "Rütli-Band“, Berliner Breakdancern der „Flying
Steps“ und anderen jungen Künstlern vorbereitetet hatten. Das Kulturprogramm bereitete ich mit
Waldemar Olesch vor. Ein Verrückter, ein Macher, ein echt sympathischer Typ, der ein Händchen
für die oft schwierigen Jugendlichen hatte. Waldemar machte ab und zu Projekte im Schulbereich
der puk und erstellte in einer Projektarbeit zu dieser Zeit ein Kartenspiel über die Träume und
Zukunftsvorstellungen der Schüler mit den Schülern. Drei Jungs waren dabei, die Bock hatten auf
meiner Veranstaltung in der BVV zu rappen und brachten noch einen Kumpel mit. Ein Mädchen
wollte singen und so komponierte Waldemar einen „Europasong“ für die „kleine Janan“ und ich
bereitete mit den Rappern ebenso etwas vor. So entstand das Lied und Musikvideo „Falsches Bild“,
das später den 3. Platz im YouTube-Wettbewerb „360° Toleranz“ gewann und sich mit dem
„falschen Bild“ auseinandersetzte, das viele Menschen der Mehrheitsgesellschaft von Jugendlichen
mit Migrationshintergrund haben.
Im Zusammenhang mit diesem Projekt organisierte ich einen Jugendaustausch, wo ich Jugendliche
aus der Türkei, Rumänien und Portugal einlud und mit ihnen und mit meinen Jugendlichen
zusammen eine schöne und spannende Projekt-Woche verlebten, in der ein 4sprachiges Lied zum
Thema Europa samt Komposition entstand, das in einem Musikvideo verarbeitet wurde.

Später entstand daraus die Idee, ein Rap/Musikprojekt zu entwickeln. Einer der vier Rapper dachte
sich den Namen „Kingz of Kiez“ aus und ich fand ihn passend. So fing ich an, mich mit Waldemar
um eine Finanzierung zu kümmern und Waldemar wollte sofort und gleich auf Tour gehen. Die vier
Rapper von der puk, die kleine Janan aus Charlottenburg und Jan Paul alias „Junior Jero“. Zudem
hatte Waldemar Kontakt zur damals „berüchtigten Rütli-Schule“ in Berlin Neukölln und zum daran
angeschlossenen Jugendklub „Manege“. Dort machte er mit Jugendlichen Musik, der „Rütli-Band“.
Auch sie waren mit von der Partie. Eine tolle Truppe und wir bekamen ein bisschen Geld vom
Quartiersmanagement Soldiner Kiez, in Berlin Wedding. Den Rest bezahlten Waldemar und ich aus
eigener Tasche. Im Vorfeld hatte Waldemar Kontakt mit einem Fernsehteam, das unbedingt mit
wollte, etwas sensationsgeil. Durchaus verständlich, dass sie davon ausgingen mit Waldemar und
mir, einer Gruppe Jugendlicher aus dem „berüchtigten Soldiner Kiez“ und der „berüchtigten Rütli-
Schule“ würde interessantes Material produzieren. Zudem sprang unser zweiter Fahrer ab, aus
Angst vermute ich. So musste ich kurzfristig Ersatz organisieren und am Ende fuhren wir mit einem
damaligen Freund von mir. Ein 2 Meter Hüne, Glatze, Einlasser in einer Disco, mit seinem Pitbull,
für den sich auf die Schnelle keiner fand, der sich in der Zeit um ihn kümmern konnte. So kam er
einfach mit. Zwei gemietete Mercedes Vito mit großem „Robben & Wendtjes“ Aufdruck,
Waldemar, der Hüne, sein Pitbull, die Kids und ich, das Fernsehteam im Schlepptau. So fuhren wir
nach Magdeburg, zu einer Jugendbegegnung dreier Länder, in ein wunderschön restauriertes altes
Gutshaus eines Rüben-Barons. Dann nach Bayern, nach Rothenburg ob der Tauber, in ein
kirchliches Jugendhaus, wo die jungen Musiker in der Aula der ansässigen Hauptschule auftraten
und am Abend auf dem Burggartenfest in Rothenburg. Zum Abschluss dann nach Würzburg, wo die
Kids in der Musikschule auftraten. Das war meine erste Erfahrung mit dieser Art Verantwortung,
die sehr schwer auf mir lastete.
Es war ein voller Erfolg, machte einen Riesenspaß und die Erfahrungen, die ich auf dieser Fahrt
machte, sollten eine wichtige Grundlage meiner Arbeit mit den Jugendlichen werden. Im
Schulbereich der „puk“ kam es des Öfteren zu kleineren aber auch zu ernstzunehmenden
Streitereien und Auseinandersetzungen unter den Schülern. Da die Lehrer oft mit diesen Situationen
überfordert waren, ging ich in diese Situationen hinein. Ich hatte viel Erfahrungen mit dieser Art
Situationen und wusste wie man ihnen begegnet. Meist umarmte ich den, der nach meiner
Einschätzung der Situation der Aggressivere war, hielt ihn fest umschlungen und flüsterte ihm
beruhigende Worte ins Ohr. Das mutete oft ein wenig bizarr an, doch verfehlte nie seine Wirkung.
Es ging meistens um Lappalien und hatte ich die Streithähne oder Hennen erst einmal getrennt und
zu Frau Zachau geschleppt, waren die Situationen in der Regel schnell befriedet. Durch den
Schulbereich wuchs meine Bekanntheit schnell und als ich mich dann, mit einem meiner
Jugendlichen zusammen, für die Wahl in den „Quartiersrat Soldiner Kiez“ aufstellen ließ und wir
Beide gewählt wurden, sorgten wir dafür, dass ein Rap-Projekt im Soldiner Kiez gefördert und
initiiert wurde. Allerdings bekamen wir das Projekt Anfangs selbst nicht und später nur mit einem
anstrengenden Kooperationspartner. Ich hatte nun aber die technische Grundausstattung, ein kleines
„Home-Studio“ und eine PA-Anlage für Veranstaltungen gefördert bekommen und es konnte
endlich richtig losgehen... und es ging auch gleich so richtig los.

Ich nahm stets auch eins/zwei Jugendliche mit auf die Sitzungen und in die Arbeit in den Gremien
des Bezirkes und der Stadt, wie zum Beispiel in kiez- und bezirksbezogene Treffen und
Versammlungen im Jugendhilfeausschuss oder der BVV und der Senatsverwaltung für
Stadtentwicklung zum „mitleiden“, aber vor allem um Erfahrungen zu sammeln. So waren in
meiner Zeit im Quartiersrat erst Mike und dann Abdul und Tahsin als Vertreter der Jugendlichen im
Soldiner Kiez, auf meine Initiative hin, Teil des Quartiersrates Soldiner Kiez.
Sie vertraten die Interessen der Jugendlichen im Kiez, wurden von Kiezakteuren und Offiziellen als
Ansprechpartner wahrgenommen. Mike und Abdul haben die Ausbildung zum Erzieher absolviert,
arbeiten jetzt in Jugendhäusern im Bezirk Berlin Mitte und engagieren sich weiterhin für die
Jugendlichen im Kiez. Tahsin ist ein deutschlandweit bekannter Videoproduzent, der sich ebenfalls
im sozialen Bereich engagiert und sein Wissen an Jüngere weitergibt. Besonders hat mich gefreut,
dass Abdul ein Projekt, für das er jahrelang kämpfte, schlussendlich zum Erfolg führte. Er nahm
sich vor Jahren vor, den völlig verkommenen Fußballplatz, neben dem „Jugendclub
Koloniestrasse“, erneuern zu lassen. Dafür bedürfte es eine erhebliche Summe Geld, die Abdul über
mehrere Jahre hinweg organisierte und dafür sorgte, dass dieser Wunsch Realität wurde. Abdul
arbeitet jetzt im Jugendclub in der Koloniestrasse, neben seinem restauriertem Fußballplatz und
führt meine Arbeit im Kiez fort. So ist er seit kurzem auch Kooperationspartner des „Centre
Francais de Berlin“ und organisierte mit ihnen zusammen seinen ersten Jugendaustausch in Paris.
Genau wie Mike, Tahsin und den vielen Anderen denen ich Inspiration war, sind jetzt die
Jugendlichen von damals, Inspiration für die Jugendlichen von Heute. Es ist mir immer eine große
Freude die Jungs und Mädchen von damals zu beobachten, die sich zu eigenständigen
Persönlichkeiten entwickelten, hin zu selbstbewussten Männern und Frauen.

Meine Angebote sprachen sich sehr schnell im Kiez herum und durch meine Ehrenamtliche Arbeit
an fast jedem Nachmittag im Jugendklub in der Koloniestrasse, wo eine Sozialarbeiterin arbeitete,
die ich mehr als interessant fand, lernte ich auch die Kids aus dem Kiez kennen und sie mich. Es
gab keine wirklich ausreichenden und besonders spannende Angebote, für diese Kids im Kiez. Viele
mit einem sogenannten Migrationshintergrund, arabischer, türkischer, kurdischer, russischer,
polnischer, ex-jugoslawischer... Migrationshintergrund. Fast alle haben mit der Leere der eigenen
Entwurzelung und/oder der Entwurzelung ihrer Eltern und Großeltern zu kämpfen und „das
Ankommen“ fällt auch nach mehreren Generationen noch schwer. Die meisten Jungs waren wild
und hatten in den Jugendklubs im Bezirk und weit darüber hinaus Hausverbot. Bei manchen reichte
dafür auch schon mal der Familienname aus, das Bild mit den einhergehenden Befürchtungen und
zum Teil auch schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit mit Familienmitgliedern gaben den
Ausschlag. Bei anderen waren es die „erzieherischen Maßnahmen“, die Sozialarbeiter anwendeten,
um auf Verfehlungen in der Wortwahl oder auf gesellschaftlich nicht akzeptierte Gepflogenheiten zu
reagieren, die zum Ausschluss aus den Jugendhäusern führte.
Ich kannte das Gefühl ausgeschlossen zu sein. Als ich in ihrem Alter war, sah man mich auch lieber
von hinten gehen, als von vorne kommen. Nichtsdestotrotz gab es immer wieder Sozialarbeiter und
Menschen, die mich prägten, denen ich vertraute, denen ich am Herzen lag, die mir am Herzen
lagen. Ich nahm mir in meiner Arbeit fest vor, manchmal immer und immer wieder, allen
Jugendlichen mein Vertrauen zu schenken, ohne Einschränkung und Anfänglich auch ohne etwas
dafür zu erwarten. Ich wollte die gängige Praxis von Jugendsozialarbeit, die ich selbst in meiner
Jugend erfuhr, nicht selbst praktizieren. Ich wollte keine Mauer zwischen mir und den Jungs. Ich
wollte sie genau so nah an mich heranlassen, wie auch sie mich, an privatesten Erlebnissen und
Situationen ihres Lebens und ihrer Gedankenwelt teilhaben ließen. Es war mir fast unmöglich,
etwas zu sagen, das ich nicht auch so meinte und wenn das doch mal der Fall war, war ich mir nicht
zu Schade, das auch zuzugeben, offen darüber zu sprechen, mich gegebenenfalls zu erklären und
mich zu entschuldigen. Diese Ehrlichkeit, die stets auf Vertrauen beruhte, ist der Grund für den
Respekt, den ich bei den Jugendlichen und ihren Familien genoss und bei vielen noch bis heute
genieße. Vertrauen war die Grundlage zu verstehen. Die Geschichten hinter Leid und Freud, die
Gefühle die ich verspürte, wenn ich den Kids in die Augen sah. Oft sah ich mich selbst.

Oftmals gab es günstige Überschneidungen mit meiner eigenen Vergangenheit. So lernte ich die
Kinder alter Freunde und Bekannter kennen und so schloss sich der Kreis und eröffnete oft erst die
Grundlage, mir den Vertrauensvorschuss entgegenzubringen, den ich für meine Arbeit brauchte.
Wenn man in den sogenannten „Parallelgesellschaften“ arbeitet, ist der richtige Türöffner
entscheidend. Dieser Türöffner war zum einen meine Arbeit an sich, aber zum anderen sicherlich
das Vertrauen langjähriger Bekannter, die immer für mich und meine Arbeit bürgten. Sich vor allem
innerhalb der türkischen und arabischen Gesellschaften für mich und meine Arbeit einsetzten. Ohne
diese zahlreichen Fürsprecher wäre meine Arbeit so kaum möglich gewesen. Der Ton war rau, doch
immer von Interesse und Zuneigung geprägt, ein Lächeln im Gesicht, manchmal auch nicht. Es
wurde geflucht, geschrien, gekempelt, sich umarmt, gesprochen, diskutiert, gearbeitet, sich
gegenseitig geholfen, sich in ungewohnte Situationen begeben, improvisiert, gelacht und geweint.
Es ist ein verrückter, spannender, lustiger, trauriger, intensiver, lehrreicher, ausfüllender, prägender
Teil meines Lebens und ich denke sehr gern an diesen Lebensabschnitt zurück. Ich war Teil der
Kindheit und Jugend von nicht wenigen und es ist immer wieder toll zu sehen, wie sich die „kleinen
Pestdackel & Jauchepudel“ entwickeln, bis heute, zu erwachsenen und selbstbewussten Frauen und
Männern. Früher stellte ich die Kids auf den Kopf, wenn sie mir zu frech wurden. Heute muss ich
schmunzeln, wenn ich die Jungs von damals treffe. Auf den Kopf stellen ist vorbei...
Es war stets ein Projekt von Jugendlichen für Jugendliche. Wir produzierten Musik und Videos, wie
am Fließband. Wir organisierten Auftritte auf Straßenfesten und Veranstaltungen und ich war so
ziemlich der Einzige, der mit den Kids eigene Veranstaltungen im Kiez und im Mauerpark
organisierte. Die größten Veranstaltungen waren mit 500/600 Besuchern äußerst gut besucht und die
Organisation und sichere Durchführung, war für alle Beteiligten, vor allem für die Jugendlichen
selbst, die die Veranstaltungen stets federführend organisierten, wie alle Aktivitäten des Projektes,
eine große Herausforderung. Ich hielt nichts davon Experten von außen in das Projekt zu holen und
fand stets Experten unter den Jugendlichen, die Studioaufnahmen und Instrumentalen realisierten,
Videos produzierten, RAP-Workshops durchführten, für die Sicherheit auf Veranstaltungen sorgten
oder sogar in die Projektentwicklung, Beantragung von Mitteln und organisatorische Durchführung
der Projekte involviert waren und stets einen beachtlichen Teil der Verantwortung trugen. Wir
machten Foto-Projekte, Sport-Projekte, thematische und kreative Projekte zu den Themen
Alltagsrassismus, Gesellschaft, Krieg und Frieden und Weitere. Wir luden Jugendliche aus Europa
zu uns ein und besuchten Jugendliche, innerhalb von Jugendbegegnungen in Deutschland und
Europa. Wir hielten Workshops in einer Universität, an Schulen, Jugendhäusern und innerhalb von
Austauschprojekten internationaler Jugendbegegnungen. Wir schufen aus Ideen und Phantasien
Realitäten. Gerne denke ich zurück.

Im folgenden drei Artikel, die den Blick der Medien, den Blick von außen auf das Projekt und sein
Umfeld beschreiben. Am 02.03.2010 erschien im Tagesspiegel ein kleiner Artikel, den ich ganz gern
mag. Zu dieser Zeit war das Projekt 2 Jahre alt.
„Die Kids vom Block“

Rap und neue Schulmodelle: Die Jugendlichen vom Soldiner Kiez wollen heraus aus Klischees und
sozialem Abseits von Ralf Schönball
Das westliche Tor zum Soldiner Kiez ist die Drontheimer Straße. Zwei Zeilen Altbauten aus der
Gründerzeit, die so auch in Wilmersdorf stehen könnten – nur dass dort nicht so viele Läden leer
stünden. Die „Cuccina-Lounge“ zum Beispiel, wo man früher richtig satt wurde: „Iss 3 – zahl 2“.
Lange bevor die Cuccina schloss, hatte das Pförtnerhäuschen am Eingang des Industriegebiets
ausgedient, in dem sie untergebracht war. Produziert wird schon lange nichts mehr in den roten
Backsteinbauten. Stünden diese Häuser in Prenzlauer Berg, gäbe es hier Lofts und Coffeeshops.
Aber wir sind im Wedding, da gibt es die „Türkisch-Idealistische Gemeinschaft“ und die „puk a
malta“. Hausnummer 34, zweiter Stock. Hier treffen sich die Kids vom Block, die Jungs vom
Brennpunkt. Der Flur ist in das Gelb der Neonröhren getaucht, und es gibt knallblaue Türen. Hinter
einer sitzt Jan Spieler, graue Synthetik-Jacke, Reißverschluss zu bis unters Kinn. „Wir haben hier 50
Nationalitäten“, sagt der Mann von der Bildungseinrichtung „puk a malta“. Mike, kurze schwarze
Haare, weißes Hemd, ergänzt: „Wir sind ein Freundeskreis, es gibt keine Gruppen – egal welche
Nationalität.“ Da fliegt die Tür auf. „Hej, Jan“, sagt einer, ein halbes Dutzend Kinder schlurft ins
Zimmer. „Ich kenn’ dich nicht“, sagt einer, reicht trotzdem die Hand. Der Kleinste ist zehn, er sitzt
vor dem Mikro, die großen Kopfhörer bedecken fast die Wangen. „Die Beats machen sie mit dem
Toningenieur Morgan, den Text machen sie selbst“, sagt Betreuer Jan Spieler. Der fertige Track
wird auf Myspace hochgeladen. „Und die Klickzahlen sind die Anerkennung, die sie kriegen.“

Videos produziert er auch mal selbst. „Falsches Bild“ zum Beispiel. Darin heißt es: „Schiebt uns
nicht an die Ränder. Würdet ihr mit uns reden, würde sich euer falsches Bild von uns
ändern.“Hoffen auf den Durchbruch? „Den Zahn ziehe ich ihnen“, sagt Spieler. „Er ist wirklich
gnadenlos“, sagt Mike über seinen Mentor. Mike spricht davon, sich Dinge „zu erarbeiten“, und
davon, dass man nicht nach Zielen streben soll, die nicht erreichbar sind.
„Den Siebener-BMW vor der Haustür“, sagt Spieler. Das Statussymbol, das im Soldiner Kiez nur
besitzt, wer die Abkürzung nimmt, die am Rechtsstaat vorbei. Die Abkürzung ist eine Sackgasse.
Das kann Jan Spieler glaubwürdig vermitteln, weil er selbst einen Umweg nehmen musste, um auf
den Weg zurückzukehren: Ohne Abschluss von der Schule runter, nahm er einen zweiten Anlauf für
das erste, einen weiteren, für das zweite Zeugnis. Das Realschulzeugnis bekam er bei „puk a
malta“. Und weil er Bäume pflanzte zwischen den Mietkasernen, „hat mich die Leiterin gleich
eingestellt“, sagt er. Nun steht die Aktion „Unser Baum für Europa“ ganz oben auf der Website von
„puk a malta“. Das Rapperprojekt „Kingz of Kiez“ gleich daneben. Sie rappen über die Schließung
des Jugendclubs Badstrasse, über ihre Suche nach Ausbildungsplätzen oder über Jungs und
Mädchen. Bei einem Lied ist der Refrain auf Türkisch, der Rest auf Deutsch. Sie treten bei der
„Streetdance-WM“ auf, bei der „Fête de la Musique“, in Magdeburg, Rothenburg und arbeiten sich
sprachlich an ihrer Rolle in der Mehrheitsgesellschaft ab: „Dieses falsche Bild, das ihr von uns
macht. Wir sind alle kriminell und krank. Dieses Denken kostet uns jede Nacht.“ Mike lernt
Bürokaufmann, „schulische Ausbildung“, sagt er. Er hätte lieber in einem Betrieb gelernt. Bei
einem Elektronikmulti lief die Prüfung gut. Die Absage kam trotzdem, schriftlich – Begründung:
„Weil ich aus dem Ausland komme“, behauptet er. Das sei aber immer noch besser gewesen als das
Bewerbungsgespräch beim Handelskonzern am Tauentzien. „Da gab es zwei Räume, einen für
Deutsche, einen für Ausländer“, sagt Mike. Die Ausländer hätten nicht einmal den
Bewerbungsbogen bekommen. Und Momo? „Ich werde Mechatroniker.“ Ein Betrieb im Kiez habe
ihm einen Ausbildungsplatz versprochen: „Komm’ wieder, wenn du den erweiterten
Hauptschulabschluss hast.“ Momo wird wiederkommen, er hat jetzt ein Ziel.“

Ein halbes Jahr später, am 14.10.2010 erschien im „CICERO“ ein Artikel über meine Arbeit mit den
Jugendlichen im Projekt...
„Integration von unten - „Sarrazin will uns nicht“

Ein Musikprojekt im Berliner Ortsteil Wedding gibt Jugendlichen verschiedenster Nationalität die
Möglichkeit ihre Alltagserfahrungen, ihre Kreativität, aber auch ihren Frust in Text und Musik zu
wandeln und Musik-Videos daraus zu machen. Cicero Online zeigt, wie die Jugendlichen die
hitzigen Integrationsdebatten wahrnehmen und was sie von den Thesen Thilo Sarrazins halten.
Faruk wirkt zurückhaltend, fast schüchtern. Ein kühner Ernst, ja eine Art Traurigkeit scheint in
dunkelbraune Augen gebrannt. Anfängliche Skepsis beginnt sich in Neugier zu wandeln. Das
Thema Musik verändert seine Haltung, seine Gesichtszüge entspannen sich, eine Leichtigkeit kehrt
ein. Etwas fällt ab von ihm. Etwas, dass viel zu streng und nachdrücklich Besitz von seinem jungen
Gesicht ergriffen hatte. Ernsthaftigkeit beginnt sich aufzulösen, verliert sich in einem an Heiterkeit
gewinnenden Gesichtsausdruck. Zumindest für einen Moment. Dann erzählt er von seinen Ideen,
von seiner Musik, seinen Texten. Er singt über das Leben, über Liebe, Vertrauen und Freiheit,
darüber wie er sich fühlt, wie er Integration begreift: „Ich hab’ gelernt und verstanden, ihr wollt
vieles, doch wir wollen nur frei sein im Lande“, heißt es in einem seiner Songs. Der 17-jährige
Faruk (Künstlername Semk) ist einer derjenigen über die in den Integrationsdebatten gesprochen
wird, die aber selber selten zu Wort kommen. Faruk lebt im Soldiner Kiez, ein sozialer Brennpunkt
im Berliner Ortsteil Wedding. Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Drogen prägen das Viertel. Der
Großteil der hier lebenden Menschen hat einen sogenannten Migrationshintergrund. Häuser stehen
leer. Leben mit Hartz IV gehört zum Alltag. Wer die Möglichkeit hat, zieht weg. Faruk verbringt die
meiste Zeit in seinem Stadtviertel, er mag seinen Kiez, mag die Gemeinschaft. Seit drei Jahren
macht er Musik, rappt, schreibt Texte.
Er ist in Deutschland geboren, hat palästinensische Wurzeln, seine Familie ist vor Jahren aus dem
Libanon geflohen, auch das ist Teil seiner Geschichte, die er in seinen Songs verarbeitet.
Sehr oft findet man ihn in den Räumlichkeiten der „puk a malta gGmbH“, einer Einrichtung, in der
Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen Abschlüsse nachholen können, Hilfe bei
Behördengängen bekommen oder ihnen einfach nur zugehört wird. Faruk macht hier seine mittlere
Reife und nimmt an einem Musik-Projekt teil, das sich „Kingz of Kiez“ nennt. Die Jugendlichen
haben hier die Möglichkeit ihren Frust, ihre Alltagserfahrungen, ihre Kreativität in Text und Musik
zu wandeln und Musik-Videos daraus zu machen. Unzählige Jugendliche haben seitdem eigene
Rap-Texte geschrieben und die Songs mit professioneller Hilfe aufgenommen. Die Einrichtung liegt
im Hinterhof eines alten Industriegeländes. Niemand würde hier eine Schule vermuten, das kleine
Ton- und Aufnahmestudio passt da schon eher ins Bild.

Die Renovierungsbedürftigkeit des Hauses ist augenscheinlich. Rau und direkt ist mitunter auch der
Ton der hier gesprochen wird, doch der Umgang miteinander wirkt sehr familiär. Das betont auch
der Sozialarbeiter Jan Spieler, der immer ein offenes Ohr für die Jugendlichen hat. Ihm hören sie zu,
weil er ähnlich wie viele der Jugendlichen in jungen Jahren auf die schiefe Bahn geraten war und
viele Erfahrungen teilt. Diese gebrochene Biografie hilft ihm jetzt im Umgang mit den
Heranwachsenden. Man merkt ihm an, wie ernst er die Sorgen und Nöte seiner Schützlinge nimmt,
wie sehr er sich ihnen verbunden fühlt, wie sehr ihre Probleme zu seinen werden. Er weiß um die
Wichtigkeit seiner Arbeit. „Wir sind das Schmierfett der Gesellschaft“, betont Spieler und verweist
auf die geringe Anerkennung, die seiner Arbeit zu Teil wird.

Richtig in Fahrt kommen Spieler und sein Kollege Tim Schumacher, werden sie auf die derzeitige
Integrationsdebatte angesprochen. Besonders ärgert sie, dass vermeintliche Experten zu Wort
kämen, die allenfalls theoretische Kenntnisse besäßen. Die Art und Weise wie nicht erst seit
Sarrazin über Menschen mit Migrationshintergrund gesprochen werde, trage nicht konstruktiv zur
Verbesserung der vorhandenen Defizite bei, betont Spieler.
„Sarrazin hat dem Alltagsrassismus dem die Jugendlichen tagtäglich ausgesetzt sind ein Gesicht
verliehen“, kritisiert Tim Schumacher. Sarrazin liefere nun das Bild zu einem Gefühl, was es immer
schon gegeben habe. Ein Gefühl des Nichtwillkommenseins. Sarrazins Thesen bzw. die sich daraus
ergebende Radikalisierung der Debatte sei für die Jugendlichen die gigantische Bestätigung
jahrelang erfahrener Diskriminierung. Jan Spieler und Tim Schumacher regen sich auf, rauchen,
Schumacher ist der wild gestikulierende von beiden, Spieler scheint um Mäßigung bemüht. Es
ärgert sie, dass sie ständig von Politikern gefragt würden, was man denn zur Verbesserung der Lage
tun könne, gleichzeitig aber die Gelder gestrichen werden. „Da wird ein Stadtschloss gebaut und ein
Jugendzentrum geschlossen“, protestiert Schumacher. Das sei den Jugendlichen nicht zu vermitteln.
Die Zerstörung der sozialen Infrastruktur hätte mit nachhaltiger Integrationsbemühung nichts zu
tun. Überall würden den Jugendlichen Steine in den Weg gelegt. „Selbst, wenn es die Kids
bildungstechnisch schaffen, steht ihnen immer noch die Herkunft im Weg“, kritisiert Tim
Schumacher. Diese Erfahrung machen auch viele der Jugendlichen, die Spieler und Schumacher
betreuen. Aber die Musik bietet ihnen ein Ventil, ihren Frust zu kanalisieren. „Wir sind froh, dass
wir dieses Projekt realisieren konnten und dass es so gut angenommen wird“, erklärt Spieler.
Wie Faruk kommen auch Hamudi und Prince fast jeden Tag in den Kieztreff. Im Unterschied zu
Faruk gehen sie hier aber nicht zur Schule, sondern kommen hauptsächlich wegen des
Musikprojektes oder um Freunde zu treffen. Hamudi und Prince sind 15 Jahre alt, leben im Soldiner
Kiez und besuchen die neunte Klasse eines Gymnasiums. Beide sind in Deutschland geboren,
Hamudis Eltern kommen aus dem Libanon, Prince hat türkische Wurzeln. „Sarrazin will uns nicht,
dass wir Assis sind, verdirbt uns die Stimmung nicht“, reflektiert Prince provozierend in einem
seiner Texte. Er weiß genau wie klischeebeladen über junge Deutsche mit Migrationshintergrund
gesprochen und geschrieben wird. „Nur weil wir anders aussehen, heißt das nicht, dass wir anders
sind“, erklärt Prince. „Ständig wirst du blöd angeguckt. Dabei kennen die uns doch gar nicht“,
ergänzt Hamudi. „Dass es für Probleme Gründe geben könnte, danach fragt niemand. Dabei hat
alles eine Ursache, aber keiner fragt nach‚ hey warum seid ihr kriminell‘“, wundern sich beide.
„Wir wollen uns nur integrieren“, rappte Hamudi bereits mit dreizehn Jahren und brachte damit die
Sehnsucht zum Ausdruck, Teil jener Gesellschaft zu sein, in die er hineingeboren wurde, von der er
sich gleichzeitig aber auch ausgegrenzt fühlt. Eine Sehnsucht, die manchmal einer Ohnmacht
gleicht. Beide wünschen sich, dass die Vorurteile endlich verschwinden und dass es mehr Akzeptanz
und Toleranz im Umgang miteinander gibt.
Besonders von „denen da oben“, die das Leben im Kiez gar nicht kennen, also von denjenigen, die
etwas zu sagen haben, den politischen Prozess und die öffentliche Meinung maßgeblich
beeinflussen, erwarten sie eine differenzierte Sicht auf die Situation. Diese „Parallelgesellschaft“,
für die Faruk, Hamudi, Prince und all die anderen aus dem Soldiner Kiez stehen, ist wahrlich
multikulturell. Was sie eint ist nicht etwa der Islam, nicht ihre Religionszugehörigkeit. Was sie
verbindet ist ein Gefühl des Nichtangekommenseins. Ein Nichtangekommensein in einem Land, in
dem sie geboren und aufgewachsen sind. Was sie verbindet ist aber auch eine vage Idee, die
Hoffnung auf ein besseres Leben.
Die Musik bietet ihnen dabei ein geeignetes Ventil, ihre Erfahrungen, ihre Erlebnisse und die immer
wieder aufkeimende Ohnmacht in Worte und Emotionen zu gießen. Prince und Hamudi wollen ihr
Abitur machen. Ein vernünftiger Abschluss ist wichtig, finden sie. Was danach kommt? Prince will
im Kiez bleiben. Hamudi sieht das anders, er will später einmal dahin ziehen, „wo es richtige
Häuser gibt“. Oder mit Faruk gesprochen: „Wir wollen leben, lieben, vertrauen und auch frei sein.
In die Freiheit hinaus und nie high sein. Ich hab gelernt und verstanden, ihr wollt vieles, doch wir
wollen nur frei sein im Lande.“

2012 bekam ich einen Preis für mein Projekt „Kingz of Kiez“ und folgender Artikel war im
Tagesspiegel vom 05.09.2012 zu lesen...
„Hauptstadtpreis 2012 Der Klang der Integration“ von Carla Neuhaus

Die Bildungseinrichtung „puk a malta“ hat den diesjährigen Hauptstadtpreis gewonnen: In Rap-
Texten verarbeiten Jugendliche dort ihre Gefühle. Berlin - Ein Junge, er nennt sich Hayat, steht vor
einer grauen Wand und rappt: „Mama, ich hab dich gestresst, doch ich wollte das nicht. Wenn du
nicht da bist, ist das wie ein Messerstich.“ Hayat trägt eine grüne Baseballkappe, um seinen Hals
baumelt eine silberne Kette. Sein Auftritt, auf Video festgehalten, steht auf der Internetseite von
„Kingz of Kiez“. Für dieses Projekt, bei dem Jugendliche aus Wedding ihre Gefühle, Ängste und
Sorgen in eigenen Songs verarbeiten, hat der Berliner Bildungs- und Beschäftigungsträger „puk a
malta“ am Dienstag den Hauptstadtpreis für Integration und Toleranz gewonnen. „Durch die Musik
kommen wir mit den Jugendlichen ins Gespräch“, sagte Projektleiter Jan Spieler. Die Initiative
Hauptstadt Berlin, in der sich rund 500 Unternehmer und Bürger engagieren, hat den mit insgesamt
20 000 Euro dotierten Preis bereits zum fünften Mal vergeben. Medienpartner ist der Tagesspiegel.
Rund 60 Initiativen und Organisationen haben sich diesmal beworben. Mit dem Preis sollen Vereine
und Einrichtungen gefördert werden, die sich in Berlin für Integration einsetzen. „In einer Stadt, in
der sämtliche Nationen unserer Welt zu Hause sind, ist die Toleranz gegenüber anderen Religionen
und Hautfarben unabdingbar für ein friedliches und menschliches Zusammenleben“, sagte
Christoph Wegener, Vorsitzender der Initiative Hauptstadt Berlin, in seiner Festrede. Neben puk a
malta sind als zweite und dritte Preisträger in diesem Jahr die beiden Vereine „Schülerpaten Berlin
e.V.“ und „Kultur bewegt e.V.“ ausgezeichnet worden... Berlins Integrationssenatorin Dilek Kolat
(SPD) sagte, es brauche Auszeichnungen wie den Hauptstadtpreis, durch die das ehrenamtliche
Engagement sichtbar und gewürdigt wird: „Die Preisträgerinnen und Preisträger sind der beste
Beleg dafür, wie lebendig unsere Zivilgesellschaft ist.“ Das Preisgeld wollen die Vereine dafür
verwenden, ihre Projekte weiter voranzutreiben.
Jan Spieler von „Kingz of Kiez“ will zum Beispiel mit den Jugendlichen künftig regelmäßig eine
Nachrichtensendung produzieren, in der sie sich mit aktuellen Themen auseinandersetzen. „Das
kann mal in Form von Raptexten sein, mal als Talkrunde“, sagte er. Auf diese Weise wolle er die
Jugendlichen für Politik begeistern.“

Auf diesen Preis war ich sehr stolz. Nicht, weil er die lang erwartete öffentliche Anerkennung für
meine Arbeit war, der Zug war bereits abgefahren. Der Preis war Ausdruck dafür, wie sich die
Jugendlichen entwickelten. Viele kleine Einzelprojekte und das zumeist ehrenamtliche Engagement
der Jugendlichen, die oft nur ein Dankeschön und ein gemeinsames Döneressen nach der Arbeit für
ihre Arbeit bekamen, haben diesen Preis verdient und ihr Engagement und äußerst wertvolle Arbeit
mit anderen Kindern und Jugendlichen im Kiez wurde mit diesem Preis geehrt. So holte ich zur
Verleihung die Jugendlichen auf die Bühne des „Atriums der Deutschen Bank“, die mich
stellvertretend für die vielen engagierten Jugendlichen begleiteten und die ihren Preis
entgegennahmen.

Der Abschied fiel schwer und es gab eine Reihe wirklich emotionaler Momente, als ich meinen
Abschied bekannt gab. Die Achtung und Respekt vor meiner Arbeit und Person, die mir von
offizieller Seite selten bis gar nicht zu Teil wurde, brachten mir die Kinder und Jugendlichen, ihre
Familien und auch die Kollegen und Nachbarn im Kiez, mit denen ich zusammenarbeitete für einen
lebenswerten Kiez, immer entgegen und es tat mir unendlich Leid „sie im Stich zu lassen“. Aber
auch mein Leben ging weiter und ich hatte lange das Gefühl, mich nicht mehr persönlich
weiterzuentwickeln. Ich entschloss mich ein neues Kapitel meines Lebens anzufangen. Ich wollte
nun ein Buch schreiben...

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