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Daniel Schubbe/Matthias Koßler (Hrsg.

Schopenhauer-
Handbuch
Leben – Werk – Wirkung

Verlag J. B. Metzler Stuttgart · Weimar


Die Herausgeber
Daniel Schubbe ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der
FernUniversität in Hagen, Vorstandsmitglied der Schopenhauer-Gesellschaft.
Matthias Koßler ist apl. Professor für Philosophie an der Universität Mainz, Leiter der
Schopenhauer-Forschungsstelle, geschäftsführender Herausgeber des Schopenhauer-
Jahrbuchs und Präsident der Schopenhauer-Gesellschaft.

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
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ISBN 978-3-476-02444-2
ISBN 978-3-476-05334-3 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-05334-3

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Ursprü nglich erschienen bei J. B. Metzler’sche Verlagsbuchhandlung
und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2014

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V

Inhaltsverzeichnis

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII 6. Parerga und Paralipomena . . . . . . . . . . 124


6.1 »Skitze einer Geschichte der Lehre vom
I. Leben Idealen und Realen« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
6.2 »Fragmente zur Geschichte der
1. Die Familie Schopenhauer . . . . . . . . . . . . . . 1
Philosophie« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
2. ›Europäische Erziehung‹ und das Leiden an
6.3 »Ueber die Universitäts-Philosophie« . . . . . 133
der Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
6.4 »Transscendente Spekulation über
3. Akademische Karriere und das Verhältnis
die anscheinende Absichtlichkeit im
zur akademischen Philosophie . . . . . . . . . . . 12
Schicksal des Einzelnen« . . . . . . . . . . . . . . . . 137
6.5 »Versuch über das Geistersehn und
II. Werk was damit zusammenhängt« . . . . . . . . . . . . 139

1. Ueber die vierfache Wurzel des 6.6 »Aphorismen zur Lebensweisheit« . . . . . . . . 142
Satzes vom zureichenden Grunde . . 19 6.7 Der zweite Band der Parerga und
2. Die Welt als Wille und Paralipomena . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
Vorstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 7. Spätwerk und Nachgelassenes . . . . . 156
2.1 Zur Entwicklung des Hauptwerks . . . . . . . . 32 7.1 Der handschriftliche Nachlass und der
2.2 Konzeptionelle Probleme und junge Schopenhauer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
Interpretationsansätze der 7.2 »Eristische Dialektik« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
Welt als Wille und Vorstellung . . . . . . . . . . . . 36
7.3 Die Berliner Vorlesungen: Schopenhauer
2.3 Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie . . . . 44 als Dozent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
2.4 Metaphysik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 7.4 Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
2.5 Ästhetik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 7.5 Die Übersetzung von Graciáns
2.6 Ethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Handorakel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183

2.7 »Kritik der Kantischen Philosophie« . . . . . . 86


3. Ueber den Willen in der Natur . . . . . 92 III. Einflüsse und Kontext
4. Die beiden Grundprobleme der 1. Asiatische Philosophien und Religionen . . . 187
Ethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
2. Platon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
4.1 »Preisschrift über die Freiheit des
3. Philosophie des Mittelalters . . . . . . . . . . . . . 197
Willens« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
4. Christentum und Mystik . . . . . . . . . . . . . . . . 201
4.2 »Preisschrift über die Grundlage der
Moral« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 5. Moralistik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208
5. Ueber das Sehn und die Farben . . . . . . 117 6. Baruch de Spinoza . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211
VI Inhaltsverzeichnis

7. Immanuel Kant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 3. Existenzphilosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325


8. Jakob Friedrich Fries, Gottlob Ernst 4. Hermeneutik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
Schulze, Friedrich Heinrich Jacobi . . . . . . . 221
5. Kritische Theorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336
9. Johann Wolfgang von Goethe . . . . . . . . . . . . 226
6. Neurophilosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342
10. Johann Gottlieb Fichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
C. Kunst
11. Georg Wilhelm Friedrich Hegel . . . . . . . . . . 237
1. Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347
12. Marie François Xavier Bichat und
Pierre Jean Georges Cabanis . . . . . . . . . . . . . 240 2. Bildende Kunst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360

13. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling . . . . . . 246 3. Musik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 366

14. Romantik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 D. Rezeption in einzelnen Ländern


1. USA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372
IV. Wirkung 2. Italien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
3. Großbritannien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383
A. Personen
4. Frankreich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 388
1. Ludwig Feuerbach . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
5. Indien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 394
2. Søren Kierkegaard . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
3. Die ›Schopenhauer-Schule‹ . . . . . . . . . . . . . 270
V. Anhang
4. Voluntarismus im Anschluss an
Schopenhauer: Philipp Mainländer, 1. Zitierweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399
Julius Bahnsen, Eduard von Hartmann . . . . 275
2. Werkausgaben (Auswahl) . . . . . . . . . . . . . . . 400
5. Wilhelm Dilthey . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
3. Auswahlbibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 401
6. Friedrich Nietzsche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286
4. Institutionen der Schopenhauer-
7. Sigmund Freud . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294 Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 402
8. Georg Simmel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303 5. Seitenkonkordanzen für die
9. Henri Bergson . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 Werkausgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403

10. Carl Gustav Jung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312 6. Die Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . 427
7. Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429
B. Philosophische Strömungen
1. Phänomenologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 316
2. Analytische Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . 321
VII

Vorwort

Es liegt in der Natur eines Handbuchs, dass es zwar quelle oder Bezugspunkt gewürdigt oder er wird sys-
die größtmögliche Breite und Tiefe eines Themas tematisch auch dort übergangen, wo Anknüpfungen
wiedergeben möchte, dies aber immer unter dem naheliegen. Es findet sich daher im vierten Kapitel
Vorbehalt pragmatisch schneller und nützlicher auch eine Vielzahl an ›verpassten Gesprächen‹, die
Handhabung, das heißt erforderlicher Kürze, tun zwar keine direkte Wirkung zur Grundlage haben,
muss. Dies führt dazu, dass Themen notwendiger- aber dennoch deutlich machen, dass eine Auseinan-
weise auf der Strecke bleiben. Die Herausgeber des dersetzung mit Schopenhauer hätte fruchtbar sein
vorliegenden Schopenhauer-Handbuchs hoffen, die- können.
ses Problem auf zweierlei Weise abgemildert zu ha- Das fünfte Kapitel bietet abschließend Hilfsmittel
ben: Zum einen durch eine sinnvolle Auswahl der für die Forschung, wobei insbesondere die Konkor-
Themen, die sowohl dem Laien als auch dem Ken- danz von Stefan Kirschke hervorgehoben werden
ner einen guten Überblick über die Philosophie soll. Da es nach wie vor keine Kritische Gesamtaus-
Schopenhauers geben sollen, zum anderen durch die gabe der Werke Schopenhauers gibt, ist die For-
Bereitstellung von geeigneten ›Sprungbrettern‹, die schung auf eine Vielzahl verschiedener Ausgaben
jeweils schnell Anknüpfungspunkte für weiterge- angewiesen, die letztliche alle ihre Mängel haben.
hende Lektüre und Forschung ermöglichen. Die hier vorgelegte Konkordanz hilft daher zumin-
Besonders das dritte und vierte Kapitel (»Ein- dest, die unterschiedlichen Werke zu vergleichen.
flüsse und Kontext« und »Wirkung«) erforderte die Wir danken den beteiligten Autorinnen und Au-
Auswahl von Schwerpunkten. Die Lektüre Schopen- toren ausdrücklich für ihr Engagement und die Aus-
hauers ist historisch, systematisch und kulturell breit dauer, die sie diesem Projekt entgegengebracht ha-
angelegt gewesen, entsprechend vielfältig die jeweili- ben. Frau Hechtfischer und Frau Remeika danken
gen Einflüsse. Auf der anderen Seite gehört Scho- wir herzlich für das ausgezeichnete Lektorat und die
penhauer auch zu den wirkungsmächtigen Vertre- kompetente Begleitung der Fertigstellung.
tern seines Faches, die nicht nur in die Philosophie,
sondern auch in viele andere Disziplinen hinein ge-
wirkt haben. Interessanterweise wird Schopenhauer Mainz und Hagen im Juni 2014
aber nicht immer als entsprechende Inspirations- Matthias Koßler/Daniel Schubbe
1

I. Leben

1. Die Familie Schopenhauer auch Johanna Schopenhauers Vater, Christian Hein-


rich Trosiener, einen Sitz. Erst durch eine 1761
durchgeführte politische Reform hatten die Mitglie-
Herkunft und Stand
der der »Dritten Ordnung« Zugang zum Stadtrat er-
Arthur Schopenhauer war ein Patriziersohn: Er ent- halten, wodurch auch Schopenhauers Schwiegerva-
stammt dem gebildeten, politisch eigenständigen ter die Stellung eines Ratsherrn erhielt.
und finanziell unabhängigen Stadtbürgertum. Das Die Schopenhauers sind im Danziger Umland als
hieraus erwachsene Selbstbewusstsein, von nieman- Ackerbauern bereits im 15. Jahrhundert nachweis-
dem abhängig und niemandem untertan zu sein, bar. Arthur Schopenhauers Urgroßvater väterlicher-
war Teil seiner Familienkultur und prägte sowohl seits, Johann Schopenhauer aus Petershagen (geb.
sein soziales Auftreten als auch den Gestus seiner 1670), war der erste gelernte Kaufmann der Familie.
Schriften. Er wurde im Jahr 1695 Danziger Bürger und pach-
Arthur Schopenhauer wurde am 22. Februar 1788 tete 1708 bis 1724 zusammen mit seinem Bruder Si-
als Sohn des Kaufmanns Heinrich Floris Schopen- mon die Stadtdomäne Stutthof. Sein Sohn Andreas,
hauer und seiner Frau Johanna Schopenhauer, geb. der Großvater Arthur Schopenhauers (geb. 1720),
Trosiener, in Danzig geboren. Eine lange Geschichte begründete den Wohlstand der Familie und erwarb
bürgerlichen Freiheitsstrebens prägte die Geschichte den Ruf eines »Danziger Fuggers«. Er besaß u. a.
seiner Geburtsstadt. Danzig war von 1454 bis zur zwei Stadthäuser in Danzig und ein Landgut in
Annexion durch Preußen 1793 eine Freie Stadt unter Ohra. Auch als Mäzen der Künste machte er sich in
Oberhoheit der polnischen Krone und genoss weit- der Stadt einen Namen. 1745 heiratete er Anna Re-
gehende Autonomie. Über Jahrhunderte der Hanse nata Soermanns, die Tochter des niederländischen
zugehörig und ein Drehkreuz des Ostseehandels, Gesandten in Danzig. Schopenhauers Großmutter
hatte sie sich im Verlauf ihrer Geschichte eine repu- väterlicherseits brachte in die Ehe ein erhebliches
blikanische Verfassung gegeben und auch das Recht Vermögen, aber auch eine Neigung zur psychischen
erhalten, eigene diplomatische Vertretungen zu ent- Instabilität, Angstzuständen und Depression ein, die
senden. sich bei mehreren ihrer Nachkommen, auch bei
Danzig war eine offene, kosmopolitische und Schopenhauers Vater und bei Schopenhauer selbst
multiethnische Stadt, doch beherrscht wurde sie von bemerkbar machen sollte. Auf die Großmutter grün-
einem deutschsprachigen Patriziat. Ihm gehörten det sich aber auch der mehrfach von Arthur Scho-
auch die Familie und die Vorfahren Schopenhauers penhauer geäußerte Stolz, von niederländischen
an. Beide Eltern entstammten alteingesessenen und Vorfahren abzustammen.
angesehenen Danziger Kaufmannsfamilien, waren Von den, z. T. früh verstorbenen, fünfzehn Kin-
jedoch in ihrem sozialen Rang nicht ganz gleichwer- dern des Andreas und der Anna Renata Schopen-
tig. Heinrich Floris Schopenhauer, dessen Vorfahren hauer war Heinrich Floris (geb. 1847), der spätere
schon seit dem 17. Jahrhundert in Danzig ansässig Vater Schopenhauers, der zweitälteste. Ab 1770
waren, gehörte dem zahlenmäßig eng begrenzten übernahm er zusammen mit seinem ein Jahr jünge-
Ratsherrenkollegium, dem eigentlichen Machtzen- ren Bruder Johann Friedrich gemeinsam das väterli-
trum, an und besaß überdies den vom polnischen che Unternehmen. Als der langjährige Junggeselle
König verliehenen Hofrattitel. Neben den Ratsher- mit knapp vierzig Jahren ans Heiraten denkt, ist er
ren und dem Schöffenkollegium gab es aber auch einer der ersten Handelsherren der Stadt, ein ge-
noch eine Vertretung für den etwas weniger einfluss- schäftstüchtiger Kaufmann mit Kontakten nach
reichen Mittelstand, die sogenannte »Dritte Ord- West- und Osteuropa, ein stolzer Republikaner und
nung«. Sie repräsentierte die innerstädtische Oppo- ein gebildeter Mann, bei dem sich pietistische
sition gegen das alteingesessene Patriziat. In ihr hatte Strenge mit ausgesprochener Weltoffenheit verbin-
2 I. Leben

det. Er besaß mehrere Schiffe, eine Stadtwohnung in chen lernte sie Polnisch, in der Kinderschule der
der Danziger Heiligengeistgasse, sowie als Landgut Familie Chodowiecki Französisch. Dr. Jameson, ein
einen der großen Pelonker Höfe in Oliva, nordwest- aus Edinburgh zugezogener Geistlicher, der die eng-
lich von Danzig. Später fielen ihm noch Einnahmen lische Gemeinde in Danzig betreute, vermittelte
aus dem von seinem Vater hinterlassenen Landgut in ihr  ausgezeichnete Kenntnisse im Englischen und
Ohra zu. führte sie in die englische Literatur ein. Ihr Wunsch,
Politisch gehörte der Voltaire-Leser Heinrich Flo- Malerin zu werden, wurde ihr als Mädchen aller-
ris zu den Unterstützern einer aufklärerischen Re- dings verwehrt. Dennoch blieb Johanna Schopen-
formpolitik. Gegenüber Preußen und seinem König hauer ihr Leben lang den Künsten und der Literatur
Friedrich II., der schon früh ein Auge auf Danzig ge- eng verbunden und gab diese Verbundenheit auch
worfen hatte, hegte er wie sein Vater eine ausgespro- an ihren Sohn weiter.
chene Abneigung. Als Friedrich II. ihm anlässlich
eines Besuchs 1773 in Berlin die preußische Staats-
bürgerschaft und unbegrenzte Niederlassungsfrei- Die engere Familie bis zum Tod
heit in Preußen anbot, machte er davon keinen Ge- des Vaters 1805
brauch. Für ihn war der Wappenspruch der Familie
Schopenhauer verpflichtend: »Point de bonheur Schopenhauers Eltern, Heinrich Floris Schopen-
sans liberté« – »Kein Glück ohne Freiheit«. Als hauer und Johanna Trosiener, heirateten am
Heinrich Floris Schopenhauer 1785 um die Hand 16.5.1785 in der Danziger Kirche »Aller Gottes En-
der zwanzig Jahre jüngeren Johanna Trosiener an- gel«. Es war eine standesgemäße Vernunftehe, der
hielt, wurde dies von der Familie Trosiener durchaus keine tiefe emotionale Bindung zugrunde lag. Repu-
als Ehre und als Möglichkeit zum weiteren sozialen blikanischer Bürgerstolz und eine der Aufklärung
Aufstieg angesehen. Heinrich Floris Schopenhauer verpflichtete fortschrittliche politische Grundhal-
galt als einer der besten Partien der Stadt. tung prägte die Gesinnung beider Eltern. So wei-
Christian Heinrich Trosiener (geb. 1730), Scho- gerte sich Johanna bei einem Aufenthalt der Scho-
penhauers Großvater mütterlicherseits, hatte bereits penhauers in Bad Pyrmont im Jahr 1787, die Be-
einen sozialen Aufstieg hinter sich. Er war der erste kanntschaft der Herzogin von Braunschweig zu
Kaufmann der Familie und der erste, der sich in machen, weil von ihr als bürgerlicher Frau der Knie-
Danzig angesiedelt hatte. Auch sein Haus befand fall erwartet wurde. Der Ausbruch der Französi-
sich in der Heiligengeistgasse. Sein Vater, der Schuh- schen Revolution wurde in der Familie begrüßt, das
macher Christian Trosiener, war in dem Dorf Alt- preußische Annexionsstreben dagegen mit großem
schottland im Danziger Umland ansässig. Dessen Misstrauen betrachtet. Als politisches Vorbild galt
Vater wiederum hatte sich aus Ostpreußen hier an- sowohl Heinrich Floris als auch seiner Frau der briti-
gesiedelt. Seine um fünfzehn Jahre jüngere Frau sche Parlamentarismus.
Elisabeth Trosiener (geb. 1745) war die Tochter des Der weltanschaulichen Harmonie zwischen den
Apothekers Georg Lehmann und dessen Frau Su- Eltern standen Disharmonien im Alltag und in den
sanna Concordia Lehmann, geborene Neumann. gesellschaftlichen Lebensbedürfnissen gegenüber.
1788, im Geburtsjahr Arthur Schopenhauers, pach- Dies war einerseits dem unterschiedlichen Alter der
tete Christian Heinrich Trosiener den Gutshof Stutt- beiden Ehepartner geschuldet, aber auch unter-
hof, den bereits Schopenhauers Urgroßvater väter- schiedlichen persönlichen Interessen und Mentalitä-
licherseits in Pacht gehabt hatte. Auch er gehörte zu ten. Heinrich Floris konzentrierte sich auf seine Ge-
den angesehenen Bürgern Danzigs. Zeitweise übte er schäftstätigkeiten und deren standesgemäßer Reprä-
die Funktion des Fischereiquartiermeisters und Vor- sentation. Er neigte, vor allem in späteren Jahren, zu
stehers der Johanniskirche aus. Depressionen und privater Isolation. Seine junge
Schopenhauers Mutter, Johanna Trosiener, wurde Frau dagegen sehnte sich nach einem interessanten,
1766 als ältestes überlebendes Kind geboren. Ihr abwechslungsreichen und kulturell befruchtenden
folgten noch drei weitere Schwestern, Elisabeth Gesellschaftsleben. In den ersten, noch in Danzig
Charlotte, Anna und Julia Dorothea. Johanna erhielt verbrachten Jahren der Ehe hielt sich Johanna mit
eine für die damalige Zeit sehr gründliche und viel- ihrem 1788 geborenen Sohn Arthur häufig in den
seitige Bildung und erwarb u. a. umfassende Kennt- Landgütern Oliva und Stutthof auf. Gäste waren sel-
nisse in Kunst und Literatur. Dies betraf auch das Er- ten. Häusliche Pflichten und Erziehungsaufgaben
lernen von Fremdsprachen. Über ihr Kindermäd- füllten sie nicht aus. Als Höhepunkte empfand sie le-
1. Die Familie Schopenhauer 3

diglich die gemeinsam unternommenen Reisen, wie seine Wünsche entsprachen nicht denen des Vaters.
die, die sie während ihrer ersten Schwangerschaft Er fühlte sich in die falsche Richtung gedrängt und
1787 nach England unternahmen. Johanna lang- entwickelte schon sehr früh das Bedürfnis, die Ge-
weilte sich in ihrer Ehe. lehrtenlaufbahn einzuschlagen. Auch in seinem öf-
Kurz vor der Einnahme Danzigs durch preußi- fentlichen Auftreten entsprach er nicht den elterli-
sche Truppen siedelten die Schopenhauers 1793 chen Erwartungen. Von heftigem und aufbrausen-
nach Hamburg über. Das Haus in der Heiligengeist- dem Charakter, neigte er dazu, apodiktische Urteile
gasse wurde verkauft. Verwandte beider Seiten sowie zu fällen und Auseinandersetzungen zu provozieren.
ein Teil der Vermögenswerte blieben jedoch in Dan- Im Jahr 1805 riss der Tod des Vaters die Familie
zig. 1797 wurde in Hamburg die Tochter Louise auseinander. Heinrich Floris Schopenhauer, krank,
Adelaide Lavinia geboren, im Familien- und Be- depressiv und isoliert, stürzte sich aus einem Spei-
kanntenkreis »Adele« genannt. In Hamburg wurde cherfenster seines Hauses. Sein Freitod wurde nach
deutlich, dass sich die beiden Eheleute zunehmend außen als Unfall hingestellt, seine Tochter Adele er-
auseinander entwickelten. Heinrich Floris Schopen- fuhr erst im Erwachsenenalter die wahre Todesursa-
hauer durchlebte eine Periode des geistigen und kör- che. Der Tod des Vaters setzte eine Zäsur in der Fami-
perlichen Verfalls, während Johanna ein offenes liengeschichte und beendete mehrere Generationen
Haus hielt, Verbindungen zum Kulturleben knüpfte der Schopenhauerschen Kaufmanns- und Patrizier-
und bestrebt war, in die gute Gesellschaft Hamburgs dynastie. Er hinterließ eine Familie, in der sich viel
Eingang zu finden. Spannungspotential aufgebaut hatte. Vor allem zwi-
Die elterliche Erziehung vermittelte dem Sohn, schen Mutter und Sohn entstand ein Graben. Wäh-
durch Reisen, soziale Kontakte und ausgedehnte rend Arthur zuvor unter der Strenge und emotiona-
Lektüre, einen über die standesgemäßen Fähigkeiten len Distanz des Vaters gelitten hatte, sprach er fortan
weit hinausgehenden kulturellen Horizont (s. Kap. von ihm nur noch voller Hochachtung als dem Mann,
I.2). Doch es mangelte ihr an emotionaler Wärme. dem er die Grundlagen für seine spätere Philoso-
Auch wurde den geistigen Neigungen Arthurs nur phenexistenz verdanke. Der Mutter warf er nun vor,
bedingt Rechnung getragen. Der Vater beabsichtigte den Vater an seinem Lebensende im Stich gelassen zu
von Anfang an, seinen Sohn zu seinem Nachfolger haben: »Meine Mutter«, so äußerte er in späteren Jah-
zu erziehen. Er schickte ihn in die für Kaufmanns- ren, »gab Gesellschaften, während er in Einsamkeit
kinder eingerichteten Schulen und ließ ihn im Kon- verging, und amüsierte sich, während er bittere Qua-
tor befreundeter Kaufleute ausbilden. Er wachte len litt« (Gespr, 152). Das entstandene Ressentiment
auch streng über den Erwerb gesellschaftlicher Fä- gegen die Mutter sollte das Verhältnis beider bis zum
higkeiten, die diesem Ziel dienten, so die Vervoll- Tode Johanna Schopenhauers bestimmen.
kommnung der Handschrift, eine gerade Körperhal-
tung und die Fähigkeit, gesellschaftlichen Umgang
in einer angenehmen und verbindlichen Form zu Die Geschichte der Familie 1805–1838
pflegen. Dabei litt der Sohn unter der Strenge des
Vaters. Während zu Lebzeiten des Vaters sich das Leben der
Zu den positiv prägenden Erfahrungen seiner Familie noch ganz im bürgerlich kaufmännischen
Kindheit und Jugend gehörten für den jungen Scho- Milieu abspielte, traten nach dessen Tod die intellek-
penhauer die Auslandsaufenthalte. Dazu zählen tuellen und künstlerischen Interessen der verbliebe-
nicht nur die gemeinsam mit den Eltern unternom- nen Schopenhauers in den Mittelpunkt. Dabei zeigt
menen Reisen, sondern auch der beinahe zweijäh- sich das Bild einer Familie von schwierigen und zu-
rige Aufenthalt bei Geschäftsfreunden des Vaters, gleich hochbegabten Charakteren, die alle, zu unter-
der Familie Grégoire de Blésimaire im französischen schiedlichen Zeiten und mit unterschiedlicher
Le Havre, von 1797 bis 1799. Hier liegt auch eine Nachhaltigkeit, durch intellektuelle Leistungen her-
wichtige Komponente der europäischen Erziehung vortraten, sich aber auch im Strudel persönlicher
Schopenhauers (s. Kap. I.2). Die Teilnahme an der und finanzieller Zwistigkeiten das Leben gegenseitig
großen, von den Eltern unternommenen Europa- schwer machten. Insgesamt liest sich die Familienge-
reise 1803 bis 1804 verknüpfte der Vater allerdings schichte nach 1805 »wie die eines katastrophalen
mit der Bedingung, dass Arthur sich nun endgültig Zerfalls« (Lütkehaus 1998, 11).
für die Kaufmannslehre entscheiden sollte. Der Johanna Schopenhauer begann nach dem Tode
junge Arthur Schopenhauer ging darauf ein, doch ihres Mannes ein neues Leben. Sie strebte nun eine
4 I. Leben

Existenz an, in der sie ihre künstlerischen und ge- Schwester Adele hat Arthur Schopenhauer dem Um-
sellschaftlichen Bedürfnisse verwirklichen konnte. gang der Mutter mit dem Vermögen von Anfang an
Sie ließ das Haus der Familie in Hamburg verkaufen misstraut und sich hartnäckig für seine eigenen fi-
und das Schopenhauersche Unternehmen aus dem nanziellen Interessen eingesetzt.
Handelsregister löschen. Sie erkundete mögliche Nach vierjährigem Studium in Göttingen und
neue Wohnorte und zog schließlich 1806 nach Wei- Berlin und anschließender Promotion an der Uni-
mar, wo die befriedigendste und erfolgreichste Zeit versität Jena (s. Kap. I.3) kehrt Arthur Schopenhauer
ihres Lebens begann. Johanna, die nun den Hofrats- im Herbst 1813 nach Weimar zurück und nimmt,
titel ihres Mannes führte, wurde Gastgeberin eines auf Bitten der Mutter, Wohnung in deren Haus. Dort
Salons, in dem sich regelmäßig die Elite der Weima- brechen die schwelenden Konflikte zwischen Mutter
rer Kultur traf und dessen Mittelpunkt Goethe und Sohn offen aus. Streitpunkte sind vor allem die
wurde. Auch machte sie sich in den kommenden Anwesenheit des Schriftstellers und Weimarer Re-
Jahren einen Namen als Reiseschriftstellerin und gierungsrats Müller von Gerstenbergk im Hause der
Romanautorin. Ihr bedeutendster, auch heute noch Mutter und der von Arthur erhobene Vorwurf, die
gedruckter Roman Gabriele (1819/20) ist von Goe- Mutter veruntreue das väterliche Erbe. Nach einer
thes Wilhelm Meisters Lehrjahre inspiriert. heftigen persönlichen Auseinandersetzung kommt
Die damals erst neunjährige Adele Schopenhauer es im Mai 1814 zum endgültigen Bruch zwischen
lebte weiterhin im Haushalt der Mutter. Für sie Mutter und Sohn, die sich beide nie mehr wiederse-
wurde Weimar zur eigentlichen Heimat. Sie be- hen sollten. Bis 1818 und dann wieder in den frühen
freundete sich eng mit Ottilie von Pogwisch, der 1830er Jahren gab es zwischen beiden noch Briefver-
späteren Schwiegertochter Goethes, und sah Goethe kehr, in dem es jedoch meist um Vermögensfragen
wie einen Ersatzvater an. ging.
Arthur Schopenhauer blieb zunächst in Hamburg Am 22. Mai 1814 verließ Arthur Schopenhauer
und setzte zähneknirschend seine Kaufmannsaus- Weimar und siedelte für vier Jahre nach Dresden
bildung fort. Er fühlte sich durch sein Versprechen über, wo sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vor-
gegenüber dem Vater gebunden. Erst 1807 bricht er stellung entstand. Im September 1818 begab er sich
mit Einverständnis der Mutter die Lehre ab, um das auf seine erste Italienreise, die er allerdings im Früh-
Abitur nachzuholen und sich auf die lange ge- jahr 1819 abbrechen musste, weil die Familie von der
wünschte Gelehrtenlaufbahn hin zu orientieren. Er Insolvenz des Danziger Handelshauses Muhl er-
besucht einige Monate das Gymnasium in Gotha, schüttert wurde. Die unterschiedlichen Reaktionen
das er nach einem Konflikt mit dem Lehrkörper je- der Familienmitglieder auf diese finanzielle Kata-
doch verlässt. Auf die 1809 abgelegte Gymnasialprü- strophe vertieften den Riss innerhalb der Familie.
fung wird er von nun an in Weimar durch Privatleh- Mutter und Tochter hatten bei Muhl ihr gesamtes
rer vorbereitet. verbliebenes Kapitalvermögen angelegt, wobei es
Aus Heinrich Floris’ Vermögen erbten Johanna sich in Wahrheit nur noch um Adeles Anteil han-
und jedes ihrer Kinder jeweils ein Drittel. Johanna delte, da der mütterliche Teil bereits verbraucht war.
verwaltete das Erbe bis zur Volljährigkeit der Kinder Arthur war lediglich mit einem Drittel seines Kapi-
treuhänderisch. Dazu gehörten auch Zinseinkünfte tals betroffen. Während sich Mutter und Tochter auf
von ererbten Landgütern in Danzig. Querelen um einen Vergleich einließen, bei dem sie 70 % ihres
Johannas Umgang mit dem Vermögen, um die Dan- Vermögens verloren, verweigerte Arthur den Ver-
ziger Verwalter und das bei dortigen Geschäfts- gleich und konnte schließlich seinen Anteil vollstän-
freunden angelegte Geld sollten die Familienbezie- dig retten. Obwohl Mutter und Tochter bei Muhl
hungen über Jahrzehnte bestimmen. noch eine kleine Leibrente aushandeln konnten, be-
Mit Erreichen der Volljährigkeit 1809 erhielt Ar- deutete die Muhlsche Insolvenz für sie einen finan-
thur Schopenhauer von seiner Mutter die Verfügung ziellen Absturz und ein erhebliches Absinken ihres
über seinen Vermögensanteil. Die Zinseinkünfte aus Lebensstandards.
den Danziger Gütern wurden zunächst weiterhin Zu diesem Zeitpunkt lief der innerfamiliäre Kon-
über sie abgewickelt. Ebenso behielt sie noch die takt nur noch über einen Briefwechsel zwischen
Verfügung über den Anteil ihrer Tochter. Zu diesem Bruder und Schwester. Adele Schopenhauer, intel-
Zeitpunkt lebte die Mutter bereits über ihre Verhält- lektuell ebenso begabt wie Mutter und Bruder und
nisse und hatte einen großen Teil ihres eigenen Ver- mit großen künstlerischen Fähigkeiten ausgestattet,
mögensanteils ausgegeben. Im Gegensatz zu seiner ist die eigentlich tragische Figur der Familie. Zerrie-
1. Die Familie Schopenhauer 5

ben zwischen einer Mutter, die auf Pump lebte, das Im September 1831 war Arthur Schopenhauer in
Vermögen ihrer Tochter und damit deren Mitgift Frankfurt eingetroffen. Kurz darauf nahm er wieder
verschleuderte, und einem Bruder, der die Schwester brieflichen Kontakt zur Schwester auf, deren erster
misstrauisch auf Distanz hielt, vermochte sie nicht, nachgewiesener Brief aus Bonn von Oktober 1831
ein selbstbestimmtes Leben zu führen und einen datiert. Geplagt von alten und neuen Krankheiten,
Platz in der Gesellschaft einzunehmen, der ihren Fä- von dem Bewusstsein, dass seine akademische Kar-
higkeiten und Bedürfnissen entsprach. Wie dieser, riere gescheitert (s. Kap. I.3) und sein Werk unbe-
neigte sie zu psychischer Instabilität und Depressio- achtet geblieben war, teilte Arthur Adele seine ver-
nen. zweifelte Lage mit. Diese hatte ihrerseits mit der
Adele war im Streit zwischen Mutter und Bruder Möglichkeit eines glücklichen Lebens abgeschlos-
an der Seite der Mutter geblieben, versuchte aber, sen. Sie litt am Leben und fühlte sich, wie sie es selbst
auch ohne Wissen der Mutter, mit dem Bruder in formulierte, ›unbenutzt‹: »Ich lebe ungern, scheue
Kontakt zu bleiben. Während der ersten Italienreise das Alter, scheue die mir gewiß bestimmte Lebens-
kam es zur brieflichen Annäherung zwischen den einsamkeit« (Lütkehaus 1998, 319) schrieb sie 1831
beiden Geschwistern. Adele, die Italienisch gelernt an ihren Bruder. In Anbetracht ihrer prekären finan-
hatte, eine eigene Reise aus finanziellen Gründen ziellen Lage hatte sie mit 34 Jahren kaum noch Hei-
aber nicht unternehmen konnte, war an Arthurs Er- ratschancen. Versuche und Angebote der Schwester,
fahrungen mit der Kunst und Kultur des Landes lei- man könne sich treffen, um vielleicht sogar ein ge-
denschaftlich interessiert. 1820 besuchte sie ihren meinsames Leben ins Auge zu fassen, blockte Arthur
Bruder in Berlin. Durch Arthurs Misstrauen jedoch, wiederum ab.
geschürt von der Annahme, sie stehe mit ihren fi- Im Gegensatz dazu stand Johanna Schopenhauer
nanziellen Interessen mit der Mutter im Einverneh- Anfang der dreißiger Jahre auf der Höhe ihres litera-
men, fühlte sie sich gekränkt und zog sich wieder zu- rischen Ruhms. Ihre Werke wurden 1831 im Verlag
rück. Brockhaus in 24 Bänden veröffentlicht. Die Einnah-
Aber auch in den frühen 1820er Jahren, als der men aus dem Verkauf konnten jedoch die finanzielle
Bruder in Berlin vergeblich versuchte, den Weg einer Lage der beiden Frauen kaum verbessern. Inzwi-
akademischen Karriere einzuschlagen, um sich ein schen führte Adele den Haushalt der Mutter und
weiteres finanzielles Standbein zu schaffen (s. Kap. hatte die Kontrolle über die täglichen Ausgaben. Ihre
I.3), und auch nach seiner zweiten Italienreise, die Haltung zur Mutter war in dem Maße kritischer ge-
zwischen Mai 1822 und Mai 1823 stattfand, ver- worden, in dem sie Einblick in deren finanzielle
suchte Adele immer wieder, ihrem Bruder näher zu Haushaltsführung gewonnen hatte. Ihre ›Schein-
kommen und ein Treffen zu arrangieren. Arthur wohlhabenheit‹, d. h. der nach außen demonstrierte
Schopenhauer hat diese Bemühungen seiner Schwes- Anschein von Wohlstand bei gleichzeitiger Armut,
ter regelmäßig abgewehrt. Zwischen 1824 und 1831, bedrückte ihr Leben ebenso wie die Tatsache, dass
für Arthur Schopenhauer eine Zeit geprägt von zahl- der Bruder jede menschliche Annäherung verwei-
reichen Ortswechseln, öffentlicher Missachtung, gerte. Durch kleinere Publikationen, Übersetzungs-
akademischer Erfolglosigkeit, Liebesenttäuschun- arbeiten und den Verkauf von Wertgegenständen
gen und Depressionen, ist kein Briefverkehr mehr versuchte Adele, die von der Mutter angehäuften
zwischen den Geschwistern nachgewiesen. Schulden abzubauen. Auch in dem zwischen 1832
Der Kontakt zwischen Arthur Schopenhauer und und 1835 wieder aufgenommenen Briefverkehr zwi-
seiner Familie wurde erst wieder aufgenommen, schen Mutter und Sohn stehen die Vermögensein-
nachdem Johanna und Adele Schopenhauer von nahmen, insbesondere die Einkünfte aus den Danzi-
Thüringen an den Rhein gezogen waren und Arthur ger Besitzungen, im Mittelpunkt. Arthur Schopen-
sich seinerseits in Frankfurt niedergelassen hatte. hauer hat hartnäckig, und häufig zu Recht, sowohl
Finanzielle Gründe hatten Mutter und Schwester an der Korrektheit der Mutter als auch an der der
1829 bewogen, den Weimarer Haushalt aufzugeben. Danziger Vermögensverwalter gezweifelt.
Adeles Verbindung zu der vermögenden Kunst- In den gesamten 1830er Jahren überschattete
sammlerin Sybille Mertens-Schaaffhausen eröffnete Geldnot die Lage von Mutter und Schwester, bis
die Möglichkeit, im Sommer das Landhaus von Sy- beide schließlich vor dem finanziellen Bankrott
bille Mertens in Unkel am Rhein, den »Zehnthof«, standen. Die Wohnung in Bonn war zu teuer gewor-
zu beziehen. Den Winter verbrachte man jeweils in den. Johanna und Adele Schopenhauer vermissten
Bonn. Weimar. Für Johanna war dies der Ort ihrer gesell-
6 I. Leben

schaftlich glänzendsten Zeit und für Adele die ei- Adele und Arthur Schopenhauer blieben in den
gentliche Heimat. Bereits 1835 hatte Adele an ihren 1840er Jahren brieflich in Verbindung. Neben dem
Bruder geschrieben: »Ich muß in Thüringen leben, unvermeidlichen Thema der familiären Vermögens-
nur dort ist mir wohl« (Lütkehaus 1998, 369). Auf verwaltung wurde nun auch Adeles Krankheit zum
Johannas Bitten hin gewährte ihnen der Weimarer Thema. Arthur Schopenhauer hat dennoch seine
Großherzog 1837 eine kleine Pension, offenbar je- Schwester nie zu nah an sich herangelassen, obwohl
doch mit der Auflage, dass sie sich in Jena und nicht diese großes Verständnis für das Werk des Bruders
in Weimar ansiedeln sollten. Im Herbst 1837 siedeln entwickelte, den sie als »tiefen, heiligen Denker«
die beiden Frauen nach Jena um. Adele Schopen- (Lütkehaus 1998, 458 f.) bezeichnete und dessen
hauer blieb, ungeachtet aller emotionalen Distanz, Mitleidsethik sie unterstützte. Sie besuchte ihn 1842
bis zum Tod der Mutter an deren Seite. Als Johanna in Frankfurt, wo er sich, nach einem Jahr in Mann-
nach einem Schlaganfall gebrechlicher wurde, pflegte heim, seit 1833 endgültig und für den Rest seines Le-
sie sie. Johanna Schopenhauer starb am 16. April bens niedergelassen hatte. Es sollte einer von zwei
1838. Als späten Versuch der Wiedergutmachung Besuchen im letzten Lebensjahrzehnt der Schwester
gegenüber Adele hatte sie ihr gesamtes Restvermö- bleiben. 1849, kurz vor ihrem Tod, hat sie den Bru-
gen ihrer Tochter vermacht und damit ihren Sohn der noch einmal besucht und mit ihm Testamenta-
enterbt. Doch sie hinterließ nur Schulden. Arthur risches besprochen. Arthur hatte sich ganz auf das
Schopenhauer kam nicht zur Beerdigung, doch be- Leben eines vom eigenen Vermögen lebenden Priva-
wahrte er in seiner Frankfurter Wohnung ein Ölbild tiers eingestellt. Eine zu enge räumliche Nähe zur
seiner Mutter sowie zwei ihrer Bücher aus der Zeit Schwester betrachtete er als Störung. Sein vorrangi-
vor ihrem Zerwürfnis. ges Lebensinteresse war sein Werk und dessen finan-
zielle Absicherung – menschliche Bindungen stan-
den dahinter zurück.
Das Ende der Familie Schopenhauer: Adele Schopenhauer zog in den letzten beiden
1838–1860 Jahren ihres Lebens wieder nach Bonn und wurde
dort von Sybille Mertens gepflegt. Sie starb am
Wie der Tod des Vaters für die Mutter, so war der 25. August 1849. Ihr Begräbnis in Bonn fiel auf den
Tod der Mutter für die Tochter eine Befreiung. Adele 100. Geburtstag Goethes. Adele vermachte ihrem
trug in den folgenden Jahren die Schulden der Mut- Bruder verschiedene Gegenstände aus dem Fami-
ter ab und trat zunehmend mit eigenen literarischen lieneigentum und Teile ihres Geldvermögens. Die
Arbeiten an die Öffentlichkeit. Ihre Begabung war Abwicklung ihrer Erbschaftsangelegenheiten über-
vielfältig. Schon in Weimar war sie als eine Meisterin nahm Sybille Mertens. Obwohl Arthur Schopen-
des Scherenschnitts anerkannt. Nun veröffentlichte hauer an dem Begräbnis seiner Schwester nicht
sie zahlreiche Aufsätze zur Kunst, Opernlibrettos, teilnahm, hat er ihren Tod bedauert. Sie war dieje-
Novellen, Romane sowie eine Sammlung von Haus-, nige in der Familie, die ihm letztlich am nächsten
Wald- und Feldmärchen (1844). 1845 erschien ihr stand, auch wenn er sie auf Distanz gehalten hatte.
Roman Anna. An den literarischen Erfolg der Mut- Arthur Schopenhauers grandioses philosophi-
ter, deren nicht vollendete Memoiren sie herausgab, sches Werk ist auf den Trümmern einer zerrütteten
konnte sie jedoch nicht heranreichen. Familie entstanden, die mit seinem Tod 1860 end-
Mit Sybille Mertens hatte sie endlich auch jenen gültig erlosch. Auch von den näheren Danziger Ver-
Menschen gefunden, von dem sie voll angenommen wandten lebte keiner mehr. »Du wirst der letzte der
wurde. Bei ihr legte sie auch den kleinen Rest von Abenceragen« (Lütkehaus 1998, 430), hatte ihm
Vermögen an, der ihr nach Abbau der mütterlichen schon die Schwester in Anspielung an Chateau-
Schulden geblieben war. Überschattet wurden ihre briand prophezeit. Die eigenen Erfahrungen waren
letzten Jahre durch einen sich verschlimmernden eine Ursache dafür, dass Schopenhauer die Grün-
Unterleibskrebs. Als die Krankheit 1844 endgültig dung einer Familie für eine Form der Fremdbestim-
ausbrach, gab sie ihre Wohnung in Jena auf und zog mung und für unvereinbar mit einer philosophi-
für drei Jahre nach Italien, wo sich auch Sybille die schen Existenz hielt: »Zu dem, was einer hat«,
meiste Zeit aufhielt. In der dortigen deutschen Ge- schreibt er in den »Aphorismen zur Lebensweisheit«,
lehrten- und Intellektuellenszene wurde sie eine be- »habe ich Frau und Kinder nicht gerechnet; da er
kannte Figur. Die Beschäftigung mit Kunst wurde von diesen vielmehr gehabt wird« (P I, 374).
ihr Hauptanliegen.
7

Literatur 2. ›Europäische Erziehung‹ und


Bergmann, Ulrike: Johanna Schopenhauer – »Lebe und sei das Leiden an der Welt
so glücklich als Du kannst«. Leipzig 2004.
Büch, Gabriele: Alles Leben ist Traum – Adele Schopen-
hauer. Berlin 2002. Die elterliche und schulische Erziehung
Cartwright, David E.: Schopenhauer. A Biography. New
York 2010.
Detemple, Siegfried u. a.: Die Schopenhauer-Welt. Ausstel-
Der junge Arthur Schopenhauer besaß zum einen
lungskatalog der Staatsbibliothek Preußischer Kultur- eine außerordentlich ausgeprägte Sensibilität für
besitz. Frankfurt a. M. 1988. menschliche Leiderfahrung, die noch verstärkt
Hübscher, Arthur: Adele an Arthur Schopenhauer. Unbe- wurde durch eine von väterlicher Seite ererbte Dis-
kannte Briefe I. In: Schopenhauer-Jahrbuch 58 (1977), position zu Angstzuständen und Depressionen.
133–186.
Zum anderen erlebte der junge Schopenhauer im
–: Adele an Arthur Schopenhauer. Unbekannte Briefe II.
In: Schopenhauer-Jahrbuch 59 (1978), 110–165. Elternhaus eine große Offenheit gegenüber kulturel-
Lütkehaus, Ludger (Hg.): Die Schopenhauers. Der Familien- len Einflüssen aus Westeuropa, die auch seine eigene
briefwechsel von Adele, Arthur, Heinrich Floris und Jo- Einstellung prägen sollte. Anders als die meisten
hanna Schopenhauer [1991]. München 1998. zeitgenössischen Philosophen in Deutschland hat
Safranski, Rüdiger: Schopenhauer und Die wilden Jahre der Arthur Schopenhauer eine Erziehung genossen, die,
Philosophie. München 1987.
Schopenhauer, Adele: Tagebuch einer Einsamen. München begünstigt durch mehrere Reisen und Ortswechsel,
1985. weit über den nationalen kulturellen Horizont hin-
Schopenhauer, Johanna: Im Wechsel der Zeiten, im Ge- ausging und ihm Erfahrungen zugänglich machte,
dränge der Welt. Jugenderinnerungen, Tagebücher, Briefe die nicht auf das beschränkt blieben, was in einer
[Ihr glücklichen Augen. Jugenderinnerungen, Tagebücher, normalen schulischen und häuslichen Erziehung
Briefe. Berlin (DDR) 1979]. Düsseldorf/Zürich 2000.
Siegler, Hans Georg: Der heimatlose Arthur Schopenhauer. vermittelt werden konnte. Der junge Schopenhauer
Jugendjahre zwischen Danzig, Hamburg, Weimar. Düs- wurde früh mit der Welt konfrontiert – mit dem
seldorf 1994. Leben und der Kultur der europäischen Nachbarn
Steidele, Angela: Geschichte einer Liebe: Adele Schopen- ebenso wie mit den Schattenseiten des Lebens. Er
hauer und Sybille Mertens. Berlin/Frankfurt a. M. 2010. verdankte dies nicht zuletzt der kulturellen Aufge-
Zimmer, Robert: Arthur Schopenhauer. Ein philosophischer
Weltbürger. München 2010. schlossenheit seiner Eltern.
Robert Zimmer Schopenhauers Eltern, beide aus begüterten Dan-
ziger Kaufmannsfamilien stammend (s. Kap. I.1),
sympathisierten mit dem Denken der Aufklärung
und waren kulturell nach Westeuropa, insbesondere
nach England hin orientiert. Sie öffneten ihrem
Sohn schon sehr früh den Blick für die gesamteuro-
päische Kultur. Andererseits machten sich in der Er-
ziehung des Vaters, in der Schule, aber auch in der
Lektüreerfahrung pietistische Einflüsse geltend, die
einem pessimistischen und resignativen Weltbild
Vorschub leisteten und die Empfänglichkeit für
Leiderfahrung förderten. Philosophisch bestätigt
wurde dies in späteren Jahren noch durch die Be-
kanntschaft mit indischem Denken, die Arthur
Schopenhauer in jenen Jahren machte, als er bereits
an seinem Hauptwerk arbeitete und seinem Denken
eine systematische Form gab. All dies führte dazu,
dass Schopenhauers intellektuelles Profil eine dop-
pelte Prägung erfuhr: Sein metaphysischer Pessimis-
mus war zeit seines Lebens von einem kulturellen
Kosmopolitismus begleitet.
Grundlage der Weltläufigkeit Schopenhauers war
eine, wie seine Mutter es in einem Brief von 1807
formulierte, »elegante Erziehung« (Lütkehaus 1998,
8 I. Leben

149), die auf Standesbewusstsein und Lebenstüch- und Sterne, vertraut geworden. Sie besaß besonders
tigkeit, und nicht, wie bei vielen zeitgenössischen gute Kenntnisse des Englischen, da sie als junges
deutschen Intellektuellen, auf eine theoretische, aka- Mädchen vom Prediger der Danziger englischen Ge-
demische Ausbildung ausgerichtet war. Verbunden meinde, Dr. Jameson, in dessen Muttersprache und
mit der Absicht, den Sohn zum Erben und Nachfol- in englischer Literatur unterrichtet worden war.
ger des Schopenhauerschen Handelshauses zu erzie- Der junge Arthur Schopenhauer konnte auch
hen, war es zunächst das Bemühen des Vaters, ihn zu erste Fremdsprachenkenntnisse bereits von seinen
einem gewandten und gebildeten Gesellschaftsmen- Eltern erhalten. Französisch, die damalige lingua
schen zu machen. Dem anglophilen Vater schwebte franca der gebildeten Stände, sprachen und schrie-
das Bild des erfolgreichen Geschäftsmanns mit dem ben beide Eltern. So waren es für den jungen Arthur
Profil eines englischen Gentleman vor. Der Sohn Schopenhauer nicht die Grundsprachen der akade-
sollte ein Mann von Welt werden. mischen Welt, Griechisch und Latein, die er zuerst
Der junge Arthur Schopenhauer lernte Reiten, erlernt, sondern die lebenden Sprachen der europäi-
Tanzen, Fechten, Schwimmen und das Musizieren auf schen Nachbarn, Französisch und Englisch. Auch
der Flöte, dazu die Umgangsformen der höheren seine Lesegewohnheiten wurden auf diese Art be-
Stände. Er wurde vom Vater ermahnt, sich bei Tisch reits in jungen Jahren europäisch ausgerichtet. Er
gerade zu halten, um nicht als »verkleideter Schuster verfolgte noch viele Jahre später das Projekt, Lau-
oder Schneider« zu gelten (Lütkehaus 1998, 64), sich rence Sterne ins Deutsche zu übersetzen.
sprachlich vollendet auszudrücken und eine korrekte Dass Schopenhauer Englisch und Französisch
Handschrift einzuüben. Auf Reisen sollte er Tagebuch fließend sprechen und schreiben lernte, verdankt er
führen und den Eltern brieflich Bericht erstatten. jedoch vor allem ausgedehnten Auslandsaufenthal-
Aber auch Literatur, Kunst und Theater gehörten früh ten. 1797 nahm Heinrich Floris seinen Sohn auf eine
zum elterlichen Erziehungsprogramm. Allerdings nach Frankreich und England führende Geschäfts-
wurde der junge Arthur Schopenhauer immer wieder reise mit und setzte ihn bei französischen Geschäfts-
ermahnt, der schönen Literatur nicht zu viel Gewicht freunden in Le Havre ab, der Familie Grégoire de
beizumessen. Kunsterfahrung war standesgemäßer Blésimaire. Hier bleibt der junge Arthur Schopen-
Dekor und sollte als Repertoire in der gesellschaftli- hauer zwei Jahre lang, taucht in die französische Zi-
chen Konversation zur Verfügung stehen. Doch nicht vilisation ein, wird auf Französisch unterrichtet und
Gelehrsamkeit war gewünscht, sondern Weltläufig- liest französische Literatur. Auf diese Weise lernt er
keit, Gewandtheit und Sinn für Nützlichkeit. die Sprache perfekt. Zudem macht er, trotz der Wir-
Die europäische Ausrichtung dieser Erziehung ren der napoleonischen Kriege, positive Erfahrun-
wird vor allem über kulturelle Erfahrungen, über gen mit der französischen Zivilisation. Die französi-
Fremdsprachen und über Reisen vermittelt. Bereits sche Gastfamilie vermittelt ihm jene emotionale
zur Zeit der ersten Schwangerschaft seiner Frau Wärme, die er im eigenen Elternhaus nicht erlebt
hatte das Ehepaar Schopenhauer von November hatte. Mit dem gleichaltrigen Sohn der Familie, An-
1887 bis Februar 1888 eine Englandreise unternom- thime, liest er gemeinsam französische Autoren und
men. Heinrich Floris Schopenhauer erwog ernsthaft knüpft mit ihm eine Freundschaft, die bis ins Alter
den Gedanken, seinen Sohn in England zur Welt halten sollte.
bringen zu lassen, damit er die dortige Staatsbürger- Es war die erste längere Auslandserfahrung, die
schaft erhalten könne. Dass er sich schließlich an- Arthur Schopenhauer schon in sehr frühem Alter
ders entschied und noch rechtzeitig vor der Geburt machte, aber es war keineswegs die letzte. Nach sei-
nach Danzig zurückkehrte, hat sein Sohn später im- ner Rückkehr unternahmen die Eltern mit dem
mer bedauert. Sohn eine vergleichsweise kleinere Reise, die sie von
Beide Eltern verfolgten die politischen und litera- Juli bis Oktober 1800 nach Mitteldeutschland und
rischen Entwicklungen des späten 18. Jahrhunderts Böhmen führte. Die für Schopenhauer prägendste
mit Aufmerksamkeit. Sie sympathisierten mit den und längste Reise ging von März 1803 bis  August
Errungenschaften der konstitutionellen Monarchie 1804 wiederum ins westeuropäische Ausland. Sie
in England ebenso wie mit der Französischen Revo- führte über die Niederlande zu einem längeren Auf-
lution. Heinrich Floris Schopenhauer, der Vater, galt enthalt in England und von dort wieder nach Konti-
als passionierter Voltaire-Leser, die Mutter, Johanna nentaleuropa, über Frankreich, die Schweiz, Öster-
Schopenhauer, war in ihrer Kindheit früh mit der reich, Böhmen zurück nach Deutschland. Um an ihr
zeitgenössischen englischen Literatur, darunter Swift teilnehmen zu können, hatte der Sohn seinem Vater
2. ›Europäische Erziehung‹ und das Leiden an der Welt 9

versprechen müssen, den Kaufmannsberuf zu erler- Geschöpfe ins Daseyn gerufen, um am Anblick ihrer
nen und auf sein Vorhaben, sich auf ein akademi- Qual sich zu weiden […]« (HN IV (1), 96). Ob der
sches Studium vorzubereiten, zu verzichten. damals 17-Jährige sich tatsächlich schon in der
Arthur Schopenhauer lernt auf dieser Reise die Nachfolge Buddhas sah, ist im Nachhinein schwer
großen europäischen Metropolen wie Amsterdam, zu entscheiden. Tatsache ist jedoch, dass der junge
London, Paris und Wien nicht nur mit ihrem Kunst- Arthur Schopenhauer, im Gegensatz zu seiner Mut-
und Kulturleben, sondern auch in ihrer Alltagskul- ter, seine Aufmerksamkeit während der Reise immer
tur kennen. Von besonderer Bedeutung für seine Be- wieder auf die menschliche Leidenserfahrung und
kanntschaft mit der englischen Gesellschaft und auf das Thema ›Vergänglichkeit‹ lenkt.
Kultur war dabei der dreimonatige Besuch eines Nachdem die Familie 1793 von Danzig nach
englischen Internats, dem »Eagle House« des Reve- Hamburg gezogen war, wird Arthur Schopenhauer
rend Lancaster in Wimbledon. Wie das Französische von seinem Vater in die Hamburger Privatschule des
lernt er bei dieser Gelegenheit auch das Englische im Dr. Runge geschickt, ein wohlhabenden Kaufmanns-
Land selbst perfekt sprechen und schreiben, eine da- söhnen vorbehaltenes Erziehungsinstitut. Johann
mals keineswegs selbstverständliche Fähigkeit, die Heinrich Christian Runge war im Geiste des Fran-
sich Schopenhauer in späteren Jahren immer wieder ckeschen Pietismus in Halle ausgebildet worden und
zunutze machte. So wurde er zu einem regelmäßigen brachte an seine Hamburger Schule den Geist einer
Leser der englischen Presse, las englische Bücher im aufgeklärten Volksbildung mit, verbunden mit ei-
Original und bot sich bei Verlagen als Übersetzer an. nem pietistischen Humanismus, der Religion als
Noch wichtiger jedoch war eine grundlegende an- praktisches Moralbewusstsein verstand.
glophile kulturelle Orientierung, die er sein Leben Eine Verbindung von praktischer Moralität und
lang beibehielt. Arthur Schopenhauer suchte, so- gleichzeitiger Weltdistanz kommt auch beispielhaft
wohl auf Reisen als auch in Deutschland selbst, im- im Werk des »Wandsbeker Boten« Matthias Claudius
mer die Kommunikation mit Engländern und beur- zum Ausdruck, den Arthur Schopenhauer über sei-
teilte auch die kulturelle Landschaft in Deutschland nen Vater kennenlernt. Dieser schenkt ihm die
von einer den englischen Erfahrungen entnomme- kleine 1799 erschienene Broschüre An meinen Sohn
nen Außenperspektive her. J., die Matthias Claudius für seinen Sohn Johannes
Nach Beendigung des Internatsbesuchs setzte der geschrieben hatte, ein kleines Brevier von Lebensre-
junge Arthur Schopenhauer die große Europareise geln im pietistischen Geist, das sich noch in Scho-
gemeinsam mit seinen Eltern fort, wobei er auch penhauers Nachlass fand. Auch ein Bild des Matthias
mehrfach Zeuge von Armut, Grausamkeit und Leid Claudius hing in der Frankfurter Wohnung des alten
wurde – in einem Europa, dessen Unterschichten Schopenhauer.
Lebensbedingungen unterworfen waren, die den Claudius wird für den jungen Schopenhauer in ei-
Verhältnissen in der Dritten Welt zu Beginn des ner Phase wichtig, in der er befürchten muss, dass
21. Jahrhunderts entsprachen. Hier machte er Erfah- seine geistigen Interessen und seine Sehnsucht nach
rungen, die dazu beitrugen, sein späteres pessimisti- einer intellektuellen Existenz den Wünschen des Va-
sches Weltbild zu grundieren. In London wird er ters zum Opfer fallen werden, der ihn als Nachfolger
Zeuge einer Hinrichtung, das Amphitheater von in der Leitung seines Handelshauses vorgesehen
Nîmes ruft in ihm »den Gedanken an die Tausende hatte. Er ist in keiner Weise mit sich im Reinen und
längst verwester Menschen herbey« (Schopenhauer spiegelt sein Leiden an der Welt in der Literaturerfah-
1987, 133), die diese Ruinen in der Vergangenheit rung. In diesem Zusammenhang steht auch seine in-
betreten haben. Im südfranzösischen Toulon prägt tensive Lektüre der Romantiker, insbesondere Tiecks
sich ihm das Bild der angeketteten Galeerensträf- und Wackenroders. So wird Weltdistanz vermischt
linge ein. Gerade dieses Erlebnis wird Schopenhauer mit romantischem Weltschmerz zu einem Grundge-
nie vergessen und Jahre später zur Geburtsstunde fühl des jugendlichen Arthur Schopenhauer: »Nichts
seines metaphysischen Pessimismus ausdeuten: »In soll Stand halten im vergänglichen Leben […] Alles
meinem 17ten Jahre, ohne alle gelehrte Schulbil- löst sich auf im Strohm der Zeit […] Es wird mit
dung, wurde ich vom Jammer des Lebens so ergrif- nichts Ernst im Leben: weil der Staub es nicht werth
fen, wie Buddha in seiner Jugend, als er Alter, Krank- ist« (Lütkehaus 1998, 115), schreibt der 18-Jährige
heit, Schmerz und Tod erblickte […] und mein Re- 1806 an seine Mutter in Weimar.
sultat war, daß diese Welt kein Werk eines allgütigen Die pessimistische Grundstimmung wird durch
Wesens seyn könnte, wohl aber die eines Teufels, der die ersten sexuellen Erfahrungen nicht korrigiert,
10 I. Leben

sondern verstärkt. Schopenhauer erlebt sie als Kon- schen Weltdeutung längst gelegt, als Schopenhauers
trollverlust und als Herabsinken in kreatürliche Weltdistanz noch vor Erscheinen seines Hauptwer-
Ohnmacht. In dem frühen Gedicht »O Wollust, o kes Die Welt als Wille und Vorstellung 1818 eine ent-
Hölle […] Da lieg ich in Fesseln« (HN I, 1) deutet er scheidende Fundierung in der Begegnung mit ost-
Sexualität bereits als im Gewand der Lust erfahrenes asiatischer Philosophie und Religion erfuhr.
Leiden, als eine Form der existenziellen Abhängig- Schopenhauer hatte bereits während seines Studi-
keit, die in seiner Willensmetaphysik philosophi- ums erste Kenntnisse der indischen Kultur erhalten
schen Ausdruck finden sollte. (s. Kap. I.3; III.1). Nach Abschluss seiner Promotion,
während seines Aufenthalts in Weimar 1813/14,
begann er, u. a. durch Anregung des Reußischen
Reisen und Bildungserfahrungen nach 1807 Rats Friedrich Majer, sich intensiver mit indischer
Religion und insbesondere mit dem sogenannten
Das Jahr 1807 markiert auf Schopenhauers Erzie- Oupnek’hat, der von dem Franzosen Anquetil-Du-
hungsweg eine Zäsur. Es ist das Jahr, in dem ihm perron vorgelegten lateinischen Übersetzung der
endlich erlaubt wird, die ungeliebte Kaufmanns- Upanischaden, zu beschäftigen. Es handelte sich um
ausbildung abzubrechen und einen akademischen eine Übersetzung, die sich selbst wieder auf eine per-
Ausbildungsweg einzuschlagen. Erst in seinem sische Übertragung des ursprünglichen Sanskrit-
19.  Lebensjahr kann er sich diesen lange gehegten Textes stützte und die Upanischaden in buddhisti-
Wunsch mit Zustimmung seiner Mutter erfüllen (s. schem Gewand präsentierte. Auf diesem Weg wurde
Kap. I.3). Innerhalb von zwei Jahren holt er das Abi- Schopenhauer mit Grundgedanken des Hinduismus
tur nach. 1809 schreibt er sich zum Studium der und des Buddhismus bekannt, deren Kern für ihn
Medizin und Naturwissenschaften an der Universi- die moralische Deutung der Welt als einen erlö-
tät Göttingen ein. Von 1811 bis 1813 studiert er Phi- sungsbedürftigen Ort des Leidens und ihre erkennt-
losophie an der Berliner Universität und schließt nistheoretische Deutung als ein Ort der Täuschung
1813 mit einer an der Universität Jena eingereichten war. Diese pessimistische Deutung floss ebenso in
Dissertation ab. In dieser Zeit holt er die klassische seine Philosophie ein wie die Forderung, durch Kon-
Bildung, insbesondere die Kenntnis des Griechi- templation, Weltdistanz, Mitleid und Askese den
schen und Lateinischen, so gründlich nach, dass er Zirkel des Leidens zu überwinden, den Schleier der
sich in den alten Sprachen vollendet schriftlich aus- Individuation zu lüften und zur Einheit aller Lebe-
drücken konnte. wesen vorzudringen.
Dabei hat er seine naturwissenschaftlichen und Über das Studium von Fachzeitschriften, u. a. der
anthropologischen Studien auch durch außerakade- Asiatic Researches, und Fachliteratur erweitert Scho-
mische Erfahrungen zu ergänzen versucht. So be- penhauer in den kommenden Jahren seine Kenntnis
suchte er im Winter 1812/13 mehrfach die Berliner östlicher Weisheitslehren, insbesondere des Bud-
Charité, um sich ein Bild von psychiatrischen Pati- dhismus. Im Alter hat er sich selbst als »Buddhaist«
enten in der damaligen »melancholischen Station« bezeichnet und eine vergoldete Buddhastatue für
zu machen. Wie im Falle der Touloner Galeeren- seine Wohnung erworben. In den Augen der Zeitge-
sträflinge war er vom Los dieser Menschen tief be- nossen galt er als der »Buddha von Frankfurt«. In
troffen, die sich teilweise ihrer Situation voll bewusst der Auseinandersetzung mit den östlichen Weis-
waren und auch schriftliche Aufzeichnungen hinter- heitslehren findet Schopenhauers »Leiden an der
ließen. Er nahm zu einzelnen von ihnen persönlich Welt« ihre endgültige ideologische Grundierung, die
Kontakt auf, wie zu dem Patienten Haefner, dem er durch das Studium europäischer Mystiker wie Ma-
eine Bibel schenkte. Für den Studenten Schopen- dame de Guyon, Meister Eckhart oder des »Franck-
hauer hatte diese Erfahrung durchaus auch eine forters«, des Autors der Theologia Deutsch, ergänzt
persönliche Komponente, da er in seiner väterlichen wurde. Schopenhauer nahm für sich in Anspruch,
Familie den Ausbruch psychischer Krankheiten den rationalen Kern der u. a. im Buddhismus und
und  Depressionen in jeder Generation beobachten der christlichen Mystik formulierten pessimisti-
konnte. Anknüpfend an solche Erfahrungen rückte schen Weltdeutung erstmals philosophisch zur Klar-
das menschliche Leiden ins Zentrum seiner Meta- heit gebracht zu haben: »Buddha, Eckhardt und ich«,
physik und Ethik. so schrieb er 1856, »lehren im Wesentlichen das
Sensibilität und Leidensanschauung hatten also Selbe, Eckhardt in den Fesseln der christlichen My-
die Fundamente einer pessimistischen philosophi- thologie. Im Buddhaismus liegen die selben Gedan-
2. ›Europäische Erziehung‹ und das Leiden an der Welt 11

ken, unverkümmert durch solche Mythologie, daher philosophische Schriften Humes zu übersetzen. Als
einfach und klar, soweit eine Religion klar sein kann. regelmäßiger Leser der europäischen Presse wie der
Bei mir ist volle Klarheit« (HN IV (2), 29). Die im Times blieb er kulturell ein Europäer, der die deut-
Tat twam asi (»Dies bist du«) ausgedrückte Grund- sche kulturelle Szene mit der Distanz des Kosmopo-
einheit aller Lebewesen war für ihn wie die Seelen- liten betrachtete. Er lese »wenig deutsches« (GBr,
wanderungslehre Ausdruck der Erkenntnis der me- 413) beschied er noch in einem Brief von 1857.
taphysischen Einheit des Willens. Seine in Kindheit und Jugend erfahrene »elegante
Schopenhauer hat auch nach Fertigstellung von Erziehung« hatte zudem zur Folge, dass Schopen-
Die Welt als Wille und Vorstellung sowohl seine kos- hauer sich auch in seinem Lebensstil von der profes-
mopolitische ›europäische‹ Orientierung als auch soralen Existenz der meisten deutschen Philosophen
seine pessimistische Weltsicht fortlaufend mit neuen abhob. Er wurde nie ein reiner Stubengelehrter, son-
Bildungserfahrungen, u. a. durch Reisen, das Erler- dern blieb, ästhetisch vielseitig interessiert, immer
nen von Sprachen und durch Lektüre, komplemen- Teil einer urbanen, kunst- und kulturrezipierenden
tiert. Seinen europäischen Bildungshorizont erwei- Öffentlichkeit. Sein Auftreten war immer das eines
tert er durch die intensive Beschäftigung mit zwei Mannes aus dem gehobenen Bürgertum. Zwar fiel es
weiteren europäischen Kulturen: Das Italienische er- ihm von früher Jugend an schwer, sein cholerisches
lernt er auf zwei ausgedehnten Italienreisen, die er Temperament zu zügeln und zuweilen den Rahmen
jeweils zwischen 1818 und 1819 und zwischen 1822 der Höflichkeit zu wahren. Doch noch im Alter wird
und 1823 unternahm. Neben dem Besuch der anti- Schopenhauer von Zeitgenossen und Besuchern als
ken Stätten wurde dabei vor allem die Begegnung ein, wenn auch etwas altmodischer, »Herr« wahrge-
mit dem Werk Giacomo Leopardis wichtig, den er nommen, der perfekt im Stile des späten 18. Jahr-
als einen der großen europäischen Pessimisten ne- hundert gekleidet ist und die Kunst der Konversa-
ben sich selbst gelten ließ. tion beherrscht. In der Philosophie seiner Zeit war
1825, als Schopenhauer in Berlin lebte und ver- Schopenhauer ein Solitär, in seiner kulturellen Ori-
geblich eine akademische Karriere anstrebte (s. Kap. entierung und seinem sozialen Auftreten blieb er ein
I.3), begann er außerdem, Spanisch zu lernen. Mann von Welt.
Grund dafür war, dass er die wichtigen Autoren des Doch auch seine pessimistische Weltdeutung
spanischen Siglo de Oro im Original lesen wollte, so hatte lebenspraktische Konsequenzen. So einzelgän-
u. a. Calderón, der sowohl im Kreis der Jenenser gerisch seine Existenz auf den ersten Blick erschei-
Frühromantiker als auch im Weimar Goethes hoch nen mag, so führte die Anschauung des Leides doch
geschätzt wurde und den er als Pessimisten im zu einer umfassenden und auch tätigen Solidarität
christlichen Gewand las. Noch folgenreicher war al- mit anderen Lebewesen.
lerdings die Begegnung mit dem Pessimismus Balta- Aus der Überzeugung, dass alle Wesen miteinan-
sar Graciáns, den er zum Lieblingsautor erkor. Scho- der in einer tieferen Einheit verbunden sind, alle
penhauer übersetzte in den folgenden Jahren Gra- Wesen im Leiden vereint und jede moralisch gute
ciáns Oráculo manual und Teile des allegorischen oder schlechte Handlung jedes andere Wesen mitbe-
Romans El Criticón. Gracián wurde für Schopen- trifft, hat Schopenhauer ein enges Verhältnis zu Tie-
hauer nicht nur wegen seiner pessimistischen Welt- ren und zum Tierschutz entwickelt. Im Zusammen-
sicht, sondern auch als Vertreter der Tradition der hang mit seiner Beschäftigung mit indischer Philo-
Moralistik wichtig, der ihn zur Entwicklung einer sophie notierte er bereits 1826: »Das Thier, das du
pragmatischen Klugheitslehre in den Aphorismen jetzt tödtest bist du selbst, bist es jetzt« (HN III, 281).
zur Lebensweisheit anregte (s. Kap. II.6.6; III.5). Die christliche Auffassung, der Mensch sei zur Herr-
Schopenhauer bewegte sich gleichermaßen in der schaft über die Natur bestimmt und Tiere müssten
englischen, französischen, spanischen und italieni- als vernunftlose Wesen zweiter Klasse angesehen
schen Literatur und Philosophie. Dabei blieben werden, lehnte er strikt ab. Tiere waren für ihn Mit-
Mystik, Moralistik und Aufklärung auf europäischer leidende an der Welt. Deshalb wandte er sich vehe-
Ebene drei der für ihn einflussreichsten ideenge- ment gegen alle Handlungen und Tierversuche, die
schichtlichen Entwicklungen. Unter den Aufklärern für das betreffende Tier mit Leiden verbunden wa-
waren es in England Hume, in Frankreich Voltaire ren. Sein ganzes Erwachsenenleben hindurch hielt
und Rousseau, die er am höchsten schätzte. In seiner er Pudel. Jedem davon gab er den Beinamen »At-
Berliner Zeit verfolgte er u. a. das Projekt, englische man« und betonte dadurch dessen enge Beziehung
Werke wie Sternes Tristram Shandy und religions- zur buddhistischen Weltseele. Schopenhauer ge-
12 I. Leben

hörte auch zu den Mitbegründern des Frankfurter 3. Akademische Karriere


Tierschutzvereins und unterstützte andere Tier-
schutzvereine im In- und Ausland. Sein Leiden an und das Verhältnis
der Welt und deren philosophische Ausdeutung zur akademischen
machten ihn zu einem auf Weltüberwindung, aber Philosophie
auch auf Leidenslinderung ausgerichteten Weis-
heitslehrer, der damit auch zu einem Anreger ökolo-
gischen Denkens wurde. Arthur Schopenhauer hat, von seiner Dissertation
abgesehen, sein Werk außerhalb der akademischen
Literatur Institutionen und weitgehend unbeachtet von ihnen
App, Urs: Schopenhauers Begegnung mit dem Buddhis-
geschaffen. Die Bedeutung der akademischen Welt
mus. In: Schopenhauer-Jahrbuch 79 (1998), 35–58. für die Verbreitung von Philosophie konnte aber in
–: Schopenhauer’s Initial Encounter with Indian Thought. einem Land, in dem es bis 1871 kein nationales kul-
In: Schopenhauer-Jahrbuch 87 (2006), 35–76. turelles Zentrum und keine in nationalen Medien
Cartwright, David E.: Schopenhauer. A Biography. Cam- gebündelte kritische Öffentlichkeit gab, kaum über-
bridge 2010.
schätzt werden. Die weitaus überwiegende Zahl der
Hübscher, Arthur: Jugendjahre in Hamburg. In: Schopen-
hauer-Jahrbuch 51 (1970), 3–21. bedeutenden deutschen Philosophen des späten 18.
–: Denker gegen den Strom. Schopenhauer: Gestern – Heute – und des 19. Jahrhunderts waren Professoren im aka-
Morgen. Bonn 31987. demischen Dienst. Dies trifft insbesondere auf Kant,
Klamp, Gerhard: Schopenhauer als Europäer und Weltbür- die Vertreter des Deutschen Idealismus, Fichte,
ger. In: Schopenhauer-Jahrbuch 34 (1951/52), 48–54.
Schelling, Hegel und deren Schüler zu, also Vertreter
Lütkehaus, Ludger (Hg.): Die Schopenhauers. Der Familien-
briefwechsel von Adele, Arthur, Heinrich Floris und jener philosophischen Richtungen, die die öffentli-
Johanna Schopenhauer [1991]. München 1998. chen Debatten bestimmten. Die akademische Welt
Safranski, Rüdiger: Schopenhauer und Die wilden Jahre der war in Deutschland das Forum, das die Rezeption
Philosophie. München 1987. von Philosophie maßgeblich bestimmte.
Schopenhauer, Arthur: Reise-Tagebücher. Hg. von Ludger Arthur Schopenhauer hingegen gilt als der Philo-
Lütkehaus. Zürich 1987.
Schopenhauer, Johanna: Reise durch England und Schott- soph, der wie kein anderer die akademische Philoso-
land. Frankfurt a. M. 1980. phie und ihre Vertreter aggressiv attackiert und dis-
–: Promenaden unter südlicher Sonne. Die Reise durch kreditiert hat. In einer Zeit, in der Staat und Kirche
Frankreich 1804. Wien 1993. noch nicht getrennt waren und die christlichen Kon-
Stollberg, Jochen (Hg.): »das Tier, das du jetzt tötest, bist du fessionen und Landeskirchen noch großen Einfluss
selbst…«. Arthur Schopenhauer und Indien. Begleitbuch
zur Ausstellung anlässlich der Buchmesse 2006. Frankfurt auf die ideologische Ausrichtung der staatlichen Bil-
a. M. 2006. dungsinstitutionen ausübten, sah Schopenhauer, der
Zimmer, Robert: Arthur Schopenhauer. Ein philosophischer den jüdisch-christlichen Monotheismus radikal ab-
Weltbürger. München 2010. lehnte, die akademische Philosophie in einem un-
Robert Zimmer auflösbaren Dilemma. Kern des Schopenhauerschen
Vorwurfs, wie er ihn u. a. in seiner berühmten Ab-
handlung »Ueber die Universitäts-Philosophie« (s.
Kap. II.6.3) formulierte, war, die akademische Philo-
sophie sei ab ovo korrumpiert. Sie könne nicht der
ihr eigenen Aufgabe der unbestechlichen Wahrheits-
suche nachgehen, weil sie vom Staat finanziert werde
und sich dadurch an die Erwartung der Obrigkeit
verkauft habe, die christliche Lehrmeinung rational
zu stützen. »In Folge hievon wird«, so Schopen-
hauer, »so lange die Kirche besteht, auf den Universi-
täten stets nur eine solche Philosophie gelehrt wer-
den dürfen, welche […] doch im Grunde und in der
Hauptsache nichts Anderes, als eine Paraphrase und
Apologie der Landesreligion ist« (P I, 150 f.). Den-
noch hat Schopenhauer, vor allem aus Gründen der
Existenzsicherung, zeitweise selbst ernsthaft ver-
3. Akademische Karriere und das Verhältnis zur akademischen Philosophie 13

sucht, an der Universität Fuß zu fassen. Erst als dies Schopenhauer absolvierte in den vier Göttinger
scheiterte und sein Werk weiterhin von der akade- Semestern ein naturwissenschaftliches Studium Ge-
mischen Welt ignoriert wurde, begann seine Hal- nerale, besuchte aber auch Veranstaltungen zur Phi-
tung gegenüber der Universitätsphilosophie eine ra- losophie und Geschichte. Für die Entwicklung der
dikale und polemische Form anzunehmen. Schopenhauerschen Philosophie ist entscheidend,
dass sie auf einem intensiven Studium der empiri-
schen Wissenschaften aufbaut und sich nicht, wie
Akademisches Studium u. a. bei Schelling oder Hegel, aus theologischen
Denkmustern entwickelt hat. Im Wintersemester
Schopenhauer war von seinem Vater ursprünglich 1809/10 hörte er u. a. »Naturgeschichte und Minera-
für den Kaufmannsberuf bestimmt worden (s. Kap. logie« bei Johann Friedrich Blumenbach, »Anato-
I.1). Seine in Hamburg auf der Privatschule des Jo- mie« bei Adolf Friedrich Hempel und »Geschichte
hann Heinrich Christian Runge (s. Kap. I.2) erwor- der Kreuzzüge« bei dem Historiker und Ethnogra-
bene Schulbildung war auf praktische Fähigkeiten phen Arnold Hermann Ludwig Heeren. Im Som-
hin orientiert. So waren kaufmännisches Rechnen mersemester 1810 folgten »Chemie« bei Friedrich
und neuere Fremdsprachen Teil des Schulcurricu- Strohmeyer, »Physik« bei Johann Tobias Mayer und
lums, nicht jedoch die klassischen Bildungssprachen »Botanik« bei Schrader. Im Wintersemester 1810/11
Griechisch und Latein. Der junge Schopenhauer kamen »Physische Astronomie und Metereologie«
hatte jedoch schon sehr früh seinen Eltern gegen- bei Mayer und »Vergleichende Anatomie« bei Blu-
über den Wunsch geäußert, die Gelehrtenlaufbahn menbach hinzu.
einschlagen zu dürfen, musste aber zunächst eine Ab dem Wintersemester 1810/11 begann Scho-
Kaufmannslehre beginnen. Erst nach dem Tode des penhauer, bei Gottlob Ernst Schulze Vorlesungen
Vaters wurde dem 19-Jährigen mit Hilfe der inzwi- über Metaphysik und Psychologie zu hören. Schulze
schen von Hamburg nach Weimar umgesiedelten weckte endgültig Schopenhauers Interesse an der
Mutter die Möglichkeit gegeben, den gewünschten Philosophie. Er empfahl ihm, mit dem Studium
akademischen Weg einzuschlagen. Von 1807 bis Platons und Kants zu beginnen und prägte damit
1809 hat Schopenhauer, in einem nach kurzer Zeit Schopenhauers Blick auf die Philosophiegeschichte
abgebrochenen Aufenthalt am Gymnasium in Go- nachhaltig. Auch ist Schopenhauer über Schulze auf
tha, vor allem aber mit Hilfe von Privatlehrern in Fichte aufmerksam geworden. Im Sommersemester
Gotha und Weimar, die Grundlagen für ein aufzu- 1811, seinem letzten Göttinger Semester, hört Scho-
nehmendes Studium nachgeholt. penhauer Schulzes »Grundsätze der allgemeinen
Er folgte zunächst der mütterlichen Empfehlung, Logik«. Er belegt außerdem »Physiologie« bei Blu-
entweder Medizin oder Jura zu studieren, um später menbach, »Reichsgeschichte« bei Lüder und »Eth-
einen Brotberuf ergreifen zu können. Zum Winter- nographie« bei Arnold Heeren. Heeren war ein in
semester 1809/1810 schrieb er sich im Fach Medizin Deutschland anerkannter Fachmann für asiatische
an der Universität Göttingen ein. Die 1734 gegrün- Kulturen. In seinem Ethnographiekurs hat Scho-
dete Georgia Augusta galt als eine der fortschritt- penhauer erste Kenntnisse über die indische Gesell-
lichsten Universitäten im deutschsprachigen Raum schaft erhalten, wenn auch indische Philosophie
und hatte vor allem auf dem Gebiet der Naturwis- und Religion nicht im Mittelpunkt standen (s. Kap.
senschaften einen hervorragenden Ruf. Hier lehrte I.2).
u. a. Johann Friedrich Blumenbach, der »Praeceptor Nach vier Semestern entschloss sich Schopen-
Germaniae« der Naturwissenschaften, Professor für hauer, Philosophie zum Hauptstudium zu machen.
Medizin und Mitglied der britischen Royal Society, Angeregt durch die Reputation Fichtes, der damals
der auch als der Begründer der Zoologie und An- im Zenith seines Ruhms stand, wechselte er zum
thropologie gilt, aber auch der Philosoph Gottlob Wintersemester 1811/1812 auf die noch junge, 1809
Ernst Schulze, einer der wichtigsten Kritiker des phi- gegründete Berliner Universität, deren Rektor Fichte
losophischen Idealismus. Schulze hatte mit seinem inzwischen geworden war. Schopenhauer betrieb
1792 erschienenen Aenesidemus eine viel beachtete aber auch hier seine Studien auf einer thematisch
Auseinandersetzung mit dem transzendentalen Idea- sehr breiten Basis und nutzte das von renommierten,
lismus Kants vorgelegt. Fichtes Rezension dieses Bu- an die neue Universität berufenen Fachgelehrten wie
ches wurde zu einer der Initialzündungen des Deut- dem Zoologen Martin Hinrich Lichtenstein, dem
schen Idealismus. Altertumsforscher Friedrich August Wolf oder dem
14 I. Leben

Theologen Friedrich Schleiermacher vorgelegte Lehr- Fischer, »Astronomie« bei Johann Elert Bode und
angebot. »Allgemeine Physiologie« bei Johann Horkel.
Im Wintersemester 1811/12 beginnt er sein Stu- Schopenhauers Studium fällt in die politisch tur-
dium der Fichteschen Wissenschaftslehre mit dem bulente Zeit der napoleonischen Kriege und der po-
Kolleg »Ueber die Thatsachen des Bewußtseyns und litischen Neuordnung in Deutschland, in der auch
die Wissenschaftslehre«, eine der vielen Variationen, die Universitäten politisiert wurden. Doch Schopen-
in denen Fichte seine Philosophie präsentierte. Er hauer betrachtete diese Ereignisse, sowohl während
versieht die Kollegmitschrift mit zahlreichen Rand- seines Studiums als auch nachher, als Zaungast. Es
bemerkungen, in denen seine zunehmende Distanz gibt keine Zeugnisse dafür, dass er an diesen Ereig-
zu Fichte sichtbar wird. Er hört zwar auch Veranstal- nissen aktiv teilnahm. Er war ein fleißiger und poli-
tungen zu Platon und zur Nordischen Poesie, doch tisch in keiner Weise engagierter Student, der in ei-
es sind weiterhin die empirischen Wissenschaften, ner Zeit, die durch nationale Emotionen aufgeladen
denen er viel Zeit widmet. Er hört Experimentalche- war, sich ganz der Lektüre und dem Studium wid-
mie bei Martin Heinrich Klaproth, über Elektroma- mete. An antifranzösischen Kundgebungen der Stu-
gnetismus bei Paul Ermann und Ornithologie bei denten in Göttingen, damals Teil des von Napoleon
Martin Hinrich Lichtenstein. Spätestens seit diesem geschaffenen Königreichs Westphalen, beteiligte er
Zeitpunkt datiert Schopenhauers Beschäftigung mit sich ebenso wenig wie an der nationalen Begeiste-
Galvanismus und Magnetismus, mit denen er sich rung, die an der Berliner Universität den Befreiungs-
auch später im Zusammenhang mit seinem Willens- kriegen voranging.
begriff auseinandersetzte. Es waren jedoch genau diese politischen Ereig-
Im Sommersemester 1812 setzt Schopenhauer nisse, die Schopenhauers Besuch von Lehrveranstal-
einen geisteswissenschaftlichen Schwerpunkt. Er tungen an der Universität nicht nur unterbrachen,
besucht mehrere Veranstaltungen Friedrich August sondern beendeten. Bereits das Sommersemester
Wolfs zur griechischen und römischen Literatur 1813 konnte nicht mehr ordnungsgemäß durchge-
sowie eine Vorlesung »Zur Geschichte der Philo- führt werden, so dass das Wintersemester 1812/13
sophie während der Zeit des Christenthums« bei das letzte Semester wurde, in dem Schopenhauer
Schleiermacher. Auch August Boeckhs Kolleg über Veranstaltungen an der Universität besuchte.
Platon hat er, wenn auch nicht regelmäßig, besucht. Im März 1813 war in Preußen bereits der Land-
Zu den nachgewiesenen naturwissenschaftlichen sturm einberufen worden, um die aus Russland
Veranstaltungen dieses Semesters gehören die Vor- heimkehrenden Truppen Napoleons zu bekämpfen.
lesung über »Geognosie« bei Christian Samuel Weiß Im Mai 1813 flieht Schopenhauer die politisch auf-
sowie »Zoologie« und »Entomologie« bei Lichten- geladene Situation in Berlin, geht zunächst nach
stein. Dresden, kurze Zeit später zur Mutter nach Weimar
Mit Fichte als akademischem Lehrer hatte er in- und quartiert sich schließlich im Juni 1813 im Gast-
zwischen abgeschlossen. Für das Wintersemester haus »Zum Ritter« in Rudolstadt ein. Dort, versorgt
1812/13 ist noch einmal eine von einem Kommili- mit Büchern aus der Herzoglichen Weimarischen
tonen übernommene Kollegnachschrift zu Fichtes Bibliothek, verfasst er in wenigen Monaten seine
Rechts- und Sittenlehre erhalten, die mit Schopen- Dissertation Ueber die vierfache Wurzel des Satzes
hauers sarkastischen Randglossen versehen ist. vom zureichenden Grunde. Wegen der kriegerischen
Schopenhauer hat zu diesem Zeitpunkt sowohl mit Auseinandersetzungen auf dem Weg nach Berlin
einer optimistischen Sicht der menschlichen Ent- und der dortigen unsicheren politischen Lage sendet
wicklung und der Menschheitsgeschichte, als auch er am 24. September 1813 die Dissertation an Hein-
mit der christlichen Gottesvorstellung gebrochen. rich Abraham Karl Eichstätt, den Dekan der nahen
Fichte wird für ihn ein Beispiel jener von ihm ge- Universität Jena. Von dort erhält er am 13.10.1813
schmähten akademischen Philosophen bleiben, die das Doktordiplom mit der Bewertung »magna cum
die Philosophie dazu benutzen, der Religion ein ratio- laude«. Die Dissertation ließ er in der Rudolstädter
nales Mäntelchen umzuhängen. Druckerei Juncker in 500 Exemplaren drucken.
Die einzige geisteswissenschaftliche Veranstal-
tung, die Schopenhauer im Wintersemester 1812/13
besucht, ist die über »Griechische Alterthümer« bei
Wolf. Ansonsten widmet er sich wieder ganz den
Naturwissenschaften: »Physik« bei Ernst Gottfried
3. Akademische Karriere und das Verhältnis zur akademischen Philosophie 15

Versuch einer akademischen Karriere Schopenhauers Probevorlesung wurde für den


23. März 1820, 13 Uhr angesetzt. Thema waren die
Im Anschluss an die Promotion unterbrach Scho- vier Arten von Ursachen, die auch im Mittelpunkt sei-
penhauer für einige Jahre den unmittelbaren Kon- ner Dissertation gestanden hatten. Dem Habilita-
takt zur Universität. Finanziell war er inzwischen tionsausschuss unter Vorsitz von Boeckh gehörten
von den Einkünften einer akademischen Lehrtätig- u. a. auch Hegel und Lichtenstein an. Mit Hegel kam
keit unabhängig, da er seit 1809 von seiner Mutter es zu einem kleineren Disput über den Begriff des
die Verfügung über seinen Anteil des väterlichen Er- »Motivs« und der »animalischen Funktionen«, bei
bes erhalten hatte. So siedelte er nach dem endgülti- dem Schopenhauer durch Lichtenstein unterstützt
gen Zerwürfnis mit der Mutter (s. Kap. I.1) 1814 wurde. Trotz des Disputs wurde ihm die venia le-
nach Dresden über und verfasste dort sein großes gendi erteilt, vorbehaltlich einer weiteren von Scho-
Werk Die Welt als Wille und Vorstellung. Im Mai penhauer diesmal öffentlich zu haltenden Probevor-
1818 schließt er bei Brockhaus einen Vertrag über lesung, die noch im März 1820 stattfand.
800 Exemplare des Buches ab und bricht im Septem- Schopenhauer durfte nun an der Universität leh-
ber 1818 zu einer Italienreise auf. Die finanziellen ren, musste aber Zuhörer finden, die bereit waren,
Turbulenzen, in die die Familie 1819 durch die In- für die Teilnahme an seinen Veranstaltungen zu be-
solvenz des Danziger Handelshauses Muhl gestürzt zahlen. Für das Sommersemester 1820 kündigte er
wurde (s. Kap. I.1), veranlassten ihn allerdings, Pläne im Lektionskatalog an, »universam philosophiam
für eine bürgerliche Existenz als Hochschullehrer zu seu doctrinam de essentia mundi et mente humana«
schmieden, um sich zusätzliche Einnahmequellen zu behandeln. Die Veranstaltung fand, vor lediglich
zu verschaffen. Dass er nun den Kontakt zur Univer- fünf Zuhörern, an sechs Wochentagen statt. Im fol-
sität eher gezwungenermaßen und aus rein pekuniä- genden Wintersemester kündigte er eine Veranstal-
ren Gründen sucht, wird in einem Brief an Muhl tung unter dem gleichen Titel, diesmal fünfstündig
klar, in dem er dessen Zahlungsunfähigkeit für die an. Sie kam wegen mangelnder Zuhörerschaft nicht
Lage verantwortlich macht, die ihn zwinge, Philoso- zustande. Ebenso erging es den angekündigten Ver-
phie gegen Bezahlung zu lehren: »Ihre Stockung«, so anstaltungen für die folgenden drei Semester. Da-
Schopenhauer an Muhl am 28.2.1820, »zwingt mich nach setzte er acht Semester lang in Berlin keine
mit meinem Wissen Handel zu treiben« (GBr, 61). Vorlesungen mehr in das Lektionsverzeichnis.
Bereits unmittelbar nach seiner Rückkehr nach So war sein erster Anlauf an der Berliner Univer-
Deutschland zieht er im Juni 1819 über Ernst Anton sität trotz erfolgreicher Habilitation gescheitert. Ar-
Lewald, einen alten Studienfreund, der inzwischen in thur Schopenhauer hat in den 1820er Jahren noch
Heidelberg lehrte, Erkundigungen über die Möglich- mehrfach versucht, auch außerhalb Berlins akade-
keit ein, sich an der dortigen Universität als Privatdo- misch Fuß zu fassen, auch nachdem sich seine finan-
zent zu etablieren. Ebenso wendet er sich an seinen al- zielle Lage wieder so gefestigt hatte, dass er auf ein
ten akademischen Lehrer Blumenbach in Göttingen zusätzliches Einkommen nicht mehr angewiesen
und an Lichtenstein in Berlin. Letzteren hatte er auch war. Im Herbst 1821 stand er kurz vor einer Beru-
in Weimar in privatem Rahmen kennengelernt. Lich- fung in Gießen, doch diese ging an Joseph Hille-
tensteins Antwort ermutigt ihn, einen Versuch in Ber- brand. 1823 bewarb sich Schopenhauer mit Unter-
lin zu machen, wo, anders als z. B. in Heidelberg, keine stützung Goethes, aber dennoch vergeblich, in Jena,
zusätzliche Habilitationsarbeit gefordert wurde, son- wo man Jakob Friedrich Fries aus politischen Grün-
dern lediglich eine Probevorlesung, die in einer dispu- den suspendiert hatte. Nach dem Vorlesungsdebakel
tatio pro venia legendi verteidigt werden musste. in Berlin hatte er beschlossen, die Stadt für einige
Am 31.12.1819 richtete Schopenhauer ein Habili- Zeit zu verlassen. Bereits im Januar 1822 kündigt er
tationsgesuch mit beigefügtem Lebenslauf an den seiner Schwester an, er werde den Sommer in Dres-
Dekan der Berliner philosophischen Fakultät, Au- den verbringen, »denn hier habe ich doch keine Zu-
gust Boeckh. Er bittet diesen außerdem, ihn bereits hörer und habe seit 1 ½ Jahren nicht gelesen« (Lüt-
für das Sommersemester 1820 in den Vorlesungska- kehaus 1998, 316). Im Mai 1822 bricht er zu seiner
talog aufzunehmen und seine Veranstaltung genau zweiten Italienreise auf. Nach weiteren mehrmonati-
zu jener Zeit, nämlich von 12–13 Uhr, anzusetzen, in gen, von Krankheit geprägten Aufenthalten u. a. in
der Hegel auch seine Hauptvorlesung hielt – eine München und Bad Gastein kehrt Schopenhauer
Forderung, die sich als unklug und für seine akade- 1825 nach Berlin zurück, um noch einmal den Ver-
mische Karriere hinderlich erweisen sollte. such zu unternehmen, sich als Dozent an der Uni-
16 I. Leben

versität zu etablieren. Vom Wintersemester 1826/27 seines Werks gewesen, »denn die Leutchen vom
bis zum Wintersemester 1831/32 hat Schopenhauer, Fach auf den Universitäten sind nicht für Leser zu
immer genau zu der Zeit, in der Hegel sein Haupt- rechnen« (HN III, 199).
kolleg las, regelmäßige Vorlesungen über die »prima Ab 1832 fokussiert sich Schopenhauers Polemik
philosophia« angeboten. Keine davon fand statt. zusehends und explizit auf den Stand der Philoso-
Mehrfache Versuche in den späten 1820er Jahren phieprofessoren. Den Tenor seiner Haltung gegen-
einen Ruf an eine deutsche Universität zu erhalten, über der akademischen Philosophie, die sich in sei-
schlugen ebenfalls fehl. 1827 erkundigte sich Scho- ner zweiten Lebenshälfte verfestigte, formulierte er
penhauer, zunächst über Friedrich Wilhelm Tiersch, in seinem Cholerabuch: »Man wird schon ein Mal
dann auf eigene Faust, nach Möglichkeiten einer einsehn, welch ein radikaler Unterschied ist zwi-
Dozentur in Würzburg. Die von der Würzburger schen einem Philosophen, dessen letzter Zweck die
Universität eingeholten Informationen über ihn wa- Wahrheit, und einem, dessen letzter Zweck die Pro-
ren jedoch ungünstig. Sowohl der bayrische Ge- fessur ist« (HN IV (1), 97). Schopenhauer sieht sich
sandte in Berlin, der Graf von Luxburg, als auch Karl auf der Seite der unkorrumpierten Wahrheitssucher
von Savigny, der Schopenhauer noch aus seiner Ber- gegenüber einer Phalanx bezahlter Lohndiener, die
liner Zeit kannte, vermittelten negative Eindrücke »von« der Philosophie, aber nicht »für« die Philoso-
seiner Person, wenn sie auch nichts über Schopen- phie lebt. Es ist die Philosophie Hegels und seiner
hauers Philosophie sagen konnten. Auch das in ei- Nachfolger, in der sich für ihn eine akademisch kor-
nem Schreiben an Georg Friedrich Creutzer 1828 rumpierte Philosophie im Dienste der Staatsideolo-
geäußerte Ansinnen, die Chancen in Heidelberg gie idealtypisch verkörpert, während er sich selbst,
noch einmal zu sondieren, führte zu nichts. Scho- als der in seinen Augen bedeutendste Philosoph der
penhauer blieb noch drei Jahre in Berlin, bis ihn die Zeit und legitime Nachfolger Kants, von der akade-
Cholera 1831 endgültig aus der Stadt vertrieb. mischen Welt bewusst ignoriert und verfolgt fühlt.
In der schließlich 1844 veröffentlichten Vorrede zur
zweiten Auflage der Welt als Wille und Vorstellung
Die Abwendung von der Universität fasst er die Gründe für seine ablehnende Haltung ge-
und der Universitätsphilosophie genüber der akademischen Philosophie noch einmal
zusammen: »Machen nun die Regierungen die Phi-
Schopenhauers akademische Karriere war nicht nur losophie zum Staatszwecke; so sehn andererseits die
daran gescheitert, dass eine hegelianisch dominierte Gelehrten in philosophischen Professuren ein Ge-
Universitätsphilosophie ihn ignorierte. Auf seiner werbe« (W I, XVIII). Seine eigene Philosophie sei
Seite trugen auch fehlende soziale Netzwerke und hingegen explizit nicht darauf eingerichtet, »daß
ein sozial ungeschicktes Auftreten dazu bei. Der ehe- man von ihr leben könne« (W I, XXVII). Es ist dies
malige Hegelianer Karl Fortlage, selbst bestallter der Grundton, der auch Essays wie »Ueber die Uni-
Philosophieprofessor, hat später die Unwilligkeit der versitäts-Philosophie« (s. Kap. II.6.3) und »Ueber
akademischen Philosophie zugegeben, sich mit dem Gelehrsamkeit und Gelehrte« beherrscht.
»Kernbeißer« Schopenhauer auseinanderzusetzen Dennoch hat Schopenhauer auch in der Frankfur-
(GBr, 583). ter Zeit den Kontakt mit Hegelianern nicht ganz ge-
Mit der endgültigen Übersiedlung nach Frankfurt mieden und er blieb auch für akademische Anerken-
am Main 1833 hatte Schopenhauer die Hoffnung auf nungen keineswegs unempfänglich. 1837 wendet er
eine akademische Karriere endgültig aufgegeben, sich an die Königsberger Herausgeber einer geplan-
zumal auch sein Werk nur sehr wenige Rezensionen ten neuen Kant-Ausgabe, Karl Rosenkranz und Wil-
hervorgerufen hatte. Die andauernde Nichtbeach- helm Schubert, und fordert sie auf, die erste, nach
tung seines Werks in der akademischen Öffentlich- Schopenhauers Meinung unverfälschte Version der
keit verbitterte ihn zusehends und färbte auch seinen Kritik der reinen Vernunft abzudrucken und kennt-
Blick auf die akademische Philosophie. In Erwar- lich zu machen. Als Rosenkranz seine Vorschläge
tung einer baldigen zweiten und ergänzten Auflage weitgehend berücksichtigt, fühlt Schopenhauer sich
seines Hauptwerks Die Welt als Wille und Vorstellung seit Jahren zum ersten Mal von der akademischen
hatte Schopenhauer bereits seit 1821 Entwürfe für Community anerkannt und spricht dem »Geehrtes-
eine neue Vorrede verfasst, in denen der Ton gegen ten Herrn Professor« artig seinen »herzlichen Dank«
die akademische Philosophie zunehmend schärfer aus – auch wenn er sich in einem Brief vom 25.9.1837
wird. 1825 beklagt er sich, er sei der einzige Leser die Bemerkung nicht hatte verkneifen können, er
3. Akademische Karriere und das Verhältnis zur akademischen Philosophie 17

hoffe, dass Rosenkranz »das wankende Gebäude der trag als ›Machwerk‹ ablehnte, gewann er in dem Au-
Hegelei verlassen« (GBr, 169) werde. tor eines anderen Beitrags mit dem Titel Die Schopen-
Exemplarisch für Schopenhauers Schwanken hauersche Philosophie in ihren Grundzügen dargestellt
zwischen einer aggressiven Polemik gegen die hege- und beleuchtet, dem jungen Jurastudenten Carl Georg
lianisch dominierte Universitätsphilosophie einer- Bähr, einen seiner treuesten und von ihm hoch ge-
seits und einem Streben nach akademischer Aner- schätzten Anhänger (s. Kap. IV. A.3). Er lobte die
kennung andererseits ist sein Verhalten gegenüber Schrift als »die erste gründliche Diskussion meiner
der norwegischen bzw. der dänischen Sozietät der Lehre« (GBr, 409). 1857 schließlich wurden sowohl in
Wissenschaften. Beiden hatte er in den Jahren Bonn als auch in Breslau Lehrveranstaltungen über
1837/38 jeweils eine Preisschrift zur Moralphiloso- die Schopenhauersche Philosophie abgehalten.
phie (»Über die Freiheit des Willens«/»Über die Dennoch hat Schopenhauer bis zum Ende seines
Grundlage der Moral«, s. Kap. II.4) zukommen las- Lebens aus seiner Verachtung für die von Staat und
sen. Die norwegische Akademie zeichnete ihn aus Kirche domestizierten Professoren keinen Hehl ge-
und verlieh ihm die Mitgliedschaft, während die dä- macht und sich über deren Versorgungsmentalität
nische seinen Beitrag u. a. mit dem Hinweis ab- mokiert, die er als ›Stallfütterung‹ bezeichnet. »Bli-
lehnte, er habe »summos philosophos« – gemeint cke ich zurück«, so schrieb er am 21. März 1856 an
sind die Vertreter des Deutschen Idealismus – ab- den »Erzevangelisten« unter seinen Anhängern, Ju-
schätzig behandelt. Während er nie versäumte, die lius Frauenstädt, »so sehe ich, wie meine Philosophie
norwegische Sozietät zu rühmen und seine Mit- ganz allein durch Nicht-Professoren dem Publiko
gliedschaft plakativ herauszustellen, warf er der dä- bekannt geworden und mein Ruhm durch sie ent-
nischen vor, die Wahrheit unterdrückt und dem standen ist« (GBr, 389). Entsprechend rekrutiert sich
»Ruhm der Windbeutel und Scharlatane« (E, XL) die Mehrzahl seiner Anhängerschaft bis heute aus
gedient zu haben. Akademische Reaktionen auf sein der außerakademischen Leserschaft.
Werk waren ihm keineswegs gleichgültig.
Literatur
Späte Würdigungen Cartwright, David E.: Schopenhauer. A Biography. New
York 2010.
d’ Alfonso, Matteo Vincenzo: Schopenhauers Kollegnach-
Schopenhauers Philosophie hat nie die Universitäten schriften der Metaphysik- und Psychologievorlesungen
dominiert. Doch wurde er im letzten Jahrzehnt seines von G. E. Schulze (Göttingen 1810–11). Würzburg 2008.
Lebens, seit dem Erscheinen der Parerga und Parali- Estermann, Alfred: Arthur Schopenhauer. Szenen aus der Um-
pomena 1851, zunehmend auch von der akademi- gebung seiner Philosophie. Frankfurt a. M./Leipzig 2000.
schen Welt wahrgenommen. Diejenigen, die dem Hübscher, Arthur: Schopenhauer als Hochschullehrer. In:
Schopenhauer-Jahrbuch 39 (1958), 172–175.
Deutschen Idealismus nahestanden, blieben aller-
–: Denker gegen den Strom. Bonn 31987.
dings kritisch. So kritisierte ihn Rosenkranz 1854 in Jimenez, Camillo: Tagebuch eines Ehrgeizigen. Arthur
dem in der Deutschen Wochenschrift erschienenen Schopenhauers Studienjahre in Berlin (11.8.2006), http://
Aufsatz »Zur Charakteristik Schopenhauers«. Lud- www.avinus-magazin.eu/2006/08/11/jimenez-schopen
wig Noack, ein junger Gießener Privatdozent, der hauers-studienjahre/ (9.7.2014).
Koßler, Matthias: Philosophie im Auftrage der Natur und
zwischen Theologie und Philosophie hin- und her-
Philosophie im Auftrage der Regierung – Schopenhau-
pendelte, sah in seinem zweibändigen Schelling und ers Kritik der Universitätsphilosophie. In: Schopen-
die Philosophie der Romantik von 1859 Schopenhauer hauer-Jahrbuch 94 (2013), 217–228.
weiterhin in der direkten Nachfolge Fichtes und Lütkehaus, Ludger (Hg.): Die Schopenhauers. Der Familien-
Schellings. Doch das Schweigekartell war gebrochen. briefwechsel von Adele, Arthur, Heinrich Floris und Jo-
Schopenhauer wurde zunehmend zum Gegenstand hanna Schopenhauer [1991]. München 1998.
Safranski, Rüdiger: Schopenhauer und Die wilden Jahre der
der Lehre und zum Thema von Preisschriften und Philosophie. München 1987.
Philosophiegeschichten. Karl Fortlage, Lehrstuhlin- Segala, Marco: Einführung: Auf den Schultern eines Rie-
haber in Heidelberg, diskutierte ihn ausführlich in sen. Arthur Schopenhauer als Student Johann Friedrich
seiner 1852 erschienenen Genetischen Geschichte der Blumenbachs. In: Jochen Stollberg/Böker, Wolfgang
Philosophie seit Kant. 1856 schrieb die Universität (Hg.): »… die Kunst zu sehn«. Arthur Schopenhauers Mit-
schriften der Vorlesungen Johann Friedrich Blumenbachs
Leipzig einen Essaywettbewerb über die Philosophie (1809–1811) (= Schriften zur Göttinger Universitätsge-
Schopenhauers aus, den der Theologiestudent Rudolf schichte, Bd. 3). Göttingen 2013, 13–40.
Seydel gewann. Während Schopenhauer Seydels Bei- Robert Zimmer
19

II. Werk
1. Ueber die vierfache Wurzel des Satzes
vom zureichenden Grunde

Die Studienjahre Eine erste kohärente Reihe von Reflexionen über das
Thema der Dissertation findet man im letzten Berli-
Schopenhauers Dissertation Ueber die vierfache ner Heft, Bogen L, von 1813 (vgl. HN I, 55–67). An-
Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde ist der dere Materialien befinden sich in den zeitgenössi-
Schlussakt im Studium des jungen Philosophen. schen Kommentarheften zu den Werken Schellings
Schopenhauer schrieb sich 1809 an der medizini- und Kants. Er brachte die Arbeit innerhalb weniger
schen Fakultät der Universität Göttingen ein, ent- Monate zu Ende und legte sie der Universität Jena
schied sich aber sehr bald – auch unter dem Einfluss mit dem Titel Ueber die vierfache Wurzel des Satzes
des Professors für Metaphysik, empirische Psycholo- vom zureichenden Grunde vor. Am 2. Oktober 1813
gie und Logik Gottlob Ernst Schulze (1761–1833) – erlangte er so den Doktortitel in absentia, und der
für die Philosophie. 1811 beschloss Schopenhauer, Text wurde – mit dem Datum des vorigen Jahres –
nach Berlin zu ziehen, um die Vorlesungen von Jo- im Januar 1814 veröffentlicht. Das Manuskript der
hann Gottlieb Fichte (1762–1814), der Spitzenfigur Dissertation und eventuelle vorbereitende Fassun-
der neugegründeten Universität in der preußischen gen sind verlorengegangen.
Hauptstadt, zu hören. Unter den Bekannten, welchen er eine Kopie sei-
Schopenhauer war ein guter Kenner des Fichte- ner Arbeit zukommen ließ, befinden sich Schulze –
schen Denkens, hatte fast alle seine Werke gelesen welcher das Buch rezensierte – und Goethe. Zusätz-
und kannte sogar in groben Zügen den Inhalt der lich zu dieser Rezension entstanden zwei weitere
Berliner Lehrveranstaltungen; diese hatte Schulze (vgl. Piper 1916, 167–186). Goethe war seinerseits
auf der Basis der Wissenschaftslehre in ihrem allge- dermaßen beeindruckt von der Dissertation des
meinen Umrisse (1810), ein Büchlein, welches die Sohnes seiner Freundin Johanna Schopenhauer –
Schlussvorlesung aus Fichtes erstem Berliner Kurs deren literarischen Salon er seit Jahren regelmäßig
wiedergab, in seinem Metaphysikkurs vorgestellt. frequentierte –, dass er wünschte, sich privat mit
Nach einer ersten Phase gebündelter Aufmerksam- dem jungen Philosophen unterhalten zu können.
keit für die Vorlesungsinhalte zeigt Schopenhauer Daraus entstanden regelmäßige Treffen von Scho-
eine wachsende Enttäuschung, die in Hohnsprüche penhauer und Goethe, im Zuge derer Goethe dem
auf dem Rand der Vorlesungsnotizen mündet. jungen Freund auch seine Experimente zur Farben-
Neben den Vorlesungen Fichtes nahm Schopen- lehre zeigte (s. Kap. III.9), und welche sich über den
hauer an verschiedenen Kursen teil, sowohl bei ganzen Winter 1813/14 hinzogen. Aus diesen Ge-
Naturwissenschaftlern als auch bei Geisteswissen- sprächen entstand, nachdem Schopenhauer infolge
schaftlern und insbesondere beim Philosophen und eines letzten heftigen Streits mit seiner Mutter nach
Religionswissenschaftler Friedrich Schleiermacher Dresden gezogen war, seine Studie Ueber das Sehn
(1768–1834). In dieser Zeit hatte er darüber hinaus und die Farben (1816) (s. Kap. II.5).
die Möglichkeit, seine Kenntnisse der kantischen
Philosophie zu vertiefen und sowohl die Philosophie
von dessen beiden idealistischen Erben Fichte und Die beiden Ausgaben (1813 und 1847)
Schelling, als auch jene von deren Gegnern Jakob
Friedrich Fries (1773–1843) und Friedrich Heinrich Es existieren zwei Fassungen der Schrift Ueber die
Jacobi (1743–1819) zu kritisieren. Bei Kriegsaus- vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde,
bruch zog er sich in den kleinen Ort Rudolstadt zu- die inhaltlich weitgehend miteinander übereinstim-
rück, um die für den Erwerb des Doktortitels der men und sich trotzdem in vielerlei Hinsicht vonein-
Philosophie notwendige Dissertation zu verfassen. ander unterscheiden. Drei Jahre nachdem er die
20 II. Werk

zweite Fassung von Die Welt als Wille und Vorstel- Grunde für die Genese des Systems innehat, somit
lung (1844) in Druck gegeben hatte, legte sich der auch ihre Rolle als Einführung in das System. Einer
sechzigjährige Schopenhauer – der damals schon Analyse der zweiten Ausgabe käme dagegen eher die
seit über fünfzehn Jahren in Frankfurt lebt – seine Funktion zu, darzustellen, wie das System die alte
Dissertation abermals vor, um sie mit weitreichen- Abhandlung über das Prinzip vom zureichenden
den Umarbeitungen und in verdoppeltem Umfang Grunde bestätigt oder widerruft.
erneut zu veröffentlichen. Er selbst kommentierte
den eigenen Umgang mit seinem Jugendtext mit fol-
genden Worten: »Mancher [wird vielleicht] den Ein- Die Entstehung der Dissertation
druck davon erhalten […], wie wenn ein Alter das
Buch eines jungen Mannes vorliest, jedoch es öfter Seit der Veröffentlichung der Manuskripte der Berli-
sinken läßt, um sich in eigenen Exkursen über das ner und Dresdner Periode – zunächst durch Frau-
Thema zu ergehn« (G, VI). enstädt und später durch Hübscher – interpretierte
Seitdem zirkulierte sowohl in Deutschland als man in der Forschung die Jahre unmittelbar vor und
auch im Ausland vor allem diese zweite Fassung und nach der Dissertation als jenen Zeitraum, in dem
erst 1912 wurde die erste Niederschrift, dank der Schopenhauer eine erste Form von »Erlösungslehre«
Werkausgabe von Paul Deussen, wieder veröffent- ausarbeitet, die um den – anschließend fallengelas-
licht. Am Ende des Kapitels wird noch auf die Unter- senen – Begriff des ›besseren Bewusstseins‹ kreist.
schiede zwischen den beiden Versionen in einem Zeitlich gesehen stellt die Dissertation den Ab-
Absatz eingegangen werden, der der vergleichenden schluss dieser ersten Schaffensphase dar. Trotzdem
Analyse beider Texte gewidmet ist, um so die Aus- wird in dieser Arbeit nur ein Teil der vielen Themen
wirkungen des schon vollendeten Systems auf die in behandelt, die für den jungen Philosophen wichtig
der Vierfachen Wurzel dargestellten methodologi- waren, nämlich der auf das ›empirische Bewusstsein‹
schen Prämissen deutlich zu machen. bezogene, während all das positive Potential, das die
In diesem Kapitel wird allerdings die Darstellung Theorie des ›besseren Bewusstseins‹ bot und das das
der Themen der Dissertation vorzugsweise nach der Subjekt mit dem Schönen und Guten verbindet, hier
ersten Ausgabe durchgeführt, und zwar aus zwei absichtlich ausgeschlossen wird.
verschiedenen Gründen: einem historischen und ei- ›Besseres Bewusstsein‹ ist wahrscheinlich ein
nem systematischen. Vom historischen Standpunkt Terminus, der dem Begriff des ›höheren Bewusst-
aus muss man nämlich bedenken, dass Schopen- seins‹ nachempfunden ist, wie ihn Fichte in der
hauer mehr als dreißig Jahre lang eine Veränderung Sittenlehre und in seinen Vorlesungen über die »Tat-
der Inhalte des Werkes nicht für nötig hielt, das er sachen des Bewusstseins« (vgl. HN II, 26, 348)
schon in der ersten Auflage von Die Welt als Wille verwendet. Aber im Gegensatz zum Fichteschen
und Vorstellung als Pflichtlektüre für das richtige ›höheren Bewusstsein‹ ist das ›bessere Bewusstsein‹
Verständnis des eigenen Systems empfohlen hatte. In in keiner Weise mit der theoretischen Tätigkeit ver-
systematischer Hinsicht hingegen ist die Tatsache knüpft, denn es offenbart sich nur in der ästheti-
bedeutsam, dass Schopenhauer weder sein System schen Kontemplation oder in der moralischen
noch seine Theorie des Willens ausformuliert hatte, Handlung. Es handelt sich um ein Vermögen, durch
als er seine Dissertation verfasste. Da seine Überar- welches das Subjekt das Übersinnliche in seinen
beitung von 1847 mit dem spezifischen Ziel durch- weltlichen Ausprägungen erfassen kann. Dieses ist
geführt wurde, die epistemologischen Grundlagen dem ›empirischen Bewusstsein‹ entgegengesetzt,
des Systems angesichts der Theorie des Willens zu das sich auf den Bereich bezieht, in dem wir unsere
aktualisieren, erscheint es besser, zuerst die Refle- theoretischen Vermögen – Sinnlichkeit, Verstand
xion über das Prinzip vom zureichenden Grunde in und Vernunft – ausüben; letztere binden uns an die
Angriff zu nehmen, wobei man von den Inhalten des phänomenale Welt von Raum und Zeit, indem sie
Systems zunächst absieht, um erst in einem zweiten die Vorstellungen vom Objekt bilden und verwal-
Schritt zu überprüfen, in welchem Maße diese ten. Der Begriff des ›besseren Bewusstseins‹ ver-
Grundlagen von einer Neuinterpretation bereichert schwindet aus Schopenhauers Notizen gegen Ende
werden können, welche die Willensmetaphysik mit- 1814, und obwohl Schopenhauer den erlösenden
berücksichtigt. Die Darstellung der ersten Ausgabe Wert bewahrt, den Kunst und Moralität für den
ermöglicht es also, den Wert zu betrachten, den Mensch besitzen, ist er in Die Welt als Wille und
die  Untersuchung des Prinzips vom zureichenden Vorstellung nicht mehr zu finden.
1. Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde 21

Man hat daraus gefolgert (vgl. Kamata 1988), dass deraufnahme und Vertiefung der transzendentalen
Schopenhauer sich eben anlässlich der Niederschrift Perspektive Kants orientiert hat – dem Problem der
der Dissertation – in der die Formulierung nicht auf- Kausalität seine Abschlussarbeit widmet, ist nicht
taucht – von diesem Begriff distanziert hat. Umge- wirklich überraschend. Kant war von der Kausalität
kehrt hat man aber auch die Hypothese aufgestellt, ausgegangen mit dem Ziel, ihren Wert als a priori
dass Schopenhauer während seiner Arbeit an der gültigen gegen die empiristische Kritik Humes zu
Dissertation den Begriff des ›besseren Bewusstseins‹ verteidigen und damit die Geltung der Newtonschen
nicht ablegt, sondern sich eher für eine tiefgehende Gesetze zu retten. Und es war wiederum aufgrund
Untersuchung von dessen Pendant – dem ›empiri- der Kausalität, und zwar besonders im Falle der
schen Bewusstsein‹ – entscheidet, um in erster In- transzendenten Anwendung, die Kant davon in der
stanz die epistemologischen Strukturen der Empirie Bestimmung des Verhältnisses zwischen Ding an
zu analysieren (vgl. De Cian 2002). Die Dissertation sich und Erscheinung gemacht zu haben schien, dass
würde nämlich noch vollständig zu einer gespaltenen der kantische Systemaufbau in Schwierigkeiten ge-
Sicht auf die Welt gehören, deretwegen Schopen- riet. Das hatte schließlich Aenesidemus-Schulze –
hauer gezwungen ist »das Beste im Menschen, ja das- der Göttinger Lehrer Schopenhauers – in seiner Kri-
jenige wogegen die ganze übrige Welt sich verhält wie tik an Kant und Reinhold ans Licht gebracht. Aber
ein Schatten im Traum« (Diss, 132) von seiner Unter- bereits Maimon und Jacobi hatten – zusammen mit
suchung auszuschließen; dies auch, weil er noch nicht der Problematik des Begriffs vom Ding an sich – in
in der Lage ist, neben der Ästhetik und der Ethik die verschiedenen Hinsichten auf die zweideutige Rolle
Erkenntnistheorie in einer kohärenten und einheitli- aufmerksam gemacht, die die Kategorie der Kausali-
chen Weise zu bearbeiten. Für die beim Verfassen der tät bei Kant spielt. Diese Debatte hatte gut zwanzig
Dissertation verwendete Methode gilt also die Vor- Jahre zuvor den Fichteschen Idealismus und dann
gabe, die er im Berliner Kommentar der Fichte-Lek- die Systeme von Schelling und Hegel mit angesto-
türe notiert hatte: »So wird der wahre Kriticismus das ßen. Es erscheint daher fast sicher, dass Schopen-
beßre Bewußtseyn trennen von dem empirischen, wie hauers Ablehnung der idealistischen Wendung des
das Gold aus dem Erz, wird es rein hinstellen ohne Kritizismus – dessen Geburtsstunde genau die Ver-
alle Beimengung von Sinnlichkeit oder Verstand […]: neinung des Dings an sich und die Deduktion der
dann wird er das empirische auch rein erhalten, nach Kategorien aus der Aktualität des Ichs ist – ihn dazu
seinen Verschiedenheiten klassifiziren« (HN II, 360). zwingt, die Kategorie der Kausalität und ihre für die
Deshalb wird Schopenhauer den Begriff des ›bes- Welt der Vorstellung konstitutive Funktion neu zu
seren Bewusstseins‹ erst ungefähr ein Jahr nach der denken. In den Reflexionen, die die Niederschrift
Veröffentlichung der Dissertation definitiv ad acta der Dissertation vorbereiten und begleiten, ist ein
legen, zu einer Zeit, in der er im Willen den metaphy- klares Anzeichen dafür die Tatsache, dass die ersten
sischen Grund der Welt erkennt und die Gleichwer- Notizen über die begriffliche Verwechslung des kau-
tigkeit von Wille und Ding an sich formuliert (vgl. salen Verhältnisses mit dem Verhältnis zwischen
HN I, § 278, 169; De Cian 2002). Dies wird der theo- Grund und Folge genau in den Kommentaren zu
retische Angelpunkt sein, der dem noch auszuarbei- den Werken von Kant und Schelling auftreten (vgl.
tenden System Einheit verleihen wird (vgl. Decher HN II, 272–273, 317–318, 336).
1996). Trotz der berühmten Notiz von 1813 – einer Weniger voraussehbar ist die Radikalität, mit der
der letzten aus Berlin –, die die ›Schwangerschaft‹ mit sich Schopenhauer entscheidet, das Problem in An-
einem System ankündigt (vgl. HN I, § 92, 55), ist des- griff zu nehmen, und die zur eindeutigen Origina-
sen Geburt noch weit entfernt. Einstweilen muss sich lität der gefundenen Lösungen führt. Er zeigt in der
der junge Schopenhauer mit der Niederschrift einer Dissertation in der Tat eine außergewöhnliche ana-
»Elementarphilosophie« begnügen (vgl. G, V), in der lytisch-systematische Begabung, deren Hauptergeb-
er die epistemologische Struktur der Welt als bloße nisse folgende sind: die Neubestimmung der kan-
Vorstellung darstellt. tischen Kausalitätskategorie, die Erneuerung der
Formen des logischen Vernunftbegriffs, eine Reihe
unerwarteter Folgen auf der Ebene der Geometrie
Die Wahl des Themas und der Arithmetik und schließlich die ebenso ori-
ginelle wie radikale Formulierung einer neuen Theo-
Dass Schopenhauer – der sich schon in den Jahren rie der Motivation als Grundlage des menschlichen
an der Universität deutlich in Richtung einer Wie- Handelns. Die Tatsache, dass er die produktive Fä-
22 II. Werk

higkeit des gesamten Spektrums der menschlichen lich nicht bemerkt worden, in welchem Maße die
Vermögen – Sinnlichkeit, Verstand, Vernunft und verschiedenen Bereiche der Anwendung dieses Sat-
Wille – vollständig auf vier Aspekte eines einzigen, zes zur Bestimmung seiner besonderen Formen bei-
kategorialen Prinzips zurückführen konnte, stellt tragen, und auch nicht die Tatsache, dass diese For-
eine Vorgehensweise dar, die die Schrift Ueber die men von Mal zu Mal von einem jeweils anderen Er-
vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden kenntnisvermögen geleitet werden. Und das trotz
Grunde aufgrund ihres innovativen Potentials in epi- der besonderen Bedeutung des Satzes vom zurei-
stemologischer Hinsicht in die Nähe der kantischen chenden Grunde, die darin liegt, dass nur seine rich-
Dissertatio de mundi sensibilis atque intelligibilis tige Anwendung eine Antwort auf die Frage ›Warum‹
forma et principiis rückt. Es ist nicht überraschend, erlaubt, welche Schopenhauer als »Mutter aller Wis-
dass Schopenhauer genau auf diesen Boden seine senschaften« (Diss, 7) bezeichnet. Nur der Satz vom
systematische Sicht gründen kann, ebenso wie Kant zureichenden Grunde gewährleistet, dass die Ver-
die Kritik der reinen Vernunft (1781) auf der Basis bindung unserer Erkenntnisse die Form eines wis-
der Dissertatio von 1770 entwickeln konnte. senschaftlichen Systems aufweist, so dass umgekehrt
der Mangel an Strenge in seiner Anwendung unmit-
telbar zu einem Mangel an Wissenschaftlichkeit
Die Struktur des Textes führt.
Um von einer provisorischen Bestimmung dieses
Die Vierfache Wurzel ist ein handliches Bändchen, Gesetzes auszugehen, wählt Schopenhauer die For-
das in acht Kapitel unterteilt ist, die 59 Paragraphen mel des Leibnizianers Wolff: »Nihil est sine ratione
enthalten. Das Werk setzt sich aus drei Teilen zu- cur potius sit quam non sit. Nichts ist ohne Grund
sammen: einem einleitenden Abschnitt (Kap. 1–3, warum es sey« (Diss, 7). Für den Satz vom Grund
§§ 1–17), bestehend aus Problemstellung, Darstel- kann außerdem nach Schopenhauer kein Beweis
lung und Kritik bisheriger Abhandlungen des The- vorgebracht werden, da die Gültigkeit jedes Bewei-
mas durch andere Philosophen; einem zentralen Ab- ses auf ihm beruht, so dass dieser die Voraussetzung
schnitt (Kap. 4–7, §§ 18–49), bestehend aus der Un- der Beweisbarkeit ist und seinerseits nicht bewiesen
tersuchung des Themas im eigentlichen Sinne, das werden kann.
heißt der Abhandlung der vier Wurzeln des Satzes Schopenhauer lässt dann die verschiedenen An-
vom zureichenden Grunde, von denen jede als zu- sätze Revue passieren, in denen man von diesem Ge-
ständig für die Verbindung einer bestimmten Klasse setz in der gesamten philosophischen Tradition Ge-
von Vorstellungen dargestellt wird; und aus einem brauch gemacht oder es explizit behandelt hat. Seine
abschließenden Kapitel (Kap. 8, §§ 50–59), beste- schon kurz gehaltenen Argumente zusammenzufas-
hend aus Metareflexionen über die durchgeführte send, lässt sich sagen: Die aristotelische Unterschei-
Untersuchung sowie der Resultate, die nach Scho- dung der Gründe oder Prinzipien (archai) hält Scho-
penhauer aus der Untersuchung folgen. penhauer für vollends willkürlich; als richtig aufge-
stellt beurteilt er hingegen dasjenige Axiom der
scholastischen Philosophie, nach dem Nichts ohne
Bestimmung des Untersuchungs- Ursache sei, dieses bleibe aber in seinen Gründen
gegenstandes, Erkundung der historischen unerforscht; er bemerkt, dass Descartes und Spinoza
Tradition und ihrer Mängel den Begriff der Ursache nicht deutlich von jenem
des Grundes unterschieden haben, obwohl sie beide
Die Dissertation beginnt mit einer Erinnerung an häufig benutzen; bis schließlich durch Leibniz der
die methodologischen Empfehlungen der beiden Satz vom zureichenden Grunde deutlich als »Grund-
Hauptleitfiguren Schopenhauers, Platon und Kant, satz aller Erkenntniß« definiert werde.
in der Philosophie nach den Gesetzen der Homoge- Leibniz führe außerdem als erster eine klare Un-
nität – entia praeter necessitatem non sunt multipli- terscheidung zwischen zwei Anwendungen des Sat-
canda – und der Spezifikation – entium varietates zes ein: dem Verhältnis von Ursache und Wirkung
non temere esse minuendas – vorzugehen. Diese stellt und dem Verhältnis von Grund und Folge. Wolff, der
Schopenhauer gleich als transzendentale Regeln des seinerseits nach Schopenhauer auch einiges ver-
Erkennens dar. Insbesondere sei das Gesetz der Spe- wechselt, übernimmt die Leibnizsche Unterteilung
zifikation nicht erschöpfend auf den Satz vom zurei- und unterscheidet – anhand der Analyse des Begriffs
chenden Grunde angewendet worden. Es sei näm- von principium als id quod in se continet rationem al-
1. Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde 23

terius, etwas, das in sich den Grund eines anderen von Ursache und Wirkung auffinden. Aber auch vor
hat – drei Prinzipien: die eigentliche sogenannte Ur- einem Erkenntnisgrund steht man hier nicht, denn
sache, das principium fiendi, das Prinzip des logi- es geht gar nicht um einen rein begrifflichen Zusam-
schen Schlusses, auch principium cognoscendi ge- menhang. Die notwendige Verbindung zwischen
nannt, und schließlich ein drittes Prinzip, das für die Gleichwinkligkeit und Gleichseitigkeit muss daher
bestimmten Eigenschaften der Dinge verantwortlich an anderer Stelle gesucht werden, und zwar in der
ist und deshalb als principium essendi gilt. Diese Seinsmodalität des Dreiecks. Nur weil das Dreieck
Analyse bleibt für Schopenhauer trotzdem ungenü- genau so und nicht anders ist, besteht ein bestimm-
gend, da sie einerseits das Motiv einer Handlung, das tes Verhältnis zwischen Winkeln und Seiten, und
Wolff causa impulsiva oder ratio voluntatem deter- dieses Verhältnis betrifft diese selbst, ihr reines Exis-
minans nennt, nicht von der physischen Ursache tieren im Raum.
unterscheidet, während er andererseits unter dem Ein wiederum anderer Fall betrifft das ›Warum‹
Namen des principium essendi etwas isoliert, was einer bestimmten Handlung. Als Antwort bringt
hingegen zur Welt der physischen Eigenschaften der man Gründe vor, welche genau genommen weder
Objekte gehört und somit mit vollem Recht in den mit mechanischen Ursachen noch mit einem Er-
Bereich der Kausalität fallen sollte. Andere Überle- kenntnisgrund identifizierbar sind: Einerseits kann
gungen wie die von Baumgarten, Lambert, Reimarus man aus keiner vorgebrachten Ursache einfach auf
und Platner nehmen bisherige Unterscheidungen mechanische Weise irgendeine Entscheidung folgen
ohne Erneuerung auf, bzw. tragen für Schopenhauer lassen, andererseits haben aber die Entscheidungen
mehr zur Verwirrung als zur Aufklärung bei. ihren Wert nicht im Bereich des Erkennens, sondern
Kant schließlich, dem Schopenhauer hier das in dem der Realität. Diese zwei Beispiele sollen zei-
Verdienst zuerkennt, die formale Logik von der Me- gen, dass der Satz der Spezifikation bislang nur un-
taphysik (d. h. der Transzendentalen Logik) getrennt zureichend auf den Satz vom Grunde angewendet
zu haben, unterscheide nur implizit die Anwendun- wurde.
gen des Satzes vom zureichenden Grunde. Denn in Die Vorzüge und die Grenzen dieser historiogra-
der Logik bestimme er den Satz vom zureichenden phischen Erkundung hat Rudolf Laun sehr gut ge-
Grunde als »Kriterium der äußern logischen Wahr- zeigt. Insbesondere hat er auf eine gewisse Einseitig-
heit oder der Rationabilität der Erkenntniß« (Diss, keit in der Abhandlung des aristotelischen Stand-
18), während er in der Transzendentalen Logik den punkts, sowie auf die Übergehung von Crusius’
Satz als »Princip der Kausalität« (ebd.) auftreten Entwurf der Nothwendigen Veernunftwahrheiten
lässt. Obwohl also Kant den Unterschied beider As- (1745 u. 1766) aufmerksam gemacht: »[Diese] fällt
pekte anerkenne, verwirre er sie durch die Art seiner umso mehr ins Gewicht, als gerade dasjenige, was
Analyse wieder. Es handele sich übrigens um eine Schopenhauer in erster Linie als Neues in seiner Ar-
Ungenauigkeit, auf die schon Schulze und Maimon beit betrachtet, die Lehre vom Grunde des Seins,
hingewiesen hätten und die erst in den Logiklehrbü- sich in ähnlicher Weise bereits bei Crusius findet«
chern der kantischen Schüler korrigiert wurde, vor (Laun 1956, 36). Ein Mangel, für den auch die Tatsa-
allem in dem von Kiesewetter, der den ersten als lo- che eine Rolle spielt, dass Schopenhauer seltsamer-
gischen und den zweiten als realen Grund bestimme. weise die Habilitationsschrift Kants Principiorum
Das Ergebnis dieser historischen Übersicht ist, primorum cognitionis metaphysicae nova dilucidatio
dass im besten Fall allein zwei Formen des Satzes von 1755 nicht zur Kenntnis genommen hat, in der
vom zureichenden Grunde richtig erkannt wurden – Kant bereits Crusius’ Standpunkt lobte.
Erkenntnisgrund und Ursache. Dazu meint Schopen- Aber der Wert der Dissertation geht weit über die
hauer zwei weitere Fälle erkannt zu haben, in denen einfache Unterscheidung der vier Formen oder über
die Frage ›Warum?‹ berechtigterweise gestellt wer- ihre Neubestimmung hinaus. Er besteht in der Dar-
den könne, ohne dass man auf diese durch Anführen stellung der transzendentalen Funktion des Satzes
eines Erkenntnisgrundes oder durch Vorbringen ei- vom zureichenden Grunde und dessen Fähigkeit,
ner Ursache antworten könne. Zum Beispiel kann dank seiner vier Wurzeln die ganze Welt der Erfah-
der Grund, aus dem in einem Dreieck auf die Gleich- rung des erkennenden Subjekts zu begründen und
winkligkeit notwendigerweise die Gleichseitigkeit ausführlich zu gliedern. Nur innerhalb der vom Kri-
folgt, nicht mithilfe der Kausalität beschrieben wer- tizismus eröffneten transzendentalen Perspektive er-
den: Denn, da im reinen Raum keine Veränderung hält diese Unterscheidung ihr ganzes Gewicht. Und
stattfindet, kann man in ihm auch kein Verhältnis so kann Schopenhauer, als er zwölf Jahre nach der
24 II. Werk

Veröffentlichung seiner Abhandlung Kenntnis von von unseren Erkenntnisvermögen – Sinnlichkeit,


Crusius’ Text erhält, diesbezüglich – und dieses eine Verstand und Vernunft – und von diesen miteinan-
Mal mit gutem Recht – mit einer gewissen Gelassen- der in Verbindung gesetzt werden dank jeweils einer
heit die Worte des Aelius Donatus in seinem Manu- besonderen Form des principium rationis sufficientis.
skriptbuch »Foliant« notieren: »pereant qui ante nos Eine vierte Klasse besteht allein aus dem wollenden
nostra dixerunt«, es mögen wohl diejenigen sterben, Subjekt, dessen Entscheidungen wiederum einer
die vor uns das, was wir sagen, schon mal sagten vierten Wurzel des Satzes vom Grunde unterworfen
(HN III, Foliant II, 297–298). sind.

Die vier Wurzeln des Satzes Das Prinzip vom zureichenden Grunde
vom zureichenden Grunde des Werdens. Die Objekte der Erfahrung
und der Verstand
»Unser Bewußtseyn, so weit es als Sinnlichkeit, Ver-
stand, Vernunft erscheint, zerfällt in Subjekt und Die erste Klasse von Objekten ist die »der vollständi-
Objekt, und enthält, bis dahin, nichts außerdem. gen, das Ganze einer Erfahrung ausmachenden Vor-
Objekt für das Subjekt seyn, und unsre Vorstellung stellungen« (Diss, 21). Das sind jene Vorstellungen,
seyn, ist dasselbe. […] Aber nichts für sich Bestehen- welche die physische Welt darstellen und »sowohl
des und Unabhängiges, auch nichts Einzelnes und das Materiale als [auch] das Formale der sinnlichen
Abgerissenes, kann Objekt für uns werden: sondern Erscheinung [begreifen]. […] Sie sind, was die ob-
alle unsre Vorstellungen stehn in einer gesetzmäßi- jektive reale Welt genannt wird« (ebd.). Form dieser
gen und der Form nach a priori bestimmbaren Ver- Gegenstände sind Raum und Zeit: Raum, da nur in
bindung. Diese Verbindung ist diejenige Art der Re- diesem die Gleichzeitigkeit und dann auch die
lation, welche der Satz vom zureichenden Grund all- Dauer möglich ist; Zeit, weil nur in dieser die Verän-
gemein genommen ausdrückt« (Diss, 18). derung und daher auch die Abfolge der Zustände
Mit diesen Worten resümiert Schopenhauer so- stattfindet. Das Vermögen, das solch eine Synthese
wohl die grundlegenden Annahmen als auch die von Raum und Zeit als radikal heterogener Elemente
These seiner Dissertation. Die erste erkenntnistheo- erlaubt, ist der Verstand. Dank ihm, der allein den
retische Annahme ist die des transzendentalen Idea- Objekten Existenz verleihe, herrsche in dieser Klasse
lismus: In seiner Formulierung klingt noch die Rein- von Vorstellungen das Prinzip vom zureichenden
holdsche Definition der Vorstellung als jene elemen- Grunde des Werdens, die eigentliche Kausalität.
tare Tatsache des Bewusstseins mit, in welchem Schopenhauer bemerkt, dass die kausale Reihen-
Subjekt und Objekt sich gleichzeitig voneinander folge nicht zwischen einzelnen Objekten gilt, son-
unterscheiden und miteinander in Verbindung tre- dern zwischen Zuständen, das heißt zwischen Kon-
ten. In der Formulierung der folgenden Annahmen figurationen komplexer Vorstellungen (in Bezug auf
aber zeigt Schopenhauer, dass er sich dem Idealis- neuere Ansätze vgl. Brunner 2008, 47 ff.), betont
mus viel weitergehender als Reinhold anschließt. aber die Veränderung, ein Zusammentreffen be-
Die zweite lautet nämlich, dass die Welt der Objekte stimmter Voraussetzungen. Eine Verbrennung bei-
völlig mit der Welt der Vorstellungen überein- spielsweise geschieht im Zuge des Zusammentref-
stimmt: Das Objekt ist die Vorstellung. Die dritte fens bestimmter Voraussetzungen, welche den Über-
negiert, dass es Vorstellungen vom Ganzen geben gang von einem Zustand A in einen Zustand B
kann, losgelöst von einer Kette von Verbindungen herbeiführen: Hierunter fallen u. a. die Anwesenheit
mit anderen Vorstellungen. Schopenhauer behaup- von Sauerstoff und einer Wärmequelle – aber keines
tet somit, dass jedes Objekt – egal welcher Art – im- dieser beiden Elemente kann für sich allein genom-
mer mit einem anderen Objekt durch eine Relation men als Ursache der Verbrennung gelten, da nach
verbunden ist, die vom Satz vom zureichenden Schopenhauer nur der ganze Zustand A insgesamt
Grunde in einer seiner Formen bestimmt wird. Der die Verbrennung als seine notwendige Wirkung be-
Begriff des Absoluten, als etwas, was vollständig von stimmt.
jeder kausalen oder logischen Kette losgelöst wäre, Die Tatsache, dass Vorstellungen dieser Klasse für
ist insofern absurd. Schließlich bestimmt Schopen- das Subjekt reale Objekte sind und nicht bloße Phan-
hauer auf induktiver Basis drei verschiedene Klassen tasmen, d. h. rein aus unserer Einbildungskraft ge-
von Vorstellungen, oder Objekten, die abhängig sind schöpfte Bilder, hängt ihrerseits von der Anwendung
1. Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde 25

des Kausalitätsprinzips ab. Sie stehen nämlich in ei- Hier beschränkt er sich darauf, Kants Beweis der
nem kausalen Verhältnis zu einer besonderen Vor- Apriorität der Kausalität anzugreifen, der in der
stellung – der unseres Leibes, den Schopenhauer als Kritik der reinen Vernunft als einziges Kriterium a
unmittelbares Objekt beschreibt. Im Wachsein ist priori fungiert, um eine bestimmte Folge festzule-
nämlich der Leib für unser Bewusstsein unmittelbar gen. Schopenhauer kritisiert Kant, weil dieser einer-
anwesend, jede andere Vorstellung hingegen ist dies seits die Kausalität zu sehr intellektualisiert habe
nur in vermittelter Weise, also in einer irgendwie ge- und weil er andererseits geschlossen habe, dass in
arteten Verbindung zum Leib. Der Verstand schreibt jeder vom zeitlichen Gesichtspunkt her objektiv be-
also einer Vorstellung objektive Existenz in Raum stimmten Folge die Vorstellungen mit der Kategorie
und Zeit zu, indem er unbewusst das Prinzip vom der Ursache in Verbindung stehen müssten. Man
zureichenden Grunde des Werdens anwendet. Dem- kann die Kritik Schopenhauers am besten verste-
entsprechend werden auch die Veränderungen der hen, wenn man sie an dem Beispiel betrachtet, das
Sinne – wobei die Vorstellungen in Zusammenhang Kant vorbringt, um die objektive Apprehension der
mit diesen auftreten – als Wirkungen einer äußer- Reihe der Vorstellungen von der subjektiven zu un-
lichen Ursache auf den ›eigenen‹ Leib interpretiert. terscheiden. Die subjektive Apprehension wird durch
Dank dieser ständigen Anwendung des Kausalitäts- die Abfolge der Vorstellungen erläutert, die man aus
prinzips nehmen wir die Welt als Ansammlung uns der Beobachtung eines Hauses ableiten kann; dies
äußerlicher Gegenstände wahr, anstatt nur die Ver- kann gleichermaßen sowohl durch einen Blick vom
änderungen eines einzigen Objekts – unseres Leibes Dach bis zur Grundmauer als auch umgekehrt ge-
– festzustellen. Es ist schließlich das Bewusstsein je- schehen. Diese Operationen rufen zwei Reihenfol-
ner kausalen Verbindung zwischen dem Leib und gen von Vorstellungen ins Leben, die die gleiche Er-
den anderen Vorstellungen, das es uns erlaubt, auch fahrung betreffen, einen gleichen Wert an Realität
das Wachsein vom Traum zu unterscheiden. Der haben, aber umgekehrt verlaufen und daher für
Fluss von Vorstellungen in diesen beiden Zuständen Kant in einer willkürlichen Weise gebildet sein müs-
würde sich nämlich in der Art und Weise des einfa- sen. Die objektive Apprehension erläuterte Kant hin-
chen Aufeinanderfolgens der Vorstellungen im Be- gegen durch die Beobachtung eines Schiffes, wel-
wusstsein gar nicht unterscheiden. Das Einzige, was ches vom Strom eines Flusses getragen wird. Hier
sich dabei verändert, ist die Möglichkeit, eine kau- verläuft die Reihe der Vorstellungen ausschließlich
sale Verbindung zwischen den einzelnen Vorstellun- vom höheren Punkt des Flusses zum niedrigeren
gen und dem Leib zu stiften; denn im Wachsein kön- und nur in der Phantasie kann man die Objektivität
nen wir uns diese Verbindung stets wieder ins Be- dieser Reihenfolge umkehren. Denn diese wäre nach
wusstsein rufen, im Schlaf jedoch nicht. Kant durch den Beitrag der Kategorie der Kausalität
Analog zum Traum erzeugt auch die absichtliche abgesichert, die die jeweiligen Vorstellungen in ei-
Wiedergabe der Vorstellungen durch die Einbil- ner festen Folge aneinander reiht, während die Rei-
dungskraft einen Fluss von Vorstellungen, die mit henfolge bezüglich der Apprehension des Hauses
unserem Leib nicht in kausaler Verbindung stehen: das Ergebnis einer willkürlich vom Subjekt durch-
die Phantasmen. Da es sich um willkürliche Erzeug- führten Synthese sei. Schopenhauer hält diesen von
nisse handelt, ist ihr Auftreten und Aufeinanderfol- Kant gemachten Unterschied für falsch. Denn in
gen dennoch nicht der Kausalität unterworfen, son- beiden Beispielen wäre eine objektive Veränderung
dern einer anderen Wurzel des Satzes vom zurei- zu beobachten, mit dem einzigen Unterschied, dass
chenden Grunde, die Schopenhauer später darlegt, im Fall des Schiffes auf dem Fluss, diese Verände-
nämlich der Motivation. rung zwischen zwei vermittelten Objekten – Schiff
Schließlich widmet sich ein langer Paragraph aus und Strom – besteht, während sie im Fall des Hau-
dem Kapitel über den Satz des zureichenden Grun- ses zwischen einem vermittelten Objekt, dem Haus,
des des Werdens einer gründlichen Kritik der kanti- und dem unmittelbaren Objekt, dem Auge, das es
schen Kategorie der Kausalität. Es handelt sich da- beobachtet, stattfindet. Diese beiden Folgen haben
bei um eine erste Reihe von Einwänden gegen die daher denselben objektiven Wert und die Kausalität
Kategorienlehre Kants, die Schopenhauer innerhalb spielt keine Rolle in der Bestimmung der Reihen-
weniger Jahre im berühmten Anhang mit dem Titel folge ihrer Apprehension.
»Kritik der Kantischen Philosophie« von Die Welt Die falsche Einschätzung Kants beruht, wie
als Wille und Vorstellung erarbeiten wird (s. Kap. Schopenhauer darlegt, auf der unkorrekten An-
II.2.7). nahme, dass die Reihenfolge der Vorstellungen aus-
26 II. Werk

schließlich in zwei Weisen stattfinden könne: ent- und aus der Wiedergabe ihrer korrekten Verknüp-
weder nach einer objektiven Regel, der Kausalität, fungen bestehen.
oder nach einer subjektiven, bzw. rein willkürli- Ziel der Wissenschaften ist es, zwischen Begriffen
chen. Schopenhauer ergänzt hingegen, dass es auch notwendige Verbindungen herzustellen, damit da-
eine dritte Möglichkeit gibt, die Kant nicht in Be- durch wahre Urteile formuliert werden können. Die
tracht zieht, nämlich die zufällige Reihenfolge Wahrheit eines Urteils hängt nun von einer beson-
zweier Ereignisse. Es handelt sich um unsere zeit- deren Form des Prinzips vom zureichenden Grunde
lich aufeinanderfolgende objektive Wahrnehmung ab, welche die richtige Verbindung zwischen Begrif-
objektiv unabhängiger Ereignisse. Schopenhauer fen gewährleistet: Es ist das Prinzip vom zureichen-
nennt als Beispiel die Apprehension der Reihen- den Grunde des Erkennens, welches es erlaubt, diese
folge des Sich-Lösens eines Dachziegels und mei- Notwendigkeit zu stiften und die Frage zu beantwor-
nes Heraustretens aus der Tür, so dass dieser mei- ten, warum ein gewisses Urteil wahr ist. Je nachdem,
nen Kopf trifft. Zwischen dem Lösen des Ziegels ob die Antwort auf ein anderes Urteil oder auf einen
und meinem Heraustreten aus der Tür gibt es ein- empirischen Zustand oder auf die Prinzipien der Lo-
deutig keine kausale Verbindung, dennoch bleibt gik oder schließlich auf das metaphysische Prinzip
die Reihenfolge der Vorstellungen nicht subjektiv, des zureichenden Grundes verweist, definiert Scho-
d. h., sie ist nicht durch einen willkürlichen Wil- penhauer die Wahrheit jenes Urteils als logisch, em-
lensakt von mir erzeugt worden, denn sonst hätte pirisch, metalogisch oder metaphysisch.
ich sie gerne ganz anders bestimmt und dabei mei- Logisch oder formell ist die Wahrheit eines Ur-
nen Kopf gerettet. teils, wenn sie auf einem Schluss beruht. In diesem
Fall wird ein fragliches auf ein unumstrittenes Urteil
zurückgeführt, das den zureichenden Grund der
Das Prinzip vom zureichenden Grunde des Wahrheit des ersteren darstellt. Schopenhauer, der
Erkennens. Die Begriffe und die Vernunft sich auf seine Logikstudien bei Schulze und auf die
Lehrbücher der kantischen Logik stützt, stellt hier in
Die zweite Klasse der Vorstellungen ist die der Be- nuce seine Theorie des Schlusses dar, die er in Die
griffe. Diese werden durch Abstraktion von den voll- Welt als Wille und Vorstellung detaillierter ausführen
ständigen, empirischen Vorstellungen gewonnen, wird. Diese Theorie beruht auf der Interpretation
indem deren individuelle Eigenschaften fallengelas- des Begriffs als diejenige Menge von Vorstellungen,
sen werden, um nur ihre allgemeinen Züge zu be- die eine bestimmte Eigenschaft aufweisen. Die Zu-
wahren. Schopenhauer bezeichnet sie als Vorstellun- rückführung von einem Urteil auf ein anderes hängt
gen von Vorstellungen, weil sie in der Lage sind, indi- für Schopenhauer mit der ›Subsumption‹ der ent-
viduelle Vorstellungen zu repräsentieren, indem sie sprechenden Begriffe untereinander zusammen.
deren Platz im Gedankengang übernehmen. Die Be- Empirische Wahrheit besitzt hingegen das Urteil,
griffe können anschließend zu Urteilen verknüpft, wenn sein Fundament die Erfahrung ist. Dazu muss
und letztere können ihrerseits zu Schlüssen verkettet man sich versichern, dass die zwischen den Begriffen
werden. Darin besteht das Denken, und die Vernunft ausgedrückten Verhältnisse mit den zwischen den
ist das Vermögen, das sowohl für die Erschaffung Gegenständen existierenden Verbindungen überein-
der Begriffe, als auch für ihre Verbindung zu Urtei- stimmen. Daher müssen nach Schopenhauer ebenso
len bis hin zu Schlüssen zuständig ist. Diese kommt viele Arten der Verknüpfung zwischen Begriffen wie
nur dem Menschen zu, während der Verstand – zwischen Vorstellungen existieren, die bei Kant durch
wenngleich weniger entwickelt – auch bei Tieren zu die Kategorien und ihren Zusammenhang mit der Ur-
finden ist. Um Begriffe zu verbinden und aufzube- teilstafel zum Ausdruck gebracht werden.
wahren, bedient sich die Vernunft der Sprache, die Man kann hier den Unterschied zwischen der
daher ihr direkter Ausdruck ist. Zwar ist es aufgrund kantischen Kategorie der Kausalität und dem Prin-
ihrer geringeren Menge an Merkmalen viel leichter, zip vom zureichenden Grunde des Werdens bei
im Denken anstatt vollständiger Vorstellungen Be- Schopenhauer deutlich erkennen. Die kantische Ka-
griffe zu verarbeiten, aber diese sind nie in der Lage, tegorie der Kausalität wird nach Schopenhauer tat-
unsere Erkenntnis zu bereichern, da sie nur Derivate sächlich nur zu einer begrifflichen Kopie der Kau-
der intuitiven Verstandeserkenntnis sind. Schließ- salität als Prinzip vom zureichenden Grunde des
lich ist der richtige Umgang mit den Begriffen die Werdens. Letzteres stellt Verbindungen zwischen
Grundlage der Wissenschaften, welche aus ihnen vollständigen, dem Ganzen der Erfahrung zugehöri-
1. Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde 27

gen Vorstellungen her und verleiht diesen Verbin- genden zu bestimmen. Gleichfalls bestimmt im
dungen außerdem durch die Herstellung einer kau- Raum die Lage jedes seiner Teile – Punkte, Linien,
salen Verbindung zwischen ihnen und unserem Leib Flächen, Volumen – eindeutig jeglichen anderen Teil
die Existenz als Objekte in der realen Welt; die Kate- und wird von diesen aufgrund eines Analogons der
gorie der Kausalität verbindet dagegen nur Begriffe, Reziprozität bestimmt. Aus diesem Grund hängen
das heißt abstrakte Vorstellungen in der Welt der Er- die Eigenschaften der räumlichen Figuren aus-
kenntnis. Was diesen Punkt angeht, wird Schopen- schließlich davon ab, dass sie so und nicht anders
hauer in der Revision von 1847 eine tiefgreifende aussehen. Schopenhauer bezeichnet den Satz, der die
Veränderung vornehmen, indem er die gesamte gegenseitigen Verhältnisse der Teile der Zeit und des
kantische Kategorientafel abwerten und die Kausali- Raumes regelt, als Satz vom Grunde des Seins.
tät als einzige wahre Kategorie bewahren wird. Für Genau darauf gründen sich die beiden Wissen-
eine ausführliche Darstellung der Kritik an der kan- schaften der Arithmetik und der Geometrie. Wenn
tischen Auffassung der Kategorien, die in der Dis- er auf die zeitliche Reihenfolge angewendet wird,
sertation nur implizit vorgetragen wird, muss man ruft der Satz vom Grunde des Seins die Reihenfolge
aber bis 1819 zum besagten Anhang von Die Welt als der Zahlen und die Arithmetik als Disziplin ihrer
Wille und Vorstellung warten. Verbindungen ins Leben, während aus seiner An-
Als dritten möglichen Grund eines wahren Ur- wendung auf räumliche Objekte die Geometrie als
teils führt Schopenhauer die Voraussetzungen jeder Wissenschaft von deren Eigenschaften entsteht.
möglichen Erfahrung an. Es handelt sich um die ein- Schopenhauer hat hier Gelegenheit, gegen die Art
zigen synthetischen Urteile a priori, wie die Axiome und Weise zu polemisieren, in der die Geometrie seit
der Geometrie und die Urteile der Arithmetik, oder Euklid praktiziert und gelehrt wurde. Da sie mit Ge-
auch die Urteile »[n]ichts geschieht ohne Ursache« genständen der reinen Anschauung zu tun hat, sollte
oder »[z]wischen Ruhe und Bewegung ist kein Mit- das Ziel dieser Wissenschaft in der anschaulichen
telzustand« (Diss, 57). In Schopenhauers Klassifizie- Darstellung der notwendigen Verbindungen zwi-
rung haben diese Urteile metaphysische Wahrheit. schen Teilen des Raumes bestehen, weshalb auch die
Schließlich können auch die Gesetze, die die Vor- Demonstration der Eigenschaften ihrer Figuren
aussetzungen des Denkens bilden, als Grund der ohne Begriffe und allein mithilfe der Anschauung
Wahrheit eines Urteils gelten und stellen somit die durchgeführt werden sollte. Dagegen sind die Sätze
metalogische Wahrheit dar. Schopenhauer listet vier der Geometrie – also die Theoreme –, von den Axio-
Gesetze auf, die historisch zwar induktiv gewonnen men abgesehen, traditionell deduziert, also in be-
worden sind, aber wider die man unmöglich denken grifflicher Weise bewiesen. Damit stützt sich aller-
kann: »1) ein Subjekt ist gleich der Summe seiner Prä- dings diese Wissenschaft auf den Satz vom zurei-
dikate, oder a = a; 2) Keinem Subjekt kommt ein Prä- chenden Grunde des Erkennens und stellt eher eine
dikat zu, welches ihm widerspricht, oder a = –a = 0; Verbindung zwischen geometrischen Begriffen dar,
3)  Von jeden zwei kontradiktorisch entgegengesetz- als eine Anschauung der wirklichen Eigenschaften
ten Prädikaten muß jedem Subjekt eines zukommen; geometrischer Körper. In der Geometrie führt dies
4) Die Wahrheit ist die Beziehung eines Urtheils auf nach Schopenhauer aber dazu, dass man zwar die
etwas außer ihm. Dieses letztere ist eben der Satz vom Überzeugung hat, dass sich etwas so verhält, nicht
zureichenden Grunde des Erkennens« (Diss, 57). aber die Einsicht, warum. Letzteres bewirkt nur die
Erkenntnis des »Seynsgrundes« über die Anschau-
ung. Es war diese allgemeine Aufwertung der An-
Das Prinzip vom zureichenden Grunde des schauung – für Schopenhauer die einzige Quelle
Seins. Die reinen Anschauungen von Raum wahrer Erkenntnis, auf die in jedem Fall das begriff-
und Zeit, die Mathematik und die Geometrie liche Element zurückzuführen sei – die Goethe so
positiv beeindruckte.
Als dritte Klasse der für das Subjekt bestehenden Ob-
jekte identifiziert Schopenhauer den formalen Teil
der vollständigen Vorstellungen, d. h. »die a priori ge- Das Prinzip vom zureichenden Grunde des
gebenen Anschauungen der Formen des äußern und Handelns. Motiv, Charakter und Wollen
innern Sinnes, des Raums und der Zeit« (Diss, 62). In
der Zeit ist jeder Augenblick durch die Reihenfolge Die letzte Klasse von Objekten wird nur durch ein
aller vorherigen bestimmt und trägt dazu bei, alle fol- einziges Element gebildet – das Subjekt des Wollens.
28 II. Werk

Da das erkennende Subjekt selbst insofern nicht er- als empirischen Charakter die Manifestation des ers-
kennbar ist, als es in keiner Weise zum Objekt ge- teren Charakters in Raum und Zeit, das heißt jene
macht werden kann, kann das Subjekt sich selbst nur Reihe von Handlungen, die jeder im Anschluss an
als wollendes erkennen. Schopenhauer erklärt, dass bestimmte Gründe von Mal zu Mal vollzieht. Es ist
der Satz ›Ich erkenne‹ analytisch sei und über das aber die Interpretation Schellings (und Fries’) dieser
bloße ›Ich‹ hinaus nichts aussage. Auch die Tatsache, Theorie Kants, die für Schopenhauer besonders
dass man in unserem erkennenden Ich verschiedene wichtig war, denn sie erlaubte ihm, dem intelligiblen
Vermögen wie Sinnlichkeit, Verstand und Vernunft Charakter eine stärkere ontologische Färbung in
unterscheiden kann, stellt keine Ausnahme dar. Sol- Form »[eines] außer der Zeit liegende[n] universa-
che Vermögen sind das bloß subjektive Korrelat be- le[n] Willensakt[s]« (Diss, 76) zu geben (vgl. Koßler
stimmter Klassen von Objekten, die durch Induk- 1995; Hühn 1998). Infolgedessen besitzt jedes Indi-
tion erkannt worden sind und keine Qualitäten des viduum einen eindeutig bestimmten Charakter, der
vom erkannten Objekt unabhängig gedachten Ichs. – wenn ein bestimmtes Motiv vorliegt – es dazu
Im Gegensatz dazu ist der Satz ›Ich will‹ synthe- führt, unweigerlich in einer bestimmten Weise zu
tisch a posteriori, das heißt formuliert dank der in- handeln. Wenn man ein zweites Mal vor denselben
neren Erfahrung, die wir über die willentlichen Be- Voraussetzungen stehen würde, würde deshalb auch
wegungen unseres Leibes machen. Nun wirken die jeder wiederum genau dieselben Entscheidungen
Willensakte auf die Gegenstände der äußerlichen treffen. Dieser empirische Charakter ist nur aus der
Welt durch die willkürlichen (d. h. vom Willen voll- Handlungsweise eines jeden erkennbar, er zeigt sich
zogenen) Bewegungen unseres Leibes ein und er- nicht dem inneren Sinn und bleibt etwas Unerkenn-
zeugen so Wirkungen, die sich in die von der Kausa- bares, da die Handlungen eines Individuums uns
lität beherrschte Vorstellungskette eingliedern. Dies immer in fragmentarischer Art und Weise und nie
ist aber nicht der Fall für unser Wollen a parte priori, als kontinuierlicher Fluss erscheinen: »Das Motiv ist
d. h. den Grund der Entscheidung, so und nicht an- also dem empirischen Charakter zureichender
ders zu handeln. Denn wenn wir jemanden fragen, Grund des Handelns. Doch sind die Umstände, wel-
warum er eine bestimmte Handlung vollzogen hat, che eben Motive zum Handeln werden, nicht Ursa-
wird uns die Darstellung eines der Handlung vor- che dieses als ihrer Wirkung, weil die Handlung
ausgehenden Zustands wohl nicht reichen: Dieser nicht aus ihnen, sondern aus dem von ihnen sollici-
kann nämlich nicht in eindeutiger Weise den Ent- tirten empirischen Charakter erfolgt, welcher selbst
schluss begründen, so und nicht anders zu handeln. nichts unmittelbar Wahrnehmbares, sondern eben
Vielmehr bleibt bei jeder Entscheidung – mit ir- nur wieder aus den Handlungen zu Erschließendes
gendeinem ihr vorangehenden Stand der Dinge – und unvollkommen Zusammenzusetzendes ist«
die Gewissheit, dass wir anders hätten handeln kön- (Diss, 78).
nen, wenn wir es nur gewollt hätten. Für unsere wil- Um dieses Phänomen in intuitiver Weise beispiel-
lentlichen Handlungen erklärt also die Beschreibung haft zu erläutern, verwendet Schopenhauer eine
des vorausgehenden Zustands nicht die Entschei- Analogie zum Brechungsgesetz der Optik. Das Tref-
dung, diese gewisse Handlung wirklich zu vollbrin- fen eines gewissen Motivs auf den Charakter erzeugt
gen, sondern vielleicht bestenfalls den Wunsch, sie eine Wirkung, welche gleich der Wirkung ist, die ein
zu unternehmen. Der Grund einer willentlichen Lichtstrahl erzeugt, wenn er einen bunten Körper
Handlung muss also anders bestimmt werden, es trifft und von diesem nur partiell reflektiert wird, so
muss ein besonderes Prinzip vom zureichenden dass dieser nur das Spektrum wiedergibt, das mit
Grunde des Handelns geben, welches als Gesetz der seiner Farbe übereinstimmt. Wenn wir tatsächlich
Motivation gilt. den Charakter eines Subjekts genau erkennen könn-
Um dann zu erklären, wie das Motiv in spezifi- ten, dann wären wir im Falle der Kenntnis der auf
scher Weise auf das individuelle Wollen wirkt, greift dieses einwirkenden Motive in der Lage, jede seiner
Schopenhauer zur kantischen Charaktertheorie, die Handlungen einwandfrei und mit der gleichen Ge-
ursprünglich in der Kritik der reinen Vernunft darge- setzmäßigkeit vorauszusehen, mit der wir in der
legt und schon von Schelling in seiner Freiheits- Welt der Objekte anhand bestimmter Ursachen das
schrift (1809) wieder aufgenommen wurde. Kant de- Auftreten bestimmter Wirkungen unfehlbar voraus-
finierte als intelligiblen Charakter die Bestimmung sehen.
des Charakters eines jeden Individuums an sich, au- Diese Analogie hat aber nur einen partiellen
ßerhalb der Zeit und des Raumes, und bezeichnete Wert, da wir beim menschlichen Handeln keine
1. Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde 29

Phänomene beobachten, die in die Welt der Gesetz- sein Wille als völlig dem Gefühl unterworfen er-
mäßigkeit fallen, sondern den Bereich der Freiheit weist.
berühren, die ein Faktum ohne Grund darstellt. Die
einzige Orientierung, die wir besitzen, beschränkt
sich daher auf die allgemeinen Hinweise, die die em- Zwei Hauptresultate
pirische Psychologie uns bietet, eine Sammlung von
Informationen über die gemeinsamen charakterli- Im abschließenden Paragraphen, in dem die beiden
chen Züge verschiedener Subjekte. Ihr Nutzen ist Hauptresultate der Dissertation dargestellt werden,
aber nicht epistemologischer, sondern lediglich zeigt sich insbesondere die polemische Absicht sei-
pragmatischer Art, sie hilft uns, die Handlungen ei- ner Arbeit gegenüber der idealistischen Philosophie
nes bestimmten Menschen in nur allgemeiner Weise seiner Zeit. Tatsächlich ist es sein Wunsch, dass dank
vorauszusehen, basierend darauf, wie dieser – oder seiner Arbeit von nun an die Philosophen erklären,
andere, die mit ähnlichen Eigenschaften ausgestattet welchen der vier Typen sie meinen, wenn sie über
sind – in der Vergangenheit schon gehandelt hat. Verhältnisse der Abhängigkeit, Ursache oder Grund
Schließlich behandelt Schopenhauer die Kausali- sprechen; so würden sie dann diese Begriffe nur in
tät, die das Wollen auch auf das erkennende Subjekt deren Zuständigkeitsbereich benutzen. Alle vier
in der Form von willentlicher Reproduktion von Formen des Satzes vom zureichenden Grunde fin-
Vorstellungen und Gedankenreihen ausübt. Hier den nämlich ihre Anwendung ausschließlich inner-
wirkt das Gesetz der Motivation in Gestalt der Ideen- halb der phänomenalen Welt der Vorstellungen, und
assoziation. Man könnte zwar den Eindruck gewin- außerhalb dieses Bereichs ist die Verwendung dieses
nen, dass das Erscheinen solcher phantastischer Satzes transzendent und daher inakzeptabel. Leider
Vorstellungen losgelöst von jeglicher Verbindung beging bereits Kant – wie schon Aenesidemus-
auftritt, sofern wir nicht auf den Willensakt achten, Schulze gezeigt hatte – diesen Fehler, indem er von
der ihrem Wiederauftreten unterliegt. Aber die Ide- dem Ding an sich als Grund der Erscheinung sprach.
enassoziation beruht ihrerseits auf der Tatsache, dass Dies eröffnete den Idealisten die Möglichkeit, die
jede Vorstellung in unserem Geist in uns den Begriffe von Grund-Folge und Princip-Principiat in
Wunsch hervorruft, vergangene, ihr ähnliche Vor- einem weiterhin unbestimmten bis transzendenten
stellungen zurückzurufen, um unsere Erkenntnis zu Sinne zu benutzen.
bereichern. Diese »Uebungsfähigkeit« der zuneh- Aus diesem ersten Ergebnis folgert Schopenhauer
mend einfacheren »Vergegenwärtigung von Vorstel- das zweite, wesentlich wichtigere: dass man nicht
lungen« (Diss, 84 f.) nennt Schopenhauer Gedächt- mehr vom Grund schlechthin sprechen darf, außer
nis. Dieses sorgt nicht etwa dafür, dass in unseren im abstrakten Sinne. Somit sollte einer der Schlüs-
Geist jedes Mal wieder die gleiche Vorstellung zu- selbegriffe der idealistischen Philosophie, zusam-
rückgerufen wird; das Gedächtnis ist vielmehr die men mit dem Begriff des Absoluten, dessen Verwen-
Fähigkeit, diese Vorstellung jedes Mal im Ganzen dung Schopenhauer in seinen nachfolgenden Schrif-
nochmals zu erzeugen. Das wird im Übrigen durch ten überaus bissig ironisieren wird, aus dem
die Tatsache bestätigt, dass die vom Gedächtnis re- philosophischen, wissenschaftlich begründeten Ge-
produzierten Vorstellungen sich voneinander leicht spräch verbannt werden.
unterscheiden und ein erinnertes Bild auf lange
Sicht vom Original sehr verschieden sein kann.
Die letzten Objekte, die Schopenhauer behandelt, Die zweite Auflage der Dissertation
sind die Gefühle, die Zuneigungen und die Leiden- im Jahre 1847
schaften, die von ihm auf zwei Bereiche zurückge-
führt werden: körperliche Gefühle – wie Schmerz Die zweite Auflage der Vierfachen Wurzel wird erst
und Lust – und Willensakte – wie »Begierde, Furcht, vierunddreißig Jahre nach der ersten veröffentlicht,
Haß, Zorn, Betrübniß, Freude und alle ähnlichen zu einer Zeit, als Schopenhauer sich nach Frankfurt
[…] [die] ein heftiges Wollen, daß etwas geschehe zurückgezogen hatte und dort ein geregeltes Leben
oder nicht geschehe, sind« (Diss, 83). Von Leiden- als Privatgelehrter führte. Der Umfang des Werks
schaften redet man schließlich, wenn das wollende verdoppelt sich im Vergleich zur ersten Ausgabe,
Subjekt beim Empfinden eines Gefühls nicht in der und obwohl sich die Hauptbegriffe anscheinend
Lage ist, es durch das Heraufbeschwören seines Ge- nicht geändert haben, zeigt der Vergleich der beiden
genteils zu kontrollieren, und sich aufgrund dessen Fassungen – ebenso wie die einfache Durchsicht von
30 II. Werk

Schopenhauers persönlicher Kopie der Erstausgabe – besonderer Aspekte der Theorie von der Entstehung
eine große Menge an Korrekturen und Eingriffen. der Vorstellungen, die Schopenhauer in verschie-
Deren Hauptzweck ist die Rechtfertigung der Vierfa- denen Werken unternommen hat. Aus der Schrift
chen Wurzel als Einleitung zu Die Welt als Wille und Ueber das Sehn und die Farben (1816) nimmt er die
Vorstellung und somit die Herstellung der Kompati- physiologisch-transzendentale Analyse des Auftre-
bilität von Schopenhauers »Elementarphilosophie« tens der Bilder im Gehirn wieder auf, die es ihm er-
mit der Metaphysik des Willens sowie mit der »Erlö- laubt, seine Theorie des Verstandesschlusses bzw. des
sungslehre«, die im System dargestellt werden. unbewussten Syllogismus erfolgreich zu erläutern,
Die Änderungen kann man in vier Bereiche un- um die Welt der Erfahrung darzulegen. Der Ver-
terteilen. Eine erste Serie von Ergänzungen muss auf stand mache schon dann einen unbewussten Ge-
die persönliche Biografie des Philosophen zurückge- brauch vom Satz vom zureichenden Grunde des
führt werden, unter anderem auf die tiefe Enttäu- Werdens, wenn er die Vorstellungen eines stehenden
schung, die er in Bezug auf die Intellektuellen seiner Objekts aufbaut aus dem Bild, das vom Objekt im
Zeit entwickelte und auf die ›Philosophieprofesso- Auge spiegelverkehrt auf die Netzhaut projiziert
ren‹ insbesondere. Dies beruht auf dem Scheitern wird. Darüber hinaus werden in der Ausgabe von
seiner akademischen Bemühungen in Berlin, auf der 1847 alle Kategorien bis auf die der Kausalität ver-
Schmach, dass seine »Preisschrift über die Grund- worfen, was sich schon in den Manuskripten von
lage der Moral« nicht mit einem Preis ausgezeichnet 1814 ankündigte. In Ueber das Sehn und die Farben
wurde (obwohl er als einziger an der Ausschreibung kommt nur die Kausalität vor, und in der »Kritik der
teilgenommen hatte), sowie auf der seiner Meinung Kantischen Philosophie« (1818) wurde allen Katego-
nach verschwörungsartigen Nichtbeachtung, die rien bis auf  die Kausalität jegliche Funktion aus-
seine Philosophie erfuhr. Auf diese Sachverhalte drücklich abgesprochen.
gründen sich die heftigen – und in der ersten Aus- Inzwischen hat sich auch die Bedeutung der
gabe überhaupt nicht vorkommenden – Schmäh- Materie verändert: 1813 war sie die »Wahrnehmbar-
reden, die er an die auf Kant folgenden Philosophen keit« von Raum und Zeit (Diss, 21), während sie
Fichte, Schelling und Hegel sowie allgemein an alle 1847 zur »Kausalität überhaupt und sonst nichts«
professionellen Philosophen richtet, die er ohne wird (G, 82). Aus Ueber den Willen in der Natur
Ausnahme als Söldner der staatlichen Macht und (1836) führt Schopenhauer die Theorie der ›Steige-
Diener der religiösen Ideologie darstellt. 1813 be- rung‹ in die Dissertation ein, die er auf die Arten an-
schränkte sich die Polemik – wenngleich durchzo- wendet, in denen sich die Kausalität offenbart. Diese
gen von subtilem Sarkasmus – auf den Bereich der wird übrigens jetzt auch zur eigentlichen Form des
Lehre, während sie nun in persönliche Beleidigun- Satzes vom zureichenden Grunde, so dass sie stellen-
gen ausufert, deren Übermaß Schopenhauer so be- weise fast ein Synonym für diesen zu sein scheint: In
wusst war, dass er vor der Veröffentlichung einen der mechanischen Welt ist sie bloß mechanische
Rechtsanwalt konsultiert hatte, um keine rechtlichen Kausalität, im Pflanzenreich erscheint sie als Reiz, in
Konsequenzen zu riskieren. der Tierwelt als Erregung und erhebt sich schließlich
Eine zweite Gruppe von Ergänzungen stammt aus in der Menschenwelt – die mit Vernunft versehen ist
den Untersuchungen, die Schopenhauer in diesen – zum Motiv. Somit verliert allerdings der Satz vom
Jahren durchgeführt hatte und die ihm erlaubten, zureichenden Grunde stillschweigend eine seiner
die historische Darstellung des Satzes vom zurei- vier Wurzeln.
chenden Grunde zu vervollständigen. Es erscheint Weiter übernimmt Schopenhauer aus Die beiden
ein ganzer Paragraph über Hume, der Spinoza ge- Grundprobleme der Ethik (1841) die strenge Deter-
widmete Paragraph wird vertieft, und schließlich miniertheit des Handelns, während er sich im § 46
überarbeitet Schopenhauer teilweise sein Urteil über der ersten Auflage darüber nur in einer Anspielung
Leibniz und Wolff; nach wie vor fehlt jedoch die Er- und im Grunde zweideutig geäußert hatte. 1813
wähnung Crusius’, obwohl Schopenhauer 1826 des- wurde über die Notwendigkeit der empirischen
sen Entwurf der nothwendigen Vernunftwahrheiten, Handlung gesprochen und zwar mittels der Veror-
wiefern sie den zufälligen entgegengesetzt werden (vgl. tung der Freiheit in einer besonderen Sphäre – die
HN III, Foliant II, 297–298) gelesen hatte und dies dennoch nicht die Sphäre des Dinges an sich ist. In
auch am Rande seines Handexemplars notierte. der zweiten Ausgabe verweist Schopenhauer diesbe-
Eine dritte Kategorie der Änderungen und Ver- züglich hingegen auf seine »Preisschrift über die
besserungen entspringt aus der Vertiefung einiger Freiheit des Willens«.
1. Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde 31

Die vierte, und vielleicht wichtigste Art von Ein- Decher, Friedhelm: Das »bessere Bewusstsein«. Zur Funk-
griffen schließlich betrifft speziell die Neuinterpre- tion eines Begriffes in der Genese der Schopenhauer-
schen Philosophie. In: Schopenhauer-Jahrbuch 77
tation der Bedeutung des Satzes vom zureichenden
(1996), 65–83.
Grunde in Bezug auf die Theorie des Willens, insbe- De Cian, Nicoletta: Redenzione, colpa, salvezza. All’origine
sondere was seine vierte Wurzel angeht – dem Ge- della filosofia di Schopenhauer. Trento 2002.
setz der Motivation in seinem Verhältnis zum em- Hühn, Lore: Die intelligible Tat. Zu einer Gemeinsamkeit
pirischen Charakter. Die Tatsache, dass es sich hier Schellings und Schopenhauers. In: Christian Iber/Ro-
mano Pocai (Hg.): Selbstbesinnung der philosophischen
um den Satz vom zureichenden Grunde hinsichtlich
Moderne. Beiträge zur kritischen Hermeneutik ihrer
des menschlichen Willens handelt – das heißt um Grundbegriffe. Cuxhaven/Dartford 1998, 55–94.
jene Ausprägung, in welcher der Wille, die metaphy- Kamata, Yasuo: Der junge Schopenhauer. Genese des Grund-
sische Grundlage der Welt, sich ohne Schleier er- gedankens der Welt als Wille und Vorstellung. Freiburg/
kennt –, ermöglicht es Schopenhauer nun, den Wert München 1988.
des Motivs umzuinterpretieren. An dieser Stelle liegt Koßler, Matthias: Empirischer und intelligibler Charakter:
von Kant über Fries und Schelling zu Schopenhauer. In:
das Gesetz der Motivation nicht mehr auf der glei- Schopenhauer Jahrbuch 76 (1995), 195–201.
chen Ebene wie die anderen drei Formen des Satzes –: Life is but a Mirror: On the Connection between Ethics,
vom zureichenden Grunde, sondern es wird neu be- Metaphysics and Character in Schopenhauer. In: Euro-
stimmt als »von innen gesehn[e]« (G, 145) Kausali- pean Journal of Philosophy 16/2 (2008), 230–250.
tät. Wenngleich das Motiv als autonome Wurzel ver- Laun, Rudolf: Der Satz vom Grunde. Ein System der Er-
kenntnistheorie. Tübingen 1956.
schwindet, wird es andererseits diejenige Form des Piper, Reinhard: Die zeitgenössischen Rezensionen der
zureichenden Grundes, die uns im eigentlichen Werke Arthur Schopenhauers. I. Teil. In: Jahrbuch der
Sinne den Mechanismus des Willens offenbart (vgl. Schopenhauer-Gesellschaft 5 (1916), 167–186.
Koßler 2008). Schopenhauer, Arthur: De la quadruple racine du principe
de raison suffisante. Édition complète (1813–1847). Tex-
tes traduits et annotés par F.-X. Chenet. Introduits et
commentés par F.-X. Chenet et M. Piclin. Paris 1991.
Literatur Tielsch, Elfriede: Vergleich der ersten mit der zweiten Auf-
Boll, Karl F.: Das Verhältnis der ersten und zweiten Auflage lage. In: Michael Landmann/Dies. (Hg.): Arthur Scho-
der Schopenhauerschen Dissertation »Über die vierfache penhauer: Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zu-
Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde«. Ein Bei- reichenden Grunde. Hamburg 1957, XXXV–XLV.
trag zur Entwicklungsgeschichte der Schopenhauerschen White, Frank C.: The Fourfold Root. In: Christopher Ja-
Philosophie. Diss. Rostock 1924. naway (Hg.): The Cambridge Companion to Schopen-
Brunner, Jürgen: Schopenhauers Kausalitätstheorie. Teil I: hauer. Cambridge 2000, 63–85.
Empirische Ereigniskausalität und transzendentale Ak- Matteo Vincenzo d’Alfonso
teurskausalität. In: Schopenhauer-Jahrbuch 89 (2008), (aus dem Italienischen übersetzt von Ilaria Massari)
41–64.
d’Alfonso, Matteo V.: Schopenhauers Kollegnachschriften
der Metaphysik- und Psychologievorlesungen G. E. Schul-
zes (Göttingen 1810). Würzburg 2008.
32 II. Werk

2. Die Welt als Wille und Vorstellung

2.1 Zur Entwicklung als Wille und Vorstellung nicht noch vorhanden wäre
(sie wurde 1988 von Rudolf Malter als Faksimile her-
des Hauptwerks ausgegeben, auch dieses ist aber längst vergriffen),
wäre der ursprüngliche Text nicht rekonstruierbar.
Die Welt als Wille und Vorstellung entstand in den Es fehlt immer noch eine zuverlässige historisch-kri-
Jahren 1814 bis 1818 in Dresden und erschien 1819 tische Ausgabe. Das gilt übrigens noch mehr von
bei Brockhaus in Leipzig. Unmittelbar nachdem das den übrigen Werken Schopenhauers, denn dort –
Hauptwerk erschienen war, habilitierte sich Scho- besonders bei den Parerga und Paralipomena – sind
penhauer mit seinem Buch an der Berliner Universi- die Unterschiede zwischen der Ausgabe letzter Hand
tät und wurde dort Privatdozent. Für seine Vorlesun- und den posthumen Ausgaben mit den Zusätzen
gen arbeitete er die darin niedergelegte Philosophie meist noch gravierender. Die Welt als Wille und Vor-
didaktisch aus (s. Kap. II.7.3). Schon bald zog er eine stellung wurde immerhin 1919 einmal in einer vor-
zweite Auflage des Werks in Erwägung, doch auf- bildlichen Edition von Otto Weiß vorgelegt, der
grund der fehlenden Resonanz war der Verleger ab- nicht nur die Varianten der verschiedenen Auflagen
geneigt, und das Vorhaben musste immer wieder genau verzeichnete, sondern auch alle Zusätze aus
verschoben werden. Von 1821 an finden sich im den Handexemplaren Schopenhauers verwendete
Nachlass Entwürfe zu Vorreden zu einer zweiten und kenntlich machte. Diese Ausgabe, die als Teil
Auflage des Hauptwerks – sieben allein bis zur An- einer niemals fertiggestellten Gesamtausgabe der
kunft in Frankfurt 1833 –, die zum einen die zuneh- Werke Schopenhauers konzipiert war, fand zwar sei-
mende Verbitterung gegenüber den ihn ignorieren- nerzeit Anerkennung, aber weder gingen die Resul-
den Zeitgenossen dokumentieren, zum anderen die tate der Editionsarbeit in die nachfolgenden Editio-
immer wieder enttäuschte, aber ungebrochen blei- nen ein und wurden in diesem Zusammenhang
bende Erwartung einer breiten Wirkung seiner Phi- überprüft (vgl. Lütkehaus 2006, 26; Hübscher 1946,
losophie. In diesem Vertrauen hat Schopenhauer in 383) noch wurden sie philosophisch ausgewertet.
seinen Manuskriptbüchern Reflexionen, Beobach- Die Handexemplare sind übrigens heute noch erhal-
tungen, Exkurse gesammelt, die viel später in die ten und werden in sechs Bänden an der Fondation
zweite Auflage der Welt als Wille und Vorstellung als Bodmer in Cologny in der Schweiz aufbewahrt.
deren zweiter Band eingehen sollten. Erst 1844 war es Aufgrund dieser unbefriedigenden Editionslage
so weit, und die um diesen Band erweiterte und auch existiert bis heute keine vergleichende Untersu-
im ersten Band erheblich überarbeitete zweite Auf- chung zu den drei Auflagen von Schopenhauers
lage erschien. Noch einmal erweitert wurde die Welt Hauptwerk. Im Folgenden können daher nur allge-
als Wille und Vorstellung schließlich in dritter Auflage meine Aussagen getroffen werden, deren Überprü-
1859 – von Schopenhauer noch selbst veröffentlicht. fung im Einzelnen noch aussteht. Um die Entwick-
Alle heute im Umlauf befindlichen Ausgaben lung des Hauptwerks detailliert nachzeichnen zu
geben den Text der dritten Auflage wieder, häufig können, müssen neben den drei Auflagen auch
auch mit den Zusätzen, die Julius Frauenstädt in sei- Schopenhauers Handexemplare, die Vorlesungsma-
ner posthumen Gesamtausgabe aus Schopenhauers nuskripte und der handschriftliche Nachlass berück-
Handexemplar und Notizen hinzugefügt hatte. Für sichtigt werden. Die auffälligste Veränderung be-
die wissenschaftliche Bearbeitung der Welt als Wille steht zweifellos darin, dass die zweite Auflage einen
und Vorstellung ist das von großem Nachteil, zumal zweiten Band erhalten hat, der, wie gesagt, aus den
die erheblichen Veränderungen in den späteren Auf- Notizen und Entwürfen der seit der ersten Auflage
lagen nicht kenntlich gemacht sind und Varianten- verstrichenen 25 Jahre hervorgegangen ist.
verzeichnisse – wenn überhaupt vorhanden – un- Schopenhauer selbst hat sich in den Vorreden zu
vollständig sind. Wenn die erste Auflage von Die Welt den späteren Auflagen zu Veränderungen geäußert.
2.1 Zur Entwicklung des Hauptwerks 33

Zur zweiten Auflage schreibt er, die Modifikationen Zusätze bereichert, zu denen eigentlich auch Teile
im ersten Band, der den Text des ursprünglichen der zuvor veröffentlichten Parerga und Paralipo-
ganzen Werks enthält, beträfen »theils nur Neben- mena gehörten.
dinge« (W I, XXI), meist bestünden sie aber in kur- Freilich sind diese Ausführungen des Autors
zen erläuternden Zusätzen. Lediglich der die »Kritik nicht ausschlaggebend für die Frage nach den tat-
der Kantischen Philosophie« enthaltende Anhang sächlichen Entwicklungen und Modifikationen in-
habe »bedeutende Berichtigungen und ausführliche nerhalb des Hauptwerks. Eine in der Forschung seit
Zusätze erhalten« (ebd.). Wenn Schopenhauer be- langem bestehende Diskussion betrifft mögliche
tont, dass die Veränderungen im Haupttext des ers- Veränderungen in Schopenhauers Materiebegriff
ten Bandes nur unwesentlich seien, so ist seine Be- und in seiner Stellung zum Materialismus (vgl. Cor-
gründung für die Zugabe eines zweiten Bandes mit- nill 1856, 60 ff.; Volkelt 1923, 84 ff.; Schmidt 2004,
zubedenken. Er bezieht sich dabei auf Unterschiede 129 f.). Als eine bemerkenswerte Modifikation wurde
im Stil, in der »Darstellungsweise und im Ton des auch festgestellt, dass Schopenhauer ab der zweiten
Vortrags« (ebd.), die sich seit der Abfassung in der Auflage die Begriffe »Ethik« und »ethisch« an allen
Jugendzeit so stark geändert hätten, dass durch Um- Stellen, an denen sie auf moralisches Handeln, also
arbeitung kein einheitlicher Text mehr entstehen auf die Tugenden der Gerechtigkeit und Menschen-
könne. Soweit es möglich war, hat er den ursprüngli- liebe bezogen waren, durch »Moral« und »mora-
chen Wortlaut beibehalten wollen, auch wenn er nun lisch« ersetzte (vgl. Koßler 1999, 391).
manches »ganz anders ausdrücken würde« (W I, Die Änderungen, die Schopenhauer an dem An-
XXII). Es ist klar, dass sich ›ganz anders auszudrü- hang »Kritik der Kantischen Philosophie« vorge-
cken‹ in philosophischen Texten durchaus gravie- nommen hat, sind zum Teil darauf zurückzuführen,
rendere Folgen haben kann, als es hier den Eindruck dass er frühestens im Jahr 1826 die erste Auflage von
erweckt. Schopenhauer ist indessen davon über- Kants Kritik der reinen Vernunft kennengelernt hatte.
zeugt, dass sich die nötigen Klarstellungen dem Le- Da für ihn die Überarbeitung Kants »einen verstüm-
ser durch die Lektüre des zweiten Bandes von selbst melten, verdorbenen, gewissermaaßen unächten
ergeben. Umgekehrt bezieht sich der zweite Band Text« (W I, 516) hervorgebracht hatte, musste die
mit seinen einzelnen Kapiteln als Ergänzung unmit- Entdeckung des ursprünglichen Textes zu Modifika-
telbar auf bestimmte Teile des ersten, der aus diesem tionen seiner Kritik an Kant führen, die an anderer
Grunde auch eine neue Einteilung in Paragraphen Stelle behandelt werden (s. Kap. II.2.7; III.7).
erhielt. Demnach verhalten sich beide Bände derart Einen Hinweis darauf, dass möglicherweise Teile
ergänzend zueinander, »daß nicht bloß jeder Band aus dem zweiten Band mehr enthalten als bloße Aus-
Das enthält, was der andere nicht hat, sondern auch, führungen und gründlichere Durcharbeitungen des
daß die Vorzüge des einen gerade in Dem bestehn, im ersten Band Dargelegten, könnte man in dem
was dem anderen abgeht« (ebd.). Dabei kommt dem Umstand erblicken, dass bei manchen Kapiteln kein
ersten Band der Entwurf des Ganzen in seinem sys- Verweis auf die entsprechenden Paragraphen des
tematischen Zusammenhang zu, dem zweiten dage- ersten Bandes zu finden sind. Das betrifft die Kapitel
gen die ausführlichere Begründung und Entwick- »Von den wesentlichen Unvollkommenheiten des
lung der einzelnen Teile. Wie man diese Zuordnung Intellekts«, »Von der Materie«, »Transzendente Be-
zu bewerten hat, hängt mit dem schwierigen Pro- trachtungen über den Willen als Ding an sich«, »Vom
blem der Methodologie Schopenhauers zusammen Instinkt und Kunsttrieb«, »Leben der Gattung«,
(s. Kap. II.2.2). Er selbst gibt immerhin doch einen »Erblichkeit der Eigenschaften«, »Metaphysik der
Hinweis auf den Vorrang des ersten Bandes, wenn er Geschlechtsliebe«, »Die Heilsordnung« und »Epi-
empfiehlt, ihn wenigstens einmal gelesen zu haben, philosophie«. Cum grano salis lässt sich aus diesen
bevor man an die Lektüre des zweiten geht (vgl. W I, Themen ersehen, dass Schopenhauer das Verhältnis
XXIII). Andererseits hebt er – aus verständlichen zwischen seiner Philosophie und den Naturwissen-
Gründen – in seinem Gesuch an den Verleger Brock- schaften zumindest in besonderem Maße beschäftigt
haus um den Druck einer zweiten Auflage die hat. Schon in der Schrift Ueber den Willen in der Na-
»bedeutende[n] Vorzüge« des zweiten Bandes vor tur von 1836, die zwischen der ersten und der zwei-
dem ersten hervor, zu dem sich jener verhalte, »wie ten Auflage des Hauptwerks erschienen war, war es
das ausgemalte Bild zur bloßen Skitze« (GBr, 195). ihm ein Anliegen, die Übereinstimmung seiner
In der Vorrede zur dritten Auflage schließlich betont Lehre mit den rasant fortschreitenden naturwissen-
Schopenhauer, er habe die zweite nur um weitere schaftlichen Erkenntnissen nachzuweisen (s. Kap.
34 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

II.3). Zugleich zeigen die im Vergleich mit der ersten und Philosophie. Dieses Problem wird besonders im
Auflage wesentlich präziseren Ausführungen über Kapitel 17 »Ueber das metaphysische Bedürfniß des
seine philosophische Methode mit dem Anspruch Menschen« behandelt. Einerseits wird die Forde-
auf eine ›immanente‹ Metaphysik in den Kapiteln rung erhoben, die wissenschaftlichen Erkenntnisse
»Ueber das metaphysische Bedürfniß des Men- seien die »berichtigte Darlegung des Problems der
schen« und »Epiphilosophie« des zweiten Bandes Metaphysik, […] daher soll Keiner sich an diese wa-
des Hauptwerks, dass sich Schopenhauer um eine gen, ohne zuvor eine, wenn auch nur allgemeine,
genauere Bestimmung des Anspruchs der Philoso- doch gründliche, klare und zusammenhängende
phie gegenüber und dennoch im Einklang mit den Kenntniß aller Zweige der Naturwissenschaft sich
Naturwissenschaften bemühte. erworben zu haben« (W II, 198). Andererseits ist die
Sieht man von der »Kritik der Kantischen Philo- Aufgabe der Philosophie die Entzifferung der Welt,
sophie« ab, so lassen sich drei Bereiche festhalten, in und die Metaphysik soll ihr Kriterium der Wahrheit
denen die Modifikationen der späteren Auflagen in sich selbst haben (vgl. Mollowitz 1989): »Das
über eine bloße Ergänzung bzw. ausführlichere Dar- Ganze der Erfahrung gleiche einer Geheimschrift,
stellung des in der ersten Auflage Vorgebrachten hin- und die Philosophie der Entzifferung derselben, de-
auszugehen scheinen: (1) der Vorstellungsbegriff, ren Richtigkeit sich durch den überall hervortreten-
(2) das Verhältnis zwischen Philosophie und Wis- den Zusammenhang bewährt« (W II, 202 f.).
senschaft und (3) die Behandlung der Materie. (3) In Bezug auf die Auffassung der Materie fin-
(1) Das Wort ›Vorstellung‹, das Kant eher selten det sich ihre grundlegende Bestimmung als die Ver-
verwendet, spielt in Schopenhauers System eine zen- knüpfung von Raum und Zeit durch den Verstand
trale Rolle in verschiedenen Teilen seiner Lehre. Im schon in der ersten Auflage von 1819. Allerdings
Hinblick darauf hat er in der zweiten Auflage seines scheint es, als ob damit die Erörterung des Materie-
Hauptwerks bei der Bestimmung der Vorstellung begriffs noch nicht abgeschlossen war, denn es fin-
vieles vertieft und erläutert. Ausführlichere Behand- den sich zu dieser Zeit auch abweichende Fassungen.
lung in diesem Zusammenhang erhielten das Ver- Erst in der zweiten Auflage werden diese verschiede-
hältnis der anschauenden zur abstrakten Erkennt- nen Ansätze klarer differenziert und in einen umfas-
nis, die Bestimmung von Vernunft und Verstand, die senden metaphysischen Rahmen gestellt. »Die Lehre
Lehre von der empirischen Anschauung und die von der Materie ist ein besonders schwieriges und
Funktionsweise der Vernunft (z. B. spielt der Syllo- dunkles Stück der Schopenhauerschen Erkenntnis-
gismus in der ersten Auflage eine geringere Rolle). theorie. Die Materie bietet bei Schopenhauer meh-
Im Allgemeinen kann man sagen, dass Schopen- rere Anblicke dar je nach dem Gesichtswinkel, unter
hauer, obwohl er betont, die kantische Unterschei- dem man sich ihr nähert« (Volkelt 1984, 382). Diese
dung zwischen Erscheinung und Ding an sich beizu- Schwierigkeit und Dunkelheit hängt nicht nur da-
behalten, eine radikale Veränderung der transzen- von ab, dass Schopenhauer das Thema im Lauf der
dentalen Methode vornimmt, die in der zweiten Jahre aus verschiedenen Perspektiven betrachtet,
Auflage akzentuiert wird. Diese Neufassung des sondern auch davon, dass er auf verschiedene Quel-
Transzendentalismus kann man als »physiologische len zurückgegriffen hat. Letzteres zeigt sich sowohl
Orientierung« (Mandelbaum 1980) des Philoso- in den vielen Bezugnahmen auf die klassisch-aristo-
phieverständnisses Schopenhauers kennzeichnen, telische Lehre als auch auf die Lehren über die Mate-
die bereits in dem Werk Ueber den Willen in der Na- rie bei Giordano Bruno und Plotin. Das Problem der
tur bemerkbar ist. Materie ist in den Kapiteln 1 (»Die Lehre von der an-
Es ist bezeichnend, dass das zweite Buch im zwei- schaulichen Vorstellung«) und 4 (»Von der Erkennt-
ten Band des Hauptwerks (»Die Objektivation des nis a priori«) der zweiten Auflage behandelt, beson-
Willens«, d. h. die ausgebildete Willensmetaphysik) ders ausführlich und gründlich aber im Kapitel 24
den Teil der Lehre ausmacht, der am stärksten ver- (»Von der Materie«), das nicht auf bestimmte Teile
ändert wurde. Das Problem, das Schopenhauer hier des ersten Bandes referiert. Das deutet darauf hin,
zu lösen hat, ist eine neue Begründung der Natur- dass die Materie in Schopenhauers System immer
philosophie, nachdem er Schellings Projekt dersel- wichtiger wird, bis zu dem Punkt, an dem die Mate-
ben für unzulässig erklärt hatte (vgl. Segala 2009, rie zum Anknüpfungspunkt des empirischen Teils
258–348). unserer Erkenntnis an den der reinen und der aprio-
(2) In diesem Zusammenhang stellt sich auch die rischen wird: »Demzufolge ist die Materie Dasje-
Frage nach dem Verhältnis zwischen Wissenschaft nige, wodurch der Wille, der das innere Wesen der
2.1 Zur Entwicklung des Hauptwerks 35

Dinge ausmacht, in die Wahrnehmbarkeit tritt, an- Schmidt, Alfred: Schopenhauer und der Materialismus. In:
schaulich, sichtbar wird. In diesem Sinne ist also die Ders.: Tugend und Weltlauf. Vorträge und Aufsätze über
die Philosophie Schopenhauers (1960–2003). Frankfurt
Materie die bloße Sichtbarkeit des Willens, oder das
a. M. 2004, 105–149.
Band der Welt als Wille mit der Welt als Vorstellung« Segala, Marco: Schopenhauer, la filosofia, le scienze. Pisa
(W II, 349). 2009.
Die Auseinandersetzung mit dem Materialismus Volkelt, Johannes: Arthur Schopenhauer. Seine Persönlich-
ist ein weiterer Aspekt seiner Behandlung der Ma- keit, seine Lehre, sein Glaube. Stuttgart 51923.
terie. Schopenhauer verwarf schon in der ersten –: Korrelativismus und Materialismus. In: Volker Spierling
(Hg.): Materialien zu Schopenhauers »Die Welt als Wille
Auflage den Materialismus, d. h. die Auffassung und Vorstellung«. Frankfurt a. M. 1984, 371–386.
von der Materie als ontologische Struktur der
Matthias Koßler/Maurizio Morini
Wirklichkeit. Man muss bei all dem daran erin-
nern, dass die Veränderung in den späteren Aufla-
gen nicht nur in den Zusätzen im zweiten Band be-
stehen, sondern dass auch viele Formulierungen
des ersten Bandes erst in den nachfolgenden Aufla-
gen hinzugefügt wurden. Die Entwicklung der Na-
turwissenschaften und der Physik, die vor allem in
den 1820er und 30er Jahren des neunzehnten Jahr-
hunderts aufgetreten ist, führt bei Schopenhauer zu
einer starken Reaktion gegen das reduktionistische
Denken. Die Widerlegung des Materialismus, un-
ter welchem Schopenhauer den mechanistischen
Materialismus versteht, zeigt sich in den späteren
Auflagen in der Ablehnung der Atomtheorie. Ein
Teil der Sekundärliteratur sieht Schopenhauer aber
als einen Denker mit starken materialistischen
Tendenzen an (vgl. Schmidt 2004), so dass sein
Platz in der philosophiehistorischen Entwicklung
noch genauer zu bestimmen ist.

Literatur
Cornill, Adolph: Arthur Schopenhauer als Übergangsform
von einer idealistischen in eine realistische Weltanschau-
ung. Heidelberg 1856.
Hübscher, Arthur: Die kritische Schopenhauer-Ausgabe.
In: Zeitschrift für philosophische Forschung 1 (1946),
380–387.
Koßler, Matthias: Empirische Ethik und christliche Moral.
Zur Differenz einer areligiösen und einer religiösen
Grundlegung der Ethik am Beispiel der Gegenüberstellung
Schopenhauers mit Augustinus, der Scholastik und Lu-
ther. Würzburg 1999.
Lütkehaus, Ludger: Einleitung zu Schopenhauers Werken
nach den Ausgaben letzter Hand. In: Arthur Schopen-
hauer: Werke in fünf Bänden. Beibuch. Hg. von Ludger
Lütkehaus. Frankfurt a. M. 2006, 7–34.
Mandelbaum, Maurice: The Physiological Orientation of
Schopenhauer’s Epistemology. In: Michael Fox (Hg.):
Schopenhauer. His Philosophical Achievement. Sussex
1980, 50–67.
Mollowitz, Gerhard: Bewährung aus-sich-selbst als Krite-
rium der philosophischen Wahrheit. In: Schopenhauer-
Jahrbuch 70 (1989), 205–225.
Morgenstern, Martin: Schopenhauers Philosophie der Na-
turwissenschaft. Bonn 1985.
36 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

2.2 Konzeptionelle Probleme HN I, 387). Da Schopenhauer nirgends eine explizite


Formulierung derart anbietet, dass der eine Gedanke
und Interpretationsansätze dieses oder jenes sei (vgl. Atwell 1995, 18; Janaway
der Welt als Wille und 1999, 4), so scheint es eine in der Forschung aller-
Vorstellung dings umstrittene Interpretationsleistung zu bleiben,
diesen Gedanken zu finden und als solchen zu erläu-
tern. Dabei könnte es – wie Rudolf Malter vermerkt –
Nicht nur der Inhalt und die Argumentation des ers- nicht unwichtig sein, zwischen Sätzen und Gedan-
ten Bandes von Schopenhauers Hauptwerk Die Welt ken zu unterscheiden; der eine Gedanke sei »obzwar
als Wille und Vorstellung (= WWV) sind ausschlag- selber kein Satz, nur in Sätzen, bestehend aus ab-
gebend für ein Verständnis des Werks, sondern auch strakten Vorstellungen, präsent« (Malter 1991, 47).
der Aufbau, die Gliederung, die Argumentations- Im Wesentlichen lassen sich in der Forschung drei
form und die Systematisierung. Allerdings herrscht Positionen voneinander unterscheiden (zur Diskus-
in der Forschung hinsichtlich der strukturellen In- sion des »einen Gedankens« im französischsprachi-
terpretation kein Einvernehmen. Im Wesentlichen gen Raum s. Kap. IV.D.4):
drehen sich die Diskussionen um vier Fragen oder (1) Eine weit verbreitete Lesart versteht den einen
Konfliktfelder: (1) Wie ist Schopenhauers Hinweis Gedanken als eine Art inhaltliches Extrakt der zen-
zu verstehen, dass sein Werk einen einzigen Gedan- tralen Lehrstücke der WWV, dem sich über eine
ken mitteilt? Welche Rolle spielt dieser für das Werk? pointierte Zusammenfassung nahekommen lässt. So
(2) Wie hängen die einzelnen Bücher der WWV zu- versteht Rudolf Malter den einen Gedanken über
sammen? Architektonisch, systematisch, organisch? den Satz: »[D]ie Welt ist die Selbsterkenntniß des
(3) In welchem Verhältnis steht das Werk zum Leser Willens« (W I, 526 (Lü); vgl. Malter 2010, 32). Die-
und zur Welt? Normativ in Bezug auf den Leser oder ser Satz lässt sich auf eine Äußerung Schopenhauers
deskriptiv in Bezug auf die Welt? (4) Wie verhält es zurückbeziehen, die sich auf 1817 datiert in seinen
sich mit den oft beanstandeten Widersprüchen und Manuskripten finden lässt (»Meine ganze Ph[iloso-
Aporien im Werk? Folgen Sie einem Konzept oder phie] läßt sich zusammenfassen in dem einen Aus-
sind sie Denkfehler? druck: die Welt ist die Selbsterkenntniß des Wil-
Die folgenden Darstellungen sollen die verschie- lens«, HN I, 462) und schließlich – wie zitiert – auch
denen Positionen, die in den Diskussionen aufge- Eingang in das Hauptwerk gefunden hat. Wolfang
taucht sind, konturieren und einen Überblick über Weimer erweitert diese Bestimmung des einen Ge-
z. T. alte, aber nach wie vor ungelöste Probleme der dankens noch um den Zusatz: »Die Welt ist die
Schopenhauer-Forschung geben. Selbsterkenntnis des Willens von seiner Leidhaftig-
keit. Dieses Leiden kann in Stufen aufgehoben wer-
den« (Weimer 1995, 17). Volker Spierling sieht den
Der eine Gedanke einen Gedanken in der Formulierung ausgedrückt,
dass »diese Welt, in der wir leben und sind, ihrem
In der Vorrede zur ersten Auflage der WWV formu- ganzen Wesen nach, durch und durch Wille und zu-
liert Schopenhauer Anweisungen, »[w]ie dieses gleich durch und durch Vorstellung ist« (W I, 227
Buch zu lesen sei, um möglicherweise verstanden (Lü); vgl. Spierling 1998, 63). Einen anderen Kandi-
werden zu können […]« (W I, 7 (Lü)). Gleich im daten für den einen Gedanken sieht beispielsweise
zweiten Satz findet sich eine Formulierung, die eine Jochem Hennigfeld (2006, 465) in dem als Grund-
breite Kontroverse bestimmt: »Was durch dasselbe satz interpretierten Schopenhauerschen Lemma:
[das Buch; J. L./D. S.] mitgetheilt werden soll, ist ein »Der Wille als das Ding an sich macht das innere,
einziger Gedanke« (ebd.). Obgleich Schopenhauer wahre und unzerstörbare Wesen des Menschen aus«
vorgibt, sein Werk artikuliere einen Gedanken, so (W II, 232 (Lü)).
lasse sich dieser nur mittels Zergliederung in vier John Atwell merkt hinsichtlich des Versuchs einer
Teile – die vier »Bücher« des ersten Bandes – mittei- Formulierung des einen Gedankens an, dass auch
len; allerdings habe man sich nach Schopenhauer zu die entscheidenden Erkenntnisse des dritten und
hüten, »nicht über die nothwendig abzuhandelnden vierten Buches berücksichtigt werden müssen (vgl.
Einzelheiten den Hauptgedanken, dem sie angehö- Atwell 1995, 30; Janaway 1999, 5). Nachdem er ei-
ren, und die Fortschreitung der ganzen Darstellung nige Kandidaten und deren Konsequenzen disku-
aus den Augen zu verlieren« (W I, 9 (Lü); vgl. auch tiert hat, kommt er schließlich zu der Formulierung:
2.2 Konzeptionelle Probleme und Interpretationsansätze der Welt als Wille und Vorstellung 37

»The double-sided world is the striving of the will to Descartes, Spinoza, Jacobi oder Fichte übernommen
become fully conscious of itself so that, recoiling in wurde (vgl. Lemanski 2011, 316; Koßler 2006) und
horror at its inner, self-divisive nature, it may annul das zum anderen nur für die Beantwortung der
itself and thereby its self-affirmation, and then reach Frage, wie das Buch zu lesen ist, instrumentalisiert
salvation« (Atwell 1995, 31). wird. Die eigentliche Zielsetzung Schopenhauers
Fraglich ist bei dieser ersten Lesart, die versucht finde man dagegen in § 15: Schopenhauer erklärt
den einen Gedanken über eine inhaltliche Zusam- dort, dass es die Aufgabe seiner Philosophie sei, »al-
menfassung einzufangen, aber, inwiefern sie Stellen les Mannigfaltige der Welt überhaupt, seinem Wesen
im Werk Schopenhauers integrieren kann, die beto- nach, in wenige abstrakte Begriffe zusammengefaßt,
nen, dass zwischen den mitgeteilten Gedanken als dem Wissen zu überliefern« (W I, 131 (Lü)). Er be-
Teile des einen Gedankens und dem einen Gedan- ruft sich dabei, wie auch bei der Parallelstelle in der
ken selbst zu unterscheiden ist (vgl. HN I, 387). Zu Ethik (vgl. W I, 494 (Lü)), auf Francis Bacon und be-
fragen wäre also, ob die Annahmen der erwähnten kennt sich somit sowohl zu einem empirischen An-
Autoren zutreffen, dass erstens der eine Gedanke ab- satz (vgl. Koßler 1999) als auch zu einer neuzeitlich-
strakt und direkt mitteilbar ist und zweitens in der aufklärerischen Tradition, die das philosophische
Zusammenfassung der einzelnen Werkteile besteht Buch über die Welt an die Stelle der Bibel setzt (vgl.
(vgl. Schubbe 2010, 51 f.). Blumenberg 1986).
(2) Einer anderen Lesart zufolge ist die Mitteilung Die Zielsetzung, d. h. die »vollständige Wieder-
eines einzigen Gedankens zwar ebenfalls zentrales holung, gleichsam Abspiegelung der Welt in abstrak-
Ziel der WWV, allerdings leugnet diese Lesart die ten Begriffen« (W I, 131 (Lü)), verdeutlicht sich in
Möglichkeit, den einen Gedanken in einem Satz zu- einer Analogie: Wenn, wie Schopenhauer sagt, der
sammenzufassen oder aus der WWV zu extrahieren. »Erkenntnisgrund« (principium cognoscendi) »un-
Vielmehr verweise das Werk auf den einen Gedan- mittelbar die Welt« (W I, 131) sei und diese durch
ken: Dem Werk ist somit gleichsam ein performati- die WWV abgespiegelt werde, dann umfasst »Welt«
ver Zug zu eigen, der den einen Gedanken nur im als höchster Begriff (conceptus summus) alle anderen
Sinne eines eigenständigen und lebendigen Denkens Begriffe der WWV (conceptus inferiores) ebenso wie
zulässt. So betont beispielsweise Matthias Koßler mit auch die reale-unmittelbare Welt alle anderen Enti-
Blick auf die »Thebenmetapher« (s. u.), dass der eine täten in sich umfasst (vgl. Lemanski i. E.). Ähnlich
Gedanke »im Mittelpunkt der sich kreuzenden, je- bringt für Arthur Hübscher auch schon der Titel
doch nicht ineinanderlaufenden Richtungen zu su- »Die Welt als Wille und Vorstellung« den einen Ge-
chen ist« (2006, 375). Von einer explizit performati- danken »auf eine kurze Formel«: Er »kommt, in je-
ven Deutung des einen Gedankens spricht Daniel der Zeile gegenwärtig, in vier Büchern wie in vier
Schubbe. Demzufolge verbürgt der eine Gedanke symphonischen Sätzen zur allseitigen Entfaltung«
nicht einen Inhalt, sondern die Einheit des Werks (Hübscher 1952, 69). Sieht man auf die letzten Sätze
selbst. Die verschiedenen Perspektiven der vier Bü- von § 15, so findet man eine Verbindung der letzten
cher der WWV auf die Mensch-Welt-Bezogenheit beiden Lesarten: Wille und Vorstellung inklusive der
werden durch den einen Gedanken derart zusam- darunter enthaltenen Glieder sind allesamt Teilbe-
mengehalten, dass dieser vielmehr die »Gemeinsam- griffe des Begriffs ›Welt‹, d. h. in dessen Begriffsum-
keit der verschiedenen Perspektiven oder Wirklich- fang enthalten. Als höchster Begriff soll somit hier
keitsbereiche« verbürgt (Schubbe 2010, 195). Der der Weltbegriff zwischen den an sich widersprüchli-
eine Gedanke ist somit auf theoretischer Ebene eine chen Dichotomien vermitteln; »ihre Harmonie zu
Art Parallelbegriff zur Welt, in der ebenfalls die ein- einander, vermöge welcher sie sogar zur Einheit ei-
zelnen auszulegenden und zu beschreibenden Ge- nes Gedankens zusammenfließen, […] entspringt
halte gemeinsam vorliegen. aus der Harmonie und Einheit der anschaulichen
(3) Eine dritte Lesart lokalisiert dagegen die von Welt selbst« (W I, 132 (Lü)).
Schopenhauer vorgegebene und für die Erfassung
des einen Gedankens maßgebende Zielsetzung der
WWV nicht in der Vorrede, sondern erst am Ende Architektonik, System oder Organismus?
von § 15. Die Vorrede stellt mit dem »einen Gedan-
ken« nur ein Traditionsargument dar, das zum einen Die Forschungskontroverse, wie der Zusammen-
aus der bislang noch ungenügend erforschten Ideen- hang der vier Bücher der WWV zu verstehen ist, er-
geschichte des einen Gedankens von beispielsweise öffnet sich an den drei Metaphern ›Architektur‹,
38 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

›System‹ und ›Organismus‹, die im Kontext des ei- hauers Philosophie beliebig sei, da man von überall
nen Gedankens auftauchen: zum Mittelpunkt kommen könne, zum anderen ist
»Ein System von Gedanken muß allemal einen architek- dies der im zweiten Band der Parerga und Paralipo-
tonischen Zusammenhang haben, d. h. einen solchen, in mena formulierte Gedanke, dass »jede Philosophie
welchem immer ein Theil den andern trägt, nicht aber anzuheben [hat] mit Untersuchung des Erkenntniß-
dieser auch jenen, der Grundstein endlich alle, ohne vermögens, seiner Formen und Gesetze, wie auch der
von ihnen getragen zu werden, der Gipfel getragen wird, Gültigkeit und der Schranken derselben« (P II, 24 f.
ohne zu tragen. Hingegen ein einziger Gedanke muß,
so umfassend er auch seyn mag, die vollkommenste (Lü)). Nach Booms kommt es damit bereits am An-
Einheit bewahren. Läßt er dennoch, zum Behuf seiner fang zu einer antinomischen Verwicklung – er spricht
Mittheilung, sich in Theile zerlegen; so muß doch wie- von einer Methodenantinomie –, da die eine Bestim-
der der Zusammenhang dieser Theile ein organischer, mung die andere ausschließt. Mehr noch: Nach
d. h. ein solcher seyn, wo jeder Theil ebenso sehr das Booms ist die Form inhaltsprägend, so dass der Be-
Ganze erhält, als er vom Ganzen gehalten wird […]«
(W I, 7).
ginn mit der Erkenntnislehre – die er transzendenta-
listisch interpretiert – derart theorieinitiierend wirkt,
Obgleich es kontrovers ist, ob Schopenhauer den Be- dass Schopenhauers Philosophie insgesamt zu einer
griff ›System‹ synonym zu ›architektonisch‹ und als Transzendentalphilosophie wird. Die Primärstellung
Gegenbegriff zu ›organisch‹ (vgl. Schubbe 2010, 50) der Erkenntnislehre werde damit zu einer Funda-
oder ob er ›System‹ als Oberbegriff für die beiden mentalstellung. Für Booms trägt die Anfangsproble-
konträren Teilbegriffe ›architektonisch‹ oder ›orga- matik entscheidend zur Frage nach einer Charakteri-
nisch‹ verwendet (vgl. Strub 2011, 106; ferner Bloch sierung des Werks insgesamt bei.
1985, 369), lässt sich festhalten, dass in beiden Fällen Angesichts der gegenseitigen Abhängigkeit von
›architektonisch‹ die Gegenmetapher zu ›organisch‹ Form und Inhalt fragt Schubbe gegenüber Booms
bleibt, so dass wir im Folgenden nur diese Dichoto- zunächst danach, was denn bei Schopenhauer über-
mie verwenden. Somit lässt sich generell sagen: Scho- haupt als Inhalt und Form bestimmt werden soll
penhauer möchte sein Werk explizit nicht als Archi- (vgl. Schubbe 2010, 25–31). Indem Schubbe den de-
tektur verstanden wissen, sondern als Organismus. skriptiven Charakter der Erkenntnislehre und den –
Der Unterschied: Während die Architektur nach von Schopenhauer herausgestellten aber von Booms
Schopenhauer linear konstruiert ist, trägt in einem übergangenen – didaktischen Sinn des Beginns mit
Organismus jeder Teil den anderen, sie sind aufein- der Erkenntnislehre betont, versucht er zu zeigen,
ander verwiesen. Schopenhauer versteht sein Werk dass der Erkenntnislehre weder ein Begründungs-
also so, dass der letzte Teil ebenso den ersten trägt, status zukommt, noch diese die Form des Werks
wie der erste den letzten. Die Zergliederung des festlegt; vielmehr müsse die Gesamtform des Werks
Werks in vier Teile liegt nach Schopenhauer somit als die Form angesehen werden, von der der Inhalt
nicht in der Sache, sondern in der Problematik ihrer nicht abstrahiert werden kann. Da Schubbe zwi-
Mitteilung: Da nach ihm ein Buch eben eine erste schen dem performativ-indirekten einen Gedanken
und letzte Zeile haben müsse, bliebe kein anderer und vielen direkten Gedanken unterscheidet, lie-
Weg, aber dies dürfe nicht mit dem Gegenstand, mit gen für ihn die Thebenanalogie und die Anfangsbe-
dem einen Gedanken selbst verwechselt werden. Da- stimmtheit schlicht auf verschiedenen Ebenen: Die
durch kommt es nach Schopenhauer zwangsläufig zu Thebenanalogie bezieht sich auf den einen Gedan-
einem Widerspruch zwischen Inhalt und Form (vgl. ken, die didaktisch verstandene Anfangsbestimmt-
W I, 8 (Lü)), der aber mit einer (mindestens) zwei- heit auf die direkten Gedanken, durch die hindurch
maligen Lektüre des Buches behoben werden könne. der eine Gedanke im günstigen Fall provoziert wird.
Allerdings wird in der neueren Forschung disku- Doch zurück zur Frage, was für die Metapher der
tiert, ob der Widerspruch zwischen Inhalt und Form Architektonik (1) oder des Organismus (2) spricht.
nicht weitreichendere Konsequenzen hat, als Scho- (1) Trotz der expliziten Vereinnahmung der Or-
penhauer einzugestehen bereit ist. So hebt Martin ganismusmetapher für sein Werk findet man (a) bei
Booms (vgl. Booms 2003, 141–146) hervor, dass es Schopenhauer selbst (vgl. z. B. W II, 420 (Lü)) und
bei Schopenhauer zwei unterschiedliche Selbstein- (b) in der Forschung eine Annäherung an die Archi-
schätzungen bezüglich der Anfangsproblematik gibt: tekturmetapher.
Zum einen ist dies die berühmte Thebenanalogie aus (a) Die meisten gesperrt gesetzten Allgemeinbe-
dem Jahr 1841 (vgl. E, 327 f. (Lü), häufig auch »The- griffe in der WWV bilden eine der klassischen Be-
benmetapher«), derzufolge der Einstieg in Schopen- griffslogik entsprechende hierarchische Struktur (vgl.
2.2 Konzeptionelle Probleme und Interpretationsansätze der Welt als Wille und Vorstellung 39

z. B. W II, 76 (Lü); VN I, 259–276), die vom abstrak- (Klamp 1960, 83) des vierten Buchs sein könne. Das
testen Begriff wie ›Welt‹ bis beispielsweise zu den feste Themenarrangement ausgehend von der Er-
konkreten Vernunftdefinitionen von Lachen, Witz kenntnistheorie bis hin zur ›mystischen Ontologie‹
und Narrheit (vgl. W I, 102 f. (Lü)) reicht. Aufgrund geht bei den meisten Forschern mit einem linearen
dieser stufenförmigen Begriffsstruktur, die sich durch Verständnis des Aufbaus der WWV einher.
die ganze WWV hindurchzieht, ist es ratsam, anhand Ein anderes architektonisches Bild, das die Posi-
einschlägiger Stellen zu verfolgen, dass Schopenhauer tion der Ethik festsetzt, kann aber auch mit der The-
mit der Architekturmetapher eine aus Allgemeinbe- benanalogie erreicht werden, wenn man auf das Ver-
griffen und Prinzipien nur ableitende Philosophie hältnis von Peripherie und Zentrum rekurriert: Jo-
kritisiert (vgl. W I, 130 (Lü)), wie er sie exemplarisch hann August Becker (vgl. Becker 1883, 4) und Karl
für die Neuzeit bei Spinoza oder Wolff sieht (vgl. Werner Wilhelm (vgl. Wilhelm 1994, 10) interpre-
Strub 2011, 106 f.). Die Begriffsstruktur der WWV ist tieren die Thebenanalogie so, dass die ersten drei
somit eine der bedeutenden Leistungen des Werks, Bücher der WWV periphere Zugangswege bilden,
aber sie kann nur ein Gesamtresultat und nicht die alle Zugänge aber zum zentralen Kern führen, wel-
Methode der WWV sein, da Schopenhauer sonst cher die Ethik im letzten Buch sei.
wiederum an Spinoza und Wolff anknüpfen würde. (2) An die Vereinnahmung der Organismusmeta-
Die genaue Struktur ist in der gegenwärtigen For- pher für sein Werk halten sich sowohl (a) Schopen-
schung noch nicht ausgearbeitet (vgl. Lemanski i. E.). hauer selbst an vielen Stellen als auch (b) in jüngerer
(b) Die Forschung hat sich hingegen bislang in- Zeit immer mehr Forscher.
tensiver mit der Themenstruktur beschäftigt, die ei- (a) Schopenhauer selbst hebt hervor: Wenn man
nerseits für die noch genauer zu untersuchende Li- den einen Gedanken »von verschiedenen Seiten be-
nearität von Bedeutung ist und andererseits sich teil- trachtet, zeigt er sich als Das, was man Metaphysik,
weise der Architekturmetapher dadurch annähert, Das, was man Ethik und Das, was man Aesthetik ge-
dass sie die Position bestimmter Themen innerhalb nannt hat« (W I, 7 (Lü)).
des Werks festsetzt: Wie am Beispiel von Booms be- (b) Aus diesem Grund, meint Robert Jan Berg,
reits gezeigt, steht von einigen Interpreten die Be- gebe es »prinzipiell beliebige Zugangswege« (Berg
hauptung im Raum, dass der Anfang der WWV mit 2003, 99) in den Organismus. Obwohl Schopen-
der Erkenntnislehre nicht ohne weiteres beliebig sei, hauer im ersten Buch der WWV die Welt als Wille
da »[j]eder transzendente Dogmatismus […] ver- aus der Welt als Vorstellung argumentativ entwi-
mieden werden« soll (Spierling 1998, 49), bezie- ckelt, könnte ein Leser doch ebenso gut mit dem
hungsweise weil sie »das Teilstück der Darstellung zweiten Buch beginnen, da Schopenhauer dort an-
des prozessualen Geschehens [ist], wodurch dieses ders herum auch die Welt als Vorstellung aus der
Geschehen eröffnet wird« (Malter 1991, 53). Ebenso Welt als Wille genetisch erklärt und beide Bücher
festgesetzt scheint für viele Interpreten der Schluss sich somit wechselseitig ergänzen, also die Priorität
der WWV zu sein. Besonders einschlägig für diese der jeweiligen ›Welt‹ nur durch die Methodik des
Position war Franz Rosenzweigs Rede von der Scho- Themas – Erkenntnistheorie oder Naturphilosophie –
penhauerschen Innovation eines »systemerzeugten entschieden wird. Die beliebige Stellung der Schluss-
Heiligen des Schlußteils«, der »den Systembogen passagen wird zudem durch die Neuformulierung
schloß, wirklich als Schlußstein schloß, nicht etwa der WWV in den Vorlesungen Schopenhauers deut-
als ethisches Schmuckstück oder Anhängsel er- lich, in der Schopenhauer nicht mit »Nichts«, son-
gänzte« (Rosenzweig 1921, 8 f.). Eduard von Hart- dern mit einem metaphilosophischen Thema endet
mann spricht ebenfalls von einer Hervorhebung des (vgl. VN IV, 271 ff.). Innerhalb der organischen Les-
Nichts, die von Schopenhauer »wiederholentlich art wäre somit auch eine alternative Fassung der
und mit Nachdruck als der Gipfel nicht nur seiner WWV denkbar, die nicht mit der Verneinung, son-
Ethik, sondern auch seines ganzen philosophischen dern mit der Bejahung des Willens endet.
Systems bezeichnet worden« ist (Hartmann 1924,
54). Schopenhauers Religionsphilosophie, der Hei-
lige und das Nichts werden, so Hans Zint, somit zum Die WWV: Normatives, axiologisches
»leuchtenden Schlußpunkt seiner ganz Philosophie« oder deskriptives Gedankengebäude?
(Zint 1930, 63). Insofern weist auch Gerhard Klamp
darauf hin, dass das dritte Buch nur eine »Vor- Sehr früh hat die architektonische Festsetzung und
schule« für die »eindrucksvolle[n] Schlusspartien« Fokussierung auf das Ende der WWV die lineare In-
40 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

terpretation mit einer normativen gekoppelt: Wenn Befreiung des Subjekts von seiner negativen Befind-
Schopenhauer am Ende seines Werks den Asketen lichkeit stattfindet« (Malter 1991, 52). Der Fortgang
und dessen Flucht ins Nichts beschreibt, so war es erfolgt nach Malter über verschiedene Krisen bis zur
für viele Interpreten naheliegend, dass der Autor sei- Erlösung: »Die Philosophie Schopenhauers kann
nem Leser »zumuthe[.], den Willen zum Leben […] sich nur deswegen als Soteriologie […] artikulieren,
zu verneinen« (Weigelt 1855, 156). Daher erklärt weil das befreiend-erlösende Moment schon ur-
auch Paul Deussen, dass Schopenhauers Ethik zu- sprünglich im Subjekt angelegt ist. Nachzuzeichnen,
letzt doch »eine Imperativische Form hat. Sie liegt wie es zu seiner Aktivierung kommt und wie der
für ihn darin, dass er die Verneinung des Willens Wille – trotz seiner ihm eigenen Substantialität – das
zum Leben der Bejahung durchweg als das Höhere, Subjekt nicht mehr bestimmt, ist das Ziel, auf das
Bessere gegenüberstellt« (Deussen 1917, 555). Aller- hin sich das Schopenhauersche System dank des
dings wird in diesem Zitat eine Differenz verwischt, Transzendentalismus, der es leitet, bewegt« (Malter
die anderen Interpreten zufolge einen »Zwischen- 1991, 55). Hieran sieht man, dass der Zusammen-
weg« zwischen einer normativen oder deskriptiven hang zwischen ›Transzendentalismus‹ (Leitgedanke)
Lesart aufzeigen kann: Es ist durchaus möglich, ein- und ›Erlösungslehre‹ (Ziel) zu einer linearen Inter-
zuräumen, dass Schopenhauer sein Werk deskriptiv pretation des Werks führt. Die zielgerichtete In-
verstanden wissen will, aber dennoch den Figuren terpretation Malters schränkt den Ausdruck ›So-
der Weltüberwindung einen wertvolleren, höheren teriologie‹ auf eine normative oder axiologische
Status einräumt als den Lebensbejahern. Eine solche Interpretation ein, da auch Malter zwischen beiden
axiologische Lesart ist wertend, aber nicht präskrip- Interpretationsrichtungen schwankt. Entsprechende
tiv. Eine deskriptive Lesart ist hingegen weder nor- Konnotationen finden sich auch bei Alfred Schmidt:
mativ noch axiologisch. Da sich die drei Lesarten am »Resignation ist die schwer beschreibbare Grund-
deutlichsten in der Interpretation der Schopenhau- stimmung, in die Schopenhauers Denken einmün-
erschen Willensverneinung zeigen, kann man orien- det« (Schmidt 1986, 75). Die Metapher des »Ein-
tierungsweise festhalten: mündens« drückt hier eben diese Zielgerichtetheit
(1) Normative Interpretation: Schopenhauer will aus, die entweder eine Prävalenz der Willensvernei-
seinen Leser von der Willensverneinung über- nung ausdrücken kann (axiologisch) oder eine Len-
zeugen, so dass dieser sie praktisch umsetzt. kung des Lesers zu derselben (normativ). Ein Ver-
(2) Axiologische Interpretation: Schopenhauer be- ständnis des Werks im Zeichen einer Linearität und
schreibt die Willensverneinung nur, bewertet sie Normativität oder Axiologie speist sich somit vor al-
aber als besser im Vergleich zur Lebensbeja- lem aus einer spezifischen Interpretation des Stils,
hung. des Kontextes der Schlusspasssagen und aus späte-
(3) Deskriptive Interpretation: Schopenhauer be- ren Selbstaussagen Schopenhauers. Komplementär
schreibt Willensverneinung und -bejahung nur zur axiologischen oder normativen Soteriologie in
und zwar beide gleichwertig. der Ethik, die besonders in der deutschsprachigen
Forschung diskutiert wird (Stichwort: ›Erlösung
Das von Schopenhauer nicht verwendete, aber in durch Erkenntnis‹), wird in der spanisch- und be-
der Forschung intensiv diskutierte Reizwort ›Sote- sonders in der englischsprachigen Forschung eine
riologie‹ (bzw. Erlösungslehre, ferner: Befreiungs- axiologische oder normative Befreiungslehre in der
lehre) fällt in den Bereich der Willensverneinung Ästhetik diskutiert (Stichwort: ›art as liberation‹).
und kann daher (1) normativ, (2) axiologisch oder Vertreter einer rein deskriptiven Lesart berufen
aber (3) deskriptiv interpretiert werden. Prinzipiell sich dagegen vor allem auf die Anfangspassagen des
divergieren aber alle drei Lesarten auch an anderen vierten Buchs der WWV, in denen Schopenhauer er-
Fragestellungen, beispielsweise der Interpretation klärt, dass auch seine Ethik nur theoretisch-betrach-
von Idealismus und Empirismus im ersten Buch der tend bleibt und nichts vorzuschreiben empfiehlt
WWV. (W I, 357 f. (Lü)). Für Koßler ist dies der Grund von
Zu den Vertretern einer axiologischen Interpre- einer »empirischen Ethik« zu sprechen und mehr-
tation der Soteriologie könnte man Malter zählen, fach zu betonen, dass Schopenhauer auch »Ethik
demzufolge das Hauptwerk als ein vom Autor be- nicht praeskriptiv, sondern ›deskriptiv‹ versteht«
schriebener Prozess der Befreiung zu verstehen ist: (1999, 434). Nicoletta De Cian und Marco Segala
»Die formelhafte Nennung des einen Gedankens in- behaupten, dass besonders die englischsprachige
diziert einen Prozeß: den Prozeß, in welchem die Schopenhauer-Forschung eine simplifizierte und ver-
2.2 Konzeptionelle Probleme und Interpretationsansätze der Welt als Wille und Vorstellung 41

zerrte Interpretation und Rezeptionsgeschichte be- lich terminologisch verfahren werden soll – so ist
schworen hat, während Schopenhauers hauptsäch- beispielsweise von Widersprüchen, Aporien, Anti-
liches Ziel lautet: »discovery of what the world is, dis- nomien und Zirkeln die Rede. Zudem lassen sich
closure of the world’s essence« (De Cian/Segala 2002, verschiedene Einschätzungen und Bewertungen der
31). Jens Lemanski versucht in diesem Zusammen- Problematik finden, die sich grob in vier Gruppen
hang zu zeigen, dass die normative Interpretation, die einteilen lassen (zu einer Zusammenstellung von
die WWV auch im deutschen Sprachraum als nega- Autoren, die sich zu dem Thema geäußert haben vgl.
tives, pessimistisches und lebensverneinendes Werk Malter 1991, 48 Anm. 25; zur folgenden Systemati-
deutet, selbst durch Schopenhauers Spätschriften sierung vgl. auch Booms 2003, 23 f.): Während ei-
und Überarbeitungen begünstigt wurde und sich nige Interpreten die ›Widersprüche‹ bei Schopen-
aufgrund der Fehlinterpretationen Mainländers, hauer als Missverständnisse der Ankläger zu entlar-
Hartmanns und besonders Nietzsches in der Philo- ven versuchen beziehungsweise diese wohlwollend
sophiegeschichte etablieren konnte. Deutlich wird hinter den Leistungen Schopenhauers zurücktreten
dies Lemanski zufolge an der sogenannten »Weigelt- sehen (z. B. Hübscher 1988, 254–265), lesen andere
Becker-Kontroverse«, in der Schopenhauer und seine Interpreten die ›Widersprüche‹ als Ausdruck einer
engsten Schüler in den 1850er Jahren sich selbst ge- misslungenen Theorie (z. B. Booms 2003; Hösle
gen die linear-normative Lesart wehren und zur 2002, 78). Während diese beiden Gruppen trotz ih-
Deutlichkeit der Erstauflage der WWV zurückfin- rer Divergenzen die ›Widersprüche‹ einheitlich als
den, in der die Abspiegelung der Welt stärker heraus- negativ oder problematisch erachten, lässt sich eine
sticht als im Spätwerk (vgl. Lemanski 2013, 153–161). dritte Gruppe identifizieren, die diese als konstituti-
Einen weiteren Gegenpart findet die linear-sote- ven, positiven Bestandteil des Denkens Schopen-
riologische Interpretation in einer morphologischen hauers versteht (vgl. z. B. Spierling 1998, 223–240;
Lesart (vgl. Schubbe 2010 und 2012). Nach dieser Schubbe 2010). Eine vierte Gruppe bilden diejeni-
sind die in den vier Büchern der WWV explizierten gen, die die begrifflichen Widersprüche in der
Erkenntnisformen und Mensch-Welt-Beziehungen WWV als Abbild einer realen Widersprüchlichkeit
erkenntnistheoretisch und ontologisch als gleich- in der Welt auffassen (vgl. Haucke 2007; Lemanski
rangig zu betrachten (»Vier-Aspekte-Lehre« gegen- 2013, 170 ff.).
über einer »Zwei-Aspekte-Lehre« oder »Zwei-Wel- Die jüngere Forschung ist wesentlich durch den
ten-Lehre«, vgl. Schubbe 2010, 123, 195 Anm. 554). Zugang zu diesem Problem geprägt, den Volker
Allerdings könnte es sein, dass die Rede von einer Spierling 1977 mit seiner Dissertation Schopenhau-
reinen Deskriptivität der WWV noch von einer an- ers transzendentalidealistisches Selbstmißverständnis
deren Seite als der einer normativen oder axiologi- in die Diskussion eingebracht und nachfolgend wie-
schen Lesart eingeschränkt werden muss: Da Scho- derholt aufgegriffen und präzisiert hat. Im Kern die-
penhauer in Bezug auf seine Metaphysik nicht nur ses Ansatzes, der zugleich einen Blick auf die Ge-
von einer Beschreibung der Welt spricht, sondern samtkonzeption der WWV eröffnet, macht Spierling
auch von ihrer Auslegung (s. Kap. IV.B.4), knüpft sich auf sich wiederholende Stellen im Gesamtwerk
hier die schließlich auch im Kontext der Phänome- Schopenhauers aufmerksam, an denen dieser davon
nologie und Hermeneutik viel diskutierte Frage an, spricht, dass jeder Gedanke in der Philosophie
inwiefern ›Beschreibung‹ und ›Auslegung‹ sich ge- gleichsam durch einen Perspektivenwechsel in sei-
genseitig ausschließen oder aufeinander verweisen. ner Einseitigkeit kompensiert werden müsse (vgl.
z. B. P II, 39 (Lü)). Mit diesem Hinweis versucht
Spierling zu zeigen, dass das Werk Schopenhauers
Widersprüche und Aporien in der WWV an drei entscheidenden Stellen eben jene Form der
Kompensation – die von Spierling sogenannten
Sehr früh – so bereits 1819 von einem anonymen »Kopernikanischen Drehwenden« – aufweist, und
Rezensenten – wurde in der Schopenhauer-Rezep- die ›Widersprüche‹ vielmehr methodologisch als
tion auf Aporien oder Widersprüche in der WWV »Standpunktwechsel« im Sinne einer »vergessenen
aufmerksam gemacht. Diese Diskussion durchzieht Dialektik« (so ein Teil des Untertitels von Spierling
die Schopenhauer-Forschung bis in die Gegenwart, 1977) zu verstehen sind. Die Wechsel zwischen Ma-
wobei auffällt, dass weder Einigkeit darüber terialismus und Idealismus, zwischen metaphysi-
herrscht, welche Sachverhalte denn als ›Widersprü- scher und hermeneutischer Betrachtung des Dinges
che‹ anerkannt werden sollen, noch wie diesbezüg- an sich und des Lebens als zu bejahend und vernei-
42 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

nend – so die drei »Drehwenden« nach Spierling – diese auch erreichen zu können. Gerade aber weil
lassen sich damit als konzeptionelle Figuren des diese Kombination faktisch nicht gelingen kann,
Aufbaus der WWV verstehen. Der konstitutiv-posi- komme es bei Schopenhauer zu einem Umschlag
tive Sinn der Drehwenden besteht für Spierling von Allmacht in Ohnmacht, aus dem sich die einzel-
darin, dass diese einer Ambivalenz Rechnung tra- nen Aporien ergeben. Ihren Sinn erhalten die Apo-
gen, die es vermeiden hilft, einen absoluten Stand- rien in der »Wunschlogik« (Haucke 2007, 109) des
punkt zu postulieren. Vielmehr sei Schopenhauer Pessimismus.
ein Philosoph, »der besonnen reflektiert, der der Wie bereits erwähnt, versucht Schubbe im An-
Differenz von Begriff und Sache methodisch einge- schluss an Spierling den Aporien einen systemati-
denk bleibt, der dem apriorisch-idealistischen Iden- schen Status zu verleihen (vgl. Schubbe 2010). Im
titätsdenken Einhalt gebietet« (Spierling 1998, 240). Zentrum seiner Auslegung steht der Versuch, Scho-
Im Anschluss an die Rede von der »vergessenen penhauers Philosophie nicht von den in den einzel-
Dialektik« hat Matthias Koßler den Versuch unter- nen Büchern explizierten Polen (Subjekt, Objekt;
nommen, anhand eines Vergleichs mit Hegels Phä- Selbstbewusstsein/Leib, Ding an sich; reines Subjekt
nomenologie des Geistes eine implizite, durch die Wi- des Erkennens, Idee; Mitleidender, Leidender) her
dersprüche hindurchgehende spekulativ-dialekti- zu lesen, sondern von den Beziehungen zwischen
sche Entwicklung in der WWV nachzuweisen, die in diesen Polen: Korrelation, Analogie, Kontemplation
der »Erfahrung des Charakters« kulminiert (vgl. und Mitleid. Im Mittelpunkt steht somit ein »Zwi-
Koßler 1990 und 2002). schen«, aus dem die einzelnen Pole erwachsen. Die
In neuerer Zeit ist das Problem der Aporien insbe- Aporien zeigen sich schließlich als Figuren, die die-
sondere von Booms, Kai Haucke und Schubbe aufge- ses Zwischen deutlich werden lassen sollen. Indem
griffen worden (zu den folgenden Ausführungen vgl. die Aporien Grenzen der jeweiligen Position aufzei-
Bernardy/Schubbe 2011, 250 ff.). Martin Booms (vgl. gen, weisen sie über diese hinaus in einen Bereich,
Booms 2003) radikalisiert die transzendentalistische der sich sprachlich-begrifflich oder propositional
Lesart Rudolf Malters, indem er die verschiedenen nicht oder nur eingeschränkt verdeutlichen lässt.
transzendentalen Ebenen, die Malter bei Schopen- Wie bei Spierling werden die Aporien so zu einem
hauer ausgemacht hat, zu einem Transzendenta- Bestandteil der Explikationsform des Werks.
lismus verbindet. Allerdings handelt es sich nach
Booms – darin wird seine pejorative Bewertung der Literatur
Aporetik sichtbar – um einen fehlerhaften Transzen- Atwell, John: Schopenhauer on the Character of the World:
dentalismus, der sich aus einem Missverständnis der The Metaphysics of Will. Berkeley 1995.
Philosophie Kants seitens Schopenhauers ergibt. Aus Becker, Johann Karl: Briefwechsel zwischen Arthur Schopen-
einer falschen Konzeption des Transzendentalismus hauer und Johann August Becker. Leipzig 1883.
Berg, Robert Jan: Objektiver Idealismus und Voluntarismus
im ersten Buch ergibt sich eine Aporetik zwischen
in der Metaphysik Schellings und Schopenhauers. Würz-
subjektivistischen und materialistischen Aspekten. burg 2003.
Die drei folgenden Bücher des Hauptwerks versu- Bernardy, Jörg/Schubbe, Daniel: Aktuelle Ansätze und
chen nach Booms nichts anderes als den jeweiligen Themen der Schopenhauer-Forschung. In: Allgemeine
Bruch im nächsten Buch wieder aufzuheben. Da der Zeitschrift für Philosophie 36/2 (2011), 238–256.
Fehler sich aber auf jeder Ebene wiederhole, erzeuge Bloch, Ernst: Leipziger Vorlesungen zur Geschichte der Phi-
losophie (1950–1956). Bd. 4. Frankfurt a. M. 1985.
jedes Buch einen neuen Versuch, bis das Werk – der- Blumenberg, Hans: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt a. M.
art in sich selbst verwickelt – schließlich im Nichts 1986.
endend sich selbst erlöse (vgl. Booms 2003, 153). Booms, Martin: Aporie und Subjekt. Die erkenntnistheore-
Der zweite hier vorzustellende Versuch, sich der tische Entfaltungslogik der Philosophie Schopenhauers.
Aporetik in Schopenhauers Hauptwerk im Sinne ei- Würzburg 2003.
De Cian, Nicoletta/Segala, Marco: What is Will? In: Scho-
ner Gesamtinterpretation des Werks zu nähern, ist penhauer-Jahrbuch 83 (2002), 3–43.
der von Kai Haucke (vgl. Haucke 2007). Wie Haucke Deussen, Paul: Allgemeine Geschichte der Philosophie mit
zu zeigen versucht, ist die grundlegende Aporie bei besonderer Berücksichtigung der Religionen. Bd. II/3.
Schopenhauer in seinem Pessimismus zu suchen. Leipzig 1917.
Dieser ist nur zu verstehen, wenn man seine beiden Hartmann, Eduard von: Phänomenologie des sittlichen Be-
wusstseins. Eine Entwickelung seiner mannigfaltigen Ge-
Bestandteile – nämlich einen Maximalismus und ei- stalten in ihrem inneren Zusammenhange. Berlin 31924.
nen Aktivismus – berücksichtige: Überzogene Er- Haucke, Kai: Leben und Leiden. Zur Aktualität und Einheit
wartungshaltung kombiniert mit dem Anspruch, der schopenhauerschen Philosophie. Berlin 2007.
2.2 Konzeptionelle Probleme und Interpretationsansätze der Welt als Wille und Vorstellung 43

Hennigfeld, Jochem: Metaphysik und Anthropologie des Schubbe, Daniel: Philosophie des Zwischen. Hermeneutik
Willens. Methodische Anmerkungen zur Freiheits- und Aporetik bei Schopenhauer. Würzburg 2010.
schrift und zur Welt als Wille und Vorstellung. In: Lore –: Formen der (Er-)Kenntnis. Ein morphologischer Blick
Hühn (Hg.): Die Ethik Arthur Schopenhauers im Aus- auf Schopenhauer. In: Günter Gödde/Michael B. Buch-
gang vom Deutschen Idealismus (Fichte/Schelling). Würz- holz (Hg.): Der Besen, mit dem die Hexe fliegt. Wissen-
burg 2006, 459–472. schaft und Therapeutik des Unbewussten. Bd. 1: Psycholo-
Hösle, Vittorio: Zum Verhältnis von Metaphysik des Le- gie als Wissenschaft der Komplementarität. Gießen 2012,
bendigen und allgemeiner Metaphysik. Betrachtungen 359–385.
in kritischem Anschluss an Schopenhauer. In: Ders. Spierling, Volker: Schopenhauers transzendentalidealisti-
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Berlin 2013, 149–187.
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Schmidt, Alfred: Die Wahrheit im Gewande der Lüge. Scho-
penhauers Religionsphilosophie. München 1986.
44 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

2.3 Erkenntnis- und Maßstäben der Erkenntnis wird nicht immer unter-
schieden von der Frage, wie Erkenntnis – in ihren
Wissenschaftstheorie verschiedenen Arten – de facto funktioniert. Und
noch in einem weiteren Punkt, der die Darstellung
Schopenhauers Erkenntnis- und Wissenschaftstheo- seiner Erkenntnistheorie erschwert, laboriert Scho-
rie ist kein einheitlicher und zusammenhängender penhauers Erkenntnistheorie an einer Hypothek sei-
Entwurf. Wie seine Philosophie insgesamt weist sie nes Lehrmeisters Kant, der engen Verzahnung von
Ambivalenzen und Unentschiedenheiten auf, be- Erkenntnistheorie und Metaphysik. Auch bei Scho-
gründet in der Mittlerstellung dieser Philosophie penhauer wird Erkenntnis von vornherein in einen
zwischen der kantischen Transzendentalphilosophie metaphysischen Rahmen gestellt und mit Überle-
und einem neuen Typus von Philosophie, dem einer gungen zum metaphysischen Verhältnis zwischen
auf die Existenzphilosophie vorausweisenden Welt- Ich, Welt und Wesen der Welt verbunden.
Hermeneutik. Auf der einen Seite übernimmt Scho- Im Folgenden seien zunächst die Züge von Scho-
penhauer von Kant den transzendentalphilosophi- penhauers Erkenntniskonzeption genannt, die er
schen Rahmen und stellt die a priori und unabhängig von Kant – zumeist leicht modifiziert – übernimmt.
von der Erfahrung zu erkennenden »Bedingungen Im Anschluss wende ich mich dann den für Scho-
der Möglichkeit« der Erfahrung in den Mittelpunkt. penhauer eigentümlichen Aspekten seiner Erkennt-
Auf der anderen Seite erweitert er diesen Rahmen nistheorie sowie seiner Wissenschaftstheorie zu. Ge-
um weitere Erkenntnisarten intuitiver Art, auf die er rade mit der letzteren macht Schopenhauer einen
zur Begründung der Willensmetaphysik nicht ver- großen Schritt über Kant hinaus und kommt zu Ein-
zichten kann: die Selbsterkenntnis des Subjekts als sichten, die gemeinhin erst späteren Denkern zuge-
Wille, die Erkenntnis der Welt als Ausprägung (»Ob- schrieben werden.
jektivierung«) des »Willens«, nicht zuletzt diejenigen
Formen der Erkenntnis, von denen er die Erlösung
aus der Tretmühle des Willens erhofft. Das Erbe Kants
Die Vielfalt der »Erkenntnisformen« in Schopen-
hauers Philosophie (vgl. Schubbe 2012, 364 ff.) be- Für Schopenhauer wie für Hume und Kant unter-
dingt eine entsprechende Vielgestaltigkeit seiner scheiden sich die Kriterien, aber auch die Quellen
Theorie der Erkenntnis. Zwar zielt Erkenntnis stets und Verfahrensweisen der einzelnen Erkenntnisar-
auf Wahrheit; Erkenntnistheorie darauf, die Krite- ten, und zwar nach ihren Gegenständen und den
rien zu bestimmen, nach denen Erkenntnisansprü- Arten von Wahrheit und Wissen, auf die sie jeweils
che auf ihren Wahrheitsgehalt zu beurteilen sind. zielen. Das heißt nicht, dass es nicht auch einige all-
Aber diese Wahrheit wird bei Schopenhauer in ver- gemeine Merkmale der Erkenntnis gibt. Diese Ge-
schiedenen Zusammenhängen unterschiedlich ver- meinsamkeiten sind allerdings mehr oder weniger
standen, einmal als die Wahrheit von Aussagen über formal. So geht Schopenhauer wie Kant davon aus,
die Welt (in heutiger Terminologie: propositionale dass Erkenntnis eine Bewusstseinsleistung ist und
Wahrheit), andererseits, in einem quasi religiösen dass das Subjekt der Erkenntnis (die Person, das Ich)
Sinn, als Wahrheit der Erlösung und des richtigen notwendig bewusst ist. Eine unbewusste Erkenntnis
Lebens. In Zusammenhängen, in denen es um pro- lässt auch Schopenhauer, der Philosoph des Unbe-
positionale Wahrheit geht, bedient sich Schopen- wussten, nicht zu. Außerdem teilt Schopenhauer die
hauer – wie die moderne Erkenntnistheorie – vor- Annahme seiner Vorgänger, dass Erkenntnis jedes
wiegend einer normativen Sprache. Die Frage lautet Mal eine Relation zwischen einem Erkenntnissub-
hier: An welchen Maßstäben müssen sich Erkennt- jekt und einem Erkenntnisobjekt ist, wobei sich die-
nisansprüche messen lassen? Sobald es um Erkennt- ses Verhältnis allerdings verschieden darstellt, je
nis als Erlösung geht, bedient sich Schopenhauer ei- nachdem, ob es sich bei den Objekten um analyti-
ner vorwiegend psychologischen Sprache: Wie stel- sche Sachverhalte handelt (wie in der Logik), um
len sich die zu erreichenden Erkenntniszustände dar transzendentale (wie in der nach den Bedingungen
und wie kommen sie zustande? Wie Kant und die der Erfahrung überhaupt fragenden Transzenden-
Philosophie seiner Zeit generell trennt Schopen- talphilosophie) oder um empirische (wie in den
hauer dabei nicht ganz konsequent zwischen den Wissenschaften).
normativen und den psychologischen Aufgabenstel- Die auffälligsten Übereinstimmungen mit Kant
lungen der Erkenntnistheorie. Die Frage nach den zeigen sich bei Schopenhauer in drei Punkten: in
2.3 Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie 45

dem, was er über die für die Logik und für die Tran- höher bewertet als Wissenschaften wie die Ge-
szendentalphilosophie zuständigen Erkenntnisarten schichtswissenschaft, die überwiegend Einzeltatsa-
zu sagen hat sowie in seiner konstruktivistischen chen und ihre Hintergründe erforschen und inso-
Theorie der Wahrnehmung empirischer Sachver- fern hinter dem Ideal des durchstrukturierten Sys-
halte. tems zurückbleiben. Zwar betont Schopenhauer
Die Logik hat es für Schopenhauer mit analyti- immer wieder den unersetzlichen Wert der An-
schen Relationen zwischen Aussagen zu tun, und schauung, sowohl bei den a priori erkennbaren
zwar mithilfe deduktiver Ableitungs- und Schlussre- Wahrheiten der Mathematik als auch bei den empi-
geln. Insofern sei die Logik nicht nur gänzlich a pri- rischen Wahrheiten der Naturwissenschaften (»Die
ori, sondern sogar »abgeschlossen«, »in sich vollen- ganze Welt der Reflexion ruht auf der anschaulichen
det« und »vollkommen sicher« (W I, 55). Allerdings als ihrem Grunde des Erkennens«, W I, 48 f.). Aber
führe eine Ableitung, auch wenn sie gültig ist, nur seine Forderung, mathematische Begründungen so
dann zu wahren Aussagen, wenn auch die Voraus- weit wie möglich durch anschauliche Begründungen
setzungen, mit denen sie operiert, wahr sind. Eine zu ersetzen, bezieht sich, sieht man genauer hin,
logisch gültige Schlussfolgerung ist insofern nur durchweg auf den Aspekt der Vermittlung und nicht
dann ein Beweis, wenn unabhängig die Wahrheit der auf die systematische Begründung. So sollen etwa
Prämissen gesichert ist. Dass die Logik »vollkom- die Wahrheiten der Geometrie im Unterricht vor-
men sicher« ist, heißt allerdings auch, dass sie kei- zugsweise nicht mithilfe ihrer Ableitung aus der eu-
nerlei neuen Gehalte hervorbringt. Sie arbeitet stets klidischen Axiomatik, sondern aus der unmittelbaren
nur das heraus, was an Gehalten in den Prämissen – Anschauung erklärt werden, oder die Fallgesetze aus
möglicherweise verborgen – enthalten ist. Sie erwei- der anschaulichen Demonstration ihrer konkreten
tert die Erkenntnis über die Erkenntnis der Prämis- Erscheinungsformen statt durch ihre Ableitung aus
sen hinaus nur in dem Sinne, dass sie explizit macht, den Newtonschen Axiomen. Zu einem wirklichen
was vorher implizit war. Verständnis eines Lehrsatzes bedürfen wir in der Re-
Daraus ergeben sich zwei wichtige und von Scho- gel einer anschaulicheren Erklärung, als sie eine lo-
penhauer immer wieder betonte Folgerungen: Ers- gische Ableitung aus den Axiomen bieten kann.
tens kann die Logik, da ihre Erkenntnis stets nur Re- Diese bleibt eine »Krücke für gesunde Beine« (W I,
lationen betrifft, nicht selbst die Voraussetzungen 86). Das durch wie immer überzeugende Einzelbe-
begründen, von denen sie ausgehen muss. Diese funde erreichte Wissen ist jedoch noch kein eigentli-
müssen anderweitig begründet sein, etwa, wie in der ches wissenschaftliches Wissen. Dieses erfordert für
Logik selbst, in unmittelbar evidenten Sätzen wie Schopenhauer zwingend die logische Zurückfüh-
dem Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch. Zwei- rung des Einzelnen auf die obersten Grundsätze.
tens ist die Logik auf Aussagen beliebiger Art an- Kant ist Schopenhauer auch in seiner Darstellung
wendbar, vor allem auch auf aus der Anschauung des transzendentalen Wissens verpflichtet. Transzen-
gewonnene empirische Aussagen. Die Axiome, von dentales Wissen bezieht sich auf a priori erkennbare
denen sie ausgeht, sind nicht notwendig ihrerseits Wahrheiten, die gleichzeitig synthetisch sind, inso-
apriorischer Art. Schopenhauer geht sogar so weit, fern sich bei ihnen die Folgerungen nicht aus den im-
das axiomatische System, bei dem eine Vielzahl von pliziten Gehalten ihrer Voraussetzungen ergeben,
Aussagen aus einer begrenzten Zahl von Prämissen sondern diesen Gehalt erweitern und etwas über die
abgeleitet wird, zum schlechthinnigen Modell und Erfahrungswelt aussagen. Als Aussagen über die
Ideal der empirischen Wissenschaft zu erklären. Erst grundlegenden Strukturen der Erfahrungswelt sind
in ihrer abstrakten Gestalt, als System, in dem das sie zugleich für jede Art von empirischem Wissen
Einzelne und Konkrete aus »obersten Sätzen« (W I, verbindlich. Dazu gehören für Schopenhauer sowohl
75) abgeleitet werden kann, erreichen wissenschaft- die raumzeitliche Struktur der Erfahrungswelt (das
liche Theorien die Vollständigkeit, die sie über das »principium individuationis«) als auch das Kausal-
stets bruchstückhafte Alltagswissen erhebt: »Die prinzip, verstanden als das Prinzip, dass jede Verän-
Vollkommenheit einer Wissenschaft als solcher, d. h. derung eine Ursache hat, aus der sie mit Notwendig-
der Form nach, besteht darin, dass so viel wie mög- keit folgt (wobei »Veränderung« bei Schopenhauer so
lich Subordination und wenig Koordination der zu verstehen ist, dass ausnahmsweise die gleichför-
Sätze sei« (W I, 75 f.). Die Folge davon ist, dass Scho- mige Bewegung eines Körpers im Raum keine Verän-
penhauer Wissenschaften wie die Physik, die eine derung, sondern lediglich die Änderung seiner Bewe-
solche axiomatische Behandlung zulassen, deutlich gungsart oder -richtung eine Veränderung bedeutet).
46 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

Erkannt werden diese Prinzipien nach Schopenhauer An Kants theoretische Philosophie knüpft auch
aufgrund ihrer Evidenz: »Die Apriorität eines Theils Schopenhauers kausale Theorie der Wahrnehmung
der menschlichen Erkenntniß wird von ihr [der Me- an, nach der das von uns scheinbar unmittelbar
taphysik] als eine gegebene Thatsache aufgefasst« Wahrgenommene auf unbewusst vollzogene Kausal-
(W II, 201). Ebenso wenig, wie wir eine unräumliche schlüsse zurückgeht. Wie für Kant ist das, was sich in
und unzeitliche Erfahrungswelt denken können, sol- der Anschauung darbietet, das Ergebnis von kom-
len wir uns auch eine Welt ohne die universale Gel- plexen Konstruktionsleistungen (»Synthesis«), mit
tung des Kausalprinzips denken können. Zur Erklä- denen der Verstand (für Schopenhauer weniger das
rung greift Schopenhauer auf den kantischen tran- Vermögen des Urteilens als des Wahrnehmens) das
szendentalen Idealismus zurück: Die Sicherheit Material der unmittelbar gegebenen Empfindungen
darüber, dass die Grundstruktur der Erfahrungswelt zu einer geordneten und verständlichen Welt formt.
nicht anders sein kann, als wir sie vorfinden, liege in Insofern spricht Schopenhauer von der »Intellektua-
ihrem »subjektiven Ursprung« (ebd.), darin, dass die lität der empirischen Anschauung«. Anders als Kant
Formen der Welt in uns selbst, in unserem Erkennt- deutet Schopenhauer diesen Prozess jedoch als dem
nisapparat angelegt sind und wir diese in den Struk- wissenschaftlichen Verfahren analog, mit dem von
turen der Welt lediglich widergespiegelt finden. den Wirkungen (den Symptomen, den Phänome-
Die Reichweite der transzendentalen Erkenntnis nen, den Indizien) auf die zugrundeliegende Ursa-
ist bei Schopenhauer wie bei Kant auf die formalen che geschlossen wird. So »schließt« der Verstand aus
Aspekte der Erfahrungswelt beschränkt. Aus den dem auf der Retina umgekehrten Bild der Gegen-
transzendentalen Wahrheiten lassen sich weder em- stände auf ihre tatsächliche Lage, von dem zweidi-
pirische Erkenntnisse im Einzelnen noch Folgerun- mensionalen Abbild der Gegenstände im Auge auf
gen für den Bereich der Transzendenz ziehen. Den- ihre dreidimensionale Gestalt, von den sich aus ver-
noch wirkt sich die transzendentale Geltung des schiedenen Perspektiven bietenden Ansichten eines
Kausalprinzips gravierend sowohl auf das empiri- Gegenstands auf dessen Einheit und von seiner
sche Wissen wie auf etwaige metaphysische Überle- scheinbaren Größe auf seine wirkliche Größe bzw.
gungen aus. So herrscht für Schopenhauer in der ge- seine Entfernung vom Wahrnehmenden (vgl. G,
samten Erfahrungswelt ein strenger Determinismus. 58 ff.). Daraus, dass sich der Verstand bei der Konsti-
Jedes Ereignis der Erfahrungswelt einschließlich der tution der Anschauung – obgleich unbewusst – kau-
Welt der psychischen Phänomene lässt sich im Prin- saler Schlüsse bedient, glaubt Schopenhauer im Üb-
zip auf eine vorangehende Ursache zurückführen, rigen – fälschlicherweise – eine zusätzliche Begrün-
aus der sie nach Naturgesetzen folgt. Für die Meta- dung für die Apriorität des Kausalprinzips ableiten
physik andererseits folgt, dass, soweit das Kausal- zu können: Da wir die Gegenstände bereits mithilfe
prinzip auf die Welt der Erfahrung begrenzt ist, eine von Kausalschlüssen wahrnehmen, könne diese gar
Metaphysik, die die Erfahrungswelt übersteigen will, nicht anders als durchgängig kausal geordnet sein
auf kausale Erklärungen verzichten muss. Soweit sie (vgl. G, 52).
darauf zielt, die Existenz und Beschaffenheit der Er-
fahrungswelt als Ganzer zu erklären, muss sie sich
anderer, nicht-kausaler Formen der Erklärung be- Über den Transzendentalismus hinaus
dienen. Auch die Beziehung zwischen dem erken-
nenden Subjekt und seinen Gegenständen kann Kant hatte den Verstand als das Vermögen definiert,
nicht als ein Kausalverhältnis gedacht werden, schon auf das in der Anschauung Gegebene Begriffe anzu-
deshalb, weil das Subjekt der Erkenntnis notwendig wenden und diese zu Urteilen zu verbinden. Scho-
außerhalb der Welt der »Vorstellungen« und damit penhauer definiert den Begriff des Verstands radikal
außerhalb des Anwendungsbereichs der Kausalität um, nicht nur dadurch, dass er ihn als die Fähigkeit
liegt: »Das erkennende und bewußte Ich […] hat […] erklärt, Gegenstände in der Welt wahrzunehmen,
nur eine bedingte, ja eigentlich bloß scheinbare Rea- sondern auch durch eine im Rahmen von Kants
lität« (W II, 314 f.). Wir müssen es aus logischen Transzendentalphilosophie undenkbare Naturalisie-
Gründen annehmen, da es eine formale Vorausset- rung. Indem Schopenhauer den kantischen Begriff
zung jeder Erkenntnis ist. Aber seinem Wesen nach des Verstands naturalisiert, überführt er die Tran-
ist es unerkennbar. Ebenso wenig lässt es eine Er- szendentalphilosophie in etwas mit ihr radikal Un-
kenntnis darüber zu, in welcher Weise es am Prozess vereinbares, eine durch und durch naturalistische
der Erkenntnis beteiligt ist. Erkenntnistheorie. Zwar behält Schopenhauer die
2.3 Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie 47

grundlegende Intuition Kants bei, dass die raumzeit- sich auf unsere inneren Erlebnisse richten (vgl. W I,
lich und kausal geordnete Erscheinungswelt erst 121) – die damit einhergehenden leiblichen Voll-
durch eine Reihe von »synthetischen« Leistungen züge als Hintergrundphänomene mitempfinden. Auf
des Subjekts zustande kommt. Aber während Kant diese Weise übernimmt der Leib nicht nur in Scho-
diese Leistungen einem mysteriösen »transzenden- penhauers Anthropologie, sondern auch in seiner
talen Subjekt« zuschreibt, das, da es allererst Raum Wahrnehmungs- und Erkenntnistheorie eine Schlüs-
und Zeit konstituiert, außerhalb von Raum und Zeit selrolle (vgl. Dörpinghaus 2000).
gedacht werden muss, schreibt Schopenhauer die für Schopenhauers Erkenntnistheorie vollzieht mit
die Wahrnehmung erforderlichen synthetischen der Naturalisierung der kantischen Synthesis einen
Leistungen dem empirischen Gehirn als natural- entschiedenen, wenn auch von ihm niemals vollstän-
physiologische Vorgänge zu (s. Kap. IV.B.6). Das dig reflektierten Schritt vom Idealismus zum Rea-
»Subjekt« der transzendentalen Leistungen ist für lismus. Innerhalb einer idealistischen Metaphysik
Schopenhauer nichts anderes als das Gehirn, d. h. und Erkenntnistheorie führt die Idee, die Konstitu-
ein Teil des leibhaftigen Menschen. In diesem Sinn tion der Wahrnehmungswelt dem Gehirn zuzuwei-
kommt »Verstand«, da er nicht mehr an die Fähig- sen, zwangsläufig zum »Gehirnparadox« – dem Para-
keit zu begrifflichem Denken gebunden ist, auch dox, dass ein Teil der Erfahrungswelt, das Gehirn, zu-
Tieren zu, die zwar über Wahrnehmungen, aber gleich als Bedingung der Möglichkeit der gesamten
nicht über Begriffe verfügen (vgl. W I, 24 ff.). Nicht Erfahrungswelt fungieren soll. Die Naturalisierung
das Bewusstsein oder ein wie immer geartetes hinter des Verstands geht bei Schopenhauer dabei Hand in
dem Bewusstsein stehendes transzendentales Sub- Hand mit einer funktional-biologischen Erklärung
jekt verarbeitet die gegebenen Daten zu artikulierter seiner Entstehung: Der Verstand (»Intellekt«) sei eine
Anschauung, sondern das Gehirn: »Frucht, ein Produkt, ja, insofern ein Parasit des übri-
»Alles Objektive, Ausgedehnte, Wirkende, also alles gen Organismus«, der »dem Zweck der Selbsterhal-
Materielle […] ist ein nur höchst mittelbar und beding- tung bloß dadurch dient, dass es die Verhältnisse des-
terweise Gegebenes, demnach nur relativ Vorhandenes: selben zur Außenwelt regulirt« (W II, 224).
denn es ist durchgegangen durch die Maschinerie und Eine ähnlich naturalistisch-funktionalistische Um-
Fabrikation des Gehirns und also eingegangen in deren deutung wie das Vermögen des Verstands erfährt bei
Formen, Zeit, Raum und Kausalität, vermöge welcher
allererst es sich darstellt als ausgedehnt im Raum und Schopenhauer das Vermögen der Vernunft, ein Ver-
wirkend in der Zeit« (W I, 33). mögen, das Schopenhauer – wie zuvor Hume – zur
Gänze auf die analytische Erkenntnis beschränkt.
Die Leistungen des Verstands in diesem Sinn erfol- Abweichend von der gesamten rationalistischen wie
gen weitgehend unbewusst. In unserem Bewusstsein auch von der kantischen Philosophie ordnet Scho-
finden wir von Anfang an das vom Gehirn zugerich- penhauer der Vernunft nicht nur eine sehr begrenzte
tete Produkt vor. Entsprechend besteht das Aus- Reichweite, sondern auch einen zutiefst unselbstän-
gangsmaterial der Synthesis nicht mehr – wie bei digen und lediglich abgeleiteten Status zu. Schopen-
Kant – aus ungeordneten »Empfindungen«, sondern hauers naturalistische Sicht der Vernunft erinnert
aus den physischen Reizungen der Sinnesorgane. nicht von ungefähr an die Ansätze der modernen
Der Verstand »erschafft« die Welt der materiellen evolutionären Erkenntnistheorie. Unter dem Ein-
Gegenstände, indem er die empfangenen Sinnesrei- fluss der französischen Materialisten nähert sich
zungen kausal interpretiert und die verursachenden Schopenhauer der darwinistischen Sichtweise von
Gegenstände aus ihren Wirkungen erschließt. Die der Emergenz der Vernunft als Ergebnis der Rivalität
Beteiligung leiblicher Faktoren geht bei Schopen- um knappe Überlebensressourcen und Fortpflan-
hauer aber noch einen Schritt weiter. Der jeweils ei- zungschancen. Nicht anders als die physischen Fä-
gene Körper ist an jeder Sinneswahrnehmung nicht higkeiten sei die Vernunft ein Mittel der blinden
nur als »Schaltstelle« zwischen Sinnesreizung und Natur zur Gewährleistung der Erhaltung und Fort-
Gegenstandswahrnehmung beteiligt, sondern auch pflanzung ihrer Wesen. Unter ähnlich funktionalen
als »unmittelbares Objekt« (W I, 13). Zumindest Aspekten sieht Schopenhauer die Emergenz des Be-
teilweise sollen die mit der Wahrnehmung erfolgen- wusstseins. Auch das Bewusstsein und die gesamte
den Veränderungen des Leibes auch zum Gegen- Vorstellungswelt sei nur deshalb entstanden, weil sie
stand eines »unmittelbaren Bewußtseyns« (W I, 23) auf einer bestimmten Entwicklungsstufe der Natur
werden können, so dass wir bei allen oder zumindest zur Erhaltung des Individuums und der Gattung un-
einigen Wahrnehmungsakten – auch bei denen, die erlässlich waren (vgl. W I, 179).
48 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

Einen bloß sekundären Status verleiht Schopen- 247). In diesem Zitat deutet sich bereits etwas für
hauer der Vernunft aber auch hinsichtlich ihrer Leis- Schopenhauers Philosophie hochgradig Bezeich-
tungsfähigkeit als Erkenntnisorgan. Als Vermögen nendes an: Für ihn fällt die Ehre der Objektivität am
der Erfassung der logischen Beziehungen zwischen ehesten der ästhetischen und philosophischen Kon-
Begriffen und Urteilen ist sie zur Gewinnung ihres templation zu – nicht, wie für viele Erkenntnistheo-
Materials auf die Anschauung angewiesen. Sie ist retiker nach ihm, der Wissenschaft.
»weiblicher Natur: Sie kann nur geben, nachdem sie
empfangen hat« (W I, 59). Aussagen über eine mög-
liche Welt jenseits der Erfahrung liegen ebenso jen- Aufgaben und Grenzen der Wissenschaft
seits ihres Horizonts wie die Kenntnis oder Konsti-
tution eines »Sittengesetzes«. Aber auch in ihrem an- Auch wenn Schopenhauer dem Rang nach die Er-
gestammten Bereich vermag sie sich nur in höchst kenntnisleistungen der Wissenschaft denen der Phi-
begrenztem Maße Respekt zu verschaffen. Als evolu- losophie und Kunst nachordnet, wertet er sie doch als
tionäres Produkt des »Willens« ist sie auch dann unerlässliche Vorstufe und Eingangsbedingung zur
noch Werkzeug unbewusster Willensstrebungen, Philosophie: Niemand solle sich an die Metaphysik
wenn sie sich über die Anfechtungen des Bedürfnis- wagen, »ohne zuvor eine, wenn auch nur allgemeine,
ses erhaben dünkt. doch gründliche, klare und zusammenhängende
Nicht die Vernunft steuert unsere Gefühle, son- Kenntniß aller Zweige der Naturwissenschaft sich er-
dern die Gefühle haben die Vernunft im Griff – er- worben zu haben« (W II, 198). Der naturwissen-
kennbar an der Gewalt, die wir uns antun müssen, schaftlich gebildete Schopenhauer schätzt dabei nicht
wenn wir einen Affekt durch Erkenntnis korrigieren nur die Naturwissenschaften insgesamt höher als die
wollen (vgl. W II, 236). Das späteste Produkt der Geisteswissenschaften (und insbesondere die Ge-
Evolution ist auch das schwächste. Affekte und Wille schichtswissenschaft, die »zwar ein Wissen, aber
verhalten sich, so Schopenhauer in einem einprägsa- keine Wissenschaft«, W I, 75, sei). Auch seine Wis-
men Bild, zur Vernunft wie »der starke Blinde, der senschaftstheorie ist eindeutig am Modell der Natur-
den sehenden Gelähmten auf den Schultern trägt« wissenschaften orientiert. Das zeigt sich bereits daran,
(W II, 233). dass er zwar die Aufgabenstellung der Wissenschaft
Diese funktional-anthropologische Sichtweise sowohl in der Beschreibung als auch in der Erklärung
wendet Schopenhauer auch auf die Erkenntnis als der anschaulich gegebenen Phänomene sieht, die we-
Ganze an. Wie die Vernunft ist die Erkenntnis insge- sentlichere Funktion dessen, was er »induktive Me-
samt ein Notbehelf der Evolution, das Überleben ih- thode« nennt, jedoch allein in der Erklärung der Ein-
rer Geschöpfe zu sichern: »Die Erkenntniß über- zelbeobachtungen durch allgemeine Gesetzeshypo-
haupt, vernünftige sowohl als bloß anschauliche, thesen. Wie sich bereits in seiner Bevorzugung der
geht […] ursprünglich aus dem Willen selbst hervor, axiomatischen Methode in den Wissenschaften an-
gehört zum Wesen der höhern Stufen seiner Objek- deutet, ist für ihn das Paradigma der Wissenschaft die
tivation, als eine bloße mechané, ein Mittel zur Er- nomologische Wissenschaft, die Naturgesetze (Scho-
haltung des Individuums und der Art, so gut wie je- penhauer spricht zumeist von »Naturkräften«) ermit-
des Organ des Leibes« (W I, 181). Dieses Mittel telt und diese auf die Erklärung und Prognose von
bleibt unauslöschlich mit den Spuren seiner Entste- konkreten Phänomenen anwendet. Naturerkenntnis
hung behaftet: »Ursprünglich also zum Dienste des ist für Schopenhauer primär Gesetzeserkenntnis und
Willens, zur Vollbringung seiner Zwecke bestimmt, die Zurückführung des Einzelnen aufs Allgemeine,
bleibt sie ihm auch fast durchgängig gänzlich dienst- des Einzelfalls aufs Prinzip und in diesem Sinne der
bar« (ebd.). Noch die scheinbar kältesten und reifs- Folge auf ihren Grund: »Alle empirische Anschauung
ten Erkenntnisprozesse sind imprägniert von – und der größte Theil aller Erfahrung [geht] […] von
zumeist unbewussten – Willensregungen und Ge- der Folge zum Grunde« (W I, 92).
fühlen, etwa als Wunschdenken, Vorurteile und In seiner Theorie der induktiven Methode ver-
Ideologien (vgl. Birnbacher 1996). Objektivität – die wendet Schopenhauer den Ausdruck »Induktion« in
vollständige Befreiung des Kognitiven vom Emotio- zweifacher Weise (vgl. W I, 79; Morgenstern 1985,
nalen – ist eine seltene Ausnahmeerscheinung. Die 160): Induktion besteht zunächst in der Erzeugung
Fähigkeit, den Willen – die Affekte – mithilfe der von Gesetzeshypothesen auf dem Hintergrund der
Vernunft in Schach zu halten ist »die ganz exceptio- Beobachtung von Einzeltatsachen. Dies erfolgt auf
nelle […], die man als Genie bezeichnet« (W II, zweierlei Weise, einerseits durch die Verallgemeine-
2.3 Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie 49

rung der stets begrenzten Zahl von Einzelbeobach- Schopenhauers Wissenschaftstheorie nimmt zahl-
tungen zu einer allgemeinen Gesetzeshypothese (also reiche Elemente der modernen, insbesondere durch
durch einen »Induktionsschluss«, der »Zusammen- den Falsifikationismus Poppers geprägten Wissen-
fassung des in vielen Anschauungen Gegebenen in schaftstheorie vorweg. So sieht Schopenhauer wie
ein richtiges unmittelbar begründetes Urtheil«, W I, Popper den Prozess der Wissenschaft als sukzessive
79), andererseits durch »Versuch und Irrtum«: durch Annäherung an die Wahrheit, paradigmatisch in der
den Versuch, eine Reihe von zunächst unklar zusam- sukzessiven Verbesserung und Vereinheitlichung
menhängenden Einzelbeobachtungen durch eine der Theorien der Planetenbewegung von Koperni-
einheitliche, typischerweise mathematische Kon- kus bis Newton (vgl. W I, 80). Erstaunlicher noch ist
struktion abzubilden, so wie es Kopernikus, Kepler, Schopenhauers Vorwegnahme vieler Details der
Galilei und Newton in Bezug auf die Planetenbewe- modernen Theorie der kausalen Erklärung. Dazu
gungen getan haben (vgl. W I, 80). »Induktion« gehört erstens, dass Schopenhauer ausschließlich
nennt Schopenhauer aber auch den zweiten Schritt: Ereignisse (genauer: Veränderungen) als kausale Re-
die gezielte Überprüfung der aufgestellten Gesetzes- lata gelten lässt, während Kant (ähnlich wie Hume)
hypothesen an weiteren Erfahrungen als denen, die den Kausalitätsbegriff unterschiedslos auf Verände-
zu ihrer Formulierung geführt haben, wobei Scho- rungen, Dinge, Handlungen und Zustände ange-
penhauer wie die moderne Wissenschaftstheorie von wendet hatte (vgl. Brunner 2008, 47). Kausalgesetze
»Bestätigung« (W I, 79) spricht. Es reicht nicht, Ge- (»Naturkräfte«) sind zwar für kausale Erklärungen
setzeshypothesen aufzustellen, die die verfügbaren unabdingbar, übernehmen selbst aber keine kausale
Beobachtungen zutreffend beschreiben. Wenn Ge- Funktion. Ursächlich für ein Wirkungsereignis sind
setzeshypothesen ihrer Aufgabe genügen sollen, über stets nur die vorangehenden Veränderungen, nicht
die Beschreibung hinaus Erklärungen für die beob- die Gesetze, nach denen sie wirken. Zweitens ist
achteten Phänomene zu liefern sowie verlässliche Kausalität für Schopenhauer an  Gesetzlichkeit ge-
Prognosen über erst in der Zukunft liegende Ereig- bunden. Sobald zwei Einzelereignisse kausal aufein-
nisse und Beobachtungen, bedürfen sie weiterer ander bezogen werden, wird implizit das Bestehen
Überprüfung. Dabei verlieren gut bestätigte Geset- eines naturgesetzlichen Zusammenhangs behauptet
zesaussagen, auch dann, wenn sie »in der Praxis die (vgl. ebd., 46). Drittens konzipiert Schopenhauer die
Stelle der Gewißheit einnehmen« (W I, 92) nicht ih- kausale Erklärung unverkennbar im Sinne des später
ren grundsätzlich hypothetischen Charakter. Schon so genannten Hempel-Oppenheim-Modells: Jede
deshalb, weil sie so allgemein formuliert sind, dass sie kausale Erklärung bedarf zweier Elemente, einer
auch für zukünftige Fälle Geltung beanspruchen, las- Aussage über ein ursächliches Ereignis und eines
sen sie sich niemals vollständig verifizieren: »Da die Kausalgesetzes, das die Beziehung zwischen Ursache
Fälle […] nie vollständig beisammen seyn können, so und Wirkung formuliert. Erst aus beiden Elementen
ist die Wahrheit hier auch nie unbedingt gewiß« zusammen folgt eine entsprechende Aussage über
(W I, 92). Andererseits können sie durch einen einzi- das zu erklärende oder zu prognostizierende Folge-
gen Fall, der ihnen nicht entspricht, widerlegt wer- ereignis. Entsprechend versteht Schopenhauer – al-
den: »So sehr viel leichter ist widerlegen, als bewei- lerdings nicht immer ganz konsequent – »Ursache«
sen, umwerfen, als aufstellen« (W II, 117; vgl. Mor- als das, was John Stuart Mill später »complete cause«
genstern 1985, 159). Schopenhauer sieht allerdings oder »Gesamtursache« genannt hat, als kausal hin-
richtig, dass ein negatives Ergebnis nicht in jedem reichende – aber nicht notwendig auch kausal not-
Fall zur Aufgabe der überprüften Gesetzeshypothese wendige – Gesamtheit der zusammen das Wir-
zwingt. Bei jeder scheinbaren Falsifikation einer Ge- kungsereignis herbeiführenden Bedingungen (vgl.
setzeshypothese bleibt der Ausweg, eine falsche Pro- G, 35).
gnose auf die »Verschiedenheit der Umstände« zu- Historische Bedeutsamkeit kommt Schopenhau-
rückzuführen und anzunehmen, dass nicht alle im ers Wissenschaftstheorie vor allem dadurch zu, dass
Vordersatz der Gesetzeshypothese aufgeführten Fak- er die induktive Methode über den Bereich der Wis-
toren realisiert waren. Es sei Aufgabe der wissen- senschaft hinaus erweitert und das Modell einer Me-
schaftlichen Urteilskraft zu entscheiden, »ob eine taphysik entwirft, die sich wissenschaftsanaloger Me-
Verschiedenheit der Erscheinung von einer Verschie- thoden bedient. Was eine solche Metaphysik mit der
denheit der Kraft [der Gesetze], oder nur von Ver- Wissenschaft verbindet, ist ihr hypothetischer, nie-
schiedenheit der Umstände, unter denen die Kraft mals in Gewissheit übergehender und zwangsläufig
sich äußert, herrührt« (W I, 166). vorläufiger Charakter. Dieses Modell einer »indukti-
50 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

ven Metaphysik«, wie Oswald Külpe es später ge- metaphysik« genügen muss, hat Schopenhauer in
nannt hat, finden wir auch bei späteren Denkern des Kapitel I des zweiten Bands der Parerga und Para-
19. Jahrhunderts wie Hermann Lotze, Gustav Theo- lipomena, »Ueber Philosophie und ihre Methode«
dor Fechner und Eduard von Hartmann (vgl. Mor- (P II, 10 ff.; vgl. Birnbacher 1988, 9 ff.), entwickelt. Es
genstern 1987, 606 ff.), später dann u. a. bei Alfred N. sind dies Mitteilbarkeit, Rationalität, Hypothetizität,
Whitehead und Karl R. Popper. Auch in diesem Revidierbarkeit und Unvollständigkeit (eine in vie-
Punkt macht Schopenhauer einen mutigen Schritt lem ähnliche Liste findet sich später bei Whitehead,
über Kant hinaus. Für Kant war die Metaphysik vom 1974, 55 ff.). Ebenso wenig wie die Wissenschaft ver-
Begriff her eine apriorische Disziplin und an apodik- mag die Metaphysik Letzterklärungen zu liefern, die
tische Gewissheit gebunden. Die Grundfrage seiner keine Frage offen lassen:
theoretischen Philosophie war, wie eine Metaphysik »Welche Fackel wir auch anzünden und welchen Raum
als Wissenschaft möglich sein könne. Schopenhau- sie auch erleuchten mag; stets wird unser Horizont von
ers Idee einer »induktiven« Metaphysik zufolge fal- tiefer Nacht umgränzt bleiben. Denn die letzte Lösung
len die Grenzen der Wissenschaft nicht notwendig des Räthsels der Welt müßte nothwendig bloß von den
mit den Grenzen der (methodisch verfahrenden) Dingen an sich, nicht mehr von den Erscheinungen
reden. Aber gerade auf diese allein sind alle unsere Er-
Metaphysik zusammen. Während die Wissenschaft kenntnißformen angelegt« (W II, 206).
die innerweltlichen, natürlichen Bedingungen der
Phänomene aufsucht, zielt die Metaphysik auf die
Strukturen jenseits der erfahrbaren Welt, durch die
»Philosophische Wahrheit«
die natürlichen Bedingungen ihrerseits bedingt sind.
Wie die Wissenschaft hat die Metaphysik die Auf- Schopenhauer liegt es fern, die Kriterien, die er für
gabe, Erklärungen zu liefern, die Phänomene ver- eine induktive Metaphysik fordert, uneingeschränkt
ständlich zu machen. Im Unterschied zur Wissen- auch für seine eigene Willensmetaphysik gelten zu
schaft setzen ihre Erklärungsbemühungen aber erst lassen. Hierin liegt eine der zentralen erkenntnis-
da ein, wo die Erklärungen der Wissenschaft aufhö- theoretischen Ambivalenzen seiner Philosophie. Es
ren. Die Metaphysik soll die Wissenschaft ergänzen, ist nicht zu verkennen, dass der Grad der Gewiss-
indem sie sich diejenigen Fragen vornimmt, die die heit, den er für seine Deutung der Welt als Ganzer
Wissenschaft notwendig unbeantwortet lässt, u. a. als Ausformung eines übergreifenden »Willens« be-
die Frage nach dem Ursprung und Wesen der Welt ansprucht, die von seiner Konzeption einer »Ver-
als Ganzer sowie die Frage nach Wesen und Ur- mutungsmetaphysik« vorgesehenen Grenzen der
sprung der Naturgesetze (der »Naturkräfte«), die Erkennbarkeit deutlich überschreitet. In der Tat soll
zwar in allen wissenschaftlichen Erklärungen vor- es neben der logischen, der transzendentalen und
ausgesetzt werden, aber ihrerseits von der Wissen- der empirischen Wahrheit eine weitere Art von
schaft nicht erklärt werden. Insofern meint Schopen- Wahrheit geben, die sui generis ist und von Scho-
hauer sagen zu können, dass alles zugleich physisch penhauer mit dem Namen »philosophische Wahr-
erklärbar und auch wieder nicht physisch erklärbar heit« (W I, 122) belegt wird. Die Erkenntnis, die zu
sei (vgl. W II, 193). Selbst noch das Denken sei einer- dieser Wahrheit führt, soll »ganz eigener Art« sein:
seits physikalisch erklärbar, da es nach Schopen- eine unmittelbare, weder durch logisch noch durch
hauer mit einem Gehirnprozess zusammenfällt. empirisch begründete Schlussfolgerungen vermit-
Aber andererseits bleibe letztlich auch das, was der- telte Form von Intuition (vgl. ebd.). Unter diese
artige physikalische Erklärungen voraussetzen (z. B. Form von Erkenntnis fallen so gut wie alle Kernthe-
Expansion, Undurchdringlichkeit, Beweglichkeit, sen seiner Metaphysik: die These, dass wir, wenn
Härte) »dunkel« (ebd.), eine »qualitas occulta« (W I, wir introspektiv in uns hineinsehen, wir uns unse-
96). Auch hinsichtlich ihrer Motivationen bestehen rer selbst am unmittelbarsten als Wollende, als Wil-
zwischen Wissenschaft und Metaphysik keine tief- lenssubjekte gewahr werden; die These von der
greifenden Differenzen. In der Metaphysik ist das- Identität der Willensregungen mit leiblichen Pro-
selbe Bemühen um Aufhellung des Woher und zessen; schließlich die kühne Deutung der Gesamt-
Warum der Erscheinungen am Werk, das sich auch heit der Erfahrungswelt als Manifestation (»Objek-
in den Wissenschaften betätigt, nur dass es sich in tivation«) desselben Willens, den wir in uns spüren,
der Metaphysik in größerem Umfang intuitiver und mit der Folge, dass sich so unser – typischerweise
spekulativer Mittel bedient. Die methodologischen »romantisches« – Gefühl erklärt, mit dem Ganzen
Bedingungen, denen eine derartige »Vermutungs- der Welt vertraut zu sein und mit allen Wesen, zu-
2.3 Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie 51

mindest den lebenden, eine basale Wesensgleich- äquate Wiedergabe des Eindrucks, den ein mora-
heit zu empfinden. lisch und ästhetisch sensibler Beobachter von der
Bei Schopenhauer finden sich nur wenige Erläu- Welt empfängt, wie die Welt auf ihn wirkt. Entschei-
terungen zu der Methode, derer er sich bei der Be- dend ist, dass die auf die »philosophische Wahrheit«
gründung der Willensmetaphysik bedient. Eindeu- zielende Intuition dasjenige in den Erscheinungen
tig ist allerdings, dass diese Methode weder mit der erfasst, was »mächtig«, »bedeutend« und »deutlich«
der Transzendentalphilosophie noch mit der der ist (W I, 149), d. h. was den Menschen beeindruckt,
Wissenschaften zusammenfällt. Während es in der ihn interessiert, ihn nicht nur kognitiv, sondern auch
Transzendentalphilosophie um die Formen der Er- affektiv anspricht. Ein weiteres Kriterium – das die
fahrungswelt geht, geht es der Willensmetaphysik so verstandene Metaphysik mit der Wissenschaft
um den Inhalt der Erfahrung (vgl. W I, 144). Und teilt – ist Kohärenz. Wie die Kunst soll die Metaphy-
bereits der Name, den Schopenhauer dem »Willen« sik danach trachten, die Phänomene in einer ein-
gibt, nämlich »Ding an sich«, zeigt, dass es sich hier heitlichen, zusammenhängenden Weise zu beschrei-
um etwas handelt, das für die Erkenntnismethoden ben, sie auf ein zentrales Organisationsprinzip als
der Wissenschaft unzugänglich ist. Auch unterschei- ihren Kern zurückzuführen. Die verwirrende und
det sich diese Art metaphysischer Erkenntnis so- rätselhafte Vielfalt der Phänomene, die uns in der
wohl von der logischen als auch der empirischen Er- Welt begegnen, ist für Schopenhauer ein Rätsel, eine
kenntnisart dadurch, dass sie weder deduktiv noch Geheimschrift (vgl. W II, 202), die entziffert werden
kausal verfährt (keiner Variante des »Satzes vom muss, wenn sie in ihrer Bedeutung erfasst und ver-
Grunde« folgt). Ihre Verfahrensweise ist am ehesten ständlich gemacht werden soll. Kohärenz ist der
als hermeneutisch zu kennzeichnen (vgl. Schubbe Maßstab, der darüber entscheidet, welcher Schlüssel
2010, 43 ff.; s. Kap. IV.B.4). Worauf sie zielt, ist keine das Rätsel am besten auflöst: »Das gefundene Wort
propositionale Wahrheit, sondern Sinnverstehen. eines Räthsels erweist sich als das rechte dadurch, daß
Ziel der Metaphysik ist nicht die Ermittlung von Tat- alle Aussagen desselben zu ihm passen« (W II, 206).
sachen, sondern die Erfassung des »Sinnes und Ge-
haltes« (W II, 204) der Welt. Insofern gehe diese »nie
eigentlich über die Erfahrung hinaus, sondern eröff- Erkenntnis als Zustand und Vollzug
net nur das wahre Verständniß der in ihr
vorliegenden Welt« (ebd.), wobei Schopenhauer so- Außer der hermeneutischen Erkenntnisform der
gar so weit geht, sie kurzerhand als »Erfahrungswis- Metaphysik kennt Schopenhauer noch zwei weitere
senschaft« zu charakterisieren – Erfahrung dabei al- Formen der Erkenntnis, die über die dem »Satz vom
lerdings nicht als einzelne Erfahrung, sondern als Grund« folgende logische und kausale Erkenntnis
»das Ganze und Allgemeine aller Erfahrung« (ebd.) hinausgehen: die Erkenntnis der platonischen Ideen
verstanden. in der ästhetischen Kontemplation und die mit der
Damit nähert sich die Erkenntnisart der Meta- Selbstverneinung des Willens einhergehende Er-
physik der der Kunst an. Schopenhauer bestätigt kenntnis der letztlichen All-Einheit aller Wesen.
diese Annäherung ausdrücklich: Die Methode der Beide Erkenntnisformen haben gemeinsam, dass sie
Metaphysik sei »der Kunst fast so sehr als der Wis- nicht wie die Logik und die kausale Erklärung ledig-
senschaft verwandt« (W II, 140). Wie beim Künstler lich Relationen zu erkennen erlauben und »nichts
zeigt sich die Genialität des Philosophen für Scho- weiter, als das Verhältniß einer Vorstellung zur an-
penhauer nicht in diskursiven, sondern in intuitiven deren kennen« (W I, 34) lehren. Beiden ist eigen-
Fähigkeiten: »Nicht dem Warum gehe der Philosoph tümlich, dass sie sich auf das Wesen der Dinge selbst
nach, wie der Physiker, Historiker und Mathemati- richten. Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass es sich
ker, sondern er betrachte bloß das Was, lege es in Be- bei ihnen beiden um nicht-propositionale Erkennt-
griffen nieder (die ihm sind wie der Marmor dem nisformen handelt und dass ihr Sinn und Wert nicht
Bildner), indem er es sondert und ordnet, jedes nach in dem Erwerb von Wissen über Sachverhalte, d. h.
seiner treu die Welt wiederholend, in Begriffen, wie in ihren Ergebnissen liegt, sondern in ihrer inhären-
der Maler auf der Leinwand« (HN I, 154 Anm.). Die ten Qualität als Zustände und Vollzüge. Darin sind
richtige Deutung der Phänomene misst sich daran, sie (wie bereits Schopenhauers Benennung »platoni-
dass sich aus ihnen ein Sinn – ein positiver oder ein sche Idee« nahelegt) sowohl der platonischen Ideen-
negativer – ablesen lässt. Ihr Kriterium ist nicht die schau als auch der aristotelischen theoria verwandt,
Korrespondenz mit den Tatsachen, sondern die ad- der Betrachtung der ewigen Wahrheiten um ihrer
52 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

selbst (und nicht um eines irgendwie gearteten Er- ist er, indem die Subjekt-Objekt-Differenz aufgeho-
gebnisses) willen (vgl. Hamlyn 1999, 56). Mit der Er- ben (und der Gehalt dieser Erfahrung nicht mehr
kenntnis der platonischen Ideen und der Erkenntnis mitteilbar) ist, »nicht eigentlich Erkenntniß zu nen-
der All-Einheit der Welt als Wille zeichnet Schopen- nen« (W I, 485). Als eine Form visionärer Erkennt-
hauer insofern zwei Formen von Erkenntnis aus, bei nis geht er über das, was üblicherweise Erkenntnis
denen es – mit Russell gesprochen – eher um ein genannt wird, ein Stück weit hinaus.
knowledge by acquaintance als um ein knowledge by
description geht (vgl. Schubbe 2012, 374 f.). Aus- Literatur
schlaggebend bei dem ersteren ist die Bekanntschaft Birnbacher, Dieter: Induktion oder Expression? Zu Scho-
mit etwas, bei dem letzteren das Wissen über etwas. penhauers Metaphilosophie. In: Schopenhauer-Jahrbuch
Beide sind weitgehend unabhängig voneinander. 69 (1988), 7–19.
Man kann mit etwas gut bekannt sein, ohne viel über –: Schopenhauer als Ideologiekritiker. In: Ders. (Hg.):
es zu wissen. Andererseits kann man viel über etwas Schopenhauer in der Philosophie der Gegenwart. Würz-
burg 1996, 45–58.
wissen, ohne mit ihm bekannt zu sein. Wesentlich
Brunner, Jürgen: Schopenhauers Kausalitätstheorie. Teil I:
für die nicht-propositionalen Wissensformen ist die Empirische Ereigniskausalität und transzendentale Ak-
Präsenz des Gegenstands, die konkrete Begegnung teurskausalität. In: Schopenhauer-Jahrbuch 89 (2008),
mit ihm in der Erfahrung. Die Kenntnis des Gegen- 41–64.
stands muss unmittelbar sein. Sie muss auf einer Dörpinghaus, Andreas: Der Leib als Schlüssel zur Welt. Zur
Bedeutung und Funktion des Leibes in der Philosophie
konkreten Wahrnehmung beruhen und nicht nur
Arthur Schopenhauers. In: Schopenhauer-Jahrbuch 81
auf Hörensagen. Das bedeutet allerdings nicht, dass (2000), 15–32.
diese Kenntnis nicht durchaus in anderer Hinsicht Hamlyn, David: Schopenhauer and knowledge. In: Chris-
vermittelt sein kann oder sogar muss. So ist die Er- topher Janaway (Hg.): The Cambridge Companion to
kenntnis der platonischen Ideen – der idealisierten Schopenhauer. Cambridge 1999, 44–62.
Prototypen des Wirklichen als Gegenstände der Langnickel, Robert: Schopenhauers Theorie der empiri-
schen Vorstellung: Eine zu Unrecht vergessene Wahr-
Kunst – nicht denkbar ohne die Kenntnis des Medi- nehmungstheorie? In: Schopenhauer-Jahrbuch 93 (2012),
ums (etwa der bildlichen Darstellungen), in denen 221–238.
diese Idealisierungen jeweils – mehr oder minder Malter, Rudolf: Arthur Schopenhauer. Transzendentalphilo-
vollkommen – zur Erscheinung kommen. Der voll- sophie und Metaphysik des Willens. Stuttgart-Bad Cann-
kommene Körper von Michelangelos David bedarf statt 1991.
Morgenstern, Martin: Schopenhauers Philosophie der Na-
des Marmors, aus dem er geformt ist, um Wirklich- turwissenschaft. Aprioritätslehre und Methodenlehre als
keit zu werden. Auch die Einsicht in die Nichtigkeit Grenzziehung naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Bonn
der Welt im Zustand der Willensverneinung, in der 1985.
das »Rad des Ixion« (W I, 231) stillstellenden Kon- –: Schopenhauers Begriff der Metaphysik und seine Be-
templation, ist in gewisser Weise vermittelt, nämlich deutung für die Philosophie des 19. Jahrhunderts. In:
Zeitschrift für Philosophische Forschung 41 (1987), 592–
durch die intensive Bekanntschaft mit der Welt als 612.
Unheilszusammenhang. Obwohl Voraussetzungen Schubbe, Daniel: Philosophie des Zwischen. Hermeneutik
dieser Erkenntnisformen, rücken diese doch beide und Aporetik bei Schopenhauer. Würzburg 2010.
Male in den Hintergrund: Das Subjekt wird von sich –: Formen der (Er-)Kenntnis. Ein morphologischer Blick
selbst und dem Gedanken an das eigene Ich wegge- auf Schopenhauer. In: Günter Gödde/Michael B. Buch-
holz (Hg.): Der Besen, mit dem die Hexe fliegt. Wissen-
zogen, »verliert« (W I, 210) sich an den Gegenstand, schaft und Therapeutik des Unbewussten. Bd. 1: Psycholo-
überwindet auf diese Weise die Spaltung zwischen gie als Wissenschaft der Komplementarität. Gießen 2012,
Subjekt und Objekt und erlebt diesen Zustand als 359–385.
»Ekstase, Entrückung, Erleuchtung, Vereinigung mit Whitehead, Alfred N.: Die Funktion der Vernunft [1929].
Gott« (W I, 485). Da mit dem Subjekt zugleich das Stuttgart 1974.
Dieter Birnbacher
Objekt verschwindet, ist dieses nicht mehr eindeutig
zu charakterisieren. Deshalb schwankt Schopen-
hauer auch, ob er diesen Zustand überhaupt noch
Erkenntnis nennen soll. Einerseits ist er Erkenntnis
insofern, als die Erlösung bzw. die Begegnung mit
der Idee nicht mehr von der »überlegten Willkür«,
dem intentionalen Handeln, religiös gesprochen:
von den »Werken« abhängt (W I, 482). Andererseits
53

2.4 Metaphysik Hinsichten deutlich werdende Relativität soll laut


Schopenhauer nun darauf hinweisen, dass die Welt
als Vorstellung gleichsam nur die »äußere Seite der
Schopenhauer bekennt sich im ersten Buch der Welt Welt« (W I, 36) ist und dass ihr innerster Kern et-
als Wille und Vorstellung zu der idealistischen was von der Vorstellung grundsätzlich Verschiede-
Grundansicht, der zufolge die Welt meine Vorstel- nes sein muss. Dieses Argument ist jedoch nicht
lung, also Objekt in Beziehung auf ein sie erkennen- sonderlich stichhaltig, denn es setzt schon das
des Subjekt ist. Zu Beginn des zweiten Buchs akzen- voraus, wohin erst noch geführt werden soll: näm-
tuiert er nun, diese »erste Thatsache des Bewußt- lich dass es ein Ansich der Welt gibt, dessen Er-
seyns« (W I, 40) deute auf ein Problem hin. Denn scheinung in der Anschauung als Vorstellung gege-
wenn die Welt nichts anderes als meine Vorstellung ben ist.
ist, dann drängt sich doch der Verdacht auf, dass sie Zweitens: Dass die Welt noch mehr sein muss als
nur Schein, dass sie ein bloßes Phantasma, ein leeres mein bloßes Vorstellungsprodukt, legt sich für Scho-
Phantomgebilde sein könnte. Wodurch unterschiede penhauer allein schon deswegen nahe, weil wir ein
sich das erkennende Subjekt dann von einem Träu- »Interesse« an unseren Vorstellungen nehmen und
menden, dem im Traum Fantasiegestalten und Chi- ihre »Bedeutung« fühlen. Denn, wie er hervorhebt,
mären vorgegaukelt werden? Dieses Problem wird die uns in der Vorstellung gegebenen »Bilder« zie-
Schopenhauer zum Anlass, der Frage nachzugehen, hen nicht »völlig fremd und nichtssagend« an uns
ob die Welt, außer dass sie Vorstellung ist, nicht vorüber, sondern sprechen uns »unmittelbar« an
noch etwas anderes, von der Vorstellung Verschiede- (W I, 113). Bloß die Frage ist: Wie gelangt man über
nes ist. Hierbei ist für ihn die Annahme leitend, dass die »gefühlte Bedeutung« der Vorstellungen (ebd.)
die Dinge, die uns in der Anschauung als Vorstellun- zu deren realem Inhalt? Wie kommt man von den
gen gegeben sind, über sich hinausweisen zu dem, Erscheinungen zur Welt an sich? Ein Weg ist von
was sie an sich selbst, das heißt unabhängig davon, vornherein versperrt: Wie die Dinge an sich selbst
dass das Subjekt sie vorstellt, sind. Diese Annahme beschaffen sind, kann nicht am Leitfaden des Satzes
hat ihre Wurzel in der kantischen Unterscheidung vom Grunde aufgefunden werden, denn dieser ist
von Ding an sich und Erscheinung. Kant verneinte auf den Bereich der Erscheinungen eingeschränkt
bekanntlich die Möglichkeit der Erkenntnis der und kann infolgedessen nicht herangezogen werden,
Dinge an sich. Schopenhauer hingegen nimmt für wenn Aufschluss erlangt werden soll über das, was
sich in Anspruch, in Die Welt als Wille und Vorstel- außerhalb dieses Bereichs liegt.
lung das Ding an sich »in seinem Verhältniß zur Er- Also wendet sich Schopenhauer der philosophi-
scheinung« (GBr, 291; zu dieser Einschränkung vgl. schen Tradition sowie der Mathematik und den Na-
auch W II, 228) bestimmt und bezeichnet zu haben. turwissenschaften zu und befragt sie daraufhin, ob
In diesem Sinne versteht er seine Philosophie als sie Aufschluss geben können über die Bedeutung der
Fortführung der kantischen. Vorstellungen. Was nun zunächst die Philosophie
Ein Idealist Berkeleyscher Prägung könnte gegen anbetrifft, so räumt Schopenhauer ein, dass die ver-
Schopenhauers Auffassung die Frage stellen: Wieso schiedenen Schulen – von einigen wenigen Ausnah-
weisen die Vorstellungen über sich hinaus zu etwas, men abgesehen – darin übereinkommen, dass sie ein
was von der Vorstellung verschieden ist? Die Welt Objekt annehmen, das der Vorstellung zugrunde lie-
existiert nur als meine Vorstellung; eine anderwei- gen soll, ihr aber doch ähnlich ist. Für Schopenhauer
tige Realität kann ihr nicht zugesprochen werden. jedoch sind ›Objekt‹ und ›Vorstellung‹ austausch-
Dieser mögliche Einwand ist von Schopenhauer bare Begriffe, setzt doch jedes Objekt ein Subjekt
nicht unberücksichtigt gelassen worden. Er führt voraus und bleibt somit Vorstellung. Folglich ist der
zwei Argumente gegen ihn ins Feld. erhoffte Aufschluss von der traditionellen Philoso-
Erstens sieht er die Welt als Vorstellung als phie nicht zu erlangen.
durchgängig relativ an. Diese »Relativität« (W I, 41) Auch die Mathematik vermag nicht weiterzuhel-
zeigt sich ihm in zweifacher Hinsicht. Zum einen ist fen, denn sie betrachtet die Vorstellungen nur inso-
die vorgestellte Welt relativ auf ein erkennendes fern, als sie Raum und Zeit füllen, das heißt insofern
Subjekt. Zum anderen unterliegt die Welt als Objekt sie Größen sind. Die Mathematik setzt lediglich
dem Satz vom Grunde: Für jede Erscheinung, die in Größen miteinander in Beziehung; sie stellt aber
der Vorstellung gegeben ist, muss sich ein Grund nicht einmal die Frage, ob es etwas von den Vorstel-
angeben lassen, warum sie ist. Die in diesen zwei lungen Verschiedenes geben könne.
54 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

Eben so wenig wie die Mathematik vermögen die in denen sich »mein Wille selbst überhaupt und im
Naturwissenschaften den gesuchten Aufschluss über Ganzen« ausspricht (W I, 127).
die Bedeutung der Vorstellung zu liefern. Schopen- Mit dem Gegebensein des Leibes als Wille gibt
hauer unterscheidet zwei große Gattungen der Na- Schopenhauer also zu verstehen: Die einzelnen Be-
turwissenschaften: die Morphologie und die Ätiolo- wegungen des Leibes sind Erscheinungen, sind Aus-
gie. Der Morphologie (griech. morphé: Form, Gestalt) druck von einzelnen Willensakten. Diese Willens-
geht es um die Beschreibung von Formen und Gestal- akte ihrerseits sind nun keine bloß subjektiven Phan-
ten, die Ätiologie (griech. aitia: Grund, Ursache) be- tasmen, sondern müssen als in den Bewegungen des
treibt Ursachenforschung und versucht die Verände- Leibes in die Erscheinung tretende Akte meines Wil-
rungen zu erklären, die sich in der Natur antreffen lens überhaupt angesehen werden. Was mir so in der
lassen. Sie ist auf die Regel aus, gemäß der auf einen Vorstellung als leibliche Bewegung gegeben ist, ent-
Zustand der Materie notwendig ein bestimmter an- hüllt sich demzufolge seiner inneren Seite nach als
derer erfolgt. Sie unternimmt es mithin, Kausalerklä- Wille. Daher kann Schopenhauer mit gutem Grund
rungen der Natur zu geben und Naturgesetze aufzu- von einer »Identität« (W I, 121) von Leib und Wille
stellen. Nun zeigt sich für Schopenhauer, dass die sprechen, einer Identität, die er in vierfacher Hin-
Morphologie den erhofften Aufschluss nicht zu ge- sicht entfaltet (vgl. W I, 119 ff.). Erstens ist jeder Wil-
ben vermag, denn sie führt in ihren genealogischen lensakt sofort und unausbleiblich auch eine Bewe-
Aufzählungen, also in ihrer Aufstellung von Stamm- gung des Leibes. Man kann den Akt, wie Schopen-
bäumen der Lebewesen, immer nur Vorstellungen hauer festhält, »nicht wirklich wollen, ohne zugleich
vor. Auch die Befragung der Ätiologie führt zu einem wahrzunehmen, daß er als Bewegung des Leibes er-
negativen Ergebnis: Sie legt dar, wie ein bestimmter scheint« (W I, 119). Schopenhauer unterscheidet
Zustand der Materie einen anderen herbeiführt und streng zwischen Wünschen und Wollen. Umgekehrt
sieht damit ihre Aufgabe als beendet an. Folglich gibt ist zweitens jede Einwirkung auf den Leib sofort und
auch sie keinen Aufschluss über das Wesen und die unmittelbar auch Einwirkung auf den Willen. Ist sie
Bedeutung der vorgestellten Erscheinungen. Sie hat dem Willen zuwider, erlebt man sie als »Schmerz«;
zwar einen Namen für das, was die materiellen Ver- ist sie ihm hingegen gemäß, als »Wohlbehagen« und
änderungen bewirkt – nämlich ›Naturkraft‹; diese zu »Wollust« (W I, 120). Zudem wirkt drittens jede hef-
erklären liegt allerdings außerhalb ihres Gebiets und tige und übermäßige Bewegung des Willens ganz
wird von ihr auch gar nicht versucht. unmittelbar auf den Leib und seine vitalen Funktio-
Um dennoch die Frage nach der Bedeutung der nen ein. Und viertens schließlich ist die Erkenntnis,
Vorstellungen beantworten zu können, schlägt die ich von meinem Willen habe, von der meines
Schopenhauer einen bis dato völlig neuartigen Weg Leibes gar nicht zu trennen. Mein Leib, sagt Scho-
ein. Dieser Weg führt bei ihm über den Leib (vgl. penhauer, ist die Bedingung der Erkenntnis meines
Schöndorf 1982; Tiemersma 1995; Dörpinghaus Willens, denn ich kann diesen Willen ohne meinen
2000; Dörflinger 2002; Jeske/Koßler 2012). Damit Leib doch eigentlich gar nicht vorstellen.
rückt er eine Entität ins Zentrum der Betrachtung, Was in der Vorstellung als Bewegung des Leibes
die in der abendländischen Philosophie bislang gegeben ist, enthüllt sich mithin seiner inneren Seite
mehr als stiefmütterlich behandelt worden ist. Der nach als Wille. Mein Leib als ganzer ist »mein sicht-
Leib, so betont Schopenhauer, ist auf zweifache bar gewordener Wille«, ist »mein Wille selbst« (W I,
Weise gegeben; wir haben eine zweifache Erfahrung 128). Oder wie Schopenhauer mit einem von ihm
von ihm. Einerseits nämlich ist er mir gegeben als geprägten Begriff auch sagt: Der Leib ist die »Objek-
Vorstellung, also als Objekt unter Objekten. Als sol- tität des Willens« (W I, 120), ist das Sichtbarwerden
cher unterliegt er, wie alle Objekte, den Gesetzen der oder Sichdarstellen des Willens in der Erscheinungs-
phänomenalen Welt, allem voran dem Satz vom welt. Aus dieser so verstandenen Identität von Leib
Grunde. Darüber hinaus erfahre, erlebe ich meinen und Wille leitet Schopenhauer ab, die Teile des Lei-
Leib andererseits auf eine noch ganz andere Weise: bes müssten den »Hauptbegehrungen, durch welche
nämlich als »Wille«, der, wie Schopenhauer meint, der Wille sich manifestiert, vollkommen entspre-
das »Jedem unmittelbar Bekannte« ist (W I, 119). chen, müssen der sichtbare Ausdruck derselben
Schopenhauer gelangt zu dieser Einsicht im Aus- seyn« (W I, 129). Als Beispiele führt er an: Zähne,
gang von den »willkürlichen Bewegungen dieses Schlund und Darmkanal seien der objektivierte
Leibes«. Diese sind für ihn nichts anderes als die Hunger, die Genitalien der objektivierte Geschlechts-
»Sichtbarkeit der einzelnen Willensakte« (W I, 126), trieb, und die greifenden Hände und die raschen
2.4 Metaphysik 55

Füße entsprächen dem schon mehr mittelbaren Stre- chen kommt und eine etwas modifizierte Antwort
ben des Willens, welches sie darstellen. anbietet. Dort stimmt er insoweit mit Kant überein,
Schopenhauers Vorgehen, den Leib zur Erkennt- als er es als unmöglich ansieht, das Ding an sich ob-
nisbedingung des Willens zu machen, wirft ein Pro- jektiv erkennen zu können, denn das hieße »etwas
blem auf. Zu der Erkenntnis des Willens gelangt das Widersprechendes verlangen. Alles Objektive ist
Subjekt Schopenhauer zufolge unmittelbar, betont er Vorstellung, mithin Erscheinung, ja bloßes Gehirn-
doch, der Wille sei das »Jedem unmittelbar Be- phänomen«. Folglich, schließt Schopenhauer, kann
kannte« (W I, 119). Hiermit stellt er darauf ab, die das Ding an sich »nur ganz unmittelbar ins Bewußt-
Erkenntnis des Willens sei nicht durch Anschauung seyn kommen, nämlich dadurch, daß es selbst sich
vermittelt. Vielmehr, so seine Überlegung, wird die seiner bewußt wird« (W II, 219). Die innere Erkennt-
Identität von Leib und Wille im unmittelbaren Be- nis ist zwar frei von den Formen des Raumes und
wusstwerden des Willens erfasst. Dieser Akt des Be- der Kausalität, nicht jedoch von der der Zeit. Des-
wusstwerdens des Willens ist ein unmittelbares, halb ist der Wille dem Subjekt immer nur in der Suk-
gleichsam ›inneres‹ Erkennen, das die Entgegenset- zession der einzelnen Willensakte gegeben. Insofern
zung von Subjekt und Objekt von sich ausschließt, stimmt Schopenhauer hier noch mit der vorhin skiz-
ist die unmittelbare Gewissheit, welche jeder von zierten, von ihm ursprünglich vertretenen Auffas-
seinem Willen hat. Die so verstandene Erkenntnis sung überein. Sprach er jedoch im ersten Band vom
des Willens kann nach Schopenhauer immer nur Willen ausdrücklich als dem jeden unmittelbar Be-
nachgewiesen, im Sinne von ›aufgezeigt‹ werden. kannten, so nimmt er im zweiten Band eine Ein-
Niemals jedoch, so hebt er hervor, könne man sie be- schränkung vor, wenn er statt von ›unmittelbar‹ von
weisen, »d. h. als unmittelbare Erkenntniß aus einer ›unmittelbarer‹ spricht. Zwar gibt die innere Wahr-
andern unmittelbarern« (W I, 122) ableiten. Damit nehmung, wie er festhält, keine »erschöpfende und
stellt sich die Frage nach ihrem Wahrheitsgehalt. adäquate Erkenntniß des Dinges an sich« (W II,
Dem Schopenhauerschen Wahrheitsbegriff liegt 220). Gleichwohl aber ist diese Wahrnehmung, »in
das Verständnis von Wahrheit als »Beziehung eines der wir die Regungen und Akte des eigenen Willens
Urtheils auf etwas von ihm Verschiedenes, das sein erkennen«, so betont er nun, »bei Weitem unmittel-
Grund genannt wird« (G, 105), zugrunde. Die Bezie- barer, als jede andere: sie ist der Punkt, wo das Ding
hung eines Urteils auf seinen zureichenden Grund an sich am unmittelbarsten in die Erscheinung tritt,
teilt sich nach Schopenhauer in vier Arten auf. Die- und in größter Nähe vom erkennenden Subjekt be-
sen vier Arten entsprechend verzweigt sich Wahr- leuchtet wird« (W II, 220 f.).
heit vierfach in logische, empirische, transzenden- Der erkannten Identität von Leib und Wille
tale und metalogische Wahrheit (vgl. G, §§ 30–33). kommt für den Fortgang der Schopenhauerschen
Diesen vierfach entfalteten Wahrheitsbegriff nun Überlegungen eine heuristische Funktion zu, soll sie
kann die Erkenntnis des Willens nicht für sich in doch dazu verhelfen, eine Antwort auf die Frage zu
Anspruch nehmen, »denn sie ist nicht […] die Be- finden: Was ist die Welt, außer dass sie meine Vor-
ziehung einer abstrakten Vorstellung auf eine andere stellung ist? Schopenhauers Überlegungen schlagen
Vorstellung, oder auf die nothwendige Form des in- folgenden Weg ein. Die anhand des Leibes gewon-
tuitiven, oder des abstrakten Vorstellens«. Vielmehr nene Erkenntnis des Willens will er als einen
wird die Erkenntnis des Willens von Schopenhauer »Schlüssel« zum Wesen aller uns in der Welt begeg-
begriffen als »die Beziehung eines Urtheils auf das nenden Erscheinungen gebrauchen. Das besagt
Verhältnis, welches eine anschauliche Vorstellung, nichts weniger, als dass Schopenhauer alle – streng
der Leib, zu dem hat, was gar nicht Vorstellung ist, genommen wirklich alle – Objekte, die uns als un-
sondern ein von dieser toto genere Verschiedenes: sere Vorstellungen gegeben, aber nicht unser Leib
Wille«. Aufgrund ihrer Sonderstellung nennt Scho- sind, »nach Analogie« des Leibes beurteilen will
penhauer sie daher »ϰατ’ εξοχην philosophische (W I, 125). Auch wenn Schopenhauer hier von einer
Wahrheit« (W I, 122). Analogie spricht, so hat diese analogische Beurtei-
Offensichtlich ist sich Schopenhauer des Sachver- lung bei ihm doch keineswegs den Charakter eines
halts bewusst gewesen, dass er hiermit das aufge- bloßen ›Als-ob‹. Vielmehr will er die damit vorge-
zeigte Problem nicht gelöst, sondern nur mit einem nommene Übertragung und Ausdehnung des Wil-
Begriff zugedeckt hat. Denn anders wäre es kaum zu lensbegriffs auf die Welt insgesamt als notwendige
erklären, dass er in Kap. 18 des zweiten Bandes der Annahme verstanden wissen. Vom Ansatz seines
Welt als Wille und Vorstellung erneut darauf zu spre- Konzepts her kann das ja auch gar nicht anders sein,
56 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

denn über die Vorstellung und den Willen hinaus ist Aufgrund ihrer methodischen Vorgehensweise
uns ja nichts außerdem gegeben! »Außer dem Wil- führen die Naturwissenschaften laut Schopenhauer
len und der Vorstellung«, schreibt Schopenhauer, nie zum letzten Grund ihrer Forschungsobjekte (vgl.
»ist uns gar nichts bekannt noch denkbar. […] Wir Morgenstern 1985). So versucht beispielsweise die
können daher eine anderweitige Realität, um sie der Physik die Erscheinungen zu erklären anhand des
Körperwelt beizulegen, nirgends finden« (ebd.). Kausalitätsgesetzes. In der Kette der Ursachen und
Diese Übertragung der Erkenntnis des Willens Wirkungen aber ist – soll das Gesetz der Kausalität
vom Menschen auf die Welt insgesamt soll durch sich nicht selbst aufheben – ein erster Anfang dieser
»fortgesetzte Reflexion« (W I, 131) geleistet werden. Kette nie zu erreichen, so dass die naturwissen-
Die fortgesetzte Reflexion bringt die Erkenntnis der schaftlichen Erklärungsversuche auf einen unendli-
Erscheinungen und die unmittelbare Gewissheit, chen Regress hinauslaufen (vgl. W II, 191). Dazu
welche jeder von seinem Willen hat, zusammen und kommt für Schopenhauer: Alle Erklärungen aus Ur-
eröffnet damit die Möglichkeit, zu erkennen, dass sachen beruhen letztlich auf einem Unerklärbaren.
ebenso wie in den Bewegungen des Leibes auch in Denn die Tatsache, dass eine Ursache eine Wirkung
der Vielzahl der Naturerscheinungen es der eine und zeitigt, wird »zurückgeführt auf ein Naturgesetz und
selbe Wille ist, der erscheint. Zwar tritt der Wille im dieses endlich auf eine Naturkraft, welche nun als
Selbstbewusstsein am deutlichsten zutage, aber das schlechthin Unerklärliche stehn bleibt« (W II,
durch die fortgesetzte Reflexion wird das erken- 195; ähnlich W I, 145 ff.; N, 4). Über dieses schlecht-
nende Subjekt dahin geführt, »auch die Kraft, welche hin Unerklärliche führt die naturwissenschaftliche
in der Pflanze treibt und vegetirt, ja die Kraft, durch Erklärung nicht hinaus. Sie muss es als unerklärbar
welche der Krystall anschießt, die, welche den Ma- hinnehmen und sich dabei bescheiden, denn auch
gnet zum Nordpol wendet, die, deren Schlag ihm aus wenn es den Naturwissenschaften im Laufe der Zeit
der Berührung heterogener Metalle entgegenfährt, gelungen ist, eine Vielzahl von Naturkräften auf ei-
die, welche in den Wahlverwandtschaften der Stoffe nige wenige zurückzuführen, kann das nach Scho-
als Fliehn und Suchen, Trennen und Vereinen er- penhauer nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese
scheint, ja zuletzt sogar die Schwere, welche in aller ›Urkräfte‹ letztlich als qualitates occultae stehen blei-
Materie so gewaltig strebt, den Stein zur Erde und ben müssen (vgl. W I, 149; W II, 191). Daher bildet
die Erde zur Sonne zieht« (ebd.), als identisch anzu- die Deutung der Welt im Ausgang vom Willen als
sehen mit dem Willen, der dem erkennenden Sub- dem unmittelbar Bekannten für Schopenhauer die
jekt unmittelbar bekannt ist. Demnach sind alle Er- »einzige enge Pforte zur Wahrheit« (W II, 219). Da
scheinungen, die das erkennende Subjekt vorstellt, die Naturwissenschaften diese Pforte nicht durch-
verschieden nur qua Erscheinungen; ihr inneres We- schreiten, gelangen sie nicht auf den Weg, der zur
sen hingegen ist in allen das eine und selbe: Wille. letztgültigen Deutung und Erklärung der Welt führt,
Oder anders gesagt: Die Welt mit der Vielzahl ihrer derzufolge sich die Kräfte der Natur als Wille enthül-
Erscheinungen ist die Sichtbarwerdung oder Objek- len. Diese von Schopenhauer gelieferte Erklärung
tivation des Willens. geht, indem sie, ausgehend vom Menschen, Auf-
Mittels dieser Leib-Welt-Analogie kommt Scho- schluss gibt über das innere Wesen der Dinge und
penhauer seiner Forderung nach, wir müssten die der Welt, über die physikalische Erklärung der Er-
Natur verstehen lernen aus uns selbst und nicht um- scheinungen hinaus. Für Schopenhauer ist dies eine
gekehrt uns selbst aus der Natur (vgl. W II, 219). metaphysische Erklärung (vgl. W I, 167; Morgen-
Nicht aufgrund der Erkenntnis der Naturerschei- stern 1986; 1987; 1988; Malter 1988; Zöller 1996;
nungen, die uns die Naturwissenschaft liefert, kön- Dürr 2003).
nen wir Erkenntnisse über das Wesen des Menschen Der Metaphysik weist er als Aufgabe die Zusam-
gewinnen. Vielmehr gilt für ihn gerade das Umge- menfügung von äußerer und innerer Erfahrung so-
kehrte. Einzig im Ausgang vom Menschen erschließt wie die Deutung des so verstandenen Ganzen zu.
sich uns die Natur, erschließt sich uns die Welt. »Seit Damit ist Metaphysik, wie er sie versteht und konzi-
den ältesten Zeiten«, hält Schopenhauer fest, hatte piert, »ein Wissen, geschöpft aus der Anschauung
man »den Menschen als Mikrokosmos angespro- der äußern, wirklichen Welt und dem Aufschluß,
chen. Ich«, fährt er fort, »habe den Satz umgekehrt welchen über diese die intimste Thatsache des
und die Welt als Makranthropos nachgewiesen; so- Selbstbewußtseyns liefert, niedergelegt in deutliche
fern Wille und Vorstellung ihr wie sein Wesen er- Begriffe« (W II, 204). Eine so verstandene Metaphy-
schöpft« (W II, 739; vgl. Decher 1992). sik, schreibt er, »bleibt daher immanent und wird
2.4 Metaphysik 57

nicht transzendent. Denn sie reißt sich von der Er- ßerhalb der Möglichkeit der Vielheit liegt. »Er selbst
fahrung nie ganz los, sondern bleibt die bloße Deu- ist Einer«, schreibt Schopenhauer, »jedoch nicht«,
tung und Auslegung derselben« (W II, 203; zu Inter- wie er sogleich hervorhebt, »wie ein Objekt Eines ist,
pretationen der Metaphysik Schopenhauers, die dessen Einheit nur im Gegensatz der möglichen
diese methodologisch als »hermeneutisch« auffas- Vielheit erkannt wird: noch auch, wie ein Begriff
sen, vgl. u. a. Schubbe 2010; s. auch Kap. IV.B.4). Die Eins ist, der nur durch Abstraktion von der Vielheit
Metaphysik reißt sich von der Erfahrung nie ganz entstanden ist: sondern er ist Eines als das, was au-
los, sofern sie in der inneren und äußeren Erfahrung ßer Zeit und Raum, dem principio individuationis,
fundiert ist. Sie geht gleichzeitig aber über die Erfah- d. i. der Möglichkeit der Vielheit, liegt« (W I, 134).
rung hinaus, indem sie diese nach Analogie des Lei- Mit der Einheit des Willens ist für Schopenhauer
bes deutet und den Willen als »das Ansich der ge- zugleich dessen Unteilbarkeit gegeben. Weil alle
sammten Natur« erkennt (W I, 155). Während Kant Vielheit nur in Raum und Zeit liegt, der Wille an sich
in der Kritik der reinen Vernunft die Erkennbarkeit davon aber nicht berührt wird, bleibt er der Vielheit
der Dinge an sich abstritt (vgl. KrV, A 190), nimmt ungeachtet unteilbar. »Nicht ist etwan«, führt Scho-
Schopenhauer demgegenüber für sich in Anspruch, penhauer aus, »ein kleinerer Theil von ihm im Stein,
das Ding an sich mit der erwähnten Einschränkung ein größerer im Menschen: da das Verhältniß von
erkannt und bezeichnet zu haben. Geradezu lapidar Theil und Ganzem ausschließlich dem Raume ange-
erklärt er: »Kanten war es = x, mir Wille« (P II, 96). hört und keinen Sinn mehr hat, sobald man von die-
Und der Wille allein ist das Ding an sich (vgl. W I, ser Anschauungsform abgegangen ist; sondern auch
131). Schopenhauer schließt also die Möglichkeit, das Mehr und Minder trifft nur die Erscheinung; d. i.
dass in den Erscheinungen etwas anderes erscheinen die Sichtbarkeit, die Objektivation: von dieser ist ein
könne als der Wille, dezidiert aus. höherer Grad in der Pflanze, als im Stein; im Thier
Als das Ding an sich, als das Ansich der gesamten ein höherer als in der Pflanze« (W I, 152). Demzu-
Natur nun unterscheidet sich der Wille von seiner folge manifestiert sich der Wille in jeder seiner Er-
Erscheinung und ist völlig frei von deren Formen scheinungen ganz und ungeteilt. Infolgedessen kann
(vgl. W I, 134). Dies bedeutet zunächst, dass er nicht Schopenhauer von der »numerischen Identität des
von dem Auseinanderfallen in Subjekt und Objekt innern Wesens alles Lebenden« (W II, 700) spre-
berührt wird. Das besagt für Schopenhauer insbe- chen. Der Wille als das Ansich der Welt ist nume-
sondere: Er kann nicht erkannt werden als ein dem risch einer. Deshalb vermag er sich »eben so ganz
Subjekt entgegenstehendes Objekt. Es bedeutet fer- und eben so sehr in einer Eiche wie in Millionen«
ner, dass der Wille nicht in Raum und Zeit ist und (W I, 153) zu offenbaren.
nicht am Leitfaden des Kausalitätsprinzips erkannt Wenn es dergestalt ein Wille ist, der in allen Teilen
werden kann. Für den Willen als Ding an sich lässt der Natur erscheint, dann resultiert daraus die Über-
sich demnach kein Grund angeben, warum er ist. In- einstimmung aller Objektivationen (vgl. W I, 190 ff.),
sofern ist er »grundlos« (W I, 162). Grundlossein ist und diese macht für Schopenhauer sowohl die in-
für Schopenhauer eine Bedeutung von Freiheit (vgl. nere als auch die äußere Zweckmäßigkeit aller Na-
z. B. W I, 337). Der Wille als Ding an sich ist daher turwesen unleugbar (vgl. W I, 184; W II, 372 ff.).
als frei zu bezeichnen (zu dem sich damit stellenden »Angemessen darum«, hält er fest, »ist jede Pflanze
Problem der menschlichen Willensfreiheit s. Kap. ihrem Boden und Himmelsstrich, jedes Thier sei-
II.4.1) Verschiedensein von seiner Erscheinung be- nem Element und der Beute, die seine Nahrung wer-
deutet schließlich, dass der Wille an sich jegliche den soll, ist auch irgendwie einigermaßen geschützt
Vielheit von sich abweist. Folglich muss er gedacht gegen seinen natürlichen Verfolger; […] und so bis
werden als »einer« (W I, 152). auf die speciellsten und erstaunlichsten äußeren
Wie indessen ist diese Einheit des Willens zu ver- Zweckmäßigkeiten herab« (W I, 190). Was so von
stehen? Vorgestellt werden doch immer nur die vie- dem Verhältnis der anorganischen Teile der Natur
len einzelnen Erscheinungen, in denen sich der zu den organischen beziehungsweise von dem der
Wille objektiviert. Ist demnach die Einheit des Wil- organischen zueinander gilt, nämlich dass durch
lens zu verstehen als ein aus der Vielheit abgezoge- dieses Verhältnis »die Erhaltung der gesammten or-
nes Abstraktum? Eine so verstandene Einheit des ganischen Natur oder auch einzelner Thiergattun-
Willens weist Schopenhauer zurück. Der Wille ist ei- gen« ermöglicht wird »und daher als Mittel zu die-
ner, weil er außerhalb von Raum und Zeit, mithin sem Zweck unserer Beurtheilung entgegentritt«
außerhalb des principium individuationis, also au- (W I, 184), gilt nach Schopenhauer in gleichem
58 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

Maße von dem Verhältnis der Teile im einzelnen Or- aktiv, »noch völlig erkenntnisloß, als finstere trei-
ganismus: Aus der »Uebereinstimmung aller Theile bende Kraft« (W I, 178). Gleiches gilt vom »vegetati-
eines einzelnen Organismus« geht »die Erhaltung ven Theil« animalischen Lebens, welches die dritte
desselben und seiner Gattung« hervor, welches »als große Objektivationsstufe darstellt. Und die vierte
Zweck jener Anordnung sich darstellt« (ebd.). In- Stufe seiner Objektivation erreicht der Wille im
nere und äußere Zweckmäßigkeit in der Natur resul- Menschen. Auf diese Weise, so könnte man sagen,
tieren so gesehen aus der Identität des Willens in al- arbeitet sich der Wille gleichsam Stufe um Stufe em-
len seinen Erscheinungen. Weil es in allen Naturpro- por: Aus dem blinden, dumpfen, erkenntnis- und
dukten der eine und selbe Wille ist, der in ihnen sich bewusstlosen Willen wird am Ende ein von Erkennt-
objektiviert, stimmen alle Teile der organischen We- nis und Bewusstsein begleiteter Wille. Im Menschen
sen überein, sind alle Naturprodukte aufeinander als der höchsten Stufe hat sich der Wille gleichsam
ausgerichtet, passen sie sich gegenseitig an und kom- »ein Licht angezündet« (W I, 179), das heißt diffe-
men sie sich so weit wie möglich entgegen. Aller- renzierte Erkenntnisorgane und -kräfte geschaffen.
dings haben solche Zweckmäßigkeiten für Schopen- Die Herausbildung dieser Erkenntniskräfte ergibt
hauer nur insoweit Geltung, als es für die Erhaltung sich für Schopenhauer aus ihrer primären Funktion,
der Welt und der in ihr lebenden Wesen vonnöten die Erhaltung des Menschen sicherzustellen. Sie sind
ist. Jene Harmonie, so stellt er nämlich klar, gehe nur demnach biologisch bedingt, weil nämlich überle-
so weit, dass sie den Bestand der Welt und ihrer We- bensnotwendig. In den unteren Bereichen der scala
sen möglich macht, welche ohne sie längst unterge- naturae erhalten sich die Lebewesen, indem sie sich,
gangen wären. Folglich erstreckt sie sich nur auf den auf Reize reagierend, die notwendige Nahrung ein-
Bestand der Spezies und der allgemeinen Lebensbe- verleiben. Im Zuge der Ausbildung höherer Stufen
dingungen, nicht hingegen auf den der Individuen tritt die Individualität der Lebewesen immer deutli-
(vgl. W I, 192). cher hervor, bis sie im Menschen ihren höchsten
Bei all dem ist sich Schopenhauer darüber im Ausprägungsgrad erreicht. Dabei wird auch die zur
Klaren, dass er eine Erweiterung des Begriffs ›Wille‹ Selbsterhaltung unabdingbare Nahrung eine speziel-
vorgenommen hat (vgl. W I, 132), wenn er etwa den lere. Zudem kann auf dieser hohen Entwicklungs-
Kristall oder den Magneten, anorganische Erschei- stufe der Eintritt eines Reizes nicht abgewartet wer-
nungen also, als Erscheinungen des Willens deutet. den – die Häufigkeit der auf Reize erfolgenden Nah-
Für gewöhnlich nämlich wird, wie Schopenhauer rungsaufnahme wäre nämlich zu gering. Also muss
keineswegs verkennt, unter ›Wille‹ der von Erkennt- das höher entwickelte Lebewesen seine Nahrung
nis geleitete, nach Motiven und unter Leitung der selbst aufsuchen und auswählen. Zu diesem Zweck
Vernunft sich äußernde Wille verstanden. Für Scho- hat der Wille differenzierte Erkenntnisstrukturen
penhauer jedoch ist dies »nur die deutlichste Er- hervorgebracht, hat er sich im Laufe der höherstufi-
scheinung des Willens« (ebd.). gen Entwicklung einen »Intellekt« geschaffen. Von
Was die von Schopenhauer vorgenommene Er- dieser Warte aus betrachtet ist der Intellekt zunächst
weiterung des Willensbegriffs konkret bedeutet, einmal ein bloßes Hilfsmittel zur Erhaltung des Indi-
lässt sich am besten durch eine Betrachtung der Art viduums und der Art wie jedes andere Körperorgan
und Weise, wie der Wille sich in der Welt objekti- auch (vgl. W I, 181).
viert, veranschaulichen. Und zwar objektiviert er Aber der Wille hat es nicht bei dieser lebenserhal-
sich in der Welt auf vier großen Stufen, die Schopen- tenden Funktion der Erkenntnis und der Erkennt-
hauer auch im Sinne einer zeitlichen Aufeinander- nisorgane belassen. Vielmehr hat er zudem im Men-
folge begreift (vgl. P II, 151 ff.), so dass man – neben- schen über die anschauliche Erkenntnis hinaus eine
bei angemerkt – bei ihm Ansätze eines evolutionä- abstrakte, das ist die Vernunft, erzeugt, um ihn durch
ren Denkens findet. Die erste, unterste Stufe der eine »doppelte Erkenntniß« (W I, 180) zu erleuch-
Objektivation des Willens bilden die Kräfte der an- ten. Diese abstrakte Erkenntnis begreift Schopen-
organischen Natur. Hier wirkt der Wille »blind, hauer als eine »höhere Potenz« der anschaulichen,
dumpf, einseitig und unveränderlich« (W I, 141), als eine »Reflexion« jener, als »das Vermögen ab-
hier fehlt ihm also jegliches Bewusstsein, jegliche Er- strakter Begriffe« (ebd.). Mit Hilfe dieser abstrakten
kenntnis seiner selbst. Auf der nächsthöheren Stufe Erkenntnis wird der Mensch zur Besonnenheit befä-
stellt sich der Wille dar »im stummen und stillen Le- higt, das heißt mit Hilfe der Vernunft vermag er, sich
ben einer bloßen Pflanzenwelt« (P II, 152). Auch die Vergangenheit präsent zu halten, für die Zukunft
hier ist er lediglich als blinder und dumpfer Drang zu planen, sich von der Gegenwart zu lösen, die
2.4 Metaphysik 59

Sorge für seine Existenz zu übernehmen und sich der nächst höheren aufgehoben. Auf dieser höheren
der eigenen Willensentscheidungen als solcher deut- Stufe wiederholt sich der Streit der Erscheinungen un-
lich bewusst zu werden (vgl. ebd.). tereinander von Neuem, so dass aufs Ganze gesehen
Allerdings hat das Licht, das der Wille sich mittels ein Streben nach immer höherer Objektivation er-
dieser Erkenntniskräfte angezündet hat, auch Schat- kennbar wird, bis am Ende im Menschen die ›Spitze
tenseiten, wird doch mit der Vernunft der Irrtum der Pyramide‹ (W I, 182) erreicht wird.
möglich. Mit dem Eintritt der Vernunft, so legt Scho- Dieses Streben nach immer höherer Objektivation
penhauer dar, geht die Sicherheit und Untrüglichkeit begreift Schopenhauer als Kampf, denn der Wille
der Willensäußerungen fast ganz verloren: Der In- vermag auf einer höheren Stufe nur durch Über-
stinkt tritt mehr und mehr zurück, und die Überle- mächtigung der niedrigeren in Erscheinung zu tre-
gung, die abstrakte Denktätigkeit, die ihn ersetzen ten. So erweist sich der Stufenbau der Natur von sei-
soll, gebiert »Schwanken und Unsicherheit«, wodurch ner dynamischen Seite her als Resultat eines Kampfes
in vielen Fällen die adäquate Objektivation des Wil- um Übermächtigung und Überwältigung, mithin ei-
lens durch Taten verhindert wird (vgl. ebd., 180 f.). nes Kampfes um Macht (hieran konnte Nietzsche mit
Dergestalt wertet Schopenhauer die Herausbildung seiner Konzeption des Willens zur Macht anschlie-
von Intellekt und Vernunft durchaus ambivalent. ßen; vgl. Decher 1984; s. Kap. IV. A.6). Dazu kommt:
Einerseits sind sie unabdingbar zum Überleben Wenn die jeweils höhere Stufe ein Analogon der
des  Menschen. Andererseits bringen sie die uner- überwältigten in sich aufgehoben hat, dann bleibt die
wünschte Begleiterscheinung mit sich, dass Hand in Eigenart der übermächtigten erhalten. Auch sie
Hand mit ihnen der Irrtum heraufkommt, wodurch strebt nach wie vor danach, ihr Wesen adäquat zu äu-
der Mensch anfällig wird für Täuschung, Manipula- ßern. Das lässt sich beispielsweise am menschlichen
tion und Verführung (vgl. Decher 2011, 154 ff.). Organismus studieren, denn in diesem findet ein
Gleichwohl gilt es zu sehen: Mit Hilfe dieser Er- dauernder Kampf gegen die vielen physischen und
kenntniskräfte vermag sich der Wille sein eigenes chemischen Kräfte statt, die als niedrigere Stufen ein
Wesen zum deutlichsten Bewusstsein zu bringen früheres Recht auf jene Materie haben. Indem so die
und zu erkennen, was dasjenige ist, das er will. Die- höheren Objektivationsstufen nur sind durch Über-
ses ist die Welt, ist das Leben. Anders gewendet: Die mächtigung und Überwältigung der niedrigeren und
Welt oder das Leben ist der sich in den Formen aller schwächeren, gleichwohl aber im Tod eben diese
Erscheinung, Raum und Zeit, objektivierende eine schwächeren Objektivationen, die physischen und
Wille. Die Welt ist so gleichsam der »Spiegel«, in den chemischen Kräfte, wieder die Oberhand gewinnen,
der Wille blickt und in dem er in den unzähligen Er- wird deutlich, dass die Welt als Wille nichts anderes
scheinungen immer nur sich selbst gespiegelt findet. ist als eine ständige Selbstentzweiung, ja streng ge-
Daher ist es, wie Schopenhauer festhält, »einerlei nommen Selbstzerfleischung des Willens (vgl. May
und nur ein Pleonasmus, wenn wir, statt schlechthin 1949/50). Der Wille, stellt Schopenhauer in lakoni-
zu sagen ›der Wille‹, sagen ›der Wille zum Leben‹« scher Kürze klar, zehrt »durchgängig an sich selber«
(W I, 323 f.). und ist »in verschiedenen Gestalten seine eigene
Die mit der Willensobjektivation gegebene vierfa- Nahrung« (W I, 173).
che Stufung der Welt erfolgt für Schopenhauer mit In seinen 1820 in Berlin gehaltenen Vorlesungen
Notwendigkeit, denn sie entspringt daraus, »daß der hat Schopenhauer diesen Sachverhalt mit einer
Wille an sich selber zehren muß, weil außer ihm Reihe von instruktiven, der Natur entnommenen
nichts daist und er ein hungriger Wille ist« (W I, 183), Beispielen zu illustrieren versucht. Pars pro toto sei
das heißt ein steter Drang, ein unermüdliches Streben das folgende angeführt: »Sie wissen«, trägt Schopen-
nach Dasein. Dieser Sachverhalt lässt sich bereits auf hauer vor,
der Ebene des Anorganischen feststellen, denn schon
»daß die Fortpflanzung der Armpolypen so geschieht,
hier geraten die Erscheinungen des Willens miteinan- daß das Junge als Zweig aus dem Alten hervorwächst
der in Konflikt, indem jede sich der vorhandenen Ma- und nachher sich von ihm absondert. Aber während
terie bemächtigen will. Aus diesem Streit geht als Re- es noch auf dem Alten als Sprößling festsitzt, hascht es
sultat die Erscheinung einer höheren Stufe hervor – schon nach Beute mit seinen Armen und da geräth es
jedoch so, dass sie das Wesen der niedrigeren auf eine oft mit dem Alten in Streit über die Beute, so sehr, daß
eines sie dem andern aus dem Maule reißt. Ein einfa-
untergeordnete Weise bestehen lässt, indem sie »ein ches deutliches Beispiel des Widerstreites der Erschei-
höher potenzirtes Analogon« (W I, 173) davon in sich nungen des Willens zum Leben gegen einander! So ists
aufnimmt. Die jeweils niedrigere Stufe wäre dann in in der ganzen Natur« (VN II, 175 f.).
60 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

Dieser an sich selber zehrende Wille kennt kein end- Literatur


gültiges Ziel, ist »ein endloses Streben« (W I, 195), Decher, Friedhelm: Wille zum Leben – Wille zur Macht.
dem eine dauernde, letztgültige Befriedigung ver- Eine Untersuchung zu Schopenhauer und Nietzsche.
sagt bleiben muss. Durchaus kennt er vorläufige Würzburg/Amsterdam 1984.
Ziele; aber jedes, das er erreicht hat, ist ihm »stets –: Arthur Schopenhauer. Die Welt als »Makranthropos«.
nur der Ausgangspunkt eines neuen Strebens« (W I, In: Ders./Jochem Hennigfeld (Hg.): Philosophische An-
thropologie im 19. Jahrhundert. Würzburg 1992, 95–108.
365). Wo ihn Erkenntnis beleuchtet, weiß der Wille, –: Die rosarote Brille. Warum unsere Wahrnehmung von der
was er jetzt und hier will. Nie aber weiß er, was er Welt trügt. Darmstadt 22011.
überhaupt will: »jeder einzelne Akt hat einen Zweck; Dörflinger, Bernd: Schopenhauers Philosophie des Leibes.
das gesamte Wollen keinen« (W I, 196). Da nun In: Schopenhauer-Jahrbuch 83 (2002), 43–85.
auch wir Menschen in den Stufengang der Objekti- Dörpinghaus, Andreas: Der Leib als Schlüssel zur Welt. Zur
Bedeutung der Funktion des Leibes in der Philosophie
vationen des Willens einbezogen sind, müssen auch
Schopenhauers. In: Schopenhauer-Jahrbuch 81 (2000),
wir wohl oder übel damit leben, dass auch in uns 15–32.
dessen nie endgültig zu befriedigende Daseinsgier Dürr, Thomas: Schopenhauers Grundlegung der Willens-
nicht zur Ruhe kommt. Die daraus resultierende metaphysik. In: Schopenhauer-Jahrbuch 84 (2003), 91–
Dramatik und Tragik menschlichen Daseins entfal- 119.
tet Schopenhauer im vierten Buch der Welt als Wille Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft [1781]. In: Im-
manuel Kant: Werke in sechs Bänden. Hg. von Wilhelm
und Vorstellung (s. Kap. II.2.6). Weischedel. Darmstadt 1983, Bd. II [KrV].
Schopenhauers Metaphysik ist von einer Reihe Jeske, Michael/Koßler, Matthias: Philosophie des Leibes. Die
von Problemen begleitet. So hat beispielsweise Vol- Anfänge bei Schopenhauer und Feuerbach. Würzburg 2012.
ker Spierling darauf hingewiesen (vgl. u. a. Spierling Malter, Rudolf: Wesen und Grund. Schopenhauers Kon-
1998, 230 f.), dass es in Bezug auf die Bestimmung zeption eines neuen Typs von Metaphysik. In: Schopen-
hauer-Jahrbuch 69 (1988), 29–40.
des »Dinges an sich« bei Schopenhauer zu einem –: Arthur Schopenhauer. Transzendentalphilosophie und
Standpunktwechsel kommt, insofern er zum einen Metaphysik des Willens. Stuttgart-Bad Cannstatt 1990.
dieses als unerkennbar und den Willen nur nähe- May, Eduard: Schopenhauers Lehre von der Selbstentzwei-
rungsweise als Entzifferung desselben versteht, zum ung des Willens. In: Schopenhauer-Jahrbuch 33 (1949/
anderen aber auch den Willen in einem absoluten 50), 1–9.
Morgenstern, Martin: Schopenhauers Philosophie der Na-
Sinn als Ding an sich bezeichnet. Dieser »Stand- turwissenschaft. Bonn 1985.
punktwechsel« hat zu einer Vielzahl von Interpreta- –: Die Grenzen der Naturwissenschaft und die Aufgabe der
tionen geführt, die vom Vorwurf des Widerspruchs Metaphysik bei Schopenhauer. In: Schopenhauer-Jahr-
über terminologische Differenzierungen bis hin zu buch 67 (1986), 71–93.
einer systematischen oder methodologischen Rol- –: Schopenhauers Begriff der Metaphysik und seine Be-
deutung für die Philosophie des 19. Jahrhunderts. In:
lenzuweisung innerhalb des Werks reichen (s. Kap. Zeitschrift für philosophische Forschung 41/4 (1987),
II.2.2). 592–612.
Eine weitere Frage, die in der Forschung umstrit- –: Schopenhauers Grundlegung der Metaphysik. In: Scho-
ten ist, bezieht sich darauf, ob die Differenz zwi- penhauer-Jahrbuch 69 (1988), 57–66.
schen der Welt als Vorstellung und der Welt als Wille Schöndorf, Harald: Der Leib im Denken Schopenhauers und
Fichtes. München 1982.
als eine Zwei-Welten- oder Zwei-Aspekte-Lehre zu Schubbe, Daniel: Der doppelte Bruch mit der philosophi-
verstehen ist (vgl. Schubbe 2010a, 123 f.). Diese Pro- schen Tradition – Schopenhauers Metaphysik. In: Mi-
blematik speist sich u. a. aus Schopenhauers nicht chael Fleiter (Hg.): Die Wahrheit ist nackt am Schönsten.
eindeutiger Selbstcharakterisierung seiner Metaphy- Arthur Schopenhauers philosophische Provokation. Frank-
sik: So finden sich Stellen, die die Metaphysik als ein furt a. M. 2010, 119–127.
–: Philosophie des Zwischen. Hermeneutik und Aporetik bei
Unternehmen kennzeichnen, herauszufinden, was
Schopenhauer. Würzburg 2010a.
»hinter« der Welt steckt (vgl. u. a. W II, 180). Einen Spierling, Volker: Arthur Schopenhauer. Eine Einführung in
anderen Akzent setzen hingegen Stellen, mit denen Leben und Werk. Frankfurt a. M. 1998.
Schopenhauer die Metaphysik unter die Leitfrage Tiemersma, Douwe: Der Leib als Wille und Vorstellung.
stellt, »ob diese Welt nichts weiter, als Vorstellung Struktur und Grenzen der Schopenhauerschen Philoso-
phie des Leibes. In: Schopenhauer-Studien 5 (1995), 163–
sei« (W I, 118). Je nachdem, wie man hier den
172.
Schwerpunkt setzt, ergibt sich ein anderes Bild der Zöller, Günter: Schopenhauer und das Problem der Meta-
Metaphysik: als Fundament oder Ergänzung der Be- physik. Kritische Überlegungen zu Rudolf Malters Deu-
trachtung der Welt als Vorstellung. tung. In: Schopenhauer-Jahrbuch 77 (1996), 51–64.
Friedhelm Decher
61

2.5 Ästhetik den Varianten des Satzes vom Grund und gelangen
dabei zur Feststellung der Relationen unter den Er-
scheinungen bzw. den Dingen, nicht aber zur Ein-
Der besondere Status der ›Ästhetik‹ sicht in das Wesen der Dinge, um die sich die Meta-
in Schopenhauers System physik bemüht. Mit den Konzepten einer Metaphy-
Einen philosophischen Diskurs über die Künste, die sik des Schönen, bzw. einer Metaphysik der Kunst,
Künstler und besondere sinnliche Eigenschaften wie behandelt Schopenhauer, strukturell betrachtet, die
z. B. das Schöne und das Erhabene nennen wir für Mitte seines Systems, von der aus sowohl neue zu-
gewöhnlich eine Ästhetik, vor allem dann, wenn die- sätzliche Einsichten in der Rückschau auf seine Er-
ser Diskurs Teil eines systematisch aufgebauten Phi- kenntnislehre als auch in der Vorausschau auf seine
losophems ist. Arthur Schopenhauer hat zwar im Ethik möglich werden. Die Stimmigkeit des Systems
dritten Buch seines Hauptwerks und in den späteren hängt wesentlich von diesen Bezügen ab, denn Scho-
Ergänzungen hierzu, also in einem umfangreichen penhauer vertritt eine organismische Konzeption
Teil seines Systems, die Kunst behandelt – die Künst- seines Systems, für die eigentlich nur eine ganzheitli-
lerpersönlichkeit und die ästhetischen Eigenschaf- che Betrachtung angemessen wäre (s. Kap. II.2.2). In
ten –, aber der herkömmliche Name ›Ästhetik‹ für der Vorrede zur 1. Auflage seines Hauptwerks er-
die Behandlung dieser Gegenstände will in diesem klärt er, dass in diesem Werk in Wahrheit nur »ein
Fall nicht recht passen. Anders nämlich als in den einziger Gedanke« entwickelt werde, dessen Darstel-
meisten philosophischen Systemen wird hier die lung in Buchform allerdings notgedrungen die Rei-
›Ästhetik‹ nicht allein durch Hinwendung zu einem hung von Teilen erfordere, obwohl diese sich alle-
bestimmten weiteren Gegenstandsbereich motiviert, samt gegenseitig bedingten (vgl. W I, VIII).
dessen Behandlung auch fehlen könnte, weil er le- Trotz dieser selbstkritischen Überlegungen Scho-
diglich in einem additiven Verhältnis zum übrigen penhauers scheint doch die Mittelstellung der ›Äs-
System steht und dieses nicht modifiziert. Die unei- thetik‹ mit der Darlegung der eigentlichen, tiefsten
gentlich so genannte ›Ästhetik‹ in Schopenhauers und wahrhaftesten Erkenntnis, nämlich der Schau
Werk ist aus der Sicht des Autors vielmehr eine »Me- der Ideen, überzeugend gewählt, denn von hier aus
taphysik des Schönen« (VN III, 37; W II, 331 u. ö.), gibt es die stärksten Ausstrahlungen in alle Richtun-
die kein Additum des übrigen Systems ist, sondern gen des Systems, das ja auf der Überzeugung ruht,
dessen integraler, unabdingbarer Bestandteil, ohne dass der vorzutragende »einzige Gedanke« inhaltlich
den weder die Erkenntnislehre noch die Ethik dieses lauten kann: »Die Welt ist die Selbsterkenntniß des
Philosophen hinreichend verstanden werden kön- Willens« (W I, 485). Es geht also überall um die For-
nen. men und Grade der Erkenntnisweisen der Welt. Die-
Schopenhauers Metaphysik des Schönen unter- ses systematische Interesse ist auch in Schopenhau-
steht, wie das Werk insgesamt, der totalisierenden, ers ›Ästhetik‹ vorherrschend, ohne eine Geringach-
systembildenden Fragestellung: Was ist diese Welt? tung der vielen ästhetischen Einzelbeobachtungen
Was ist das Wesen der Welt? Durch die Beantwor- daraus folgern zu müssen.
tung dieser Frage von Seiten der Kunst und des Schopenhauers Philosophie ist durch eine beson-
Schönen erwartet sich Schopenhauer authentische, dere Hochschätzung der Anschauung gekennzeich-
folgenreiche Beiträge. In Hinsicht auf den metaphy- net. Im Begriff ›Anschauung‹ zielt sie sowohl auf die
sischen Ansatz erweist sich Schopenhauer als ein Methode des Anschauungserwerbs wie auch auf den
Spätberufener inmitten der arbeitsteiligen wissen- gewonnenen Gegenstand, das Anschauliche oder
schaftlichen Forschung des 19. Jahrhunderts. Das das zur Anschauung Gebrachte. Es versteht sich,
heißt aber nicht, dass Schopenhauer die einzelwis- dass das Konzept der Anschauung für die ›Ästhetik‹
senschaftliche Forschung in ihrer Bedeutung unter- von besonderer Bedeutung ist, und so sind schon
schätzt. Er sieht ihre Fruchtbarkeit vor allem dann, Schopenhauers Äußerungen hierzu in seiner Er-
wenn sie sich der Erfassung der Wirklichkeit auf kenntnis- und Wissenschaftslehre aufschlussreich
dem Weg der Anschauung nähert, wie dies bei Goe- für die später in der ›Ästhetik‹ zu erörternde Funk-
the der Fall war (s. Kap. III.9). Unter Anschauung tion der ›reinen Anschauung‹. Es ist wichtig, dass die
versteht Schopenhauer mehr als die bloße Wahrneh- als fundamental anzusetzende Tätigkeit der An-
mung. Er unterstellt einen anschauenden Verstand, schauung, schon als empirische Anschauung, nicht
der die Wahrnehmung bereits deutend verarbeitet in der bloßen Hinnahme des Angeschauten liegt,
(s. Kap. II.2.3). Die Wissenschaften tun dies gemäß sondern bereits in der Anwendung von und der Sen-
62 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

sibilität für die Strukturen des Wirklichen. Es geht dens der Kreaturen, nicht in begrifflicher Argumen-
dabei um das Erkennen eines an ihm selbst nicht tation über ihren Zustand oder in Regeln der Moral.
sinnlichen Gestaltungsmoments, nämlich der Kau- Der Vorrang der Anschauung vor dem begriff-
salität, deren Auffassung die Anschauung, d. h. der lichen Denken, wie ihn Schopenhauer in seiner
anschauende Verstand, a priori mächtig ist. Dies Erkenntnislehre und Ethik vertritt, erhält seine Be-
führt Schopenhauer zu dem Grundsatz: »Alle An- kräftigung und Bewährung im vollen Sinne in der
schauung« ist »intellektual« (W I, 13) und bereitet ›Ästhetik‹, denn hier wird das Schöne als eine ›Er-
darauf vor, in der Metaphysik des Schönen von der kenntnisart‹ bestimmt, aber nicht als irgendeine
Erkenntnis der Ideen durch die reine Anschauung Form der Erkenntnis, sondern als die tiefste Art des
zu erfahren. Auch die Ideen können als strukturbil- Erkennens, nämlich als reine Anschauung des We-
dende Faktoren der Wirklichkeit verstanden werden sens oder der Idee der Dinge. Damit kommt der ݀s-
und sich Schopenhauer zufolge in der reinen Kon- thetik‹ im Systemganzen eine ungewöhnlich hohe
templation zeigen. Bedeutung zu, denn sie findet Schopenhauer zufolge
Im ersten Buch seines Hauptwerks betont Scho- auf dem Weg eines anschauungsbezogenen Philoso-
penhauer den originären, authentischen und ver- phierens den Schlüssel zum gesuchten Wesen der
lässlichen Charakter der Anschauung und kontras- Dinge.
tiert ihn mit der Abkünftigkeit der Begriffe, die je-
den möglichen Gehalt aus der Anschauung herleiten
müssten (vgl. W I, 41). Während dies hier noch Die Idee als ›Hauptgegenstand‹
klingt wie die Anerkennung der Anschauung als von Schopenhauers ›Ästhetik‹
Fundament wissenschaftlicher Redlichkeit, wie sie
der Empirist David Hume gefordert hat, weisen an- Aus Schopenhauers Willensmetaphysik (s. Kap.
dere Äußerungen schon deutlich auf den Selbstwert II.2.4) geht hervor, dass der natürlicherweise vom
der Anschauung und die Überlegenheit der An- Willen bestimmte Mensch kaum eine Chance hat,
schauung über die Reflexion hin. In der Vorweg- der Anschauung um ihrer selbst willen nachzuge-
nahme des emphatischen Konzepts der Anschau- hen. Er verharrt für gewöhnlich nur so lange bei der
ung, das Schopenhauer in der Metaphysik des Schö- Anschauung, als es ihm um die Auswahl der Gegen-
nen entwickelt, erklärt er in seiner Erkenntnislehre: stände seines Begehrens geht oder um die Feststel-
»Die Anschauung ist sich selber genug; daher was lung der Relationen unter den Dingen. Ein rein ob-
rein aus ihr entsprungen und ihr treu geblieben ist, jektives Interesse an dem in der Anschauung Gege-
wie das ächte Kunstwerk, niemals falsch seyn, noch benen liegt fast allen Menschen fern, »weil ihr
durch irgend eine Zeit widerlegt werden kann denn Erkennen immer an den Dienst des Willens gebun-
es giebt keine Meinung, sondern die Sache selbst« den bleibt« (VN III, 95 f.). Diese Abhängigkeit des
(W I, 41 f.). Die Anschauung soll also nicht nur die Intellekts von den Willensregungen des Menschen
Quelle aller Erkenntnis, sondern, als reine Anschau- führt Schopenhauer darauf zurück, dass entwick-
ung, sogar selbst die Erkenntnis schlechthin sein lungsgeschichtlich betrachtet der Intellekt als ein In-
(vgl. W II, 83), wie Schopenhauer in dem späteren strument des Willens aus diesem selbst hervorge-
Zusatz zum ersten Buch seines Hauptwerks aus- gangen sei, um die Bedürfnisse des Willens leichter
führt. zu befriedigen. Eine der Schwierigkeiten in Scho-
Damit erfährt der emphatische Begriff der An- penhauers System liegt darin zu verstehen, dass sich
schauung seine Bewährung wesentlich in der ›Äs- in besonderen Fällen der Intellekt dennoch vom
thetik‹, d. h. der Metaphysik des Schönen. Schopen- Willen emanzipieren kann. Schopenhauer erklärt
hauer selbst weist darauf hin, dass auch seine Ethik dies mit der Vorstellung eines Überschussphäno-
von der hier maßgeblich entwickelten Konzeption mens: Bestimmte Individuen sind von Natur aus mit
der Anschauung ausgeht und betont, dass »die Er- einem solchen Grad an Intellekt, bzw. ›Gehirnkraft‹,
kenntniß, aus welcher die Verneinung des Willens ausgestattet, dass nur ein Teil davon zur Dienstbar-
hervorgeht, eine intuitive ist und keine abstrakte« keit am Willen benötigt wird. Ein »Ueberschuß der
(W I, 453). Nur eine solche sei auch in der Lage, un- Erkenntniß wird nun frei« (VN III, 68) und ermög-
mittelbar die entsprechende Tat oder Verhaltens- licht die Abwendung vom willensbestimmten Ich
weise auszulösen (vgl. W II, 83). Auch das ethisch so und die völlige Hingabe an das zu erkennende Ob-
bedeutsame Gefühl des Mitleids gründet in der An- jekt. Schopenhauer sieht hierin das Kennzeichen der
schauung, d. h. in der intuitiven Erkenntnis des Lei- Genialität. Er nennt sie »die Fähigkeit, sich rein an-
2.5 Ästhetik 63

schauend zu verhalten, sich in die Anschauung zu nen ersten Ansatz des Willens dar, sich selbst Objekt
verlieren und die Erkenntniß, welche ursprünglich werden zu können, dies aber noch, ohne sich in
nur zum Dienste des Willens da ist, diesem Dienste Raum und Zeit auslegen zu müssen, sondern nur in
zu entziehn« (W I, 218 f.). Diese geniale Begabung unbewegte Prägeformen, die je für bestimmte Stufen
beobachtet Schopenhauer bei den Künstlern und der Objektivation des Willens maßgeblich sein sol-
den großen Philosophen. Trotz der unterschiedli- len. Die Entäußerung des Willens bleibt also hier
chen Darstellungsmittel von Kunst und Philosophie noch im Formalen, Ungegenständlichen. Schopen-
unterstellt Schopenhauer ein beide Disziplinen aus- hauer nennt sie die adäquate Objektität des Willens
zeichnendes Erkenntnisverfahren. Er erklärt, dass je nach den Stufen seiner Bewusstwerdung. Diesen
»die Fähigkeit zur Philosophie eben darin besteht, objektiven Gesichtspunkt der Idee entwickelt Scho-
worein Plato sie setzte, im Erkennen des Einen im penhauer in seiner Metaphysik des Willens. Da aber
Vielen und des Vielen im Einen« (W I, 98) und dies in jeder Erkenntnis eine Korrelation von Subjekt
bei Schopenhauer wie bei Platon mit deutlichem und Objekt herrschen muss und die Ideen erkannt
Vorrang des Einen vor dem Vielen. werden, wenn auch nur von den genialischen Men-
Es zeigt sich in Schopenhauers ›Ästhetik‹, dass die schen, so bedarf es einer Auffassungsmöglichkeit
hier beschriebene »Fähigkeit zur Philosophie« auch des Subjekts für diese anschaulichen, aber nicht un-
die Fähigkeit der Kunst ist; nur verfolgt sie das ge- mittelbar sinnlichen Formen, die Schopenhauer als
meinsame Ziel mit anderen Methoden. Auch der die platonischen Ideen bezeichnet.
Philosoph muss wie der Künstler in der Lage sein, ei- Diese Auffassung nennt Schopenhauer die reine
nen Reichtum an Anschauungswissen zu erwerben oder ästhetische Kontemplation. Gemeint ist eine
und in der reinen Anschauung das Eine (die Idee) solche Steigerung und Intensivierung der Anschau-
im Vielen zu erkennen. Sowohl das Eine wie das ung bei der Betrachtung von Naturdingen, dass das
Viele überträgt er als Philosoph in abstrakte Begriffe, Objekt das Bewusstsein so völlig einnimmt, dass das
während der Künstler dazu fähig ist, die in reiner Subjekt mit ihm in geradezu mystische Vereinigung
Anschauung erfasste Idee in einem sinnlichen Ge- gelangt, mit ihm Eins wird und sein Selbst, d. h. sei-
bilde zur Darstellung zu bringen. Dies kann aus nen Willen, darüber vergisst. Der Motor für diese
Schopenhauers Sicht umso eher gelingen, als in sei- Intensivierung der Anschauung ist Schopenhauer
nem Konzept der Idee ein anschauliches Allgemei- zufolge das rein objektive Interesse, eine Erkenntnis-
nes gedacht ist, das im platonischen Sinn das Urbild intensität, die den genialen oder zumindest kongeni-
vieler möglicher Abbilder ist. Daher fügt Schopen- alen Menschen vorbehalten ist und stets nur auf Au-
hauer dem Begriff der Idee fast überall das Prädikat genblicke gelingt, in denen alles subjektive Interesse
›Platonisch‹ bei und vertraut dabei auf das rechte, und das willentliche Verfolgen eines Ziels verab-
d. h. ursprüngliche Verständnis von idea und eidos schiedet ist. In diesen Augenblicken entspricht das
als schaubare Gestalt. Damit wird die umgangs- rein erkennende Subjekt, das seinen Willen aufkün-
sprachliche Verflachung des Ausdrucks ›Idee‹ abge- digt und sein Erkennen nicht mehr nach dem Satz
wehrt, aber auch jegliche Nähe der Idee zum Begriff vom Grund ausrichtet, indem es der Idee gewahr
vermieden. Die hohe Bedeutung des Ideenkonzepts wird, nicht mehr dem Individuum, sondern »ist rei-
betont Schopenhauer, wenn er erklärt: »Die Platoni- nes, willenloses, schmerzloses, zeitloses Subjekt der
sche Idee« mache den »Hauptgegenstand des dritten Erkenntniß« (W I, 210 f.). Dies ist Schopenhauer zu-
Buchs« (W I, 48), also der ›Ästhetik‹ aus. Mit diesen folge nur dadurch möglich, dass »durch die Kraft des
Worten weist Schopenhauer schon im ersten Buch Geistes gehoben«, der in reiner Kontemplation Be-
auf den Gegenstand voraus, durch den sein Argu- findliche »die ganze Macht seines Geistes der An-
ment über die Sonderstellung der Anschauung erst schauung hingiebt« (W I, 210). Die Ausführungen
völlig eingelöst werden soll. Schopenhauers zu diesem außergewöhnlichen Er-
Schopenhauer nimmt für seine Ausdeutung der eignis der Selbstüberwindung und des Sich-Offen-
platonischen Idee in Anspruch, sie nicht zu mystifi- barens der Idee oder des Typus einer Klasse von
zieren und sie nicht auf dogmatische Weise als eine Dingen sind von solcher stilistischer Eindringlich-
transzendente Entität zu veranschlagen. Sie ist viel- keit, dass sie sich von selbst als die Schlüsselpassage
mehr Vorstellung, wenngleich das empirische Wis- der ›Ästhetik‹ darbieten und den Vorrang des meta-
sen überschreitend. Wenn man Schopenhauers me- physischen vor dem ästhetischen Interesse des Au-
taphysischer Hypothese folgt, der Weltprozess sei die tors bezeugen. Zugleich bewährt sich die früher
Selbsterkenntnis des Willens, so stellen die Ideen ei- schon behauptete Vorrangstellung der Anschauung
64 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

vor der Begriffsarbeit, indem die in der Erkenntnis- Der Doppelaspekt des Schönen und das
lehre festgestellte Intellektualisierung der Anschau- Verhältnis von ›Ästhetik‹ und Hermeneutik
ung hier zur Vergeistigung der Anschauung im
Sinne mystischer Schau gesteigert wird. Der in jeder philosophischen Ästhetik zentrale
Schopenhauers Metaphysik (und seine Lebenser- Begriff des Schönen lässt sich in Schopenhauers
fahrung) lehrt die strikte Korrelation von Willensbe- ›Ästhetik‹ erst im Anschluss an seine Ideenlehre
stimmtheit und Leiden. Wenn in der ästhetischen terminologisch genau entwickeln. So ist auch Scho-
Kontemplation wenigstens auf Zeit eine Aufhebung penhauers Entscheidung, das dritte Buch seines
der Willensherrschaft über den Menschen erreicht Hauptwerks wie auch die zugehörige Vorlesung als
werden kann, so erfährt sich das rein erkennende »Metaphysik des Schönen« zu bezeichnen, wohl be-
Subjekt zugleich als »schmerzlos« und ohne Be- gründet, denn zunächst muss die Möglichkeit der
dingtheit durch die Zeit. Dieser, einer Erlösung reinen ästhetischen Betrachtung mit der in ihr er-
gleichkommende Zustand, in dem sich die Idee als möglichten Schau der Ideen vorgetragen werden,
Wesen des Dinges »offenbart«, hat mit seinen Mo- wenn Schopenhauers Bestimmung des Schönen ver-
menten der Befreiung und des Heilbringens eher ständlich werden soll.
Verwandtschaft mit religiöser Erfahrung als mit der Schopenhauer lässt nicht nur in seiner Erkennt-
traditionellen Vorstellung von ästhetischem Genuss nislehre, sondern auch in seiner ›Ästhetik‹ die Posi-
an der gegebenen sinnlichen Qualität der Dinge. In tion der kritischen Transzendentalphilosophie Kants
der Tat führt Schopenhauer die aus der ästhetischen wirksam werden. Eine Bestimmung des Schönen ›an
Kontemplation hervorgehende »Freude« auch pri- sich‹ ist daher unmöglich geworden. Sowohl Kant
mär auf die Entlastung vom Willensdruck zurück wie Schopenhauer sehen im Schönen oder in der
und auf die befreiende Erkenntnis der Ideen, die das Schönheit nicht länger eine Zuschreibung von dog-
wahrhaft Seiende bedeuten. Unter dieser Entlastung matisch bestimmbaren Eigenschaften an Produkte
tritt »Ruhe im Anschauen, Befriedigung in der Ge- der Kunst oder der Natur. Vielmehr muss die Fähig-
genwart« ein (W I, 411), also ein Zustand, der nor- keit des Subjekts zur Empfindung und Wertung des
malerweise durch die Begehrungen und das Strebe- Schönen mit veranschlagt werden. In dieser Forde-
verhalten des Willens vereitelt wird. Schopenhauer rung vereinen sich aus Schopenhauers Sicht tran-
weist auf das Außergewöhnliche der ästhetischen szendentale und hermeneutische Voraussetzungen
Kontemplation hin, das darin besteht, dass ein vom für die Schönheitserfahrung. Kant hatte die Subjek-
Willen Abkünftiges, der Intellekt (das Akzidenz), die tivierung des Schönen schon so weit vorangetrieben,
Herrschaft über das Grundständige, den Willen (die dass er in seiner Kritik der Urteilskraft sagen konnte:
Substanz) gewinnt. Das Ungewöhnliche dieser Bege- »Schönheit ist kein Begriff vom Objekt« (KdU, § 38,
benheit erklärt ihre Seltenheit. Systematisch hoch 152 Anm.). Für Schopenhauer hat das Schöne dage-
bedeutsam ist Schopenhauers Feststellung, dass der gen sowohl eine subjektive wie auch eine objektive
Zustand der ästhetischen Kontemplation eine »Ana- Voraussetzung. Während Kant das Schöne als Aus-
logie und sogar Verwandtschaft« mit der »Vernei- weis des begriffslosen Wohlgefallens anlässlich re-
nung des Willens« (W II, 422) aufweist. Hier ergibt flektierender Beurteilung und Schätzung von Din-
sich ein Erklärungsmoment für das in Schopenhau- gen der Natur und der Kunst dargelegt hatte, bei de-
ers Ethik behandelte Verhältnis von Erkenntnis und nen allenfalls eine Vorstufe der Erkenntnis, nämlich
Resignation und für die außergewöhnlichen Exis- deren subjektive Komponenten als eine »Erkenntnis
tenzen des Asketen und des Heiligen (s. Kap. II.2.6), überhaupt« zutage trat, erklärt Schopenhauer das
die sich in der Verneinung des Willens üben. Die Schöne als eine »ganz besondere Erkenntnißart«
hohe ethische und genauer soteriologische Bedeu- (VN III, 38). Zu deren subjektiver Bedingung erläu-
tung der Möglichkeit willensreiner ästhetischer Be- tert Schopenhauer: »Indem wir einen Gegenstand
trachtung betont Schopenhauer im Rahmen seiner schön nennen, sprechen wir dadurch aus, daß er
Vorlesung über Die Metaphysik des Schönen, wenn er Objekt unserer ästhetischen Betrachtung ist« (W I,
erklärt: »Der Zustand des reinen völlig willenlosen 247). Zu dieser ästhetischen Kontemplation gehört,
Erkennens ist es auch ganz allein, der uns ein Bei- wie dargelegt, dass das Subjekt sich nicht mehr als
spiel giebt, von der Möglichkeit eines Daseyns, das Individuum bewusst wird, sondern sich zum willen-
nicht im Wollen besteht, wie unser jetziges« (VN III, losen reinen Subjekt des Erkennens verändert. Zu-
96). gleich wandelt sich auch das Objekt dieses Erkennt-
nisprozesses in der Weise, »daß wir im Gegenstande
2.5 Ästhetik 65

nicht das einzelne Ding, sondern eine Idee erken- genialen Landschaftsmaler und die Maler der Still-
nen. […] Denn die Idee und das reine Subjekt des leben setzt Schopenhauer deren absichtslose Hinwen-
Erkennens treten als nothwendige Korrelata immer dung zu den Naturdingen mit dem Verhalten der
zugleich ins Bewußtseyn« (W I, 247). Liebe, dem bedingungslosen Seinlassen des Gegen-
Wenn Schopenhauer in seiner Vorlesung erklärt: übers, gleich (vgl. W I, 257 ff.). In dieser Betrachtung
»Wir betrachten […] das Schöne als eine Erkenntniß ›sprechen‹ die Dinge und geben die ihnen zugrunde-
in uns, eine ganz besondere Erkenntnißart« (VN III, liegenden Ideen preis. Der Typus einer Gattung von
38), so ist nun deutlich geworden, dass die Erkennt- Dingen, d. h. das Charakteristische, wird dabei ge-
nisart eine intuitive, ganzheitliche Auffassung von stalthaft deutlich. Diese Anschaubarkeit des Wah-
etwas sinnlich Gegebenem ist, das aber nicht selbst ren, nämlich des Typischen der Entäußerung des
schon das erkannte Objekt ist, sondern in der reinen Willens auf einer bestimmten Stufe, ist für den
ästhetischen Anschauung quasi transparent wird Schauenden die Erkenntnis der Ideen, bzw. des
hinsichtlich des im äußeren Objekt sich auswirken- Schönen. Bei Erfüllung des subjektiv-objektiven Dop-
den Wesens oder der Idee. Die Erkenntnisart ist also, pelaspekts des Schönen können alle Dinge prinzipi-
kurz gefasst, ein Schauen der Ideen, und eben dies, ell schön sein, »denn in jedem Falle ist das Objekt
die Schaubarkeit der Idee, ist das Schöne. Das der ästhetischen Betrachtung nicht das einzelne
Schauen selbst ist der Modus des Erkennens der Ding, sondern die in demselben zur Offenbarung
Idee. strebende Idee« (W I, 246).
Schopenhauer betont in solchem Kontext, dass Schopenhauers Auffassung des Schönen lehnt
die Idee, von Zeit und Raum völlig enthoben, gleich- sich deutlich an die große Tradition neuplatonischer
wohl aber anschaulich sei, »denn nicht die mir vor- Schönheitslehre an, wie sie durch Plotin schon in der
schwebende räumliche Gestalt, sondern der Aus- Antike einsetzte, im christlichen Mittelalter mit der
druck, die reine Bedeutung derselben, ihr innerstes Theologie kompatibel gemacht wurde und in der
Wesen, das sich mir aufschließt und mich anspricht, italienischen Renaissance einen Höhepunkt durch
ist eigentlich die Idee« (W II, 247). Nach dieser Er- die Verbindung mit der Kunsttheorie erreichte.
läuterung wird Schopenhauers Charakterisierung Wenn Schopenhauer annimmt, dass die Schönheit
der ästhetischen Erkenntnis als »Erkenntniß in uns« der Dinge im Bereich von Natur und Kunst durch
besser verständlich. Die Rede vom »Ausdruck« der den möglichst reinen Ausdruck ihres Wesens, also
Idee, von ihrem Sich-Aufschließen und ihrem An- der Idee, gesteigert werde, so folgt er mit dieser Be-
spruch weist darauf hin, dass es sich bei dieser »Er- stimmung der Schönheit genau der neu-platoni-
kenntniß in uns« wesentlich um einen Verstehens- schen Idea-Lehre des Marsilio Ficino, eines führen-
prozess, weniger um eine punktuelle Einsicht han- den Vertreters des Neu-Platonismus der Renais-
deln muss. sance. Ficino formuliert in klarer Anlehnung an
Generell lässt sich in Schopenhauers Werk eine Plotin, die Schönheit sei die »deutlichere Ähnlich-
enge Beziehung zwischen Ästhetik und Hermeneu- keit der Körper mit den Ideen« (zit. bei Panofsky
tik beobachten. Auch wurde mit Bezug auf Schopen- 1960, 28, 92). Analog erklärt Schopenhauer diejeni-
hauer mit Recht von einer »hermeneutischen Ver- gen Dinge für besonders schön erscheinend, die ihre
schiebung der Philosophie« (Schubbe 2010, 43–49 u. zugrundeliegende Idee klar zum Ausdruck bringen,
passim) überhaupt gesprochen (s. Kap. IV.B.4). Trotz ihr also möglichst ähnlich werden. Daher kann er
der von Schopenhauer vollzogenen transzendental- auch sagen, das Schöne sei eine »Erkenntnißart«
philosophischen Wende ist die Erkenntnis nicht in (VN III, 38), denn die als schön wahrgenommenen
dem Maße als Konstruktion gedacht wie bei Kant, Dinge geben in reiner ästhetischer Anschauung ihr
sondern weitgehend als Prozess des Deutens, Verste- Wesen, d. h. die Idee, zu erkennen.
hens und Seinlassens auf der Grundlage empirischer Schopenhauers Metaphysik des Schönen lässt
und reiner Anschauung. In ausdrücklicher Anleh- deutlich werden, dass das Schöne keinen im engeren
nung an den Mystiker Jakob Böhme, der eine Art Sinn ästhetischen Eigenwert besitzt. Es hat seine
Natursprache veranschlagt, in der die Dinge ihre in- hohe Bedeutung vielmehr durch sein Erscheinen-
nere Gestalt offenbaren, geht Schopenhauer davon Lassen der Idee. So wird auch bei Schopenhauers
aus, dass der Naturprozess ein Darstellungsgesche- Einzelbeobachtungen über Kunstwerke einsichtig,
hen ist, einsichtig für diejenigen, die ihn in rein kon- dass er ihre Schönheit nach dem Grad des Aus-
templativer Anschauung betrachten. Am Beispiel drucks der in ihnen jeweils zur Darstellung gebrach-
der rein objektiven Betrachtung der Natur durch die ten Ideen bemisst, nicht nach Kunst- oder Schön-
66 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

heitsregeln irgendeiner Art. Schopenhauer verfährt Bewertung des Sinnlichen ist bei Schopenhauer das
bei der Konzeption des Schönen zwar undogma- ›Bedeutsame‹ an dem sinnlichen Material. Nur dort,
tisch, und auch in diesem Sinn nicht-ästhetisch, aber wo sein Ausdruck durch Artikulation Bedeutung ge-
nicht kriterienlos, denn das Kriterium des Schönen winnt, ist es auch in der Lage, die Idee zur Darstel-
ist die Anschaubarkeit des Wahren, des Wesens bzw. lung zu bringen. Das Ausdrucksverstehen sowohl an
der Idee der Dinge in Natur und Kunst. Schön sind Produkten der Natur wie an denen der Kunst veran-
die Dinge, deren Wesen klar hervortritt. Die große kert Schopenhauer letztlich in seiner Metaphysik des
Kunst kann die Offenbarung des Wesens durch die Willens: Sowohl der Naturbetrachter wie der Kunst-
ihr je eigenen Verfahren und Materialien befördern, kenner haben ein Gegenüber, das Objektivation des
über die aber allein das künstlerische Genie und Willens ist, so wie sie selbst »das Ansich der Natur,
nicht der Philosoph oder ›Kunstrichter‹ zu befinden der sich objektivierende Wille, selbst sind« (W I,
hat. Nach Schopenhauers eigenen Kriterien für das 262). Mit Bezug auf Empedokles weist Schopen-
metaphysisch gedeutete Schöne könnte Picassos hauer darauf hin, dass hier Gleiches von Gleichem
Guernica als schön bezeichnet werden, weil es das erkannt werde, ein Prinzip, das Schopenhauer von
Grauen des Krieges unmittelbar zur Anschauung seinem metaphysischen Ansatz her teilt, da er den
bringt und damit das Wesen der Kriege überhaupt Weltprozess als einen Prozess des Sich-selbst-Be-
erkennen lässt. Dem Kriegerischen schlechthin als greifens des Willens ansieht.
einer Naturmacht kann im Sinne Schopenhauers Für die Verschränkung von ›Ästhetik‹ und Her-
eine Idee zugesprochen werden als Wesensausdruck meneutik gibt Schopenhauer ein eindrucksvolles
des mit sich selbst entzweiten Willens oder als »un- Beispiel im Rahmen seiner Wissenschaftslehre. Den
vergängliche Gestalt« (W I, 578 f.) des als tragisch Verstehens- und Deutungscharakter anschauungs-
konzipierten Weltlaufs. gebundener Erkenntnis, wie sie in ästhetischer Be-
Nicht zuletzt bei der Vergegenwärtigung dieses trachtung vorliegt, erläutert Schopenhauer unter
oder ähnlicher Beispiele lässt sich fragen, was es mit anderem an dem Verfahren der Physiognomik. Er
der ›ästhetischen Freude‹ oder sogar dem ›Genuss‹ behandelt sie im Kontext seiner Kritik an der spezi-
bei der reinen ästhetischen Kontemplation auf sich fischen Beschränkung begrifflicher Erkenntnis, die
hat. Mancher Interpret der Philosophie Schopen- er vom Erkennen durch Anschauung absetzt, bei
hauers sieht in der Freude am Schönen, die Scho- dem es um die Erkenntnis der »signatura rerum«
penhauer hervorhebt, einen Widerspruch zu seiner und um »die feinen Modifikationen des Anschauli-
pessimistischen Grundhaltung, die doch eigentlich chen« (W I, 67) gehe. Am Beispiel der Deutung des
jede Affirmation des Bestehenden ausschließe (vgl. Ausdrucks eines menschlichen Antlitzes wird Scho-
Schmidt 2005, 11, 17). Schopenhauer erklärt, dass penhauers Gewichtung nichtbegrifflichen Erken-
die »ästhetische Freude […] der Hauptsache nach, nens, hier des Ausdruck-Verstehens, deutlich. Die
ganz im subjektiven Grunde des ästhetischen Wohl- Physiognomik liefert wie die ›Ästhetik‹ Beispiele für
gefallens wurzelt und Freude über das reine Erken- die enge Beziehung von Schönheit und Erkenntnis.
nen und seine Wege ist« (W I, 236). Diese Erkennt- In einer Anmerkung, die Schopenhauer über den
nisfreude ist eine intellektualisierte Freude, bei der Erkenntnisgewinn der Physiognomik macht, die für
man kaum mehr von Empfindung sprechen kann, ihn eine Mittelstellung zwischen Wissenschaft und
denn das reine Subjekt der ästhetischen Kontempla- Metaphysik einnimmt, charakterisiert er die in ei-
tion ist sich seines Leibes nicht mehr bewusst. Scho- nem menschlichen Antlitz aufscheinende Schönheit
penhauer konzipiert offensichtlich einen Intellekt, »als Angemessenheit zu dem Typus der Menschheit«
der nicht in purer Ratio aufgeht, sondern so etwas (W I, 68 Anm.). Hier bestätigt sich für Schopen-
wie ein Selbstgefühl besitzt. Entscheidend ist für hauer die Konzeption des Schönen als Anschaubar-
Schopenhauer, dass es bei der ästhetischen Freude keit des Wahren, hier des wahren, alle menschlichen
um die Freude an der Erkenntnis, nicht um die Individuen prägenden Typus. Das Schöne erweist
Freude an sinnlicher Brillanz oder technischer Per- sich als Anschauung eines Allgemeinen mit Hilfe ei-
fektion als solcher geht, wie unter anderem aus sei- ner individuellen Erscheinung, die zum Repräsen-
nen Bemerkungen über gewisse Auswüchse der Still- tanten der Idee geworden ist und damit als schön
lebenmalerei der Niederländer hervorgeht. Wo die empfunden wird.
Opulenz des Sinnlichen einen Eigenwert präten- Schopenhauers terminologisch erarbeiteter Be-
diert, lehnt Schopenhauer das entsprechende Werk griff des Schönen ist allein anzuwenden auf die in
als unkünstlerisch ab. Ein Schlüsselbegriff für die reiner ästhetischer Kontemplation sich offenbarende
2.5 Ästhetik 67

Idee, d. h. auf die Schaubarkeit des Wahren, auf die günstige Vertheilung des Lichts und Schattens und
sich selbst im willensfreien Schauen anschaulich der Ton des ganzen Bildes« (W II, 481 f.). In anderen
präsentierende Erkenntnis. Damit wird ausgespro- Kunstgattungen lassen sich Äquivalente für diese
chen, dass die entscheidende Erkenntnis, nämlich Mittel zur Entfaltung des empirisch Schönen finden.
die des Wesens der Dinge, nicht aus einer willentli- Ihr Effekt ist »nicht das Wesentliche, aber das zuerst
chen Anstrengung, sondern aus der intensivierten und unmittelbar Wirkende« (W II, 482). Indem
Aufnahmebereitschaft und Hingabe des Menschen Schopenhauer dem empirisch Schönen eine propä-
hervorgeht, in deren Gefolge sich das Schöne plötz- deutische Funktion zuerkennt – es erleichtert das
lich, »mit Einem Schlage« (W I, 211), von ihm selbst Hineinfinden in die reine ästhetische Kontemplation
her auftut. Der Gedanke, dass das Schöne sich we- –, hat er einen theoretisch plausiblen Bezug zwi-
sentlich von ihm selbst her zeigt, ist eine wichtige schen dem metaphysisch-apriorisch Schönen und
Annahme in Platons Dialog Phaidros, auf den Scho- dem Schönen der Erfahrung hergestellt.
penhauer des Öfteren in seinem Werk hinweist. In Der späte Schopenhauer hat sich nicht gescheut,
diesem Dialog wird ein Mythos von der Ideenschau an die Etymologie des Ausdrucks ›schön‹ eine meta-
der menschlichen Seele vor ihrer Inkarnation er- physische Spekulation im Sinne seiner eigenen
zählt. In dem Reigen der Ideen, dem die Seele zu- Theorie anzuschließen: »›Schön‹ ist, ohne Zweifel,
schaut, wird die Idee der Schönheit als die »Hervor- verwandt mit dem Englischen to shew und wäre
leuchtendste« (250 c-e) bezeichnet, wodurch auch in demnach shewy, schaulich, what shews well, was
allen schönheitlichen Gebilden das Schöne »durch sich gut zeigt, sich gut ausnimmt, also das deutlich
den deutlichsten unserer Sinne« [durch das Auge] hervortretende Anschauliche, mithin der deutliche
vermittelt werde (ebd.). Das Schöne befördert also Ausdruck bedeutsamer (Platonischer) Ideen« (P II,
offensichtlich die Schau der Ideen, sofern es um die 451).
sichtbaren Dinge geht. Die Überzeugung, dass das Die zweite üblicherweise zentrale Kategorie der
empirisch Schöne den Weg zur Erfassung der Ideen Ästhetik, das Erhabene, erfährt im Vergleich zum
erleichtert, findet sich auch in anderen Dialogen Pla- Schönen bei Schopenhauer eine recht knappe Be-
tons, nicht zuletzt im Symposion. Für Schopenhauer handlung. Das liegt nicht an einer Geringschätzung
ist dieser Gedanke in dem Moment ausschlag- dieser Empfindung im Gefolge der reinen ästheti-
gebend, in dem man sich fragen muss, in welchem schen Betrachtung als vielmehr an der weitgehenden
Verhältnis der strenge, apriorische Begriff des Schö- systematischen Äquivalenz der subjektiven Seite die-
nen zum ästhetischen Prädikat ›schön‹ bzw. zu den ses Zustands sowohl beim Schönen wie beim Erha-
umgangssprachlichen Gebrauchsweisen von ›schön‹ benen. In beiden Fällen kommt es bei der reinen äs-
steht. In Schopenhauers Einzelbeobachtungen über thetischen Kontemplation zu einer Selbstüberwin-
Naturerscheinungen oder Kunstwerke werden diese dung, d. h. zu einem Ausschalten jeder Bedrängung
gebräuchlichen Versionen von ›schön‹ reichlich an- durch den Willen und zu der vollen Konzentration
gewandt. Es ist offensichtlich, dass die Macht der auf das rein Objektive bei der Betrachtung des Ge-
Umgangssprache auch in den ästhetischen Diskurs genstands. Eine Differenz bei den beiden Empfin-
hineinreicht. Schopenhauer belässt es jedoch nicht dungsqualitäten tritt jedoch dadurch ein, dass es
bei einem beziehungslosen Nebeneinander von ter- sich beim Erhabenen um solche Gegenstände han-
minologisch bestimmtem Schönheitsbegriff und delt, die das Wollen bzw. das Nicht-Wollen unmittel-
den vortheoretisch verwandten Begriffen des Schö- bar herausfordern, sei es durch Bedrohung der leib-
nen. Am Beispiel der Malerei erörtert er eine »unter- lichen Unversehrtheit oder starker Einwirkung auf
geordnete Art der Schönheit« (W II, 482), die dazu das Affektleben des Menschen, wie es beim Trauer-
geeignet sei, den Betrachter durch spezifische Mittel spiel der Fall sein kann. Es muss also bei scheinbar
der Malkunst leichter in den Zustand der reinen wil- überwältigenden Natureindrücken wie auch Dar-
lenlosen Kontemplation gelangen zu lassen. Wenn- stellungen der Kunst die ästhetische Distanz gewahrt
gleich Schopenhauer hier von einer »untergeordne- werden können, was beim Erhabenen einer gewissen
ten Art« des Schönen spricht, weil es nicht schon Anstrengung und stärkerer Selbstkontrolle bedarf,
Resultat der Ideenschau ist, so billigt er diesen künst- bei der der allgemeine Willensanspruch, dem der
lerischen Mitteln der Malerei durchaus »eine davon Mensch qua leiblichem Wesen ausgesetzt ist, stets im
unabhängige und für sich gehende Schönheit zu« Bewusstsein bleibt, während beim Schönen die »un-
(W II, 481). Beispielhaft sind ihm die »Harmonie tergeordnete Art« des empirisch wahrgenommenen
der Farben, das Wohlgefällige der Gruppierung, die Schönen den Betrachter fast »unmerklich« in den
68 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

Zustand ästhetischer Betrachtung hinüberleitet und gründung der Möglichkeit und Wirklichkeit der
der Willensdruck völlig aus dem Bewusstsein weicht Kunst ist nur von ihren genialen Schöpfern und der
(vgl. W I, 238). Schopenhauer beschränkt sich auf genialischen Rekonstruktion ihres Schaffens zu er-
eine relativ kurze Erörterung des Erhabenen, weil warten. Nur dies lässt die ›innere Bedeutsamkeit‹ der
dasjenige, was ihn aus systematischen Gründen inter- Kunst und der Kunstproduzenten erkennen und be-
essiert, nämlich die Möglichkeit der reinen ästhe- haupten. Schopenhauer selbst traut sich diese genia-
tischen Kontemplation, bei beiden Empfindungen lische Rekonstruktion zu und ist durch intuitives Er-
gleichartig begründet werden kann. Entscheidend kennen davon überzeugt, dass der sich selbst be-
ist in beiden Fällen das Sich-über-den-Willen-Erhe- wusst werdende Wille im Künstler und dessen
ben-Können, das einmal fast unbewusst, das andere Kreationen eine entscheidende hohe Stufe seiner
Mal bewusst vollzogen wird. In der ästhetischen Li- Objektivation oder Selbsterkenntnis erreicht, weil es
teratur vor Schopenhauer, vor allem im angelsächsi- hier um die Erkenntnis und Darstellung (oder Mit-
schen Bereich (Burke, Hutcheson, Hume) und auch teilung) der unmittelbaren Objektität des Willens,
bei Kant hat man sich noch viel mehr für die psycho- nämlich der Ideen geht.
logische Differenz beider ästhetischer Gefühle inter- Das oben so rigoros, weil ausschließlich auf diese
essiert, insbesondere auch für die zwiespältige Ge- Weise bestimmte Ziel der Kunst scheint sie auf die
fühlslage beim Erhabenen. immer gleiche Aufgabe, nämlich die Darstellung der
selbst zeitlosen Ideen zu verpflichten. Kann die Kunst
dann überhaupt etwas anderes als Traditionspflege
Die Kunst und die Künstlerpersönlichkeit sein? Kann das Neue, das uns im Leben begegnet,
überhaupt für sie zum Gegenstand werden? Scho-
Unter Schopenhauers zahlreichen Charakterisierun- penhauers Antwort hierauf könnte lauten, dass es bei
gen der Kunst findet sich eine Bestimmung geradezu den eigentlichen Gegenständen der künstlerischen
rigoristischer Art. Ihr voran steht nicht von ungefähr Darstellung, die ja zeitenthoben sind, in der Tat kein
ein knappes Resümee über die Erkenntnismöglich- Neues geben kann, wohl aber bei den Darstellungs-
keit der Wissenschaften mit dem Fazit, dass sämt- mitteln und Methoden, die das Schauen der Idee er-
liche ihrer Disziplinen mit den verschiedenen Ge- möglichen und erleichtern sollen. Vor allem bei der
staltungen des Satzes vom Grunde operieren und Auswahl des empirisch Schönen, das als idealer Re-
hierbei allein bei den Erscheinungen und deren Re- präsentant seiner Gattung die Idee aufscheinen las-
lationen verbleiben. Zum Wesentlichen der Welt, sen soll, ist eine größtmögliche Vielfalt denkbar.
den Ideen, finden sie mit ihrem Erkenntnisverfah- In Schopenhauers Definitionsversuch wird die
ren keinen Zugang. Kunst als »Werk des Genius« bezeichnet. Was aber
Gegen dieses Versagen der Wissenschaften stellt ist Genialität abgesehen davon, dass sie angeboren
Schopenhauer die als höherrangig erachtete Er- ist? Zur weiteren Erläuterung führt Schopenhauer
kenntnisart, die zur Betrachtung des wahren Gehalts aus, Genialität sei »nichts Anderes, als die vollkom-
der Erscheinungen, dem Wesentlichen der Welt vor- menste Objektivität« (W I, 218). Das »rein objektive
dringt und es zur Darstellung bringt: »Es ist die Interesse« wurde von Schopenhauer schon zur Er-
Kunst, das Werk des Genius […] Ihr einziger Ur- klärung der Möglichkeit der reinen ästhetischen
sprung ist die Erkenntniß der Ideen; ihr einziges Ziel Kontemplation vorgestellt und als außergewöhnli-
Mittheilung dieser Erkenntniß« (W I, 217). Zum ei- che und seltene Eigenschaft der Menschen bezeich-
nen verleiht die Gegenstellung zur Wissenschaft der net. Das völlige Aufgehen des Subjekts in der Be-
Kunst ein Moment des Reaktiven, das ihre Selbstän- trachtung seines Gegenstands, das völlige Verges-
digkeit einschränkt, zum andern schaltet Schopen- senkönnen der Willensbestimmtheit des Menschen
hauers rigoristische Definition von Ursprung und waren ebenso plötzlich wie selten sich ereignende
Ziel jede Bedeutung der Geschichtlichkeit der Kunst Zustände, die nicht unbedingt zu kreativen Hand-
aus. Selbstverständlich ist sich Schopenhauer be- lungen führten. Das Genie dagegen sieht Schopen-
wusst, dass dasjenige, was in der Neuzeit Kunst ge- hauer dadurch ausgezeichnet, dass es »eben in der
nannt wird, auch andere Funktionen erfüllt hat als überwiegenden Fähigkeit zu solcher Kontempla-
die in seiner Definition dekretierte. Die geschichtli- tion« (W I, 218) besteht. Es löst die Erkenntnis völlig
che Entwicklung erreicht aus Schopenhauers Sicht vom Dienst des Willens ab, ist sich seiner Persön-
jedoch nur eine ›äußere Bedeutsamkeit‹ und bleibt lichkeit nicht mehr bewusst, sondern wird zum »rein
den Zufällen unterworfen. Eine verbindliche Be- erkennenden Subjekt«, bzw. »klaren Weltauge«. Was
2.5 Ästhetik 69

aber für den Künstler, bzw. das Genie, das Entschei- Schilderungen des Naturschönen, die geradezu das
dende ist: Dies geschieht »nicht auf Augenblicke: vollkommen Schöne feiern.
sondern so anhaltend und mit so viel Besonnenheit, Mit der Aufgabe des Künstlers zur Darstellung
als nöthig ist, um das Aufgefaßte durch überlegte der Ideen ergibt sich für den Interpreten das Pro-
Kunst zu wiederholen« (W I, 219). Es wird deutlich, blem, Schopenhauers Position in Bezug auf die tra-
dass beim Genie schon in der ästhetischen Kontem- ditionelle Mimesis-Konzeption zu klären. Obgleich
plation ein kreativer Impuls ausgelöst wird, der da- sowohl Schopenhauer wie zuvor schon Kant den
nach verlangt, die reine Anschauung bis zur Reife ei- Künstlern Genialität zusprechen, folgert Schopen-
ner, wenn auch noch vagen, Vorstellung der Wieder- hauer nicht ebenso wie Kant hieraus die völlige Ab-
gabe des Geschauten auszudehnen. lehnung des Mimesis-Konzepts für die künstlerische
Der von Schopenhauer reklamierte »einzige Ur- Produktion. Kant hatte erklärt: »Darin ist jeder-
sprung« der Kunst liegt in dieser genialischen Kon- mann einig, daß Genie dem Nachahmungsgeiste
templation mit der Erkenntnis der Ideen. Zum ein- gänzlich entgegenzusetzen sei« (KdU, § 47, 161). So-
zigen Ziel der Kunst erklärt Schopenhauer die fern es bei der Nachahmung um imitatio geht, ist
»Mittheilung« dieser Erkenntnis. Bei der Verfolgung Schopenhauer gleicher Meinung. Seinen Unmut
dieses Ziels stellen sich jedoch etliche Probleme ein, hierüber drückt er durch die Kritik an der Wachs-
die dem Rezipienten von Schopenhauers Kunsttheo- bildnerei aus. Das pure Nachbilden der individuel-
rie Verständnisschwierigkeiten bereiten können. Es len äußeren Form führt im Effekt zum Grauen über
stellt sich die Frage, mit welcher Art künstlerischer die leichenhaften Figuren, die aus diesem Prozess
Tätigkeit der Schritt von der kontemplativen Auf- hervorgehen. Schopenhauer kennt jedoch eine
fassung der Ideen zu ihrer ›Übertragung‹ (dies sei Nachahmung höherer Ordnung, die sich nicht auf
eine möglichst neutrale Bezeichnung) in das Kunst- die individuelle Erscheinung der Naturdinge oder
werk vollzogen wird. Schopenhauer benutzt einen Artefakte bezieht, sondern auf die gestaltbildenden
ganzen Katalog von Ausdrücken, die diese Arbeit Ideen in den Gattungen des Seienden, deren Darstel-
des Künstlers bezeichnen sollen. Es ist unter ande- lung Schopenhauer als den Zweck der Künste an-
rem die Rede vom Wiederholen der zuvor aufgefass- sieht. Das tiefere Verständnis der künstlerischen Mi-
ten Ideen, vom Spiegeln, vom Mitteilen, vom Abbil- mesis, wie es sich bei Aristoteles und Thomas von
den und vom Darstellen. Die künstlerische Antwort Aquin findet, hatte das ars imitatur naturam ohne-
auf das Erlebnis der ästhetischen Kontemplation, zu hin nicht als bloße Nachbildung von Naturgegen-
der das Genie sich herausgefordert fühlt, steht unter ständen verstanden, sondern als methodische An-
der Bedingung, im Medium der Anschauung zu ver- leitung, so zu verfahren wie die Natur, die gewisse
bleiben, denn »die Ideen […] sind wesentlich ein Mittel zum Erreichen eines Zwecks einsetzt (vgl. Pa-
Anschauliches und daher, in seinen nähern Bestim- nofsky 1960, 22). In der Kunsttheorie des Mittelal-
mungen, Unerschöpfliches. Die Mittheilung eines ters wurde das Prinzip des ars imitatur naturam als
solchen kann daher nur auf dem Wege der Anschau- Nachahmung des Produktionsverfahrens der Natur
ung geschehen, welches der der Kunst ist« (W II, und nicht als Nachahmung von individuellen Gege-
466). benheiten verstanden. Fasst man die Ideen bei Scho-
Unter den von Schopenhauer angebotenen Be- penhauer einmal als generative Kräfte für die Erzeu-
griffen zur Bezeichnung der künstlerischen Produk- gung und Erkennbarkeit von Individuen einer be-
tion, die eine Konsequenz aus der ästhetischen Kon- stimmten Gattung auf (Schopenhauer spricht vom
templation ist, scheint der Begriff der Darstellung Urbild-Abbild-Verhältnis), so nimmt er das letztlich
am ehesten tauglich. Es geht darum, dem Geschau- auf Aristoteles zurückgehende Prinzip in einer pla-
ten in einem selbst geschaffenen Anschauungskon- tonistischen Variante auf. Das Modell einer Erkennt-
text eine erkennbare Existenz zu verschaffen, mit an- nis durch Abbildlichkeit verwendet Schopenhauer
dern Worten: solche sinnlichen Gebilde zu schaffen, in der Konsequenz seiner Hochschätzung der An-
die den zuvor geschauten Idealtypus klar zum Aus- schauung nicht nur für die Künste, mit Ausnahme
druck bringen. Aus Schopenhauers Sicht führt dies der Musik, sondern auch für die Philosophie: »Das
zu einer leichteren Auffassung der Ideen als dies un- ganze Wesen der Welt abstrakt, allgemein und deut-
ter äußeren Naturbedingungen der Fall wäre. Dass lich in Begriffen zu wiederholen, und es so als reflek-
damit bereits das Kunstschöne bei Schopenhauer ei- tiertes Abbild in bleibenden und stets bereit liegen-
nen höheren Rang einnähme als das Naturschöne, den Begriffen der Vernunft niederzulegen; dieses
sei hier nicht behauptet, denn es gibt in seinem Werk und nichts anderes ist Philosophie« (W I, 453).
70 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

Auch der Philosoph muss sich zunächst der An- terpreten Schopenhauers hier kein Problem, wohl
schauung hingeben, um das Wesen (die Ideen) der aber mit dem Erfordernis der Vernunft, um die pla-
Weltinhalte zu erfassen, muss aber dann, anders als tonische Idee zu konzipieren, nachdem in Schopen-
der Künstler, die Transponierung des Geschauten in hauers Erkenntnis- und Wissenschaftslehre die Ver-
den Begriff leisten. Die Kategorie des »reflektierten nunft fast bis auf das Niveau ihrer Unterbewertung
Abbilds«, mit dem der Philosoph sich des Wirklich- durch die Empiristen herabgewürdigt worden ist. Es
keitsbezugs seines Denkens versichert, könnte auch ist jedoch hilfreich, wenn man sich bei der obigen
für den Künstler eine Hilfsvorstellung für die Mög- Definition der Möglichkeit der platonischen Idee
lichkeit sein, das in der reinen Kontemplation Ge- klarmacht, dass es hier um eine ganz grundsätzliche
schaute zunächst zu bewahren und dann in eigener Strukturbestimmung der Idee gehen soll. Das an-
Produktion anschaulich zu machen. Das »reflek- schauliche Moment ist durch die Phantasie abge-
tierte Abbild« kann aus der von Schopenhauer im- deckt. Sie vertritt auch das potenziell Viele, in dem
mer wieder hervorgehobenen notwendigen Beson- die Idee sich verkörpern und ausdrücken kann; die
nenheit des Künstlers hervorgehen. Unter ›Beson- Vernunft, als Vermögen der Vereinheitlichung im
nenheit des Künstlers‹ versteht Schopenhauer unter Begriff, vertritt dagegen das Eins-Sein der Idee, wo-
anderem die Fähigkeit, »das Aufgefaßte durch über- bei die Vernunft offensichtlich auch das Einheitliche
legte Kunst zu wiederholen« (W I, 219), wobei der der Gestalt, nicht nur der Zahl, schätzen kann.
Begriff »wiederholen« zu inhaltsleer und blass bleibt, Schopenhauers grundsätzliche Äußerung über die
um die Leistung des Künstlers zu würdigen. Das »re- platonische Idee spielt auch auf sein Konzept der um-
flektierte Abbild«, das gewissermaßen zwischenzeit- fassenden gemeinsamen Aufgabe von Philosophie
lich stillgestellt wird, muss sich dann in der künstle- und Kunst an, die darin besteht, die wahren Verhält-
rischen Darstellung der Idee wieder verflüssigen, nisse zwischen Einheit und Vielheit zu erkennen. Das
denn die Idee ist »unerschöpflich« und voller Leben- Eine, das bedeutsam wird für das Viele, bezeichnet
digkeit, weil sie in unendlich vielen Verkörperungen die Denkbewegung der Philosophie, es bezeichnet
auftreten kann. Diese ihre Möglichkeit wird der aber auch das Anschauungsgeschehen zwischen apri-
Phantasie des Künstlers und des Betrachters bewusst orischer und empirischer Anschauung.
und gehört notwendig zur Erkenntnis der Ideen wie Schopenhauers Satz über die Möglichkeit der pla-
auch zur Sensibilisierung für die Kunst. Für die Dar- tonischen Ideen ist auch eine Hilfe für die Abwehr
stellungsweise des Künstlers bedeutet das, dass sein von Missverständnissen hinsichtlich des Status der
anschauliches Gebilde nicht plakativ und mit quasi Ideen. Werden sie als transzendente Entitäten miss-
behauptendem Gestus daher kommen darf, sondern interpretiert, so ist die ›Sperre‹ des heutigen Lesers
genügend Raum für die Phantasie lassen muss, mit gegenüber der ›Ästhetik‹ Schopenhauers nicht zu
der man sich stets auch andere Verwirklichungen überwinden. Was Schopenhauer selbst anbietet, sind
der Idee soll vorstellen können. die platonischen Ideen als Vorstellungen einer rein
Die Phantasie ist für den Künstler von höchster anschaulichen und damit künstlerisch fruchtbaren
Bedeutung, denn die vorrangige Erkenntnisweise Auslegung der Welt. Zu einer vorurteilsfreien Lek-
der Anschauung scheint das Genie allein auf die türe ermutigen die zahlreichen Beispiele der sehr
Ideen von augenblicklich Gegenwärtigem festzule- produktiven Rezeption dieser Ästhetik durch Künst-
gen. Diese vermeintliche Einschränkung wird durch ler aller Kunstgattungen, die den durch Thomas
die Kraft der Phantasie aufgehoben. Sie erweitert Mann vergebenen Ehrentitel einer »Künstlerästhe-
den Horizont »weit über die Wirklichkeit« hinaus tik« rechtfertige (s. Kap. IV.C).
auf das Mögliche, das in imaginären Bildern ins Be-
wusstsein tritt (W I, 219). Die herausragende Bedeu-
tung, die Schopenhauer der Phantasie zuspricht, Die Sonderstellung der Musik
wird nicht erst bei der Darstellungsproblematik der
Ideen offenbar, sondern ist schon mit der grundsätz- Die stärkste Zustimmung erfuhr Schopenhauers
lichen Konzeption der Idee verbunden. Schopen- Philosophie der Kunst von Seiten der Komponisten
hauer spricht von der platonischen Idee im Sinne ei- und Musiker, die sich durch Schopenhauers Meta-
ner Vorstellung, »welche durch den Verein von physik der Musik in ihrer eigenen Musikerfahrung
Phantasie und Vernunft möglich wird« (W I, 48). bestätigt sahen (s. Kap. IV.C.3), vielleicht aber auch
Mit der Phantasie als dem Bildvermögen und dem der Verführung durch Schopenhauers Apotheose
Vermögen des Imaginierens hatten die meisten In- der Musik erlagen (vgl. Adamy 1980, 72). Er nannte
2.5 Ästhetik 71

die Musik eine »überaus herrliche Kunst« (W I, 302) zu ihrem Ansich, das heißt zum Willen. Es geht also
und eine »wunderbare Kunst« (W I, 303). Dabei er- um »ein Verhältniß der Musik, als einer Vorstellung,
weist sich Schopenhauers ›Ästhetik‹ zunächst als un- zu Dem, was wesentlich nie Vorstellung seyn kann«
genügend für die philosophische Deutung des We- (ebd., 303). Diese Konstellation scheint selbst Scho-
sens der Musik, denn in ihrer Sprache der Töne geht penhauers transzendentalphilosophische Einsicht
es gar nicht um die Darstellung der Ideen bestimm- außer Kraft setzen zu wollen. Wie lässt sich gleich-
ter Erscheinungen in der Welt. Das Urbild-Abbild- wohl Schopenhauers Intention nachvollziehen?
Paradigma, welches das Verfahren der übrigen Küns- Die sinnlichen Eindrücke der Musik erzeugen im
te begründet, scheint dieser ›ungegenständlichen‹ Rezipienten unmittelbar Vorstellungen, jedoch nicht
Kunst nicht gemäß zu sein. Vorstellungen von Objekten, sondern von den we-
Ein ähnliches Problem hatte sich auch schon bei sentlichen Atmosphären, Gefühlslagen und Stim-
Schopenhauers Behandlung der Architektur erge- mungen, wie sie das Erleben der konkreten Ereig-
ben, deren Produktionen er nur sehr bedingt als nisse und Dinge der Welt begleiten. Sie sind vertraut,
Darstellung von Ideen bestimmter Gegenstandsbe- ohne bezeichnet werden zu können. Diese Vorstel-
reiche ansehen konnte. Schopenhauer half sich mit lungen, die Schopenhauer andernorts auch »pri-
der Feststellung, hier würden statt der Ideen von Ge- märe« Vorstellungen nennt (W II, 76), verbleiben im
genständen die Ideen der wesentlichen Qualitäten Fall der Musikrezeption ganz im Modus des sinnli-
der Materie, also der Naturkräfte, zur Darstellung chen Nachempfindens und der unbestimmten Bil-
kommen. Im Fall der schönen Baukunst nämlich der. Der ideale Musikhörer erzeugt dabei nicht in
Schwere und Starrheit, deren widersprüchliche sich selbst die Affekte und Leidenschaften, deren
Energien dort zu einem augenscheinlichen Aus- Ausdruck ihm die Musik vermittelt, sondern bleibt
gleich im Verhältnis von Stütze und Last gelangen ein rein Erkennender, der quasi die »Quintessenz«
müssten. der jeweiligen Gefühlslagen sich bildhaft vergegen-
Während Schopenhauer in der Architektur die wärtigt (vgl. W II, 516). In der Musik wird so etwas
Erfahrung der Schönheit mit der reinen Anschau- wie die Grundierung bestimmter Gefühle ausge-
ung der Ideen von Naturkräften begründet, die auch drückt. Diese Möglichkeit der Musik, das Wesen der
schon im rohen Material herrschen, muss er einräu- bewegten Innerlichkeit zu gestalten, nähert sich dem
men, dass die Musik in ihrem tonalen Material keine Verfahren der übrigen Künste, die Ideen darzustel-
Ideen zur Darstellung bringt. Damit kommt ihr un- len. Im Erkennen der Gefühle als solcher durch die
mittelbar eine Sonderstellung zu. Schopenhauer be- Musik Hörenden wird das Individuationsprinzip
tont, dass »im systematischen Zusammenhang« sei- überwunden, eine wichtige Voraussetzung für alles
ner bisherigen Darstellung »gar keine Stelle für sie ethische Handeln.
passend war« (W I, 302; vgl. VN III, 214), ein er- Die musikalischen Vorstellungen werden vom
staunliches Eingeständnis für einen Philosophen, Verstand nicht vergegenständlicht und erlauben
dem so viel an der Einheitlichkeit des Systems liegt. keine Übersetzung in den abstrakten Begriff. Bei der
Es wird sich erweisen, dass nur im Analogieverfah- Musik sind daher der Philosophie deutlichere Gren-
ren oder im Parallelismus zu den anderen Künsten zen der theoretischen Bearbeitung gesetzt als bei den
und schließlich durch Bezugnahme auf den grund- bildenden Künsten, philosophisch kann sie von der
legenden »einen Gedanken« (s. Kap II.2.2) die auf- Musik nur als Metaphysik handeln (vgl. W I, 312 f.),
fallende Sonderstellung der Musik begründet wer- denn anstelle gegenständlicher Erfahrung ist der
den kann. Auch versucht Schopenhauer die system- Musik Hörende auf seine innere Empfindung ver-
bedingte Lücke zwischen der Tonkunst und den wiesen. In dieser inneren Wahrnehmung löst sich
anderen Künsten durch einen Bericht über sein eige- zugleich mit dem Fluss der Töne die Begrenzung ei-
nes exzeptionelles Musikverstehen zu schließen (vgl. nes bestimmbaren Objektiven auf. Ähnlich wie in
W I, 303 f.): Aus einem in völliger Hingabe verlaufe- dem Prozess des fühlenden Erkennens, in dem
nen Musikhören, bei dem offenbar alles Individuelle Schopenhauer zufolge das Innere des Menschen als
des Hörenden aus dem Bewusstsein verschwunden Wille zum Bewusstsein kommt (vgl. W I, 121 f.),
war, kehrt dieser zur Reflexion zurück und gewinnt, wird in einer empfindenden Rezeption der Musik
noch unter dem Eindruck des völligen Aufgegan- deren Dynamik und universale Ausdruckskraft zum
genseins in der Musik, die Überzeugung, dass auch Erfühlen der Gestimmtheit des Willens schlechthin.
sie ein nachbildliches Verhältnis zur Welt habe, aber In der Musik verleiht der Wille Schopenhauer zu-
zu ihr nicht als Summe von Erscheinungen, sondern folge noch vor aller Objektivation sich selbst unmit-
72 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

telbaren Ausdruck. In dieser Ungeteiltheit ist er zu- bracht sehn« (W I, 302). Das tiefste Innere der Men-
gleich Ausdruck oder Abbild der Welt. schen, ihr Wesen, ist erklärtermaßen der Wille.
Mit der Musik thematisiert Schopenhauer den Schopenhauer hatte diejenigen Werke der bil-
Ausdruck der unerschöpflichen Quelle aller Trans- denden Kunst als besonders schön angesehen, de-
formationen der Willensenergie selbst, aus der die ren sinnliche Gestalt eine Art Durchlässigkeit zur
Ideen als adäquate Objektivationen des Willens erst Idee, zum Wesen des dargestellten Gegenstandes
hervorgehen sollen. Somit vereinigt er in seiner Me- gewährte, aber mehr noch scheint die Musik durch
taphysik der Künste ein statisches Konzept des wahr- ihren Rückzug aus dem Raum und durch das mo-
haft Seienden (die Idee) mit einem bewegten, ur- nistische Material der Töne eine vergleichbare,
sprünglicheren des Energieflusses. Letzteres ist eine wenn nicht stärkere Durchlässigkeit hin zum We-
Vorstellung eher der asiatischen (vor allem chinesi- sen, nämlich im Überspringen der Ideen, hin zum
schen) Metaphysik, während die alteuropäische, Willen selbst zu ermöglichen. Schopenhauer warnt
griechische Metaphysik die Vorstellung der zeitlosen allerdings davor, diese und andere Analogien zwi-
Idee als ratio essendi des Seienden und der Kunst im schen den bildenden Künsten und der Musik als zu
Besonderen favorisiert (vgl. Jullien 2012 passim). So direkt einzuschätzen, »da sie nie die Erscheinung,
gewinnt Schopenhauer einen doppelten Begriff des sondern allein das innere Wesen, das Ansich aller
Schönen, zum einen das Schöne der Form, das sich Erscheinung, den Willen selbst, ausspricht« (W I,
anschaulich veräußern lässt und zum andern das 308).
Schöne des Miteinanders der Bewegungsimpulse, Gemessen an dem einen Gedanken, der Schopen-
das im inneren Gefühl aufgenommen und wohl ver- hauers gesamte Metaphysik bestimmen und entfal-
standen wird, aber unsagbar bleibt. Unter diesen Vor- ten soll, nämlich die Überzeugung: »Die Welt ist die
aussetzungen nennt Schopenhauer auch die Musik Selbsterkenntnis des Willens« (W I, 485), lässt sich
trotz ihrer Sonderstellung »eine schöne Kunst« (W I, sagen, dass in der Musik ein erstes Zu-sich-selbst-
302), das heißt, es muss mit ihr die Möglichkeit ge- Kommen des kosmischen Willens in seinem irratio-
geben sein, ein Erkennen im Modus der Anschau- nalen Streben ausgedrückt sei und zwar in einem
ung zu erlangen. Inwiefern geben Töne, Rhythmus permanenten Bewegtwerden zwischen den Polen
und Melodien der Musik zwar keine Ideen, aber von Wohl und Wehe, wie es auch der individuelle
gleichwohl ein Inhaltliches, das nicht Erscheinung Wille erlebt. Der geniale Komponist leistet es, diese
ist, als Selbstausdruck des Willens zu erkennen? gesamte Gefühlswelt in eine musikalische Ordnung,
Schopenhauer sucht den Verstehensprozess bei das heißt in eine nicht-signifizierende Sprache, zu
der Musikrezeption wie bei der Aufnahme anderer versetzen und sie damit für sich selbst und die Rezi-
Kunstwerke durch eine Analogie mit verbalsprachli- pienten erkennbar zu machen. Dieses Erkennen be-
chem Verstehen zu erläutern. Während in Schopen- schreibt Schopenhauer wie ein Wiedererkennen,
hauers Einschätzung »Worte […] für die Musik eine weil der Ausdruck vertrauter Gefühle im Medium
fremde Zugabe« (W II, 512) sind, kommen die der Töne keine Verfremdung durch Diskursivität er-
nicht-signifikativen Momente der Sprache, also vor fährt, sondern der Gefühlsausdruck der inneren
allem Laut-, Bewegungs- und Ausdruckqualitäten, Willensnatur bleibt.
in der Musik voll zum Tragen. Der späte Schopen- Schopenhauers Philosophie der Musik ist wesent-
hauer resümiert nochmals die schon im Hauptwerk lich Metaphysik der Musik, womit auch gesagt wer-
herausgestellten Momente der Allgemeinverständ- den soll, dass der doktrinäre Teil seiner Musik-
lichkeit der Musik und hebt hervor, dass dieses Ver- theorie eher unwesentlich, das heißt zeitgebunden,
stehen ganz und gar auf der Ansprechbarkeit und dogmatisch und übermäßig bemüht ist, die meta-
Empfindsamkeit des Gefühls eines jeden Menschen physische Auslegung der Musik als anschlussfähig
beruht: »Die Musik ist die wahre allgemeine Spra- an gängige Musiklehren zu erweisen.
che, die man überall versteht. […] Jedoch redet sie
nicht von Dingen, sondern von lauter Wohl und
Literatur
Wehe, als welche die alleinigen Realitäten für den
Willen sind: darum spricht sie so sehr zum Herzen, Adamy, Bernhard: Schopenhauer und einige Komponisten.
während sie dem Kopfe unmittelbar nichts zu sagen In: Schopenhauer Jahrbuch 61 (1980), 70–89.
Baum, Günther/Birnbacher, Dieter (Hg.): Schopenhauer
hat« (P II, 457). Schopenhauer hatte schon im und die Künste. Göttingen 2005.
Hauptwerk betont, dass die Menschen in der Musik Jacquette, Dale (Hg.): Schopenhauer, Philosophy and the
»das tiefste Innere unsers Wesens zur Sprache ge- Arts. Cambridge 1996.
73

Jullien, Francois: Die fremdartige Idee des Schönen. Wien 2.6 Ethik
2012 (frz. 2010).
Jung, Joachim: Die Bewertungskriterien in der Ästhetik
Schopenhauers. Diss. Mainz 1985. Schopenhauers Ethikverständnis
Korfmacher, Wolfgang: Ideen und Ideenerkenntnis in der
ästhetischen Theorie Arthur Schopenhauers. Pfaffenwei- In genauer Entsprechung zu dem für die Willensme-
ler 1992. taphysik grundlegenden Ansatz einer hermeneuti-
Koßler, Matthias: Zur Rolle der Besonnenheit in der Ästhe- schen – also die Erfahrungswelt als Text deutenden
tik Arthur Schopenhauers. In: Schopenhauer-Jahrbuch und sie erklärenden – Metaphysik charakterisiert
83 (2002), 119–133.
– (Hg.): Musik als Wille und Welt. Schopenhauers Philoso- Schopenhauer auch sein Vorgehen im Bereich der
phie der Musik. Würzburg 2011. Ethik als deutend und erklärend (vgl. W I, 321): Auf-
Malter, Rudolf: Der eine Gedanke. Hinführung zur Philoso- gabe der Ethik ist es demnach nicht, moralische Sol-
phie Arthur Schopenhauers. Darmstadt 1988. lensforderungen zu formulieren, sondern vielmehr,
Neymeyr, Barbara: Ästhetische Autonomie als Abnormität. das als gegeben vorausgesetzte Phänomen der Moral
Kritische Analysen zu Schopenhauers Ästhetik im Hori-
zont seiner Willensmetaphysik. Berlin/New York 1996. zu rekonstruieren und zu systematisieren, es durch
Panofsky, Erwin: Idea. Ein Beitrag zur Begriffsgeschichte der Rückführung auf seine Ursprünge moralpsycholo-
älteren Kunsttheorie [1924]. Berlin 21960. gisch zu erklären und im Kontext der Willensmeta-
Pothast, Ulrich: Die eigentlich metaphysische Tätigkeit. Über physik auf seine metaphysische Bedeutung hin zu
Schopenhauers Ästhetik und ihre Anwendung durch Sa- befragen. Schopenhauers Ethik wird daher häufig als
muel Beckett. Frankfurt a. M. 1982.
Schmidt, Alfred: Wesen, Ort und Funktion der Kunst in eine deskriptive Ethik eingestuft (vgl. z. B. Malter
der Philosophie Schopenhauers. In: Baum/Birnbacher 1991, 393) und als solche sowohl von der deontolo-
2005, 11–54. gischen Ethik Kants als auch von konsequentialisti-
Schubbe, Daniel: Philosophie des Zwischen. Hermeneutik schen, insbesondere utilitaristischen Ethiken als den
und Aporetik bei Schopenhauer. Würzburg 2010. beiden wichtigsten Theoriesträngen der normativen
Wilhelm, Karl Werner: Zwischen Allwissenheitslehre und
Verzweiflung. Der Ort der Religion in der Philosophie
Ethik abgegrenzt.
Schopenhauers. Hildesheim 1994. Auch für eine Ethik, die ihre Aufgabe in der Deu-
Brigitte Scheer tung und Erklärung des Moralphänomens sieht, ist
jedoch die Frage nach den Kriterien moralischen
Handelns, die gemeinhin der normativen Ethik zu-
geordnet wird, unabweisbar. Zum einen nämlich
gilt, dass, wenn das Phänomen der Moral als gege-
ben vorausgesetzt werden soll, moralische Handlun-
gen zunächst einmal spezifiziert und von nicht-mo-
ralischen abgegrenzt werden müssen; das aber erfor-
dert eine Aussage darüber, ›was das Moralische ist‹,
die als solche nicht wertfrei ist. Zum anderen ist mit
dem Hinweis auf den Ursprung einer als gegeben
vorausgesetzten moralischen Handlung – sofern da-
mit gesagt ist, dass eine Handlung dann und nur
dann als moralische gelten kann, wenn sie diesen
Ursprung aufweist – eine notwendige und hinrei-
chende Bedingung für die Moralität der Handlung
und somit ein Kriterium moralischen Handelns be-
nannt. So ist für Schopenhauer Mitleid nicht nur der
Entstehungsgrund moralischer Handlungen, son-
dern auch Kriterium der Moralität. Es erstaunt da-
her nicht, dass Schopenhauers Ethik, seiner pro-
grammatisch verkündeten normativen Abstinenz
zum Trotz, von häufig hochgradig emotional gefärb-
ten moralischen Stellungnahmen wertender oder
normativer Art durchzogen ist: Da der von der Ethik
zu erklärende und zu deutende Phänomenbereich
sich nicht anders als mittels inhaltlicher moralischer
74 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

Aussagen erfassen lässt, ist – und hierüber sollte die lich und überhaupt will« (W I, 347). Während in der
Bezeichnung der Schopenhauerschen Ethik als de- aristotelischen, in jüngerer Zeit z. B. von Ryle (vgl.
skriptiv nicht hinwegtäuschen – eine Beschreibung Ryle 1969) fortgeführten Tradition der Charakterbe-
der Erfahrungswelt für Schopenhauer notwendig griff als bloße Abstraktion aus Handlungsbeschrei-
auch expressiv, d. h. Ausdruck moralischer Wertun- bungen interpretiert und angenommen wird, dass
gen und normativer Überzeugungen. Charaktereigenschaften vollständig von Handlun-
gen abhängen (»esse sequitur operari«), fasst Scho-
penhauer den intelligiblen Charakter als handlungs-
Freiheit und Notwendigkeit vorgelagert auf: Was der Mensch tut, lässt sich aus
dem erklären, was er ist (»operari sequitur esse«).
Eine vorherrschende moralische Intuition besagt, Anders als der empirische und der intelligible Cha-
dass moralische Verantwortlichkeit Freiheit voraus- rakter ist die dritte von Schopenhauer angesetzte
setzt. Daraus ergibt sich als eine zentrale Frage einer Form des Charakters, der erworbene Charakter,
jeden Ethik diejenige, ob der Mensch frei ist oder keine Handlungsdisposition und erklärt keine
seine Handlungen determiniert sind. Schopenhauer Handlungen; es handelt sich vielmehr um die Kennt-
beantwortet diese Frage in Die Welt als Wille und nis des eigenen empirischen Charakters: Wer einen
Vorstellung, ausführlicher dann in der »Preisschrift erworbenen Charakter hat, ein ›Mensch von Cha-
über die Freiheit des Willens« (s. Kap. II.4.1), im rakter‹ ist, ›weiß, was er will‹, ist sich über seine Nei-
Sinne einer Vereinbarkeitstheorie, behauptet also gungen, Stärken und Schwächen bewusst und wird
die Möglichkeit des Zusammenbestehens von Frei- sich entsprechend zu verhalten wissen.
heit und Notwendigkeit. Anders als Hume, der in Warum schreibt Schopenhauer dem Menschen
seiner klassischen Variante des Kompatibilismus zu einen intelligiblen Charakter zu? Der Grund hierfür
zeigen versucht, dass die Notwendigkeit der Wil- wird im Hauptwerk nur angedeutet, in der »Preis-
lensakte mit Handlungsfreiheit, also der Abwesen- schrift« (E, 93 f.) hingegen ausführlich erläutert: Er
heit von Zwängen, kompatibel ist (vgl. Hume 1984, liegt im Bewusstsein der Verantwortlichkeit für ei-
Abschn. VII und VIII), lokalisiert Schopenhauer je- gene Taten, welches voraussetzt, dass wir »jede ein-
doch Freiheit und Notwendigkeit auf verschiedenen zelne That [der Person] dem freien Willen zuschrei-
Ebenen: Der metaphysische Wille ist, als außerhalb ben« (W I, 340) können. Der intelligible Charakter
von Raum und Zeit stehend und dem Satz vom verbürgt diese Möglichkeit: Er ist frei, weil der Wille
Grunde nicht unterworfen, frei; der in den Erschei- als Ding an sich, dessen Ausdruck der intelligible
nungen objektivierte Wille hingegen befindet sich in Charakter ist, frei ist. Für Schopenhauer ist also das
Kausalrelationen und ist determiniert. Jede mensch- Sprachspiel der Verantwortlichkeit an Freiheitsun-
liche Handlung findet mit naturgesetzlicher Not- terstellungen gebunden: Soll jenes aufrechterhalten
wendigkeit statt. werden, muss auch an diesen festgehalten werden.
Als handlungsdeterminierende Faktoren setzt Anders als in den auf Hume zurückgehenden kom-
Schopenhauer dabei die auf den Menschen einwir- patibilistischen Theorien, die fast durchweg für eine
kenden Motive und seinen Charakter an, aus deren Entkoppelung von Verantwortlichkeit und Freiheit
Zusammentreffen die Handlung »ganz nothwendig plädieren und infolgedessen Verantwortungszu-
hervorgeht« (W I, 340). Unter »Motiven« versteht schreibungen ›instrumentalistisch‹, also als soziale
Schopenhauer also nicht – wie in der jüngeren Regulationsmechanismen auffassen, hält Schopen-
Handlungstheorie üblich – Erklärungsmuster für hauer damit am stärkeren Verständnis menschlicher
Handlungen, sondern Gegenstände, die als (an- Verantwortlichkeit fest: Diese liegt nur vor, wenn
schauliche oder abstrakte) Vorstellungen gegeben Handlungen Personen als ihre eigenen und freien
sind. In Bezug auf den Charakterbegriff unterschei- Handlungen zugeschrieben werden können. Um
det er, an Kant anknüpfend, zwischen dem empiri- diese Verantwortlichkeit im intelligiblen Charakter
schen und dem intelligiblen Charakter. Der empiri- verankern zu können, muss dieser als – vorpersonal –
sche Charakter ist derjenige, der sich uns durch Er- gewählt aufgefasst werden (vgl. E, 96). Die Schwie-
fahrung enthüllt; der intelligible Charakter hingegen, rigkeit dieser Konstruktion besteht – abgesehen von
dessen determinierte Erscheinung der empirische ihrer Bindung an kontroverse willensmetaphysische
ist, wird als Ausdruck des metaphysischen Willens, Prämissen – darin, dass unklar ist, wer als Subjekt
also eines »außerzeitliche[n] Willensaktes« (W I, dieses Wahlaktes namhaft gemacht werden kann.
355) aufgefasst; er legt fest, »was der Mensch eigent- Offensichtlich kann es sich dabei nicht um das empi-
2.6 Ethik 75

rische Subjekt handeln. Vermutlich wird man, ana- determinierenden Faktoren unseres Handelns uns
log zur Figur der ›Wendung des Willens gegen sich aus prinzipiellen Gründen epistemisch nicht zu-
selbst‹ bei der Willensverneinung, diese vorperso- gänglich sind.
nale Wahl als eine Art Selbstobjektivierung des (3) Angedeutet wird auch ein drittes, für die sprach-
metaphysischen Willens auffassen müssen (s. Kap. analytische Debatte um Willensfreiheit im 20.  Jahr-
II.4.1) – womit dann aber personale Verantwortlich- hundert zentrales Argument (vgl. W I, 343; ausführ-
keit gerade nicht begründet wäre. licher E, 41–44): Selbst wenn die Überzeugung, dass
Für die Determiniertheit des Willens im Bereich wir anders hätten handeln können – auf die wir uns
der Erscheinungen, also der willentlichen menschli- im Alltagsverständnis zu berufen pflegen, um Wil-
chen Handlungen, führt Schopenhauer im Haupt- lensfreiheit zu begründen – wahr ist, heißt das nicht,
werk drei Argumente an: dass wir frei gehandelt hätten, denn es könnte sein,
(1) Der Wille im Bereich der Erscheinungen steht dass das ›Können‹ in dem Satz »Ich hätte anders
notwendig in Kausalrelationen. »Verursacht sein« handeln können« ›falls-gebunden‹ ist, d. h. dass die-
und »notwendig sein« aber sind nach Schopenhauer ser Satz auszubuchstabieren ist als »Ich hätte anders
»durchaus identisch« und »Wechselbegriffe« (W I, handeln können, falls X der Fall gewesen wäre«, und
338); daher sei alles, was verursacht ist, auch not- die im Konditionalsatz genannten Bedingungen
wendig. Diese Gleichsetzung von »verursacht sein« können ihrerseits determiniert sein. Schopenhauer
und »notwendig sein« ist keinesfalls selbstverständ- plädiert, eine spätere Debatte zwischen G. E. Moore
lich; gerade in der jüngeren Diskussion zur Willens- und Austin (vgl. hierzu Pothast 1978, 137–200) an-
freiheit wird zunehmend die Möglichkeit erwogen, deutungsweise antizipierend, für eine konditionale
dass es nicht-determinierende Handlungsursachen Analyse von ›Können‹, um zu zeigen, dass die auf die
geben könnte (vgl. hierzu Keil 2007, 39–42); insbe- Wahrheit des Satzes »Ich hätte anders handeln kön-
sondere Handlungsgründe scheinen Kandidaten nen« insistierende Auffassung des Alltagsverstandes
hierfür zu sein. nicht ausreichend ist, um Freiheit zu beweisen; sie
(2) Den »Schein einer empirischen Freiheit des lässt außer Acht, dass diese Aussage wahr sein, aber
Willens« (W I, 342) erklärt Schopenhauer damit, das ›Können‹ selbst durch Faktoren, die ihrerseits
dass uns unser Charakter als determinierender Fak- determiniert sind, restringiert sein könnte.
tor unseres Handelns entweder gar nicht oder erst Wenn der Charakter gemäß dem Prinzip operari
nach der Handlung epistemisch zugänglich ist. Der sequitur esse Handlungen gesetzesmäßig erklären
intelligible Charakter tritt, weil er der in einem Indi- soll, kann er nicht in Abhängigkeit von Handlungen
viduum erscheinende Wille als Ding an sich ist, variieren, sondern muss konstant sein (vgl. Koßler
überhaupt nicht in den Erkenntnisbereich des Intel- 2002, 93). Schopenhauer, dessen Charakterlehre
lekts (W I, 342 f.). Der empirische Charakter ande- eine ausgeprägt nativistische Tendenz hat, erklärt
rerseits ist uns erst a posteriori, d. h. nach unseren daher den Charakter für angeboren und unverän-
Entscheidungen, epistemisch zugänglich. So könn- derlich: Velle non discitur. Scheinbare Änderungen
ten wir im Januar darüber nachdenken, ob wir uns des Charakters werden von ihm auf Änderungen der
im Juli für eine Urlaubsreise in die Berge oder für Motive zurückgeführt, die durch das Medium der
eine Großstadtreise entscheiden werden. Wie wir Erkenntnis auf den Menschen einwirken: Nicht das
uns im Juli tatsächlich entscheiden werden, hängt Wollen ändert sich, sondern, bedingt durch die Ein-
von unserem intelligiblen Charakter ab, der uns aber wirkung anderer Motive, das Handeln. So könnte je-
grundsätzlich nicht zugänglich ist. Unseren empiri- mand einen Mord begehen wollen, sich aber hiervon
schen Charakter werden wir erst nach der Entschei- durch den Gedanken abhalten lassen, dass ihm eine
dung im Juli kennen, da wir erst an unseren Taten empfindliche Strafe droht. Die Tatsache, dass er un-
erkennen, was wir wollen. Weil uns also zum frühe- ter dem Eindruck seiner möglichen Bestrafung von
ren Zeitpunkt weder intelligibler noch empirischer seinem Plan Abstand nimmt, ließe nach Schopen-
Charakter zugänglich sind, werden wir uns, so Scho- hauer nicht den Schluss darauf zu, dass er diesen
penhauer, zu diesem Zeitpunkt (fälschlich) für frei nicht mehr ausführen will, sondern nur darauf, dass
halten. Damit ist sicherlich kein zwingendes Argu- sein Handeln sich unter dem Eindruck des neuen
ment für den Determinismus formuliert, aber eines, Motivs (der vorgestellten Strafe) geändert hat. Da
dass geeignet ist, ein allzu naives Vertrauen in unsere beim Menschen – anders als beim Tier, auf das nur
vorphilosophische Unterstellung menschlicher Wil- anschauliche Vorstellungen als Motive wirken kön-
lensfreiheit zu untergraben: Es könnte sein, dass die nen – auch abstrakte Vorstellungen als Motive wir-
76 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

ken können, ist sein Handeln ungleich komplexer ter, mehr oder weniger überzeugend einstufen kann,
und schwerer berechenbar als das des Tieres; dies bestimmt werden kann, und dies rechtfertigt es, ihm
ändert nichts daran, dass »was der Mensch eigent- die Möglichkeit einer »Wahlentscheidung« zuzuspre-
lich und überhaupt will« (W I, 347) konstant bleibt. chen. Um von einer (eingeschränkten) Freiheit im
Schopenhauers Festhalten an der These von der Un- Bereich menschlichen Handelns sprechen zu kön-
veränderlichkeit des Charakters führt jedoch auch nen, wäre demnach weder Akausalität noch eine spe-
zu einigen Forcierungen, wie insbesondere seine zifische Akteurskausalität erforderlich, sondern le-
kaum überzeugende Erklärung des Phänomens der diglich, dass bestimmte Kausalfaktoren – eben
Reue zeigt: Während wir Reue im Allgemeinen ge- Gründe – eine Handlung determinieren (vgl. hierzu
rade als Indikator für eine Veränderung des Wollens auch E, 33–36).
auffassen – der reuige Täter ist jemand, der jetzt et- Noch in anderer Hinsicht schränkt Schopenhauer
was fundamental anderes will als der Täter und der einen strengen Determinismus ein. Er streitet ab,
entsprechend andere Handlungsdispositionen hat dass die Unveränderlichkeit des Charakters es über-
als die frühere Person –, bestimmt Schopenhauer sie flüssig mache, sich um dessen Besserung zu bemü-
als Einsicht darin, dass ich »etwas Anderes that, als hen: Man müsse sich um die Besserung des eigenen
meinem Willen gemäß war« (W I, 349). Damit wer- Charakters bemühen, weil die Tatsache, dass man
den bestimmte Formen des Bedauerns darüber, dass dies tue, eben Teil der Ursachen dafür sei, dass die
man eigentlich Gewolltes nicht getan hat, erfasst, Handlung als Produkt von Motiv und Charakter
aber das Phänomen der Reue wird verfehlt, da der dann notwendig stattfinde. Da wir unseren Charak-
Reuige erkennt, dass das, was er einst getan hat, sei- ter erst a posteriori, aus unseren Handlungen, erken-
nem früheren Willen durchaus gemäß war, sich aber nen, können wir ihm auch nicht »vorgreifen«, son-
jetzt von diesem distanziert. dern müssen genau das tun, was wir später als Teil
So eindeutig deterministisch die Argumentation einer notwendig zur Handlung führenden Ursa-
Schopenhauers in Bezug auf menschliche Handlun- chenkette erkennen werden. In diesen Ausführun-
gen auch ist, scheint er doch an mindestens zwei Stel- gen kann man ein Argument angedeutet sehen, das
len diesen Determinismus einzuschränken. Zum ei- im 20. Jahrhundert von Vertretern des epistemi-
nen billigt er dem Menschen, der im Gegensatz zum schen Indeterminismus formuliert wird (vgl. bes.
Tiere auch von abstrakten Vorstellungen als Motiven MacKay 1978): Wenn, wie der Determinismus be-
geleitet werden kann, eine Wahlentscheidung zwi- hauptet, unsere Handlungen determiniert sind, än-
schen den Motiven zu. Allerdings ist der Stellenwert dert dies nichts daran, dass diese Handlungen von
dieser »Wahlentscheidung« unklar. Wenn es sich um unseren Entscheidungen abhängen und wir diese
eine genuine Wahl, also eine Vorzugsentscheidung nicht an eine Schicksalsmacht »delegieren« können.
zwischen mindestens zwei Alternativen, handeln soll, Die Entscheidungen sind Teil der Kausalkette, die
wird damit ein Freiheitsspielraum zugestanden, der dann zu der – unter Voraussetzung des Determinis-
mit einem Determinismus schwer in Einklang zu mus – notwendig eintretenden Handlung führen.
bringen ist. Es fragt sich dann, ob diese Wahl nicht – Die Determination unserer Handlungen ändert also
im Rahmen des Determinismus konsequent – ihrer- nichts daran, dass wir uns notwendig für frei halten
seits als determiniert zu gelten hat, so dass der Ein- müssen, weil wir uns entscheiden müssen, eben
druck, dass wir zwischen verschiedenen Motiven diese Handlungen herbeizuführen.
wählen könnten, als ebenso illusionär einzustufen ist
wie derjenige der Willensfreiheit. Wenn andererseits
kein Freiheitsspielraum zugestanden werden soll, Philosophischer Pessimismus
sondern der Mensch lediglich »Kampfplatz des Kon-
flikts der Motive ist« (W I, 355), »davon das stärkere Dem Etikett ›philosophischer Pessimismus‹ ver-
ihn dann mit Nothwendigkeit bestimmt« (W I, 351), dankt Schopenhauers Philosophie einen Großteil ih-
scheint der Ausdruck »Wahlentscheidung« zur Be- rer Popularität. Schopenhauers Pessimismus formu-
zeichnung dieses Motivkonflikts irreführend. Mögli- liert eine Antwort auf die Frage nach dem Wert des
cherweise lässt sich Schopenhauers Hinweis auf die Lebens (vgl. Janaway 1999a, 318). Er besagt im Kern,
Möglichkeit einer Wahlentscheidung wie folgt ver- dass das Leben »etwas ist, das besser nicht wäre«
stehen: Spezifikum des Menschen ist, dass er durch (W II, 662), und dass das Nichtsein dem Dasein vor-
Ursachen einer bestimmten Art, nämlich durch zuziehen ist (W II, 661). Zur Begründung dieser An-
»Gründe« (W I, 351), die er als besser oder schlech- sicht, die auch in der jüngeren philosophischen Dis-
2.6 Ethik 77

kussion Anhänger findet (vgl. z. B. Benatar 2006), lässt sich wie folgt rekonstruieren: Da der Mensch
werden im Wesentlichen die folgenden Behauptun- ein primär wollendes, erst sekundär erkennendes
gen angeführt: Wesen ist, liegt der Grund dafür, dass wir bestimmte
(1) Alles Leben ist Leiden. Dinge anstreben, nicht darin, dass wir zunächst er-
(2) Individuelles Glück ist unmöglich. kennen würden, dass sie Werteigenschaften hätten,
(3) Die Nutzenbilanz eines jeden Lebens ist negativ. die ihnen unabhängig von unserem Wollen zukä-
(4) Angesichts der bloßen Existenz von Übel und men; vielmehr gilt umgekehrt, dass sie uns wertvoll
Leiden ist das Dasein abzulehnen. erscheinen, weil wir sie wollen, also ihren Besitz
wünschen. Wenn aber ein begehrtes Objekt erlangt
Die erste These wird aus der schon im zweiten Buch wird, entschwindet damit auch das Begehren. Ein
des Hauptwerks fixierten Bedeutung der Ausdrücke Wunsch, der erfüllt wird, hört auf zu existieren, weil
»Wille« und »Leiden« abgeleitet. Der Anwendungs- wir diesen Wunsch nur solange besitzen, wie er nicht
bereich des Ausdrucks »Wille« war mit dem Ana- erfüllt wird. Also entschwindet mit der Erfüllung ei-
logieschluss in § 19 über den Bereich der mit Be- nes Wunsches auch genau das, was das gewünschte
wusstsein ausgestatteten und zu intentionalen Akten Objekt wertvoll erscheinen ließ. Wo wir erreichen,
befähigten Wesen hinaus auf die gesamte Vorstel- was wir erstrebten, verliert dieses Objekt seinen
lungswelt ausgedehnt worden, so dass »die Welt« – Reiz, denn es erschien uns nur deswegen wertvoll,
nicht nur die bewusstseinsfähigen Wesen in ihr – als weil wir es erstrebten, und nur solange, wie wir es
Wille aufgefasst werden konnte. Gilt aber die Welt begehrten: »Das Ziel war nur scheinbar: der Besitz
als Wille und gilt weiterhin, wie Schopenhauer defi- nimmt den Reiz weg« (WI, 370). Statt einer Glücks-
nitorisch festsetzt, jede »Hemmung des Willens empfindung kann daher nach der Erfüllung eines
durch ein Hindernis, welches sich zwischen ihn und Wunsches nur entweder ein neues Wollen entstehen
sein einstweiliges Ziel stellt« (W I, 365), als Leiden, oder aber Langeweile eintreten; letztere beschreibt
so ist auch Leiden nicht notwendig empfundenes Schopenhauer eindringlich als einen Zustand, in
Leiden. Schopenhauers Ethik ist eine Leidensethik dem die Dinge uns farblos und uninteressant er-
in dem Sinne, dass sie die Welt als Leidensgeschehen scheinen, eben weil wir sie nicht mehr erstreben. So
auffasst. Ebenso wie die Welt auch dort Wille ist, wo ist das Leben des Menschen, das mit Glücksverspre-
keinerlei Intentionalität oder Bewusstsein vorliegt, chungen lockt, die es nicht einhalten kann, ein »Pen-
ist das Dasein auch dort Leiden, wo dieses nicht als deln zwischen Schmerz und Langeweile« (W I, 368),
solches empfunden wird. ein »fortgesetzter Betrug« (W II, 657).
Allerdings bedeutet dies – worüber Schopenhau- Schopenhauers Leugnung von Glück ist mit min-
ers suggestive Verwendung des Leidensbegriffs destens drei Problemen konfrontiert: Erstens zeigt er
leicht hinwegtäuscht –, dass die Frage, wieso dieses keinesfalls die Unmöglichkeit von Glück, sondern
Leidensgeschehen nicht sein soll, als eine offene, allenfalls die Unmöglichkeit andauernden Glücks
d. h. nichttriviale und nicht bereits durch die Bedeu- (vgl. Soll 2012, 304–306). Dass die Erfüllung eines
tung des Ausdrucks ›Leiden‹ beantwortete Frage an- Begehrens zumindest kurzzeitig als Glück empfun-
zusehen ist. Aus der Annahme, dass alles Leben Lei- den werden kann, streitet Schopenhauer nicht ab
den ist, folgt, setzt man Schopenhauers weiten Lei- (vgl. W I, 376). Damit provoziert er den Einwand,
densbegriff voraus, weder, dass Leben nicht sein dass individuelles Lebensglück statt von der Anzahl
sollte, noch auch nur, dass Leiden beseitigt oder ge- und Dauer von Glücksmomenten von deren Intensi-
lindert werden sollte. Sie ist kompatibel mit einer tät abhängen und dass eine kurzzeitige Glücksemp-
trotzigen Lebens- und Leidensbejahung, etwa im findung dermaßen intensiv sein könnte, dass das
Sinne von Nietzsches »Jasagen ohne Vorbehalt, zum vorhergehende Leiden durch sie kompensiert wird.
Leiden selbst, zur Schuld selbst, zu allem Fragwür- Zweitens beruht Schopenhauers Analyse auf der An-
digen und Fremden des Daseins selbst« (Geburt nahme, dass wir, wenn wir etwas erstreben, notwen-
der Tragödie, § 2; KSA 6, 311). Ein philosophischer dig der intellektualistischen Illusion anheimfallen
Pessimismus wird also durch (1) allein nicht be- würden, dass wir es erstreben würden, weil es von
gründet. unserem Wollen unabhängige Werteigenschaften
Das Argument für These (2) entwickelt Schopen- besitzt. Es ist aber nicht ersichtlich, warum wir die-
hauer konsequent aus seiner Anthropologie, insbe- ser Illusion anheimfallen müssten. Häufig empfin-
sondere der Behauptung eines Primats des Wollens den wir das Streben selbst als positiv und beglü-
gegenüber dem Erkennen (vgl. W II, Kap. 19). Es ckend (vgl. Janaway 1999a, 333; Birnbacher 2009,
78 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

106 f.; Soll 2012, 303; kritisch hierzu in Anknüpfung hauers Eudämonismus, d. h. die hedonistische Wert-
an Schopenhauer: Benatar 2006, 76–81). Jemand basis seiner Ethik (vgl. Janaway 1999a, 334;
kann z. B. illusionslos der Tatsache ins Auge blicken, Birnbacher 2009, 93), die erstmals von Nietzsche
dass die Erreichung eines lang erstrebten berufli- kritisiert wurde (vgl. Gemes/Janaway 2012, 290 f.),
chen Ziels ihm kein langandauerndes Glück besche- lässt ihn die Möglichkeit ignorieren, dass ein Leben
ren wird, aber das Erstreben dieses Ziels und die als Ganzes auch dann als glücklich eingestuft werden
Überwindung von Hindernissen auf dem Weg zu könnte, wenn in ihm die Momente subjektiven Un-
seiner Erreichung als beglückend empfinden. Drit- glücks diejenigen des Glücks überwiegen.
tens nimmt Schopenhauer an, dass Güter und Vor- Die in (4) ausgedrückte Überzeugung, dass die
teile – etwa Jugend, Gesundheit und Freiheit – uns, Welt angesichts der bloßen Existenz des Übels nicht
solange sie präsent sind, nicht bewusst sind, sondern gerechtfertigt sei, richtet sich, mit polemischem Be-
nur, wenn wir ihrer ermangeln, d. h. wenn wir sie zug vor allem auf Leibnizens Theodizee, gegen den
entweder erstreben, also noch nicht besitzen, oder Versuch, vorhandenes Leiden als notwendig zur För-
wenn wir sie verloren haben, also nicht mehr besit- derung eines überindividuellen Gesamtglücks zu
zen. Glück, so drückt es Schopenhauer aus, ist we- rechtfertigen. Solche leidensquantifizierenden Ar-
sentlich negativ (vgl. W I, 376). Gegenstand einer gumente lehnt Schopenhauer ab, denn »dass Tau-
Glücksempfindung könne nur die Aufhebung eines sende in Glück und Wonne gelebt hätten, höbe ja nie
Mangels sein, aber nicht das Gut selbst, dessen wir die Angst und Todesmarter eines Einzigen auf«
ermangeln. Das stimmt jedoch nur eingeschränkt: (W II, 661). Den Versuch, vorhandenes Leiden da-
Selbst wenn wir bestimmte Güter, sofern wir sie be- durch zu relativieren, dass es als einem Gesamtglück
sitzen, nicht aktual wahrnehmen, können wir uns zuträglich nachgewiesen wird, sieht er als kenn-
ihrer dennoch – zumindest dispositional – bewusst zeichnend für den philosophischen Optimismus an,
sein. Der Gesunde nimmt zwar im Allgemeinen den er eben deswegen als eine »wahrhaft ruchlose
seine Gesundheit nicht in gleicher Weise wahr wie Denkungsart« (W I, 385), als einen Zynismus gegen-
deren Einschränkung oder Verlust, aber er kann sich über individuellem Leiden, brandmarkt. So verstan-
des Besitzes dieses Gutes durchaus in dem Sinne be- den, läuft These (4) auf einen Appell hinaus, das vor-
wusst sein, dass ihn Stimmungen wie Dankbarkeit handene Leiden der Welt nüchtern und illusionslos
oder Zufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation zur Kenntnis zu nehmen (vgl. Birnbacher 2009,
auch dann begleiten, wenn er das fragliche Gut nicht 92 f.).
aktual wahrnimmt. Allerdings ist damit nicht gezeigt, dass die Welt
These (3) wird als »Bestätigung a posteriori« (W I, grundsätzlich nicht sein sollte, sondern allenfalls,
382) der in (2) aufgestellten Behauptung über die dass sie so, wie sie ist – angesichts des in ihr vorhan-
Unmöglichkeit des Glücks aufgefasst. »Das Leben«, denen Leidens –, nicht sein sollte. Es kennzeichnet
so Schopenhauer, sei auch für den Einzelnen »ein Schopenhauers Neigung zu rhetorischer Überspit-
Geschäft, das nicht die Kosten deckt« (W II, 658), zung, dass er von der Verneinung der Leibnizschen
und wohl niemand würde am Ende seines Lebens These, die Welt sei die beste aller möglichen Welten,
aufrichtig wünschen können, es noch einmal durch- recht umstandslos zu derjenigen übergeht, dass sie
zumachen (W I, 382). Dies ist eine empirische Be- die schlechteste aller möglichen Welten sei, und
hauptung, und sie ist, in dieser Allgemeinheit – auf damit die kontradiktorische Verneinung der Op-
jedes Leben bezogen – formuliert, empirisch sehr timismusthese zu einer konträren verschärft. Die
unplausibel. Ihre Begründung würde erfordern, die Annahme, dass die Welt die schlechteste aller mög-
Selbstauskunft zumindest einiger Individuen, die lichen Welten sei, ist allerdings – wenngleich Scho-
von ihrem Leben behaupten würden, dass es eine penhauer sie durch kosmologische und biologische
positive Nutzenbilanz aufweist, als irrig nachzuwei- Erwägungen zu stützen versucht (vgl. W II, 669–
sen. Zudem wird mit ihr ausgeblendet, dass der Wert 671) – intuitiv ebenso wenig einleuchtend wie dieje-
des Lebens sich an anderen Faktoren bemessen nige, dass sie die beste aller möglichen sei, da zu je-
könnte als der individuellen Nutzenbilanz. Auch ein dem Weltzustand sowohl ein besserer als auch ein
Leben mit einer negativen Nutzenbilanz könnte ins- schlechterer zumindest denkbar ist. Die Mahnung,
gesamt als positiv eingestuft werden, etwa weil in das Leiden in der Welt ernstzunehmen, kann daher
ihm von der Empfindung des Subjekts ganz unab- schwerlich die Hauptthese des philosophischen Pes-
hängige Werte – z. B. Erkenntnis oder die Produk- simismus begründen, dass die Welt schlechthin nicht
tion eines Kunstwerks – realisiert wurden. Schopen- sein sollte.
2.6 Ethik 79

Unvergänglichkeit verwendet. Während man intuitiv dazu neigt, den da-


mit bezeichneten Gegensatz als konträren aufzufassen
Die pessimistische Stoßrichtung der Ethik Schopen- – also einen Zwischenbereich anzusetzen, in dem
hauers wird nicht dadurch abgeschwächt, dass diese man dem Willen zum Leben weder bejahend noch
auch eine Lehre der »Unzerstörbarkeit unseres We- verneinend, sondern z. B. in der Haltung der Indiffe-
sens« durch den Tod beinhaltet. Deren Kernaussage renz oder der Ironie gegenübertreten kann –, wird er
ist, dass der Tod nur dem Bereich der Erscheinungen bei Schopenhauer als kontradiktorischer verstanden,
zugehört, der Wille als Ding an sich hiervon jedoch so dass gilt, dass wir den Willen zum Leben notwen-
unberührt bleibt. Zwar ist das Leben des Individu- dig entweder bejahen oder verneinen: tertium non da-
ums als »stetes Sterben« auf den Tod als dessen Ziel- tur. Diese strikte Dichotomisierung ergibt sich aus
und Endpunkt bezogen (W I, 367). Der Tod des In- den willensmetaphysischen Prämissen der Schopen-
dividuums steht jedoch in zeitlichen Relationen, ist hauerschen Ethik, da es auch hier zu Wollen oder
also dem Bereich der Erscheinungen zugeordnet. Nicht-Wollen keine Alternative gibt. Zudem versteht
Der Wille als Ding an sich hingegen steht außerhalb man unter »Bejahung« im Allgemeinen eine – mehr
von Zeit und Raum und ist insofern »ewig«. Er wird oder minder reflektierte – Einstellung oder Haltung
vom Tod nicht berührt: Unser Wesenskern, der me- zu dem, was bejaht wird. Schopenhauer hingegen
taphysische Wille, ist unvergänglich (vgl. hierzu z. B. fasst Willensbejahung, wenngleich er sie gelegentlich
Jacquette 1999, 293–300). auch als »Haltung« bezeichnet, im Allgemeinen und
Aus zwei Gründen ist diese Unvergänglichkeits- primär gerade nicht als Haltung, geschweige denn als
these mit keinerlei Trostfunktion verbunden. Zum eine reflektierte Haltung zum Wollen auf, sondern
einen geht mit ihr kein Gedanke an individuelle See- identifiziert sie mit dem Wollen: »Die Bejahung des
lenunsterblichkeit einher, weshalb Schopenhauer Willens ist das von keiner Erkenntniß gestörte bestän-
den »prahlerischen Namen der Unsterblichkeit« dige Wollen selbst« (W I, 385). Unmittelbarer Aus-
(W II, 551) zur Bezeichnung dieses Theoriebestand- druck der Willensbejahung ist nicht etwa ein positiv
teils ablehnt. Die Unvergänglichkeit des Willens als wertendes Urteil über das Wollen, sondern das Wol-
Ding an sich fällt für das Individuum mit der Fort- len selbst, wie es sich für Schopenhauer am deutlichs-
dauer der Außenwelt zusammen, und aus der Ein- ten im Geschlechtstrieb kundtut, dessen eingehender
sicht hierin lässt sich keine Hoffnung auf individuel- Erörterung er das berühmte Kapitel »Metaphysik der
les Fortleben gewinnen. Sie bietet auch keinen Trost Geschlechtsliebe« im zweiten Band der Welt als Wille
für den Egoismus des Individuums, da sie nichts und Vorstellung widmet.
daran ändert, dass die Erfüllung individueller Inter- Der Mensch ist, so die grundlegende These Scho-
essen und Wünsche mit dem Tod des Individuums penhauers, als Objektivation des Willens ein durch
unterbunden wird (vgl. W I, 333). Zudem bietet und durch wollendes, also (normalerweise) den Wil-
Schopenhauers Unvergänglichkeitslehre keinen An- len zum Leben bejahendes Wesen. Darüber hinaus
satzpunkt dafür, gerade in der Auflösung der Indi- vertritt er die weitergehende Ansicht, dass die Beja-
vidualität durch den Tod und dem Überdauern hung des Willens beim Menschen normalerweise,
des überindividuellen Wesenskerns, des Willens als d. h. sofern er im Individuationsprinzip verharrt, die
Ding an sich, einen Trost zu erblicken. Da der Wille Form des Egoismus annimmt. Der Mensch hat dem-
als Ding an sich bei Schopenhauer als ziel- und nach die Tendenz, sein Wollen auf Kosten des Wohl-
zweckloses Streben negativ konnotiert und als Ur- ergehens der anderen durchzusetzen und in deren
grund des Leidensgeschehens gerade zu verneinen Willensbestrebungen einzugreifen. Grundlage die-
ist, ist sein Überdauern frei von jeder Heilsverspre- ser sozialanthropologischen Annahme ist die er-
chung. Das Fortbestehen des Wesenskerns des Men- kenntnistheoretische These, dass dem Individuum
schen angesichts seines individuellen Untergangs die anderen Individuen im Normalfall nur Erschei-
enthält daher nichts Hoffnungsvolles. nungen, Objekte unter anderen Objekten sind und
deren Wohlergehen und Leiden daher für das eigene
Handeln stets geringere Bedeutung haben als das ei-
Bejahung des Willens und Staatsphilosophie gene. Nur in dem Ausmaß, in dem das Individuati-
onsprinzip durchschaut wird und die anderen Indi-
Die Ausdrücke »Bejahung des Willens zum Leben« viduen nicht mehr nur als Erscheinungen, sondern
und »Verneinung des Willens zum Leben« werden als ›Ich noch einmal‹ wahrgenommen werden, kann
von Schopenhauer in einem sehr eigenwilligen Sinne der Egoismus überwunden werden.
80 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

Die These, dass der Mensch von Natur aus ein Übel legitimiert – durch eine Theorie der negativen
egoistisches, auf die Förderung des eigenen Wohls Generalprävention (vgl. hierzu Hoerster 1972). Ihr
auch auf Kosten des Wohls der anderen bedachtes zufolge liegt die Rechtfertigung der Strafe in dem
Wesen ist, erinnert an die pessimistische Sozialan- Ausmaß, in dem sie durch Abschreckung (›negativ‹)
thropologie, die Hobbes – auf den sich Schopenhauer zukünftige Straftaten nicht nur des bestraften Täters,
in diesem Zusammenhang zustimmend beruft (W I, sondern jedes potentiellen zukünftigen Täters (›ge-
393, 408) – seiner Staatsphilosophie zugrunde legt. nerell‹) zu verhindern oder unwahrscheinlich zu
Auch die im § 62 dargestellte Staats- und Rechtsphi- machen geeignet ist. Die Leidenszufügung durch die
losophie Schopenhauers bewegt sich weitgehend in Strafe wird dabei als ein in Kauf zu nehmendes Übel
den Spuren der von Hobbes entwickelten kontraktua- angesehen, das notwendig ist, um das Interesse der
listischen Theorie, wenngleich die Rechtfertigungs- Bürger daran, in Zukunft keine Opfer von Straftaten
figur des Vertrags bei Schopenhauer nicht die glei- zu werden, bestmöglich zu schützen. Schopenhauer
che zentrale Rolle spielt wie im klassischen Kontrak- geht so weit zu sagen, dass, »wo möglich, das schein-
tualismus. Das Grundanliegen des Kontraktualismus bare Leiden [der Strafe] das wirkliche überwiegen
ist es nachzuweisen, dass die Einrichtung eines Staa- sollte« (W II, 686), so dass, wenn eine fingierte Straf-
tes und seiner Institutionen im aufgeklärten Eigen- vollstreckung den gewünschten Abschreckungsef-
interesse des Individuums liegt. Dieser Idee folgt fekt zeitigt, auf deren faktische Vollstreckung ver-
Schopenhauer: Ihm zufolge liegt die Aufgabe des zichtet werden kann. Im Hintergrund dieser Straf-
positiven Rechts nicht etwa darin, den Egoismus der theorie steht Schopenhauers Willensdeterminismus:
Menschen zu überwinden – was eine illusionäre Wenn der Charakter eines Menschen, seine Disposi-
Zielvorgabe wäre –, sondern darin, das wohlverstan- tion, auf Motive auf eine bestimmte Weise zu reagie-
dene Eigeninteresse des Individuums zu schützen, ren, und sein charakterbedingtes Wollen unverän-
indem es die negativen Folgen eines unbegrenzten derlich sind, kann eine Strafe niemals im strengen
Egoismus unterbindet. Bliebe der individuelle Egois- Sinne als verdient gelten, weil der Straftäter ja nicht
mus ungezügelt, müssten Individuen, ähnlich wie es anders konnte, als die Straftat zu begehen. Darum
im Hobbesschen Urzustand des bellum omnium con- kann die Strafe nicht eigentlich auf die Person, die ja
tra omnes der Fall ist, stets mit Übergriffen anderer zu ihrem Handeln determiniert war, sondern nur auf
Individuen in ihre Willensbestrebungen rechnen. deren beobachtbare Taten gerichtet und der Täter
Das egoistische Interesse der Individuen daran, dass »bloß der Stoff [sein], an dem die That gestraft wird;
solche Übergriffe vermieden werden, kann am effek- damit dem Gesetze, welchem zu Folge die Strafe ein-
tivsten geschützt werden, wenn jeder bereit ist, sich tritt, die Kraft abzuschrecken bleibe« (W II, 685).
selbst Restriktionen bei der Verfolgung eigener Wil-
lensbestrebungen aufzuerlegen, und dafür der Eta-
blierung einer mit Sanktionsmacht ausgestatteten Ewige Gerechtigkeit
Gewalt, des Staates und seiner Institutionen, zu-
stimmt, die sicherstellt, dass auch andere sich diesen Während der Staat für die zeitliche Gerechtigkeit zu-
Restriktionen zu unterwerfen haben. Positives Recht ständig ist, betrifft die Lehre von der ›ewigen Ge-
hat es also – anders als Recht und Unrecht als mora- rechtigkeit‹ die Betrachtung des Leidens sub specie
lische Kategorien – nicht mit den Gesinnungen der aeternitatis. In ihr kommt das Leiden als Ausprä-
Menschen, sondern ausschließlich mit den Auswir- gung eines Willensgeschehens in den Blick. Unter
kungen ihrer Handlungen auf andere zu tun. Der der Perspektive eines Willensmonismus muss das
Staat hat nicht zur Moral zu erziehen, sondern als gesamte Leidensgeschehen als Ausprägung dieses ei-
›Nachtwächterstaat‹ die vitalen Interessen des Ein- nen metaphysischen Prinzips, des Willens, gesehen
zelnen zu schützen. Er ist ein Instrument des aufge- werden. Metaphysisch betrachtet besteht daher zwi-
klärten Egoismus. schen dem Leiden Zufügenden und dem es Erlei-
Auch die Rechtfertigung einzelner staatlicher In- denden kein Unterschied: »Der Quäler und der Ge-
stitutionen orientiert sich bei Schopenhauer an der quälte sind Eines« (W I, 419). Jede Zufügung von
Idee des Schutzes individueller Interessen vor den Leiden ist demnach ein Zeichen dessen, dass der
Übergriffen anderer. Die staatliche Institution des Wille »die Zähne in sein eigenes Fleisch schlägt,
Strafens rechtfertigt er – in Abgrenzung zur Vergel- nicht wissend, daß er immer nur sich selbst verletzt«
tungstheorie der Strafe, welche die Strafe als eine an- (W I, 418). Es herrscht metaphysische Gerechtigkeit,
gemessene Reaktion auf ein bereits geschehenes so dass aus dieser Perspektive über das Geschehen
2.6 Ethik 81

»von keiner Seite weiter eine Klage zu erheben ist« Schopenhauers Tugendlehre
(W I, 390).
Irritierend ist die Lehre von der ewigen Gerech- Ein wesentlicher Bestandteil der Ethik Schopenhau-
tigkeit, weil sie die Annahme nahelegt, Schopen- ers ist seine Tugendlehre, in deren Zentrum die Fra-
hauer wolle jegliches Leiden als selbstverschuldet gen nach dem Ursprung moralischen Handelns und
und vom Leidenden verdient kennzeichnen (vgl. den Kriterien der Moralität stehen. Sie ist aufs engste
Hauskeller 1998, 69–82). Dieser Eindruck täuscht je- mit seiner Metaphysik verknüpft, denn der morali-
doch. Für den Bereich der Erscheinungen, in dem sche Wert einer Handlung wird nach dem Ausmaß
der Unterschied zwischen dem Leiden Zufügenden bemessen, in dem der Handelnde zur Durchschau-
und dem es Erleidenden gewahrt bleibt, und die in ung des Individuationsprinzips gelangt und die me-
diesem Bereich stattfindenden Zuschreibungen von taphysische Einheit aller Wesen als Willensobjekti-
Schuld und Verdienst hat die These von der meta- vationen zu erkennen vermag. Der »böse Wille« ist,
physischen Gerechtigkeit keine Konsequenzen und nebst seiner Heftigkeit, durch seine Befangenheit im
ist nicht schuldentlastend. Nur aus der Perspektive Individuationsprinzip gekennzeichnet; die anderen
dessen, der das Individuationsprinzip durchschaut, Individuen sind ihm bloße Erscheinungen. Der tu-
der sich also nicht mehr auf den Bereich der Erschei- gendhafte Charakter hingegen wird dadurch charak-
nungen und Individuationen des Willens bezieht, terisiert, dass er »weniger, als sonst geschieht, einen
wird das Leidensgeschehen sich als eines enthüllen, Unterschied macht zwischen Sich und Andern«
in dem zwischen Quäler und Gequältem nicht mehr (W I, 439), also das Individuationsprinzip als schein-
unterschieden werden kann und in dem daher kei- haft erkennt. Da das Leben essentiell Leiden ist, wird
nerlei Anhaltspunkte dafür bestehen, individuelle ihm damit auch der Unterschied zwischen eigenem
Schuld zuzuschreiben. Zudem sollte ›Gerechtigkeit‹ und fremdem Leiden weniger bedeutsam. Der das
im Kontext der Lehre von der ewigen Gerechtigkeit Individuationsprinzip Durchschauende wird, anders
eher als ein quasi-ästhetischer denn als ein normati- als der darin Befangene, vom Leiden der anderen in
ver Ausdruck aufgefasst werden. Er hat keinerlei gleicher Weise motiviert werden wie sonst nur von
präskriptive Implikationen, besagt also nicht, dass seinem eigenen. Darum identifiziert Schopenhauer
das in dieser Weise als gerecht Bezeichnete sein soll. echte Menschenliebe mit Mitleid und erhebt – in Die
Vielmehr akzentuiert der Ausdruck hier das sich in Welt als Wille und Vorstellung nur in einem Paragra-
metaphysischer Hinsicht einstellende Gleichgewicht phen, ausführlicher und weitgehend unabhängig
zwischen zugefügtem und erlittenem Leiden. Die von willensmetaphysischen Prämissen dann in der
Affinität zur Ästhetik wird auch dadurch unterstri- »Preisschrift über die Grundlage der Moral« (s. Kap.
chen, dass die Erkenntnis ewiger Gerechtigkeit mit II.4.2) – Mitleid zum Zentralbegriff seiner Ethik.
der Schau der Ideen gleichgesetzt, also mit ästheti- Seine Tugendlehre ist also gesinnungsethischer Na-
scher Kontemplation analogisiert wird (vgl. W I, tur; der moralische Wert einer Handlung bemisst
418). sich ihr zufolge nicht etwa an ihren Folgen, sondern
Die Lehre von der ewigen Gerechtigkeit verweist einzig an der Motivlage, aus der heraus sie vollzogen
auf ein wesentliches Element der Lehre von der Wil- wird.
lensverneinung: Indem sie das Leidensgeschehen Indem Schopenhauer als Grundlage der Tugend-
über Individuengrenzen hinweg als Ausprägung ei- haftigkeit die Erkenntnis der Scheinhaftigkeit des In-
nes metaphysischen Willens in den Blick nimmt, dividuationsprinzips ansetzt, akzentuiert er die ko-
macht sie deutlich, dass eine Überwindung dieses gnitive Komponente moralischen Handelns. Zwar ist
Leidens nur durch eine Verneinung des Willens als der Erkenntnisbegriff bei Schopenhauer auf proble-
Ganzem möglich ist (vgl. Malter 1991, 375). Sie ver- matische Weise unterbestimmt; es lässt sich hierüber
weist auf die Beschränktheit der Rolle der zeitlichen jedoch immerhin so viel sagen: (1) Die dem tugend-
Gerechtigkeit bei der Überwindung des Leidens: haften Handeln zugrunde liegende Erkenntnis ist in-
Wer das Leidensgeschehen durchbrechen will, kann tuitiv. Das bedeutet nicht, dass zu ihrer Erklärung
dies angesichts der metaphysischen Identität von ein besonderes Erkenntnisvermögen der Intuition in
Quäler und Gequältem nicht durch die Verneinung Anspruch genommen werden müsste, sondern zum
des Individualwillens des Täters tun, sondern nur einen, dass es sich um eine anschauliche, d. h. nicht
durch die Verneinung des metaphysischen Willens abstrakt-diskursive Erkenntnis, zum anderen, dass
selbst. es sich um eine nicht-inferentielle, also nicht aus an-
deren Erkenntnissen abgeleitete und insofern »un-
82 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

mittelbare« Erkenntnis handelt. (2) Schopenhauer Wesen ebenso als Objekte der moralischen Rück-
glaubt, mit dem Hinweis auf Mitleid – anders als sichtnahme zu gelten haben wie Menschen. Hieran
Kant, der eben dies versäumt habe – eine Motivati- knüpft in neuerer Zeit z. B. Ursula Wolf in ihrer Kon-
onsquelle der Moral nachgewiesen zu haben. Die Er- zeption des generalisierten Mitleids an (vgl. Wolf
kenntnis, auf der Mitleid als »kognitives Gefühl« 1990, Kap. III.6, 7).
(Hauskeller 1998, 46) basiert, muss daher selbst als Auch für die gegenwärtige moralphilosophische
handlungsmotivierend gedacht werden. Sie kann Diskussion ist Schopenhauers Tugendlehre noch
nicht ein rein propositionales Wissen, dass jemand von Interesse. Dabei bemüht man sich, ihre Grund-
anders leidet, sein (da dieses nicht handlungsmoti- ideen so zu formulieren, dass sie auch unabhängig
vierend wäre), sondern muss eo ipso mit einer Hand- von willensmetaphysischen Prämissen akzeptabel
lungstendenz in Form des Bestrebens, Leiden zu mi- sind. Die These, dass gutes Handeln sich an dem
nimieren, verbunden sein. Eine genauere Explika- Ausmaß bemisst, in dem der Handelnde das Indivi-
tion des Erkenntnisbegriffes hätte zu erläutern, wie duationsprinzip zu durchschauen vermag, kann z. B.
dies möglich ist. im Sinne des metaethischen Prinzips verstanden
Zwar ist es angesichts der prozessualen Darstel- werden, dass moralische Urteile aus begriffslo-
lung der Abfolge von Gerechtigkeit, Menschenliebe gischen Gründen universalisierbar sind und ihre
und Mitleid im Hauptwerk exegetisch unklar, ob Gültigkeit daher unabhängig von individuellen Rol-
Schopenhauer hier ebenso wie in der »Preisschrift« lenverteilungen ist. Für Konzeptionen, die sich auf
auch Gerechtigkeit auf Mitleid zurückführen möchte, ein solches Prinzip berufen, spielt auch der von
aber der Sache nach besteht kein Zweifel, dass auch Schopenhauer als Mitleid beschriebene Empathie-
gerechtes Handeln – als Handeln, das uneigennützig vorgang eine bedeutende Rolle. Anders als bei Scho-
ist und vom Leiden des anderen, auf dessen Vermei- penhauer wird dieser jedoch meist nicht als Identifi-
dung es abzielt, motiviert ist – als mitleidsbasiert kationsvorgang im wörtlichen Sinne, also als Über-
verstanden wird. Dies wirkt intuitiv unplausibel, nahme der Leiden des anderen – der dann mit dem
würde man doch z. B. die Handlungen des Gerech- Mitleidenden metaphysisch identisch sein muss –
tigkeit ausübenden Richters gerade nicht als Hand- aufgefasst, sondern so, dass wir, um Zugang zu den
lungen aus Mitleid einstufen. Der Anschein der Leidenszuständen des anderen zu finden, in propria
Kontraintuitivität verschwindet jedoch, wenn man persona Präferenzen ausbilden müssen, die denen
berücksichtigt, dass Mitleid für Schopenhauer kein des anderen an Intensität entsprechen (vgl. Hare
bloßes Gefühl, sondern in dem Sinne universali- 1992, Kap. 5). Darüber hinaus ist Schopenhauers
sierbar ist, dass es sich nicht nur auf aktuell wahr- Mitleidsethik für Probleme der modernen Medizin-
nehmbare Leidenszustände, sondern auch auf anti- ethik fruchtbar gemacht und mit neueren rekon-
zipiertes oder vergangenes, also nicht unmittelbar struktivistischen Ansätzen verbunden worden (vgl.
wahrgenommenes Leiden beziehen kann (vgl. Birn- Birnbacher 1990).
bacher 1990, 30 f.). Auch das Handeln des Richters
kann daher insofern als mitleidsbasiert verstanden
werden, als er bei seiner Verurteilung die Leidensfä- Willensverneinung
higkeit potentieller weiterer Opfer des zu verurtei-
lenden Täters berücksichtigt. Dass Mitleid für Scho- Schopenhauers praktische Philosophie umfasst eine
penhauer nicht an unmittelbares affektives Betrof- »Ethik im engeren« und eine »Ethik im weiteren
fensein gebunden ist, zeigen einige der von ihm Sinne« (vgl. Cartwright 1999, 252 f.). Erstere ist iden-
gewählten Beispiele, etwa der Verweis auf Fälle von tisch mit der Tugendlehre, letztere umfasst die in
Selbstaufopferung zugunsten dessen, »was der ge- den §§ 68–71 des Hauptwerks entfaltete Soteriolo-
sammten Menschheit zum Wohle gereicht« (W I, gie. In ihr wird die Verneinung des Willens, das Auf-
443). Der von Tugendhat (vgl. Tugendhat 1993, 177– hören allen Wollens als Kulminationspunkt und als
196) gegen die Mitleidsethik erhobene Vorwurf, »der letzte Zweck« (W II, 698) des menschlichen
Mitleid sei als ein bloß punktuelles Gefühl nicht uni- Daseins dargestellt. Für Schopenhauer ist also nicht
versalisierbar, geht daher an der Konzeption Scho- Moralität der höchstmögliche zu erreichende Zu-
penhauers vorbei. Der universalistische Anspruch stand des Menschen, sondern Willensverneinung.
der Mitleidsethik zeigt sich auch in der Einbezie- Exemplifiziert wird Willensverneinung durch die
hung der Tiere, die nach Schopenhauer – der als ei- Lebensweise der Asketen und Heiligen, deren Zu-
ner der Pioniere der Tierethik gilt – als leidensfähige stand Schopenhauer als einen hedonisch eindeutig
2.6 Ethik 83

positiv getönten beschreibt, als »unerschütterliche[n] den notwendig zu eigen machen – er könnte sie wei-
Friede[n], […] tiefe Ruhe und innige Heiterkeit« terhin als Erscheinungen und ihre Leiden als ihm
(W I, 461). selbst nicht zugehörig betrachten –, noch muss, wer
Auch das Verhältnis der Ethik im engeren zur sich die Leiden der anderen zu eigen macht, diese
Ethik im weiteren Sinne ist nicht frei von Spannun- deswegen verneinen, denn auch die Übernahme der
gen. Die Lehre von der Willensverneinung geht aus Leiden des anderen schließt keinesfalls eine Beja-
der Tugendlehre einerseits zwanglos hervor, denn hung des Leidens und damit des Lebens aus (vgl.
Willensverneinung wird als eine weitergehende Hallich 1998, 32–34). Auch der zweite geschilderte
Folge jener Durchschauung des Individuationsprin- Übergang zum Zustand der Willensverneinung be-
zips verstanden, die schon die Möglichkeit des Mit- ruht auf psychologischen Kontingenzen und hat, wie
leids erklärt hatte. Sie ist insofern eine Steigerung Schopenhauer selbst betont, nicht den Charakter ei-
der Moralität: Werden jemandem die Grenzen zwi- nes notwendigen Übergangs (vgl. W I, 467): Infolge
schen Ich und Nicht-Ich nicht nur teilweise, sondern des eigenen Leidens kann eine Willensverneinung
vollkommen durchsichtig, so »folgt« nach Schopen- (die dann gar nicht auf Tugendhaftigkeit als vorher-
hauer »von selbst«, dass er nicht nur Mitleid empfin- gehende Stufe angewiesen ist) erreicht werden, muss
den, sondern den Willen verneinen wird (vgl. W I, es aber nicht.
447). Andererseits besteht zwischen Mitleid und Bezieht man sich auf Willensverneinung nicht als
Willensverneinung ein Gegensatz: Während der Zustand, sondern als Praxis der Askese, so fällt auf,
Mitleidige das Leiden des anderen zu mildern be- dass diese von Schopenhauer als ein durchaus akti-
müht ist, gilt dies für den den Willen verneinenden ver Prozess geschildert wird, als eine »vorsätzliche
Asketen nicht. Vielmehr verhält er sich, da er gar Brechung des Willens« (W I, 463), bei der der Asket
nichts mehr will, indifferent gegenüber dem Leiden seine eigenen Begierden »absichtlich« (W I, 451) un-
des anderen und ist – hierin dem Egoisten verwandt – terdrückt und einen »beständigen Kampf mit dem
auf seinen eigenen Zustand bezogen, da er, Genüsse Willen zum Leben« (W I, 463) zu führen hat. Dies
verabscheuend, einen Zustand der Freiheit von al- zieht das Problem eines Widerspruchs zwischen
lem Wollen, der mit einem Zustand der Leidensfrei- Willenlosigkeit und Motivation nach sich: Wieso
heit zusammenfällt, anstrebt. kann der Asket – da er nichts mehr will – dieses
Das Verständnis der Willensverneinungslehre Nicht-mehr-Wollen wollen? Schopenhauer reagiert
wird dadurch erschwert, dass mit »Willensvernei- hierauf, indem er das in der Askesis zum Ausdruck
nung« bei Schopenhauer kein einheitliches Phäno- kommende Wollen entindividualisiert: Im Wollen
men bezeichnet wird (vgl. Koßler 2014). Der Aus- des den Willen Verneinenden zeige sich die Freiheit
druck bezeichnet sowohl – und dies primär – einen des metaphysischen Willens, des Dings an sich, wel-
Zustand, in dem alles Wollen überwunden ist, als che hier ausnahmsweise in die Erscheinung trete
auch eine Praxis der Willensverneinung. Zum Zu- (vgl. W I, 467, 476). In der Willensverneinung wen-
stand der Willensverneinung führen nach Schopen- det sich demnach der metaphysische Wille gegen
hauer zwei Wege: erstens die aus der Durchschauung sich selbst. Auch diese Konstruktion ist jedoch mit
des Individuationsprinzips resultierende reine Er- Schwierigkeiten verbunden, denn dass der Wille
kenntnis des Leidens (vgl. W I, 447) und zweitens – sich gegen sich selbst wendet, unterstellt zum einen
weit häufiger – die Erfahrung eigenen Leidens (vgl. eine Intentionalität des metaphysischen Willens, die
W I, 463 f.). In Bezug auf den ersten Weg behauptet seiner Charakterisierung als nicht intentional ge-
Schopenhauer, dass der das Individuationsprinzip richtet widerspricht; zum anderen wird der Wider-
gänzlich Durchschauende alle Lebewesen als Objek- spruch zwischen der Willenlosigkeit des Asketen
tivationen des Willens, somit als leidend erkennen und seinem Wollen dadurch kaum aufgehoben,
wird, so dass er die Leiden der anderen als seine ei- denn es ist immer noch das Individuum, nicht der
genen betrachten und den Willen zum Leben ver- Wille als Ding an sich, das den »beständigen Kampf
neinen wird. Zur Plausibilisierung der These, dass der Verneinung« zu kämpfen hat.
dieser Übergang »von selbst folgt«, wäre allerdings Zu fragen ist auch, wie sich der Freiheitsspiel-
auch hier eine genauere Explikation des Erkenntnis- raum, der in der Willensverneinung zum Ausdruck
begriffs erforderlich. Ohne den Nachweis, dass und zu kommen scheint, mit der Lehre von der Totalde-
wie diese Erkenntnis handlungsmotivierend sein termination des Willens im Bereich der Erscheinun-
kann, liegt folgender Einwand nahe: Weder muss, gen vereinbaren lässt. Wieso können wir überhaupt
wer erkennt, dass die anderen leiden, sich deren Lei- den Willen verneinen, wo doch Schopenhauer für
84 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

die These plädiert, dass jede Handlung ein notwen- vgl. grundlegend Koßler 1999; zum Erlösungsbegriff
diges Produkt von Motiv und Charakter ist? Scho- bei Schopenhauer vgl. auch Sauter-Ackermann
penhauer beantwortet diese Frage mit dem Hinweis 1994). Verlangt man allerdings, dass die Lehre von
darauf, dass es im Falle der Willensverneinung nicht der Willensverneinung auch ohne Rekurs auf Be-
zu einer Änderung, sondern zu einer »gänzlichen standteile der christlichen Erlösungslehre konsistent
Aufhebung des Charakters« (W I, 477) käme. Damit erläuterbar sein muss, so wird man hierin einen
ist gemeint, dass Willensverneinung nicht auf die Ausdruck der Aporie sehen, in den die Willensver-
Wirkung bestimmter Motive, sondern darauf zu- neinungslehre schließlich gerät.
rückzuführen ist, dass ein Zustand erreicht wird, in Eine weitere Schwierigkeit der Willensvernei-
dem Motive grundsätzlich nicht mehr wirksam wer- nungslehre betrifft die Frage, ob diese sich mit Scho-
den. Das ›Quietiv‹, als das die Einsicht in das Leiden penhauers Ablehnung des Suizids (vgl. W I, § 69) in
oder dessen Erfahrung wirken soll, ist kein Motiv ei- Einklang bringen lässt oder letztere nicht vielmehr
ner bestimmten Art, sondern gar kein Motiv. Diese als der Versuch angesehen werden muss, der letzten
Aufhebung des Charakters aber geht nicht vom Wil- Konsequenz des eigenen Systems, nämlich einer
len des Individuums aus, sondern vielmehr von ei- Empfehlung des Suizids, auszuweichen. Zwar über-
ner veränderten Erkenntnisweise, eben der Durch- nimmt Schopenhauer Humes Zurückweisung der
schauung des Individuationsprinzips. Daher ist die traditionellen metaphysisch-theologischen Argu-
Möglichkeit der Willensverneinung mit der deter- mente gegen den Suizid, lehnt aber die Selbsttötung
ministischen Annahme der Unausweichlichkeit der aus willensmetaphysischen Gründen ab: Da der Sui-
Handlungen bei gegebenem Motiv und Charakter zident, verzweifelt über seine Lebensumstände, sich
kompatibel: Kommt es zur Willensverneinung, ist vom Bild eines glücklichen Lebens, das ihm aller-
die Voraussetzung dafür, dass Motive überhaupt dings unerreichbar sei, leiten lasse, sei seine Hand-
wirken können, aufgehoben. lung – weit entfernt davon, das Leben zu verneinen –
Allerdings wird das Problem, wie Willensvernei- gerade ein Ausdruck der Willensbejahung. Diese
nung möglich ist, damit nur auf die Frage verscho- Ausgrenzung suizidaler Handlungen aus dem Be-
ben, wie jene veränderte Erkenntnisweise möglich reich der Willensverneinung ermöglicht es zwar, die
ist, in deren Folge es zur Aufhebung des Charakters Lehre von der Willensverneinung aufrechtzuerhal-
als Ganzem kommt. Zur Beantwortung dieser Frage ten, ohne hieraus eine Empfehlung des Suizids ablei-
greift Schopenhauer auf religiöse, aus dem Funda- ten zu müssen, ist aber mit dem Preis erkauft, dass
ment christlicher Erlösungslehre geschöpfte Topoi Schopenhauer nur einen Teilbereich suizidaler
zurück. Die Veränderung der Erkenntnisweise sei Handlungen erfasst, da er dem Suizidenten eine Mo-
nur als eine »Wiedergeburt« und eine Art der »Gna- tivlage unterstellen muss, die dieser zwar haben
denwirkung« verstehbar, analog dazu, dass in der kann und häufig haben wird, aber keinesfalls not-
christlichen Heilslehre der die Erlösung ermögli- wendig haben muss: Warum eine Suizidhandlung
chende Glaube als »Werk der Gnade« (W I, 477 f.) nicht z. B. aus einer bloßen Einsicht in die Vergeb-
aufgefasst würde. Entgegen Schopenhauers eigenen lichkeit menschlichen Strebens oder als Bilanzsuizid
abschwächenden Bemerkungen hat die Inanspruch- begangen werden kann, bleibt unklar.
nahme theologischer Motive, insbesondere des Mo- Angesichts der teleologischen Struktur der Lehre
tivs der Gnade, im Rahmen der Lehre von der Wil- von der Willensverneinung – die diese als Zweck
lensverneinung nicht nur illustrative Funktion und und Kulminationspunkt des menschlichen Daseins
geht über eine bloße Analogie hinaus (vgl. Malter auffasst – ist Zurückhaltung gegenüber der Bezeich-
1991, 414 f.). Ohne den Bezug auf die Gnaden- nung Schopenhauers als eines ›Nihilisten‹ ange-
wirkung wäre die Möglichkeit einer veränderten bracht. Diese Einstufung wird durch den Abschluss-
Erkenntnisweise, somit auch die der Willensver- paragraphen des Hauptwerks, in dem das Wort
neinung, überhaupt nicht verständlich. In der Ange- ›Nichts‹ eine prominente Rolle spielt, durchaus na-
wiesenheit der philosophischen Soteriologie Scho- hegelegt. Nachdem Schopenhauer hier an die Relati-
penhauers auf die theologische Kategorie der Gna- vität des Ausdrucks ›nichts‹ erinnert hat (vgl. hierzu
denwirkung kann man ein Indiz dafür sehen, dass Lütkehaus 1999, 627–635), formuliert er mit dessen
Schopenhauers Erlösungslehre mit der christlichen Hilfe zwei Thesen: erstens, dass, was nach der Auf-
konvergiert, zumindest mit ihr kompatibel ist (zu hebung der Welt der Erscheinungen übrig bleibt, für
Differenzen zwischen der Schopenhauerschen und den den Willen Bejahenden ›nichts‹ sei, zweitens,
der christlichen Ethik und ihren Gemeinsamkeiten dass die Welt der Erscheinungen für den den Willen
2.6 Ethik 85

Verneinenden ›nichts‹, d. h. nicht mehr von Bedeu- –: Schopenhauers Soteriologie (WI §§ 68–71). In: Matthias
tung, kein Objekt seines Willens mehr sei. Keine die- Koßler/Oliver Hallich (Hg.): Arthur Schopenhauer. Die
Welt als Wille und Vorstellung (= Klassiker Auslegen,
ser Verwendungsweisen rechtfertigt es aber, Scho-
Bd. 42). Berlin 2014.
penhauer als einen Nihilisten zu bezeichnen, jeden- Lütkehaus, Ludger: Nichts. Abschied vom Sein. Ende der
falls dann nicht, wenn man etwa die später von Angst. Zürich 1999.
Nietzsche formulierte Bestimmung von ›Nihilismus‹ MacKay, Donald M.: Freiheit des Handelns in einem me-
zugrunde legt, der zufolge Nihilismus bedeutet, dass chanistischen Universum. In: Ulrich Pothast (Hg.): Se-
»die obersten Werthe sich entwerthen« (KSA 12, minar: Freies Handeln und Determinismus. Frankfurt
a. M. 1978, 303–321.
350): »es fehlt das Ziel. Es fehlt die Antwort auf das Malter, Rudolf: Arthur Schopenhauer. Transzendentalphilo-
›Warum?‹« (ebd.). Da die Aufhebung des Willens bei sophie und Metaphysik des Willens. Stuttgart-Bad Cann-
Schopenhauer als letzte und höchste Stufe eines Er- statt 1991.
lösungsprozesses verstanden wird und die Willens- Nietzsche, Friedrich: Sämtliche Werke. Kritische Studien-
verneinungslehre insofern gerade eine Antwort auf ausgabe in 15 Bänden [1967 ff.]. Hg. von Giorgio Colli/
Mazzino Montinari. München 1999 [KSA].
das ›Warum?‹ formuliert, ist Schopenhauer zumin- Pothast, Ulrich (Hg.): Seminar: Freies Handeln und Deter-
dest in diesem Sinne von ›Nihilismus‹ kein Nihilist. minismus. Frankfurt a. M. 1978.
Ryle, Gilbert: Der Begriff des Geistes. Stuttgart 1969 u. ö.
(engl. 1949).
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ing into Existence. Oxford 2006. hauers. Cuxhaven 1994.
Birnbacher, Dieter: Schopenhauers Idee einer rekonstruk- Soll, Ivan: Schopenhauer on the Inevitability of Unhappi-
tiven Ethik (mit Anwendungen auf die moderne Medi- ness. In: Vandenabeele 2012, 300–313.
zin-Ethik). In: Schopenhauer-Jahrbuch 71 (1990), 26–44. Tugendhat, Ernst: Vorlesungen über Ethik. Frankfurt a. M.
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Zur Differenz einer areligiösen und einer religiösen
Grundlegung der Ethik am Beispiel der Gegenüberstellung
Schopenhauers mit Augustinus, der Scholastik und Lu-
ther. Würzburg 1999.
–: Die Philosophie Schopenhauers als Erfahrung des Cha-
rakters. In: Dieter Birnbacher/Andreas Lorenz/Leon
Miodonski (Hg.): Schopenhauer im Kontext. Deutsch-
polnisches Schopenhauer-Symposion 2000. Würzburg
2002, 91–110.
86 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

2.7 »Kritik der Kantischen reinen Vernunft, in der zwar bahnbrechende Ein-
sichten vorgelegt worden seien, diese aber entschei-
Philosophie« dender Korrekturen bedürften. Richtigstellungen
und kritische Kommentare bezogen auf die beiden
Schopenhauer schließt sein Hauptwerk Die Welt als weiteren Kritiken Kants, die der praktischen Ver-
Wille und Vorstellung (= WWV) mit einem Anhang nunft und der Urteilskraft, nehmen nur ein knappes
ab, der »Kritik der Kantischen Philosophie«, den er Fünftel des Anhangs ein. Schopenhauers detaillierte
bereits in der »Vorrede« zur ersten Auflage der kritisch-polemische Auseinandersetzung mit Kants
WWV von 1818 ankündigt. Dort werden von dem Ethik findet erst in der moralphilosophischen
jungen selbstbewussten Autor drei Forderungen an Schrift »Preisschrift über die Grundlage der Moral«
die Leser erörtert: erstens, das vorliegende Werk statt (s. Kap. II.4.2).
zwei Mal zu lesen, zweitens, die Dissertation Ueber Auf wenigen Seiten zu Beginn erörtert Schopen-
die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden hauer Kants Verdienste, beginnend mit dem größ-
Grunde und drittens, Kants Hauptschriften gründ- ten, der erkenntnistheoretischen Einsicht, dass die
lich studiert zu haben. Dass Schopenhauer der Aus- Erscheinung vom Ding an sich zu unterscheiden ist
einandersetzung mit der kantischen Philosophie im (vgl. W I, 494), und schließend mit der Konsequenz
Anschluss an die Präsentation des eigenen philoso- dieser Unterscheidung für die praktische Philoso-
phischen Systems ein in sich beschlossenes Schrift- phie, die »ethische Bedeutsamkeit der Handlungen«
stück von mehr als 100 Seiten widmet, begründet er von der Erscheinung und der naturgesetzlichen
in der »Vorrede« damit, »nicht [die] eigene Darstel- Kausalität zu trennen (vgl. W I, 503). Es wird sich im
lung durch häufige Polemik gegen Kant zu unterbre- weiteren Verlauf des Anhangs zeigen, dass sich na-
chen und zu verwirren« (W I, XII). Insofern von hezu alle Kritikpunkte auf – aus Schopenhauers
Schopenhauer zum Verständnis seiner eigenen Phi- Sicht – falsche Folgerungen Kants aus dieser grund-
losophie die intensive Auseinandersetzung mit der legenden transzendentalphilosophischen Einsicht
kantischen vorausgesetzt wird, aber auch deren »be- zurückführen lassen. Der Text selbst ist in nicht wei-
deutende Fehler« (W I, XI) berücksichtigt werden ter gekennzeichnete, unbetitelte Abschnitte geglie-
müssen, wird die Lektüre des Anhangs sogar vor dert, im Überblick ergibt sich folgende Struktur: Auf
derjenigen der Welt als Wille und Vorstellung nahe- eine kurze Einleitung (W I, 491–494) folgt das Her-
gelegt. Diese Vorgehensweise lässt keinen Zweifel vorheben der Verdienste Kants, der sich nach einer
daran, dass Kants Philosophie Schopenhauer ent- kurzen Überleitung zu den Fehlern die Kritik des
scheidend geprägt hat (s. auch Kap. III.7) – ob sein Grundgedankens, bzw. der falschen Schlussfolge-
eigenes Denken nun von ihr aus- oder über sie hin- rungen daraus, nach systematischen Aspekten ge-
ausgeht, auf ihr aufbaut oder sie widerlegt. ordnet anschließt. Die Durchführung der Kritik
In den ersten einleitenden Bemerkungen des An- erfolgt danach mit Bezugnahme auf die Kritik der
hangs behauptet er, »unmittelbar an ihn [Kant] an- reinen Vernunft, geordnet nach deren Schwerpunk-
knüpfen« zu müssen, weil die »wirkliche und ernstli- ten. Schopenhauer beginnt mit dem ihm zufolge
che Philosophie noch da steht, wo Kant sie gelassen gelungenen Teil, der Transzendentalen Ästhetik,
hat« (vgl. W I, 493), es seither also keine ernstzuneh- kommentiert dann die Irrtümer der Analytik, sich
mende Entwicklung des Denkens gegeben habe. Die konzentrierend auf die Kategorientafel und die De-
Tatsache, dass der junge Denker sich selbst als den duktion der reinen Verstandesbegriffe insgesamt;
Philosophen betrachtet, der den ›großen‹ Kant zu zusammen mit einem kleineren Absatz zur Beharr-
Ende denkt – ungeachtet des vergleichbaren An- lichkeit der Substanz bildet dieser Abschnitt den
spruchs der berühmten Kollegen des deutschen Idea- Schwerpunkt des Anhangs. Es folgt ein systemati-
lismus, Fichte und Hegel –, bildet den Hintergrund scher Einschub zu den Formen des Denkens, wo-
dieses ungewöhnlichen Rahmens seines Hauptwer- durch Schopenhauer zu seiner Analyse der »Tran-
kes. Allein dadurch werden die in allen Schriften szendentalen Dialektik« in der Kritik der reinen Ver-
aufzufindenden Lobpreisungen der Leistungen nunft überleitet. Er kritisiert in verhältnismäßig
Kants relativiert, auch wenn die »Kritik der Kanti- kurzen Abschnitten Kants unbedingten Vernunftbe-
schen Philosophie« noch vom »größten Verdienst« griff, seine Ideenkonzeption, die Antinomien sowie
(W I, 494) im Bereich der Erkenntnistheorie aus- das transzendentale Ideal und kommentiert kurz die
geht. Der größte Teil der Schopenhauerschen »Kri- kantische Widerlegung der spekulativen Theologie.
tik« bezieht sich infolgedessen auf Kants Kritik der Der Anhang wird beschlossen mit Schopenhauers
2.7 »Kritik der Kantischen Philosophie« 87

kritischen Bemerkungen zum Begriff der prakti- Theologie und der rationalen Psychologie jegliche
schen Vernunft, wie ihn Kant in der Kritik der prak- Grundlage entzogen zu haben; Kants Lehre der Un-
tischen Vernunft entwickelt, zur Ethik, insbesondere terscheidung von Erscheinung und Ding an sich
der Rechtslehre, die Kant in der Metaphysik der Sit- habe einem in der Philosophie verbreiteten, jahr-
ten vorstellt, und schließlich einem kurzen Kom- hundertelang wirksamen wahnhaften und falschen
mentar zur Kritik der Urteilskraft. – Die folgende Realismus erfolgreich eine »idealistische Grundan-
Darstellung einzelner Aspekte und Argumente der sicht« entgegengesetzt, der zufolge die Dogmen der
»Kritik der Kantischen Philosophie« orientiert sich traditionellen Metaphysik als unhaltbar und unbe-
an dieser Struktur. weisbar anzusehen sind. Das impliziert auch die
Auf den ersten Seiten erläutert Schopenhauer die Entwertung metaphysischer Begriffe, die im Rah-
Absichten, die er mit dem Anhang verfolgt, der »ei- men der Ethik verwendet wurden (insbesondere den
gentlich nur eine Rechtfertigung« der eigenen Lehre der Vollkommenheit), als »Gerede« und »gedanken-
sei, insofern diese »in vielen Punkten« zu Kants Phi- leere Worte« (W I, 503). Ebenso wenig wie die Ge-
losophie im Widerspruch steht (vgl. W I, 492). Um setze der Erscheinungswelt zu metaphysischen
nicht undankbar oder gar bösartig zu erscheinen, Wahrheiten erhoben werden können, darf die Be-
schicke er der durchaus notwendigen, da ernsthafter deutung moralischen Handelns nach Maßgabe der
und angestrengter Wahrheitssuche geschuldeten Erscheinung und ihrer Gesetze beurteilt werden.
»Polemik gegen Kant« eine Würdigung der Ver- Damit erneut auf das zweite Verdienst Bezug neh-
dienste des »Riesengeistes« (W I, 493) voraus. mend schließt Schopenhauer seine Darstellung der
Die »Unterscheidung der Erscheinung vom Dinge positiven Aspekte der kantischen Transzendental-
an sich« aufgrund der Unterscheidung der Erkennt- philosophie ab – um sich mit der ihm eigenen Pole-
nis a priori von derjenigen a posteriori wird zwar als mik ihren Mängeln und Fehlern zuzuwenden. Diese
»Kants größtes Verdienst« bezeichnet (W I, 494), zu- lassen sich in formaler Hinsicht kurz zusammenfas-
gleich aber auch relativiert als eine Bestätigung und sen: Da Kant kein vollständiges System entwickelt
Erweiterung von Erkenntnissen Lockes und Humes, habe, musste seine Philosophie »negativ und einsei-
auf die Kant zurückgreifen konnte. Doch neu und tig« bleiben und »die größte Revolution in der Philo-
originell ist der Nachweis aus der Analyse der Er- sophie« letztlich scheitern, was die Philosophiege-
kenntnisvermögen selbst, dass aus den Gesetzen der schichte deutlich belege (W I, 505 f.).
Erfahrung das Dasein weder abgeleitet noch erklärt Inhaltlich besteht der grundlegende Fehler Kants
werden kann, dass diese Gesetze und die aus ihnen darin, die Metaphysik, die das Wesen der Welt er-
verstandene natürliche Welt vielmehr »als durch die kennen und verständlich machen will, kategorisch
Erkenntnißweise des Subjects bedingt« verstanden von der Erfahrung, d. h. der Weise unseres Zugangs
werden müssen (W I, 498). Damit ist das Funda- zur Welt, zu trennen. Schopenhauer folgert, dass die
ment gelegt für die kritische, bzw. Transzendental- Erkenntnis der Welt und des Daseins aus etwas von
philosophie, deren Untersuchung die dogmatischen diesen Verschiedenem hervorgehen muss, wenn sie
Prinzipien der traditionellen Philosophie, d. h. die nicht aus empirischen Quellen stammt; ein derart
veritates aeternas, als Ausdruck subjektiver Formen gewonnenes Selbst- und Weltverständnis ist damit
des Erkennens entlarvt und über diese hinausführt: nicht unmittelbar und gewiss, sondern mittelbar
Das, was wir für die objektive Welt halten, erkennen und aus abgeleiteten Begriffen erschlossen. Scho-
wir, bedingt durch die apriorischen Formen unseres penhauer zufolge ist gerade »die innere und äußere
Verstandes, nur wie sie uns erscheint, nicht wie sie Erfahrung«, die Kant aus der Metaphysik aus-
an sich ist. Soweit das »größte Verdienst«. schließt, die »Hauptquelle aller Erkenntniß« (W I,
Auch wenn Kant, so Schopenhauer weiter, nicht 507). Eine »Lösung des Räthsels der Welt« ist daher
zur Erkenntnis gelangt sei, »daß die Erscheinung die nicht von einer Metaphysik zu erwarten, die mit Er-
Welt als Vorstellung und das Ding an sich der Wille kenntnis a priori gleichgesetzt wird, sondern es be-
sei« (W I, 499), habe er die Moralität des Menschen darf vielmehr einer Philosophie, die erklären kann,
als von der erscheinungshaften Welt zu trennen dar- wie äußere und innere Erfahrung verknüpft sind,
gestellt, »als etwas, welches das Ding an sich unmit- d. h. wie aus der formalen Struktur unseres Erkennt-
telbar berühre« (W I, 500). Das wird als zweiter As- nisapparates und dem der äußeren Erfahrung zu-
pekt der verdienstvollen Einsicht gewürdigt. Der gänglichen ›Material‹ das ›richtige‹ Verständnis der
dritte besteht nach Schopenhauer darin, durch den Welt erlangt werden kann. Was Schopenhauer for-
Verzicht auf »ewige Wahrheiten« der spekulativen dert, ist eine neue Auffassung von ›Metaphysik‹ als
88 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

erfahrungsbasierter philosophischer Weltdeutung. ten und Wortverbindungen. Darüber, »wie […] die
Diesem Anspruch kann Kants Konzeption der Meta- empirische Anschauung ins Bewußtseyn kommt«
physik als ›reine‹, rationale Philosophie, die per de- (W I, 511), wird nichts ausgesagt.
finitionem erfahrungsunabhängig sein muss, nicht Die Hauptabschnitte der Schopenhauerschen
genügen. Es scheint für Schopenhauer nicht nach- »Kritik an der Kantischen Philosophie« sind daher
vollziehbar, wieso Kant trotz der Unterscheidung der »Transscendentalen Ästhetik« und der »Trans-
von Wesentlichem und Erscheinungshaftem, Ding scendentalen Analytik« gewidmet, wobei die Lehre
an sich und Erscheinung, übersieht, dass der Zugang von den apriorischen Anschauungsformen gewür-
zum innersten Wesen des Daseins nur über die digt wird, auch wenn die Ableitung des Dinges an
(nicht über der) Welt, die wir wahrnehmen, nicht sich nach Schopenhauer fehlerhaft ist. Die Analytik
jenseits der Erfahrung zu suchen ist. der Verstandesbegriffe sowie ihre Deduktion, die
Daraus ergeben sich für die Vorgehensweise Kategorienlehre, finden vor ihm keine Gnade. Sei-
ebenso wie für die daraus folgende Argumentations- nem eigenen philosophischen Anspruch nach müss-
struktur notwendige Konsequenzen, die Kant igno- ten die Wahrnehmungslehre und die Begriffsanaly-
riere: Die Fragen nach der Eigenart von Anschauung tik verbunden werden, und wie im ersten Buch der
und Reflexion, nach den Funktionen von Verstand WWV dargelegt, ist die Kausalitätskategorie (als die
und Vernunft wurden nicht gestellt, die Untersu- einzig sachlich begründete) in die Lehre von den rei-
chung und Abgrenzung von intuitiver und abstrak- nen Anschauungsformen Zeit und Raum zu inte-
ter Erkenntnis nicht vorgenommen. Stattdessen, so grieren, um das Entstehen der materialen empiri-
Schopenhauers Deutung, folgt Kant zum Teil unbe- schen Anschauung zu erklären. Dass Kant die Ge-
sonnen – man möchte sagen: unbewusst – seiner nese der Wahrnehmung, das heißt die Verbindung
Vorliebe zur Symmetrie, eine »ganz individuelle Ei- von äußerer und innerer Erfahrung, gar nicht the-
genthümlichkeit des Geistes Kant« (W I, 509). Ei- matisiert, sondern mit der Aussage übergeht, der
nem formalen Ordnungsstreben ist die Urteilstafel, empirische Inhalt der Anschauung sei »gegeben«,
die »logische Grundlage seiner ganzen Philosophie«, wird wiederholt moniert. So ist für Schopenhauer
geschuldet, von ihr werden 4x3 Kategorien abgelei- schon die Trennung einer Wahrnehmungslehre, wie
tet. Die Symmetrie dieser Tafel wiederholt sich auf sie in der »Transzendentalen Ästhetik« dargelegt
verschiedenen Ebenen: Die Tätigkeit des Verstandes, wird, von einer Begriffslehre wie die der »Transzen-
seine Begriffe (die ihn strukturierenden apriori- dentalen Analytik« ein fataler Irrtum – ist es doch
schen Kategorien) auf die Sinnlichkeit anzuwenden, die Kausalitätserkenntnis des Verstandes, die eine
soll die Erfahrung und deren Grundsätze a priori er- Erklärung der Entstehung von Wahrnehmung bzw.
klären. Die Tätigkeit der Vernunft, ihre Schlüsse auf Erfahrung im Ausgang vom unmittelbaren Bewusst-
die Verstandesbegriffe anzuwenden, bringt Ver- sein einer Gegenstandswelt ermöglichen soll.
nunftbegriffe oder Ideen hervor, den drei Modi des Der Schwerpunkt der Kritik, die Schopenhauer
relationalen Schließens entsprechen die drei tran- an  der Transzendentalen Ästhetik übt, setzt genau
szendentalen (traditionell metaphysischen) Ideen dort an: Es ist Kant vorzuwerfen, dass er die Intellek-
Seele, Welt und Gott. Gemäß den vier Titeln der Ka- tualität der Anschauung leugnet. Bereits in der An-
tegorien lassen sich vier Thesen über die Welt und schauung – und nicht durch etwas zu ihr hinzu Ge-
die jeweiligen Antithesen aufstellen. dachtes – sind die Gegenstände gegeben, die Kant
Die polemisch vorgestellten Ableitungen beruhen dem Denken zuschreibt (vgl. W I, 524 f.). Kants Aus-
auf Kants Konzeption von Verstand und Vernunft – sage wird zitiert, dass etwas »wenn gleich nicht ange-
Schopenhauer fasst zusammen: Beide sind Denk- schauet, dennoch als Gegenstand überhaupt gedacht«
und Urteilsvermögen. Ist der Grund des Urteils em- (KrV, B 125) werden könne; für Schopenhauer zeigt
pirisch, transzendental oder metalogisch, ist es vom sich in der Annahme eines solchen »absoluten Ob-
Verstand hervorgebracht; ein rein logisches Urteil – jekts«, das durch den denkenden Verstand erst konsti-
so die Definition des Schlusses – ist Sache der Ver- tuiert wird und durch die Hinzufügung der apriori-
nunft. Der Verstand verfährt nach Regeln, die Ver- schen, begrifflichen Kategorien die objektive Welt be-
nunft nach Prinzipien. All diese Bestimmungen, die dingt, »ein altes, eingewurzeltes, aller Untersuchung
durch zahlreiche Zitate aus der Kritik der reinen Ver- abgestorbenes Vorurtheil in Kant« (WI, 524).
nunft belegt werden, hält Schopenhauer für irrefüh- Die empirische Realität oder Erfahrung entsteht
rend, die Sache verdunkelnd, ja, willkürlich; denn dadurch, dass die Verstandeserkenntnis von Ursa-
ihre Bedeutung ist rein begrifflich, besteht in Wor- che-Wirkungsverhältnissen, also von Kausalität,
2.7 »Kritik der Kantischen Philosophie« 89

schon auf die Sinnesempfindung angewendet wird. Die grundsätzliche Ablehnung der kantischen Wahr-
Daraus ergibt sich auch die richtige Beweisführung nehmungstheorie wird ausgedehnt zu einer umfas-
der (von Kant richtig erkannten, aber falsch bewie- senden Fehleranalyse, die die gesamte Erkenntnis-
senen) Apriorität des Kausalitätsgesetzes, nämlich theorie betrifft: Schopenhauer sieht als Quelle zahl-
»aus der Möglichkeit der objektiven empirischen reicher Widersprüche der Transzendentalen Logik
Anschauung selbst« (W I, 527). Durch seine Funk- eine unzulässige »Vermischung« der Erkenntnisar-
tion der Kausalitätserkenntnis macht der Verstand ten, nämlich der anschaulichen und der abstrakten,
aus dumpfen Empfindungen für uns verständliche oder anders ausgedrückt, eine mangelnde Diffe-
oder begreifbare Anschauung und konstituiert die renzierung der Vermögen und Funktionen von
Wirklichkeit, nicht indem er unter Anwendung von Verstand und Vernunft, was entsprechend falsche
12 Kategorien die »in der Anschauung gegebenen« Ableitungen und die Verdunkelung von einfachen
Dinge denkt, wodurch sie uns zu »Erfahrung« wer- philosophischen Sachverhalten nach sich zieht. Vor-
den. Der Gegenstand der Kategorien, in concreto das geführt wird das z. B. an der »synthetischen Einheit
angeschaute Einzelding, wird in abstracto als »abso- der Apperception«, die sich in dem kantischen Dik-
lutes Objekt« oder »Objekt an sich« (nicht gleichzu- tum »Das ›Ich denke‹ muß alle meine Vorstellungen
setzen mit dem Ding an sich) vorgestellt, das nicht begleiten können« ausdrückt, und eine irreführende
Anschauung, also nicht in Zeit und Raum, aber auch Identität von Vorstellen und Denken, Anschauung
kein Begriff ist. Statt der begründeten Unter- und Begriff nahelegt. Die kategoriale Bestimmung
scheidung der Vorstellung – anschaulich oder ab- von Urteilen durch Quantität, Qualität, Relation und
strakt – vom Ding an sich, werde, so Schopenhauers Modalität lehnt Schopenhauer mit detaillierten Ar-
Vorwurf, von Kant unberechtigterweise ein Drittes gumenten als überflüssig und grundlos ab: All diese
eingeschoben, und Vorstellung, Gegenstand der »Kategorien« lägen in der Natur der abstrakten Be-
Vorstellung und Ding an sich unterschieden. Der griffe, und die vorgenommenen Differenzierungen
Grund dafür liegt nicht in der Sache, sondern in der der Begriffs- und Urteilseigenschaften seien nur im
– im Wortsinne gegenstandslosen und ebenfalls Rückgriff auf die intuitive Erkenntnis möglich, nicht
sachlich unbegründeten – Kategorienlehre: Sche- aber umgekehrt ein Begreifen der Erfahrung von der
mata der reinen Verstandesbegriffe haben keinen abstrakten Erkenntnis aus, wie Kant glaubte vorge-
Zweck; als reine (formale, also inhaltslose) Verstan- hen zu müssen. Die angeblichen Verstandesbegriffe
desbegriffe können sie die eigentliche Funktion von beschreiben entweder als »Qualität« das völlige Ge-
Schemata nicht erfüllen, den materiellen Inhalt von trenntsein der Begriffssphären durch Bejahung und
Begriffen denkend zu strukturieren, wozu sie von Verneinung oder das partielle Getrenntsein und In-
der empirischen Anschauung abstrahiert werden einandergreifen der Begriffssphären als »Quantität«.
müssten. Und die Formen der Urteile, die Kant unter der Ka-
Insofern Kant die völlige Unabhängigkeit der Ka- tegorie der Modalität anführt – wie die problemati-
tegorien von erfahrbaren Objekten fordert, ist aus sche, assertorische oder apodiktische Urteilsform –
Schopenhauers Perspektive grundsätzlich nicht seien zweifelsohne von den jeweiligen Begriffen des
nachvollziehbar, dass die Annahme von derartigen Möglichen, Wirklichen und Notwendigen hervorge-
Schemata – die etwas anderes sein sollen als »Reprä- bracht; in keinem der genannten Fälle handle es sich
sentanten unserer wirklichen Begriffe durch die aber um apriorische Erkenntnisformen des Verstan-
Phantasie« (W I, 534) – irgendeinen Nutzen für die des, sondern um Beschaffenheiten von Begriffen,
Erfahrungserkenntnis haben könnte. In folgendem der »Hauptform« aller reflexiven, abstrakten Er-
Satz, dessen Anfang berühmt ist und oft zitiert wird, kenntnis der Vernunft. Besonderen Wert legt Scho-
fasst Schopenhauer als Konsequenz seiner Kritik an penhauer auf die kritische Analyse der Relationska-
Kant den eigenen Standpunkt zusammen: tegorie, unter der drei völlig heterogene Bestimmun-
»Ich verlange demnach, daß wir von den Kategorien gen von Urteilen zusammengefasst worden seien,
elf zum Fenster hinauswerfen und allein die Kausali- die aber nichts anderes als »metalogische Princi-
tät behalten, jedoch einsehn, daß ihre Thätigkeit schon pien« oder Denkgesetze zum Ausdruck brächten –
die Bedingung der empirschen Anschauung ist, welche das kategorische Urteil die Sätze der Identität und
sonach nicht bloß sensual, sondern intellektual ist, und
daß der so angeschaute Gegenstand, das Objekt der Er- des Widerspruchs, das disjunktive den des Ausge-
fahrung, Eins sei mit der Vorstellung, von welcher nur schlossenen Dritten und das hypothetische die »all-
noch das Ding an sich zu unterscheiden ist« (W I, 531). gemeinste Form aller unserer Erkenntnisse«, den
Satz vom Grund selbst. Schopenhauer verweist in
90 II. Werk – 2. Die Welt als Wille und Vorstellung

diesem Kontext darauf, dass seine Dissertation »als und damit widerlegt, nimmt aber gerade diesen Ab-
eine gründliche Erörterung der Bedeutung der hy- schnitt auch zum Anlass, zum wiederholten Mal auf
pothetischen Urtheilsform anzusehn« sei (W I, 542). den Qualitätsverlust in der zweiten Auflage der Kri-
Schopenhauers Auseinandersetzung mit den von tik der reinen Vernunft von 1787 im Vergleich zur
Kant als Kategorien des Verstandes falsch verstande- ersten von 1781 hinzuweisen (s. auch Kap. III.7).
nen und zu einer Tafel systematisierten Aspekten ei- Den Abschluss der auf die Kritik der reinen Ver-
ner rationalen Metalogik oder Abstraktionstheorie nunft bezogenen Kommentare bildet die Problema-
nimmt in der »Kritik der Kantischen Philosophie« tik des Freiheitsbegriffes, dessen Ursprung Schopen-
eine zentrale Stelle ein: Es liegt nun nämlich auf der hauer im Willen und dessen unmittelbarer Präsenz
Hand, dass die »grundlose« Kategorientafel nicht im menschlichen Bewusstsein sieht; Kant dagegen
auch noch auf die Naturwissenschaft und deren habe auch die Freiheit unnötigerweise zunächst als
Grundsätze hätte angewendet, oder gar deren Er- Idee der spekulativen, dann der praktischen Ver-
kenntnisstruktur auf die dialektisch verfahrende nunft erschlossen, vergeblich zu beweisen versucht
Vernunft hätte übertragen werden dürfen. Kants be- und letztlich als notwendige Bedingung der Morali-
reits für Verfahrensfehler verantwortlich gemachte tät gesetzt.
Liebe zur Symmetrie lässt ihn – so Schopenhauer – Bei aller Dankbarkeit für die Einsichten in die Un-
undifferenziert alle Dinge, ob physische oder mora- terscheidung von Ding an sich und Erscheinung so-
lische, durch die Brille der Kategorientafel sehen. wie die Apriorität des Kausalitätsgesetzes – den
Das führt nicht nur in der theoretischen, sondern Schwerpunkt der Schopenhauerschen Kritik bilden
auch in der praktischen Philosophie bis hin zur ungnädige Analysen von Kants Fehlern in Ableitun-
Theorie des Geschmacksurteils in der Kritik der Ur- gen und Beweisführung, die falschen Voraussetzun-
teilskraft zu falschen Ergebnissen als Konsequenz gen und Prämissen geschuldet sind: »Er setzt nicht,
aus der falschen Grundannahme, dass aus abstrak- wie es die Wahrheit verlangte, einfach und schlecht-
ten Verstandesbegriffen und abgeleiteten Denkge- hin das Objekt als bedingt durch das Subjekt, und
setzen unmittelbare Wirklichkeitserkenntnis ge- umgekehrt; sondern nur die Art und Weise der Er-
wonnen werden kann. scheinung des Objekts als bedingt durch die Erkennt-
Ein weiterer Ausdruck des kantischen Irrtums ist nißformen des Subjekts […]« (W I, 596). Statt die un-
die in der »Transzendentalen Dialektik« der Kritik mittelbar erkannte, in Zeit und Raum kausal geord-
der reinen Vernunft dargestellte Suche nach dem Un- nete Materie als wahr und wirklich zu akzeptieren,
bedingten, das dem »Vernunftprincip« folgend in und den Willen als das unmittelbar dem menschli-
synthetischen Sätzen a priori erfassbar sein soll: chen Bewusstsein bekannte Ding an sich auszuma-
Schopenhauer bestreitet als »Unding«, dass die Ver- chen, entwickelt Kant wirklichkeitsfremde abstrakte
nunft in der Lage sein soll, erkenntniserweiternde Begriffssysteme, seien es die Kategorien des Verstan-
Aussagen über etwas zu machen, das nicht erfahrbar des, die Ideen der Vernunft oder deren praktische
ist. So wird aus der transzendentalphilosophischen Postulate und kategorisches Moralgesetz – und ver-
Reflexion über die Vollständigkeit aller Bedingun- stellt sich den Weg in eine neue, erfahrungsbasierte
gen die Idee des Unbedingten, die Idee Gottes, er- Philosophie, die das Welträtsel zu lösen im Stande ist.
klärt, aus der Totalität der Erscheinungen die Idee In diesem Sinne wurde Schopenhauers Kant-Kri-
der Welt mit den ihr eigenen Antinomien und aus tik Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts auch
der falschen Forderung nach einem unbedingten rezipiert und ins eigene Denken integriert – von
Substanzbegriff die Idee der Seele. Die kantische Geisteswissenschaftlern, die die Auseinanderset-
Vernunftkritik endet also wieder bei den traditionel- zung mit Kant zur Entwicklung und Ausbildung ei-
len metaphysischen Disziplinen, der Theologie, Kos- ner eigenen Position suchten, und die von der Philo-
mologie – und der (rationalen) Psychologie, und ih- sophie, vergleichbar mit Schopenhauer, einen deut-
ren Gegenständen Gott, Welt und Ich oder Seele, die lichen Welt- und Lebensbezug erwarteten, oder ihr
zudem noch als »Ideen« bezeichnet werden, verstan- sogar soziologische oder politische Funktionen zu-
den als Produkte der Vernunft, die als solche mit sprachen. Der bekannteste von Schopenhauer inspi-
Schopenhauers Ideenbegriff, dem von Platon ent- rierte Kant-Kritiker ist sicher Friedrich Nietzsche (s.
lehnten ›Original‹, völlig unvereinbar sind. Scho- Kap. IV. A.6). Aber auch der Neukantianer Hermann
penhauer würdigt zwar in diesem Zusammenhang, Cohen ist hier zu nennen, der mit dem Ziel der
dass Kant die rationale Psychologie auf einen Fehl- »Neubegründung des kritischen Idealismus« u. a.
schluss (»Paralogismus«) der Vernunft zurückführt über Kants Theorie der Erfahrung (1871) arbeitet, in
2.7 »Kritik der Kantischen Philosophie« 91

der er Schopenhauers Kritik folgend eine veritable Dotzer, Wilhelm Josep: Über Schopenhauers Kritik der
Wahrnehmungstheorie vermisst; oder etwa Cohens Kant’schen Analytik. Diss. Erlangen 1891.
jüngerer Zeitgenosse Georg Simmel, der 1881 mit Fleischer, Margot: Schopenhauer als Kritiker der Kantischen
Ethik. Würzburg 2003.
Über das Wesen der Materie nach Kants Physischer Friedlaender, Salomo: Versuch einer Kritik der Stellung
Monadologie promoviert, sein philosophisches Schopenhauer’s zu den erkenntnistheoretischen Grundla-
Schaffen 1907 aber mit Schopenhauer und Nietzsche gen der »Kritik der reinen Vernunft«. Diss. Jena 1902.
abschließt, bevor er sich der Soziologie zuwendet (s. Königshausen, Johann-Heinrich: Schopenhauers »Kritik
Kap. IV. A.8). Ebenso widmet sich Salomo Friedlaen- der Kantischen Philosophie«. In: Perspektiven der Philo-
sophie 3 (1977) [erschienen 1978], 187–203.
der Schopenhauers Analysen, was seine Dissertation Koßler, Matthias: »Ein kühner Unsinn« – Anschauung und
von 1902 belegt: Versuch einer Kritik der Stellung Begriff in Schopenhauers Kant-Kritik. In: Stefano Bacin/
Schopenhauers zu den erkenntnistheoretischen Grund- Alfredo Ferrarin/Claudio La Rocca/Margit Ruffing (Hg.):
lagen der »Kritik der reinen Vernunft«. Er befasst sich Kant und die Philosophie in weltbürgerlicher Absicht. Ak-
als Philosoph und literarischer Schriftsteller immer ten des XI. Internationalen Kant-Kongresses Pisa 2010.
Boston/Berlin 2013, Bd. 5, 569–578.
wieder mit den konfligierenden Positionen Schopen- Nussbaum, Charles: Schopenhauer’s Rejection of Kant’s
hauers, Kants und Nietzsches. Bis heute ist Schopen- Analysis of Cause and Effect. In: Auslegung 11 (1985),
hauers »Kritik der Kantischen Philosophie« ein 33–44.
Schlüsseltext der kritischen Kant-Rezeption, der Philonenko, Alexis: Schopenhauer critique de Kant. In: Re-
nicht nur in unnachahmlicher Weise die Schwächen vue International de Philosophie 42 (1988), 37–70.
Ruffing, Margit: »Muss ich wissen wollen?« ‒ Schopenhau-
der transzendentalphilosophischen Erkenntnistheo-
ers Kant-Kritik. In: Norbert Fischer (Hg.): Kants Meta-
rie und die spezifische Manier kantischen Argumen- physik und Religionsphilosophie. Hamburg 2004, 561–
tierens darstellt, sondern einen ganz besonderen Zu- 582.
gang zum System der WWV anbietet, den jeder Salaquarda, Jörg: Schopenhauers kritisches Gespräch mit
Schopenhauer-Leser nutzen sollte. Kant und die gegenwärtige Diskussion. In: Schopen-
hauer-Jahrbuch 56 (1975), 51–69.
Schweppenhäuser, Hermann: Schopenhauers Kritik der
Literatur Kantischen Moralphilosophie. In: Ders.: Tractanda. Bei-
träge zur kritischen Theorie der Kultur und Gesellschaft.
Bäschlin, Daniel Lukas: Schopenhauers Einwand gegen
Frankfurt a. M. 1972, 22–33 (Nachdruck in: Schopen-
Kants Transzendentale Deduktion der Kategorien. Mei-
hauer-Jahrbuch 69 [1988], 409–416).
senheim 1968 (Diss. Bern 1967) [= Zeitschrift für philo-
Wartenberg, Mścisław: Der Begriff des »transscendentalen
sophische Forschung, Beiheft 19].
Gegenstandes« bei Kant – und Schopenhauers Kritik
Baum, Günther: Ding an sich und Erscheinung. Einige Be-
desselben (I). In: Kant-Studien 4 (1900), 202–231; (II) in:
merkungen zu Schopenhauers Kritik der Kantischen
Kant-Studien 5 (1901), 145–176.
Philosophie. In: Wolfgang Schirmacher (Hg.): Zeit der
Weimer, Wolfgang: Schopenhauer. Darmstadt 1982.
Ernte. FS für Arthur Hübscher. Stuttgart-Bad Cannstatt
1982, 201–211. Margit Ruffing
Bozickovic, Vojislav: Schopenhauer and Kant on Objecti-
vity. In: International Studies in Philosophy 28 (1996),
35–42.
92 II. Werk

3. Ueber den Willen in der Natur

Die Entstehung der Schrift schen Spekulationen Hegels und Schellings un-
terscheiden. Anstatt wie letztere in das Gebiet der
Mit der 1836 erschienenen Schrift Ueber den Willen Wissenschaften hineinzureden und dadurch die
in der Natur bricht Schopenhauer, wie er in der 1835 entschiedene Ablehnung der empirischen Forscher
geschriebenen Einleitung erläutert, sein 17-jähriges herauszufordern, will Schopenhauer nicht nur die
Schweigen. Seit der Veröffentlichung des Haupt- Unabhängigkeit der Wissenschaften unangetastet
werks Die Welt als Wille und Vorstellung im Jahr lassen, sondern er will auch zeigen, dass die empiri-
1818 hatte er vergeblich auf eine öffentliche Reso- schen Wissenschaften sich seiner Metaphysik ange-
nanz und Würdigung seiner Philosophie gewartet, nähert haben.
und in der Hoffnung, bei einer anstehenden zweiten Empirisch-wissenschaftliche Bestätigungen glaubt
Auflage des Hauptwerks weitere Erläuterungen und Schopenhauer in erster Linie für die metaphysische
Ergänzungen vornehmen zu können, hatte er jahre- Grundthese vom Willen als Ding an sich liefern zu
lang Material gesammelt. Als er sich im April 1835 können. Die Zeugnisse unabhängiger empirischer
bei seinem Verleger Brockhaus nach dem Verkauf Forscher betrachtet er als den denkbar größten Be-
seines Hauptwerks in den letzten Jahren erkundigte, weis, den ein philosophisches System überhaupt er-
erhielt er die desillusionierende Antwort, dass von fahren kann. Diese Bestätigungen werden von ihm
einer Nachfrage überhaupt keine Rede mehr sein in verschiedener Weise umschrieben. Metaphorisch
könne (vgl. GBr, 141, 523). Nachdem damit die Per- spricht er von dem »Berührungspunkt zwischen
spektive für eine zweite Auflage des Hauptwerks in Physik und Metaphysik« (N, 5), dem beide sich un-
unbestimmte Ferne gerückt war, entschloss er sich, abhängig voneinander annähern – ähnlich wie zwei
den Teil des angesammelten Materials, der sich als Bergleute, die von verschiedenen Seiten Stollen in
Ergänzung seiner Metaphysik eignete, in einem eige- einen Berg graben und sich schließlich treffen (vgl.
nen Buch zu veröffentlichen. Da er offenbar nicht N, 2, 5). Eine mehr wissenschaftstheoretische Aus-
damit rechnete, dass Brockhaus Interesse an einer legung liefert er, wenn er die Naturkräfte als den
weiteren Publikation des bislang erfolglosen Autors Grenzpunkt zwischen Metaphysik und Naturwis-
haben würde, ließ Schopenhauer die Schrift bei dem senschaft herausstellt. Alle empirischen Wissen-
Frankfurter Buchhändler Siegmund Schmelder er- schaften gelangen demnach bei der Erforschung der
scheinen. Welt zuletzt zu bestimmten Naturkräften, die sie in
ihren Erklärungen verwenden, aber selbst nicht
mehr weiter erklären können. Diese ursprünglichen
Die Intention der Schrift Naturkräfte sind daher, eben weil sie wissenschaft-
lich unerklärbar sind, das Thema der Metaphysik
Angesichts der weitgehend ausgebliebenen Rezep- (vgl. N, 4).
tion seines Hauptwerks verfolgt Schopenhauer in Vor dem Hintergrund dieser Grenzbestimmung
der Schrift Ueber den Willen in der Natur das Ziel, der Naturwissenschaften lassen sich zwei Aspekte
den Zeitgenossen die Vorzüge seiner Philosophie zu der von Schopenhauer zusammengetragenen empi-
demonstrieren. Dazu liefert er Erläuterungen und risch-wissenschaftlichen Bestätigungen seiner Meta-
Ergänzungen seines metaphysischen Systems, wozu physik differenzieren. Einerseits versucht er zu zei-
insbesondere Ausführungen zum Willensbegriff ge- gen, dass empirische Wissenschaften wie Biologie
hören. Den entscheidenden Vorzug sieht er jedoch und Physik jeweils Naturkräfte voraussetzen, die der
in den Bestätigungen, die seine Metaphysik durch Metaphysik als Themen zugewiesen werden und von
die empirischen Wissenschaften erhalten hat. Durch dieser als Wille gedeutet werden (müssen). Zu die-
diese empirischen Bestätigungen soll sich seine sem Nachweis gehört auch, dass die von den Wissen-
metaphysische Position positiv von den metaphysi- schaften vorausgesetzten Naturkräfte Stufen der Na-
3. Ueber den Willen in der Natur 93

tur bilden, die sich metaphysisch als verschiedene »Vergleichende Anatomie«, »Pflanzen-Physiologie«,
Objektivationen des Willens deuten lassen. Soweit »Physische Astronomie«, »Linguistik«, »Animali-
liefern die Wissenschaften also Vorarbeiten für die scher Magnetismus und Magie«, »Sinologie« und
Metaphysik. Andererseits will Schopenhauer aber »Hinweisung auf die Ethik«.
auch zeigen, dass Wissenschaftler an den von ihnen Wie den Kapitelüberschriften zu entnehmen ist,
erreichten Grenzen der Erkenntnis nicht immer ste- befasst sich Schopenhauer nicht nur mit Bestätigun-
henbleiben, sondern hin und wieder auch Blicke gen seiner Metaphysik durch die Naturwissenschaf-
über diese Grenzen ins Reich der Metaphysik wer- ten, sondern er geht auch auf Phänomene wie Spra-
fen, indem sie selber bereits die Naturkräfte als Wil- che und Religion ein, um seine metaphysische Kon-
len interpretieren (vgl. N, 4). Es ist dieser zweite, en- zeption durch kulturelle Zeugnisse zu stützen.
gere Sinn von Bestätigung, auf den seine Ausführun- Daraus erklärt sich zum Teil der etwas heterogene
gen vor allem abzielen. Charakter dieser Schrift.
Die Art von Bestätigung, die Schopenhauer in Als Erläuterung und Ergänzung seiner Metaphy-
den Naturwissenschaften für seine Metaphysik sik befasst sich die Schrift vor allem mit Themen, die
sucht, sollte mit Bestätigung im Sinne moderner bereits im zweiten Buch der Welt als Wille und Vor-
Wissenschaftstheorie nicht verwechselt werden. stellung behandelt werden. Thematisiert werden ins-
Wenn Wissenschaftler von ›Bestätigungen‹ reden, besondere die Naturkräfte als Grenze der Naturwis-
dann geht es um Beobachtungen und Experimente, senschaft und die metaphysische Grundthese vom
die eine (empirische) Theorie stützen, wobei freilich Willen als Ding an sich sowie die Ausdeutung dieser
das Risiko besteht, dass andere Erfahrungen die These in der Lehre von den Stufen der Natur. Wie im
Theorie auch erschüttern oder widerlegen können. zweiten Buch des Hauptwerks befasst sich Schopen-
Im Gegensatz dazu hält Schopenhauer jedoch eine hauer ferner mit der Unterscheidung der drei For-
empirische Korrektur seiner Metaphysik durch den men der Kausalität und mit der teleologischen Deu-
weiteren wissenschaftlichen Fortschritt für ausge- tung der Natur.
schlossen (vgl. W I, 167; GBr, 378). Die Fortschritte Zu den metaphysischen Themen des zweiten
der Naturwissenschaft führen nach seiner Ansicht Buchs, die in der Schrift nicht oder nur beiläufig
lediglich dazu, dass die Naturkräfte als wissenschaft- vorkommen, gehören die Lehre von dem (auf der
lich nicht erklärbare Grundprinzipien offengelegt Selbstentzweiung des Willens beruhenden) Streit
und damit der Metaphysik zur weiteren Deutung der Naturwesen und die Theorie der Leib-Seele-
überlassen werden. Diese Metaphysikkonzeption Identität. Ebenfalls keine besondere Rolle spielt die
schließt allerdings aus, dass auch die Naturkräfte – anthropologisch akzentuierte Lehre vom Primat des
im Zuge einer radikalen positivistischen Eliminie- Willens und die Betonung der Macht der Sexualität,
rung aller metaphysischen Elemente – aus den Basis- die im zweiten Band des Hauptwerks von 1844 eine
annahmen der Wissenschaften verschwinden könn- zentrale Rolle erhalten. Auch metaphysische The-
ten. Metaphysik als interpretatorische Ergänzung men mit ethischem oder religiösem Einschlag, die
der Naturwissenschaften bleibt daher von den wis- zum Themenkomplex des vierten Buchs gehören,
senschaftlich vorgegebenen Naturkräften zwar ab- wie das Problem der Willensfreiheit, die Fragen nach
hängig, doch hat sie, weil Schopenhauer die Natur- Tod und Unvergänglichkeit des Ich und die ganze
kräfte gerade als wissenschaftlich irreduzibel be- Thematik von Leid und Erlösung, spielen so gut wie
trachtet, einen partiell unabhängigen Status. keine Rolle. Daher fehlt auch der pessimistische
Grundton in dieser primär naturphilosophischen
Schrift fast völlig.
Aufbau und Themen der Schrift

Die Schrift besteht aus einer für die zweite Auflage Der unbewusste Wille in den vegetativen
von 1854 verfassten Vorrede, einer (die Intention des Lebensfunktionen
Buchs erklärenden) Einleitung, einer Schlussbemer-
kung sowie aus acht unterschiedlich umfangreichen In dem Kapitel »Physiologie und Pathologie« (N,
Kapiteln, in denen Schopenhauer sich mit den empi- 9–33) sammelt und zitiert Schopenhauer Zeugnisse
rischen Bestätigungen befasst, die seine Metaphysik einiger, heute meist unbekannter zeitgenössischer
in verschiedenen Bereichen erfahren hat. Die einzel- Wissenschaftler, die einen unbewussten Willen als
nen Kapitel heißen: »Physiologie und Pathologie«, Urquelle der Lebensfunktionen annehmen (vgl. N,
94 II. Werk

9 ff., 29 ff.). Im Kontext dieser Zeugnisse liefert er die Verengung oder Erweiterung der Pupillen oder
auch Erläuterungen seines Willensbegriffs und sei- das Herzklopfen bei Furcht oder Freude (vgl. N,
ner Willensmetaphysik. 26 f., 28 f.).
Zunächst weist Schopenhauer daraufhin, dass Im Kontext dieser Ausführungen zum Willensbe-
Fortschritte der Physiologie im Verständnis der Le- griff nimmt Schopenhauer eine metaphysische Deu-
bensfunktionen lange Zeit durch den alten Begriff tung des Intellekts vor, die eine ausgesprochen mate-
der Seele behindert wurden. Nach traditioneller rialistische Tendenz aufweist. Unter Berufung auf
Auffassung, die er noch in Kants Vernunft-Idee der den französischen Physiologen Pierre Jean Georges
Seele findet, ist die Seele die Instanz, die den Körper Cabanis (s. Kap. III.12) entwickelt er hier erstmals
mittels des Willens beherrscht und steuert; Be- die für sein späteres Werk charakteristische Auffas-
wusstsein und Wille sind demnach untrennbar ver- sung vom Intellekt als »Gehirnfunktion«. Während
knüpft. Gegen diese traditionelle Konzeption ver- der Wille das metaphysisch Ursprüngliche ist und
sucht Schopenhauer zu zeigen, dass die Seele nicht als Ding an sich dem Organismus zugrunde liegt, ist
etwas Einfaches ist, sondern aus zwei heterogenen der Intellekt Produkt oder Funktion des Organismus
Bestandteilen besteht, nämlich aus Bewusstsein (In- und hat damit sogar tertiären Charakter (vgl. N, 20).
tellekt) und Wille. Durch die Trennung dieser bei- Schopenhauer beeilt sich jedoch hinzuzufügen, dass
den Komponenten wird es nach seiner Ansicht damit die idealistische Grundansicht von der »Welt
möglich, einen vom Bewusstsein unabhängigen als Vorstellung« keineswegs aufgehoben wird, weil
Willen anzunehmen. Die Tätigkeit des Willens ist die ganze objektiv-materielle Welt stets durch ein
daher nicht auf die bewusst-absichtlich agierende Subjekt bedingt bleibt. Der damit drohende zirku-
Willkür des Menschen beschränkt. Diesen Begriff läre Charakter seiner Konzeption (s. Kap. II.2.3,
eines unbewussten Willens betrachtet Schopen- IV.B.6) wird von ihm an dieser Stelle jedoch nicht
hauer als eine große Errungenschaft seiner Meta- weiter kommentiert (vgl. N, 20 f.).
physik, ja er sieht darin geradezu eine begriffliche In einer wissenschaftstheoretischen Bemerkung
Revolution von eminenter metaphysischer und wis- verdeutlicht Schopenhauer das Verhältnis von Phy-
senschaftlicher Bedeutung. Denn einerseits setzt siologie, Psychologie und Metaphysik. Die Physiolo-
dieser Willensbegriff, wie er ausdrücklich betont, gie gelangt nur bis zur Annahme von Lebenskräften,
bereits seine ganze Philosophie voraus, und ande- die sie unerklärt stehen lassen muss. Doch bereits
rerseits eröffnet er nach seiner Ansicht auch neue die (für die Alltagspsychologie charakteristische)
Perspektiven für die Wissenschaften (vgl. N, 21). Konzeption eines Willens, der den menschlichen
Entgegen seiner programmatischen Idee, die darauf Körper bewegt, liegt nach seiner Ansicht außerhalb
abzielt, Bestätigungen seiner Metaphysik durch die des Kompetenzbereichs der Physiologie. Der Wil-
empirischen Wissenschaften aufzuzeigen, ist es hier lensbegriff ist daher nicht das Ergebnis von wissen-
also umgekehrt so, dass die Metaphysik durch eine schaftlichen Experimenten, sondern von menschli-
begriffliche Neuerung den Wissenschaften bei der cher Selbstbeobachtung (vgl. N, 28). Analog lassen
theoretischen Klärung ihrer empirischen Phäno- sich nach seiner Ansicht auch die wissenschaftlich
mene helfen soll. unerklärbaren Lebenskräfte metaphysisch nur ver-
Mit der Anerkennung eines unbewussten Willens ständlich machen, wenn man sie von innen versteht
erhält die Physiologie nach Schopenhauer die Mög- und auf den Willen zurückführt (vgl. N, 31).
lichkeit, einen unbewusst agierenden Willen bei ve-
getativen Lebensfunktionen wie Herzschlag oder
Verdauung anzunehmen (vgl. N, 19 ff., 24 f.). Im Die Zweckmäßigkeit der organischen Natur
Lichte dieser Konzeption erläutert er seine Lehre
von den drei Formen der Kausalität und betont, dass In dem Kapitel »Vergleichende Anatomie« (N, 34–
bei Ursache, Reiz und Motivation der Wille jeweils 58) befasst sich Schopenhauer mit dem Problem der
das eigentliche Agens ist, obgleich nur die Motiva- Teleologie. Er führt zahlreiche Beispiele für das Phä-
tion mit Bewusstsein verbunden ist (vgl. N, 22 f.). nomen der zweckmäßigen Organisation und Anpas-
Die Auffassung, dass auch unbewusst erfolgende sung der Lebewesen an und betont besonders die
Körperprozesse durch einen Willen erfolgen, ver- zweckmäßige Abstimmung zwischen der Gestalt
sucht er durch verschiedene Argumente zu stützen. und den Organen eines Tieres und seiner Lebens-
So beruft er sich auf bekannte Beispiele mentaler Be- weise. Ziel seiner Ausführungen ist es zu zeigen, dass
einflussung vegetativer Körperfunktionen, wie etwa seine metaphysische Auffassung der Zweckmäßig-
3. Ueber den Willen in der Natur 95

keit der organischen Natur ebenfalls wissenschaft- druck oder Abbild ihrer Willensbestrebungen (vgl.
lich bestätigt worden ist (vgl. N, 34 f.). N, 45). Die Zurückführung der Zweckmäßigkeit der
Um den Weg zum richtigen Verständnis der Organisation von Lebewesen auf einen (unbewusst
Zweckmäßigkeit zu ebnen, geht Schopenhauer auch agierenden) Lebenswillen ist der erste, einleitende
auf den physikotheologischen Gottesbeweis ein, der Teil von Schopenhauers metaphysischer Deutung.
von der Zweckmäßigkeit der Natur auf Gott als ih- Eine weitergehende metaphysische Deutung nimmt
ren Urheber schließt (vgl. N, 37 f.). Schopenhauer er vor, wenn er die Zweckmäßigkeit der organischen
stimmt zunächst zu, dass die Zweckmäßigkeit nicht Natur durch die (außer Raum und Zeit zu denkende)
zufällig und planlos entstanden sein kann, doch mit Einheit des Willens erklärt. Danach drückt sich der
Berufung auf die Kritiken Humes und Kants bestrei- außerzeitliche Willensakt einer Tierspezies empi-
tet er, dass zur Erklärung der Zweckmäßigkeit ein risch als Zweckmäßigkeit ihrer Organisation aus. Die
bewusst-planender, übernatürlicher Geist angenom- Objektivierung des Willens bringt gleichsam als Erbe
men werden muss. Dagegen stellt er die These, dass der metaphysischen Einheit die Zweckmäßigkeit der
nicht ein Intellekt die Welt geschaffen hat, sondern (organischen) Natur mit sich. Auf diese Weise erklärt
dass umgekehrt die Natur Geist und Bewusstsein sich nach seiner Ansicht die ausnahmslose Zweck-
hervorgebracht hat. Geist ist daher ein untergeord- mäßigkeit und Harmonie aller Organe. Diese stren-
netes Prinzip und außerdem, wie er in einem Zusatz gere metaphysische Deutung schließt, wie er aus-
von 1854 sagt, ein »Produkt spätesten Ursprungs« drücklich betont, die Möglichkeit überflüssiger oder
(N, 39). Eine bewusst-planende Intelligenz kommt funktionslos gewordener Organe aus, womit er aus
daher zur Erklärung der Zweckmäßigkeit der Natur heutiger Sicht allerdings zu viel erklärt (vgl. N, 34,
nicht infrage. Wie er mit Verweis auf das instinktive 40 f., 45, 54, 57 f.).
Verhalten von Tieren, z. B. den Nestbau von Vögeln, In Schopenhauers Ausführungen zum evoluti-
zeigt, ist für die Entstehung zweckmäßiger Produkte onsbiologischen Thema der Zweckmäßigkeit stehen
eine intelligente Planung auch gar nicht erforderlich traditionelle und vorwärtsweisende Momente ne-
(vgl. N, 39). beneinander. Der traditionellen Ansicht von der
Die geeignete wissenschaftliche Erklärung der Konstanz der Arten bleibt er verhaftet, wenn er La-
Zweckmäßigkeit findet Schopenhauer in der Auffas- marcks Auffassung, dass sich die Gestalten und Or-
sung, dass die Gestalten und Organe von Tieren sich gane der Tiere erst im Laufe der Zeit gebildet haben,
nach ihrer Lebensweise, d. h. nach ihren Neigungen nicht zuletzt mit dem transzendentalphilosophisch-
und Begierden richten (vgl. N, 35, 40 ff., 45 ff.). Ge- metaphysischen Argument ablehnt, dass der die Or-
mäß dieser Auffassung erfolgt nach einer Verände- ganisation bestimmende Wille ein außerzeitlicher
rung der Umwelt zuerst eine Veränderung der Le- Akt ist (vgl. N, 44). An dieser Stelle zeigt sich, wie die
bensweise und der Bedürfnisse der Tiere, bevor in- metaphysische These von der Einheit des Willens
folge des veränderten Gebrauchs der Organe die die weitere Entfaltung des evolutionären Denkens
Organe selbst sich verändern. Er bezieht sich auf La- bei Schopenhauer behindert. Ansätze evolutionären
marck als Kronzeugen dieser Auffassung, ohne frei- Denkens zeigen sich vor allem in den Zusätzen zur
lich dessen Lehre von der Vererbung individuell er- zweiten Auflage von 1854, und zwar z. B. in der (älte-
worbener Eigenschaften zu erwähnen (vgl. N, 43). ren) These vom Intellekt als Werkzeug des Willens
Als empirischen Beleg der Annahme, dass das Ver- (vgl. N, 48), sodann in den Erläuterungen der ver-
halten der Tiere stets der Veränderung ihrer Organe schiedenen Ausprägungen der Intelligenz bei Tieren
vorhergeht, verweist er unter anderem auf heran- (vgl. N, 49 ff.) und in der Hypothese, dass die gleiche
wachsende Tiere wie junge Stiere oder Böcke, die be- Anzahl von Knochen bei Wirbeltieren durch ihre
reits ein (instinktives) Stoß-Verhalten zeigen, bevor Abstammung von einem gemeinsamen Vorfahr
die dafür notwendigen Hörner ausgebildet sind (vgl. (»Grundtypus«) erklärt werden kann (vgl. N, 54).
N, 42).
In der auf Lamarck zurückgehenden wissenschaft-
lichen Erklärung der Zweckmäßigkeit sieht Schopen- Der Wille in der Pflanzenwelt
hauer eine Bestätigung seiner Metaphysik. Die Erklä- und die Stufen der Natur
rung der Zweckmäßigkeit durch Neigungen und Be-
gierden läuft nach seiner Ansicht auf die Annahme Das Kapitel »Pflanzen-Physiologie« (N, 59–79) be-
hinaus, dass ein Tier »so ist, weil es so will« (N, 35). fasst sich mit Belegen für Willensäußerungen bei
Gestalt und Organe einer Tierspezies sind also Aus- Pflanzen. Schopenhauer beruft sich vor allem auf
96 II. Werk

französische Forscher wie Geoffroy Saint-Hilaire Der Wille in der anorganischen Natur
und Georges Cuvier, die das Wachstum und die Be- und die drei Formen der Kausalität
wegungen von Pflanzen mithilfe von Begriffen wie
»Empfindungen« und »Willen« beschreiben (vgl. N, In dem Kapitel »Physische Astronomie« (N, 80–94)
59 ff.). Schopenhauer gesteht jedoch zu, dass die geht es Schopenhauer um Belege für Willensäuße-
diesbezüglichen Formulierungen der französischen rungen in der anorganischen Natur. Dabei betont er
Wissenschaftler häufig nicht mit der nötigen Klar- gleich zu Anfang, dass für diesen Teil am wenigsten
heit erfolgt seien, wofür er deren empiristische Aus- mit wissenschaftlichen Zeugnissen zu rechnen ge-
richtung und Befangenheit im alten Willensbegriff wesen sei. Umso mehr ist er erfreut, ein solches
verantwortlich macht. Nehme man dagegen eine Zeugnis bei dem Astronomen John Herschel gefun-
klare Trennung der Begriffe von Bewusstsein und den zu haben. Bei dem Versuch, die Naturkraft der
Willen vor, dann lässt sich nach seiner Ansicht klar Gravitation verständlich zu machen, habe Herschel
formulieren, dass Pflanzen zwar Willensäußerungen sie als eine Art von Willen gedeutet (vgl. N, 81). Die-
zeigen, aber kein Bewusstsein haben. Da Pflanzen ser Beleg bleibt freilich der einzige in diesem Kapitel.
ohne Bewusstsein reagieren, handelt es sich bei der Nach dem Verweis auf Herschel verteidigt Scho-
sogenannten »Wahrnehmung« von Pflanzen nur um penhauer noch einmal seine metaphysische Grund-
einen metaphorischen Ausdruck oder um ein Ana- these, indem er betont, dass auch das »Streben« in
logon von Bewusstsein. Tatsächlich erfolgen die Be- der anorganischen Natur nur als Willensäußerung
wegungen von Pflanzen als Reaktionen auf Reize, im verstanden werden kann, ohne damit die feste
Unterschied zu dem durch (bewusste) Motive erfol- Grenze zwischen belebter und unbelebter Natur auf-
genden Verhalten von Tieren (vgl. N, 56, 67 ff., 70). lösen zu wollen (vgl. N, 83 f.). Daran anschließend
Seine Feststellung eines unbewussten Willens bei erläutert er seine Auffassung, dass Bewegungen
Pflanzen nimmt Schopenhauer zum Anlass, die Stel- nicht nur eine (äußere) Ursache haben, sondern zu-
lung des Bewusstseins in den Stufen der Natur insge- gleich durch einen (inneren) Willen erfolgen (vgl. N,
samt zu verdeutlichen. Er beschreibt die zuneh- 84 ff.). In den weiteren Ausführungen dieses Kapitels
mende Entfaltung des Bewusstseins, beginnend bei befasst er sich mit der für seine Metaphysik zentra-
rudimentären Formen von Bewusstsein bei niederen len Auffassung der umgekehrten Proportionalität
Tieren bis zu seiner höchsten Ausprägung im Men- von Apriorität (Rationalität) und Realität. Danach
schen (vgl. N, 67 f., 74 ff.). sind die apriorischen Bestandteile der Erkenntnis
Im Kontext dieser Erläuterungen zur Stellung des zwar klar und verständlich, aber als (im Subjekt an-
Bewusstseins im Stufenbau der Natur reflektiert gelegte) apriorische Formen haben sie keine meta-
Schopenhauer auch den systematischen Status des physische Bedeutung für das Ding an sich; umge-
Intellekts im Rahmen seiner Philosophie insgesamt kehrt zeigt sich in den empirischen Bestandteilen
(vgl. N, 70 ff.). Er betont, dass die Beschreibung des der Erkenntnis zwar ein solcher metaphysischer Be-
Intellekts als Teil (oder Produkt) der Natur auf ei- zug zum Ding an sich, doch geht dies auf Kosten der
nem empirisch- oder objektiv-realistischen Stand- Verständlichkeit (vgl. N, 87 ff.).
punkt erfolgt, im Unterschied zum transzendental- Auch die drei Formen der Kausalität analysiert
oder subjektiv-idealistischen Standpunkt Kants, von Schopenhauer hier noch einmal unter dem Aspekt
dem aus die Welt als Vorstellung thematisiert wird. der Verständlichkeit. Die mechanische Kausalität ist
Beide Standpunkte betrachtet er als einander ergän- am verständlichsten, da hier das Verhältnis von Ur-
zend und vereinbar, und zwar vor allem deshalb, sache und Wirkung gleichartig und außerdem ma-
weil beide zu demselben Resultat führen, nämlich thematisch exakt fassbar ist. Demgegenüber geht die
zur Begrenzung menschlicher Erkenntnis auf die Er- Verständlichkeit bei den beiden anderen Formen der
scheinungswelt. Bei Kant folgt diese These aus den Kausalität (Reiz, Motiv) mehr und mehr verloren,
(im Subjekt angelegten) apriorischen Anteilen der weil hier Ursache und Wirkung immer heterogener
Erkenntnis; die empirisch-physiologischen Betrach- werden und der Zusammenhang zwischen Reiz und
tungen führen dagegen zu derselben These, indem Reaktion bzw. zwischen Motiv und Handlung zu-
sie den Intellekt als ein Produkt der Natur nachwei- nehmend undurchsichtiger wird. Von außen gese-
sen, das ursprünglich nur als Werkzeug des Lebens- hen erscheint das durch abstrakte Motive erfolgende
willens entstanden ist und als ein auf praktische menschliche Handeln geradezu als grundlos oder
Zwecke angelegtes Werkzeug zur Erkenntnis des frei (vgl. N, 90). Doch während die Kausalität auf der
Wesens der Welt gar nicht fähig ist (vgl. N, 72 f.). Stufenleiter der Natur zunehmend unverständlicher
3. Ueber den Willen in der Natur 97

wird, tritt der Wille im ›Innern der Natur‹ zuneh- einer anderen Person ihren Willen aufzwingt, um ei-
mend deutlicher hervor, bis er im menschlichen nen unmittelbaren – den Raum zwischen beiden In-
Selbstbewusstsein als das wahre Agens am deutlichs- dividuen ohne materielle Hilfe überwindenden –
ten erfasst wird. Zum Schluss seiner Ausführungen Einfluss auf einen fremden Willen. Schopenhauer
erläutert Schopenhauer noch einmal seine Grund- glaubt, dass magnetisierende (oder hypnotische)
idee, dass in der richtigen Verknüpfung von äußerer Wirkungen die gewöhnlichen Naturgesetze aufhe-
und innerer Erfahrung der Schlüssel zum metaphy- ben und spricht daher ausdrücklich von »übernatür-
sischen Verständnis der Natur liegt (vgl. N, 91 f.). licher« und »magischer Wirkung«. In diesen Phäno-
Dieses Kapitel betrachtete Schopenhauer selbst als menen handelt es sich nach seiner Ansicht um Fälle,
die gelungenste Darstellung seines metaphysischen wo der Wille seine natürliche Wirkungsform über-
Ansatzes (vgl. WII, 213). springt und unmittelbar als Ding an sich wirkt. Da-
her bezeichnet er den animalischen Magnetismus
auch als »praktische Metaphysik« und sieht darin
Die magische Wirkung des Willens eine bedeutende empirische Bestätigung seiner Me-
taphysik (vgl. N, 104 f., 115).
In dem umfangreichen Kapitel »Animalischer Ma- Mit der Anerkennung magischer Wirkung dis-
gnetismus und Magie« (N, 99–127) sucht Schopen- tanziert Schopenhauer sich auch vorsichtig von der
hauer nach Bestätigungen seiner Metaphysik auf ei- rein negativen Einstellung der Aufklärung zur Ma-
nem Gebiet, das heute zur Parapsychologie gerech- gie. Er gesteht zwar zu, dass das, was in der Ge-
net wird. Er bezieht sich auf den von Franz Anton schichte als Magie gelehrt und praktiziert wurde,
Mesmer im 18. Jahrhundert begründeten animali- großenteils Aberglauben gewesen ist, aber er sieht
schen Magnetismus, wobei er, für den heutigen Le- darin eben nicht nur Aberglauben. Die mit der tradi-
ser etwas überraschend, die Kenntnis dieser Lehre tionellen Magie häufig verknüpften Vorstellungen
weitgehend voraussetzt. Seine Ausführungen gehen von Göttern, Dämonen oder Teufeln betrachtet er
davon aus, dass es sich dabei um eine Behandlungs- allerdings als verfehlte metaphysische Ausdeutun-
methode von Krankheiten handelt, die Mesmer an- gen, die mit den magischen Wirkungen selbst nichts
fangs durch Verwendung von Magneten und später zu tun haben (vgl. N, 108 f., 113 ff.). In ausführlichen
durch Handauflegen und Suggestion praktizierte. Nachweisen (N, 117–126) versucht er schließlich zu
Eine besondere Rolle in Schopenhauers Ausführun- zeigen, dass es auch in Zeiten größten Aberglaubens
gen spielen Fälle von Hypnose, wobei er in einem tiefersehende Denker wie Paracelsus oder Jakob
Zusatz von 1854 einen Fall aus eigener Erfahrung Böhme gab, die zur Einsicht in die magische Wirk-
berichtet (vgl. N, 102). Dass es sich bei diesen Phä- samkeit des Willens gelangten und damit seine Me-
nomenen im Wesentlichen um Tatsachen handelt, taphysik antizipierten.
steht für ihn fest. Schopenhauers Auseinandersetzung mit okkul-
Im Zentrum von Schopenhauers weiteren Über- ten Phänomenen, die er vor allem in den Kapiteln
legungen steht die Frage, wie sich diese Phänomene »Versuch über das Geistersehn und was damit zu-
erklären lassen und worauf insbesondere der (hy- sammenhängt« (s. Kap. II.6.5) und »Transscendente
pnotische) Einfluss eines »Magnetisieurs« auf andere Spekulation über die anscheinende Absichtlichkeit
Personen beruht. Er verweist auf frühere physische im Schicksale des Einzelnen« (s. Kap. II.6.4) im ers-
Erklärungen, zu denen er auch Mesmers Erklärung ten Band der Parerga und Paralipomena fortgesetzt
durch einen Weltäther zählt (vgl. N, 99). Er betrach- hat, zeichnen sich durch eine aufgeklärte Grundhal-
tet solche Erklärungen als verfehlt, da äußerliche tung und ein wissenschaftliches Interesse aus. Den-
Hilfsmittel wie Magnete oder Hände, aber auch die noch macht sich in ihnen auch sein metaphysisches
Manipulation durch Worte nach seiner Ansicht für Interesse geltend, wenn er die okkulten Phänomene
die jeweils erzielten Wirkungen ganz unwesentlich als Bestätigungen seiner Metaphysik zu verstehen
sind. Unter Berufung auf Selbstzeugnisse erfolgrei- versucht. Daher zeigt Schopenhauer neben seiner
cher Magnetiseure setzt er dagegen die These, dass Aufgeschlossenheit für das Okkulte bisweilen auch
das entscheidend Wirksame allein der Wille des Ma- eine gewisse Leichtgläubigkeit, wenn er Berichte
gnetiseurs ist (vgl. N, 109). Weil die verwendeten über rätselhafte Phänomene wiedergibt.
äußerlichen Hilfsmittel unwesentlich und verzicht-
bar sind, handelt es sich bei der magnetisierenden
Wirkung, durch die z. B. eine Person in der Hypnose
98 II. Werk

Sprachliche und kulturelle Bestätigungen schen Karriere ihre Lehren der jeweiligen Landesre-
der Willensmetaphysik ligion anpassen und die Philosophie damit korrum-
pieren (vgl. N, 6 f., 16 ff.). Indem er den Vorrang der
In den restlichen, vergleichsweise kurzen Kapiteln Wahrheit vor allen Interessen betont, bekennt er sich
befasst sich Schopenhauer mit kulturellen und geis- ganz als Aufklärer und bedauert, dass das Wort
teswissenschaftlichen Zeugnissen, die die Überein- »Aufklärung« zu einem Schimpfwort geworden ist
stimmung seiner Lehre mit Sprache und Religion (vgl. N, 16).
anderer Völker und Kulturen zeigen sollen. In dem Schopenhauer liefert auch eine passende Erklä-
Kapitel »Linguistik« (N, 95–98) weist er daraufhin, rung für die beginnende Wirkung seines Werks, in-
dass in fast allen Sprachen das Wirken in der unbe- dem er behauptet, dass seine Metaphysik geeignet
lebten Natur als Wollen begriffen wird, worin er eine sei, das Bedürfnis nach »ernstlicher Philosophie« zu
Bestätigung für seine Auffassung sieht, dass es gar befriedigen, das durch den wissenschaftlichen Fort-
keine andere Möglichkeit gibt, um die inneren schritt einerseits und den allgemeinen Glaubensver-
Triebe und Bestrebungen der Natur zu verstehen. lust andererseits entstanden sei. Der neue Materia-
Das Kapitel »Sinologie« (N, 128–139) geht auf kul- lismus, den er wegen seines naiven Realismus und
turwissenschaftliche Studien zu China ein, um zu seiner (vermeintlichen) fragwürdigen moralischen
zeigen, dass die Religionen des Taoismus, Konfuzia- Folgen direkt attackiert, ist dazu seiner Ansicht nach
nismus und Buddhismus in zentralen Punkten wie nicht in der Lage (vgl. N, IXff.).
Idealismus, Pessimismus und (offenem oder laten- Den sachlichen Grund der Misere der zeitgenös-
tem) Atheismus mit seiner Philosophie übereinstim- sischen deutschen Philosophie sieht Schopenhauer
men. In dem Kapitel »Hinweis auf die Ethik« (N, in der Vernachlässigung der Errungenschaften der
144–144) geht es ihm schließlich um den Nachweis, Philosophie Kants, zu denen er insbesondere die
dass seine Metaphysik – in Übereinstimmung mit al- Lehre des transzendentalen Idealismus rechnet. Der
len Religionen, aber im Gegensatz zum Materialis- größte Teil der Vorrede ist dem Nachweis gewidmet,
mus – eine moralische Bedeutung des Lebens an- dass die philosophische Fehlentwicklung seit Kant
nimmt und daher auch und vor allem eine Stütze der vor allem auf die Unkenntnis der kantischen Phi-
Ethik ist. In dem Kapitel »Schluss« (N, 145–147) äu- losophie zurückzuführen ist. Diese Ausführungen
ßert Schopenhauer die Hoffnung, dass seiner Philo- sind nicht nur von Schopenhauers Anspruch getra-
sophie die Zukunft gehören wird, womit er eine Po- gen, der eigentliche Nachfolger Kants zu sein, son-
lemik gegen die Philosophieprofessoren verbindet, dern sie enthalten auch die implizite Aufforderung
die er für das Verschweigen seiner Philosophie ver- »Zurück zu Kant!«. Damit dürfte er den beginnen-
antwortlich macht. den Neukantianismus mit angestoßen haben (vgl. N,
XVI–XXIX).

Die Vorrede der zweiten Auflage


Die Stellung der Schrift in Schopenhauers
Ein wichtiges Dokument für das Selbstverständnis Werk
des späten Schopenhauer ist die Vorrede zur zweiten
Auflage der Schrift von 1854. Während er in der ers- Um die Stellung der Schrift Ueber den Willen in der
ten Auflage den Zeitgenossen die Vorzüge seiner Natur in Schopenhauers Werk und philosophischer
Philosophie demonstrieren will und dabei seine Entwicklung bestimmen zu können, muss vor allem
Hoffnung noch ganz auf die Zukunft setzt, stellt er geklärt werden, welche Auffassungen eine besondere
nun mit Blick auf die beginnende Rezeption seines Betonung oder Akzentuierung erhalten und welche
Werks voller Stolz fest: »man hat angefangen, mich in der Schrift überhaupt neu vertreten werden.
zu lesen, – und wird nun nicht wieder aufhören« (N, Einen neuen Akzent gibt Schopenhauer in der
XIII). Er beschreibt sich als den »Kaspar Hauser« der Schrift seiner Auffassung vom unbewussten Willen.
Philosophie, dem es nach jahrzehntelangem Ver- Stand vorher die These vom Willen als Ding an sich
schwiegenwerden endlich gelungen sei, Gehör zu im Vordergrund, so betont er nun stärker den un-
finden, und verbindet damit eine scharfe Polemik bewussten Charakter des Willens und die philoso-
gegen die Philosophieprofessoren, denen er man- phische und wissenschaftliche Bedeutung dieser
gelnde Wahrheitsliebe und »Zeitdienerei« vorwirft, Konzeption. Auch das Verhältnis von Wille und Ur-
da sie aus persönlichen Interessen an ihrer akademi- sachen wird nun im Licht der Lehre von der umge-
3. Ueber den Willen in der Natur 99

kehrten Proportionalität von Rationalität und Reali- Nietzsche, Bergson, Scheler und Freud entschei-
tät weiter ausgedeutet. dende Anstöße gegeben (s. die entsprechenden Ka-
Eine neue Thematik der Schrift besteht in biogra- pitel in Teil IV). Der Einfluss der Schrift Ueber den
phisch-rezeptionsgeschichtlicher Hinsicht darin, Willen in der Natur lässt sich jedoch von der allge-
dass Schopenhauer bei der Suche nach Bestätigun- meinen Schopenhauer-Rezeption und der Rezep-
gen seiner Metaphysik auf frühe Spuren seines Wir- tion seines Hauptwerks im Besonderen nur schwer
kens trifft, die bewusst verschwiegen wurden. Einen trennen.
Plagiatsvorwurf erhebt er gegen den österreichi- Zunächst wurde die Schrift ebenso wie das
schen Mediziner Anton Rosas und gegen den däni- Hauptwerk kaum beachtet. Als nach der Veröffentli-
schen Arzt Joachim Dietrich Brandis. Letzteren chung der Parerga und Paralipomena (1851) die
hatte Schopenhauer in der ersten Auflage noch als große Schopenhauer-Rezeption begann, wurde auch
Bestätigung seiner Auffassungen zitiert, bevor er ihn Ueber den Willen der Natur als Ergänzung und Er-
dann, nach genaueren Nachforschungen, zuerst läuterung seiner Metaphysik zur Kenntnis genom-
1844 im zweiten Band des Hauptwerks (vgl. W II, men. Im Unterschied zu den beiden Abhandlungen
295 f.) und sodann in der zweiten Auflage von 1854 über die »Freiheit des Willens« und über die
des Plagiats beschuldigt (vgl. N, 13 f.). »Grundlage der Moral«, die in ethischen Diskussio-
Einer neuen Thematik von besonderer systemati- nen der Moderne immer Beachtung gefunden ha-
scher Tragweite wendet sich Schopenhauer zu, wenn ben, wurde die Schrift nur selten als eigenständiges
er sich in der Schrift erstmals mit okkulten Phäno- Werk neben dem Hauptwerk wahrgenommen. Von
menen befasst, um seine Metaphysik zu untermau- einer selbständigen Rezeption kann am ehesten be-
ern. Wie die zahlreichen Zusätze zum Kapitel »Ani- züglich Schopenhauers Auseinandersetzung mit der
malischer Magnetismus und Magie« von 1854 (vor Thematik des Okkulten gesprochen werden, und
allem N, 100–113) und die bereits genannten beiden zwar insbesondere bei dem Naturphilosophen Hans
Kapitel in den Parerga und Paralipomena deutlich Driesch, dem Tiefenpsychologen C. G. Jung und
machen, hat sein Interesse an dieser Thematik von dem Parapsychologen Hans Bender. Von solchen
da an fortgedauert. vereinzelten Anknüpfungen einmal abgesehen, hat
Die wichtigste systematische Neuerung der es eine eigenständige, vom Hauptwerk unabhängige
Schrift geht auf die Rezeption der zeitgenössischen Wirkung der Schrift auf die Diskussion metaphy-
Physiologie zurück. Mit Bezugnahme auf Cabanis sisch-naturphilosophischer Fragen kaum gegeben.
entwickelt Schopenhauer hier erstmals seine physio-
logische Deutung des Intellekts als Gehirnfunktion Literatur
und seine darauf sich stützende metaphysische
These vom tertiären Charakter des Intellekts (vgl. N, Bender, Hans: Telepathie und Hellsehen als wissenschaftli-
che Grenzfrage. In: Schopenhauer-Jahrbuch 48 (1967),
20). Zugleich zeigt sich in dieser Schrift, dass er un-
36–52.
geachtet dieser materialistischen Wendung an der Birnbacher, Dieter: Schopenhauer und die moderne Neu-
idealistischen Grundansicht festhält und auch wei- rophilosophie. In: Schopenhauer-Jahrbuch 86 (2005),
terhin den Materialismus ablehnt (vgl. N, X, 44). 133–148.
Schopenhauers Ueber den Willen in der Natur –: Schopenhauer. Stuttgart 2009.
steht zwar zeitlich zwischen dem frühen Hauptwerk Brann, Henry Walter: C. G. Jung und Schopenhauer. In:
Schopenhauer-Jahrbuch 46 (1965), 76–87.
und den späteren Schriften, doch kann man die Brun, Jean: Schopenhauer et le Magnétisme. In: Schopen-
Schrift wegen der genannten inhaltlichen und syste- hauer-Jahrbuch 69 (1988), 155–167.
matischen Ergänzungen seiner metaphysischen Po- Driesch, Hans: Schopenhauers Stellung zur Parapsycholo-
sition bereits zum Spätwerk zählen. gie. In: Schopenhauer-Jahrbuch 23 (1936), 15–99.
Gödde, Günter: Traditionslinien des Unbewußten. Schopen-
hauer, Nietzsche, Freud. Tübingen 1999.
Malter, Rudolf: Schopenhauer und die Biologie. Metaphy-
Die Wirkung der Schrift sik der Lebenskraft auf empirischer Grundlage. In: Be-
richte zur Wissenschaftsgeschichte 6 (1983), 41–58.
Mit seiner Metaphysik hat Schopenhauer die Strö- –: Arthur Schopenhauer. Transzendentalphilosophie und
mungen der Willensmetaphysik und Lebensphiloso- Metaphysik des Willens. Stuttgart-Bad Cannstatt 1991.
Morgenstern, Martin: Schopenhauers Philosophie der Na-
phie, aber auch die philosophische Anthropologie turwissenschaft. Aprioritätslehre und Methodenlehre als
und Tiefenpsychologie maßgeblich beeinflusst und Grenzziehung naturwissenschaftlicher Erkenntnis. Bonn
insbesondere Denkern wie Eduard von Hartmann, 1985.
100 II. Werk

–: Die Grenzen der Naturwissenschaft und die Aufgabe der –: Physiologie und Transzendentalphilosophie bei Scho-
Metaphysik bei Schopenhauer. In: Schopenhauer-Jahr- penhauer. In: Schopenhauer-Jahrbuch 70 (1989), 43–53.
buch 67 (1986), 71–93. –: Schopenhauers subjektive und objektive Betrachtungs-
–: Schopenhauers Grundlegung der Metaphysik. In: Scho- weise des Intellekts. In: Schopenhauer-Jahrbuch 86
penhauer-Jahrbuch 69 (1988), 57–66. (2005), 105–132.
Schmidt, Alfred : Schopenhauer und der Materialismus. In: Martin Morgenstern
Ders.: Drei Studien über den Materialismus. München
1977, 21–79.
101

4. Die beiden Grundprobleme der Ethik

4.1 »Preisschrift über die gen kulminieren in Ausblicken auf eine Fundierung
und Abrundung im Rahmen der Willensmetaphy-
Freiheit des Willens« sik.
Nicht nur mit ihrer Anknüpfung an geläufige Be-
Schopenhauers »Preisschrift über die Freiheit des griffe und Vorstellungen weist die »Preisschrift über
Willens« ist eine der wenigen Einsendungen zu ei- die Freiheit des Willens« Affinitäten einerseits zur
nem Wettbewerb, die nachhaltige Berühmtheit er- Methode der aristotelischen Philosophie, anderer-
langt haben. Die Norwegische Sozietät der Wissen- seits zur analytischen Philosophie des 20. Jahrhun-
schaften in Trondheim hatte 1839 die Preisfrage ge- derts auf. Mit Aristoteles verbindet Schopenhauer,
stellt »Lässt sich die Freiheit des menschlichen dass er sich in dieser Schrift als scharfer Begriffsana-
Willens aus dem Selbstbewusstsein beweisen?«, und lytiker betätigt, mit der analytischen Philosophie,
Schopenhauers anonym eingesandte Abhandlung – dass er sich als Sprachkritiker zeigt – als Kritiker von
die einzige – bekam den Preis zugesprochen. Zu- gezielten oder schlicht nachlässigen philosophi-
sammen mit der zweiten Preisschrift, der »Preis- schen Missdeutungen der Sprache. Anlass dafür be-
schrift über die Grundlage der Moral« aus dem dar- steht genug, denn wie Schopenhauer richtig sieht,
auffolgenden Jahr, eingereicht bei der Königlich gehört nicht nur der Begriff der Freiheit, sondern
Dänischen Sozietät der Wissenschaften, veröffent- besonders auch der Begriff der Willensfreiheit zu
lichte er beide Schriften zusammen in erster Auflage den mehrdeutigsten der philosophischen Tradition.
im Jahr 1841, in zweiter, mit einer neuen Vorrede In diesem Punkt hatte insbesondere Kant für Ver-
und zahlreichen Ergänzungen versehenen Auflage wirrung gesorgt, indem er den Ausdruck ›Freiheit‹
im Todesjahr 1860, unter dem zusammenfassenden sowohl als Gegenbegriff zur kausalen Bestimmtheit
und seitdem eingebürgerten Titel Die beiden Grund- des Willens, wie sie der Determinismus behauptet,
probleme der Ethik. Beide Preisschriften verraten als auch als Gegenbegriff zur Abhängigkeit des Wil-
deutlich die Handschrift ihres Autors, zugleich aber lens von sinnlichen Auslösern (den »Neigungen«)
auch, dass er sich bemühte, als Autor des in Die Welt gebraucht hatte. Daraus hatte sich in Kants Moral-
als Wille und Vorstellung präsentierten und auf Kri- philosophie das Paradox ergeben, dass jeder, der frei
tik gestoßenen metaphysischen Systems unerkannt handelt, damit auch schon moralisch richtig (näm-
zu bleiben. Die Folge ist, dass beide Schriften weitge- lich nach moralischen Grundsätzen statt nach sei-
hend auf eigenen Füßen stehen und unabhängig nen »Neigungen«) handelt, und jeder, der moralisch
vom Hauptwerk gelesen und gewürdigt werden kön- falsch handelt, unfrei handelt und dementsprechend
nen. Indem sie so wenig wie möglich auf die eigen- für sein Handeln nicht getadelt werden dürfte. Vor
willige Terminologie des Hauptwerks und das darauf einer Prüfung, ob bzw. wie weit dem Menschen Frei-
errichtete Theoriegebäude zurückgreifen, sprechen heit zugesprochen werden kann, muss also zunächst
sie auch Leser an, die der Willensmetaphysik skep- zwischen den sehr verschiedenen mit dem vieldeuti-
tisch gegenüberstehen. Nicht nur die Sprache Scho- gen Wort ›Freiheit‹ bezeichneten Begriffen unter-
penhauers ist in den Preisschriften durchweg ein- schieden werden. In einem zweiten Schritt kann
gängiger als im Hauptwerk. Auch der Sache nach dann untersucht werden, wie weit sich die eine oder
versucht Schopenhauer, sich so weit wie möglich auf andere behauptete Lösung des Freiheitsproblems da-
allgemein akzeptierte Voraussetzungen zu berufen. durch als Scheinlösung entpuppt, dass sie sich auf
Gänzlich hat Schopenhauer allerdings auf die Her- eine Konfusion zwischen diesen verschiedenen Be-
stellung eines Nexus zwischen dem in diesen Ab- griffen zurückführen lässt.
handlungen, wie er meinte, rein »analytisch und a Nach Schopenhauer hat es die Philosophie pri-
posteriori« (E, V) Entwickelten und seiner ureige- mär mit der anschaulichen Erfahrung und deren
nen Metaphysik nicht verzichtet. Beide Abhandlun- Deutung und nicht mit Begriffen und deren Analyse
102 II. Werk – 4. Die beiden Grundprobleme der Ethik

zu tun. Aber die Preisschrift zur Willensfreiheit auf die »transzendentale Freiheit«, eine Hypothese,
zeigt, dass er auch auf diesem Feld Beachtliches zu die Schopenhauer in erster Linie mit der Gegeben-
leisten imstande war und die scharfe Waffe der Kri- heit des Schuldgefühls bei Moralverstößen moti-
tik nicht nur destruktiv, in Angriffen auf seine intel- viert.
lektuellen Widersacher, sondern auch konstruktiv, In der Lehre von der transzendentalen Freiheit
zur Klärung von Sachfragen, einzusetzen verstand. wie auch in der Charakterlehre greift Schopenhauer
Statt die Frage der Norwegischen Akademie nach am deutlichsten auf Gedanken seines Hauptwerks
den Möglichkeiten eines introspektiven Zugangs zur zurück. Von ihnen lässt sich noch am ehesten sagen,
Willensfreiheit unmittelbar aufzugreifen, diskutiert was Schopenhauer in der Vorrede zur ersten Auflage
er zunächst zwei Vorfragen: ›Wie verhält sich Wil- behauptet: dass beide Abhandlungen zur Ethik »als
lensfreiheit zu anderen Formen von Freiheit?‹ und Ergänzung des vierten Buches meines Hauptwerks
›Welche Art von Freiheit lässt sich dem Menschen anzusehen« (E, VI) sind.
begründet zusprechen?‹ Sollte der Mensch über Wil-
lensfreiheit gar nicht verfügen – das wird Schopen-
hauers Ergebnis sein –, lässt sie sich a fortiori auch Drei Arten von Freiheit und Unfreiheit
nicht erkennen, weder durch das Selbstbewusstsein
noch anderweitig. Was ist die Grundbedeutung von »Freiheit«, die alle
Dem folgt die Gliederung der Preisschrift, indem einzelnen Freiheitsbegriffe miteinander verbindet?
sie in einem ersten Kapitel mit dem Titel »Begriffs- Nach Schopenhauer ist diese Grundbedeutung ne-
bestimmungen« zunächst sowohl eine allgemeine gativ: die Abwesenheit eines Hindernisses. Je nach-
Charakterisierung der Begriffe »Freiheit« und dem, worin dieses Hindernis jeweils besteht, unter-
»Selbstbewusstsein« gibt sowie eine Unterteilung scheidet Schopenhauer zwischen der »physischen«
des Freiheitsbegriffs in drei »Unterarten«, die »phy- Freiheit, der Abwesenheit eines die Ausführung des
sische«, die »intellektuelle« und die »moralische«. Gewollten verhindernden physischen Hindernisses,
Dabei fällt die letztere mit dem zusammen, was her- der »intellektuellen« Freiheit, der Abwesenheit eines
kömmlich als »Willensfreiheit« diskutiert worden Mangels an Wissen bzw. eines Mangels an geistiger
ist. Daraufhin wird in weiteren Kapiteln untersucht, Steuerungsfähigkeit, und der »moralischen« Frei-
was der Blick nach innen (»Der Wille vor dem heit, der Abwesenheit einer Ursache, aus der das je-
Selbstbewusstsein«) und der Blick nach außen (»Der weilige Wollen mit kausaler Notwendigkeit folgt. So
Wille vor dem Bewusstsein anderer Dinge«) über erhellend diese Unterscheidungen sind, so unglück-
das Bestehen und Nicht-Bestehen von Willensfrei- lich sind die Benennungen, die Schopenhauer für
heit aussagen. Schopenhauer scheint auch erwogen die einzelnen Varianten der Freiheit wählt. Was
zu haben, das mehrdeutige Wort conscientia in der Schopenhauer mit »physischer« Freiheit meint, ist in
lateinisch formulierten Preisfrage im Sinne von ›Ge- erster Linie Handlungsfreiheit, die Freiheit, das, was
wissen‹ zu verstehen, sieht aber von dieser Deutung, man will, im Handeln zu verwirklichen. Diese kann
die auf Kants Begründung des Freiheitspostulats zie- jedoch nicht nur durch äußere oder innere physische
len würde, bewusst ab, da er sich von ihr nichts ver- Hindernisse wie Ketten oder Lähmung beschränkt
spricht (vgl. E, 10). Die weiteren Abschnitte dieses sein, sondern auch durch psychische, etwa neuroti-
Kapitels dienen der Vertiefung der gegebenen Ant- sche Zwänge. Wer einen Waschzwang hat, ist ähn-
worten, wobei explizit oder implizit weitere Diffe- lich wie der in Ketten Liegende oder Gelähmte daran
renzierungen eingeführt werden. Explizit fügt Scho- gehindert, das, was er will, in Handlungen umzuset-
penhauer den drei anfänglich unterschiedenen Be- zen. Der innere Zwang schränkt ihn in seiner Hand-
griffen zwei weitere Freiheitsbegriffe hinzu: den der lungsfreiheit möglicherweise in demselben Maße
»relativen Freiheit« und den der »transzendentalen ein wie äußere Freiheitsbeschränkungen. Zwang
Freiheit«, implizit – in Zusammenhang mit seiner (etwa auch durch Gesetze und Strafandrohungen)
Charakterlehre – einen weiteren, den man mit ›inne- kann die Freiheit des Handelns aber auch durch
rer Freiheit‹ bezeichnen könnte. Es schließt sich ein anderweitige nicht-physische Mittel beschränken,
doxographischer Durchgang durch die »Vorgänger« nämlich durch die Androhung von Übeln, physi-
an, aus dem erhellt, dass die große Mehrzahl der schen wie psychischen. Hier ist dann der Akteur
Philosophen die Annahme der Willensfreiheit abge- nicht nur in seinem Handeln unfrei, sondern in ei-
lehnt hat, sowie ein die Hauptthese der Preisschrift ner bestimmten Hinsicht auch in seinem Wollen.
teilweise relativierender metaphysischer Ausblick Wer unter einer Drohung etwas tut, was er nicht will,
4.1 »Preisschrift über die Freiheit des Willens« 103

macht die Erfahrung einer Unfreiheit nicht nur sei- ethisches Desaster beschreibt. Auch wenn dem
nes Handelns, sondern auch seines Wollens. Wer – Mensch Willensfreiheit aberkannt werden muss, er-
unter den gegebenen Umständen – etwas will, was er fordert das keine dramatische Änderung der
unter normalen Umständen niemals wollen würde, menschlichen Praxis. Verantwortlichkeit, Lob und
kann unter den gegebenen Bedingungen nicht nur Tadel, Belohnung und Strafe müssen nicht abge-
nicht tun, was er will, sondern auch nicht wollen, schafft werden. Sie müssen lediglich auf eine neue
was er wollen will. Auch wer »intellektuell« unfrei Grundlage gestellt werden.
ist, will und tut nicht das, was er eigentlich will, weil
er nicht weiß, was er tut, oder (aufgrund eines
Irrtums oder einer Falschinformation) die Folgen Innen- versus Außenperspektive
seines Handelns falsch einschätzt. Aber auch hier
beruht das Unwissen nicht notwendig auf einem in- Angesichts der Tatsache, dass die Preisschrift als
tellektuellen Defizit, etwa einem Mangel an Kennt- Ganze die von der Norwegischen Akademie gestellte
nissen oder Intelligenz. Es kann auch durch ein Frage beantworten will, macht Schopenhauer mit
Übermaß an Emotionalität, durch Voreiligkeit oder dieser Frage erstaunlich kurzen Prozess. Seine Ant-
Impulsivität bedingt sein. Auch die »moralische« wort ist ein lapidares Nein: Das Selbstbewusstsein
Freiheit ist in gewisser Weise ein misnomer, wenn kann uns nichts zu den Ursachen unseres Wollens
sie, wie Schopenhauer meint, die Willensfreiheit be- sagen. Wenn es um Auskünfte über die kausalen Be-
zeichnen soll. Denn zwar ist herkömmlich Willens- dingungen unseres Wollens geht, ist das Selbstbe-
freiheit vor allem in moralischen Zusammenhängen wusstsein schlicht die falsche Instanz: »Da draußen
von Interesse, vor allem bei der Zuschreibung von liegt vor seinen [des Selbstbewusstseins; D. B.] Bli-
Verantwortlichkeit und Schuld bei moralwidrigen cken große helle Klarheit. Aber innen ist es finster,
Handlungen. Aber es fragt sich, ob Willensfreiheit, wie ein gut geschwärztes Fernrohr: kein Satz a priori
falls sie besteht, nur für moralisch bewertete oder erhellt die Nacht seines eigenen Innern; sondern
bewertbare Handlungen oder überhaupt nur im Zu- diese Leuchtthürme strahlen nur nach außen« (E,
sammenhang mit moralischen Bewertungen und 22). Der Blick nach innen kann uns weder zeigen,
Zuschreibungen gilt. Falls sie besteht, sollte sie für dass das Wollen verursacht ist, noch dass es unverur-
alle Handlungen gelten, die bestimmte Anforderun- sacht ist. Und selbst wenn er uns zeigen könnte, dass
gen an Selbsttätigkeit erfüllen, auch in Kontexten, in er verursacht ist, könnte er uns nicht zeigen, welches
denen es nicht primär um moralische Bewertungen die Ursachen im Einzelnen sind. Das einzige, was
geht, z. B. für künstlerische oder anderweitig krea- sich dem Selbstbewusstsein entnehmen lässt, sind
tive Handlungen. zwei Arten von Daten: erstens die Faktizität unseres
Eine wichtige Einsicht, die in Schopenhauers an- Wollens, die Tatsache, dass wir etwas wollen; zwei-
fänglicher Aufreihung der Freiheitsbegriffe enthal- tens bestimmte Überzeugungen über dieses Wollen,
ten ist, ist der abgeleitete Status der Idee der Willens- insbesondere die Überzeugung, dass wir das, was
freiheit: Willensfreiheit ist eine hochgradig abstrakte wir wollen, ausführen können, also die Überzeu-
und dem in der Alltagspraxis vorherrschenden Frei- gung ›Ich kann tun, was ich will‹; und die Überzeu-
heitsverständnis weit entrückte Idee. Sie ist ein ty- gung, dass wir vollständig frei sind, zwischen zwei
pisch philosophisches Konstrukt. Die ursprüngliche entgegengesetzten Willensregungen zu wählen –
und psychologisch am leichtesten zu fassende Idee eine Überzeugung, die wir typischerweise aus Situa-
der Freiheit ist die Idee der physischen Freiheit: ›Ich tionen kennen, in denen zwei alternative Hand-
kann tun, was ich will.‹ Für diese Art von Freiheit ist lungsmöglichkeiten unseren Zwecken ebenso gut
das Hindernis, das die Freiheit beschränkt oder entgegenkommen und es lediglich an unserer will-
nicht beschränkt, am unmittelbarsten greifbar. Bei kürlichen Wahlentscheidung zu liegen scheint, zu
der ›moralischen‹ Freiheit ist viel weniger evident, welcher Seite sich die Waage neigt.
wo hier das ›Hindernis‹ liegt. Ist Kausalität ein Hin- Diese Daten sind, so Schopenhauer, ungeeignet,
dernis? Kann ein Wollen dadurch, dass es durch Mo- über Determinismus oder Indeterminismus zu ent-
tive verursacht ist, eingeschränkt sein? Bereits an scheiden. Die Kenntnis, die wir davon haben, dass
dieser Stelle kündigt sich an, dass Schopenhauer – wir etwas wollen, verrät uns nichts über die Ursa-
ähnlich wie sein Vorgänger Hume – den Determi- chen (oder über die Ursachenlosigkeit) des Wollens.
nismus des Willens in der Preisschrift zwar als einzig Und auch die beiden Überzeugungen, die wir regel-
gangbare Option, aber nicht als metaphysisches oder mäßig oder unter bestimmten Bedingungen über
104 II. Werk – 4. Die beiden Grundprobleme der Ethik

dieses Wollen haben, sind in dieser Hinsicht wenig diese erklärt werden können, muss dies auch für den
ergiebig. Die Überzeugung, tun zu können, was wir menschlichen Willen gelten. Anders als Kant an-
wollen, könnte, wenn sie wahr wäre, allenfalls etwas nahm, kommt dem Menschen in Schopenhauers
über das Bestehen von Handlungsfreiheit, nicht aber Sicht keine metaphysische Sonderstellung zu. Er ist
über das Bestehen von Willensfreiheit aussagen. Al- vielmehr ebenso Teil der Natur wie die Tiere und die
lerdings ist diese Überzeugung nicht selbstverifizie- übrigen Lebewesen und denselben Naturgesetzen
rend. Dass wir diese Überzeugung üblicherweise unterworfen.
haben, sagt nichts darüber, ob sie zutrifft. Wir könn- Für Schopenhauer hat diese Überlegung die Kon-
ten uns über die Fähigkeit, unseren Willen im Han- sequenz, dass auch der menschliche Wille durch die
deln auszuführen, auch täuschen. Auch die Über- ihm jeweils vorhergehenden Ereignisse lückenlos
zeugung, dass wir in typischen ›Buridans Esel‹- determiniert ist. Insofern ist Willensfreiheit eine
Situationen völlig frei wählen können, könnte eine schlichte Illusion.
Illusion sein. Das Selbstbewusstsein zeigt uns stets Dass Schopenhauer diese Konsequenz zieht,
nur das Ergebnis unserer Wahl, nämlich die ausge- könnte allerdings zunächst überraschen. Denn in
führte Handlung; es sagt nichts über die kausalen seiner Dissertation über den Satz vom Grund hatte
Prozesse, die zu dieser Handlung geführt haben, er die Begründung, die Kant für die Unausweich-
oder über deren Abwesenheit. lichkeit des Determinismus (sowohl in der äußeren
Die Frage nach Determiniertheit und Indetermi- Natur als auch im Bereich der Bewusstseinsphäno-
niertheit des Willens durch vorhergehende Ursa- mene) gegeben hatte, erfolgreich kritisiert: Eine zeit-
chen lässt sich also nicht introspektiv entscheiden. liche Aufeinanderfolge von Erfahrungsinhalten ist
Entscheiden lässt sie sich ausschließlich mittels sehr wohl zu denken ohne eine kausale Verknüp-
Überlegungen, die sich auf die kausale Struktur der fung. Jeder kenne Beispiele für zufällige Sukzessio-
Welt insgesamt beziehen. Dazu müssen wir uns nach nen ohne gesetzmäßigen Zusammenhang, etwa
Schopenhauer den Phänomenen der äußeren Welt wenn sich zwei getrennt verlaufende Kausalketten
zuwenden – vorausgesetzt, dieser Weg ist für die schneiden und ein sich lockernder Dachziegel einem
Frage nach den kausalen Bedingungen von Willens- aus dem Haus tretenden Mann auf den Kopf fällt
regungen relevant. Dies ist nicht selbstverständlich, (vgl. G, 88; s. Kap. II.1). Auch wenn jedes einzelne
denn es ist ja nicht ausgemacht, dass etwaige zwi- der Ereignisse, die im Augenblick des Unfalls zu-
schen Ereignissen der Außenwelt bestehende Kau- sammentreffen, in auf Naturgesetzen beruhende
salbeziehungen auch für psychische Vorgänge, wie Kausalketten eingebettet ist, ist doch die zeitliche
es Willensregungen sind, gelten. Abfolge des Herunterfallens des Ziegels und des Her-
Diese Voraussetzung ist nach Schopenhauer aller- austreten des Manns zufällig. Aber trotz seiner Kri-
dings erfüllt. Für ihn steht fest, dass der Wille wie tik an Kants These, dass der Determinismus eine
auch alle übrigen psychischen Phänomene nicht nur notwendige Bedingung für die Erkennbarkeit der
an das Gehirn als Teil der physischen Welt gebunden Naturordnung sei, geht Schopenhauer weiterhin da-
sind, sondern dass sie auch in einem bestimmten von aus, dass Kausalität ein notwendiges Konstrukti-
Sinn mit Gehirnprozessen identisch sind. In den onsprinzip der erfahrbaren Welt und eine notwen-
Willensregungen wie in allen anderen psychischen dige Bedingung der Erkennbarkeit der Natur ist. Der
Phänomenen, derer wir uns im Selbstbewusstsein Begriff eines absolut Zufälligen ist für ihn sogar
vergewissern können, manifestieren sich Gehirn- nachgerade undenkbar, es handele sich um einen
prozesse. Was sich im Selbstbewusstsein zeigt, ist für Begriff, bei dem »ganz eigentlich der Verstand stille
Schopenhauer lediglich die »Innenansicht« eines steht« (E, 46).
Gehirnvorgangs. Deshalb ist das Gehirn als physio- Die Quelle, aus der Schopenhauer seine Sicherheit
logisches Substrat des Bewusstseins auch an der kau- über die durchgängige kausale Strukturiertheit der
salen Genese unseres Willens beteiligt, und nicht äußeren – und indirekt der inneren – Welt schöpft,
nur als einer von mehreren, sondern als der einzige bleibt an dieser Stelle offen. Zu vermuten ist, dass er
Akteur. Entscheidend für die Frage der kausalen Be- sie aus seiner bereits in der Dissertation entwickelten
dingungen des Willens ist allein, ob die den Willens- kausalen Wahrnehmungstheorie bezieht, nach der
phänomenen zugrunde liegenden Gehirnvorgänge die Erkenntnis äußerer Gegenstände einen (zumeist
kausal miteinander verknüpft sind. Falls die Natur- unbewusst vollzogenen) Kausalschluss beinhaltet,
philosophie besagt, dass alle Ereignisse in der Natur mittels dessen wir aus den uns gegebenen Empfin-
durch vorgängige Ursachen bedingt sind und durch dungen von äußeren Gegenständen auf deren Exis-
4.1 »Preisschrift über die Freiheit des Willens« 105

tenz und Beschaffenheit schließen (vgl. G, 52 f.). (1) Begriffliche Konfusionen, insbesondere die
Diese Theorie kann allerdings, auch wenn sie zutref- Verwechslung der Willensfreiheit mit einer der bei-
fen würde, die universale kausale Bedingtheit der Er- den anderen von Schopenhauer unterschiedenen Ar-
scheinungswelt kaum begründen. Dass zwischen den ten von Freiheit, der Handlungsfreiheit und der dem
Gegenständen der Erkenntnis und der Erkenntnis Menschen eigentümlichen »relativen Freiheit«. Das
notwendig eine kausale Beziehung besteht, impliziert unbefangene Denken unterscheidet nicht hinrei-
nicht, dass auch zwischen den Gegenständen selbst chend zwischen dem in der Regel zutreffenden Ge-
notwendig eine kausale Beziehung besteht. danken »Ich kann tun, was ich will« und dem in der
Das menschliche Wollen unterscheidet sich damit Regel nicht zutreffenden Gedanken »Ich kann wol-
in seiner Determiniertheit nicht von anderen Natur- len, was ich will«; und es neigt dazu, die Freiheit zur
vorgängen. Es unterscheidet sich jedoch in der Art Distanzierung vom hier und jetzt anschaulich Gege-
und Weise der Determination. Es ist nicht nur durch benen (die »relative Freiheit«) mit Willensfreiheit zu
mechanische Ursachen und biologische Reize be- verwechseln. Beide Male ist jedoch die Determina-
stimmt, sondern u. a. auch durch bewusste Wahr- tion des Willens nicht aufgehoben. Sie verläuft nur
nehmungen (»Motive«) und gedankliche Inhalte. über einen komplizierten Umweg: Der die Kausalität
Während das Tier im Augenblick lebt und außer sei- vermittelnde »Leitungsdraht« (E, 36) ist länger.
nen Instinkten allein der vom unmittelbar Gegebe- (2) Das Versäumnis, sich die wenig annehmbaren
nen ausgehenden Kausalität unterworfen ist, be- Konsequenzen der Willensfreiheit klarzumachen,
stimmt sich der Wille des Menschen u. a. nach ge- vor allem die Konsequenz, dass jede menschliche
danklichen Vorstellungen wie Erinnerungen und Handlung ein »unerklärliches Wunder« (E, 45) wäre.
nach gegenwartsübergreifenden und unanschauli- Jede Handlung wäre ein aus dem Augenblick heraus
chen Vorstellungen wie Grundsätzen und Maximen. entstandenes Ereignis, ohne Verbindung mit dem
Diese Möglichkeit, sich vom hic et nunc Gegebenen Charakter und den überdauernden Motiven des Ak-
zu distanzieren, macht das eigentlich Spezifische des teurs. Auch wäre die Annahme der Willensfreiheit
Menschen aus. Wenn der Mensch über einen freien mit der weitgehenden Voraussehbarkeit der Reaktio-
Willen verfügt, dann nicht in Gestalt der absoluten nen anderer, von der wir gewöhnlicherweise ausge-
Freiheit eines unverursachten Willens, sondern in hen, schlecht vereinbar. Die Voraussetzung des De-
Gestalt einer in diesem Sinn »relativen Freiheit« (E, terminismus, so Schopenhauer, »befolgt Jeder, so
35). lange er nach außen blickt, es mit Andern zu thun
hat und praktische Zwecke verfolgt« (E, 41). Ledig-
lich in Bezug auf die eigene Person hängen wir an
Woher kommt der Glaube der Hypothese der Willensfreiheit.
an die Willensfreiheit? (3) Fehldeutungen der inneren Erfahrung, insbe-
sondere der Erfahrung der Unentschlossenheit in Si-
Wenn die Überzeugung von der Willensfreiheit eine tuationen, in denen uns mehrere Möglichkeiten of-
Illusion ist – das ist sie nach Schopenhauer –, stellt fenstehen (vgl. E, 42), und des Konflikts zwischen
sich die Frage, warum diese Illusion so weit verbrei- zwei oder mehreren unvereinbaren Motiven (vgl. E,
tet ist und warum sie sich nicht nur in den Köpfen 36). Beide Zustände werden nach Schopenhauer
von Durchschnittsmenschen findet, sondern, wie fehlgedeutet, wenn sie als Belege für einen unverur-
Schopenhauer feststellt, auch unter »gebildeten, aber sachten Willen verstanden werden. Solange die Un-
nicht tief denkenden Leuten« (E, 35). Nach Scho- entschiedenheit anhält, betätigt sich der Wille nicht
penhauer handelt es sich insofern um eine »natürli- – allenfalls wird eine bestimmte Willensentschei-
che« Illusion, eine »natürliche Täuschung« (E, 25), dung vorgestellt oder gedacht. Sobald er sich jedoch
die wie alle natürlichen Phänomene eine Ursache betätigt, haben wir Grund, eine Ursache für die Ent-
haben muss. Schopenhauer meint in der Tat, diese scheidung anzunehmen: im ersten Fall das Motiv,
Ursachen angeben zu können, und seine Hypothe- den Zustand der Unentschiedenheit zu beenden, im
sen dazu gehören nicht nur zu den für ihn charakte- zweiten Fall das aus dem Kampf der Motive als Sie-
ristischsten, sondern auch zu den interessantesten ger hervorgehende stärkere Motiv.
Partien seines Essays. (4) Interessengetriebene Verfälschungen. In die-
Nach Schopenhauer sind für die Entstehung und ser Erklärung zeigt sich eine für Schopenhauer
Aufrechterhaltung der Freiheitsillusion im Wesentli- insgesamt charakteristische ideologiekritische Stoß-
chen vier Faktoren verantwortlich: richtung seiner Philosophie (vgl. Birnbacher 1996).
106 II. Werk – 4. Die beiden Grundprobleme der Ethik

In der Tradition der »Priestertrugstheorien« der Transzendentale Freiheit


französischen Aufklärer unterstellt Schopenhauer
den philosophischen und theologischen Apologeten Mit der metaphysischen Lehre vom transzendentalen
der Willensfreiheit, dass sie diese als pia fraus be- Charakter weicht Schopenhauer ein gutes Stück weit
wusst in Umlauf setzen, und zwar zur höheren Ehre von der Grundlinie der Preisschrift und der auf die
Gottes: »Wenn nämlich eine schlechte Handlung aus Preisfrage gegebenen Antwort ab. Während uns der
der Natur, d. i. der angeborenen Beschaffenheit, des introspektive Blick nach innen nach Schopenhauer
Menschen entspringt, so liegt die Schuld offenbar keine Hinweise auf das Ob und Wie der Verursa-
am Urheber dieser Natur. Deshalb hat man den chung unserer Handlungen geben kann, soll er uns
freien Willen erfunden« (E, 72). Andernfalls müsste doch sehr wohl Hinweise auf das Ob und Wie der
das gesamte von Menschen wissentlich und willent- Verursachung unseres Charakters geben können.
lich verursachte moralische und außermoralische Der Schlüssel dazu soll die Erfahrung der sponta-
Übel dem Schöpfer zur Last gelegt werden. nen Selbstzuschreibung von Verantwortlichkeit sein.
Während uns das Freiheitsbewusstsein in Bezug auf
unsere Handlungen über die wahren Verhältnisse
»Innere Freiheit«: täuscht, weist uns das Gefühl der Verantwortlichkeit
Der »erworbene Charakter« in Bezug auf den Charakter, aus dem sich unsere
Handlungen notwendig und unausweichlich erge-
Die von Schopenhauer im dritten Kapitel vorge- ben, den richtigen Weg: »Eine Thatsache des Be-
stellte Charakterlehre – eine Weiterentwicklung der wußtseins […] ist das völlig deutliche und sichere
Charakterlehre des Hauptwerks (vgl. W I, 339 ff.) – Gefühl der Verantwortlichkeit für Das was wir thun,
hat eine ausgeprägt nativistische Tendenz: Der Cha- der Zurechnungsfähigkeit für unsere Handlungen,
rakter des Individuums sei von Geburt an konstant beruhend auf der unerschütterlichen Gewißheit, daß
und unabänderlich. »Empirisch« nennt ihn Scho- wir selbst die Thäter unserer Thaten sind« (E, 93).
penhauer deswegen, weil wir und andere ihn erst Das Gefühl der Verantwortlichkeit ist für Schopen-
durch den Vollzug des Lebens kennenlernen. Erst im hauer ein Hinweis auf eine überempirische, »tran-
Laufe unseres Lebens erkennen wir, wie wir auf neue szendentale« Freiheit, die mit der Unfreiheit des Men-
Situationen reagieren. Deshalb werden wir des Öfte- schen auf der Ebene der Handlungen zusammenbe-
ren von uns selbst überrascht – im Positiven wie im stehen können soll. Damit entspricht die »höhere
Negativen (vgl. E, 49). Ansicht«, die Schopenhauer im letzten Kapitel eröff-
Trotz der für ihn beanspruchten Unveränderlich- net, in gewisser Weise der kantischen Freiheitsanti-
keit ist der empirische Charakter dennoch offen für nomie, allerdings mit dem Unterschied, dass Scho-
Korrekturen und Anpassungen. Indem das Indivi- penhauer eine echte Antinomie zu vermeiden sucht.
duum seine ihm eigenen Motive und Verhaltensbe- Bei Kant kommt es zu einer Antinomie durch das
reitschaften kennenlernt, verschafft es sich einen be- Zusammentreffen der theoretisch notwendigen An-
grenzten, aber deshalb um nichts weniger zu schät- nahme universaler empirischer Kausalität mit der
zenden Raum innerer Autonomie. Da der Einzelne praktisch notwendigen Annahme von Willensfrei-
weiß, »was er sich zutrauen und zumuthen darf« (E, heit. Schopenhauer geht zwar ebenso wie Kant von
50), vermag er die Ziele, die er sich zu erreichen vor- einer unaufhebbaren Spannung zwischen theoreti-
nimmt, seinen individuellen Möglichkeiten und Ge- schem Determinismus und praktischer Freiheits-
fährdungen anzupassen. Auf der individuellen überzeugung aus, versucht diese Spannung aber mit-
Ebene wiederholt sich die dialektische Dynamik von hilfe einer Ebenenunterscheidung aufzulösen: Auf
Schopenhauers Willensmetaphysik: »Der blinde der Ebene der Handlung herrscht Determinismus,
Wille« des empirischen Charakters wird sehend, in- nicht aber auf der Ebene des Charakters. Während
dem er, seiner selbst ansichtig, sich selbst transzen- unsere Handlungen durch unseren Charakter deter-
diert und sich auf höherer Stufe mit sich selbst ver- miniert sind, ist der Charakter selbst frei gewählt.
söhnt. In der Auffassung von Selbsterkenntnis als Die Frage ist freilich, wie weit sich eine derartige
Selbstbefreiung trifft sich Schopenhauers Konzep- »transzendentale Freiheit« konsistent denken lässt.
tion der inneren Freiheit mit den Konzeptionen Spi- Wer ist das Subjekt dieser Charakterwahl? Offenbar
nozas und Freuds, dezidierten psychologischen De- kann dieses nicht mit dem empirischen Subjekt, das
terministen wie Schopenhauer (vgl. Birnbacher Träger des einmal gewählten Charakters ist, iden-
1993; s. Kap. III.6, IV. A.7). tisch sein. Im Rahmen von Schopenhauers Meta-
4.1 »Preisschrift über die Freiheit des Willens« 107

physik kann es nicht einmal individuell gedacht wer- Insgesamt sehr viel positiver sind seine begriffli-
den, da lediglich das empirische Subjekt in der Zeit- chen Unterscheidungen und seine phänomenologi-
ordnung existiert, das »transzendentale Subjekt« sche Analyse des subjektiven Freiheitsbewusstseins
aber unzeitlich sein soll, »außer aller Zeit« (E, 96). aufgenommen worden (vgl. z. B. Gehlen 1965). Es
Letztlich muss es mit dem metaphysischen Willen sind allerdings auch Zweifel an der Vollständigkeit
als überzeitlicher Entität zusammenfallen. Damit seiner Analyse des introspektiven Zugangs zur Wil-
werden auf diese Strukturen übertragen, die wir aus lensfreiheit angemeldet worden (vgl. Voigt 1966, 75;
der christlichen Prädestinationslehre kennen: Der Birnbacher 2010, 483 f.). Offensichtlich unterschätzt
Wille »wählt« für jeden Menschen einen Charakter, Schopenhauer das Ausmaß, in dem bereits der Blick
so wie in der Prädestinationslehre Gott für jeden nach innen uns nicht nur Aufschlüsse über die Fak-
Menschen ein Lebensschicksal wählt. Allerdings tizität unseres Wollens, sondern auch über deren
kann diese Analogie so nicht gelten: Von einem als kausale Einbettung vermittelt. Unsere Willensregun-
personal gedachten Gott lassen sich Handlungen wie gen sind in der Mehrzahl nicht aus dem Augenblick
Wahlakte ohne begriffliche Probleme aussagen, entsprungen, sondern ordnen sich als Glieder einer
nicht aber von einem apersonalen Subjekt wie Scho- Kette in übergreifende Zwecksetzungen und Hand-
penhauers metaphysischen Willen. lungsstrategien ein. Was wir wollen, geht zu einem
großen Teil auf Überlegungen, Gründe und Motive
zurück, die, weil sie zu Routinen oder Automatis-
Rezeption men geworden sind, uns nicht mehr als solche be-
wusst werden. Kraft dieser Einbettung in umfassen-
Schopenhauers Versuch der Herleitung einer »tran- dere motivationale Zusammenhänge finden wir un-
szendentalen Freiheit« aus dem Faktum des Schuld- sere Willensregungen überwiegend nicht einfach
bewusstseins ist bei späteren Denkern nicht nur auf vor, sondern verstehen sie. Indem wir sie verstehen,
Ablehnung, sondern teilweise auch auf Anerken- erfahren wir aber zugleich etwas über ihre Bedingt-
nung gestoßen – im Sinne der Anerkennung einer heit (vgl. Bieri 2001, 295 ff.). Auch wenn wir auf
letzten und unaufhebbaren Dialektik zwischen dem diese Weise die Reihe der Ursachen, die unserem
Determinismus des naturwissenschaftlichen Welt- Wollen zugrunde liegen, nicht im Einzelnen erfas-
bilds und der Unleugbarkeit der Überzeugung eines sen, verfügen wir damit doch über einen Anhalts-
›Ich hätte anders handeln können‹. In diesem Sinn punkt dafür, dass unser Wollen durch übergreifende
hat sich etwa Johannes Volkelt mit Bezug auf Kant Zwecksetzungen, Planungen und Motivzusammen-
und Schopenhauer geäußert: hänge bedingt ist.
»Besonders […] erblicke ich ein Verdienst beider darin, Eine gewisse Bestätigung hat Schopenhauers
dass sie die Freiheit, zu deren Annahme sie durch das Sicht des Willensfreiheitsproblems insbesondere
Verantwortlichkeitsgefühl getrieben werden, nicht nach durch die einschlägigen Beiträge der neueren Neu-
der üblichen Verhüllungs- und Abschwächungsmetho- rophilosophie erfahren (vgl. Walter 1998; s. Kap.
de als notwendige Entwicklung aus inneren Trieben und IV.B.6). Eine Reihe von neuropsychologischen Expe-
Bedingungen heraus, nicht als ein innerlich notwendi-
ges Wollen aus Einsicht und Selbstbewusstsein ansehen, rimenten haben bestätigt, dass scheinbar spontane
sondern dass sie den Mut des Irrationalismus besitzen Willensentscheidungen zu Körperbewegungen be-
und Verantwortung und Moralität nur auf Grundlage reits einige Zeit vor dem bewussten Willensakt im
einer Freiheit, die ganz ernsthaft das Freisein von aller Gehirn vorbereitet werden, der Willensakt also nur
Notwendigkeit, auch von innerer Gebundenheit bedeu- ein Durchgangspunkt eines Prozesses ist, der mit
tet, für möglich halten. Freilich betreten sie dadurch
den Boden des transzendenten Geheimnisses« (Volkelt
neuronalen Ereignissen beginnt und in anderen
1900, 332 f.). neuronalen Ereignissen terminiert, die ihrerseits
Körperbewegung auslösen (vgl. Libet 1983; Hag-
Analytischer gesonnene Kommentatoren waren al- gard/Eimer 1999). Damit ist keineswegs gezeigt, dass
lerdings weniger bereit, Schopenhauer derartige »Ir- der Mensch in jeder Hinsicht unfrei und für sein
rationalismen« zuzugestehen und haben viele seiner Handeln nicht verantwortlich ist – vor einem derar-
Annahmen als allzu dogmatisch kritisiert, insbeson- tigen Kurzschluss kann gerade Schopenhauers diffe-
dere seinen Anspruch, über einen Beweis für die renzierte Diskussion bewahren. Solange der Mensch
universale kausale Determiniertheit aller Ereignisse über die »relative Freiheit« verfügt, sein Verhalten
(einschließlich der Willensereignisse) zu verfügen durch Überlegung und insbesondere durch Klug-
(vgl. etwa Vollmer 1987, 173). heits-, moralische oder strafrechtliche Normen zu
108 II. Werk – 4. Die beiden Grundprobleme der Ethik

steuern, bleibt es ganz unabhängig von der Frage sung, die auch mit Schopenhauers ausdrücklicher
nach Determiniertheit oder Indeterminiertheit des Ablehnung einer Kausalbeziehung zwischen Wil-
Willens sinnvoll, ihm Verantwortung für sein Han- lensakt und leiblicher Aktion (vgl. G, 79, 145; W II,
deln zuzuschreiben (vgl. E, 99). Leugnung von Wil- 42) besser harmoniert.
lensfreiheit bedeutet nicht die Leugnung der für das
Sprachspiel der Zuweisung von Verantwortlichkeit Literatur
notwendigen, aber auch ausreichenden »Ellbogen- Bieri, Peter: Das Handwerk der Freiheit. Über die Entde-
freiheit« (Dennett 1986). ckung des eigenen Willens. München 2001.
Andere in der neueren Neurophilosophie intensiv Birnbacher, Dieter: Freiheit durch Selbsterkenntnis: Spi-
diskutierte Befunde werfen aus heutiger Sicht die noza – Schopenhauer – Freud. In: Schopenhauer-Jahr-
Frage auf, ob Schopenhauers Antwort auf die Preis- buch 74 (1993), 87–102.
–: Schopenhauer als Ideologiekritiker. In: Ders. (Hg.):
frage der Norwegischen Akademie bei aller Ent-
Schopenhauer in der Philosophie der Gegenwart. Würz-
schiedenheit entschieden genug war. Denn zwar burg 1996, 45–58.
bezweifelt Schopenhauer, dass uns das Selbstbe- –: Arthur Schopenhauer – Freiheit und Unfreiheit des Wil-
wusstsein Aufschlüsse über die Ursachen unserer lens. In: Ansgar Beckermann/Dominik Perler (Hg.):
Willensregungen geben kann. Er zweifelt aber nicht Klassiker der Philosophie heute. Stuttgart 22010, 478–496.
Dennett, Daniel C.: Ellenbogenfreiheit. Die wünschenswer-
daran, dass es uns Auskunft über die kausalen Bezie-
ten Formen von freiem Willen. Meisenheim 1986.
hungen zwischen Willensregungen und Körperbe- Ebeling, Hans: Schopenhauers Theorie der Freiheit. In:
wegungen geben kann. Auch wenn uns das Selbstbe- Arthur Schopenhauer: Preisschrift über die Freiheit des
wusstsein nicht sagen kann, woher unsere Willens- Willens. Hg. von Hans Ebeling. Hamburg 1978, VII–
regungen kommen, soll es uns doch zumindest XXII.
sagen können, wohin sie führen, nämlich zu Hand- Gehlen, Arnold: Theorie der Willensfreiheit. In: Ders.:
Theorie der Willensfreiheit und frühe philosophische
lungen in Gestalt von Körperbewegungen: »Die Ab- Schriften. Neuwied 1965, 54–238.
hängigkeit unsers Thuns, d. h. unserer körperlicher Haggard, Patrick/Eimer, Martin: On the Relation Between
Aktionen, von unserm Willen, [wird durch] das Brain Potentials and the Awareness of Voluntary Move-
Selbstbewußtsein allerdings aus[ge]sagt« (E, 16). ments. In: Experimental Brain Research 126 (1999), 128–
Hinsichtlich der Kausalität des Bewusstseins auf 133.
Libet, Benjamin u. a.: Time of Conscious Intention to Act
Körperbewegungen bei (äußeren) Handlungen hält in Relation to Onset of Cerebral Activities (Readiness-
Schopenhauer das Selbstbewusstsein als Erkenntnis- potential); the Unconscious Initiation of a Freely Volun-
quelle für mehr oder weniger untrüglich. Allerdings tary Act. In: Brain 106 (1983), 623–642.
passt dieses Vertrauen nur wenig zu Schopenhauers Voigt, Hans: Zur Preisschrift über die Freiheit des Willens.
ansonsten bewiesener Skepsis hinsichtlich der Aus- In: Schopenhauer-Jahrbuch 47 (1966), 72–84.
Volkelt, Johannes: Schopenhauer. Seine Persönlichkeit, seine
künfte des Selbstbewusstseins. Zusätzlich passt es Lehre, sein Glaube. Stuttgart 1900.
nur wenig zu seiner ansonsten sorgfältig beachteten Vollmer, Gerhard: Schopenhauer als Determinist. In: Vol-
Unterscheidung zwischen Sukzession und Kausali- ker Spierling (Hg.): Schopenhauer im Denken der Gegen-
tät. Das Selbstbewusstsein lässt uns lediglich erken- wart. 25 Beiträge zu seiner Aktualität. München 1987,
nen, dass zwischen bewussten Willensregungen und 165–178.
Walter, Henrik: Neurophilosophie der Willensfreiheit. Von
Körperbewegungen (als Vorgänge verstanden) eine libertarischen Illusionen zum Konzept natürlicher Auto-
Beziehung der regelmäßigen Aufeinanderfolge be- nomie. Paderborn 1998.
steht, dass also immer dann, wenn wir den Arm he- Dieter Birnbacher
ben wollen, der Arm tatsächlich hochgeht. Diese
Korrelation ist jedoch kein schlüssiges Indiz für eine
kausale Beziehung. Wie Schopenhauer selbst in sei-
ner Kritik an Kants Argumenten für eine universale
Kausalität gezeigt hatte, lässt sich aus dem post hoc
einer regelmäßigen Abfolge nicht ohne weitere Vor-
aussetzungen auf das propter hoc einer Verursa-
chungsbeziehung schließen. Eine regelmäßige Auf-
einanderfolge kann auch so aufgefasst werden, dass
beide Phänomene, die bewusste Willensregung wie
die Körperbewegung, zeitlich versetzte Folgen einer
gemeinsamen dritten Ursache sind – eine Auffas-
109

4.2 »Preisschrift über die in  einer Art Anhang (Kap. IV) Verbindungslinien
zwischen Mitleidsethik und Willensmetaphysik.
Grundlage der Moral« Gleichzeitig fallen zwei signifikante Unterschiede
auf. Erstens ist sie deutlicher als die erste konstruktiv
Schopenhauers »Preisschrift über die Grundlage der angelegt. Aus der Kritik an vorherrschenden An-
Moral« ist wie die »Preisschrift zur Freiheit des Wil- schauungen entwickelt sie weitergehend als die
lens« die Einsendung (wiederum die einzige) zu ei- Preisschrift zur Willensfreiheit eine eigenständige
nem Wettbewerb, diesmal der Königlich Dänischen Theorie. Zweitens konzentriert sie ihre Kritik na-
Sozietät der Wissenschaften, wurde anders als die hezu ausschließlich (bis auf einen Exkurs zu Fichte,
erste allerdings des Preises nicht für würdig befun- vgl. E, 179 ff.) auf eine einzige philosophische Kon-
den. Zur Begründung führte die Akademie mehrere zeption, die Moralphilosophie Kants. Schopenhauer
Gründe an, vor allem, dass der Einsender dem Zu- hat dafür vor allem zwei Gründe: Ihn stört, dass man
sammenhang zwischen Moralprinzip und Metaphy- sich »seit mehr als einem halben Jahrhundert« auf
sik zu wenig Raum gegeben habe, aber auch, dass er dem »bequemen Ruhepolster« der kantischen Ethik
mit den darin enthaltenen Ausfälligkeiten gegen ausgeruht habe, ohne, wie es seiner Ansicht nach er-
»mehrere hervorragende Philosophen der Neuzeit« fordert wäre, deren Grundlagen zu hinterfragen (E,
(gedacht ist wohl vor allem an Hegel) Anstoß errege. 115). Andererseits ist Schopenhauer davon über-
Möglicherweise hatte die dänische Akademie aber zeugt, dass die Ethik Kants – bei aller Wertschätzung
auch nicht akzeptieren wollen, dass Schopenhauer von dessen theoretischer Philosophie – sowohl in
in seiner Antwort eine wesentliche Voraussetzung den Grundlagen wie in der konkreten Ausführung
der von ihr 1837 gestellten Preisfrage geleugnet unrettbar verfehlt, wenn nicht gar eine »intellektu-
hatte. Die Preisfrage hatte gelautet, ob die Grundlage elle Katastrophe« (Cartwright 1999, 254) ist, die
der Moral »in einer unmittelbar im Bewusstsein lie- dringend danach verlangt, ihr ein radikal anderes
genden Idee der Moralität« oder »in einem andern Modell von Ethik und Moral entgegenzusetzen. Die
Erkennißgrunde« zu sehen sei. Schopenhauer be- Kritik an der Ethik Kants ist der sich durchhaltende
streitet, dass es diesen von der Akademie vorausge- cantus firmus dieser Preisschrift. Die einzelnen
setzten »Erkenntnisgrund« gibt oder geben kann. Punkte, an denen Schopenhauer von Kant abweicht,
Die »Preisschrift zur Grundlage der Moral« ist die liefern, was die Darstellung ihres Inhalts betrifft, das
erste und wichtigste Quelle für das geworden, was naheliegendste Gliederungsprinzip.
man herkömmlich Schopenhauers »Mitleidsethik«
nennt. Zwar findet sich der Kernsatz »Alle Liebe […]
ist Mitleid« (W I, 443) auch bereits im vierten Buch Jenseits der Sollensethik
von Die Welt als Wille und Vorstellung, aber dort le-
diglich im Rahmen eines Exkurses – Schopenhauer Schopenhauers grundlegende Abkehr von Kants
spricht von »Abschweifung« (W I, 446) –, der die praktischer Philosophie zeigt sich in zwei zentralen
Idee der Mitleidsethik entwirft, aber nicht ausbuch- metaethischen Thesen: erstens in der These von der
stabiert. Die Preisschrift führt diese Idee nicht nur Unmöglichkeit einer »imperativischen« oder im en-
näher aus, sie zieht aus ihr auch eine Reihe für die in- geren Sinn normativen Ethik, die bestimmte – be-
dividuelle wie die gesellschaftliche Praxis bedeut- gründete – Forderungen an das menschliche Han-
same Konsequenzen. Veröffentlicht hat Schopen- deln stellt; zweitens in der These der Unmöglichkeit
hauer die Schrift zusammen mit der »Preisschrift des Bestehens einer wie immer gearteten objektiv
über die Freiheit des Willens« in erster Auflage 1841, gültigen Instanz, in deren Autorität diese Forderun-
in zweiter, mit einer neuen Vorrede und Ergänzun- gen fundiert sein könnten. Nach der ersten These
gen versehenen Auflage im Todesjahr 1860 unter übersteigt es die Grenzen der Philosophie, ein nor-
dem zusammenfassenden Titel Die beiden Grund- matives Prinzip wie den kantischen kategorischen
probleme der Ethik. In der Tat sind die beiden Schrif- Imperativ aufzustellen und damit zu beanspruchen,
ten in formaler Hinsicht eng miteinander ›ver- dem Menschen ein Pflichtprinzip vorzugeben, das
schwistert‹. Auch die zweite Preisschrift bedient sich ihm verbindlich sagt, wie er sich zu verhalten hat. Je-
einer »analytischen« Methode (E, 110), die ihren des solche Prinzip wäre eine auf Selbstüberschät-
Ausgang von gängigen Begriffen, Vorstellungen und zung beruhende Anmaßung. Nach der zweiten er-
Erfahrungen nimmt. Wie die erste hält sie sich mit liegt die Ethik einer schlichten Illusion, wenn sie sich
metaphysischen Postulaten zurück und zieht erst bei der Begründung ihrer Imperative auf ein ver-
110 II. Werk – 4. Die beiden Grundprobleme der Ethik

meintliches »Sittengesetz« beruft, das vergleichbar Ungerechtigkeit sei alles andere als undenkbar, sie
den Naturgesetzen unabhängig vom menschlichen sei »eigentlich das wirklich und faktisch in der Natur
Wollen besteht und diesem als objektiv vorgegebene herrschende Gesetz […], nicht etwan nur in der
Autorität dienen kann. Eine solche Autorität gibt es Thierwelt, sondern auch in der Menschenwelt« (E,
für Schopenhauer nicht. Auch die von Kant zu die- 159). Ein zweites vielfach wiederaufgegriffenes Ar-
sem Zweck eingesetzte praktische Vernunft kann gument, mit dem Schopenhauer die Idee einer »im-
nach Schopenhauer diese Aufgabe nicht erfüllen. So perativischen« Ethik ablehnt, ist, dass normative
wenig es ein objektiv existierendes moralisches Ge- Forderungen immer nur in Beziehung auf Sanktio-
setz gibt, so wenig ist dessen Inhalt a priori, d. h. mit nen verstanden werden können. Sie können deshalb
den Mitteln der reinen Vernunft einsehbar. Die Ver- ein bestimmtes Verhalten lediglich in Hinblick auf
nunft könne – hier folgt Schopenhauer Hume – stets bestimmte Zwecke fordern, die der Adressat der For-
nur hypothetische Imperative begründen, also für derung verfolgt. Dadurch appellieren sie jedoch
gegebene Zwecke die geeigneten Mittel aufzeigen, letztlich an das Interesse des jeweiligen Adressaten
nicht aber zwischen mehreren verschiedenen Zwe- an der Verwirklichung seiner wie immer gearteten
cken eine begründete Auswahl treffen. Zwecke. Das Motiv zu ihrer Befolgung ist bloße
Von Schopenhauers Argumenten für diese Un- Klugheit, eine egoistische Motivation. Damit sei ihre
möglichkeitsthesen (zur kritischen Würdigung im Befolgung gerade nicht der Moral gemäß, denn diese
Einzelnen vgl. Hallich 2006) verdienen vor allem verlange ein selbstloses Motiv: »Eine gebietende
zwei hervorgehoben zu werden, die auch in der Stimme, sie mag nun von Innen, oder von Außen
Ethik der Gegenwart eine Schlüsselrolle gespielt ha- kommen, ist es schlechterdings unmöglich, sich an-
ben. Das erste ist das Argument, dass die Begriffe ders, als drohend, oder versprechend zu denken:
»Sollen«, »Gesetz«, »Gebot«, »Pflicht« usw. aus der Dann aber wird der Gehorsam gegen sie zwar, nach
theologischen Ethik stammen und von daher Hin- Umständen, klug oder dumm, jedoch stets eigennüt-
tergrundüberzeugungen über das Bestehen eines zig, mithin ohne moralischen Werth sein« (E, 123).
göttlichen Gesetzgebers oder einer vergleichbaren An dieser Stelle zeigt sich bereits, dass Schopenhauer
normativen Instanz voraussetzen, die spätestens seit – wie Kant – gesinnungsethisch denkt: Kennzeich-
der Aufklärung nicht mehr von allen, an die sich die nend für das spezifisch Moralische der Moral ist
entsprechenden Sollensnormen richten, geteilt wer- nicht die faktische Befolgung von Geboten, sondern
den (vgl. E, 120). Mit einer ähnlichen These ist spä- die Motivation, aus denen diese Befolgung ent-
ter G. E. M. Anscombe bekannt geworden (vgl. springt. Während dieses genuin moralische Motiv
Anscombe 1958). Schopenhauer geht davon aus, für Kant das Pflichtbewusstsein war (das Tun der
dass diese Begriffe gar nicht sinnvoll und verständ- Pflicht »aus Pflicht«), ist es bei Schopenhauer das
lich sind außerhalb eines objektivistischen Denkrah- Motiv der Selbstlosigkeit, des Altruismus (des »Mit-
mens, nach dem normative Forderungen in irgend- leids«).
einer Form von außermenschlicher Realität veran-
kert sind. Zwar hatte Kant versucht, die menschliche
Vernunft – unter dem Titel »praktische Vernunft« – Ethik als moralische Anthropologie
ersatzweise mit dieser Funktion zu betrauen. Aber
damit hatte er Schopenhauer zufolge die Möglich- Schopenhauer zieht aus dieser Kritik die radikale
keiten der Vernunft weit überschätzt. Wie Schopen- Konsequenz, dass eine Ethik niemals normativ, son-
hauer im weiteren Verlauf der Preisschrift im Einzel- dern allein deskriptiv verfahren könne. Statt Sollens-
nen zeigt, gelingt es Kant deshalb in der Durchfüh- forderungen oder Imperative aufzustellen, könne
rung seiner Ethik auch nicht, nachzuweisen, dass sie stets nur – im Sinne der empirischen Ethik des
das Zuwiderhandeln gegen das von ihm aufgestellte 18. Jahrhunderts (Smith, Hutcheson, Hume) – das
»Sittengesetz« in irgendeiner Weise selbstwider- tatsächliche moralische Bewusstsein rekonstruieren.
sprüchlich oder in anderer Weise vernunftwidrig Entsprechend verschiebt sich die Bedeutung, in der
und deshalb moralisch unzulässig ist. Zielscheibe bei Schopenhauer von einer »Begründung« der Mo-
der Kritik ist vor allem Kants Postulat, dass bei den ral die Rede ist. Die Frage nach der »Begründung«
Rechtspflichten (den vollkommenen Pflichten) es der Moral ist nicht mehr die Frage nach der Begrün-
unmöglich sei, eine ihnen entgegengesetzte Maxime dung der Gültigkeit oder der Wahrheit bestimmter
nicht nur verallgemeinert wollen, sondern sogar ver- moralischer Forderungen, sondern die nach der psy-
allgemeinert denken zu können. Eine allgemeine chologischen Grundlage der Befolgung dieser For-
4.2 »Preisschrift über die Grundlage der Moral« 111

derungen, die Frage nach der moralischen Motiva- tun wir das jedoch in der Regel freiwillig. Liebes-
tion. Nicht um die Berechtigung oder Nicht-Berech- pflichten (unvollkommene Pflichten, denen keine
tigung von Geltungsansprüchen geht es bei dieser Rechte gegenüber stehen) können sie ebenso wenig
»Begründung«, sondern um den Aufweis der der sein, da ein moralisches Gebot der Selbstliebe wider-
moralischen Motivation zugrundeliegenden psychi- sinnig wäre. Die Moral soll die Selbstliebe gerade
schen Kräfte (vgl. E, 195). einschränken. Außerdem seien wir von Natur aus
Die Lösung dieser selbstgesetzten Aufgabe er- bereits so durchgehend egoistisch motiviert, dass
leichtert sich Schopenhauer dadurch, dass er die in- eine Forderung, uns noch mehr zu lieben, als wir
haltliche Komplexität der geltenden Moral holz- uns ohnehin lieben, ins Leere liefe.
schnittartig auf nicht mehr als zwei Prinzipien redu- Noch in zwei weiteren Punkten widerspricht
ziert, von denen das erste in allen Fällen Vorrang vor Schopenhauer ausdrücklich und emphatisch The-
dem letzteren haben soll: das Prinzip der »Gerech- sen, die Kant seinerseits mit einem besonderen Pa-
tigkeit«: »neminem laede« (Verletze niemanden) thos vertreten hatte: die Selbstzweckhaftigheit des
und das Prinzip der »Menschenliebe«: »omnes, Menschen (»Menschenwürde«) und das apodikti-
quantum potes, iuva« (Hilf allen, soweit du sche Lügenverbot. »Selbstzweck« und »Menschen-
kannst). Von diesen beiden Prinzipien meint Scho- würde« sind in Schopenhauers Augen das, was sie
penhauer nicht nur, dass sie so »allgemein aner- auch für viele spätere Skeptiker gewesen sind: »Leer-
kannt« seien, dass sie keiner besonderen Diskussion formeln«, die es erlauben, mehr oder weniger belie-
bedürften, er lässt auch erkennen, dass er – weit ent- bige Wertungen mit dem Nimbus eines unangreifba-
fernt davon, sich als Moralpsychologe in eine reine ren Tabus zu umgeben (vgl. W I, 412; Birnbacher
Beobachterposition zu begeben – diese Prinzipien 2013; Brandhorst 2013). Den Menschen, wie Kant es
voll und ganz teilt. In der Tat macht er sie sich so tut, als »Selbstzweck« zu bezeichnen, sei nicht nur
weit zu eigen, dass er wichtige Teilstücke seiner ungrammatisch und sogar ein »Ungedanke« (E,
praktischen Ethik, etwa seine Ethik des Umgangs 161), sondern werde insbesondere auch den leidens-
mit Tieren, unmittelbar auf diese Prinzipien grün- fähigen Tieren nicht gerecht, die nach Kant eben
det. deshalb, weil sie keine Selbstzwecke sind, bloße Mit-
Mit der These, dass der Kern der Moral in den tel zum Nutzen des Menschen sein sollen. Auch ge-
beiden altruistischen Prinzipien der Gerechtigkeit genüber der Lüge ist Schopenhauer sehr viel lässli-
und der Menschenliebe zu sehen ist, widerspricht cher als Kant (vgl. J.-C. Wolf 1988). Jeder habe sogar
Schopenhauer einem weiteren charakteristischen ein »Recht zur Lüge« (E, 222), wenn er sich nicht an-
Zug der kantischen Ethik: dem Primat der selbstbe- ders gegen die Neugier oder Zudringlichkeit anderer
zogenen Pflichten. Pflichten sind für Kant letztlich wehren kann: Ich bin nicht verpflichtet, dem, »der
sämtlich »Pflichten gegen sich selbst«, insofern sie unbefugt in meine Privatverhältnisse späht, Rede zu
gegenüber der praktischen Vernunft bestehen, die stehen« (E, 223).
jeder Mensch in sich selbst vorfindet. Die göttliche Schopenhauers Rekonstruktion der Moral ver-
Autorität der theologischen Ethik wird bei Kant ge- bindet in gewisser Weise die beiden wohlunterschie-
wissermaßen – unter dem Namen »Würde« – ins In- denen Bedeutungen, in denen – mit einem von
nere des Menschen verlegt. Für Schopenhauer stellt Comte eingeführten Begriff – von »Altruismus« ge-
Kant damit die wirklichen Verhältnisse auf den sprochen werden kann: Als Norm entspricht Altruis-
Kopf: In Wirklichkeit richten sich alle moralischen mus den beiden Prinzipien der Nichtschädigung
Pflichten auf andere, und weder eine Pflicht zur (»Gerechtigkeit«) und der Fürsorge (»Menschen-
Selbsterhaltung (mit der Konsequenz eines Verbots liebe«). Diesen Prinzipien genügt man durch ein
der Selbsttötung) noch ein »Verbot widernatürlicher entsprechendes Verhalten – einerseits durch die Re-
Wollust«, also von Onanie, Päderastie und Sodomie spektierung ihres Lebens, ihrer körperlichen Integri-
haben Bestand. Pflichten gegen sich selbst könne es tät, ihrer Freiheit, ihres Eigentums und ihres guten
schon deshalb nicht geben, weil sich diese weder als Rufs, anderseits durch die Leistung von Hilfe und
Rechtspflichten noch als Liebespflichten begründen Unterstützung bei Bedürftigkeit und in Notlagen. In
lassen. Rechtspflichten (Pflichten, denen Rechte ge- seiner anderen Bedeutung bezeichnet »Altruismus«
genüberstehen) können sie nicht sein, da wir uns das Motiv, aus dem diese Normen befolgt werden,
selbst kein Unrecht tun können. Unrecht setzt stets sei es im Sinn einer längerfristigen Einstellung und
Unfreiwilligkeit voraus. Wenn wir uns selbst scha- Handlungsbereitschaft, sei es im Sinn einer akuten
den oder mit unserem Leben leichtsinnig umgehen, Emotion. Schopenhauer ist sich sicher – erstaunlich
112 II. Werk – 4. Die beiden Grundprobleme der Ethik

sicher –, dass es diese Form von Altruismus ist, die Als intrinsisch gutes und zugleich wirksames Motiv
die Moral im Kern ausmacht. Wie Kant ist auch kommt für Schopenhauer nur eins in Frage: das Mit-
Schopenhauer bedeutend mehr an den Motiven – an leid.
den Gesinnungen – interessiert als an ihren äußeren
Manifestationen: Als eigentlich »moralisch« soll nur
dasjenige Handeln gelten können, das sich – aus- Was heißt »Mitleid«?
schließlich oder zu wesentlichen Anteilen – genuin
altruistischen Motiven verdankt, d. h. Motiven, die Auch wenn sie keine Imperative aufstellt, verzichtet
unmittelbar oder mittelbar auf das Wohl anderer Schopenhauers Ethik nicht darauf, menschliches
zielen statt auf das eigene Wohl. Handeln zu bewerten. Wenn Schopenhauer behaup-
Implizit verwendet Schopenhauer zwei Kriterien, tet, dass Mitleid als Motiv das einzige ist, was Hand-
um das gesuchte moralische Motiv von anderen Mo- lungen einen moralischen Wert verleiht (vgl. E, 227),
tiven (mit denen es zumeist in einem gewissen Maße ist diese Redeweise von »moralischem Wert« keines-
vermischt ist) zu unterscheiden: (1) Es muss intrin- wegs in einem bloß beschreibenden Sinn, als eine
sisch gut sein; (2) Es muss unter Realbedingungen moralsoziologische These, sondern durchaus im
motivierende Kraft haben. Das erste Kriterium ent- Sinne einer Bewertung zu verstehen. Schopenhauer
spricht Kants Kriterium des »unbedingt Guten«, das stellt dabei insbesondere Handlungen (wie die Be-
für Kant ausschließlich der »gute Wille« erfüllt – das freiung der Sklaven, vgl. E, 230) als moralisch ver-
Motiv, das Gute um seiner selbst willen zu tun. Und dienstvoll heraus, die nicht nur in hohem Maße Gu-
wie Kant ist Schopenhauer zutiefst skeptisch, was tes bewirken, sondern zugleich auch über die zu ih-
den Anteil der äußerlich moralisch richtigen Hand- rer Zeit geltenden Moralnormen hinausgehen, also
lungen betrifft, die durch genuin moralische Motive gewissermaßen moralische Pionierleistungen dar-
bedingt sind. Es wäre ein »großer und jugendlicher stellen.
Irrthum« zu meinen, dass »alle gerechten und lega- Was ist bei Schopenhauer mit »Mitleid« gemeint?
len Handlungen der Menschen moralischen Ur- Dieser Begriff wird – ähnlich wie Schopenhauers
sprungs wären« (E, 187). Sehr viel häufiger spielen Begriff des »Willens« – leicht missverstanden. Zu-
die Einhaltung der »gesetzlichen Ordnung« und die nächst ist klar, dass »Mitleid« mehr ist als das, was
»erkannte Nothwendigkeit des guten Namens« die die Alltagssprache zumeist als solches bezeichnet –
Hauptrolle (ebd.). Diese Motive können allerdings der Zustand gefühlsmäßiger Anteilnahme an frem-
nicht als intrinsisch gut gelten. Sie sind pervertierbar dem Leid. Es ist eher ein bestimmtes Motiv, d. h. eine
und können – je nachdem, was Gesetze und Kon- auf ein Handeln bezogene Willensrichtung. Es hat
ventionen vorschreiben – zum genauen Gegenteil über die kognitive und affektive Dimension hinaus
von Moral verleiten. Soweit folgt Schopenhauer eine volitive Dimension. Noch in zwei weiteren
Kant, aber nicht weiter. In seinen Augen kann das wichtigen Hinsichten weicht Schopenhauers »Mit-
von Kant formulierte »Sittengesetz«, der kategori- leid« vom alltagssprachlichen Begriff ab. Erstens
sche Imperativ, zwar das erste, nicht aber das zweite darf »Mitleid« im Rahmen der »Mitleidsethik« nicht
Kriterium einlösen. Es ist zu abstrakt und – als a pri- im Sinne einer akut erlebten Emotion verstanden
ori, d. h. mithilfe der reinen Vernunft einzusehende werden. »Mitleid« soll vielmehr eine längerfristige
Wahrheit – zu rationalistisch, um psychologisch Haltung oder Einstellung sein. Es ist »keineswegs er-
wirksam zu sein. Kants Behauptung, dass es mittels forderlich, daß in jedem einzelnen Fall das Mitleid
des Gefühls der Achtung verhaltenswirksam werden wirklich erregt werde; wo es auch oft zu spät käme:
kann, ist aus Schopenhauers Sicht weltfremd: sondern aus der Ein für alle Mal erlangten Kenntniß
von dem Leiden, welches jede ungerechte Handlung
»Die moralische Triebfeder muss schlechterdings, wie nothwendig über Andere bringt, […] geht in edlen
jedes den Willen bewegende Motiv, eine sich von selbst
ankündigende, deshalb positiv wirkende, folglich rea- Gemüthern die Maxime neminem laede hervor« (E,
le seyn; […] muß die moralische Triebfeder […] von 214). Zweitens ist »Mitleid« nicht gebunden an die
selbst auf uns eindringen, und dies mit solcher Gewalt, anschauliche Gegebenheit fremden Leidens (vgl.
daß sie die entgegenstehenden, riesenstarken, egoisti- Birnbacher 2006). »Mitleid« richtet sich auch auf
schen Motive wenigstens möglicherweise überwinden entferntes und lediglich gewusstes Leiden. Anders als
kann. Denn die Moral hat es mit dem wirklichen Han-
deln und nicht mit apriorischem Kartenhäuserbau zu der Ausdruck »Mitleidsethik« nahelegt, stuft diese
thun, an dessen Ergebnisse sich im Ernste und Drange Ethik nicht nach Dimensionen ab, nach denen das
des Lebens kein Mensch kehren würde« (E, 143). üblicherweise sogenannte Gefühl abstuft: Anschau-
4.2 »Preisschrift über die Grundlage der Moral« 113

lichkeit und Unanschaulichkeit, raumzeitliche Nähe ist. Insofern kommt dem Mitleid nach Schopen-
und Ferne, psychische und soziale Distanz. »Mit- hauer unter den Motiven eine absolute Sonderstel-
leid« geht insofern bei Schopenhauer über in das, lung zu. Es könne nur als eine Form der Erkenntnis
was er »Herzensgüte« nennt, das »universelle Mit- der metaphysischen Wesensidentität alles Seienden
leid mit Allem was Leben hat, zunächst aber mit – zumindest aller leidensfähigen Wesen – verstan-
dem Menschen« (E, 253). Dafür, dass die Dimension den werden: Der Mitleidende erkennt, dass der Un-
der Anschaulichkeit für Schopenhauer beim Mitleid terschied zwischen ihm und dem anderen ein
keine entscheidende Rolle spielt, spricht vor allem, scheinbarer ist. Als das »Ansich« seiner eigenen und
dass er bereits bei der ersten Einführung des Begriffs der fremden Erscheinung erkennt er beider Identität
in der Preisschrift neben der Aufhebung des Leidens als Verkörperungen ein- und desselben metaphysi-
eines anderen auch die Verhinderung des Leidens ei- schen Prinzips, des »Willens« (E, 270).
nes anderen nennt. Mitleid sei über die Anteilnahme
am Leiden eines anderen hinaus auch die Anteil-
nahme an der »Verhinderung […] dieses Leidens« Wirkung
(E, 208). Mitleid bezieht sich demnach nicht nur auf
das anschaulich gegebene und bereits eingetretene Schopenhauers Ethik war nicht nur in der Zeit sei-
Leiden, sondern auch auf das lediglich mögliche und nes größten kulturellen Einflusses, also von 1850 bis
gedachte Leiden anderer. zum Ende des Ersten Weltkriegs, für die Philoso-
Wie Schopenhauer in der »Preisschrift über die phen dieser Periode häufiger und mehr oder weni-
Freiheit des Willens« der Willensfreiheit unter dem ger selbstverständlicher positiver oder negativer Be-
Namen »transzendentale Freiheit« am Ende eine zugspunkt. Man denke etwa an den Anti-Schopen-
metaphysische Fundierung zu geben versucht, ver- hauerianer Nietzsche, der für das Mitleid hauptsäch-
sucht er in dieser Preisschrift dem Mitleid eine Er- lich Verachtung übrig hatte; an Simmels Schopen-
klärung im Rahmen der Willensmetaphysik zu ge- hauer und Nietzsche, an Schelers Auseinandersetzung
ben, indem er es als einen Akt der Identifikation des mit Schopenhauers Mitleidsbegriff in Wesen und
Mitleidenden mit dem Bemitleideten auffasst, mit Formen der Sympathie oder auch an Schlick, der sei-
dem die Grenzen des principium individuationis – nen eigenen empirischen Ansatz in der Ethik bei
die Trennung der Individuen in Raum und Zeit – Schopenhauer vorgezeichnet sah. Auch auf spätere
überwunden werden. Mitleid setzt voraus, »daß ich Denker hat die »Preisschrift über die Grundlage der
bei seinem Wehe als solchem geradezu mit leide, sein Moral« einen intensiven und nachhaltigen Eindruck
Wehe fühle, wie sonst nur meines, und deshalb sein gemacht (so etwa auf Richard Taylor, vgl. Taylor
Wohl unmittelbar will, wie sonst nur meines. Dies 1970, XIII).
erfordert aber, daß ich auf irgendeine Weise mit ihm Insgesamt ist Schopenhauers Mitleidsethik je-
identifiziert sei, d. h. daß jener gänzliche Unterschied doch sehr viel weniger rezipiert worden als seine
zwischen mir und jedem Andern, auf welchem ge- Willensmetaphysik, seine Lehre von der Selbsterlö-
rade mein Egoismus beruht, wenigstens in einem ge- sung durch Willensverneinung und die Aphorismen
wissen Grade aufgehoben sei« (E, 208). Das setzt zur Lebensweisheit. Das mag nicht zuletzt an einem
voraus, dass Mitleid ein außergewöhnliches Motiv Missverständnis liegen. Schopenhauers Ethik ist im-
ist, das in der Normalität des menschlichen Lebens mer wieder und bis in unsere Tage hinein als eine Si-
nur selten vorkommt. Das ist nach Schopenhauer in tuationsethik des spontanen Mitleids verstanden
der Tat der Fall. Mitleid sei nicht nur ein zutiefst sel- und entsprechend kritisiert worden. So verstanden,
tenes (vgl. E, 191), es sei auch ein zutiefst »mysteriö- ist der Mitleidsbegriff in der Tat offensichtlich unzu-
ses« (E, 209) Phänomen. Es ist in der Einrichtung reichend, Schopenhauers Ziel zu erreichen, »die in
der Welt nicht vorgesehen. Dominant sind vielmehr moralischer Hinsicht höchst verschiedene Hand-
die »antimoralischen Triebfedern« (E, 196): einer- lungsweise der Menschen zu deuten, zu erklären
seits der Egoismus, der eigenes Leben, Überleben und auf ihren letzten Grund zurückzuführen« (E,
und Wohlleben will (»Der Egoismus ist kolossal: er 195). Ein bekanntes Beispiel ist das Interview, das
überragt die Welt«, E, 197), anderseits die Boshaftig- Hans Jonas auf dem Höhepunkt der sogenannten
keit in ihren Ausprägungen als Grausamkeit, Übel- Singer-Affäre, in der es um die Frage nach Zulässig-
wollen, Rache, Neid, Schadenfreude usw., die das keit oder Unzulässigkeit aktiver Sterbehilfe an
fremde Wehe auch dann will, wenn für das eigene schwerstbehinderten Säuglingen ging, den damali-
Selbst kein Gewinn oder sogar Schaden zu erwarten gen ZEIT-Redakteuren Marion Gräfin Dönhoff und
114 II. Werk – 4. Die beiden Grundprobleme der Ethik

Reinhard Merkel gab. Einer der Kernsätze Hans Jo- losophie die Tiere ausdrücklich und systematisch in
nas’, mit dem er gegen die von Peter Singer behaup- eine umfassende Moraltheorie einbezogen. Dass die
tete Zulässigkeit einer aktiven Tötung (statt eines Mitleidsethik dem menschlichen Umgang nicht nur
passiven Sterbenlassen) dieser Säuglinge argumen- mit Menschen, sondern auch mit Tieren moralische
tierte, lautete: »Man darf sich nicht vom Gesichts- Grenzen setzt, folgt für Schopenhauer aus zwei mehr
punkt einer Mitleidsethik bestimmen lassen, son- oder weniger evidenten Prämissen: (1) dass wir ver-
dern nur von der Verantwortung für die Folgen, die pflichtet sind, niemandem (durch entsprechende
aus unserer Einstellung resultieren, aus unserer Be- Wohltaten unkompensiertes) Leiden zuzufügen
reitschaft, unsere Willigkeit zu erwägen, hier und da oder ihn seinem Leiden zu überlassen, sofern Ab-
das Mittel des Tötens zu gebrauchen. Damit soll man hilfe möglich und zumutbar ist; (2) dass sich leidens-
und darf man gar nicht anfangen« (Jonas 1989, 7). fähige Tiere in ihren moralisch relevanten Merkma-
Dieser Art von Folgenüberlegung hätte Schopen- len von Menschen nicht wesentlich unterscheiden.
hauer zweifellos zugestimmt: Spontanes Mitleid ist, Im Unterschied zur nahezu gesamten philosophi-
was die längerfristigen und über die konkrete Situa- schen Tradition sieht Schopenhauer das »Wesentli-
tion hinausgehenden Folgen betrifft, keineswegs im- che« des Menschen nicht darin, was ihn vom Tier
mer der beste Ratgeber. Bei näherem Hinsehen äh- unterscheidet, seiner relativen Triebentbundenheit,
nelt Schopenhauers Ethik jedoch weniger einer Situa- seiner Vernunft und seiner Moralfähigkeit, sondern
tionsethik des spontanen Mitleids als vielmehr dem darin, was er mit den Tieren gemeinsam hat: Trieb-
u. a. von Karl R. Popper (1957, 387) vertretenen ne- haftigkeit, Grundaffekte und -motive und die Ange-
gativen Utilitarismus. Nicht nur die beiden von wiesenheit auf eine Leben und Wohlergehen be-
Schopenhauer als Kern der Moral rekonstruierten günstigende Umwelt. Insbesondere stimmen Mensch
Prinzipien des Nicht-Schadens (»Gerechtigkeit«) und Tier in der Fähigkeit überein, Schmerzen zu
und der Fürsorge (»Menschenliebe«), sondern ge- empfinden und unter der Frustrierung naturgegebe-
rade auch sein als eine Einstellung universalisierter ner Bedürfnisse zu leiden. Die von Kant vollzogene
Leidensvermeidung und -minderung verstandenes scharfe Statusunterscheidung zwischen Mensch und
»Mitleid« rücken Schopenhauers Ethik in die Nähe Tier, die dem Menschen einen metaphysischen We-
einer Konzeption, für die neben dem unmittelbar senskern unterstellt, der dem Tier abgehen soll,
gegebenen und akuten Leiden auch räumlich und lehnt Schopenhauer ab: Sofern der Mensch über ei-
zeitlich entferntere Erscheinungsformen von Leiden nen Wesenskern verfügt, ist dieser kein Alleinbesitz
zu berücksichtigen sind sowie auch lediglich mehr des Menschen, sondern aller Lebewesen: »Das We-
oder weniger wahrscheinliches zukünftiges Leiden, sentliche und Hauptsächliche im Thiere und im
soweit es durch gegenwärtiges Handeln oder Unter- Menschen [ist] das Selbe« (E, 240). Auch wenn die
lassen zu beeinflussen ist. Ein so verstandenes Mit- Fähigkeit der Vernunft allein dem Menschen zu-
leidsprinzip hat bedeutend mehr Ähnlichkeit mit ei- kommt, rechtfertigt sie für sich genommen keine
nem komplexen Kalkül der Leidensvermeidung und moralische Ausnahmestellung.
-minderung auf lange Sicht als mit dem spontanen Auf der Ebene der praktischen Anwendung stellt
Samaritertum, an das der Begriff »Mitleidsethik« zu- Schopenhauer die auf der Ebene der Theorie ver-
nächst denken lässt. Das erklärt, dass die gegen diese neinte Rechtsungleichheit zwischen Mensch und
Variante des Utilitarismus gerichtete Kritik – etwa, Tier allerdings ein Stück weit wieder her, da er an-
dass sie die Leidensvermeidung über das Tötungs- nimmt, dass »in der Natur die Fähigkeit zum Leiden
verbot stellt (von Seiten der christlichen Ethik), dass gleichen Schritt hält mit der Intelligenz« (E, 245).
sie über der Leidensminderung Rechte und Gerech- Tiere seien, da weniger intelligent als der Mensch,
tigkeitsaspekte vernachlässigt (von Seiten der Ver- auch weniger leidensfähig. Im Übrigen lehnt Scho-
treter des Primats von Rechten) oder dass sie, konse- penhauer weder die Tötung noch die anderweitige
quent verstanden, zur schnellen schmerzlosen Tö- Nutzung von Tieren zum Wohl des Menschen kate-
tung aller leidensfähigen Wesen zwingt (vgl. Smart gorisch ab. Solange die Tötung schmerzfrei erfolgt
1958, 542) – regelmäßig Schopenhauers Ethik unbe- und nicht anzunehmen ist, dass Tiere fähig sind, sich
achtet gelassen hat. vor einer bevorstehenden Tötung zu ängstigen, lie-
Die größte und weitreichendste Wirkung hat fert Schopenhauers Tierethik (auch wenn er den
Schopenhauers Mitleidsethik zweifellos im Bereich Fleischverzehr an anderer Stelle als »widernatür-
des ethischen Tierschutzes entfaltet. Mit Schopen- lich«, P II, 617, brandmarkt) keinen Grund für den
hauer werden zum ersten Mal in der westlichen Phi- Vegetarismus.
4.2 »Preisschrift über die Grundlage der Moral« 115

Schopenhauers Tierethik hatte beträchtlichen Wie weit Schopenhauers Tierethik nicht nur auf
Einfluss auf einige der späteren Vorkämpfer des Tier- die Theorie, sondern auch auf die Praxis des Tier-
schutzgedankens, insbesondere auf Henry S. Salt schutzes einwirkte, ist schwer abzuschätzen. Zum
im  englischsprachigen und Albert Schweitzer im Zeitpunkt der Veröffentlichung der »Preisschrift zur
deutschsprachigen Raum. Salt zitiert die Kernthesen Grundlage der Moral« lag die Gründung der ersten
von Schopenhauers Tierethik in seiner 1892 in Lon- deutschen Tierschutzvereine bereits einige Jahre zu-
don veröffentlichten Kampfschrift Animals’ Rights rück. In England war bereits 1822 mit dem Act to
Considered in Relation to Social Progress an herausge- Prevent the Cruel and Improper Treatment of Cattle,
hobener Stelle (vgl. Salt 1907, 11 f.). Einige der we- dem sogenannten Martin’s Act, das erste Tierschutz-
nigen Monographien, die sich bereits zu Beginn des gesetz erlassen worden. Schopenhauer hat diese Ini-
20. Jahrhunderts Schopenhauers Tierethik widmeten, tiativen nicht nur in seinen Schriften wiederholt lo-
stammt von Magnus Schwantje, dem Herausgeber bend erwähnt, er hat auch konkret Kontakt zu ihnen
von Salts Buch in deutscher Übersetzung (Schwantje aufgenommen. So sind viele seiner Ideen zum Tier-
1919). Schweitzers »Ethik der Ehrfurcht vor dem Le- schutz in den Vorträgen und Pamphleten des Vorsit-
ben in allen seinen Erscheinungsformen« atmet zenden des 1837 gegründeten Münchner Tierschutz-
spürbar den Geist Schopenhauers, insbesondere wo vereins, Ignaz Perner, aufgegriffen worden (vgl. Li-
sie die von ihr postulierte Ehrfurcht u. a. in dem Mit- bell 2001, 143 ff.).
fühlen mit dem – Schopenhauers »Willen« verwand-
ten – »Willen zum Leben« fundiert. In seinem philo- Literatur
sophischen Hauptwerk Kultur und Ethik von 1923 Anscombe, G. E. M.: Modern Moral Philosophy. In: Philo-
hebt Schweitzer Schopenhauer als denjenigen Philo- sophy 33 (1958), 1–19 (dt. Moderne Moralphilosophie.
sophen heraus, der als erster das Mitleid zum zentra- In: Günther Grewendorf/Georg Meggle (Hg.): Seminar:
len Prinzip der Ethik erklärt und die anthropozentri- Sprache und Ethik. Zur Entwicklung der Metaethik.
Frankfurt a. M. 1974, 217–243).
sche westliche Ethiktradition für den Tierschutz ge- Birnbacher, Dieter: Nahmoral und Fernmoral. Ein Di-
öffnet habe (vgl. Schweitzer 1960, 257). lemma für die Mitleidsethik. In: Lore Hühn (Hg.): Die
Heute wird ein zu Schopenhauers Ethik und ins- Ethik Arthur Schopenhauers im Ausgang vom Deutschen
besondere Tierethik affiner Ansatz von Ursula Wolf Idealismus (Fichte/Schelling). Würzburg 2006, 41–58.
vertreten, die mit ihrem Konzept des »generalisier- –: Menschenwürde-Skepsis. In: Jan C. Joerden/Eric Hil-
gendorf/Felix Thiele (Hg.): Menschenwürde und Medi-
ten Mitleids« die Intentionen Schopenhauers im zin. Ein interdisziplinäres Handbuch. Berlin 2013, 159–
Rahmen einer modernen Gefühlsethik weiterver- 175.
folgt (vgl. U. Wolf 1990, 75 ff.). Für Wolf bietet sich Brandhorst, Mario: Würde des Menschen – »hohle Hyper-
das Mitleid aus ähnlichen Gründen als Grundlage bel«? Eine Fallstudie zu Schopenhauers Moralkritik. In:
der Ethik an, wie sie auch für Schopenhauer bestim- Dieter Birnbacher/Andreas Urs Sommer (Hg.): Moral-
kritik bei Schopenhauer und Nietzsche. Würzburg 2013,
mend waren: Eine Mitleidsethik stellt mit der Min-
155–180.
derung des Leidens leidensfähiger Wesen einen un- Cartwright, David E.: Schopenhauer’s Narrower Sense of
mittelbar einsichtigen und nahezu universal geteil- Morality. In: Christopher Janaway (Hg.): The Cambridge
ten Wert ins Zentrum, sie knüpft unmittelbar an die Companion to Schopenhauer. Cambridge 1999, 252–293.
Alltagsmoral an und sie greift auf einen natürlichen, Hallich, Oliver: Mitleid und Moral. Würzburg 1998.
allen Menschen vertrauten und nachweislich verhal- –: Mitleidsethik oder praktische Vernunft? Schopenhauers
Kritik der normativen Ethik. In: Lore Hühn (Hg.): Die
tenswirksamen Affekt zurück. Auch in der Tierethik Ethik Arthur Schopenhauers im Ausgang vom Deutschen
knüpft Wolf an Schopenhauer an. Wie der »Gesin- Idealismus (Fichte/Schelling). Würzburg 2006, 59–76.
nungsethiker« Schopenhauer leitet sie die gegenüber Jonas, Hans: Mitleid allein begründet keine Ethik. In: DIE
Tieren bestehenden Pflichten aus tiergerechten mo- ZEIT, 25.8.1989, http://www.zeit.de/1989/35/mitleid-
ralischen Haltungen und Verhaltensbereitschaften allein-begruendet-keine-ethik/ (11.6.2014).
Libell, Monica: Morality Beyond Humanity. Schopenhauer,
her. Mit ihrer Auffassung, dass eine aktive Leidens- Grysanowski and Schweitzer on Animal Ethics. Lund
zufügung moralisch schwerer zu rechtfertigen ist als 2001.
ein passives Zulassen gleich schwerer Leiden (vgl. U. Popper, Karl R.: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde.
Wolf 1988, 245), trifft sie möglicherweise eine bei Band 1: Der Zauber Platons. Bern 1957.
Schopenhauer unausgeführt gelassene Intention, die Salt, Henry S.: Die Rechte der Tiere. Berlin 1907 (engl.
1892).
sich u. a. in seiner kategorischen Vorrangstellung des Schwantje, Magnus: Schopenhauers Ansicht von der Tier-
Prinzips der Nichtschädigung vor dem Prinzip der seele und vom Tierschutz. Berlin 1919.
Hilfeleistung ausdrückt. Schweitzer, Albert: Kultur und Ethik. München 1960.
116 II. Werk – 4. Die beiden Grundprobleme der Ethik

Smart, R. Ninian: Negative Utilitarianism. In: Mind 67 Wolf, Ursula: Haben wir moralische Verpflichtungen gegen
(1958), 542–543. Tiere? In: Zeitschrift für philosophische Forschung 42
Taylor, Richard: Good and Evil. New York 1970. (1988), 222-246.
Wolf, Jean-Claude: Kant und Schopenhauer über die Lüge. –: Das Tier in der Moral. Frankfurt a. M. 1990.
In: Zeitschrift für Didaktik der Philosophie 10 (1988), 69– Dieter Birnbacher
80.
117

5. Ueber das Sehn und die Farben

Schopenhauers Farbenlehre steht in der Nachfolge gans, dessen Okulomotorik, Fragen der topologi-
Goethes (s. Kap. III.9). Von Goethe selbst in dessen schen Repräsentation von Bildprojektionen auf dem
Gedankengebäude eingeführt, beginnt dessen Schü- Augenhintergrund und etwaige Darstellungen der
ler Schopenhauer allerdings nur zu bald – und zum Konsequenzen von Schädigungen dieses Organs.
Verdruss seines Lehrmeisters – den Goetheschen Schopenhauer war in diesem Bereich wohlausge-
Ansatz in einem Punkt konsequent weiterzuverfol- bildet. Am 9. Oktober 1809 begann er in Göttingen
gen. Die Subjektivität des Betrachtens, die bei Goethe sein Studium der Medizin. Ausgewiesen sind – allein
noch in Koinzidenz eines Naturwesens mit einer Na- im Bereich des Naturwissens – Besuche der Vorle-
tur gedacht ist, löst sich bei Schopenhauer aber in das sungen zur Medizin, Anatomie und Physik; er hört
Naturale des die Natur betrachtenden Wesens auf: bei Blumenbach Naturgeschichte und Mineralogie,
»Könnte man«, schreibt er, »nur solchen Herren be- bei Thibaut Mathematik. Weiter hört er Chemie, Bo-
greiflich machen, daß zwischen ihnen und dem wirk- tanik, vergleichende Anatomie, physische Astrono-
lichen Wesen der Dinge ihr Gehirn steht, wie eine mie, Physik und Physiologie und wechselt dann
Mauer, weshalb es weiter Umwege bedarf, um nur ei- 1811 nach Berlin, wo aber die Philosophie seinen
nigermaaßen dahinter zu kommen« (F, VI). Diese Studienplan bestimmt. Schopenhauer stand also auf
Grundthese gibt den Ansatz und die Essenz der dem naturwissenschaftlichen Niveau seiner Zeit. Er
Schopenhauerschen Farbenlehre. Hier ist von Scho- führt denn auch ein Verfahren der Farbanalyse an,
penhauer, vor dem Hintergrund der Physiologie der das mittels der Demonstration, im Experiment, im
Jahre um 1818, die Idee einer vom Gehirn bedienten expliziten Sinne vor Augen geführt wird. Seine Vor-
Interpretation dessen, was uns die Sinnesorgane zei- stellung, über Farbexpositionen die Komplementär-
gen, ausformuliert. Schopenhauer steht dabei in der farben zu besehen, setzt er für seine darauffolgenden
expliziten Tradition einer wissenschaftlichen An- theoretischen Schlussfolgerungen voraus: Er de-
thropologie, wie sie die Mediziner seiner Zeit auswei- monstriert im Experiment und nutzt die Pathologie,
sen: der Idee, ein physikalisches Prinzip des Wahr- um so in der Analyse des Effekts der Fehlfunktionen
nehmens und, darüber, der Hirnfunktionen anneh- ein Funktionsverständnis zu erarbeiten. Das Licht in
men zu können. In diesem wird dann erfahrbar, was seiner Farbigkeit ist demnach – nach all diesen De-
es bedeutet, zu erfahren, und was ein aus der Erfah- monstrationen – für ihn nicht an sich, sondern nach
rung getragenes Denken auszeichnet, das ja an einen den Funktionswerten des dieses Licht erfahrenden
Leib gebunden ist und sich in seiner Rationalität Organs, der Retina, darzustellen. Das Nachbild, das,
eben nach den hierdurch vorgegebenen Strukturie- was erscheint, wenn wir über Minuten auf eine Farb-
rungen auszeichnet. Person, Emotion und Kognition fläche gestarrt haben, die uns dann entzogen wird,
schienen so vor aller Einsicht in die zellularphysiolo- demonstriert, dass das, was wir sehen, nicht einfach
gische Organisation der Verrechnungseigenheiten ein Spiegel dessen ist, was uns umgibt. Vielmehr ist
des Gehirns ausbuchstabierbar zu werden. Die zellu- das, was wir sehen, Resultat einer Verarbeitungs-
läre Organisation des Hirngewebes war noch unbe- funktion, die durch solch intelligente Experimente,
kannt. Ganglienkörper wurden zwar schon in den wie sie Schopenhauer ansetzt, als solche demaskiert
ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts beschrieben, und in ihrer Funktionalität entschlüsselt zu werden
so bei Carl Gustav Carus und Jan E. Purkinje, ein vermag. Das, was wir sehen, ist – so Schopenhauer –
Verständnis der Zellfunktionen erwuchs aber erst zunächst das, was wir im Kopfe haben. Insoweit wird
sehr viel später. Damit war eine funktionelle Inter- die Farblehre zu einer aussagekräftigen Präambel
pretation der neuronalen Gewebeorganisation und seines Generalkonzepts von einer Welt als Wille und
ein Verständnis der Organisation der Reizaufnahme Vorstellung.
im Auge begrenzt auf eine präzise Darstellung der Entsprechend wird seine Naturlehre aus der Dar-
optischen Eigenschaften des lichtbrechenden Or- stellung des in den Sinnen dem Verstand Offerierten
118 II. Werk

bestimmt und ist so nicht einfach nach Maßgabe der Ansatz neu verständlich zu machen. Schließlich
›äußeren‹ Natur, sondern nach Maßgabe der Natur zeigt sich Goethe als Sachwalter einer eigenen Tradi-
des Geistes vorgestellt. Damit ist die fundamentale tion der Farberfahrungen, mit der er selbst durch
Differenz zu Goethe offenkundig: Nicht das Phäno- seine Studien der Mineralien und deren Nutzung
men, sondern das sich phänomenal imaginierende bestens vertraut war. Das Kolorit eben nicht nur ei-
Ich gibt die Natur, die nach Schopenhauer für uns ner Malerei, sondern auch der Proben der von ihm
einsichtig ist. So steht dann in der Tat das Gehirn untersuchten Natur, war ihm schon lange – und im-
nicht nur zwischen der Anschauung und der Welt, mer wieder neu – Thema. Die erste, in Jena erarbei-
sondern auch zwischen Schopenhauer und Goethe. tete mineralogische Handreichung des von ihm pro-
Schopenhauer sieht das Subjektive der Farben – tegierten Johann G. Lenz, in der die Mineralien nach
und hierin gibt er Goethe gegen Newton recht. ihren Farben klassifiziert sind, exemplifiziert, wie
Farbe – so folgt Schopenhauer Goethe – ist in ihrer hier an Goethes Universität diese Phänomene syste-
ihr eigenen Qualität zunächst ein Erfahrungsphä- matisiert und expliziert wurden.
nomen. Schließlich ist sie auch nach Goethe in ih- Schopenhauer kam, nach seinen Studien, im No-
rem ihr eigenen Wert erst im Auge abgebildet. Da- vember 1813 zu näherer Bekanntschaft mit Goethe,
bei ist sie dann aber nach Goethe etwas, das an sich der ihn selbst in einer Art Exklusivunterricht mit
dem Auge vorgesetzt ist. Farbe ist damit für ihn so seiner Farbenlehre bekannt machte. Schon Anfang
zwar etwas, das nach der Abbildung im Auge zu er- 1814 entstanden, etwa in einer Diskussion um die
fassen ist – damit aber für dieses die Welt in der ihr Darstellung des Weißen, inhaltliche Differenzen, die
eigenen, derart unserem Erfahren vermittelten Phä- das Verhältnis von Lehrer und Schüler zerrütteten.
nomenologie verfügbar macht. Insoweit ist die Schon am 9. Januar 1814 wird Goethe in seinen Ta-
Farbe als das, was sie nach dem Erfahrungswert ist, gebucheintragungen deutlich: Bezogen auf Scho-
in dem wir sie finden und aus dem heraus wir sie penhauer schreibt er: »als Jüngling anmaßlich und
bewerten, an sich darzustellen. Diese Einsicht inter- stutzig«. So musste es Goethe wohl sehen. Denn
pretiert Schopenhauer nun aber in sehr eigener Schopenhauer modernisierte die Idee des von Goe-
Weise. Das Subjektive, in dem sich nach Goethe das the noch umfassend umgriffenen Subjekts zum Sub-
Ich als Teil der Welt zu dieser Welt als etwas, in dem jektiven im Sinne der wissenschaftlichen Anthropo-
es sich befindet, verhält, und so in sich das, was ist, logie und begriff den Bezug von Subjekt und Welt
widerspiegelt, kocht Schopenhauer ein. Das Subjek- schlicht auf der Ebene einer Physiologie.
tive ist ihm schlicht die physiologisch verortete Er- Schopenhauer selbst war die damit getroffene
fahrungsbestimmtheit der Species Mensch im Ge- Eingrenzung und der damit aufgeworfene Graben
füge der diesen affizierenden, aber an sich gar nicht wohl kaum einsichtig. Im Tunnelblick der eigenen
zugänglichen Elemente eines Außenraums. Dieser Theoriefolgerungen befangen, schreibt er am 11. No-
wird nach Schopenhauer erst im Erfahrungskontext vember an Goethe:
des Ichs zu einer Welt. Insoweit ist Welt eben als »Meine Theorie verhält sich zu Ihrem Werke völlig wie
Wille und Vorstellung. Auch das Farbige ist dem- die Frucht zum Baum. Was aber diese Theorie beitragen
nach nicht an sich, als Phänomen der Welt, sondern kann Ihrer Farbenlehre Gültigkeit und Anerkennung
nur als Produkt, als Vorstellung von der Welt, zu be- zu schaffen, das möchte nicht wenig seyn […]. Jene alte
schreiben. Burg [die Lehre Newtons] haben Sie von allen Seiten
berannt und stark angegriffen: der Kundige sieht sie
Soweit streicht Schopenhauer das ›Urphänomen‹ wanken und weiß daß sie fallen muß: aber die Invaliden
Goethes. Das Farbige, das in seiner Materialität die drinnen wollen nicht kapituliren« (11.11.1815).
Arbeit eines Künstler bestimmt oder den Designer
an Rezepturen bindet, mittels derer er die Färbung Goethe bekommt folglich auch das Manuskript der
eines Gewebes ebenso wie die Wirkung einer Glasur von Schopenhauer fortentwickelten Farbenlehre zu-
vorab zu bestimmen vermag, interessiert ihn nicht. gesandt, doch bleibt eine weitergehende Reaktion
Es war aber diese ›Natur‹ der Farbe, von der Goethe zunächst aus: Schopenhauers Schrift erscheint im
ausging und in der er an einen ganzen Kanon von Mai 1816 bei Hartknoch in Leipzig. Sie blieb – so
Schriften zum Umgang und zur Bewertung der Far- Schopenhauer selbst – zunächst weitgehend unbe-
ben anschloss. Für uns heute ist dieser Kontext, der achtet, doch konnte Schopenhauer in seinen letzten
von Goethe in seiner Auseinandersetzung mit New- Lebensjahren, in denen die Öffentlichkeit überhaupt
ton selbst kaum eingehender expliziert wurde, ein- erst auf seine Philosophie reagierte, auch diese in-
gehender zu rekonstruieren, um den Goetheschen zwischen fast vergessene Farbenlehre noch einmal
5. Ueber das Sehn und die Farben 119

edieren. 1854 schrieb er: »Inzwischen habe ich vier- als in sich stehende Qualitäten begreift. Das ist denn
zig Jahre Zeit gehabt, meine Farbentheorie auf alle auch der Ansatz seines massiven Vorgehens gegen
Weise und bei mannigfaltigen Anlässen zu prüfen« die Newtonsche Theorie, in der Farbe – seiner Auf-
(F, IV). Schon zuvor hatte Schopenhauer versucht – fassung nach – letztlich nur als Resultat einer Ent-
zuerst in seiner 1830 erschienenen erweiterten mischung einer an sich dann nicht weiter interessie-
Übersetzung ins Lateinische, die er in der Hoffnung renden Qualität nebeneinandergesetzter Qualia (der
auf eine internationale Rezeption seiner Ideen un- Lichtkorpuskeln), aber eben nicht als der den Wahr-
ternahm (Theoria colorum physiologica eademque nehmungsforscher interessierende Farbwert gesehen
primaria), dann 1851 im zweiten Band seiner Par- wurde. Im Sinne einer Darstellung optischer Gesetz-
erga und Paralipomena – seine Ideen zur Farben- mäßigkeiten bleibt so auch die faktisch mögliche
lehre noch weiter zu konsolidieren. Und, wie bei ihm Analyse auf der Ebene von Strahlengangsdarstellun-
üblich, erschien das, was er vormals gedacht hatte, gen und – ganz auch im Sinne der Goetheschen und
ihm nunmehr auch nach reiflicher Überlegung späteren Schopenhauerschen Versuche – anzuset-
schlicht approbiert, und so offerierte er 1854 eine zenden Darlegungen über Spektralempfindlichkei-
durch Ergänzungen, nicht aber durch umfassende ten und dadurch verständlich zu machenden Reak-
Exkurse oder Korrekturen erweiterte zweite Auflage tionen des Auges. Helmholtz wies dann in den
seines Werkes. 1850er Jahren nach, dass es für die Farbwahrneh-
Das Auge, das hier, wie bei Goethe, zu dem Organ mung verschiedene Typen mit der für jeden Senso-
wird, in dem sich die Welt abbildet, ist Schopen- rentyp charakteristischen Spektralwertfunktion gibt,
hauer aber nicht einfach sonnenhaft, sondern als ein deren Maximum jeweils in einem bestimmten Spek-
physiologisch zu kennzeichnendes Organ begriffen. tralbereich liegt. Dabei gab dann – ganz wie dies im
Die für die Bildperzeption sensible Schicht, die Re- vorliegenden Text auch Schopenhauer unternimmt
tina, ist in der Naturkunde um 1820 aber noch nicht – die Darstellung von Farbfehlsichten das Material
eingehender verstanden. Die für die funktionale In- zu einer Identifikation und Darstellung der Extensi-
terpretation tierischer Gewebe zentrale Zelltheorie tät etwaiger Farbsichtkomponenten.
erwächst erst Ende der 1830er Jahre und ist letztlich Gegen die Helmholtzsche Vorstellung setzte Ewald
erst mit der Rezeption von Virchows Zellularpatho- Hering in den 1870er Jahren seine Vierfarbentheo-
logie Ende der 1850er Jahre wirklich akzeptiert. In- rie, nach der jeweils eine der miteinander verkoppel-
sofern ist denn auch die Rolle der Nervenzelle un- ten Gegenfarben Rot-Grün, Blau-Gelb und Weiß-
verstanden. Weiterhin existieren keine Vorstellun- Schwarz registriert und ans Hirn vermittelt wurde.
gen über die funktionelle Organisation des Reiz Dazwischen stand Johannes Müllers Theorie der
aufnehmenden Gewebes. Allerdings formulierte spezifischen Sinnesenergien, der zufolge die ver-
Thomas Young schon 1811 die Hypothese, dass das schiedenen Sinnesqualitäten als solche in unter-
Auge drei verschiedene Typen von Reiz aufnehmen- schiedlicher Kennung ins Hirn vermittelt würden.
den Strukturen besitze, von denen jede auf eine der Vor einer eingehenden Analyse der Zellularphysio-
drei Primärfarben Blau, Grün und Rot reagiert, und logie der Rezeptoren und der deren Erregung wei-
dass die übrigen Farbqualitäten durch additive terleitenden Nervenzellen war hier ein physiologisch
Mischung unterschiedlicher Primärfarben erzeugt basiertes Verständnis auf eine exakte Darstellung der
werden. Schopenhauer erwähnt diese Vorstellungen Phänomenologie des Wahrnehmens, speziell auch
nicht. Allerdings entspricht dieser Vorstellung zu- auf eine entsprechende Analyse der Sinneserfahrun-
mindest vom Ansatz her die Goethesche Auffassung gen selbst, angewiesen.
der drei Grundfarben Gelb, Rot und Blau, aus denen Die von Schopenhauer so eindringlich an den
durch Mischung jede weitere Farbe hergestellt wer- Beginn seiner Darlegungen gestellte Forderung, die
den kann. Abgestuft über die Bildung der Mischfar- Erfahrung der Nachbilder nicht nur theoretisch zu
ben zwischen zwei dieser Grundfarben, die sich rezipieren, sondern selbst zu erfahren, um so die
dann zur dritten jeweils als Komplementärfarbe ver- Intensität eines entsprechenden Eigenlebens der
halten, erhält Goethe einen Farbkreis, in dem die physiologischen Reaktion sich selbst explizit vor Au-
Verhältnisse der Farben zueinander bestimmt sind. gen zu führen, zeigt, dass sich Schopenhauer dieser
Damit entwickelt Goethe eine umfassende Phäno- Forderung selbst stellt. Es ist diese Erfahrung einer
menologie der Farbe, in der er nun Farbwahrneh- nach Wegfall des Reizes zu registrierenden Reaktion,
mung und Farbqualitäten nicht einfach nur als Frag- die abgestimmt auf den Eingangsreiz erscheint, ihn
mentierungen eines Lichtteilchengefüges, sondern aber nicht reproduziert, sondern nunmehr nach des-
120 II. Werk

sen Wegfall eine spezifische Komplementärreaktion ist das Werk des Verstandes« (F, 8). Entsprechend
erkennen lässt, die Schopenhauer die Physiologie konstatiert er: »Demnach könnte auch der Gehör-
des Farbempfindens selbst empfindbar macht. Scho- nerv sehn und der Augennerv hören, sobald der äu-
penhauer registriert eine Reaktion, die die Physiolo- ßere Apparat beider seine Stelle vertauschte« (F, 9).
gie des Rezeptors erfahrbar macht. Er deutet das Womit er sich 1854 explizit gegen die Auffassung
Nachbild als Resultat einer Anstrengung. Wie für von Johannes Müller stellt: Schließlich sei »die Mo-
ihn Licht und das in ihm gesehene Weiße als maxi- difikation, welche die Sinne durch solche Einwir-
male Intensivierung einer Lichtempfindung gedeu- kung erleiden, noch keine Anschauung, sondern [es]
tet und entsprechend das Schwarze als Fehlen einer ist erst der Stoff, den der Verstand in Anschauung
Aktivierung des Auges beschrieben wird, so sind die umwandelt« (F, 9). Und so gibt es denn auch ohne
Farbwerte in ihrer jeweiligen Helligkeit als relative Verstand nur die Empfindung »einer sehr mannig-
Wahrnehmungsintensitäten zu verstehen. Wenn auf faltigen Affektion seiner Retina« (F, 9). Diese ist
das helle Gelb im Nachbild das dunkle Violett folgt, nach Maßgabe der ihr eigenen Verrechnungsmög-
so wird im Violett deutlich, dass die um einen Wert x lichkeiten zu erfassen. Für Schopenhauer zeigt sich
gegenüber dem Maximum (mit 100 %) einer mögli- so etwa in der Raumwahrnehmung, in der das Hirn
chen Aktivierung geschwächte Wahrnehmungskraft die aus zwei Augen übermittelten Datensätze zu ei-
des Auges so ermüdet ist, dass es nunmehr in einem nem Bild zusammensetzt, dass erst der Verstand –
weiteren Aufmerken zunächst nur noch den Restbe- d. h. die physiologisch zu begreifende Interaktion
stand der ihm verfügbaren Energie – das heißt den der Reize verrechnenden Elemente – aus den ange-
Wert 100 minus x – zu aktivieren vermag. Die ande- reichten Sinnesdaten ein Bild der Welt konstruiert.
ren in der vorigen Wahrnehmung verbrauchten So ist auch die Welt der Sinne eine Welt der Vor-Stel-
Energiebestände müssen sich erst wieder aufbauen. lungen. Entsprechend ist die Farbe zunächst nichts
So lange bleibt das Nachbild bestehen. Im Extrem als eine »besonders modificirte Thätigkeit« (F, 19)
der Hell-Dunkel-Kontraste haben wir denn auch der Retina. »›Der Körper ist roth‹« – so schreibt er –
eine Inversion eines schwarz-weißen Bildes im »bedeutet, daß er im Auge die rothe Farbe bewirkt«
Nachbild, das sich in seinem dunklen Teil gegebe- (F, 20). Schließlich, so Schopenhauer weiter, sind die
nenfalls dann sogar über eine Folge vom Schwarzen Sinne »bloß die Ausgangspunkte dieser Anschauung
und Violetten in helle Farbnachwirkungen auflöst. der Welt. Ihre Modifikationen sind daher vor aller
Damit stehen die Farbwerte in einer eben auch Anschauung gegeben« (F, 19). Das Auge reagiert –
quantitativen Beziehung zueinander, und der Farb- so Schopenhauer – in Bipartitionen. Es sieht das
kreis Goethes, der sich nach den Mischungsverhält- volle Licht und blickt ins Weiße, oder es sieht gar
nissen bestimmt sah, ist nunmehr in der von Scho- nichts, bleibt demnach auch ohne jede Affektion
penhauer dargelegten physiologischen Gesetzmä- und verbleibt so in Finsternis. Farbe ist dann ein re-
ßigkeit auch quantitativ zu beschreiben. Darauf ist lativer Wert solchen Affiziert-Werdens, nicht in der
noch einmal zurückzukommen. vollen Intensität des Lichtes, aber in einer bestimm-
Farben sind für Schopenhauer also Empfindungs- ten Qualität dieses Ganzen, das Auge maximal Affi-
werte, die nach Maßgabe der Funktion des physiolo- zierenden. Farbe ist damit zu beschreiben als ein An-
gischen Apparates definiert sind und so die Welt sprechen des Auges auf diesen Teil des Lichtes, der
nach Maßgabe von deren intrinsischen Reaktions- im Auge immer wieder auf das Ganze hin ergänzt,
vorgaben des Reiz aufnehmenden Apparates als An- und in dieser so in Blick auf das mögliche Ganze
schauung konstituieren, und dabei gilt: »Alle An- festzustellenden Partition als in sich bestimmter
schauung ist eine intellektuelle« (F, 7). D. h. nach Wert erkannt ist. Farbe in ihrer so zu findenden Be-
Schopenhauer: stimmtheit gewinnt ihren Farbwert in solcher Diffe-
»Zur Anschauung, d. i. zum Erkennen eines Objekts, renz als das Komplement eines Ganzen. Aus der so
kommt es allererst dadurch, daß der Verstand jeden möglichen Ergänzbarkeit auf dieses Ganze gewinnt
Eindruck, den der Leib erhält, auf seine Ursache bezieht, es einen quantitativen Wert, der die Farbe dann auch
diese im a priori angeschaueten Raum dahin versetzt, als Farbwert in ein Empfindungsgefüge einordnet:
von wo die Wirkung ausgeht, und so die Ursache als wir- »Das die volle Einwirkung des Lichts empfangende
kend, als wirklich, d. h. als eine Vorstellung der selben
Art und Klasse, wie der Leib ist, anerkennt« (F, 7). Auge äußert also die volle Thätigkeit der Retina«:
Das Auge sieht entweder eine flirrende, spiegelnde
Und damit gilt dann: »Die Anschauung also, die Er- Oberfläche, oder, wenn die das Licht reflektierenden
kenntniß von Objekten, von einer objektiven Welt, Körper dieses klare Glänzende leicht dispergieren
5. Ueber das Sehn und die Farben 121

lassen, so entsteht Weiß – als Farbeindruck. »Mit der Farbwahrnehmung. Dabei zeigt sich für ihn in
Abwesenheit des Lichtes, oder Finsterniß, tritt [da- der Darstellung des Komplementärkontrastes eine
gegen] Unthätigkeit der Retina ein« (F, 23). Diesem relative Beziehung der Farbwerte aufeinander, die
Funktionswert korrespondiert das Schwarze. gegebenenfalls noch um einen je zuzugebenden
Schopenhauer unterscheidet Abstufungen in der Grauwert zu ergänzen sind, nach denen sich dann
Intensität solcher Aktivierung und kommt so zu der die Farbwerte ganz im Sinne der Rungeschen Farb-
Darstellung der »intensiv geteilten Thätigkeit der kugeln ordnen lassen. Dabei werden in dieser Zu-
Retina« (F, 24), in der er die Abstufungen der Akti- ordnung die Farben in ihrem jeweiligen Verhältnis
vierung vom Weißen zum Schwarzen über das zueinander auch bemessbar: Der Schattenwert der
Graue (in verschiedener Intensität) beschreibt, wo- Farben ist bei Rot und Grün identisch – das expli-
bei nun das Nachbild einer solchen Reizung zeigt, ziert Schopenhauer anhand der Analyse der Rot-
dass nicht einfach eine Intensität des Außenraumes Grün-Blindheit.
aufgenommen und ins Zentralhirn weitergeleitet »Wie nämlich Roth und Grün die beiden völlig gleichen
wird. Die Nachbilder deutet Schopenhauer schließ- qualitativen Hälften der Thätigkeit der Retina sind, so
lich als Resultat der physiologischen Tätigkeit der ist Orange 2/3 dieser Thätigkeit, und sein Komplement
Retina. Das durch ein längeres Ansprechen er- Blau nur 1/3; Gelb ist 3/4 der vollen Thätigkeit, und sein
schöpfte, vorab gereizte Feld der Retina ist bei einer Komplement Violett nur 1/4. Es darf uns hiebei nicht
irre machen, daß Violett, da es zwischen Roth, das 1/2
neuen Bildwahrnehmung zunächst nur insoweit zu ist, und Blau, das 1/3 ist, in der Mitte liegt, doch nur
reizen, wie es noch Energien verfügbar hat. Das 1/4 seyn soll: es ist hier wie in der Chemie: aus den Be-
Nachbild entspricht also in einem umgekehrt pro- standtheilen läßt sich die Qualität der Zusammenset-
portionalen Verhältnis der vormaligen Abbildungs- zung nicht vorhersagen« (F, 30 f.). »Violett« – so Scho-
intensität. Die maximal gereizte Retina erscheint penhauer – »ist die dunkelste aller Farben, obgleich es
aus zwei hellern, als es selbst ist, entsteht; daher es auch,
denn auch im ersten Moment des Nachbildes als sobald es nach einer oder der andern Seite sich neigt,
Schwarz. Sie ist durch ihre vorherige Tätigkeit maxi- heller wird. Dies gilt von keiner andern Farbe: Orange
mal erschöpft und kann nun nicht mehr in neue Tä- wird heller, wenn es zum Gelben, dunkler, wenn es zum
tigkeit versetzt werden. Sie ist für den Moment not- Rothen sich neigt; Grün, heller nach der gelben, dunk-
wendig untätig. Übertrage ich diese Idee nun auch ler nach der blauen Seite; Gelb, als die hellste aller Far-
ben, thut umgekehrt das Selbe, was sein Komplement,
auf die Qualitäten der verschiedenen Erregungszu- das Violett: es wird nämlich dunkler, es mag sich zur
stände, so gewinnt sich die Farbwahrnehmung ins- orangen oder zur grünen Seite neigen. – Aus der An-
gesamt als eine Darstellung von Verhältnisbestim- nahme eines solchen, in ganzen und den ersten Zahlen
mungen der das Auge erreichenden Reizungen, die ausdrückbaren Verhältnisses, und zwar allein daraus,
nach Maßgabe der ihm vorgegebenen Reaktions- erklärt es sich vollkommen, warum Gelb, Orange, Roth,
Grün, Blau, Violett feste und ausgezeichnete Punkte im
räume dann nicht nur einen Eindruck, sondern
sonst völlig stetigen und unendlich nüancirten Farben-
gleichsam eine Art von Relationalität des möglichen kreise, wie ihn der Aequator der Runge’schen Farben-
Bildeindruckes im Sinne einer Bestimmtheit des kugel darstellt, sind« (F, 31).
ihm möglichen sensorischen Ansprechens darzu-
stellen erlaubt. Mit dieser Darstellung sind wir so im Entsprechend sind diese in einen Ordnungszusam-
Kern der Schopenhauerschen Farbenlehre, die nur menhang einzubinden; dabei erlaubt es die Beob-
deshalb so komplex erscheint, da er sie aus der blo- achtung, die Zuordnung der Farbwerte aufzuweisen
ßen Darstellung der Phänomenologie des Erfahrens und sie in ihrem relativen Verhältnis zueinander zu
und nicht auf Grund einer weder ihm noch seinen bestimmen, so »daß in ihnen die Bipartition der
Zeitgenossen möglichen Einsicht in die Funktions- Thätigkeit der Retina sich in den einfachsten Brü-
morphologie der Retina aufzubauen suchte. Er ver- chen darstellt. Gerade so, wie auf der Tonleiter […]
bleibt denn auch in Bildern und beschreibt anhand als Prime, Sekunde, Terz u. s. w.« (F, 31). Die Farbe ist
der Empfindungen, die z. B. ein auf einer Hand ver- demnach also »qualitativ getheilte Thätigkeit der Re-
dampfender Tropfen von Schwefeläther induziert, tina. […] die Zahl der möglichen Farben [ist dabei
wie die Hand eben nur an der Stelle abkühlt, an der hinsichtlich ihrer möglichen Mischungsverhält-
dieser Tropfen aufliegt. nisse] unendlich«, wobei aber jede »nach ihrer Er-
Das Rationale der so darzulegenden Ansicht ent- scheinung, ihr im Auge zurückgebliebenes Komple-
spricht dabei dem je vorhergehenden physiologi- ment zur vollen Thätigkeit der Retina« (F, 32) bringt.
schen Prozess. Dieser ist nur mittels der Erfahrung Damit gibt die Zuordnung des Weißen und des
aufzulösen, d. h. hier speziell aus der Anschauung Schwarzen das Funktionsmodell für die Ordnung
122 II. Werk

der verschiedenen Farbwerte. Diese sind nach dem Der Bezug oder besser die Abgrenzung zu New-
Wert ihrer relativen Abstimmung auf ihr jeweiliges ton ist damit eindeutig. Es ist nicht die Auftrennung
Komplement in eine Ordnung zu bringen. Insoweit eines physikalisch in seiner Farbigkeit darzustellen-
sind diese Farbwerte auch nicht abgeleitet, sondern den Lichtes, es ist vielmehr die relative Perzeptibili-
als gegebene Grundlagen einer Farbdarstellung tät des Lichtes, über die sich die Farbordnung und
durch das Auge »gewissermaaßen a priori erkannt« damit die relative Bestimmung der Farbwerte er-
(F, 33). Dieses Apriori besteht nun aber in der ange- schließt. Damit ergibt sich nun aber auch ein spezi-
borenen Verrechnungseigenschaft des Organs, das elles Problem, die Frage der Herstellung des Weißen
eben in seiner im Komplementärkontrast darstellba- aus Farbe. Nach Schopenhauer werden die jeweils
ren Abstimmung nicht nur die Farbe überhaupt, polaren Bereiche der Farbe sich immer zum Weißen
sondern die einzelne Farbe in ihrer Zuordnung und ergänzen. Es ist nicht einfach die Facette der prisma-
dabei als eine quantitativ bestimmbare Zuordnung tischen Vielfalt, es ist immer das Komplement der
in einen Erfahrungsordnungszusammenhang der bipartierten Farben in seiner Gesamtintensität, auf
Farbintensitäten einbindet. Diesen bestimmt Scho- 100 % seiner Intensität und damit zum Weißen er-
penhauer als ein so auch quantitativ darzustellendes gänzt.
Verhältnis. Es ist dabei das relative Helle einer Farbe, Nun wird solch ein Weiß in der Mischung der
in dem diese in der Zuordnung zur anderen Farbe chemischen Farben nicht erreicht. Dies erklärt sich
steht. Dadurch, dass sich die Komplementärfarben nach Schopenhauer daraus, dass die chemischen
in einer derart quantifizierbaren Hinsicht zueinan- Farben in ihrer materiellen Bindung etwas wesent-
der und miteinander verhalten, gewinnt Schopen- lich Trübes angenommen haben, und so können sie
hauer für sie eine auch relative Ordnung. Grün und sich denn auch nicht zum Weißen, sondern nur zu
Rot – das zeigt ihm auch die Pathologie des Rot- einem eingetrübten Weißen überlagern. Zu gewin-
Grün-Blinden – sind in ihrem Helligkeitswert ein- nen wäre so bestenfalls ein Grauwert. Dieses ›Trübe‹
ander entsprechend. Sie verhalten sich wie 1 zu 1, der chemischen Farben erklärt sich Schopenhauer
und sind demnach bezogen auf das Maximum des wie folgt:
möglichen Farbeindruckes, des Weißen, jeweils als »Eine allgemeine Erklärung der chemischen Farben
1/2 der maximal insgesamt zu erfahrenden Farbin- scheint mir in Folgendem zu liegen. Licht und Wärme
tensität zu bewerten. Blau und Orange stehen in ih- sind Metamorphosen von einander. Die Sonnenstrah-
rem Dunkel- respektive Helligkeitswert zwischen len sind kalt, so lange sie leuchten: erst wann sie, auf
Grün und Violett zum einen, und Rot und Gelb zum undurchsichtige Körper treffend, zu leuchten aufhören,
verwandelt sich ihr Licht in Wärme […]. Die, nach Be-
anderen, wohingegen Violett und Gelb jeweils den schaffenheit eines Körpers, speciell modificirte Weise,
maximalen Farbgegensatz im Bereich der zueinan- wie er das auf ihn fallende Licht in Wärme verwandelt,
der komplementären Farben darstellen. Entspre- ist, für unser Auge, seine chemische Farbe« (F, 76 f.).
chend unterteilt Schopenhauer sein Schema der
Tätigkeit der Retina in drei Farbenpaare (s. Tabelle Chemische Farben sind ihm denn auch »eine eigen-
unten). thümliche Modifikation der Oberfläche der Körper«
Er beschreibt in dieser Bipartition der Farben eine (F, 74). Diese sei so fein, dass sie nur in der Farbver-
diesen eigene Polarität, die nun nicht ein prinzi- änderung zu registrieren sei: So werde Zinnober
pielles Naturverhältnis, sondern die jeweils aus der nach Sublimation feuerrot. Und es zeigen sich für
Erfahrung abzuleitende Bestimmtheit des physiolo- Schopenhauer in den so rasch wechselnden Farben
gischen Verhältnisses der die Farbe abbildenden von Indikatorflüssigkeiten oder in den Farbwechseln
Verrechnungsstruktur darstellt. Diese relative Farb- bei Pflanze und Tier solch feine Variationen der
intensität, die von Schopenhauer so genannte »schat- Farbveränderungen eingefangen.
tige Natur der Farbe«, beschreibt derart die Tätigkeit Schließlich führt er in einer längeren Passage Be-
der Retina »der Intensität nach« (F, 37). Insoweit ist funde zu pathologischen Farbwahrnehmungen an,
für ihn die Farbe dann wesentlich ein »Schattenarti- um von daher seine Darstellung zur Physiologie der
ges« (F, 38). Farbwahrnehmung zu unterstützen. Dabei lässt sich

Schwarz Violett Blau Grün Roth Orange Gelb Weiß


0 1/4 1/3 1/2 1/2 2/3 3/4 1
5. Ueber das Sehn und die Farben 123

das in solcher Farbblindheit erhaltene Bild für ihn seiner Philosophie, die den Erfahrungswert als Re-
auch noch einmal direkt, in einem technischen Ver- sultat der einfachen Grundbestimmtheit des Erfah-
fahren, vor Augen führen: Die Daguerrotypie, so renden ausweist. Ganz im Sinne Goethes bleibt der
Schopenhauer, ist jenes technische Verfahren einer Erfahrende dabei in seiner Natur, die für Schopen-
bloß quantitativen Registratur von Lichtdifferenzen; hauer dann aber schlicht immer seine physiologi-
sie zeigt dann auch direkt augenfällig »alles Sicht- sche ist.
bare […] nur nicht die Farbe« (F, 65) und belegt so Der Grundansatz, den Schopenhauer in seiner
für ihn auch noch einmal indirekt, dass die Be- Farbenlehre offeriert, ist 1816 formuliert, die weite-
stimmtheit des perzipierenden Organs die relative ren Jahrzehnte werden für Verdeutlichungen ge-
Farbintensität des Beobachtbaren als physiologisch nutzt. Die Chance, mit der Physiologie über die De-
nachzuzeichnende Reaktion interpretiert. tails des so möglichen Bildes der Erfahrung zu rin-
Der Farbwert ist also ein physiologisch qualifi- gen, hat Schopenhauer nicht genutzt – und vielleicht
zierter Schattenwert. Das, was sich hier relativ be- auch nicht nutzen wollen. Ist ihm doch das Exem-
stimmt, ist damit an ein die Sensorik Ansprechendes plum einer Welt, die sich in dieser Form nach den uns
gebunden, das dann von dieser aber nach dessen eigenen Vorstellbarkeiten konstituiert, auch in ihrer
Maßgabe als Farbe identifiziert, das heißt im Konti- Abstraktion zureichend, um nun von den Sinnen zu
nuum der möglichen relativen Retinatätigkeiten als der Frage der Konstitution und der Objektivierung
Intensität wahrgenommen und darin als Farbe be- des Vorstellens überhaupt vorzustoßen.
stimmt ist. Der Farbwert erscheint als Schattenwert.
Das Blaue in seinem Verhältnis zum Gelb bestimmt Literatur
sich nicht mehr aus der Polarität einer grundsätz- Breidbach, Olaf: Goethes Naturverständnis. München 2011.
lichen Anlage der der Farbe eigenen Materialität, Burwick, Frederick: The Damnation of Newton: Goethe’s
sondern überführt sich nach Schopenhauer in der Color Theory and Romantic Perception. Berlin 1986.
qualitativen Abstufung der dem Rezeptor möglichen Elie, Maurice: Sur la lumière et les couleurs. In: Schopen-
Bestimmungsverhältnisse in eine objektivierbare hauer-Jahrbuch 53 (1972), 114–123.
Finger, Stanley: Origins of Neuroscience. New York 1994.
Farbordnung. Die Farbe wird darin zu einer Vorstel-
Grigenti, Fabio: Natura e rappresentazione. Genesi e strut-
lung, die in ihrer Intensität zwar durch das Sonnen- tura della natura in Arthur Schopenhauer. Napoli 2000.
hafte des Auges, d. h. für Schopenhauer dessen phy- Hübscher, Arthur: Um Schopenhauers Farbenlehre. Ein
siologische Prädisposition, bestimmt ist. Das Hirn Brief und ein Bericht. In: Schopenhauer-Jahrbuch 31
steht so in der Tat vor der Welt. Die Konsequenz die- (1944), 83–90.
ser Bestimmung einer Welt als Vorstellung ist die –: Arthur Schopenhauer. Ein Lebensbild. In: Arthur Scho-
penhauer: Sämtliche Werke. Bd. 1. Hg. von Arthur Hüb-
Konsequenz einer neurophysiologischen Darstel- scher. Wiesbaden 1966, 29–142.
lung der Wahrnehmung, die das, was die Sinne an Regenspurger, Katja/van Zantwijk, Temilo (Hg.): Wissen-
das Verrechnungsgefüge herantragen, als Komposit schaftliche Anthropologie um 1800? Stuttgart 2005.
der dem Organ eigenen Möglichkeiten bestimmt. Sachs-Hombach, Klaus: Philosophische Psychologie im
Das Weltbild mit seinen Qualifizierungen und den 19. Jahrhundert. Ihre Entstehung und Problemgeschichte.
Freiburg 1993.
erfahrungsbezogenen Zuordnungen ist insoweit Wagner, Karl: Goethes Farbenlehre und Schopenhauers
eine Projektion nach Maßgabe der Affektionen, aber Farbentheorie. In: Schopenhauer-Jahrbuch 22 (1935),
in den Formen des physiologisch verstandenen in- 92–176.
neren Sinnes. Die Farbe wird mit ihrer greifbaren Olaf Breidbach
Pathophysiologie für Schopenhauer so zum Testfall
124 II. Werk

6. Parerga und Paralipomena

6.1 »Skitze einer Geschichte der Bestimmung des Realen. Bedingt durch dieses
Vorgehen werden die Bestimmungen ›real‹ und
der Lehre vom Idealen ›ideal‹ jedoch laufend revidiert und in neue Kon-
und Realen« texte gesetzt, wodurch der Text durchaus anspruchs-
voll wird. »Diese schwankende Fassung der Begriffe
Kernthema der »Skitze einer Geschichte der Lehre ›ideal‹ und ›real‹ erschwert nicht nur das Verständ-
vom Idealen und Realen« (= »Skitze«) ist die ange- nis ausserordentlich, sondern lässt auch ihr Verhält-
messene Verortung und Bestimmung des Realen. nis zu einander ganz im Unklaren, zeitigt Wider-
Dieses Vorhaben ist durchaus komplex und an- sprüche, türmt unüberwindliche Schwierigkeiten
spruchsvoll wegen der Doppeldeutigkeit des Wortes auf« (Heisler 1903, 51).
›real‹: Es kann sich auf das ausgedehnte und physi- Die »Skitze« ist der erste Text im ersten Band der
sche Reale innerhalb der Vorstellung beziehen. Es Parerga und Paralipomena und bildet zusammen mit
kann aber auch etwas vermeintlich jenseits der Vor- den auf die »Skitze« folgenden »Fragmenten zur Ge-
stellung Bestehendes und die Vorstellung gegebe- schichte der Philosophie« eine Einheit zur Philoso-
nenfalls Bedingendes bezeichnen. Schopenhauer phiegeschichte.
entfaltet das Thema durch die Konstruktion einer Am Beginn seiner »Skitze« definiert Schopen-
historischen Debatte, die – nicht immer chronolo- hauer vorläufig das Ideale und das Reale, um sich im
gisch – von Descartes über Malebranche, Leibniz, Anschluss mittels der Geschichte der Philosophie an
Spinoza, Berkeley, Locke, Hume und Kant zu Scho- diesen Definitionen abzuarbeiten. Insbesondere das
penhauer selbst führt. An den Haupttext der »Skitze« Reale wird sich am Ende der »Skitze« als etwas ande-
schließt sich ein »Anhang« an, der etwa ein Drittel res als zunächst ausgegeben herausstellen.
des gesamten Textes einnimmt und in dem Scho- In der Ausgangsbestimmung ist das Ideale dasje-
penhauer darlegt, warum weder Fichte noch Schel- nige, was in unserer Erkenntnis subjektiv und damit
ling und Hegel Eingang in seine Geschichte haben uns selbst zuzuschreiben und unmittelbar sowie un-
finden können. Der Haupttext der »Skitze« ist von bedingt gegeben ist (P I, 3 f.). Analog dazu ist in der
dem Grundton anerkennender Kritik, der Anhang Ausgangsbestimmung das Reale dasjenige, was in un-
dagegen von Polemik bestimmt. serer Erkenntnis objektiv ist. So gefasst ist das Reale
Ob die Beschreibungen, die Schopenhauer von allerdings an das erkennende Subjekt gebunden. Zu
den einzelnen Philosophien gibt, immer zutreffen, fragen wäre, anhand welcher Kriterien und auf wel-
ist nicht Gegenstand der folgenden Ausführungen. cher Grundlage sich das in der Erkenntnis beheima-
Demgemäß wird auf den Gebrauch des Konjunkti- tete Reale von dem ebenfalls in der Erkenntnis behei-
ves beim Referat der Aussagen Schopenhauers ver- mateten Idealen unterscheiden soll. Dieses Differen-
zichtet. Es soll lediglich darum gehen, die mittels der zierungsproblem zwischen ›ideal‹ und ›real‹ innerhalb
historischen Betrachtung gezogene Argumentati- der Vorstellung kennzeichnet die eine Seite des Pro-
onslinie Schopenhauers nachzuzeichnen. blems der Bestimmung des Idealen und Realen.
Methodisch setzt Schopenhauer weder mit der Eine Strategie, dieses Problem zu lösen, ist der
Aufklärung der Ambiguität des Begriffs ›real‹ re- Rückgriff auf eine Instanz, die jenseits des Subjekts
spektive ›objektiv‹ ein noch greift er auf das Ergebnis oder der Vorstellung liegen soll. Das in der Erkennt-
seiner Untersuchung vor. Er lässt den Leser vielmehr nis Objektive erschöpft sich dann nicht darin, in der
die Reihe historischer (Fehl-)Versuche selbst nach- Erkenntnis zu sein. Es korrespondiert darüber
vollziehen. Der Text ist also weniger auf Fakten, als hinaus mit subjektexternen Instanzen. Schopen-
auf den Prozess des Verstehens beim Leser ausge- hauer konkretisiert diese Strategie anhand eines Ab-
richtet. Diese Vorgehensweise ermöglicht auf weni- bildmodells der Erkenntnis: Vom Subjekt völlig ge-
gen Seiten einen tiefen Einblick in die Problematik sondert und unabhängig existierende Dinge verur-
6.1 »Skitze einer Geschichte der Lehre vom Idealen und Realen« 125

sachen Abbilder ihrer selbst innerhalb des Subjekts. setzung um das Ideale und das Reale. Um einen pro-
Diese Abbilder der Dinge sind dem Subjekt als seine duktiven Abweg von der eigentlichen Kernfrage
Vorstellungen unmittelbar zugänglich und bekannt, handelt es sich dagegen bei der zweiten Auseinan-
wohingegen die Vorbilder jenseits des Subjekts – dersetzung, die ebenfalls von Descartes ihren Aus-
wenn überhaupt – nur vermittelt zugänglich wären. gang nimmt: die Frage nach dem Verhältnis von
Dieses Vermittlungsproblem kennzeichnet die an- Mentalem zu Physischem, d. i. das Leib-Seele-Pro-
dere Seite der Bestimmung des Idealen und Realen. blem. Explizit stellt Schopenhauer anhand von Leib-
Anhand der Abbildtheorie wird die Ambiguität niz und Spinoza klar, dass die Gleichsetzung des
der Bestimmung des Realen bzw. Objektiven deut- physisch Ausgedehnten mit dem Realen und des
lich: Es gibt das in der Erkenntnis Reale, d. h. das Mentalen mit dem Idealen an der eigentlichen Fra-
vorgestellte, insbesondere ausgedehnte Reale – wie gestellung vorbeigeht, also kein Lösungspotential
die Körper oder den Leib. Es gibt daneben – ver- beinhaltet. Die Begründung dafür liefert im Prinzip
meintlich – das Reale jenseits des Subjekts oder der bereits Descartes, der in den Augen Schopenhauers,
Vorstellung. Schopenhauer nennt dieses Reale das wenn auch implizit, alles Ausgedehnte innerhalb der
absolut Reale oder, in Anlehnung an Kant, das an Vorstellung ansiedelt.
sich Reale (P I, 20). Als Gegenbegriff muss die Be- Descartes’ »cogito ergo sum« weist das Bewusst-
stimmung des Idealen der jeweiligen Verortung des sein seiner selbst als unmittelbar und unbedingt ge-
Realen – entweder innerhalb oder jenseits der Vor- wiss aus. Die unmittelbare Gewissheit seiner selbst
stellung – entsprechen. In der »Skitze« fragt Scho- im Akt des Denkens lässt sich zwanglos ausweiten
penhauer daher die jeweiligen Philosophen nach auf die unmittelbare Gewissheit der eigenen Vorstel-
dem Ort der »Durchschnittslinie« (P I, 12) zwischen lungen als solcher: Ob und was sich ein Subjekt aktu-
Idealem und Realem. Sofern von dem vorgestellten ell vorstellt, weiß unbestreitbar das Subjekt selbst am
und ausgedehnten Realen die Rede ist, liegt die besten, da es unmittelbar seine eigenen Vorstellun-
Durchschnittslinie insgesamt innerhalb der Sphäre gen sind. Es gibt jedoch eine Kehrseite: Im Licht der
der Vorstellung. Sofern von dem an sich oder absolut Gewissheit der unmittelbaren Selbstreferenz wird
Realen die Rede ist, entspricht die Durchschnittsli- auch die Ungewissheit alles nicht unmittelbar Zu-
nie der Grenze der Vorstellung. gänglichen deutlich. All jene vorstellungsinternen
Das Reale, auf das Schopenhauer in seiner Bestimmungen, die nicht ausschließlich aus dem un-
»Skitze« letztlich abzielt, ist das absolute Reale jen- mittelbaren Verhältnis zum Subjekt fließen sollen,
seits der Vorstellung, das »Sein und Wesen an sich werden zweifelhaft. Ob und wie die vorgestellte
selbst« (P I, 29). Nichtsdestoweniger oder gerade Wirklichkeit auf eine Wirklichkeit jenseits der Vor-
deshalb konfrontiert er die Abbildtheorie, kaum stellung verweist, ist die Frage, an der sich – nach
dass sie vorgestellt ist, mit drei Fragen. Die ontologi- Schopenhauer – die Philosophie die nächsten 200
sche Frage ist, ob die Existenz vollkommen vom Jahre abarbeitet. Es ist schließlich denkbar, dass ein
Subjekt getrennter und unabhängiger Dinge als ge- »genius malignus« uns fortwährend über eine tat-
wiss angenommen werden kann. Die epistemologi- sächliche Wirklichkeit jenseits der Vorstellungen
sche Frage ist, ob die Vorstellungen als Abbilder täuscht. Alles vermeintlich Subjektexterne ist dem-
Auskunft über die Beschaffenheit subjektexterner entsprechend problematisch. Sofern die unmittel-
Dinge geben können. Die dritte Frage schließlich ist, bare Bindung an das Subjekt die einzige Quelle der
ob der vermeintliche Vermittlungsgang von subjekt- Gewissheit bleibt, gilt daher, dass die Welt nur Vor-
externen Dingen zu deren Abbildern ein Kausalver- stellung ist, im Sinne von Erscheinung oder sogar
hältnis darstellt. Alle drei Fragen wird Schopenhauer von bloßem Schein. Indem Schopenhauer diese
im Laufe seines Textes verneinen. Konsequenz aus dem cartesischen »cogito« zieht,
Descartes: Historisch beginnt Schopenhauers kann er seine eigene Philosophie – insbesondere die
»Skitze« mit Descartes, und zwar in zweierlei Hin- Auffassung, dass die Welt Vorstellung des jeweiligen
sicht: zunächst und vor allem mit dem von Descartes Subjekts ist – als dessen Pendant ausweisen (P I, 4).
angestoßenen Außenweltzweifel, d. i. der Zweifel an Zwischen dem subjektgebundenen Idealen und
Existenz und Bestimmungsmöglichkeit einer jen- einem Realen, das an sich etwa als Außenwelt jen-
seits der Vorstellungen, an sich bestehenden Realität. seits des Subjekts liegt, besteht also eine Kluft. Denn
Die angemessene Auffassung einer vorstellungsex- ein solches Reales – sofern es existiert – kann im Ge-
ternen Wirklichkeit ist nach Schopenhauer der ei- gensatz zu Bewusstseinsinhalten immer nur vermit-
gentliche Dreh- und Angelpunkt der Auseinander- telt gegeben sein. Damit steht das Tor für die Außen-
126 II. Werk – 6. Parerga und Paralipomena

weltskepsis weit offen. Descartes’ historisches Ver- eigentliche Problem nicht weniger als seine Vorgän-
dienst ist das Aufdecken dieser Kluft, das Erzeugen ger. Er ermöglicht aber über die Radikalität seines
eines fundamentalen Zweifels, mit dem er die De- Lösungsansatzes, die Frage nach einem vorstellungs-
batte um das Ideale und Reale initiiert. Ungenügend externen, an sich Realen klarer zu fassen und abzu-
ist nach Schopenhauer dagegen Descartes’ Lösungs- grenzen von der Frage nach dem ausgedehnten und
versuch, d. i. der Verweis auf den gütigen, uns daher vorstellungsinternen Realen. Spinoza identifiziert
nicht täuschenden Gott. Allerdings – so lobt Scho- Leib und Seele, bzw. erklärt sie als substantia extensa
penhauer – bringt dieser umgekehrte Kosmologi- und substantia cogitans zu zwei Aspekten einer Sub-
sche Beweis, der aus der Existenz Gottes die Existenz stanz. Der genaue Parallelismus zwischen ausge-
der Welt schließt, in seinem Ungenügen die Tiefe dehnter und vorgestellter Welt beruht also nicht auf
des aufgeworfenen Problems zum Ausdruck. einer prästabilierten Harmonie, sondern schlicht auf
Malebranche: Auch Malebranche greift zur Über- der Identität beider Welten. Begründet liegt die Iden-
brückung der Kluft zwischen Idealem und Realem tität beider Welten in ihrer Gleichheit in Gott und
auf Gott zurück. Dieser fungiert hier jedoch nicht nur in Gott werden alle Dinge sichtbar. Dieser an
nur als Versicherung, sondern übernimmt die Funk- Malebranche erinnernde Ansatz erhält bei Spinoza
tion der aktuellen Vermittlung. Diese Vermittlung eine besondere Wendung: Gott und Welt werden
hat zwei Seiten: Zum einen sehen wir nach Male- gleichgesetzt, wodurch nach Schopenhauer aller-
branche alle Dinge nur in Gott. Damit ist das Verhält- dings zugleich jeder Erklärungsgehalt verloren geht.
nis von Subjekt zu Gott bestimmt. Zum andern ist Spinoza meint nun, mit der Aufhebung des Un-
Gott die eigentliche Ursache in den Dingen. Damit terschieds zwischen Gott und Welt sowie Leib und
ist das Verhältnis von den Objekten zu Gott be- Seele auch den Unterschied zwischen dem Idealen
stimmt. Ein unmittelbares Verhältnis von Subjekt und dem Realen aufgehoben zu haben (vgl. P I,
und Objekt besteht dagegen nicht. 27 f.). Letztere Auffassung beruht jedoch – hier setzt
Vermeintlich seitens des Subjekts verursachte Än- die Kritik Schopenhauers ein – auf einer restlosen
derungen in der Objektwelt sind tatsächlich causes Identifikation des eigentlich Realen mit dem an-
occasionelles. Die mentalen Ereignisse nimmt Gott schaulichen und ausgedehnten Realen. Ein von der
lediglich zur Gelegenheit, selbst Ursache der Verän- Vorstellung unterschiedenes, an sich Reales wird bei
derung in den physischen Objekten zu sein. Für Spinoza nicht thematisch. Angenommen wird viel-
Schopenhauer bedeutet diese Inanspruchnahme mehr, die Dinge seien an sich, wie sie vorgestellt
Gottes, ein Unbekanntes durch ein noch Unbekann- sind. Folglich hält Spinoza die ausgedehnten Dinge
teres zu erklären. für unabhängig von der Vorstellung. Tatsächlich
Leibniz: Bereits mit Malebranche gerät die Kern- jedoch – so wendet Schopenhauer ein – liegt alles
frage nach dem an sich Realen jenseits der Vorstel- Ausgedehnte innerhalb der Vorstellung. »Denn al-
lung in den Hintergrund. Zum Thema wird dagegen lerdings sind die Dinge nur als Vorgestellte ausge-
das Verhältnis von Leib zu Seele oder von ausge- dehnt und nur als Ausgedehnte vorstellbar« (P I, 13).
dehnt Physischem zu Mentalem. Malebranche lässt Wenn Spinoza also meint, von dem Realem zu spre-
Gott die Kluft zwischen beiden Seiten aktuell bei Ge- chen, spricht er von ausgedehnten Dingen. Er erfasst
legenheit überbrücken. Leibniz dagegen fasst beide tatsächlich nur Entitäten, die innerhalb der Sphäre
Seiten als unüberbrückbar getrennt und unabhän- der Vorstellung liegen und damit tatsächlich ideal
gig. Dennoch stimmen beide Welten augenschein- sind. Die ›Durchschnittslinie‹ zwischen dem Idealen
lich überein. Dies führt Leibniz darauf zurück, dass und dem Realen verläuft bei Spinoza also falsch,
die Abläufe innerhalb beider Welten bereits bei ihrer denn sie liegt insgesamt innerhalb des Reichs des
Schöpfung vollkommen aufeinander abgestimmt Idealen. Die von Spinoza proklamierte Identität von
wurden. Beide Welten laufen daher vollkommen Idealem und Realem ergibt sich allein aus ihrer ge-
synchron oder parallel, befinden sich also in einer meinsamen Beheimatung innerhalb der subjektiven
prästabilierten Harmonie. Für Schopenhauer ist Sphäre. Diese Identität erkannt zu haben ist ver-
nicht nur diese Lösung absurd, sondern die ganze dienstvoll. Sie entspricht der Einsicht Schopenhau-
Problemstellung fehlgeleitet. Sie ist lediglich Pro- ers, dass die Welt – zumindest in einer der beiden
dukt des Dogmas zweier getrennt voneinander exis- Schopenhauerschen Hinsichten – Vorstellung sei.
tierender Welten (vgl. P I, 9). Das eigentliche Problem verfehlt Spinoza jedoch: Es
Spinoza: Erst nach Leibniz thematisiert Schopen- geht um den Aspekt der Welt, der insofern real ist,
hauer die Philosophie Spinozas. Dieser verfehlt das als er nicht Vorstellung ist.
6.1 »Skitze einer Geschichte der Lehre vom Idealen und Realen« 127

Berkeley: Die an Spinoza geübte Kritik setzt Ber- schen primären und sekundären Eigenschaften. Pri-
keley, zu dem Schopenhauer von Spinoza aus märe Eigenschaften sollen den Dingen unabhängig
springt, um: Er verortet explizit alles Ausgedehnte vom Subjekt an sich zukommen wie etwa Ausdeh-
innerhalb der Vorstellung. Zugleich bestreitet Berke- nung und Gestalt. Sekundäre Eigenschaften dagegen
ley die Existenz einer der Vorstellung jenseitigen, sind sinnlich vermittelt und subjektgebunden wie
insbesondere materiellen Außenwelt. Er ist damit etwa Farbe und Geschmack. Ein Kriterium zur Dif-
der Urheber des eigentlichen und wahren Idealis- ferenzierung von primären und sekundären Eigen-
mus (vgl. P I, 14). schaften gibt Locke nicht. Schopenhauer arbeitet
Während Berkeley die Natur des Idealen damit heraus, dass die primären Eigenschaften die nicht
getroffen hat, vernachlässigt er das Reale, im Sinne wegdenkbaren Eigenschaften sind (vgl. P I, 19). Er
einer der Vorstellung jenseitigen Instanz. Allerdings findet darin jedoch nicht Lockes Differenzierung
entdeckt Schopenhauer auch bei Berkeley zumin- bestätigt, sondern vielmehr einen Verweis auf die
dest Ansätze eines derartigen Realen und findet da- von Kant gezogene Konsequenz, dass letztlich aus-
mit Aspekte seiner eigenen Philosophie vorwegge- nahmslos alle Eigenschaften der vorgestellten Dinge
nommen: Die wollenden und vorstellenden Wesen subjektgebunden sind.
selbst, das sind die einzelnen Subjekte, insbesondere Hume: Ebenfalls mit Hinblick auf Kant streift
aber Gott, dessen Willen und Allmacht ganz unmit- Schopenhauer im Anschluss kurz Hume. Im Ange-
telbar Ursache aller Vorstellungen sein soll, machen sicht des Unvermögens, strenge Kausalität zu kon-
nach Schopenhauer bei Berkeley das eigentlich Reale statieren, wird auf die Begrenztheit des Empirismus
jenseits der Vorstellung aus. Wiederum verstellt der hingewiesen.
Gottesgedanke jedoch eher die Einsicht, als dass er Kant: Dieser Konsequenz entgeht Kant, indem er
sie beförderte. die Kausalität, wie letztlich alle Eigenschaften der
Locke: Angekommen bei dem Idealismus Berke- vorgestellten Wirklichkeit in der Erkenntnisweise
leys springt Schopenhauer zurück zu einer anderen des Subjekts verankert. Die damit gewonnene Mög-
Traditionslinie, die er von Bacon über Hobbes zu lichkeit, etwa kausale Gesetzmäßigkeiten als aus-
Locke zieht. Unter strikter Ablehnung des Gedan- nahmslos allgemeingültig aufzufassen, wird durch
kens eingeborener Ideen lässt Locke seine Philoso- deren Verortung im Bereich des Idealen konterka-
phie auf der Erfahrung fußen. Ganz im Gegensatz zu riert. Primäre wie sekundäre Eigenschaften be-
dem späteren Berkeley verortete er das eigentliche schreiben Vorstellungen. Das eigentlich Reale, das
Sein jedoch nicht in der ideellen Sphäre der Erfah- ›Ding an sich‹ jenseits der Vorstellung soll zwar ei-
rung bzw. der Vorstellung. Er nimmt vielmehr an, nerseits mit der Vorstellung korrespondieren, kann
die Vorstellungen seien durch Impuls oder Stoß sei- seinem Wesen nach andererseits aber nicht mittels
tens eines subjektexternen materiellen Seins kausal Eigenschaften beschrieben werden, die lediglich
verursacht. Diese Abbildtheorie fußt auf einem dem subjektiven Erkennen geschuldet sind. Das an
erkenntnistheoretischen und ontologischen Realis- sich Reale ist damit nicht nur der Bestimmung durch
mus, der nicht nur in Berkeley, sondern auch in die Kategorie der Kausalität, sondern letztlich aller
Schopenhauer einen Kritiker findet. In Anlehnung Bestimmungen entkleidet und muss als unerkenn-
an Kant verweist Schopenhauer darauf, dass nicht bar ein bloßes X bleiben (vgl. P I, 20). Mit diesem
nur die Ausdehnung, sondern auch die Kausalität Konzept hat Kant die von Descartes aufgeworfene
innerhalb der Sphäre der Vorstellungen zu verorten Frage nach dem Idealen und Realen maximal zuge-
sei, und er geht noch einen Schritt weiter, wenn er spitzt und bis an den Rand ihrer Beantwortung ge-
die Materie als Reifikation kausaler Verhältnisse be- führt, die nun durch Schopenhauer selbst geliefert
greift (vgl. P I, 19). Als vorstellungsinterne Bestim- wird.
mung ist die Kausalität also nicht geeignet, das Band Schopenhauer: Das Ding an sich respektive das
zu einer vorstellungsexternen Wirklichkeit zu knüp- absolut Reale kann nicht vermittelt über die Vorstel-
fen. lung oder die Kategorien der Vorstellung erschlos-
Auch Locke selbst ist nicht frei von Zweifeln ge- sen werden, denn auf diese Weise bliebe es innerhalb
genüber seinem Realismus. Er sichert seine Erkennt- der Sphäre des Idealen verortet und wäre damit
nistheorie zum einen durch den Verweis auf die ge- selbst ideal. Schopenhauer bemerkt jedoch, dass wir
lingende Praxis ab. In den Augen Schopenhauers ist selbst uns dennoch unzweifelhaft und unmittelbar
dies ein den Empirismus insgesamt diskreditieren- real sind (der Begriff ›Leib‹ fällt in diesem Zusam-
der Versuch. Zum anderen differenziert Locke zwi- menhang nicht). Demnach kann unmittelbar aus
128 II. Werk – 6. Parerga und Paralipomena

uns selbst heraus auch die Erkenntnis des an sich Rea- griffs im Denken, der es sich zu überlassen gilt. Nach
len geschöpft werden. Dies unmittelbar einsichtig Schopenhauer ist dieser Ansatz lediglich geeignet
Reale ist als genuin andersartige Instanz neben dem zur nachhaltigen Vernichtung der Denkfähigkeit
Idealen der Vorstellung der Wille. Schopenhauer löst (vgl. P I, 25 Anm.).
also das cartesische Problem, indem er Sein und Er-
kennen, d. i. das an sich Reale und das Ideale auf die Literatur
beiden Elemente zurückführt, die dem Selbstbe- Campioni, Giuliano: Der französische Nietzsche. Berlin
wusstsein unmittelbar zugänglich sind: der Wille 2009.
und die Vorstellung (vgl. P I, 21). Cornill, Adolph: Arthur Schopenhauer als Übergangsform
Im auf den Haupttext der »Skitze« folgenden von einer idealistischen in eine realistische Weltanschau-
»Anhang« erläutert Schopenhauer, warum Schel- ung. Heidelberg 1856.
Fischer, Kuno: Schopenhauers Leben, Werke und Lehre
ling, Fichte und Hegel keinen Platz in der Geschichte
[21898]. Heidelberg 41934 (Neudruck: Nendeln/Lichten-
des Idealen und Realen eingeräumt bekommen ha- stein 1973).
ben. Zunächst bestimmt Schopenhauer dazu das Frauenstädt, Julius: Briefe über die Schopenhauer’sche Philo-
von den Dreien verfehlte Wesen der Philosophie, um sophie. Zwölfter Brief. Leipzig 1894.
anschließend auf die Denker im Einzelnen einzuge- Heisler, Otto: Schopenhauers Satz vom Subjekt-Objekt. Kö-
nigsberg 1903.
hen.
Papousado, Denis: Der Schnitt zwischen dem Idealen und
Nach Schopenhauer bedarf die Philosophie des dem Realen. Schopenhauers Erkenntnistheorie. Bonn
freien Intellekts. Dessen ureigenstes Motiv ist die Su- 1999.
che nach der Wahrheit nur um der Wahrheit willen Schmidt, Alfred: Schopenhauer und der Materialismus. In:
und allem andren zum Trotz. Ein ernsthaft und red- Ders.: Tugend und Weltlauf. Vorträge und Aufsätze über
lich philosophierender Intellekt darf also nicht dem die Philosophie Schopenhauers (1960–2003). Frankfurt
a. M. 2004, 105–149.
Willen, d. h. insbesondere den Zwecken der Person, Valentin Pluder
dienstbar sein. Damit sind Schelling, Fichte und He-
gel als Philosophen disqualifiziert, denn sie sind Op-
portunisten, die nicht im Dienst der Wahrheit ste-
hen, sondern willentlich zu ihrem eigenen Nutzen
täuschen und mystifizieren: »Das Interesse der Per-
son wird befriedigt, das der Wahrheit ist verrathen«
(P I, 24).
Einzig hinsichtlich Schelling schränkt Schopen-
hauer sein Urteil etwas ein. In dessen Naturphiloso-
phie – und nur dort – erweist Schelling sich als nütz-
licher Eklektiker, indem er die Philosophie Spinozas
mit Kenntnissen um die Naturwissenschaften anrei-
chert (s. Kap. III.13). Doch schon mit seiner Identi-
tätsphilosophie, in der das Ideale und Reale wie-
derum unter Anlehnung an Spinoza miteinander
identifiziert werden, fällt Schelling hinter die Ent-
wicklung der Philosophie seit Descartes zurück und
appelliert letztlich nur an den gefundenen, d. h. ro-
hen Verstand (vgl. P I, 28).
Nur wenige Worte widmet Schopenhauer Fichte.
Denn indem dieser die Vorstellungen ausschließlich
als das Produkt des erkennenden Ich auffasst, liefert
er lediglich eine Karikatur der kantischen Philoso-
phie (vgl. P I, 27).
Bei Hegel schließlich – so hebt Schopenhauer
hervor – fallen Logik und Metaphysik zusammen,
weil das Wesen der Dinge und ihr Begriff gleich ge-
setzt werden. Die Erkenntnis dieser Einheit von Sein
und Denken ermöglicht die Selbstbewegung des Be-
129

6.2 »Fragmente zur Geschichte Eleaten, denen Schopenhauer das Verdienst zu-
spricht, als erste die Unterscheidung von Phainome-
der Philosophie« non und Noumenon getroffen zu haben, welches
letztere er mit dem ὄντως ὄν identifiziert (vgl. P I,
Die »Fragmente zur Geschichte der Philosophie« 36). Eine besondere Betonung erfahren daneben
wurden 1851 im ersten Band der Parerga und Parali- Anaxagoras und Empedokles (vgl. P I, 38 ff.), da
pomena publiziert. Schopenhauers Stellung zur Ge- Schopenhauer im Verhältnis des νοῦς des Anaxago-
schichte im Allgemeinen lässt sich besonders anhand ras zu φιλία (Liebe) und νεῖκος (Haß) bei Empedo-
von W I, § 51, W II, Kap. 38, und G, § 51, erläutern. kles die bedeutsame Entwicklung von einem rationa-
Geschichte kann demnach als Summe der phänome- len (Intellekt) zu einem irrationalen Ordnungsprin-
nalen Ereignisse in der Welt charakterisiert werden, zip (Willen) der Welt vorliegen sieht (vgl. P I, 38).
die aber stets dem ewigen Wesen der Dinge gegen- Zudem werden wie bereits in E II, 271 f., φιλία und
übergestellt ist. Was das bedeutet, zeigt Schopenhau- νεῖκος von Schopenhauer als Ausdruck der Diffe-
ers Bestimmung des Verhältnisses von Geschichte renzierung zwischen Wesenseinheit und empiri-
und Poesie: Die Geschichte habe ihre Wahrheit in der scher Vielheit gemäß dem principium individuatio-
einzelnen Erscheinung, wohingegen die Poesie ihre nis betrachtet (vgl. P I, 39). Besondere Erwähnung
Wahrheit in der Idee habe, die aus allen Einzeldingen findet ferner die Philosophie des Pythagoras, in des-
spreche (vgl. W II, 288). Alfred Schmidt hat diesbe- sen Zahlenlehre Schopenhauer die Basis seiner »Me-
züglich festgehalten, Schopenhauer »betrachtet die taphysik der Musik« sieht (vgl. P I, 42 ff.).
Geschichte als solche, modern gesprochen, als eine § 3: Sokrates (Metaphysik und Empirie): Schopen-
überbauhaft-oberflächliche Struktur, die auf einer hauer stellt Sokrates neben Kant, da beide den Dog-
unbewußten, philosophisch zu enthüllenden Tiefen- matismus verworfen und sich jeder metaphysischen
struktur beruht: auf dem Willen« (Schmidt 2002, Spekulation enthalten hätten (vgl. P I, 46). Seinen ei-
199 f.). Dieser Standpunkt dokumentiert sich eben- genen Standpunkt grenzt er dabei insofern ab, als er
falls in den »Fragmenten«: Es geht Schopenhauer die über die Erfahrung hinausgehende Erkenntnis
nicht um eine erschöpfende historische Darstellung gleichermaßen verleugne, jedoch die der Auslegung
der Philosophiegeschichte, sondern um die Darle- fähige Welt »wie eine Schrift entzifferte« (P I, 46).
gung persönlicher »Gedanken, veranlaßt durch das Diese methodologische Anmerkung gehört zu einer
eigene Studium der Originalwerke« (P I, 36). Daher Vielzahl über das Werk verteilter Stellen, die eine
erfolgt die Abhandlung unter ständiger Maßgabe sei- hermeneutische Lesart Schopenhauers nahezulegen
nes eigenen Werks und erhält eine deutliche histo- scheinen, wie sie in der neueren Forschung des Öfte-
risch-genetische Akzentuierung, in deren Verlauf ren vertreten wurde (s. Kap. IV.B.4).
seine Philosophie sich – durch das Medium histori- § 4: Platon (Sinnlichkeit und Verstand): Der Fokus
scher Systeme hindurch – ›synthetisiert‹. dieses Paragraphen liegt auf der Differenzierung von
Methodisch lässt sich das Werk nach der Einlei- Erkenntnisform und -inhalt (vgl. P I, 48 ff.), welche
tung (§ 1) zweiteilen: Die Darstellungen der wichtigs- erst durch das Konzept der beiden kantischen Er-
ten Positionen der westlichen Philosophie (§ 2–11) kenntnisstämme Sinnlichkeit und Verstand im tran-
exponieren in jedem Paragraphen einen für die Philo- szendentalen Idealismus synthetisiert worden seien
sophie Schopenhauers selbst konstitutiven Aspekt (vgl. P I, 50). Damit verbindet Schopenhauer umge-
(hier jeweils in Klammern gesetzt). Der zweite Teil kehrt eine dezidierte Kritik an der leibbefreiten Er-
(§ 12–14) enthält Abgrenzungen und Auseinander- kenntnis (wie Platons Seelenlehre im Phaidon; vgl.
setzungen mit der Philosophie der Neuzeit (§ 12) und P I, 47 f.) sowie andererseits einer ins Extrem getrie-
Kant (§ 13), während im letzten Paragraphen (§ 14) benen empiristischen Position, die in eine materia-
einige konzise Anmerkungen zu seiner eigenen Philo- listisch ausformulierte Metaphysik (wie bei Condil-
sophie gemacht werden (eine andere Aufteilung wird lac) einmünde (vgl. P I, 50).
von Neymeyr 2008, 1142, vorgeschlagen). § 5/11: Aristoteles (Induktivismus/Deduktivismus):
Inhaltlich bildet dieser Paragraph einen Komplex
mit § 11, da in beiden die historischen Positionen
Erster Teil: § 2–11 von Aristoteles und Bacon einander gegenüberge-
stellt werden (vgl. P I, 54 u. 71 f.). Systematisch er-
§ 2: Vorsokratiker (Transzendentale Ästhetik, Ästhe- füllt diese Gegenüberstellung den Zweck einer wis-
tik der Musik): Unter den Vorsokratikern sind es die senschaftstheoretischen Differenzierung zwischen
130 II. Werk – 6. Parerga und Paralipomena

Deduktivismus und Induktivismus. Dabei gibt Scho- dienen. Dies bewerkstellige man durch verschiedene
penhauer dem Induktivismus (freilich wegen seiner Stufenfolgen im Sinne eines normativen Abstiegs
eigenen Methode) den Vorzug vor dem Deduktivis- von Gott bis zur Welt (vgl. P I, 65). Diese sehr
mus des Aristoteles (vgl. P I, 72). Schopenhauers knappe Kennzeichnung der gnostischen Philosophie
Kritik des Deduktivismus bezieht sich explizit auf erhält auch im übrigen Werk kein ausführlicheres
die Apodiktizität der zugrundeliegenden Allgemein- Komplement. Dennoch ließen sich als Ergänzungen
aussagen (vgl. ebd.). zu den Aussagen über die Gnosis die Erwähnungen
§ 6: Stoiker (Willensverneinung): Da Schopen- in W II, Kap. 48, anführen, wo er sie im Hinblick
hauer in diesem Paragraphen hauptsächlich auf die auf  Pessimismus und Metempsychose zur Geltung
mangelhafte Quellenlage hinsichtlich der stoischen bringt.
Ethik zu sprechen kommt, sind zum Verständnis sei- § 9: Scotus Eriugena (Ewige Gerechtigkeit): Scho-
ner Haltung zur Stoa die Ausführungen in W I, § 16, penhauer zählt Scotus Eriugena als Pantheisten
und W II, Kap. 16, notwendig, auf die er auch selbst nicht zur eigentlichen Scholastik (vgl. Koßler 1999,
verweist (zum Verhältnis von Schopenhauer zur 172; zu Scotus Eriugena vgl. auch HN III, 461–469).
Stoa vgl. Neymeyer 2008). Stoa und Kynismus seien Er sieht das punctum saliens in der Auffassung, das
gleichermaßen durch einen immanenten Eudaimo- endliche Leben habe als Zweck die Erlösung in der
nismus geprägt, der auf die leidensfreie Existenz ab- Rückkehr zu Gott. Die dabei entstehende Erklä-
ziele (vgl. W II, 166 f.). Obschon auf diese Weise die rungsnot hinsichtlich Sünde und Übel resultiere aus
jeweils eine Form von Entsagung lehrenden Maxi- dem im Christentum verwurzelten, originär jüdi-
men von Stoa/Kynismus und Christentum/Indische schen Optimismus, der aber dem eigentlich indi-
Philosophie oftmals zusammenträfen, so grenzt schen Motiv der Welterlösung widerspreche (vgl.
Schopenhauer doch anhand ihrer Grundsätze beide P I, 66). Dieser Widerspruch werde nur dadurch auf-
deutlich voneinander ab. Demzufolge gehen letztere gelöst, dass die Welt als genuin von übler Beschaf-
von der Unmöglichkeit einer leidensfreien Existenz fenheit erkannt wird (vgl. ebd.). Dabei verweist
aus, was sich im Christentum sowie beim Asketen Schopenhauer explizit auf E I, implizit jedoch vor al-
als Streben nach Weltüberwindung artikuliere (vgl. lem auf das Motiv der ewigen Gerechtigkeit in W I,
W II, 174 f.). Diese auch für Schopenhauers Philoso- § 63. Demnach führt das Vorhandensein des Übels
phie charakteristische Disjunktion von weltlicher nicht – wie eben u. a. bei Scotus Eriugena – auf die
Existenz und Leidensfreiheit dokumentiert sich spä- Imputabilität des Menschen aufgrund seiner Freiheit
ter erneut in der Konzeption einer ›Eudaimonologie‹ zurück. Vielmehr spricht sich der Wille grundsätz-
in den Aphorismen zur Lebensweisheit (P I, 331–530; lich durch die Handlungen der (im principium indi-
s. Kap. II.6.6), welche aus diesem Grunde auch keine viduationis befangenen) Individuen in der Vorstel-
›klassische‹, sondern eine ›Sonderform‹ des Eudai- lungswelt als Übel aus (vgl. P I, 68 f.). Der Mensch
monismus darstellt (vgl. Alogas 2014). hat durch seine metaphysisch determinierte Urhe-
§ 7: Neuplatoniker (Indische Philosophie): In den berrolle als Willenswesen das Übel zu verantworten
Lehren der Neuplatoniker liegt nach Schopenhauer und aufgrund dieser »Verschuldung« (W I, 419) ge-
keine eigenständige Philosophie vor, sondern der rechterweise zu erdulden.
Versuch, Weisheiten in die westliche Philosophie § 10: Scholastik (Ideenlehre): Schopenhauer defi-
einzuführen, die originär ›indo-ägyptisch‹ (vgl. P I, niert die Scholastik hier in erster Linie über den Uni-
63) seien. Zu diesem Zweck instrumentalisieren die versalienstreit (vgl. P I, 69; zu Schopenhauers Stel-
Neuplatoniker das Denken Platons, insofern dessen lung zur Scholastik vgl. auch Koßler 1999, 170 ff.;
mystische Aspekte als Verbindungsglied zwischen Aby 1930). Dabei führe der Nominalismus zum Ma-
der indischen und der westlichen Philosophie die- terialismus, eine Auffassung, die sich bereits bei den
nen. Schopenhauer stützt diese Auffassung im An- englischen Empiristen findet. Der Realismus sei
schluss mit Betrachtungen zu Plotin (vgl. ebd., 63; zu demgegenüber die »Erweiterung« (P I, 70) der plato-
Schopenhauers Plotin-Lektüre vgl. Kiefer 1941) und nischen Ideenlehre. Zumindest an dieser Stelle gibt
Iamblichos von Chalkis (vgl. ebd., 64). Schopenhauer allerdings keiner der beiden Positio-
§ 8: Gnosis (Theodizee): Was die Gnostiker anbe- nen einen eindeutigen Vorzug. Eine differenziertere
langt, so vertritt Schopenhauer den Standpunkt, Verortung Schopenhauers in der Kontroverse ließe
dass diese Systeme lediglich zur Vermittlung bzw. sich etwa anhand von W II, 68 f., vornehmen (vgl.
Vereinbarung der Allmacht und Allgüte des christli- dazu auch Aby 1930, § 8).
chen Gotts mit der empirischen Faktizität des Übels
6.2 »Fragmente zur Geschichte der Philosophie« 131

Zweiter Teil: § 12–14 problematisiert Schopenhauer stets durch eine Kon-


trastierung mit seiner eigenen Philosophie, in wel-
§ 12: Die Philosophie der Neueren: Schopenhauer be- cher er diese Ableitung durch das Kausalitätsprinzip
handelt über den Großteil des Paragraphen hinweg als Anschauungsform vornimmt:
die neuzeitliche Philosophie (nacheinander Des- »Auf jene empfundene Veränderung im Sinnesorgane
cartes, Malebranche, Leibniz und Spinoza) im Hin- nämlich wird zunächst, mittelst einer nothwendigen
blick auf die Problematik des Substanzbegriffes, wo- und unausbleiblichen Verstandesfunktion a priori, das
bei er bei allen historischen Positionen einen »Rest« Gesetz der Kausalität angewandt: dieses leitet, mit sei-
(P I, 72) feststellt, der in der jeweiligen Systematik ner apriorischen Sicherheit und Gewißheit, auf eine Ur-
sache jener Veränderung, […] wodurch nun also jene
nicht aufgehe. Der entscheidende Schritt zur Ent- nothwendig vorauszusetzende Ursache sich sofort an-
schlüsselung der Welt, d. h. der einzig »wahre Ein- schaulich darstellt, als ein Objekt im Raume, welches die
gang des Labyrinthes« (P I, 73) sei die Erhebung des von ihr in unsern Sinnesorganen bewirkten Verände-
Willens zum inneren Gehalt der Welt. Diesen (eben rungen als seine Eigenschaften an sich trägt« (P I, 98 f.;
seinen) Punkt wiederum leitet Schopenhauer an- vgl. dazu auch G, § 21).
hand einer kurzen Entwicklungsgeschichte her, die
zunächst auf Berkeley verweist. Dessen entschei- Anschließend werde analog auf den Willen als meta-
dende Subjektivierung des Denkens mache ihn zum physisches Seinsprinzip geschlossen, so dass diese
»Vater des Idealismus« (P I, 82). Berkeleys Denken Erkenntnis zum »Ausleger des Bewußtseyns anderer
sei die Grundlage für die kantische Sonderung des Dinge« (P I, 100) wird.
Subjektiven vom Objektiven durch die Verortung b) Transzendentale Dialektik: Schopenhauer be-
der Substanz als Verstandeskategorie. Das Objektive handelt die transzendentale Dialektik grob nach
verbleibe durch diese Subjektivierung als »ganz dem von Kant vorgenommenen Aufteilungsschema
dunkler Punkt« (P I, 83), als Ding an sich. Sich selbst der transzendentalen Ideen: Seele, Welt, Gott.
spricht Schopenhauer den Abschluss dieser Ent- Zunächst konzentriert sich Schopenhauer hierbei
wicklung zu, nämlich hier noch weiter in das Subjek- auf den Paralogismus der Persönlichkeit (vgl. KrV, A
tive, d. h. in Relation zum Objektiven Unmittelba- 361 f.; bereits vorher findet sich die Auseinanderset-
rere, vorgedrungen zu sein und das im Selbstbe- zung in W I, 559 ff.): Die Beharrlichkeit der Seele zu
wusstsein erkennbare Ding an sich mit dem Willen denken sei nicht möglich, da Fortdauer, Vergehen
identifiziert zu haben (vgl. ebd.). und Beharrlichkeit nur in Bezug auf die Anschau-
§ 13: Einige Anmerkungen zur Kantischen Philoso- ungswelt (die Kombination aus Zeit, Raum und
phie: Dass Schopenhauer in den Fragmenten stets Kausalität) gelten, während deren Anwendung auf
seine eigene Philosophie als Schablone anlegt, doku- immaterielle Dinge (wie die Seele) eine ›Amphibo-
mentiert sich in diesem Paragraphen dahingehend, lie‹ darstelle (vgl. P I, 108 f.).
dass er nicht ausschließlich auf Kant, sondern auf Hinsichtlich der rationalen Kosmologie themati-
eine Transzendentalphilosophie überhaupt abhebt siert Schopenhauer die erste kantische Antinomie
(vgl. P I, 88). Vor allem im weiteren Verlauf der Dar- (KrV, A 424 ff.). Wie er bereits in W I zu erkennen
stellung und Auseinandersetzung mit Kants Philo- gegeben hat, ist die Annahme der Antinomien für
sophie wird deutlich, dass Schopenhauer stets den ihn ein »Scheinkampf« (W I, 585). In der Auflösung
transzendentalen Idealismus eigener Prägung zur der Antinomie (wie bei allen kantischen Antino-
Geltung bringt. Formal lässt sich dieser Paragraph in mien, vgl. dazu auch W I, Anhang, 585) behauptet
zwei Teile gliedern: Der erste Teil (P I, 84–103) be- Schopenhauer die »Wahrheit der ›Antithese‹« und
handelt die Transzendentalphilosophie im Allge- nimmt so den Standpunkt eines (wie Kant schreibt)
meinen sowie die transzendentale Ästhetik. Im zwei- dogmatischen Empirismus (vgl. KrV, B 499) ein.
ten Teil (P I, 103–145) thematisiert Schopenhauer Die Gottesbeweise der rationalen Theologie
die transzendentale Dialektik. schließlich beruhen nach Schopenhauer auf zwei
a) Transzendentale Ästhetik: Bedeutsam sind in Formen des Satzes vom Grunde: Der kosmologische
diesem Hinblick besonders die Abhandlung des Ver- (mit dem lediglich als dessen Zusatz definierten
standes als eines anschauenden Vermögens und die physikotheologischen) Beweis verfolge demnach
Subsumierung der Kausalität unter die apriorischen den Satz vom Grunde des Werdens (vgl. P I, 113).
Anschauungsformen, welche Modifikationen ge- Schopenhauers Kritik daran speist sich aus der Auf-
nuin Schopenhauerscher Provenienz darstellen (vgl. fassung, dass er auf einer fälschlichen Anwendung
P I, 90, 92). Auch Kants Ableitung des Dings an sich des Kausalitätsprinzips auf das Verhältnis zwischen
132 II. Werk – 6. Parerga und Paralipomena

Welt und einer Ursache außerhalb der Welt beruhe. nen (vgl. ebd., 141 f.). Auf diesem Gedanken beruhe
Der ontologische Beweis hingegen verfahre nach auch die Identität von Täter und Dulder (vgl. ebd.),
dem Satz vom Grunde des Erkennens (vgl. ebd.). womit Schopenhauer erneut auf das Konzept der
Der Fehler resultiere dabei aus einer Verwechslung ewigen Gerechtigkeit in W I, § 63, anspielt. Die Un-
der beiden ersten Formen des Satzes vom Grunde zeitgemäßheit der sich aus diesem Gedanken spei-
(vgl. ebd., 116; G, § 7). Die Prädikation der Existenz senden, pessimistischen Perspektive ist ihm dabei
beruhe prinzipiell auf der ersten Form (Kausalität), durchaus bewusst. Er merkt jedoch an, dass das Le-
wohingegen der Beweis lediglich einen logischen ben ihn vor die »Wahl gestellt [habe; K. A.], entwe-
Grund (d. h. Erkenntnisgrund) angebe. der die Wahrheit zu erkennen, aber mit ihr Nieman-
Seine dezidierte Gegnerschaft mit jeder Vermi- den zu gefallen; oder aber, mit den Andern das Fal-
schung von Philosophie und Religion (vgl. W II, sche zu lehren, unter Anhang und Beifall« (P I, 144).
185) so wie auch der Idee einer theologia naturalis
(Schopenhauer ›akzeptiert‹ nur die Offenbarungsre- Literatur
ligion, vgl. dazu z. B. P I, 138) macht Schopenhauer Aby, Heinrich: Schopenhauer und die Scholastik. Heidel-
im Zuge dieses letzten Punktes noch anhand einer berg 1930.
Kritik des Theismus deutlich. Diese besteht in dem Alogas, Konstantin: Enthält Schopenhauers Philosophie ei-
Versuch, die ›Zugeständnisse‹ Kants an die Religion nen Eudaimonia-Begriff? In: Schopenhauer-Jahrbuch 95
gegen jede argumentative Nutzbarmachung durch (2014) (im Erscheinen).
Kant, Immanuel: Werke in sechs Bänden. Hg. von Wilhelm
den Theismus abzuschirmen. So dürfe die Einfüh-
Weischedel. Darmstadt 1983 [KrV: Kritik der reinen Ver-
rung Gottes als eines regulativen Prinzips (vgl. KdU, nunft, Bd. II; KdU: Kritik der Urteilskraft, Bd. V].
§ 87) nicht theistisch beerbt werden, da hierbei die Kiefer, Otto: Schopenhauer und Plotin. In: Schopenhauer-
Attribute des Anthropomorphismus, der Intellektua- Jahrbuch 28 (1941), 247–257.
lität und der Personalität fehlten, welche konstitutiv Koßler, Matthias: Empirische Ethik und christliche Moral.
Würzburg 1999.
für Gott seien (vgl. P I, 122 ff.): »Ein unpersönlicher
Neymeyr, Barbara: Ataraxie und Rigorismus. Schopenhau-
Gott ist gar kein Gott, sondern bloß ein mißbrauch- ers ambivalentes Verhältnis zur stoischen Philosophie.
tes Wort« (P I, 122). Die zweite Stütze des Theismus In: Dies./Jochen Schmidt/Bernhard Zimmermann (Hg.):
in der kantischen Philosophie sei dessen Auffassung Stoizismus in der europäischen Philosophie, Literatur,
von der Unwiderlegbarkeit Gottes (vgl. P I, 128 f.). Kunst und Politik. Bd. 1. Berlin 2008, 1141–1164.
Schopenhauer führt daraufhin drei Argumente ge- Schmidt, Alfred: Arthur Schopenhauer und die Geschichte.
In: Schopenhauer-Jahrbuch 83 (2002), 189–203.
gen eine Annahme Gottes ins Feld, wobei alle mit
der Prämisse der Geschöpflichkeit von Mensch und Konstantin Alogas
Welt arbeiten: (1) die Theodizee-Problematik (vgl.
ebd., 129); (2) die Unmöglichkeit moralischer Zu-
rechnungsfähigkeit angesichts der geschöpflichen
Determiniertheit des Menschen (vgl. ebd., 129 ff.)
und (3) die Fortdauer des Menschen nach dem Tode,
die nur im Falle menschlicher ›Aseität‹ plausibel
denkbar sei und daher wiederum mit dessen Ge-
schöpflichkeit kollidiere (vgl. P I, 131 ff.).
§ 15: Einige Bemerkungen über meine eigene Philo-
sophie: Der Schlussparagraph enthält zunächst einen
konzisen methodischen Abriss hinsichtlich Scho-
penhauers eigener Philosophie. Diese könne man als
»immanenten Dogmatismus« (P I, 139) bezeichnen,
insofern sie zwar dogmatische Lehrsätze enthalte, je-
doch keine transzendente Welt beschreibe. Es
komme ihm darauf an, die Phänomenwelt auf ihren
letzten erfassbaren Gehalt hin zu verfolgen. Sein
Verfahren sei insofern nicht synthetisch, sondern
analytisch (vgl. P I, 140). Im Gegensatz zu den ande-
ren neuzeitlichen Positionen sei der Wille nichts den
Dingen äußerliches, sondern wirke vielmehr in ih-
133

6.3 »Ueber die Universitäts- Wahre Philosophie aber muss von allen Absich-
ten und Zielsetzungen frei sein: »Nie wird man in
Philosophie« der Lösung der Probleme, welche unser so unend-
lich räthselhaftes Daseyn uns von allen Seiten entge-
Die berühmt-berüchtigte Abrechnung Schopenhau- genhält, auch nur einen Schritt weiter kommen,
ers mit der »Universitäts-Philosophie« (ein Aus- wenn man nach einem vorgesteckten Ziel philoso-
druck, der vermutlich von ihm selbst geprägt wurde, phirt« (P I, 204). Diese Auffassung von der Philoso-
vgl. Schneider 1998, 5) wurde im ersten Band der phie als Selbstzweck greift nicht nur die klassische
Parerga und Paralipomena veröffentlicht, in dem im Autonomie der Wahrheitssuche auf, sondern ist ins-
Unterschied zum zweiten Band längere, in sich ge- besondere auch aus Schopenhauers eigener Lehre zu
schlossene Aufsätze ihren Platz haben. Gleich zu Be- verstehen. Nach ihr steht das Erkennen normaler-
ginn der Schrift stellt Schopenhauer »die Philoso- weise im Dienst des Willens, d. h. es ist von Absich-
phie als Profession der Philosophie als freier Wahr- ten und Zwecken geleitet. Nur in seltenen Ausnah-
heitsforschung, oder die Philosophie im Auftrage mefällen, beim künstlerischen Genie, beim heiligen
der Regierung der Philosophie im Auftrage der Na- Asketen und beim echten Philosophen geschieht es,
tur und der Menschheit« (P I, 149) gegenüber. Diese dass das Erkennen sich vom Willen löst und da-
Konfrontation zieht sich durch die ganze Abhand- durch eine »willensfreie Aktivität des Intellekts«
lung hindurch, die zu dem Schluss kommt, dass der möglich wird, die »die Bedingung der reinen Objek-
Unterricht in Philosophie an den Universitäten der- tivität und dadurch aller großer Leistungen ist« (P I,
selben eher abträglich ist und daher »streng zu be- 189). Ihnen steht die große Masse der »normalen«
schränken« sei »auf den Vortrag der Logik, als einer Menschen gegenüber, die »Fabrikwaare der Natur«,
abgeschlossenen und streng beweisbaren Wissen- die Schopenhauer drastisch charakterisiert: »so Ei-
schaft, und auf eine ganz succinte vorzutragende und ner mit der normalen Ration von drei Pfund groben
durchaus in Einem Semester von Thales bis Kant zu Gehirns, hübsch fester Textur, in zolldicker Hirn-
absolvirende Geschichte der Philosophie, damit sie, schaale wohl verwahrt, beim Gesichtswinkel von
in Folge ihrer Kürze und Uebersichtlichkeit, den ei- 70°, dem matten Herzschlag, den trüben, spähenden
genen Ansichten des Herrn Professors möglich we- Augen, den stark entwickelten Freßwerkzeugen, der
nig Spielraum gestatte« (P I, 208). stockenden Rede und dem schwerfälligen Gange, als
Den Grund für die Schädlichkeit der Universitäts- welcher Takt hält mit der Krötenagilität seiner Ge-
philosophie sieht Schopenhauer zum einen in der danken« (P I, 209). Philosophie zu betreiben erfor-
Abhängigkeit der »Kathederphilosophen« von der sie dert besondere, seltene Anlagen: Es ist die »Aristo-
besoldenden Regierung, durch die sie gezwungen kratie der Natur«, die »den hohen Beruf des Nach-
sind ihre Lehre nach deren Zwecken auszurichten denkens über sie« nur wenigen erteilt (P I, 189).
und insbesondere »mit durchgängiger Rücksicht auf Die Universität kann dieser Auffassung von einer
die Landesreligion« (P I, 150) vorzutragen. Zum an- »Philosophie im Auftrage der Natur« nicht entspre-
deren ist es überhaupt der Umstand, dass die Univer- chen. Die Bezahlung von Professoren durch den
sitätslehrer die Philosophie zu ihrem »Brodgewerbe« Staat ist gerade im Fall der Philosophie mit Erwar-
(P I, 164) machen, was – wie Schopenhauer mit einer tungen und Absichten verknüpft, weil »kein Lehr-
Reihe von Zitaten antiker Philosophen, angefangen fach auf die innere Gesinnung der künftigen gelehr-
mit Platons Kritik an den Sophisten, belegt – der ten, also den Staat und die Gesellschaft eigentlich
wahren Philosophie nicht ziemt. Seine eigene Kritik lenkenden Klasse so viel Einfluß habe, wie gerade
ist allerdings ungleich schärfer, wenn er von »jenen dieses« (P I, 205 f.). Gegen diese Absichten ist nach
zu Staatszwecken gedungenen Geschäftsmännern Schopenhauer im Grunde auch nichts einzuwenden
der Katheder, die mit Weib und Kind von der Philo- (vgl. P I, 157), aber für die Philosophie hat das nicht
sophie zu leben haben« (P I, 158) spricht oder von nur zur Folge, dass sie durch unfähige oder mittel-
den »Herren der lukrativen Philosophie« (P I, 159). mäßige Denker öffentlich repräsentiert wird, son-
Immer wieder kommt er auf den Punkt zurück, dass dern dass die Taktiken, ihresgleichen Bedeutung zu
diejenigen, »die von der Philosophie leben wollen, verschaffen, und der Eifer, den Interessen des Staats
höchst selten eben Die seyn werden, welche eigent- zuwiderlaufende Wahrheiten zu unterdrücken, die
lich für sie leben« (P I, 192) weil »die Einsichten bald wenigen zur Philosophie Befähigten behindern. Zu
genug aus dem Felde geschlagen sind, wenn man Ab- diesen Taktiken zählt Schopenhauer die Bildung von
sichten gegen sie aufmarschieren läßt« (P I, 178). Cliquen und Koalitionen, innerhalb derer man sich
134 II. Werk – 6. Parerga und Paralipomena

gegenseitig zitiert und hochjubelt, die Ausbildung seiner akademischen Karriere zu erklären. Bei sei-
eines schwierig und gelehrt klingenden »Jargons« nem Antritt an der Berliner Universität hatte er sich
(P I, 169), das Verbergen der Inhalts- und Ratlosig- als »Rächer« (VN I, 58) der Philosophie angekün-
keit unter leeren Phrasen und Worten und die Be- digt, der ihr wieder zu Glanz und Ansehen verhilft;
mächtigung der Publikationsorgane. Diese auch doch der geplante große Auftritt fiel ins Wasser:
heute noch durchaus aktuellen Erscheinungen des Seine zeitgleich mit dem Hauptkolleg Hegels gelegte
Wissenschaftsbetriebs fasst Schopenhauer unter Vorlesung wurde nicht besucht und sein Hauptwerk
dem Ausdruck »Spaaßphilosophie« (P I, 167) zu- in der akademischen Öffentlichkeit kaum zur
sammen, der er den »furchtbaren Ernst, mit wel- Kenntnis genommen. Dass seine Abneigung gegen
chem das Problem des Daseyns den Denker ergreift die Universitätsphilosophen von der Verbitterung
und sein Innerstes erschüttert« (P I, 169) gegenüber- über dieses Scheitern genährt wurde, wird von Scho-
stellt. penhauer auch gar nicht verhohlen: »Der Spaaß bei
Wenn die Polemik Schopenhauers gegen die Uni- der Sache ist, daß diese Leute sich Philosophen nen-
versitätsphilosophie somit auch sachliche und prin- nen, als solche auch über mich urtheilen, und zwar
zipielle Argumente enthält, so hat ihre Schärfe doch mit der Miene der Superiorität, ja, gegen mich vor-
persönliche und zeitgebundene Hintergründe; frei- nehm thun und vierzig Jahre lang gar nicht würdig-
lich ist Schopenhauer bekannt für seinen beißenden ten auf mich herabzusehn, mich keiner Beachtung
Spott und die sprachlich ausgefeilten Grobheiten, werth haltend« (P I, 152).
aber die Schrift gegen die Universitätsphilosophie Es wäre jedoch falsch, die Abneigung Schopen-
ragt in dieser Hinsicht noch heraus; sie liest sich hauers gegen die Universitätsphilosophie allein auf
über weite Strecken wie eine bloße Schmähschrift Verbitterung oder gar Neid zurückzuführen. Bereits
gegen die Philosophen des Deutschen Idealismus, geraume Zeit vor den enttäuschenden Ereignissen,
insbesondere gegen den »plumpe[n] und ekelhaf- als er im Anschluss an seine Promotion zu einer
te[n] Scharlatan Hegel« (P I, 179) und dessen »Af- Vorlesungstätigkeit in Jena angeregt wurde, betrach-
terphilosophie« (P I, 173). Selbst wo der Name Hegel tete er es eher als eine auferlegte »Pflicht […] eine
nicht fällt, etwa bei der oben angeführten Beschrei- Akademische Laufbahn anzutreten« (GBr, 10), und
bung des ›Normalmenschen‹, ist der Bezug auf ihn später in Briefen, in denen er sich an verschiedenen
deutlich. Hinzu kommt, dass Schopenhauer nicht Universitäten nach der Möglichkeit einer Habilita-
immer derart ablehnend gegenüber der Universi- tion erkundigte, ließ er die Empfänger wissen, dass
tätsphilosophie eingestellt war. Als er seine Kauf- er »ganz außerordentlich gering« von den Philoso-
mannslehre abgebrochen hatte und sich auf die lang phen denke, die »unmittelbar in und auf ihre Zeitge-
ersehnten Studien am Gymnasium und an den Uni- nossen eine Wirkungssphäre suchen«, während das
versitäten warf, war es natürlich nicht sein Ziel, Pri- »Streben des eigentlichen Gelehrten auf die Mensch-
vatgelehrter zu bleiben, sondern er wollte an der heit im Ganzen zu allen Zeiten und in allen Ländern
Universität lehren, und zwar an der neuen, führen- gerichtet sein müsse« (GBr, 44 f.). Wie später in der
den Universität in Berlin, an der Fichte gelehrt hatte Schrift über die Universitätsphilosophie, so wird
und Hegel gerade lehrte. Auch wenn er bald keine auch hier schon dem geschriebenen Werk der Vor-
Vorlesungen mehr hielt, so blieb Schopenhauer rang vor der akademischen Tätigkeit gegeben (vgl.
doch 12 Jahre lang dort Privatdozent. Später ver- Koßler 2013, 220; Schneider 1998, 43). Letztlich war
suchte er ohne Erfolg, sich nach Würzburg und Hei- Schopenhauers Einstellung zur akademischen Aner-
delberg umzuhabilitieren (s. Kap. I.3). Erst Ende der kennung zwiespältig, wie er in einer Aufzeichnung
1820er Jahre finden sich die ersten Angriffe auf die nach zwei erfolglosen Jahren an der Universität
Universitätsphilosophie (vgl. HN III, 585), die nach selbst feststellt:
dem Tode Hegels, vor allem im Zusammenhang mit
»Wenn ich zu Zeiten mich unglücklich gefühlt, so ist
den zahlreichen Entwürfen von Vorreden für eine dies mehr nur vermöge einer méprise, eines Irrthums
zweite Auflage des Hauptwerks, zahlreicher werden in der Person geschehen, ich habe mich dann für einen
und teilweise später in die veröffentlichte Schrift ein- Andern gehalten, als ich bin, und nun dessen Jammer
gehen (vgl. HN IV (1), 128, 158, 172). beklagt: z. B. für einen Privatdocenten, der nicht Profes-
Es liegt nahe, die Wendung gegen die Universi- sor wird und keine Zuhörer hat […] Wer aber bin ich
denn? Der, welcher die Welt als Wille und Vorstellung
tätsphilosophie und die Wut auf die Professoren aus geschrieben und vom großen Problem des Daseyns eine
dem Umkreis des Deutschen Idealismus mit Scho- Lösung gegeben hat, welche vielleicht die bisherigen
penhauers eigenem Misserfolg und dem Scheitern antiquiren, jedenfalls aber die Denker der kommenden
6.3 »Ueber die Universitäts-Philosophie« 135

Jahrhunderte beschäftigen wird. Der bin ich, und was Damit wurde das Prinzip der Wahrheit, unter dem
könnte den anfechten in den Jahren, die er noch zu ath- die unteren Fakultäten standen, mit dem den oberen
men hat?« (HN IV (2), 109)
Fakultäten (Theologie, Jurisprudenz und Medizin)
Sicher wird auch die unter selbständigen Unterneh- obliegenden gesellschaftlichen Interesse vermengt
mern verbreitete Verachtung gegen Staatsdiener und (vgl. Kopper 1988, 22 f.). Nicht zufällig waren Fichte
deren Abhängigkeit einen Einfluss auf Schopenhau- und Hegel, die mit einer »Wissenschaftslehre« oder
ers Urteil gehabt haben, bedenkt man, dass sein Va- einem »System der Wissenschaft« die Totalität der
ter seiner unternehmerischen Freiheit zuliebe das öffentlichen Vernunft repräsentieren wollten, Rekto-
Angebot des preußischen Königs auf die Staatsbür- ren der Berliner Universität (vgl. Schneider 1998, 19;
gerschaft ausschlug und die Stadt Danzig verließ; Mehring 2008, 271 f.). Die Blütezeit der neuhuma-
diese Haltung, die in dem Wappenspruch der Fami- nistischen Universität währte indessen nicht lange.
lie »Kein Glück ohne Freiheit« (s. Kap. I.1) Ausdruck Als Schopenhauer Privatdozent wurde, lagen die
fand, kehrt auch in Schopenhauers Forderung wie- Karlsbader Beschlüsse, mit denen der Staat restriktiv
der, dass der Wahrheit »die Atmosphäre der Freiheit in das Bildungswesen eingriff, gerade ein Jahr zu-
unentbehrlich« (P I, 161) sei, die das Besoldungsver- rück. In der Folgezeit, und verstärkt nach dem Re-
hältnis des Philosophie-Professors ausschließe. In gierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. (1840) wurde
einer geplanten Widmung der zweiten Auflage des versucht, die klassische Bildung zugunsten einer
Hauptwerks dankt er seinem Vater für die Erbschaft, wieder stärker an der Religion ausgerichteten Lehre
die ihn davor bewahrt habe, »wetteifernd mit médio- zurückzudrängen, was schließlich nach der geschei-
cre & rampant vor Ministern und Räthen zu krie- terten Revolution von 1848 in eine reaktionäre Bil-
chen« (HN III, 379 f., vgl. 538). Darüber hinaus sind dungspolitik mündete. Bei der dominanten Rolle
jedoch auch die historischen Verhältnisse an den der Philosophie geriet sie natürlich in besonderem
Universitäten zu berücksichtigen. Die Parerga und Maße unter den staatlichen Druck, diese Entwick-
Paralipomena erschienen ein Jahr nach dem Mate- lung zu tragen und zu befördern.
rialismusstreit, auf den Schopenhauer auch implizit Schopenhauer sieht die Gefahren, die entstehen,
Bezug nimmt, wenn er den damaligen philosophi- wenn die Philosophie eine so herausgehobene Stel-
schen und literarischen Zustand beschreibt: lung an der Universität erlangt hat, dass sie für den
»Unwissenheit mit Unverschämtheit verbrüdert an der Staat und seine Zwecke interessant wird (vgl. Schnei-
Spitze, Kamaraderie an der Stelle der Verdienste, völlige der 1998, 21). Als freies Denken des Einzelnen kann
Verworrenheit aller Grundbegriffe, gänzliche Desorien- sie die Erwartungen der Regierung nicht erfüllen,
tation und Desorganisation der Philosophie, Plattköpfe und in vermeintlich unbeschränkter Macht auf dem
als Reformatoren der Religion, freches Auftreten des Gebiet des Wissens den Interessen des Staates die-
Materialismus und Bestialismus, Unkenntniß der alten
Sprachen und Verhunzen der eigenen« (P I, 187). nend droht sie zur Scharlatanerie zu werden, wie sie
Schopenhauer Hegel vorwirft (vgl. Kopper 1988,
Die Zeit, in der Schopenhauer seine Vorwürfe gegen 26 f.). Darin liegt der tiefere Grund für Schopenhau-
die Philosophie-Professoren erhebt, ist eine, in der ers Forderung nach einer Beschränkung der Lehrtä-
sich in Deutschland die Universitäten und ihr Ver- tigkeit von Philosophie-Professoren auf Logik und
hältnis zu Staat und Kirche stark veränderten. 1810 Philosophiegeschichte, die mit der sich im 19. Jahr-
war unter der Ägide von Wilhelm von Humboldt in hundert vollziehenden »Historisierung der Ver-
Berlin die erste Universität eines neuen Typus ge- nunft« (vgl. Schneider 1998) gewissermaßen erfüllt
gründet worden, die bald weitere Gründungen nach wird. Auch die Einschätzung Schopenhauers, dass
sich zog. Die neuen Universitäten waren größer und echte Philosophie nicht an den Universitäten, son-
weniger auf Ausbildung zu Berufen als auf Bildung dern privat betrieben wird, dass »von jeher sehr we-
und Erziehung des ganzen Menschen ausgerichtet nige Philosophen Professoren der Philosophie gewe-
(vgl. Paulsen 1921, 238 f.). Dadurch wurden die un- sen sind, und verhältnismäßig noch weniger Profes-
teren Fakultäten aufgewertet, und da das Bildungs- soren der Philosophie Philosophen« (P I, 161) erhält
ideal sich am klassischen Griechentum orientierte, eine Bestätigung durch die Folgen der reaktionären
gelangten Philosophie und die klassischen Philolo- Bildungspolitik: Nach dem Zusammenbruch des
gien in eine führende Stellung an der Universität. Deutschen Idealismus bis zum Ende des 19. Jahr-
Die Philosophie erhob den Anspruch, anstelle der hunderts kamen in der Tat die wesentlichen Impulse
durch die Aufklärung zurückgedrängten Offenba- für die Philosophie von Denkern, die außerhalb der
rungsreligion die Welt zu deuten und zu erklären. Universität standen (vgl. Kopper 1988, 21), wie ne-
136 II. Werk – 6. Parerga und Paralipomena

ben Schopenhauer selbst etwa Feuerbach, Marx und »spekulativen Theologie« (P I, 196) oder des »Ken-
Kierkegaard. tauren« (P I, 153) Religionsphilosophie, sondern in-
Schopenhauers Haltung zu diesen Entwicklungen dem sie »keinen anderen Zweck als die Wahrheit«
an den Universitäten ist nicht frei von Vereinfachun- (P I, 158) kennt, dann sollte der Staat sich ganz her-
gen und Widersprüchlichkeiten. So werden von ihm aushalten, die Philosophie gewähren lassen, »ohne
unterschiedslos alle negativen Begleiterscheinungen Beihülfe, aber auch ohne Hindernisse« (P I, 208).
und Folgen für die Philosophie dem Deutschen Idea- Dass dann einmal eine Universitätsphilosophie
lismus und insbesondere der »Hegelei« (P I, 177 ff.) möglich wäre, die anders zu beurteilen wäre als der
angelastet. Hegel ist für ihn paradigmatisch, weil er Zustand, den Schopenhauer zu seiner Zeit geißelt,
zum einen die Universität im Sinne der neuen Rolle schließt er nicht aus, wenn er in der Vorrede zum
der Philosophie geradezu unumschränkt beherrschte, Hauptwerk schreibt: »Damit aber meine Philosophie
und zum anderen, weil er mit seiner »empörenden selbst kathederfähig würde, müßten erst ganz andere
Lehre […] daß die Bestimmung des Menschen im Zeiten heraufgezogen seyn« (W I, XXVIII).
Staat aufgehe, – etwan wie die der Biene im Bienen-
stock« (P I, 164) eine »Apotheose des ›Staats‹« (P I, Literatur
205) betrieben habe, die genau zu einer Philosophie Kopper, Joachim: Ist Schopenhauers Philosophie katheder-
im Auftrag der Regierung passt. Dabei übersieht er, fähig? In: Schopenhauer-Jahrbuch 69 (1988), 21–28.
dass die Vormachtstellung der Philosophie sich der Koßler, Matthias: Philosophie im Auftrage der Natur und
Reformen verdankte, die von der konservativen Re- Philosophie im Auftrage der Regierung – Schopenhau-
gierung gerade zurückgenommen wurden, und ver- ers Kritik der Universitätsphilosophie. In: Schopen-
hauer-Jahrbuch 94 (2013), 217–228.
schweigt, dass die Philosophie Hegels auch religions-
Mehring, Reinhard: Die Berliner Universitätsphilosophie
kritische Momente hat, die im Linkshegelianismus als Geschichte und als Mythos. In: István M. Fehér/Peter
weitergeführt wurden; Schopenhauer wusste sehr L. Oesterreich (Hg.): Philosophie und Gestalt der Europäi-
wohl, dass auch Hegelianer unter den Repressionen schen Universität. Stuttgart-Bad Cannstatt 2008, 253–
des Staates zu leiden hatten (vgl. P I, 155). 283.
Paulsen, Friedrich: Geschichte des gelehrten Unterrichts auf
Trotz seiner Kritik an den Folgen, die ihre heraus-
deutschen Schulen und Universitäten vom Ausgang des
ragende Rolle nach der Universitätsreform mit sich Mittelalters bis zur Gegenwart. Bd. 2. Berlin/Leipzig
bringt, stimmt Schopenhauer aber grundsätzlich 3
1921.
dem Anspruch der Philosophie auf Deutungshoheit Schneider, Ulrich Johannes: Philosophie und Universität.
zu und unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht Historisierung der Vernunft im 19. Jahrhundert. Ham-
von Hegel (s. Kap. III.11): Indem ihr Problem »das burg 1998.
Matthias Koßler
selbe ist, worüber auch die Religion, in ihrer Weise,
Aufschluß ertheilt« (P I, 150), begründet die Philo-
sophie »die Denkungsart des Zeitalters« (P I, 166).
Aber Schopenhauer sieht dies noch als eine Aufgabe
an, die, wenn überhaupt, nicht an der Universität
erfüllt werden kann, weil den Beruf dazu »nur die
Natur, nicht aber das Ministerium des öffentlichen
Unterrichts ertheilen kann« (P I, 193). Zugleich
schränkt er – und das unterscheidet ihn von Hegel –
den Anspruch der Philosophie auch aufgrund seiner
vernunftkritischen Konzeption wieder ein, wenn er
als weiteres Argument gegen die Universitätsphilo-
sophie anführt: »Aber eine Wissenschaft, die noch
gar nicht existirt, die ihr Ziel noch nicht erreicht hat,
nicht einmal ihren Weg sicher kennt, ja deren Mög-
lichkeit noch bestritten wird, eine solche Wissen-
schaft durch Professoren lehren zu lassen ist eigent-
lich absurd« (ebd.).
Wenn trotz dieser Skepsis die Philosophie die ein-
heitsstiftende Funktion der Religion übernehmen
soll, nicht im Auftrag der Regierung in Form einer
137

6.4 »Transscendente Spekulation Grunde, in allen seinen Bedeutungen, die wesentli-


che Form unseres Erkenntnißvermögens ist, hier
über die anscheinende aber aufgegeben werden soll« (E, 48 (Lü)). Insofern
Absichtlichkeit im Schicksal sei alles vorherbestimmt, wenn auch aufgrund der
des Einzelnen« Vielzahl der regelförmig ablaufenden Kausalverket-
tungen nicht überschaubar. Hierzu ist anzumerken,
dass der demonstrable Fatalismus keine Antwort auf
Im ersten Band der Parerga und Paralipomena folgt die Frage nach dem Sinn des Schicksals für das Indi-
dem hier besprochenen vierten Kapitel der »Versuch viduum bietet, er dient nur als propädeutische Vor-
über das Geistersehn und was damit zusammen- bemerkung für die Ausführungen Schopenhauers
hängt« (s. Kap. II.6.5). In beiden Kapiteln bezieht zum transzendenten Fatalismus, der die eigentliche
Schopenhauer auch prophetische Träume, Hellse- metaphysische Begründung für das Schicksal des
hen und verwandte Phänomene in seine Überlegun- Einzelnen liefert.
gen ein. Während der »Versuch« stärker auf empiri- Der transzendente Fatalismus ergebe sich nicht
sche Belege zugreift und eine physiologische Traum- aus theoretischer Erkenntnis, sondern aus der Er-
theorie entwickelt, hebt Schopenhauer bereits im fahrung außergewöhnlicher Situationen und Um-
Titel des hier besprochenen Kapitels den spekulati- stände, deren Außergewöhnlichkeit vom Indivi-
ven Charakter der Abhandlung über die »anschei- duum deshalb bemerkt wird, weil sie ihm förderlich
nende Absichtlichkeit« hervor, in der der imma- sind und daher von moralischer oder innerer Not-
nente, empirische Standpunkt zugunsten einer, so wendigkeit gekennzeichnet scheinen, aber auch
Schopenhauer, »metaphysischen Phantasie« (P I, ganz zufällig sind (vgl. P I, 206 (Lü)). Im Rückblick
203 (Lü)) aufgegeben wird. Doch wäre es verfehlt, sehe es aus, als habe eine »fremde Macht« (P I, 210
aus dem für Sigmund Freuds »Jenseits des Lustprin- (Lü)) den Einzelnen mittels der Umstände gelenkt.
zips« maßgeblichen Aufsatz (vgl. Atzert 2005) einen Dies sei ein Erfahrungswert, der nicht der ordnen-
unkritischen Hang Schopenhauers zur Esoterik her- den Phantasie zugeschrieben werden könne, denn
auszulesen. In der Betonung der Vermeintlichkeit ein projizierendes Denken wäre nicht in der Lage,
der Absichtlichkeit äußert sich die Skepsis, mit der sich die ganz besonderen, individuell angepassten
er nicht erst seiner Erklärung, sondern bereits der Umstände einfallen zu lassen: Das Verwunderliche
Themenstellung begegnet. Hinter dem, was nur sei doch, dass Inneres und Äußeres ineinandergrif-
scheinbar Absicht ist, eine übernatürliche Lenkung fen, »durch eine im tiefsten Grunde der Dinge lie-
zu vermuten, sei nichts als »das Kind unsrer Bedürf- gende Einheit des Zufälligen und Nothwendigen«
tigkeit« (P I, 203 (Lü)). Tatsächlich werde die Welt (P I, 209 (Lü)). Die Einheit von Notwendigkeit und
vom Zufall regiert, wobei allerdings zu berücksichti- Zufall erkennt Schopenhauer darin wieder, dass sich
gen sei, dass der Mensch Situationen, in denen sich die »eigenthümliche Individualität jedes Menschen
ein Unglück erst im Nachhinein als Glück heraus- in physischer, moralischer und intellektueller Hin-
stelle, als Irrtümer auffasse, wodurch dieser zum sicht« aus der Verbindung des »moralischen Cha-
Mitregenten des Weltherrschers Zufall werde (vgl. rakters des Vaters« und »der intellektuellen Fähig-
P I, 204 (Lü)). keit der Mutter« ergebe, »die Verbindung dieser El-
Nach diesen einführenden apodiktischen Spitzen tern nun aber, in der Regel, durch augenscheinlich
verfolgt Schopenhauer umso schlüssiger den nach zufällige Umstände herbeigeführt worden ist. Hier
eigener Aussage verwegensten aller Gedanken, dem also drängt sich uns die Forderung, oder das meta-
Zufall eine Absicht zu unterstellen. Zur philosophi- physisch-moralische Postulat, einer letzten Einheit
schen Begründung zieht er zuerst seine Theorie des der Nothwendigkeit und Zufälligkeit unwidersteh-
demonstrablen Fatalismus heran und entwickelt lich auf« (P I, 211 (Lü)). So ist »das Zufälligste […]
dann den sogenannten transzendenten Fatalismus. nur ein auf entfernterem Wege herangekommenes
Ersterer bedeutet, dass alles Geschehen strenger Nothwendiges« (P I, 215 (Lü)), jedoch nicht »durch
Notwendigkeit folge. Der sogenannte freie Wille sei Erkenntniß geleitet, sondern vermöge einer aller
ja deshalb unfrei, weil er, wie aus dem Satz vom Möglichkeit der Erkenntniß vorhergängigen Noth-
Grunde hervorgehe, an Ursachen gebunden sei. Ein wendigkeit höherer Art« (P I, 214 (Lü)).
tatsächlich freier Wille wäre zwar nicht durch Ursa- Die Überlegungen, die in der »Spekulation« veröf-
chen bestimmt, aber »bei diesem Begriff geht das fentlicht wurden, stehen z. T. im 1828 begonnenen
deutliche Denken uns deshalb aus, weil der Satz vom Band »Adversaria« des Handschriftlichen Nachlaß.
138 II. Werk – 6. Parerga und Paralipomena

Dort lesen wir, dass neben dem objektiven Zusam- dern lediglich, dass sich der Wille der Vergänglich-
menhang der natürlichen Bedingungen (dem de- keit und Endlichkeit der Individualität bewusst ist.
monstrablen Fatalismus) auch ein subjektiver Zusam- Die Endlichkeit wird hierbei nicht abgewertet, es
menhang (der transzendente Fatalismus) bestehe, geht nicht um den großen Gegensatz zwischen
»der nur in Bezug auf das sie [d. h. die jeweiligen Um- Scheinbarkeit und Wirklichkeit, sondern darum,
stände; S. A.] erlebende Individuum vorhanden ist, und dass die große Wahrheit der Vergänglichkeit vom
so subjektiv als dessen eigene Träume, in welchen je- Individuum gelernt werden soll. Sinn der schicksal-
doch ihre Succession und Inhalt ebenfalls nothwendig haften Fügung ist somit nicht in den spezifischen
bestimmt ist, grade so wie der dramatische Dichter die Umständen und Begebenheiten zu suchen: »Bleiben
Succession der Scenen willkürlich bestimmt: in diesem
Fall aber ist der dramatische Dichter der eigene Wille wir bei den einzelnen Fällen stehn; so scheint es oft,
eines Jeden auf einem Standpunkt, der nicht in sein Be- daß sie nur unser zeitliches, einstweiliges Wohl im
wußtsein fällt. Daß nun jene beiden Arten des Zusam- Auge habe. Dieses jedoch kann, wegen seiner Ge-
menhangs zugleich bestehn und dieselbe individuelle ringfügigkeit, Unvollkommenheit, Futilität und Ver-
Begebenheit, als ein Glied zweier ganz verschiedener gänglichkeit, nicht im Ernst ihr letztes Ziel seyn: also
Ketten, stets in beiden zugleich genau paßt, ist ein Wun-
der aller Wunder, und die wahre harmonia praestabili-
haben wir dieses in unserm ewigen, über das indivi-
ta« (HN III, 580; vgl. P I, 220 f. (Lü)). duelle Leben hinausgehenden Daseyn zu suchen«
(P I, 223 (Lü)). Das Ziel ist weder der Erhalt der har-
Der Traum dient auch in der »Spekulation« als Bei- monia praestabilita, noch die Voraussagung des Zu-
spiel zur Erhärtung der These vom transzendenten künftigen, die Schopenhauer aufgrund des demon-
Fatalismus. Am Beispiel des Traums werde ersicht- strablen Fatalismus für durchaus möglich, aber nur
lich, dass der Wille dem Individuum als der »heimli- in Ausnahmefällen verwirklicht, erachtet. Laut Scho-
che Theaterdirektor seiner Träume« (P I, 219 (Lü)) penhauers Philosophem vom Quietiv des Willens
eine Inszenierung vorführe, aber auch in der Wirk- liegt die Absicht des »ewigen, über das individuelle
lichkeit des Wachens als Schicksal auftrete. Scho- Leben hinausgehenden Daseyns« darin, die ange-
penhauer wählt für Traum und Wachen ähnliche sichts des Todes geforderte innere Entsagung zu för-
Formulierungen. Wie im obigen Zitat aus dem dern: »Da wir nun […] das Abwenden des Willens
Handschriftlichen Nachlaß schreibt er über den vom Leben als das letzte Ziel des zeitlichen Daseyns
Traum, dass der Wille ihn inszeniere, und zwar »von erkannt haben; so müssen wir annehmen, daß dahin
einer Region aus, die weit über das vorstellende Be- ein Jeder, auf die ihm ganz individuell angemessene
wußtseyn im Traume hinausliegt und daher in die- Art, also auch oft auf weiten Umwegen, allmälig ge-
sem als unerbittliches Schicksal auftritt« (P I, 239 leitet werde« (P I, 224 (Lü)). Der als Schicksal auftre-
(Lü)). Gleiches könne ebenfalls auf den Wachzu- tende Wille stellt sicher, dass das Individuum die von
stand zutreffen, nämlich dass »auch jenes Schicksal Schopenhauer erkannte Verneinung des Willens er-
welches unsern wirklichen Lebenslauf beherrscht, lernt, wozu hauptsächlich die wiederholte Begeg-
irgendwie zuletzt von jenem Willen ausgehe, der un- nung mit dem Leiden dient: »Da nun ferner Glück
ser eigener ist, welcher jedoch hier, wo er als Schick- und Genuß diesem Zwecke eigentlich entgegenar-
sal aufträte, von einer Region aus wirkte, die weit beiten; so sehn wir, Diesem entsprechend, jedem Le-
über unser vorstellendes, individuelles Bewußtseyn benslauf Unglück und Leiden unausbleiblich einge-
hinausliegt […]« (P I, 219 (Lü)). Dadurch, dass der webt, wiewohl in sehr ungleichem Maaße« (P I, 224
Wille von einer Region jenseits des individuellen (Lü)). Es lässt sich hinzufügen, dass auch Glück und
Wachbewusstseins wirkt, ergeben sich Konflikte mit Genuss dem Leiden verwandt sind, da sie unweiger-
dessen Zielen und dem ihm verbundenen Eigenwil- lich als endlich erfahren werden müssen, da hinter
len, der sich verbissen aber aussichtslos gegen das allem der Tod lauert: »So geleitet dann jene unsicht-
übermächtige Schicksal stemmt. Das Schicksal wird bare und nur in zweifelhaftem Scheine sich kund ge-
vom Willen bestimmt, als »unserm leitenden Ge- bende Lenkung uns bis zum Tode, diesem eigentli-
nius, […] welcher das individuelle Bewußtseyn weit chen Resultat und insofern Zweck des Lebens« (P I,
übersieht und daher, unerbittlich gegen dasselbe, als 224 (Lü)). Der Tod ist nicht das Ziel, sondern der
äußern Zwang Das veranstaltet und feststellt, was Zweck des Lebens, er strahlt dadurch, im Sinne
herauszufinden er demselben nicht überlassen Schopenhauers, in das Leben ein, schafft die not-
durfte und doch nicht verfehlt wissen will« (P I, wendige Distanz zu Leid und Glück.
219 f. (Lü)). Dies bedeutet nicht die Umwertung des Die »Spekulation« ist eine Anwendung der Philo-
Willens zu einem Ersatz göttlicher Vorsehung, son- sophie Schopenhauers, die außerhalb des eigentli-
139

chen Systems steht. Für Schopenhauers Denken gilt 6.5 »Versuch über das
grundsätzlich, was er im Handschriftlichen Nachlaß
schrieb: »Wenn ich mich besinne; so ist es der Welt- Geistersehn und was
geist der zur Besinnung kommen will, die Natur, die damit zusammenhängt«
sich selbst erkennen und ergründen will. Es sind
nicht Gedanken eines andern Geistes, denen ich auf Wie bei Kant, Fichte, Friedrich Schlegel, Schelling
die Spur kommen will: sondern das was ist will ich und Hegel sowie bei beinahe allen prominenten
zu einem Erkannten, Gedachten umwandeln, was es Vertretern der literarischen deutschen Romantik
außerdem nicht ist, noch wird« (HN III, 402). Und fanden auch bei Schopenhauer die unter dem ge-
doch bietet die spekulative Auseinandersetzung mit meinsamen Namen »animalischer Magnetismus«
dem Willen einen bereichernden Wechsel der Per- zusammengefassten Phänomene starke Beachtung
spektive, um von der Todesverbundenheit alles Le- (vgl. Ellenberger 1981, 159). Erstaunt und zutiefst
benden zu sprechen. Unter Einbeziehung des Todes berührt soll er beim Anblick der »wundervollen
lässt sich die Notwendigkeit der wechselhaften Beispiele magischer Kraft« (Schröder 1957) gewe-
Glücksumstände des Daseins verstehen, die Akzep- sen sein, wenn der bekannte italienische Magneti-
tanz und Lösung vom Eigenwillen erfordern. Scho- seur Regazzoni »die unmittelbare, also magische
penhauer unternimmt in der »Spekulation« eine Gewalt seines Willens über andere« (N, 427 f. (Lö);
philosophische Gratwanderung, mit der er sich dem vgl. Cartwright 2010, 445 ff.) ausübte. Schopen-
Unsagbaren annähert, ähnlich wie es Freud später hauer war überzeugt, dass die in seinem Hauptwerk
mit der Annahme der Todestriebe tat, um all die Er- systematisch dargelegte Philosophie gerade in die-
eignisse des Seelenlebens, die dem Lustprinzip ent- sen rätselhaften, höchst befremdlichen und kaum
gegenstehen, zu erklären (vgl. Freud 1999, 60). zu erklärenden Phänomenen ihre glaubwürdigste
Bestätigung findet, wie auch umgekehrt diese Phä-
Literatur nomene nur vor dem Hintergrund seiner Philoso-
Atzert, Stephan: Zwei Aufsätze über Leben und Tod: Sig-
phie verständlich werden. Wie er nicht nur in der
mund Freuds »Jenseits des Lustprinzips« und Arthur Abhandlung »Versuch über das Geistersehn« in Par-
Schopenhauers »Transscendente Spekulation über die erga und Paralipomena I, sondern auch im Kapitel
anscheinende Absichtlichkeit im Schicksal des Einzel- »Animalischer Magnetismus und Magie« seines
nen«. In: Schopenhauer Jahrbuch 86 (2005), 179–194. Werks Ueber den Willen in der Natur ausführt (s.
Freud, Sigmund: Jenseits des Lustprinzips. In: Ders.: Ge-
Kap. II.3), zeugen solche Phänomene augenschein-
sammelte Werke. Bd XIII. Frankfurt a. M. 1999, 1–69.
lich davon, dass die sogenannte objektive Welt
Stephan Atzert nichts anderes sei als die Erscheinung, d. h. die zu-
sammenhängende Reihe der auf den Bedingungen
von Individuation, Zeit, Raum und Kausalität beru-
henden Vorstellungen. Sowohl im somnambulen
Hell- bzw. Geistersehen wie auch im magischen
Rapport zwischen dem Magnetiseur und seinem
Medium verlässt der Wille als Ding an sich den na-
türlichen Umweg seines vermittelten Manifestie-
rens und tritt unmittelbar und als solcher hervor.
Die natürlichen, die Individuen trennenden Schran-
ken der Zeit und des Raumes zeigen sich in diesen
übernatürlichen Phänomenen als durchbrochen, so
dass die räumliche Trennung zwischen Magnetiseur
und Somnambule durch die durchgängige Gemein-
schaft ihrer Gedanken und Willensbewegungen
überwunden und »im gewissen Grade beseitigt«
(P I, 318 (Lö)) wird. Der Hellsehende wird in sei-
nem übernatürlichen Zustand »über die der bloßen
Erscheinung angehörenden, durch Raum und Zeit
bedingten Verhältnisse, Nähe und Ferne, Gegen-
wart und Zukunft, hinaus« (N, 429 (Lö)) gesetzt.
140 II. Werk – 6. Parerga und Paralipomena

Das Geistersehen und alle anderen damit zusam- keit von Magnetismus. Demzufolge entsteht das
menhängenden übernatürlichen Phänomene, wie Hellsehen dann, wenn die natürliche Weise des
etwa somnambules Wahrnehmen, Hellsehen, Vision Wahrnehmens und Erkennens ihren natürlichen
und zweites Gesicht, können nach Schopenhauer Gang umwendet, so dass die Reize und Einflüsse
nur unter der Bedingung zustande kommen, dass nicht mehr von außen über die Sinnesorgane unse-
der erkennende Intellekt und das normale Bewusst- rem Inneren übermittelt werden, sondern die Erre-
sein, samt den dazu gehörenden Formen von Zeit, gungen und Schwingungen umgekehrt vom Inneren
Raum, Individualität und Kausalität, einmal außer her ins Gehirn eindringen, wo sie die ›Gehirnfie-
Kraft gesetzt werden. Auf natürliche Weise geschieht bern‹ in die entsprechende Bewegung bringen und
dies im Zustand des Schlafs und in den darin vor- diese Bewegungen dann auf diesem umgekehrten
kommenden Träumen. Der magnetische Zustand Weg an die äußerlichen Sinne liefern, wo sie zuletzt
ist, obwohl er mit dem Traum eine beträchtliche in die diesen Sinnen und dem Intellekt eigentümli-
Verwandtschaft hat, doch von ihm wesentlich ver- che Sprache der Bilder, Gestalten und Symbole über-
schieden, und könnte eher als die »Steigerung« und setzt werden.
die »höhere Potenz desselben« angesehen werden, Bei dem Versuch der metaphysischen Erklärung
ebenso wie das Hellsehen »eine Steigerung des Träu- dieser seltsamen Vorgänge beschränkt sich Scho-
mens«, oder genauer »ein beständiges Wahrträu- penhauer ausdrücklich auf eine Vermutung. Nach
men« (P I, 311 (Lö)) ist. dieser Vermutung – die wohl mit der alten parodisti-
Im Unterschied zum freien Spiel der Einbildungs- schen ›Erklärung‹ der Mantik in Platons Timaeus
kraft im wachen Zustand, wo wir ständig unserer ei- (71 f.) ihrer Skurrilität nach wetteifern darf – wirft
genen darin produktiven Tätigkeit gewahr bleiben, das »allwissende, dagegen aber gar nicht ins ge-
erscheinen sowohl die dem Hellsehen entspringen- wöhnliche Bewusstsein fallende, sondern für uns
den Visionen als auch die im Traum sich zeigenden verschleierte Erkenntnisvermögen« im magneti-
Gesichter als etwas uns Fremdes, was ohne unser ei- schen Hellsehen und den ihm verwandten Zustän-
genes Zutun da ist und sich uns sogar wider unseren den seinen Schleier ab, und das Ansichsein bricht
Willen aufdrängt. Im Unterschied zu der durch die unmittelbar und unverhüllt hervor. Dies geschieht
Außensinne wahrgenommenen Wirklichkeit aber dann, wenn dieses Vermögen
fehlt beiden, sowohl den Gesichtern des Hellsehens »etwas dem Individuo sehr Interessantes erspäht hat,
wie den Traumbildern, der Zusammenhang mit dem von welchem nun der Wille, der ja der Kern des ganzen
Ganzen unserer Erfahrung und die Fähigkeit zur be- Menschen ist, dem zerebralen Erkennen gern Kunde
sonnenen Rückerinnerung, was sie in die Nähe zum geben möchte, was dann aber nur durch die ihm selten
Wahnsinn bringt. gelingende Operation möglich wird, daß er einmal das
Traumorgan im wachen Zustande aufgehn läßt und so
Der grundsätzliche Unterschied zwischen Hell- dem zerebralen Bewußtsein in anschaulichen Gestalten
sehen und Traum besteht darin, dass das dem Hell- entweder von direkter oder von allegorischer Bedeu-
sehenden Erscheinende nicht bloß die anzuschau- tung jene seine Entdeckung mitteilt« (P I, 327 (Lö)).
enden Bilder sind, sondern die wirklichen, genauer:
als wirklich wahrgenommenen Dinge: »Es ist nicht Über die Tragfähigkeit dieser Erklärung scheint sich
anders, als ob alsdann unser Schädel durchsichtig Schopenhauer keine Illusionen gemacht zu haben.
geworden wäre, so daß die Außenwelt nunmehr Die Abhandlung lässt er mit der enthaltsamen Ver-
statt durch den Umweg und die enge Pforte der sicherung schließen, ihr Zweck war kein anderer, als
Sinne geradezu und unmittelbar ins Gehirn käme« »auch nur ein schwaches Licht auf eine sehr wich-
(P I, 289 (Lö)). Um diesen Unterschied hervorzuhe- tige und interessante Sache zu werfen« (P I, 336
ben und diese andere, ganz eigenartige Wahrneh- (Lö)). In der Tat bleibt es zu fragen, ob die ange-
mung von der, die durch die Sinnesorgane vollzo- strebte metaphysische Erklärung überhaupt gelingen
gen wird, möglichst scharf zu unterscheiden, be- könnte unter der unbefragten Voraussetzung der
stimmt Schopenhauer das Hellsehen des Näheren physiologisch zu verstehenden ›Gehirn- und Ner-
als »Wahrträumen«, und das Organ, durch das diese venfiebern‹ und ihrer Schwingungen und Erschüt-
seltsame Wahrnehmung geschieht, als »Traumor- terungen, womit Schopenhauer offensichtlich – üb-
gan«. rigens wie bereits Kant, der im selben Zusammen-
Die Frage nach dem Wesen und der wahren Na- hang von der »Erschütterung und Bebung des
tur dieses Traumorgans führt ihn weiter zum Ver- feinen Elements« (Kant 1960, 957) spricht – letzt-
such einer metaphysischen Erklärung der Möglich- lich auf Mesmers Lehre von den »tonische[n] Bewe-
6.5 »Versuch über das Geistersehn und was damit zusammenhängt« 141

gungen der feinen Flut, mit der die Nervensubstanz Segala, Marco: I fantasmi, il cervello, l’anima. Schopenhauer,
geschwängert ist« (Mesmer 1814, 119) zurückzu- l’occulto e la scienza. Firenze 1998.
Urban, Peter: Schopenhauer und der gegenwärtige Stand der
greifen scheint.
Parapsychologie. Diss. Wien 1965.
Die besondere Wirkung der kurzen Abhandlung Wolf, Hermann: Schopenhauers Verhältnis zur Romantik
auf die nachkommende Philosophie oder Psycholo- und Mystik. In: Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft
gie ist nicht unabhängig vom Ganzen der Schopen- 3 (1914), 277–280.
hauerschen Philosophie zu ermitteln. In diesem Zint, Hans: Schopenhauers Philosophie des doppelten Be-
Rahmen haben seine Ansichten über die sogenann- wusstseins. In: Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft
10 (1921), 3–45.
ten parapsychologischen Phänomene eine beträcht- Damir Barbarić
liche Wirkung vor allem auf Eduard von Hartmanns
Philosophie des Unbewussten, auf Nietzsches Trieb-
lehre, auf Freuds Psychoanalyse und das Wiener Fin
de siécle im Ganzen sowie auf C. G. Jungs Tiefenpsy-
chologie ausgeübt.

Literatur
Barbarić, Damir: »Der Weg durch das Ding an sich«. Scho-
penhauers Versuch über das Geistersehn. In: Schopen-
hauer-Jahrbuch 93 (2012), 175–181.
Becker, Aloys: Arthur Schopenhauer – Sigmund Freud. His-
torische und charakterologische Grundlagen ihrer ge-
meinsamen Denkstrukturen. Diss. Mainz 1969.
Bender, Hans: Telepathie und Hellsehen als wissenschaftli-
che Grenzfrage. In: Schopenhauer-Jahrbuch 48 (1967),
36–52.
Cartwright, David E.: Schopenhauer. A Biography. New
York 2010.
Driesch, Hans: Schopenhauers Stellung zur Parapsycho-
logie. In: Jahrbuch der Schopenhauer-Gesellschaft 23
(1936), 15–99.
Ellenberger, Henry F.: The Discovery of the Unconscious.
The History and Evolution of Dynamic Psychiatry. New
York 1981.
Faggin, Giuseppe: Schopenhauer e la mistica. In: Sophia 1
(1933), 430–435; 2 (1934), 84–105.
Fauconnet, André: Les fondements de la psychoanalyse
chez Schopenhauer. In: Jahrbuch der Schopenhauer-
Gesellschaft 21 (1934), 106–116.
Florschütz, Gottlieb: Arthur Schopenhauer und das Ok-
kulte. Swedenborgs Sehergabe und Kants Morallehre im
Rahmen von Schopenhauers Willensmetaphysik. In:
Schopenhauer-Jahrbuch 77 (1996), 241–254.
Kant, Immanuel: Träume eines Geistersehers, erläutert
durch Träume der Metaphysik. Werke. Bd. 1. Hg. von
Wilhelm Weischedel. Wiesbaden 1960.
Mesmer, Friedrich Anton: Mesmerimus oder System der
Wechselwirkungen. Theorie und Anwendung des thieri-
schen Magnetismus als die allgemeine Heilkunde zur Er-
haltung des Menschen. Hg. von Karl Christian Koch.
Berlin 1814.
Meyer, Christoph: An der Schwelle des inneren Seins. In:
Schopenhauer-Jahrbuch 41 (1960), 16–43.
Noorden, Hans von: Das Rätsel des Hellsehens. Probleme
von Kant bis zu C. G. Jung. In: Schopenhauer-Jahrbuch
52 (1971), 9–39.
Schröder, William von: Der Frankfurter Skandal um den
Magnétiseur Regazzoni. In: Frankfurter Allgemeine Zei-
tung, 31.12.1957, Nr. 302.
142 II. Werk – 6. Parerga und Paralipomena

6.6 »Aphorismen zur Eudämonie (d. h. zu dem Zustand, in welchem es um


einen wohlbestellt ist) findet sich bei den sogenann-
Lebensweisheit« ten Sokratikern (im weiteren Sinne), zu denen u. a.
Diogenes von Sinope gehört; der größte und kon-
»Aphorismen zur Lebensweisheit« haben in Europa zinnste aller Glückslehrer, Epikur, wäre jetzt samt
eine lange Geschichte. Sie beginnt mit dem zwei- seinen Kýriai Doxai (Hauptlehrmeinungen) zu nen-
ten großen Dichter Griechenlands, Hesiod (um 700 nen, dann Senecas Briefe, Marc Aurels Aufzeichnun-
v. Chr.), und endet nicht mit den Minima Moralia gen An sich/mich selbst, des Thomas a Kempis Nach-
(Untertitel: Reflexionen aus dem beschädigten Leben) folge Christi, weite Teile aus Montaignes Essais, Gra-
Theodor W. Adornos. Schopenhauer selbst nennt ciáns Handorakel (s. u.), Teile aus Goethes Maximen
eingangs lediglich zwei Vorläufer. Man hört vom zu und Reflexionen und aus Giacomo Leopardis Zibal-
seiner Zeit hochberühmten und von Lessing (Zur done; und für die Zeit nach Schopenhauer braucht,
Philosophie und Kunst, XVII) ›geretteten‹ Universal- neben Adorno, nur an Nietzsches Mittel- und Spät-
gelehrten Hieronymus Cardanus (1501–1576) und werk erinnert zu werden – dessen aphoristischer
seiner in 4 Bücher eingeteilten Schrift De utilitate ex Charakter wohl auch auf die Wirkung der Scho-
adversis capienda (Über den aus widrigen Umstän- penhauerschen Aphorismen zurückgeführt werden
den zu ziehenden Nutzen) und von einem kurzen kann. Denn mit deren Veröffentlichung im ersten
Abschnitt aus der aristotelischen Rhetorik. Dass Band der Parerga (1851), und wohl vor allem mit ih-
Schopenhauer allein vom Titel des 1561 erschiene- nen, beginnt Schopenhauers Breitenwirkung.
nen Cardanus-Werkes angetan sein musste, liegt auf Schopenhauers Interesse an der Eudämonologie
der Hand; der Untertitel konnte seine Sympathie setzt früh ein. Um 1821 fängt er an, entsprechende
wohl noch verstärken: Ex quibus in omni fortuna, re- Eintragungen in ein Notizenbuch zu machen, das er
bus secundis & adversis, diligens lector mirabilem ad nach Marc Aurels Werk »Eis heautón« (An sich/
tranquille feliciterque vivendum (quantum in hac mi- mich selbst) nennt (HN IV (2), 106 ff.). Die letzte
sera miserorum mortalium conditione fieri potest) Eintragung ist »um 1855« (so Arthur Hübscher in
utilitatem percipiet (Aus welchem Text der aufmerk- seiner Ausgabe) hinzugekommen. Der Testaments-
same Leser in jeglichem Glücksumstand, in günsti- verwalter, Wilhelm von Gwinner, sollte nach eige-
gen und widrigen Angelegenheiten, erstaunlichen nen, von anderer Seite später bezweifelten, Angaben
Nutzen zu einem ruhigen und glücklichen Leben – das Büchlein vernichten, behauptete auch, dies ge-
soweit das in dieser elenden Lage elender Sterblicher tan und für seine spätere Schopenhauerbiographie
der Fall sein kann – gewinnen wird). Wenn wir uns (1862/1878) Notizen benutzt zu haben, die er sich
auf die Zitierung des Titels beschränken, so deswe- gemacht habe, wenn Schopenhauer ihm gelegent-
gen, weil Schopenhauer sich zu versichern beeilt, lich daraus vorlas. Aus den genannten beiden Aufla-
dass er die beiden genannten Quellen nicht benutzt gen dieser Biographie ist der Text der Schrift mehr-
habe – Kompilation sei nicht seine Sache, und durch fach rekonstruiert worden, zuerst von Eduard Gri-
eine solche gehe auch die »Einheit der Ansicht« ver- sebach 1898, zuletzt von Franco Volpi 2006. Hier
loren (P I, 334). Mit der Erwähnung des Aristoleles wird die mit einer umfassenden Erläuterung verse-
(er nennt das Kapitel I 5 der Rhetorik, nach der übli- hene Rekonstruktion Arthur Hübschers von 1975
chen Seitenzählung 1360b4 ff.) hat sich sein Blick (HN IV (2), 106–129) benutzt, die (wenige) Stellen
ohnehin von der ihm näherstehenden Eudämonolo- aus den Parerga und Paralipomena hinzufügt. Wenn
gie abgewandt; von Aristoteles erhält der Leser eine Gwinners Angaben (vgl. Gwinner 1862/1878, 290 f.)
nüchterne Aufzählung dessen, was man allgemein stimmen, hatte Schopenhauer wohl wegen der gele-
als die Elemente von ›Glück‹ ansieht, mit je anschlie- gentlichen in die Kladde aufgenommenen sehr offe-
ßender Kurzanalyse dieser Elemente. nen Selbstanalysen darum gebeten, den Text zu ver-
Kurz zu weiteren Vorläufern: Der zweite Großteil nichten. Ansonsten findet sich manches, was in den
von Hesiods Lehrgedicht Werke und Tage (Verse »Aphorismen« Ausdruck finden wird, z. B. das Wis-
383–764) gibt Anweisungen zu rechtem Handeln. sen um die unerfreulicheren Seiten der Mitmen-
In  den letzten Versen des gelegentlich für unecht schen, das Streben nach Freiheit von aufgezwunge-
erklärten Schlussabschnittes (»Tage«) folgt das Ver- nen Tätigkeiten, Skepsis der Ehe gegenüber; dar-
sprechen, dass der, der den erteilten Ratschlä- über hinaus mag die recht häufige Rubrizierung des
gen  folgt, »glücklich [eudaímōn] und wohlhabend Menschen als »bipes« (Zweifüßer) auffallen. 1826
[ólbios]« sein wird. Eine Fülle von Ratschlägen zur folgen im Manuskriptbuch »Foliant II« unter der
6.6 »Aphorismen zur Lebensweisheit« 143

Überschrift »Eudämonik« entsprechende Gedan- dieren müssen – schon das Wort »Eudämonologie«
ken, 1828 ebenda, unter dem Titel »Eudämonolo- sei ein »Euphemismus« (P I, 333 f.).
gie«, bereits der Grundriss des Kapitels I der »Apho- Wie der Leser bald bemerken muss, richten sich
rismen«. Das Thema »Eudämonik« wird dann, die »Aphorismen« nicht an jedermann. Frauen und
ebenfalls 1828, im Manuskriptbuch »Adversaria« Kinder sind gewissermaßen ›Accessoires‹ des ange-
fortgesetzt. sprochenen Publikums und somit als Leser kaum
In den späten 1820er und den frühen 1830er Jah- vorausgesetzt. Angesprochen werden Männer ab
ren übersetzt er Baltasar Graciáns Oráculo manual y dem heiratsfähigen Alter und nur solche, die inso-
arte de prudencia (Hand-Orakel und Kunst der fern »von Stand« sind, als sie sich vernünftigerweise
Weltklugheit) in zwei Anläufen: zuerst Sprüche über Rang und Besitz Gedanken machen werden.
1–50, dann alle 300 unter dem Titel Orakel der Welt- Angesprochen fühlen werden sich aber bald nur
klugheit in endgültiger Fassung (s. Kap. II.7.5). Gra- Männer, denen bestimmte Charakterzüge eigen
cián musste ihn, ähnlich wie Cardanus, ansprechen. sind: solche nämlich, die sie mit Schopenhauers ei-
Die Welt des spanischen Jesuiten entsprach in ihrer genem Charakter verbinden oder andere, die nicht
absurden Widerwärtigkeit der Schopenhauerschen zu den eigenen zählen zu können Schopenhauer be-
Willenswelt, und Graciáns Schlussempfehlung rät, dauert hat (vgl. W I, XXI, die Selbstanalyse in »Eis
wenn wohl auch, trotz allmählicher Zunahme eines heautón«, Nr. 28, HN IV (2), 120 f.). So stellen sich
frommen Tones, für den Leser überraschend, »ein die »Aphorismen« als eine Sammlung von Überle-
Heiliger zu seyn«: 10 bis 15 Jahre zuvor hatte Scho- gungen über die Möglichkeiten eines dem Autor
penhauer seine Metaphysik veröffentlicht und fand selbst Zufriedenheit schenkenden Lebens dar. Wenn
nun bei Gracián gewissermaßen eine Sammlung von sie trotzdem eine so große Wirkung hatten, wird das
Aperçus vor, die, ohne Anspruch auf analytische oder einerseits daran liegen, dass sich ähnliche Charak-
gar metaphysische Begründung, demselben Weltbild tere bestätigt fühlten, andererseits aber auch daran,
dieselbe Idee von der Befreiung daraus folgen ließ. dass sich Personen, die sich aus irgendeinem Grund
Schopenhauers »Aphorismen« bestehen aus zwei zu einer Art retraite entschlossen hatten oder ent-
Teilen und einem Anhang. Im ersten Teil geht es um schließen mussten, in ihnen Trost oder Bestätigung
die Beschreibung und Bewertung der Voraussetzun- fanden. In der ersten Zeit der Wirkung des Werkes
gen für ein angenehmes Leben ([»Grundeinthei- scheint der »Rückzug ins Private« ein Massenphäno-
lung«,] Geist, Besitz, Ehre), der zweite Teil behan- men gewesen zu sein, wie sich etwa in Briefen zeigt,
delt, nach »Allgemeinem«, das zu dem genannten die Otto Pflanze in seiner Bismarck-Biographie aus
Zweck empfehlenswerte Verhalten. Dieser zweite den späteren 1850er Jahren zitiert (vgl. Pflanze 2008,
Teil ist »Paränesen [d. h. Empfehlungen] und Maxi- 223 f.), womit auch die zur selben Zeit beginnende
men« überschrieben und wirkt, wegen seiner Einor- breite Rezeption von Schopenhauers Hauptwerken
dung als »Kapitel V«, unselbstständig. Aber die Glie- zu erklären sein wird.
derung dieses »Kapitels«, A-D, entspricht der Eintei- Schopenhauer bemüht sich zwar um eine mög-
lung des ersten Abschnitts auch inhaltlich (s. u.), und lichst scharfe Trennung von Hauptwerk und »Apho-
es ist nicht wesentlich kürzer als die Kapitel I–IV zu- rismen«, verweist aber einerseits des Öfteren in den
sammen (76:96 Hübscher-Seiten). Auf die Paräne- »Aphorismen« anmerkungsweise auf das Haupt-
sen folgt der eigentliche Anhang »Vom Unterschiede werk, was zu Interpretationsproblemen führen kann
der Lebensalter«. Insgesamt bringen es die »Apho- (vgl. Ingenkamp 2006, 84 ff.), und andererseits wird
rismen« auf stattliche fast 200 Seiten in der Hüb- der Leser des Hauptwerks, gegen den Willen des Au-
scher-Ausgabe. tors, hier und da eudämonistische Abweichungen
Schopenhauer beginnt sein wirkungsreiches Werk bemerken – ja sogar das Hauptwerk selbst wird, als
mit einer schroff herabsetzenden Abgrenzung vom Ganzes, wohl öfter, wenn vom Autor nicht gerade
eigenen Hauptwerk: Die Eudämonologie, also die ausdrücklich verhindert, zu einem eudämonisti-
Lehre vom privaten Glück, beruhe auf der An- schen Verständnis der Willensverneinung führen,
nahme, das Dasein sei dem Nichtsein vorzuziehen – denn die Epoche der ersten Wirkung war zwar, wie
eine Auffassung, die »bekanntlich« seine Metaphy- gesagt, u. a. von der Vorstellung eines (Unglück ver-
sik »verneine«. Somit beruhe die Anleitung zum hindernden) Rückzugs ins Private, nicht aber von ei-
Glück auf einem »Irrthum«. Er, Schopenhauer, habe ner Tendenz zur Weltabgewandtheit geprägt. Über-
sich in seinem folgenden Werk dem gewöhnlichen, lappungen zwischen »Aphorismen« und Hauptwerk,
also auf Irrtum beruhenden Standpunkt akkomo- die zu einer eudämonistischen Auffassung des letz-
144 II. Werk – 6. Parerga und Paralipomena

teren führen können, gibt es durchaus. Schopen- ckes« (P I, 344), kennzeichnet, die ihrerseits von der
hauer ermuntert in den »Aphorismen« den Leser, »unabänderlichen Beschaffenheit des Organismus«
sich an das Hauptwerk zu erinnern, das (das epiku- (P I, 346), nicht zuletzt von der Gesundheit (P I,
reische Ideal der) Ataraxie (d. h. die unerschütterli- 345) und tatsächlich auch von gutem Aussehen (P I,
che Seelenruhe; das Wort selbst verwendet er nicht) 348) abhängt: so weltzugewandt ist hier gedacht.
fördere (P I, 436); umgekehrt preist er am Schluss Dieser geistreiche Mensch wird einerseits den
der Metaphysik das wohl allgemein erstrebte Gut der Grundübeln der Menschennatur, dem Schmerz und
»Meerestille des Gemüths«, die der Willensvernei- der Langeweile, mit seinem inneren Reichtum be-
nung folge (W I, 468). Anderswo lässt er den auf gegnen und andererseits die nötige Muße finden,
dem Weg zur Willensverneinung Befindlichen fra- um zu genießen, was er an sich selber hat (P I, 350 f.).
gen, »ob die Mühe und Noth seines Lebens und Stre- Schopenhauerischer wird der Katalog, wenn sich da-
bens wohl durch den Gewinn belohnt werde«, und raus ergibt, dass dieser Mensch »zu seiner Unterhal-
das sei der Punkt, wo er sich eventuell, »beim Lichte tung wenig, oder nichts, von außen nöthig hat« –
deutlicher Erkenntniß« zur Verneinung des Willens »am Ende bleibt doch Jeder allein, und da kommt es
entscheide (W II, 656; dazu Ingenkamp 2001, 70 f.). darauf an, wer jetzt allein sei« (P I, 353). Dann geht
Ferner: In demjenigen, für den der andere ein »Ich Schopenhauer passend zu den »Geisteskräften« über
noch ein Mal« ist, also in dem, der wahres Mitleid und scheint bald ins Schwärmen zu geraten, wenn er
empfindet, walte ein »tiefe[r] Friede« und eine »ge- einen mit »überwiegenden Geisteskräften« Ausge-
troste, beruhigte, zufriedene Stimmung« (E, 275) – statteten »in die Atmosphäre der leicht lebenden
und auf eben diese Stelle verweist Schopenhauer in Götter« versetzt (P I, 358): »Ein so bevorzugter
den zum irrtümlichen »Glück« führenden »Aphoris- Mensch führt, […], neben seinem persönlichen Le-
men« (P I, 366), als ob wir lernen sollten, mitleidig ben, noch ein zweites, nämlich ein intellektuelles,
zu sein: dann stelle sich der tiefe Friede schon ein. welches ihm allmälig zum eigentlichen Zweck wird
Es bedarf auf Seiten des Lesers der Bereitschaft, […]; während den Übrigen dieses schaale, leere und
aufmerksam zu differenzieren, um festzustellen, betrübte Daseyn selbst als Zweck gelten muß« (P I,
dass z. B. die »Meeresstille« im Gemüt dessen, der 359). An der Spitze der Pyramide der Begnadeten
den Willen verneint hat, nicht erstrebt ist, sondern steht das Genie, wie er es in seiner Ästhetik beschrie-
sich von selbst, als Folge der Verneinung, einstellt, ben hat – das sich, wie zu erwarten, isolieren wird
während die »Aphorismen« eine innerweltliche (P I, 361): Eine Ausnahme war der ihm persönlich
Technik bieten, Gemütsruhe unter Einsatz des Wil- bekannte Goethe, dem er hier nicht folgen kann (P I,
lens zu erreichen. Allerdings dürfte der bald nach 355). Die Gefahren, denen ein solcher Mensch aus-
dem Erfolg der »Aphorismen« einsetzende Erfolg gesetzt ist, sind Schopenhauer, der sich hier beson-
des Hauptwerkes zum Teil auch auf die gewisserma- ders deutlich selbst zum Exempel macht, nicht ent-
ßen technisch-eudämonistische Lektüre des Haupt- gangen: Schmerzempfindlichkeit, leidenschaftliches
werkes zurückzuführen sein. Temperament, Lebhaftigkeit der Vorstellungen und,
Das erste Kapitel der »Aphorismen« präsentiert wie schon festgestellt, mit all dem einhergehende
die drei Kriterien, die das Glück eines Menschen Entfremdung von den anderen (P I, 363 f.). Das, was
bestimmen: Was einer ist (Kap. 2), was einer hat folgt, erklärt sich anhand des vorangestellten Ideals.
(Kap. 3), was einer vorstellt (Kap. 4), und begründet Was den Besitz angeht (Kap. 3), so schwebt Schopen-
sie. Das erstgenannte Kriterium ist das bei weitem hauer der alte Wert der Autarkie vor. Glücklich der,
gewichtigste; wir erfahren, dass zu dem, was einer der von Hause aus so viel besitzt, dass er »vom allge-
ist, zunächst die »ächten persönlichen Vorzüge« ge- meinen Frohndienst« befreit ist (P I, 372).
hören, nämlich großer Geist (d. h. [schöpferische] Das bei weitem längste, 4., Kapitel dieses ersten
Intelligenz) und großes Herz (d. h. Herzensgüte), Teils befasst sich mit dem Thema Rang, Ehre und
dann auch äußere Vorzüge, unter denen Gesundheit Ruhm. Der »Rang«, also die beruflich-gesellschaft-
an erster Stelle steht. liche, sich gegebenenfalls in Titeln und Sonderrech-
Kommen wir zum 2. Kapitel, also zur ausführli- ten ausdrückende Position, wird mit Verachtung
chen Behandlung des ersten Kriteriums, so finden und in aller Kürze abgetan. Sehr ausführlich behan-
wir hier als Schopenhauers Ideal den »geistreichen« delt Schopenhauer dagegen die »Ehre«, welcher er
Menschen, den Heiterkeit (im alten Wortsinn: also schon im Jahre 1828, also in seiner eudämonologi-
ungetrübte Gemütsruhe, dem griechischen eu- schen Fragen offenen Epoche, eine kleine Schrift
thymía entsprechend), die »baare Münze des Glü- gewidmet hatte, die aber von ihm nicht veröffent-
6.6 »Aphorismen zur Lebensweisheit« 145

licht worden war: »Skitze einer Abhandlung über Lehren gemäß gelebt. Sie sind ein in seltener Weise
die Ehre« (HN III, 472–496). Vor allem geht es ihm authentisches Werk. Nietzsches Verse scheinen ih-
um die Kritik der »ritterlichen Ehre«; ansonsten be- nen ein langes Weiterleben zu prophezeien und wer-
handelt er die von ihm natürlich gutgeheißene bür- den Recht behalten.
gerliche Ehre, die in der Achtung der Rechte des
anderen besteht, die Amtsehre und die Sexualehre, Literatur
bestehend in der Treue der Frau und in der entspre- Dahl, Edgar: Die Kunst, glücklich zu sein. Arthur Schopen-
chenden Reaktion des Mannes, wenn die Frau die hauer im Lichte der empirischen Glücksforschung. In:
Treue gebrochen hat. Die ritterliche Ehre sei »den Schopenhauer-Jahrbuch 89 (2008), 77–89.
Alten« unbekannt gewesen: sie sei ein Produkt »je- Grisebach, Eduard (Hg.): Schopenhauer’s Gespräche und
ner Zeit, wo die Fäuste geübter waren, als die Köpfe, Selbstgespräche nach der Handschrift eis eauton. Berlin
1898.
und die Pfaffen die Vernunft in Ketten hielten, also
Gwinner, Wilhelm von: Arthur Schopenhauer aus persönli-
des belobten Mittelalters […]« (P I, 403). Es ist nicht chem Umgange dargestellt [1862]. Leipzig 21878.
zuletzt der diesem Ehrgefühl unerträgliche Ein- Hübscher, Arthur: Lebensbild. In: Ders. (Hg.): Arthur Scho-
druck, Opfer auch einer unbedeutenden (aber dra- penhauer. Sämtliche Werke. Bd. I. Wiesbaden 31972, 31–
matisierten) Herabsetzung (noch schrecklicher: ei- 142.
Ingenkamp, Heinz Gerd: Die Wirtschaftlichkeit des Nichts.
ner Tätlichkeit) zu sein, der Schopenhauer zu bissi-
In: Schopenhauer-Jahrbuch 82 (2001), 65–82.
gem Spott reizt. Dies Bild von der Ritterehre geht in –: Schopenhauer als Eudaimonologe. In: Schopenhauer-
Schopenhauers Frühzeit zurück: Bereits 1812 findet Jahrbuch 87 (2006), 77–90.
sich eine längere Notiz, die den Kern der späteren –: Eudämonologie. In: Michael Fleiter (Hg.): Die Wahrheit
Kritik enthält (vgl. HN I, 18 f.). Die relative Gering- ist nackt am schönsten. Arthur Schopenhauers philosophi-
schätzung des Ruhmes sodann beruht dagegen auf sche Provokation. Frankfurt a. M. 2010, 191–198.
Neumeister, Sebastian: Schopenhauer, Gracián und die
nüchterner Betrachtung: Wesentlich sei, ob man ihn Form des Aphorismus. In: Schopenhauer-Jahrbuch 85
verdiene (vgl. P I, 425 u. ö.), heißt es, womit kritisch (2004), 31–45.
gesagt ist, dass Ruhm von der Generosität oder der Pflanze, Otto: Bismarck. Bd. I: Der Reichsgründer [1998].
Parteilichkeit der anderen abhängt und das Ver- München 2008.
dienst für sich zu bewerten ist. Volpi, Franco (Hg.): Arthur Schopenhauer: Die Kunst, sich
selbst zu erkennen. München 2006.
Die den Rahmen des zuvor Behandelten anschau- Zimmer, Robert: Philosophie der Lebenskunst aus dem
lich-praktisch erweiternden Paränesen und Maxi- Geiste der Moralistik. Zu Schopenhauers Aphorismen
men (der Titel wohl nach Goethes Maximen und Re- zur Lebensweisheit. In: Schopenhauer-Jahrbuch 90
flexionen) empfehlen, zusammengefasst, nach Mög- (2009), 45–64.
lichkeit unabhängig zu leben (B), fremder Wesensart Heinz Gerd Ingenkamp
gegenüber eine Art distanzierte Toleranz an den Tag
zu legen und, was das eigene Auftreten angeht, Zu-
rückhaltung zu üben (C: Verhalten im sozialen Um-
feld), und dass man sich in den – unabänderlichen –
Weltlauf finden möge (D: Verhalten angesichts der
Lage, in die man hineingeboren oder -geraten ist).
Die Schönheit des das Werk abschließenden, den
Lebensaltern gewidmeten, aber auf eine Würdigung
des Alters hinauslaufenden Kapitels sucht ihresglei-
chen.
Nietzsche hat im Jahre 1884 einige Verse zu Pa-
pier gebracht, die als vergleichende Wertung dessen
angesehen werden können, was er, Nietzsche, im
Hauptwerk und in den »Aphorismen« vorfand:
»Was er lehrte [d. h. das Hauptwerk; H. G. I.] ist ab-
gethan, / Was er lebte, wird bleiben stahn: / Seht ihn
nur an! [Zeugnis für die Nachgeborenen: Die
»Aphorismen«; H. G. I.] / Niemandem war er un-
terthan!« (KSA 11, 303). Schopenhauer hat, wie ge-
sagt, seinen in den »Aphorismen« vorgetragenen
146 II. Werk – 6. Parerga und Paralipomena

6.7 Der zweite Band der Parerga 2. »Zur Logik und Dialektik«, 3. »Den Intellekt über-
haupt und in jeder Beziehung betreffende Gedan-
und Paralipomena ken«, 4. »Einige Betrachtungen über den Gegensatz
des Dinges an sich und der Erscheinung« sowie
Schopenhauer konzipierte sein letztes Werk aus- 7. »Zur Farbenlehre«; eine metaphysische Reflexion
drücklich als »bei Weitem das populärste, gewisser- über die Natur ist im längeren 6. Kapitel »Zur Philo-
maaßen [s]ein ›Philosoph für die Welt‹« (GBr, 244). sophie und Wissenschaft der Natur« zu finden; wei-
Philosoph für die Welt war der Titel einer wohl terhin betrifft ein großer Teil der systematischen Be-
berühmten Sammlung populärer philosophischer merkungen die ethische Deutung der  Welt, das
Schriften der Berlinischen Aufklärung, und Scho- Thema, welches Schopenhauer besonders am Her-
penhauer meint damit, dass nun seine im Haupt- zen lag: 8. »Zur Ethik«, 9. »Zur Rechtslehre und Poli-
werk formulierten Gedanken anhand einer leichte- tik«, 10. »Zur Lehre von der Unzerstörbarkeit unsers
ren Formulierung und prägnanter Beispiele vermit- wahren Wesens durch den Tod«, 14. »Nachträge zur
telt werden sollen (vgl. Zimmer 2013). Lehre von der Bejahung und Verneinung des Wil-
Wenn sein Titel, Parerga und Paralipomena, dem lens zum Leben« sowie die zwei Kapitel religiöser
literarischen Sinn nach zu verstehen ist, und zwar als Natur: 5. »Einige Worte über den Pantheismus« und
eine Sammlung von »Beiwerken und Nachträgen«, 15. »Ueber Religion«. Ein einziges Kapitel betrifft die
dann enthält der zweite Band zweifelsohne die Ästhetik im strengsten Sinne, nämlich das 19., »Zur
Nachträge, und zwar im Sinne der griechischen Metaphysik des Schönen und Aesthetik«, wobei Be-
Wurzel des Terminus, »das Übergangene«, das im merkungen ästhetischer Art auch im 20. Kapitel
Hauptwerk keinen Platz finden konnte und dennoch »Ueber Urtheil, Kritik, Beifall und Ruhm« formu-
dazu gehört. Paralipomeni war der Titel der ersten liert wurden.
zwei Bücher der Chroniken des alten Testaments, Neu ist dagegen der anthropologische Ansatz der
und als Paralipomena wurden auch schon die Auf- letzten elf Kapitel, in denen die im ersten Band der
zeichnungen Goethes betitelt, die weder in Faust I Parerga bereits geübte Kritik der gegenwärtigen Ge-
noch in Faust II eingegangen sind. Das Wort »Nach- sellschaft vertieft wird. Vor allem das Philistertum
träge« ist außerdem in den Titeln dreier Kapitel die- der zeitgenössischen Gelehrten und Schriftsteller
ses Bandes zu finden. wird hier, wie schon die Philosophieprofessoren im
Es ist bekannt, dass Schopenhauer sein ganzes Le- ersten Band (s. Kap. II.6.3), heftig angeprangert,
ben lang, und zwar fast täglich, Gedanken notierte. und zwar in fünf aufeinander folgenden Kapi-
Kürzere Sentenzen aus Büchern, alltägliche Erfah- teln, die quasi ein Ganzes ausmachen: 21. »Ueber
rungen, wie der erheiternde Anblick eines lächeln- Gelehrsamkeit und Gelehrte«, 22. »Selbstdenken«,
den Mädchens oder der verärgernde Lärm eines 23. »Ueber Schriftstellerei und Stil«, 24. »Ueber Le-
Peitschenhiebs, verursachten bei ihm Eindrücke, die sen und Bücher« und 25. »Ueber Sprache und
er in kürzeren oder längeren Texten verarbeitete. Es Worte«. Weiter bilden die im Kapitel 26 dargestell-
hatte sich somit eine große Menge an Notizen ange- ten »Psychologische[n] Bemerkungen« sowie das
sammelt, die meistens assoziativ entstanden sind 29. Kapitel »Zur Physiognomik« das anthropologi-
und von Schopenhauer sorgfältig aufbewahrt wur- sche Pendant zu den »Aphorismen zur Lebensweis-
den, bis er sie in dicken, mit Titeln versehenen Ma- heit« (s. Kap. II.6.6) des ersten Bandes, und schließ-
nuskriptbänden zusammenfassen ließ. Auf diese lich ist sein scharf gesellschaftskritischer Blick in
Materialien griff Schopenhauer beim Verfassen der den kürzeren Kapiteln 27. »Ueber die Weiber«, 28.
Parerga und Paralipomena zu (vgl. Segala 2013). »Ueber Erziehung« und 30. »Ueber Lerm und Ge-
Selbst also wenn Schopenhauer den zweiten Band räusch« ausgeführt. Das letzte 31. Kapitel besteht aus
mit dem Untertitel »Vereinzelte, jedoch systematisch »Gleichnisse[n], Parabeln und Fabeln«, die meistens
geordnete Gedanken über vielerlei Gegenstände« das bittere Schicksal des Genies behandeln. Der
versah, ist diese Ordnung relativ frei zu verstehen. In Band endet mit einer kurzen Sammlung von Ge-
diesem Band sind die Argumente nämlich sehr un- dichten, die Schopenhauer hauptsächlich in seiner
terschiedlich gewichtet worden; man kann der syste- Jugendzeit verfasste.
matischen Ordnung der vier Bücher des Hauptwerks Einen weiteren Hinweis zur Ordnung der Argu-
allein die ersten fünfzehn Kapitel zuweisen. Er- mente in diesem Band findet man gleich im ersten
kenntnistheoretischer Art sind die ersten vier Ka- Beitrag »Ueber die Philosophie und ihre Methode«.
pitel: 1.  »Ueber Philosophie und ihre Methode«, An seinem Anfang steht die Bestimmung des Philo-
6.7 Der zweite Band der Parerga und Paralipomena 147

sophen und der Erfordernisse des Philosophierens. theils bloße empirische Psychologie, d. i. aus der Be-
Philosophen sind diejenigen, die unablässig beden- obachtung geschöpfte Kenntniß der moralischen
ken, »daß sie ein Mensch sind und welche Korolla- und intellektuellen Aeußerungen und Eigenthüm-
rien hieraus folgen« (P II, 3). Die zwei Erfordernisse lichkeiten des Menschengeschlechts, wie auch der
des Philosophierens, die daraus folgen, sind »der Verschiedenheit der Individualitäten in dieser Hin-
Mut, keine Frage auf dem Herzen zu behalten«, und sicht« (P II, 20).
»daß man alles Das, was sich von selbst versteht, sich Das zweite Kapitel »Zur Logik und Dialektik« be-
zum deutlichen Bewußtseyn bringe, um es als Pro- ginnt mit einer Definition der analytischen und syn-
blem aufzufassen« (P II, 4). Darauf basiert der Un- thetischen Urteile (»jedes analytische Urtheil enthält
terschied zwischen Dichtern und Philosophen und eine Tautologie, und jedes Urtheil ohne alle Tautolo-
wiederum, unter diesen letzten, der zwischen Ratio- gie ist synthetisch«, P II, 23) und bietet, nach einer
nalisten und Illuministen. Nur der Rationalismus Überlegung über die Art der Beweisführung, einen
hat die Philosophie im Lauf ihrer Geschichte durch- längeren Paragraphen über das Disputieren. In die-
gehend belebt, und zwar in ihrem Fortschritt vom sem skizziert Schopenhauer seine bekannte, post-
Dogmatismus zum Skeptizismus, und von diesem hum oft auch separat veröffentlichte »Eristische Dia-
zunächst zum Kritizismus und schließlich zur Tran- lektik«, in der er »alle die so oft vorkommenden un-
szendentalphilosophie. redlichen Kunstgriffe beim Disputiren« (P II, 27)
Der Illuminismus hat sich dagegen weitgehend aufstellt (s. Kap. II.7.2).
gegen den Rationalismus, je nach dessen Ausprä- Die »Den Intellekt überhaupt und in jeder Bezie-
gung, gerichtet, indem seine Vertreter eine innere hung betreffende[n] Gedanken« des 3. Kapitels wie-
Erleuchtung unter den Namen »intellektuelle An- derholen die zentrale Rolle des Verstandes für die
schauung, höheres Bewußstseyn, unmittelbar erken- Konstitution der Erscheinungswelt. Dadurch wird
nende Vernunft, Gottesbewußtseyn, Unifikation man »zu der tieferen Einsicht geführt, welche der
usw. zum Organon des Philosophierens angenom- Name Idealismus bezeichnet, daß nämlich jene ob-
men« (P II, 11) haben. Eindeutig ist hier die Polemik jektive Welt und ihre Ordnung […] nicht unbedingt
gegen die nachkantische Philosophie zu hören. und an sich selbst also vorhanden sei, sondern mit-
Nichtsdestoweniger ist der Illuminismus an sich tels der Funktionen des Gehirns entstehe« (P II,
selbst »ein natürlicher und insofern zu rechtfertigen- 38 f.). Der Intellekt wird wiederum als Funktion des
der Versuch zur Ergründung der Wahrheit«, wenn Willens verstanden und das Gehirn als »Parasit, der
man nur »die allein richtige und objektiv gültige Art vom Organismus genährt wird, ohne direkt zu des-
solches auszuführen« anwendet (P II, 11 f.). Dieser sen innerer Oekonomie beizutragen« (P II, 78). Von
Weg ist schließlich auch derjenige Schopenhauers, dieser Ansicht hängt auch Schopenhauers Defini-
weil er »die empirische Tatsache eines in unserm Inn- tion des Genies ab: ein Individuum, dem es im
ren sich kund gebenden, ja, dessen alleiniges Wesen höchsten Grade gelingt, die Unabhängigkeit des In-
ausmachenden Willens [auffasst], und sie zur Erklä- tellekts von seiner Arbeit im Dienste des Willens zu
rung der objektiven, äußern Erkenntniß« (P II, 12) behaupten. Diese Eigenschaft erlaubt ihm, »sich der
anwendet. Welt und den Dingen auf einige Augenblicke so
Zuletzt schlägt Schopenhauer eine Einteilung der gänzlich zu entfremden, daß [ihm] die allergewöhn-
Philosophie vor. Die Philosophie hat ihm zufolge lichsten Gegenstände und Vorgänge als völlig neu
mit der Untersuchung des Erkenntnisvermögens an- und unbekannt erscheinen, als wodurch eben ihr
zufangen, die sich in Dianoiologie, bzw. Verstandes- wahres Wesen sich aufschließt« (P II, 81).
lehre, und Logik, bzw. Vernunftlehre, unterteilt und Die Erläuterung der schöpferischen Kraft des In-
an die Stelle der früheren Ontologie tritt. Darauf tellekts im Hinblick auf die Erscheinungen leitet
folgt die Metaphysik – die »die Natur […] als eine über zu »Einige[n] Betrachtungen über den Gegen-
gegebene, aber irgendwie bedingte Erscheinung satz des Dinges an sich und der Erscheinung«, sie-
[auffasst], in welcher […] das Ding an sich […] sich ben Paragraphen, die das vierte Kapitel ausmachen.
darstellt« (P II, 19) – und wiederum in eine Meta- Es ist die doppelte Natur aller Wesen, zugleich Er-
physik der Natur, des Schönen und der Sitten zer- scheinung und Ding an sich zu sein, die sie auch zu
fällt. Schließlich lässt sich anstelle der alten Seelen- »einer zwiefachen Erklärung, einer physischen und
lehre, der psychologia rationalis, die »Anthropologie, einer metaphysischen« (P II, 97) befähigt. An dieser
als Erfahrungswissenschaft […] aufstellen, und Stelle stoßen wir auf die Formulierung des Grund-
diese ist aber theils Anatomie und Physiologie, – philosophems Schopenhauers: »der Grundcharakter
148 II. Werk – 6. Parerga und Paralipomena

aller Dinge, [ist] die Vergänglichkeit, ihr eigener daß sie nicht bestehen werden« um (P II, 157). Also
Kern [ist] ein zeitloses und dadurch völlig Unver- kann Newton die Gravitationslehre nicht ursprüng-
wüstliches, […] der Wille in uns allen« (P II, 101). lich erfunden haben, sondern muss die Theorie
Dieses Gebiet bleibt allerdings dem Intellekt völlig Robert Hooks übernommen und erst später für die
fremd. Demnach kann zur metaphysischen Deutung eigene verkauft haben. Somit bleibt als einzige ori-
der Phänomene wiederum nur das Genie gelangen, ginelle Theorie Newtons allein das »siebenfarbige
dessen Maß an Intellekt »durch eine Abnormität Monstrum« (P II, 158), das Schopenhauer schon vor
excedirt wird, [wodurch] sich ein völlig dienstfreier 35 Jahren beseitigt zu haben behauptet. Die längere
Ueberschuß« (P II, 103) einstellt. Polemik, die der Philosoph im anschließenden sieb-
Menschen dieser Art sind bestimmt nicht unter ten Kapitel »Zur Farbenlehre« gegen Newton führt,
den Philosophieprofessoren zu finden, wogegen sich deutet sich hier schon an.
die zwei Paragraphen über den Pantheismus, die das Hier, im 7. Kapitel, erweitert Schopenhauer seine
fünfte Kapitel ausmachen, richten. Denn »wäre der »physiologische Farbenlehre«, die er als eine Ver-
Intellekt, ursprünglich und seiner Bestimmung vollständigung der Beobachtungen Goethes und die
nach, metaphysisch; so könnten sie [scil. die ›Nor- einzige korrekte Theorie der Farben darstellt. Jetzt,
malköpfe‹], besonders mit vereinten Kräfte, die Phi- und zwar fünfundvierzig Jahre nach ihrer ersten
losophie, wie jede andere Wissenschaft, fördern« Veröffentlichung, liegt es ihm am Herzen, vor allem
(P II, 104). Das beste Beispiel eines solchen vergebli- die Experimente darzustellen, die die Herstellung
chen Versuchs ist die Kontroverse zwischen Theis- der Farbe »weiß« aus den »komplementären Far-
mus und Pantheismus, die durch »einen Dialog, der ben« bestätigen sollen. Gerade dieses empirische Er-
im Parterre eines Schauspielhauses in Mailand, wäh- gebnis bestritt Goethe zuvor; dessen Grundan-
rend der Vorstellung, geführt würde« (P II, 106) alle- nahme war, dass die Farben aus einer objektiven Mi-
gorisiert werden kann: eine Komödie zweiter Po- schung zwischen Schatten (skiéron) und Licht
tenz. herrühren, deren nochmalige Vermischung aus-
Sehr umfangreich und voller Interpretationen schließlich neue Farben aber kein Weiß ergeben
zeitgenössischer wissenschaftlicher Resultate im könnten. Für Schopenhauer entstehen die Farben
Licht der Willensmetaphysik ist das sechste Kapitel aus einer Tätigkeit des Subjekts, und zwar aus der im
»Zur Philosophie und Wissenschaft der Natur«, das Auge stattfindenden Polarisierung der Netzhaut, die
eine gewisse Nähe zu Ueber den Willen in der Natur sich durch Superposition gewisser Farben aufheben
(1836) aufweist. Aus der Fülle wissenschaftsphiloso- lässt. Außer den Fortschritten der wissenschaftli-
phischer Bemerkungen, die sich von der Medizin chen Debatte über die Optik, stellt Schopenhauer in
über die Biologie, Physiologie, Chemie bis hin zur diesem Kapitel also all die Beobachtungen dar, die
Erd- und Menschenkunde erstrecken, mag hier ins- seine Theorie bestätigen und die er in diesen Jahren
besondere auf die Beiträge zur Geschichte der Wis- machen konnte. Hinzu bringt er »ein Paar artige Tat-
senschaften, und zwar über die Kosmologie, erin- sachen [vor], welche zur Bestätigung des von Goethe
nert werden. Schopenhauer vindiziert nämlich dank aufgestellten Grundgesetzes der physischen Farben
eines raffinierten psychologischen Arguments Ro- dienen, von ihm selbst aber nicht bemerkt worden
bert Hook die Priorität der Entdeckung des Gravita- sind« (P II, 209).
tionsgesetzes gegenüber Newton. Als Newton 1666 Schließlich kommt es zu einem interessanten
die Hypothese der Gravitation zum ersten Mal Vergleich zwischen Goethe und Newton in Bezug
prüfte, wurden seine Rechnungen von der damalig auf ihre naturwissenschaftliche Attitüde: »Goethe
geltenden, aber bekannterweise ungenauen Mes- hatte den treuen, sich hingebenden, objektiven
sung des Erdumkreises verfälscht. Das Resultat ließ Blick in die Natur der Sachen; Neuton war bloß
Newton die Hypothese ad acta legen und erst sech- Mathematiker, stets eilig nur zu messen und zu
zehn Jahre später, nachdem eine genauere Messung rechnen, und zu dem Zweck eine aus der oberfläch-
des Erdumkreises sie bestätigte, als die eigene erklä- lich aufgefassten Erscheinung zusammengeflickte
ren. Kein authentischer Entdecker einer wissen- Theorie zum Grunde legend« (P II, 211). Dem Ma-
schaftlichen Theorie – so Schopenhauer – würde thematiker, der allein über die blind rechnerischen
sich so verhalten, denn so geht man »mit fremden, Fähigkeiten des Intellekts verfügt, wird der Mann
ungern ins Haus gelassenen Kindern, auf die man von Genie gegenübergestellt: Allein seine Einsicht
scheel und mißgünstig hinsieht, und sie, eben nur in die Natur öffnet ihm anschaulich ihre verbor-
Amts wegen, zur Prüfung zulässt, schon hoffend, gene Wahrheit.
6.7 Der zweite Band der Parerga und Paralipomena 149

Im achten Kapitel »Zur Ethik« stellt Schopen- ansässige Fremde gelten. […] Daß sie mit Andern
hauer seine moralische Deutung der »höchsten Stu- gleiche bürgerliche Rechte genießen, heischt die Ge-
fen der Objektivation des Willens« (P II, 215) vor. rechtigkeit: aber ihnen Antheil am Staat einzuräu-
Die hier formulierte Maxime, die sich auf das mora- men, ist absurd« (P II, 281).
lische Handeln gegenüber dem Nächsten bezieht, Das zehnte Kapitel »Zur Lehre von der Unzerstör-
lautet: »Man fasse allein die Leiden eines Menschen, barkeit unseres wahren Wesens durch den Tod«
seine Noth seine Angst, seine Schmerzen ins Auge: – handelt von der Bedeutung der festen Trennung zwi-
da wird man sich stets mit ihm verwandt fühlen, mit schen der Welt der Phänomene und dem Ding an
ihm sympathisieren und, statt Haß oder Verachtung, sich. Die sich im Raum und in der Zeit abspielenden
jenes Mitleid mit ihm empfinden, welches allein die Phantasmagorien der Erscheinungen gründen auf
agape ist, zu der das Evangelium aufruft« (P II, 216). dem Willen als einem sich immer erhaltenden Ding
Dementsprechend kann er seine ganze Empörung an sich. Dieses allein bürgt dafür, dass unser Tod das
gegen die Sklaverei äußern und sogar zu einem Ende eines Spektakels ist, das wir zwar betrachten
»Kreuzzug […] zur Unterjochung und Züchtigung und an dem wir sogar körperlich teilnehmen, das
der sklavenhaltenden Staaten Nordamerika’s […] aber unser eigentliches Wesen überhaupt nicht an-
ein[em] Schandfleck der ganzen Menschheit« aufru- tastet: denn »je deutlicher einer sich der Hinfällig-
fen (P II, 226). Hier fallen auch die meisten Referen- keit, Nichtigkeit und traumartigen Beschaffenheit
zen zu den »Asiatic Researches« auf, die aufgrund aller Dinge bewußt wird, desto deutlicher wird er
ihrer ausgeprägteren Askese die Überlegenheit des sich auch der Ewigkeit seines eigenen innern Wesens
Hinduismus und des Buddhismus über das Chris- bewußt« (P II, 288). Schließlich kann man den Tod
tentum belegen sollen. Denn die authentisch pessi- als Versetzung in jenen »erkenntnißlosen Urzustand
mistische, idealistische und schließlich asketische [verstehen], der aber deshalb nicht ein schlechthin
Lehre des Christentums wurde durch den Realismus bewußtloser, vielmehr ein über jene Form erhabener
und Optimismus seiner jüdischen Wurzeln korrum- seyn wird« (P II, 292). Darum kann man auch den
piert. Und gerade dadurch, dass das Christentum die Unterschied zwischen »Metempsychose« und »Pa-
Schöpfungslehre des Alten Testaments übernom- lingenesie«, zwischen einer Theorie die den »Ueber-
men hat, wurde von ihm auch eine verkehrte Lehre gang der gesammten sogenannten Seele in einen an-
der Willensfreiheit verteidigt, deren Spuren noch in dern Leib« und einer, die die »Zersetzung und Neu-
den gegenwärtigen Philosophien des Abendlandes bildung des Individui, indem allein sein Wille
zu finden wären. beharrt« voraussieht (P II, 294), wie die exoterische
Diese Überlegungen werden im darauf folgenden und esoterische Darstellung ein und derselben Ein-
Kapitel »Zur Rechtslehre und Politik« weitergeführt, sicht verstehen. Die genaue Antwort auf die Frage
in dem der ältere Schopenhauer seinen politischen des Thrasimachos in der »Kleine[n] Dialogische[n]
Konservatismus offenlegt und einerseits das Natur- Schlussbelustigung«, »Kurzum, was bin ich nach
recht und die Souveränität des Volkes bestreitet, an- meinem Tode? – Klar und präcis!«, lautet nämlich:
dererseits die Monarchie als die natürliche Regie- »Alles und Nichts« (P II, 296).
rungsform verteidigt. Eine Meinung, die er sowohl Die für die Überlegungen über die Unzerstörbar-
anthropologisch und psychologisch, als auch durch keit unseres wahren Wesens durch den Tod grundle-
die Beobachtung lebendiger Organismen in der Na- gende Theorie der Idealität der Zeit wird in den
tur begründet. Selbst das »Verwachsensein« zwi- »Nachträge[n] zur Lehre von der Nichtigkeit des Da-
schen dem Recht des Besitzes und dem Recht der seyns« (11. Kapitel) behandelt: »Was gewesen ist, das
Geburt wird nun gepriesen, während er im Haupt- ist nicht mehr; ist eben so wenig, wie Das, was nie
werk gegen Kants Lehre vom ius occupationis, das gewesen ist. Aber alles, was ist, ist im nächsten Au-
Recht des Besitzes allein auf die Arbeit gründete. genblick schon gewesen. Daher hat vor der bedeu-
Schließlich findet man hier auch die ersten eindeutig tendsten Vergangenheit die unbedeutendste Gegen-
missachtenden Bemerkungen gegen Frauen und Ju- wart die Wirklichkeit voraus; wodurch sie zu jener
den, die als Basis der Einschränkung ihrer Rechte sich verhält, wie Etwas zu Nichts« (P II, 301). Die
dienen sollten. »Alle Weiber, mit seltenen Ausnah- Größe Kants besteht in seinem Beweis der Idealität
men sind zu Verschwendung geneigt« und dürfen, von Zeit und Raum, wodurch »für eine ganz andere
da sie stets »des Vormundes [bedürfen], […] nie Ordnung der Dinge, als die der Natur ist, Platz ge-
Vormund sein« (P II, 277); die Juden sind »ein frem- wonnen wird« (P II, 302). Und gerade das tiefe Ver-
des, orientalisches Volk, müssen daher stets nur als ständnis, dass die Zeitlichkeit die alleinige Dimen-
150 II. Werk – 6. Parerga und Paralipomena

sion unserer Existenz ausmacht, und dass »in einer Einen anderen Ausweg aus dem Existenzleiden,
solchen Welt […] alles in rastlosem Wirbel und wie es z. B. der Selbstmord anzubieten scheint, will
Wechsel begriffen ist, alles eilt, fliegt, sich auf dem und kann Schopenhauer absolut nicht billigen, wie
Seile, durch stetes Schreiten und Bewegen, aufrecht er in den vier Reflexionen »Ueber den Selbstmord«
hält« (ebd.) bietet die Möglichkeit, einen Gegensatz (13. Kapitel) erklärt. Entgegen der allgemeinen Mei-
dazu anzunehmen. Dies ist ein unendliches Dasein nung der monotheistischen Religionen stuft Scho-
»ohne Wechsel, ohne Zeit, ohne Vielheit und Ver- penhauer den Suizid nicht als ein Delikt ein. Auf
schiedenheit […], wohin die Verneinung des Wil- diese Verurteilung kann sich nämlich kein morali-
lens zum Leben den Weg eröffnet« (P II, 303). Also sches Argument dagegen stützen, sondern allein auf
ist die Einsicht in diesem Dasein das wichtigste, was das Argument, »daß der Selbstmord der Erreichung
ein Mensch erlangen kann, denn sie allein kann zur des höchsten moralischen Zieles entgegensteht, in-
transzendentalen Kehre führen. dem er der wirklichen Erlösung aus dieser Welt des
Die Zeit unseres Lebens ist allerdings nicht nur Jammers eine bloß scheinbare unterschiebt« (P II,
von metaphysischer Sinnlosigkeit, sondern auch 328).
von  Leiden charakterisiert, wie Schopenhauer in Eine positive Definition des höchsten morali-
den »Nachträge[n] zur Lehre vom Leiden der Welt« schen Ziels, die Verneinung des Willens zum Leben,
(12. Kapitel) wiederholt. Hier finden sich neben findet man in den »Nachträge[n] zur Lehre von der
metaphysischen Bemerkungen auch Beobachtun- Bejahung und Verneinung des Willens zum Leben«
gen anthropologischer und psychologischer Art. Die (14. Kapitel). Die Verneinung des Willens darf »kei-
Schmerzen unseres weltlichen Daseins brauchen ei- neswegs die Vernichtung einer Substanz [besagen],
nerseits eine metaphysische Rechtfertigung, damit sondern den bloßen Aktus des Nichtwollens: das
unser Leben nicht als eine reine Absurdität er- Selbe, was bisher gewollt hat, will nicht mehr« (P II,
scheint; andererseits führen sie aber auch zur Suche 331). Schopenhauer verteidigt insofern seine Ethik
nach Trostmitteln, die uns helfen können, die elende als die einzige, die mit der ursprünglich asketischen
Pendelei zwischen Not und Langeweile zu ertragen. Lehre des Neuen Testaments übereinstimmt, die
Nicht allein die Menschen, sondern alle lebenden wiederum in ihrem Kern indischer Herkunft sei.
Wesen, insbesondere die Tiere, leiden auf dieser Nur mit Bezug auf die Askese kann man z. B. das
Welt. Diese sind zwar durch »Sorglosigkeit und Ge- Klosterleben verstehen, dessen einziger Sinn es ist,
müthsruhe« charakterisiert, die mit dem Mangel an »daß man sich eines bessern Daseyns, als unseres ist,
Reflexionskraft und Zeitgefühl zusammenhängen, würdig und fähig erkannt hat, und diese Ueberzeu-
nichtsdestoweniger wird ihnen der Schmerz nicht gung dadurch bekräftigen und erhalten will« (P II,
erspart, der sich bei besonders entwickelten Tier- 338). Zu den psychischen Bekräftigungen zählt ins-
wesen sogar zu einem Leiden psychologischer Art besondere die radikale Unterwerfung »eine[s] frem-
entwickeln kann. den, individuellen Willen[s] […] ein[em] passen-
Metaphysisch gilt uns das Leiden als Anstoß, den de[n] allegorische[n] Vehikel der Wahrheit« (ebd.).
Drang des Willens zu spüren und eindeutig zu er- Schließlich besteht – dies ist das Fazit eines kurzen
kennen, dass dies die einzige Bedingung dafür ist, aber prägnanten Dialogs zwischen Mensch und
dass man sich davon befreien kann. Zu den Trost- Weltgeist – »der Werth des Lebens gerade darin, daß
mitteln rechnet Schopenhauer sowohl das Leiden es [den Menschen] lehrt, es nicht zu wollen« (P II,
der Anderen, »der wirksamste Trost, bei jedem Un- 341), und dies ist die höchste Weihe, worauf das Le-
glück«, als auch die Bemerkung, dass Arbeit, Plage, ben selbst uns vorbereiten will. Worin besteht also
Mühe und Not die einzigen Mittel sind, die Zeit ei- der Wert der Religion und welche sind die wahren
nes weltlichen Lebens zu erfüllen, ohne das Risiko Religionen?
einzugehen, sich ein größeres Ausmaß an Leiden Auf diese Frage antwortet das 15. Kapitel »Ueber
zuzuziehen. Schließlich gilt die Betrachtung der Religion«, mit seinen knapp achtzig Seiten das zweit-
Welt als »Ort der Buße, also gleichsam als eine längste in diesem Band. Mehr als die Hälfte des
Strafanstalt, a penal colony, ein ergastérion, wie Kapitels besteht aus einem Dialog zwischen Demo-
schon die ältesten Philosophen ihn nannten«, als pheles (Volksfreund) und Philalethes (Wahrheits-
der »sichere Kompaß zur Orientirung im Leben« freund). Demopheles verteidigt die Religion und die
(P II, 321), denn diese verwandelt das metaphysi- Religionsstifter, denn diese allein sind in der Lage,
sche Verständnis des Leidens zum höchsten Trost- dem Volk den Sinn des Menschenlebens beizubrin-
mittel. gen und durch Mythen und Allegorien das metaphy-
6.7 Der zweite Band der Parerga und Paralipomena 151

sische Bedürfnis der Vielen zu befriedigen. Philale- Hier formuliert Schopenhauer viele Hypothesen
thes argumentiert dagegen, dass die Religion höchs- über die Einflüsse der indischen Religion auf die
tens als pia fraus, d. h. frommer Trug zu verstehen sei, Ägypter und Etrusker, auf die Mythologie der Grie-
und das Gute in ihr allein in der moralischen Wir- chen und der Römer bis hin zur Mythologie des
kung besteht, die sie auf das Verhalten der Menschen Nordens: denn einiges würde sogar »für die Identität
ausübt. Trotzdem bleibt sie aber eine schlichte Lüge, des Buddha mit dem Wodan« (P II, 428) sprechen.
denn sie kann sich nie ausdrücklich als reine Allego- Das Entstehen und die hohe Stellung der griechi-
rie zeigen, ohne ihren Sinn zu verlieren. Aus diesem schen Kultur erklärt Schopenhauer wie folgt: Die
Grund ist ihr die Wahrheit immer vorzuziehen, denn Hellenen, eine ursprünglich aus Asien stammende
so argumentiert Philalethes: »Du hast gewiss recht, Bevölkerung namens Pelasgier, erlangten »eine ganz
das starke metaphysische Bedürfniß des Menschen naturgemäße Entwickelung und rein menschliche
zu urgiren: aber die Religionen scheinen mir nicht Kultur […], in einer Vollkommenheit, wie solche au-
sowohl die Befriedigung, als der Mißbrauch dessel- ßerdem nie und nirgends vorgekommen ist« (P II,
ben zu seyn« (P II, 381). Letzen Endes teilt Schopen- 429). Das wichtigste Ziel, in Beziehung auf welches
hauer weder die Meinung des Einen, noch die des noch in der Gegenwart vom Altertum zu lernen sei,
Anderen vollkommen, und die Schlussbemerkung, ist die Bildung des Geschmacks, zu der dagegen »die
die er in den Mund des Demopheles legt, weist auf altdeutsche Literatur, Nibelungen und sonstige Poe-
die konstitutive Zweideutigkeit des religiösen Phäno- ten des Mittelalters« (P II, 431) gar nicht beitragen.
mens hin: die Religion »wie der Janus – oder besser, Die griechische Mythologie, insbesondere die »ers-
wie der Brahmanische Todesgott Yama – hat zwei ten, großen Grundzüge[…] des Göttersystems«
Gesichter und eben auch, wie dieser, ein sehr freund- (P II, 435), soll man allerdings auch ihrem allegori-
liches und ein sehr finsteres« (P II, 382). schen Sinn nach interpretieren – eine hermeneuti-
Was den Wahrheitsgehalt des Christentums im sche Tradition, die bereits im 18. Jahrhundert ihre
Besonderen angeht, verdankt es diesen allein dem Blüte hatte: »Uranos ist der Raum, […] Chronos ist
Pessimismus seiner indischen Inspiration, der aller- die Zeit, […] Zeus ist die Materie« (P II, 436). Alle-
dings durch eine verkehrte Mischung mit dem jüdi- gorisch und zwar in Sinne einer Bestätigung seines
schen Optimismus korrumpiert wurde. Als eindeu- asketischen Standpunkts, deutet Schopenhauer
tiges Beispiel für den Unterschied zwischen der auf schließlich auch die Fabel Psyche und Amor von
Mitleid basierenden asketischen Lehre der Inder Apuleios und selbst »daß [die] Eule der Vogel der
und der Bejahung des Willens der Juden nimmt Athena ist, mag die nächtlichen Studien der Gelehr-
Schopenhauer die Art und Weise, wie von diesen ten zum Anlaß haben« (P II, 439).
zwei Religionen die Tiere betrachtet werden: »Die Mit dem 19. Kapitel »Zur Metaphysik des Schö-
bedeutende Rolle, welche im Brahmanismus und nen und Aesthetik« kehrt Schopenhauer wieder zu
Buddhaismus durchweg die Thiere spielen, vergli- einem der Hauptthemen seines Denkens zurück, der
chen mit der totalen Nullität derselben im Juden- Frage nach der Möglichkeit eines desinteressierten
Christenthum, bricht, in Hinsicht auf Vollkommen- Zugangs zur Welt, die mit einer Form von Genuss
heit, diesem letztern den Stab« (P II, 393). Hierauf verbunden sei »ohne irgend eine Beziehung dessel-
gründet Schopenhauer auch seinen vehementen ben auf unser Wollen« (P II, 442). Auf diese Frage
Protest gegen die in Europa schon üblich gewordene kann allein die Willensmetaphysik eine adäquate
Tierquälerei zu wissenschaftlichen Zwecken, da »die Antwort bieten. Das Subjekt des Erkennens, falls im
Thiere, in der Hauptsache und im Wesentlichen, ganz Besitz eines Überschusses an Erkenntniskräften, ist
das Selbe sind, was wir« (P II, 400). in der Lage, ein Objekt rein, d. h. ohne Bezug auf ir-
Die folgenden drei Kapitel bilden eine Sammlung gendeinen Zweck aufzufassen: »Der Intellekt […]
verschiedener Betrachtungen über »Sanskritlittera- wird abusive gebraucht in allen freien Künsten und
tur« (16.), Archäologie (17.) und Mythologie (18.). Wissenschaften« (P II, 443). Damit ist das alltägliche
Schopenhauer bedauert zunächst die zu seiner Zeit Leiden, das mit dem immer weiter nach einem
bestehenden Schwierigkeiten, zuverlässige Überset- Zweck strebenden Willen zusammenhängt, für ei-
zungen aus dem Indischen und dem Chinesischen nen Moment aufgehoben, und für das Subjekt ent-
zu erhalten. Eine Ausnahme biete allein die Überset- steht einen Genuss besonderer Art. Es ist ein erster
zung von Anquetil-Duperron aus dem Parsi ins La- Schritt in Richtung Erlösung, denn »[a]uf einem an-
teinische, der Oupnek’hat, »die Ausgeburt der höchs- dern Wege kann er [der Intellekt] sogar sich wider
ten menschlichen Weisheit« (P II, 424; s. Kap. III.1). den Willen wenden« (ebd.).
152 II. Werk – 6. Parerga und Paralipomena

Auf die metaphysische Erklärung des ästheti- wird, gründet sich ausschließlich darauf (zum Ruhm
schen Phänomens folgt eine Reihe von Betrachtun- s. auch Kap. II.6.6). Ohne Antwort bleibt allerdings
gen über die verschiedenen Künste, von der Archi- die Frage, worauf die Autorität derjenigen, die die
tektur zur Musik, von der Poesie zur Tragödie, wel- Kunstprodukte eines Genies erkennen sollten, be-
che die im System dargestellte feste hierarchische ruht. Denn die Gelehrten »lehren, um Geld zu ver-
Folge der Künste ersetzt. Vor allem in den Bemer- dienen und streben nicht nach Weisheit, sondern
kungen über die Musik kündigt sich eine polemische nach dem Schein und Kredit derselben«; die Studen-
Einstellung gegenüber der Gegenwart an, die sich in ten lernen »nicht, um Kenntniß und Einsicht zu er-
den nächsten Kapiteln noch verschärfen wird. Der langen, sondern um schwätzen zu können und sich
alte Schopenhauer, der sich offensichtlich eher bei ein Ansicht zu geben«, und schließlich seien beide
den Kunstformen des frühen als späten Jahrhun- »in der Regel nur auf Kunde aus; nicht auf Einsicht«
derts zu Hause fühlte, bei Rossini und Mozart insbe- (P II, 509). Diese Oberflächlichkeit des Umgangs
sondere, wendet sich hier gegen die große Oper, aber mit dem Wissen spiegelt sich in der allgemeinen
auch gegen die »malende Musik« Haydns und Beet- Vorliebe für das Lesen gegenüber dem Selbstdenken:
hovens, oder, wie im Falle Glucks, gegen die Ten- Die Gelehrsamkeit besteht nämlich in »der Ausstat-
denz die Musik »zum Knechte schlechter Poesie« tung [des Kopfes] mit einer großen Menge fremder
(P II, 461) zu machen. Man findet hier auch Bemer- Gedanken«, weshalb übrigens die Perücke »das
kungen zur Geschichte der Literatur, von der grie- wohlgewählte Symbol des reinen Gelehrten« (P II,
chischen Tragödie bis hin zu Dante, Petrarca, Shake- 511) ist.
speare, Cervantes, Scott und Goethe. In Bezug auf Darauf folgt die Behandlung des »Selbstden-
den berühmten Hamlet-Monolog wagt sich Scho- ken[s]« im 22. Kapitel. Hier thematisiert Schopen-
penhauer gar an eine philologische Hypothese heran: hauer die Ausübung der Fähigkeit, eigene Gedanken
»[D]er Ausdruck when we have shuffled off this mor- zu fassen, eine Fähigkeit, über die jeder Mensch in
tal coil, [ist] stets dunkel und sogar räthselhaft be- unterschiedlichem Ausmaß verfügt und die allein
funden […] worden. Sollte nicht ursprünglich ge- den Besitz einer Erkenntnis sichert. Diese kann man
standen haben: shuttled off […]: wonach der Sinn allerdings auch leicht verlernen, wenn man sie, wie
wäre: ›Wenn wir diesen Knäuel der Sterblichkeit ab- die meisten es tun, zu selten oder gar nicht ausübt.
gewickelt, abgearbeitet haben‹?« (P II, 474). Auch Für die Philosophen ist das Selbstdenken eine Not-
darauf hat Schopenhauer nie eine Antwort bekom- wendigkeit und gerade in der Art und Weise, wie sie
men. das tun, ob für sich selbst oder für die