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FJJ.

Buytendijk

Allgemeine Theorie
der menschlichen Haltung
und Bewegung

Reprint

Springer-Verlag
Berlin • Heidelberg • New York .1972
NIEDERSÄCHS.
STAATS- U . UN IV.-
B1BU0THEK
GOTTINGEN

ISB N 3 -5 40 -0 5 88 0 -X Springer-Verlag Berlin Heidelberg NewYork


ISBN 0 -3 87 -0 5 88 0 -X Springer-Verlag NewYork Heidelberg Berlin

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%
ALLGEMEINE THEORIE
DER MENSCHLICHEN HALTUNG
UND BEWEGUNG

ALS VERBINDUNG UND GEGENÜBERSTELLUNG VON


PHYSIOLOGISCHER U N D PSYCHOLOGISCHER BETRACHTUNGSWEISE

VON

DR. F. J. J. BUYTENDIJK
O. PROFESSOR DER PSYCHOLOGIE
DIR REICHSUNIVERSITÄT UTRECHT/HOLLAND

SPRINGER-VERLAG
BERLIN •GÖTTINGEN - HEIDELBERG
1956
TITEL DER ORIGINALAUSGABE:

P R O F . D R . F. J. J. BUYTEN DIJK
ALGEMENE THEORIE DER MENSELIJKE HOUDING EN BEWEGING
ANTWERPEN: UITGEVERSMIJ N. V. STANDAARD-BOEKHANDEL 1948
V o rw o rt
w Durch eine Reihe übersetzter Werke kennen wir F. J. J. B u y t e n d i j k als
Biologen, Phänomenologen und Philosophen, in dessen Schaffen sich die Fähig­
keit zu präziser Analyse und sicherer Wertung sachlicher Forschungsergebnisse
mit einem klaren Blick für Unterschiede des Wesens vereinigt. Das vorliegende
Werk über die menschliche Haltung und Bewegung stellt einen wichtigen Beitrag
zur sog. Verhaltensforschung dar. Es gehört also zu den wissenschaftlichen Bestre­
bungen, die aus einem Bedürfnis nach Ergänzung der klassischen Wissenschaften
der Physiologie und Psychologie entstanden sind, weil dort das Lebewesen in
seiner eigentlichen Wirklichkeitsstruktur nicht genügend in den Blick kommt.
Die konkreten Phänomene, vor die sich Ärzte, Pädagogen, Leibeserzieher u. a.
gestellt finden, konnten nicht durch die einfache Vereinigung der Erkenntnisse
jener heterogenen Wissensgebiete verstanden werden. Physiologie und Psycho­
logie vermitteln ja doch Einsichten aus derart differenten Sphären, daß eine
Zusammenschau der Befunde kaum möglich ist. Die Physiologie analysiert die
physikalischen und chemischen Vorgänge eines überaus komplizierten stofflichen
Substrates, die Strukturen, welche die Funktionen ermöglichen und bedingen,
aber sie nicht begreifen lassen. Die Psychologie beschäftigt sich mit Bewußtseins­
inhalten, Erlebnissen, die den leiblichen Vorgängen vorausgehen oder sie begleiten,
aus denen diese als lebendige Ereignisse aber nur wie ein Wunder hervorgehen
können. Die Bewegung als sinnvolle Verrichtung, als Aktion und Reaktion, Tat,
Stellungnahme und Leistung, als Realisierung eines vitalen Bezuges, also als
eigentliche Funktion ist jedoch nicht eigenständiges Objekt dieser Wissenschaften.
Es ist noch nicht lange her, daß man sich beim Bemühen um einen wissen­
schaftlichen Zugang zur lebendigen Bewegung — und das gleiche galt fü r den
Gesamtbereich der leiblichen Phänomene — in einer ähnlichen Lage befand, wie
sie einmal K i e r k e g a a r d fü r die Frage nach Wesen und Bedeutung des Sexuellen
treffend charakterisiert hat. Er klagte, daß man sich in deren Beantwortung teile,
und zwar „so, daß der eine Teil sich geniert zu sagen, was der andere sagt und des­
halb die Erklärung des einen toto coelo verschieden wird von der des anderen“ .
Das heiße aber, „auf alles verzichten und den Menschen die schwere Last auferle­
gen, die man selbst nicht mit einem Finger anrührt, die Last, in beiden Erklärun­
gen Sinn zu finden, während die respektiven Lehrer immer nur einen vortragen“ .
Wir wissen heute, daß der Versuch der Gestalttheorie zwar das Verdienst in
Anspruch nehmen kann, im Bereich der Physiologie das Ganzheitliche der orga­
nismischen Strukturen in den Blick gebracht zu haben. Aber den Graben zwi­
schen den beiden schon durch ihr methodisches Vorgehen radikal geschiedenen
Wissensgebieten der Physiologie und Psychologie konnte auch sie nicht über­
brücken, weil auch hier nicht die vitale Funktion als vom Subjekt bestimmt und
auf dieses bezogen begriffen, sondern einer „Einführung des Subjektes in die
Physiologie“ (von W eizsäcker ) ausgewichen wurde.
Erst die Verhaltensforschung hat das Problem klar gesehen .und in Angriff
genommen. Sie hat das Subjekt als Grund und Zentrum des Verhaltens in und
zur Umwelt in den Gegenstand der Forschung mit einbezogen. Das geschah mehr
oder weniger bewußt, war zum Teil auch einfach selbstverständliche, nicht weiter
IV

diskutierte Voraussetzung für das methodische Vorgehen. Aber gerade in der


Übereinstimmung über diesen besonderen Ausgangspunkt scheint uns das Ver­
bindende dieser Forschungslichtung zu liegen, wenn auch in vielen anderen Fragen
die einzelnen-Forscher nicht unerheblich voneinander abweichen, so daß vielleicht
manchem das Trennende entscheidender erscheinen könnte. Das wird deutlich,
wenn man einige hierher gehörige Namen nebeneinanderstellt: Etwa J. v. U exkü ll,
N. T inbergen, 0 . K öhler, K. L orenz, A. Portmann, F. J. J. B uytendijk . Der
Autor dieses Buches hat in diesem Kreis insofern eine eigene Position bezogen, als er
vorwiegend phänomenologisch vorgeht. So gelingt es ihm, nicht nur das Lebewesen
als Lebewesen, sondern innerhalb dieses Wirklichkeitsbereiches noch einmal
dessen individuelle Eigenart und — beim vorliegenden Thema — die Sonder­
stellung des menschlichen Verhaltens im Auge zu behalten. Die wissenschaftliche
Einzelforschung steht bei ihm im Horizont einer philosophischen Fragestellung:
einer Anthropologie. Diese ist zwar nicht ihr eigentliches Thema, aber die Inter­
pretation der Forschungsergebnisse hält sich gleichsam nach dorthin offen und
vermag so eine tragfähige empirische Grundlage für umfassendere Fragen ab­
zugeben.
Die relativ junge Lehre vom Verhalten befindet sich noch mitten im Prozeß der
Klärung ihres Standortes und ihrer Zielsetzungen, wobei es vor allem auch um die
Behauptung ihrer Eigenart gegenüber oder im Bereich der bewährten klassischen
Physiologie geht. Im Zusammenhang dieser Auseinandersetzung wird aber das
Bu ytendij Ksche Buch wohl gerade deshalb eine besondere Aktualität gewinnen,
weil die menschliche Bewegung ein Grenzgebiet im weiten Bereich des Verhaltens
einnimmt und so die entscheidenden Gesichtspunkte deutlicher hervortreten
müssen. Das ausgeprägte Methodenbewußtsein des Verfassers erleichtert für eine
grundsätzliche Diskussion in besonderem Maße die Klärung der Zuständigkeits­
bereiche der einzelnen Wissenschaftszweige und ihres Verhältnisses zueinander.
Nachdem aber auch deutsehe Forscher sich in zunehmendem Maße mit gewichtigen
Beiträgen an der Verhaltenslehre beteiligen und dadurch wesentlichen Einfluß
auf deren Entwicklung nehmen, ist es sehr zu begrüßen, daß durch die Initiative
von H. Plügge (Heidelberg) nun eine deutsche Übersetzung des Werkes von
B uytendijk vorliegt. Über den Kreis der. Fachgelehrten hinaus werden alle, die
sich in ihrer praktischen Tätigkeit mit der menschlichen Bewegung befassen
müssen, also Ärzte, Sportlehrer, Gymnastikschulen usw., aus dem Studium des
Buches Gewinn ziehen. Diese allgemeine Theorie ist ein verläßlicher wissenschaft­
licher Boden, von dem aus ein unmittelbarer Zugang zu den vorkommenden
Phänomenen möglich ist. Sie vermittelt die erschließende Blickweise, aus der
sich das Vorgehen bei speziellen Fragen einzelner Gebiete von selbst ergeben muß1.

Freiburg/Br., den 1. Oktober 1955 A. D erwort

1 Die holländische Ausgabe dieses Buches erschien 1948, die Literatur wurde daher vom
Verfasser nur bis zu diesem Zeitpunkt berücksichtigt. Auf seinen Wunsch haben die Über­
setzer jedoch einige neuere, zugehörige Arbeiten der deutschen Literatur in Anmerkung
beigefügt.
Tnhalkvm fifh n is

A. Prinzipien einer funktionellen B ew egu n gsleh re................................................................ 1


I. Methodische G ru n d la g e n .............. ........................- ................................................ 1
1. E in le itu n g ..................................................................... ........................... • • • • 1
2. Das Gemeinsame der Wissenschaften . ..................................... .... 2
3. Die Beziehung von Wissenschaft und Philosophie ............................................. 4
4. Prozeß und Funktion ............................................. .................................... .... 7
5. Funktionelle Bewegungslehre ist keine Bewegungspsychologie . . . . . . . 13
6. Gesetz und Prinzip ......................................................... ........................................ Iß
II. Die S elb stb ew egu n g.................................. .... ......................................................... 21
1. Kennzeichnung der Selbstbewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . 21
2. Das S u b j e k t ..................................................................................................... .... ■ 24
3. Selbstbewegung und Reflex ......................................................... .....................?7
4. Das Eigene und das Fremde . ......................................................... .................... 28
III. Die Gestalttheorie und die B ew eg u n gsgestalt................ .... 30
1. Was ist eine Gestalt ? ..................... ..................... 31
2. Das Gestalt-Problem ............................. ............................................ .... 31
3. Die Gestalt-Gesetze . . . . . . . . . . . . . . . . . ... . . . . . . 33
4. Die Gestalttheorie des N erven system s............................................. .... 34
5. Kann die Gestalttheorie die Bewegungslehre begründen ? .............................37
8k, Die B ew egnngsgestalten................................................. ........................................41
IV. Bewegungsraum und Bewegungszeit .................................................................. 43
1. Raum uud Zeit in physischer und psychischer H i n s i c h t ......................... 43
2. Der Begriff des vitalen R a u m e s ......................................................... .... 44
3. Der Unterschied gegenüber dem Raumbegriff K ants . . . . . . . . . . . 45
4. Rechter und linker Bewegungsraum ................................. 46
5. Vitaler Raum und Größenkonstanz ................................................................. 47
6. Naher und ferner Raum . . . . . . : ......................................... 4®
7. Die Struktur des B ew egungsraum es.................... •.............................................. 50
8 . Der Zusammenhang von vitalem Raum und vitaler Zeit . . . . . . . . . 52
9. Die vitale Zeit und die G e s t a lt e n ..................................................... .... 54
V. Die Systematik der menschlichen B e w e g u n g .............................. ........................ 57
1. Einteilung der physiologischen F u n k tion en ......................................................... 57
2. Die Möglichkeit einer Einteilung der Bewegungen . . . . . . . . . . . . 59
3. Gibt es ein „natürliches System“ der Bewegungen ? ......................................... 60
4. Die intra-empirische Einteilung .............................................................................. 62
5. Die typologische Einteilung . . . ............................................. .... 65
6 . Die trans-empirische E in teilu n g................................................................. . • • 67
7. Die psychologische Einteilung , ............................................................. .... 70
8 . Der Grad der Zwangsläufigkeit und die Beziehung zum Subj e kt . . . . . . 72
.9. Die funktionelle E in teilu n g................................................. ' ....................... - ■ • 75
10. Gibt es sinnlose Bewegungen ? ..................................... 76
11. Der Unterschied von Handlung und Ausdrucksbewegung . . . . ........................ 78

B. Die Problematik von Haltung und F ortbew egung.............................................. 83


I. Das Stehen (die automatische Spannungsverteilung).......................... ... 83
1. Einleitung . ..................................... ; .................................... ................................ 8®
2. Die Mechanik dm S t e h e n s .................................■ • • • • ' .................... 84
VI Inhaltsverzeichnis

3. Das Prinzip von Ausgleich und Anpassung ......................................................... 89


4. Der myotatische R e f l e x ................ ... ..................................................... . . . 90
5. Die Stützreaktion .................................................... ................................................91
6. Kritik an der R e f l e x l e h r e ................ ....................................................................93
7. Der Ausgleich von Störungen . . . .................................................................... 90
II. Natürliche und bequeme Haltungen. (Die funktionelle Bevorzugung ; das aus­
gezeichnete Verhalten im Sinne G oldsteins) .................................................... . 99
1. Die gelöste H a lt u n g ................................................................................ 99
2. Das ausgezeichnete Verhalten .................................... J00
3. Das Prinzip der gleichgerichteten B e w e g u n g e n ................................................... 102
4. Die experimentelle Untersuchung der „Haltungsreflexe" . . . ........................104
5. Der Zusammenhang von Kopfhaltung und Extremitätenatellung beim
M e n s c h e n ............................................................................ 107
6. Die „natürlichen'' Haltungen des Menschen ........................................................109
7. » Loi de s ta b ilité « ........................................................................................ 109
8. »Loi d ’a sym étrie«........................................................................................................ 110
9. »L o i d ’altemance« ............................ 112
III. Das Gehen. (Die rhythmisch alternierende Bewegung) . ................................. 113
1. Die Grundlage des Gehens . . . ............................................ 113
2. Die Gesetzmäßigkeit der R h y t h m ik .................... 117
3. Das Gehen als Prozeß betrachtet . . ................................................................. 110
4. Das Gehen, mechanisch betrachtet................................ 124
5. Die „ideale" G ehw eise......................................................................................... ■ 127

C. Exemplarische Reaktionen und Leistungen .............................. ................................ 130


I. Der Lidschlag. (Der bedingte Reflex) . ..............................................................130
. 1. Die verschiedenen Ursachen für das Ä u g e n b lin z e ln ........................................ là©
2. Comeal- und Blendungsreflex................ ....................................................... 131
3. Die Theorie P awlqws .............................................................................................132
4. Kritik an der Lehre von den bedingten Reflexen. ............................................. 134
5. Der Blinzelreflex (Augen-droh-Reflex) . .........................................................^ 137
6. Der optische Stellreflex .............. 138
7. Theoretische Betrachtungen .................................................................................... I39
8. Das Lokalisatibnsproblem ........................................................................................ 141
9. F o lg e r u n g ................................... 142
II. Das Zurückziehen der Hand. (Die In su lt-R ea k tion ).................................. .... . 142
1, Die klassische A u ffa s s u n g .................... ................................................................142
•2. Merkmale des Beugereflexes .................................................................................143
3. Kritische Bemerkungen ................................................................. .....................147
III. Die Abwehrbewegung. (Die vitale P h a n ta sie).............................. ........................148
4. Die typische Abw ehrreaktion....................................................................................148
2, Die Schreckreaktion.................................... 149
3, Entwicklung der A bw ehrreaktionen.................................................... 150
4, Die „ideale" A bw eh rbew egu n g........................ 152
5, Die vitale Phantasie.................................................................................................... 184
j IV. Die Erhaltung des Gleichgewichts. (Der senso-motorische Kreislau 0 ................ 157
'V 1. Ausgleichsreflexe .............................................! ....................................................157
j 2. Haltungsreaktionen . . ........................................................................ .... 459
3. Die Bedeutung des Gleichgewichtsorgans................ ................................... J@0
4. Das senso-motorische G leichgew icht........................ ............................................¡82
5. Subjektive und objektive S ta b ilitä t........................................ ............................188
V. Das Sichkratzen. (Das K örperschem a)............................ ... . . .........................13g
1. Analyse des Kratzreflexes ............................... ................................ 188
I nhaltsverzeichnis V II

2. Vergleich mit tiefenpsychologischen Begriffen ............................. 172


3. Gibt es Verhaltensweisen des Rückenmarkstieres ? ........................ 175
4. Wie kommt Lokalisation zustande ? ................................................. 177
5. Das Sich-Kratzen als spontane'Produktion einer Bewegungsfonm 181
6. Der Zusammenhang von Vorstellung und H a n d lu n g .................... 183

V I. Das Greifen. (Die gleitende Koppelung) 186


1. Weisen des G re ife n s........................ 186
2. Das reflektorische Greifen . . . . 187
3. Genese des Greifens beim Kinde 189
4. Greifen und Zeigen . ..................... 191
5. Die gleitende K o p p e lu n g ................ 193
6. Funktion und M itte l......................... 196

V II. Sprung und Wurf. (Das Ganze und die Teile) 197
1. Das Sich-Richten auf das Entfernte . . 197
2. Analyse des S p r u n g e s ................................. 198
3. Untersuchungen über das Werfen . . . . 199
4. Die vollkommene Bewegungsgestalt . . . 202

D. Die Problematik der Ausdrncksbewegungen ........... ....................................................... 203


1. Ausführung und Ausdruck . .................................................................................. 203
2. Leibliche Eigenschaften, die den Ausdruck ermöglichen . . .................... .... 205
3. Das Verhältnis von Ausführen und Ausdrücken . . . . ................................. 206
4. Einteilung der Ausdruckserscheinungen................................................. .... 213
5. Expression durch Exzitation und Irradiation ............................. ........................ 215
6. Expression durch Hemmung .................................................................................. 221
7. Expression durch S p a n n u n g ................................................................................. 223
8. Die vegetativen Wirkungen der Gemütsbewegungen ......................................... 226
9. Expression durch die Atmung ............................................................................. 231
10. Expression durch die mit der sinnlichen Wahrnehmung verbundenen Be­
wegungen ..................................................................................\ 235
11. Expression durch H a l t u n g ......................................................................................238
12. Ausdruck und Darstellung ................................. ........................................ ... 240
13. Expression durch motorische Desorganisation..................................................... 242
14. Expression durch Kapitulation . . ............................. ........................................ 245
15. Das Wähmehmen und Verstehen der Ausdrucksbewegungen . . . . . . . 250

E. Die Genese der menschlichen Bew egungen.................. .....................................................253

I. Die pränatale Entwicklung der Motorik .............................. ................................ 253


1. Untersuchungsmethoden . ............................. .........................................................253
2. Primat von Gesamt- oder E in zelbew eg u n g ......................................................... 255
3. Die Entwicklung des Nervensystems und der Motorik . . ............................. 258 X;
4. Die R e i f u n g .................................... ................................................. 262

II. Das Erlernen von B e w e g u n g e n ............................................................................. ... 264


1. Lernen und E n tw icklu n g................ .... . ............................. ................................ 264
2. Theorien des L e r n e n s .............................................................................................. 266
3. Re-Koördination bei T ieren .................... .... ..........................................................268
4. Vorbedingungen des Lernens . ................................. .................................... 272
5. Die hysterische L ä h m u n g ......................................................................................273
6. Lernen ist Organisieren durch V e r f ü g e n .............................................................. 278
7. Lernen ist Organisieren durch planmäßiges Verfügen . ................................. 280
8. Die Lenkung der Bewegungen während ihrer Ausführung ............................. 286 v . /
9. Bewegungsempfindungen.................................... 289/
10. Das Automatisieren der Bewegungen................... ................ .........................293
V III Inhaltsverzeichnis

F. Typologie der menschlichen D y n a m ik .............................................................. 294


I. Die jugendliche B e w e g u n g .................. ................................................................... 294
1. Jugendlich und k in d lic h ............................................................................................294
2. Unausgerichtetheit und Ü b e r m a ß ........................................................................ 296
3. Das P a t h i s c h e ............................................................................................ 298
4. M itbew egungen................................ 299
5. Entwicklungsphasen.................... ............................................................................30 j
6. Kleinkind und Schulkind .................... 304
II. Die Motorik des Pubertätsalters...................................................................... ... . 305
1. Hormonale W irkungen.................................................... 305
2. Die puerale Periode . . .........................................................................................310
3. Die Schwellenposition .............................................................................................3 1j
4. Das motorische Bild und seine Erklärung ............................ ........................ . 312
5. Der M äßigu n gsprozeß.................................................................... ........................317
III. Männliche und weibliche B e w e g u n g ................................................ 31g
1. E in le it u n g ........................................................................................ .318
2. Biologische Erklärungen . . ....................................................................................320
3. Merkmale der Bewegungsweise .............................................................................. 3 2 1
IV. Die A lte rsm o to rik ............................................................................................ 325
1. Motorische A lt e r s t y p e n ................................................................................. ... . 325
2. Das motorische Bild der Distanzierung.................... 327
3. Kom binations-M otorik............................................ 328
4. B ew egu n gsarm u t.................................... 329
5. Unterschied zwischen Mann und F r a u ........................ 331
V. Konstitutionelle Typologie der Motorik ...................................................................331
1. Individuelle T y p o lo g ie .................................... 331
2. T em pera m en ten leh re................................ 333
3. Typen von K retschmer . ............................ 338
4. Konstitution und M o t o r i k ............................ 338
5. Kritische B etrachtungen........................................................................ 341
V I. Normative T y p ologie............................................................. 345
1. D e f i n it i o n .................................................................... 345
2. Der Begriff des Normalen . ............................................................................. .... 346
3. N atürlichkeit........................................................................................ 350
4. Technische Vollkommenheit ........................ 356
5. Die A n m u t.......................... .......................................................................... 357

N a m e n v e r z e ic h n is . ................................................................................................................ 365
A. Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre
I. Methodische Grundlagen
1. Einleitung
Ein Wartender eilt auf eine nahende Freundin zu. Er stolpert, fängt sich
wieder und lacht. Er streckt zur Begrüßung die Hand aus, holt einen Brief aus der
Tasche und liest errötend daraus vor. Später geht er nach Hause, ißt und trinkt.
Er setzt sich mit gerunzelter Stirn an den Schreibtisch, seufzt. Begibt er sich zur
Ruhe, so schläft er während der Nacht in wechselnder Haltung, bis er am Morgen
die Augen aufschlägt und einen neuen Tag beginnt. Eine ununterbrochene Kette
von Haltungen und Bewegungen bildet so die äußere Erscheinungsform des dahm-
fließenden menschlichen Daseins.
Vom ersten Atemzug des Neugeborenen und dem Weinen und Strampeln des
Wiegenkindes bis zur müden Gebärde des Greises und dem letzten Atemzug des
Sterbenden wechseln Haltungen und Bewegungen miteinander ab. Dynamische
Grundformen entfalten sich in der Jugend, wandeln sich in der Pubertät. Sie
passen sich den Forderungen wechselnder Umstände an, werden zu Gewohnheiten
und erstarren im Alter zu Schemen.
Wie können wir diese Vielfalt der Erscheinungen, dieses Stehen und Gehen,
diese Aktionen und Reaktionen, Handlungen, Ausdrucksbewegungen und
Gebärden, die Stellung von Kopf, Rumpf und Gliedern, das Mienenspiel des
Antlitzes, den Bewegungsreichtum von Bein und Arm, Hand und Auge, von
einem einheitlichen methodischen Gesichtspunkt aus erfassen ? Inwiefern sind die
motorischen Äußerungen des Tieres mit denen des Menschen vergleichbar ? Oder
zeigt die Motorik vielleicht verschiedene, aufeinander nicht reduzierbare Aspekte ?
Wie können wir die motorischen Äußerungen erfassen, ohne daß wir durch eine
zu weitgehende Abstraktion das Wesentliche aus dem Auge verlieren, oder uns
im bloßen Haftenbleiben am Unmittelbar-Konkreten an das zufällige Vielerlei
verschwenden ?
Wie wird man für eine Lehre der menschlichen Bewegungen die angemessene
Weise des Fragens finden ? Was bedeutet hier Erklären, V erstehen und Begreifen ?
Kann man die Erkenntnis der menschlichen Haltung und Bewegung als einen Teil
der biologischen oder medizinischen Wissenschaften ansehen ? Wie steht sie ins­
besondere in Beziehung zu Physiologie und Psychologie ? Inwiefern wäre etwa die
einfachste Bewegung, wie ein Zurückziehen der Hand, die Bewegung der Augen,
ein unpersönliches Natur-Geschehen ? Auf welche Weise sollte eine Bewegungslehre
in einer Philosophie des Lebendigen und in einer philosophischen Anthropologie
gegründet sein ?
Solche Fragen drängen sich uns als Hinweise auf eine tiefgreifenden Proble­
matik auf, wenn wir uns auf Möglichkeit und Methodik einer Wissenschaft
von der menschlichen Haltung und Bewegung besinnen.
Buytendijk, Haltung und Bewegung 1
2 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

2. Das Gemeinsame der Wissenschaften


Gemeinsames Ziel aller Naturwissenschaften ist es, durch Wahrnehmen,
forschen und Nachdenken das Geheimnis der uns umgehenden Erscheinungswelt
zu durchschauen. Der erste Schritt zur Erkenntnis des wahren Wesens der Wirk­
lichkeit vollzieht sich in der Unterscheidung des Realen vom Scheinbaren. Zu
diesem Zwecke soll die Wahrnehmung der Erscheinungen gereinigt weiden von
jeder bloß subjektiven Beimischung und von der Zufälligkeit der Umstände. In
diesem Bemühen versucht man den Gegenstand der Wissenschaft in seiner reinen
Objektivität zu erfassen. Was zunächst und vorläufig „Natur" genannt wurde,
entwickelt sich nunmehr zu einem System von „Tatsachen", die in der Objekti­
vität der erscheinenden Wirklichkeit eindeutig bestimmt und fest begründet sind.
Eine Tatsache kann prinzipiell von jedermann „festgestellt" werden, wenn er
über Sinnesorgane verfügt und sofern die allgemeinen Bedingungen der Wahrneh­
mung erfüllt sind.
Die „Tatsachen", von denen die Wissenschaft zur Erlangung objektiv
geordneter Erkenntnis auszugehen hat, sind zwiefach geartet. Die Natur
offenbart sich in ihrer statischen Unveränderlichkeit in Dingen und in ihrem
dynamischen Geschehen in Ereignissen. Aus diesem Doppelaspekt entwickelt
sich die eiste große Spannung in jeglichem wissenschaftlichen Denken als die
sich nie erschöpfende Frage nach dem wesentlichen Gehalt der Erscheinungen,
die Frage, oh die Verwandlung oder aber das Unwandelbare wesentlich sei. Es ist
hier nicht der Ort, das Ringen um dieses Problem von den Griechen bis in die
moderne Physik darzustellen, doch dürfen einige Bemerkungen im Hinblick
auf die methodische Grundlegung einer funktionellen Bewegungslehre nicht
unterbleiben.
Läßt man sich durch den Entwicklungsgang der Physik als der strengsten
unter den Naturwissenschaften belehren, so beeindruckt der zunehmende Ver­
lust an Vorstellbarkeit jenes Unveränderlichen, das man in aller Veränderung
anzunehmen gezwungen war. Zur Erklärung des Geschehens in der toten
Natur nahmen schon die griechischen Denker unveränderliche Teilkörperchen, die
Atome, an. Sie schrieben diesen Atomen keine qualitativen Eigenschaften zu,
aber sie waren wohl noch geometrisch vorstellbar, weil sie eine gewisse Dimension
und einen Ort im Raume besitzen sollten. In der modernen Physik verlieren die
Atome auch diese letzte vorstellbare Eigenschaft, wie H eisenberg uns lehrt1. Das
Atom der modernen Physik kann nur durch eine partielle Differentialgleichung in
einem abstrakten vierdimensionalen Raum symbolisch dargestellt werden. Erst
im Experiment, das sich im Eingreifen eines menschlichen Beobachters konsti­
tuiert, erhält das Atom einen bestimmten Ort. Die unwandelbaren „Körperchen"
der modernen Physik besitzen unmittelbar keine sinnlichen Eigenschaften, d. h.
jegliche Vorstellung ist eo ipso unrichtig.
Das einzige angemessene Mittel zur Erfassung der Natur in ihrer Objektivität
ist der unanschauliche, unvorstellbare Begriff. Das galt schon für die klassischen
Begriffe Kraft, Masse und Energie. Für den letzteren, dem klassischen physi­
kalischen Denken so wichtigen Begriff, möchten wir hier auf eine Bemerkung

1 H eisenberg , W .: Wandlungen in den Grundlagen der Naturwissenschaften. Leipzig


1935.
Das Gemeinsame der Wissenschaften 3

Clay « verweisen: „E s ist deutlich, daß die Energie im allgemeinen unvorstellbar


sein muß, weil sie das Unveränderliche in allen wahrnehmbaren Veränderungen
darstellt1."
Worin liegt die Bedeutung dieser Bemerkung für eine Lehre von der mensch­
lichen Bewegung ? Sehr stark ist der Drang nach vorstellbaren Erklärungen in den
Wissenschaften, welche das Geschehen in der lebendigen Natur, also etwa auch die
tierischen Bewegungen zum Gegenstand haben. Es ist dies nicht aus der „ Jugend“
der Biologie zu erklären, die es mit sich bringt, daß man zwar über eine große
Menge von Tatsachen, aber nicht über eine strenge begriffsmäßige und metho­
dische Begründung verfügt. Vielmehr liegt der Grund darin, daß der Organismus
sich uns als ein geschlossenes System zeigt und damit die Möglichkeit bietet, als
eine Art physiko-chemischer Maschine betrachtet zu werden. Die analytische
(morphologische und chemische) Forschung offenbart uns den Aufbau des
Körpers und stellt seine Unveränderlichkeit fest. Könnte man dann nicht das
Ganze der vitalen Bewegung und also auch das menschliche Tun aus dieser
Struktur erklären ? W ir werden dieser Frage wiederholt bei unserer Betrachtung
der motorischen Äußerungsformen begegnen und sie verneinend beantworten.
Aber wenn man eine solche Erklärung aus der Struktur ablehnt, so ergibt sich die
Notwendigkeit, als Unveränderliches m aller Veränderung etwas Unvorstellbares
zu suchen. Schon die oben gekennzeichnete Entwicklung der Physik, die man den
Lebenswissenschaften so gern als Beispiel vorhält, widerspricht der Behauptung,
daß dann den Forderungen, die man an eine Naturwissenschaft zu stellen hat,
nicht entsprochen werde.
Wir dürfen uns jedoch nicht der Hoffnung hingeben, daß im physikalischen
System der Erkenntnis auch die Lebenserscheinungen ihre Erklärung finden
könnten, well seine abstrakten Begriffe vom Unveränderlichen in der Natur die
Erklärung allen Geschehens der materiellen Welt ermöglichten. Denn eine wirklich
neue Stufe der Erfahrung muß ja zur Entwicklung eines neuen Begriffsystems
führen, und wir werden aufzeigen, daß die Bewegungen von Mensch und Tier
tatsächlich solch ein neues Gebiet darstellen. Zwar kann ein Organismus als ein
kompliziertes stoffliches Gefüge betrachtet und können daher die physikalischen
Begriffe auf ihn angewandt werden, aber es wird sieh zeigen, daß in einer solchen
Betrachtung gerade das Wesentliche des organischen Seins verfehlt wird. Der
physikalische Gesichtspunkt bietet keine Einsicht in die Eigenart der menschlichen
Bewegung und Haltung. Schon eine oberflächliche Bekanntschaft mit den
Erscheinungen des menschlichen Daseins zwingt uns, diese nicht als eine Reihe von
Ereignissen, als einen Prozeß aufzufassen, sondern als Äußerungen des Lebens. Das
bedeutet, daß man Begriffe wie „Bewegung'* oder „Stellung" z. B. der Glieder,
des Rumpfes, des Kopfes schon durch Abstraktion gewinnt, unter Absehen vom
menschlichen Dasein, das ja in Bewegung und Haltung sich äußert. Es folgt
daraus, daß man das Wahrgenommene nicht angemessen als Ortsveränderung von
Körperteilen beschreiben kann. Spricht man jedoch von Gehen, Stehen, Warten,
Herannahen, Stolpern, Sich-fangen, Begrüßen usw., so faßt man Bewegung und
Haltung schon als Formen des Verhaltens auf. Der Begriff „Verhalten" schließt
einen „w er" (Subjekt), der sich verhält, ein, und eine; „W elt" (Situation), auf die

1 Cl a y , J.: Ontstaan en Ontwikkeling vän het energie-beginsel, S. 89. Den Haag 1942.
1*
4 Prinzipien einer iunktionellen Bewegungslehre

das Verhalten bezogen ist. Es werden von uns also keine Bewegungen, sondern
sieh irgendwo bewegende Menschen wahrgenommen. Es ist für eine tiefdringende
Einsicht sicher wichtig, was unter diesem „sich" und diesem „irgendwo" zu ver­
stehen sei und wie man diese Momente vielleicht aus einem beide umfassenden Sein
begreifen könne. Doch wir wollen uns hier, unter Weglassung derartiger Fragen,
auf das Feld beschränken, in dem diese Bewegungen und Haltungen sich voll­
ziehen, auf die „Sphäre der Verhaltensweisen" von Tier und Mensch.
Es ist daher abzusehen von dem persönlichen Gehalt der Bewegungen und von
den speziellen Situations-Strukturen, in denen sie auftreten. Beide Momente
geben der wahrgenommenen Bewegung eine besondere Bedeutung, die ihren
Ursprung in der besonderen Art und Weise hat, in der dieser Mensch in diese
Situation verwickelt ist. Diese besondere Weise wurzelt wiederum in seiner
geschichtlichen Position, in seiner Vergangenheit und Zukunft, in seinen Stre­
bungen, Absichten, sittlichen Prinzipien, Gemeinschaftsbindungen usw. Nur in
einer anthropologisch begründeten Psychologie, die diese konkreten Bezüge als
zentriert in der menschlichen Existenz erfaßt, kann eine vollständige Lehre vom
menschlichen Verhalten entwickelt werden.
Beschränkt man sich auf die allgemeinen Merkmale von Haltung und
Bewegung, so wählt man einen zwischen dem psychologischen und dem
physiologischen gelegenen Gesichtspunkt. Wir sprechen dann von dem funktio­
nellen Aspekt. Von hier aus werden Bewegungen und Haltungen formell als
Funktionen begriffen. Das heißt, sie werden begriffen als wahrgenommene
Erscheinungen in ihrem Bezogensein auf etwas, das außerhalb des Wahrgenom­
menen liegt und von wo aus sie als sinnvoll begriffen werden können. Dabei kann es
sich beispielsweise um einen angestrebten Effekt handeln, wie etwa bei einer zielge­
richteten Tätigkeit, oder aber auch um einen innerlichen Zustand, ein Gefühl mit
einer hieraus resultierenden Ausdrucksbewegung. In beiden Fällen vollbringt der
Mensch etwas. Es wird etwas getan, und was getan wird, geschieht durch den Leib.
Es ist unmöglich, das in dieser Betrachtungsweise aus dem unverkennbaren
Zusammenhang von Körperprozessen und Funktionen des Individuums ent­
springende psycho-physische Problem nun auch innerhalb der Grenzen dieser
selben Betrachtungsweise zu lösen. Denn von diesem Gesichtspunkt aus sehen wir
den Menschen ja als ein sich verhaltendes Wesen und zugleich als ein physiko­
chemisches System, in dem etwas geschieht. Eine Klärung der Beziehung zwischen
den so gewonnenen beiden unvergleichbaren Bildern wird erst ermöglicht durch
einen Standpunkt, von dem aus das leiblich sich verhaltende In-der-Welt-Sein als
unteilbar-einheitliche Seinsweise ergründet wird. Dann werden die Grenzen von
Physiologie und Psychologie überschritten, indem man beide Wissenschaften
philosophisch zu begründen sucht.

3. Die Beziehung von Wissenschaft und Philosophie


Viele Forscher stehen diesem engen Zusammenhang von Wissenschaft und
Philosophie ablehnend gegenüber. Sie möchten sich auf eine Erkenntnis der
Gesetzmäßigkeit im Bereiche des Wahrnehmbaren beschränken. Die Wissen­
schaft habe sich ausschließlich mit der phänomenalen Wirklichkeit zu beschäf­
tigen und sie spreche sich nicht aus über das in ihr erscheinende Wesen. Dieser
Standpunkt wird in der Physik mit zunehmender Betonung vertreten.
Die Beziehung von Wissenschaft und Philosophie 5

Unterziehen wir diese Auffassung einer näheren Betrachtung! Mittels un-


anschaulicherBegriffe, wie Masse und Kraft, hat sich in der klassischen Physik
eine Naturauffassung gebildet, die im Zusammenhang mit der technischen Kultur
sich in einem mechanisch-materialistischen Weltbild erfüllte und sowohl die
Vorstellungen breiter Volksschichten als die Entwicklung der biologischen
Wissenschaften beherrschte.
Mit der Entdeckung neuer Zusammenhänge — zwischen Licht und Elek­
trizität, zwischen physikalischen und chemischen, atomaren und intra-atomaren
Prozessen, — durch die moderne Physik, erleben wir in unserer Zeit eine Ver­
wandlung vieler klassischer Begriffsinhalte. Es erwachsen hieraus neue Ein­
sichten, welche die ursprünglich der dogmatischen Philosophie entstammenden,
grundlegend erscheinenden Auffassungen, z. B. über Zeit, Kaum und Kausalität,
in ihrer Tragfähigkeit erschüttern oder zumindest erneut problematisch werden
lassen.
Es ist notwendig, diese Entwicklung der Physik, ihre Begriffe und H ypo­
thesen und deren Wechselwirkung mit dem philosophischen Denken zu erwägen,
um den Ort der Lebenswissenschaften im Ganzen der systematischen Natur-
erkenntnis begreifen und die Bedeutung und Tragweite der jetzt geltenden
biologischen Begriffe einsehen zu können.
Dabei ist es wichtig, daß die moderne Physik sich weit mehr als früher von
verborgenen philosophischen Gedanken losgemacht hat. Kein moderner Physiker
wird behaupten, das Wesen der Materie ergründen zu können, zu wissen, was
Masse, Energie, elektrische Spannung, oder gar, was Zeit und Raum eigentlich
seien. Diese Begriffe haben für ihn einen ausschließlich formalen Gehalt, insofern
als sie durch ihre genaue Bestimmtheit brauchbar sind für die mathematische
Formulierung des gesetzmäßigen Zusammenhanges der Erscheinungen. Da
die Physik also ausschließlich eine so geartete Erkenntnis erstrebt, ohne sich um
das Wesen der Natur an sich zu kümmern, kommt es ihr nicht auf Seinserkenntnis
an. Ihre Begriffe sind, wie die Amerikaner sagen, nur operative Bestimmungen
(“ operational notions” ). Die Physiker sind sich des philosophischen Charakters
der Grundlagen ihrer Wissenschaft nicht bewußt. Sie meinen vielfach irrigerweise,
daß die Thesen des Positivismus durch die Physik erhärtet werden.
Für die Biologie und also auch für die Lehre von den tierischen und mensch­
lichen Bewegungen ist es notwendig, diesen methodischen Standpunkt der
Physik richtig zu würdigen, denn gerade in der Lehre von den Lebenserscheinun­
gen droht die Gefahr eines übereilt metaphysischen Standpunktes. Es zeigt sich
dies vor allem in der Geschichte der Psychologie bis in unsere Zeit und ist teilweise
auch verständlich, weil der Mensch sich in seinem rechtmäßigen Streben nach
Selbsterkenntnis nicht mit einer formalen Erkenntnis begnügen kann und daher
immer dazu neigt, die wissenschaftliche Erkenntnis ontologisch zu interpretieren.
Aber selbst dort, wo man in der Psychologie eine solche Interpretation für
wissenschaftlich unzulässig erachtet, kann man eine „Arbeitshypothese'' antreffen,
nach der, im Anschluß an die Auffassung der älteren Physik, die Wissenschaft von
der toten Natur als eine an die Wirklichkeit angenäherte Erkenntnis und nicht
als ein System formaler, nur von einem bestimmten Gesichtspunkt aus gültiger
Bestimmungen der Gesetzlichkeit materieller Erscheinungen aufgefaßt wird.
Außerdem herrschte, als vielleicht größtes Vorurteil, bis vor kurzem in der bio-
6 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

logischen Wissenschaft allgemein die Ansicht, daß def naiv-realistische Raum­


und Zeitbegriff der Newtonschen Physik als der einzig mögliche angesehen
werden müsse. So ist es begreiflich, daß die Psychologie (und Physiologie) über­
wiegend noch von der Auffassung des D iscartes beherrscht wird, wonach die
körperlichen Phänomene, also auch die vitalen Bewegungen letztlich nichts anderes
seien als stoffliche Prozesse, so daß jegliche Bewegung mechanisch erklärt werden
müsse. Bekanntlich stellte D escartes der die ganze Natur konstituierenden
res extensa die res cogitans als grundsätzlich unräumliche Seinsfonn des denken­
den Geistes gegenüber, an welcher nur der Mensch teilhabe. Die Tiere betrachtete
er als Automaten.
In der modernen Biologie hat sich jedoch, — vor allem auf Grund der durch
die Deszendenzlehre gewonnenen Einsicht in die Kontinuität der lebendigen
Natur — , die Ansicht durchgesetzt, daß die Körpermaschinen nicht hur beim
Menschen, sondern auch beim Tiere durch „das Psychische” bewegt werden,
das man sich im Gehirn oder einem seiner Teile lokalisiert vorstellt. Unbekümmert
um das philosophisch Unhaltbare dieser Auffassung meint man, daß ein derartiger
Dualismus, der bald die Form einer Wechselwirkung, bald eines sög. Parallelismus
annimmt — je nachdem es die symbolische Deskription notwendig macht — ,
eine zureichende Begründung zur Erklärung der wahrnehmbaren Tatsachen
liefere. Man meint sogar, der methodische Dualismus biete den Vorteil einer
reinen Scheidung von Physiologie und Psychologie, wobei die erstere sich auf
die Erforschung der „stofflichen“ Prozesse beschränken könne. Die Richtung,
in der die Lebenswissenschaften sich entwickelten, und das Bild, das die Physio­
logie vom menschlichen Tun entwarf, wurden durch diese stillschweigend über­
nommenen philosophischen Gedanken bestimmt.
Es wäre aber doch zu fordern, daß nicht der Philosophie, sondern der Wissen­
schaft selbst die Motive entspringen, welche die Entwicklung der wissenschaft­
lichen Begriffe bestimmen. Geschieht dies nicht, wie es bis auf unsere Zeit in
der Biologie der. Fall war, so wird die Entwicklung der Wissenschaft selbst ent­
weder gehemmt oder auf Abwege geführt. Dies lehrt uns die Wissenschaft von
der tierischen und menschlichen Bewegung.
Solange die Physiologie sich bewußt oder unbewußt dem Materialismus eines
B üchner und Moleschott oder der naiven Lehre H aeckels von „Seelenzellen
und Zellseelen” anschloß, mußte sie wohl notwendig am Grundphänomen des
animalischen Lebens, dem funktionellen Bezug von Individuum und Umwelt,
vorübergehen und sich auf eine zwar wertvolle, aber die eigentliche Lebens-
Problematik nicht berührende Deskription des stofflichen Geschehens im Orga­
nismus beschränken.
Auch die verschiedenen Formen des Vitalismus, die sich während der ganzen
Entwicklungsperiode der Biologie den mechanistischen Auffassungen entgegen­
stellten, haben den materialistischen Standpunkt der Physiologie nicht über­
winden können. Der Vitalismus vermochte es nicht, den Dualismus von stoff­
lichen Prozessen und einem lenkenden Faktor (Entelechie) zu überwinden. Er
war wissenschaftlich unfruchtbar, weil er kein neues Gebiet der Natur-Gesetzlich­
keit erschloß. Allerdings darf das Verdienst der vitalistischen Kritik an der Maschi-
nen-Theorie des Lebendigen nicht unterschätzt werden. Der Wert des Lebens­
werkes von D riesch liegt vorwiegend im Aufzeigen der Unmöglichkeit, integrale
Prozeß und Funktion 7

Phänomene, die in gestalteten Einheiten auftreten, aus Elementen zu erklären.


Der Weg für eine Gestalt-Theorie der organischen Erscheinungen war damit frei-
gemacht. Diese für die Bewegungslehre wichtige, noch ausführlich zu besprechende
Theorie liefert jedoch keinen reinen Ausgangspunkt für die Lehre der Lebensver-
richtungen und also auch nicht für eine Bewegungslehre.
Zudem hat auch die Gestalttheorie offensichtlich einen verborgen-meta­
physischen Ausgangspunkt, denn sie setzt voraus, daß der lebendige Organismus
,,eigentlich“ nichts anderes sei als eine Gestalt, ein strukturiertes Ganzes. Man
läßt die animalischen Funktionen denn auch nicht als ursprüngliche, nicht
reduzierbare, sinnvolle Erscheinungen gelten, sondern faßt sie als Prozesse auf,
welche in einer ursprünglichen Ordnungseinheit verlaufen.

4, Prozeß und Funktion


In der Physik werden Prozesse erforscht, Gruppen von Erscheinungen in
ihrem gesetzmäßigen Zusammenhang, Ereignisse, die in der Zeit, als einer
Reihung von Einzel-Momenten, kausal verknüpft sind. Auch die technischen
Wissenschaften haben mit Prozessen zu tun, obwohl ihr Objekt strukturiert ist.
Der Ingenieur beschreibt das Geschehen in einer Maschine und erforscht seine
Gesetze und Prinzipien. Die Bewegungen einer Maschine werden aus den Prozes­
sen erklärt.
Eine Funktion definieren wir als ein unteilbares Ganzes von Veränderungen,
sinnvoll bezogen auf etwas außerhalb dieser Veränderungen.
Auch von einer Maschine und ihren Teilen kann man in diesem Sinne sagen,
daß sie funktionieren, und der Ingenieur kann also die Erscheinungen nicht nur
als Prozesse, sondern auch als Funktionen auffassen. Erscheinen so biologische
und technische Wissenschaft in zweifacher Hinsicht analog, so erhebt sich aller­
dings die Frage, ob es sich um eine wesentliche, wissenschaftlich zulässige und
brauchbare Analogie handelt, oder ob die Beziehung von Prozeß und Funktion
in der Technik vielleicht doch eine ganz andere als in der Biologie ist.
Wenn man die in der Zeit verlaufende Veränderung in einem Gefüge als einen
Prozeß auffaßt, so richtet man sich ausschließlich auf die von Augenblick zu
Augenblick ablaufenden Zustandsänderungen, Obwohl diese Denk-undForschungs-
richtung analytisch ist, kann auch dabei der Gegenstand, an dem sich die Ver­
änderung vollzieht, sehr wohl als ein Ganzes betrachtet werden. So kann man
den Gestaltwandel in der Zeit ebensogut ah einer Landschaft oder an der
ganzen Erde wie auch an einem Atom oder einer Wolke als ihrer pars pro toto ver­
folgen. Auch ein organisches Geschehen ist so beschreibbar: das Wachstum einer
Pflanze, die FormentWicklung eines tierischen Embryo und ebenso die Bewegun­
gen als Orts- und Stellungswechsel von Mensch und Tier. Kennzeichnend für diese
Betrachtimpweise ist in allen Fällen:
1. Die völlige Gleichwertigkeit aller Zeitmomente (homogene Zeit).
2. Das relativ Beliebige von Anfang und Ende, die nur durch die erste bzw.
letzte wahrnehmbare Veränderung eines Vorganges bestimmt werden, während
der vorhergehende und der nachfolgende Zustand als sog. „Ruhephasen,‘ aus­
schließlich die Begrenzungen des in der Zeit verlaufenden Prozesses darstellen
(Isolierung).
8 Prinzipien einer iunktioneUen Bewegungslehre

3. Die Möglichkeit, die objektiv meßbare Zeit und damit die beobachtete
Veränderung in immer kleinere Teile aulzuteilen (Differenzierungsmöglichkeit).
Die Naturwissenschaft ist berechtigt, die Erscheinungen als solche Prozesse
aufzufassen. Das entspricht der Stellungnahme eines Menschen, der als
Zuschauer ein Geschehen teilnahmslos beobachtet. Was stattfindet, geschieht
unabhängig von seinem Eingriff. Was er wahrnimmt, ist daher in diesem Sinne
objektiv. Über eine exakte Deskription hinaus wird die Wissenschaft darum
bemüht sein, durch das Aufzeigen des zureichenden Grundes, der jenes Verände-
. rangsdifferential herbeigeführt hat, zu einer Erklärung zu kommen. Auch dieses
Erklärungsbedürfnis entspricht dem alltäglichen Verhalten des Menschen; aber
hier ergibt sich doch ein Unterschied.
Zureichend ist in der klassischen Physik nicht ein logisch unabweislieher
Grund wie im menschlichen Dasein, sondern eine „K raft", die als quantitativ-
variabler Naturfaktor gedacht wird (Druck oder Stoß, die Anziehung von Massen,
von elektrischen Ladungen usw.). Für die moderne Physik hat dieser Kraftbegriff
nur einen vorläufigen und heuristischen Wert. Als Endziel der wissenschaftlichen
Forschung aber wird angestrebt, den Prozeß als eine nach mathematisch formu­
lierbaren (auch etwa statistischen) Gesetzen sich vollziehende Veränderung zu
begreifen.
Wenn in Gegenüberstellung dazu das Geschehen als Funktion aufgefaßt wird,
so wird in bezug auf die Veränderung nicht gefragt, wie diese sich vollzog, sondern
was geschah, was getan wurde. Das bedeutet, daß eine derartige Frage vernünf­
tigerweise nur gestellt werden kann, wenn man gewiß ist, daß der Endzustand nicht
bloß anders als der anfängliche ist, sondern eine andere Bedeutung hat. Bedeutung
hat etwas jedoch nur, wenn es als Wert auf etwas anderes bezogen wird, das als
Wertmaß gilt.
So denkt der natürliche Mensch, wenn er das Verhalten anderer beobachtet ,
und so denkt der Ingenieur. Eine derartige Überlegung kann rieh entweder auf eine
Maschine und ihre Funktion als Ganzes, also etwa auf die Fortbewegung eines
Fahrzeuges auf der Straße oder auf Schienen beziehen. Sie kann aber auch eine
Teäfunktion, also etwa das Gleichmaß einer rotierenden Bewegung oder den Ab­
lauf einer Explosion betreffen. Die Prüfung eines Motors wird von der Frage
beherrscht, wie alle Teile funktionieren; sie setzt also voraus, daß etwas getan wird.
In dem Maße, wie dieses Etwas dem für das Tun geltenden Wertmaßstab ent­
spricht, wird es als gut oder schlecht, d. h. als gelungen oder mißlungen, beurteilt.
Man könnte mit Recht bemerken, daß diese funktionelle Betrachtungsweise
eigentlich nicht das Geschehen selbst, sondern eine vorgestellte Beziehung betrifft,
. die nur für den beobachtenden Menschen besteht und daher relativ zu seinem
Standpunkt ist. Wenn man den Begriff der Naturwissenschaft auf die Erkenntnis
eines Geschehens also unabhängig von jeglicher als Wertung verstandenen Subjek­
tivität, einschränkt, so ist die Technik in wesentlichen Teilen lediglich eine Lehre
der Maschinenkonstruktionen und keine Naturwissenschaft. Sie ist jedoch immer
zugleich eine objektive Wissenschaft, weil die Idee der Konstruktion und die aus ihr
hervorgehende Zusammensetzung der Maschine doch auch objektiv gegeben und
nicht bloß subjektive Vorstellungen sind.
In der Natur als Objekt der Naturwissenschaft sind nach der landläufigen
Ansicht keine Ideen wirksam und verwirklicht. Es besteht kern objektiv-sinnvoller
Prozeß und Funktion 9

Zusammenhang, alles verläuft von selbst, d. h. nach blinden Gesetzen, Dasselbe


gilt auch für die Maschine in ihrem physikalischen Aspekt. Nach dem Sinn
eines Maschinenteiles — etwa eines Schwungrades — in bezug auf das Ganze muß
man auf andere Weise fragen als bei der Erforschung seiner Bewegungs-
gesetze; andere auch als wenn man ganz allgemein für die Einzelteile die Kräfte,
denen sie unterworfen sind und die sie ausüben, ihre Bewegungen und Gleich­
gewichtslagen feststellen will. Wenn man auch dabei meistens von Wirkungen
und Funktionen der Maschine und ihrer Teile spricht, so ist das doch nur eine
metaphorische Redeweise, die allerdings nicht nur in der Umgangssprache, sondern
auch in der Physik sehr verbreitet ist. Man sagt ja nicht nur: eine Lokomotive
ziehe etwas und manchmal sogar: „mit Mühe” , und: ein Auto wolle nicht fahren
sondern auch: ein elastischer Körper widersetze sich der Ausdehnung. Zwar ist
der metaphorische Gehalt von Ausdrücken w ie: Affinitäten, Tendenzen, Strebungen
usw. dem Physiker immer deutlicher geworden. Dennoch werden Redeweisen wie:
elektrisch gleichnamig geladene Teilchen stoßen einander ab (als ob sie selbst etwas
,,täten"), ein Atom strebt nach einer Edelgasstruktur als gewohnt beibehalten.
Man hat jedoch erkannt, daß diese letzten Reste metaphorischer Ausdrucks­
weise ganz ebenso wie etwa die Begriffe Kraft und Ursache irreführend sein
müssen, wenn man sie als Hinweise auf eine verborgene Wirklichkeit anstatt
nur formal als prägnante Bezeichnungen der Erscheinungen und ihrer gesetzlichen
Relationen auffassen würde. Wir kommen daher zu der Einsicht, daß die methodi­
sche Einstellung der Physik und der technischen Wissenschaften notwendigerweise
den Ausschluß jeder funktionellen Betrachtungsweise fordert. Es wird in der Natur
nichts getan und eine Maschine tut „eigentlich“ auch nichts. Es geschieht nur etwas.
Es vollziehen sich feststellbare Veränderungen, deren exakte Messung ein System
von Gesetzlichkeiten ergibt, was unter bestimmten Bedingungen eine Vorhersage
des weiteren Geschehens ermöglicht.
Es wäre denn auch falsch, wenn man aus der Tatsache, daß in den Formeln zur
Berechnung der Atomstrahlung neben dem Anfangs- auch der Endzustand eines
Elektrons auftritt, die Schlußfolgerung zöge, daß physikalisch ein Gerichtetsein
auf einen bestimmten Endzweck, eine Endursache, eine causa finalis anzunehmen
wäre. Für derartige Annahmen ist die Naturphilosophie, nicht jedoch die Physik
zuständig.
Wir sehen also, daß Na.turprozesse den alleinigen Gegenstand der Physik dar­
stellen. Für diese Wissenschaft gibt es keine V errichtungen, Wirksamkeiten oder
Funktionen. Zweitens haben wir erkannt, daß der Funktionsbegriff in der tech­
nischen Wissenschaft einen völlig klaren Inhalt hat. Er bezieht sich ausschließlich
auf die in der Maschinenkonstruktion verwirklichte Idee der Zweckmäßigkeit des
Ganzen und bzw, seiner Teile. Nur insoweit sie sinnvoll sind im Hinblick auf den
durch die Maschine zu realisierenden Zweck, können derartige Maschinenprozesse
als Funktionen aufgefaßt werden.
Damit ergibt sich die Frage, wie weit das vitale Geschehen naturwissenschaft­
lich in echt funktionalem Sinne begriffen werden kann und muß. Die Tatsache, daß
der Funktionsbegriff im physiologischen Denken durchaus gang und gäbe ist,
zeigt hinreichend, daß es so begriffen werden kann. Aber darin liegt noch keine
logische Begründung. Seit jeher deutet man die Leistungen der Organismen im
Hinblick auf die Realisierung eines bestimmten Zweckes. So erscheinen uns etwa
10 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

bestimmte Tätigkeiten sinnvoll, gemessen an dem Wert der Selbstbehauptung


des Individuums oder der Art.
Vielfach hat man eine derartige teleologische Deutung der Erfahrungen als
wissenschaftlich nur „vorläufig" oder „heuristisch" ansehen wollen. Man forderte
als eigentliche Aufgabe der Biologie eine kausale Erklärung der Erscheinungen,
Das heißt aber, auch in der lebendigen Natur sollten unter Beibehaltung des
methodischen Standpunktes der Physik nur Prozesse erforscht werden. Eine
funktionelle Deutung des lebendigen Geschehens wäre dagegen der Natur­
philosophie zuzurechnen..
Danach sollte die Physiologie lediglich die Physik eines besonders verwickelten
stofflichen Substrates sein. Als technische Wissenschaft hätte sie außerdem
gelten, sofern das Substrat sich aus morphologisch bestimmbaren, deutlich
gestalteten Teilen zusammensetzt, die sich ganzheitlich bewegen und innerlich
und äußerlich verändern. Es ist jedoch eine Metapher, zu sagen, das Herz kontra­
hiere sich, die Niere entferne Giftstoffe aus dem Körper usw. Meint man das nicht
bildlich, so macht man sich der Einführung einer „mythischen" oder „magischen"
Organbetrachtung schuldig. Das ist tatsächlich der Fall, wenn man wissenschaft­
lich „etwas", eine „Zellseele" oder „Entelechie als Ursache einer Verwandlung
der Prozesse zu Funktionen annimmt. Nach üblicher wissenschaftlicher Ansicht
„funktionieren" die Organe wie Maschinenteile: die Struktur bestimmt die
zeitlichen Veränderungen bezogen auf feststellbare Endzustände. Wie in einer
Maschine gibt es im Körper nur StrukturfMiktionen. Dieser methodische Aspekt
hat sich in der Organphysiologie und Pathologie als sehr fruchtbar erwiesen.
Man hat diese Betrachtungsweise selbstverständlich auch auf das Zentral­
nervensystem angewandt, veranlaßt durch seinen morphologisch erkennbaren
Aufbau als Struktur von Zellen und Fasern. Erfahrungsgemäß sind diese Ele­
mente notwendige Bedingungen für das Zustandekommen von Bewegungen.
Man kann aber der Folgerung, daß demnach die Bewegungen lediglich aus
dieser Struktur zu begreifen wären, nicht zustimmen. Schon immer lehrte ja die
Erfahrung der experimentellen Physiologie, daß das Zentralnervensystem eine
völlig unbestimmte Anzahl von Bewegungen zuläßt. Das schließt aber ein Be­
greifen aus der Struktur im Sinne einer echten maschinellen Erklärung aus. Die
vollständigste anatomische Erkenntnis kann nur zeigen, welche Bewegungen
möglich sind, was geschehen kann, nicht aber was wirklich geschehen muß.
Während sich also die Bewegungen einer Maschine Voraussagen lassen, ist dies
bei einem Tier oder einem Menschen auf Grund der Kenntnis ihrer Strukturen
niemals möglich. Das wird in unserer Untersuchung wiederholt gezeigt werden.
Nur a posteriori kann man, bei vollständiger morphologischer Einsicht, angeben,
welche Teile des Körpers, welche Zellen und Bahnen des Nervensystems eine
Bewegung zustande kommen lassen. Kann also auf Grund der morphologischen
Struktur eine zureichende kausale Erklärung einer Bewegung nicht gegeben
werden, so liegt es nahe,.— sofern man dennoch Verhaltensforschung im Sinne einer
kausal-analytischen Wissenschaft betreiben will — , die Ursache der Variabilität der
Bewegungen außerhalb des Organismus, also in der über die Sinne auf das Tier ein­
wirkenden Umwelt zu suchen. Individuum und Umwelt werden dann als ein zusam­
menhängendes System betrachtet, in dem sich Prozesse vollziehen. Man vermeidet
auf diese Weise wiederum eine funktionelle und teleologische Betrachtungswebe.
Prozeß und Funktion 11

Behavioristische und physiologische Untersuchungen über Zustandekommen


von Bewegungen gehen denn auch vorwiegend in diese Richtung, In der Tat
zeigt sich ein Einfluß der Außenwelt auf „Schaltungen“ im Nervensystem nicht
nur durch Reizeinwirkungen von außen her, sondern vor allem auch durch
sensorische Eindrücke, die im Körper selbst durch Haltung und Bewegung ent­
stehen.
Sind aber diese Einflüsse von Außenwelt und Körperperipherie die deter­
minierenden Ursachen für das Zustandekommen einer bestimmten Bewegungs­
innervation im Zentralnervensystem, oder sind sie ebenso wie die Struktur nur
Bedingungen} Man müßte dann durch eine vollständige Kenntnis sämtlicher
Reize und der durch sie verursachten Neuronenschaltungen, die Verstärkung,
Hemmung, Irradiation, Einschränkung oder Umkehr des Innervationsstromes
erklären können.
Wenn es tatsächlich möglich wäre, den Organismus und seine Umwelt als ein
zusammenhängendes Ganzes, als eine Maschine zu erfassen, dann könnte die
Bewegungsphysiologie als eine Lehre von den Prozessen weiterentwickelt werden
und das Endziel der wissenschaftlichen Einsicht wäre methodisch genau fest­
gelegt.
Es leuchtet ein, daß die Erfahrung allein nie darüber entscheiden kann, ob eine
solche, Tier und Umwelt umschließende Maschine existiere oder nicht. Offenbar
ist aber ihre Existenz unvereinbar mit der Erfahrung, daß einerseits dieselbe
Reizkonstellation verschiedene Bewegungen, andererseits verschiedene Konstel­
lationen eine und dieselbe Bewegung bewirken können. Allerdings kann man unbe­
kannte Unterschiede in den Umständen sowie unbekannte Nachwirkungen früherer
Eindrücke und Bewegungen als Möglichkeit nie ausschließen. Man hat ja analoge
Einwände auch mit Recht gegen die sog. Beweise für die Wirkung eines
„unstofflichen Faktors" (Entelechie) •von D riesch vorgebracht.
Auch die Erfahrungen mit unbestimmt vielen Anpassungsmöglichkeiten an
die Umwelt bei Tier und Mensch sowie die Tatssache der Plastizität der
Bewegungsvollzüge nach Amputationen, Muskel- und Nerventransplantationen
schließen die Annahme einer durch innere und äußere Bedingungen äußerst ver­
wickelten Schaltungsvariabilität nicht schlechterdings aus. Man muß dann anneh­
men, daß die Anzahl der Anpassungsmöglichkeiten, wie groß sie auch sein mag,
dennoch beschränkt sei. Jegliche Anpassung könnte dann ja auf einer „prästabili-
sierten Harmonie“ beruhen und wäre dann nur scheinbar ein SicA-Anpassen, d. h,
eine Funktion; in Wirklichkeit wäre sie nur ein, wenn auch sehr verwickelter
Prozeß. Die Möglichkeit einer mechanischen Erklärung der Anpassungerschemun-
¿en ist, wie wir aufzeigen werden, unwahrscheinlich; aber man kann eine solche
Möglichkeit rein analytisch ebensowenig verneinen wie etwa eine physiko-chemi-
sche Erklärung der Tatsache, daß aus mutierten Keimen dennoch eine normale
Entwicklung stattfindet, ein Phänomen, das D riesch noch als einen sicheren
Beweis für den Vitalismus betrachtete.
Sobald man einmal irgendein objektives Geschehen als Prozeß gedeutet hat,
kann keinerlei Erfahrung uns veranlassen, es als eine Tat, eine Leistung, eine
Funktion aufzufassen. Jene Deutung geschieht ja schon unter einem selektiven
Gesichtspunkt, wobei grundsätzlich von jedem qualitativen, (d. h. nicht
differenzierbaren) Geschehen abgesehen wird. Das physikalische Weltbild
12 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

gestaltet sich unter Abstraktion von den Qualitäten. Das ist die Bedingung
einer rein mathematischen Deutung und der durch sie erlangten Gewiß­
heit der Erkenntnis. Die Entwicklung der quantitativen Methode wurde
jedoch nur durch die besondere Art des physikalischen Gegenstandes und der damit
verbundenen Fragestellung ermöglicht. Den Physiker interessiert, wie E ddington
sagt1, an einem konkreten Naturgeschehen wie denn Hinabgleiten eines Elefanten
auf einer schiefen Ebene ausschließlich die Masse, der Schwerpunkt, der Reibungs­
koeffizient und der Neigungswinkel. Alles übrige gehört nicht zu seinem Gebiet.
Ganz anders ist der Aspekt der Biologie als selbständige Wissenschaft. Ein­
mal kann man, ohne die Evidenz der Natur-Erfahrung zu verleugnen, unmöglich
von der Existenz tierischer Individuen und menschlicher Personen absehen. Zum
andern zeigt sich die Beziehung von Tier zu Umwelt nie als eine Reihe von
Prozessen, sondern sie offenbart sich immer nur in Erscheinungen, die sich in ihrem
Sinngehalt auf etwas anderes beziehen. Wir nennen diese Phänomene Funktionen
oder Verhaltensweisen, weil unter diesen Begriff nicht nur zweckgerichtete
Handlungen, sondern auch Ausdrucksbewegungen fallen, somit also sämtliche be­
deutungserfüllten vitalen Bewegungen und Haltungen.
Diese Funktionen können wir beobachten und in ihrer Eigengesetzlichkeit
untersuchen. Das setzt jedoch immer eine Einsicht in den Sinn des Bezuges von
Individuum und Umwelt voraus. Dann erst kann man von Greifen, Suchen,
Abwehren, von Erhalten und Wiederherstellen des Gleichgewichtes, von Gehen,
Laufen usw., kurz, von allem, was Tier und Mensch tun können, sprechen. Von
all diesen Leistungen kann man nicht absehen, wenn man den Begriff der
lebendigen Haltung und Bewegung entwickeln und aufrechterhalten will. Dann
hat man jedoch methodisch den funktionellen Gesichtspunkt gewählt und bewegt
sich in einem gänzlich anderen phänomenalen Bereich als der Physiker und Tech­
niker und auch als der physikalisch oder mechanisch denkende Physiologe, der sich
mit den im Körper ablaufenden Prozessen beschäftigt.
In der Lehre von den menschlichen Bewegungen spielen die Prozesse im Nerven­
system dann auch nur insofern eine Rolle, als sie eine Teilbedingung für das Auf­
treten der Funktionen darstellen. Zwar spricht man auch in der analytischen
Organphysiologie von Funktionen z.B. der Milz oder der Lunge und verbindet damit
die Vorstellung, diese Organe „täten" etwas zur Erhaltung des Individuums,
ähnlich wie man metaphorisch sagt, ein Maschinenteil „tu e" etwas. Es ist jedoch
klar, daß man sowohl in der Organphysiologie als auch bei der Beobachtung einer
funktionierenden Maschine ohne irgendwelchen Schaden und ohne Abänderung
der Untersuchung die teleologische Betrachtungsweise völlig vermeiden kann,
indem man einfach nur feststellt, daß ein bestimmtes Ereignis von einem anderen
gefolgt wird.
Das ist jedoch unmöglich, wenn man die Bewegungen als Funktionen auffaßt.
Die Aussage, man halte sich im Gleichgewicht, man richte sich auf, ergreife,
suche oder überspringe etwas usw., meint mehr als nur die Aufeinanderfolge einer
bestimmten Anzahl von Ereignissen. Die Funktion in ihrem konkreten Verlauf,
die Weise, wie man sein Gleichgewicht behauptet, etwas ergreift, springt usw.,
wird ja durch den angestrebten Endzustand bestimmt, d.h. durch das Zukünftige'.

1 E ddington : The nature of the physical world. Edinburgh 1927.


Funktionelle Bewegungslehre ist keine Bewegungspsychologie 13

5. Funktionelle Bewegungslehre ist keine Bewegungspsychologie


Wenn von W eizsäcker meint: „Ebenso wie man nicht vollständige Sinnes­
physiologie treiben kann, ohne die Empfindung zu kennen, ebenso kann man nicht
vollständige Bewegungsphysiologie treiben, ohne den Vorsatz der Bewegung zu
kennen“ 1, so darf Mer unter „Vorsatz" gewiß nicht die Absicht im psychologischen
Sinne eines Bewußtseinsinhaltes verstanden werden.
Was bewußt erlebt wird, wenn wir uns bewegen, kann in der Psychologie —
wenn auch unvollständig — untersucht werden. Dies ist jedoch ein eigenes
Problem. Was ein Tier erlebt, wenn es springt, greift oder sucht, können wir nicht
wissen. Zum Begreifen tierischer und menschlicher Bewegungen als Funktionen
brauchen wir diese Erkenntnis jedoch keineswegs, denn die Zustände, auf die sie
bezogen sind, und die Beziehungen selbst kennen wir aus der unmittelbaren Beob­
achtung und begreifen sie auf Grund der allgemein gültigen Merkmale des
menschlichen und tierischen Lebens. Das unmittelbar in der Erfahrung gegebene
Xn-der-Welt-Sem vermittelt uns den funktionellen Begriff der Bewegungen,
die aus dem Bezug von Individuum und Lebensfeld entspringen. Mit der
Erkenntnis des Wesens der menschlichen und tierischen Existenzweise wächst
auch die Gewißheit der Einsicht in den funktionellen Charakter der Bewegungen.
Nur eine ständig vertiefte Analyse unseres eigenen In-der-Welt-Seins und
des Wesens tierischen Seins im Zusammenhang mit einer umfassenden Erkenntnis
der biologischen (und psychologischen) Phänomene kann jene Erkenntnis
in wachsendem Maße vermitteln.
Eine funktionelle Bewegungslehre kann in den Bereich der Physiologie ein­
bezogen werden, wenn man diese Wissenschaft wirklich als „Leistungslehre'' ver­
steht und ihr eine umfassendere Aufgabe als üblich zuweist. Diese Aufgabe erstreckt
sich auf drei Gebiete. Erstens muß man für sämtliche Verrichtungen, sowohl für die.
vegetativen als für die animalischen, die Strukturbedingungen für die Verwirk­
lichung der Funktionen ermitteln. Diese Untersuchung beantwortet also die physio­
logische Frage nach der Möglichkeit von Prozessen. Zweitens hat der Physiologe
festzustellen, was wirklich gescMeht und wie dieses Geschehen bis in alle Details
abläuft. Er lernt dabei die Prozesse selbst und den kausalgesetzlichen Zu­
sammenhang der Teilprozesse kennen. Den dritten Aufgabenbereich, die Er­
forschung der Funktionen als solche, rechnet man jedoch meistens nicht zur
Physiologie, zumindest nicht in der von uns dargestellten Weise.
•Bei den vegetativen Funktionen des Individuum als Ganzem nimmt der
Bezug meistens den Charakter der Zweckgerichtetheit an, obwohl auch die
Ausdrucksfunktion des Vegetativen von Bedeutung ist. Die Teilzwecke der
Organfunktionen wurden im Verlaufe physiologischer Untersuchungen
entdeckt; sie liegen fast immer in der Aufrechterhaltung von Konstanten
(Invariablen), wie z. B. der Körpertemperatur, des Säuregrades des Blutes,
der Ca-Ionenkonzentration, des Blutdrucks, der C 0 2-Spannung usw. Das
Geschehen richtet sich nach diesen Konstanten aus und kann daher als eine
(regulative) Funktion begriffen werden. Der Physiologe ist so sehr vom funktio­
neilen Zusammenhang zwischen den Organen und von der funktionellen Bedeutung
dieses Zusammenhanges für das individuelle Leben und das Leben der Art über­

1 W eizsäcker , V. v o n : Der Gestaltkreis. Leipzig 1943.


14 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

zeugt, daß bei der experimentellen Erforschung der Prozesse (z. B. in der Thymus­
drüse), die Frage führend ist, was die Funktion dieses Organes sei, d. h. was das
Organ „tue“ . So deutet auch die Grundtatsache, daß diese Brüse in der Jugend
groß ist und in der Pubertät verschwindet nach dem Urteil eines jeglichen
Physiologen auf eine funktionelle Bedeutung für das individuelle Leben hin,
welche die künftige Forschung wird klären müssen.
Bezüglich der Bewegungen ergibt sich eine ähnliche methodische Einstellung.
Auch hier kann man einerseits mit Hilfe der allgemeinen Physiologie der Neuronen
und ihrer Beziehungen das mögliche Geschehen deuten; andererseits kann man das,
was wirklich geschieht (z.B. eine Flexionsbewegung nach einem starken Hautreiz) er­
fassen und als Prozeß analysieren; schließlich kann eine solche Flexionsbewegung
als Funktion, und zwar als Flucht vor einem schädlichen Reiz begriffen werden.
Bei der Frage nach dem funktionellen Zusammenhang vegetativer und ani­
malischer Erscheinungen müssen gewiß auch psychologische Erfahrungen be­
rücksichtigt werden, z. B. die Wärmeemßfindung bei der Temperaturregulation, die
Schmerzempfindung bei einer Fluchtbewegung. Zur Feststellung und Erforschung
der formellen Gesetzlichkeit als solcher jedoch ist eine psychologische Erkenntnis
ebensowenig notwendig wie die der körperlichen Prozesse.
Bei der Auffassung der Bewegungen als Funktionen geht es um vitale Bezüge
und vitale Werte, um Verhaltensweisen und Situationszusammenhänge, um
Stellungnahme, Aktion und Reaktion als objektiv feststellbare sinnvolle Phäno­
mene.
1x1"diesem Sinne verstanden hat der „Behaviörismus“ als eine Lehre vom Ver­
halten sich mit vollem Recht sowohl von der Schul-Physiologie als von der Schul-
Psychologie entfernt.
Zu Unrecht jedoch haben einige Forscher (W atson) versucht, die Verhaltens­
lehre der Tiere als eine methodisch der physikalischen verwandte Beschreibung
und kausale Erklärung eines „Geschehens" aufzufassen. Dies wäre theoretisch nur
möglich, wenn man das spezifisch Biologische der Erscheinungen aus dem Auge
verlöre. •Wenn aber der Behaviorist (und der Physiologe) für die tierischen Bewe­
gungen Bezeichnungen wählt, die nur dann begrifflich inhaltvoll sind, wenn sie
sich auf deren als sinnvoll, d. h. als Funktionen begriffenen ungeteilten Verlauf
beziehen, so geschieht das nicht nur „vorläufig*' oder „der Kürze halber'*.
Wie unabweisbar sich die Sphäre der Verhaltensweisen als eigenes phäno­
menologisches Thema der Wissenschaft aufdrängt, mag ein Beispiel erläutern.
V on Ü xküll , der sich einer Psychologisierung der Begriffe bei der Untersuchung,
der Bezüge von Tier und Umwelt heftig widersetzte, hatte dennoch kein Bedenken,
als sein Schüler B rock bei der Beschreibung des Verhaltens einer Eremitkrabbe
gegenüber einer Seeanemone von Sich-Nähem, Abwarten, Angreifen usw. sprach.
Auch ein Neurophysiologe wie Magnus kann nicht umhin, von einem Sich-Auf-
richten, Sich-Hinlegen, éiner Erhaltung des Gleichgewichtes, einem Sich-Um-
wenden beim Fallen, also von Verhaltensweisen zu sprechen.
Man kann dabei die Verwendung dieser Begriffe nicht mit einem Haften an
einem unwissenschaftlichen Sprachgebrauch erklären, sondern sie ist kennzeich­
nend für die Denkweise, welche die experimentelle Forschung beherrscht. Die
integralen Bilder des elementaren tierischen Verhaltens, auf welche diese Be­
griffe abheben, sind in ihrer Einheit als Bezugsformen von Tier und Umwelt, als
Funktionelle Bewegungslehre ist keine Bewegungspsychologie 15

zweckgerichtete Verhaltensweisen ebenso unmittelbar in der Wahrnehmung


gegeben wie die uns umgebenden Gegenstände.
Es ist dann auch unrichtig, wenn Straus in seinem übrigens vorzüglichen
Buch1 meint, die tierischen und menschlichen Bewegungen könnten nur psycho­
logisch, also vom „Erleben“ aus begriffen werden.
Wenn man die Betonung der Subjektbezogenheit eines Phänomens schon
als eine psychologische Auffassung betrachtet, so wäre freilich jegliche Bewegung
ein psychologisches Phänomen, denn sie ist ja die Äußerung eines sich-irgendwo-
befindenden und sich bewegenden Menschen oder Tieres.
Die Einführung der Begriffe Subjekt und Selbstbewegung bedeutet jedoch
nicht, daß in den „Bewußtseinsinhalten'' (dem „Erleben“ ) die Erklärung der
Funktionen zu suchen sei.
Schließlich müssen wir noch einen Irrtum widerlegen, der häufig mit zu einer
Ablehnung der funktionellen Betrachtungsweise führt. Viele Physiologen und
Psychologen meinen, wir „projizierten“ unsere eigenen Erlebnisse in das Tier oder
in einen anderen Menschen, wenn wir die beobachteten Bewegungen als
Verhaltensweisen verstehen. Einer funktionellen Bewegungslehre läge also schon
eine anthropomorphe Denkweise zugrunde. Im Gegensatz dazu stehen wir auf dem
Standpunkt, daß die Lebewesen sich durch ihr Verhalten unmittelbar als Subjekte
zeigen. Die Struktur des Verhaltens als Bezug des Subjekts zur eigenen W elt ist
in sich evident. W ir sehen, wie das Subjekt sich auf etwas richtet oder etwas zum
Ausdruck bringt. Sobald wir ein Verhalten beobachten, ist die erscheinende Welt
schon keine physikalische mehr, sondern eine sinnvolle, d.h. eine auf ein handeln­
des oder sich ausdrückendes Subjekt bezogene Welt.
Hinsichtlich der Furcht vor dem Anthropomorphismus bemerkt Merleau-
Ponty 2, daß die Behauptung, wir projizierten in unsere Wahmehmungswelt die In­
tentionen unseres eigenen Daseins, nichts fruchten könne ; denn es erhebe sich
dann die Frage, was der Grand einer solchen Projektion sei, welches wahrgenom­
mene Phänomen uns zu einem anthropomorphistischen Urteil verführe. Bestünde
tatsächlich nichts anderes als eine physisch wahrnehmbare W elt und eine intro­
spektiv erfahrbare Innerlichkeit, so müßte man allerdings immer dann, wenn man
wahrnehmbare Erscheinungen als sinnvoll versteht, einen Anthropomorphismus
annehmen. Man konnte sich in der Wissenschaft, welche die physikalische Form
der Objektivität erstrebt, nur schwer daran gewöhnen, daß die .Subjektivität
eines Lebewesens in der Weise, wie jede seiner Bewegungen auf eine andere „an­
spielt“ , unmittelbar wahrnehmbar ist3.
Unsere Beurteilung des Sinnes der Bewegungen vollzieht sich also in einer
psycho-physisch neutralen Sphäre, d. h. in einem Bereich der Erfahrung, in dem
der Gegensatz physisch-psychisch noch nicht vollzogen, jedenfalls nicht wirksam
ist. In diesem Bereich, den wir den Bereich des Verhaltens nennen können,
bewegen wir auch uns selbst, handeln wir, vollziehen sich unsere Ausdrucks­
bewegungen und verstehen wir die Handlungen und das Mienenspiel unserer Mit-
1 Straus , E .: Vom Sinn der Sinne, S. 169. Berlin : Springer 1935.
1 M erleau -P on ty , M .; La structure du comportement, S. 211. Paris 1942.
8 M inkowski , E .: Vers une Cosmologie, S. 169. Paris: 1936. »Nous savons que
l'homme est solidaire de la nature . . . en ce sens que chaque mouvement de son âme . . . nous
révèle ainsi une qualité primordiale de la structure de l’univers.«
16 Prinzipien einet funktionellen Bewegungslehre

menschen. Diese Einsicht wurzelt in einem „Vermögen", wie wir auch ein Ver­
mögen zur Wahrnehmung von Farben und Formen und zur Erkenntnis ihrer
wesentlichen Verwandtschaft besitzen.
Keines der menschlichen Vermögen ist unfehlbar, doch verbürgen sie die
Möglichkeit eines Wissens von einein bestimmten phänomenalen Bereich. So
können wir grundsätzlich den Sinn der vitalen Funktionen erkennen und so auch
über die Möglichkeit eines objektiven Urteils hinsichtlich der Bedeutung der Be­
wegungen verfügen. Den Beweis für die Richtigkeit dieses Urteils wird man viel­
fach ebensowenig unmittelbar erhalten können, wie auf anderen Gebieten der
Naturwissenschaft. Dementsprechend wären dann auch sämtliche experimentellen
Kontrollen und Motivierungen aus anderen Wissenschaften (analytische Physiolo­
gie, Psychologie, Anthropologie) erforderlich, um dem Urteil die Gewißheit zu
verschaffen, die im „direkten“ Verstehen allein nicht genügend gewährleistet ist.

6. Gesetz und Prinzip


Die Naturwissenschaft erstrebt die Erkenntnis aler objektiv wahrnehmbaren
Erscheinungen in ihrem gesetzmäßigen Zusammenhang sowie eine Einsicht in die
Begründung dieser Gesetzlichkeit. Man versucht, nicht nur die Frage nach dem
„wie“ , sondern ebenso die nach dem „warum" zu beantworten. Scheinbar ist das
methodisch eine eindeutige Aufgabe. Es zeigt sich jedoch, daß man in den ver­
schiedenen Wissenschaften unter einer Erklärung aus Ursachen keineswegs immer
dasselbe versteht. So ist in der Physik als der am vollkommensten ausgebildeten
Naturwissenschaft der Streit über die methodischen Grundlagen kausaler Erklä­
rung auch immer noch nicht zur Ruhe gekommen. Wir müssen uns daher noch
e in m al bei einigen logischen Grundlagen der Physik aufhalten, um besser begreifen
zu können, was wir von einer funktionellen Bewegungslehre zu erwarten haben.
Meistens hat man den vielfach zitierten Satz K irchhoff* : „die Aufgabe der
Wissenschaft ist es, die Erscheinungen auf die einfachste Weise zu beschreiben"
faitsrh verstanden. Man meinte, diese Aufgabe sei zu bescheiden und entspreche
nicht item Bedürfnis nach Einsicht. Dem Beschreiben müsse das Erklären hinzu­
gefügt werden. Dies wäre tatsächlich der Fall, wenn das Beschreiben nicht über
eine Mitteilung des konkreten wahrnehmbaren Geschehens hinausginge. Man muß
jedoch, wie N atorp1 sagt, das Beschreiben in der Naturwissenschaft mit rtem
„Beschreiben eines Zirkels“ vergleichen. Was man bezweckt, ist wirklich ein
Konstruieren, d. h. „nach reinem eindeutigen Verfahren vom wahren Anfang aus
für die Erkenntnis erst erzeugen“ . Es ist dies jedoch nichts anderes als das mit
Erklären gemeinte. Wenn man also glaubt, man hätte durch die Forderung des
Beschreibens das Erklären abgeschafft, so hat man vom Erklären selbst keinen
deutlichen Begriff.
Diese Bemerkung ist wichtig für die methodische Grundlage der Bewegungs­
lehre. Im „Behaviorismus“ wird ja die These verteidigt, man müsse sich darauf
beschränken, die Verhaltensweisen von Tier und Mensch in der Gesetzlichkeit
(oder jedenfalls Regelmäßigkeit) ihres Verlaufes zu beschreiben. Alles Weiter­
gehende sei nicht zu verantworten, sei „inexakt“ . Es war sicher die gute Absicht
dieser methodischen Vorschrift, spekulative Erklärungen (z. B. der Gefühle

1 N a torp - R : Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaft, S. 366. Leipzig und
Berlin 1910.
Gesetz und Prinzip 17

und Absichten des handelnden Individuums) zu vermeiden, aber sie verkannte die
Tatsache, daß die Beschreibung immer schon eine Erklärung enthält, Was jedoch
in jeder Wissenschaft vermieden werden soll, ist eine Beschreibung des Ablaufs der
Erscheinungen, als seien sie der äußere Aspekt einer verborgenen Wirklichkeit,
Daß es eine von unserem Denken unabhängige Wirklichkeit gibt, mag dem For­
scher eine innere Gewißheit sein ; es ist jedoch immer die Frage, ob wir über die
Mittel verfügen, diese Wirklichkeit kennenzulernen. Der Positivismus z. B.
verneint dies.
In der modernen Physik findet diese sog. vorsichtige Haltung viele Anhänger.
Das Ideal der Wissenschaft liegt dann ausschließlich in einem Festlegen der
Gesetzlichkeit der Erscheinungen, ohne Spekulation über Ursachen, ohne «imagerie
physique» (D u h e m ). Dennoch ermittelt auch die physikalische Erkenntnis Ur­
sachen, selbst wenn der Physiker sie nicht als solche bezeichnet.
Für die methodische Grundlegung einer Bewegungslehre ist die Einsicht von
Bedeutung, daß in der Physik die ergründeten Gesetze als Annäherungen an den
wirklichen Zusammenhang der Erscheinungen aufgefaßt werden. Mit den in
den mathematischen Formulierungen der Gesetze vorkommenden Begriffen
{Masse, Kraft, Energie usw.) will der Physiker ja auf die Wirklichkeit Hinweisen.
Diese Hinweise sind unvermeidlich, denn die Forschung schöpft aus ihnen neue
Möglichkeiten. Das Feststellen der Gesetze ist wichtig, aber was man als
Wirklichkeit betrachtet, ist die Triebfeder der Wissenschaft, »qui ne peut pas
s’empêcher de rechercher une explication en dehors de la loi, au delà de la loi«
(Meysrson )1.
Eine Bewegungslehre, die sich als eine selbständige Wissenschaft der funktio­
nellen Beziehungen von Individuum und Umwelt entwickeln möchte, wird die
Wechselwirkung zwischen der Beschreibung der Regelmäßigkeit des Geschehens
einerseits und den hypothetischen Annahmen bezüglich des tätigen Individuums
andererseits immer beachten müssen. Es geschieht dies in dem Bestreben, neben
der Erkenntnis der Gesetze Prinzipien zu ergründen.
Die Prinzipien, derer sich die Wissenschaft bedient, um die Regelmäßigkeit der
Erscheinungen zu begreifen, haben für unsere Erkenntnis nicht den gleichen Wert,
wie das Feststellen der Naturgesetze. Die Prinzipien sagen nichts aus über den
konkreten Verlauf der Ereignisse, sondern sie sind „die obersten Voraussetzungen,
gemäß welchen eine theoretische Darstellung der Bewegungen nach ihrem gesetz­
lichen Zusammenhang überhaupt nur möglich ist" (N atorp)8,
In der Physik kennt man eine Anzahl von Prinzipien oder Grundsätzen. Außer
dem Trägheitsprinzip sind die Minimumprinzipien bereits in der klassischen
Physik aufgestellt worden, u. a. das Prinzip der kleinsten Zeit (F e r m â t ) und der
kleinsten Wirkung (M a u p e r t ü is ). In der modernen Physik kennt man die Un-
bestimmtheitsrelation (H e is e n b e r g ) und das Relativitätsprinzip (E i n s t e in ).
Oft hat man die Begriffe Grundsatz und Gesetz nicht scharf genug unterschie­
den. So spricht man manchmal vom G esetz, manchmal auch vom Prinzip von der
Erhaltung der Energie. Cl a y zieht es vor, vom Energieprinzip zu sprechen. Man
kann mit diesem Begriff nämlich den Gedanken verbinden, „daß dieses Prinzip

1 M eyerson , E, : L'explication dans les sciences. Paris.


1 Auch die Prinzipien werden induktiv durch die Erfahrung ermittelt, also nicht a priori,
wie man aus dem Zitat N atorp» entnehmen könnte.
Buytendijk, Haltung und Bewegung 2
18 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

unabhängig ist von Ort und Zeit und von subjektiver Willkür und dadurch eine
objektive Realität hat, welche sich uns in der erkannten Form aufdrängt"1.
Die Voraussetzungen, die in den Prinzipien ausgedrückt sind, beziehen sich
auf den gegebenen Gegenstand der Wissenschaft, in der Physik also auf die
Materie, Zeit, Raum, Bewegung oder Energie. Sie verweisen auf die dynamischen
Eigenschaften des auf seine gesetzlichen Veränderungen hin erforschten Gegen­
standes, auf unveränderliche, unreduzierbare Merkmale also, welche die Grund­
struktur des Geschehens bedingen. So ist es begreiflich, daß in der Physik die
Grundsätze oft in der Art formuliert werden, daß von einem Streben oder von
Tendenzen geredet wird. Man sagt, daß es ein Streben nach Gleichgewicht, nach
einem Verlauf in der kürzesten Zelt und gegen ein Minimum von Widerstand gäbe
sowie nach der Erhaltung von Stoff und Energie. In der Physik ist man sich des
metaphorischen Gehaltes derartiger Ausdrücke ebenso bewußt wie in der Chemie,
wenn man von Affinitäten spricht®.
Aber ist das in den Lebenswissenschaften auch der Fall ? Gibt es nicht bei den
Organismen in Wirklichkeit Strebungen, Tendenzen, Affinitäten ? Weisen nicht
die Prinzipien der Biologie auf die wirklichen Grundstrebungen hin ?
Es ist für die Wissenschaft, die doch auch in der Biologie nur die Erscheinungen
der Natur zum Gegenstand hat, nicht notwendig, diese Fragen zu beantworten.
Wenn etwa in der Biologie das Prinzip der Selbsterhaltung oder der Erhaltung der
Art als Voraussetzung und Leitfaden zum Ordnen der Erscheinungen angenommen
wird, so ist es gleichgültig, ob es in der lebendigen Natur wirklich solch ein Streben
gibt. Aber es ist eine unabweisbare Tatsache, daß sich die Natur so offenbart,
als ob dem so sei. Vielleicht liegt hinter diesem erscheinenden Streben eine andere
Wirklichkeit verborgen.
Da es ebenso wie in der Physik in der Biologie viele Prinzipien gibt, stellt sich
die Frage nach ihrem gegenseitigen Zusammenhang, ihrer Rangordnung und nach
ihrer Reduzierbarkeit auf andere Prinzipien. Dabei muß die fortschreitende
Forschung den Weg zeigen. So entsteht eine Verbindung zwischen Naturwissen­
schaft und Naturphilosophie, die in der modernen Physik vielfach bewußt auf­
genommen wird. In den Lebenswissenschaften ist dieses Band viel inniger, denn
der Fortschritt von Forschung und Einsicht hängt in dieser Wissenschaft engstens
mit der Entdeckung neuer Prinzipien und mit den Annahmen einer in der
Existenz von Mensch und Tier wurzelnden Wertordnung zusammen. Nach der
ganz elementaren Selbsterfahrung des Menschen sind die motorischen Funktionen
von Strebungen abhängig. Wenn man jedoch eine Psychologisierung der funk­
tionellen Betrachtung vermeiden will, so spricht man besser nicht vom bewußten
oder unbewußten Charakter solcher Strebungen oder Tendenzen, sondern von den
Prinzipien, die den formalen Ausdruck solcher Strebungen darstellen.
Die Bewegungslehre wird dann zu einer methodisch begründeten Beschreibung
der Funktionen im oben entwickelten Sinne. Sie will die geltenden Gesetze
(Regeln) für die als Funktionen begriffenen motorischen Erscheinungen kennen**
1 Clay , J .: a. a. O. S. 98.
* Prof. Dr. A. G. M. van Melsen (Nijmegen) ist der Ansicht, daß ein© Unterscheidung
zwischen Gesetz und Prinzip in der Physik nicht mehr sinnvoll ist. Ein Prinzip wird durch
eine Integralgleichung, ein Gesetz durch eine Differentialgleichung dargestellt. (Margenau ,
H .: The nature o f physical reality, S. 422 ff. New York 1950.)
Gesetz und Prinzip 19

lernen. Daneben jedoch ist es ihre Aufgabe, die Prinzipien zu ermitteln, die im
Wesen von Mensch und Tier gründen.
Ein ideales Beispiel der funktionellen Betrachtungsweise einer menschlichen
Bewegung finden wir in der von L isting, D onders und H elmholtz durchgeführ­
ten klassischen Untersuchung der Augenbewegungen. W ir müssen uns bei dieser
Forschung etwas länger aufhalten, weil sie es uns ermöglicht, die methodischen
Grundlagen einer Bewegungslehre besser als durch eine rein theoretische Reflexion
kennenzulernen.
Es war schon seif langem bekannt, daß die beiden Augen des Menschen sich
immer gleichzeitig, in gleicher Richtung und in gleichem Maße bewegen, obwohl den
anatomischen Gegebenheiten nach die Möglichkeit einer Einzelbewegung durchaus
bestehen bleibt. Die scheinbar zwangsläufige Verbindung der Augen beruht
nicht auf Prozessen im Nervensystem, sondern auf den im normalen Leben
immer vorhandenen Bedingungen einer binocularen Wahrnehmung. Man kann
daher auch durch Übung die normale Lage der Sehlinien innerhalb gewisser
Grenzen verändern. Man kann dies auch durch das Anbringen eines Prismas vor
einem Auge und einige andere experimentelle Bedingungen erreichen.
Durch die äußeren Augenmuskeln vermögen wir unseren Sehlinien jede
Richtung zu geben. Auch eine Drehung um die Sehlinie ist möglich. Man nennt
diese Bewegungen des Augapfels raddrehende Bewegungen, weü die Iris dabei wie
ein Rad gedreht wird. Solche Rotationsbewegungen können wir nicht willkürlich
ausführen. Sie treten jedoch, wie H elmholtz aufzeigte, unwillkürlich auf, wenn
man das Gesichtsfeld vor einem der Augen durch ein Doppelprisma (mit nicht ganz
parallelen Seiten) einer geringen Verkantung unterwirft.
L isting aber hat aufgezeigt, daß auch beim normalen Sehen rotierende
Bewegungen der Augen Vorkommen. Wenn man ausgeht von der sog. primären
Stellung der Sehlinien (ungefähr übereinstimmend mit einem geradeaus gerich­
teten Sehen bei „natürlicher“ Haltung des Kopfes), so treten bei vertikalen oder
horizontalen Bewegungen des Fixationspunktes keine Rotationsbewegungen des
Augapfels auf. Wenn man jedoch die Augen zugleich oder nacheinander um eine
vertikale und eine horizontale Achse dreht, wie man das beim Schauen in die Ecke
des Zimmers ohne Kopfbewegungen tut, so findet eine Raddrehung statt, die für
jede Blickrichtung einen bestimmten Wert hat. Dieser Wert kann in einer Formel,
in der die Winkel der horizontalen und vertikalen Augendrehungen verkommen,
ausgedrückt werden.
: Wie D onders gezeigt hat, wird das Ausmaß der Rotation ausschließlich
durch den Endstand der Sehlinien bestimmt. Sie ist unabhängig von den zu
diesem Endstand führenden Augehbewegungen. Die Rotation ist also gleich
groß, ob man nun sofort schräg aufwärts schaut, oder aber die Augen zunächst
seitwärts und.dann aufwärts-wendet. Das Gesetz von D onders lautet'also auch:
„wenn die Lage der Sehlinien im Verhältnis zum Kopfe gegeben ist, so gehört dazu
eine bestimmte und unveränderliche Rotation“ .
W ir haben es hier mit einem echten und sogar mathematisch' formulierbaren
Bewegungsgesetz zu tun, d. h. mit einer gesetzmäßig verlaufenden Funktion. Daß
dies tatsächlich der Fall ist und hier nicht ein Prozeß im Körper, sondern eine
Funktion des Organismus vorliegt, geht aus der Weise hervor, wie das L isting-
DoNDERSsche Gesetz erklärt wird.
2*
20 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

Folgen wir dabei H elm h oltz1 in seiner klassischen Auseinandersetzung. „ Was


zuerst das Gesetz von D onders betrifft, wonach der Raddrehungswinkel nur
abhängt von der zeitweiligen Richtung beider Gesichtslinien, so ist leicht einzu­
sehen, daß die Erhaltung dieses Gesetzes eine wesentliche Erleichterung und Siche­
rung für die Lösung der Aufgabe gewähren muß, trotz der Augenbewegungen und
trotz der Verschiebungen der Netzhautbilder auf der Netzhaut ruhende Objekte
als ruhend anzuerkennen.“
Deutlicher könnte man den funktionellen Charakter des Gesetzes der Augen­
bewegungen wohl nicht darstellen. H elmholtz legt dar, daß auch dann, wenn die
Raddrehungen nicht einem festen Gesetz folgten, sondern unveränderlich wären
noch die Möglichkeit bestünde, trotz des variablen Netzhautbildes die unver­
änderliche Lage der Objekte im optischen Wahmehmungsfeld zu beurteilen. Eine
Instabilität der Raddrehung würde jedoch eine große Komplikation für die Aus­
übung des optischen Wahmehmens mit sich bringen, „welche gar keinen Vorteil
bringen würde, und der wir deshalb von vornherein aus dem Wege gehen“ .
Das D onderssc&u Gesetz beruht nach H elmholtz auf einem Prinzip, das im
Wesen der menschlichen Natur gründet. Er nennt es „das Prinzip der leich­
testen Orientierung für die Ruhestellung des Auges“ .
Hierdurch wird jedoch die Größe der Raddrehung nicht erklärt. Um dies zu
ermöglichen, hat H elmholtz ein zweites Prinzip angenommen, wonach die Summe
aller Orientierungsfehler, welche durch die Raddrehung des Auges entstehen
müssen, so klein wie möglich oder „die Summe der Fehlerquadrate für alle vor­
kommenden unendlich Meinen Bewegungen des Auges ein Minimum werde". Aus
diesem zweiten Prinzip konnte H elmholtz das Gesetz von L isting mathematisch
ableiten.
Methodisch interessant ist auch H elmholtz' Widerlegung eines anderen
regulativen Prinzips, das von F ick und später von W umbt für die Augenbewegun­
gen aufgestellt wurde. Diese Forscher hatten die Meinung ausgesprochen, daß
immer diejenige Größe der Raddrehung auftrete, durch welche die gewünschte
Blickrichtung mit der geringsten Muskelanstrengung erreicht werden könne.
Wahrscheinlich, so sagt H elmholtz, wird diesem Ökonomieprinzip bei den nor­
malen Augenbewegungen entsprochen. „Indessen glaubte ich nicht, mich bei diesem
Prinzipe als dem letzten beruhigen zu dürfen, weil willkürliche Anstrengung nach­
weisbar diejenigen Stellungen des Augapfels herbeiführen kann, welche den
Zwecken des Sehens am besten entsprechen, und die Muskeln im allgemeinen
bildsam genug sind, daß diejenigen, von denen man die größere Anstrengung ver­
langt, auch bald die stärkeren werden."
Aus dieser Diskussion über die Augenbewegungen ersehen wir, wie einer der
größten Physiologen, der außerdem ein großer Physiker war, rein funktionell
dachte in dem Sinne, den wir für eine funktionelle Bewegungslehre meinen fordern
zu müssen. Daß er das Prinzip der besten Orientierung demjenigen der geringsten
Anstrengung vorzog, zeigt seine tiefe Einsicht in die Rangordnung der animalischen
Funktionen.
Nimmt man eine Rangordnung der für die lebendige Natur geltenden Prin­
zipien an, so muß man auch ihren gegenseitigen Zusammenhang fordern, der in der
1 H elmholtz, H .: Handbuch der physiologischen Optik, S. 479 ff. Leipzig 1887.
Die Selbstbewegung. Kennzeichnung der Selbstbewegung 21

eigenen Art der tierischen und menschlichen Existenz gründet. Solange wir diese
Art nicht durchschauen und als ungeteilte Einheit begreifen können, werden wir
dazu neigen, mehrere unabhängige Prinzipien zur Erklärung der Vielfalt der
Erscheinungen vorauszusetzen. Tatsächlich findet man in der Biologie eine
Anzahl regulativer Prinzipien, die jeweils eine beschränkte Tragweite zu besitzen
scheinen und deren gegenseitiger Zusammenhang noch völlig ungeklärt ist. Dies
ist verständlich, da ein Prinzip oft aus einem sehr beschränkten Erfahrungsgebiet
gewonnen wird. Die fortschreitende Forschung lehrt dann meistens, es als eine
besondere Erscheinungsweise eines umfassenderen Prinzips zu begreifen.
Mit diesem Problem der Tragweite und des gegenseitigen Zusammenhangs der
Prinzipien in der Bewegungslehre hat sich G oldstein beschäftigt1. Er warnt vor
der Annahme einer Vielheit von Grundsätzen. Das organische Leben wird, wie er
meint, nur von einem Prinzip beherrscht, das in bestimmten Situationen auf
verschiedene Weise zum Ausdruck kommt. Dies Prinzip sei uns — nach G old­
stein — in der Tat bekannt: das Grundprinzip, nach dem alle Aktivität auf
einer „Auseinandersetzung zwischen Organismus und Umwelt“ beruht, beherrsche
alle animalischen Leistungen. Die Weise, wie einer konkreten Situation ent­
sprochen wird, hängt jedoch von der besonderen Aufgabe ab, die der Organismus
erfüllen muß. Es gibt immer ein Verhalten, welches als das zweckmäßigste und
bequemste vorgezogen wird. Dieses „Prinzip des ausgezeichneten Verhaltens“
werden wù* unten ausführlich besprechen und es wird sich zeigen, daß es nicht
auf das' Prinzip der Ökonomie zurückzuführen ist.
Sowohl die Gesetze als auch die Prinzipien der Lebenswissenschaften beruhen
bislang auf einer sehr fragmentarischen Erfahrung. Man kann höchstens von
einigen Regeln und Annahmen sprechen. Dies gilt namentlich für die Bewegungs­
lehre, die über einen ersten Versuch der Ordnung der Funktionen noch nicht
hinausgekommen ist. Wenn sie sich zu einem vollständigen und gesicherten
System der Erkenntnis auswachsen soE, so wird die empirisch festgestellte
Gesetzmäßigkeit in Haltung und Bewegung fortlaufend aus Prinzipien begriffen
werden müssen. Es wird sich dann heraussteilen, daß manche der vorläufig an­
genommenen Grundsätze auf Gestaltmerkmale zurückzuführen sind, andere
dagegen Erscheinungsweisen des Strebens nach Selbsterhaltung darstellen. Zwei
Grundsätze haben sich jedoch bis jetzt in der Bewegungslehre als selbständige
Prinzipien behaupten können : das Prinzip der besten Orientierung, vermittels
dessen H elmholtz die Gesetze der Augenbewegung meisterhaft erklärte, und
das Prinzip der Ökonomie in der Ausführung, das die ganze Arbeitsphysiologie
beherrscht.

II. D ie Selbstbewegung
1. Kennzeichnung der Selbstbewegung
Die Erscheinung des sich bewegenden Menschen oder Tieres behält ihre
Eigenart bei, auch wenn die Selbst-Bewegungen sinnlos sind, sofern man das sich
bewegende „Selbst" als unabhängig von der Situation betrachtet. Es erscheint
eine eigentümliche Art der Bewegung, die man in schematisierter Form auch an leb­
losen Gegenständen beobachten kann. M ichotte2 hat diesen Sachverhalt in
3____________

1 Goldstein , K ; Der Aufbau des Organismus, S. 6 7 ff. Haag 1934,


* M ichotte , A. : La perception de la causalité. Louvain 1946.
22 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

überzeugender Weise aufgezeigt. Verändert man die Form eines auf ein weißes
Tuch projizierten schwarzen Fleckes, so entsteht unter bestimmten Bedingungen
der Eindruck einer spontanen (Selbst)-Bewegung. Die Bewegung, z. B. nach Art
eines Wunnes oder einer Raupe, scheint dann nicht von außen her verursacht zu
werden als ein Ausstülpen, Vorrücken, Größerwerden, Ausfließen u, ä., sondern
erscheint als eine von innen her bestimmte Bewegung des Fleckes als Ganzem.
Sie wird als Selbstbewegung bezeichnet, weil es scheint, als entstehe sie von selbst
(spontan) und als sei sie die Äußerung eines unabhängigen, selbständigen
Aus-sich-selbst-Seins. Die Untersuchungen Michottes zeigen, daß der Begriff
der Selbstbewegung — ebenso wie etwa die Erfassung des ursächlichen Zusammen­
hanges — der Anschauung entspringt und dennoch einen rational begründeten,
verstandesmäßigen Inhalt hat. Die Selbstbewegung schließt den Begriff eines
„S elbst" ein, jedoch noch nicht im Sinne eines sich verhaltenden Subjekts und
erst recht nicht im Sinne eines erkennenden oder zielstrebigen Subjekts. Das
„S elbst", das sich selbst bewegt, ist nur ein Seiendes, das sich durch seine Begren­
zung als ein gestaltetes Ganzes zeigt und diese Begrenzung in der Bewegung
überschreitet. Deshalb stellt die Selbstbewegung in der Anschauung etwas ganz
anderes dar als das (pflanzliche) Wachstum. Während hierbei eine Grenze ver­
schoben und eigentlich — man denke etwa an eine zeitraffende Filmreproduktion
wachsender Pflanzen — in dem Mehrwerden, Aufsteigen, Sich-Erheben und Aus­
dehnen eine „ekstatische" Bewegung vollzogen wird, kennzeichnet die tierische
Selbstbewegung eine Selbst-Beständigkeit in der Verwandlung. Das Tier-Sein
ist nicht begrenzt, sondern es hat eine Grenze, d. h. es verwirklicht sein Sein auch
an dieser Grenze. Das Tier-Sein demonstriert diese Seinsweise, indem es nicht
— wie ein toter Gegenstand — durch eine Begrenzung bestimmt und eingeschlos­
sen wird, sondern über diese Begrenzung verfügt.
Mit Recht hat man von alters her die Selbstbewegung als wichtigstes Kenn­
zeichen des tierischen Lebens angesehen, trotz der Unklarheit dieses Begriffes
in logischer Hinsicht. Niemand kann ja die Frage beantworten, was oder wo
dieses Selbst ist, das sich selbst bewegt, ebensowenig wie man das Zustande­
kommen dieser Bewegung verstandesmäßig fassen kann. Die Selbstbewegung
ist nicht zu begreifen, aber sie ist wahrnehmbar, und zwar so evident, daß dieser
Begriff sich innerhalb und außerhalb der Wissenschaft trotz seiner fehlenden
Klarheit behauptet.
Unter welchen Verhältnissen wir von Selbstbewegung sprechen und welche
Bedeutung dieser Begriff für den Umgang mit Lebewesen und für ihre Beurteilung
hat, läßt sich an einem einfachen Beispiel erläutern. Stellen wir uns einen
Schwerkranken oder einen von einem ernsten Unfall Betroffenen vor, bei dem die
Frage beantwortet werden soll, ob er noch lebe oder schon gestorben sei. Man
wird in einem solchen Falle nach einem Kriterium, einem eindeutigen Lebens­
zeichen suchen. Der Arzt wird dabei indirekt vorgehen können und dies in
Ermangelung eines direkten Kriteriums tun müssen. Das Urteil gründet sich
dann auf die Erfahrung von Vorgängen, die ablaufen, wenn das Leben noch
nicht erloschen ist. Ein solcher Vorgang ist der Kreislauf, den man am
einfachsten am regelmäßig klopfenden Herzen feststellen kann. Diese Erschei­
nung ist jedoch nur ein Anzeichen, dessen indikativer Wert auf Erfahrung
beruht.
Kennzeichnung der Selbstbewegung 23

Dem Laien ist die Atmung ein viel deutlicheres Zeichen des noch vorhandenen
Lebens, Sie ist eine Bewegung, und zwar die erste des selbständig in die W elt
tretenden Neugeborenen, und, wie man glaubt, auch die letzte vor dem Tode.
Die Atmung ist kein Zucken der Muskeln, das auch nach dem Tode noch auf-
treten kann, sondern eine Funktion, die wir unbewußt sogar im tiefsten Schlaf
vollziehen. W er atmet, tut etwas, und so betrachtet man die Atmung häufig
als ein unverkennbares Kriterium des Lebens. Die Person muß ja noch leben, muß
selbst, wenn auch nur bewußtlos, noch da sein, um selbst etwas leisten zu können.
Der Arzt jedoch urteilt von einem anderen Gesichtspunkt aus. Er weiß auf
Grund von Tier-Experimenten von der Automatic der Atmungsbewegungen und
ist daher der Meinung, daß nur scheinbar die Person atmet, während in Wirklich­
keit ein Teil des Nervensystems, eine Zellgruppe im verlängerten Mark den
Atemmuskeln rhythmische Reize sendet. Die Atmung gilt ihm daher als ein
Prozeß (oder als die Funktion des „relativ selbständig lebenden“ Atemzentrums).
Gewiß, die Erfahrung spricht dafür, daß auch die Person meist noch lebt, solange
die Atmung nicht stillsteht. Das bedeutet jedoch nichts anderes als die
empirische Gewißheit, daß der noch atmende Mensch die Möglichkeit der Selbst­
bewegung hat. Er ist bewußtlos, vielleicht bald tot, doch er kann auch wieder
„zu sieh“ kommen.
Es ist also klar, daß sowohl dem Arzt als dem Laien nur die Selbstbewegung das
objektive Kriterium für das persönliche — oder beim T ier: das individuelle — Leben
ist. Deshalb wird in dem geschilderten Falle von den ängstlich Umstehenden und
vom Arzt nach dem Vorhandensein eben dieses Kriteriums gesucht. Schon eine re­
aktive Bewegung, z, B. auf einen starken Hautreiz hin, zeigt m it großer Wahr­
scheinlichkeit, daß der Mensch selbst noch lebt, nicht bloß in ihm noch etwas lebt,
Gewißheit gibt es jedoch erst dann, wenn der Bewußtlose nicht durch einen
Reiz in Bewegung kommt, sondern sich spontan bewegt. Es ist dies der Fall,
wenn er sinnvoll auf einen Eindruck reagiert, die Augen beim Anruf aufschlägt
oder die Hand drückt, welche die seine hält. Dann ist er also wieder „bei sich".
Der Unterschied zwischen Leben und Tod des Individuums kann durch eine
analytische Untersuchung überhaupt nicht festgestellt werden. Die Analyse
kann lediglich mehr oder weniger bestimmbare Bedingungen der Möglichkeit der
Selbstbewegung ermitteln, die sich in der unmittelbaren Wahrnehmung als d ai
ausschließliche Kriterium des individuellen Lebens darstellt.
Wenn bei einem völlig gelähmten Menschen durch künstliche Atmung die
Blutzufuhr zu den Organen und die in ihnen stattfindenden Prozesse ermöglicht
werden, so sind wir nicht in der Lage, zu unterscheiden, ob der Mensch noch
lebt, oder aber ob nur die Organe in ihm fortleben, ihn überleben. Nuj: hypo­
thetisch wäre darüber etwas auszusagen1.
Wenn man die Quelle unserer begründeten, gesicherten, gültigen und daher
objektiven Erkenntnis ausschließlich in der Analyse und der darauf eventuell
folgenden Synthese suchte, so hätte der Begriff der Selbstbewegung keinen
wissenschaftlichen Gehalt.
1 W eizsäcker , V. v o n : (Der Gestaltkreis, S. 167. Leipzig 1943) bemerkt: „Physik
setzt voraus, daß in der Forschung ein Erkenntnis-Ich einer W elt als einem von ihr unabhän­
gigen Gegenstand gegenübergestellt sei. Biologie erfährt, daß das Lebende sich in einer
Bestimmung befindet, deren Grund selbst nicht Gegenstand werden kann.“
24 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

Über den Begriff „Synthese" herrscht in dieser Hinsicht ein sehr verbreiteter
Irrtum, Man meint, es ließe sich in einer Synthese wiedergewinnen, was bei
einer analytischen Betrachtungsweise verlorenging. Es könne also eine nach­
trägliche Zusammenfügung der beobachteten Teilprozesse zu einer vollständigen
Einsicht in das individuelle, funktionelle Verhalten führen. Diese Ansicht ist
aus zwei Gründen irrig. Erstens schließt die Analyse der Erscheinungen als Pro­
zesse einen Übergang zur funktionellen Betrachtungsweise aus. Zweitens setzt
die Analyse den physikalischen Raum voraus, wogegen die individuellen Funk­
tionen, auch die Selbstbewegungen, sich in der Sphäre der Beziehung zwischen
dem Selbst und dem Fremden vollziehen. Man kann die allgemeinste, unspezifi-
sche Form einer solchen Beziehung bereits an einem sinnlos in einem bestimmten
Felde sich bewegenden lebendigen „Etw as" (oder dessen Abbild) beobachten.
Sie zeigt schon das Zum-Anderen-Sein in der eigenen Begrenzung, durch die das
andere als Widerstand begegnet und zugleich überschritten wird.

2. Das Subjekt
In der Anschauung der Selbstbewegung erfassen wir das Selbst-Sein als ein
Subjekt-Sein (ein être sous-jeté), das ebensosehr der eigenen Begrenzung unter­
worfen ist als es andererseits das Vermögen ihrer Überschreitung impliziert.
Dies ist die animalische Art des In-der-Welt-Seins.
Wenn wir für das animalische Leben den Begriff der Selbstbewegung prägen,
so m uß dieser als das Kriterium und Wesensmerkmal der animalischen Existenz
verstanden werden. Das bedeutet nicht nur die Bildung eines philosophischen,
sondern auch eines wissenschaftlichen Begriffes.
Als philosophischer Begriff führt er zu der Frage, was dieses ,,Selbst", das
sich bewegt, in Wirklichkeit sei; als wissenschaftlicher Begriff läßt er uns fragen,
welche Einsicht in die Ordnung der Naturerscheinungen durch diesen Begriff
erworben werde.
Hier soll uns nur dies letztere Problem beschäftigen, und zwar insbesondere
im Hinblick auf die Lehre der menschlichen Bewegung. Im voraus m issen wir
uns darüber im klaren sein, daiß das „Selbst" als Subjekt, das bewegend Über
den eigenen Leib verfügt und sich als Ursache der wahrgenommenen Bewegung
offenbart, nicht „irgendw o", etwa im Nervensystem lokalisiert, und ausfindig
gemacht werden kann1.
Die animalischen Funktionen setzen ein Subjekt voraus, das sich bewegt
und — Eindrücke empfangend — bewegt wird. Ebenso wie der Funktions­
begriff, ermöglicht erst der Begriff des Subjekts eine Bewegungslehre. A lle
konkreten Erfahrungen über das Verhalten von Mensch und Tier werden dadurch
a priori begründet. Wahrnehmung, Handlung und Ausdrucksbewegung sind die
drei wichtigsten Verhaltensfunktionen, die sich in der Bezugssphäre von Indi­
viduum und Umwelt vollziehen und die den Begriff des Subjektes voraussetzen.
Das Subjekt ist es, welches etwas wahmimmt, tut, oder zum Ausdruck bringt.
Deshalb sagt von W eizsäcker mit R echt: „Leben erscheint, wo etwas sich
bewegt, also durch angeschaute Subjektivität“ *. Sehr wichtig ist in dieser
1 Vgl. über den Zusammenhang vom Erleben des „Selbst" und eines „inneren Raumes"
Abt. IV (Die Problematik der Ausdrucksbewegungen).
1 W eizsä c k e r , V. v o n : Der Gestaltkreis, S. 167. Leipzig 1943.
Das Subjekt 25

Formulierung, daß die Subjektivität „angeschaut" wird. Die übliche Meinung,


wonach wir bei einem sich bewegenden Menschen oder Tier ein Subjekt „an­
nehmen", eventuell auf Grund der Analogie mit unserem eigenen Verhalten,
ist daher denn auch ganz unhaltbar. Im Erschauen der Funktionen begreifen
wir diese als sinnvolle Selbstbewegungen und erkennen daher Mensch und Tier
als erkennende und zielstrebige Subjekte.
Ein Kind ist sich daher auch früher dessen bewußt, daß jemand etwas tut,
als es im Reflektieren des eigenen In-der-W elt-Seins, sein eigenes Tun, sein eigenes
Subjekt-Sein entdeckt1. Was M i n k o w s k i von der „Seele" sagt, einem Begriff,
den wir in unserem Gedankengang wegen der Vielseitigkeit seines Inhaltes ver­
mieden haben, gilt ebensosehr von dem Subjekt als von dem „S elbst" der Selbst­
bewegung: »L'introspection ne nous met jamais en présence de notre âme, ni de
ce qui peut animer notre vie intérieure; par contre, en regardant le monde s'étaler
devant nos yeux, nous »devinons«, nous saisissons sur le vif l’existence de ce qui
l’anime. Nous admettons une âme pour nous-mêmes par l’analogie avec les âmes
des autres, tandis que pour les faits psychiques l’analogie — si en général analogie
il y a — emprunte le sens inverse«**. Eine genaue Analyse unserer Bewußtseins­
inhalte lehrt, daß das „Ich “ , als Subjekt aller Beziehungen zu jedem möglichen
Objekt, nie als solches als Bewußtseinsinhalt gegeben ist. Es kann nur mittelbar
erfahren werden in unserem Dasein in der W elt, also in unserem Handeln, Fühlen,
Denken usw., öder, wie man wohl sagt, das „Ich " zeigt sich nur im existentiellen
Bewußtsein. W eder für das eigene Ich, noch für das Subjekt, als welches wir
einen anderen Menschen erfahren, gibt es eine begriffliche Formulierung, Defini­
tion oder Beschreibung. Das Subjekt läßt sich nicht in Zeit und Raum vorstellen
und ist im Denken nur bildlich, nur analog bestimmbar. Die wahrnehmbare
W irklichkeit und unsere inneren Erfahrungen verweisen nur anf das eigene Ich,
auf die Persönlichkeit anderer und auf das vitale Zentrum des Tieres.
Wenn ich, ganz gleich auf welche Weise, an m ich selbst denke oder meinen
Leib sehe und betaste, meine Stimme höre, so ist das existentielle Bewußtsein
die Vorbedingung jeglicher Erfahrung und allen Denkens.
Obwohl dieses Wissen vom unteilbaren, unveränderlichen Aktzentrum
evidenter ist als irgendwelche andere Erkenntnis, so ist es dennoch weder
beweisbar noch aufzeigbar. Wenn man von einem Hunde sagt, er habe
Schmerzen, suche nach Nahrung oder auch, er habe einen K opf und vier Beine,
dann kann niemand näher angeben, wo oder was dieser „H und selbst" sei, der
das Subjekt seines Wahmehmens und Handelns ist, der über seinen Leib verfügt.
Dennoch ist eine solche Ausdrucksweise auch in wissenschaftlicher Hinsicht
sinnvoll, denn sie bekundet die am meisten evidente und grundlegende W irklich­
keitsstruktur des lebendigen Tieres: sein Subjekt-Sein, das sich (in bestimmter
Weise) der Außenwelt gegenüber und m der eigenen Leiblichkeit erfüllt.
Das Leben erkennen wir nur, indem wir an ihm teilnehmen. Dieses teil­
nehmende Erkennen ist der eigentliche Inhalt des Begriffes Erfahrung. Jegliche
andere Erkenntnisweise verwirklicht sich nur da, wo wir uns als „neutrale"
Beobachter einer Realität gegenüberstellen, die unabhängig von unserem, eigenen
1 Deshalb zitiertK lages Nietzsches Wort: „Das Du ist älter als das Ich“.
* Minkowski, E. : a. a. O. S. 247.
26 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

Dasein bestimmte wechselseitige Beziehungen zeigt, ln der existentiellen


Teilnahme — man sagt auch wohl weniger genau: in der miterlebenden
Anschauung des Lebendigen — kann der Grund, der das lebendige Geschehen
bestimmt, nicht zu einem selbständigen Objekt, einem Gegenshmde, werden.
E r kann also nicht in derselben Ebene wie das physische und psychische

G eDmhs ü b T 4 ü ™ a e m e s Menschen oder Tieres ist dieser auf konkrete W eise


, « der Anschauung des Verhaltens erscheinende Grund Sie würde jedoch zu
einem leeren Begriff verkehrt, wenn man sie zu einem Objekt, einem Gegenstände
Z Z . Vorstellens nnd Denkens machte. Was der Hund ,m Hunde ist Seme
Individualität, was der Mensch im Menschen ist, seine „Ichheit , seine Personlich-
S b t unk also noch auf ganz andere Weise verborgen als seine individuellen
(auch subjektiv genannten) Bewußtseinsinhalte. , . ,
Ein Bewußtseinsinhalt ist in der Tat nur einem einzigen existierenden Subjekt
gegeben. Nur wer Austern ißt, weiß, wie sie ihm schmecken Dies bleibt jedem
anderen verborgen. Aber wenn wir auch wissenschaftlich dieSubjekt,
fiten nicht objektiv erkennen kirnen, so wissen «nr dennoch, daß Bewußtsems-
¿h a lte . Gedanken, Motive, Gefühle. Phantasien, Traume usw. des Anderen
r c h Gegenstände unseres Bewußtseins werden können. In diesem Sinne p b t
« eineO bjektive psychische W elt, die wir mit unseren eigenen psychischen
Erlebnissen und m ild e r wahrnehmbaren physischen W elt in Zusammenhang

b riD ÏÏ kS ta n d ig e " jedoch ist uns nur in Form lebender Organismen gegeben,
y as aue, » . M Xier 0<jer diesen Menschen nennen,
d ifz u d ‘e ich überall und nirgends im Tier oder Menschen
Mensch selbst; sie ist nicht etwa der K op f oder
S c ü e L nod* hgendein Bewußtseinsinhalt, sondern „fcriW " dies alles als
? i n L Der Mensch kann sich selbst und auch etwas anderes bewegen,
ÏÏÏÏÂ £ ^ ere — men,
verlieren. Das SuhjeW i s t t o t r je n d e Ç ™ d a t e R e g u n g ,
£
und jedweder Form e* ® j Monade nennen, ein echtes »ens singulare«,
T r Z ed?c1ion« u n te ü b a rT d einfach, ohne Gestalt oder Räum lich­
e n ê t a cajm bfed action«, u einen Tein metaphysischen Punkt. V fir
keit, ohne En s e en diesem Begriff der Monade ausschließlich
in der M m Inhalt zukommt. D eutlich
sagt das die scholastische Philosophie: B as Subjekt ist kem „ens" sondern nur
quo ens est", wodurch das Seiende ist. ç .
Dennoch ist.e s von größter Bedeutung, das Subjekt m unsere Betrach­
tungen über die menschliche Bewegung e r f ü h r e n oder, anders gesagt, d ie «
Bewegungen als Selbstbewegungen zu verstehen. Aber wenn das Subjekt
philosophisch nicht anders zu bestimmen ist, denn als metaphysischer Punkt,
also ohne Dimension, Inhalt und Form, ja wenn es nicht einmal „ens“ , sondern
nur das „W odurch“ des Seienden ist, wo kann dann der W ert eines solchen
Begriffes in der Wissenschaft liegen? Ist es nicht eine bloße Anlehnung an den
üblichen Sprachgebrauch, wenn man in dem Erfahrungsgebiet der W issenschaft
von einem Subjekt spricht?
Selbstbewegung und Reflex 27

Der Begriff Subjekt scheint mir von grundsätzlicher Bedeutung zu sein, weil
erst der Begriff der Selbstbewegung als Grundkategorie der lebendigen mensch­
lichen Bewegungen die Einsicht in solche Bewegungen ermöglicht,

3. Selbstbewegung und Reflex


W ir wollen diese Bedeutung erläutern an Hand einer Unterscheidung, die,
obwohl aus der alltäglichen Erfahrung gewonnen, doch auch für die wissenschaft­
liche Erfahrung gilt. Es handelt sich um den Unterschied von spontaner und
reflektorischer Muskelkontraktion.
Conrad -M artius hat diesen Sachverhalt auf einfache und überzeugende
Weise folgendermaßen ausgedrückt: „Denken Sie daran, daß es auch beim Tier
und beim Menschen selbst zwei ganz verschiedene Arten von Reaktionsbewegun­
gen gibt : die, bei der z. B. mein Bein zuckt oder in die Höhe schnellt, wenn mir
mit der Hand unter daä Knie geschlagen wird; und die andere, wenn ich unmittel­
bar und unwillkürlich den Fuß zurückziehe, auf den man mir tritt, Unmittelbar
und unwillkürlich, denn von Freiheit in dem Sinne, daß ich ihn zurückzöge auf
Grund eines freien Willensaktes, von Aktivität in dem Sinne, daß ich das Zurück­
ziehen gleichsam in der Hand hätte, es zwar aktiviere., aber ebensogut unter­
lassen könnte, kann gewiß hier die Rede nicht sein. Das Zurückziehen ist eine
unmittelbare Reaktionsfolge des Schmerzes und ich bin an ihr nur insofern aktiv-
beteiligt, als ich der Notwendigkeit, meinen Fuß zurückzuziehen, einfach aus­
gesetzt bin*1“ .
Solche gezwungenen, völlig unfreien, reaktiven Bewegungen werden jedoch
nicht von mir selbst vollzogen. Ich kann nicht anders, ich muß. Dennoch verrichte
ich die Handlung als einheitliche, lebendige Person.
Die reflektorische Kontraktion in einem Muskel bleibt demgegenüber nur eine
Zuckung meines Beines oder in meinem Bein. Grundlegend ist der Unterschied
zwischen einem erzwungenen Sich-Bewegen und einem erzwungenen Bewegt-
Werden. Das Subjekt (Person oder Individuum) — und sei es auch nur als unter­
worfenes Sein (sous-jeté, sub-jectum) — tut nicht etwas, sondern ihm geschieht
etwas. Es vollzieht sich in ihm eine Bewegung, die schließlich als ein Prozeß
erklärt werden kann.
Treffend hat’ K l a g e s den Unterschied zwischen der lebendigen und der
mechanischen Bewegung ausgedrückt, indem er das mechanische Geschehen
einen „Es-Vorgang“ nannte. Dieser Ausdruck kennzeichnet den neutralen
Charakter der mechanischen Phänomene. Die mechanische Kraft kann nichts
bewirken, nichts tun, denn zur Tätigkeit muß ein Subjekt vorausgesetzt werden.
„Träger des Tuns ist das Ich, Träger des Geschehens das E s2“ .
Für Forschung, Klinik (Neurologie und Psychiatrie), Pädagogik, hat dieser
grundsätzliche Unterschied zwischen dem reflektorischen Bewegt-Werden und
dem mehr oder minder freien Sich-Selbst-Bewegen entscheidende Bedeutung.
W ir werden dies noch des öfteren aufzeigen können. Hier möge die Bemerkung
genügen, daß die in der Physiologie vielfach noch vertretene A nsich t/eine
Handlung sei em Gefüge von Reflexen, durch die Einsicht in den eigenständigen
Charakter der Selbstbewegung grundsätzlich widerlegt wird.
1 Conrad -Martius : Metaphysische Gespräche, S. 16. Halle 1921.
1 K lages , L. : Der Geist als Widersacher der Seele, Bd. 1, S. 249. Leipzig 1937.
28 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

Zweitens aber führt .die Einführung des Subjektbegriffes zu einer Erhellung


des Gegensatzes vom Eigenen und Fremden, und damit wird auch der Begriff
der Leiblichkeit klarer.

4. Das Eigene und das Fremde


Was nur mir selbst gehört, ist das Eigene, und das Eigenste ist der eigene
Leib, über den ich verfüge. Wenn durch eine Verletzung des Rückenmarks die
Beine gelähmt sind, so ist die Macht über diese Glieder verlorengegangen. Ist
dazu noch die Empfindung gestört, so sind sie „to t". Aber wie fremd gelähmte
und gefühllose Beine auch sein mögen, so sind sie doch weniger entfremdet als
wenn man sich seinem eigenen amputierten Glied gegenüber befindet und dieses
mittels einer indirekten, durch bestimmte Merkmale erregten Einbildung als das
eigene wieder erkennt. Ein solches Wieder erkennen ist dann mehr als ein nur
intellektuelles Urteil und verwandt (nicht identisch) mit dem Wiedererkennen
eines Porträts, das uns sagen lassen kann: „Ah, das bin ich selbst,'' D^s Tier
erkennt keine Abbildung und (meist) auch kein Spiegelbild. Gelähmte Glieder
sind einem Tier niederer Gattung tote Gegenstände, die mitgeschleppt und bis­
weilen angefressen werden. Nur ein Affe kann ein^n gelähmten Arm abtasten und
auf eine Weise betrachten, die dem menschlichen Verhalten verwandt ist. Teile
unseres Leibes, etwa Eingeweide, über die wir nicht verfügen können, sind uns
zwar eigen, aber auf eine intimere Weise, als die Teile unseres äußeren Körpers.
Durch ihn stehen wir, indem wir über seine Möglichkeiten verfügen, mit der
Welt in Kommunikation. Bei diesem Verfügen geht es nicht um die unmittel­
bare Beherrschung des Leibes, ja nicht einmal um die Frage, wieweit er im
biologischen Sinn belebt oder unbelebt ist. So fassen wir z. B. unsere Haare und
Nägel, obwohl diese „to t“ sind, als die eigenen auf und zwar als Mittel, über die
wir im Ausdrucksverhalten den anderen gegenüber verfügen und die unsere
Erscheinungsweise als das Erleben des Selbst-Seins anderen gegenüber mit­
bestimmen. Wir können stolz sein auf unsere Haare, uns schämen wegen
schmutziger Nägel. ,
.Wie irrational unser Verhältnis zu derartigen Teilen von uns selbst und auch zu
Gegenständen, die uns selbst zugehören, ist, lehren die ohne verstandesmäßiges
Urteil aufsteigenden Ekel-Empfindungen bzw, das Fehlen derselben beim
Betasten oder In-den-Mund-Nehmen von Haaren und Nägeln sowie von Körper­
flüssigkeiten, die wohl „unser“ sind (Blut, Tränen, Nasenabsonderungen, Speichel,
Urin), mit denen wir aber keinen vitalen Umgang haben können.
Wir müssen uns bei diesen Erfahrungen aufhalten, um die Bedeutung des
Begriffes „selbst" und „eigen“ gegenüber dem Begriff „anders" und „fremd“
zu begreifen. Niemand ekelt sich vor dem Speichel, den er immer im Munde hat
und regelmäßig verschluckt. Sollte er jedoch in ein Glas diesen eigenen Speichel
abfließen lassen und dann aufgefordert werden, ihn erneut in den Mund zu neh­
men, so wäre der Ekel unverkennbar! Die Abkühlung kann nicht der Grund
dieses merkwürdigen Phänomens sein, denn Erwärmung des Glases verschlimmerte
den Ekel eher als daß er ihn aufhöbe. Wie empfindsam und irrational wir in
dieser Hinsicht sind, zeigt die alltägliche Erfahrung. Tränen und Tropfen aus der
Nase "werden von Kindern — und nicht nur von Kindern — ohne Abneigung auf-
geleckt, wenn sie am Gesicht herunterfließen. Wie viele Menschen kauen an
Das Eigene und das Fremde 29

ihren Nägeln. Aber sie möchten unter keinen Umständen einen abgeschnittenen
Nagel kauen,.auch wenn er der eigene ist. Ein Blutstropfen, der nach einem Stich
in den Finger hervorquillt, erregt weniger Abneigung, als Blut an einem Taschen­
tuch, einer Tasse oder einem Tellerrande — und sei es das „eigene". Wir könnten
diese Beispiele vermehren. Der Psychiater und der Kinderpsychologe wissen,
welch eine große Rolle der Ekel im Zusammenhang mit „eigen" und „frem d"
beim Aufbau des normalen menschlichen Lebens, der zwischenmenschlichen
Beziehungen von Liebe und Haß und ihrer pathologischen Entartungen spielt.
Die Unterscheidung zwischen dem Eigenen und dem Fremden ist eine der wich­
tigsten Grundlagen für die Einsicht in den Begriff der Leiblichkeit. Unser Leib
ist dasjenige, was uns am meisten von allen erfahrbaren Dingen eigen ist, das uns
am wenigsten fremd, am wenigsten entgegen und also am wenigsten zuwider ist.
Der Leib ist das fühlbare, tastbare Eigene. Er ist auch deshalb unser eigener, weil
wir ganz über ihn verfügen. Soweit der Mensch sich als Subjekt, als sich Selbst­
bewegendererlebt, vermittelt ihm der eigene Leib die Außenwelt, d. h. das „andere".
Durch den Leib kann ein fremder Gegenstand seine Fremdheit und Unzugänglich­
keit verlieren und sich uns angliedem als etwas, das dann mehr ein Stück von
uns selbst wird. Vor allem dann, wenn der Gegenstand an unseren Bewegungen
teilnimmt, z, B. unsere Kleidung, ein Federhalter, ein Spazierstock, dehnt
sich unser I eib gleichsam auf ihn aus. Wir tasten die Außenwelt mit ihm ab,
beherrschen ihn dermaßen, daß auch die feinsten dynamischen Nuancen auf ihn
übertragen werden können.
Den sich bewegenden Leib haben wir als dasjenige, wodurch wir auf das
Uneigene, Andere, Fremde einwirken. Aber wir sind auch unentrinnbar Leib in
der Subjekt-Werdung gegenüber der Außenwelt; für die wir zum Objekt werden
können. Wenn man meine Hand berührt, berührt man mich selbst; wenn ich
nach etwas greife, bewege ich selbst meine Hand. Wenn L eibn iz sagt: »Toute
action appartient à un sujet«, so muß man dies ergänzen, indem man sagt:
toute passivité appartient à un sujet. Das leiblich-körperliche In-der-Welt-Sein
als Subjekt ist das Erfahren und Überwinden von Widerstand, es ist das Be-
stimmt-Werden und das Bestimmen, ist Eindruck und Ausdruck und deshalb
auch Wahmehmcn und Sich-Bewegen. Die Einheit beider, in der Existenz
begründet, ist der tragende Grund für die Ursprünglichkeit des Gegensatzes von
eigen und fremd, von Selbst-Sein und Anderes-Sein.
Die Bedeutung des Gegensatzes eigen— fremd für die Entfaltung von Selbst­
gefühl und Selbstbewegung zeigt sich vielleicht am deutlichsten, wenn wir die
funktionelle Störung, die in dieser Polarität auftreten kann, ins Auge fassen.
Sie ist seit JANET in der Medizin als die psychasthenische Entfremdung der
Außenwelt und die damit einhergehende Selbstentfremdung bekannt. Es kommt
vor, daß der Psychastheniker, der alle Dinge sehr scharf wahmimmt und gut und
logisch denken kann, alles Gewöhnliche als unwirklich erfährt, weil es ihm nicht
opponiert ist, ihn nicht zum Subjekt macht. Diese Entfremdung geht einher
mit einem „Fremd"-Werden der eigenen Bewegungen, des Gehens, des Schreibens
und des Sprechens. Objektiv ist dabei keine einzige Bewegung gestört, aber der
Patient durchlebt die Selbst-Bewegung in ihrem Vollzug nicht mehr als die
eigene, nicht mehr als Selbstvollzug, sondern als mechanisch verlaufend. Diese
sog. funktionelle Störung oder Neurose ist dann keine Störung einiger Funktionen,
30 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

sondern eine Störung im Wesen der Persönlichkeit, Sie verweist auf die Bedeu­
tung der Subjektivität des Daseins als leibhaftes Sein und als Selbstbewegung
in und mit einer eigenen Welt.
Nicht nur die analytische Physiologie, sondern auch die analytische Psychologie
verkennt das Wesen des menschlichen Daseins und der Selbstbewegung, die gar
kein psychologisches Phänomen ist. Was könnte der physiologische oder psycho­
logische Gehalt von Tätigkeiten wie Schreiben oder Sprechen, Gehen oder Lachen
sein? Für die Bewegungslehre ist die Einsicht von grundlegender Bedeutung,
daß die Bewegungen in ihrem komplexen Vollzug leiblich sind. Man kann dies
auch so ausdrücken: Die Bewegung vollzieht sich in der psycho-physischen
Einheit des Menschen, wobei aber diese Einheit nicht als ein noch so inniges
Zusammenwirken zweier verschiedener Wirklichkeiten (res extensa und res
cogitans) verstanden werden darf. Sie bezieht sich vielmehr auf eine phänomenale
Welt, welche der Unterscheidung einer physischen und psychischen vorausgeht
und zugrunde liegt. Dieser andere, grundlegende Gehalt ist die Wirklichkeit des
menschlichen Seins als leibliches In-der-Weit-Sein.
Die Betrachtung des Begriffes Selbstbewegung und die Einführung des Begrif­
fes Subjekt in die Bewegungslehre zwingt uns zu der Einsicht, daß diese Lehre
anthropologisch begründet sein muß und daß sie nicht ein Kapitel der Phy­
siologie oder der klassischen Psychologie sein kann. Eine solche Begründung
setzt eine Zuwendung zu den Phänomenen voraus, und so wird eine Einsicht in
das Wesen des Menschen und seiner Haltung oder Bewegung ermöglicht. Damit
soll freilich nicht gesagt sein, daß die physiologischen und psychologischen Tat­
sachen nicht von sehr großem Wert für die Erklärung des Zustandekommens, der
Ausführung und des spezifisch gebildeten Verlaufes der Bewegungen wären. Sie
behalten ihren Wert als Einzelaspekte einer übergeordneten Betrachtungsweise,
die eine Zusammenarbeit jener beiden Wissenschaften auf höherem Niveau be­
wirkt, indem sie die Begriffe Selbstbewegung, Subjektivität und Leiblichkeit
in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. Die Einführung und die Entwick­
lung dieser Begriffe ermöglicht uns erst eine umfassende Einsicht in die polare
Einheit von unbewußtem Geschehen und bewußtem Tun.
Das Subjekt ist der schöpferische Grand sowohl aller Bewußtseinsinhalte und
aller bewußten Handlungen, Leistungen und Entscheidungen, als auch sämtlicher
„unbewußter" Phänomene, ihrer Genese und ihrer leiblichen Äußerungen. Es
ist damit die Möglichkeit gegeben, eine Verbindung von Bewegungslehre und
Tiefenpsychologie anzustreben und die menschliche Bewegung auch mit dem
Charakter, dem Temperament, den typologischen Merkmalen von Älter und
Geschlecht und mit dem sozialen Lebenskreis in Zusammenhang zu bringen.
Wenn die Bewegungslehre sich auf diese Weise zu einem integrierenden
Bestandteil der Anthropologie entwickelt, so wird sie auch den angewandten
Wissenschaften vom Menschen, wie Pädagogik, Soziologie und vor allem auch
der Medizin unentbehrlich sein,

III. D ie Gestalttheorie und die Bewegungsgestalt


Für die Bewegungslehre ist es unerläßlich, den in Gestalttheorie und -Psycho­
logie entwickelten Begriff der Gestalt gründlich zu erörtern, damit seine Bedeutung
für die Erklärung motorischer Erscheinungen verständlich wird.
Das Gestalt-Problem 31

1. Was ist eine Gestalt ?


Die Beantwortung dieser Frage bietet demjenigen, der von der Anschauung
der Dinge ausgeht, keine Schwierigkeit. Wir erkennen ja überall Formen, Figuren
und Gestalten. Der um eine genaue Differenzierung der anschaulichen Welt
bemühte Sprachgebrauch unterscheidet im allgemeinen zwischen den Begriffen
Gestalt und Form. Das W ort Gestalt gebrauchen wir gewöhnlich für die mensch­
liche Erscheinungsweise (französisch: «figure» oder «taille»). Es ist auffallend,
daß man im Niederländischen zwar von den Scheingestalten des Mondes, jedoch
von den Formen der Pflanzen und Tiere spricht. Der Grund dieses unterschied­
lichen Wortgebrauches ist mir nicht bekannt. Erst unter dem Einfluß der in
Deutschland entwickelten Theorien hat auch andernorts das W ort Gestalt in einer
ganz bestimmten, eigentlich unübersetzbaren Bedeutung in wissenschaftlichen
Kreisen allgemeines Bürgerrecht erlangt. So hat K öhler sein in Amerika er­
schienenes B uch„ Gest altpsychologie' *genannt, weil die Worte shape, conf iguration,
pattem durch ihre spezifische, historisch gewachsene Bedeutung nur Verwirrung ger
stiftet hätten. Im Französischen ist es meistens üblich, das W ort «forme» als Über­
setzung von „Gestalt" zu verwenden (G uillaum e , Michotte u . a.), wobei die Be­
deutung beider Worte nicht völlig übereinstimmt. Der deutsche Begriff „Gestalt"
verweist nicht nur auf die äußere Form, sondern auch auf den inneren Bau, die
Struktur, die Organisation.- Aus der Begriffsverwirrung, die durch den unangemes­
senen Bedeutungsgehalt von «forme» in bezug auf „Gestalt" entstanden ist, ist
es verständlich, daß J anet schreiben konnte: »L a perception d’une forme est
autre chose que eelle d’un objet; eile suppose l’abstraction du cöntenu qualitativ
eile n’existe que lä oü on trouve un comportement relatif aux formes en tant
que formes«. G uillaume , dessen Buch1 diese Bemerkung entnommen wurde,
erläutert dazu, daß J an et » Unterscheidung zwischen Dingen und ihren Formen
sicher wertvoll für die Lehre vom Verhalten ist, daß jedoch schon die klassischen
deutschen Schriftsteller, wie G oethe , im W ort „Gestalt“ nicht die von der
Materie abgetrennte Form, sondern das Objekt in seiner Form, das geformte
Ding als Gebilde ausdrücken wollen. Vertraut man sich der unmittelbaren
Anschauung an, so ist die Frage, was Gestalt sei, kein Problem. Die analysierende
Naturwissenschaft mißtraut jedoch der unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung,
wodurch die Gewißheit unserer Erkenntnis überhaupt erst problematisch wird.

2. Das Gestalt-Problem

Als Reaktion auf die Empfindungs- und Assoziationspsychologie entstand


unter dem Namen Gestaltpsychologie eine Richtung, die sich aus einer Erneuerung
der experimentellen Wahrnehmungsforschung ergab. Ausgehend von den
mechanistischen Tendenzen in allen biologischen Wissenschaften erklärte man in
der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Wahrnehmung von Ganzheiten
aus einer vorausgesetzten Assoziation elementarer Eindrücke, der sog. Empfin­
dungen. Diese sollten die Bausteine sämtlicher komplexen Eindrücke sein, die
wir von der Außenwelt empfangen und die sich durch die kategorische Bestimmung
und Beurteilung im Medium des Verstandes mit Bedeutungsgehalt erfüllen. Eine

1 G u il l a u m e , P . : La psychologie de la form e. Paris 1937.


32 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

solche Lehre stand in voller Übereinstimmung mit der von D escartes inspirierten
Naturbetrachtung, welche den Körper als eine verwickelte Maschine deutete:
im Menschen „wohne“ eine Seele, die das aus den Reizungen der Sinnesorgane
entstandene, an sich chaotische Material der Empfindungen aufnehme und in
der synthetischen Verknüpfung dieser Elemente Vorstellungen und abstrakte
Begriffe bilde.
Schon im Jahre 1890 hat von E hrenfels in einer Publikation1, deren große
Bedeutung man erst später erkannte, darauf hingewiesen, daß wahrnehmbare
Ganzheiten, wie etwa eine Melodie oder eine geometrische Figur, eine eigene
„Gestaltqualität'' besitzen. Diese wird nicht durch Synthesis aus den Einzel­
elementen, den Tönen oder Linien und Punkten, gebildet, sondern ist als ur­
sprünglicher Wahrnehmungsgehalt gegeben. Die Gestalt ist nicht nur mehr als die
Summe der Teile, sondern auch etwas anderes, Als einen Beweis seiner These
führte von E hrenfels die Transponierbarkeit einer Melodie an, deren Töne dabei
ja als elementare Empfindungsinhalte verändert werden, während die Melodie sich
als Einheit, als Gestaltqualität erhält.
Zu Unrecht hat man den Einwand erhoben, die Beständigkeit des Ganzen
. (der Melodie) beruhe auf der Erhaltung der Relationen der Teile, und eine Gestalt
sei nichts anderes als eine Summe von Proportionen. Dies wird widerlegt durch
die Tatsache, daß sich in jeder optischen oder akustischen Gestalt viel mehr Relati­
onen einstellen als nur diejenigen, die für die Gestaltqualität wesentlich sind.
Wollte man also die Gestalt eine Summe von Relationen nennen, so wäre es für
die Gestaltwahmehmung dennoch notwendig, die wesentlichen Proportionen von
den nebensächlichen zu unterscheiden. Die Einzelrelationen sind uns in der Wahr­
nehmung von Ganzheiten ebensowenig als elementare Eindrücke gegeben wie die
Einzelempfindungen von Tönen, Farben und Linien. Aus optischen, akustischen,
tastbaren Gestalten konstituiert sich die wahrgenommene Welt. Wir bauen sie
nicht sekundär durch Assoziationen von Elementen auf, die aus einem Strom von
Reizen entständen. (Einer früheren Meinung zufolge waren die Reize das einzige,
was das Subjekt von seiner Umgebung empfängt.)
Ein Beispiel für den Primat der Gestalt in der Wahrnehmung ist unsere Fähig­
keit, ein menschliches Antlitz sogar in einer Karikatur wiederzuerkennen, auch
wenn wir uns nicht darüber im klaren sind, worauf die Ähnlichkeit beruht,*
dies gelingt uns bei einem schlecht gezeichneten Bild nicht.
Gestalten sind nicht nur Ganzheiten, sie besitzen auch eine Organisation,
durch die „natürliche“ Teile als Glieder unterscheidbar sind. Jeder dieser Teile
hat eine gewisse Funktion im Ganzen, manche sind für die Gestaltqualität wesent­
lich (dominant), andere nebensächlich. Die Teile (z. B. des Antlitzes) sind relativ
selbständig, doch eine Bedeutung kommt ihnen erst im Ganzen zu. In der
Gestalt entfaltet sich eine Wechselwirkung zwischen dem Ganzen und den Teilen.
Das Ganze bestimmt die Teile; und umgekehrt haben die Teile eine Funktion für
das Ganze, indem sie den Bedeutungsgehalt, den Sinn der Totalgestalt bestimmen.
Sogar in der skizzenhaften Zeichnung eines Gesichtes beeinflußt der heitere oder
traurige Ausdruck der Mundlinie den Ausdruck der Augen und verändert den
qualitativen Eindruck des Ganzen.

1 E hrenfels , Chr . v o n : Über Gestaltqualitäten. Vjschr. Wias. Philos. 14, -249 (1890).
Die Gestalt-Gesetze 33

3. Die Gestalt-Gesetze
Diese einfachen Beispiele zeigen bereits, daß es bei der Gestaltwahrnehmung
Gesetze gibt, welche die Beziehung von Teil und Ganzem bestimmen. Diese
Gesetze sind hauptsächlich auf Grund von Experimenten über die optische Wahr­
nehmung von den Begründern der Gestaltpsychologie (W ertheimer , K öffka
und K öhler ) sowie ihren Schülern und Nachfolgern genauer formuliert worden.
Wir schließen uns in der nachfolgenden kurzen Darstellung der wichtigsten Ge­
setze der Monographie M atthaeib an1, welche ebenso wie das obengenannte Buch
G uillaumeb eine gute und klare Übersicht des Gestaltproblems gibt.
a) Der Primat des Ganzen. Die alltägliche Erfahrung von der unmittelbaren
und schnellen Gestalt-Wahrnehmung und Wiedererkennung sowie das erst
sekundäre Auftreten der partiellen Wahrnehmungen wurde in zahlreicher) Experi­
menten bei Erwachsenen, Kindern und Tieren® bestätigt.
Je schwieriger die Wahrnehmung (unscharfe oder kurz exponierte Figuren)
und je „primitiver" das Individuum (Tiere, Kinder), um so mehr tritt die Total­
gestalt hervor. Käme die Gestalterfassung in einem „höheren“ psychischen Akt
(„schöpferische Synthese" nach W ündt) zustande, so wären dem primitiven
Bewußtsein (Kindern, niedrigeren Tieren) nur Teile, abstrakte Elemente gegeben.
Dies ist jedoch keineswegs der Fall.
b) In einer Gestalt bestimmen das Game und die Teile einander wechselseitig.
Die Teile sind im Ganzen relativ unselbständig. Wird eine Ganzheit erfaßt (etwa
die einer Figur oder Melodie), so heben sich die Teile nicht ab. Das starke
Hervortreten eines Teiles stört umgekehrt die Einheit der Gestalt.
Die Gültigkeit dieses Gestalt-Gesetzes ist insbesondere durch Experimente
über die Wahrnehmung von Ornamenten und die sog. optischen Täuschungen
bewiesen worden.
c) Es gibt in einer Gestalt dominierende Teile. Es können dies entweder selb­
ständige Elemente (Linien, Töne) oder bestimmte Relationen von Teilen unter­
einander sein. Namentlich Gestalten mit einer betont expressiven Kraft können
sich bereits durch eine geringe Modifikation in ihrem Ausdrucksgehalt ver­
wandeln. Man denke etwa an den Gesichtsausdruck und an die Gebärden.
d) Gestalten unterscheiden sich nach der Bestimmtheit ihrer Organisation. Es gibt
also sämtliche Übergänge von einer gegenseitigen Durchdringung der Teile, die so
ausgeprägt sein kann, daß das Ganze eine amorphe Masse wird bis zu einer
maximalen Ungebundenheit, einem Chaos. Zwischen beiden Extremen stehen die
Gestalten mit einer größeren oder geringeren Festigkeit der Struktur. Im Hin­
blick auf den Widerstand, den eine Gestalt hierdurch störenden Einflüssen zu
bieten vermag, spricht man auch von „starken" und „schwachen" Gestalten.
e) Das Gesetz der ,,Prononciertheü” W ertheimers . Gestalten neigen dazu,
prononcierte Formen anzunehmen. Sie erscheinen dann als total, geschlossen,
einfach und sinnvoll. Es gibt daher auch bestimmte prononcierte Formen, die
leicht wahrgenommen werden, wie etwa der Kreis, und denen sich andere Figuren
annähem, wenn-sie unter sehr kleinem Gesichtswinkel oder bei kurzer Darbietung
betrachtet werden. Wenn eine Figur etwas von einer idealen, prononcierten
1 Matthäei, R .: Das Gestaltproblem. München 1929.
1 Sogar bei Fischen gelten die Gesetze der Gestalt-Walirnehmung; vgl. M e e s t e r s , A .:
Die Organisation des Gesichtsfeldes der Fische. Diss. Groningen 1940.
Buytendijk, Haltung und Bewegung 3
34 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

Gestalt abweicht, wird dieses entweder nicht bemerkt oder als ein Fehler aufgefaßt.
Unter bestimmten Umständen tritt sogar eine scheinbare Bewegung in der
exponierten Figur auf, ein „Druck in die Richtung einer Korrektur" (K offka )
oder ein sog. ,,Prägnanzdruck'' (K öhler ).
Symmetrische Figuren werden etwas leichter als asymmetrische aufgefaßt.
Ein Winkel von 85 oder 95° kommt uns als ein „schlechter" rechter Winkel
vor. Bei einer Anzahl im Dunkel kurz aufleuchtender, zu einem Kreis geordneter
Punkte, deren einer .etwas nach innen vorspringt, beobachten wir, daß dieser
Punkt sich in den Kreis einzuordnen scheint.
Es ist nicht die Absicht, hier eine vollständige Übersicht von den eigen­
tümlichen Merkmalen der Gestalten und der Gesetzmäßigkeit ihrer Wahrnehmung
zu geben; auch wollen wir nicht die Versuche beschreiben, welche diese Gesetze
demonstrieren und erhärten. Außer in den bereits genannten Werken findet man
darüber eine gute Zusammenfassung in den Artikeln, die K offka im „Handbuch
der Physiologie" geschrieben hat1. Es sind darin auch die so wichtigen Experi­
mente über die Scheinbewegung beschrieben, die erst von W ertheimer auf
Grand einer allgemeinen Gestalttheorie erklärt wurden.
Die Gestalttheorie hat für die Lehre der menschlichen Bewegung eine
zweif ache Bedeutung.
Erstens führte die Erforschung der Formwahrnehmung zu einer Theorie über
die Prozesse im Zentralnervensystem, die sich von der üblichen Denkweise
prinzipiell unterscheidet. Für uns ist diese Theorie von Interesse, weil sie auch
das Zustandekommen der koordinierten Bewegung erklären will.
Zweitens kann man die vollzogene Bewegung selbst im Sinne einer in der Zeit
verlaufenden Einheit einzelner Bewegungsphasen als eine Gestalt auffassen.
Dabei ergibt sich zwischen dem Ganzen und den Teilen derselbe gesetzmäßige
Zusammenhang, der bezüglich einer wahrgenommenen Figur oder einer Melodie
erwähnt wurde. Man unterscheidet dann die Bewegungen (und Melodien) als
dynamische oder Zeitgestalten von jenen Formen des optischen Wahmehmungs-
feldes, die als statische oder Raumgestalten bezeichnet werden.

4. Die Gestalttheorie des Nervensystems


Betrachten wir die theoretische Bedeutung der Gestalttheorie für die Physio­
logie näher. Es war bereits der Grundgedanke W e r t h e i m e r * 2 bei seinen Experi­
menten über die Wahrnehmung von Scheinbewegungen, die psychologischen
Erscheinungen als das subjektiv Erlebte mit Hilfe von Prozessen im Nerven­
system zu erklären. K ö h l e r 8 hat diesen ersten Versuch weiter ausgearbeitet
zu einer allgemeinen Theorie, die ein Erklärungsprinzip für eine große Anzahl
physikalischer, physiologischer und psychologischer Phänomene darstellen möchte.
Es ist also, wie sich noch näher zeigen wird, deutlich, daß die Gcstaltlehre
die Lebenserscheinungen nicht primär als Funktionen eines Subjekts versteht,
sondern als in Raum und Zeit verlaufende Prozesse, die erst sekundär eine
funktionelle Bedeutung im Organismus erhalten. In dieser Hinsicht unterscheidet

1 Bethes Handbuch der Physiologie, Bd. X II, 2. Hälfte.


* W ertheimer , M .: Drei Abhandlungen über Gestalttheorie. Erlangen 1925,
* K öhler , W .: Die physischen Gestalten in Ruhe und im stationären Zustand. Braun­
schweig 1920,
Die Gestalttheorie des Nervensystems 35

sich also die Gestalttheorie nicht von der (mechanistischen) Reilexlehre. Auch
diese betrachtet ja die Prozesse im Nervensystem als das Wesentliche und
Eigentliche, die Funktion dagegen als etwas nur Scheinbares.
Das so zweckmäßige Zurückziehen der mit dem Feuer in Berührung kommen­
den Hand diente schon D escartes als Beispiel einer Lebensäußerung, deren
scheinbar funktionell-sinnvolles Geschehen auf einen maschinellen Prozeß
reduziert wurde. Man beschreibt dies jetzt‘ in der Physiologie als die Fort­
leitung eines Reizes durch einen sensiblen Nerven in eine präformierte Rücken­
marksbahn zu einem motorischen Nerven und von da aus zu einer Muskelgruppe.
Die Gestalttheorie verwirft die statisch-anatomische Struktur, die seit
D escartes als Erklärungsgrundlage der tierischen Leistungen angenommen
wurde und unterscheidet sich allerdings in dieser Hinsicht grundsätzlich von der
mechanistischen Auffassung der Lebenserscheinungen. Die Gestalttheorie hat
einen dynamischen Ausgangspunkt.
Sie setzt etwa voraus, daß eine Erregung im „Felde" des Zentralnerven­
systems sich in Abhängigkeit von Art und Ort des Reizes ausbreitet, so daß
bestimmte motorische Nervenzellen erregt werden. Dieses „F eld" ist einer
Wasserfläche vergleichbar, auf der ein Steinwurf eine fortschreitende Wellenfront
entstehen läßt, die sich je nach dem Zustand des Gewässers (Tiefe, Form,
eventuelle ölschicht und namentlich Anwesenheit anderer Wellenbewegungen)
zu einer Wellenfigur gestalten kann, von der bestimmte Punkte zugleich oder
nacheinander in Bewegung kommen. Oder das zentralnervöse Feld läßt sich
einer mit feinem Pulver bestreuten Platte vergleichen, auf der „Klangfiguren"
entstehen, wenn der Rand durch Bogenstriche in Schwingung versetzt wird.
Auch hier ist die Klangfigur vom Zustand der Platte (Gleichmäßigkeit der Dicke
und der Elastizität, bereits bestehende Schwingungen, Befestigungspunkte der
Platte usw.) abhängig.
Bekanntlich versucht die Reflexlehre komplizierte Reaktionen aus einer
Kombination einfacher Reflexe und aus einem kettenförmigen Zusammenschluß
von Reflexen zu erklären. Von Anfang an hat ihr jedoch die so häufig verschieden­
artige Wirkung eines Reizes bei unterschiedlicher Ausgangslage des Körpers
Schwierigkeiten bereitet. Zur Erklärung dieses Phänomens mußte sie u.a. den
Begriff der „Schaltung" einführen, durch den die maschinelle Theorie von der
Wirkungsweise des Nervensystems nach dem Modell einer (automatisch wirkenden)
Telefonzentrale verstanden wird. Während man sich in wissenschaftlichen
Abhandlungen dieses „Denk-Modells" nicht mehr bedient, findet man in einfachen
Lehrbüchern jene Theorie noch immer auf diese Weise dargestellt.
Die Gestaltlehre als „dynamische" Theorie erklärt die Veränderung der
Reflexe bei Veränderung der Ausgangslage ganz anders. Das Nervensystem
ist dieser Theorie zufolge nicht ein unveränderlicher Apparat mit einer festen
Struktur, durch die die Wirkung, wie bei einer Maschine, präformiert wäre,
sondern es ist ein sich durçh äußere und innere Umstände fortlaufend verwandeln­
des, bewegliches Feld. Auf diese Weise wird ein und derselbe äußere Vorgang
einmal als sinnvoller Reiz, ein anderes Mal als Störung wirken können.
Man nimmt daher im Nervensystem „Reizfiguren" an; sie bestimmen die
Innervationsgestalten, welche die Bewegungsvollzüge verursachen. Diese sind
also primär durch eine Einheit der Prozesse als Ganzheit gegeben und entstehen
3*
■13
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36 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

nicht ans einer Kombination elementarer, anatomisch determinierter Erschèinun-


gen (Empfindungen und Reflexe). In der Gestalttheorie bleiben jedoch, ebenso
wie in der Reflexlehre, die Funktionen nichts anderes als Erscheinungsweisen der
Prozesse,
In seinem Buch über die physischen Gestalten hat K öhler gezeigt, daß cs
in der toten Natur Kraftfelder geben kann (etwa in Systemen mit einer bestimmten
Verteilung elektrischer Ladung oder Stromstärke), bei denen ebenso wie in
organischen Gestalten einerseits das Ganze die Teile bestimmt, andererseits eine
Veränderung in einem Teil eine gesetzmäßige Veränderung im Ganzen nach sich
rieht. So wird etwa die Energieverteilung in dem Felde um einen elektrisch
geladenen Gegenstand von der Form dieses Gegenstandes abhingen, während
eine örtliche Veränderung überall eine andere Energie verteilung bedingt.
Es gibt nicht nur eine Einheit der Teile und eine Wechselwirkung zwischen
Teilen und dem Ganzen in einer solchen physischen Gestalt, sondern man findet auch
das von von E hrenfels bei akustischen Gestalten beobachtete Kennzeichen
der Transponierbarkeit in manchen materiellen Systemen, Die elektrische
Ladungsverteilung verändert sich z. B. nicht, wenn sich der Stoff des geladenen
Gegenstandes verwandelt, sofern die geometrische Form die gleiche bleibt,
und ebensowenig, wenn der absolute W ert der totalen Ladung größer oder kleiner
wird oder das Vorzeichen sich ändert. Es ist dies der Gestalt einer Figur oder
Melodie vergleichbar, bei der einige Merkmale sich verändern, andere konstant
bleiben. Jede Gestalt, auch die physische, besitzt ein dominierendes Merkmal
Noch ein anderes Phänomen fäUt bei jeder physischen Gestalt auf und ist
u. a. bei der Verteilung der elektrischen Ladung festzustellen. Geht man von einer
verschiedenen: Verteilung der Ladung an der Oberfläche eines metallenen Gegen­
standes aus, so stellt sich immer derselbe Endzustand ein. Ein physikalisches
System erreicht immer denjenigen Gleichgewichtszustand, in dem die freie
Energie so Mein wie möglich ist. Die Potentialverteilung eines geladenen Gegen­
standes gestaltet sich m der Weise, daß sich im Endzustand ein Minimum an
freier Energie ergibt. Ein konstanter elektrischer Strom verteilt sich derart
über eine Anzahl von Leitern, daß die W ärmeproduktion im ganzen System
einen minimalen Wert erhält.
Erwähnt sei hier das Prinzip von le Chatelier und van ’ t H off , demzufolge
die Veränderung eines der Faktoren, die ein Gleichgewicht beherrschen, eine
Gleichgewichtsverschiebung bewirkt, welche dieser Veränderung widerstrebt.
Man kann, wie G uillaum e 1 m it Recht bemerkt, dieses Prinzip auch so formu­
lieren: Ein physikalisches System erstrebt spontan die am meisten ausgeglichene,
homogene und regelmäßige Struktur. Unterschiede, Unregelmäßigkeiten,
Dissymmetrien bringen in der Natur Veränderungen zustande. »L'asym étrie«,
sagt Cu rie , »régit le cours de la nature.« Eine Seifenblase, ein Quecksilber­
tropfen oder ein schwebender öltropfen usw, nehmen die Kugelionn an,
„erstreben" — so könnte man metaphorisch sagen — die einfachste und
regelmäßigste Struktur. Man könnte dieses so allgemein auftretende Phänomen
Ms ein Beispiel für das Gesetz W ertheimeri auffassen: sämtliche Gestalten
erstreben die „beste" (am meisten prononderte) Form, die unter den gegebenen
Umständen möglich ist.
1 GuïLLAUMt, P .: a. », O. S. 37.
Kann die Gestalttheorie die Bewegungslehre begründen ? 37

W ird ein BUd von unregelmäßiger Form für einen kurzen Augenblick auf die
Netzhaut projiziert, so wird eine abgerundete, einfache, symmetrische Form
wahrgenommen. Nach der Gestalttheorie könnte dieser psychische Vorgang aus
dem sich spontan einstellenden Gleichgewicht in einem physikalischen System
erklärt werden. Dies wäre also ein Prozeß, der sich in einem Teil des Nervensystems
abspielt. Auch alle Phänomene von Kontrastwirkung (z. B. der Farben)
sowie die Wahrnehmung von Schembewegungen haben die Gestaltpsychologen
aus Feldprozessen im Nervensystem zu erklären versucht. Eine derartige Erklä­
rung muß freilich immer eine allgemein theoretische bleiben, da man ja die
konkreten Zellprozesse und ihre Wechselwirkungen, die den Gestaltcharakter
bestimmen, nicht kennt. Argumente für die Richtigkeit der Gestalttheorie
hat man gewöhnlich auf die konkreten morphologischen Verhältnisse gegründet.
So gibt es etwa eine innige Verbindung zwischen allen Zellen gerade in denjenigen
Teilen des Nervensystems (z. B. der Hirnrinde), in denen man die ausgeprägteste
Einheit der Prozesse annehmen muß.

5, Kann die Gestalttheorie die Bewegungslehre begründen?


Der wissenschaftliche W ert einer Hypothese liegt darin, daß sie es ermög­
licht, Erfahrungstatsachen von einem Gesichtspunkt aus zu erklären und neue
Erscheinungen vorherzusagen, wenn die Bedingungen für ihr Auftreten gegeben
sind. Inwiefern genügt die Gestalttheorie des Zentralnervensystems diesen Forde­
rungen ? Ihre erste Errungenschaft scheint zunächst eine negative zu sein, nämlich
die Ablehnung der Reflexlehre. Die Behauptung, daß die psychologischen Tat­
sachen aus dem Aufbau des Nervensystems erklärt werden könnten, ist widerlegt.
Eine Erklärung der Wahrnehmung aus einer von Punkt zu Punkt stattfindenden
Projektion der Peripherie (der Netzhaut usw.) auf die Hirnrinde ist heute ebenso
unhaltbar wie die Erklärung des Lernens und Denkens durch Assoziationen oder
der Bewegungen durch Reflexkombinationen. Aus dieser W iderlegung ging j edoch
nicht die Gestalttheorie als solche hervor, sondern sie ergab sich aus jenen vor­
züglichen Experimenten über die sinnliche Wahrnehmung, die schließlich zur
Gestaltpsychologie führten. Aber auch die Untersuchungen über Anpassung
und Regulation der Bewegungen, über die Bildung tierischer Gewohnheiten und
die Beziehungen des Tieres zur Außenwelt haben die Erklärung der Funktionen
aus Strukturen, ganz unabhängig von jeglicher Theorie, widerlegt.
Ein Vergleich der physikalischen Gestalt mit möglichen Prozessen im Nerven­
system ist wertvoll, sofern ein in Zeit und Raum verlaufendes Geschehen
beobachtet wird, das vielleicht mit dem funktionellen Geschehen und m it den
subjektiven Erlebnissen eng verknüpft ist. Es wird damit jedoch eine philo­
sophische Betrachtungsweise in Physiologie und Psychologie eingeführt, und zwar
der psycho-physische Parallelismus. So lehnt die Gestalttheorie auch jegliche
Form einer psycho-physischen Wechselwirkung ab. Sie verhält sich auch
ablehnend zum Vitalismus von D riesch, der die Regulations- und Ganzheits­
prozesse auf die „E ntelechie" zurückgeführt und diese Lehre durch die Ablehnung
einer maschinellen, strukturgebundenen Erklärung verteidigt hat.
Die große Beliebtheit, die sich che Gestalttheorie in der Psychologie
(und in der Biologie) erwarb, beruht namentlich auf dieser doppelten Ablehnung
sowohl der Maschinentheorie als auch des Vitaüsmus. Man empfand allgemein
38 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

das Bedürfnis nach einer solchen Ablehnung sowohl der maschinellen Betrachtung,
weil sie den Tatsachen nicht gerecht wurde als auch des Vitalismus, weil die
Einführung einer immateriellen Realität („Psychoide" (Hier „Entelechie") zu
keiner einzigen konkreten Erklärung führt.
Aber wir glauben auch, daß die Gestalttheorie nicht geeignet ist, Erklärungen
konkreter Lebenserscheinungen zu geben ! Sie vermag nur die Möglichkeit anzu­
deuten, wie man sich Ganzheits- (Gestalt-) Prozesse physikalisch im Nerven­
system vorstellen kann. Dabei spricht sie aber ebensosehr in Metaphern und
betreibt ebensosehr „H im m ythologie" wie die geschmähte Reflexlehre.
Man bedenke jedoch, daß diese Reflexlehre nie so naiv war, die Funktionen aus­
schließlich aus den statischen Verhältnissen, der Struktur, erklären zu wollen.
Immer werden dynamische Faktoren wie Wechselwirkung, Irradiation, Ver­
stärkung, Hemmung, Induktion, Rückwirkung aus der Peripherie, Erregbar­
keitswandel, Latenz oder Refraktär-Perioden vorausgesetzt, um Regulationen,
Adaptationen und komplizierte (gestaltete) Wirkungen zu erklären.
Diese Erklärungen waren zudem stets a posteriori gefunden, und es gelang
nicht, eine Wirkung auf Grund der Theorie vorherzusagen. Das ist jedoch in
gleicher Weise auch bei der Gestalttheorie der Fall.
Gegen die Gestalttheorie muß zudem der grundsätzliche Ein wand erhoben
werden, daß sie durch ihren parallelistischen Standpunkt einem vollständigen
Physikalismus verhaftet bleibt und daher den unreduzierbaren Wesensunter­
schied von Prozeß und Funktion verkennen muß. Sie lehnt auch die Einführung
des Subjektes in die Biologie ab und kann daher die Bewegung nie als Selbst­
bewegung verstehen. Sie anerkennt — ebensowenig wie die Reflexlehre — das
Urphänomen des organischen Seins, den jegliche Haltung und Bewegung
begründenden Bezug des Tieres zu seiner Umwelt, des Menschen zu seiner W elt,
Die Gestalttheorie des Nervensystems kann zwar zu einer Theorie der geform ­
ten Einheit von Individuum und Umwelt ausgebaut werden, aber sie verbleibt
bei einer unzulässigen Reduktion der funktionellen Selbstbewegungen auf
Prozesse.*1 Man kann das sinnerfüllte Geschehen nicht aus den Gesetzen der
physikalischen Gestalten, nicht aus den kausalen Bezügen der Naturerscheinungen
erklären.
Auch wenn man mit E. B ech er * die physikalischen Gestalten mit Recht als
„universal-kausal-kohärente System e" definiert, oder mit D riesch * von „G anz­
heits-Kausalität" spricht, so kann auch durch diese Begriffe der Sinngehalt der
Funktionen nicht erklärt werden, ebensowenig wie die Subjektbezogenheit der
vitalen Erscheinungen. Die obenerwähnte Bemerkung J anet * »L a perception

1 Das geht auch gerade wieder aus einer umfassenden Darstellung, die noch die weitere
Entwicklung der Gestalttheorie berücksichtigt, hervor: M etzgbk , W., Psychologie. Dann­
stadt, 1954, s. S. 278—301. Im Anschluß an K obhler wird einer Schicht: „Physikalische
Welt — physikalischer Organismus" eine andere: „Psychophysische Weltvorgänge — psycho­
physische Körper-Ich-Vorgänge'‘ gegenübergcstellt. „Ohne Sprung" werden diese ver­
schiedenen Ebenen zu einem lückenlosen Gesamtbild „mittels des Kunstgriffs der Einsetzung
des anschaulich Erlebten an die Stelle bestimmter zentral-physiologischer Prozesse" ver­
bunden.
1 B bchbr, E .: W . Köhlers physikalische Vorgänge, die der Gestaltwahraehmung zu­
grunde liegen. Z. Psychol. 87, S. 1 (1921),
• D r u sc h . H .: Philosophie des Organischen, S, 542 ff. Leipzig 1923.
Kann die Gestalttheorie die Bewegungslehre begründen ? 39

d’une forme est autre chose que celle d’un objet« hat denn auch einen tieferen
Sinn, als G uillaume und die anderen Gestaltpsychologen einzusehen vermögen.
Zu den Dingen, nicht aber zu den Gestalten, hat der Mensch (und das Tier) eine
funktionelle Beziehung. Die Dinge zwingen zum Reagieren, erwécken die Absicht
zum Handeln. A uf die Dinge hin ist die Aufgabe, die wir erfüllen wollen oder
müssen, ausgerichtet. Das Ding hat eine andere Bedeutung als die Gestalt, eine
Bedeutung, die vom Subjekt, seiner Vorgeschichte und seinem Ort in und mit
der W elt bestimmt wird. Daher die Bemerkung M ichottes : „Dieselben Reize“
— und wir fügen hihzu, auch dieselben Reizgestalten — „erwecken einen anderen
Eindruck, je nachdem man sich vornimmt, anders m it den Dingen zu handeln“ ,
und: «un facteur subjectif qui joue un rôle considérable également dans l’orga­
nisation intuitive est l’influence de la tâche1».
Noch auf andere Weise können wir zur Überzeugung kommen, daß die Gestalt-
Theorie den eigentlichen Charakter der Funktionen der Tiere und des Menschen
verkennt. Wenn wir über das wogende Meer blicken und dabei einer nahrung­
suchenden Möwe mit den Augen folgen, wie sie über das Wässer dahinfliegt, sich hier­
hin und dorthin wendet, so beobachten wir zwei Bewegungsformen. Die erste
— die des Meeres — stellt in der Projektion eine regelmäßige Wellenlinie
dar, die andere eine sehr unregelmäßige Kurve. Jene ist „reine Gestalt"
der Wellenbewegung und als solche sinnlos, die unregelmäßige Bewegung der
Möwe jedoch erfassen wir als sinnerfüllt. Aber dieses Erfassen vollzieht sich
nicht in einem Urteil, sondern im unmittelbaren Erschauen des Vogels in seiner
situativ bedingten Bewegung. Ebenso wie bei einer Melodie geht der wesent­
liche Gehalt einer funktionellen Bewegung über eine bloße Gestalt hinaus.
„Eine Melodie ist eine Gestalt auch für den Unmusikalischen. Der Musi­
kalische aber erfaßt außer der Gestalt noch etwas Wesentliches, was in der
Melodie selbst drin steckt, nämlich ihren „Sinn“ . So würde ein „unmenschlicher“
Physiologe das Verhalten der Tiere und des Menschen bestenfalls als gestaltmäßige
Abläufe erfassen und eventuell keinen Unterschied zu den physischen Gestalten
im Sinne K öhler * sehen. Und doch hat der Mensch außerdem die Fähigkeit, in
dem Verhalten der Lebewesen den Sinn, d. h. „das M otiv in der Gestalt wahr­
zunehmen"*. Dieses Auf-etwas-gerichtet-Sein, dieser Bedeutungsgehalt der
Funktionen ist als ihr sich unmittelbar zeigender Sinn erfahrbar, und zwar um so
evidenter, je mehr sie durch Selbstbewegung bedingt werden. Das Subjekt ist
der bestimmende Grund für die wirklichen Funktionen; und gerade dieses
Subjekt mit seinen Bedürfnissen, Absichten, Vorsätzen, Motiven, mit seiner
eigenen W elt und seinem eigenen Leibe, vermag die Gestalttheorie nicht zu
ergründen.
Ch . B ö h l e r 8 unterteilt deshalb als Kinderpsychologin die Lebenserscheinun-
gen in zwei Grundtypen: den „Reiz-Reaktionsprozeß“ und den „Aufgabebeset-
zungs- und ErfüllungsVorgang". Der erste wäre im Sinne der Gestalttheorie

1 Michotte, A .: V i l l e Congrès de Psychologie, S. 173. Groningen 1927.


* B ü y t e n d ijk , F. J. J., u . H. P l e s sn e r : Die Deutung des mimischen Ausdrucks.
Phil. Anz. 1, 86 (1925). Auch B. P eterm an n (Die Wertheimer-Koffka-Köhlersche Gestalt­
theorie und das Gestaltproblem,. S. 260 ff. Leipzig 1929) ist der Ansicht, daß die Gestalt­
theorie keineswegs das Problem des „Sinnes“ der Erscheinungen löst.
* B ü h l e s , Cm.: Zwei Grundtypen von Lebensprozessen. Z. PsyehoL 108, 222.
40 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

erklärbar, der zweite nicht. Diese Unterscheidung ist jedoch nicht scharf
genug. Einerseits nämlich stellt das Phänomen der Reiz-Reaktion mehr dar
als einen in einer objektiven Struktur bewirkten Prozeß, wie L e w i n 1 in einer
kritischen Abhandlung bemerkt; andererseits üben bei der Handlung auf Grund
eines Bedürfnisses auch die äußeren Dinge durch ihren „Aufforderungs-
Charakter“ eine Wirkung aus. L e w in , der den Wert der Gestalttheorie
sehr hoch einschätzt, ist der Meinung, daß sie nicht immer angemessen inter­
pretiert werde. Sie dürfe nicht so verstanden werden, als sei die Umwelt eines
Individuum als eine physikalische Gestalt zu definieren, sondern: die „Umwelt
ist . . . wesentlich psychologisch von dem betreffenden Individuum her zu defi­
nieren . . . korrelativ zu dem momentanen Zustand des betreffenden Individuums“ ,
Dies mag in der Tat für die Untersuchungen L e w i n » und seiner Mitarbeiter
gelten, aber es scheint uns, daß diese vom Subjekt her bestimmte Definition der
Situation eines Organismus der eigentlichen Absicht der Gestalttheorie nicht
gemäß sei. Ein Anhänger dieser Lehre könnte eine solche Definition höchstens als
„vorläufig" gelten lassen. Auch in der analytischen Physiologie, wo die Methodik
auf ein Verstehen des vitalen Geschehens im Sinne von Prozessen abzielt, spricht
man nur „vorläufig" von Schmerzreizen, von Fern-Sinnen oder von Hunger­
kontraktionen des Magens.
Das Grundprinzip der Gestaltthcoric zeigt sich deutlich, wenn L ewin das
Individuum als „ Gesamtperson mit ihrer bestimmten Aufbaustruktur" definiert
und dem hinzufügt: „Dabei verdient der Zustand jenes speziellen innerseelischen
Systems besondere Beachtung, das als Energiequelle des momentanen Geschehens
vorwiegend in Frage kommt.“ Der Gestalttheorie ist die Person allerdings nur
eine Struktur und daher eine Energiequelle, die Umwelt ein System von Feld­
kräften. Als ihr Objekt ist das Psychische ebensosehr wie das Physische eine in
Raum und Zeit gegebene Kräftegruppierung. Deshalb ist diese Theorie zwar nicht
mechanistisch im Sinne des {methodischen) Materialismus, aher ohne Zweifel ist
„ K öhijsrb Lebewesen in noch höherem Grade eine Maschine als das Gebilde
seiner Vorgänger“ (Ch . B uhler ).
Die Gestalttheorie deutet das lebendige Geschehen ausschließlich als eine
Sammlung von Prozessen und nicht als ein System von durch ein Subjekt
bestimmten und auf dieses bezogenen Funktionen. 13. P etermann kommt zu
einer ähnlichen Schlußfolgerung. Die Gfestalttheoric ist nach seiner Zusammen­
fassung2 eine „Abbildtheorie” , insofern als die neurophysischen und psycho­
physischen Gestaltprozesse angeblich unmittelbar von objektiven Bedingungen
abhängen. Sie hat den Charakter einer „Automaientheorie” , insofern als sich der
geordnete Zusammenhang in „blinder" Notwendigkeit vollzieht. Es stellt sich
immer eine von den Ausgangsbedingungen abhängige, kausal verlaufende W ir­
kung ein.
Die Gestalttheorie ist also" nicht fähig, die Bewegungen als die funktionellen
Beziehungen von Subjekt zu Situation wesensgemäß zu begreifen. Aber dennoch
ist sie als Theorie der im Nervensystem verlaufenden, die Bewegungen bedingenden
Prozesse ohne Zweifel wertvoller als die klassische RcHexlehrc.*

1 L ew in , K .: Zwei Grundtypen von Lebensprozessen. Z. Psychol. 113, 209 {\929\


* a.a.Q. S. 271.
Die Bewegungsgestalten 41

Die koordinierte Bewegung beruht auf einer zentralen Verteilung der Reizbar­
keit, die sicher als eine Einheit im Sinne einer Gestalt aufgefaßt werden muß.
Im großen und ganzen kann man vier nervöse Gebiete unterscheiden: das peri­
phere, das spinale, das subcorticale und das corticale Feld, die für das Zustande­
kommen jeder normalen Bewegung erforderlich sind. Was sich in diesen Gebieten
wirklich abspielt, ist unbekannt. Die Untersuchungen und theoretischen Betrach­
tungen der Gestaltpsychologen legen es jedoch nahe, die Prozesse in jedem dieser
Felder nicht summativ aufzufassen, da sie als Figuren auf einem Hintergrund
die den physikalischen Gestalten eigenen Merkmale aufweisen. Es wird sich noch
zeigen müssen, wieweit es möglich ist, diese Theorie zur Erklärung spezifischer
Erscheinungen, wie des Stehens, der Wiederherstellung des Gleichgewichtes, der
Lokomotion usw. anzuwenden.

6. Die Bewegungsgestalten
Abgesehen von den Prozessen im Nervensystem kann man die Bewegungen
selbst, wie sie sich uns darbieten, als dynamische Gestalten ansehen. Mit dieser
Betrachtungsweise stoßen wir auf das, was wir die zweite Bedeutung der Gestalt­
theorie für die Lehie der menschlichen Bewegung genannt haben. Sie führt zu
wissenschaftlichen Fragestellung, inwiefern die Gestaltgesetze für die Bewegungen
gelten.
In den nächsten Kapiteln wird sich uns diese Frage wiederholt bei den
speziellen Haltungen und Bewegungen stellen. Jetzt wollen wir sie nur im Hinblick
auf die allgemeine Grundlage einer Bewegungslehre besprechen. Die Frage nach
den Gestaltmerkmalen der motorischen Äußerungen ist dann der Fragestellung
homolog, die sich auch auf anderen Gebieten der Biologie, insbesondere in der
Morphologie und Systematik ergibt. Vor allem durch die Wiederbelebung der
schon von G o e t h e gemeinten „bildbedingten'1 Biologie wurde der Zusammen­
hang von Gestalttheorie und Morphologie erneut begründet.
W o l f u . T r o l l 1 beginnen denn auch ihre wichtige Abhandlung: „Goethes
morphologischer Auftrag; Versuch einer naturwissenschaftlichen Morphologie"
mit den Worten: „Morphologie treiben heißt die Tatsache, daß die Naturkörper,
die belebten sowohl wie die unbelebten, gestaltet sind, wissenschaftlich ernst
nehmen".
Eine Lehre von den Bewegungen ist erst dann möglich, wenn man eingesehen
hat, daß sie sich als geformte Einheiten im Sinne von Gestalten vollziehen und daher
ebenso wie alle lebendigen Formen auf ihre Gestaltmerkmale: Differenzierung,
Beziehung des Ganzen zum Teil, Form Verwandtschaft und Formgenese, unter­
sucht werden müssen. Außer einer Analyse der unsere Bewegungen bedingenden
Prozesse und ihrer Deutung als sinnvolle Beziehungen von Subjekt und Außen­
welt, als durch die Selbstbewegung realisierte Funktionen und Verhaltensweisen,
umfaßt die Bewegungslehre also auch eine „Morphologie der B e w e g u n g Ihr
Gegenstand ist der — wenn auch so flüchtig wie eine Melodie — geformte
Bewegungsvollzug, der sich unmittelbar der Anschauung darbietet und auf seine
Strukturmerkmale hin untersucht werden soll. Eine derartige Untersuchung ist
etwas grundsätzlich anderes als eine begrifflich-kausale Analyse.

1 W olf, K . L . , u . W . T r o l l : Die Gestalt (Abhandlungen zu einer allgemeinen Morpho­


logie), Heft I. Leipzig 1940.
42 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

Wenn wir neben der analytischen und funktionellen dann auch die tyfiologischc
Untersuchung in unsere Erforschung der menschlichen Bewegung einbeziehen, so
überschreiten wir dabei die historisch gewachsenen Grenzen sowohl der Physiologie
als auch der Psychologie. Aber wir tun dies unter der Führung des Objektes, auf
das unsere Untersuchung gerichtet ist, nämlich der Bewegung, die sich uns in ihrem
Vollzüge auch als dynamische Gestalt darbietet. Daher möchten wir noch folgenden
Satz des Physiko-Chemikers W olf und des Botanikers T roll in diesem Zusammen­
hang zitieren: „M an mag also die ursächliche Methode noch so hoch bewerten, sie
bedarf zu ihrer Ergänzung und Unterbauung der u f bildlichen Behandlungsart, wenn
anders die Biologie, statt sich einer einseitigen theoretischen Forderung zu ver­
schreiben, den Bück für die Totalität ihres Objektes offenzuhalten willens is t " l.
Aber die Morphologie der Bewegung ist nicht nur für eine Typologie der
menschlichen Bewegung im engeren Sinne grundlegend, sondern der typische
Gehalt sämtlicher Ausdrucksbewegungen und Handlungen ist überhaupt nur im
Erschauen der ungeteilten, geformten Bewegungseinheit erkennbar.
Dies zeigen besonders deutlich die Untersuchungen K lemm* und seiner Mit­
arbeiter über Bewegungen bei Sport und Arbeit, auf die wir bei der Besprechung
der einfachen menschlichen Leistungen noch mehrmals zurückkommen werden.
K l e m m * definiert eine Bewegungsgestalt als „ein leibliches Tun, dessen Impulse
ein gegliedertes Ganzes mit übergreifenden Eigenschaften büden". Schon diese
Bestimmung zeigt, daß sämtliche Handlungen als Gestalten betrachtet werden
müssen. Ohne Zweifel gibt es viele, deren „Gliederung" unausgeprägt, deren
Form einfach ist und bei denen „übergreifende" Merkmale nahezu fehlen. Es
sind dies jedoch die Grenzfälle und nicht die Grundelemente vollwertiger
Bewegungen, deren Genese ein eigenes Problem darstellt.
Die Bewegungsgestalt kann in ihrem Verlauf objektiv beobachtet werden,
aber erst im Erleben des Vollzuges selbst gewahrt man den Strom der Impulse,
die dynamischen Akzente, die Gliederung in Haupt- und Nebensächliches, den
wesentlichen Sinn- und Ausdrucksgehalt, Der Ausdruck wird denn auch von der
dynamischen Bewegungsgestalt bestimmt. K l im m hat weiterhin aufgezeigt, daß
die Bewegung im Ganzen ihres Vollzuges — etwa beim W urf — genauer bestimmt
ist als in ihren Teilmomenten.
Die verschiedenen obenerwähnten, auf Grund der Erforschung optischer
(und akustischer) Wahrnehmung aufgestellten Gestaltgesetze gelten auch für die
Bewegungsgestalten. Es gibt bei den Bewegungen nicht nur einen Primat des
Ganzen, was wir bezüglich ihrer Genese noch näher erörtern werden, sondern es
kann in der Motorik auch eine gegenseitige Bestimmung des Ganzen und der Teile
aufgezeigt, werden. Bei jedem Sprung und W urf und erst recht bei mehr
differenzierteren Bewegungen wie Schreiben oder Sprechen, heben sich dominie­
rende Faktoren ab. Man kann die Bewegungen nach der Gediegenheit ihrer
Organisation abstufen. Auch die „Tendenz" zur Annahme prononcierter Formen
läßt sich bei ihnen feststellen. „A uch bei den Bewegungsgestalten gibt e i Grade
der Ausgeprägtheit und Unterschiede in der Gestalthöhe*",

1 a. a. 6. S. 19.
1 K lemm, 0 .: Zwölf'Leitsätze zd einer Psychologie der Leibesübungen, Neu® Psychol
Studien, Bd. IX, Heft 4, S.389 (1938).
* a.a.O. S. 393.
Bewegungsraum und Bewegungszeit in physischer und psychischer Hinsicht 43

Namentlich beim Erlernen von Bewegungen offenbart sich eine Tendenz zu


geschlossenen, einfachen, prononcierten Formen. Die vorzüglichen Unter­
suchungen aus dem Laboratorium M ic h o t t i » thematisieren die »morphologie
des mouvements humains« und erstreben eine »théorie générale de l'évolution
morphologique des réactions«.
Man hat dazu die Abwandlungen von Bewegungen unter veränderten Umstän­
den festgestellt und die dabei wirksamen verschiedenartigen Tendenzen aufgezeigt.
So hat etwa G. d e M o n t p e l l ie r 1 die morphologischen Veränderungen schneller
Bewegungen untersucht und u. a. gezeigt, daß bei ihnen eine zunehmende Ver­
einfachung und Abrundung stattfindet, wobei das Prinzip der geringsten Anstren­
gung die Bewegungsgestalt reguliert. Außerdem verbinden sich die sukzessiven
Teilmomente der Bewegung bei größerer Geschwindigkeit inniger zu einer Einheit.
»Les innervations successives correspondants aux divers tronçons tendraient à se
fusionner en une innervation globale, commandant un mouvement de va-et-vient
continu, et c’est à cela que se résoudrait, en dernier analyse, la tendance à **la
sim plification'« a.
Die Experimente der Schüler M ichotteb sind von großer Bedeutung für
verschiedene praktische psychotechnische Probleme. Für die Theorie der
Bewegungen haben sie die Geltung der Gestaltgesetze in bezug auf die mecha­
nischen Grundlagen der Bewegung und die alle Leistungen beherrschenden
Prinzipien gezeigt. Außerdem wird das Problem der rhythmischen Bewegungen
und ihrer Genese verm ittelst der Gestalttheorie im Zusammenhang mit den
diese Bewegungen ermöglichenden Ganzheitsprozessen im Nervensystem geklärt.

IV . Bewegungsraum und Bewegungszeit


1. Raum und Zeit in physischer und psychischer Hinsicht
Zum ^Verständnis unserer Bewegungen als Selbst-Bewegungen, als Verwirk­
lichung eines Sich-bewegen-Könnens, ist eine Besinnung auf den Vollzugs-Raum
und die Vollzugs-Zeit dieser Bewegungen erforderlich. W ir wollen diesen
Bewegungsraum und diese Bewegungszeit in ihrem Unterschied zum dreidimen­
sionalen Raum und zur kontinuierlichen eindimensionalen Zeit, in deren Rahmen
alle physikalisch objektiven Erscheinungen stattfinden sollen, erforschen. Be­
wegung ist in physikalischer Hinsicht ja nichts anderes als eine in einem
Koordinatensystem mathematisch bestimmbare Ortsveränderung in einer mit
der Uhr meßbaren Zeit.
Dieser physikalische Raum- und Zeitbegriff vermag uns keine Einsicht in die
funktionellen Beziehungen des Subjektes zu seiner Umwelt zu vermitteln. Die
notwendige Aufhebung dieser Begriffe fällt schwer, weil die Neigung, unsere
unmittelbaren vitalen Beziehungen zu durchbrechen und uns Raum und Zeit in
physikalischem Sinne vorzustellen, in unserem Denken über die Natur bereitliegt.
Die wissenschaftliche Tradition gar, in ihrem Bestreben verführt, alles Geschehen
als einen Prozeß anzusehen, neigt nur zu leicljt dazu, auch die Kategorie der
Selbstbewegung aus einer verborgenen „K ra ft", einer noch nicht entdeckten
„M echanik", also in physikalischem Sinne zu erklären.
1 M o n tpellier , G. de: Les altérations morphologiques des mouvements rapides.-
Louvain 1935.
* a. a. O. S. 243.
44 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

AbeT auch der psychologische (sog. subjektive) Zeit- und Raumbegriff kann
uns zum Begreifen der vitalen Bewegung nur indirekt dienlich sein. Mit „sub­
jektiv“ meint man ja in der Psychologie die mehr oder weniger bewußte Erkhm s-
weise der Eindrücke und Handlungen beim Menschen (und beim Tier). Derselbe
„objektive" Raum kann in ganz verschiedenen Weisen erlebt werden, wie es ein
jeder erfährt, der etwa eine Landschaft von einem Gebirge aus betrachtet, einen
Dom besichtigt oder nach längerer Abwesenheit in die Heimat zurückkehrt.
Bezüglich der Zeit aber erfahren wir die Dauer einer Minute oder eines Tages als
länger oder kürzer, je nach der Intensität des sich in diesem Zeitraum ereig­
nenden seelischen Erlebnisgehaltes. Diese Arten des Erlebens sind als Bewußt­
seinsinhalte Gegenstand der Psychologie.

2. Der Begriff des vitalen Raumes


Zur Erforschung des vitalen Raumes, in dem das Subjekt sich bewegt, ist eine
primäre Erfassung des menschlichen und tierischen Lebens in seinem Bezug 2ur
Umwelt und zum eigenen Dasein erforderlich. Es muß dann als ein Irgendwo-Leben
und auch als ein Irgendwozu-Leben und Mitleben angesehen werden. W ir wählen
also einen ganz anderen Ausgangspunkt als die Physik oder die Psychologie, indem
wir vom Sein, der Existenz in ihrer vollen Konkretion ausgehen. Aber diese
Wahl ist notwendig, weil das menschliche und das tierische Leben dieses In-der-
Welt-sein als unreduzierbare Grundeigenschaft offenbart. Ohne Berücksichtigung
dipser Grundstruktur vermögen wir eine Funktion, eine Verhaltensweise, eine
Selbstbewegung und eben deren Vollzugsraum überhaupt nicht zu begreifen.
Mensch und Tier sind in der W elt, die sich um sie herum ausdehnt, und wenn
wir diesen Seienden Räumlichkeit zuschreiben, so muß — wie H e i d e g g e r sagt1 —
dieses „Sein im Raume“ offenbar aus der Seinsart dieses Seienden begriffen
werden“ .
Die animalischen Lebensfunktionen (im Unterschied zu den intraorganischen,
sog. vegetativen Funktionen) vollziehen sich in einem Medium (dem vitalen Raum ),
das nicht an sich gegeben ist, sondern durch Empfindungen und Bewegungen
erst gestaltet und umgestaltet wird und umgekehrt wieder eine Rückwirkung
auf diese Funktionen ausübt.
Auch der Mensch bewegt sich in einem vitalen Raum. Insofern als er m it „L eib
und Seele" bei den Sachen ist und sich nicht reflektierend von ihnen distanziert,
empfindet und behandelt er alles auf „animierte“ Weise. Es fehlt ihm dann zwar
— wie wir noch sehen werden — nie das spezifisch Menschliche, aber diese
Lebensweise als Selbst-Bewegung und als Selbst-bewegt-Werden ist doch keine
Äußerung des Geistes, sondern sie ist unmittelbar beseelt, wie beim Tier. In
diesem Sinne bezeichnen wir Gehen und Springen. Ergreifen und Abwehren, ebenso
wie Sehen und Aufblicken, Hören und Lauschen als animalische Funktionen auch
dann, wenn der Mensch sie vollzieht.
Der animalische Raum von Mensch und Tier ist ein Umgangsraum, ein Feld
für Wahmehmen und Handeln. Als erster hat von U e x k ÜLL auf den Unterschied
zwischen diesem Umgangsraum und dem physikalischen Raum hingewiesen*.
1 Heidegger, M.: Sein und Zeit, S. 104. Halle 1927.
* llBXKÜLLr, J. VON: Umwelt and Innenwelt der Tiere. Berlin 1009. — Theoretische
Biologie. Berlin 1920.
Der Unterschied gegenüber dem Raumbegriff K an ts 45

Er schuf den glücklich gewählten Begriff „Um welt“ und bezeichnete damit den
Teil der Umgebung, mit dem das Tier oder der Mensch durch seine Sinnes- oder
„M erk'-O rgane und seine motorischen oder „W irk“ -Organe in Wechselwirkung
steht. Die „Um welt“ besteht also aus einer „M erkwelt" und einer „W irkw elt".
Diese Begriffe wurden für die Biologie sehr fruchtbar, indem sie zur Erforschung
der spezifischen Umwelt einer jeden Tierart führten.
Aber in ihrem theoretischen Gehalt zeigen sich diese Vorstellungen dem
physikalischen W eltbild entnommen. Ihr Ausgangspunkt ist ja das Tier als
isoliertes Objekt m it einem bestimmten anatomischen Aufbau seines Nerven­
systems, seiner Sinnesorgane und Glieder. Auf diese soll die physikalisch gedachte
Außenwelt durch eine Anzahl von Reizen einwirken, die im Nervensystem zur
„Synthese“ kommen und so (das „W ie“ wird nicht definiert und kann auch nicht
gedacht werden) die Merkmale der Außenwelt darstellen. Organismus und Außen­
welt sind magisch aufeinander abgestimmte Dinge, die durch ihre Strukturen auf­
einander einwirken können. Diese Betrachtungsweise enthüllt sicher einen Aspekt
der Erscheinungen, doch sie vermag den eigentlichen funktionellen Bezug nicht
zu erfassen.
W ir wollen demgegenüber unter dem vitalen Raum (Umwelt) nicht einen
Ausschnitt des physikalischen Raumes im Sinne einer Merk- und Wirkwelt ver­
stehen, sondern wir betrachten ihn ausschließlich als die Bedingung jeglicher
Wahrnehmung und Handlung in vitaler Hinsicht. Er ist also die apriorische
Bedingung für die Möglichkeit der Wahrnehmung und der Bewegung des Subjektes,,
die Bedingung seiner sämtlichen möglichen Funktionen. Diese Auffassung
erfordert eine nähere Erläuterung.

3. Der Unterschied gegenüber dem Raumbegriff K ant*


Eine solche Erläuterung kann zunächst einmal im Hinblick auf und in A b­
hebung von der Philosophie K a n t * gegeben werden. Nach seiner Lehre ist die
dreidimensionale euklidische Raumvorstellung die Anschauungsform, in der adle
möglichen wahrnehmbaren Gegenstände erscheinen. K a n t hat m it seiner Theorie
von der Apriorität der Anschauungsformen (Raum und Zeit) nicht gemeint, daß
unsere sinnliche Erfahrung von subjektiven Faktoren abhängig sei. Seine Lehre
bezieht sich nicht auf die „questio facti", die Abhängigkeit von unseren Sinnes­
organen und vom Nervensystem, sondern auf die „questio ju ris", die Bedingungen
einer jeden möglichen, nicht einer wirklichen Erfahrung1.
Nach der Lehre K a n t * muß ich, um etwas außer mir wahmehmen zu können,
bereits eine gewisse Raumvorstellung besitzen. Diese wird also nicht im unmittel­
baren Affiziertwerden durch einen Eindruck gegeben, sondern sie liegt jedem
Eindruck als die Bedingung ihrer Möglichkeit bereits zugrunde. Um diesen „rein
angeschauten Raum“ eigens in den Blick zu bekommen, ist eine sehr bestimmte,
reflexive Einstellung erforderlich, die einer vitalen Gleichgültigkeit gegenüber dem
Gegebenen entspringt. Er besteht also nur für das erkennende Subjekt als eine
notwendige Bedingung der Wirklichkeitserkenntnis. K a n t * Raumvorstellung
ist also die Möglichkeit der Ordnung der objektiv wahrnehmbaren Dinge im Sinne

1 Von Uexk Üll meint fälschlich,- seinen „U m welt''-Begriff vom Raum-Begriff K ants
ableiten zu können. Vgl. für eine Kritik hierauf die Arbeit des V e r l: Das Umweltproblem.
Schweiz, Rundschau 1946,
46 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

der Physik, wodurch ihr geometrischer Ort bestimmt werden kann. Dieser Ort
steht zunächst jedoch keineswegs in Beziehung zum Beobachter als lebendigem und
erlebendem Wesen. Die Ordnung vollzieht sich mit innerer Notwendigkeit ; nicht
in einem abgehobenen Aktus, nicht in einem begrifflichen, bewußten Urteil,
sondern indem wir sehen, hören und tasten, bemerken wir die Räumlichkeit der
Dinge. Diese Räumlichkeit selbst ist jedoch nicht ein Merkmal des Wahrge­
nommenen, das ebenso wie andere Merkmale, etwa Größe oder Farbe, auch fehlen
könnte. Der reine Anschauungsraum entspricht also nicht der Erfahrung, denn er
könnte dann, da Erfahrungen ja nie notwendig sind, auch fehlen. Bei einer reinen
Haltung anschauenden Denkens ergibt sich denn auch eine „intuitive" (nicht eine
logische) Notwendigkeit zur Annahme der Axiome der Euklidischen Geometrie.
W ie B ecker 1 ausgeführt hat, kann es denn auch für denVerstand, oder besser,
für den denkenden, reflektiv eingestellten Menschen keinen anderen Raum geben,
als den dreidimensionalen euklidischen. Die Ansicht der kritischen Empiristen wie
etwa R eichenbach », wonach auch dem euklidischen Anschauungsraum nur ein
durch die menschliche Organisation bedingter, also zufälliger Vorzug vor den in der
theoretischen Physik entwickelten nicht-euklidischen Räumen zukomme, muß
daher abgelehnt werden. B ecker zeigt, daß nur der euklidische Raum der reine
Anschauungsraum sein kann.
Ohne Zweifel können wir uns durch eine andere Lebensweise an ein anderes
RaumWW gewöhnen. So gewöhnt sich etwa der Motorradfahrer an das verzerrte
Bild, das er in dem konvexen Spiegel an seinem Steuer sieht und wonach er sein
Verhalten regelt. Aber der Verstand erfaßt, trotz des Scheines der verzerrten
Wahrnehmung, doch die in einem solchen gekrümmten Raum sich zeigenden
Verhältnisse als optische Täuschungen. Ebenso entsteht nie ein Zweifel an der
Gültigkeit der euklidischen-geometrischen These, daß parallele Linien sich einander
nie kreuzen, obwohl die perspektivische Wahrnehmung, etwa der Bahnschienen,
uns eines anderen zu belehren scheinta.
Schon aus dieser Erörterung geht hervor, daß der von K a n t gemeinte reine
Anschauungsraum von einer ganz anderen Ordnung ist als die uns umringende
räumliche W elt mit ihren perspektivischen und optischen Täuschungen. Eben
diese W elt jedoch nennen wir den Umgangsrüum. Ihn gibt es nur für den leben­
digen Menschen mit seinen vitalen, animalischen Funktionen. Er ist auf unsere
Organisation als Sich-bewegen-könnender-Leib und auf unsere Wahrnehmungen
und Selbstbewegungen als Funktionen bezogen, nicht auf eine verstandesmäßige
Einstellung. Daraus ergibt sich die Existenz mehrerer Umgangsräume. Es muß
aber nun begriffen werden, daß diese Umgangsräume — obgleich in der Erfahrung
entwickelt — dennoch apriorische Formen unserer vitalen Wahrnehmung und
Bewegung darstellen.
W ir wollen dies am Beispiel der Reehts-links-Unterseheidung und der sog.
Größenkonstanz erläutern:.

4. Rechter und linker Bewegungsraum


Die Umgangsräume haben trotz ihrer Verschiedenheit einige gemeinsame
Merkmale. So unterscheiden wir im Raume, in den wir eingeordnet sind, in dem *
1 B ecker : Die apriorische Struktur des Ansehauunpraumes. Phil. Am. 4, S, 129 (1990).
* W eizsäcker , V. von : Wahrheit und Wahrnehmung. Leipzig 1942.
Vitaler Raum und Größenkonstanz 47

sich unsere alltäglichen Bewegungen vollziehen, immer oben und unten, vorne und
hinten, rechts und links. W ir bezeichnen damit Richtungen in bezug auf
unsere eigene Person, die jedoch durch unsere Bewegungsmöglichkeüen auf Grund
unserer Organisation bestimmt sind. Der Mensch hat für rechts und links nicht
nur ein Gefühl im Sinne eines intuitiven Wissens, sondern er hat dieses Gefühl
auf Grund seiner polaren Ausrichtung mit einer vorwärts gewandten „H aupt
Richtung. Die W elt seiner Existenz kann durch eine durch die Hauptrichtung
gehende und senkrecht auf der Erde stehende Fläche in zwei gleichwertige Hälften
geteilt werden. , Eine jede dieser Hälften ist Tast- und Greiffeld einer Hand, ist
Feld einer Gruppe von Blickpunkten, auf welche die Augen sich richten können,
wenn sie von der Hauptrichtung abweichen. Der Mensch hat die rechte und linke
Hälfte seiner W elt nicht auf Grund von Erfahrung mit gewonnenen Eindrücken
und vollzogenen Bewegungen, sondern der Bezug von rechts und links ermöglicht
erst das funktionelle Verhältnis zur Umgebung und liegt so allen unseren vitalen
Erfahrungen und Bewegungen a priori zugrunde.
K ant hat diesen Sachverhalt bereits einigermaßen verstanden. „D as bloße
Gefühl eines Unterschiedes meiner zwei Seiten" genügt einer Orientierung nicht.
Jegliche Orientierung erfordert ein „subjektives Prinzip", d. h, ein Apriori; „Das
Apriori der Ausgerichtetheit auf rechts und links gründet jedoch im „subjektiven"
Apriori des In-der-W elt-Seins, das mit einer vorgängig auf ein weltloses Subjekt
beschränkten Bestimmtheit nichts zu tun h at", sagt H eidegger 1. Das hier
Gemeinte ist sehr einfach. W enn wir von der rechten und linken Seite eines fahren­
den Schiffes sprechen, so ist das nur verständlich, weil wir uns selbst formal als
das sich bewegende Schiff vorstellen können. Ein Schiff jedoch hat nicht zwei
Seiten in der Weise eines auf sie eigens bezogenen Subjekts. Ein Ding existiert ja
nicht als ein Selbst und kann daher auch nichts haben. Der Mensch (und auch das
Tier) hat ein gewisses Selbst-Sein in der W elt, und nur soweit das individuelle
Leben als ein Selbst-Sein begriffen wird, kann man sagen, daß es ausgerichtet,
orientiert ist. Das wird nur ermöglicht durch das apriorische Schema eines vitalen
Raumes.
Zur schematischen Struktur des Raumes gehört der Rechts-Links-Gegensatz,
der das Ausgerichtetsein von Auge und Olm, K opf, Hand und Fuß bedingt. Der
Bewegungsraum ist also vor aller Bewegung schematisch im Gegensatz von rechts
und links gegeben, und zwar nicht als Bewußtseinsinhalt, sondern als Existenz­
grund, als Bedingung des Sich-bewegen-Könnens.
5. Vitaler Raum und Größenkonstanz
W eiterhin können wir den apriorischen Charakter des vitalen Raumschemas
anhand der sog. Größenkonstanz erläutern.
Wenn wir zwei gleich große, doch in verschiedener Distanz von uns befindliche
Gegenstände betrachten, so wird der weiter entfernte das kleinere Bild auf
unserer Netzhaut entwerfen. Da eine Dimension bei größerem Bild auch größer
gesehen wird, wird auch der nähergelegene Gegenstand uns größer erscheinen
müssen. Dies k t in der Tat oft der Fall, etwa wenn wir in eine Baumallee
hinein oder an einer Häuserreihe entlangschauen. Die einfachste Erfahrung
zeigt jedoch, daß heim Umhersehen im alltäglichen Umgangsraum die Größe der
1 a.a.O, S. HO.
48 Prinzipien einer funktionellen Bewegungsichre

Dinge keineswegs abhängig von ihrer Entfernung ist. Betrachten wir etwa den
Finger unseres ausgestreckten Armes, den wir unseren Augen dann bis auf 20 am
nähern, so müßte die Fingerspitze auf Grund dey Größenzunahme des Netzhaut-
bildes um das Dreifache an Größe zunehmen. Im wirklichen Sehen jedoch bleibt
die Größe des Fingers konstant. So müßte auch eigentlich eine durch die Zimmer­
tür auf uns zukommende Person der Größenzunahme gemäß, wie eine Lawine
anschwellen, wie wir es in diesem Falle indirekt auf dem Mattglas eines Photo­
apparates beobachten können. Die direkte Wahrnehmung jedoch folgt der
Größenkonstanz. Trotz der wechselnden Größe des Netzhautbildes behauptet sich
also unter vitalen Umständen eine unveränderlich wahrgenommene Dimension
der Dinge.
Diese Größenkonstanz wird jedoch nur so lange beibehalten, als der normale
vitale funktionelle Bezug zur Umwelt gewahrt bleibt. Er kann in zweifacher Weise
unterbrochen werden: durch eine reflexive Einstellung und durch abnorme Lebens­
umstände. Zerstören wir die vitale Beziehung zu unserer Umgebung, inderh wir
etwa unser Augenmerk ausschließlich auf die Dimension eines sich nähernden
Dinges im Vergleich zu einem Maßstab richten, so stellt sich keine Größen­
konstanz mehr ein. Sie verschwindet auch bei einer künstlichen Verkleinerung
und Homogenisierung des Gesichtsfeldes sowie bei manchen psychasthenischen
Zuständen, bei denen der normale Bezug zur Außenwelt gestört ist. Bei starker
Ermüdung ergibt sich beim normalen Menschen etwas Analoges, Es kann
sich dann z. B. eine „Mikropsie“ einstellen; Gegenstände und vor allem
Personen können dann plötzlich kleiner erscheinen. Allgemein bekannt ist
dieses Phänomen für die Hörer einer Vorlesung, eines Kollegs oder einer Predigt,
wobei der Redner auf einmal sich weit zu entfernen scheint und seine Größe
abnimmt.
Man hat das Phänomen der Größenkonstanz unter mancherlei Umständen
erforscht und hat es auch bei Tieren aufzeigen können. Letzteres widerlegt die
Annahme, daß eine visuell sich einstellende Größenzunahme durch ein Verstandes­
urteil korrigiert werde. Der Verstand hat mit der unveränderlichen Größe der
gesehenen Dinge nichts zu tun. Es kostet viel Mühe und erfordert einen gewissen
Bildungsgrad, um verstehen zu können, daß wir „eigentlich" die Dinge anders
sehen als wir sie undurchdacht zu sehen meinen. Die Erklärung der Lehre von der
Perspektive verursacht dem Zeichenlehrer denn auch die größte Mühe und dem
Kind und dem ungeübten Erwachsenen fällt es schwer, einen vor uns stehenden
Tisch oder eine auf uns zugehende Person zu zeichnen. Das ist die Folge der
Tatsache, daß wir alles anders sehen, als es auf dem Mattglas einer Kamera er­
scheinen würde. Das Auge ist zwar auch eine Kamera, doch die Organisation des
vitalen Raumes ist schwerlich m it dem Netzhautbild in Übereinstimmung zu
bringen. Beim Zeichnen besteht denn auch die Aufgabe nicht in einer Wiedergabe
dessen, was wir um uns herum sehen, sondern in einem Zeichenentwurf, allenfalls
einer Konstruktion, die dem Betrachter den Eindruck vermittelt, als ob er selbst
um sich herumschaue. W ir sehen in unserem Umgangsraum die „w irkliche" Größe
der Dinge, wir müssen jedoch die „scheinbare" Größe zeichnen. Ebenso sehen wir
innerhalb weiter Grenzen die „w irkliche" Form, etwa das Rundsein eines Tellers,
auch dann, wenn er schräg vor uns steht. Das Zeichnen belehrt uns über die
Schwierigkeit, das Sehen der scheinbaren Form zu erlernen.
Naher und ferner Raum 49

Die Phänomene der unveränderlichen Größe bei Veränderung der Entfernung


und der F o r m k o n s ta n z bei Abwandlung des Gesichtswinkels sind ausgezeichnete
Beispiele zur Demonstration des vitalen Raumes.
Die Tatsache, daß wir in einer Weise zu sehen vermögen, die weder aus dem
Aufbau des Sehorgans, noch aus der Struktur des Nervensystems erklärt werden
kann, erfordert die Annahme eines unser Wahmehmen bestimmenden funktio­
nellen Apriori. Dieses beherrscht jedoch nicht nur das Wahmehmen, sondern auch
das Sich-Bewegen. W ir passen unsere Bewegungen ja den Umständen an; wir
ergreifen ja die Gegenstände innerhalb unserer Reichweite und begeben uns zu
Orten unserer nahen Umgebung unter Führung der direkten Wahrnehmung oder
ihres Erinnerungsbildes. Wenn wir, nachdem wir uns umgesehen, mit geschlosse­
nen Augen nach einer Streichholzschachtel greifen, die einmal nahe vor uns auf
dem Tisch liegt, ein anderes Mal sich in euier Entfernung befindet, die das Aus­
strecken des Armes und das Vomüberbeugen des Rumpfes erforderlich macht, so
beziehen sich unsere Bewegungen in beiden Fallen auf die wirkliche Größe der
Schachtel und nicht auf die wechselnde Größe unseres Netzhautbildes. Unser
Bewegungsraum entspricht also unserem optischen Umgangsraum und ist die
Bedingung für die Richtigkeit unserer Bewegungen.

6. Naher und feiner Raum


Der physikalische Raum ist kontinuierlich und homogen, der vitale Raum ist
begrenzt und diskontinuierlich. Dies zeigt sich an folgendem. Es gibt um uns
herum ein begrenztes Gebiet, innerhalb dessen wir Distanz und Größen­
änderungen unabhängig voneinander, nach ihrem „absoluten“ (oder wirklichen)
W ert also, sehen und unsere Bewegungen danach ausrichten, Veränderung der Ent­
fernung geht innerhalb dieses Gebietes nicht m it Größenänderung einher. Außerhalb
gibt es jedoch bis zum Landschafts-Horizont einen ausgedehnten Raum, in dem ein
Herannahen zwar wahrgenommen werden kann, aber immer mit einer Größen­
änderung einhergeht. Die diesen Raum begrenzende Fläche hat von U e x k ü l l die
„fernste E bene" genannt; sie liegt für den Menschen in einer Entfernung von etwa
8 km. Wenn außerhalb dieser Distanz etwas auf uns zukommt, so bemerken wir
nur eine Größenänderung eines in der „fernsten Ebene“ scheinbar unbeweglichen
Gegenstandes. Gesetzt etwa, der Mond näherte sich der Erde bis auf die Hälfte
seiner Entfernung, so sähen wir nur, wie sich seine Größe verdoppelte, aber
kein Herannahen. Alles was sich jenseits dieser fernsten Ebene befindet,
scheint in dieser Fläche zu stehen. Anders gesagt: für die menschliche
Wahrnehmung gibt es keinen Raum außerhalb der fernsten Ebene, sondern nur
für den Verstand.
W eiter existiert von der fernsten Ebene bis zur Ebene der Nähe wohl ein Raum
für das Auge, aber nicht für die Bewegung, Alles darin Befindliche ist „fern“ , der
direkten Bewegung unerreichbar. Änderungen der Entfernung nehmen wir als
solche wahr, aber sie gehen immer mit einer Größenänderung einher. W ir können
uns mit diesem Raum zwar beschäftigen, aber nur indirekt, hauptsächlich auf
Grund der Erfahrung.
Um uns hemm breitet sich der Raum der Nähe aus, der zugleich der B e­
wegungsraum ist. In ihm herrscht Größen- und Formkonstanz. Es ist der Raum,
in dem sich die Dinge als solche darstellen, nicht im Sinne eines „Dinges an sich“
Buyteiuülk, Haltung und Bewegung 4
50 Prinzipien einer funktionelle« Bewegungslehre

der Erkenntnislehre, sondern in ihrer „Dinghaftigkeit” als ein „Dies” und ein
„Jenes” mit ihren beständigen, auf das Subjekt bezogenen Eigenschaften,
Im fernen Raum sind wir orientiert durch Blickrichtungen, durch den Horizont**
durch parallaktische, auf Erfahrung gegründete Distanzwahmehmung und durch
die relative Größe der uns aus Erfahrung bekannten Gegenstände. Im nahen Raum,
sind wir orientiert durch die Struktur der Situation, durch die Abhängigkeit von
unserem Standpunkt und durch die Eigenschaften der Dinge, die ihren Bestimmungs­
grund in unseren Bewegungen haben, wie etwa ihre Größe und ihre Form.
Die fernste Ebene, die unseren Wahmehmungsraum begrenzt, scheint eine
weitgehend beständige Lage zu haben und sich uns nur unter krankhaften Um­
ständen zu nähern. U e x k ü ll erzählt: „Als ich nach einem schweren Typhus den
ersten Gang ins Freie machte, hing die fernste Ebene wie eine bunte Tapete in
etwa 20 m Entfernung vor mir herab, auf der alle sichtbaren Dinge abgebildet I
waren.” Außerhalb von 20 m — so fährt er fort — gab es keine Dinge, die ferne {
oder nahe waren, sondern nur größere oder kleinere Gestalten. Sogar die Wagen, j
die an mir vorüberfuhren, wurden, nachdem sie die fernste Ebene passiert hatten, I
nur kleiner, scheinbar ohne sich weiter zu entfernen.1 Diese Mitteilung steht noch !
ganz allein, aber sie legt bereits die Vermutung nahe, daß der vitale Raum des '
Menschen sich in seiner Größe aus mancherlei Gründen verändern kann, Viel­
leicht ist diese auch vom Alter und vom Ermüdungsgrad abhängig.
Der Umfang des Raumes, innerhalb dessen Größenkonstanz herrscht, ist in
viel höherem Maße dem Wechsel unterworfen. Dies lehrt bereits die alltägliche
Erfahrung. Experimentelle Daten fehlen jedoch noch ganz. Jedenfalls kann man
sagen, daß die Genauigkeit der menschlichen Bewegung durch die Beständigkeit
des nahen optischen Raumes gesichert ist. Verwandelt man diesen, etwa vermittels
einer binokularen Lupe wie beim Präparieren kleiner Tiere, so müssen die Be­
wegungen sich nicht nur dem veränderten Bilde anpassen, sondern cs verändern
sich auch die durch die Bewegungen auftretenden Widerstände. V on B rücke
bemerkte, daß beim Schneiden unterm Mikroskop ziemlich hartes Holz den Ein­
druck von Kork oder Wachs macht,

7. Die Struktur des Bewegungsraumes


Die Eigenschaften des vitalen Raumes regulieren unsere Bewegungen und
Empfindungen, welche wiederum die Struktur des Raumes konstituieren*.
Straus 8 hat dies in seiner Abhandlung über „D ie Formen des Räumlichen”
treffend gezeigt. Wir wollen hier kurz auf einige Gesichtspunkte eingehen, welche
die Bedeutung seines Begriffes Bewegungsraum erläutern.
1 U e xk ü ll , J. v ., u . G. K riszat : Streifzüge durch die Umwelt von Tieren und Menschen
S. 26. Berlin 1934.
* Ein gutes Beispiel gibt M. M e r le a u -P on ty (La structure du Comportement. S. 228.
Paris. 1943). Ein Fußballfeld ist dem Spieler nicht als Objekt gegeben, »II est parcouru
par des lignes de force (»lignes de touche«, celles qui limitent la »surface de réparation«),
articulé en secteurs (par exemple les »trous« entre les adversaires) qui appellent un certain
mode d ’action, la déclanchent et la portent comme à l’insu du joueur. Le terrain ne lui est pas
donné, mais présent comme le terme immanent de ses intentions pratiques; le joueur fait
corps avec lui et sent par exemple la direction du »but« aussi immédiatement que la verticale
et l'horizontale de son propre corps.«
* Straus, E .: Die Formen des Räumlichen. Ihre Bedeutung für die Motorik und die
Wahrnehmung. Nervenarzt 3, 635 (1930).
Die Struktur des Bewegungsraumes 51

SiRAUS hat beobachtet, daß unter den konstituierenden Momenten des


vitalen Raumes der Schall eine besondere Rolle spielt. Vollkommene Stille,
musikalische Laute, eine Melodie oder ein Geräusch haben dabei je eine eigene
Funktion. Wir hören dag Geräusch von einem bestimmten Ort, aus einer bestimm­
ten Richtung kommend und die Empfindung induziert optische Vorstellungen
über räumliche Zusammenhänge. Ein überstarkes Geräusch, etwa in einer Stadt
oder in einem menschengefüllten Saal, kann uns jedoch auch ganz einhüllen. Aber
besonders die Musik füllt den Raum und gibt ihm eine „pathische“ Wirkung. In
einem Film ohne musikalische Begleitung scheinen die Bilder in einem anderen
Medium, in ungewohnter Feme zu stehen und sind leblos wie Marionetten. Es fehlt
die lebendige Fühlungnahme mit dem Gezeigten, das nüchtern, trocken und leer vor
unseren Augen abläuft. „W ir sind Beschauer, doch nicht Zuschauer der Handlung“ .
Es ist allgemein bekannt, daß Musik Bewegungen, und z w a r unabhängig vom
Takt und von der melodischen Struktur erzeugt. S t r a u s zeigt jedoch, daß die
Musik die Struktur des Raumes gestaltet, die wiederum bestimmte Bewegungs­
weisen, z. B. das Marschieren oder das Tanzen bedingt. „D ie Musik formt erst
die Struktur des Räumlichen, in der die Tanzbewegung geschehen kann.“ Beim
Gehen bewegen wir uns durch einen Raum, beim Tanzen in einem Raum. Im
Tanzraum wird auch der für die meisten menschlichen Umgangsräume so grund­
legende Gegensatz von vor- und rückwärtiger Bewegung aufgehoben.
Abgesehen von der Analyse des Tanzes1 als eines eigenen Bewegungstypus ist die
Feststellung des Gegensatzes von vor- und rückwärtiger Bewegung wichtig. Der
Raum hinter uns hat einen eigenen Charakter. Wir bemerken das auch in unseren
Wohnräumen, wo wir die „pathische“ Wirkung einer offenen Tür hinter uns erken­
nen, die nicht rational, etwa aus Angstvorstellungen, erklärt werden kann. Alle von
uns bewohnten Räumlichkeiten, sämtliche Umgangsräume also, in denen wir leben
und uns bewegen, haben Richtungen, nach denen wir uns orientieren. Die Aufhebung
dieser Richtungsunterschiede und damit des Bedeutungsgehaltes der vorn, hinten,
oben und unten befindlichen Orte, homogenisiert den Raum und macht es unmög­
lich, in ihm zu existieren. Stellen wir uns ein vollkommen quadratisches Zimmer vor,
ohne Fenster, mit indirekter Beleuchtung und einer Türe in der Mitte jeder Wand,
bei völlig symmetrischer Ausstattung. Müßte man in einem solchen Zimmer ohne
jegliche Orientierung zur Außenwelt verbleiben, so würde sich unser eine Ratlosig­
keit wie in einem Zaüberkabinett bemächtigen. Es genügt, sich solch einen Raum
vorzustellen, um zu verstehen, weshalb wir unsere Zimmer anders einrichten.
-Unsere Selbst-Bewegung als handelndes Sich-Bewegen wird bedingt durch das
Auftreten von Hauptrichtungen in einem strukturierten Raum. „D er Raum, in
dem wir leben, ist ja von dem Schema des leeren Raumes so verschieden, wie die
Welt der Farbe, in der wir leben, von den Begriffen der physikalischen Optik.“
Schließlich kann noch eine, jedem aus seinen Träumen bekannte Erfahrung die
Bedeutung des Begriffes Bewegungsraum darlegen. W ie oft geschieht es, daß wir
im Traume entfliehen und nicht vorankommen, oder aber uns rasch und schwebend
über große Entfernungen ohne Widerstand bewegen. In beiden Fällen ent­
sprechen der durchlebte Raum und die Bewegung einander nicht. Das zeigt,
wie wichtig die Entsprechung ist, die sich im normalen wachen Leben zwischen
1 cf. Aufsatz des V erf.: „Z u r allgemeinen Psychologie des Tanzes." in : Essays in
Psychology, dedicated to D a v id K a t z . Upsala 1951.
4*
52 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

der Struktur des vitalen Raumes und der Selbstbewegung einstellt. Die Über-*
einstimmung vollzieht sich zwar, wie alle Koordinierung und Orientierung, um«»
auffällig, gründet jedoch in der wichtigen Bedingung des apriorischen Bewegungs­
raumes. Bei starken Affekten (Angst, W ut) kann auch bei voll erhaltenen*.
Bewußtsein die Entsprechung zerfallen, ebenso wie bei Ermüdung oder V er­
giftungen, etwa Betrunkenheit. In all diesen Fällen sind jedoch, ebenso wie in*
Traum, noch drei andere Momente des Geschehens, an dem wir in der Selbst­
bewegung teilnehmen, einer Veränderung unterworfen: der W irklichkeits­
charakter, die Widerstände und die Zeit.
i . Der Zusammenhang von vitalem Raum und vitaler Zeit
Die letzte Bemerkung führt uns zu einem auch von E. S t r a u s 1 verfolgten
Gedanken, nämlich dem des Zusammenhanges von vitalem Raum und vitaler Zeit»
S t r a u s , geht dabei von dem Begriff der „F em e" aus. „N ur solange ich.auf m eine
W elt gerichtet bin, in ihr, im Einigen und Trennen mich empfindend, bewege und
bewegend empfinde, öffnet sich mir die Feme, gliedert sich mir die Feme in F em e
und N ähe." Beide jedoch, die Feme und die Nähe sind jenes, das ich noch nicht
habe, wo ich noch nicht bin oder was ich nicht mehr habe oder wo ich
nicht mehr bin. So gehört zur Fem e und Nähe das Zeitmoment des „N o ch -
nicht" oder „N icht-m ehr". Das „D o rt" und „H ier", das in allen Beziehungen
zwischen dem Menschen (dem Tiere) und seiner Umwelt vorkommt, ist nicht
nur eine räumliche, sondern auch eine zeitliche Bestimmung, denn sie be­
zeichnen das vitale, in sich gespannte Verhältnis zwischen dem Bewegen-Können
und seinem in Distanz gegebenen Zweck. Für einen schlechten Schwimmer ist
eine Sandbank, wo er wieder festen Boden unter die Füße bekommen kann, v iel
weiter entfernt als für einen Geübten. Bei Krankheit und Ermüdung rückt das
Nahe in die Fem e, wie auch für einen Fliehenden die Haustür weiter entfernt ist,
als wenn er sonst ruhig nach Hause spaziert.
In der „natürlichen“ Lage, welche die Ausgangshaltung der Selbstbewegung
bildet, gibt es noch nicht die Trennung von Zeit und Raum, die man bei einer
begrifflichen und auch schon bei einer avitalen, sachlichen, distanzierten Stellung­
nahme vollziehen kann. Die Zeit ist in unserer Beziehung zur Außenwelt im m er
eine Bewegungszeit, als welche sie die räumlichen Veränderungen prägt. fF tn «
nichts geschieht und keine Selbstbewegung stattfindet, gibt es auch keine Zeit. D as
Geschehen wird immer durch eine auf das Subjekt bezogene Ortsveränderung
bestimmt. Das Subjekt kann dieser Veränderung im Mitvollzug folgen oder sich
ihrer enthalten. Auch wenn etwas an uns voribergeht, liegt darin ein Heran­
nahen und ein Sich-Entferüen, Ereignisse also, die immer eine Veränderung in
bezug auf und durch uns selbst darstellen, sofern eine mögliche Selbstbewegung
sich darauf abstimmt und eventuell realisiert.
1 Im Anschluß an den Gedanken von E. Straus hat L. B in sw a nq er das Rautnproblcm
in der Psychopathologie erforscht und den Gegensatz zwischen „eigenem Raum" und „frem­
dem Raum" hervorgehoben. B in sw a n g er nimmt jedoch mehr einen existentinlontologischen,
Strau s einen psychologischen Ausgangspunkt. So will B in sw anger den von Ihm entwickel­
ten Begriff „gestimmter Raum" als den Raum, „in dem sich das menschliche Dasein als ein
gestimmtes aufhält" auffassen. Bezüglich des Zusammenhanges des Ranmerlebens und der
Raumstruktur bemerkt B in sw a n g e r , daß „Erlebensform und Raumgestalt nur die beiden
Pole einer noetisch-noematischenEinheit darstellen". Z. Neur. 145,598 (1933). — S t r a u s , E .:
Vom Sinn der Sinne, S. 297 ff. Berlin 1935.
Der Zusammenhang von vitalem Raum und vitaler Zeit 53

W eil unsere Bewegung immer den Charakter eines Sich-zu-etwas-hin- oder


Sieh-von-etwas-weg-Bewegens trägt, hat E. S t r a u s recht, wenn er „die F em e" „die
raumzeiüiche Form der lebendigen Bewegung” nennt. Es wird hierin jedoch nicht
ein psychologischer, sondern ein existentieller Bezug ausgedrückt. S t r a u s hat das
nicht eingesehen und in seinem Buch das Funktionelle nicht als eine eigene
Kategorie vom Physiologisch- Prozeßhaften einerseits und von den Bewußtseins­
inhalten, d. h. dem Psychologischen andererseits, unterschieden.
Fem e und Nähe können freilich auch erlebt werden, und zwar mehr oder weniger
bewußt und mehr oder weniger affektiv gefärbt, aber der Grund der Möglichkeit
dieses Erlebens liegt in einer objektiven (ontischen) Beziehung zwischen dem
Subjekt und seiner Umgebung,
Die vitale, von fern bis nahe abgestufte raumzeitliche Distanz ist also auch
nicht die Form der erlebten, sondern der lebendigen Bewegung, Auch für das Tier
gibt es die Distanz von Fem e und Nähe als zeiträumliche Bedingung seiner Be­
wegung, was wir — ohne jegliche Spekulation über tierisches Bewußtsein — in
derselben objektiven W eise feststellen, wie vo n U e x k ü l l aus den Fluchtreaktionen
der Fliegen für ihre fernste Ebene auf einen Abstand von etwa 1 m schließen
konnte.
Das Sein bedingt das Bewußtsein! In ihren animalischen — also funktionellen—
Beziehungen begründet die W eise des vitalen In-der-W elt-Seins von Mensch und
Tier die Empfindung der räumlichen Verhältnisse und die Ausführung der ent­
sprechenden Bewegungen. Empfindung und Selbstbewegung müssen wir als
vitale Funktionen m it einer psycho-physisch neutralen Raum-Zeitlichkeit ver­
stehen, Ohne diese Einsicht können wir auch die einfachste tierische Aktivität,
wie den Sprung nach einer Beute, nicht als eine echte Lehenserscheinung auf­
fassen. Wenn S t r a u s sagt: „ I m sinnlichen Empfinden ist ein Subjekt-O bjekt-
Verhältnis unreflektiert gegeben", so darf das unserer Meinung nach nicht so
verstanden werden, als sei das sinnliche Empfinden daher gefühlsmäßig und un­
bestimmt bewußt gegeben. In klarer Bestimmung unseres Standpunktes m üßte
denn auch gesagt werden, daß im sinnlichen Empfinden eine Subj ekt-Obj ekt-
Beziehung sich dem Subjekt bewußt offenbaren kann, weil sie ist.
Die Bewegungen können nur als Funktionen, als ausgerichtete, sinnvolle
Leistungen verstanden werden, wenn eine Einheit von vitalem Raum und vitaler
Zeit vorausgesetzt ist. Ein vorzügliches Beispiel zur Darstellung dieser zeiträum-
lichen Einheit, die sich im Bezug des Subjektes zum Entfernten zeigt, bietet der
Sprang. Im Sprung sind die Bewegungen sehr genau auf die Situation und auf den
Endpunkt (das Ziel) abgestim m t Das gilt für den Sprung über ein Hindernis
ebenso wie für den Sprung eines Raubtieres (auch wenn es zu den Tieren niedriger
Ordnung gehört) nach seiner Beute. Ein Sprung läßt sich nicht aus Reflexen er­
klären, er ist kein Prozeß, sondern eine echte Funktion, eine zweckgerichtete, der
Situation angemessene Handlung.
Das Tier springt, wie S t r a u s es ausdrückt, von A nach B . Es ist vor dem
Sprang und während des Springens von A auf B hin ausgerichtet und springt
dabei über einen Zwischenraum A — B hinweg. Das Ziel B liegt, als das Zu-künßige
und zugleich die Handlung bestimmende, vor ihm. Es gibt jedoch keine bewußte
Vorwegnahme, keine Vorstellung oder Erwartung der Lage nach dem Sprung,
„D ie Reize.— physikalisch oder physiologisch interpretiert — haben das Nerven-
54 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

System des Tieres schon’ gereizt, wenn es springt." Die beiden Zeitsysteme ent­
sprechen also einander nicht, denn das mit dem Zwischenraum und dem Ausgangs­
punkt gleichzeitig in der Wahrnehmung gegebene Ziel ist dennoch als das Zu­
künftige, im Sinne'des Späteren und des räumlich Entfernten, wirksam. Bei allen
zielgerichteten Bewegungen gibt es für das funktionelle Geschehen ein anderes
Zeitsystem als für das physikalisch-physiologische. Wenn ich meinen Fuß auf
die Stelle setze, die ich vor mir sehe, so ist das Sehen früher als die Bewegung.
„Ich setze meinen Fuß in das Vergangene". Das ergibt eine theoretische und
praktische Paradoxie, wenn man den Menschen als „Reizem pfänger" (als physi­
kalisch-physiologisches System) mit dem „lebendigen Subjekt" identifiziert. Die
Inkommensurabilität der Zeitsysteme zeigt gerade, daß eine Gleichstellung von
„Reizem pfänger" und Subjekt — Straus sagt „erlebendes", in unserem Sinne
müßte man „lebendiges" Subjekt sagen — unzulässig ist. S traus schließt daraus,
daß eine „epiphänomenalistische, physiologische Psychologie ein unmögliches
Unternehmen ist". W ir fügen dem hinzu, daß ebensowenig weder eine physika­
lische noch eine psychologische Erklärung der funktionellen Selbstbewegung
m öglich sind, weil die Lebernfunktionen sich in einem anderen Raum-Zeitsystem
vollziehen als die physischen und psychischen Prozesse.

9. Die vitale Zeit und die Gestalten


W ie wir sahen, konnte die Gestalttheorie als physikalische Feldtheorie
die funktionale, dem tierischen Dasein grundlegende Beziehung nicht er­
klären, weil die Deutung des lebendigen Geschehens im Sinne von Gestalt-
Prozessen dieses Geschehen in die physikalischen Raum-Zeitlichkeit einebnet.
Es ist in diesem Zusammenhang interessant, daß bereits von E hrenfels 1 der
Neuauflage seiner Abhandlung vom Jahre 1890 im Jahre 1922 eine Betrachtung
über die Zeit hinzufügte, die ihrer W ichtigkeit wegen hier wiedergegeben sei.
„G esetzt, die Töne wären wirklich. W ie könnte es aber dann die Melodie sein ? "
In welchem Zeitpunkt ist die Melodie ? Vielleicht^ wenn der letzte Ton erklingt ?
Aber dieser letzte Ton gehört mit all seinen Eigenschaften selbst zur Melodie.
Besonders, wenn man einer kurzen Melodie, einem Thema etwa, zuhört, wird es
deutlich, daß die Melodie noch nicht da ist, wenn der letzte Ton gehört wird. Man
könnte geneigt sein, das Problem durch die Annahme einer Art von Nachwirkung,
die den zeitlichen Prozeß in eine statische Form übertragen würde, zu verkennen.
A uf diese Weise stellte man sich ja auch das Entstehen aller Erinnerungsbilder vor.
Man spricht dann von einer in unserer „Seele“ (oder in unserm Gehirn) eingeprägten
Abbildung. Es ist jedoch merkwürdig, daß beim Hören einer Melodie von der Ent­
wicklung eines solchen statischen Bildes nicht die Rede sein kann. In den Fällen,
wo solch ein Bild jedoch tatsächlich entsteht, z. B. wenn man der Entstehung einer
Skizze zuschaut, kann die Gestalt-Wahrnehmung fehlen, bevor die letzte Linie die
Figur vollendet, wodurch das Gezeichnete als Ganzes mit einem Male eine Bedeu­
tung erhält. Beim Hören einer Melodie jedoch vollziehen wir im inneren Bewegt­
werden die melodiöse Bewegung in ihrem Verlauf und Takt, in ihrer Höhe und
Tiefe selbst mit. Durch das Selbst-Mitbmegen wird das zeitlich Vorübergehende zu
einer Gestalt, und zwar nicht nur durch die Einheit des Vergangenen, sondern auch
durch die in ihm liegende Ausrichtung auf das Zu-künftige. W ir drücken dies denn
1 E h r en fels , Ch r . V .: a..a. O.
Die vitale Zeit und die Gestalten 55

auch angemessen aus, wenn wir sagen, daß wir bezüglich des weiteren Verlaufes
gewisse Erwartungen hegen.
Auch für die Bewegungslehre ist nun die Frage wichtig, wie das möglich sei,
denn auch die Bewegung ist ja eine dynamische, sich entwickelnde Gestalt, und
zwar in dem Sinne, daß in dem bereits Geschehenen der weitere Verlauf schema­
tisch vorgezeichnet äst. Bei einem physikalischen Geschehen, auch bei einem
Prozeß im Körper, gibt es eine Aufeinanderfolge von Phasen, wobei das Noch-
nieht-Sem des Zukünftigen sich vom Nicht-mehr-Sein des Vergangenen abhebt.
Es gibt im physikalischen Bereich keine Entwicklung im organischen Sinne,
keinen „Gestaltwandei“ , wie er bereits von K . E . von B ae r 1 begriffen worden ist.
V on E hrenfels nennt den physikalischen Aspekt die chronomorphe Zeitbetrach­
tung und stellt ihr eine topomorphe Zeitbetrachtung gegenüber, für die die Zeit
nicht homogen vorwärtsschreitet, vielmehr der Übergang vom Gegenwärtigen in
das Zukünftige sich nicht mit dem vom Vergangenen ins Gegenwärtige deckt. V on
E hrenfels verdeutlicht diese Betrachtung durch das Bild eines norwegischen
Wasserfalls, der von der senkrechten Felsenwand unmittelbar ins Meer stürzt.
„D er uns unbekannte Lauf des Flusses oberhalb des Felsgrates stellt die Zukunft
dar, der Wasserfall die Gegenwart und das spiegelnde Meer die Vergangenheit.“
Das Büd ist vielleicht nicht sehr glücklich gewählt, doch es kann wenigstens zeigen,
daß die Vergangenheit ebenso wirklich ist, wie das fließende Heute, das unablässig
in sie übergeht und mit ihr verschmilzt, während das Zukünftige noch verborgen
ist, aber sich im Heute bereits richtunggebend bekundet.
Den durch von E hrenfels erst vorläufig angedeuteten Zusammenhang von
Gestalt und Zeit hat von W eizsäcker in seinem Buch „D er Gestaltkreis"**
sowie in einem später erschienenen Vortrag „Gestalt und Zeit“ * näher untersucht.
Beim Abtasten eines Gegenstandes entstehen geformter Eindruck und geformte
Bewegung gleichzeitig. Der Eindruck bestimmt die Form der Bewegung und um­
gekehrt bestimmt die Bewegung die Form des Tastbildes. V on W eizsäcker zieht
hieraus eine weitreichende Schlußfolgerung. Die „R elativität“ zwischen Orga­
nismus und Umwelt ist eine Bestimmung, die eine einsinnige Richtung der
Kausalität gerade aufhebt. Das lebendige Geschehen ist nicht ein Prozeß, auch
nicht ein geformter Prozeß im Sinne der Gestalttheorie, in dem nach einem be­
stimmten Gesetz die Phasen aufeinanderfolgen, sondern es ist immer eine sich in
der Kohärenz zwischen Organismus und Umwelt vollziehende Formentwicklung.
Jede Bewegung entwickelt sich in dieser Weise als geformte Ganzheit, solange die
sensomotorische Einheit als kreisförmige Verbindung gewahrt bleibt.
Wenn man von dem isolierten Organismus ausgeht, so ist auch die geformte
Bewegung das Resultat einer gesetzmäßigen Umformung intra-organischer
Prozesse. Geht man umgekehrt von der Umgebung aus, so könnte diese durch
Zusammenfügen ihrer Kräfte im Sinne von Vektoren als Resultante eine Bewegung
verursachen. Beide Ausgangspunkte ermangeln jedoch des zureichenden Grundes,
denn es ist unerläßlich, den geformten Eindruck als den einzigen vital wirksamen
vorauszusetzen, und seine Umformung in eine geformte Selbst-Bewegung ist

1 zitiert nach U bxküll , J, v .: Theoretische Biologie.


* W e izsä ck er , V . v o n : Der Gestaltkreis. Leipzig 1943.
* W eizsä ck er , V . von: Gestalt und Zeit. „D ie Gestalt“, Abh. zu einer allgemeinen
Morphologie, Heft 7. Halle 1942. ;
56 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

unerklärlich. Sie wäre nur nach Analogie einer sinnvollen Beantwortung einer Frage
verständlich, nach Analogie also einer geistigen, durch Einsicht vermittelten Be­
ziehung. In der vitalen Sphäre gibt es jedoch keine Einsicht, sehr wohl aber
lebendige Entwicklung, Genese der Formen, ohne daß von einem prius und
posterius gesprochen werden könnte. V on W eizsäcker nennt diese Formgenese
„Gestaltkreis“ . Aul ihn kann das Kausalitätsprinzip nicht angewendet werden, so
daß er auch nicht als in der physikalischen ¿eit verlaufend gedacht werden kann.
Die Beziehung zwischen Zeit und Gestalt entwickelt von W eizsäcker anhand
Ainpc einfachen Experimentes, bei dem sich die sogenannte „Regel der konstanten
Figurzeit" ergibt. Läßt man in der Luft mit dem Finger einen Kreis beschreiben, so
dauert die Totalbewegung innerhalb weiter Grenzen ebenso lange, wenn der K reis
groß, wie wenn er klein ist1. Bei anderen Figuren, einer Ellipse, Spirale u. a..
gehört zu jedem Krümmungsgrad eine bestimmte Geschwindigkeit. Bei der Gene­
se einer figuralen Form ist die Bewegungsform an eine bestimmte Zeit gebunden.
W ir können weder die Geschwindigkeit noch die Figur unabhängig voneinander
variieren, wenigstens solange die Bewegung „ohne Überlegung“ und ununter­
brochen ausgeführt wird.
D erwort , der diese Versuche durchgeführt hat8, faßt sein Resultat folgender­
maßen zusammen: „D er Effekt bestimmt sich im einzelnen Bewegungsabschnitt
nicht zwangsläufig aus seinen Komponenten, sondern das aktuelle Geschehen
richtet sich vorwegnehmend nach dem E ffekt“ . Bei einer physikalischen Bewegung
ist die Kreisfigur die Folge einer konstanten Kraft. Bei einer vitalen Bewegung
ist die Kreisfigur die Bedingung einer bestimmten Kräftezusammensetzung und
ihres zeitlichen Verlaufes.
Zwischen der Dauer und der Form einer Bewegung gibt es einen funktionalen
Zusammenhang. Wenn die Geschwindigkeit sich verändert, so verändert
sich die Form und umgekehrt. Das ist sehr gut darzustellen am Beispiel
der Handschrift und auch der Fortbewegung eines Pferdes oder Hundes,
Bei zunehmender Geschwindigkeit setzt das Pferd sich zunächst in Trab
und dann in Galopp, wobei jede Bewegungsweise eine eigene Koordination
und also ein eigenes Innervationsbild hat. Auch bei der Fortbewegung ist die
Bewegungsform nicht aus sukzessiven Phasen und ihrem Kausalzusammenhang
erklärlich. Die Bewegung prägt selbst ihr bestimmtes Verhältnis zu Raum und Zeit.
Außerdem vollzieht sich jede organische Bewegung von einem Hier zu einem
D ort, wobei das Spätere als das „Erwartete“ potentiell schon in dem Hier
enthalten ist, in seiner Verwirklichung aber auch ausbleiben kann.
„D ie Bewegung des Organismus vollzieht sich nicht in Raum und Zeit, sondern
der Organismus bewegt den Raum m it der Zeit*.“ W enn man eine Bewegung nur
als Gestalt an sich betrachtet, also im Sinne eines in einem homogenen, physi­
kalischen Raume registrierbaren Verlaufes, so verkeimt man ihren eigentlichen
Z«Sf«ngscharakter. Als Leistung im Sinne feiner den vitalen Raum gestaltenden
Selbst-Bewegung hat die menschliche (und tierische) Bewegung ihre eigene

1 Ganz durchgängig gilt .das nach einer von mir ausgeführten Untersuchung nicht
(Vgl.: Miscellaiiea Psychologica A lbert M ichqtte . S. 297. Louvain 1947.)
* D erwort ,. A .: Untersuchungen Über Zeitverlauf figurierter Bewegungen beim Menschen.
Pflügers Arch. 240, 661— 676 (1938).
* W eizsäcker , V . v.: D er Gestaltkreis. Leipzig 1944.
Die Systematik der menschlichen Bewegung. Einteilung der physiologischen Funktionen 57

Zeit. Bei ihrer Veränderung verändert sich auch die Leistung und damit der
Sinn der Bewegung1.
Es ist das Verdienst von W eizsäcker *, den auch von ihm selbst lange Zeit
eingenommenen Standpunkt der Gestalttheorie überwunden zu haben, indem
er auf Grund der Erfahrung zwei grundlegende Merkmale der lebendigen Bewegung
entdeckte. Das erste ist die Bewegungsform, die nach dem „Gestaltkreis“ sich
in räumlicher Hinsicht in der Begegnung von Organismus und Umwelt entwickelt;
das zweite fordert, daß „Form in zeitlicher Hinsicht als Genese jeweiliger Gegenwart”
aufgefaßt werde. Letzteres zeigt eine Verwandtschaft mit von E hrenfels , den
wir, zur Erklärung der konkreten Gegenwart einer Melodie als ganzheitlicher
Zeitgestalt, eine topamorphe Zeitauffassung einführen sahen.
Nach der Ansicht von W eizsäcker* ermöglichen erst die Begriffe „Gestalt­
kreis“ und „zeitüberbrückende Gegenwart“ “ eine grundsätzliche Unterscheidung
des Lebendigen vom Toten und ein Begreifen der vitalen Bewegung als Selbst-
Bewegung: „Damit ist das Programm der biologischen Bewegungslehre abschließend
umschrieben
Die Zukunft wird über die Richtigkeit dieser Aussage entscheiden müssen.
Jedenfalls bedeutet es einen Fortschritt, daß mit der Lehre von den Lebens­
erscheinungen sich auch die Bewegungslehre grundsätzlich vom physikalischen
Denken frei macht. Ihre Begriffe werden allmählich schärfer bestimmt und in
ihrem gegenseitigen Zusammenhang klarer gegliedert werden müssen. Die ständige
Fühlungnahme m it dem fruchtbaren Boden der Erfahrung soll dabei die Gewähr
gegen ein Absinken in eine nur deduktive und sterile Begriffsschematik bieten,
welche den Fortschritt der Wissenschaft eher hemmen als fördern würde.

V. Die Systematik der menschlichen Bewegung


1. Einteilung der physiologischen Funktionen
Die Geschichte der Biologie zeigt, wie sehr der Fortschritt der Wissenschaft
durch eine systematische Rangordnung des vielgestaltigen Materials der lebendi­
gen Natur gefördert wird. Anfänglich wurde diese Ordnung nur von einem oder
einigen Merkmalen aus durchgeführt, aber allmählich schuf die Systematik als
eigenständige Wissenschaft eine mehr „natürliche“ Einteilung auf Grund einer
Unterscheidung wesentlicher von zufälligen oder nebensächlichen Eigenschaften.
Die zunehmende Angemessenheit der Klassifikation der Organismen eröffnete die
Möglichkeit einer tieferen Einsicht in den gegenseitigen Zusammenhang der
lebendigen Natur, schenkte der vergleichenden Morphologie ihre wertvollen
Begriffe wie: Bauplan und Varietät, Homologie und Analogie, und bildete so die
Grundlage für eine genetische Biologie und eine fruchtbare Verbindung zwischen
Formenlehre und Physiologie.
1 „Raum und Zeit sind ebensowenig reale Existenzen (N ew to n ) noch Anschauungsformen
des menschlichen Denkens (K a n t ), sondern Tätigkeitsformen der Wahrnehmung, in die das
Faktum Bewegung eingeht." (C h r istia n , P .: Wirklichkeit und Erscheinung. Z. Sinnes*
phyaiol. 68 (1940).]
* Die biologische Zeit ist weder objektives homogenes Kontinuum noch aufbewahrte
Zeit im Gedächtnis, sie ist Gegenwartszeit. Leben ist weder indifferent gegen den Unter­
schied von vergangen und zukünftig noch Erinnerung, sondern Leben ist immer „zeit-
uberbrückende Gegenwart“ (P rinz A uersperg ). Pflügers Arch. 236, 310 (1935); Z. Sinnes-
physiol. 66. 274 (1936) u. Nervenarzt 1954, S. 1.
58 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

Für die letztgenannte Wissenschaft ist die Frage einer systematischen E in ­


teilung der mannigfaltigen Funktionen ein Problem ganz anderer Ordnung a ls
die morphologische Einteilung in Zoologie und Botanik, Die Organismen sin d
ja eigenständige, voneinander abgehobene statische Gestalten, die bezüglich ih rer
Unterschiede und Verwandtschaft verglichen werden können. Dem gegenüber
«sind die Fiinktinnen zwar unterschieden nach ihrem Zweck, ihrer Gebundenheit
an bestimmte Organe, nach ihrem Ort in dem wechselseitigen Zusammenhang
des körperlichen Geschehens, aber gerade die Innigkeit und Vielseitigkeit d ieses
Zusammenhanges erschwert die Isolierung einer bestimmten Funktion.
Schon seit langem kennen wir jedoch eine vernünftig begründete und praktisch
brauchbare Einteilung der Physiologie, Sie geht aus von der Unterscheidung in
vegetative und anim alisch e Funktionen. Die ersten verlaufen intra-organisch,
während die animalischen Funktionen d a s Verhältnis des ganzen Individuum^
zu seiner geformten Außenwelt betreffen.
Aber wie müssen nun die vegetative und animalische Physiologie weiter unter­
teilt werden ? Versucht man dies von einem funktionellen Gesichtspunkt am;
so zeigt sich erneut, wie sehr schon die Systematik in jeder Wissenschaft von all­
gemeinen Ansichten über den doch gerade erst zu erklärenden verborgenen Z u ­
sammenhang der Erscheinungen beherrscht wird. Durch die zunehmende A us­
richtung der experimentellen physiologischen Forschung auf eine kausale
Analyse der Körperprozesse wurde der funktionelle Gesichtspunkt in den H inter­
grund gedrängt und eine einseitig eingestellte Auffassung des organischen Ge­
schehens gefördert. Das Interesse richtete sich teilweise auf allgemeine Problem e
wie Reizbarkeit, Kontraktilität, Permeabilität, Sekretion, Stoffwechsel, W achs­
tum usw., physiko-chemische Prozesse, die man am besten an bestimmten Zellen
oder Geweben analysieren kann; teilweise auf die Erforschung der Prozesse, d l«
sich in den verschieden strukturierten Teilen der Körpermaschine abspielen.
Die allgemeine und die Organphysiologie haben die von ihr gewonnenen E in­
sichten in die vegetativen Funktionen der Heilkunde dienstbar gemacht. Diese
Erkenntnisse vertieften sich jedoch erst in dem Maße, als auch die Organsysteme
in ihrem gegenseitigen Zusammenhang in die Untersuchungen einbezogen wurden.
Neben einer Cellular-, Gewebs-, und Humoral-Physiologie werden jetzt die grund­
legenden Allgemeinzustände des Individuum, ihre Stabilität unter wechselnden
Umständen und die für ihre Erhaltung notwendigen Systemfunktionen (Verdauung
und Resorption, Ausscheidung, Blut- und Lymphstrom, Atmung, Fortpflanzung
und Wachstum) untersucht. Man erhält so eine systematische Einteilung der vege­
tativen Physiologie, die zwar von den Prozessen und Organen ausgeht, aber doch
als eine funktionelle Einteilung im früher besprochenen technischen Sinne gelten
kann.
Demgegenüber ist die übliche, ebenso von den Organen (Sinnesorganen,
Muskeln und Nervensystem) ausgehende Einteilung der animalischen Physiologie
einer wesensgerechten systematischen Einsicht in die animalischen Funktionen
wenig zuträglich. Die „echte” animalische Physiologie wurde hierdurch längere
Zeit in ihrer Entwicklung gehemmt. Die Problemstellungen und Untersuchungen
hielten sich in einem eng umschlossenen Bereich. Erst durch den Antrieb der
Bedürfnisse von Klinik und Hygiene, der soziologischen und pädagogischen
Praxis dehnte sich dieses Gebiet aus, so daß wir jetzt über zahlreiche Unter-
Die Möglichkeit einer Einteilung der Bewegungen 59

Stichlingen bezüglich Arbeit, Schlaf, Emotionen, Klimaeinflüssen, sinnlicher


Orientierung, Gleichgewicht, Hunger und Durst, der elementaren Verhaltens­
weisen von Mensch und Tier und der Verwandlung des Verhaltens durch Erfahrung
verfügen. Diese Untersuchungen können schwerlich in dem bestehenden System
der Physiologie untergebracht werden. Der vielfach noch unternommene Versuch,
diese Probleme als Teil der Lehre vom Zentralnervensystem anzusehen, bedeutet
ihre völlige Verkennung und bringt eine Verarmung der Forschung mit sich. Auch
eine Unterbringung aller ganzheitlichen, im individuellen Dasein integrierten
Funktionen in eine Psycho-Physioiogie oder physiologische Psychologie eröffnet
keinen Ausweg, weil ja auf diese W eise der ursprüngliche, vitale Charakter der
genannten Phänomene verkannt wird.
Aber noch auf ganz andere Weise efgibt rieh eine Schwierigkeit für eine physio­
logische Systematik. Diese Schwierigkeit entspringt der zwischen den Organen
waltenden Wechselwirkung, welche die Grundlage umfangreicher physiologischer
Prozesse darstellt. Diese sind nicht nur von vielerlei Umständen abhängig, son­
dern auch von dem Einfluß der totalen Funktion auf die Wirksamkeit der Teile.
Die Wechselwirkung zwischen einzelnen Teilfunktionen und zwischen Total- und
Teilfunktion ist vorwiegend auf die Aufrechterhaltung eines invariablen Zu­
standes, wie Körpertemperatur, Blutzusammensetzung, minimaler Energiever­
brauch, optimale Orientierung, gerichtet, was teils durch ein mechanisches, teils
durch ein lebendiges Geschehen erreicht wird. Die Untersuchung ergibt keine
Klarheit darüber, wer wen bestimmt, ob dieses jenes regelt odrir umgekehrt. Ein
gutes Beispiel auf vegetativem Gebiet liefern die Wechselwirkungen innerhalb
des Systems der inneren Sekretion und des Endokrinium mit dem sympathischen
Nervensystem.
Bei den animalischen Leistungen ist der wechselseitige Einfluß zwischen den
Teilen des Nervensystems — etwa des pyramidalen und extra-pyramidalen
Systems oder zwischen Groß- und Kleinhirn — noch wenig geklärt. In dem Maße
des Fortschreitens der experimentellen Forschungen über die Verhaltensweisen —
auch der einfachsten wie’ Erhaltung des Gleichgewichtes, Gehen, Stehen üsw. —
zeigt sieh eine immer innigere gegenseitige Wechselwirkung sensorischer und
motorischer Funktionen. Gerade diese Wechselwirkung erschwert jedoch in hohem
Maße eine systematische Einteilung der animalischen Physiologie.
Es ist daher verständlich, daß eine Systematik der als eigenständige Form en
gegebenen Pflanzen und Tiere eine grundsätzlich andere Problematik m it sich
bringt als eine Klassifikation der unselbständigen Funktionen, die außerdem in
verschiedenartiger Weise miteinander verknüpft sind.

2. Die Möglichkeit einer Einteilung der Bewegungen


Auch für die menschlichen Bewegungen könnte man zum Zwecke der Syste­
matik eine Einteilung nach den ausführenden Organen schaffen. Es wären dann
K opf-, Augen-, Arm-, Hand-, Bein- und Rumpfbewegungen zu unterscheiden. In
funktioneller Hinsicht ist eine derartige Einteilung jedoch wertlos. Das wesentliche
Merkmal der als Funktion zu deutenden Bewegungen ist ja ihre relative Un­
abhängigkeit von den ausführenden Organen. Sogar dort, w o man zur Annahme
einer eigenständigen Funktion eines dieser Organe geneigt sein könnte, ist eine
derartige Einteilung letztlich unangemessen und irreführend. Ist doch sogar das
60 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

Gehen, wie sich noch leigen wird, nicht nur eine Bewegung der Beine* E in e
funktioneile Betrachtungsweise der Hand etwa wird den Zusammenhang m it d e n
Augenbewegungen nicht vernachlässigen dürfen.
Mir scheint, wir können die menschlichen (und tierischen) Bewegungen n ie
von einem einzigen Gesichtspunkt aus einteilen. Jegliche vitale Bewegung z e ig t
ja einen dreifachen Aspekt, der ebenso viele Gesichtspunkte für eine Systematik d e r
Bewegung bietet. W ir unterscheiden nämlich bei allem, was ein Individuum tu t,
bei jeder von ihm geleisteten oder im Organismus auftretenden Bewegung d ie
Ausführungsweise, den Anlaß und die Bedeutung.
An der Bewegung, wie sie in ihrem objektiven Verlauf wahrnehmbar und b e ­
schreibbar ist, können wir die Ausführungsweise unmittelbar erfassen. Sie w ird
gekennzeichnet durch einige quantitativ variierende Eigenschaften, darüber
hinaus durch ihre qualitative Form, die Bewegungsgestali.
Verstehen wir die Bewegung nicht als ein isoliertes Phänomen, sondern als
Selbstbewegung einer bestimmten Person, oder erfassen wir sie in ihrem geform ten
Verlauf als die Darstellung eines persönlichen Charakters, so führt das zu ein er
tyßologischen Charakteristik der Bewegung.
Betrachten wir die Bewegungen in ihrer konkreten Ausführung, abhängig von
einer bestimmten Situation, so ergibt sich aus dieser Einstellung eine Einteilung
nach dwn Anlaß oder dem Beweggrund, Da jedoch die vitale Bewegung gerade in
ihrer konkreten Ausführung stets unter dem Aspekt einer Beziehung zum
Subjekt auftritt, bedeutet eine solche Rangordnung immer eine Einteilung nach
dem Grade von Zwangsläufigkeit und Freiheit.
Schließlich bietet sich auch die Möglichkeit einer echt funktionellen Ordnung
der menschlichen Bewegungen, wenn wir von ihrem Bedeutungsgehalt oder Sinn
ausgehen. Es wird sich noch näher zeigen, daß der Sinn eines Verhaltens nicht
mit seinem Ziel identisch ist. Das Ziel ist nur eine bestimmte Art der Bedeutung,
die eine Bewegung haben kann. Jedenfalls ist der Sinn einer Bewegung nur zu
begreifen durch eine möglichst vollständige Einsicht in die Umstände, die Situation
ihrer Ausführung (und ihre historische Entwicklung).
Von den drei genannten Gesichtspunkten aus gewinnen wir also vier E in-
teilungsmöglichkeiten, von denen sich zwei auf die Ausführungsweise und je eine
auf den Beweggrund und auf den Sinn beziehen. Es sind dies die folgenden; :
1. Die intra-empirische Einteilung nach der unmittelbar wahrnehmbaren A us­
führungsweise, dem empirisch gegebenen Verlauf, der Gestalt.
2. Die typologische Einteilung im H inblick auf das Verhältnis der Bewegungs­
gestalt zur Person.
3. Die trans-empirische Einteilung nach dem Grad der Freiheit und Zwangs­
läufigkeit, also bezogen auf das Verhältnis zum Subjekt, dem „Selbst“ .
4. Die funktionelle Einteilung nach dem Sinn der Bewegung.

3, Gibt es ein „natürliches System" der Bewegungen?


Die Frage, ob auf diese Weise wirklich ein „natürliches" System der m otori­
schen Funktionen zustande kommen kann, glauben wir verneinen zu müssen. Eine
Ordnung der Tatsachen, wie sie in der biologischen Systematik üblich ist, ist hier
undurchführbar. Dort ist jedes Begriffsschema ja hierarchisch oder konzentrisch
aufgebaut. Der Begriff „W irbeltier“ bestimmt ein weiteres Feld, ist umfassender
Gibt es ein „natürliches System" der Bewegungen ? 61

als der Begriff „Säugetier", welcher wieder allgemeiner als der Begriff „katzen­
artiges Tier“ ist. Eine derartige Einteilungsform kann bei den Bewegungen nicht
angewandt werden. Ohne Zweifel können auch hier viele empirische Einzelheiten
zu einer Gruppe, etwa der der Ausdrucksbewegungen, vereinigt werden. Diese kann
man dann wiederum je nach der durch den Ausdruck angedeuteten Richtung ein-
teilen, etwa: Zu- oder Abwendung, Zusammenschrumpfen, Wegsinken, Sich-
Dehnen, Sich-Aufrichten. Es leuchtet ein, daß eine derartige Einteilung sich aus­
schließlich auf die Funktion oder die Bedeutung der Motorik bezieht.
Eine bestimmte Ausdrucksbewegung, etwa der Wut* kann nach ihrer Aus­
führungsweise, ihrem Verlauf, betrachtet und z. B. der Gruppe der rasdien oder
impulsiven Bewegungen zugerechnet werden. Diese Gruppe umfaßt jedoch auch
das automatische Ergreifen eines Werkzeuges durch den Arbeiter, den Sprung
eines Athleten oder den Anschlag eines geübten Pianisten. Aus diesen Beispielen
ersieht man bereits, daß -eine Einteilung nach den sog. objektiven Merkmalen der
isolierten Bewegung sehr heterogene Erscheinungen in eine Gruppe vereinigt und
daher eine ebenso „künstliche" Systematik wie die LiNNÄsche liefert, bei der die
Pflanzen nach der Anzahl ihrer Staubfäden eingeteilt werden.
Die Ausdrucksweise der Wut kann außerdem als ein Merkmal des Charakters
einer bestimmten Person oder Personengruppe betrachtet werden. Es gibt eine
kindliche, männliche, weibliche Art der Wutäußerung, und sie unterscheidet sich
nach der Rasse, dem Volk, dem Stande und dem individuellen Charakter.
Die typischen Merkmale einer Person oder Gruppe kehren jedoch in all ihren
Verhaltensweisen wieder; die systematische Einteilung der Bewegungen nach
ihren typologischen Eigenschaften zeigt sich also auch eher als eine dynamische
Typencharakteristik denn als eine natürliche Systematik der Bewegungen.
Das ändert jedoch nichts an der Notwendigkeit einer Erfassung der Bewegungs­
typen für die Lehre von den menschlichen Bewegungen. Sie zeigt sich nicht nur
in vielen praktischen, etwa pädagogischen Fragen, sondern auch in theoretischer
Hinsicht, weil das persönliche Gepräge einer Bewegung zugleich auf ein trans-
empirisches Merkmal der motorischen Äußerung, nämlich die Bezogenheit auf das
„Selbst" in seiner Freiheit und Zwangsläufigkeit, verweist.
Dieselbe W utlußerang, die wir in ihrem Verlauf und in ihren typologischen
Besonderheiten erforschen, kann aber auch in ihrer Beziehung zu dem Bewegungs­
m otiv der Aktivität betrachtet werden1. Es ergibt sich daSei nicht nur die Frage,
ob sie eine spontane Aktivität oder eher eine Reaktion ist, sondern auch in welchem
Umfange und in welcher Weise das Subjekt zu seiner eigenen Bewegung in Be­
ziehung steht. Dies jedoch kann nicht nur aus der Situation und'evtl, aus dem
introspektiv erhobenen Erlebnisgehalt vor, während und nach der Bewegung
erkannt werden, sondern auch aus dem unmittelbar erfahrbaren, geformten Ver­
lauf. Die intra-empirischen Merkmale verweisen auf die Gründe der motorischen
Funktion, weil jeglicher,auch der mechanische Bewegungsverlauf es erlaubt, auf
die betreffenden Im pulse zu schließen. Aber es handelt sich hier nicht nur um eine
Schlußfolgerung, denn Michotte konnte zeigen, daß die Ursache unmittelbai
wahrnehmbar ist.
Der Grund der Unmöglichkeit einer von einem einzigen G esichtspürft aus
entwickelten Bewegungssystematik Hegt also in der Bewegung selbst. D iese ist
- 1 Ein Motiv ist ein durch seinen Sinn wirksames Antezedens.
62 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

nur in abstracto eine an sich seiende Naturerscheinung. In concreto gibt es ja nur


sich bewegende Menschen (und Tiere), und zwar unter bestimmten Um ständen
und in bestimmten Situationen.
Ein Schließen der Augen kann eine zwangsläufige Handlung bedeuten, z. B .
einen Reflex auf starkes Licht, aber auch eine freie, auf Grund eines gewählten
Motives vollzogene Handlung. Es kann jedoch auch eine Ausdrucksbewegung sein
und etwa die Absicht, sich einer Situation zu entziehen, darstellen.
Dieselbe Bewegung kann auch ein typologisches Merkmal im Sinne einer
Angewohnheit sein. Das Schließen der Augen kann auf verschiedene Weisen aus­
geführt werden, auf verschiedenen Gründen beruhen und eine verschiedene Bedeu­
tung haben. Dieses Beispiel zeigt, daß die Bewegung an sich eine Abstraktion
daxstellt, und wie schwierig daher der Entwurf eines „natürlichen Systems'* der
Bewegungen ist.
Eine nähere Analyse der vier genannten Einteilungsmöglichkeiten werden w ir
dennoch schon deshalb durchführen, weil sie eine tiefere Einsicht in die mensch­
liche Motorik und den sich bewegenden Menschen vermitteln kann.

4. Die intra-empirische Einteilung


Lassen wir die Bilder einiger konkreter menschlicher Bewegungen an uns
vorbeiziehen: das Greifen eines Kindes oder eines Arbeiters nach einem Gegen­
stand; den Gang eines Bauern, eines Mädchens, eines Soldaten; den Sprung eines
Spaziergängers oder eines geübten Athleten über einen Graben; die H andschrift
verschiedener Personen. Beim Versuch einer Beschreibung der Ausführungs-
weisen verfügen wir über eine Anzahl von Begriffen wie : rasch, langsam, beschleu­
nigt, verzögert, gleichmäßig, ungleichmäßig, unruhig, unsicher, zittrig, gespannt,
locker, federnd, flüssig, eckig, rhythmisch usw., die man für die Charakteristik
jeder angeschauten Bewegung verwenden kann. Ihre Zahl könnte leicht noch
erweitert, die Differenzierung verfeinert werden. Man könnte etwa den reichen
Vorrat an Adjektiven, über den insbesondere die Musikästhetik verfügt, auf
die Bewegungsweisen des Menschen anwenden. Fast jede Bezeichnung für eine
musikalische Kom position und ihre Wiedergabe läßt sich auch bei der mensch­
lichen Bewegung anwenden. Aber gerade der Vergleich mit der Musikästhetik
lehrt eindringlich, daß sich die am Bewegungsablauf unmittelbar erschaubaren
Merkmale nicht ausschließlich auf die zeit-räumlichen Verhältnisse beziehen,
sondern auch auf Geschwindigkeit und Richtungsänderung verursachende K räfte.
A uf diese Ursachen wird also nicht erst aus den Erscheinungen geschlossen,
sondern sie zeigen sich unmittelbar in der Anschauung, was MlCHOTTE1 für die
physikalischen Bewegungen experimentell erhärten konnte. In seinen Versuchen
werden zwei Rechtecke auf einen Schirm projiziert, von denen eines in Bewegung
gebracht wird, bis es das andere berührt, wonach auch dieses in dieselbe R ich­
tung und m it gleicher Geschwindigkeit wie das erste in Bewegung kommt. Nach
der Berührung bewegen sich also die Rechtecke gleichmäßig hintereinander.
Die Beobachter erhalten den Auftrag, das Gesehene zu beschreiben, allerdings
nicht auf analytische W eise, Es zèigt sich, daß sie gesehen haben, wie das erste
1 MiCHOTTB, A .: La causalité physique est-elle une donnée phénoménaleî Tijdschr.
philos. 3, 290 (1941). Ausführlicher in seinem Buch: La perception de la causalité. Louvain
1946.
Die intra-empirische Einteilung 63

Rechteck das zweite wegdrängt, imtnimmt oder bei der Flucht ergreift. Die
Wahl dieser Bezeichnungen erwies sich von geringen Abwandlungen in der
Geschwindigkeit und der Dauer der Berührung der beiden Rechtecke, also vom
Eindruck der Beziehungen, abhängig. Michotte hat seine Versuche auf mannig­
fache Weise variiert und kommt zu der Schlußfolgerung: «l’impression de
causalité physique est une donnée phénoménale sui generis.»
Es ist nicht leicht, eine einfache Erklärung dieser unmittelbaren Wahrnehmung
der Ursache einer Bewegungsänderung zu geben. Man nimmt gewöhnlich eine
gewisse „Einfühlung” an, wodurch wir die wahrgenommenen Bewegungen inner­
lich mitvollziehen und in uns selbst die für den weiteren Verlauf erforderlichen
Impulse empfinden. Diese Theorie ist von besonderer Bedeutung für die Wahr­
nehmung menschlicher Bewegungen. Je mehr man etwa als Zuschauer eine
sportliche Leistung miterlebt und je besser man das Sporttreiben aus eigener
Erfahrung kennt, um so mehr kann man die Innervationsimpulse in ihrem
sukzessiven und simultanen Zusammenhang sowie ihre Abstimmung auf die
Anforderungen der Situation „einfühlen” 1. Man ist dann — wie ein Musik
hörender Musiker — fähig, die zeit-räumlichen Merkmale des Bewegungsvollzuges
dynamisch zu verstehen. So erhalten Bezeichnungen wie locker, flüssig, eckig usw.
einen reicheren Bedeutungsgehalt, als wenn sie nur auf eine Ortsveränderung
der Körperteile angewendçt würden.
Man sieht also nicht nur was getan wird, sondern auch w ie und weshalb es getan
wird. Die Intentionalität einer Bewegung zeigt sich uns auch in der Wahrnehmung.
Es folgt daraus, daß eine intra-empirische Bewegungs-Einteilung sich nicht
nur auf die in Zeit und Raum verlaufende Ausführung bezieht, sondern zugleich
auf die den Verlauf und die Bewegungsgestalt bestimmenden Kräfte. Dennoch
wird damit der Unterschied dieses empirischen gegenüber dem von uns als
trans-empirisch bezeiehneten Gesichtspunkt nicht aufgehoben. Jene unmittelbar
angeschauten Kräfte müssen ja als koordinierte Innervations-Impulse hinsichtlich
des Subjektes als „causae secundae” aufgefaßt werden, während wir das Subjekt
selbst die causa prima seiner Bewegungen nennen könnten. Der Grad der Freiheit
oder der Zwangsläufigkeit einer Handlung, der Spontaneität oder der Reaktivität
einer Bewegung, .kann am konkreten Verlauf an sich denn auch nicht erfaßt
werden, selbst dann nicht, wenn wir die wirksamen Impulse bemerken.
Die Eigenschaften, die wir bei der Ausführung einer menschlichen Tätigkeit
beobachten können, lassen sich fast immer als Gegensätze gruppieren. Einfache
Beispiele bieten die Gegensatzpaare rasch-langsam und fließend-eckig. Während
jenes oberflächlich gesehen ein rein quantitativer, physikalisch definierbarer
Gegensatz zu sein scheint, bezieht sich dieses auf die totale Gestalt der Bewegung
und zeigt sich daher auch in ihrer räumlichen Projektion, im statischen Bild also,
das wir von der Bewegungsform entwerfen können.
Bei einer näheren Betrachtung stellt sich jedoch heraus, daß der wesentliche
Gehalt auch des Gegensatzes rasch-langsam keineswegs nach Art eines rein
physikalischen Maßes — als W eg in der Zeiteinheit — aufgefaßt werden kann.
Jede menschliche Bewegung, ein Spaziergang oder der Anlauf zum Sprung, eine
Kopfwendung oder eine Abwehrbewegung des Armes, das Graben mit dem
Spaten oder das Aufstehen vom Stuhl trägt ihr eigenes Zeitm aß als eine Norm in
1 Vergl. B u y t e n d ijk . F. J. J.r D as FußbaUspiel. Würzburg (o, Jg.).
64 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

sich. Was im einen Falle schnell, ist im anderen langsam. Beim Ermitteln eines
metrischen Merkmales ist es also nicht erlaubt, sich von funktionellen Gesichts­
punkten zu lösen.
Bei gegensätzlichen Merkmalen, welche die Bewegungs/orm betreffen, verh ü t
es sich dagegen ganz anders. Sie sind in einem statischen Projektionsbild, in einer
Kurve — wie in einer Handschrift — ebensogut wahrnehmbar wie im werdenden
Bewegungsvollzug selbst. Hier handelt es sich nicht um Eigenschaften, welche
sich auf die funktionelle. Situation beziehen, sondern um eigenständige, rein
intra-empirische Merkmale der Bewegung.
Von einer fließenden Bewegung sprechen wir, wenn ihre verschiedenen
Phasen allmählich ineinander übergehen, oder wenn mehr oder weniger aus­
gedehnte Teile der Bewegungskurve verschiedenen aufeinanderfolgenden
Abschnitten der Kurve zugerechnet werden können, während eine eckige
Bewegung abrupte Übergänge, in der Kurve punktförmige Verbindungen zeigt.
Zwischen beiden Gestalt-Typen gibt es mancherlei Übergänge, so daß wir danach
eine abgestufte Reihe motorischer Äußerungen aufstellen können. W ir können
so einerseits Bewegungen verschiedenartiger Bedeutung und andererseits unter
verschiedenartigen Umständen von verschiedenen Personen ausgeführte Bewe­
gungen vergleichen. Freilich sieht man dann von zahlreichen besonderen Eigen­
schaften ab und untersucht die Bewegung ausschließlich auf ein einziges Gestalt­
merkmai hin. Dies erweist sich jedoch als fruchtbar, wenn man dieses Merkmal
mit den typologischen Eigenschaften der die Bewegung vollziehenden Person in
Zusammenhang bringen will. Eine solche Unterscheidung und Einteilung der
Bewegungen kann besonders dann von praktischem Interesse sein, wenn man den
W ert bestimmter Gestaltmerkmale kennt und auf diese Weise zu pädagogischen
Schlußfolgerungen kommen will. Die gegensätzlichen Merkmale, die wir an
Vollzugsweisen feststellen können, schließen einander als Eigenschaften ans. Eine
Bewegung ist rasch oder langsam, ruhig oder unruhig, im Rhythmus gleichmäßig
flf o r ungleichmäßig. Unbeschadet der Tatsache, daß es allerlei Übergänge geben
kann, besteht begrifflich eine scharfe Trennung, so wie zwischen W eiß und
Schwarz, groß und klein, dick und dünn. Auch hier ändert ja die Möglichkeit von
Übergängen nichts an dieser Tatsache.
Es gibt an den lebendigen Bewegungen jedoch auch gegensätzlich® Merkmale
anderer Art, Eigenschaften, die sich nicht nur nicht ausschließen, sondern sogar
immer zugleich anwesend sind. Solche Gegensatzpaare nennen wir polare Merk­
male. Sie sind den zwei Seiten eines Dinges oder den zwei Polen eines M agnete«
vergleichbar. Obwohl entgegengesetzt und sich relativ ausscMießend, kommen
sie iTTimpr notwendigerweise zugleich an einem konkreten Objekt vor.
Polarität ist also die Struktur eines konkret gegebenen Etwas, in der zwei
gegensätzliche aber einander gegenseitig bestimmende Richtungen wirksam sind.
Diese Gegensätze sind nur in ihrem Zusammen-Sein, ihre in sich gegensätzliche
Einheit bildet die Struktur des konkreten Objektes,
Insofern sie als „F orm " ein unteilbar zusammenhängendes Ganzes darstellt
und zugleich eine Vielheit von Teilen zeigt, kommt eine solche polare Struktur
jeder Gestalt zu. Je „höher" ihre Entwicklung, desto ausgeprägter die Einheit,
aber um so deutlicher auch die Gliederung, die Selbständigkeit der Teile. Diese
gegensätzlichen Momente polaren Charakters verwirklichen sich beide zugleich
Die typologische Einteilung 65

in konkreten Gestalten. Da dies auch für die Bewegungsgestalt gilt, kann man
Bewegungen m it geringer Ausprägung polarer Merkmale von solchen mit
besonderer Betonung derartiger, einander in ausgeglichener Spannung haltender
Merkmale, unterscheiden. W ie ein „starker** Magnet ein vollkommenerer, ein
„besserer" Magnet ist, so ist auch eine Bewegung vollkommener, wenn sie, in
einer geschlossenen Einheit verlaufend, eine reiche innere Gliederung mit Selb­
ständigkeit der Bewegungsmomente gegenüber der um fasenden Totalität zeigt.
Die Verschiedenartigkeit der polaren Merkmale des konkret Lebendigen
ermöglicht eine Rangordnung der motorischen Äußerungen nach ihrer vitalen
Wertigkeit. Diese Rangordnung richtet sich nach objektiv wahrnehmbaren
Merkmalen, die jedoch nach ihrem vitalen W ertgehalt beurteilt werden. W ir
werden daher bei der Besprechung der normativen Typologie auf die polaren
Gegensätze noch näher eingehen.

5. Die typologische Einteilung


Zu diesem Thema können wir uns kurz fassen. W ie schon dargelegt, ergibt
sich eine solche Einteilung, wenn man die objektiv wahrnehmbaren Bewegungs­
merkmale als typische Äußerungen einer menschlichen Person erfaßt und in der
Bewegungsgestalt die für eine individuelle Persönlichkeit oder für eine Gruppe
charakteristischen Züge erinittelt. Die enge, für die Theorie der menschlichen
Bewegung wichtige Verbundenheit von Dynamik und Charakter wird uns bei der
Behandlung der Typologie verschiedener Altersstufen, Geschlechter und Kon­
stitutionen noch näher beschäftigen. Theoretisch könnte man typologische Eigen­
schaften im Verlauf jeder Bewegung erwarten, doch wir werden sehen, daß nur
in bestimmten Bewegungen charakteristische Züge des Menschen leicht zum
Ausdruck kommen.
Die Erfahrung lehrt, daß für viele Handlungen die äußeren Umstände der­
maßen bestimmend sind, daß persönliche Züge dagegen nicht aufkommen
können. Das gilt hauptsächlich für alle Berufsarbeit, zumal die industrielle.
Demgegenüber sind alle Bewegungen m it weitem Spielraum der Ausführungs­
weisen, wie das Gehen und die vielen Handlungen und Gebärden des täglichen
Lebens, sowie die Ausdrucksbewegungen, das Sprechen und Schreiben, das
eigentliche Gebiet, in dem sich individuelles Temperament und die Eigenarten
einer Gruppe bemerkbar machen.
Man kann sogar die Frage aufwerfen, ob nicht alle intra-empirischen
Momente — ob sie nun Geschwindigkeitsgrad oder Eckigkeit, Flüssigkeit,
Spannung, Stabilität usw., oder polar entgegengesetzte Merkmale betreffen
ausschließlich durch die typologischen Eigenschaften der sich bewegenden Person
bestimmt sind. So wie einer ist, so bewegt er sich und so wie er sich bewegt, ist er I
Dieser Grundsatz der Graphologie und Physiognomik gilt vielleicht für alle
nicht rein von außen determinierten Bewegungen.
Die typologischen Aussagen der Graphologie sind in vielem noch unsicher;
es ist unmöglich, das Charakteristische einer Persönlichkeit aus einer einzigen
Bewegung abzulesen, aber man erkennt ihre Eigenart um so besser, je mehr man
sich m it immer wiederkehrenden Eigenarten seiner Bewegungsweise vertraut
gemacht hat.
Buytaodljk, Kaltanf und Bewt*un* 5
66 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

W ie auf manch anderem Gebiet der Bio-Psychologie hat L udwig K lages


auch zur Typologie der menschlichen Bewegung vorzügliche Beobachtungen
gemacht. Lassen wir eine einfache Bewegung, — so sagt er — wie etwa das
Seitwärtsheben eines gestreckten Armes mit gestreckter Hand bis zur Schul terhöhe,
durch zehn Personen unter gleichen Umständen in einem beliebigen Zustand und
ohne Vorbild ausführen, so wird jede von ihnen diese Bewegung anders vollziehen.
Bei der einen fällt sie unwillkürlich rasch aus, bei der anderen langsam, bei einer
dritten energisch, bei den anderen unschlüssig oder hastig, umständlich oder anmu­
tig, schließlich eckig oder steif oder auch übertrieben1.
Es wird nicht jedem leicht fallen, eine sprachlich einigermaßen angemessene
Bezeichnung der Bewegungsweise zu finden, auch wenn er das Typische sehr gut
in der Anschauung zu bemerken vermag. Der Mangel an verfügbaren Begriffen
fällt um so mehr auf, je weiter man die Untersuchung auf eine größere Anzahl von
Personen ausdehnt. Wenn man — so bemerkt K l a g e s — etwa fünfzig Menschen
mit recht eckigen Bewegungen zusammensuchte, so entginge selbst einem
ungeübten Beobachter die durchgängige Verschiedenheit ihrer Eckigkeit nicht,
so daß man eigentlich über fünfzig Attribute verfügen müßte, um die besondere
Art der Eckigkeit jeder einzelnen andeuten zu können. Es unterscheidet sich nicht
nur jegliche persönliche, ungezwungen ausgeführte Bewegung von jeder anderen
Bewegung, vielmehr prägt sich auch die gleiche Eigenschaft verschiedener
Menschen verschieden aus. „D ie Unaussprechbarkeit des Individuums, das
Individuum ineffabile, gilt von jeder Eigenschaft seiner Erscheinungsformen1."
Diese Aussage von K lages stimmt mit einer seit dem Altertum lebendigen
Intuition überein, wonach man einen Menschen aus seiner Bewegungsweise
erkennen könne. Der Mensch, der sich nach außen oft anders gibt, verrate im
Unwillkürlichen einer Gebärde, der Handschrift, einer Reaktion oder einer
einfachen Handlung seine wahre Art, wie er im Innern ist. In Analogie zur
Ausdruckslehre des Antlitzes könnte man also auch von einer Bewegungsphysio­
gnomik sprechen, sofern man unterstellt, daß sich in der Vollzugsweise der
Bewegungsform nicht nur wechselnde innere Gemütsregungen spiegeln, sondern
sich auch die Grundzüge des persönlichen Typus offenbaren.
Eine typologische Einteilung der Bewegungen könnte nur auf dem Boden
eines typologischen Systems der menschlichen Temperamente vollständig durch­
geführt werden. W ir werden später die diesbezüglichen Versuche von H e y m a n s
u. a. zu einem solchen System und die entstehenden Schwierigkeiten besprechen.
W eder die HEVMANSsche noch eine andere Einteilung werden sich jedoch einer
Kritik gewachsen zeigen. Zwar läßt sich das Seelenleben eines jeden Menschen
in seiner allgemeinen Verlaufsweise in einem bestimmten Sinne, etwa als ruhig
eilig, regelmäßig, ausgeglichen, gehemmt, frei, fließend, eckig, kennzeichnen, aber
das Temperament ist nicht die Resultante einer Anzahl solcher Eigenschaften,
sondern eine ursprüngliche Einheit, die in den Beziehungen zur Außenwelt ihre
Eigenart entwickelt.
Konnte uns K l a g e s von der strukturellen Kompliziertheit der Temperamente
und von dem großen Formenreichtum der entsprechenden Bewegungsweise über­
zeugen, so folgt daraus sowohl die Unmöglichkeit einer typologisch-schematischen,*•
1 K lages , L . : Grundlegung der Wissenschaft vom Ausdruck, 5. Auf!., S. 30. Leipzig 1936.
• K lages , L . : a.a.O. S. 36.
Die trans-empirische Einteilung 67

als auch einer nach eigenständigen intra-empirischen Gestaltmerkmalen durch­


geführten Einteilung der Bewegungen. Das schließt jedoch eine motorische
Typologie nach Alter, Geschlecht, Konstitution und anderen Gruppenmerkmalen
nicht aus, sondern nur den Aufbau einer Systematik der Bewegungen auf Grund
typalogischer Unterscheidungen.

6. Die trans-empirische Einteilung


Die gebräuchlichste und wichtigste Einteilung der menschlichen Bewegung
geht auf eine Einteilung der Ursachen für die m otorische W irkung zurück. In der
Physiologie versteht man- dabei unter W irkung die causa efficiens, die in der
Struktur des Nervensystems und in den die Bewegung unmittelbar veranlassenden
Reizen gesucht wird. Man unterscheidet dann zunächst d ie Arten aktiver Bewegung
von „spontanen" motorischen Erscheinungen, indem man sich erstere durch
äußere, letztere durch innere Reizung veranlaßt denkt. Eine weitere Einteilung
richtet sich nach der Kom pliziertheit der Bewegungsursachen. So gibt es ein­
fache Reflexe, bei denen Reize an den sensiblen Nervenendigungen des Muskels
selbst über die entsprechenden motorischen Nervenzellen des Rückenmarks nur
in diesem einen Muskel eine Spannung bewirken. Sie heißen propriozeptiv, in
Abhebung von den exterozeptiven Reflexen, bei denen der Reiz von der Haut oder
den tieferliegenden Teilen, oder von den Sinnesorganen (Auge, Ohr, Geruchs­
und Gleichgewichtsorgan) ausgeht. Sie gewährleisten die Orientierung des
Individuum in bezug au! die Außenwelt.
Von diesen exterozeptiven Reflexen sind die einfachsten wiederum die
quantitativ variablen Flexions- und Extensionsreflexe, bei denen ein gereiztes
Glied mit einer Beugung oder Streckung reagiert. Kom plizierter nach E ffekt und
angenommener Ursache im Zentralnervensystem sind die verschiedenen Haltungs­
reflexe, die Haltungswiederherstellungsreflexe und die sog. statokinetisehcn
Reaktionen, wobei eine Reaktion auf aktive und passive Ortsveränderungen
des Körpers oder eines Körperteiles hin stattfindet. Die am kompliziertesten zu­
sammengesetzten motorischen Effekte auf äußere Reize sind schließlich die durch
sinnliche Reize aus der Außenwelt bewirkten Bewegungen. Im Gegensatz zu den R e­
flexen nennt man sie Reaktionen, wobei dieser Begriff nicht nur auf die größere Kom­
pliziertheit, sondern auch auf die Variabilität der W irkung abhebt. Diese Reaktionen
sollen durch ein Aufsteigen des äußeren Reizes zu höheren Teilen des N ervensystems,
insbesondere zu den Basalganglien und zum Großhirn zustande kommen. Wenn
diese Bewegungen bei konstanten äußeren Ursachen einen mehr oder weniger
regelmäßigen Verlauf haben, werden sie als elementare Reaktionen, wie Greif­
reaktionen, Schreckreaktionen, Abwehrreaktionen bezeichnet. Von ihnen werden
üblicherweise eine große Anzahl zusammengesetzter und variabler Bewegungen
der Tiere als instinktive Reaktionen abgegrenzt. W enn die eine Bewegung dabei
zwangsläufig von einer Reihe anderer gefolgt wird — wie das häufig der Fall ist — ,
so nimmt man an, daß die erste durch äußere, die nächsten durch bei der Aus­
führung erst entstehende Reize bewirkt werden. Bei diesen aneinandergereihten
Reaktionen spricht man dann von Ketienreflexen. D ie meisten Instinkthandlungen
wären hierher zu rechnen.
Diese physiologische Einteilung der Reaktionsformen ist jedoch unscharf und
methodisch inkonsequent, weil die verwendeten Begriffe teilweise funktionelle
5*
68 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

(Greifen, Abwehren, usw.), teilweise psychologische sind, indem sie ja die Qualität
der Empfindungen (Schreck, Hunger u, ä.) betreffen.
Die zweite Gruppe der physiologisch bekannten Bewegungen, die spontanen
Automationen, sind viel weniger erforscht, was aus der Art der experimentellen
Methode erklärlich ist, mit deren Hilfe man nach Ursachen fahndet, indem man unter
stabilen Bedingungen die Folgen der Abwandlung eines einzigen Faktors unter­
sucht. Daher liegt es für die analytische Physiologie des Nervensystems nahe,
sich vorwiegend m it der Erforschung der Reizreaktionen zu beschäftigen. Zur
Erhaltung konstanter Effekte müssen alle variablen Umstände soweit als m öglich
ausgeschaltet werden. Das geschieht u. a. durch eine Wegnahme der höheren
Teile des Nervensystems, wodurch fast alle spontanen Bewegungen ver­
schwinden. Nur der spontane Automatismus der Atmungsbewegungen bleibt
erhalten und ist genau erforscht worden, wobei ò d i u. a. eine Abhängigkeit
vom „m ilieu interne" (der Blutzusammensetzung) zeigte. Auch die sog. spon­
tanen Gehbewegungen, die z. B. beim Hunde m it durchtrenntem Rückenmark
auftreten, sind in der Physiologie näher untersucht worden. Die instinktiven
Handlungen dar Tiere, die sowohl durch äußere Reize (bestimmte Situationen)
ale auch aus spontanem Antrieb entstehen, haben namentlich durch ihre
Abhängigkeit von hormonalen Einflüssen das Interesse der Physiologen gefunden.
Schließlich unterscheidet man von den Reflexen, Reaktionen und spontanen
Automatismen, die sämtlich unbedingt, arttypisch auftretend, auf angeborenen
Mprihanicmp!« beruhen sollen, noch die bedingten, erworbenen Reflexe und R eak­
tionen. Hierzu hat man sämtliche Gewohnheiten oder angelernten Handlungen
rechnen wollen, indem man sie nach den klassischen Vorstellungen P awlow » zu
erklären versuchte. Solche Bewegungen sollen durch die wiederholte Kom bination
von unbedingten, spezifischen Reizen mit irgendeinem zunächst unwirksamen
Reiz entstehen, bis letzterer nach Bildung neuer Reflexbahnen im Nervensystem
die gleiche Wirkung erzeugt wie die anderen.
Die hier ohne Kritik kurz skizzierte neuro-physiologische Einteilung der
Bewegungen ist eine echt trans-empirische, weil sie eine Einteilung nach den
vorausgesetzten Ursachen darstellt. Den Unterschied zwischen Ursachen und
Bedingungen hat man jedoch fast immer aus dem Auge verloren, so daß die sog.
kausalen Erklärungen meist nur konditionale Deskriptionen sind. Auch
schenkt diese Physiologie den Beziehungen der erforschten Bewegungen zum
individuellen Dasein keine Aufmerksamkeit. Die Bewegung wird nicht als
Selbst-Bewegung begriffen, daher wird der Grad von Zwangsläufigkeit und
Freiheit nicht beachtet.
Die Physiologie kennt ja grundsätzlich nur zwangsläufige Bewegungen, gleich­
gültig, ob sie durch äußere oder innere Reize bewirkt, werden. Die „w illkürliche"
Bewegung des Menschen ist ihrer Ansicht nach nur dem Scheine nach „fre i", in
W irklichkeit ist sie eine komplizierte bedingte Reaktion, verbunden m it dem
subjektiven Empfinden einer freien Entscheidung oder Motivierung.
Von der meist von Biologen ausgeübten vergleichenden Tierphysiologie wird
die trans-empirische Einteilung der medizinisch orientierten Physiologie: einfache
Reflexe, komplizierte (höhere) Reflexe oder Reaktionen, Kettenreflexe oder
instinktive Reaktionen, spontane Instinkthandlungeni bedingte Reaktionen oder
Gewohnheiten, fast immer übernommen. Allmählich hat sich jedoch die tierische
Die trans-empirische Einteilung 69

V frhalfagisfnrsrhiing zu piw m selbständigen Gebiet entwickelt, in denn der


funktionelle Gesichtspunkt vorherrscht.
Einen ganz eigenen, für die Bewegungslehre anregenden Standpunkt, nimmt
vo n U e x k ü l l ein. E r geht dabei von der Planmäßigkeit aller organisch»!
Prozesse aus, Bern im menschlichen Leben bekannten Begriff Plan ist seiner
Meinung nach der Begriff Aktivität an sich nicht inhärent. Mit einem Plan
meinen wir ja etwas, das sich in unserem Geiste im Sinne eines Werk-Schemas
möglicher Aktivität gebildet hat. Im Organismus jedoch müssen wir „aktive
Pläne" annehmen, die von U e x k ü l l „planmäßige Impulssysteme" nennt. Ihre
Wirksamkeit sei analog der des „Betriebsleiters“ in einer Fabrik.
Sogar die einfachste Handlung, der R eflex, hangt von Impulsen (I) ab, wobei
jedoch der planmäßige Verlauf (dieForm) dieser Im pulsevon der vorhandenen Struk­
tur des Receptors (R), von dem „M erkorgan" ( MO), dem ,,W irkorgan' ‘ (WO) und dem
Effektor (E) abhängig ist. Der Reflex muß also vorgestellt werden als eine Ver­
kettung von R, M O usw., d. h. die Impulse durchlaufen diese Glieder und werden
Ä MO
ganz durch sie bestimmt. Die „F orm el" für einen R eflex ist dann - j -------- j -------

----- —j -------- Y ‘ a^s0 bei einem Reflex geschieht, hängt von den „Strukturen“ ,
nicht jedoch von der Organisation der Impulse ab. Dagegen trifft das letztere
auf alle anderen Handlungen, deren Tier und Mensch in vitaler Hinsicht
fähig sind, zu. Es kommt dann zu einer „Gefttgebildung“ im Sinne einer Neu-
strukturierung. Pas erfordert das Eingreifen „des übermechanischen Faktors
der Betriebsleitung". In einem solchen Falle muß also das I (die plan­
mäßigen Impulse) in die Hauptformel aufgenommen werden. Nach der Annahme
VON U e x k ü l l » kann das im Merkorgan, im W irkorgan oder in beiden stattfinden;
JJi

E s entspringen daraus also drei H andlungstypen: die Insiinkthandlung — ~j-----


MÖ F B DM P
------ ------ W O I ------ 1 - , die plastische Handlung = ~ j ----- M O I — —j -------- y , und

die Erfakm ngshsmdhmg = - j - — M O I — W O I ----- y . Außerdem wird noch


eine kontrollierte Handlung unterschieden, wobei zwischen den Merkorgan­
impulsen und den Wirkorganimpulsen eine gegenseitige Beziehung waltet.
Diese merkwürdige konstruktive Einteilung geht von einem Kompromiß
zwischen einer mechanistischen und einer (psycho) vitalistischen Erklärung aus und
verdankt gerade diesem Umstand eine gewisse Bedeutung. Sie schließt sich
einer in der mechanischen Physiologie entwickelten Vorstellung vom Geschehen
im Nervensystem am, die besondere Zentren für die Wahrnehmung und für die
Koordination der motorischen Impulse unterscheidef. Diese Zentren sind
strukturiert und regeln, wenn sie gereizt werden, die Reihenfolge der von ihnen
weitergeleiteten Impulse. In diesen Zentren nimmt vo n U e x k ü l l jedoch, der
vitalistischen Denkweise von D riesch entsprechend, auch immatrielle Faktoren
an, die als Organisatoren wirken und dazu fähig sind, die vorhandenen Strukturen
des Nervensystems unter Einschaltung „planm äßiger Systeme von Im pulsen"
umzugestalten.
Eine solche Erklärung der Bewegungsentstehung ist freilich nur ein konstruk­
tives Denkschema. Das wesentlich mechanisch wirksame System körperlicher
70 Prinzipiell einer funktionellen Bewegungslehre

Prozesse wird mit ad hoc vorausgesetzten Entelechien oder Psychoiden ver­


bunden. Es ist dies das Beispiel einer dualistischen Erklärung, w obei das
mechanisch Unerklärliche Faktoren, die in anthropomorpher Weise in den
Mechanismus eingreifen, zugeschrieben wird. V on Uexküll spricht denn auch
schlechthin von „Nervenpersonen", aber in diesem Begriff zeigt sich bereits d ie
unhaltbare Metaphysik, die dieser wissenschaftlichen Betrachtungsweise zu­
grunde liegt1.
Die Unterstellung eines Zusammenwirkens von Maschine und Lenker oder
von Material und Baumeister im Körper ist als Erklänmgsschema für das
organische Geschehen, also auch für die Bewegungen, unbrauchbar. Sie erinnert
uns an analoge anthropomorphe Ansichten von wissenschaftlich Ungeschulten,
die bei einem Haeckel in dem Begriff „Seelenzellen und Zellseelen“ nur schein­
bar wissenschaftsfähig wurden.
Es leuchtet ein, daß die Einführung einer simplifiziereuden psychologischen
Erklärung an der Stelle, wo eine mechanistische auf Schwierigkeiten stößt, die
wissenschaftliche Erforschung der Lebenserscheinungen weiterhin an den p h y­
sikalischen Standpunkt bindet. Denn diese Erklärung versucht die Form einer
Kausalerklärung durch die Annahme von „Zell-Personen" oder „Zell-S eelen",
zu gewinnen. Diese sollen dafür sorgen, daß das Verhalten des Organismus
weiterhin als maschineller Prozeß aufgefaßt werden kann. Die Einführung der­
artiger kausaler Betrachtungsweisen bietet denn auch keine Grundlage für eine
brauchbare trans-empirische Einteilung der Bewegungen. Die Reihe: R eflexe —
Instrinktreaktionen — Gewohnheiten, bleibt das nach wie vor unveränderte
deskriptive Grundschema, m it welchen symbolischen Zeichen auch immer m an
ihre vorausgesetzte Kausalstruktur anzudeuten versucht oder wie man sich die
Nervenmechanisnien für ihre Ausführung auch vorstellt. W ir kommen daher
auch zur Schlußfolgerung, daß eine trans-empirische Einteilung der Bewegungen
keine Einteilung nach den Ursachen in naturwissenschaftlichem Sinne sein kann,
weil derartige Ursachen völlig unbekannt sind.

7. Die psychologische Einteilung


Vielleicht vermag die Psychologie besser als die Physiologie und der
vitalistische Dualismus hinter dem Phänomen der Bewegung die verborgenen
Gründe zu entdecken ? Vielleicht könnte sie dazu gerade deshalb fähig sein,
weil der Begriff Ursache in der Psychologie außer im Sinne von Antrieb oder
Energie auch als Motiv, als vernehmbarer Grund-verstanden wird? W urde doch
die Vielfalt der seelischen Erscheinungen wie Empfindung, Wahrnehmung, V or­
stellung, Erinnerung, Stimmung , Gefühl, Streben, Antrieb, Handlung usw. schon
seit dem Altertum als Zustände, Wirksamkeiten und Affektionen des Subjektes
(des „Ich ") aufgefaßt. Ermöglicht das nicht ihre Abstufung nach Zwangs­
läufigkeit und Freiheit ?
1 So lesen wir bei vom Uexküll : „Die isolierte Nervenfaser mit ihrem Zentrum kann als
eine autonome Nervenperson bezeichnet werden. Diese Anlage ermöglicht es, soviel Reize
voneinander zu unterscheiden, als es Nervenpersonen gibt. Das Zusammenfassen der Nerven-
personen geschieht durch netzförmige nervöse Verbindungsbahnen. Die Nervenpersonen
selbst sind nichts anderes als Repräsentanten und vertreten im Körper einserseits die Reize,
die der Körper erleidet, andererseits die Wirkungen, die der Körper ausübt.“
D ie psychologische Einteilung 71

Trotzdem muß die Psychologie völlig enttäuschen, wenn man nach einem
Einteilungsschema der menschlichen Bewegungen fragt, das die Beziehung zum
Subjekt als Grundlage haben soll. Es beruht dies auf dem Fehlen einer Einsicht
in das Wesen der psychologischen Grunderscheinungen. Ein Beispiel soll diese
Behauptung erläutern.
Viele Psychologen haben die enge Verknüpfung von Bewegungen und Vor­
stellungen eingesehen.. Einerseits meint man, es könnten sich ohne angedeutete
Bewegungen kein? Vorstellungen bilden, andererseits sollen alle Vorstellungen
Bewegungen verursachen und regulieren. Die Vorstellungen brauchen nicht
immer bewußt zu werden, vielmehr können sie auch als unbewußte Schemen,
als „vitale Phantasie“ (Palagyi) wirksam werden. Darin liegt ohne Zweifel
ein Kern von Wahrheit. Es fehlt jedoch bisher eine Einsicht in das
Wesen der Vorstellungen als solche. Erst die vorzügliche - phänomenologische
Untersuchung Sartres über »L ’Imaginaire1« hat uns den Merkmalsreichtum
der Vorstellungen und die Mannigfaltigkeit der Beziehungen zwischen den
„im ages“ und den anderen psychischen Erscheinungen gezeigt. Erst durch diese
Erkenntnis könnte man zu einer wirklichen Einsicht in den genetischen Zu­
sammenhang zwischen Vorstellung und Bewegung kommen, jedoch nicht ohne
ein« besonders darauf gerichtete Untersuchung.
In den üblichen psychologischen Lehr- und Handbüchern werden die mensch­
lichen Bewegungen auf dieselbe Weise eingeteilt wie in der Physiologie. Der einzige
Unterschied besteht vielleicht darin, daß man den Reflexen als Merkmal ihren gänz­
lich „unbewußten“ Verlauf hinzufügt, was auch für die automatischen Bewegungen
gilt, die jedoch aus bewußt kontrollierten Bewegungen entstanden sein sollen.
Einige Versuche zu einer psychologischen Einteilung der Bewegungen seien
noch erwähnt. H omburger unterscheidet:
a) initiative Bewegungen („eigent&tig und selbstbestim m t"),
b) reaktive Bewegungen („reizbedingt und frem dbestim m t"),
c) automatische Bewegungen („selbsttätig und vorbedingt“ ),
d) auxiliäre Bewegungen („behelfsm äßig und ausfallsbedingt“ ).
G rünbaum 1 gab eine differenziertere, auf den Zusammenhang mit dem
Bewußtsein gerichtete Einteilung und unterschied:
1. passive Bewegungen ;
2. rem physiologische, organisch zweckmäßige R eflexe, die außerhalb des Be­
wußtseins verlaufen und nie willkürlich reproduzierbar sind, z. B . der Pupillenreflex;
3. Reflexe, deren Verlauf wohl bemerkbar ist, aber deren innerer Ursprung
außerhalb unseres Bewußtseins und außerhalb unseres Willens liegt, z. B . der
Patellarsehnenreflex;
4. psychische Reflexe, z. B, unwillkürliche Abwehrbewegungen, bei deren
Ausführung man das Unwillkürliche deutlich bemerkt. Man erlebt also sowohl
den Ablauf, als auch den psychischen Ursprung, nämlich die Unwillkürlichkeit.
Sie entstehen durch Übung ;
5. Automatismen, zunächst willkürlich ausgeführte und bewußt eingeübte Be­
wegungen, die in Entstehung und Verlauf durch feste Assoziationen mit sinnlichen
Eindrücken gelenkt werden, Auch als Automatismen sind sie noch immer bew ußt;*
1 Sartb», J. P.: L'Imaginaife. Paris 1940.
* Ghünbaum, A. A.: Wil m Bewegixtg. Ned. Tijdsehr. v. Genesk. 1919, S.202S.
72 Prinzipien einet funktionellen Bewegungslehre

6. unbewußte Automatismen, bei denen das bewußte Moment verloren­


gegangen ist, z.B, das Klavierspiel. Die Ausführung (die Koordination) geschieht
ohne Bewußtsein. Es sind jedoch willkürliche Bewegungen, denn sie geschehen
einem Willensentschluß und einer Absicht gemäß;
7. autonome Bewegungen, die ohne Zutun der Person von selbst stattfinden.
Läßt eine Schreibbewegung durch Lenkung der Hand passiv ausführen.,
und lenkt man nach einiger Zeit die Aufmerksamkeit des Probanden von dieser
Tätigkeit ab, so geht die einmal passiv angefangene Bewegung von selbst a k tiv
weiter (B inet) ;
8. willkürliche Handlungen, wobei man den Willensentschluß und die w ill­
kürliche Anstrengung, nicht aber die Ausftihrungsweise bewußt erlebt.
Auch K lages, der in so mannigfacher Hinsicht die Erkenntnis der vitalen
Funktionen von der Psychologie her vertieft hat, hat eine grundsätzlich nicht v o n
den üblichen Schemen abweichende Einteilung der menschlichen Bewegungen
gegeben, ln seiner „Grundlegung der Wissenschaft vom Ausdruck"1 unter­
scheidet er Reflexbewegungen, Triebantriebsbewegungen, Ausdrucksbewegungen
und automatische Bewegungen, ohne diese verschiedenen Bewegungstypen au f
ihre Ursachen bin zu untersuchen. Es war vielmehr die ausschließliche Absicht v on
K lages, die Ausdrucksbewegungen von den anderen Bewegungsarten scharf zu
unterscheiden und die K luft, die es seines Erachtens zwischen Antriebs- und
willkürlichen Bewegungen gibt, aufzuzeigen.
Die Psychologie hat unsere Einsicht in die hinter den wahrnehmbaren
individuellen Lebensäußerungen verborgenen Wirk-Ursaehen nicht entscheidend
vertieft. Was uns für eine solche Einsicht noch fehlt, ist ein aus dem W esen der
ti wisch an und menschlichen Existenz entwickeltes System der Antriebe und
eine Theorie des Bewußtseins und des Willens, in der die Motivation, die A bsicht
und die Ausführung konkreter miteinander verbunden werden.
Die Abstufung der motorischen Äußerungen in einer Reihe, die mit einfachen
Reflexen anfängt und m it willkürlichen Handlungen endet, beruht nicht auf
einer wissenschaftlichen Theorie, sondern wird immer wieder aufgegriffen, w eil
diese Abstufung offenbar der evidenten und elementaren Erfahrung und einter
unabweislichen Annahme bezüglich des Verhältnisses der Bewegung zum Subjekt
gemäß ist. Es wäre jedoch eine Verkennung der Erfahrung, wenn man die
Reflexe als „mechanisch“ verlaufende Prozesse den menschlichen Handlungen als
„psychisch“ bestimmten Phänomenen entgegenstellen wollte.

8. Der Grad der Zwangsläufigkeit und die Beziehung zum Subjekt


Betrachten wir die motorischen Erscheinungen ohne theoretische Vorurteile,
so .zeigt sich der Reflex als eine selbständige Bewegung. Das heißt, diese steht dem
Subjekt als ein an-sich-seiendes Geschehen gegenüber, das unabhängig von
dem individuellen In-der-Welt-Sein als dem Selbst-Sem des Subjektes ist.
W ir konnten daher mit Conrad-Martius sagen, daß^der Reflex an uns und
durch uns geschieht Das bedeutet jedoch nicht, daß der Reflex in keinerlei
Hinsicht den Aspekt einer Selbstbewegung zeige. Die weißen Blutkörperchen,
die ganz frei von unserem persönlichen Dasein sind, bewegen dennoch „sich -
selbst“ , insofern ihre Bewegung als eine vitale, eine funktionelle, ähnlich den
1 K lages, L.i Grundlegung der Wiaaenachaft vom Ausdruck. 5. Aufl. Leipzig 1936.
B er Grad der Zwangsläufigkeit und die Beziehung zum Subjekt 73

Bewegungen einer Am öbe, aufgefaßt werden kann. In gleichem Sinne bewegt


sich der hirnlose Frosch, wenn er etwa d en , .irritierenden' ‘ Hautreiz abwischt. Dabei
ist der Begriff „selbst11 jedoch rem formal, nicht als ein metaphysischer gemeint,
weil wir der Ansicht sind, daß das wissenschaftliche Feld zu beschränkt ist, um
eine Äußerung Über das“Wesen des Selbst zu erlauben. Es ist für die Bewegungs­
lehre denn auch irrelevant, was das „Selbst“ der weißen Blutkörperchen ist,
oder inwiefern es bei einem Frosch m it durchtrenntem Rückenmark ein anderes
Selbst im abgeschnittenen Teil als in dem K opfteil gibt. W ir glauben wissen­
schaftlich den Begriff der ,,Rückenmarkseele11P flügers ebensowohl ausschließen
zu müssen, wie den der bereits erwähnten „Nervenpersonen“ von U exkülls ,
oder der „Zellseelen” H äckels und der „Entelechieen“ D riesch*.
Wenn wir so den Reflex denn auch eine selbständige Bewegung nennen und
keine Selbstbewegung, so bedeutet das nur, daß er unserem Selbst gegenübersteht,
nicht, daß er ganz unabhängig ist von unserer menschlichen Einheit, unserer
integralen Leiblichkeit, unserem In-der-W elt-Sein. Zahlreiche Erfahrungen
weisen darauf hin, daß sogar die einfachste reflektorische Bewegung von vielerlei
Faktoren abhängig ist, von anderen (auch willkürlichen) Bewegungen und
Anspannungen, von affektiven (und hormonalen) Einflüssen. Außerdem ist es
bewiesen, daß die Reflexe nur unter sehr bestimmten Umständen ausgelöst
werden können und keine konstanten, selbständigen Phänomene sind, keine
Bausteine für den Aufbau komplizierterer Bewegungen. Wenn ein Reflex, ein
Patellar- oder Achillessehnenreflex etwa, auftritt, so ist er in diesem Augenblick
dem Subjekt gegenüber selbständig. W ir bemerken dies durch das Erlebnis der
an uns sich vollziehenden Bewegung, dem wir hilflos ausgeliefert sind.
Sage ich bei der Auslösung eines PateUarsehnenreflexes: „M ein B ein bewegt
sich” und nicht „ich bewege mein B ein", so will ich damit ausdrücken, daß das
StcA-Bewegende mir als Eigenes gehört, daß es ein Teil m ânes Körpers ist.
Die erwähnte grundlegende Beziehung der Bewegungen zum Selbst-Sein als
dem Ursprung ihres Entstehens muß denn auch phänomenologisch verstanden
werden. Zwangsläufigkeit und Freiheit sind für uns keine metaphysischen
Begriffe, sondern die Modi der inneren Erfahrung bezüglich der vollzogenen
Bewegungen1,
Die echten Reflexe (die Eigen- oder Dehnungsreflexe der Muskeln und einige
Hautreflexe) sind der Prototyp der zwangsläufigen Vorgänge. Sie können
nicht willkürlich ausgeführt und bei ihrer Auslösung nicht unterdrückt werden.
Dies bedeutet, daß keine Situation m öglich ist, in der w ir als Sâbst-Sâende
eine Reflexbewegung vollziehen. Die Reflexbewegung geschieht von selbst und
ist (relativ) selbständig. Dennoch betrifft sie m ich selbst, mein -eigenes Dasein
in der Situation. Aber nur das Moment eines Bedrohtseins dieses Daseins
ermöglicht das Auftreten eines Reflexes. Funktionell ist die Reflex-Bewegung
also die zwangsläufige lokale Abwehr auf Grund eines örtlich bedingten Instinktes.
Das Betroffen-W erden in einem T eil meines Leibes verdrängt die eigentliche
Entfaltung der Situation, indem .es so sehr dominiert, daß mein Dasein seine
E igaitlichkät verliert und der Uneigentlichkät verfällt. Nicht mein eigentliches

» cf. xje Wabthens: Une Philosophie de l'Ambigüité, S. 328. Louvain 1951 : »La liberté
est tonjoora une rencontre, un passage, un échange de l'extérieur et de l’intérieur.«
74 Prinzipiell einer funktionellen Bewegungslehre

Selbst ist hier und jetzt als wahmehmend-handelndes tätig, sondern ich gehe
ganz in dem örtlichen Bedrohtsein meines Leibes auf. In der reflektorischen
Bewegung drückt sich daher der Verlust der Verfügungsgewalt über diesen
Körperteil aus, was wir an dem Unvermögen, den Reflex zu unterdrücken,
bemerken.
A udi mehr oder weniger komplizierte Bewegungen können sich zwangs­
läufig vollziehen, wie die Reaktionen bei Schrecken und Angst, die Abw ehr­
bewegungen und die Gleichgewichts-Wiederherstellungsreaktionen. Sie treten ohne
unser Zutun auf, „ehe wir davon wissen“ , wie man bezeichnenderweise sagt.
Sie können jedoch mehr oder weniger weitgehend unterdrückt werden, aber nur
dann, wenn man so sehr in die Situation eingeordnet ist, daß man über seinen
Leib verfügt. Dies gelingt meist, wenn man eine bestimmte Haltung annim m t
und dabei Muskelanspannungen entwickelt. Einen gut analysierten Fall bietet
uns das Einstellen auf Ausgleich eines Druckes oder Stoßes. Wenn eine solche
Einwirkung von einer bestimmten Seite zu erwarten ist, so können wir ihr durch
eine sog. Versteifungsinnervation oder durch die Intention einer rasch ent­
wickelten ausgleichenden Muskelanspannung derart Vorbeugen, daß durch den
Stoß keine Ortsveränderung mehr auftritt. Wer über Glatteis schreitet, ist auf
eine mögliche Gleichgewichtsstörung eingestellt. Dasselbe gilt im Gefecht, und
die Kunstfertigkeit des Angriffes zielt auf einen unerwarteten Schlag, auf den
die a«sgl*irh«>T>dft Einstellung also nicht ausgerichtet ist.
W ie unwillkürlich die Reaktionen auch sein mögen, sie betreffen dennoch
uns selbst und unser Dasein in der Situation und sind daher echte Selbst­
bewegungen. Ihre Zwangsläufigkeit beruht auf der Situation mit ihrem raschen,
unerwarteten W echsel. Die Situation ihrerseits wird jedoch mit durch das
Subjekt m it seinen Vorsätzen, Erlebnissen, seiner Vorgeschichte und seinen
spezifischen Absichten „gem acht" und die dominierenden Merkmale der Situation
kommen in der Reaktions- und Haltungsbereitschaft mit zum Ausdruck.
Außer den Reflexen als den unbeherrschbaren zwangsläufigen, Bewegungen
und den beherrschbaren zwangsläufigen Reaktionen gibt es viele von selbst,
unbewußt und autonom ablaufende Bewegungen1. Es gehören hierzu die meisten
Bewegungen des Alltags, auch alle partiellen (Homburg* auxüiare) Bewegungen
im Verlaufe einer freien, motivierten, beabsichtigten Handlung. Wenn ich aus
irgendeinem Grunde ein Buch aus dem Schrank holen will, schiebe ich meinen
Stuhl rückwärts, stehe in bestimmter Weise auf, gehe durch das Zimmer, indem
ich den Möbeln ausweiche und ergreife das Buch m it automatisch regulierter
Hand- und Armbewegung, Sämtliche partiellen Bewegungen geschehen „v o n
selbst“ . Sie sind vollkommen abgestimmt auf die Struktur der Umgebung und
abhängig vom Aufbau und den mechanischen Bedingungen des Körpers. A ber
auch Tradition, Stil und persönliche Erfahrung üben einen Einfluß auf sie aus.
Sie werden reguliert durch die optische Wahrnehmung und ihre während der
Bewegung stattfindende Umwandlung, wie auch durch die sensiblen Eindrücke,
die durch die Bewegung in den Körperteilen ausgelöst werden. Während wir

* Die autonomen Bewegungen sind auch automatisch, aber ebenso wie die zwangsmä&igen
Reaktionen und die willkürlich«! Bewegungen, dem Verlaufe nach. Die Einteilung Grün-
baums führt denn auch zu einem Verständnis des Freiheit«- und Zwang*l!Aiifigk«>t»»p^fB ¿or
Bewegung und ihrer Beziehung zum Selbst.
Die funktionelle Einteilung 75

darauf unten näher eingehen werden, darf die Vereinigung dieser so häufigen
Bewegungen zu einer Gruppe vorläufig genügen. Neben den Reflexen und
Reaktionen stellen sie also die autonomen Bewegungen dar. Sie verhalten sich zum
Subjekt so wie die beweglichen Körperteile, über die wir ja wie über Mittel verfügen
können. Zudem haben wir gelernt, sie zu gebrauchen, so wie wir gelernt haben,
einen Bleistift oder ein Fahrrad, aber auch unsere Arme und Beine zu benutzen.
Im Zusammenhang mit den sog, willkürlichen Bewegungen, die gänzlich von
uns selbst, ja von unserer W illkür abhängen sollen, braucht uns das viel umstrittene
Problem der W illensfreiheit hier nicht zu beschäftigen, da es auf einem
anderen Feld, auf einem anderen Niveau liegt. Die Willensakte als solche werden
innerlich vollzogen; als die Verkörperung eines Willensaktes ist die willkürliche
Bewegung eine äußerlich oder innerlich befohlene Tat. Der Ausführung geht
eine mehr oder weniger deutliche Vorstellung der Handlung, wenigstens der
Hauptrichtung ihrer Bewegung voraus. Auf mannigfache W eise hat man die
„Ursache" der willkürlichen Bewegung zu definieren versucht. Man spricht von
BewegungsVorstellungen, Bew egunppltnen oder Bewegungsschemen als den
„K eim en" für die Entfaltung der Bewegungsgestalten, wobei dann determinierende
Tendenzen, dominierende Faktoren, prospektive Einstellungen auf einen End­
punkt oder Zweck wirksam sein sollen1 — Begriffe, die jedoch keineswegs her
friedigend sind. Ebenso wie bei den Reflexen, Reaktionen und autonomen
Bewegungen ist uns völlig unbekannt, wie und wodurch die Ausführung einer
willkürlichen Bewegung zustande kommt.
Die alltägliche Erfahrung und Experimente über Widerstände, Störungen,
Nebenaufgaben usw. lehren uns jedoch, daß auch während der Ausführung die
willkürliche Bewegung noch an das Subjekt gebunden ist. Die Person beherrscht
die Ausführung, wenn auch nicht in allen Phasen. Im Maße dieser Beherrschung
liegt ein deutlicher Unterschied zu den bisher genannten Bewegungsgruppen.
Wenn die am meisten „freien " Bewegungen die vom Subjekt beherrschten sind,
so wäre eine vorläufige trans-empirische Einteilung der menschlichen Bewegungen
folgendermaßen durchzufuhren:
1. Reflexe oder zwangsläufige, selbständige Bewegungen;
2. Reaktionen oder zwangsläufige, beherrschbare Bewegungen;
3. autonome oder verfügbare Bewegungen;
4. willkürliche oder frei beherrschte Bewegungen.
Die Zukunft wird zeigen, wieweit diese Einteilung die Keime einer echten
Systematik in sich trägt und wieweit sie zur Einsicht in die grundlegenden
Beziehungen; der Bewegungen zum Subjekt wesentlich beitragen kann.

9. Die funktionelle Einteilung


Bei der Besprechung der Möglichkeit einer intra-empirischen und typo-
logischen Einteilung haben wir die Bewegungsstruktur an sich bedacht und zu
diesem Zweck ihren gestalteten Verlauf von der natürlichen situativen Bindung
und dem in diese eingelassenen Subjekt begrifflich isoliert. Beim Durchdenken
einer trans-empirischen Einteilung wurde die Beziehung zum Subjekt in den
Vordergrund gestellt. In beiden Fällen mußte die eigentliche funktionelle
1 F lach , A.: Psychomotorische Gestaltbildung. Aich. ges. Psychologie 91, 97 (1934).
76 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

Betrachtungsweise verlassen und durch eine deskriptive und genetische ersetzt


werden. Gerade hierdurch jedoch wurden die Bewegungen nicht mehr als vitale
F.r^rhpinnngpn angesehen, d. h. aber nicht mehr als Verhaltensweisen, die, unab­
hängig von ihrer physiologischen und psychologischen Deutung, in ihrer Gesetzlich­
keit selbständig als Gegenstand der biologischen Wissenschaft zu erforschen wären.
Das Überdenken einer möglichen funktionellen Ordnung der m enschlichen
Motorik führt uns nun wieder zur konkreten Wirklichkeit des sich situations- und
zeitgebunden bewegenden Menschen zurück. Bei der funktionellen Betrachtungs­
weise gehen wir ja von demselben Standpunkt aus wie bei einer entsprechenden
Einteilung des Körpers, bei'der wir, trotz der nach Entstehung und W irkung so
unterschiedlichen Teilmomente, dennoch etwa die Hand, die Beine, den K opf, auch
beide Augen zusammen, als Einheiten betrachten. Nur in ihrer Funktion, in ihrer
Bedeutung, ist etwa die Hand als eine Einheit üufzufassen, die auch die Bedeutung
cärntlirhpr Handteile und ihrer Beziehungen bestimmt1.
Nach dem Sinn kann man leicht zwei große Gruppen von Bewegungen unter­
scheiden. Die erste umfaßt sämtliche spontanen und reaktiven motorischen Äußerun­
gen, deren Sinn in ihrer Beziehung zu einem bestimmten Ziel, einem Endpunkt
Hegt. W ir nennen sie Handlungen, obwohl dieser Begriff dann einen weiteren
Inhalt als sonst üblich erhält. Die zweite Gruppe umfaßt sämtliche Ausdrucks-
bewegungm, die nicht auf das Erreichen eines Zieles gerichtet sind, sondern ihre
Bedeutung in sich selbst tragen.
Während diese beiden Gruppen auch bei den Tieren Vorkommen, gibt es
noch eine dritte, spezifisch mensehüche Gruppe von Funktionen, die der reprä­
sentativen Bewegungen. Ebensowenig wie die Ausdrucksbewegungen sind sie auf
ein äußeres Ziel gerichtet, aber sie beziehen sich wohl auf einen von der Bewegung
unabhängigen Sinn, auf den sie verweisen, den sie vertreten, den sie meinen.
D och bevor wir diese drei Gruppen näher betrachten, sei die Frage aufgeworfen,
ob es neben den sinnvollen auch sinnlose menschliche Bewegungen gibt.

10. Gibt es sinnlose Bewegungen ?


H alf man sich die zahllosen größeren und kleineren motorischen Erscheinungen
des menschlichen Alltags vor Augen, so könnte man zu der Meinung neigen,
daß derer viele ohne jede Bedeutung sind, indem sie weder auf ein Ziel gerichtet
sind noch etwas ausdrücken, auf etwas verweisen oder etwas bezwecken.
W ie oft erhebt man sich ja ohne Grund von seinem Stuhl, geht gedankenlos
hin und her, gafft sinnlos herum, bewegt die Finger, spielt mit einem Gegenstand,
U oplt auf eine Lehne, verzieht den Mund usw. Man sieht dies sowohl bei
Erwachsenen als auch bei Kindern, bei diesen sogar in stärkerem Maße. Gewöhn­
lich erklärt man diese unwillkürlichen Bewegungen als Äußerungen eines diffusen
Bewegungsdranges, einer innerlich oder äußerlich ausgelösten Reizung, die sich
in Bruchstücken von Handlungen und Ausdrucksbewegungen, in Haltungen,
Gebärden, Lauten äußert, ohne zu einer dieser Arten sinnvoller Bewegungen
red it eigentlich zu gehören. Manchmal sind es nur flüchtige Muskelzuckungen,

,1Das Büchlein von R évèst („Die menschliche Hand“) versucht eine funktionelle Dar­
stellung der Hand zu geben. Sehr schön: F ocuxon , H en ri, Éloge de la main, in: »Via das
Formes«, Paris 1947: »La main est action, elle prend, elle crée, et parfois on dirait qn’elle
pense« . . . »ainsi l'esprit fait la main, la main fait esprit.«
G ibt es sinnlose Bewegungen ? 77

Insbesondere beim kleinen Kind, im Schlaf oder bei starken Aufregungen.


Bei näherer Betrachtung unterscheiden sich diese Äußerungen eines natürlichen
Bewegungsdranges jedoch immer von den bei pathologischen Störungen
(z. B. Epilepsie) auftretenden Zuckungen. Im Gegensatz zu den Mer beob­
achteten isolierten Muskelkontraktionen stellen jene immer mehr oder weniger
koordinierte Bewegungen dpr, die durch spontane oder reaktive Unruhe ver­
ursacht werden. Ruckartig bewegt sich etwa der K opf seitwärts, wird die Schulter
hochgezogen, die Hand zu einer Faust geballt, das Bein hin und her geschleudert,
gebeugt und gestreckt, doch immer wirken viele Muskeln auf eine maßvolle
Weise zusammen. Ihrer Vollzugsweise nach sind diese motorischen Äußerungen
Teilmomente oder Schemen von Handlungen, Ausdrucksbewegungen und
Gebärden. Die Koordination kann bei diesen sog. sinnlosen Bewegungen oft sehr
fein eingestellt sein, z. B. beim gedankenlosen Zeichnen, beim spielerischen
Abtasten eines Gegenstandes und bei den zahlreichen Gewohnheitsbewegungen,
die ein jeder auf unwillkürliche, doch oft für ihn sehr bezeichnende Weise ausführt.
Lange hat man den sinnlosen Bewegungen wenig Aufmerksamkeit gewidmet.
Man faßte sie als Äußerungen einer Gereiztheit, einer „N ervosität" und Unruhe
auf. Erst die Psychoanalytiker, namentlich F reud , stellten die Frage, weshalb
diese Äußerungen beim einzelnen gerade in dieser bestimmten Weise auftreten,
weshalb sie bestimmte Formen zeigen.
So entstand die Ansicht, daß die scheinbar sinnlosen Bewegungen doch
einen Sinn haben, indem sie den symbolischen Ausdruck unbewußter Wünsche
und Abrichten darstellen. Indem ihre freie Äußerung unterdrückt wird, kommen
sie durch diese Verdrängung in umgewandelter Form zur Auswirkung. Sogar
Muskelzuckungen, wie die Ticks, wären dann nicht sinnlos, sie wären keine
zufälligen Kontraktionen, die durch pathologische Reizung und Reizbarkeit ün
Nervensystem entstehen, sondern die sinnbildlichen Entsprechungen unbewußter
Antriebe, Wünsche und Konflikte. Diese Betrachtungsweise bildet einen Teil
des ganzen „Mechanismus", der zur Erklärung des menschlichen Verhaltens von
der psychoanalytischen Schule F reud* angenommen wurde.
Sieht man von vielen allgemeinen theoretischen Grundlagen ab, so muß die
Richtigkeit vieler Bemerkungen in F reud * „Psychopathologie des Alltagslebens"
anerkannt werden. Ohne Zweifel gibt es scheinbar sinnlose Handlungen und
isolierte Bewegungen, die einen symptomatischen Charakter besitzen und Ver­
borgenes im Menschen zum Ausdruck bringen, F reud selbst behauptet
jedoch, daß durch Störungen somatischer Art, durch einen erhöhten Beweguhgs-
drang bei Aufregung und durch Ermüdung auch echte sinnlose Bewegungen auf­
treten können, die überhaupt keine funktionelle Bedeutung haben. Die Symptom-
handlungen jedoch müssen, ebenso Wie die ,.Fehlleistungen* ‘ wie etwa das Ver­
sprechen, Vergessen, Verlieren, den repräsentativen Bewegungen zugerechnet
werden, obwohl sie, ebenso wie viele andere sinnbildliche Handlungen, zugleich
Ausdruckscharakter zeigen können.
Die symbolischen- und Symptom-Handlungen können von den Ausdnicks-
bewegungen nicht immer unterschieden werden. Im übrigen werden wir
auch Übergangs- oder Mischformen aller Arten von Bewegungen, die in funk­
tioneller Hinsieht zu untersuchen sind, an treffen. Es ist daher ratsam, die
Handlung und die Ausdrucksbewegung zunächst in reiner Form vergleichend
78 Prinzipiell einer funktionellen Bewegungslehre

zu besprechen und ihre charakteristischen Merkmale zu ermitteln, um erst


danach die repräsentative Bewegung mit beiden zu vergleichen. Das rech tfertigt
sich um so mehr, als die repräsentativen Äußerungen des Menschen erst durch
sein geistiges Leben ermöglicht werden und nur eine kleine Gruppe m otorischer
F.rsrh#>intingt»n umfassen, nämlich die Gebärden, das Schreiben und das Sprechen1,
Demgegenüber stellen Handlungen und Ausdrucksbewegungen die beiden
Gnmdkategorien dar, nach denen wir die mannigfaltigen animalischen Bewegungen
ordnen müssen, soweit wir sie als Lebenserscheinungen im Sinne sinnvoller
Funktionen zu verstehen haben.

11. Der Unterschied von Handlung und Auadrucksbewegung


Vorausgesetzt, daß die beobachtete Bewegung eines Menschen oder Tieres
Hm* Funktion ist, können wir sie nur entweder als Handlung oder als Ausdrucks-
bewegung auffassen. Die Einsicht m den Selbst-Bewegungscharakter säm tlicher
vitalen Bewegungen schließt das Wissen um ihren Sinngehalt ein. Das Verhalten
kann aber auf verschiedene Weise sinnvoll sein. Unser Begreifen der Bewegungen
als Verhaltensweisen differenziert sich nach zwei Richtungen, nach der H andlung
und der Ausdrucksbewegung.
Wenn wir von der Sphäre animalischer Beziehungen im . Verhältnis v on
Individuum und Umwelt abstrahieren, sehen wir, wie nur der K opf, die Arm e, die
Beine eines Menschen, eines Kindes oder Tieres bewegt werden, oder wie das Indivi­
duum als Ganzes eine Ortsveränderung vollzieht, Sofern wir davon absehen, daß
wir ein sich bewegendes Individuum vor uns haben, wird die Bewegung ebenso
sinnlos, wie die des Wassers, der Flammen, der W olken oder der Bäume im W ind,
Eine derartige Sinnlosigkeit kann sich uns nur dann aufdrängen, wenn w ir auf
die Erfassung der Selbst-Bewegung verzichten und ein inneres oder äußeres
Bewegt-Werden, einen Prozeß also und keine Funktion, unterstellen. A uf diese
Weise betrachten wir etwa das Schlagen mit Annen und Beinen in einein epilep­
tischen Anfall.
D och schon das Strampeln des Wiegenkindes muß in anderem Sinne begriffen
werden. Wenn man hier einen diffusen Bewegungsdrang zugrunde legt, so ist
das dennoch ein Drang zur Selbst-Bewegung, deren Zwangsläufigkeit ganz
anderer Art als der Zwang in einem epileptischen Anfall ist. Wenn im letzteren
Fall eine komplizierte Gleichgewichtsstörung im Nervensystem als Reiz wirkt,
so wird demgegenüber das sich bewegende Kind als solches selbst gereizt. D ie
Bewegung verstehen wir als die Äußerung einer Affektion.
Das Phänomen eines strampelnden Wiegenkindes kann man auf den Grund­
lagen eines psycho-physischen Dualismus niemals begreifen. W elches Moment
ist hier psychischer — bewußt oder unbewußt — , welches physischer Natur, d . i ,
mechanisch ? Der m it meinen eigenen Beinen selbst strampelnde Säugling ist
zugleich der Erregte, Jähzornige, Hungrige, Erschrockene oder Zufriedene, der
Gesättigte, Frohe, Begehrende. „Jede Erregung ist auch eine Regung*', sagt
K lages m it Recht. P ie Selbstbewegung ist die Kehrseite der Erregung und
hat also den gleichen Sinn, sei eS auch, daß die Erregung als nach innen gewandte
(virtuelle) Bewegung für das Individuum, die Bewegung als zentrifugales
Phänomen demgegenüber für die Außenwelt sinnvoll ist. Oder mit anderen
1 Auch der darstellende Tanz, das Zeichnen Uiw.
Der Unterschied v o n H andlung und Ausdrucksbewegung 79

W orten: die Erregung ist Me W elt für das Selbst-Sein, die Bewegung das Selbst-
Sein für die Welt. Beide Momente bleiben immer unzertrennlich verbunden.
Wenn die Selbstbewegung fehlt» fehlt auch die Erregung und ohne diese gibt es
keine Selbstbewegung. Dies zeigt uns das strampelnde Kind, bei dem weder
von Handlung noch von Ausdrucks-Bewegung die Rede ist, weil das primitive
Selbst-Bewegen nicht auf ein Ziel gerichtet ist und keinen Ausdrucksgehalt hat.
Das Sich-Bewegen des Wiegenkindes ist sicher eine Verhaltensweise, aber die
Differenzierung in eine der beiden Hauptrichtungen hat sich noch nicht voll­
zogen. Dies meinen wir auch, wenn wir einmal urteilen: das Kind strampelt und
schreit vor Hunger und zum anderen m it gleichem R echt: das Kind will etwas
trinken. Im ersten Falle fassen wir die Bewegungen als Ausdrucksbewegungen
auf, die noch wenig charakteristisch und spezifisch sind und daher ebensosehr
Hunger als etwa Schrecken ausdriicken können. Im zweiten Falle verstehen wir
eben dieses Schreien und Strampeln als eine, wenn auch unzweckmäßige, un­
differenzierte und unspezifische Handlung, die ebensosehr auf das Erreichen eines
anderen Zieles als die Stillung, etwa auf das Aufgenommenwerden aus der Wiege,
ausgerichtet sein könnte. Bedenken wir die Verhältnisse, wenn jemand herumspa­
ziert oder ruhig dasteht. Ohne Zweifel gibt es dabei eine durch das Subjekt be­
dingte Aktivität, aber sie ist keine typische Handlung oder Ausdrucksbewegung.
Beim Stehen treten wechselnde Mnskelanspannungen auf, die zwar keine groben
Änderungen bewirken, die aber doch ein Tun bestimmten Inhalts darstellen, ebenso
wie das Halten eines Gegenstandes, das Offenhalten der Augen, das Geschlossen­
halten des Mundes. Für eine Handlung fehlt jedoch das Fortschreiten der Aktivität
in Richtung auf einen Endpunkt. Ziellosigkeit kennzeichnet nicht nur das Stehen,
sondern auch das Herumspazieren und jegliche Form einer spielenden Tätigkeit.
Hierin stimmen sie mit den angeführten sog. sinnlosen Bewegungen überein.
Das Gemeinsame solcher Tätigkeiten wie Stehen, Spazierengehen, Herumschauen
usw. ist eigentlich ein statisches Verhältnis zur Außenwelt und zur A ktivität selbst.
Es liegt darin eine Verwandtschaft m it den Ausdrucksbewegungen, so daß sie des
öfteren als Ausdruck von GefüUszusttnden oder Antrieben, Bindungen oder
Erregungen aufzufassen sind. Fragt man nach dem Grund des Spielens usw.,
so erteilt man meist die Antwort, es gäbe keinen, man mache es „nur s o ". Eine
genaue Selbsterforschung lehrt, daß die Tätigkeitsform gewählt wird, weil sie
„angenehm " ist. Es wird hier etwas getan, nur um es eben zu tun. Das ist am
deutlichsten beim Spiel, und die spielerischen Bewegungen müssen daher funk­
tioneil von Handlungen und Ausdrucksbewegungen unterschieden werden,1
Die Handlung ist am meisten dynamisch, sie bewegt sich auf ein Ziel hin;
Ausdruck und spielerische Bewegungen entspringen einem konstanten Verhältnis
zu den Dingen. Ein Ausdruck spiegelt ja einen inneren Zustand, das Spiel ist ein
B esch äftigt-S «» mit etwas. Am meisten statisch sind die Mallungen, das Stehen,
Sitzen, Liegen und die Haltungen der Glieder. Eine Haltung ist ein .aktives
Nicht-Bewegen oder ein aktives Sich-Entspaimen, eine Ausgangslage für Be­
wegung oder Ruhe; aber sie kann auch der Ausdruck eines Empfindens oder
unseres Verhältnisses zur Umgebung (z. B. Aufmerksamkeit, Staunen) sein.
Nach diesen Überlegungen leuchtet ein, daß Haltung und Bewegung oft doppel-
sinnig sind und oft gar eine Unterscheidung von Handlung und Ausdrucks-
1 Vgl. hierzu meine Abhandlung: „Das Spiel von Mensch und Tier." Berlin 1933.
80 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

bewegung unmöglich ist. Diese Unterscheidung gelingt nie, wenn wir nur einen
Teil der Situation oder eine einzige Phase des Verlaufes Überblicken. D er fu n k­
tionelle Gehalt entsteht ja erat durch die Beziehung zwischen der Situation u n d
ihrer Entwicklung.
W erfe ich im Vorübergehen an einem Hause einen Bück in ein Zimmer u n d
sehe dort jemanden m it erhobener flacher Hand, so kann dies alles M ögliche b e­
deuten : die Phase einer Handlung, etwa das Erschlagen einer Mücke, den A us­
druck des Schreckens oder der Abneigung, sogar einen Gruß, also eine repräsen­
tative Gebärde. Lassen wir Letzteres beiseite, so bleibt die Möglichkeit eines
Verstehens als Handlung oder Ausdruck. Ob die Bewegung im ersten oder im
zweiten Sinne zu verstehen ist, hängt davon ab, ob wir ihre Ausrichtung auf einen
Sinn unmittelbar mitsehen, diesen Sinn dem Beobachteten entnehmen können.
Dazu jedoch ist Einblick in die Situation und ihre Entwicklung erforderlich.
Erst daun differenziert sich unsere Auffassung, indem sich der W esensunterschied
von Handlung und Ausdrucksbewegung zeigt. Im ersten Falle gibt es eine B e­
ziehung zwischen dem konkreten Phänomen der Bewegung und einem Punkt, auf
den sie gerichtet ist, wo sie endet, d. h. ihre Bestimmung, ihr Ziel erreicht. Im
zweiten Falle ist die Bewegung ein Bild, d. h. das Sichtbarwerden eines Sinnes in
einer Gestalt.
Die Hauptemteüung der Bewegungen in Handlungen und Ausdrucks­
bewegungen beruht nicht auf einigen zufälligen Merkmalen oder auf vorausgesetz­
ten Ursachen, sondern sie gründet h i einem w esen tlich en Unterschied von m ensch­
lichem und tierischem Verhalten1,
Stellen wir uns das Gesicht eines Menschen vor, der etwas Hartes zerbeißt.
Niemand wird leugnen, daß der Biß eine Handlung ist und das Bild des A ntlitzes
durch die Anspannung sämtlicher Muskeln, die das Ziel erreichen helfen, ver­
ständlich wird. Um dies verstehen zu können, muß jedoch der Anlaß dieser
an sich fremden, asymmetrischen Verziehung des Gesichtes bekannt sein oder
jedenfalls vermutet werden. Erat in der Annahme, daß die Person etwas tu t,
kann man die Abweichung in den gewöhnlichen, ruhigen Zügen als eine Phase im
Verlauf einer Handlung verstehen, so daß sich das Bild im Lichte des Begriffes
der Handlung erhellt. Gibt es eine solche Annahme oder Erwartung nicht, so
kann dasselbe Bild des Gesichtes nur als Ausdruck verstanden werden. D as
Muskelspiel ist dann nicht mehr auf das zukünftige, z, B. das Durchbeißen einer
Nuß gerichtet, sondern die Züge erhalten eine eigene Bedeutung, die vom Zu­
stand der inneren und äußeren Situation abhängt. Die mimischen Züge müssen
als ein Bild für sich aufgefaßt, werden, nämlich als Ausdrucksbüd**.
Dieses Beispiel ist nicht nur lehrreich zur Darlegung des apriorischen Charak­
tere der Begriffe Handlung und Ausdruck, sondern es zeigt auch, wie eine Handlung
zugleich Ausdrucksbewegung sein kann. Beißt nämlich jemand auf etwas sehr
Hartes, oder auf etwas Härteres als er erwartete, so ist die einseitige Anspannung

i Die Verhaltensweisen müssen sich hauptsächlich in Handlungen und Ausdrucksbewegun-


gen differenzieren, we.il das animalische Leben ein Mitlehen mit den Dingen ist, mit ihrem
Zustand, d. h. wie sie sieh zum Subjekt verhalten und mit ihrer Veränderung, d. h. wie aie
sich zum Subjekt verhalten werden. Das Mitleben ist prospektiv und gegenwärtig.
* Dieses Beispiel und ein Teil der folgenden Betrachtungen sind der „Deutung des
mimischen Ausdrucks", Philos. Anz. 1, S. 1 (1925) entnommen (Buvtbndijk u. Plkssnbr).
Der Unterschied von H andlang und Ausdrucksbewegung 31

der Gesichtsmuskeln, wobei vielleicht auch ein Auge zugekniffen wird, nicht mehr
ausschließlich ein Mittel zum Erreichen des Zieles. Gewisse Muskelkontraktionen
und Spannungen würden sinnlos, wenn man die Gesichtszüge allein als Phase
einer Handlung anslhe. Man spricht dann von „überflüssigen" Bewegungen oder
ziellosen Mitbewegungen. Biese bedingen jedoch gerade den Äusdruckscharakter
des Antlitzes, gestalten ein Bild, das den Zustand darstellt, den vorhandenen
Widerstand und die Anstrengung, die Überraschung und das Mühsame.
Bei einer näheren Betrachtung der -Merkmale von Handlung und Ausdrucks­
bewegung können wir den bereits geschilderten Unterschied noch weiter heraus­
arbeiten. Weil eine Handlung nach einem Ziel ausgerichtet ist, sich einer Endphase
als ihrer Vollendung immer mehr nähert, schreitet sie sukzessive fort und ändert
sich von Augenblick zu Augenblick. Macht man von einer Handlung eine
Momentaufnahme, so ist das Bild, das ja nur eine Durchgangsphase darstellt,
meistens unverständlich, sinnlos.
Ganz anders gestaltet sich bei einer Ausdrucksbewegung das Verhältnis
zwischen ihrem Sinn und dem Verlauf sowie der Zeit im allgemeinen. Der Aus­
druck trägt seine Bedeutung in sich, ist seinem Wesen nach nicht auf ein Ziel
gerichtet. Die in der Zeit verlaufende Veränderung der Ausdrucksbewegung
braucht selbst keinen Sinn zu haben. Der Anfang eines zornigen Gesichts­
ausdruckes ist, weil undifferenziert, vielleicht noch undeutlich, stellt aber bereits
eine zunehmende W ut dar. Diese selbständige Bedeutung einer jeden Phase
zeigt sich noch deutlicher, wenn sich in der Entwicklung des Ausdrucksbildes
mehrere Zustandsänderungen abspielen, wie beim Schmecken oder wenn man
einem dramatischen Ereignis folgt. Im Gegensatz zu der Handlung ist bei der
reihen Ausdrucksbewegung die ganze Bedeutung im Bilde einer jedèn Phase
enthalten, wenn sich auch diese Bedeutung in der Zeit verwandeln kann, z. B.
im Sinne einer Entwicklung oder eines Übergehens in eine andere.
Eine Handlung läuft ab, aber ein Ausdruck dauert. Von einer Handlung ist zu
erwarten, daß sie in einer bestimmten Zeit ausgeführt wird. Sie beginnt in einem
objektiv feststellbaren Zeitpunkt und ist auch in einem bestimmten Augenblick
zu Ende. Eine Handlung hat einen Verlauf. Ohne ihre funktionelle Bedeutung
zu'verändern, kann man sie schnell oder langsam ausführen. Eine Ausdrucks­
bewegung dagegen stellt sich ein, schwillt an und klingt a b ; sie durchläuft dabei
mehrere Differenzierungsphasen, ohne eine Zeitdistanz zu durchmessen. Die Zeit ist
als ein integrierendes Moment in die Funktion selbst einbezogen. Die Dauer eines
Lachens oder Weinens verwandelt ihren Ausdrucksgehalt. Die Zeit hat nicht nur
einen Intensitäts-, sondern auch einen Qualitätswert für die Ausdruckserscheinun­
gen. Eine Unterscheidung Bergsons übernehmend, können wir sagen, die Handlung
vollziehe sich in einer »tem ps espace«, der Ausdruck in einer »tem ps durée«.
Die »tem ps espace« können wir objektiv feststellen, nicht aber subjektiv
erleben. So lehrt die Erfahrung denn auch, daß wir im Handeln keine Zeit erleben,
sondern daß jede Tätigkeit uns die Zeit vergessen läßt. Bei einer Ausdrucks­
bewegung jedoch bildet die Dauer ein integrierendes Moment des innerlich
Erlebten, bestimmt die Qualität des Gefühls oder der Stimmung m it, ohne in einer
Aufeinanderfolge von Zeitmomenten teilbar zu sein1.i
i Vgl. von W bizs Ac k xm Begrifl der „zeitüberbriickenden Gegenwart" („Wahrheit und
.Wahrnehmung". Leipzig 1942) und den verwandtenBegriffM inkow sk » : »Synchronisme vécu«.
BuyUndük, Hzltun, tu*! Bcmpug 6
82 Prinzipien einer funktionellen Bewegungslehre

W ir definierten eine Funktion als ein auf etwas anderes sinnvoll bezogenes
Geschehen. Die Handlung ist auf ihr Ende als auf ihr Ziel bezogen; der A usdruck,
der seinen Bedeutungsgehalt in sich selbst trägt, ist auf unser So-Sein-m -
der-W elt bezogen. Fragt man bei einer Handlung, wohin sie führt, so erkundigt
man ach beim Ausdruck nach dem Zustand, in dem einer sich befindet.
Diesen Zustand lesen wir an den Gesichtszügen» der Haltung, dem B ück
und den Bewegungen ab, weil die Ausdrucksbewegungen die Gemütsverfassung
offenbaren.
Die Ausdrucksbewegungen sind nicht nur zwecklos, sondern sie können sogar
sehr unzweckmäßig sein. Und dennoch haben sie eine Bedeutung als Offenbarung
pjnw inneren Zustandes. Wenn Mensch und Tier ausschließlich als zielgerichtete
Strukturen (Maschinen) begriffen werden könnten, dann könnte es keine Aus­
drucksbewegungen geben. So hat D a r w i k denn auch ihr eigentliches W esen ver­
kannt, indem er sie als Reste zweckmäßiger Handlungen auffaßte. Das W esen des
Lebendigen beruht also nicht auf der Leistung, dem Tun von etwas, sondern auf
dem Selbst-Sein in einer Situation, das sich durch das Tun erhält. So sind die
Bewegungen, welche den inneren Zustand, die „Befindlichkeit" dieses Selbst-
Seins zum Ausdruck bringen, ursprüngliche Funktionen, die weder auf H and­
lungen reduzierbar sind noch aus ihnen entspringen.
Es ist nicht immer leicht, die repräsentativen Bewegungen von Ausdruck und
Haltung zu unterscheiden. Das findet seinen Grund darin, daß wir inneres und
äußeres Leben, die in der konkreten Einheit der Existenz unmittelbar verbunden
sind, im reflexiven Denken über unser eigenes und anderes Dasein in zwei Seins­
weisen gespalten auffassen, die scheinbar in Beziehung zueinander stehen, indem
das Innere das Äußere gewollt hat und dieses das Innere repräsentiert. Deshalb
ist die Frage nach einer Handlung und Ausdrucksbewegung zweideutig. Man
kann darauf zwar antworten, daß eine Handlung einen bestimmten Vorsatz, pin*»
Absicht „vertrete", während ein Ausdruck demgegenüber ein Gefühl oder eine
Stimmung „repräsentiere" . D och ist eine derartige Ausdrucksweise m etaphorisch,
wenn wir die ursprüngliche, funktionelle Struktur der Bewegungen im B licke
haben. Erst sekundär können sämtliche Handlungen und Ausdrucksbewegungen
einen repräsentativen Charakter erhalten, wobei sie jedoch ihren ursprünglichen
funktionellen Sinn verlieren. Sie sind dann keine echten Handlungen, keine
Ausdruckserscheinungen mehr, sondern verwandeln sich intentional in Gebärden,
Eine repräsentative Bewegung ist nur beim Menschen möglich und besteht in
einer Gebärde, im gesprochenen W ort oder dessen Ersatz in Zeichensprache
und Schrift. Es ist charakteristisch für diese repräsentativen Bewegungen, daß der
Sinn der Bewegung nicht anschaulich gegeben ist. Die Bewegung verweist auf
etwas anderes, das nicht in ihr selbst liegt und worauf sie sich auch nicht bezieht.
Zwischen Zeichen und Bezeichnetem besteht denn auch eine ganz andere B e­
ziehung als zwischen einer Ausdnicksbewegung und ihrem Sinn oder einer Hand­
lung und ihrem Ziel. Beim Sprechen etwa gestaltet sich zwischen dem W ahr­
nehmbaren und seiner Bedeutung ein viel lockereres Verhältnis als bei Ausdruck
und Handlung. In diesen erscheint der Sinn sichtbar, beim Sprechen wird er durch
das W ort nur vertreten. Man kann denn auch unmöglich die repräsentativen
Bewegungen aus den Ausdrucksbewegungen ableiten. Das zeigt sich am deut­
lichsten in den Theorien über den Ursprung der menschlichen Sprache und die
Die Problem atik von H aitang und Fortbewegung 83

Mißverständnisse über die sog. Sprache der Tiere1. Es ist unangemessen, bei
Tieren repräsentative Bewegungen anzunehmen. Was man dafür ansah, sind
Ausdrucksbewegungen oder Handlungen mit Ausdruckscharakter. Oben haben
wir schon darauf hingewiesen, daß es zwischen den Grundformen der motorischen
Funktionen einen gegenseitigen Zusammenhang gibt. Einer der wichtigsten ist
wohl, daß fast jede Handlung und jede Gebärde durch die W eise ihrer Aus­
führung Ausdrucksgehalt besitzt. Während sich ein Ausdruck bei jeder, sogar
minimalen Variation der Ausführung in seiner Bedeutung verändert, wie das
vor allem die Mimik zeigt, kann eine Handlung in mehrfacher W eise ausgeführt
werden. Es gibt viele „W ege“ zur Erreichung des Zieles, zur Erfüllung des Sinnes
der Handlung.

B . D ie P ro b lem a tik v o n H a ltu n g u n d F ortbew egu n g


I. Das Stehen (die automatische Spannungsverteilung)
1. Einleitung
Im Ablauf der menschlichen Selbstbewegung kann eine stehende Haltung
entweder eine Endphase oder einen Ausgangspunkt darstellen, das Resultat einer
Handlung: erreichtes Ziel beim Aufstehen oder Anhalten, ekler eine Ausgangslage
als erste Phase einer neuen Tätigkeit. D och in beiden Fällen zeigt sich das Stehen
von der beendeten oder zu beginnenden Handlung abhängig.
Schließlich haben wir früher gesehen, daß das Stehen auch einen Ausdrucks­
gehalt haben kann, und zwar nicht nur den einer Stimmung oder Gemütsbewegung,
sondern daß sich auch die Persönlichkeit als solche darin ausdrücken kann. Die
Eignung des Stehens zum Ausdruck von Gefühlen ist verständlich. Das Aufstehen,
und Stillstehen bricht ja eine Tätigkeit ab oder verändert diese grundlegend und
eine solche Verwandlung muß wohl mit einer Veränderung der seelisch erlebten
Beziehung zur Außenwelt, also m it einer Gemütsbewegung oder Stimmung
einhergehen. Sie kommen in der W eise des Stehens zum Ausdruck. So steht
man anders, wenn man aus H öflichkeit oder Ehrfurcht aufstand, als wenn man
vor W ut aufsprang. Stillstehen zum Lauschen ist ein anderes Stehen, als das
Anhalten am Ziel eines Ganges oder bei Behinderung durch einen W iderstand.
Nicht weniger verständlich ist, daß in der W eise des Stehens auch das persön­
lich Charakteristische zum Ausdruck kommt. Es gibt fast keine A ktivität, die so
sehr den ganzen Leib einbezieht und in der die gegenseitige Lage der Glieder und
die Haltung des Kopfes so viele, nicht durch die Umstände bedingte Variationen
zeigen können. Es läßt sich auch ein kindliches, weibliches, männliches Stehen
unterscheiden. Ein Arbeiter steht bei seiner Tätigkeit anders als ein Soldat auf
W ache. Wir kennen ein bezeichnendes Anhalten aus Ermüdung, ein gelangweiltes,
nervöses, gespanntes, munteres, ängstliches Stehen usw. Man sieht es gewöhnlich
einem Menschen an, weshalb er steht, und bis zu einem gewissen Grade spricht die
Haltung nicht weniger vom inneren Leben, vom Temperament, vom Individuell-
Charakteristischen, als es die Gesichtszüge tun.
Formal könnte man die funktionelle Bedeutung des Stehens in seinem Doppel­
aspekt als Anfang oder Ende einer Bewegung mit anderen W endepunkten unserer
1 BuYTKimjK. F. J. J.: Traiti de Psychologie animale. Paris 1952.
6*
84 Die Problem atik von Haltung und Fortbewegung

Bewegungen vergleichen. Streck- oder Beugestellung des Armes, Offen- oder


Geschlossenhalten der Hand, des Mundes oder der Augen stellen, ähnlich dem
Stehen, statische, entweder am Anfang oder am Ende einer Bewegung auftretende
Momente dar, die durch ihre Vollzugsweise Ausdruckscharakter erhalten.
Wenn wir jedoch von allen diesen statischen Momenten in der m enschlichen
Dynamik gerade dem Stehen unsere besondere Aufmerksamkeit widmen, so hat
dies verschiedene Gründe. Nahezu sämtliche Haltungen der Körperteile sind nur
flüchtige Umkehrphasen, die im mannigfachen Wechsel des menschlichen Tuns
meist nur geringe Bedeutung haben. Das Stehen jedoch ist einer der ausgepräg­
testen und spezifischsten Zustände der menschlichen Motorik, die in der
Entwicklung des Kindes den wichtigen Moment des Anfangs einer optim alen
orientierenden Position im Raume darstellen. In dieser Position bildet sich — durch
das Freiwerden der vorderen Extremitäten vom Boden, durch die größtm ögliche
Freiheit der Kopfbewegungen und das maximale Blickfeld — das menschliche
Tätigkeitsfeld der Hände, in dem sich jede Handlung unter Führung der Äugen
vollziehen kann. Das stehende Kind wird außerdem bald gehen und sich wenden
und so die W elt betreten und ihr aktiv entgegentreten können.
Das Stehen ist nicht nur eine typisch menschliche Haltung, sondern auch die
Grundhaltung der höheren Tiere. Aus diesem Grunde hat sich die Physiologie
für dieses Phänomen interessiert. Wenn sich auch das menschliche von jeglichem
tierischen Stehen, auch dem der anthropoiden Affen, in der Ausführungsweise
gänzlich unterscheidet, so ist doch die Strecksteilung der Extremitäten und der
Widerstand, der gegen bedrohliche Störungen der Haltung entwickelt wird, beiden
gemeinsam. Mensch und Tier behaupten ihre stehende Position. Außerdem
geschieht sowohl das Aufstehen als das Stehen-Bleiben „von selbst''. Mit diesem
Ausdruck meint man in der Physiologie, daß Stehen und stehende Haltung sich
ohne Zutun jenes Momentes einstellen, für das man nur unbestimmte Begriffe
übrig hat, indem man es „das Bewußte", die „höheren Funktionen", das „W ill­
kürliche", das „Psychische" nennt. Dies gehört jedenfalls nach der üblichen
Ansicht nicht zum körperlichen (physiologischen) Geschehen, oder man sieht es
doch als so „verw ickelt" an, daß es sich einer kausalen Analyse entzieht. Lassen
wir jedoch den im Begriff „von selbst" liegenden theoretischen und methodischen
Standpunkt beiseite. W ir stellen nur fest, daß unser Stehen und das Einhalten
unserer Körperhaltung, wie die Selbstbeobachtung lehrt, „größtenteils" ohne
Zutun des Bewußtseins stattfinden. Der Physiologe glaubt daher genügend Grün­
de für die Voraussetzung zu haben, daß eine Analyse des Stehens im Tierexperi­
ment möglich sei, und daß es auf diese Weise als körperlicher Prozeß begriffen
werden könne. Hier tut sich nun das für unsere Untersuchung zentrale Problem der
reflektorischen Spannungsverteilung in den Muskeln bei der Behauptung der
stehenden Haltung auf.

2. Die Mechanik des Stehens


Die Beantwortung dieser Frage fordert jedoch als Grundlage eine Einsicht in
die beim Stehen auftretenden mechanischen Verhältnisse. Die Physiologie
begnügt sich hier mit einigen allgemeinen Gesichtspunkten. Daneben ist die
mechanische Analyse ausführlich vom anatomischen Gesichtspunkt aus entwickelt
worden. Ihre Resultate sind für unsere Einsicht in die speziellen Muskelwirkungen
Die Mechanik des Stehens 85

sowie io die pathologischen Haltungsabweichungen und deren Verbesserung durch


orthopädische Eingriffe oder heilgymnastische Übungen fruchtbar.
Die Mechanik des Stehens geht von einigen schematischen Körperhaltungen
aus. Man nimmt gewöhnlich drei Grundtypen an: die normale Haltung, die
militärische Haltung und die gelöste Haltung. Von normaler Haltung spricht
man seit B raune und F ischer , wenn der gemeinsame Schwerpunkt von K opf,
Rum pf und Annen vertikal über der gemeinsamen Achse der Hüftgelenke, der
Schwerpunkt der oberhalb des Knies befindlichen Körpermasse vertikal über der
Achse durch beide Kniegelenke, u n i der Schwerpunkt des ganzen Körpers über
der Achse der Sprunggelenke gelegen sind. Die Bezeichnung „norm al" schien
gerechtfertigt, weil hier annäherungsweise ein Gleichgewichtszustand erreicht wird,
der sich theoretisch ohne Spannungen der Muskeln oder Bänder behauptet. Eine
derartige Haltung kann nur für einen Augenblick beibehalten werden. Jegliche
Abweichung macht natürlich einen Ausgleich durch die W irkung von Muskeln
oder Bändern erforderlich.
, Bei der sog. militärischen Haltung wird der Schwerpunkt des Körpers nach
vorn verlagert. Der Brustkorb wird aufgerichtet und vorgestreckt, der Bauch
eingezogen und das Becken nach vom gelappt. Die Knie sind gestreckt, manch­
mal überstreckt; die Lendenlordose wird vermehrt. W eil in dieser Stellung der
Schwerpunkt des Rumpfes vor der gemeinsamen Achse der Hüftgelenke liegt,
müssen die Streckmuskeln dieses Gelenkes angespannt werden. Auch die W aden­
muskeln sind angespannt. Es ist eine gespannte Haltung, die uns befähigt, auf
Befehl baldmöglichst mit einer Vorwärtsbewegung zu reagieren. Dazu genügt
schon die Lösung der Spannung in der Gesäß- und Wadenmuskulatur.
Im Gegensatz zur militärischen Haltung rückt der Körperschwerpunkt bei der
sog. gelösten Haltung nach hinten. Die Folge ist eine Entspannung der Gesäß­
muskeln und die Anspannung des ileo-femoralen Bandes. Die Beckeijneigung ist bei
dieser Stellung verringert, die Brust eingezogen, der Bauch tritt hervor. Die
Schwerpunktslinie des ganzen Körpers läuft vor der Sprunggelenksachse, so daß
die Wadenmuskeln angespannt sein müssen. Diese Haltung tritt besonders bei
Ermüdung auf und läßt die Streckmuskeln des Rückens und des Hüftgelenks
ausruhen.
Die militärische Haltung und die besser Ermüdungshaltung zu nennende
gelöste Haltung sind Abweichungen vom Normalstand in zwei Richtungen.
Erster© ist eine übertrieben aktive Haltung als Ausgangslage für die Marsch-
bewegttilg des Soldaten. Bei Ermüdung dagegen hängt man sich soviel wie nur
m öglich in seine Bänder und strengt die Muskeln m öglichst wenig an.
In der normalen Haltung stellt sich, besonders wenn dabei das Becken durch
Anspannen der Gesäß- und Bauchmuskeln etwas zurückgekippt wird, eine „aktive
R uhe" ein. die in vollkommenster Weise Wesen und Sinn des Aufrecht-Stehens
als Beziehen einer Position, in der man sich der W elt entgegenstellt, zum Ausdruck
bringt. Darauf ist vielleicht zurückzuführen, daß diese aktive Ruhehaltung
ästhetisch am meisten befriedigt und im Sinne einer „idealen" Haltung immer
mehr als Leitbild und Ziel der Leibeserziehung angenommen wird1. Die Bedin-
„ 1 Namentlich B. Mbnsendieck (u . a. Funktionelles Frauenturnen. .München 1923)
hat auf den hygienischen und ästhetischen W ert dieser Haltung hingewiesen. Es müssen
dabei di© Knie gestreckt, aber nicht überstreckt sein und die Füße parallelstehen.
86 Die Problem atik von Haltung und Fortbewegung

gungen, die eine stehende Haltung ermöglichen, liegen teils im Aufbau der G elenk­
kapseln und Bänder, teils in Anordnung und Innervation der Muskeln. Ganz ohne
Muskelaktivität ist ein freies Stehen unmöglich. Das liegt an der Labilität des
Gleichgewichtes der Körperteile, deren gemeinsamer Schwerpunkt oberhalb der
sehr beweglichen Gelenke liegt. Von den ersten Untersuchungen von B o re lli *1
(1679) bis zu den exakten Messungen von B raune und F ischer1, hat m an
Schwerpunktsbestimmungen zur Grundlage der Mechanik des Stehens (und
Gehens) gemacht8.
Zur begrifflichen Klärung des Stehens als Prozeß und Funktion ist eine E in­
sicht in die ununterbrochene Muskelaktivität und ihre Veränderung schon beim
geringsten Stellungswechsel erforderlich. Bei jeglicher anderen Form des Stehens,
wenn man sich mehr oder weniger auf ein Bein stützt, beim Wechsel der H altung
der Arme und des Kopfes, beim Anlehnen oder beim Tragen von Lasten, stellt sich
jeweils - eine andere Muskelwirkung ein. Auch beim Stehen in einer der drei
genannten Grundstellungen zeigt der Körper Schwankungen, vor allem vor- und
rückwärts. Neueren Untersuchungen (S childbach *) zufolge sind die Schwankun­
gen bei zusammengenommenen Hacken am geringsten bei einem Winkel v on 30— 45°
zwischen den Füßen. Bei einer Spreize von zwei Fußbreiten sind die Schwankun­
gen noch geringer. Es gibt wichtige individuelle Unterschiede; Übung hat dagpg^n
keinen Einfluß. Allerdings bewirkt, wie allgemein bekannt, das Schließen der
Augen eine größere Standlabilität. Ob es auch bei Blinden eine größere Labilität
gibt, ist mir nicht bekannt.
In der Frage der zweckmäßigsten Haltung beim Stehen bestand lange Zeit keine
Übereinstimmung. Die Beantwortung dieser Frage ist von praktischem In ­
teresse für die optimalen Bedingungen verschiedener Arbeitsformen, welche die
freie Wahl der Haltung und ihre Abwechselung beschränken. Auch für Menschen,
die stehen müssen, kann eine Verbesserung der Haltung auf die Dauer von
hygienischer Bedeutung sein, zumal eine „schlechte" Haltung verschiedene
pathologische Abweichungen zur Folge haben kann (Rückgratverkrümmungen,
Abweichungen in Knie- und Fußstellung, Plattfüße, schlaffe Bauchmuskeln usw.).
Je mehr unsere Kenntnisse über das Stehen durch die Untersuchungen von
Psychologen, Arbeitsphysiologen und Orthopäden gewachsen sind, desto mehr
wächst auch unsere Überzeugung von der geringen „instinktiven" Sicherheit des
Menschen selbst für die gewöhnlichste Körperhaltung. Das Stehen ist nur hin­
sichtlich allgemeiner Merkmale eine vitale Funktion, in seinen Besonderheiten ist
es von vielerlei Faktoren abhängig. Seine besondere Weise wird auch in hohem
Maße durch die Tradition und den Stil einer Bevölkerungsgruppe bestim m t, w o­
durch hygienische und funktionell zweckmäßige Momente in den Hintergrund
treten können.
1 B orelli : De Motu Animalium, Lugduni Batavorum 1679.
1 B raune u . F ischer : Über die Lage des Schwerpunktes des menschlichen Körpers.
Abh. Math, und Phys. Kl. Siebs. Ges. Wiss. 45 (1889).
* Stein dler ; Mechanics of normal and pathologieal locomotion in man. p, 34. London
1935. — Die Lage des Schwerpunktes bei den Tieren steht in engem Zusammenhang mit ihrer
Lokomotion: "From the phylogenetic point of view it is of extreme interest to follow ihe
changes in the Situation of the weight Center from species to species, ainee its poaition is
almost symbolical for the character of locomotion.”
* Schildbach : Arbeitsphysiologie. 11, 158 (1940).
Die Mechanik des Stehens 87

Bei der Ermittlung der zweckmäßigsten W eise zu stehen, können wir den von
M en se n d iic k entwickelten Gedanken nicht übergehen. Die erwähnte Haltung
von aktiver Ruhe ist ihrer Ansicht nach die zweckmäßigste und hygienisch vor­
teilhafteste, weil sie — insbesondere während des Wachstums — eine harmonische
Entwicklung fördert und häufig vorkommenden pathologischen Abweichungen
zuvorkommt, Außerdem sei diese Haltung der weiblichen Gesundheit zuträglich,
weil durch die erforderliche Anspannung der Bauchmuskeln und das ausgiebigere
Rückwärts-Kippen des Beckens die Bauchorgane wie in einer Schale gehalten
würden. Eine nähere Erörterung der detaillierten Zweckmäßigkeitsbetrachtungen
M ensendieck * würde uns hier zu weit führen; wir wollen nur auf zwei ihrer all­
gemeinen Prinzipien hinweisen. Das eine betrifft die Fußstellung, das andere die
Methode der Haltungsverbesserung.
M e n s e n d ie c k hat sich mit großem Nachdruck für ein Stehen m it parallel­
gerichteten Füßen eingesetzt. Lange Zeit warf man dagegen ein, dies sei unnatür­
lich, weil kaum jemand „von selbst“ diese Fußstellung einnehme. Das ist jedoch
unrichtig, denn diese Stehform ist bei Naturvölkern recht allgemein verbreitet und
auch Kinder stehen vorzugsweise mit parallelen, .manchmal sogar m it nach innen
gewandten Fußspitzen.
G aulhofer 1 hat das Problem der Fußstellung historisch, soziologisch, ana­
tomisch und funktionell genau untersucht. Für eine eingehende Orientierung
findet man in seinem Werk alle Angaben aus der Literatur in vorzüglicher, kriti­
scher Weise besprochen. Er zeigt den Wechsel der Fußstellung in verschiedenen
Kulturperioden und die traditionelle Bedingtheit des Stehens m it nach außen
gewandten Fußspitzen bei geschlossenen Hacken. Besonders in der zweiten
H älfte des 19. Jahrhunderts hat man die militärische Haltung m it auswärts ge­
wandten Füßen als normaler angesehen und aus anatomischen und bewegungs-»
mechanischen Gründen verteidigt. Auch für den Turnunterricht wurde diese Fuß­
stellung als die am meisten erwünschte gefordert. G aulhofer zufolge ist M en sen ­
d iec k wahrscheinlich die erste Turnlehrerin, die das Stehen in paralleler Fuß­
stellung vertrat*.
G aulhofe R» funktionelle Einteilung der verschiedenen Formen des Stehens
erscheint uns wichtig. Er unterscheidet A rbeitsteilungen, Ausgangsstellungen,
Ruhestellungen und Schaustellungen und zeigt in einer Kulturgeschichte der
Haltung, wie die Stilformen insbesondere durch militärisches Reglement, durch
das Fechten und den Tanz bestimmt wurden und wie sie das ästhetische Em p­
finden geformt haben. Die parallele Fußstellung wird auch von G aulhofer als die
zweckmäßigste angesehen*.
Mensendieck* weiteres Prinzip zur Methode der Haltungsverbesserung ver­
dient unsere Aufmerksamkeit, weil es in das wichtigste Problem der funktionellen

1 G aulmofer, K,: Di© Fußhaltung; ein Beitrag zur Stilgeschichte der menschlichen
Bewegung. Kassel 1930.
* a. a. O. S. 181.
* So schreibt er S. 213 ; „Von einigen wenigen Fällen abgesehen, in denen die Auswärts­
drehung des Fußes bereits im Knochenbau festgelegt ist, zeigt sich ganz klar die Notwendig­
keit, bei jeder Körperschulung strenge darauf zu sehen, daß die Füße in der Grundstellung
und der Gehrichtung getragen werden, also parallel und geradeaus. Das ist nicht nur die
beste Bereitschaftshaltung für den Gang, sondern auch die statisch beste aufrechte und sym­
metrische Stellung mit geschlossenen Beinen."
88 Die Problematik von Haltung u n i Fortbewegung

Befrachtung des Stehens, das ist die Frage nach der automatischen Tonusvertei-
lung, einführt. Entscheidend für diè MENSENDIECK-Methode ist die W eise, wte die
Anweisung zur Korrektur der Haltung (und Bewegung) gegeben wird. Schon dar
Begriff „Instruktion" oder Anweisung ist jedoch vielen modernen T u m -T h e o re ti-
kem ein Stelli des Anstoßes. Sie meinen, jegliche Form einer Vorschrift als un­
natürlich ablehnen zu müssen, zum mindesten dürfen sie nur indirekt gegeben
werden, mdem man Handlungsaufträge erteilt, welche die gewünschte K orrektu r
automatisch mit sich bringen (Gaulhofer ).
M e n s e n d ie c k appelliert an die vernünftige Einsicht des Schülers, der ganz
genaue Anweisungen für ein analytisches, anatomisch-mechanisches Verständnis
der erwünschten Haltung erhält. Auf diese Weise soll die Einsicht in die'richtige
Innervation verm ittelt werden. Das allein genügt jedoch nicht; es muß vielm ehr
noch drei weiteren Bedingungen entsprochen werden. Neben der optischen K on­
trolle (nötigenfalls im Spiegel) wird eine kinaesthetische Kontrolle, d, h. eine
Entwicklung des Muskelgefühls gefordert. Als Drittes soll eine Auslösung von
imaginären Stellungs- und Bewegungsempfindungen (Achsenempfindung.Zentrums-
^Tnpfindnn^ Empfindung der Streckung, von Flächen und Räumen, der Bezie­
hungen zwischen den Körperteilen), die das „Körperschema" betreffen, hinzu­
kommen. Auf diese W eise erreicht man zunächst eine mehr oder weniger bew ußt
gewollte und kontrollierte schematische Haltung (und Bewegung), die sich jedoch
allmählich zu einer „zweiten Natur" entwickelt und durch die wechselnden
Umstände des Alltags ihren schematischen Charakter, nicht jedoch ihre Grundform
verliert. Einer zur Zeit der Entwicklung ihrer Methoden geltenden Ansicht fol­
gend, hat Mensendieck diese Automatisierung einer zunächst bewußten, will­
kürlichen Haltung und Bewegung dem Ausschleifen von Bahnen und der B ildung
von Reflexen zugeschrieben. Es wird sich zeigen, daß die heute sich bahnbrechen­
den Auffassungen über das Erlernen von Bewegungen nicht mit den populären
physiologischen Betrachtungen MENSENDXBCKa iberemstimineu. Das gleiche gilt
allerdings für die in den meisten Lehrbüchern der Physiologie entwickelten V or­
stellungen.
Obwohl Mensendieck eine mechanistische Erklirangsweise anwendet und das
Erlernen und Verbessern von Haltung und Bewegung mit einer Veränderung der
Körperprozesse in Zusammenhang bringt, ist ihre praktische Methode im E ntw urf
dennoch funktionell ausgerichtet, und zwar weil sie — ohne die entsprechende
theoretische Einsicht — das Körperschema als das subjektiv erlebte B ild von
Haltung und Bewegung und die Regulierung durch die sinnlichen Empfindungen
zugrunde legt. W ie so oft geht auch in der Leibeserziehung die Praxis der Theorie
voran und es entstehen trotz sehr unvollkommener Motivierung gute Methoden. E s
ist Aufgabe der Wissenschaft, diesen theoretischen Rückstand aufzuholen. Das soll
auch beim zentralen Problem des Stehens, der automatischen Regulierung der
Tonusverteilung, geschehen.
Das Stehen ist eine unteilbare, ganzheitliche Aktivität des Subjektes, doch es
kommt durch Mittel zustande, die jeweils eine beschränkte und lokale Bedeutung
haben. Die wichtigsten dieser Hilfsmittel sind die sog. Haltungsreflexe, und wir
werden das Verhältnis dieser Reflexe zur totalen Aktivität des Individuums näher
zu untersuchen haben. Dazu müssen wir jedoch von einer Anzahl von Einzel-
momenten der physiologischen Analyse ausgehen. -
Das Prinzip von Ausgleich und Anpassung 89

3. Das Prinzip von Ausgleich und Anpassung


Bei der aufrechten Haltung des Menschen handelt es sich, mechanisch gesehen,
um das labile Gleichgewicht eines langen und schmalen Gegenstandes, der sich
aus Teilen — verbunden durch sehr bewegliche Gelenke — zusammensetzt und
der auf einer kleinen Stützfläche ruht. Ein Skelet oder eine Leiche kann man nicht
aufrichten. Zur Aufrechterhaltung seines Gleichgewichts verfügt der Mensch über
eine ununterbrochene Aktivität, die eine bestimmte Spannungsverteilung zwischen
den Streckern und Beugern gewährleistet. Im Umkreis jedes einzelnen Gelenkes
ist eine von den andernorts herrschenden Spannungen abhängige Spannungs­
verteilung erforderlich. Die Zusammenarbeit der Muskeln hängt außerdem von
der Weise des Stehens ab und kann nur für eine begrenzte Anzahl von Fällen in
das gleiche Schema gebracht werden.
Bei allem Wechsel der Tonus Verteilung und der Spannungsgröße wiederholt
sich eine Grandtatsache doch immer wieder. Dies ist die automatische Spannungs­
zunahme in einem Muskel, wenn er eine plötzliche Dehnung erfährt, sei es durch
eine größere Komponente der Schwerkraft, sei es durch die Spannungszunahme in
einem Antagonisten. Diese Grundtatsache, der sog. Dehmmgs- oder Eigen­
reflex des Muskels, ist funktionell sinnvoll und aus dem Wesen des Stehens als
der Erhaltung einer eingenommenen Lage logisch abzuleiten. Dieses Aufrecht­
erhalten bedeutet ja Ausgleich von Störungen. Beim Stehen funktionieren die
Muskeln als elastische Bänder, m it denen auch ein in Gelenken beweglicher M er
Körper in einer bestimmten Gleichgewichtsstellung gehalten werden kann. Tritt
jedoch eine Veränderung der Schwerkraftwirkung ein, oder wirkt eine andere
äußere Kraft auf den Körper, so wird eine Stellungsänderung eintreten müssen,
bis die Spannung in den dabei ausgedehnten elastischen Bändern sich so sehr ver­
mehrt hat, daß sich erneut ein Gleichgewicht aller Kräfte und somit ein Ruhestand,
einstellt. Tote elastische Bänder können also zwar eine einzige Haltung gewähr­
leisten, diese aber nicht behaupten. Ein toter Körper ist jeglicher Störung aus­
geliefert und reagiert darauf m it einer veränderten Position.
Das Stehen von Mensch und Tier ist eine Funktion, die auf das Stehen-Bleiben,
auf die Wahrung einer Position der Umwelt gegenüber, ausgerichtet ist. Man könnte
meinen, daß logischerweise der Sinn des Stehens auch durch eine zeitweilige starre,
unelastische Verbindung in den Gelenken erfüllbar wäre. Dies ist jedoch unverein­
bar mit dem Wesen und dem Sinn der animalischen Stellungnahme. Obwohl es an
sich denkbar wäre, daß Mensch und Tier über ein Vermögen zur zeitweiligen Fixierung
eines Muskels bei bestimmter Länge (zur Erstarrung) verfügten, so widerspricht dieser
Gedanke der fortwährenden Bereitschaft, sich einwirkenden Kräften anzufassen.■
Sowohl Ausgleich (Kompensation) als auch Anpassung (Adaptation) sind
Grundtendenzen alles Lebenden, Merkmale, die bei höheren Lebensformen ausge­
prägter und differenzierter Vorkommen, Stehen wie eine Statue, wie ein Baum, ist
im Pflanzenreich realisierbar, wie auch das rein elastische Stehen wie ein Schilfrohr,
das sich dem Winde fügt, dort verwirklicht ist. W enn wir sagen, eine Pflanze stehe,
so müssen wir hinzufügen, daß sie keine echte Haltung habe, sich nicht aufrecht­
erhalte, wie ein Tier oder Mensch. Das animalische Stehen muß die Möglichkeit
von Ausgleich und Anpassung zugleich einschließen, und diese entgegengesetzten
Funktionen können nur realisiert werden, wenn die elastischen Eigenschaften der
Muskeln variabel sind.
90 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

Die Elastizität eines Gegenstandes bestimmt den Zusammenhang zwischen


der Lange und der Spannung, Dies gilt auch für die Muskeln, die durch die Inner­
vation ihre Spannung bei gleichbleibender Länge oder ihre Länge bei gleichblei­
bender Spannung variieren können. Beim Stehen sind die Muskeln immer in
gewissem Grade innerviert. W irkt eine Kraft (z, B. eine Komponente der Schwer­
kraft) plötzlich auf den Körper ein, so kann sie durch eine ebenso plötzliche
SpantinngMcnnahme bestimmter Muskel ausgeglichen werden, oder aber man kann
sich durch eine Spannungsverringerung dem störenden Einfluß fügen. Die Mus­
keln müssen also sowohl gegenwirken als nachgeben können. Es ist verständlich,
daß dies keine Eigenschaft der Muskeln selbst, sondern nur des ganzheitlich
funk t'n" w enden Systems sein kann, in dem die Muskeln mit dem Nervensystem
und so mit dem ganzen Organismus verbunden sind.
4. Der myotaflsche R eflex
Die automatische Spannungszunahme bei geringer Dehnung eines Muskels
geschieht relativ selbständig und ist analytisch betrachtet ein Prozeß, dem m an in
der Physiologie den Namen eines Eigen- oder Dehnungsreflexes gegeben hat, weil
die Spannungsentwicklung als die Wirkung eines sensiblen Reizes betrachtet w ird.
Dieser Reiz wird durch die Dehnung im Muskel selbst ausgelöst, zum Rückenm ark
weitergeleitet, um von dort aus zum Muskel zurückzukehren.
Was lehrt die Physiologie über diesen Reflex ? Schon seit langem waren die
Sehnenreilexe (z, B . Patellar- und Achillessehnenreflex) bekannt, ohne daß m an
erkannt hatte, daß der durch einen kurzen Schlag auf die Sehne ausgelöste R eflex
durch die plötzliche Dehnung eines Muskels verursacht wird. Erst die experim en­
telle Untersuchung S herrington «*1 zeigte, was eigentlich bei Sehnenreflexen
geschieht.
Bei einem sog. dezerebrierten Tier, bei dem das Großhirn und der größte T eil
des Himstammes vom verlängerten Rückenmark abgetrennt sind, sind die
Beine in Streckstellung erstarrt. Dehnt man bei einem solchen Präparat einen
Muskel (etwa den m. quadriceps, den vorderen Oberschenkelmuskel) nur ein
wenig (weniger als 1 % der Länge genügen bereits), so tritt eine starke Spannungs-
zunahme in diesem Muskel auf. Diese Zunahme ist viele Male größer als die,
welche nach Durchtrennung des motorischen Nerven bei einer gleich großen Ver­
längerung des Muskels ausgelöst wird und beruht also offenbar auf einer verstärk­
ten Innervation. Die weitere Analyse zeigte, daß die reflektorische Innervations­
zunahme durch die Reizung der sensiblen Nefvenendipiugen im Muskel (die sog.
Muskelspindeln) verursacht wird. Diese Spindeln sind so gebaut, daß sie b ei
passiver Dehnung gereizt werden.
.Der Dehnungsreflex gliedert sich in zwei Phasen*. Zunächst tritt eine starke
Spannungszunahme sofort (6—9 mülisec) nach der Dehnung ein. Anschließend
sinkt die Spannung ab und erhält nach einigen Sekunden einen konstanten W ert,
der nun unvermindert anhält, solange die Dehnung dauert, jedoch sofort verschwin­
det, wenn die Dehnung aufgehoben wird?. Die erste schnelle Phase tritt auch
* Sherrington : The Integrative action of thenervous System. London 1906.
1 Im deutschen Schrifttum werden meist Eigenreflexe (P. H ofvmann) und Dehmtangg-
reflexe unterschieden, die den beiden Phasen bei L iddell und Sherrington entsprechen.
* L iddell u . Sherrington : Reflexes in responscs to Stretch (myotatic reflexes), Proc.
Roy. Soc. London 96. 212 (1924).
Die Stützreaktion 91

isoliert bei einer kurzdauernden raschen Dehnung, die etwa durch einen Schlag
auf die Sehne bewirkt werden kann, auf. Diese Sehnenreflexe können unter
günstigen Umständen bei sämtlichen Muskeln (Flexoren und Extensoren) aus­
gelöst werden, wobei manchmal eine Dehnung von 0,05 mm in 1/20 sec bereits
genügt und die Kontraktion in einer synchronen, einfachen Zusammenziehung der
Muskelfaser besteht. Die zweite lange Phase, der sog. myotatische Reflex, ist nur
bei jenen Muskeln a^ufzuzeigen, die normalerweise gegen die Schwerkraft arbeiten.
Es sind dies die Streckmuskeln (Extensoren) der Extremitäten des Versuchstieres.
An den Flexoren kann im allgemeinen kein myotatischer Reflex ausgelöst werden.
Das Experiment lehrte noch eine andere interessante Einzelheit. Der m yo­
tatische Reflex tritt nämlich besonders in den langsam reagierenden (meistens'
roten), tiefer liegenden- Teilen der Streckmuskeln, die ein Gelenk übergreifen,
auf (B e n n y - B r o w n 1). S o ist (auch beim Menschen) der tiefere, dem Knochen ^
anliegende Teil weiß und schnell reagierend. Bei den Wadenmuskeln gibt es einen *
tiefer liegenden, roten Muskel (m. Soleus) und einen oberflächlichen, weißen
Muskel (m. gastrocnemius). Der myotatische R eflex wird durch einen langsamen
Rhythmus (5— 8 ‘in der Sekunde) ausgesandter Impulse erhalten. Hierauf führt
man das Ausbleiben einer Ermüdung zurück
Das sind die wichtigsten Tatsachen. Deutet man die Eigenreflexe als einen
Prozeß, so ist es klar, daß es für das Zustandekommen der Spannungszunahme bei
Dehnung des Muskels eine nervale Verbindung von dep Receptoren im Muskel
übefr das Zentralnervensystem und den mötoriscnen Nerv bis zu den Muskelfasern
notwendig geben muß. Die Geschwindigkeit des Reflexes iit erklärlich, weil die
Verbindung der sensiblen und motorischen Nerven im Rückenmark über wenige
Nervenzellen (und Synapsen) läuft.

5. Die Stützreaktion
' Wenn man steht, so steht man auf einer Unterlage, und unter normalen Ver­
hältnissen bildet die durch die Füße empfundene Berührung ein Moment der ganz­
heitlich wahrgenommenen Situation, welche die Bedingung des Stehens d a rstellt :
Keiner stellt sich, der nicht auf irgendeine'Weise bemerkt, daß er sich stellen kann,
daß eine Unterlage zum Stehen da ist. Meistens bemerkt man dies, indem die
Fußsohle durch dep, Boden gereizt wird und zwar in verschiedener Weise, je nach­
dem der Boden hart oder weich, rauh 'oder glatt und der Fuß beschuht oder nackt
ist. Außerdem nimmt der Fuß beim Aufstellen eine bestimmte Stellung ein. Beim
Menschen flacht sielj das Fußgewölbe etwas ab, so daß seine Bänder gedehnt
werden. Beim Hunde werden die Zehen beim Stehen etwas zurückgebogen und
gespreizt.
Die physiologische Untersuchung lehrt, daß beim Tier durch die Berührung
der Fußsohle mit einer Unterlage und durch die beim Stehen charakteristische
Stellung des Fußes und der Zehen unter bestimmten Umständen automatisch eine
Streckung des Beines erfolgt. Man nennt dies den (positiven) Stützreflex, der sich
also in zwei Teilmomente, einen Sohle-Berührungs-Reflex und einen Fußsteh*
Reflex gliedert. Man nennt diese Reflexe auch wohl Reaktionen, um so ihre
Variabilität und ihren nur in geringem Maße zwangsläufigen Charakter zum Aus­
druck zu bringen.

1 D enny -B rown , B .: Proc. R oy. Soc. London 104, 252 u. 371 (1929).
02 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

Beim Stehen ist das Bein mit einem Stützpfeiler zu vergleichen, W odurch
kommt diese, bei einer zusätzlichen Belastung noch zunehmende Versteifung des
Beines zustande? Vermittels des myotatischen Reflexes werden beim Stehen
zwar die Kräfte, welche die Stellung in einem Gelenk verändern könnten, ausge­
glichen, aber er kann nicht die versteifte Streckstellung des Beines bewirken.
Hierzu ist die sog. Versteifungsinnervation in Streckstellung erforderlich, bei der
sämtliche um das Gelenk gelagerten Muskeln angespannt werden. Der m yo-
statische Reflex der Extensoren kann die Ursache nicht sein, da er m it einer E r­
schlaffung der Flexoren einhergeht. Löst man bei einem Reflexpräparat eine
Kontraktion der Extensoren aus, so nimmt die Spannung in den Flexoren ab
(reziproke Hemmung).
M a g n u s und seine Mitarbeiter stellten bei einem kleinhirnlosen H und eine
Streckung des Beines fest, wenn in Rückenlage und bei vorgebeugtem K opf die
Fußsohle berührt wurde. Schon eine geringe Berührung des Fußes führt dabei zu
einer Streckung des Beines, wenn und in dem Maße, wie der Finger zurückgezogen
wird. Es sieht so aus, als ob die sich zurückziehende Hand des Experim entators
wie ein Magnet den Fuß des Tieres mitzöge; weshalb man diese Bewegung den
Magnetreflex nennt. Die Streckung hält so lange an, wie die Berührung fort­
dauert. W ird sie aufgehoben, so kehrt das Bein wieder in die Beugestellung
zurück.
Die Magnetreaktion ist eine reine Fußsohle-Berührungsreaktion, denn eine
Berührung des Fußrflckens ist unwirksam, während schon die Berührung der
Fußsohlenschwiele mit einem Wattebausch den Reflex auslösen kann. Bei
kleinhirnlosen Hunden kann der Reflex in jederbeüebigen Haltung ausgelöst werden,
wobei die Stärke der Reaktion allerdings von der Stellung des Kopfes, des Beckens
und des anderen Beines abhängt. Normale Hunde zeigen nach R a d e m a k e r 1 die
Magnetreaktion in sehr wechselndem Ausmaß und bei demselben Tier kann die
Intensität unberechenbar variieren. In Rückenlage fehlt sie fast immer. Bei
jungen Tieren ist das Phänomen weder im normalen Zustand noch nach W eg­
nahme des Kleinhirns auszulösen. Beim Menschen hat man die Magnetreaktion
nicht beobachtet; sie fehlt auch beim Säugling. Ob sie bei Kindern, die zu stehen
und zu gehen anfangen, auftritt, ist nicht untersucht worden. Auch wissen wir
nicht, ob diese (und andere) Reflexe in einer bestimmten Entwicklungsphase
plötzlich auftreten, oder allmählich entstehen.
Der positive Stützreflex, dessen eine Komponente, den Magnet- oder Sohle-
Berührungs-Reflex wir näher kennenlemten, enthält als anderes Moment den
Fußstellungs-Reflex. Auch dieser wurde am Hunde experimentell erforscht,
wobei sich folgendes zeigte:
Die Magnetreaktion, wird durch die Reizung der Sohlenhaut ausgelöst. Man
nennt diesen Reiz und daher auch den Reflex einen exterozeptiven. Die B ein­
streckung, die man beim kleinhirnlosen Hund durch Zurückbeugen und Spreizen
der Zehen regelmäßig auslösen kann, wird demgegenüber durch die Dehnung der
kleinen Fußmuskeln verursacht. Das ist ein propriozeptiver Reiz Und daher
spricht man auch vom propriozeptiven Stützreflex. Im Gegensatz zu der extero­
zeptiven Reaktion bleibt er auch nach Wegnahme des Großhirnes noch bestehen

1 R ademaker , G. G. J.: Das Stehen S. 47. Berlin 1931.


Kritik an der Reflexlehre 93

und ist als eine kurzdauernde, plötzliche Streckbewegung auch nach Rücken- j
marksdurchtrennung am Hinterbein des Hundes noch auszulösen (der Extensor-
Stoß S HERRINGTONs).'

6. Kritik an der Reflexlehre


Wieweit ist das normale Stehen von Mensch und Tier aus diesen experimentell
festgestellten Erscheinungen zu erklären ? Ist die in den Muskeln der Extremitäten
und des Rumpfes sich einstellende automatische Spannungsverteilung wirklich das
Resultat einer Reflexkom bination, wie es die Vertreter der Reflexlehre annehmen ?
Sind der m yotatisclie Reflex, die exterozeptive und propriozeptive positive
Stützreaktion die Elemente, aus denen sich das Stehen als ganzheitliche Funktion
aufbaut ? Oder wird nicht vielmehr das Iimervationsschema der stehenden Haltung
vom Subjekt bestimmt und ist das Stehen eine Selbst-Bewegung, während die
Reflexe nur Fragmente derselben, die unter besonderen Umständen auftreten,
daxstellen werden ? W ir glauben aus guten Gründen die Reflexlehre verwerfen
zu müssen, die zuletzt angeführte Frage also bejahen zu können.
W ir haben gesehen, daß die drei beschriebenen Reflexe keineswegs konstante
Erscheinungen darstellen. Die eine sog. kausale Erklärung erstrebende Reflex­
lehre versucht diese Grundtatsache durch die Annahme von Hemmungen und
Verstärkungen zu begreifen, die von anderen „Zentren" aus auf die Reflexzentren
einwirken. W ir haben oben schon festgestellt, daß dabei nicht der strukturelle
Zusammenhang im Nervensystem als Erklärungsgnmdlage dient, sondern daß
eine solche immer a posteriori auf Grund der Anatomie konstruiert wird. A b und
zu gelingt zwar das Auffinden einer Regel — etwa der von v o n U e x k ü l l und
Magnus , wonach der Reiz immer in den gedehnten Muskel abfließt — aber, eine
solche Regel hat dann wieder Ausnahmen und besagt nur, daß die Bewegungen
oder die Spannungsverteilung sich stets so emsteilen, wie es im ganzen der
Funktion sinnvoll ist.
Wenn der Begriff Reflex m ein bedeuten soll als eine durch den Eindruck
ausgelöste automatische, relativ selbständige und zwangsläufige Handlung, so
fordert dieser Begriff die Vorstellung eines einfachen (d. h. ungefohnten und
daher quantitativ variablen) Reizes und einer gleichartigen W irkung. Außerdem
schließt der physiologische Reflexbegriff einen beständigen Zusammenhang
zwischen Reiz und W irkung ein, der durch eine bestimmte Neuronen Verbindung
zwangsläufig zustande kommt. Das Vorliegen eines derartigen Zusammenhanges
wäre nur dann wahrscheinlich, wenn bei erheblich wechselnden Umständen der
Reflex dennoch erhalten bliebe. Einige regelmäßig auftretende Verstärkungen
und Hemmungen würden mit der Annahme des Vorliegens eines Reflexes als
selbständiges Phänomen nicht im Widerspruch stehen. D och ist es unzulässig,
einen Reflex anzunehmen:
1. wenn der Reiz nicht quantitativ variabel ist, sondern als gestalteter Ein­
druck wirkt (wobei eventuell ein dominierender Faktor eine Intensitätsvariation
aufweisen kann);
2. wenn die W irkung ein Teilmoment einer gestalteten Handlung darstellt;
3. wenn das Auftreten oder Ausbleiben des Reflexes von der ganzen Situation
abhängt1.
------------------ . j
1 Vgl. auch W eizsäcker , V. v o n : Bethes Handbuch d. Physiol. Bd. XI. ?
!
5
94 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

Der am Reflexapparat regelmäßig auftretende myotatkehe R eflex ist unter


normalen Verhältnissen nur eine Reaktion auf bestimmte incidenteile Einflüsse,
etwa auf einen dem Körper versetzten Stoß, wenn er stehen bleibe® E s ist
noch sehr die Frage, ob der myotatische Reflex auch bei den gewöhnlichen Schwan­
kungen um die Gleichgewichtsstelung wirksam ist. Die Anspannung des gedehnten
Muskels vollzieht sich in diesem Falle zwar regelmäßig, aber in sehr wechselndem
Umfang und unterschiedlicher Zeitdauer. Das zeigt sich schon in der verschie­
denen Größe und Geschwindigkeit der Schwankungen beim Stehen und in ihrer
Abhängigkeit von emotionalen Faktoren. Das quantitative Verhältnis zwischen
Dehnungsgröße und Spannungszunahme wird durch die Weise und die A bsicht
des Stehens, sowie durch seinen Ausdrucksgehalt bedingt. Die alltägliche
Erfahrung lehrt, daß man bei einer völlig gleichen Anfangsinnervation sow ohl
ganz still stehen (etwa beim aufmerksamen Zuschauen) als auch hin und her
schwanken kann, sowohl bei versteiften als auch entspannten Beinen. Man kann
auch das eine oder das andere „willkürlich" tun, ja es stellt sich sogar bei ver­
schiedenen durch die Umwelt ausgelösten Ausdrucksreaktionen „von selbst" ein.
Der myotatische Reflex der Extensoren einer dezerebrierten Katze besagt
nicht viel über das Stehen einer normalen Katze und noch weniger über das
Stehen eines Menschen. Es ist dies ein anderes Stehen als das bei einem R eflex-
Präparat auftretende. Der Sinn des Stehens als subjektbezogene Handlung
bedingt die Inanspruchnahme automatisch wirkender H ilfsm ittel. Dieser
bestimmt in einer konkreten Situation jeden Teilprozeß und entscheidet*som it
darüber, ob der Dehnung des Wademmuskels eine stärkere Anspannung nachfolgt
oder nicht.
Wenn ein Vogel auf einem im Winde bewegten Zweig schläft, wird ein auto­
matischer Ausgleich der das Gleichgewicht störenden Kräfte „durch das Rücken­
m ark" stattfinden. Dieser Ausgleich zeigt allerdings Ähnlichkeit m it dem
Zusammenspiel einer Anzahl myotatischer Reflexe.
Eine nicht durch einen Reiz oder eine Reizkombination verursachte, sondern
sinnvoll auf die Situation des Subjektes mit seiner Absicht und W ahl bezogene
Reflexbewegung ist kein physiologischer Prozeß, sondern ein funktionelles H ilfs­
m ittel. Es wird in der Ganzheit des Verhaltens als ein Moment relativ selbstän­
diger Wirksamkeit gebildet.
Bückt man sich aus stehender Haltung rasch oder langsam vornüber, so
reagieren die Muskeln auf die Dehnung mit einem dosierten Nachlassen der Span­
nung. Das federnde ZurückgchneUen bei einem Sprung aus der Höhe, die Strek-
kung im Kniegelenk nach der starken und raschen Beugung m öchte man gerne
aus einem myotatischen Reflex im m. quadriceps erklären1. Man kann sich jedoch
beim Absprung vornehmen entweder geschmeidig oder steif aufzuspringen. W as
bleibt dann vom Reflex Übrig ? Er wird nicht hur durch Extra-Reize gehemmt

1 Auch wenn man, wie neuerdings R. W agner („Probleme und Beispiele biologischer
Regelung“ , Stuttgart 1954) diesen „Apparat" nicht mehr nach dem einfachen Reflexschema
sondern als Regler im technischen Sinne begreift, bleibt er ein funktionelles Hilfsmittel. M»«
nimmt jetzt an, daO im peripheren Bogen Muskel-Rückenmark zwei Koppelungskreiae
ineinander greifen. Der eine hat einen dehnungsempfindlichen Fühler im Muskel. Er treibt
bei dessen Dehnung ohne Gegenkoppelung die Erregung in die Höhe. Der Fühler des andern
liegt in der Sehne und ist spannungsempfindlich. Er arbeitet mit Gegenkopplung und hemmt
die Erregung.
Kritik an der Reflexlehre 95

oder verstärkt, wie man das im Experiment nachahmen kann, sondern das
Subjekt bestimmt, wie er in Zukunft verlaufen wird.
Während vom myotatischen R eflex wenigstens die kurzdauernde erste Phase
als Sehnenreflex beim normalen Menschen auslösbar ist, kann weder die Stütz­
reaktion noch einer ihrer beiden Komponenten gesondert beim Menschen nach­
gewiesen werden. Beim Tier ist eine gewisse Selbständigkeit der Stützreaktion
vorhanden. Beim normalen Hund findet man sie jedoch nur in einer Situation,
in der das Suchen einer Stütze (gegebenenfalls das Aufstehen) sinnvoll ist. So
lesen wir bei R a d e m a k e r 1: „W enn man einen normalen Hund an Nackenfell
und Schwanz in Bauchlage in der Schwebe hält, so hält das Tier die vier Beine
gebeugt und seinen Rücken hohl und schlaff. Bei Berührung der Fußsohle etwa
eines Hinterbeines, tritt eine Streckung desselben ein, die fortbesteht, solange die
Berührung anhält. Auch die Rückenmuskeln spannen sich an, so daß der Rücken
steif und weniger hohl wird. Infolge der Berührung senden die sensiblen End­
organe der Fußsohle Reize aus, die über das Zentralnervensystem, also reflek­
torisch, eine Anspannung der Muskeln des berührten Beines und des Rückens
bewirken (exterozeptive Stützreaktion oder Magnetreaktion). Am Bein kon­
trahieren sich zunächst die Streckmuskeln, so daß eine Streckung erfolgt, darauf
auch die übrigen Muskeln, wodurch das Bein in Streckstellung fixiert wird.“
Was hier im Sinne eines zwangsläufig sich vollziehenden Prozesses beschrieben
wird, ist in W irklichkeit eine sinnvolle Funktion des Tieres, ein auf die Situation
abgestimmtes Verhalten. Selbstverständlich sind für dessen Ausführung sowohl
Endorgane als Muskeln und Nervenzellen eine notwendige Voraussetzung.
Wesentlich ist dabei nicht, daß die sensiblen Endorgane gereizt werden, sondern
vielmehr, daß hierdurch ein sinnvoller Eindruck zustande kommen kann. Eine
Wiederholung des beschriebenen Experimentes bei mehreren Tieren unter wech­
selnden Umständen zeigt denn auch deutlich, daß wir es hier m it einem Verhal­
ten, nicht mit einem Reflex zu tun haben.
W ir haben schon erwähnt, daß der exterozeptive und propriozeptive Stütz­
reflex bei einem kleinhimlosen Hund viel regelmäßiger auftreten. Die Vertreter
der Reflexlehre erklären das aus einer geringeren Hemmung der Reflexe bei
einem solchen Tier. R a d e m a k e r weist darauf hin, daß ein kleinhimloser Hund
immer mit übermäßig gestreckten Beinen steht. Die Beine werden beim Gehen
übermäßig stark gehoben und ausgestreckt. Er ist der Ansicht, daß diese Störun­
gen vielleicht auf einer verstärkten positiven (und negativen) Stützreaktion
beruhen, da ein normalerweise vorhandener hemmender Einfluß des Kleinhirns
wegfällt. Es ist jedoch viel wahrscheinlicher, daß umgekehrt das Maßlose aller Be­
wegungen die grundlegende Abweichung nach Kleinhim extirpation darstellt und
auch die verstärkte Stützreaktion daraus folgt. Ein normales Tier reagiertauf einen
Eindruck „m aß'V oll, mittels einer ausgleichenden senso-motorischen Wechsel­
wirkung während der Ausführung. Nach der Wegnahme des Kleinhirns ist dieses
Gleichgewicht unterbrochen, wodurch jetzt beim normalen Tier fehlende oder
nur angedeutete Reaktionen hervortreten können. Diese bleiben jedoch noch
sinnvolle Funktionen, was auch für die beschriebenen Stützreaktionen gilt. Sie
sind auf die Erhaltung der Berührung ausgerichtet. Die Berührung der Fußsohle
oder das Zurückbeugen und Spreizen der Zehen sind für das normale Tier
1 Nederl. Leerb. der Physiol. V. S. 140.
96 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

Dominanten in der „R eiz-G estalt" (dem totalen geformten Eindruck der Situa­
tion), auf die es mit Aufstehen reagiert. Aber diese Dominante ist nur dann
wirksam, wenn das Tier (optisch und taktil) auf Stehen hin orientiert ist. D eshalb
fehlen (meistens) die Stützreaktionen in Rücken- oder Seitenlage. Nim m t m an
diese funktionelle Erklärung an, in der also grundsätzlich von Prozessen, R eiz­
verlauf, Zentren, vorausgesetzten hemmenden oder verstärkenden Einflüssen
abgesehen wird, so stellt die verstärkte Magnetreaktion nach Kleinhirnextirpation
nur den besonderen Fall einer nach einer Läsion im Zentralnervensystem stets
auftretenden Störung dar. Eine solche Läsion verursacht immer das Zurückfallen
einer Funktion auf eine weniger differenzierte Stufe, einen ausgeprägteren
Schematismus der Funktionen und eine Abnahme der Kraft der Beziehung
des Subjektes zur umfassenden Situation. Das bedeutet nichts anderes als da
Zurückbleiben von Bruchstücken automatischer Verhaltensweisen, die sich als
zwangsläufige Reflexe präsentieren können.
Wenn der Bezug zur Situation stark reduziert ist, wie etwa nach Durchtren­
nung des Rückenmarkes oder nach Dezerebration, so werden die Reflexe begreif­
licherweise zu einem großen Teil von der Muskeltonusverteilung abhängen, die
selbst normalerweise wiederum durch die funktionelle Situation beherrscht wird.
Der nach Rückenmarksdurchtrennung am Hinterbein des Hundes auslösbare E x ­
tensor-Stoß wurde schon von S h e r h in g t o n als der Überrest einer Leistung, und
zwar eines Galoppsprunges, aufgefaßt. Man kann ihn jedoch auch als eine partielle
positive Stützreaktion deuten. Jedenfalls ist es interessant, daß die Beinstrek-
kung durch propriozeptive Reizung bestimmter Fußmuskeln auch dann ausgelöst
werden kann, wenn nur noch das Rückenmark mit der Peripherie Zusammen­
arbeiten Diese Tatsache weist wohl darauf hin, daß auch im normalen Leben ein
gewisses Maß von Selbständigkeitder Streckbewegung zu erwarten ist, wenn, wie beim
Galoppsprung oder beim Sich-Aufrichten, der Fuß plötzlich den spezifischen
Eindruck einer Boden-Berührung erfährt.
Es gibt eine innige, sinnvolle Beziehung zwischen der Fußstellung beim
Stehen (oder beim Galoppsprung) und der Streckung des Beines, aber es wäre
unrichtig, jeden innigen Zusammenhang im Organismus einen Reflex zu nennen.
Dieser Zusammenhang ist ja auch beim Stehen nicht zwangsläufig, nicht
unbedingt. Er kann denn auch nicht aus einem Struktur-Prozeß begriffen werden,
sondern nur aus seiner Bedeutung in einer bestimmten Situation, d.h. als eine Funk­
tion. Das Rückenmark kann von sich aus noch einen Rest sinnvoller Beziehungen
zur Umwelt gewährleisten. Das sieht man am besten bei den niedrigeren W irbel­
tieren. Ein Frosch mit hoch durchtrenntem Rückenmark kann noch die normale
hockende Haltung einnehmen und einen Hautreiz mit einer gelenkten Bewegung
abwischen.

7. Der Ausgleich von Störungen


Es gäbe, wie wir sahen, kein Stehen, ohne eine Bereitschaft, Störungen auszu­
gleichen. Erst diese Einstellung auf Möglichkeiten macht das Stehen zu einer voll­
wertigen animalischen Funktion und fehlt dann auch nie. Sie kann als das vitale
Äquivalent des „Vorsatzes" in der Psychologie betrachtet werden.
Beim Stehen können Mensch und Tier eine'Last tragen, die das Körpergewicht
übersteigt. Der Mensch kann noch weitere 200 kg schleppen und die Anspannung
Der Ausgleich von Störungen 97

der Beinmuskeln dem Gewicht anpassen. Auch das vollzieht sich nicht reflek­
torisch; jedoch bis zu einem gewissen Grade automatisch, wenn nämlich der
„V orsatz" zum Lastentragen schon eingewurzelt ist. Eine genauere Beobachtung
zeigt, daß der Ausgleich des größeren Druckes keineswegs ausschließlich durch eine
größere Anspannung der Beinmuskeln erfolgt. Der ganze Körper wird in einer
anderen Haltung eingestellt, ein zweckmäßiges reaktives Verhalten, das in hohem
Maße von der Erfahrung abhängt.
Beim sog. ruhigen Stehen, wobei keine spezifische Ausgangshaltung oder
expressive Stellung eingenommen wird, verteilt sich der Druck meist nicht
gleichmäßig auf beide Beine. Das Bein, das hauptsächlich das Gewicht trägt,
nennt man das Standbein, das andere das Spielbein. Der letzte Name ist gut
gewählt, denn dieses Bein ist nicht nur weniger angespannt, weniger in die Trag­
arbeit eingeschaltet, sondern es kann auch bis zu einem gewissen Grade frei,
zwecklos, also spielerisch bewegt werden. W ird nun in einer solchen Stellung der
Körper aktiv oder passiv in Richtung des Spielbeines verlagert, so tritt darin
natürlich mehr Spannung auf. W ir empfinden das als natürlich, weil die spontane
Spannungszunahme der „N atur" des stehenden Menschen, der diese Position be­
haupten will, entspricht. Ebenso natürlich finden wir es, daß man sich bei starkem
Seitendrack gegenstemmt und eine starke Gewichtsverschiebung, welche die verti­
kale Projektion des Schwerpunktes außerhalb der Stützfläche fallen läßt, durch
eine Umstellung des Beines zu beheben versucht.
Diese entgegenstemmenden und umstellenden Reaktionen sind ebenso spon­
tane und automatische Äußerungen der Behauptung einer aufrechten Haltung,
wie Abwehrbewegungen Äußerungen der Selbstbehauptung sind. Es sind reaktive
Aktivitäten, Verhaltensweisen, die durch die Situation und die Intentionalität der
persönlichen Einstellung bedingt werden.
Derartige einfache reaktive Verhaltensweisen gibt es auch beim Tier. R ad e ­
maker hat sie ausführlich bei Hunden, auch nach verschiedenen Läsionen des
Zentralnervensystems untersucht. W ird bei einem stehenden Hund ein Bein, z. B.
das rechte, passiv gehoben, so fühlt man bei passiver Rechtsbewegung des Rumpfes
eine sich entwickelnde Streckung und Abduktion des angehobenen Beines. Diese
von RAdemaker so genannte ,,Schunkelreaktion*‘ findet sich auch bei blinden
und labyrinthlosen Tieren und ebenso nach Kleinhim exstirpation; nach Wegnahme
des Großhirnes ist sie weniger ausgeprägt. Die Reaktion verschwindet jedoch nach
Durchtrennung des Himstammes oder des Rückenmarkes. Neugeborene Hunde
zeigen die Reaktion noch nicht, vielmehr erst wenn sie etwa drei W ochen alt sind.
Auch beim Menschen fehlt dieses Ausgleichen in den ersten Lebensmonaten,
aber sie stellt sich beim Kind ein, sobald es das Stehen (und Gehen) gelernt hat.
Der Denkweise der Reflexlehre entsprechend hat man die Ursache der Strek-
kung und Abduktion des Spielbeines in einem Reiz gesucht, der in den Abduktoren
des Standbeines ausgelöst werden soll. In ähnlicher W eise erklärt man die Gegen-
stemm-Reaktion bei seitlichem Druck aus der passiven Dehnung der Abduktoren
der Seite, nach der das Tier gedrückt wird. Auch bei der Umstellungsreaktion
kann man ein Reflexschema (a posteriori) konstruieren.
Alle diese Reaktionen setzen jedoch eine passive Seitwärtsbewegung in nor­
maler stehender Haltung und eine Einstellung des Tieres auf Ausgleichung voraus.
Verändert man die Situation, so ändert sich auch die Reaktion. W ird etwa die
BuytaDdlJk, iUtani und 7
98 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

Unterlage, auf der ein Hund steht, rechts abwärts bewegt, so stellt sieh eine reak­
tive Abduktion des rechten Beines ein. Darauf m ißte das Muke Bein eigentlich m it
einer stärkeren Streckung reagieren, tatsächlich a,ber tritt eine Beugung ein.
W ie sehr auch beim Menschen das reaktive Verhalten durch die Situation stnn-
voll bedingt ist, zeigt ein wieder B ademaker entliehenes Beispiel. W enn man
stehend das linke Bein hebt und nun das rechte Bein aktiv abduziert, so w ird das
linke Bein gestreckt und aufgestellt. Stellt man jedoch einen Stuhl unter das
angehobene Bein, so nimmt diesmal gerade die Beugung zu.
Diese Beispiele, die man bei Mensch und Tier vermehren könnte, zeigen also,
daß die Voraussetzung einer Anzahl von Reflexen, die zwangsläufig und konstant
bei Dehnung von Muskeln, bei Druck auf die Fußsohle usw. auftreten sollen, völlig
unbewiesen ist. Nimmt man dennoch das Bestehen derartiger Reflexe an, so m uß
für jeden Fall ein eigener Hemmungs- oder Verstärkungsmechanismus konstruiert
werden. Das ist a posteriori natürlich immer möglich, zudem muß man stets einen
Unterschied zwischen passiver und aktiver Dehnung der Muskeln machen.
Gerade bei der Korrektur von Störungen beim Stehen und bei der Anpassung
an Belastungsänderungen, veränderte Position der Unterlage usw., zeigt es sich,
daß der O rganism u s nicht nur auf Reize und Kräfte aus der Umgebung reagiert,
sondern in die Entstehung dieser Reize und Kräfte auch selbst mit ein bezogen ist.
Anstatt der Annahme einer Anzahl von Reflexen m it ihrer je nach der Situation
einsetzenden Hemmung oder Bahnung nimmt man besser eine Anzahl grund­
legender Verhaltensweisen an, die vom Subjekt beherrschte Tätigkeitsformen und
Hah^r sinnvoll auf die Situation abgestimmt, echte Funktionen, darstellen. D ie
Erfahrung lehrt ja, daß die ganzheitliche Situation das Teilgeschehen regelt und daß
nur der Sinn des ganzen Verhaltens das Einzelgeschehen im Körper verständlich macht.
Man kann das Stehen, d, h. die automatische Spannungsverteilung in den
Muskeln nicht als die Resultante einer Anzahl von Prozessen, sondern nur als
eine Verhaltensweise des Individuums begreifen, beider bestimmte regulative P rin­
zipien das Verhalten beherrschen. Es gelten infolgedessen für die einfache Leistung
des Stehens und Stehen-Bleibens bestimmte Regeln, die den Eindruck von
Gesetzen (im physikalischen Sinne) erwecken können, sobald man die Beziehung
des Subjektes zur Situation durch Läsionen im Zentralnervensystem reduziert.
W enn man bedenkt, daß ein Mensch auf sehr verschiedenartige Weise stehen
kann und daß bei jeglicher, sogar geringer Stelungslnderung eine ganz andere
Verteilung der Muskelspannungen erforderlieh ist, so ist die Erklärung aus einer
Anzahl elementarer Reflexe auch aus diesem Grande nicht haltbar. Ihr Vorkom ­
men während des normalen Verhaltens ist völlig hypothetisch. Die vielfach ver­
breitete Ansicht, wonach der von L iddell und Sherrington beim R eflex­
präparat gefundene myotatische Reflex auch beim Stehen wirksam sei, fußt nur
auf der Tatsache, daß es beim Stehen Muskelspannungen geben muß, die bei plötz­
licher Muskeldehnung zunehmen müssen, weil man sonst die Position unmöglich
behaupten könnte. D ie Tatsache, daß man darauf eingestellt ist, die Haltung zu
behaupten, ist jedoch nie aus der Reizkonstellation verständlich, weil diese vom Subjekt
bestimmte Einstellung gerade die Bedingung für die Wirksamkeit der Reizkomtellation
bildet.
Das Stehen ist eine Form des Verhaltens, eine Selbst-Aktivität; das Stehen-
Bleiben ist eine Aufgabe, die ununterbrochen als Funktion vollzogen werden m uß.
Natürliche and bequeme Haltungen, Die gelöste Haltung 99

Das Vermögen zum Stehen-Bleiben bleibt erhalten, solange die funktionelle Ein­
stellung des Subjektes als unteilbare Aktivität und Reaktivität vorhanden ist und
solange nicht die Mittel zu ihrer Verwirklichung fehlen. Auch wenn nach der Ent­
fernung eines großen Teiles des Zentralnervensystems Stehen noch zustande
kommt, setzt dies den Fortbestand einer lebendigen Einheit voraus, die — wie
mangelhaft auch immer — ein Verhalten zeigt. Dieses Verhalten kann dann auch
nicht als die Bewegung einer Maschine, sondern muß als „Selbstbewegung in einer
Situation“ verstanden werden. Wenn der Mensch den Boden als etwas zum Stehen
erfährt — was auch ein Tier, sogar ein lädiertes Tier noch kann — dann verfügt das
Subjekt nicht nur über seinen Leib, sondern auch über den. Boden. Dieser ist also
nicht als ein physikalisches Objekt oder als eine Reizgestalt gegeben, sondern als
Vorbedingung und regulative Grundlage für das Stehen als Verhaltensform.

XL Natürliche und bequeme Haltungen. (Die funktionelle Bevorzugung;


das ausgezeichnete Verhalten im Sinne GOLDSTEINs)
1. Die gelöste Haltung
Die anatomisch realisierbaren Möglichkeiten menschlicher Haltung sind an­
scheinend unerschöpflich. Stehend, sitzend oder liegend kann man m it K opf und
Gliedern auch die unwahrscheinlichsten Stellungen einnehmen. D och man
bemerkt dann, daß. gewisse Haltungen sehr unangenehm sind und daher schwerlich
durchgehalten werden können. Andere Haltungen sind demgegenüber besonders
bequem und angenehm, so daß man längere Zeit darin verbleiben kann. Die erste
Gruppe umfaßt begreiflicherweise alle extremen Stellungen, bei denen Muskel und
Bänder gedehnt werden. Umgekehrt wird die angenehme Haltung, die uns am
wenigsten Anstrengung kostet, durch das von Souriau so genannte Gesetz »des
flexions m oyennes« beherrscht1. Bei vollständig gestrecktem Arm etwa werden
die Beugemuskeln, bei starker Beugung die Streckmuskeln gedehnt. Überläßt
man den Arm sich selbst und hebt zugleich den Einfluß der Schwerkraft auf, so
werden sich bei einer mäßigen Beugung im Ellbogengelenk der Beuger- und der
Streckertonus, d. h. die Spannungen in den minimal innervierten Muskeln, gerade
die Waage halten. Man kann nach S ouriau erwarten, daß die Gleichgewichts­
stellungen aller Glieder und des Kopfes ungefähr in der Mitte zwischen den in
jedem Gelenk möglichen äußersten Stellungen liegen wird. Die so entstehende
Körperhaltung entspricht der, die sich einstellt, wenn man gelöst im Wasser treibt.
Die von Souriau konstruierte bequemste Haltung weicht jedoch nicht unerheblich
von der durch L ehman bei unter Wasser schwebenden Menschen tatsächlich fest­
gestellten ab.
Es versteht sich, daß im Stehen oder Liegen die bequemste Haltung nur un­
vollständig eingenommen werden kann. Sie wird durch die W irkung der Schwer­
kraft und durch die W iderstände der Unterlage und der Kleidung behindert.
Wären die Muskeln nicht immer ein wenig iimerviert, so gäbe es für jedes Gelenk
nur eine einzige Stellung, bei der die Spannung in den Muskeln um das Gelenk
minimal wäre. Das ist nach W achholder * unter normalen Verhältnissen beim
Menschen nicht der Fall. Bei Messungen der Elastizitätskräfte bei Bewegungen
1 Souriau , P.: L ’EstGtique du mouvemcnt, S. 37. Paris: 1889.
* W a ch h o ld m , K .: Willkürliche Haltung und Bewegung, S. 55. München 1928.
7*
100 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

im Fußgelenk kam er zu dem Ergebnis, daß unsere Skeletmuskeln, ebenso wie die
glatten Muskeln, nicht nur eine einzige Länge bei minimaler Spannung besitzen,
sondern daß diese Länge ohne Spannungsinderung variiert werden kann. D aher
können wir uns, wenigstens um die Mittelstellung der Gelenke hemm, an ver­
schiedene Stellungen der Glieder anpassen, indem durch die entsprechende Ände­
rung der Muskellänge die größtmögliche Gelöstheit entsteht. Weitere Untersuchun­
gen werden die Ansichten W achholder » noch verifizieren müssen. D ie größte
Schwierigkeit wird dabei die Messung der Muskelspannung darstellen. Aus den B eob­
achtungen von Jacobsohn und Schultz1 wissen wir jedenfalls, daß in der sog.
Ruhe immer noch eine geringe Innervation der Muskeln besteht, die wir jedoch
durch eine aktive Entspannung in verschiedenen Haltungen aufheben können.

2. Das ausgezeichnete Verhalten


Das Problem der bequemsten Haltung ist von Goldstein im Zusammenhang
mit neuro-pathologischen Abweichungen näher erforscht worden*. E r zeigte, daß
die Hände bei hängenden oder vorgestreckten Armen unwillkürlich in einer
bestimmten Stellung gehalten werden. Beim Auftrag, den Arm ruhig hängen zu
lassen, wird die Hand leicht proniert, so daß der Handrücken etwas nach v o m
gerichtet ist und der Daumen zwischen Körper und Handfläche gewissermaßen
verborgen gehalten wird. Bei vorgestrecktem A im besteht die bevorzugte (aus­
gezeichnete) Haltung der Hand (bei nach unten gewandter Handfläche) in einer
leichten Beugung in Hand- und Fingergelenken mit einer geringen Spreizung der
Finger. Es gibt individuelle Unterschiede in der Handstellung, aber nahezu im m er
ist der kleine Finger abgespreizt, ebenso wie der Daumen, der außerdem niedriger
als die übrigen Finger hängt. Hält man die Hand mit der Innenfläche nach oben,
so verringert sich die Beugung im Handgelenk und verstärkt sich in den F ingern;
der vierte und der kleine Finger sind noch mehr gespreizt, der Daumen ist m eistens
weniger abduziert und steht in der Ebene der Handfläche.
Beim Vergleich des Verhaltens von Gesunden und von Patienten m it Krank­
heiten des Frontal- oder Kleinhirns zeigte sich, daß der gesunde Mensch eine
unbequeme Haltung (etwa flach ausgestreckte Hände) leichter durchhalten kann,
während die Kranken eine starke Neigung zur bequemsten Haltung aufweisen.
Ganz unwillkürlich und unbemerkt geht bei ihnen die Hand in eine solche Stellung
über. Vergleichbar der Bevorzugung der bequemsten Ruhehaltung der Glieder gibt
es auch eine Bevorzugung einer bestimmten Ausführungsweise von Reaktionen.
Läßt man jemanden auf einen mehr oder weniger seitwärts vor ihm gelegenen
Punkt zeigen, so tut er das unwillkürlich auf eine charakteristische Weise, die von
der Lage des Zielpunktes abhängt. Befindet sich dieser soweit seitwärts, daß der
ausgestreckte Arm mit der Frontalfläche des Körpers einen W inkel von 130— 140“
bildet, so bleibt der Körper in Ruhe. Liegt der Punkt mehr vom , so daß der W inkel
kleiner würde, so dreht sich der Rum pf soweit nach der anderen Seite, daß der
W inkel gleich bleibt. Liegt der Punkt weiter seitwärts, so dreht sich der K örper
nach denselben Seite . Es scheint also für die zeigende Haltung eine Bevorzugung
1 J acobsohn : Progressive relaxation. 1935. Schultz, I. H .: Das autogene Training. T
1932.
* G oldstein , K .: Zum Problem der Tendenz zum ausgezeichneten Verhalten. Dtsch. Z .
Nervenheilk. 109, 1— 61 (1929). Auch: Der Aufbau des Organismus, S. 220 ff. Haag 1934.
Das ausgezeichnete Verhalten 101

einer bestimmten Winkelstellung zwischen Rum pf und Arm zu geben. Dem liegt
nicht eine bewußte Wahl, sondern eine unbewußte Tendenz zugrunde. W ir können
auch in anderer Weise auf etwas zeigen und dabei etwa den Rum pf fixieren. Das
geschieht, wenn die Situation es fordert, oder wenn wir durch diese Unbeweglich­
keit etwas ausdrücken wollen, ln allen diesen Fällen wird der Betreffende die
Ausführung der Handlung als „gezwungen", manchmal sogar als lästig oder unan­
genehm empfinden, der Zuschauer wird sie als „unnatürlich" beurteilen. Außer­
dem zeigt sich dann die Leistung als weniger gut; es werden beim Zeigen mit
geschlossenen Augen größere Fehler gemacht, sobald der Rum pf fixiert wird.
Zur Erklärung der oben erwähnten Handstellungen kann man die mechani­
schen Kräfte, die zwischen den Fingern wirken, sowie die anatomischen Verhält­
nisse an den Gelenken, Sehnen und Bindern in Betracht ziehen; auch die Wirkung
der Schwerkraft, vor allem aber die Länge und Spannung der Muskeln, in diesem
Falle die überwiegende Verkürzung der Flexoren, sind zu berücksichtigen. Bern
Zeigeversuch kann man als bevorzugte Haltung erwarten, daß es im Gleich­
gewicht zwischen Adduktoren und Abduktoren zu einem Spannungsminimum
kommt. Man bat allerdings ein solches Spannungsminimum bei den bevorzugten
Haltungen noch nicht aufweisen können und das dürfte experimentell auch
schwierig sein. Die Annahme, daß das Prinzip des Spannungsminimums in der
Regel die bequemste (natürlichste) Haltung bestimmen wird, entspricht jedoch
dem allgemeinen Prinzip des minimalen Energieverbrauchs.
Aber weshalb gibt es gerade bei einer bestimmten Winkelstellung zwischen
Rum pf und Arm ein Spannungsminimtim ? G o l d s t e in stellt diese Frage m it
Recht. Die Versuche lehren, daß die bevorzugte Zeigehaltung nicht immer die
gleiche ist. Das ist aus der Abhängigkeit der tonischen Muskelinnervation von der
Haltung anderer Körperteile zu erklären. Tatsächlich kann man aufzeigen, daß
die bequemste Zeigehaltung — objektiv nach der Genauigkeit beurteilt — von
Kopfhaltung, Augenstellung usw., aber auch von „zentralen“ Faktoren, von
bewußten und unbewußten Prozessen und von der Einstellung der Versuchsperson
abhängt. Letzteres geht aus der verschiedenen W irkung einer Seitwärtsbewegung
der Augen hervor, einmal ohne etwas zu fixieren (evtl, bei geschlossenen Augen)
und zum anderen indem man dabei aufmerksam etwas ansieht. Im ersten Falle
ist die Augenbewegung zwecklos: die bequemste Zeigefläche wendet sich nach der
Seite entgegengesetzt der Augenbewegung. Bei einer zielgerichteten Augenbewegung
dagegen verlagert sich diese Fläche gerade nach der Seite der Blickrichtung.
Es ist also nicht die Augenbewegung allein, die die Muskelspannungen verändert.
G o l d s t e in folgert denn auch, daß subjektiv bequemste und objektiv zuträglichste
Verhaltensweisen (er spricht vom , .ausgezeichneten Verhalten") von der funktio­
neilen Einstellung des Subjektes abhingen. Aus den lokalen Spannungsverhältnis­
sen in den Muskeln kann man also zwar die bequemsten Stellungen erklären, wobei
man eine Bevorzugung des Spannungsminimum in sämtlichen Muskeln insgesamt
annehmen muß. Aber diese lokalen Spannungsverhältnisse hängen ihrerseits
w eder von der Situation, den zentralen und peripheren Bedingungen und dem
gegebenen Auftrag, aber auch von den Absichten und Erlebnissen der Pereon ab.
Die Erklärung des Ergebnisses der Zeigeversuche aus dem Prinzip des Span-
nungsmimmuin verlangt meines Erachtens noch einige Erläuterungen. Das Auf-
etwas-Zeigen ist ein aktives Verhaßten, bei dem eine gewisse Arbeit geleistet und
102 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

kräftige Spannungen in den Hebemuskeln des Armes unterhalten werden müssen.


Weshalb zieht man dann noch eine Armhaltung vor, nur um die relativ zu diesen
Leistungen sowieso schon geringen Spannungen in den Adduktoren und A bduk­
toren minimal werden zu lassen ? Das Bestehen dieser funktionellen Bevorzugung
ist in einem zweiten Zeige versuch nachgewiesen worden. Man erhält dabei den
Auftrag, bei geschlossenen Äugen den Finger so genau wie möglich in die R ichtung
eines zuvor wahrgenommenen Punktes auszustrecken. In dem Augenblick aber, in
dem man nur den Punkt durch eine Augen- und Kopfbewegung fixierte, bestand
natürlich kein Spannungsgefühl in den Armmuskeln. Um nun bei geschlossenen A u­
gen richtig zeigen zu können, muß — da jedes einseitig gerichtete Spannungs­
gefühl unsere Richtungsvorstellung stört — das Auftreten eines solchen Spannungs­
gefühls vermieden werden, In diesem besonderen Fall wird das ,,ausgezeichnete
Verhalten" einer Aufrechterhaltung von Spannungsminimum und Spannungs­
gleichgewicht in Abduktoren und Adduktoren entsprechen.
Wenn man jedoch mit offenen Augen und energisch auf einen Gegenstand oder
auf eine Person zeigt, etwa in der Absicht, einen anderen Menschen darauf aufm erk­
sam zu machen, so fixiert man gerade den Rumpf in einer bestimmten Haltung. Das
wird man insbesondere dann tun, wenn sich der gezeigte Punkt bew egt; man kann
ihm dann besser und rascher mit K opf, Auge und Arm folgen als es durch B e­
wegung des massigen Rumpfes möglich wäre. Nicht immer also wird die funk­
tionelle Bevorzugung durch die Einstellung auf ein Minimum bestimmt, sondern
sie kann auch durch andere Faktoren beherrscht werden.
Wenn eine Haltung oder Bewegungsform ihres Ausdrucksgehaltes oder ihrer
Zweckmäßigkeit wegen anderen vorgezogen wird, so hat es keinen Sinn mehr, von
pinpm ,.ausgezeichneten Verhalten" zu sprechen. Zeigt man etwa auf einen w eit
entfernten Punkt, so neigt man ebenso wie bei dem Zeigeversuch vorwiegend zu
einer Vorwärtsbewegung der rechten Schulter. Das tut man vor allem dann, wenn
der Punkt sich von uns fortbewegt. Die Drehung des Rumpfes wird dann nicht
durch das Streben nach einem Spannungsminimum bedingt, sondern sie bezweckt
ein ausgiebigeres Ausstrecken des Armes in Verbindung mit dem entsprechenden
Aüsdrueksgehalt. Die Drehung des Rumpfes soll das durch die Armstreckung In­
tendierte unterstreichen. W ollen wir eine schwer erreichbare Stelle vor uns, z. B ,
eine Blume jenseits eines Zaunes,berühren, so wird nicht nur die Schulter nach v om
gebracht, sondern auch der Rumpf gebeugt. Die resultierende Haltung entspricht
nun keineswegs einem Spannungsminimum, sondern dem Zweck und dem Aus­
druck der Absichten. Diese Entsprechung stellt sich durch die gegenseitige Unter­
stützung gleichgerichteter Bewegungen ein.

3. Das Prinzip der gleichgerichteten Bewegungen


O ft gebrauchte Haltungen entstehen aus der unbewußten Anwendung
dieses Prinzips. Es bilden sich so sinnvoll kombinierte Stellungen der K örperteile,
die wir subjektiv und objektiv als natürlich beurteilen.
Sehen wir nach einem seitwärts gelegenen Punkt, so drehen wir die Augen und
den K opf. Es ist meistens unnatürlich, nur eins von beiden seitwärts zu bewegen
und es erforderte eine Anstrengung, das andere Moment zu unterdrücken. Sogar
bei Reizung der Hirnrinde zeigt sich eine feste Verknüpfung der beiden Bewegungen.
W ird nämlich während der Reizung des motorischen Feldes der Hirnrinde die
Das Prinzip der gleichgerichteten Bewegungen 103

Kopfdrehung verhindert, so tritt eine ausgiebigere Augendrehung auf. Durch die


Rindenreizung wird also eine Handlung m it funktionell-sinnvoller Bewegungs­
kombination von K opf und Augen aufgelöst: „Zuwendung zu einem seitwärts
gelegenen Punkt."
Wenn man spontan oder reaktiv (etwa beim Erschrecken) den Arm beugt, so wird
auch die Hand unwillkürlich geschlossen. Und umgekehrt besteht beim Schließen
der Hand die Neigung den Arm zu beugen. W ir bemerken das u.a. an einem Hart­
werden des M. biceps, wenn wir einen Gegenstand kräftig ergreifen. Umgekehrt
wird eine Anspannung des Biceps erleichtert, wenn man zugleich eine Faust macht.
Beim normalen Menschen sind gleichgerichtete Bewegungen, also solche, bei de­
nen in allen Gelenken einer Extremätit entweder Beugung oder Streckung auftritt,
zwar häufig, aber nicht zwangsläufig. Es gibt ja zahlreiche Situationen, in denen
etwa eine Beugung im Ellbogen mit einer Streckung der Finger und einer Extension
(Dorsalflexion) im Handgelenk kombiniert wird. Eine derartige Bewegungskombi-
nation kann einem bestimmten Zweck dienen, z. B. dem Tragen eines Gegenstandes
auf der flachen Hand. Armbeugung bei flach ausgestreckter (vertikal oder schräg
gehaltener) Hand kann auch eine Äußerung m it expressivem Gehalt darstellen. So
kann die flach angebotene Hand bedeuten; „Sieh*, ich kann Dir nichts (z.B . keine
einzige mögliche Lösung) anbieten." Es kann .auch eine Gebärde wie „sprich mir
nicht davon", „behalten Sie das für sich“ oder „ich will nichts damit zu tun haben"
sein. Die durch den gebeugten Arm vor dem Körper gehaltene flache Hand stellt
dann die schützende Fläche oder den Schild dar, womit man sich eine Frage oderein
Angebot vom Leibe zu halten versucht. Die funktionelle Bedeutung einer gegen­
sinnigen Bewegung in Ellbogen- und Handgelenk hängt von den konkreten Situa­
tionen, den Empfindungen und Intentionen ab. Die m it einer Streckung in Hand­
gelenk und Fingern einhergehende Beugung in Ellbogen und Schulter, stellt, wie
immer sie auch verursacht sein mag, entweder ein Teilmoment einer zielgerichteten
Handlung oder eine expressive Bewegung dar. Jedenfalls ist diese Bewegungskom­
bination auf eine komplizierte Situation bezogen, auf die nur der Mensch kraft
Einsicht und Erfahrung, durch Einfühlung und Darstellung, auf Grund von Nach­
ahmung und Gewohnheit reagiert. N ie jedoch ist die gegensätzliche Bewegung in Arm
und Hand eine primär vitale Funktion. So sehen wir beim Kleinkind denn auch
immer eine gleichzeitige Flexion, später auch eine gleichzeitige Extension in
sämtlichen Gelenken,
Wenn durch eine Störung des Zusammenhanges und der Ordnung im Zentral­
nervensystem ein Rückfall der Funktionen auf eine primitivere Stufe stattfindet
und zugleich ein bestimmter funktioneller Zusammenhang autonom wird, so wird
dem Prinzip der gleichgerichteten Bewegungen zwangsläufig Folge geleistet.
Beispielhaft hierfür sind die von F o e r sie r 1 als Ausfallserscheinungen bei Stim -
Mmtumoren beschriebenen sog. kinetischen und statischen Stützreaktionen der
Extremitäten. Bei passiver Flexion von Hand und Fingern tritt Beugung des
Armes, bei passiver Extensión im Handgelenk Streckung des Armes auf. Gleich­
artige Kombinationen kann man auch an den Beinen beobachten. Die Beuge- oder
Streckstellung von Arm und Bein bestehen so lange fixiert weiter, wie die Beuge­
oder Streckstellung von Hand oder Fuß beibehalten wird.
1 F osrstbk , O.: Die Hirntumoren und ihre moderne Diagnostik und Therapie II. Neue
Dtsch. Klinik 16 (6. Erg. Bd. S. 266).
104 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

4. Die experimentelle Untersuchung der „Halhmpreflcxe"


Eine besondere Anwendung des Prinzips der gleichgerichteten Bewegungen
findet sich in dem Einfluß der Kopfhaltung auf die Stellung der Glieder, Schmu-
bar besteht zwischen der Haltung des Kopfes und der Stellung der Glieder
Win fester Zusammenhang. Im alltäglichen Laten treten alle möglichen K om bi­
nationen auf. Subjektiv können wir keineswegs sagen, welche von diesen K om bi­
nationen uns die angenehmsten und bequemsten lind, und welche wir als die-
natürlichsten empfinden. Die Ursache für das Fehlen jeder Regel liegt in der
Mannigfaltigkeit der Situationen, der Handlungen und Ausdrucksbewegungen.
Auch bei den Tieren scheint jeglicher Zusammenhang zwischen der Stellung des
Kopfes und der der Glieder zu fehlen.
Wenn jedoch, wie etwa bei Ausschaltung der Großhimfunktion, die Beziehun­
gen mit der Außenwelt bis auf wenige elementare Verbindungen reduziert worden
sind, so stellt sich zwischen Kopfhaltung und Extremitätenstellung ein einfacher
gesetzmäßiger Zusammenhang ein, der von Magnus und seinen Mitarbeitern unter­
sucht wurde. Bei deeerebrierten Tieren gelingt es nämlich dem ganzen Körper durch
eine Stellungsänderung des Kopfes eine Anzahl von bestim m ten Haltungen aufzu­
zwingen. Die weitere Analyse dieser „H altungsreflexe" lehrte, daß sowohl die Lage
des Gleichgewichtsorganes im Raum (also die Stellung des Kopfes im Feld der
Schwerkraft), als auch die Spannungsverteilung in den Halsmuskeln (also die
Stellung des Kopfes zum Rumpf) die Tonus Verteilung in den Extrem itäten be­
herrscht. Von Besonderheiten abgesehen kann man die folgenden Regeln auf­
stellen : “
1. Streckung des Halses, wobei der K opf gehoben und nach hinten gebeugt
wird, bewirkt Streckung der Vorderbeine und Beugung der Hinterbeine ; also die
Haltung einer emporschauenden Katze.
2. Beugung des Kopfes brustwärts geht mit Beugung der Vorderbeine und
Streckung der Hinterbeine einher ; also die Haltung einer unter den Schrank
kriechenden Katze.
3. Seitwärtsdrehung des Kopfes verursacht eine Streckung des Vorderbeines
derselben Seite und verminderte Streckspannung im Vorderbein der Gegenseite.
4. Neigung des Kopfes zu einer Schulter hin (Drehung um eine Achse durch
Scheitel und Schädelbasis) bewirkt Streckung des Vorder- und Hinterbeines
auf der Seite, nach der die Schnauze zeigt und Erschlaffung der Streckmuskeln an
der Seite des Scheitels.
Die Wirkung der Kopfrotation führt zu einer Haltung, die, ebenso wie der
Effekt im ersten und zweiten Falle, funktionell sinnvoll ist. Wenn eine Katze in
stehender Haltung ein Geräusch rechts oben hört, wendet sie den K opf dorthin
und es werden die rechten Beine automatisch gestreckt, so daß sie das
Körpergewicht tragen, während das linke Vorderbein einen Sprung nach rechts
ausführen kann. Wenn das Geräusch aber von einer Maus verursacht wird, “ the cat
has only to décide whether to dash at it or not — the postural adjustments
suitable for the act are made automatically” (F ulton )1.
Bei der Wendung (dem Sieh-Umsehen) ist die nach der vierten Regel auf­
tretende Tonusänderung der Extremitäten deshalb zweckmäßig, weil so auto­
matisch eine Ausgangsstellung für eine Wendung des ganzen Körpers erreicht wird.
1 F ulton, J. F. : Physiology o f the nervous System. Oxford Univ. Press. S. 177. 103§,
Die experimentelle Untersuchung der „Haltungsreflexe'' 105

Der Tonus der Extremitäten wird, wie gesagt, nicht nur durch die Stellung des
Kopfes in Beziehung zum Rum pf, sondern auch durch die Stellung des Gleich­
gewichtsorganes (der Otolithen) im Raume bestimmt. Bei Rückenlage einer decere-
brierten Katze und einer Stellung der Mundspalte in einer ungefähr in der Mitte
zwischen horizontal und vertikal stehenden Fläche ist der Strecktonus in allen
Beinen maximal. Dreht man das Tier um 180°, so ist der Tonus minimal.
Der Einfluß der Lage des Gleichgewichtsorganes kann den Einfluß der Stellung
des Kopfes zum Rum pf entweder verstärken oder abschwächen. Die Kombination
beider Momente ermöglicht eine große Vielfalt der Haltungen des Tieres. Außer­
dem erwähnen Magnus und de K l e y n 1 den oft erheblichen Unterschied der
Bedeutung beider Momente bei verschiedenen Individuen derselben Art, wodurch
es in vielen Fällen unmöglich ist, die Wirkung der Kopfstellung auf die Tonusver­
teilung vorherzusagen.
Gewöhnlich nennt man den Einfluß der KopfsteUung auf die Muskelspannung
der Glieder Reflexe und spricht von tonischen Hals- und Labyrinthreflexen auf
die Extremitäten. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn man sich nur dessen
bewußt bleibt, daß der Begriff Reflex nur die Zuordnung einer bestimmten
motorischen Wirkung zu einem bestimmten peripheren Zustand unter bestimmten
Umständen ausdrückt. Damit ist jedoch noch nicht erklärt, weshalb diese W ir­
kung gerade so und nicht anders ausfällt. Zur Erklärung wird der Reflex erst dann
verwendet, wenn man ihn als einen Prozeß deutet, wobei auf Grand der Struktur
des Nervensystems ein Reiz einen konstanten Effekt bewirken muß. W ie schon
dargelegt, stellt ein derartiger Reflex nur einen Grenzfall dar3. Die Funktionen
lassen sich aber nicht auf Grund der an einem Präparat beobachteten Reflexe
erklären, und so müssen wir auch in diesem Falle den Einfluß der Kopfhaltung auf
den Extremitätentonus, d.h. auf die Körperhaltung, funktionell zu begreifen ver­
suchen. Es scheint zunächst, als ob man in einigen Fällen die Haltung eines nor­
malen Tieres aus den Reflexen eines deeerebrierten Tieres erklären könne. W ir
geben dazu ein Beispiel3. „W enn eine Katze auf dem Boden steht und den K opf
beugt, um aus einer Schüssel zu trinken, so wird durch kombinierte Hals- und
Labyrinthreflexe der Strecktonus der Vorderbeine verinindert, das Vorderteil des
Tieres nähert sich dem Boden, so daß die Schnauze die Schüssel erreicht. Die Hais­
und Labyrinthreflexe üben auf die Hinterbeine eine entgegengesetzte Wirkung aus,
so daß hierdurch nur geringe Veränderungen eintreten.” In dieser Argumentation
werden die Reflexe als die Ursache der Haltung des normalen Tieres aufgefaßt.
Deshalb wurde in diesem Zitat das W ort durch" hervorgehoben! Es ist jedoch die
Frage, ob die Haltungsweisen tatsächlich durch eine Kombination von Reflexen
zustande kommen. Die Erfahrung lehrt, daß eine normale Katze sehr oft die
Kopf Stellung ohne jeglichen Wechsel im Tonus der Glieder ändert. Das mit
gestreckten Vorderbeinen sitzende Tier kann aufwärts, seitwärts und abwärts
blicken, ohne daß sich die Streckung ändert. Weshalb sind die Reflexe in diesem

1 Magnus, R., u. A. de K leyn : Haltung und Stellung der Säugetiere, Handb. d. Physiol,
Bd. 15 I, S. 56.
* Auch Sherrington (a. a. O. S.7) betrachtet den Reflex als eine reine Abstraktion, weil
sämtliche Teile des Zentralnervensystems miteinander in Wechselwirkung stehen — also
aus einem anderen als von uns im ersten Kapitel angegebenen Grund.
* Nach M a g n u s u . d e K l e y n (a.a. O. S. 58).
106 D ie Problematik vom Haltung und Fortbewegung

Falle nicht wirksam? Die Annahme „höherer“ , die Reflexe unterdrückender


Prozesse ist wenig befriedigend.
Man muß vielmehr annehmen, daß ein normales Tier durch seine Sinnesorgane
(Auge und Ohr), seine mögliche prospektive Einstellung, die Nachwirkung früherer
Erfahrungen, auf viel differenziertere Situationen abgestimmt sein kam) als d u
Tier mit beschädigtem Nervensystem. D is decerebrierte Tier, bei dem die
Haltungsreflexe so stark gesichert sind, ist taub und blind, kann nicht auf Grund
von F.ffabnmg handeln und sich nicht auf das Zukünftige einstellcn. Bei einem
solchen Tier sind nur noch einfache, primitive Reaktionen möglich, die grund­
legenden funktioneilen Prinzipien entsp-echen und die auch bei einem nor­
malen Tier auftreten können. Für ein decerebriertes Tier sind nur noch folgende
Momente wirksam: 1. die Eindrücke des Labyrinths, durch welches Organ auch
das normale Tier die Kopfstellung empfindet und 2. die von den Halsmuskeln aus­
gehenden Eindrücke. Allein durch diese Vermittler kann auch das normale Tier
die Stellung des Kopfes zum Rumpf empfinden.
Die beiden Empfindungsarten sind zweifellos von primärer und grundlegender
Bedeutung. D ie erste ist notwendig zur EimögHchung der Orientierung zur Schwer­
kraft und zur Michtungsbestimmung durch Fem-Sinnesorgane (Auge und Ohr).
Die zweite ist die notwendige Bedingung einer jeden motorischen Reaktion auf die
optische und akustische Wahrnehmung an einer Stelle im Raum.
Es ist denn auch das entscheidende Ergebnis der MAGNusschen Untersuchungen,
daß das Weiterbestehen dieser notwendigen Vorbedingungen sämtlicher Funktionen
des normalen Tieres nach Wegnahme der höheren Teile des Zentralnervensystems
gezeigt werden konnte.
Weshalb jedoch bewirken die Kopfstellungs-Ändeningen beim hirnlosen Tier
gerade die beschriebenen Haltungswechsel und keine anderen ? Dies beruht einmal
auf dem Überwiegen des Prinzips der gleichgerichteten Bewegungen; zum andern
sind diese Haltungsreflexe als Überreste, unvollständige Formen solcher Stellungen
aufzufassen, die sich beim normalen Tier im Rahmen seiner Möglichkeiten am
häufigsten einsteUen, am frühesten entwickeln und nicht abgestimmt sind auf
spezifische, differenzierte Situationen.
Als Äußerung des Prinzips der gleichgerichteten Bewegungen müssen die
Kombinationen einer Streckung des Halses mit Streckung der Beine, einer
Beugung des Halses mit Beugung der Beine und einer Kopfdrehung m it Bewe­
gung der Extremitäten in gleicher Richtung angesehen werden.
Deutet man die Reflexe des hirnlosen Tieres als Fragmente oder Grenzfälle
natürlicher Verhaltensweisen, so sind es ausschließlich elementare Haltungen wie
Liegen, Sitzen, Stehen, Sich-Bücken, Hinlangen und die Bereitschaft zum Gehen,
Springen und Sich-Umwenden sowie die Übergänge dieser Haltungen ineinander,
die beim hirnlosen Tier zwangsläufig ausgelöst werden können. Zu jeder dieser
Haltungen gehört eine charakteristische KopfsteUung und diese wiederum be­
herrscht die Stellung der Glieder und des Rumpfes.
Der K opf hat, nach einer der Grundregeln Von M a g n u s ' Reflexlehre, die
„Führung“ . Das versteht sich aus dem funktionellen Bauplan eines jeden Tieres.
Der K opf ist ja nicht nur der Körperteil, der vorne steht und geht, sondern auch der
Träger der orientierenden Sinnesorgane, welche die vital wichtigen Aktionen und
Reaktionen auf die Außenwelt vermitteln.
Der Zusammenhang von Kopfhaltung und Extremitätenstelhing beim Menschen 107

5. Der Zusammenhang von Kopfhaltung und Extremitätenstellung beim Menschen


Auch beim Menschen sind die sog, Haltungsreflexe aufgezeigt worden, und zwar
bei Kindern mit einem Hydrocephalus und bei einigen Patienten verschiedenen
Alters, bei. denen durch Hirn- oder Himhauterkrankungen die Großhimfunktion "
mehr oder weniger ausgeschaltet war.
Bei normalen Säuglingen kann man die tonischen Halsreflexe durch Kopf­
drehung nicht auslösen. Jedoch läßt sich in den meisten Fällen ein Labyrinth­
reflex erzielen. Es tritt dann eine Abduktion ¿er Arme, vielfach auch eine
Streckung der Beine auf, wenn der K opf derart aus der vertikalen in die hori­
zontale Lage gebracht wird, daß sich dabei die Stellung zum Rumpf nicht ändert1.
Die funktionelle Bedeutung, welche die veränderte Streckung der Atme bei
Kopfdrehung für das Kind haben kann, wird an einigen Beobachtungen Peiper»
deutlich*. E r ist der Ansicht, daß manchmal beim normalen Säugling ein kurz­
dauernder tonischer Halsreflex auszulösen sei. Regelmäßig sieht man jedoch bei
einem sich auf die Arme stützenden Kind eine aktive und passive Kopfdrehung
mit den gleichen Veränderungen im Strecktonus der Arme einhergehen, die.als Hals­
reflexe bei Tieren und hydrocephalen Kindern beschrieben worden sind. Die von
Peiper veröffentlichten Abbildungen zeigen aber deutlich, daß die Stellungsände­
rung der Arme eine sinnvolle Funktion ist, nämlich ein Teilmoment der durch die
K opfdrehung eingeleiteten Wendung. W ir haben Mer also eine Handlung vor uns,
die mit einer Seitwärtsdrehung des Kopfes anfängt und durch die Tonusänderung
der den Körper unterstützenden Arme fortgesetzt wird. W ollte man hier den Begriff
Reflex anwenden, so müßte man das auch in all den Fällen tun, wo irgendeiner
anfänglichen Bewegung eine zweite folgt, wie etwa beim SicL-Aufrichten, bei der
Wiederherstellung des Gleichgewichts, beim Greifen, Zulangen, Klettern usw.
Hier würde aber der Begriff Reflex seine in der experimentellen Physiologie fest­
gelegte ursprüngliche Bedeutung ganz und gar verlieren und nur noch der Bezeich­
nung einer regelmäßigem Aufeinanderfolge sensorischen und motorischen Ge­
schehens dienen.
Die Drehung des Kopfes geht bei normalen Kindern (und Erwachsenen) nur
manchmal mit einer Streckung des „K inn-Arm es" bei Beugung^ des „Scheitel-
Arm es" einher. Das Eintreten der Reaktion hängt von den Erfordernissen ab,
d. h. sie hat eine funktionelle Bedeutung, Der Sinn der ganzen Haltung bestimmt
die Stellung der Körperteile. Xm obengenannten Beispiel P eiper « tritt das deutlich
zutage. . .
ln anderen Fällen wird gerade der Scheitel-Arm gestreckt, wie ein Beispiel aus
einer anderen Veröffentlichung P eiper » zeigen kann8. Dieses betrifft ein 10 Monate
altes Kind, das im Sitzen nach etwas langt und dabei das Gleichgewicht erhält.
Jetzt ist die Streckung der beiden A rn e sinnvoll und daher findet sie statt. Im
nächsten Augenblick, sobald das Kind den Gegenstand ergriffen hat, sind wahr­
scheinlich die beiden Arme gebeugt und ist der K opf brustwärts geneigt. Die
Stellung der vorderen Extrem itäten und die KopfsteHung sind also der — oben im

1 Magnus, R., u . A . db K l e y n -, Weitere Beobachtungen über Hals- und Labyrinth-


reflexe auf die Gliedermuakeln des Menschen. Pflügers Arck. 160,429— 444 (1915). ■
— Magnus ,
R .: Körperstellung, S. 1 1 3 « . Berlin 1924.
* Peipes , A .: Das Stehen im Säuglingsalter. Jb. Kinderheilk. 134, 149— 168 (1932).
» P eiper , A .: Die Himt&tigkeit des Süugüngs, S. 45. Berlin 1928.
108 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

Zusammenhang der Tierversuche aufgestellten — zweiten Regel der Haltungs­


reflexe gemäß verknüpft. Aber genügt diese äußerliche Gleichheit hier zur A n­
nahme eines Reflexes ? Oder werden K opf- und ArmsteUung immer funktionell
bestimmt? Betreibt man hartnäckig die Deutung sämtlicher Bewegungen als
Reflexäußerungen, dann müßte man also sagen, der Halsreflex auf den ,.Scheitel-
A rm " werde durch den Gleichgewichtsreflex unterdrückt. Hebt ein Kind» das
einen Gegenstand mit beiden gebeugten Armen vor der Brust hält, auf Anruf den
K opf, so trifft die 1“-Regel der Halsreflexe wiederum nicht zu. Gibt es etwa eine
Reflex-Unterdrückung durch das Aufblicken oder die Aufmerksamkeit ?
Ein gutes Beispiel für Haltungen, die durch das Prinzip der gleichgerichteten
Bewegungen zustande kommen, finden wir bei einem Kind (im zweiten Lebenshalb­
jahr), das unter den Achseln hochgehoben und horizontal in der Schwebe gehalten
wird. L a n d a u zeigte, daß bei Streckung des Halses (Hebung des Kopfes) das Kind
Arme und Beine streckt, während bei passiver Beugung des Kopfes auch die
Glieder gebeugt werden. Aus einem Zeitlupenfüm geht hervor, daß die K opf­
bewegung stets vorangeht. Aber, wie wir sahen, rechtfertigt dies nicht die A n­
nahme eines Halsreflexes.
Betrachtet man die Haltungsreflexe der decerebrierten Tiere unter funktio­
nellen Regeln, die auch für das normale Tier und für den Menschen unter elemen­
taren Verhältnissen gelten, dann leuchtet es ein, daß diese Regeln bei einer „n eu ­
tralen“ , d, h. nicht spezifischen Beziehung zur Umgebung, etwa beim ruhigen
Stehen des Menschen, die Haltung bestimmen werden. Das hat G üttich 1 z u der
Ansicht geführt, daß die Halsreflexe für den stehenden Menschen von Bedeutung
seien, und zwar deshalb, weil sie die Muskelspannung in den Beinen automatisch auf
die Verschiebungen des Schwerpunktes abstimmten. Beim Blick nach rechts — so
schreibt er — wird auch der K opf nach rechts gedreht. W ir bringen dadurch den
Schwerpunkt des Körpers außerhalb der Mittellinie und m issen dann die stärker
belastete Körperseite mehr unterstützen, d. h.'das rechte Bein anspannen. „H ier­
für sorgt automatisch das halsreflektorische Muskelspiel". Die Unrichtigkeit «tipiar
Erklärung geht schon aus der einfachen Beobachtung hervor, daß die Streck­
spannung der Beine sich jeder Verschiebung des Schwerpunktes anpaßt, also
auch einer solchen, die ohne eine Veränderung der Kopfhaltung stattfindet.
G ü t t ic h meint auch, daß die Halsreflexe bei der ArmsteUung eine R olle
spielen.. Beim Blick nach rechts gebe es nämlich eine „N eigung", den rechten Arm
zu strecken, den linken zu beugen. Man denke dabei etwa an die typische Haltung
des Florett-Fechters. G ü t t ic h weist darauf hin, daß die Mehrzahl der griechischen
Plastiken den „Reflexgesetzen" entsprechen. Er zeigt anhand einer Reihe von
Abbildungen, daß sich das Standbein an der Seite befindet, nach der auch der
K opf sich wendet, und in vielen Fällen wird der Arm mit Streckung in die Blick­
richtung dargestellt.
Es ist schwer zu beurteilen, ob tatsächlich bei der Mehrzahl der griechischen
Plastiken Blickrichtung, Standbein und ausgestreckter Arm gleichseitig sind. Aber
selbst wenn dem so wäre, könnte schwerlich an die Darstellung eines reflexmäßigen
Zusammenhanges gedacht werden. Im Falle des vielfach vorkommenden Blickes
in die Richtung des Standbeins kann man voraussetzen, daß der Künstler eine
1 Güttich, A .: Muskelreflex nach Schwerpunktverlagerung und griechische Plastik.
Arch. Ohren- usw. Heilk. 151, 287— 293 (1942).
»Loi de stabilité« 109

Phase im Schreiten dargestellt hat, wobei man nach der Seite blickt, nach der der
Fuß gestellt wird, Beim geschmeidigen Sehnellauf erfolgt ganz offensichtlich eine
geringfügige Kopfdrehung nach der Seite des aufsetzenden Fußes1. Die Streckung
des Beines dieser Seite im gleichen Augenblick folgt aus der Zweckmäßigkeit der
Bewegung und hat mit den Halsreflexen nichts zu tun.

6. Die „natürlichen“ Haltungen des Menschen


W ir wollen jetzt die Frage aufwerfen, ob die häufigsten Haltungen des Men­
schen beim „bequem en“ Stehen bestimmten Regeln oder Prinzipien unterworfen
sind. Im vorigen Kapitel haben wir uns das Stehen schematisch vorgestellt und es
nur als eine vertikal gestreckte Körperhaltung und als ein labiles Gleichgewicht
auf einer kleinen Stützfläche betrachtet. Dabei haben wir von der Vielfalt der Arten
des Stehens abstrahiert und das spezifisch Menschliche nur im Zusammenhang mit
dem Grundriß des Körperbaues betrachtet. In W irklichkeit steht der Mensch in
sehr verschiedenen Haltungen und nur ausnahmsweise nach Art der drei be­
sprochenen. Beim bequemen Stehen nimmt man sogar fast nie die sog. Ruhehal­
tung an, ja man bekommt bei oberflächlicher Betrachtung sogar den Eindruck,
daß unsere aufrechten Haltungen völlig zufällig sind und höchstens eine gewisse
soziologisch und traditionell bedingte Regelmäßigkeit aufweisen. Es ist das Ver­
dienst S o ü r ia u », als erster einige Gesetze, oder doch einige Regeln, die für unsere
Haltungen gelten, gefunden zu haben. W ir wollen seine drei »lois de 1* attitude«
näher betrachten.
7. »L oi de s ta b ile «
Beim ruhigen Stehen neigen wir zu einer Haltung m it geringstmöglichen
Spannungen. Das ist nicht für alle Muskeln erreichbar. Sucht man sich jedoch
einen zusätzlichen Stützpunkt, indem mau sich etwa mit einem Arm auf einen
Stock stützt und dabei die andere Hand in die H üfte stemmt, so erlangt man eine
größere Stützfläche, wodurch die Muskeln vollständiger entspannt werden können.
Deshalb erscheint diese Haltung so häufig, insbesondere bei Ermüdung. Nimmt
diese noch zu, dann sucht man weitere Stützpunkte. Man versucht sich festzu­
halten, anzulehnen oder zu hängen. W ir stehen dann nicht nur bequemer und
weniger mühsam, sondern wir gewinnen außerdem ein Gefühl größerer Sicherheit.
Das kann man folgendermaßen erklären. Befinden wir uns in einem labilen
Gleichgewicht, dann sind unsere Muskeln mehr gespannt, als es zum Stehen an sich
notwendig wäre und dies um so mehr, je weniger gesichert das Gleichgewicht ist,
je mehr wir uns als gefährdet empfinden. In einem solchen Fall genügt es bereits,
mit einem Finger eine W and zu berühren, sich auf ein dünnes Stückchen zu
stützen oder eine Schnur festzuhalten, um das Gefühl der Stabilität wiederzu­
gewinnen und dadurch die Muskeln zu entspannen. W er schon einmal in einer
Dachrinne, auf einer hohen Treppe, auf Glatteis oder auf einem Berggrat ge­
standen hat, weiß das aus Erfahrung. Es ist nicht nur das Gefühl einer größeren
Sicherheit, das uns unsere Muskeln entspannen läßt, sondern wir können das tun,
weil wir tatsächlich gesichert sind. Geringe Kräfte können die Schwankungen des
1 Der Zusammenhang zwischen Kopfbewegung und Spannung in den Beinmuskelh folgt
beim Schlittschuhlaufen bestimmten Regeln. Wenn man diese auf Haltungsreflexe zarück-
f(ihren wollte, so erforderte das eine verwickelte Vorstellung über „Hemmungen" und
„Bahnungen".
110 Die Problematik vom Haltung und Fortbewegung

Körpers ausgledchen. Dazu genügt schon eine schwache Stütze außerhalb der
Fußfläche. Namentlich beim Aufstützen mit gestreckten Armen haben die
ausgleichenden Kräfte günstige Angriffspunkte,
Beim Suchen nach der stabilsten Haltung besteht die Neigung, die Beine oder
ffinpn der stützenden Arme völlig zu strecken oder sogar zu überstrecken. D urch
den Bau des Knie- und EUbogengelenkes werden die Extremitäten dann zu festen
Staben, die eine vollständigere Lösung der Muskeln ermöglichen. Auch auf andere
Weise versucht man, in allen Ruhehaltungen die aktive Spannung der Muskeln
durch den passiven Widerstand der Knochen zu ersetzen. Findet man keine
Stütze in der Umgebung, so sucht man eine am eigenen Körper. Man setzt dann
etwa die Hand so in die Hüfte, wie sie auf einer SesseUehne ruhen könnte. Azn
Tisch sitzend legen wir den K opf auf den Unterarm und ohne Tisch stützen wir die
Arme auf die Knie. Ein anderes Mittel ist das Kreuzweise-Halten der Arme oder
das E in h a lten der Finger beider Hände, mit denen man dann die Knie oder den
Nacken umfaßt. »D ans toute attitude un peu prolongée, notre corps tend donc à
prendre la position qui lui assure, avec le moindre effort, l’équilibré le plus
stable.«
W ie richtig diese Folgerung auch sein mag, wir dürfen dennoch nicht wie
Sou Riau die häufigen typischen Haltungen des Menschen ausschließlich aus dem
Bedürfnis nach stabilem Gleichgewicht und aus dem Prinzip der geringsten
Spannung erklären. Die vorzugsweise eingenommenen Haltungen scheinen mir
durch ihren Ausdrucksgehalt stark traditionell gebunden zu sein, so daß sie auch
charakteristische individuelle Unterschiede zeigen. Außerdem haben die durch die
Bewegungeli in den verschiedenen Körperteilen ausgelösten Empfindungen
keineswegs die gleiche Bedeutung für das Erleben unserer Leiblichkeit und für
unsere Stimmungen. Eine genaue Analyse dieser Empfindungen fehlt noch und
würde auf Schwierigkeiten stoßen, weil diese erat in wirklichen Situationen ent­
stehen und unter experimentellen Bedingungen größtenteils fehlen,

8. »Loi d’asymétrie«
Die häufigste, die „natürliche” Haltung des Menschen ist asymmetrisch.
Souriau weist auf die Plastiken in den Museen und auf das tägliche Leben hin.
D ort plaudern zwei Leute auf der Straße, ein Soldat liest einen Anschlag, rin
Arbeitsloser lehnt über ein Geländer, ein Kutscher schläft auf dem B ock, ein
Dienstmädchen steht an der Tür usw. Alle diese Leute nehmen eine asymmetri­
sche Haltung ein. Man könnte meinen, daß sie nur zufällig so stehen und daß
die Häufigkeit der Asymmetrie auf der Wahxscheinlichkeit beruhe, daß man in
irgendeiner Bewegungsphase angehalten hat. Aber dann müßte gerade in den
ersten Augenblicken des Stillstehens die Asymmetrie am stärksten ausgeprägt « i n ,
doch die Erfahrung lehrt das Gegenteil. Sehr oft steht man zunächst in
symmetrischer Haltung, und erst wenn man sich einen Augenblick später end­
gültig hinstellt, erscheint die Asymmetrie. Aus welchem Grund aber? Souriau
antwortet: »Nous aimons mieux fatiguer doublement une partie du corps pour
que l’autre prenne un repos com plet«, denn unangenehme Empfindungen
werden erst auf die Dauer unerträglich. »Q u’ici la souffrance augmente, cria
nous est presque égal, mais que là, du moins, elle cesse!« Ein doppelter D ruck,
eine doppelte Spannung bewirken nicht eine doppelte Empfindungsintensität.
■Loi d'asymétrie« 111

Daher begrenzen wir bei Belastung des einen Körperteils zugunsten eines
anderen nicht nur einen unangenehmen Eindruck, sondern verringern auch
die Empfindung als solche.
In dieser Erklärung steckt sicher ein Kern von Wahrheit. Ein mit einem Arm
gehobenes Gewicht kommt uns nicht schwerer vor, als wenn wir es m it zwei Händen
heben, aber das Tragen an einem Arm führt eher zu einer Unangenehmen Empfin­
dung, die man durch Z u h ilfe n a h m e des anderen Armes verringern kann. Doch
am liebsten läßt man die Arme abwechselnd ruhen.
Beim symmetrischen Stehen gibt es fast immer eine geringe Mehrbelastung
einer Seite und die am meisten behinderten Glieder werfen nun »par un mouve-
ment d’dgoisme m achinal« das Körpergewicht mehr nach der anderen Seite »les
laissant s'arranger comme ils pourront«.
Die Asymmetrie der menschlichen Haltungen wäre also aus dem unbewußten
Streben nach einer minimalen Spannungsempfindung, oder besser nach einem
optimal angenehmen Körpergefühl zu erklären. Offenbar ist uns eine örtlich inten­
sive Spannung weniger unangenehm als eine weniger intensive aber ausgedehnte,
vorausgesetzt, daß die lokale Spannung hin und wieder aufgehoben werden kann.
Das könnte auch erküren, weshalb man beim Sitzen gern eine schiefe Haltung
einnimmt, überwiegend auf einem Sitzbdnhocker lagert, die Beine übereinander-
schlägt, sich auf einen Arm stützt, usw.
Insgesamt hätte die Asymmetrie also zwei Ursachen: das imbewußte Streben
nach einem optimal angenehmen Körpergefühl und das Streben nach größt­
möglicher Stabilität. Das erste Moment überwiegt beim ruhigen Stehen oder
Sitzen, das zweite bei Bedrohung des Gleichgewichtes.
Asymmetrische Haltungen treten jedoch nicht nur in Ruhe oder bei Be­
drohung des Gleichgewichtes auf, sondern auch beim aktiven Stehen oder Sitzen,
bei gespannter Aufmerksamkeit, beim Lauschen, m lebhafter Unterhaltung, in
Erwartung eines Ereignisses und weiter in allen Situationen, in denen der Mensch
„H altung annimmt". W ie ist das zu erklären ? „H altung annehmen“ heißt sich
Persönlich einer Situation, einer Person oder einer Sache gegenüberstellen, wobei die
Haltung sowohl die persönliche Selbständigkeit als auch die Beziehung zur
Situation ausdrückt. Diese Beziehung kann eine Zu- oder Abwendung sein, aber
gerade wenn man persönlich „H altung annimmt“ , behalt man sowohl bei positiver
als auch bei negativer Einstellung zur Außenwelt immer noch eine gewisse Reserve.
Der Mensch will bei sich selbst bleiben und geht nicht auf in Zuwendung oder Flucht.
D iese Ambivalenz kommt in der Asym m etrie der Haltung zum Ausdruck.
Asymmetrische Haltungen findet man mehr beim Manne als bei der Frau und
dem Kind. Das Kind und auch die Frau, die weniger reserviert und ambivalent-,
unmittelbarer in ihrer Beziehung zur W elt sind, neigen ihrer Natur nach mehr zu
einer symmetrischen Haltung und zeigen seltener asymmetrische Gesichtszüge1.
* Man wird vielleicht ein wenden, daß jeder, auch jedes Kind und jede Frau, etwas asym­
metrisch steht oder sitzt. Insbesondere ein Kind kann schwer lange in derselben Haltung
ausharren. Die unauffällige (unpersönliche) Haltung, die man früher von Kindern und Frauen
verlangte, enthielt zugleich die Forderung, still und steif zu stehen und zu sitzen. Zwischen
dem Respekt (der Symmetrie) und der Bequemlichkeit (die leichte Asymmetrie forderte)
wurde dann ein Kompromiß geschlossen.
Daß unter bestimmten Umständen (z. B . Verlegenheit) Kinder und Frauen asymmetrische
Haltungen annehmen, ist allgemein bekannt. Vgl. dazu die Bemerkung auf der nächsten Seite.
112 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

Die asymmetrische Sitzweise mit gekreuzten B einei, oder mit auf den Arm ge­
stütztem K opf, das Stehen mit einer H a n d in der Seite und mit schiefem K op f,
finden wir bei einem Kind „ältlich“ , bei einer Frau „m ännlich".
Jeder Mensch steht jedoch symmetrisch, wenn seine Haltung vollkommene und
rückhaltlose Ehrfurcht oder Untertänigkeit ausdrückt, wie im Gebet oder einem
Vorgesetzten gegenüber. Hier soll die Ambivalenz fehlen, aber auch das Persönli­
che im Sinne einer individuellen Haltung. Es ist zwar dennoch eine persönliche
Haltung, die aber nur besagt: „H ier bin ich ". So steht auch ein guter Redner
spvnp.m Publikum gegenüber. Er nimmt nicht Haltung an. Es ist interessant, daß
zu all»« Zeiten in den Abbildungen von Göttern und Richtern symmetrische
Haltungen tiberwiegen, womit der Künstler darstellt, daß nur ihr Am t, nicht das
individuelle zufällige Verhältnis zu einer Situation von Bedeutung ist. Erst wenn
die Vorstellung erhabener Menschen als Götter oder Heilige durch den Gedanken
einer allgemeinen menschlichen Gleichwertigkeit beeinflußt wird, sehen wir
asymmetrische Haltungen in unserem Sinne auftreten. Die griechische Plastik
unterscheidet sich daher in der Haltung von der ägyptischen oder archaischen, die
gotische oder die Darstellung der Heiligen in der Renaissance von der romani­
schen, Nur dem Toten gibt man, auch heute noch, eine symmetrische Haltung,
weil er nur noch ein gestorbener Mensch ist.
Im vollen Em st des einer Person oder einer Sache Gegenüber-Seins, in der
reinen Konfrontation, stellt sich der Mensch mit seiner frontalen Fläche dem
anderen gerade gegenüber. Jedes kritische, doppelsinnige, verlegene, zweifelhafte,
upiAlarisehe Verhältnis drückt sich in einer Asymmetrie aus. Sie realisiert sich in
der Mimik durch einseitige Muskelwirkung, eine einseitig engere Lidspalte oder in
einem verzogenen M und; in der Haltung durch Drehung des Rumpfes, entgegen­
gesetzte Stellung der Glieder, Neigung des Kopfes zur Schulter. Einer eindrucks­
vollen Landschaft gegenüber bleibt man symmetrisch stehen, aber nicht »i«»™
Gemälde von ihr. Das betrachtet man kritisch.
Der ehrfurchtsvoll Zuhörende steht aufrecht, das verlegene Mädchen oder der
verliebte Jüngling geben sich eine Haltung, winden sich in allerlei Kurven. Sogar
in der Art, wie K iddung und Frisur getragen wird, als Mode oder individuell, unter­
scheiden wir den Ausdruck ernster Würde von einer spielerischen Gleichgültigkeit.
Der Soldat, der unter Kameraden sein Käppi schief aufsetzt, tut das nicht bei
einer Inspektion.
Es liegen also mehrere Gründe für die Asymmetrie der menschlichen H altung
vor. Sie kann Folge einer funktionellen Tendenz zu einer minimalen Unlust bei
maximaler Stabilität sein; sie kann durch die Fixierung einer Aktivitätsphase oder
bei Aktivitltseinleitung entstehen; sie kann Gefühle und Stimmungen m m Aus­
druck bringen. Schließlich tritt sie als die Darstellung einer Grundform unseres
Bezuges zur W elt auf, als die persönliche Einstellung, die wir das „Annehmen von
H altung" nannten. Das kann es beim Tier nicht geben, weil dort die exzentrische
Position des Geistes in der Objektivierung seiner selbst und des Gegebenen fehlt.

9. »Lol d’ alternance«
Zum dritten Haltungsgesetz von Souriau können wir uns kurz , Das
Streben nach minimaler Unlust bei maximaler Stabilität bestimmt unsere
Haltungen in funktioneller Hinsicht. Die asymmetrische Haltung hat dabei den
Das Gehen. Die Grundlage des Gehens 113

Vorteil, wiederholt in ihr Spiegelbild umgesetzt werden zu körnen, wodurch die


Ermüdung soweit als möglich verhindert wird.
Ein Muskel ermüdet mehr durch eine mäßige und gleichmäßig dauernde
Kontraktion, als durch eine doppelt so starke, die einer völligen Erschlaffung folgt.
Es ist also vorteilhaft, die Haltung so oft als m öglich zu in dem . Das ist am ehesten
bei einer asymmetrischen Haltung m öglich, obwohl man durch die Haltungs­
änderung keine vollständige Entspannung erreicht. Es wird daher sogar die
bequemste Haltung auf die Dauer doch ermüden, was wir durch noch weiter­
gehende Änderungen auszugleichen suchen. Nach langem Stehen setzt man sich
und umgekehrt. Je müder man wird, desto frequenter werden die Haltungs­
wechsel und desto schwerer ist es, eine neue, angenehmere Position zu finden.
Souriau illustriert diesen Vorgang durch das Verhalten von Reisenden in einem
Nachtzug, die mit zunehmender Unruhe eine geeignete Haltung suchen, bis sie
schließlich durch den Schlaf überwältigt werden. «E t l’aube blafarde les éclaire,
endormis dans les attitudes les plus bizarres".
Ohne Zweifel ist es S o u r ia u gelungen, die Mannigfaltigkeit unserer Haltungen
unter einigen wenigen Gesichtspunkten und Regeln zu sichten. Dabei hat er wohl
zu sehr den Zweckmäßigkeitsgesichtspunkt in den Vordergrund gestellt und den
Ausdrucksgehalt verkannt. Zu einer genaueren Erfassung dieser Zusammenhänge
werden weit mehr Einzeldaten gesammelt werden müssen, als uns jetzt zur Ver­
fügung stehen.

HI. Das Gehen. (Die rhythmisch alternierende Bewegung)


1. Die Grundlage des Gehens
Es ist uns so geläufig und selbstverständlich, daß die Menschen und die
höheren Tiere sich durch eine rhythmisch abwechselnde Beugung und Streckung
der Glieder fortbewegen, daß uns meist eme Begründung dieser Bewegungsart
aus dem Wesen tierischer und menschlicher Existenzform nicht mehr zum
Problem wird. Aber nur eine solche Begründung kann uns vor dem häufigen
Irrtum bewahren, das Gehen aus der Struktur des Nervensystems und dem
Reizverlauf erklären zu wollen. Dieser Irrtum ist verständlich, da ja auffallend
ist, daß dieses dynamische Geschehen völlig „gedankenlos" ohne unser Bewußtsein
abläuft. W ir gehen so „autom atisch", daß sich uns die Vorstellung eines mecha­
nischen Prozesses als Ursache einfach aufdrängt. Das Tierexperiment
scheint diese Vorstellungen zu bestätigen. Es stellt sich nämlich heraus, daß die
„niedrigeren" Teile des Zentralnervensystems für die Ausführung der Gehbewegun­
gen genügen. W ir werden noch sehen inwiefern. Auch der wissenschaftlich vertret­
bare Gegensatz von physiologischen und psychischen Prozessen, im Sinne eines
Gegensatzes von materiellem und nicht-materiellem Geschehen, oder von
Rückenmarks- und' Großhimprozessen, führt dazu, das Gehen als typisches
Beispiel einer mechanisch erklärbaren Funktion aimisphpn
Nichts ist allerdings einfacher als das Ausdenken einer Maschine, die rhyth­
misch alternierend zwei „B eine" bewegt. Als Kinderspielzeug kam en wir ja
solche M odele, die sehr instruktiv sind. Sie beweisen nämlich überzeugend den
wesentlichen Unterschied zwischen mtipt maschinellen und einer vitalen Funktion,
und zwar nicht nur hinsichtlich des Zustandekommens, sondern auch hinsichtlich
der Ausführungsweise. Das Gehen von Mensch und Tier ist ja ein SicÄ-Bewegen
BuytendiJV, Hkltang und Bewegung 8
114 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

entsprechend den besonderen Anforderungen der Umstände, angepaßt an den


wechselnden Zustand des Bodens und die verfügbaren Hilfsmittel (die Schuhe
z. B .). Die Grundlage für diese Selbst-Bewegung liegt jedoch in einer
rhythmisch alternierenden Bewegung der Extremitäten, die aber schon in den
Grandbestimmungen des tierischen Lebens, an dem auch der Mensch A nteil hat,
fundiert ist.
Bei einer näheren Betrachtung dieser allgemeinen Grundlage der Lokom otion
finden wir folgende M omente:
a) den Bewegungsdrang;
b) die Diskontinuität;
c) das Rhythm ische;
d) die symmetrisch gleichsinnig oder entgegen gerichtete Mitbewegung.
a) Den Bemegungsdrang werden wir bei der Genese der menschlichen Bewegung
im Znga™meTi;ha.mg mit der natürlichen Bewegungsentwicklung der Tiere ■aus­
führlicher behandeln. Hier möge die Bemerkung genügen, daß, wie auch die
Experimente zeigen, der Impuls beim Gehen nicht von der Peripherie, sondern
vom „Zentrum " ausgeht. In ihm kann man sich den Ursprung dieser Funktion
zwar denken, doch auf keinerlei Weise vorstellen. Der Begriff „Bewegungs­
drang" drückt daher nur den Inhalt des empirisch Gegebenen ohne irgendwelche
theoretischen Voraussetzungen aus. In unserer Analyse des Begriffes Selbst­
bewegung haben wir das näher begründet. Bewegungsdrang ist die Bedingung
der Selbstbewegung. Als einer Selbstbewegung muß also auch dem Gehen ein
Bewegungsdrang zugrunde liegen, auch dann, wenn äußere Gründe, M otive ¡oder
Reize den Anlaß zur Lokomotion bilden, oder wenn ein verstümmeltes, etwa groß-
hirnloses Tier ins Laufen kommt. Es ist nicht verwunderlich, daß die Spontaneität
dabei eine materielle Vorbedingung hat, etwa eine Anhäufung von Stoffwechsel­
produkten im Zentralnervensystem, wie beim Atmen. Jede Lebensfunktion ist
ja an ein materielles Geschehen gebunden, ohne daß sie daraus erklärt werden
könnte. Daher stammt ja der Doppelaspekt der Lebenserschemungen als Prozeß
und als Funktion, aus dem wir die Berechtigung einer selbständigen funktionellen
Betrachtungsweise abgeleitet haben.
b) Dieser Doppelaspekt kehrt auch bei einer Erörterung der zweiten Grund­
lage des Gehens wieder. Die Erfahrung lehrt, daß alles lebendige Geschehen
diskontinuierlich verläuft. Versteht man es im Sinne von Prozessen, so kann nmw
die Diskontinuität in einem physikalischen Modell abbilden. In einem solchen
Modell findet durch bestimmte strukturelle Zusammenhänge eine Energie­
ansammlung bis zu einer kritischen Grenze statt, wonach eine plötzliche E nt­
ladung erfolgt. Diese sog. Relaxations-Erscheinungen bilden die Grundlage für
unsere Einsicht in viele körperliche Prozesse. Auch der allgemeinste, grund­
legende Prozeß in den Nervenzellen, der zur Aussendung von Reizen in die
Axone (peripheren Nervenfasern) führt, kann aus diesem Modell erklärt werden.
Vom funktionellen Gesichtspunkt aus verstehen wir die Diskontinuität der
animalischen Lebensäußerungen, wenn wir bedenken, daß Mensch und Tier ein
in sich geschlossenes individuelles Dasein in und mit der Umwelt haben. Dieses
„m it" bezeichnet ein Zusammensein im Sinne einer Wechselwirkung, aber auch ein
„Gegenüber-Stehen" im Sinne einer Auseinandersetzung. Die Doppelsinnigkeit
Die Grundlage des Gehens 115

muß sich in einer doppelten Ausrichtung und in einer polaren Spannung der
Funktionen äußern. Sie zeigt sich in einer aktiven und in einer passiven Stellung­
nahme zu den Dingen; die polare Spannung der Funktionen wird durch ihre
Gegensätzlichkeit im ununterbrochenen Zusammenhang bedingt. Die Umwelt-
Gerichtetheit führt zu einer Spannung und diese wiederum zu einer Selbst­
bewegung, wenn ein bestimmter Grenzwert überschritten wird. Als die Erfüllung
der Bewegungstendenz hebt sie die Spannung auf. Spannung und Entspannung
wechseln miteinander also notwendigerweise ab, indem die Spannung Bewegung,
diese wiederum Entspannung bewirkt. In dem Maße, wie die Entwicklung eine
höhere Stufe erreicht und die Integration des Individuums als Ganzes ebenso
wie die Selbständigkeit der Teile zunimmt, prägt sich dieser Wechsel deutlicher
aus, wechseln Ruhe und Arbeit, Spannung und Entspannung miteinander ab.
Aus dem Wesen der tierischen Existenz läßt sich, im Zusammenhang mit der
Architektonik der W irbeltiere, die Diskontinuität der Bewegung im Sinne von
Muskelspannung und Entspannung verstehen. Mit der Befreiung von der Erde,
mit dem Sicherheben auf säulenartigen Gliedern, erhält diese Diskontinuität die
Form eines schrittweisen Vorwärtsgehens.

c) Das rhythmische Beugen und Strecken ist schon beim jungen Kind die
allgemeinste Äußerung des Bewegungsdranges und zeigt sich an den Beinen
auch viel früher als das Gehen. U m könnte die Frage aufwerfen, weshalb nicht
die anderen im Hüftgelenk möglichen Bewegungen, wie Innen- und Außen­
rotation, A b- und Adduktion als rhythmische Bewegungen ausgeführt werden.
Beim Wiegenkind in Rückenlage sehen wir fast ausschließlich das „Stram peln“ ,
also Beugung und Streckung, meistens zugleich in H ilft- und Kniegelenk, jedoch
nur dann und wann eine Rotation oder eine A b- und Adduktion. Eine physio­
logische Erklärung hierfür ist schwer zu geben. Zwar wissen wir, daß insbesondere die
Extensoren starke m yotatische (Eigen-) Reflexe zeigen, die vielleicht nach einer
Dehnung durch zufällige Beugung leicht eine Streckung veranlassen können.
Aber weshalb die dann auftretende Dehnung der Beugemuskeln erneut zu ihrer
Kontraktion führt, kann man aus den Experimenten über die Eigenreflexe nicht
erklären. Das kann man nur feststellen.
Rhythmische Beugung und Streckung sehen wir im Tierversuch, bei einem
Frosch etwa, immer als Folge eines starken Hautreizes auftreten, der primär
eine Flexion im Sinne einer Fluchtbewegung verursacht. Man sagt denn auch,
daß der Beugereflex leicht in einen rhythmischen E ffekt übergehe, aber das ist
keine Erklärung. Das Strampeln des Kindes wird jedoch keineswegs durch
einen starken äußeren (schädlichen) R eiz ausgelöst und ist also sicher primär
kein Beugereflex. Es ist auch primär keine Fluchtbewegung, sondern eine
abwechselnd zentrifugale und zentripetale Bewegung, die, auch wenn sie von
Erwachsenen ausgeführt wird, reine Äußerung eines Bewegungsdranges ist. Sie tritt
insbesondere in Gefühlszuständen mit überwiegender Unfähigkeit zur ziel­
gerichteten Aktivität auf. Beim Erwachsenen sind das vorwiegend W ut- und
Ungeduldsreaktionen. Beim Wiegenkind aber, das immer, auch in seinen Freude­
äußerungen, zur adäquaten Reaktion unfähig ist, ist das Strampeln der
motorische Ausdruck seiner Bewegtheit und Selbstbewegung. Erst eme genauere
Untersuchung wird diesen Ausdrucksgehalt aufhellen können. Es kann dann
8*
116 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

zugleich entschieden werden, ob das Pr&valieren'-dieser Bewegungen über


Rotationen und A b- und Adduktionen mit der Muskeltonusverteüung des Kindes
znsammenhängt oder mit der Rückwirkung der beiderseits gleichgerichteten
Beinbewegungen auf den Rumpf. Auch muß untersucht werden, wodurch
Frequenz und Amplitude bestimmt werden, wie die Bewegungen anfangen und
aufhören, inwieweit die Geschwindigkeit der Beugung der der Streckung gleich
ist und welche Veränderungen mit dem Alter auftreten. Erst dann wird es
möglich sein, sie nach ihrer A rt auch als Grundlage für das Gehen zu begreifen.
Jedenfalls ist die rhythmische Beugung und Streckung eine ursprüngliche
Funktion. Dem entspricht auch das Ergebnis d e r Untersuchungen W a c h h o l d e r s ,
der für die willkürlichen Armbewegungen zeigte, daß die alternierende Bewegung
nicht als eine Summe einfacher elementarer Bewegungen anzusehen ist, sondern
daß sie umgekehrt die elementare Form ist, deren sekundäre, abgeleitete M odifi­
kation die einfache Bewegung darstellt1. Die anschließende Frage W a c h h o l d e r s ,
„w oher die Neigung unseres Bewegungsapparates stammt, unseren Muskeln eine
periodische alternierende Tätigkeitsform aufzuzwingen", werden wir später
besprechen.
d) Das Phinom en der Mitbewegung ist für das Zustandekommen der Handlun­
gen und Ausdrucksbewegüngen von großer Bedeutung. Alle primären Tätigkeits­
formen haben die Neigung, sich über den ganzen Körper auszubreiten, w obei
rieh ajg« Rumpf und Glieder und diese untereinander zusammenhängend bewegen.
Aus diesen umfassenden Bewegungsweisen gliedert sich allmählich, durch
W egfall des Überflüssigen und Partiellen, eine sinnvolle Bewegung mit ökonom isch
koordiniertem Verlauf aus. Aber bei allen Ursachen, die das Gleichgewicht
stören, wie Aufregung, Ermüdung, Läsionen des Zentralnervensysfeins, erhöhten
Widerständen, schwierigen Aufgaben usw., treten erneut Mitbewegungen auf.
Sie folgen im allgemeinen zwei Regeln : erstens rinden sie an symmetrischen
Körperteilen statt, und zweitens sind vorzugsweise jene Muskelgruppen beteiligt,
die nicht schon für eine andere Aktivität (Haltung z. B.) gebraucht werden,
sondern ganz oder teilweise „frei“ verfügbar sind. Das sind etwa die Gesichts­
muskeln, die Zunge und teilweise auch die Atemmuskeln. Aus diesen allgemeinen
Regeln ergibt rieh das häufige Vorkommen von Mitbewegungen bei Kindern,
und heim Kleinkind sieht man denn auch nie oder doch selten eine isolierte,
partielle Bewegung.
Die symmetrischen Mifbewegungen von Armen oder Beinen können gleich­
zeitig, gleichgerichtet oder alternierend verlaufen, Grundlage der Gehbewegung
bildet natürlich nur das alternierende Zusammenbewegen. Eine Erforschung der
Entwicklung der Ortsbewegung bei verschiedenen Tierarten könnte vielleicht
die Vorphase des Fliegens, Schwimmens und Springens (Hüpfens) zeigen. E s ist
dabei eine gleichgerichtete, synchrone Bewegung der Beine zu erwarten. D er
Mensch (auch das Kind) kann die Beine sowohl synchron als alternierend bewegen,
doch die alternierende Bewegung.ist leichter ausführbar. Davon kann man sich
durch eine einfache Selbstbeobachtung überzeugen. Wenn man kn Sitzen auf
einem Tischrande die frei herabhängenden Unterbeine zunächst rhythm isch
1 W achhoi.dkk , K .: Willkürliche Haltung und Bewegung, S. 138. München 1928, [Auch
erschienen in: Erg. Physiol. 26 (1928)].
Die Gesetzmäßigkeit der Rhythmik 117

alternierend und darauf gleichzeitig in derselben Richtung bewegt, so bemerkt


man, daß das erste viel leichter vonstatten geht und m it größerer Frequenz und
längerer Dauer durchgehalten werden kann1. Dasselbe gilt fürs Beugen und
Strecken in Hüfte und Knie bei Rückenlage. Für eine Erklärung muß man die
mechanische Wirkung der Extremitätenbewegungen auf den Rum pf beachten.
Bei gleichzeitigen Bewegungen in derselben Richtung erleidet die Masse des
Rumpfes einen Rückstoß, bei alternierenden nicht. Im ersten Falle kommt
daher der Rumpf in eme hin und her schaukelnde Bewegung. Dadurch wird
nicht nur die Frequenz der Beinbewegung beschränkt, sondern sie erhält bei
einigermaßen ’ großer Amplitude auch leicht eine Betonung in einer Richtung,
meistens in der Streckrichtung. Beim Springen oder Schwimmen sind die Rück­
wirkung auf den Rumpf und die Betonung der Streckung funktionell wichtig
und die Ursache der stoßweisen Fortbewegung des Körpers.
W ie bereits erwähnt, kommt beim W iegenkind die gleichgerichtete, gleich­
zeitige, rhythmische Beinbewegung fast nur bei starker Aufregung vor. Außerdem
hört diese Bewegung auf, sobald das Kind auf etwas achtet oder beschäftigt
ist (z. B. beim Trinken), während gerade dann die nichtstoßenden und also nicht-
störmdm alternierenden Beinbewegungen weitergehen können.
Es wäre interessant, den Unterschieden des Verhältnisses zur Außenwelt bei
laufenden und springenden (hüpfenden) Tieren verwandter A rt nachzugehen.
Jedenfalls ist das Laufen kontinuierlicher (weniger stoßend und störend), so daß
der Mensch, ebenso wie das höhere Tier, denn auch zu einer gleichmäßigen,
ununterbrochenen Orientierung während seiner Ortsbewegung fähig ist.

2. Die Gesetzmäßigkeit der Rhythmik


Nach dieser Betrachtung über die Grundlagen des Gehens wollen wir uns
nunmehr den Untersuchungen zuwenden, welche die Erhellung der Gesetz­
mäßigkeiten in der Rhythmik der Glieder und ihren Zusammenhang verfolgen.
W ir meinen die Untersuchungen v o n H o l s t »* über die Bewegungen der Fisch-
Flossen. Bei Fischen mit durchtrenntem Halsmark wurden die rhythmischen
Bewegungen der Flossen und des Schwanzes registriert und sowohl für sich als
auch in ihrer gegenseitigen Koordination untersucht. Dabei stellte sich heraus,
daß die Automatie der Flossenbewegungen von gleicher Art ist wie die der
Atembewegungen. Sie bewegen sich rhythmisch weiter, auch nachdem sämtliche
sensiblen Nerven durchtrennt worden sind und eine Rückwirkung von der
Peripherie her, eine reflexmäßige Auslösung der Bewegung also, ausgeschlossen ist.
Hinsichtlich der Koordination der Bewegungen der verschiedenen Flossen
zeigte sich gewöhnlich ein sehr fester Zusammenhang in der Rhythm ik, jedenfalls
was die Frequenzen betrifft. Diese sind meistens gleich, aber sie können auch
in einfachen arithmetischen Verhältnissen, z. B . 1 :2 oder 1 :3 zueinander stehen.
Es ist interessant, daß sich schon bei den Fischen eine Gesetzmäßigkeit heraus-
* Schon H ering hat anläßlich seiner Untersuchungen über die Augenbewegungen bemerkt,
daß Erwachsene die Hände horizontal schwerer in derselben als in entgegengesetzter Richtung
hin- und herbewegen können. (Die Lehre vom binokularen Sehen, 1. Lieferung, S. 22/23. Leipzig
1888 ) Auch das Kind bewegt die Arme ausschließlich entgegengesetzt, was die Richtung betrifft,
also gleich, was das Verhältnis zum Rum pf betrifft (beide abduzierend oder adduzierend).
* Zusammenfassung in: Zeitschr. vgl. Physiol. 26, 481 (1941) und Naturwiss. 25, 625
u. 641 (1937).
118 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

stellt, die für alle Tiere und auch für dm Menschm gilt; Wenn wir die beiden Am te
oder Beine oder einen Arm und ein Bein zugleich rhythmisch bewegen, so
geschieht das zwangsläufig in derselben Frequenz oder in einem einfachen Ver­
hältnis der Frequenzen. Bei einer Rhythmuslnderung der einen Bewegung
ändert deh auch die andere.
Bei den Flossenbewegungen konnte v o n H olst diesem induktiven Einfluß
genau nachgehen. Oft gibt es für einige Zeit nur eine relative K oordination,
die allmählich, aber auch wohl plötzlich in eine absolute übergeht. Es kommen
sowohl synchrone als alternierende Flossenbewegungen vor, aber auch besondere
Bewegungsweisen, z. B. mit abwechselnd großen und kleinen Amplituden, m it
Phasenverschiebungen oder Interferenzen. Viele dieser Erscheinungen kann man
wohl erklären aus den wechselseitigen Einflüssen, welche die Teile des Zentral­
nervensystems aufeinander ausüben.
Die Untersuchung VON H olst» hat eine Anzahl Ergebnisse allgemeiner Art
geliefert, die für unsere Einsicht in die für das Gehen grundlegenden Extrem itäten­
bewegungen bei Mensch und Tier von Bedeutung sind,
Erstens ist die Koordination der Rhythmen ein intracentraler, autonomer
Prozeß, kein Reflex, auch keine Reflexkombination.
Zweitens ist das Nervensystem bei der motorischen Aktivität als Ganzheit
wirksam, so daß die Vorstellung von selbständigen Zentren in den Hintergrund
gedrängt wird.
Drittens lehrte eine genaue Analyse des induzierenden Einflusses der Brust­
flossen auf die obere und untere Hälfte der Schwanzflossen, die sich spiegel­
bildlich zueinander bewegen, daß die Amplitude der Bewegung in den letzten
motorischen Ganglienzellen (die Impulse der höheren Teile des Nervensystems
empfangen) reguliert wird, aber der Rhythmus „anderswo“ . Amplitude und
Rhythmus sind größtenteils unabhängig.
Auch beim Gehen des Menschen wissen wir, daß die Größe und die Frequenz
der Schritte relativ unabhängig voneinander sind, obwohl genaue Daten über ihre
Beziehung fehlen.
Schheßlidi noch eine auch für die menschliche Motorik bedeutende B eob­
achtung von H olst». W enn zwei Rhythmen, z. B. der Brustflossen, allmählich
etwas von einander abweichen, so daß sich ein Fhasenunterschied einstellt, so
tritt p lötzich ein kritischer „Schritt“ auf, ein Extra-FtossenscUag oder das
Ausbleiben eines Schlages, wodurch die Synchronizität der beiden Bewegungen
wiederhergesteUt wird, von H olst nennt dieses Phänomen, das eigentlich die
Verallgemeinerung eines spontanen Rhythmus bedeutet, den „M agnetreflex“ .
E r kommt, wie die Versuche zeigen, auch bei der gemeinsamen Bewegung der
Anne, doch nammUich bei der gleichzeitigen Beinbewegung vor. von H olst
vergleicht die kritisch«! Schritte mit dem, was sich ereignet, wenn zwei ver­
schieden große Menschen miteinander gleichen Schritt halten wollen.
Die Fischflossen bewegen sich vielfach entgegengesetzt, wie die Beine von
Säugetier und Mensch, aber b e i einer bestimmten Frequenz können sie auf
einmal in gleichgerichtete Bewegungen Umschlägen.
Für die Theorie des menschlichen Gehens sind diese Versuche wichtig, weil
durch sie experimentell gezeigt werden konnte, daß sich mit der Geschwindigkeit
auch die Form (d. h, die Koordination) der Bewegung verändern kann. Das gilt auch
Das Gehen als Prozeß betrachtet 119

für den Gang des Menschen, wenn man diesen nicht schematisch als eine Hin-
und Herbewegung der Beine betrachtet, sondern als eine Bewegungsgestalt, an
der nach einer bestimmten Reihenfolge der ganze Leib teilnimmt. Mit der
Zunahme der Gehgeschwindigkeit treten Veränderungen in der Koordination auf,
und zwar nicht nur in den Beinen, sondern auch in der Rum pf- und Armbewegung.
Veränderungen der Bewegungsform bei zunehmender Geschwindigkeit sind
ein allgemein gültiges Phänomen, d a s v o n W e iz s ä c k e r und sein Schüler
D e r w o r t 1 näher erforscht haben. Das Ergebnis der Versuche wurde auch auf
das Laufen, z. B. eines Pferdes angewandt, wobei jede Bewegungsweise (Schritt,
Trab, Galopp) nicht nur ein eigenes Koordinationsbild zeigt, sondern auch eine
gewisse Schrittlänge und Frequenz. „Innerhalb einer Gangart wird nicht nur
die Schrittfrequenz, sondern m it Ihr stets die Schrittlänge verändert."
W ir fügen dem hinzu, daß auch die Bewegungsweise sämtlicher Körperteile
und ihre Haltung systematisch von der Weise der Lokom otion abbiängen2.

3. Das Gehen als Prozeß betrachtet


Die physiologische Analyse der Gehbewegungen der Wirbeltiere hat einige
Tatsachen zutage gefördert, welche die Grundlage für eine Theorie von den
zugehörigen Prozessen im Zentralnervensystem bilden.
Großhimlose Tiere können noch gehen, dem Spinaltier — bei dem die Ver­
bindung dies Rückenmarkes mit dem Mittelhim und den Stammganglien durch­
trennt wurde — ist es unmöglich. Sicher erklärt sich das daraus, daß das Tier
nicht mehr die Beine zu strecken, also nicht mehr zu stehen vermag. Das
Bewahren der Haltung ist die Vorbedingung des Gehens. Durchtrehnt man
(bei der Katze) däs Mittelhim so, daß der sog. rote Kern (von dem aus eine
Nervenbahn zu den motorischen Vorderhomzellen verläuft) ausgeschaltet wird,
so tritt eine übermäßige Strecksteifheit in den Beinen auf, die das Gehen unmög­
lich macht.
Beim Spinaltier, das nicht gehen kann, können sich jedoch rhythmische,
alternierende Beinbewegungen einstellen, sobald man das Tier (Hund oder Katze)
hochhält, so daß die Hinterbeine frei herabhängen. Kneift man nun in den Fuß,
etwa den rechten (oder in die redite Leiste), wodurch dieses Bein sich beugt, so
wird zugleich das linke Bein gestreckt. Darauf folgt eine Streckung rechts und
eine Beugung links und so für einige Zeit abwechselnd weiter. Besonders Sher-
rington hat diesen „stepping-mechanism" näher erforscht8.

Das Rickeiim ark allein genügt, wie gesagt, um das abwechselnde Beugen und
Strecken der Hinterbeine ungefähr wie beim Gehen möglich zu machen. Auch
die gleichzeitige Beugung (oder Streckung) eines Hinterbeines und des gekreuzten
1 Pflüger* Arch. 340,, (1938).
* Mit Recht bemerkt dann auch von W eizsäcker in seinem Buch „Der Gestkltkreis*'
(S. W i ) : ,,Ei kommtüberall also nicht auf die Figur allein oder die Geschwindigkeit allein an.
Das Bewegungsgesetz ist vielmehr immer ein solches, als sei das Räumliche eine Funktion
der Zeit (und umgekehrt). Manltann dieses Sachverhältnis auch so ausdriieken: die Bewegung
fui int jeweils ein bestimmtes Verhältnis von Raum zu Zeit, nicht nur eine Raumfigur unab­
hängig von der Zeit.
* Sherrington, C. S. : The intégrative action of the nervons system. Newhaven,
Yale XJaiv. Press 1948.
120 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

Vorderbeines können bei der Katze mit durehtrenntem Halsmark ausgelöst


werden. Wenn ein Sehmerzreiz Beugung eines Hinterbeines bewirkt, so werden
das andere Hinterbein und das gleichseitige Vorderbein gestreckt und das
kontralaterale Vorderbein gebeugt. Diese „reflex-figure" (S h e r r in g t o n ) ähnelt
einer Phase in der Fortbewegung der Katze.
Die weitere Untersuchung des „steppmg-mechanism''1 durch S h e r r i n g t o n
lehrte, daß die Gehbewegungen der Hinterbeine noch ausgelöst werden können,
wenn sämtliche Hautnerven durchschnitten und nur die Tiefenstabilität (der
Muskeln) und also die Eigenreflexe erhalten sind.
Einige Jahre nach den Untersuchungen S h e r r in g t o n * zeigte sein Schüler
G r a h a m B r o w n 2, d a ß auch nach vollständiger Desensibilisierung und also bei
Ausschluß sämtlicher Eigenreflexe, das rhythmisch abwechselnde Beugen und
Strecken der Hinterbeine beim spinalen Hund noch auftreten kann. Schon
früher war es bekannt, daß ein sonst intaktes Tier nach Durchtrennung sämtlicher
Hinterwurzeln laufen, traben, galoppieren und springen kann, sei es auch — ver­
ständlicherweise — weniger vollkommen, weil die Anpassung an die Eigentümlich­
keiten des Geländes fehlt.
Aus all diesen Beobachtungen geht hervor, daß der „stepping-mechanism“
auf einer durch das Rückenmark zustandekommenden rhythmischen Aktivität
beruht. Sie kann — wie die Atembewegungen — spontan entstehen, aber sie
wird verstärkt und kräftig unterhalten durch die Eigenreflexe der Muskeln. Bei
dieser Aktivität stellt sich an derselben Extremität immer eine reziproke Inner­
vation ein, d. h. bei der Kontraktion einer Muskelgruppe (Beuger oder Strecker)
ersc h la fft die entsprechende antagonistische Gruppe.
Diese reziproke Innervation ist eine (logische) Bedingung für jegliche
Bewegung. Schon D e s c a r t e s (1662) hatte bemerkt, daß bei Kontraktion des
äußeren Augenmuskels (M. rectus extemus), der innere (M. rectus internus)
zugleich erschlaffen muß. Später wurde die reziproke Innervation u. a. an den
Beinmuskeln durch S h e r r in g t o n experimentell nachgewiesen.
Zur Erklärung dieses allgemein gültigen Phänomens nahm S h e r r in g t o n an,
daß ein bestimmtes sensibles Neuron eine zentripetal verlaufende, sich ver­
zweigende Faser hat, deren einer Zweig etwa die motorischen Ganglienzellen der
Flexoren reizt, während der andere die Nervenzellen der Extensoren hemmt. Auf
der Gegenseite des Rückenmarks vollzieht sich der gerade umgekehrte Effekt,
wodurch die symmetrische Extremität eine entgegengesetzte Bewegung ausführt.
Diese Erklärung der , ,Taktschlag' '-Bewegungen des spinalen Tieres, die durch
periphere Reizung ausgelöst und durch die Muskelsensibilität unterhalten werden,
ist jedoch nichts anderes als eine schematisch gezeichnete Wiedergabe dessen,
was sichtbar vor sich geht! Wie*schon des öfteren bemerkt, sind solche physio­
logischen Erklärungen nur schematische Deskriptionen a pos eriori. Ihr W ert
liegt in den dadurch veranlaßten weiteren experimentellen Untersuchungen. So
zeigte S h e r r in g t o n , daß im Schrittmechanismus verschiedene reflektorische
Phänomene auftreten, die auch in anderem Zusammenhang für sich nachweisbar
sind, z. B. die reflektorischen Kratzbewegungen, der Extensorstoß, der
1 Die „Taktschlagbewegungen", wie F rensbkrg dieses Phänomen beim spinalen Hund
bereits 1874 nannte. Pflügers Arch. 9, 358 (1874).
* B row n , T. G r a h a m : Erg. Physiol. 13, 279 (1913); 15, 480 (1919).
Das Gehen als Prozeß betrachtet 121

myotatische Reflex, der Beugereflex, der gekreuzte Streekreflex. Damit ist


jedoch keineswegs darüber entschieden, ob diese beim spinalen Tier und anderen
„Reflexpräparateri ‘ auslösbaren Reflexe etwa die Elemente sind, aus denen sich
komplizierte Bewegungen, beispielsweise das Gehen, aufbauen.
Es leuchtet ein, daß G raham B rown durch das Ergebnis seiner Versuche
zu einer ganz anderen Vorstellung vom nervösen Mechanismus geführt werden
mußte, als sie aus der reflektorischen Erklärung des Gehens zu folgern wäre. In
beiden Fällen muß eine Querverbindung zwischen linker und rechter Rücken­
markshälfte angenommen werden. G raham B rown jedoch stellt sich vor, daß
durch diese Verbindung aus zwei antagonistisch funktionierenden Halb-Zentren
in ihrer Wechselwirkung erst ein ganzes „LaufZentrum“ wird. Dieses ganze
Zentrum sollte dann automatisch arbeiten, wobei die rhythmische Aufeinander­
folge der Gehphasen von phasischen Veränderungen in den beiden Halb-Zentren
abhängig wäre. Anstatt der Vorstellung von durch ein Schaltschema
zusammengefügten Reflexen (Kettenreflexen), gebraucht G raham B rown
zur Veranschaulichung des Automatismus das Bild einer um ihr Gleichgewicht
pendelnden Waage. Aber auch das ist nur ein Bild, daß beobachtete Erscheinun­
gen schematisch darstellt. Eine kausale Erklärung des Rückenmarksprozesses
beim Gehen fehlt völlig. Alle weiteren Spekulationen über das „Gehzentrum“
sind von geringem Wert. Man kann nur sagen, daß „der Koppelungsmechanismus
unbedingt vor den letzten motorischen Zentren gelegen sein muß, denn sonst
müßten diese immer, auch bei der Haltungs- und Versteifungsinnervation,
zwangsweise reziprok alternierend funktionieren, was ja nicht der Fall ist“
(W achholder )1.
Gegen die Annahme eines abgegrenzten, mehr oder weniger beständigen
Laufzentrums oder Schaltungsmechanismus erheben sich — ganz abgesehen
davon, ob diese reflektorisch oder automatisch wirken sollten — mehrere Ein­
wände. Um uns das klar zu machen, müssen wir kurz in eine Kritik an der Lehre
von den Koordinationszentren im allgemeinen eintreten.
Nimmt man das Atemzentrum als Vorbild, dann müßte man unter einem
Gehzentrum einen Teil des Zentralnervensystems verstehen, der selbständig eine
konstante Funktion hat. Diese kann zwar quantitativ variieren, indem die aus­
gesandten Reize über ein mehr oder weniger ausgedehntes Feld irradiieren, aber
die Weise der Muskelinnervation änderte sich nicht.
Durch das Atemzentrum werden bestimmte Muskelgruppen beiderseits des
Brustkorbes und die rechte und linke Hälfte des Diaphragmas gleichzeitig
innerviert. Variabel ist nur die Stärke der Innervation durch die Ausbreitung
des Reizes über die motorischen Zellen und durch die Frequenz der von jeder
Zelle ausgesandten Impulswellen. Rechte und linke Hälfte des Atemzentrums
wirken immer synchron auf die motorischen Vordcrhomzellen der Muskeln; Es
gibt eine selbständige und konstante Funktion, eine unveränderliche Koordination.
Das sog. Gehzentrum jedoch hätte keineswegs eine solche konstante K o­
ordination zu bewirken. Es können sich die Beine nicht nur einmal alternierend,
dann wieder gleichgerichtet bewegen, sondern, es wechseln auch verschiedene
Versteifungsinnervationen und verschiedene Betonung der Bewegungsphasen.
Es gibt also keine konstante Wirkung.
1 W ach h o lde r , K .: a. a. O. S. 176.
122 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

Einen zweiten Einwand gegen die Annahme eines Gehzentrums sehen wir
darin, daß man die spontanen Gehbewegungen nicht durch die Zerstörung eines
umschriebenen Teiles des Rückenmarkes beim spinalen Tier aulheben kann.
Bei einer allmählichen Kürzung des mit den Hinterbeinen verbundenen Teils des
Rückenmarks sind im allgemeinen die Bembewegungeft schwerer auszulösen,
sie werden unvollkommener und verschwänden rascher. Dieses Phänomen eines
allmählichen Funktionsverlustes bei zunehmender Lädierung des Zentralnerven­
systems werden wir noch näher kennenlernen.
Eine sichere Lokalisation des Gehens kann also im Rückenmark nicht
nachgewiesen werden. Die Lokalisation des Atemzentrums kann man im ver­
längerten Mark genau bestimmen. Innerhalb dieses umschriebenen Teiles des
Zentralnervensystems gibt es sicher noch einmal eine gewisse Organisation^'
so daß eine partielle Läsion verschiedene Atemtypen verursacht. B eth e geht m .E .
zu weit, wenn er an der Existenz eines spezifischen Atemzentrums glaubt
zweifeln zu müssen, weil bei Wirbeltieren (besonders den niedrigen) rhythmische
Impulse für die Atemmuskeln nicht nur von einem großen Teil des verlängerten
Markes, sondern auch von einem Teil des Rückenmarks ausgehen können1.
Den Haupteinwand gegen die Annahme eines Gehzentrums, das" durch seine
Struktur durch Verbindungen mit dem übrigen Nervensystem und durch eine kon­
stante innere Verteilung seiner Reaktionsbereitschaft auf periphere Reize das Gehen
bestimmen würde, sehen wir in den vielen Versuchen, bei denen nach peripheren
und zentralen Läsionen Veränderungen in der Koordination der Extrem itäten­
bewegungen aultreten.
Diese funktionellen Veränderungen bei Störungen der normalen anatomischen
Zusammenhänge zeigen uns eine funktionelle „Plastizität” des Nervensystems,
welche die Annahme von Koordinationszentren (also auch eines Gehzentrums)
ausschließt. Bei der Besprechung des Erlernen! neuer Bewegungen werden wir
diese Versuche ausführlich erörtern. Hier möge ein Zitat aus der zusammen­
fassenden Abhandlung B ethe * genügen: „Man wird also versuchen müssen, auf
die Annahme von Koordinationszentren sowohl ira Sinne einer funktionellen,
wie im Sinne einer anatomischen Festlegung zu verzichten und die Koordination
aus dem Zusammenspiel der jeweils gegebenen peripheren und zentralen Verhält­
nisse zu begreifen.”
Wenn man die spontan oder durch periphere Reize ausgelösten „Taktschlag­
bewegungen” des spinalen Hundes aus einer in einem Gehzentrum festgelegten
Schaltung erklären wollte, so müßte das selbstverständlich auch für die K oordi­
nation zwischen den vier Beinen des normalen Hundes — die in geringem MafU
sogar nach Entfernung der StammgangMen weiterbesteht — gelten. Es gäbe
dann nicht nur ein „Galoppierzentrum” , sondern auch ein Zentrum für den
dreibeinigen Gang nach Verletzung eines Beines.
W ie bestechend die Zentrenlehre \wegen ihrer vorstellbaren Analogie m it
technischen Schaltmechanismen auch sehr mag, sie. ist nicht nur unhaltbar, weil
die vielen Anpassungen der Koordination an Veränderungen des Körpers und
der Umwelt' ebensoviele Hilfshypothesen erfordern, sondern namentlich wegen
der von B eth e formulierten zwei Momente: „Rückwirkung der Peripherie” und
„K am pf um.das.zentrale F eld".
1 B ethe *Plastizität uqdZentrenleh». Handbuch dernorm. Physiol.Bd. 15,2.Hälfte,Sr 1184.
Das Gehen als Prozeß betrachtet 123

A uf das erste dieser Momente kann man einen Satz von M a g n u s beziehen: „D er
Körper stellt sich selbst sein Zentralorgan in der richtigen W eise her." Das von
uns hervorgehobene W ort „selbst“ meint die Ganzheit des Organismus in seiner
lebendigen Wechselwirkung m it der Umwelt, Dabei bedingt, wie wir schon wissen,
nicht die Struktur die Funktion, sondern umgekehrt, d. h. die Funktion bedingt
die Prozesse im Zentralnervensystem, so daß man auch eine so elementare
Funktion wie das Gehen unmöglich aus einem Prozeß erklären könnte. Nur bei
einem genügend isolierten „Präparat", bei dem mit der Wechselwirkung die Funk­
tion ausgeschaltet wurde, kann das wahrnehmbare Geschehen, der Schritt­
mechanismus etwa, als ein Prozeß aufgefaßt werden. Aber selbst das spinale Tier
ist noch nicht ein solches funktionsloses Präparat, da es noch schematische Reste
einer Wechselwirkung mit der Außenwelt zeigt und daher noch eine Rückwirkung
der Peripherie auf das Zentralnervensystem besitzt.
Mit dem zweiten Prinzip, dem Kam pf u m das zentrale Feld, verweist B e t h e
auf das Phänomen, daß zwei Funktionen nur dann gleichzeitig ausgeführt werden
können, wenn sie zusammen eine einzige Funktion darstellen.
Bereits S h e r r in g t o n lehrte die Überlegenheit der biologisch entscheidenden
Reaktion, die sämtliche anderen unterdrückt und bei den Untersuchungen
v o n H olst « sahen wir, wie sich die Bewegungen der verschiedenen Flossen zu
einer einzigen rhythmischen Funktion verbinden. In einfachen Faßen kann man
diese Erscheinungen natürlich aus einer Wechselwirkung zwischen Zentren
erklären, indem das eine das andere hemmt oder im gleichen Rhythmus mitführt,
aber die Allgemeingültigkeit des Prinzips führt B e t h e z u der Folgerung: „D ie
Exklusivität des nervösen Geschehens ist wieder nur verständlich unter der
Annahme, daß das gesamte Nervensystem ein einheitliches Ganzes bildet, in
welchem jeder Vorgang jeden anderen bald in höherem, bald in geringerem Mäße
derart beeinflußt; daß ein gemeinsames Handeln resultiert. Was sich in das
Ganze nicht einfügt, wird ausgelöscht. Nicht Einzelreflexe setzen sich zur Gesamt­
handlung mosaikartig zusammen (sonst müßten viele Reflexe unabhängig von­
einander und zur gleichen Zeit nebeneinander auftreten können), sondern
jedes Geschehen im Nervensystem stellt eine Gemeinsamkeit dar, die neben sich
— wenigstens in vielen Fällen — keinen anderen von ihm unabhängigen nervösen
Vorgang ztdäßt.“
Diese Äußerung können wir nur ganz unterschreiben. Man muß jedoch
die metaphorische Redeweise beachten, durch die der Eindruck entsteht,
als ob „Vorgänge" (Prozesse) einen solchen Einfluß aufeinander ausübten, daß
ein bestimmtes Resultat auftritt und das eine „G eschehen" (Prozéfl) das andere
nicht zuläßt. Was hier dem Zentralnervensystem zugeschrieben wird, sind Eigen­
schaften des Tieres seifest, das vermittels des Nervensystems über seinen Leib
verfügt. Man darf diese metaphorische Ausdrucksweise deshalb nicht übersehen,
weil sonst der Anschein erweckt würde', als seien die Funktionen doch aus Prozessen
erklärbar. Das gelingt nie, auch nicht m it HÜfe von Theorien über Resonanzen
(W e is s ), Isochronaxie ( L a p ic q u e ), oder Bild-Analogien wie Klangfiguren usw.,
die wir bei der Gestalt-Theorie besprochen haben.
Aber wenn schon das Gehen als solches nicht aus einem Prozeß im Rücken­
mark erklärbar ist, so vielleicht doch ein einzelnes Grundelement, wie die
abwechselnde. Beugung und Streckung ? Auch das trifft nicht zu. Man kann
124 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

beim Gehen und bei komplizierteren Bewegungen nur nachträglich ungefähr


angeben, welche Teile des Nervensystems an der Funktion beteiligt waren. Aus
dem Aufbau des Rückenmarkes kann man weder das Gehen als Ganzes, noch
Pint» seiner Phasen erklären. Hat man das Geschehene beobachtet, so läßt sich
ein Schema über den Reizablauf auf stellen, aber es ist unmöglich zu sagen, wie
dieser zustande kann.
Sogar das obenerwähnte Phänomen der reziproken Innervation ist weniger
einfach, als S h e r r in g t o n ursprünglich annahm. Die entdeckte Tatsache einer
Erschlaffung des Antagonisten bei Kontraktion des Agonisten, ist im allgemeinen
richtig. Es ist aber die Frage, ob diese Erschlaffung reflektorisch zustande
kommt! Durch gleichzeitige Registrierung der Aktionsströme bei Beugern und
Streckern hat W a c h h o l d e r diese Frage näher erforscht. Folgt die Erschlaffung
des Antagonisten tatsächlich der Kontraktion des Agonisten nach einem Zeit­
intervall, das mit der latenten Periode der Eigenreflexe übereinstimmt ? Es
stellte sich heraus, daß die Hemmung des Antagonisten, die in einem Reflex­
präparat (dezerebriertes Tier) am Anfang der Bewegung reflektorisch stattfindet,
bei einer willkürlichen Bewegung durch den primären zentralen Bewegungs­
impuls selbst zustande kommt. Ebenso wie dem Agonisten ein „Befehl" zur
Kontraktion gesandt wird, erhält der Antagonist einen „Befehl" zur Erschlaffung.
Bei einer Lähmung der' Handstrecker (Radialisparalyse), sah W i e r s m a beim
Auftrag zur Handstreckung die Beuger erschlaffen. Bei der erwähnten Registrie­
rung fand W a c h h o l d e r , daß die Aktionsströme im Antagonisten meistens vor
dem Auftreten der ersten Aktionsströme in Agonisten verschwinden. „D ie für die
Bewegungskoordination so wesentliche reziproke Erschlaffung des Antagonisten
ist demnach zentral bedingt und wird reflektorisch durch die bei der Kontraktion
des Agonisten auftretenden sensiblen Erregungen höchstens nur noch unterstützt"1.
Nicht nur die reziproke Erschlaffung des Antagonisten ist zentral bedingt,
sondern W a c h h o l d e r konnte dies auch fü r den Innervationsverlauf der Agonisten
und Synergisten nachweisen, also für sämtliche koordiniert mitwirkenden Muskeln.
Die willkürliche Bewegung, und sicher auch das Gehen, sind also nicht ein
aus „willkürlichen" und „reflektorischen" Teilen zusammengesetztes Kon­
glomerat, „sondern ein durch den Willkürimpuls bis in alle Einzelheiten hinein
bestimmtes einheitliches Ganzes"8.

4 . Bas Gehen, mechanisch betrachtet


Die kinematographische und anatomische Analyse des Gehens werden wir
hier nicht besprechen. Man findet darüber einiges in den meisten Lehrbüchern
der Physiologie, wobei die schematischen Zeichnungen von Ma r e y , B raune
und F ischer und D ubois-R eymond die Sache erläutern. Für ausführlichere
Beschreibungen verweisen wir auf die zusammenfassenden Abhandlungen von
F ischer und Steinhausen 8, in denen auch die ältere Literatur angeführt wird,
1 W ach holder , K .: a. a. O. S. 159.
* W achholder, K : a. a. O. S. 168. Vgl. auch W eizsäcker , V. von: Der Gestaltkreis.
S. 112 oben.
* Steinhausen , W .: Mechanik des menschlichen Körpers, Bcthes Handbuch der Physio­
logie. Bd. X V , 1.
F ischer, E. u . W . Steinhausen : Allgemeine physiologische Wirkung der Muskeln im
Körper. Bethes Handbuch der Physiologie. Bd. V III, 1.
Das Gehen, mechanisch betrachtet 125

sowie auf das klar geschriebene Buch von Stein dler 1, das auch über die Mechanik
der pathologischen Gehstörungen eine Übersicht gibt.
Vom funktionellen Gesichtspunkt aus interessiert uns an diesen Untersuchungen
folgendes:
1. das sehr verwickelte simultane und sukzessive Zusammenwirken .der
Muskeln, nicht nur der Beine, sondern des ganzen Körpers, zu einer einzigen,
harmonisch und fließend verlaufenden Bewegungsgestalt;
2. die Variationen nach der Individualität und hach den äußeren und inneren
Umständen. Die Gehbewegung wird dabei nicht durch mechanische Bedingungen
wie Körpergewicht, Lage des Schwerpunktes, Pendelzeit der Beine determiniert,
sondern diese Momente werden zur Gestaltung einer möglichst ökonomischen
Fortbewegung ausgenutzt.
Zur Erläuterung des erstgenannten Moments weisen wir auf die Seitwärts-
b'ewegung des Rumpfes beim Gehen hin, wobei der Schwerpunkt des Körpers
immer über das Standbein gebracht wird. Das erfordert das Eingreifen der
Oberschenkeladduktoren im richtigen Augenblick, was jedoch ebenso von selbst
geschieht wie die abwechselnde Beugung und Streckung des Beines.
Je genauer man das Gehen des Menschen analysiert, desto klarer sieht man
die Unmöglichkeit einer physiologischen Erklärung auf Grund eines Schaltungs­
schemas ein. Außerdem verdanken wir den vorzüglichen Untersuchungen
des Orthopäden von B a e y e r 2 die Erkenntnis der sehr verschiedenen Wirkung,
die ein einziger Muskel je nach den Umständen haben kann. Keineswegs
wirkt ein bestimmter Muskel immer als Antagonist oder Synergist eines be­
stimmten anderen. Der M. soleus kann je nach Stellung von Bein und Fuß das
Knie beugen oder strecken. Zieht man den ganzen Zusammenhang von Becken,
Bein und Fuß in Betracht, d a n n kann man sogar 22 verschiedene Wirkungen
dieses Muskels unterscheiden. Nur wenige Muskeln haben immer eine gleiche
Wirkung. Während man also für eine abstrahierte, einfache, schematische
Bewegung, wie das Heben und Beugen eines Beines, die Muskelwirkung mecha­
nisch analysieren kann, ist das für die im wirklichen Leben ausgeführte Geh­
bewegung unmöglich. ,,Bei diesem wechselvollen Spiel der Muskeln erscheint
es fast aussichtslos, in den Verlauf der Muskelwirkungen bei einer komplizierten
koordinierten Bewegung verstehend einzudringen", sagt VON B aeyeh mit Recht
und fügt dem hinzu, daß die Annahme von Koördinationszentren, die automatisch
eine feste Schaltung zwischen Synergisten und Antagonisten zustande brächten,
die natürliche Bewegung nicht erklären kann.
Diese Folgerung stimmt m it den physiologischen Experimenten völlig über­
ein. Die Gehbewegung, wie kompliziert sie auch immer in Anbetracht der mit­
wirkenden Elemente erscheinen mag, ist eine einheitliche Bewegungsgestalt,
die — beim Menschen nach langer Übung — durch einen Bewegungsim puls
ausgelöst wird. Die Koordination von Agonisten und Antagonisten ist dabei
von derselben Ordnung wie jede andere Koordination unserer willkürlichen
Bewegungen, deren Erklärung durch aneinandergekettete Zentren oder durch
Reflexschaltungen völlig unmöglich ist.

1 S teindlee , A .: Mcchanics o l normal and pathological locomotion in man. London 1935.


1 BA.EYER, H. v o n : Pflügers Arch. 227, 171 (1931).
126 Die Problematik von Haltung und Fortbewegung

Ein gutes Beispiel einer zmfrafbedingten, ganz unbewußten K oordination


durch Mitinnervation eines nichtantagonistischen Muskels bietet uns eine
zwar schon von D uchenne beschriebene, aber doch immer wieder überraschende
Beobachtung. Legt man die Handfläche mit gestreckten Fingern ohne Druck auf den
Tisch und bewegt den Daumen kräftig auswärts (abduziert), so fühlt man die
Anspannung einer Sehne (des M. extensor carpi ulnaris) etwas außerhalb und
oberhalb des Erbsenbeins an der Kleinfingerseite der Hand. Anscheinend ist
die Abduktion des Daumens die einzige zentral bestimmte, „gew ollte" Bewegung,
aber sie kann nur dann stattfinden, wenn die Hand durch den Muskel an der
Kleinfingerseite fixiert wird,
A u d i für das zweite von uns angeführte, funktionell wichtige Moment der
Gehbewegung, hat uns v o n B a e y e r neue Einsichten eröffnet. Im Gegensatz z u
den älteren, vom isolierten Menschen und seinem anatomischen Bau ausgehenden
Untersuchungen, bezieht er auch che mechanisch auf den bewegten Menschen
rückwirkende Außenwelt in seine Betrachtungen ein. Das Problem ist nicht
mehr die Bewegung der einzelnen Muskeln und Gelenke, auch nicht die anato­
mischen Verhältnisse für sich, sondern die Zusammenkettung, „das synaptische
(verkettete) Verhalten des Bewegungsapparates"1.
Die individuell und je nach den Umständen variierenden mechanischen
Bedingungen werden in die Bewegungsimpulse einbezogen. Hieraus erklärt es sich,
daß sich die Gehbewegung der Bodenbeschaffenheit, den wechselnden Belastungen
und pathologischen Abweichungen in Muskeln, Gelenken und Knochen anpassen
kann.
Einen guten Einblick in die verfügbaren mechanischen Möglichkeiten bietet
das von von B a e ye r eingeführte „Prinzip der Reserven". Es besagt, daß wir
durch die Gelenke einer Extremität über einen Vorrat an Haltungskombinationen
verfügen, welcher das Erreichen des gleichen Ergebnisses auf verschiedene
Weisen ermöglicht.
Bei allen Pendelbewegungen unserer Glieder gibt es z. B. ein bestimmtes
Tempo, bei dem die bei der Bewegung ungelösten elastischen Kräfte soviel als
möglich ausgenutzt werden. P fahl hat auf dieses Elastizitätstempo hingewiesen*,
von B a e y e r hat die Bedeutung der elastischen Kräfte für die Pendelbewegungen
des Armes erhellt. Er geht dabei von dem durch S chieferstein in die Technik
eingeführten Konstraktionsprinzip aus, nachdem die Nutzleistung einer Pendel­
bewegung bis zum Ausmaß derjenigen einer rotierenden Bewegung zunehmen kann
Man kann dieses Konstraktionsprinzip begreifen, wenn man an einen W agen,
der auf Schienen hin und her geschoben werden muß, denkt. Das erfordert
nicht nur eine Kraft zur Erzielung einer Geschwindigkeit für den W agen, sondern
auch zu seiner Abbremsung an jedem W endepunkt. Eine W endung durch
federnde Puffer spart aber viel Energie, da durch den Einsatz elastischer K räfte
im Wenden die Bewegungsenergie zum größten Teil erhalten bld bt. Dabei muß
die bewegte Masse von der unbewegten Umgebung durch elastische M ittel
getrennt bleiben, zwischen Kraftquelle und bewegter Masse muß es eine elastische
und lockere Kuppelung geben, Masse und Kraft müssen aufeinander abgestimmt
sein.
1 B aeyer , H. von : Der lebendige Arm, S. 12. Jena 1930.
* Pyahl. J.: 2. Biol. 81, 211 (1924) ; 82, 378 (1925).
D ie „ideale" Gehweise 127

Beim pendelnden Arm und ebenso beim Bein sind diese Bedingungen
weitgehend erfüllt, da die tonisch gespannten Muskeln die Jsxtremität in beiden
Richtungen elastisch auffangen- Indem beim G eien, jedenfalls in ruhigem
Tempo, die mechanischen Faktoren so gut wie möglich ausgenutzt werden,
übersteigt die Nutzleistung sogar 25% , vor allem bei ausgiebigen Pendel­
bewegungen der Arme und geringer Hebung des Körpers beim Schritt.
Die Ursache und die Bedeutung der Armbewegungen beim Gehen ist unsicher.
Man sieht sie wohl als einen „Atavism us“ , einen Überrest der Fortbewegung
unserer tierischen Ahnen an. Aber angesichts der eigenen Form sämtlicher
menschlichen Bewegungen auf Grund der aufrechten Haltung und den ent­
sprechenden Gleichgewichtsverhältnissen, ist das wohl sehr unwahrscheinlich.
Meistens betrachtet man diese Pendelbewegungen denn auch als einen not­
wendigen Ausgleich der durch die Reinbewegung verursachten Körperdrehung.
Sie gehören dann zur Schultergürtelbewegung, die, v or allem bei größerer Geh­
geschwindigkeit, in gegensätzlicher Richtung zur Beckenbewegung stattfindet1.

5. Die „ideale“ Gehweise


Die Gehweisen der Menschen sind so verschieden, daß man sogar die per­
sönlichen Charakteristika an ihnen ablesen kann. Selbst der Klang des Schrittes
ist individuell bedingt, so daß die Haustiere schön aus großer Entfernung hören
können, wer sich ihnen nähert. Das kann nicht auf dem Unterschied im Tempo
beruhen, denn jeder Mensch kann ja schnell oder langsam gehen. Charakteristisch
sind der Grad der Betonung einer bestimmten Phase, die Gleichmäßigkeit der
Bewegung, die Weise, in der man den Fuß aufsetzt und abrollt und die Ver­
teilung des Körpergewichtes über die im Augenblick vorhandenen Stützpunkte.
Ob wirklich jeder Mensch eine eigene Gangart, hat, ist nie untersucht worden.
Die Unterschiede sind aber wohl beim Gehen ' ebenso groß wie beim Sprechen
und Schreiben, was man der Tatsache entnehmen muß, daß Hunde in einem
geschlossenen Raum auch an einer belebten Straße das Herannahen ihres Herrn
bemerken.
Auch der Arzt und insbesondere der Neurologe kennt die Variabilität des
Gehens. Er bemerkt eine pathologische Störung oft eher als er sie definieren
kann, obwohl er über viele kennzeichnende A djektive zur Differenzierung der
verschiedenen Gangarten verfügt. So spricht man etwa von einem lockeren
oder steifen, schwerfälligen oder leichten, federnden oder schleppenden Gang,
unterscheidet dabei die Stellung der Füße als parallel oder gespreizt, gerade oder
schief, flach oder m it Betonung der Zehen- oder Hackenstellung. Das Knie
kann mehr oder weniger gebeugt, gestreckt oder überstreckt sein, worin es
während eines Schrittes in regelmäßiger oder unregelmäßiger W eise abwechseln
kann. Die Beugung in der H üfte kann stark oder gering sein und gleichzeitig,
früher oder etwas später als die Kniebeugung stattfinden; dasselbe gilt auch für
die Streckung. Auch die A b- und Adduktion sowie die R otation im H üft­
gelenk sind verschieden. Variabel sind vor allem auch die Haltung und Bewegung
des Rumpfes hinsichtlich der Vertikalität und der Krümmungen der Wirbelsäule'
und somit auch der Beckenstellung, der vertikalen und. lateralen Abweichungen,
der Bewegung des Schultergürtels. Die Bewegung der Arme und des K opfes
1 K noll , W .: Der Bewegungsablauf bei sportlicher Arbeit, S. 27. Leipzig 1936.
128 Die Problem atik von Haltung und Fortbewegung

wird teilweise durch die Rumpfbewegung bedingt, teilweise ist sie davon
unabhängig.
Alle diese Merkmale werden gewöhnlich nicht im einzelnen aufgefaßt, wie
man an einer Handschrift auch nicht alle Einzelziige bemerkt. Das Gehen in
seiner Ganzheit, als dynamische Gestalt, der totale Verlauf also und außerdem
einige dominierende, charakteristische Züge sind uns m der Anschauung unm ittel­
bar gegeben. Deshalb unterscheiden wir nicht nur die oben als Beispiele
erwähnten Grundformen, sondern auch typologische Formen und eine ästhetische
Rangordnung. Es gibt ein kindliches, männliches und weibliches Gehen, wie man
auch einen typischen Gang der Bauern, Städter, Seeleute, Soldaten usw. fest­
stellen kann. Es gibt auch schlampige, unbeherrschte, verkrampfte, unnatürliche,,
manierierte und ausgeglichene, anmutige, würdige, edle Weisen des Gehens.
Aus alledem ergibt ach die Berechtigung der Frage nach der „idealen“ Gangart
und ihrer praktischen, ökonomischen und ästhetischen Bedeutung.
In manchen Theorien der Leibeserziehung huldigt man der Ansicht, daß die
zweckmäßigste Gehweise, bei der die Steigerung des Stoffwechsels und die
Ermüdung am geringsten sind, uns auch als die schönste anmutet. M e
Zweckmäßigkeit einer Bewegung ist jedoch nur eine der W ertnormen für die
Weise ihrer Ausführung. Wie jede Handlung hat auch das Gehen einen Aus­
drucksgehalt, zumal wenn es als Tätigkeit für sich, also ohne Bedingtheit durch
Auftrag oder Arbeit, ausgeführt wird. Dieser Ausdrucksgehalt ist aber je nach
der Art der Persönlichkeit und der Situation verschieden, woraus man also die
Unmöglichkeit einer einzigen idealen Gangart folgern könnte.
Wenn man jedoch von sämtlichen spezielleren Unterschieden zwischen den
Menschen absieht und im mittleren Alter nur männliche und weibliche als
unreduzierbare Grundformen des Mensch-Seins unterscheidet, so müßte es dem
idealistischen, auf die Vollendung des menschlichen Daseins gerichteten Norm­
begriff gemäß nur je eine einzige ideale männliche und weibliche W eise des
Gehens geben. Diese Ansicht entspringt dem ästhetischen Erleben aller Zeiten
und bedingt das Stilgefühl und die Stilwertung jeder höheren Kultur,
auch bezüglich der alltäglichen Bewegungen. Es ist bemerkenswert, daß es trotz
allen Wechsels der Kulturen, Rassen und Volker eine gewisse Beständigkeit
in der Frage der idealen Gangart gibt. Männliche Würde und weibliche Anmut
prägen sich im Gang aus, und zwar in vorwiegend gleicherw eise bei den Griechen,
im Mittelalter, in der Renaissance und in unserer Zeit, aber auch bei den gebildeten
Völkern anderer Erdteile. Der ideale Gang wird dann ein Schreiten, dessen
Wesen uns durch die folgende Schilderung G u a r d ih i * vorzüglich erhellt wird.
„W ie viele können schreiten ? Es ist kein Eilen und Laufen, sondern ruhige
Bewegung. Kein Schleichen, sondern starkes Voran. Der Schreitende geht
federnden Fußes, er schleppt sich nicht. Frei aufgerichtet, nicht gebückt. Nicht
unsicher, sondern in festem Gleichmaß.
Eine edle Sache ist's ums rechte Schreiten. Frei und doch voll guter Zucht.
Leicht und stark. Aufrecht und tragfähig, geruhig und voll vorandrängender
Kraft. Und danach, ob's das Schreiten des Mannes oder Weibes, kommt in diese
Kraft ein wehrhafter oder ein anmutiger Zug; trägt’® äußere Last, oder aber
eine innere W elt klarer R u h e ... Ist das Schreiten nicht ein Ausdruck mensch­
lichen Wesensadels ? Die aufrechte Gestalt, ihrer selbst Herrin, sich selber tragend,
Die „ideale" Gehweise 129

ruhig und sicher, die bleibt des Menschen alleiniges Vorrecht. Aufrecht schreiten
heißt Mensch sein1.” Wenn man aufmerksam dieser wundervollen Kennzeichnung
der idealen Weise des Gehens folgt, findet man folgende dominierenden Züge
hervorgehoben:
1. die Ruhe und Gleichmäßigkeit;
2. das Aufrechtgehen als Ausdruck von Kraft und Tragfähigkeit;
3. die starke Vorwärtsrichtung.
Betrachten wir diese drei Momente näher.
Alle menschlichen Bewegungen müssen gelernt werden und beginnen, wie wir
noch sehen werden, mit einer Verschwendung überflüssiger Muskelwirkungen.
Beim Gehen-Lernen zeigt sich das deutlich. Ein Kind, das stehen kann und
das vorwärts drängt, fällt nach vom , setzt ein Bein vor und hält sich so im Gehen.
Alles Gehen beginnt als ein wiederholtes Fallen und 'Stehenbleiben. Das zuchtlose
Gehen, besonders in der Pubertät, manchmal auch beabsichtigt als Ausdruck
von Gleichgültigkeit, sowie das Gehen bei schwerer Ermüdung zeigen ebenfalls
diese Form mit ihrer starken Diskontinuität, Unruhe und Ungleichmäßigkeit.
Es ist daher verständlich, daß auf höchster Stufe der Gangentfaltung des Menschen
diese Art so vollständig wie möglich überwunden sein sollte, so daß man nicht
mehr (oder doch nur unmerklich) von einem Bein aufs andere fällt.
Wahrscheinlich wird die Nutzleistung der Bewegung dabei etwas verringert,
wie eine vor Jahren geführte Diskussion über die zweckmäßigste Marschform
für Soldaten zeigte. Einige verteidigten damals den Fall-Schritt, den Land­
streichergang, den Gleitschritt, den «pas de route», wobei der Schwerpunkt
stark nach vom gebracht wird. Dieser Marschschritt ist jedoch in keiner Armee
allgemein eingeführt worden, vermutlich weil der Ausdrucksgehalt des militä­
rischen Ganges mit ihm nicht in Übereinstimmung zu bringen war, vielleicht
auch weil er schwer erlernbar ist.
Der Vergleich des edlen Schreitens m it der militärischen Marschbewegung
ist von Interesse für die Idealität der menschlichen Bewegung, und zwar gerade
im Zusammenhang mit dem erstgenannten dominanten Zug, der gleichmäßigen
Ruhe. Sie setzt voraus, daß abrupte Impulse weitgehend vermieden werden,
wodurch die Bewegung m öglichst wenig ruckartig und m it der geringstmöglichen
Versteifungsinnervation verlaufen kann. Beim Marsch des Soldaten wird dem­
gegenüber die ruckartige Fortbewegung, die starke Betonung des Aufsetzens der
Füße als eine Bezeugung der Männlichkeit geschätzt. Die Versteifungsinner­
vation ist dann (auch beim Stehen) der Ausdruck einer Unbeugsamkeit des
Willens, einer Einstellung auf die Abwehr bedrohlicher Kräfte. Beim ästhetisch
vollkommenen Gehen fehlen diese Nebenabsichten, so daß der Fuß regelmäßig
abrollt, das Bein gleichmäßig ohne Übertreibung gestreckt, der Fuß vorsichtig,
aber doch sicher, entschieden, ohne Betonung aufgesetzt wird.
Dabei bleiben Rum pf und K opf „frei aufgerichtet". Diese Freiheit, auch
bezüglich der Schwere, ist Ausdruck der im Vorwärtsgehen gewahrten mensch­
lichen Würde. Dieser zweite dominierende Zug des idealen Gehens führt uns zu
einer kurzen Erörterung der sog. Bewegungsgesetze der modernen Leibeserzieher.
Sie meinen, die natürliche (und ästhetisch wertvolle) Bewegung müsse immer
vom „Zentrum” — manche sagen auch vom Schwerpunkt — ausgehen. W as man
1 G u a r d in i , R .: Von heiligen Zeichen, S. 21. Mainz 1928.
Bujrtendijk, Haltung und Bewegung 9
ISO Exemplarische Reaktionen und Leistungen

darunter zu verstehen hat, ist nicht immer klar, aber jedenfalls sollen die „g u t"
ausgeführten Bewegungen der Extremitäten proximal anfangen, eine „A bfolge
von innen nach außen" zeigen. Beim Gehen und namentlich beim Schreiten
müßte die Kontraktion der Hüftgelenksmuskulatur also etwas früher stattfinden
als die der mehr dis talwärts gelegenen Muskeln, Das ist wahrscheinlich nicht
der Fall, aber woM fängt die Bewegung von Ober- und Unterschenkel mindestens
gleichzeitig an, so daß der Unterschenkel nicht nach vom geschleudert wird, sondern
nur wenig früher als der Oberschenkel die Endstellung des Schrittes erreicht.
Nennt man dies eine Abwicklung der Beinbewegung von der „Zentralen"
(B, M e n s e n d ie c k ) aus, so wird diese am besten erreicht bei einer Fixierung des
Beckens in, rückwärts gekippter Stellung und beim Gehen mit paralleler F u i-
stellung. Hierbei erhält man zugleich eine Streckung der Wirbelsäule (Ver­
ringerung der Lendenlordose), wodurch der Ausdruck des „sich selber tragt id,
ruhig und sicher" betont wird. Auch wird der dritte von G u ard in i genannte
dominierende Zug, die „vorandrängende K raft", durch die parallele Fußstellung
verstärkt, wie es die klassischen Plastiken schreitender Figuren zeigen.

C. Exemplarische Reaktionen und Leistungen


1. Der Lidschlag. (Der bedingte Reflex)
1. Die verschiedenen Ursachen für das Augenblinzeln
Mit Absicht wählen wir als einfache Reaktion zur Untersuchung eines
klassischen Problems der animalischen Bewegungslehre das Augenbünzeln.
Das Schießen der Augen ist eine Leistung von sehr einfachem Verlauf: die
Kontraktion eines einzigen Muskels (des M. orbicularis o cu l), einhergehend m it
dem Tonusverlust eines Muskels (M. levator palpebrae) im oberen Augenlid. Es
ist außerdem eine besonders elementare Lebensäußerung, die von den ersten
Lebenstagen bis zum Sterbebett unverändert bleibt, weder Entwicklung, noch
Reduktion oder Abbau durchmacht. Obwohl wir das Auge willkürlich und auch
rasch schießen und Öffnen können, ist der AugenHd-ScWag doch etwas anderes,
und zwar eine reaktive Bewegung, deren Sinn, die Seschützung des verletzlchen
Augapfels, insbesondere der Hornhaut, unmittelbar verstlmdLich ist.
Das reaktive Augenbünzeln kommt in dreifacher Weise vor:
1. A b mehr oder weniger regelmäßig sich wiederholender Lidschlag, vorwie­
gend als Reaktion auf den Feuchtigkeitsgehalt der Hornhaut. W eil die Tränen­
sekretion auch vom Gemütszustand abhängt, hat die Frequenz des BUnzelns zu­
gleich Ausdruckscharakter,
2. Als Lidschlagreflex bei mechanischer (oder thermischer, elektrischer,
chemischer) Reizung des Augapfels, der Augenwimpern oder der umgebenden
Haut. Da er bei Mensch und Tier schon durch geringe Reizung der Hornhaut
ausgelöst wird, nennt man ihn meistens Comeal-Reflex. Durch diesen Namen
werden wir ihn vom Blendungs-Reflex unterscheiden, der bei starkem Licht«
einfall auf die Netzhaut auftritt. Beide Reflexbewegungen bestehen in einem
pi*t»iiVhpw und kurzdauernden Schießen und raschen öffnen der A ugenlder,
wenn die Reizung nicht zu stark und von nur geringer Dauer, m einer tonischen,
krampfartigen Kontraktion des Augenschliim uskels, wenn der Reiz stark und
Com eal- und Blendungsreflex 131

anhaltend ist. Außer durch Reizung des Augapfels und starkem Lichteinfall
kann man auch durch andere Reize einen typischen Lidschlagreflex auslösen,
z. B. durch einen mechanischen oder thermischen Reiz im Gehörgang oder
durch Beklopfen von Stirn, Jochbein oder Nase. Diese Reflexe sind jedoch
weniger beständig und individuell variierend, dazu biologisch weniger sinnvoll
als der Comeal- und Lichtreflex.
3. Auch auf eine Drohbewegung (mit der Hand oder einem Gegenstand)
sieht man heim Menschen und bei den höheren Tieren einen AugenlidscMag a u t
treten. Dieser sog. Drohreflex ist eine erworbene Reaktion und fehlt daher beim
Neugeborenen (und bei jungen Tieren). W iederholt man die Drohbewegung
schnei hintereinander, so verschwindet die Reaktion. Auch hier Anden sich
große individuele Verschiedenheiten in Stärke und Beständigkeit.
Den Comealreflex nennt man unbedingt, weil er immer und unter allen
Umständen, ohne Einfluß von Gewohnheitsbildung und Erfahrung, als ein
angeborenes, konstantes Phänomen auftritt. Comeal- und Lichtreflex sind
„echte“ Reflexe, vergleichbar der Pupillenreaktion oder den Eigenreflexen der
Muskeln. Der Drohreflex ist ein bedingter Reflex, weil er nur unter besonderen
Bedingungen auslösbar ist. E r ist nicht angeboren, sondern im individuellen
Leben erworben und ist, wie wir noch sehen werden, an eine intakte Funktion
des Großhirns gebunden. So spricht man Mer denn auch wohl von „höheren“
Reflexen — eine Unterscheidung, die für die Theorie der menschlichen Bewegung,
insbesondere für die Deutung der willkürlichen und imwillkürlichen Handlungen
von großer Bedeutung geworden ist. W ir müssen an dieser Stelle die von P aw lo w
entwickelte Lehre von den bedingten Reflexen ausführlicher besprechen und
werden anschließend zu den Ergebnissen der experimentellen Analyse des Droh­
reflexes zurückketuren.
2. Comeal- und Blendungsreflex
Richten wir unser Augenmerk zunächst auf den unbedingten Lidschlag.
Comeal- und Blendungsreflex entsprechen der Definition echter Reflexe, indem
sie durch periphere Reize über einen genau umschriebenen Teil des Zentral­
nervensystems zustande kommen, und zwar so, daß derselbe Reiz zwangsläufig
immer dieselbe Wirkung auslöst. Bei beiden Reflexen sind die sensiblen und
motorischen Fasern bekannt, aber in bezug auf das „Reflexzentrum “ gibt es
noch eine gewisse Unsicherheit. Beide bleiben nach Wegnahme der Hirnrinde
erhalten. W ie bei den anderen Augenreflexen (Pupillen- und Konvergenzreflèx)
findet der Übergang von afferenten zu efferenten Fasern vorwiegend im Mittel-
him statt. D och beim Menschen verursachen auch Läsionen in der Hirnrinde
(im unteren Abschnitt der regio rolandi) eine Aufhebung des Comealreflexes, und
zwar ohne irgendwelche dafür verantwortliche Sensibilitätsstörung der Hornhaut1.
Dieser Befund weist vielleicht doch auf eine größere Beteiligung des Zentral­
nervensystems hin, als man bei diesem so einfachen R eflex gewöhnlich annimmt.
Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, daß er als ein aus der Struktur des
Nervensystems erklärbares Phänomen imponiert. Zugleich stellt er aberein typisches
Beispiel einer funktionell isolierten, angeborenen Insult-Reaktion von sehr zweck­
mäßigem Charakter dar. Da jedoch diese Schutzreaktion für den Augapfel, ebenso
R a d r m a k e r , G. G. J., u. Gakcin : Le réflexe de clignement et de'menace. L ’encéphale
39,2(1934).
9*
132 Exemplarische Reaktionen and Leistungen

wie die Schutzreaktion für die Netzhaut, ausschließlich auf einen Insult, also auf
einen Reiz von gewisser Stärke, erfolgt, haben wir es nicht mit einer geformten
(qualitativen), sondern m it einer ungefonnten (quantitativen) Beziehung zur
Außenwelt zu tun. Daher erscheint es möglich, diese isolierte Funktion als einen
P rozeß m begreifen, W eitere Untersuchungen über die Genese derartiger Reflexe
werden zeigen müssen, ob dies gelingt; dabei würden eventuelle funktionelle
(neurotische) Störungen beim Menschen für die theoretische Erklärung natürlich
von größtem Interesse sein. Auch interessiert es uns. ob dieses anscheinend so
beständige Phänomen hinsichtlich Reizschwelle, Stabilität der W irkungsgröße,
Latenz und Refraktärzeit nicht vielleicht doch von verschiedenen Bedingungen
abhängig ist. W ir dürfen nicht übersehen, daß über den Zusammenhang m it den
sympathisch innervierten glatten Muskelfasern des Oberlides sowie über den
durch mechanische Reizung des Gehörgangs und des Gesichts ausgelösten L id­
schlag noch zu wenig bekannt ist, um sichere Schlüsse ziehen zu können. So
scheint es uns also bislang nicht entschieden, ob dieser typische einfache R eflex
tatsächlich nichts anderes ist als ein Prozeß, der im Individuum geschieht und
keine Funktion, die durch das Individuum geleistet wird. Ebensowenig ist geklärt,
ob er nur als E ffekt auf eine physikalische Einwirkung oder als Reaktion auf einen
Insult begriffen werden muß.

3. Die Theorie P awlow»


Die in der Physiologie und im Behaviorismus noch immer als Grundlage für eine
Erklärung der erworbenen Reaktion angenommene Lehre von den bedingten
Reflexen, die auch das Schema für die Erklärung des Drohreflexes liefert, wurde
von P awlow auf Grund jahrelanger Untersuchungen entwickelt. Ausgangspunkt
bildete eine einfache Beobachtung.
In das Maul eines Hundes eingeführte Nahrung bewirkt Speichelabsonderung.
Kombiniert man die Fütterung mit irgendeinem anderen vorhergehenden Sinnes­
reiz, etwa einem Schall oder einer Licktwirkung. so tritt nach einer Anzahl von
Wiederholungen schon Speichelabsonderung auf, wenn nur der Schall erklingt
oder das lic h t angeztndet wird. A uf Grund zahlreicher Variationen dieses
Grund-Versuches nahm man an, daß das Ausmaß der Speichelsekretion ein quanti­
tatives Maß für die Wirkung des Sinnesreizes darstelle, P aw low . Methode, ihre Trag­
weite und ihre theoretischen Grundlagen können wir am besten bei einer aufmerk­
samen Lektüre einiger kennzeichnender Zitate aus seinen Schriften begreifen.
Die allgemeine Foim ulerung seiner Methode lautet folgendermaßen: „W enn
irgendwelche indifferenten Reize diejenigen Reize, welche die angeborenen bestimm­
ten Reflexe hervorrufen, ein- oder mehreremal begleiten, so beginnen diese früher
indifferenten Reize allein den Effekt dieser angeborenen Reflexe hervorzurufen.
B ei Vorhandensein einer geringen AnzaU von bestimmten Bedingungen lassen sich
die Assoziationen ganz unvermeidlich, ganz gesetzmäßig bilden. In dieser Weise
haben wir allen Grund, die Assoziationen als echte, aber erworbene Reflexe aufzu­
fassen und somit auch eine Veranlassung, sie rein physiologisch zu erforschen.
W ir bezeichnen diese beiden Arten von Reflexen als „unbedingte" (angeborene)
und als „bedingte" (erworbene) R eflexe"1.

1 P a w c o w , I. P .: Die höchste Nerventätigkeit (das Verhalten) von Tieren, S. 273.


München 1926.
D ie Theorie P awlow* 133

Die Erforschung der bedingten Reflexe könnte uns also eine exakte Erkenntnis
der in der Hirnrinde verlaufenden Assoziationsprozesse vermitteln. W eü aber nach
P a w l o w alle höheren Funktionen von Mensch und Tier durch Assoziations­
prozesse zustande kommen, müßte die Untersuchung des bedingten Speichel­
reflexes exemplarische Bedeutung für die Ermittlung der allgemeinen Gesetze des
Assoziationsprozesses haben und Grundsätzliches zur Erklärung des Verhaltens
von Tier und Mensch aussagen können. Im Nervensystem sollen sich nur die
Bildung neuer und der Abbau bestehender Reflexbahnen abspielen. Erregung und
Aufhebung der Erregung (die sog. Hemmung) würden die grundlegenden Prozesse
im Nervensystem, nämlich Synthese und Analyse (Assoziationsbildung und
-abbau), verursachen. „D er E rregunp- und der H em m unpprozeß m it diesen
ihren Eigenschaften bedingen nun auch die ganze Tätigkeit der Großhirnhemi­
sphären. Die F iin d a m en ta J ersch eimiTig — die Bildung der temporären Verbin­
dungen — beruht auf der Fähigkeit des Erregungsprozesses, sich zu konzen­
trieren. Der Mechanismus der Bildung des bedingten Reflexes, der Mechanismus
der Assoziation, bietet sich uns folgender A rt: wenn eine starke Erregung, z.B .
durch die Nahrung, besteht, so wird jetzt jeder andere Reiz, der gleichzeitig
auf einen anderen Teil der Großhirnhemisphären einfällt, von diesem starken Reiz
(Nahrungsreiz) nach seinem Punkte h in hinübergezogen, von ihm konzentriert.
Ebenso wird auch der Hemmungsprozeß konzentriert, wodurch die Bildung von
bedingten Hemmungsreflexen erreicht w ird." „Dadurch, daß diese beiden Pro­
zesse in wachem Zustand sich gegenseitig begrenzen, entsteht mm in den Großhirn­
hemisphären ein grandioses Mosaik, wo einerseits erregte und andererseits ge­
hemmte, chronisch eingeschläferte Punkte nebeneinander bestehen. Und das
Vorhandensein dieser bunt m ite in a n d e r vermischten, bald erregten, bald ein-
geschläferten Punkte bestimmt das ganze Verhalten des Tieres. A uf die einen
Reize wird das Tier m it einer bestimmten Tätigkeit reagieren, auf die anderen mit
Hemmung1."
Es werden also für eine mechanistische Erklärung der Assoziationen dem
Erregungs- und H em m unpprozeß verschiedene Eigenschaften, wie „K onzen­
tration" und „Begrenzung" zugeschrieben, die auch wieder als physiologische Pro­
zesse vorgestellt werden.
Die Begriffe Erregung und Hemmung allein genügen P a w l o w jedoch nicht zu
einer Erklärung der Vielheit funktioneller Erscheinungen, Er führt daher noch
einige andere notwendige Begriffe ein. So unterscheidet er „äußere" und „innere"
Hemmungen. Jene gehen von der Außenwelt, diese von verschiedenen Zentren
im Nervensystem aus. Das Verlorengehen einer ausgebildeten Assoziation (eines
bedingten Reflexes), wenn z. B. der bedingte Reiz wiederholt ohne den unbeding­
ten angeboten wird, wird durch eine „innere Hem m ung" verursacht. D och kann
auch die Hemmung durch einen E xtra-R eiz wieder gehemmt und aufgehoben
werden.
Ein dritter unentbehrlicher Begriff ist die „Irradiation“ , wom it die Ausdeh­
nung des E rregunp- und H em m unpprozesses über einen größeren oder kleineren
Teil des Gehirns gemeint ist. H at man bei einem Hunde eine bestimmte Reizart
(etwa 100 Metronomschläge in der Mmnte) zu einem bedingten Fütterungsreiz*
gemacht, so können nun auch Schläge von höherer und niedrigerer Frequenz
* P aw low , I. P .: a . •. 0 . S. 311.
134 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

Speichelsekretion bewirken. Man stellt sich vor, daß jeder akustische Reiz von einer
bestimmten Frequenz „in bestimmten Hirnzellen sitzt" und von da aus nach
anderen Zellen der Umgebung ausstrahlt, wodurch also andere Frequenzen mit
dem unbedingten Reflex (Futter) assoziiert werden.
A ls Beispiel für die Irradiation einer Hemmung betrachtet P a w l o w den Schlaf
und den hypnotischen Zustand. Er glaubte, den schläfrigen Zustand der Hunde,
narhdpm sie längere Zeit für seine Versuche verwendet worden waren, dadurch
erklären zu können, daß sich der wiederholt angewandte gleiche Reiz in einen
„H em m reiz" verwandelt habe.
Auch beim Menschen kann ein „Fütterungsreflex" (Absonderung von Speichel
und Magensaft) zu einem bedingten werden. Riechen und Sehen von Speisen,
Reden über sie, das Decken des Tisches und das Erklingen des Congés, zahlreiche
„R eize" also, können mit dem Essen „assoziiert" werden. Für die Bewegungslehre
dnd weniger diese von Interesse, als vielmehr solche, bei denen die W irkung nicht
in einer Drüsensekretion, sondern in einer koordinierten Muskelkontraktion besteht.
Im täglichen Leben findet man eine Fülle derartiger bedingter motorischer Reflexe,
d*»nn man könnte ja jede Reaktion auf ein Signal dazu rechnen. Abgesehen von
allen bewußten Reaktionen, z. B. auf Verkehrszeichen, denken wir zunächst an
affektbedingteÄußerungen, Abwehr-, Angst- und Schreckreaktionen, die unbewußt
durch ein Signal verursacht werden können. Die russische Schule und ihre vielen
Nachfolger rechnen jedoch auch sämtliche Reaktionen in Sport und Spiel, in Beruf
und Haushalt zu den assoziativ zustande kommenden, bedingten Reflexen1.
Das Augenblinzeln bei Bedrohung betrachtet man als typisches Beispiel eines
bedingten Reflexes. Es müßte also auf analoge Weise wie die bedingte Speichel­
sekretion beim Hunde erklärt werden. Wäre eine solche Erklärung befriedigend,
so könnte man grundsätzlich jede gewohnheitsmäßige Bewegung durch Assozia-
tionsbildung und aus Himprozessen erklären. In der Tat hat P a w l o w seiner Lehre
diese allgemeine Form gegeben, so daß wir ihre Grundlagen einer Kritik unter­
werfen müssen.

4. Kritik an der Lehre von den bedingten Reflexen


D ie se muß namentlich bei P a w l o w » eigener Erklärung seiner Versuche an­
setzen. Dabei können wir unsere bereits entwickelten Gedankengänge auf ein
wichtiges Kapitel der experimentellen tierischen Verhaltensforschung anwenden*.
Der einzige Beleg für das Bestehen eines bedingten Reflexes, den das Grund-
experiment P a w l o w « bietet, ist das Auftreten von Speichelsekretion auf den
bedingten Reiz (einen Schall z. B.) hin. Ein anderes Kriterium für das wirkliche
Bestehen eines Reflexes gibt es nicht. Die innerhalb gewisser Grenzen wiederhol­
bare F-r^rheinnng der Speichelsekretion auf einen Schall hin erhält also nur einen
Namen (bedingter Reflex), der aber beansprucht, eine Erklärung zu sein; d .h , er
soll den Grund oder die Ursache des wiederholt auslösbaren Phänomens darstellen.
Tatsächlich wird aber nicht mehr als ein Name gegeben . W ie bei M o l i I r e « „v is
dorm ativa"l
1 In der UdSSR, hat man sogar gemeint, die Ergebnisse von Pawlow » Tierversuchen als
Grundlage für das Training der Arbeiter anwenden su können.
* B o y t e n d ij k , F. J. J „ u . H . P le s sn e r : Physiologische Erklärung des Verhaltens.
Acta biotheoretica, Serie A, Fol. I. S, 151 (1935).
K ritik an der Lehre von den bedingten Reflexen 135

Verknüpft man jedoch, wie gewöhnlich, m it dem Reflexbegriff die Vorstellung


eines, Prozesses im Nervensystem, eines Erregungsverlaufs auf einer bestimmten
Bahn, so erhebt sich eine andere, schon wiederholt erwähnte Schwierigkeit.
„Nervensystem “ ist ein morphologischer Begriff und es fragt sich, ob und inwie­
weit schon die als Ursache des Reflexes angenommene Erregungöhne Verlust des
Wesentlichen morphologisch bestimmt werden kann. Sagt man etwa, der Reiz sei
eine Veränderung des elektrischen Grenzpotentials einer Nervenzelle, so ist damit
für eine Einsicht in das Wesen der Erregung noch nichts gewonnen; im Gegenteil:
man hat dann den funktionellen Charakter der Erregung, die durch die Qualität
und Intensität des Eindrucks bestimmt wird, ganz aus dem Äuge verloren. Ebenso
ermöglicht ja die Bestimmbarkeit eines Tones als Luftschwingung zwar die
physikalische Schallehre, aber zugleich wird damit der Zugang zur Unmittelbarkeit
des Toneindrucks und zur Musiklehre verschlossen.
Auch die sog. objektive Beschreibung der Reizwirkung als Drüsensekretion
oder Muskelkontraktion übersieht, daß das Verhalten nicht im Nervensystem
seinen „S itz" hat. Dieses ist zwar eine notwendige Bedingung seines Vollzugs, aber
das Verhalten selbst vollzieht sich in der Sphäre der Beziehungen zwischen Subjekt
und Situation. Auch die Reaktion eines Hundes auf einen Schall ist immer eine
Verhaltensweise. Der Versuch einer Projektion des Verhaltensvollzuges in die
Himprozesse — analog dem psycho-physischen Parallelismus — bietet nur eine
Übersetzung des beobachteten Tuns in eine imaginäre Symbolsprache. Eine
Symbolsprache, die gefährlich wurde, weil W orte wie Erregung, Reflex, Hemmung,
Enthemmung, Bahnung, Irradiation ihre ursprünglich vitale Bedeutung verloren.
Auch wenn man die „Bescheidenheit" des mechanistischen Denkers schätzt, da er
immer wieder versichert, die gegebenen Erklärungen seien nur vorläufig oder nur
als Arbeitshypothesen gemeint, so kann das nicht darüber hinwegtäuschen, daß sie
die Beobachtungen durch Vor-Urteile einschränken und ihre Deutung in eine
bestimmte Richtung drängen. Die Armut der verfügbaren Begriffe wirkt sich
nicht nur wie die Behinderung durch die Verschlüsselung bei einem Telegramm
aus, sondern sie verengt auch das Gesichtsfeld des Beobachters.
W ie schon im vorigen Kapitel gezeigt wurde, können wir von der Funktion
a posteriori auf einen bestimmten Prozeß schließen, nicht jedoch umgekehrt. Bei
einer bestimmten Art des Gehens müssen die motorischen VorderhomzeUen im
Rückenmark in einer bestimmten Reihenfolge erregt werden. Das Ideal P awlow »
u. a. iät jedoch umgekehrt gerade das Erschließen der Funktionen aus den Pro­
zessen. Dazu bedient er sich der vorausgesetzten Vorstellung einer zentralen
Lokalisation sämtlicher das Verhalten bestimmender Lebensäußerungen. Es ist
dazu auch eine Zerlegung des Verhaltens in elementare Komponenten erforderlich.
P awlow denkt sich — wie einst G all — die Lokalisation im Sinne von prä-
formierten Funktionen. E r verkennt dabei die Grundtatsache, daß jede Funktion
in der Einheit und Geschlossenheit ihres Ablaufs erst durch die ganze innere und
äußere Situation, die Lage von Leib und Umwelt, erst bestimmt wird. Sie
kann daher gar nicht in bestimmten Hirnzellen gleichsam gebrauchs/erftg
vorliegen!
Zweifellos ist die Entdeckung P awlow », daß nach Entfernung des Großhirns
keine bedingten Reflexe mehr gebildet werden können, interessant. Aber wir
werden dadurch jfber die Ursache oder den Mechanismus dieser sog. Reflexe nicht
136 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

belehrt. Sie können sowohl wirkliche Reflexe darstellen, als auch Reaktionen auf
Signale, die durch bestimmte Umstände für das Tier eine gewisse Bedeutung
erlangt haben. Die Frage nach der Rolle des Großhirns für die Stiftung einer
sinnvollen TW whnng des Tieres zu seiner Umwelt ist ganz anderer A rt als die
nach der „Lokalisation1' bedingter Reflexe. Man darf nicht übersehen, daß die
W orte Erregung, Hemmung, Verstärkung usw. sowohl auf mechanische Prozesse
als auch auf Verhaltensweisen angewandt werden können. Bei Anwendung dieser
W orte wird wan Leicht verführt, den prinzipiellen Unterschied zwischen „G e­
schehen" und „Verhalten" zu vernachlässigen.
Mit diesen Ausdrücken verweisen wir auf eine andere Kritik an P a w l o w »
Theorie, die von E r w in S t r a u s kommt. Sie wurde zunächst in einer Veröffent­
lichung „Geschehnis und Erlebnis" niedergelegt, später in seinem vorzüglichen
Buch „Vom Sinn der Sinne" wieder aufgenommen und erweitert1. Ebenso wie wir
wendet sich S t r a u s gegen Cartesianismus und Physikalismus, naive Lokalisations­
lehre und Verkennung der Einheit des Organismus. Darüber hinaus stellt er dem
organischen Geschehen das Erleben von Empfindungen, Signalen, Situationen
usw. gegenüber. W ir meinen dagegen, daß dem organischen Geschehen nicht das
Erleben, sondern das Sich-Verhalten, Sich-Benehmen gegenübergestellt werden
sollte. Daraus folgt, daß die Wissenschaft vom tierischen und menschlichen Ver­
halten sowohl die analytische Physiologie als auch die Psychologie fundieren muß I
In mancher Hinsicht scheint S t r a u s diese Ansicht zu teilen, so wenn er die Erfor­
schung der Beziehungen zwischen Individuum und Umwelt betont. Das Signal
etwa bedeutet ihm Übergang aus einer unspezifischen (indifferenten) in eine
spezifische (differente) Lage, und er versucht diese Merkmale der Situation aus dem
Verhalten selbst zu begreifen. Das Unspezifische ist überhaupt keine feste objek­
tive Eigenschaft der Umwelt. Indifferent bezeichnet nur die Art des Verhaltens
eines lebendigen Wesens in bezug auf seine Umgebung. „Indifferent wird eine
Situation, wenn die momentane Umwelt den Sinn aktueller Bedeutungslosigkeit
für ein Lebewesen gewinnt*."
Diese. Erschließung des Wesens eines Signals als „Ü bergang" von einer indiffe­
renten zu einer differenten Situation, als das, was zwischen beiden liegt, wobei
diese Momente der Situation vom Verhalten selbst abhängen, ist auch für eine
sinngemäße Deutung der motorischen bedingten Reflexe, z.B . des Augen-Droh-
Reflexes von Interesse. Die Reaktion auf eine Bedrohung, wie auch das Zukneifen
der Augen hei einem plötzlich herannahenden Gegenstand, geschieht ja, weil ein
„R eiz" Signalcharakter erhält. Ähnlich wird auch in P a w l o w » Versuchen ein
Schall oder Licht zum Signal für nahende Nahrung. Der Begriff „Erregung" hat
in der mechanistischen Denkweise der Physiologie seine ursprüngliche Bedeutung
verloren. Erregung meint.hier nichts anderes als die physikalische Veränderung,
die in einer Zelle— etwa derNetzhaut oder der Hirnrinde—durch eine physikalische
Ursache ausgelöst wird. Nie kann jedoch aus einer solchen Veränderung ein V er­
halten erklärt werden. Die von P a w l o w untersuchten bedingten Reaktionen, wie
etwa die bedingte Augenlid-Reaktion, sind Antworten auf Signale, Funktionen, die
nicht auf Prozesse zurückgeführt werden können.

* S t r a ü s , E .: Geschehnis und prlebnis. Berlin 1930.


* Straus, E .: a. a. O. S.87.
Der Blinzelreflex (Augen-Droh-Reflex) 137

5. Der Blinzelreflex: (Augen-Droh-Reflex)


Aus zwei Gründen ist unser Wissen vom Droh-Reflex für eine Lehre von den
menschlichen Bewegungen von Bedeutung. Erstens stellt eine „Bedrohung" eine
spezifische, differenzierte, gestaltete Relation zur Außenwelt dar. Sie kann uns
als das Herannahen einer Gefahr zum Bewußtsein kommen. Man kann daher hier
physiologische und psychologische Momente in einen Zusammenhang bringen.
Zweitens ist das Schließen der Augenlider bei Bedrohung sowohl bei Tieren als
auch beim Menschen zu beobachten, so daß man diesen Reflex auch nach ver­
schiedenen Eingriffen am Nervensystem experimentell untersuchen kann. Außer­
dem können beim Tierversuch „höhere Einflüsse", welche die fundamentale
Gesetzmäßigkeit des Phänomens stören könnten, ausgeschlossen werden.
Die besten Untersuchungen hat R ademaker1 durchgeführt, der auch die
Abhängigkeit des Reflexes von verschiedenen Himrindengebieten erforschte.
W ir verfügen dadurch über mehrere Daten, tun dem für die Bewegungslehre so
bedeutenden Problem einer „Lokalisation" der bedingten Reflexe näherzu­
kommen und danach zu fahnden, was nun eigentlich als lokalisiert gedacht
werden muß.
R ademaker und seine Mitarbeiter ermittelten folgende Tatsachen. Durch
Drohbewegungen m it der Hand, dem Finger oder einem beliebigen Gegenstand
tritt, auch ohne Berührung des Auges, Schließen der Augenlider auf. Es bleibt
aus, nachdem die Drohbewegungen'mehrmals hintereinander wiederholt wurden;
es kehrt jedoch wieder, wenn das Auge oder seine Umgebung bei der nächsten
Drohung berührt werden. Das braucht meistens nur einmal stattzufinden. Läßt
m an'das Tier nach verschwundenem Drohreflex einige Zeit in Ruhe, so kann
auch dann wieder die Reaktion ausgelöst werden. Sie fehlt in den ersten W ochen
nach der Geburt und ebenso nach Wegnahme des Großhirns. Nach halbseitiger
Großhimexstirpation fehlt der Reflex, wenn die Drohbewegung in der entgegen­
gesetzten Hälfte des Gesichtsfeldes ausgeführt wird. Es braucht jedoch nicht
die ganze H älfte des Großhirns entfernt zu sein. Es genügt eine Wegnahme des
lateralen Vorderteiles der kontralateralen area striata. Bei intakter Sehrmde
wird eine einseitige Aufhebung durch ausgiebige Exstirpation desjenigen Teiles
der gegenüberliegenden senso-motorischen Hirnrinde erreicht, der bei elektrischer
Reizung Augenlidschluß verursacht.
Aus diesen Versuchsergebnissen folgert R ademaker ganz im Sinne eines
Vertreters der Reflexlehre: „ ...d a ß die Reize, welche den Blinzelreflex auf
Drohbewegungen im linken Gesichtsfeld hervorrufen, nach dem lateralen Vorder­
teil der rechten area striata gehen, sich darauf nach der senso-motorischen Rinde
begeben, um schließlich über die nuclei und nervi fadales die Augenlider zu
erreichen."
Diese Folgerung wurde noch weiter gesichert durch Beobachtungen bei
mehreren Patienten. Zusammen ihit Garcin fand R ademaker bei etwa fünf
Fällen mit einer Erkrankung des lobus parietalis ein Fehlen des Drohreflexes.
Es konnte dabei aus guten Gründen angenommen werden, daß die Verbindung
Zwischen area striata und senso-motorischer Rinde unterbrochen war.
Um die Anwendung der Lehre von den bedingten Reflexen auf die oben dar­
gestellten Untersuchungsergebnisse einer näheren theoretischen Betrachtung
unterziehen zu können, müssen wir zunächst noch einen anderen bedingten
Exemplarische Reaktionen und Leistungen
138

Reflex besprechen, den sog. „optischen SteUreflex" der vorderen Extremitäten.


Dieser Reflex zeigt nämlich die gleiche Abhängigkeit voin Zentralnervensystem
wie der Drohreflex. Auch hierbei folgen wir der Darstellung R ademaker ..

6. Der optische SteUreflex


Ein am N ackenfel gehaltener und so zu einem Tisch hin bewegter Hund
stellt bei Annäherung an den Tisch die Vorderbeine auf dessen Rand. Dieser
„R eflex" fehlt, wenn entweder der mediale Vorderteil der area striata oder
derjenige Teil der senso-motorischen Rinde, dessen elektrische Reizung Bewegung
des Vorderbeines bewirkt, exstirpiert ist. Bei einseitiger Wegnahme dieses
Rindenteils fällt der gekreuzte Reflex weg, bei doppelseitiger fehlt er beiderseits.
W ie der Drohreflex benötigt also der Stellreflex sowohl einen Teil der Sehsphäre
als auch das senso-motorische Rindenareal des Effectors (Vorderbein).
W ir können diese Daten noch durch einige Angaben von B ard , B akris u. a.
ergänzen, welche die "placing" und "righting” Reaktionen bei der Katze und
beim Affen studierten. Nach Ausschluß der optischen Wahrnehmung reagiert das
Tier auf verschiedene durch Tastsinn und Tiefenempfindung wahrgenommene
Situationen m it einem Aufstellen des Beines auf die Stützfläche, d. h. m it dem
Suchen und Finden einer Stütze.
Aus diesen einfachen, mit jedem Hund und jeder Katze leicht wiederholbaren
Versuchen ersieht man das Sinnvolle dieser Reaktionen. Es sind echte Ver­
haltensweisen, das W iederherstelen einer Haltung, das Erwerben einer Stabilität
und Sicherheit der Position.
W ichtig für die von R ademaker festgesteilten Störungen nach einer Läsion
der optischen oder senso-motorischen Rindensphäre sind die Versuche am
Affen von WOOLSEY und B ard1. Wird eine Extremität eines Affen dem
Rand eines Tisches genähert, so legt das Tier die Hand sofort auf die Tischfläche
und streckt das Bein. Nach Wegnahme des entsprechenden kontralateralen
motorischen Rindenteiles (area 4 von Brodmann), gyrus praecentralis wird das
TW t bei Berührung m it einem Tischrand nicht aufgestellt, sondern es reagiert
mm das andere, den Tisch nicht berührende Bein ("crossed placing reaction” ).
Das zeigt, daß nur eine motorische Störung vorlag und die Situation durch die
Berührung wohl „erkannt" wurde. Nimmt man jedoch beim Affen einen Teil
des ParietalMms weg (das sensorische Feld der Extremitäten), so fehlt die
gekreuzte Aufstellreaktion, weil das Tier durch die sensorische Störung den
Tischrand als qualitative Situation nicht wahmrnimt.
Die Erfahrungen mit Himläsionen im motorischen und sensorischen Feld der
Extremitäten bei verschiedenen Tieren und beim Menschen ergaben, daß man
m beiden Fällen immer eine Störung der feineren Berichtigungen der Stellung
der Berne und der feineren Manipulationm durch Hand- und Armbewegungen
aufzeigen kann. Teilweise kann sich zwar eine Besserung einstellen, aber die
optische Wahrnehmung kann die senso-motorische Erkenntnis der Situation
nie ganz ersetzen.
W as man hier unter senso-motorischer Erkenntnis der Situation zu verstehen
hat, geht aus dem Effekt der Exstirpation des motorischen Rindenfeldes des
i W oolsxv, C .N .,«. P. B aku *. Cortical ol placing «md hopping reactiona in
Itulatta. Amer. J. Phyriot. 116, 165 (1936).
Theoretische Betrachtungen 139

Vorderbeines hervor. W ird das ganze Feld, dessen Reizung Bewegungen im


Vorderbein auslöst, entfernt, so fehlen, wie gesagt, die Stellreaktionen, sogar
wenn bei intakter Sehrinde der K opf in die Nähe des sehr gut gesehenen Tiseh-
randes kommt. Auch wenn das Tier bei verbundenen Augen mit der Vorderseite
der Beine den Tischrand berührt, fehlt die Stellreaktion, weil es diesen Rand
nicht mehr taktil „erkennen" kann. Wieder andere Störungen stellen sich" im
Verhalten eines Hundes ohne optisches Rindenfeld ein. Nach der Mitteilung
R ademakers1 stößt das Tier m it allen zusammen und wenn man es auf den
Tisch stellt, so läuft es über den Rand hinweg und fällt hinunter. Die vom Tisch­
rande ausgehenden optischen und taktilen Impulse vermögen die Laufbewegungen
dann nicht zu bremsen, W ir kursivieren in diesem Zitat die W orte „Im pulse"
und „brem sen" um deutlich hervorzuheben, daß der Versuch, die Störung im
Verhalten auf eine Änderung der Himprozesse zurückzuführen, notwendigerweise
die Begriffe Handlung und Situations-Wahrnehmung durph den Begriff Impuls
oder Reiz ersetzen muß. Ein Reiz kann nur eine positive oder negative Wirkung
auf bestimmte Zellpuppen (Zentren) ausüben, einen Effekt also nur fördern
oder hemmen.

7. Theoretische Betrachtungen
Die bisher bekannten Tatsachen über die doppelte Abhängigkeit der situations­
bezogenen Verhaltensweisen von der Hirnrinde scheinen mir eine viel entscheiden­
dere Bedeutung für die Bewegungslehre zu haben, als die mechanistische Er­
klärung vermuten läßt.
Für das Zustandekommen der bedingten (erworbenen) Reaktionen muß das
Individuum das Herannahen der spezifischen Situation erkennen und darauf
reagieren. Das Signal weist in P a w l o w b Versuchen auf das Herannahen der
Nahrung hin, die Drohbewegung nach den Augen auf die mögliche Berührung;
das Bewegtwerden zum Tischrand auf die mögliche feste Stütze und Sicherheit.
Es gibt zwischen diesen drei Fällen aber auch einen Unterschied. Das Licht­
signal oder der Schall, die der Fütterung vorhergehen, sind am Anfang der
Versuche noch sinnlos, erhalten jedoch allmählich eine antizipierende Wirkung.
W ir kennen dieses Phänomen aus unseren bewußt erlebten Erfahrungen.
Sowohl bei den negativen Affekten, wie Angst, Ekel, wie bei den positiven Lust­
affekten (u. a. auch den sexuellen) stellt sich leicht eine Bindung an die ein­
leitenden Merkmale der eigentlichen affektiven Situation ein. Diese Vorweg­
nahme kommender Ereignisse ist nicht eine bewußtseinsbedingte Erscheinung,
aber das Bewußtsein kann ein werdendes vitales Verhältnis von Individuum und
Umwelt begleiten.
Beim Drohreflex und bei der Stellreaktion ist der sog. bedingte „R eiz“ , das
Herannahen der Hand bzw. des Tisehrandes oder dessen Berührung m it der
Beinhaut von Anfang an ein sinnvolles Moment der Situation, auf die man
unter dem Drang der Selbsterhaltung, des Schutzes der Augen, der Sicherheit
der Stütze reagieren muß. Dieser Drang — wie man ihn auch nennen mag — ist
gleich ursprünglich wie Hunger oder Durst; die Mensch und Tier zu bestimmten,
von den Umständen abhängigen Handlungen nötigen. Es ist denn auch sehr
wahrscheinlich, daß Drohreaktionen und Stellreaktionen in einer bestimmten
1 Nederl. Leerboek der Physiologie, V , S. 241.
140 Exemplarische Reaktionen and Leistungen

Entwicklungsphase {auf bestimmter Altersstufe) spontan auftreten, also ohne


vorhergehende Übung oder, in der Reflexsprache, ohne Bildung eines bedingten
Reflexes durch wiederholte Assoziation eines Reizes mit einem unbedingten
Reflex, Eine solche Spontaneität wird sich einstellen, wenn das Herannahen
von etwas und die Annäherung als allgemeine Kategorien werdender
Situationen und der in diesen enthaltenen Möglichkeiten, wie etwa Bedrohung,
gegeben and.
Die PAWLOwschen bedingten Fütterungsreflexe entstehen sicher nicht
spontan. Sie erfordern wiederholte Erfahrung hinsichtlich der spezifischen
Funktion bestimmten, den Übergang vom indifferenten zum differenten
Verhältnis zur Umwelt bezeichnenden Signals.
Die experimentelle Physiologie gibt uns also die interessante Tatsadle zu
bedenken, daß eine Anzahl echter Funktionen, die Drohreaktion (und sämtliche
anderen Reaktionen auf herannahende Gefahr), sowie die SteUreaktion (und eine
ganze Reihe von Reaktionen auf unsichere, labile Lagen) als körperliche Vor­
bedingung gewisse Teile der 'optischen und senso-motorischen Hirnrinde er­
fordern. Man kann dieses Problem nicht lösen, indem man einfach sagt, b eim
Drohreflex begeben sich die Reize zunächst zum lateralen Vorderteil der^ area
striata und darauf zur senso-motorischen Rinde. Denn einmal drückt man dann
nicht viel ™phr aus, als daß diese Rindenteile zur Auslösung eines Drohreflexes
vorhanden sein müssen, also nur das Versuchsergebnis selbst; zum andern aber
wird durch das W ort „R eiz" völlig verkannt, was das Wahrnehmen einer B e­
drohung eigentlich ist. W eiter wird durch das W ort „darauf” stillschweigend,
ohne jeden Beweis, vorausgesetzt, daß der geformte affektive Eindruck (die
Bedrohung) der reaktiven Handlung (dem Zukneifen der Augen) auf dieselbe
W eise vorhergeht, wie der elektrische Reiz der Muskelkontraktion bei einem
Muskel-Nervenpräparat.
Auf Grund unserer psychologischen Kenntnis der Affekte und affektiven
Reaktionen ist es viel wahrscheinlicher, daß zum Zustandekommen der Eindrucks-
qualität die Bewegung selbst, wenigstens die Bew egungsintcntion , bereits im
Vollzug sein muß. Seit der bekannten jAMES-LANGEschen Affekttheorie und
dem Nachweis der „motorischen Bedingtheit der Wahrnehmung" durch S c h e l e r
und K l a g e s hat diese Ansicht sich sowohl durch klinische als experimentelle
Erfahrung ( v o n W e iz s ä c k e r 1) immer mehr gefestigt. Besonders auch S t r a u s
la t die Einheit von Wahrnehmung der vital entscheidenden Situationen und
entsprechender Bewegung grundsätzlich eingesehen. Das ,.Erregende,, einer
Situation, das eine eventuelle Reaktion verursacht, ist das Verlockende. A b­
stoßende und auch das Bedrohliche. Dieses „konstituiert sich erst in der Möglich­
keit der Annäherung und Entfernung, des Sich-Öffncns und Sich-Verschließens"*.
Auf zwei — jedoch beide Male unbefriedigende — Weisen hat man den m oto­
rischen Faktor der Wahrnehmung näher zu bestimmen versucht. Man kanw an
Tonusinderungen denken, die sich zugleich mit dem Eindruck (in unserm Fall dem
H.erannahen einer Bedrohung oder eines Stützpunktes) entwickeln und eine
konstituierende Bedingung der Wahrnehmung darstellen. Fehlen diese Tonus-
* W eizsäcker, V. von : Der Gestaltkreia (insbesondere die Versuche mit dem Drehstuhl
und die optokinetischen Reaktionen) Berlin: 1940.
* Straus , E .: a. a.O. S. 152.
Das Lokalisationsproblem 141

Variationen — was man sich bei einer Rindenläsion verstellen könnte — , so


könnte das Herannahen nicht mehr als bedrohlich perzipiert werden, Palagyi
will dagegen nicht eine reale motorische Komponente für die Wahmehmungs-
qualität verantwortlich machen, sondern er unterstellt virtuelle Bewegungen, die
durch einen „vitalen Phantasieprozeß" für die Formentwicklung des Eindrucks
entscheidend wären.

8. Das Lokalisationsproblem
W ie dargelegt, gründet sich die physiologische Erklärung des Drohreflexes
auf die Unterstellung einer Lokalisation von Funktionen in der Hirnrinde.
Es ist jedoch nicht nur unbekannt, welche Funktionen in der Hirnrinde lokalisiert
seien, sondern auch wie eine solche Lokalisation begriffen werden könnte. W ir
können feststellen, welche Wahrnehmungen und Handlungen nach einer Läsion
nicht mehr m öglich sind. Man vergißt jedoch, wie wenig wir noch über das
Zustandekommen dieser Funktionen beim normalen Tier unterrichtet sind und
daß man erst wissen sollte, was Drohen, Stütze-Suchen usw. als vitale Reaktionen
bedeuten, bevor man über eine Lokalisation sprechen könnte. W as seit M u n k
unter ,, Seelenblindheit" verstanden würde, entsprang der Unterscheidung von
Perzeption und Apperzeption in der damaligen Psychologie; Begriffe, die kritiklos
auch zur Erklärung des tierischen Wahmehmens verwendet wurden. Das Tier
ohne Occipitalhim sehe zwar, aber es erkenne nichts wieder, weil für das W ieder­
erkennen ein „höherer** Prozeß 'dem sinnlichen hinzugefügt werden müsse.
Erst die vorzügliche Abhandlung G elbs 1 hat, auf Grund jahrelanger Unter­
suchungen eines „seelenblinden** Patienten eine gewisse Einsicht in die eigentliche
A rt dieser funktionellen Störung gebracht und dabei erneut die Rolle der Motorik
für die optische Wahrnehmung ins Licht gesetzt.
Schließlich wissen wir nicht, was der funktionelle Sinn des senso-motorischen
Rindenfeldes ist. Nennt man den gyrus praecentralis das „Zentrum** der will­
kürlichen Bewegung, so kann man das formell im Sinne eines dortigen Ursprungs
des Verbindungswegs (der Pyramidenbahn) zwischen Hirn und Rückenmark
begreifen. Eine Reizung dieser Rinde ergibt jedoch ebenso zwangsläufige
Bewegungen wie Reizungen an anderen Stellen. Totalexstirpation reduziert
beim Tier die Differenzierung der' Bewegungen im entsprechenden Körperteil,
wie das auch beim Menschen nach einer partiellen Wegnahme geschieht. Beim
Menschen hebt die totale Entfernung jedoch jede Willkürbewegung, d. h. das
freie BewegenJkönnen auf GrmM. von Motiven, auf.
Dieser Teil der Hirnrinde scheint also der Vermehrung funktioneller Möglich­
keiten zu dienen. Aber wie Möglichkeiten lokalisiert sein könnten, ist völlig
unbegreiflich. Und dennoch sind sämtliche Hirnteile Bedingungen für M öglich­
keiten. Ein normaler Mensch kann sich bewegen! Das Sich-Bewegenkönnen,
das Sich-Brinnem-, das Wahmehmen-Können, das Auffassen-Können optischer
und akustischer Gestalten und das Unterscheiden-Können der Haupt- von
den Nebensachen, sind die „verm ögenden" Bedingungen für das Handeln.
Sie können beim Fehlen von Hirnteilen gestört sein', aber ebensosehr durch
funktionelle Ursachen (Ermüdung, Vergiftungen, Neurosen). Bei letzteren, etwa
1 Gblb : Zur medizinischen Psychologie und philosophischen Anthropologie. Den Haag
1937. • •
142 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

bei einer hysterischen Lähmung oder Erblindung, kann man von einer Einbuße
des Können-Wollens oder des Wollen-Könnens der Bewegung oder Wahrnehmung
sprechen1,
9, Folgerung
Die Augendrohreaktion erweist sich bei näherer Betrachtung als etwas ganz
anderes als ein „cerebraler Reflex" mit einem bestimmten, anatomisch nachweis­
baren „Reiz"-Verlauf. Sie ist die Antwort auf eine aus der Einstellung des ant­
wortenden Individuum (Mensch oder Tier) entspringende Situation. Für eine
solche Antwort muß sowohl die Möglichkeit, das bedrohliche Herannahen wahrzu­
nehmen, als auch sich reaktiv einstellen zu können, gegeben sein. An welche feinen
Unterschiede in der Situation das Wahmehmen einer wirklichen Drohung gebunden
ist, kann jeder unmittelbar in Erfahrung bringen. Eine Drohbewegung mit der
Hand gegen sich selbst ist ebenso unwirksam, als wenn man selbst den K opf zur
Hand eines anderen (oder auf einen Gegenstand) hinbewegt. Dabei ist jedoch der
optische Eindruck an sich, das Größerwerden des Netzhautbildes — der Reiz im
Sinne des Physiologen also — völlig der gleiche, als wenn eine andere Person die
Hand auf uns zu bewegte. Der Unterschied liegt nur in der Selbstbewegung (von
Hand oder Kopf). Erst durch ihr Fehlen wirkt das Herannahen als Bedrohung,
was auch für das Tier gilt.
Es wäre möglich, auch für diese Fälle „hemmende" oder „fördernde" Reize
auszudenken, die über bestimmte Bahnen auf bestimmte Zentren einwirken.
Aber was bedeutet das schon mehr, als daß man das Festgestellte noch einmal im
Sinne einer Himmythologie wiedergibt ?
Man kann sich selbst ebensowenig bedrohen, wie man sich selbst kitzeln kann.
Daraus geht wiederum hervor, daß die bedingten Reflexe keine Reflexe sind,
sondern gefortnte — wenn auch einfache, primitive — Leistungen, die als Aktio­
nen und Reaktionen begriffen werden müssen, welche sich in der zeiträumlichen
Einheit werdender Situationen vollziehen. Dominant ist in dieser Situation immer
die eigene Position des Individuum mit seinen Möglichkeiten , seinem Können und
Erkennen. Das ist die Bedingung sogar für die einfachste solcher bedingter Reak­
tionen, das Zukneifen der Augen beim plötzlichen, bedrohlichen Herannahen
eines Gegenstandes.I.

II. Das Zurückziehen der H and. (D ie Insult-R eaktion )


1. Die klassische Auffassung
Das am meisten studierte Beispiel einer angeborenen, zweckmäßigen reaktiven
Bewegung bei Mensch und Tier ist das Zurückziehen eines Gliedes auf einen
plötzlichen Schmerzreiz hin. Obwohl wir dieses Zurückziehen in vielen Fällen
willensmäßig unterdrücken können, vollzieht es sich, ebenso wie der unbedingte
Lidreflex, in der Regel doch automatisch und zwangsläufig.
Schon D e s c a r t e s hat diese Bewegung denn auch als Beispiel für eine mecha­
nische Erklärung instinktiver Reaktionen gewählt, und heute noch betrachtet
man sie als das Muster für die Erklärung aller Reaktionen. Seit D e s c a r t e s
hat sich die wissenschaftliche Erklärungsmethode grundsätzlich nicht gewandelt,
1 Im Kapitel über das Erlernen von Bewegungen werden wir ausführlicher über die
hysterische Lähmung anläßlich der „Studien zur Pathogenese" von W f. izsäcker « sprechen.
Das Zurückziehen der H and. (Die Insult-Reaktion) D ie klassische Auflassung 143

denn noch immer denkt man sich die „Seele“ — sofern ihre „E xistenz" bei Mensch
und Tier angenommen wird — als lokalisiert, wenn auch nicht mehr nach der
Vorstellung D e s c a r t e s ’ in der Glandula pineahs, so doch in einem größeren oder
kleineren Gehimabschnitt. Es folgt daraus, daß das decapitierte Tier zweifellos
entseelt ist, so daß das zurückbleibende Rückenmarkspräparat nur als eine ver­
wickelte Maschine betrachtet werden kann. Diese Auffassung hängt mit ver­
schiedenen, schon bei D e s c a r t e s anzutreffenden Vorstellungen zusammen, deren
wichtigste die Identifizierung von Seele und Bewußtsein darstellt. Dabei herrscht
dann die Überzeugung vor, die Seele sei von einer ganz anderen Seinsordnung als
jede res extensa, so daß bei Ausschaltung des Bewußtseins nur die Körpermaschine
übrigbleibe. Es leuchtet ein, daß diese cartesianische dualistische Deutung
der W irklichkeit den funktionellen Gesichtspunkt vernachlässigt. Das geschieht,
obwohl der Bezug des vitalen Geschehens auf bestimmte Zwecke so evident ist,
daß die Bedeutung der Reflexe in jeder Abhandlung über diesen Gegenstand zur
Sprache kommt.
Das Zuriickziehen eines Gliedes auf einen Reiz hin, der auch das „norm ale" Tier
geschmerzt hätte, kann man auch am Rückenmarkspräparat beobachten. Es
steht jedoch fest, daß das Rückenmarkstier nichts empfindet. Aber aus Erfahrung
wissen wir auch, daß bei fehlender Schmerzempfindung die Hand nicht zurück­
gezogen wird, und es fragt sich also, ob wir auf den Schmerz oder auf den Reiz
reagieren. Die Untersuchung lehrt, daß die Reaktionszeit kürzer ist als die
Empfindungszeit für den Schmerz. W ir können die Hand, bevor wir Schmerz
empfinden, zurückziehen, woraus man gefolgert hat, daß beim Menschen, ebenso
wie heim Rückenmarkstier, der Reiz und nicht der Schmerz als Ursache der Be­
wegung.aufgefaßt werden müsse. Die Reaktion, so sagt man, ist reflektorisch, der
Schmerz eine erst später sich einstellende Empfindung. Der Reiz ist also schon
über die motorischen Vorderhomzellen zu den Muskeln gewandert, ehe er die
Hirnzellen erreicht, wo die Schmerzempfmdung „bew ußt w ird",
Diese Schlußfolgerung beruht auf dem Vergleich der Reaktionszeiten und der
Latenz der Schmerzempfindungen. W ählt man bei diesem Vergleich die kurzen
Reaktionszeiten auf starke elektrische Hautreize (0,123 sec), so sind diese Zeiten
sicher kürzer als die Empfindungszeit für den sog. sekundären Schmerz (± 0 ,5 sec).
Dieser Unterschied beruht auf dem Unterschied der Leittmgsgeschwindigkeit in
jenen Nerven, welche die »sensation de piqûre« (Piéron) zur Empfindung bringen
(100 cm/sec), von der in den dünnen Nervenfasern, durch welche der sekundäre
(dumpfe, echte) Schmerz geleitet wird (40—60 cm /sec)1.
Es kann jedoch nicht bezweifelt werden, daß die Reaktion auf einen starken.
Hautreiz (z. B. eine elektrische Entladung) durch die primäre Schmerzempfindung
(sensation de piqûre) und nicht durch den Reiz als solchen verursacht wird. Der
Reiz allein ist unwirksam, wenn, wie in Narkose oder unter Suggestion, kein
Schmerz auftritt. Dieses letzte Beispiel zeigt auch, daß der Beugereflex, den wir
noch näher besprechen werden, etwas gänzlich anderes ist als das Zurückziehen
der Hand, wie zwangsläufig dieses meist auch geschehen mag. Auch sind die
vegetativen Begleiterscheinungen eines Schmerzreizes eindeutig von der Empfin­
dung abhängig und kommen keineswegs automatisch (über das Rückenmark oder

1 Vgl. B uytemdijk , F. J. J.: Über den Schmerz. Bern 1948.


144 Exemplarische Leistungen und Reaktionen

andere Mechanismen und Schaltungen im verlängerten Mark oder Hypothalamus)


zustande.
Sehr instruktiv ist ein Versuch, den Mme. E rofeeff in der Schule P awlow *
ausführte. Sie kombinierte die Einwirkung eines kräftigen Hautreizes m it der
Fütterung und fand, daß nach mehreren Wiederholungen die Fluchtreaktion und
auch die bei einem Schmerzreiz obligatorische Pupillenerweiterung unterblieben.
Statt dessen traten Speichelsekretion, Lecken der Schnauze und Nafanmgserwar-
tung auf. Dieser Versuch zeigt deutlich, daß auch beim Tier der «réflexe de
défense» nicht vom Reiz (als physikalischem Prozeß in den Receptoren der sen­
siblen Nerven), sondern von der durch ihn ausgelösten Schmerzempfindung und
von der Einstellung zur Situation abhängig ist. W ie wir im vorigen Kapitel
darlegten, würde aber der Versuch, das Ausbleiben einer Reflexbewegung
— hier des Zurtickziehens — aus einer „Hemm ung" erklären zu wollen,
zweifellos eine unzulässige Schematisierung' sein. Eine Erklärung dieser Art
könnte sich keineswegs auf die tatsächliche Beobachtung der Lebenserscheihun-
gen berufen, sondern wurzelte allein in dem Vor-Urteü der mechanistischen
Auffassung.
Die im natürlichen Leben sich einstellendeh Reaktionen des Menschen,1deren
einfachstes Beispiel das Zurückziehen der Hand auf einen Schmerzreiz darstellt,
müssen ganz anders gedeutet werden als die Reflexe, die auf Reizung sensiblex
Nerven beim Rückenmarkstier oder beim Menschen mit einer Querschnittsläsion
auftreten.
W irth , einer ber beste i Kenner der experimentellen Untersuchungen über die
Reaktionszeiten, bemerkt1, daß auch die sehr schnellen Reaktionen bei extremer
muskulärer Einstellung nient als H im -Reflexe betrachtet werden können. „Ih r
charakteristischer Verlauf steht ganz unter, dem Druck einer sogar sehr intensiven
willkürlichen Konzentration auf die Aufgabe." Auch die Reaktionszeit-Versuche,
bei denen einer Versuchsperson aufgetragen wird, so rasch wie möglich auf einen
Sinnesreiz (Reaktions-Motiv) mit einer Bewegung zu reagieren, bestätigen den
grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Zurückziehen der Hand bei einem
Hautreiz und bei einem Reflex.
Ersteres ist, wie rasch und zwangsläufig auch ausgeführt, eine Handlung, und
das zeigt sich in allen Merkmalen. Die Bewegung ist geform t, d. h. in zweck­
mäßiger Weise auf die Situation bezogen. Für die Ausführung können verschiedene
Muskeln verwendet werden, konstant ist nur das Ergebnis: das Sieh-Zurück-
ziehen vom schmerzauslösenden Reiz. Zudem hängt auch diese einfache Handlung
von zahlreichen Bedingungen ab, besonders von der Einstellung zur Außenwelt,
welche die durch den Reiz ausgelöste Empfindung bestimmt.
Das Rückenmarkstier zeigt außer den Gehbewegungen auch noch verschiedene
andere Reizreaktionen, die mit den natürlichen reaktiven Handlungen vergleichbar
sind. Davon werden wir zwei typische Beispiele näher besprechen : den Beugereflex
und den Kratzreflex. Letzterem, der uns zu einer näheren Erforschung des Problems
von Lokalzeichen und Körperschema führen kann, werden wir ein eigenes Kapitel
widmen. Jetzt wollen wir den Beugereflex mit der natürlichen Fluchtreaktion ver­

1 W irth , W .: Die Reaktionszeiten. Handbuch der normalen Physiologie etc., S. §44.


Merkmale des Beugereflexes 145

gleichen. Diese bedeutet das Zurückziehen der Hand auf einen Schmerzreiz hin
oder, beim Tier, das Heben des Fußes bei Verletzung der Fußsohle.
W ir fanden, daß die Gehbewegungen des spinalen Tieres sich von der normalen
Fortbewegung durch das Fehlen der sinnvollen Anpassung an den Boden
sowie durch die Schematisierung und geringe Differenzierung der Ausführung
unterscheiden. Demgegenüber blieben einige Grundmerkmale wie der rhythmische
Charakter, die wechselseitige Innervation sowie die Auslösung durch
äußere Reizung und innere Bedingungen (Automatie) erhalten.

2. Merkmale des Beugereflexes


Man kann bei einer dezerebrierten Katze einen einzigen Muskel (z. B . den m.
tibialis ant.) durch Reizung eines afferenten Nerven zur Kontraktion bringen.
Diese Kontraktion unterscheidet sich von der unmittelbar im Muskel ausgelösten
durch eine größere Spannungsentfaltung, die auf der Sendung asynchroner Im ­
pulse aus den motorischen Vorderhomzellen beruht. Außerdem hält diese Impuls­
aussendung nach Beendigung der Reizung des sensiblen Nerven noch einige Zeit an,
die Muskelkontraktion dauert also länger. Dieses Phänomen nennen die engli­
schen Forscher "after-discharge” , "one o f the basic manifestations o f the nervous
System". Die Reizung eines einzigen sensiblen Beinnerven verursacht eine
Kontraktion sämtlicher Beuger von H üfte, Knie und Knöchel. Eine stärkere
Reizung hat eine ausgedehntere und länger anhaltende Wirkung. Besonders
kleinere Hautnerven lösen eine stärkere Reaktion aus. "In view o f the defensive
character o f the flexor reflex it is likely, that Stimulation o f those fibres which in an
intact animal would cause pain are those m ost potent in the elidtation o f the
flexor reflex1.”
Man kann die Mer kurz erwähnten Erscheinungen sehr wohl als Wirkungen von
Rückenmarksprozessen begreifen, und der Beugereflex wurde denn auch zum
Studium von genaueren .Daten über die zentrale Ausbreitung der Erregung, die
Latenz und die Refraktärperiode an.den Synapsen, sowie die Interferenz gleich­
zeitiger und aufeinanderfolgender Reize benutzt. W ie interessant das alles für
sich genommen auch sein mag, so sind diese Daten für eine sachgemäße Einsicht
in die Funktion doch von geringer Bedeutung. Das gilt allerdings nicht für die
Tatsache, daß die natürliche Abwehrreaktion hinsichtlich ihrer allgemeinen Merk­
male dem Beugereflex entspricht. Diese Übereinstimmung ist bei den Säugetieren
sehr ausgesprochen. So fand Sherrington 8, daß der Beugereflex in einem der
Hinterbeine meist m it einer allmählich zunehmenden, gleichmäßigen Streckung
in den drei Gelenken des anderen Beines einhergeht (crossed extension reflex).
Diese Kom bination ist beim normalen T ief, das z. B . in einen D om tritt, zwecks
mäßig, da so beim Zurückziehen des betroffenen Fußes durch Beugung in H üfte,
Knie und Knöchel* das Körpergewicht durch die stärkere Streckspannung im
anderen Bein getragen werden kann8.
Die Untersuchung lehrt, daß der gekreuzte Streckreflex eine "after-discharge”
(Nachwirkung) von einigen Sekunden Dauer, m it einer langen Latenz (0,04 bis
1 F ülton , J. F.: Physiol. of the nervous system, S. 94. Oxford 1938.
* J. of Physiol. 4® (1910).
* Das Zusammengehen von Beugung in der einen mit Streckung in der anderen Extremität
kt, wie wir sahen, auch die Grundlage für die sog. Gehbewegungen des spinalen Tieres.
Buyteadijk, Haltung und Bewegung IQ
146 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

0,10 sec gegenüber ±0.01 sec für den Beugereflex) aufweist. W ieso dieser Unter­
schied der Reaktionszeiten zweckmäßig sein könnte, ist schwer ausfindig zu
machen.
Mit pipPTn am Hinterbein ausgelösten starken Beugereflex ist manchmal auch
eine Streckung des gleichseitigen Vorderbeines und eine Beugung des gekreuzten
Vorderbeines verbunden. Auf diese Weise stellt sich also eine der Fortbewegung
des Tieres ähnliche Koordination ein. Eine derartige Reflexausdehnung sieht man
sehr gut im Versuch von T ürk . Bei einem Frosch mit hoch durchtrenntem
Rückenmark, der vertikal aufgehängt ist, reizt man die FuQhaut chemisch, etwa
mit Essigsäure. Bei schwacher Reizung sieht man nur das Auftreten einer leichten
Beugung des Beines, bei stärkerer Reizung eine kräftige Beugung, oft mit Streckung
des anderen Hinterbeines, bis bei weiterer Steigerung der Reizstärke die Bewe­
gungen sich auf die Vorderbeine ausdehnen und die Hinterbeine in rhythm isch
alternierende Bewegung (Strampeln) geraten. Auch kann es zu gleichzeitigen
Streckbewegungen, z. B . bei Berührung einer Unterlage, kommen, so daß
das ganze Bild einer Desorganisation der Motorik mit Ausdehnung der
Bewegungen über den ganzen Körper ähnelt, wie man es auf heftige Schmerzreize
hin stets beim normalen Tier beobachtet. Eine Erklärung, die in diesen
desorganisierten Bewegungen Befreiungsversuche sehen will, ist sehr zweifel­
haft.
Die reflektorische Deutung der Schutzreaktion der Hand (und des Fußes) und
ihre Identifizierung mit einem Beugereflex bei Schmerzempfindung erfordert eine
Untersuchung des Verlaufes der Beugebewegung bei einem Menschen m it Quer­
schnittsläsion des Rückenmarks. Sobald die Schocksymptome nach 3 oder 4
W ochen behoben sind, tritt als erste Reflexaktivität beim „spinalen" Menschen
eine geringe Aufwärtsbewegung der Großzehe bei Reizung der Fußsohle durch
Kratzen m it einer Nadel auf. Diese Dorsal-Flexion der Großzehe, das Umgekehrte
der normalen Reaktion (Plantar-Flexion), kann mit Spreizung der Zehen einher-
gehen, wodurch sich das vollständige Bild des BABiMSKischen Reflexes ergibt.
W eil beim spinalen Menschen die erste Andeutung des Babinski-Effekts meist m it
einer geringen reflektorischen Anspannung der Oberschenkelmuskeln einhergeht,
betrachtet F ultqn den Fußsohlenreflex von B abinski als Teilmoment eines
allgemeinen Beugereflexes. Diese Auffassung macht es auch verständlich, daß
beim Kleinkind anstatt des normalen Fußsohlenreflexes das BaBiNSKische Zeichen
gefunden wird. Die Beugebewegung wird wegen ihrer biologisch wichtigen Schutz­
funktion m it Recht als eine Primitivreaktion betrachtet. Das Nervensystem des
Kleinkindes unterscheidet sich durch eine noch nicht fertig entwickelte Pyramiden­
bahn von dem der Erwachsenen. So sieht man auch nach einer Störung dieser Bahn
bei älteren Personen dasBABinsKi-Phänomen wieder überhandnehmen. Man m öchte
daraus vielleicht folgern, daß die höheren Teile des Nervensystems den B abin sk i -
Effekt vermittels derPyramidenbah« dauernd unterdrückten. Daß die „prim itiven
Mechanismen” , die durch untergeordnete Teile des Nervensystems zustande
kommen, durch die später erworbenen höheren Funktionen unterdrückt werden, ist
ja eine allgemeine Vorstellung. Auch sie stützt sich auf die Hypothese, wonach
das Nervensystem aus einer Anzahl Teile besteht, in denen die verschiedenen
Funktionen lokalisiert sind und aufeinander einen hemmenden oder fördernden
Einfluß ausüben.
Kritische Bemerkungen 147

3. Kritische Bemerkungen
Entgegen dieser Auffassung sind wir der Ansicht, daß das Nervensystem ein für
die Relation von Tier und Umwelt verfügbares Organ ist, das als geformte Totalität
funktioniert, in der, nach Art einer „G estalt", jedes Teilmoment durch das Ganze
bestimmt wird. Die Organisation, die sich — einer Klangfigur vergleichbar — auf
einen Außenweltreiz im Zentralnervensystem als eine Konfiguration von Erregungs­
abläufen und -Verhältnissen bildet, ist nicht nur von anderen peripheren Ein­
flüssen (z. B. Körperhaltung) abhängig, sondern auch von Vorgeschichte und
prospektiver Einstellung des Individuum. A uf Grund dieser Auffassung muß einer
Durchtrennung der großen Verbindungsbahnen zwischen Gehirn und Rückenmark
eine Reorganisation des abgeschnittenen Teils folgen, die sich jedoch nicht mehr
sinnvoll auf eine Situation bezieht.
In einigen Fällen, bei denen die Folgen einer Querschnittsläsion beim Menschen
monatelang beobachtet werden konnten, zeigte sich sehr deutlich die Umwandlung
der Reaktionen. So war der Beugereflex anfänglich nur durch Reizung der Fußsohle
auslösbar. Dann aber dehnte sich die rezeptorische Fläche über beide Beine bis
in die Leistengegend aus und der Effekt, die Beugung des Beines, wurde immer
stärker. Diese Beugung des Beines, z. B. bei einer scharfen Reizung der
Bauchhaut, einem Kneifen in die Leistenfalte oder beim festen Anfassen von Fuß
oder Oberschenkel ist eine völlig sinnlose Reflexbewegung. Sie kommt durch eine
funktionelle Desorganisation des Rückenmarks zustande. Man könnte geneigt
sein, die mit einer Streckung des anderen Beines einhergehende Beugung eines
Beines bei Reizung der Fußsohle als den Rest einer zweckmäßigen Handlung —
einer Wechselwirkung von Organismus und Umwelt — anzusehen. ^ Aber dann
bleibt es doch merkwürdig, daß diese Reflexbewegung sich erst nach einiger Zeit
(der sog. Schockperiode) entwickelt, obwohl das anatomische Substrat völlig
intakt ist. In Übereinstimmung mit der mechanistischen Lehre sucht man die
Ursache der Schockperiode gewöhnlich im Ausfall eines Einflusses der höheren
Zentren auf das Rückenmark1. Aber wozu diese Verbindungen, wenn die Flucht­
bewegung des Fußes ein echter Rückenmarksreflex wäre, der aus anatomischen
Zusammenhängen erklärt werden könnte ? Zeigt der spinale Schock nicht vielmehr,
daß unteT normalen Umständen, sogar für die einfachsten Reaktionen, das ganze
Nervensystem erforderlich ist, so daß sich nach Rückenmarksdurchtrennung zu­
nächst eine A rt funktioneller Reorganisation einsteUen muß, bevor periphere
Reize Bewegungen auslösen können ? In einem späteren Stadium bleiben insulta-
tivé Reize wirksam, aber außer Beugebewegungen bewirken sie auch vegetative
Reaktionen (am Gefäßsystem, Blase, Rectum , Schweißdrüsen). Diese zeigen den
Verlust einer ursprünglichen Begrenzung der Ausdehnung der Reize im Zentral­
nervensystem, und zwar ohne daß irgendeine anatomische Änderung stattgefunden
hätte. Es bestehen im Zentralnervensystem denn auch keine Strukturfunktionen, aber
wohl funktionelle Strukturen ( von W eizsäcker ) . Das Durchlaufen eines bestimmten
Weges durch einen R eiz— sogar in dem einfachsten Fall eines Schmerzreizes— kann
nicht aus dem anatomischen Bau erklärt werden, sondern aus der Verteilung der
Reizbarkeit, die von der funktionellen Einstellung des Organismus abhängt.
1 Bei Katze und Hund wäre insbesondere der Tractus vestíbulo- und reticulo-spinalis für
den spinalen Schock verantwortlich; beim Menschen und den höheren Primaten spielen die
cortico-spinalen Bahnen eine wichtige Rolle.
10*
148 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

Hinsichtlich unseres Ausgangspunktes, des Zurückziehens von Hand und Fuß


auf einen Schmerzreiz hin, führen uns diese Betrachtungen zu dem Ergebnis, daß
diese einfachen Reaktionen echte, vom Individuum selbst ausgeführte Handlungen
darstellen. Als Ausführungsorgan dieser Selbstschutzhandlungen dominiert das
Rückenmark über die höheren Teile des Nervensystems, und zwar in höherem
Maße bei den niedrigeren (Frosch), in geringerem bei den höheren Tieren und beim
Menschen. Der in einem bestimmten Stadium nach Rtickenmarksdurchtrennung
bei Säugetieren und beim Menschen auftretende Beugereflex muß als ein Zeichen
der größeren Reizbarkeit der motorischen Neuronen der Beugemuskeln angesehen
werden, welche auch eine Rückenmarksdurchtrennung übersteht. Aus neueren
Untersuchungen L apique * geht diesbezüglich hervor, daß die elektrische Reizbar­
keit der Muskeln von der Haltung der Extremität abhängig ist. Auch der BA-
BiNSKi-Reflex wird von G oldstein aus einer Umwandlung des Verhältnisses der
Reizbarkeit zwischen Flexoren und Extensoren erklärt. Biese wird, ebenso wie der
Fußsohlenreflex, durch eine Änderung der Beinhaltung beeinflußt.
W ir haben hauptsächlich das Zurückziehen des Fußes betrachtet, eine Reak­
tion, die bei allen Landtieren (und auch beim Menschen), die Verletzungen durch
scharfe Steine und Dom en ausgesetzt sind, einen zweckmäßig und zwangsläufig
,,reflektorischen*4 Charakter zeigt. Beim Zurückziehen der Hand liegen die Ver­
hältnisse etwas anders. Sie ist viel mehr als der Fuß in höhere Funktionen ein­
geschaltet. Der Rückenmarksabschnitt, der unmittelbar mit der Senso-Motilität
der vorderen Extrem ität zusammenhängt, nimmt entsprechend auch eine weniger
dominierende Stellung ein und besitzt nach Isolierung vom Gehirn eine geringere
Autom atic. Das zeigt sich auch nach hohen Querläsionen des Rückenmarks beim
Menschen.
HL D ie A bw ehrbew egung. (D ie vitale Phantasie)
1. Die typische Abwehrreaktion
Stellen wir uns vor, wir seien auf der Straße m it einem Bekannten in «inam
eifrigen Gespräch begriffen. Plötzlich macht er eine rückwärtige und bückende
Bewegung und bringt die Hand ans Gesicht. Zur Erklärung sagt er dann vielleicht:
„Ich erschrak und dachte, es käme ein Stein auf mich zu, doch es war nur ein Vogel,
der m ich streifte." Dieses Beispiel führt Schneider — in einem zu bald vergessenen
Buch1 — zur Charakterisierung einer Anzahl von Reaktionen an, die wir zwar
automatisch und zwangsläufig vollziehen, deren Sinn wir jedoch a posteriori ein«
sehen können. Sie verlaufen so, als ob sie durch eine vernünftige F.ntcrhAldnng
bedingt wären und sie sind nicht nur der Situation angepaßt, sondern auch auf die
Möglichkeiten zukünftigen Geschehens eingestellt.
Zu dieser Gruppe menschlichef und tierischer Handlungen gehören die Abwehr­
bewegungen, Reaktionen, die sicherlich den bisher besprochenen einfachen R eflex ®
nicht vergleichbar sind, sondern eine ganz andere Problematik eröffnen. Diese
ist in den Begriffen „vitale Intelligenz" und „vitale Phantasie" enthalten und von
großem Interesse für die allgemeine Bewegungslehre,
Zu diesen Abwehrbewegungeh rechnen wir alle Reaktionen auf plötzliche,
wirkliche Angriffe, wie sie vereinzelt Vorkommen oder zu einem Gefecht gehören,
das sich ja aus einer Reihe von Angriffs- und Abwehrbewegungen zusammensetzt.
1 Schneider , C. K .: Vorlesungen über Tierpsychologie. Leipzig 190$.
P ie Schreckreaktion 149

Man muß jedoch auch die Abwehrhandlungen eines Scheingefechts, etwa beim
Fechten oder Boxen und bei Kampfspielen wie Tennis oder Fußball, m it in
die Betrachtung einbeziehen.
Verschiedene Menschen führen diese Abwehrbewegungen in verschiedener
Weise aus. Es gibt zwar ein Schema von allgemeiner Gültigkeit, und die Reaktion
ist in einfachen Fällen in der Form , wenn auch nicht in Geschwindigkeit und In­
tensität nahezu gleich. A ber schon bei Bedrohungen etwas komplizierterer Art, wie
sie bei verschiedenen Unfällen und bei den drohenden Gefahren des Straßenver­
kehrs Vorkommen, ergibt sich ein Unterschied je nach Alter, Geschlecht, Stand
und Temperament des Betroffenen.
Als einfaches Beispiel einer Abwehrbewegung lernten wir schon den Blinzel­
reflex kennen, der bei jedem in gleicher W eise verläuft. D och sind auch hier
individuelle Unterschiede in der Reaktionsstärke festzustellen, besonders wenn
man das mit dem Augenschluß verbundene Zurüdrweichen des K opfes beachtet,
das eine kinematographisehe Aufnahme fast immer herausstellt (H e s s ), das ge­
wöhnlich aber der Aufmerksamkeit entgeht. Die zurückweichende Kopfbewegung
stellt eigentlich eine Flucht, ein Entweichen vor der Bedrohung dar. Das Schlie­
ßen der Augen ist eine echte Abwehr.
Die nun zu betrachtenden Abwehrhewegungen bewirken ausgiebigere Ver­
lagerungen des Körpers. Es sind dabei fast immer Ausweich-, d. h. also Flucht­
bewegungen, verbunden m it Bewegungen der Arme und Hände, die eine bedrohte
empfindliche Stelle (K opf oder Rumpf) schützen und den Reiz abwehren sollen.
Kennzeichnend für diese Handlungen sind folgende Momente:
1. das automatische, zwangsläufige Auftreten bei Mensch und Tier, dessent­
wegen wir sie den elementaren Reaktionen zurechnen;
2. die Einstellung auf kommende Ereignisse, die prospektive Einstellung oder
Antizipation, welche den zielgerichteten Handlungscharakter bedingt;
3. die wechselnde Ausführung;
4. ihr Entstehen aus Erfahrung in der Entwicklung zu einer genau auf die
Situation abgestimmten, geformten Bewegung;
5. die schon erwähnte Motivierung a posteriori, während die Reaktion dennoch
unbewußt und von selbst auftritt.
Die Abwehrbewegungen haben ihren Ursprung in der Schreckreaktion, die wir
zunächst näher betrachten wollen.

2. Die Schreckreaktion
Diese Reaktion bildet, wie das Beispiel Schneiders zeigt, die Grundlage für
die differenzierten Bewegungen zur Abwehr von Bedrohungen. Sie hat zwei
Phasen: Haltungsversteifung und Haltungsverlust. Man ist steil oder gelähmt
vor Schreck, man steht stocksteif oder sinkt zusammen. Zum wesentlichen
Verständnis dieser zwiegestaltigen Reaktion ist eine Einsicht in die Genese
der Schreckreaktionen erforderlich. W ie reagiert das Kind von der Geburt an
und wie verlaufen diese Reaktionen bei den Tieren ?
Nach einer Mitteilung P r e y e r s 1 zeigt ein kräftiges Kind schon am zweiten Tag
nach der Gehurt (manchmal etwas früher) die Andeutung einer Schreckreaktion.
Allmählich verstärkt sich diese Reaktion. Anfänglich werden auf ein starkes
1 P reyer , W .: Die Seele des K o d e s , 3. Auf!., S. 176. Leipzig 1890.
ISO Exemplarische Reaktionen und Leistungen

Geräusch nur die Augen geschlossen oder es tritt wiederholter Lidschlag auf .
Aber das etwas ältere Kind zuckt schon zusammen oder es streckt die Arme aus.
Im allgemeinen überwiegen in der ersten Lebensperiode des Säuglings alle nega­
tiven Reaktionen (Bühler )1. Erst im zweiten Monat kann von einem „A ktivitäts­
einsatz" die Rede sein. Es stellt sich die eiste Umkehr eines Erleidens in ein Tun
ein, wodurch die negative Schreckreaktion unter bestimmten Umständen durch
eine positive, mehr oder weniger adäquate Abwehrbewegung ersetzt werden kann.
Erst im vierten Monat bildet sich diese jedoch deutlich aus.
Ein konstantes und typisches Symptom des kindlichen Erschreckens ist, nach
P r e y e r , die Lautlosigkeit. Das Weinen des Kindes beginnt ja erst etwas nach dem
eigentlichen Erschrecken, nach einer Pause. P reyer meint, der Zustand des
Nicht-Weinen-Könnens beruhe wesentlich auf einem tetanischen Erregungs­
zustand der motorischen Nerven, insbesondere der Zungenmuskeln, wodurch
jeder Impuls, einen Ton von sich zu geben, einen Krampf der Zunge auslöse. Vom
gesamten Mechanismus der Schreckreaktion macht sich P reyer folgende Vor­
stellung: Das Kind fängt erst einige Zeit nach einem Sturz oder einer anderen
Schreckensursache zu weinen an, weil ursprünglich jede W illenstuflerung auf­
gehoben ist. Sogar die Reflexreizbarkeit sei herabgesetzt, weil die starke Reizung
gewisser Zentren m it einer Hemmung der anderen zentralen Funktionen einher­
gehe. Nach Aufhebung der Hemmung komme zwar ein motorischer Impuls zu­
stande, der jedoch Zungenkrampf bewirke. Das Weinen beginne erst, wenn auch
dieser wieder behoben sei.
W ichtig an dieser Beschreibung ist die Unfähigkeit, einen Laut von sich zu
geben, die auch bei Erwachsenen als ein „Sprachlos-Sein vor Schrecken" allgemein
vorkommt. Aber es ist unrichtig, dies auf einen Kram pf der Zungenmuskeln
zuriickzuführen. Bei heftigem Schrecken sehen wir meistens zuerst einen starken
motorischen Effekt, etwa eine Versteifung der Beine in Streckstellung. A u d i
Arme und Finger werden dabei gestreckt, die Arme manchmal auch hochgehoben.
Zugleich läßt sich ein Laut hören, vorwiegend durch eine starke Einatmung durch
die verengerte Stimmritze. Diesem positiven Effekt folgt die Lähmung, das in
die Kniesinken und zugleich die Aphonie. Auch sieht man manchmal andere
Lähmungserscheinungen, wie unwillkürlichen Abgang von H am und Faeces.
Auch bei Tieren zeigt sich oft der Doppeleffekt, doch meistens überwiegt der
Tonusverlust der Extremitäten (z. B. bei Pferden und Hunden), manchmal auch
von Blase und Darm.
Die Schreckreaktion ist stets unspezifisch, also nicht situationsbezogen. Sie
besteht bei Mensch und Tier in Desorganisation der Motorik, Muskelkrampf und
MnskpHähmimg' erst wenn dieser Effekt nachläßt, ist die Möglichkeit einer
adäquaten Abwehrbewegung gegeben.

3. Entwicklung der Abwehrreaktionen


Die Abwehrbewegungen entwickeln sich also zusammen mir der Selbstbeherr­
schung, was die Erfahrung der Kinderpsychologen bestätigt. Das Kind, das an­
fänglich einem Reiz oder einer Situation nur entflieht, entfaltet — den Versuchen
S pielmann » zufolge — später eine aktive Abwehr, wodurch es den Reiz von sich

1 B ühler , Ch .: Kindheit und Jugend, 3. Auf!., S. 50 f. Leiprig 1931.


Entwicklung der Abwehrreaktionen. 151

zu entfernen sucht. Die Untersuchung B ühlers und Spielmanns1 betraf die Art
und Weise, wie sich das Kind eines lästigen Gegenstandes auf Gesicht oder Brust
zu entledigen versucht. Anfänglich reagiert der Säugling nur m it unausgerichteten
Fluchtbewegungen; im Alter von 1% Monaten sind 25% der Reaktionen einiger­
maßen ausgerichtet, aber doch noch inadäquat, so daß sie nicht oder nur zufällig
zum Ziel führen. Mit 41/ , Monaten überwiegen die adäquaten, gerichteten
Abwehrbewegungen. Die Abwehr setzt also etwas voraus, worüber der Neu­
geborene noch nicht verfügt, was sich erst im ersten Lebensjahr entwickelt: die
Beherrschung des eigenen Leibes. Damit geht auch die Beherrschung der Außen­
welt einher. Jede, etwa sportliche, Übung in der raschen und genauen Ausführung
von Abwehrbewegungen ist daher sowohl eine Übung im Beherrschen des eigenen
Leibes als auch in der Bewältigung der desorganisierenden Wirkung von starken
Reizen und gefahrvollen Situationen2.
Die Bewegungsentwicklung des Kindes, die stark durch das Milieu beeinflußt
wird, zeigt, daß d ie Abwehrbewegungen angelernt sind. Es sind jedoch von An­
fang an automatische Bewegungen, die nach meiner Ansicht einen doppelten Ur­
sprung haben.
Erstens entfalten sie sich an der situativen Erfahrung aus zwei primitiven
Handlungen, nämlich aus dem W egstoien eines listigen Gegenstandes, was der
Untersuchung B ühlerb und Spielmanns zufolge sehr früh auftritt und aus dem
Beschützen des Gesichts durch Bedecken m it den Händen.
In der Literatur findet man keine Angaben über das Auftreten und die Ent­
wicklung dieser letzten Reaktion beim Kinde. Wahrscheinlich muß man jedoch
den Ausgangspunkt im Reiben der Augen suchen. Schon wenige Tage nach der
Geburt kann das Kind die Hand an den Mund bringen, um am Daumen zu lutschen.
Schpn nach einigen W ochen tritt nach dem Schlafen die typische Reaktion des
„Ausreibensder Augen" auf. Auch beipi Weinen reibt sich das Kind die Augen.
Nachdem sich die Drohreaktion eingestellt hat, ergibt sich schon bald eine Kom ­
bination von Zukneifen der Augen m it ihrem Bedecken durch die Hände.
Zweitens entsteht die elementare Grundform der Abwehrbewegungen, das
Beschützen des Kopfes durch den gebeugten Arm, im späteren Alter leicht aus
der starken Seitswärtsdrehung des Kopfes in die der Bedrohung entgegengesetzte
Richtung. Besonders dann, wenn diese W endung des Kopfes mit einer Wendung
und Beugung des Rumpfes einhergeht, wird der Arm der bedrohten Seite „von
selbst" gebeugt. Der Begriff „von selbst“ verlangt einige Erläuterungen. Man
konnte an «m en Reflex im Sinne der reflektorischen Bewegung der vorderen
Extrem ität«» bei Kopfdrehung (M a g n u s ; vgl, oben) denken. Hierbei wird ja der
Scheitelarm gebeugt. W ir haben uns gefragt, ob die Mitbewegung der Arme bei
Kopfdrehung tatsächlich als Reflex aufzufassen oder aber als Ausdruck eines
Frinzips, z. B, der „ausgezeichneten Lage" oder der Gleichgerichtetheit aller
partiellen Bewegungen aufzufassen sei.
i B öhler , Ch ., u . L'. Spielmann : Die Entwicklung der Körperbeherochung im ersten
Lebensjahr. Z. Psychol. 107, (1928),
* Es besteht zwischen Mut und Selbstbeherrschung (und Ruhe) eine schon der Antike
bekannte Korrelation. Aber dieser Mut bedeutet nur das Fehlen von Furcht- und Schreck­
reaktionen, es ist ein Mut, den wir auch bei Tieren kennen und nicht der „sittliche M ut",
der auf einem ganz anderen Niveau der Persönlichkeit liegt und mit dem vitalen Mut, mit
Ruhe und Selbstbeherrschung keineswegs verbunden zu sein braucht.
152 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

Außer durch Differenzierung primitiver Verhaltensweisen entstehen Abwehr­


bewegungen durch Nachahmung. Jede nachgeahmte Bewegung verläuft von
Anfang an automatisch, so daß es verständlich ist, daß unsere Abwehrbewegungen
nie von einer bewußten in eine unbewußte automatische Ausführung übergehen und
sich daher auch nie zu bewußtem Vollzug entfalten. Sie sind entweder differen­
zierte primitive Reaktionen oder imitierte Bewegungen auf verschiedenen Ent­
wicklungsstufen. Diese Entwicklung ist natürlich situationsgebunden. Je mehr
die Abwehrbewegungen den Situationen angepaßt sind, um so zweckmäßiger wird die
Abwehrreaktion. In ihren hochentwickelten Formen beim Sport, Spiel und Kampf
ist sie daher auch möglichst wenig willkürlich, persönlich (spontanzentral) deter­
miniert, so daß sie sich einem echten Reflex annähert — vorausgesetzt, daß man
diesen nur entsprechend der ursprünglichen Wortbedeutung versteht; als eine
zwangsläufige und gesetzmäßige Reflexion, eine Spiegelung dessen, was uns trifft.
Weil die Abwehrbewegung so ganz und gar durch die Situation bestimmt wird,
ist in ihr auch schon die künftige Entwicklung der Situation in ihren Möglichkeiten
prospektiv realisiert. Dies gibt ihr einen „intelligenten” Anstrich, so daß wir
nicht umhin können, das gelungene Entweichen und das Abwehren von Bedrohun­
gen schlau, intelligent, umsichtig, vorausblickend zu nennen; verstanden jedoch
im Sinne von geschickt, schlagfertig.

4. Die „ideale" Abwehxbewegung


In einer Studie über Schlagfertigkeit und Reaktionszeit1 habe ich gezeigt, daß
bei den verschiedenen Sportarten, aber auch beim Kampf zweier Tiere, Angriffs'*
und Abwehrbewegungen so aufeinander abgestimmt sind, daß sie eine kontinuier­
lich verbundene Bewegungsreihe bilden. Einer Abwehrbewegung geht also keine
Reaktionszeit vorher, wie das bei inzidentellen, ganz unerwarteten Reizen der Fall
ist. Vielmehr erlebt der geübte Spieler oder Kämpfer die ganzheitliche Entwicklung
der Situation, deren Teilmomente seine eigenen Bewegungen darstellen. Die Spieler
oder Kämpfer sind durch einen funktionellen Kreisprozeß verbunden, der Zuord­
nung zusammenwirkender Hände bei Handarbeit vergleichbar. Dieses Ergebnis
wurde aus den Analysen von Zeitlupen-Filmen über das Tennisspiel und den
Kampf zweier Tiere (Mungo und Kobra) gewonnen.
Es leuchtet ein, daß wir das Zurückschlagen des Balles mit dem Schläger voll
und ganz mit einer Abwehrbewegung vergleichen dürfen; es ist unwesentlich,
daß hierbei ein Gegenstand und nicht nur Arm und Hand verwendet werden,
Auch beim Fechten wehren wir ja den Angriff mit einem Instrument, einem
Degen oder Säbel ab, und bei den Bedrohungen des Alltags werden wir uns manch­
mal eines Stockes als einer beweglichen Verlängerung des Arms zur Abwehr be­
dienen. So wie ein Holzbein oder eine Feder werden Stock, Degen oder Tennis­
schläger zu einem Teil unseres Leibes. Die Analyse des Tennisfilms lehrte, daß
der geübte Spieler die Spielsituation, d. h. Haltung und Bewegung des Gegen­
spielers, Ort und Weise der Ballbewegung und die eigene Position im Spielfeld, in
jedem Augenblick „erkennt” , die in ihr liegenden Möglichkeiten „beurteilt” .
Von einem bestimmten Augenblick an entfaltet sich die Reaktion, das Zurück­
schlagen des Balles, also die künftige Abwehrbewegung. Das Bild der Situation
ist dann bereits kategorisch bestimmt. Diese Bestimmung spezialisiert und
1 B uytendijk , F. J .J .: Reaktionszeit und Schlaglcrtigkeit. Kassel: 1932.
Die „ideale" Abwehrbewegung 153

umgrenzt sich immer mehr,wodurch auch die reaktive Handlung immer bestimmter
wird. - Dieses „Erkennen", „Beurteilen", „kategorisch bestimmen", vollzieht sich
natürlich nicht bewußt und denkend, sondern als ob es gedacht würde.
Die Fähigkeit des guten Spielers kann man denn auch nicht besser als durch
den Begriff der „senso-motorisclien Intelligenz" charakterisieren. Ganz wie im
verstandesmäßigen Urteil geschieht die senso-motorische „Beurteilung" der
Situation auf Grund früherer Erfahrung und in bezug auf die bereits teilweise
geformte Handlung. Apriorisch sind dabei die eigenen Bewegungsmöglichkeiten
gegeben, aber auch die Möglichkeiten, die Spiel und Kam pf enthalten.
Das Ergebnis der Analyse des Tennisspiels stimmte mit dem der Unter­
suchung der Bewegung kämpfender Tiere völlig überein. Der Kampf zwischen
Mungo und Kobra ist für einen Vergleich mit dem Tennisspiel (oder dem Fechten)
gut geeignet, weil auch hier Angriff und Abwehr miteinander abwechseln. Das
kleine Raubtier bespringt die Schlange, um sie am K opf zu ergreifen. Die Kobra
schlägt mit hoch erhobenem K opf plötzlich nach dem Mungo, um ihn zu beißen.
Der Film zeigt uns jedoch, daß die Abwehr- (und Flucht-) Bewegung des einen
Tieres stets zugleich mit der Angriffsbewegung des anderen einsetzt, so daß beide
Bewegungen fortwährend miteinander verbunden sind. Auch hier ist jede Hand­
lung von Anfang an auf die mögliche Entwicklung der Situation eingestellt. Die
Bewegungen beider Tiere werden also nicht durch latente Perioden und Reaktions­
zeiten voneinander getrennt, sondern sie bilden eine organische Einheit, zu­
sammengeschlossen wie die Bewegungen der Teile eines einzigen Leibes.
Die Abwehrbewegungen im engeren Sinne, die den Ausgangspunkt unserer
Betrachtungen bildeten, sind mehr oder weniger Reaktionen auf plötzlich ent­
stehende Situationen, mit denen sie dann naturgemäß weniger eng verknüpft sind.
Was man jedoch plötzlich nennt, ist doch immer schon ein „A ugenblick", z. B.
0,1 sec und das reicht schon aus, um der Abwehrreaktion eine der Situation ent­
sprechende Form zu geben, d. h. es genügt zur Einstellung auf eine künftige Ent­
wicklung. Diese vollzieht sich auf Grund des erwähnten apriorischen Schemas im
Zusammenhang mit früherer Erfahrung und der Ganzheit des Situationsbildes.
Dem Problem der tierischen Intelligenz, das sich bei Überlegungen über die „ide­
ale“ Abwehrbewegung geradezu auf drängt, wollen wir hier nicht weiter nachgehen1.
Aber wir können nicht umhin, als Abschluß des Themas die Geschichte, die
H e in r ic h v o n K l e is t in seiner bekannten Abhandlung „Ü ber das Marionetten­
theater" erzählt, wiederzugeben. Es handelt sich um die meisterhafte Weise, in der
ein Bär die Stöße eines Fechtdegens pariert, „m it einer ganz kurzen Bewegung der
Tatze". „N icht bloß, daß der .Bär, wie der erste Fechter der W elt, alle meine
Stöße parierte ; auf Finten — was ihm kein Fechter der W elt nachmacht — ging er
gar nicht einmal ein: A ug' in Auge, als ob er meine Seele darin lesen könnte,
stand er, die Tatze schlagfertig erhoben, und wenn meine Stöße nicht ernsthaft
gemeint waren, so rührte er sich nicht."
Der Erzählung, deren Glaubwürdigkeit irrelevant ist, muß als bemerkenswert
nicht nur die Sicherheit der „unbewußten" Abwehrbewegungen des ruhigenTieres,
sondern auch das 2Vtc&freagieren auf Scheinbewegungen entnommen werden. Der
Bär „versteh t" die Situation in einem „A ugenblick". V on K leist spricht in
1 B tjytendijk , Die Erwerbung neuer Gewohnheiten als Lebenserscheinung.
C. v. X I« “ ® Congrès internat, de Psychol., Paris 1938, S. 69.
154 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

seiner Nachbetrachtung nicht von tierischer oder senso-motorischer Intelligenz,


sondern von „G razie". Seine Ausführungen treffen für alle idealen Abwehr­
bewegungen zu: „W ir sehen, daß in dem Maße, wie in der organischen W elt che
Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und
herrschender hervortritt.'* Eine überlegte Abwehrbewegung kommt zu spät und wird
unsicher, unzweckmäßig ausgeführt. Alle Schlagfertigkeit beruht auf vitaler Intel­
ligenz, die mau auch vitale Grazie nennen kann, wenn man mehr den ästhetischen
als den zweckmäßigen Gehalt einer „gu t" ausgeführten Bewegung beachtet1.
Lange hat man das große Rätsel der Vernünftigkeit des Vitalen, also auch aller
Selbstbewegung nur so zu lösen gewußt, indem man diese immanente Vernunft als
die Eigenschaft eines stofflichen oder psychischen Mechanismus betrachtete.
Dann wäre die Zweckmäßigkeit einer Bewegung entweder nur scheinbar, oder sie
wäre ein „unbewußtes Denken". Beide Lösungen sind in hohem Maße unbefriedi­
gend, so daß wir der Grandtatsache der tierischen und menschlichen Handlung
hilflos gegenüberstünden und keine Erklärung für die prospektive Einstellung
und die situative Abgestimmtheit einer einfachen Abwehrbewegung hätten.
Palag yi 2 wagte nochmals einen Versuch, das Problem der unmittelbaren
Einsicht und der durch sie geführten Bewegung zu erklären. Er unterstellte einen
vitalen Phantasieprozeß, der sich jeder Empfindung anschließt und aus einer
virtuellen Bewegung besteht, welche die reelle Bewegung schematisch vorweg­
nimmt.
5. Die vitale Phantasie
Wollen wir den W ert dieses Begriffes für eine Erklärung der Abwehrbewegung
untersuchen, so müssen wir von der Wahmehmungstheorie ausgehen. Die Aus­
führung einer guten Abwehrreaktion beruht ja auf der Einsicht in die für das
Individuum bedrohliche Struktur der Situation,
Eine seit K a n t in der Psychologie und damit auch in der Sinnesphysiologie
(H elmholtz) herrschende intellektualistische Wahrnehmungslehre geht von einer
gegebenen, aber an und für sich sinnlosen Empfindungsmannigfaltigkeit aus, die
erst durch die synthetisierende Aktivität des Subjektes zu einer sinnvollen Einheit
sinnlicher Erkenntnis verbunden werde. Doch nach P a l a g y i läßt uns ein Phanta­
sieprozeß die Strukturen und damit die Situation erfassen. „N icht die Empfindungen
sind es, die uns eine Gestalt kundtun; Empfindungen sind nur da, um unsere Ein­
bildung zu erregen und erst diese Einbildung ist es, die uns die Gestalt erfassen läß t."
Diese gestaltet das Bild und läßt es uns finden. („Alles Empfinden ist ein Finden.")
Dieser Phantasieprozeß, der im Wahrnehmungsakt wirksam sein soll, sei nicht
der freien Phantasie vergleichbar, durch die wir uns etwas, das nicht wirklich
gegeben ist, vorstellen können. Die vitale Phantasie wirke vielmehr zwangsläufig
und besteht im Vollzug virtueller Bewegungen. W ird man z. B. an irgendeiner
Stelle der Haut berührt, so muß man zu dieser Stelle hin eine virtuelle Bewegung
vollziehen, wenn die Wahrnehmung, irgendwo berührt zu sein, zustande kommen
soll. Sieht man einen Punkt im Raum, so wird seine Lokalisation durch eine
1 Christian , P .: Vom Wertbcwußtsein im Tan. Beitr. x. AUg. Med., 4. H., Stuttgart
1948; Die Willkürbewegungen im Umgang mit beweglichen Mechanismen. Sitzgsber. Heidel­
berger Akad. Wiss. 1948; Studien zur Wülkürmotorik. Dtsch. ?.. Nervenheilk, 167,237(1952).
• P alagyi, M .: Naturphilosophische Vorlesungen. Leipzig 1924; Wahmchmungslehre.
Leipzig 1925.
D ie vitale Phantasie 155

virtuelle Bewegung zu ihm hin bewirkt. Die virtuelle Bewegung konstituiert das Bild
und damit den des Wahrgenommenen, der unsereAktionen und Reaktionen be­
gründet. Palagyi meint, wir seien durch Empfindungen und Gefühle dem Gegenwär­
tigen verhaftet. Durch die vitale Phantasie oder die virtuelle Bewegung könne jedoch
das Subjekt woanders sein, während es mechanisch an seinen Ort gebunden bleibe.
Empfindungen, Gefühle und virtuelle Bewegungen gehörten, ebenso wie die wirk-
lichenBewegungen, der vitalen Sphäre an und seien keine Bewußtseinserscheinun­
gen, wenn sie auch zu Bewußtsein kommen und bewußt gelenkt werden könnten.
Bereits im unbewußten Leben des Säuglings wirke die vitale Phantasie. Nur hier­
durch entwickle sich die Wahrnehmung der räumlichen Ordnung zugleich mit den auf
diese Ordnung eingestellten Bewegungen. „W er seiner Bewegung nicht Herr ist,
kann auch nie etwas finden und nichts wahmehmen. Erst wenn im Verlaufe von
drei oder vier Monaten die virtuellen und wirklichen Bewegungen von Augen und
Gliedern ausreichend gekräftigt sind, kann das Kind wahmehmen und handeln.“
„Daran istzu ersehen, daß die eingebildete Bewegung eine zeitlich vorausgehende
Bedingung der Wahmehmungstätigkeit, nicht aber diese selbst ist, also keinen
psychischen Charakter haben kann," Diese Währnehmungsakte seien Akte des
Bewußtseins; virtuelle Bewegungen seien j edoch keine psychischen Aktivitäten, weil
sie die zwangsläufigen Bedingungen der Bildung zielgerichteter Bewegungen seien.
Noch deutlicher trete der nicht-psychische Charakter virtueller Bewegungen
bei den automatischen Bewegungen des erwachsenen Menschen hervor. Auch das
unbewußte Gehen und die unbewußten Abwehrbewegungen weiden gelenkt. Eine
automatisierte Bewegung bleibe nur deshalb zweckmäßig, weil sie ihre Steuer,
nämlich die virtuelle Bewegung, nicht verloren habe. „U nter einer automati­
sierten Bewegung verstehen wir daher eine solche Bewegung, deren virtuelles Steuer
aus der Verbindung mit dem Bewußtsein ausgeschaltet, d. h, automatisiert wurde."
Die Theorie Palagyi» hat zweifellos viel Verlockendes. Wenden wir sie auf
die Ausführung der Abwehrbewegung an, so können wir von dem Beispiel, das
Schneider entliehen wurde, ausgehen, wobei der „G rund" der zwangsläufigen,
schnellen, unbewußten Reaktion nachträglich scheinbar angegeben werden kann.
Unterstellt man, daß im Augenblick einer Bedrohung der bedrohliche Charakter der
Situation durch einen Phantasieprozeß bestimmt würde, so könnte man leicht eine
Anzahl von Beispielen finden, bei denen diese Einbildung Mar bewußt, vage bewußt
oder unbewußt wäre. Die Annahme einer vitalen Phantasie ist jedoch ebenso be-
denklich wie die einer vitalen Intelligenz, eines unbewußten Vorstellens und eines
unbewußten Denkens. Der gegen H elmholtz’ „W ahmehm ungsurteile" (einge­
führt z. B. zur Erklärung optischer Täuschungen) erhobene EinWand lautete ja
gerade, man dürfe aus der Tatsache, daß wir im Anschluß an Wahrnehmungen
bewußt über gewisse Relationen urteilen können noch nicht auf einen raschen
unbewußten Urteilsprozeß schließen, da uns Relationen (etwa Größenverhältnisse)
unmittelbar in der sinnlichen Wahrnehmung gegeben sind. •
So ist es sehr wohl möglich, daß ein Mensch, der mit Überlegung, also bewußt
einer Situation begegnet, diese „kraft der Einbildung“ als bedrohlich beurteilt,
während bei vitaler Positionalität, wie sie bei Mensch und Tier häufig vor­
kommt, die Situation durch ihre unmittelbar wahrgenommene Struktur wirkt.
.Ein Beispiel kann das näher erhellen. Wenn ich vor einem Haus-stehe, sehe ich
eigentlich nur einen Giebel, aber in W irklichkeit, d. h. auf Grund meiner Aktivität,
156 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

ein Haus. Es ist mir also mehr gegeben als das sinnliche Bild als solches. Das
gilt auch für ein Tier, denn ein Hund läuft um ein Haus herum, wenn die Vordertür
geschlossen ist. Mag dies nun auf einem Phantasieprozeß oder auf einem Urteil
beruhen, jedenfalls sind es völlig unbewußte Zusätze zum Wahrgenommenen. D e r-.
artige Zusätze muß man in allen Fällen annehmen, in denen die Aktivität vonMensch
und Tier auf etwas „Unsichtbares" gerichtet ist, z. B. wenn man sich kratzt
oder wenn ein Hund auf einen Stuhl springt, dessen Sitz er nicht sehen kann.
Die Ergänzung einer wahrgenommenen Gestalt unter Mitwirkung ,der Er­
fahrung ist denn auch nach K ö h l e r eine normalerweise zu jeder Wahrnehmung
gehörende Erscheinung, die nicht durch unbewußte Urteile oder vitale-Phantasie
erklärt zu werden braucht. Nur wenn man— wie eigentlich auch noch PALAGYl —
von der früher herrschenden Auffassung ausgeht, nach der das sinnlich Gegebene
primär ausschließlich in einem Konglomerat von Empfindungen besteht, muß
man wohl eine sich anschließende Funktion unterstellen, die aus diesem Material
die sinnliche Wahrnehmung aufbaut. Geht man jedoch davon aus, daß dem
Menschen und dem Tier sinnvolle Gestalten unmittelbar sinnlich gegeben sind,
daß sie also das Fern und Nah, das Herannahen und Sich-Enffem en der Dinge
ebenso unmittelbar wahmehmen wie Nahrung oder Artgenosse, groß oder klein, so
ist auch das Bedrohliche ein unmittelbarer, sei es auch erworbener Eindruck.
Aber die Frage, weshalb nun auf eine Bedrohung mit einer zweckmäßigen
Abwehrbewegung reagiert wird, können wir nicht beantworten. P a l a g y i « Theorie
(oder eine Theorie von unbewußten Urteilen) gibt nur scheinbar eine Erklärung.
Denn der Grund dafür, daß die virtuelle, der realen als Plan vorangehende Be­
wegung gerade diese bestimmte Form hat, bleibt ebenso dunkel wie der W eg, auf
dem ein unbewußtes Urteil von der Form „nun muß ich das und jenes tun" zu
einer wirklichen Handlung führt. W ir müssen uns mit der Feststellung zweier
-Tatsachen begnügen. Erstens: in jeder Wahrnehmung ist mehr gegeben als das
sinnliche Material, mehr sowohl im räumlichen als auch im zeitlichen Sinne.
und Tier sehen ja, wo ein geworfener Gegenstand ankoromen wird, was zu
großen Teil manche Abwehrbewegung bestimmt.
Zweitens besitzen alle sinnlichen Eindrücke, sogar einfache Empfindungen,
eine bewegende Kraft, haben einen dynamischen Charakter. Für akustische Ein­
drücke ist uns das wohlbekannt, für optische und taktile viel weniger. Das beruht
auf unserer vorwiegend „gnostischen" Einstellung zur anschaulichen und tast­
baren W elt der Gegenstände, die dann für uns in ihrem statischen Zustand, ihrer
Ruhe, gegeben sind. Eine solche affektlose, „apathische" Einstellung wird meist
auch beim psychologischen Laboratorium-Experiment gefordert. Von daher ist
verständlich, daß die primäre bewegende Kraft der Sinneseindrücke lange Zeit
verkannt wurde. Erste Versuche unter psychopathologischen Umständen, ins­
besondere bei der Mescalinvergiftung, zeigten, wie schon ein Lichtaindruck oder
eine Berührung ihnen dynamischen Charakter haben können. S t e i n hat
die virtuellen Bewegungen sensorische oder Eindrucks-Bewegungen nennen,
wollen. „W ir sehen in diesen Bewegungen keine reizfernen Vorginge, weniger eine
aktive als eine passive Leistung. Solche Bewegungen werden ebenso zwangs­
läufig von afferenten Impulsen abhängig hervorgerufen wie Empfindungen1. ''
1 S tein , J .: Pathologie der Wahrnehmung. Handbuch der Geisteskrankheiten, Bd. I
S. 422 (1928).
D ie Erhaltung des Gleichgewichts. Ausgleichsreflexe 157

Die grundsätzliche Unrichtigkeit der Theorie von der vitalen Phantasie wird
m. E. durch die meisterhafte phänomenologische Analyse der wirklichen Ein­
bildung in S a r t r e « Buch »LTmaginaire1« eindeutig geklärt. Wenn ich mir ein
früheres Ereignis wieder vor das innere Auge rufe, bilde ich mir dieses nicht ein,
sondern ich erinnere mich seiner. »C ’est-à-dire que Je ne le pose pas comme
donné-absent, mais comme donné-present au passé, «
Auch zwischen Antizipation und Einbildung gibt es einen Wesensunterschied,
» Il y a en effet deux sortes de futur.« Als Beispiel einer echten Antizipation
wählt Sa u t r e s , wie wir, eine Phase des Tennisspiels, in der man die Bahn des
Balles vorhersieht. »E n réalité l'avenir n’est ici que le développement réel d ’une
forme amorcée par le geste de mon adversaire et le geste réel de cet adversaire
communique sa réalité à toute la form e.« » . . . je continue à réaliser la forme en
la prévoyant, car ma prévision est un geste réel a l’intérieur de la form e.« W irklich
ist für uns nicht nur die Gegenwart, sondern auch die Vergangenheit und Zukunft
als Randzonen der Gegenwart: »don c le passé et l’avenir en tant que structures
essentielles du réel sont également réels2.«
Die erlebte Zukunft ist ein Teilmoment des funktionellen, vitalen Bezugs von
Idividuum und Situation. Es gibt kein mögliches Verhalten ohne Antizipation,
aber diese ist kein Phantasieprozeß. Vorläufig können wir sie nicht auf eine
andere Funktion zurückführen und müssen sie daher wie die Erinnerung als ein
unreduzierbares Grundphänomen der animalischen Leistungen betrachten.
Damit ist nochmals zum Ausdruck gebracht, daß eine kausale Erklärung einer
einfachen Leistung wie der Abwehrbewegung unmöglich ist. Nur diese Genese und
die Gesetzmäßigkeit ihres Auftretens, der Verlauf unter variierenden Umständen,
sowie die Mittel zu ihren Ausführungen sind einer Untersuchung zugänglich.
Das gehört jedoch zur speziellen Bewegungsphysiologie und fällt daher aus dem
Rahmen unserer Betrachtungen.

IV . Die Erhaltung des Gleichgewichts. (Der senso-motorische Kreislauf)


1. Ausgleichsreflexe
W ir haben das Stehen als eine Aufgabe kennengelemt, die nur dann voll­
wertig erfüllt werden kann, wenn die Person auf den Ausgleich störender Einflüsse
eingestellt ist. Zunehmender vertikaler Druck bewirkt Zunahme der Versteifungs-
innervation in den Beinen ; seitwärts gerichtete Kräfte, ein Stoß oder ein Ruck
werden durch die sog. Gegenstemm-Reaktion aufgehoben oder m it einer Ver­
setzungsreaktion beantwortet. Das Gleichgewicht wird behauptet, einem Sturz
kommt man zuvor. Das ist von erstrangigem vitalem Interesse, und zahlreiche
Reaktionsmöglichkeiten befähigen uns dazu, unter vielerlei Umständen — beim
Stehen oder Gehen auf schmaler Stützfläche, beim Springen, Klettern, Schlitt­
schuhlaufen, beim Sporttreiben im allgemeinen, bei Gymnastik und Akrobatik —
das Gleichgewicht zu behaupten.

1 Sartre , J, P. : L ’ Imaginaire (psychologie phénoménologique de l’imagination), S. 230ff,


Paris 1940.
* Eine ähnliche Auffassung vertritt Prinz Auersperg, indem er statt des Begriffes „A n ti­
cipation" den psychophysisch neutralen Begriff „Prolcpsis" verwendet, cf. Z. Sinnes-
physiol. 66 (1936) u. Pflügers Arcfa. 236, 301 (1935).
isa Exemplarische Reaktionen und Leistungen

Das muß man lernen, indem man es durch Übung erwirbt, was dem einen
besser gelingt als dem anderen. Während jedes normale Kind Gehen und Stehen
Bücken, Knien und Treppensteigen lernt, und der Erwachsene unter all­
täglichen Umständen ohne Anstrengung und ganz unbewußt, „von selbst" das
Gleichgewicht behauptet, gibt es demgegenüber nach dem Ausdruck von T h o m a s 1
ein »équilibre de lu xe», das langwierige Übung, Aufmerksamkeit und Anstren­
gung erfordert. Dabei sind die Genauigkeit, die Geschwindigkeit, die Vielseitigkeit
und die Differenzierung der kompensatorischen Bewegungen viel größer. Diese
sind dabei nicht nur auf die augenblicklich einwirkenden Kräfte abgestimmt,
sondern auch auf Möglichkeiten und auf die Wahrscheinlichkei t ihrer Verwirklichung
ausgerichtet. Ein solches Gleichgewicht stellt sich beim Fechten, Boxen, Reiten,
Skiläufen, Fußball- und Tennisspiel, Seiltanzen ein, aber auch bei manchen Berufen
wie bei Dachdeckern und Seeleuten.
Es gehört zu den verständlichen Fehldeutungen einer dualistischen Bewegungs­
lehre, daß man die einfachen Ausgleichsbewegungen beim Gehen und Stehen als
Reflexe, die differenzierteren als Handlungen auffaßt. Jene betrachtet man
dann als das Ergebnis eines Reizverlaufs vom Rezeptor durch die untergeordneten
Teile des Nervensystems zum E ffector; diese als die Äußerungen psychischer
Prozesse, von Einsicht, Überlegung und Erfahrung. Unter allen Umständen ist die
Erhaltung des Gleichgewichts eine Leistung, die stets reaktiv ist, weil die Situation
sie veranlaßt oder erzwingt, die stets von selbst, ohne Bewußtsein geschieht, die aber
auch die ganze Person mit all ihrer Erfahrung aktiv handelnd beansprucht. Aber die
Reaktionen zur Gleichgewichtserhaltung vollziehen sich vielfach als reflektorische
Bewegungen. Das beruht auf einem allgemeinen Prinzip menschlichen und
tierischen Verhaltens: der Tendenz zum kategorischen Handeln, wobei ein domi­
nierender Faktor in der Reizkonstellation führend ist. Es entsteht so die Grund-
Struktur der speziellen Formen reaktiver Bewegung, die sich den besonderen
Anforderungen der Situation anpassen.
Gleichgewicht heißt einerseits Gleichgewicht der Muskelspannungen, deren
Verteilung unsere Haltung bestimmt. W eil diese Muskelspannung in jedem
Augenblick und an jeder Stelle vom allgemeinen, zentral bestimmten Tonusniveau
und vön den sensorischen Eindrücken der Körperperipherie abhängt, handelt es
sich andererseits um ein Gleichgewicht zwischen den sensorischen und motorischen
Prozessen. Das Gleichgewicht der Spannungen ist dem Gleichgewicht elastischer
Kräfte, etwa bei einer Spiralfeder vergleichbar. Jeder störende Einfluß b e w ir t
eine örtliche Dehnung. Die Empfindung dieser Dehnung ist ein dominierender
Faktor und die kategorische Antwort ist eine Spannungszunahme im gedehnten
Muskel.
Experimentell zeigt sich diese grundsitzUche Relation, wie wijr sahen, als
Dehnungsreflex, aber auch in der sog. Regel v o m Ue x k Oul», wonach der Reiz
(die Innervation) zum gedehnten Muskel abfließt. Man kann viele Fälle einer
Wiederherstellung des Gleichgewichts aus der Geltung dieser Regel erklären.
Es- kann jedoch auch eine völlig andere Art von Ausgleichsbewegungen
erfolgen. Das gestörte Gleichgewicht der Muskelspannungen wird dann durch
Verlegung des Schwerpunktes wiederhergestellt. Das geschieht durch R ump f,
bewegungen, bei geringen Störungen am besten durch Bewegung unserer Balanee-
1 T homas, A : Equilibre et équilibration. Paria 1940.
Haltungsreaktionen 159

stocke, der Arme, die gestreckt oder gebeugt, abduziert oder adduziert werden
können. Eine dritte Kategorie der Antwort stellt das Versetzen der Beine,
die Änderung der Stützfläche dar. Auch Kombinationen dieser verschiedenen
Handlungstypen kommen vielfach vor. Das Überwiegen einer Reaktionsform ist
von der Situation abhängig. Eine Katze, die auf vier Beinen steht, wird auf eine
Bedrohung ihres. Gleichgewichts kategorisch mit der Gegenstemm-Reaktion
antworten, aber wenn sie auf den Hinterbeinen steht, balanciert sie mit den Vorder­
beinen und versetzt zugleich wiederholt die stützenden Hinterbeine.
Im Fallen kann sich die Katze durch Schwerpunktsverlagerung der Körper­
teile umdrehen. Das tut sie, nachdem zuerst der K opf in die richtige Lage ge­
bracht wurde, was nur durch die Labyrinthempfindungen möglich ist. Die
Experimente zeigen das tatsächlich.
Beim Menschen wird der Reaktionstypus durch' die Umstände bestimmt. Bei
kleiner, labiler Stützfläche, etwa beim Seiltänzer, beim Kunsteislauf und bei vielen
anderen Sportarten überwiegt die Schwerpunktsverlagerung. Manchmal wird
ein ganz neues Hilfsmittel und somit eine neue Bewegungstome eingeschaltet —
man denke etwa an den Gebrauch der Stöcke beim Ski-Sport. In allen diesen
Fällen beruht die Erhaltung des Gleichgewichts auf einem einfachen Prinzip, das
nach bestimmten Regeln angewandt wird.

2. Haltungsreaktionen
Auch beim Tier bestehen solche Prinzipien und Regeln, von denen wir einige
durch die Untersuchungen von Magnus und seiner Schule kennengelemt haben.
W ir sprachen darüber bereits und versuchten die sog. Haltungsreflexe als die
Grundformen natürlicher Verhaltensweisen aufzuzeigen, wie sie in biologisch
häufigen, primären und einfachen Situationen auftreten.
Es ist nun interessant, daß die durch die Kopfstellung nach dem früher er­
wähnten Regeln ausgelösten Bewegungskombinationen der Extremitäten auch
für <Me.Erhaltung des Gleichgewichts von Bedeutung sein können. Das hierzu von
M a g n u s und d e K l e y n selbst angeführte Beispiel ist jedoch wenig überzeugend.
„W enn ein stehendes Tier den K opf nach links dreht, wodurch der Schwerpunkt
der vorderen Körperhälfte nach dieser Seite verschoben wird, so wird das linke
Vorderbein durch Tonuszunahme zum Standbein (während das rechte Vorderbein
einen geringeren Tonus erhält und bei anschließenden Laufbewegungen den
ernten Schritt tut). Der Wendung des Halses schließt sich die Drehung des
Rumpfes an, der nach links konkav gebeugt wird. Da das linke Vorderbein als
Standbein die Achse des vorderen Körperteils bildet, wird der K örper nach rechts
gedrückt und dadurch das Gleichgewicht erhalten."
Nimmt man an, daß die Tonuserhöhung im Unken Vorderbein durch eine
stärkere Belastung verursacht wird (Stützreaktion), so genügt das für eine Er­
klärung der Gleichgewichtserhaltung bei Seitwärtsdrehung. Außerdem zeigen
Katzen nach Durchtrennung der oberen Paare cervicaler Halswurzeln, also bei
Aufhebung sämtlicher Empfindungen aus dem Halsbereich, auffallend geringe
Störungen.
Setzt, man das Tier auf eine schiefe Ebene, oder ändert man die Stellung der
Unterlage in verschiedenen Richtungen, so erhält es sein Gleichgewicht, indem es
stets die Projektion des Schwerpunktes innerhalb der Stützfläche der vier Beine
160 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

hält. Das geschieht vermittels einer zweckmäßigen Beugung und Streckung der
Extremitäten. Steht ein Hund auf einem Brett, dessen Kopfseite man hochhebt,
so werden die Vorderbeine gebeugt und die Hinterbeine gestreckt. Das Umge­
kehrte findet statt, wenn man die Kopfseite abwärts bewegt. Die veränderte
Beinstellung folgt nun zweifellos den Regeln, die wir als „Haltungsreflexe“
kennenlemten. Das Tier behauptet nämlich — wenigstens in dieser Gefahr­
situation — die absolute Lage des Kopfes kn Raum und kann dies (bei Ausschluß
optischer Orientierung) nur durch die Empfindungen aus dem Gleichgewichts­
organ (namentlich den Otolithen) tun. Beim Sinken des Vorderteils der Unterlage
wird der K opf also dorsalwärts begeugt, worauf als „H alsreflex“ die Streckung der
Vorder- und die Beugung der Hinterbeine folgt. Es stimmt also alles vorzüglich.
Aber auch ein labyrinthloser Hund, ebenfalls mit verbundenen Augen, kann,
nach Mitteilung von M a g n u s u . d e K l e y n , auf einem schiefen Brett das Gleich­
gewicht in derselben Weise behaupten! Jetzt aber sind es die Empfindungen der
Extremitäten, d. h. die Eindrücke aus Fußsohlen und Muskeln, welche die Aus­
gleichsbewegungen regulieren! Diese „R eflexe" haben nun dieselbe W irkung wie
die tonischen Labyrinth- und Halsreflexe. Beim Menschen finden wir dasselbe
Ergebnis. Ohne funktionierendes Gleichgewichtsorgan (wie bei vielen Taubstum­
men) kann man ■— auch bei geschlossenen Augen — noch ausgezeichnet das
Gleichgewicht wahren, viel besser als bei Störung der Tiefensensibilität in den
Beinen. Nur unter vereinzelten besonderen Umständen, z. B. bei plötzliche?
Lageänderung (Neigung) der Stützfläche, ergibt sich ein bemerkbarer Unterschied
zu einer normalen Person, Inwiefern auch das durch Übung behoben werden kann,
ist meines Wissens nicht untersucht worden.
Man kann also kurz sagen: in allen Fällen, in denen Mensch oder Tier
sowohl die Bedrohung ihres Gleichgewichts als auch die verfügbaren Ausgleichs­
mittel bemerken können, treten zweckmäßige Reaktionen auf. Dies wird
ermöglicht durch Eindrücke aus dem Labyrinth und aus der Peripherie und,
nachdem die Orientierung so gesichert ist, auch durch die optische Wahrnehmung.
In mancher Hinsicht ist die Gleichgewichts-Wiederherstellungsreaktion daher
einer Flucht- und Abwehrbewegung vergleichbar, bei der, wie wir sahen, das
totale SituationsWM die Reaktion veranlaßt und ihren Ablauf bestimmt. Auch
bei diesen primär vitalen Reaktionen gibt es jedoch, wie beim Ausgleich einer
Gleichgewichtsstörung, einige Grundformen des Verhaäens, die nach Abbau des
Nervensystems erhalten bleiben und als mehr oder weniger regelmäßige, zwangs­
läufige Reflexe (pseudo-affektive Reflexe S h e r r in g t o n «) erscheinen.

3. Die Bedeutung des Gleichgewichtsorgans


Bestimmte Sinnesorgane sind durch die angeborene anatomische und physio­
logische Organisation zur Lenkung bestimmter Bewegungen vorbestimmt. Die
optische Wahrnehmung wird durch den besonderen Bau des Auges gewährleistet.
So sind die Empfindungen der Lage und Bewegung im Raum mit großer Sicherheit
durch das Vestibularorgan, das daher mit Recht das Gleichgewichtsorgan heißt,
gewährleistet. Die besondere Bedeutung dieses Organs können wir theoretisch
aus den sensorischen Bedingungen tierischer Bewegung im allgemeinen ableiten.
W ir müssen dann einsehen, daß jede Bewegung eine Ortsveränderung im pliziert,
so daß die Seffcsfbewegung (die allgemeine Grundfunktion des Tieres) nur durch
Die Bedeutung des Gleichgewichtsorgans 161

die Orientierung ermöglicht wird. Die Empfindung des Körperortes im Verhältnis


zur Umgebung ist dann auch die notwendige Vorbedingung jeder Aktion und
Reaktion. Diese Empfindung kann zwar auf verschiedene Weise zustande kom­
men, doch muß stets die Lage bezüglich der Schwerkraft (und also bezüglich der
Unterlage) gesichert sein. Nur dann, wenn Augen und Ohren bezüglich der
Schwerkraft orientiert sind, kann man sehen, was oben oder unten ist oder
hören aus welcher Richtung ein Geräusch kommt. Es leuchtet theoretisch
ein, daß diese Orientierung bei Mensch und Tier durch die Schwere der
Körperteile und die durch sie bewirkten Druckempfindungen und Mus-
kelspannungen stattfinden kann. Beim Behaupten der Haltung, beim
Stehen und Sitzen ist der Druck auf die Unterlage denn auch der
dominierende Faktor für die Bestimmung des Muskeltonus. Ganz sicher
ist dieses Orientierungsmittel jedoch nicht, weil Druck- und Spannungs­
empfindungen in allen Körperteilen außer durch die Lage bezüglich der
Schwerkraft auch durch.andere Faktoren (u. a. die Bewegung) bestimmt werden.
Daher wird die räumliche Orientierung auf diese Weise nicht unter allen Um­
ständen gewährleistet werden können.
Der spezielle funktionelle Sinn des Vestibularorgans, das ein Doppelorgan
ist und sein muß, ist danach leicht zu begreifen. Es besteht bekanntlich
aus den drei Bogengängen, die nur bei Bewegung Druckempfindungen
vermitteln und den Otolithen, die auch im Zusammenhang m it der räumlichen
Lage des Organs Druckempfindungen auslösen. Bei den W irbeltieren und
beim Menschen liegen die Gleichgewichtsorgane im K opf. Sie sind daher vor
allem die Organe, durch welche die räumliche Lage und die Bewegung des
Kopfes wahrgenominen werden kann. Dabei können nur Eindrücke vom Halse
Auskunft über Lage und Bewegung des Kopfes in seiner Beziehung zum Rum pf
vermitteln. Bedenken wir das alles, so leuchtet die dominierende Bedeutung
der Vestibularorgane für die Erhaltung des Gleichgewichts ein. Die Eindrücke
beider Organe wirken dabei fortwährend zusammen, so daß Reizung oder
funktioneller Ausfall eines der Labyrinthe sehr ernste Störungen ergibt.
Bei Tieren fällt dabei eine Änderung der Kopfstellung im Raume auf,
besonders wenn, die optische Orientierung versagt oder zeitweise aufgehoben
ist. Die sich sekundär hieran anschließende Stellungsänderung der Glieder
begreifen wir am besten aus den veränderten Empfindungen, die beim
Menschen durch einseitige Labyrinthreizung ausgelöst werden und die wir noch
naher besprechen werden.
Für den Vollzug unserer sämtlichen Bewegungen und für das Behaupten
unserer Haltungen sind also die Gleichgewichtsorgane von großer Bedeutung,
obwohl der Mensch auch ohne diese Organe den Vollzug der meisten seiner •
Funktionen gut erlernen kann. Es entspricht denn auch mehr den wahren V er-^
hältnissen, wenn man das ganze stato-opto-sensible System als Grundlage für die
Orientierung und die Erhaltung des Gleichgewichts betrachtet.
Gewöhnlich sieht man, wie auch wir bisher, das Gleichgewicht nur von der
motorischen Seite. Es besteht dann in einem Ausgleich der Muskelspannungen
und Gewichtsverhältnisse der Körperteile, so daß der Schwerpunkt in Ruhe und
bei gradliniger Bewegung oberhalb der Stützfläche bleibt und bei circularer
Bewegung auch die Zentrifugalkraft einbezogen wird.
Buytendijk, Haltung und Bewegung 11
162 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

4. 'Das senso-motorische Gleichgewicht


Man kann jedoch das Gleichgewicht auch als ein bestimmtes Verhältnis
von sensorischen zu motorischen Funktionen, von Empfindungen und Muskel­
spannungen auffassen. Dann bekommt der Begriff Gleichgewicht einen viel
allgemeineren Sinn: eine gegenseitige senso-motorische Relation, bei der ein
intendierter beständiger Zustand aufrechterhalten wird. Die W ahrung der
Körperhaltung ist dann eine Sonderform dieser Relation. Dann kann eine Störung
des Gleichgewichts sowohl durch einen mechanischen Einfluß oder eine Muskelinner­
vationsänderung (durch einen motorischen Effekt also) als auch durch eine Änderung
der Empfindungen verursacht werden. Eine nähere Erörterung dieses senso-
motorischen Gleichgewichts ist für die Theorie der menschlichen Bewegung
zweifellos wichtig.
W ir besprechen die gegenseitige Verknüpfung der sensorischen und motorischen
Funktionen im Zusammenhang mit der Erhaltung unseres Körpergleichgewichts,
durch die der Organismus einem drohenden Sturz zuvorkommt, weil gerade
hier diese Zusammenhänge so sehr einleuchten und näher analysiert werden
können.
Das senso-motorische Gleichgewicht stellt sich jedoch auch bei jeder anderen
Bewegung ein. Auch dort ist die Stabilität der Ausführung von zwei Seiten her
gesichert, nämlich durch die Empfindungen und durch die Motorik (zusammen mit
den mechanischen Zusammenhängen), und sie kann daher auch von diesen zwei
Seiten her bedroht werden. Unter dem Einfluß der Reflexlehre und ihrer Konse­
quenzen hat man die Bedeutung der senso-motorischcn Wechselwirkungen
nicht gebührend beachtet. Man begriff zwar, daß die Motorik, d. h. die Inner­
vationsverteilung (die Koordination), durch die sensorischen Reize bestimmt
wird, so daß sowohl in den receptorischen wie auch in den zentralen und effecto-
, rischen Abschnitten der Reflexbahn Störungen möglich sind, aber man sah nicht
^entsprechend ein, daß die motorischen Erscheinungen selbst wiederum sensorische
bestimmen. Um diese Tatsache vollauf zu ihrem Recht kommen zu lassen, muß man
von der Einheit der sensorischen und motorischen Funktionen ausgehen, wobei der
Reflex nicht länger als Modell aller Bewegungen, d. h. nicht länger nur das
Sensorische als Ursache der Motorik betrachtet werden kann. W ie überall im
Organischen bedeutet hier Einheit „G estalt", eine Einheit, in der die Teile in
wechselseitigem Bezug zueinander stehen. Die Einheit von Empfindungen und
Bewegungen heißt also ihre Vereinigung und gegenseitige Bestimmung in einem
Strukturzusammenhang (einer Gestalt). Man kann dann sagen: Empfindungen
verursachen Bewegungen und Bewegungen verursachen Empfindungen. V o n
W e iz s ä c k e r nannte diesen Zusammenhang einen funktionellen Kreisprozeß1.
W ill man ein erhellendes Beispiel, so denke man an das Abtasten eines Gegen­
standes mit der Hand. Es wird dabei besonders klar, daß die Empfindungen die
Bewegungen verursachen und umgekehrt die Bewegungen die Empfindungen.

1 W eizsäcker, V. v o n : Der Gestaltkreis, Theorie der Einheit von Wfihmehmen und


Bewegen. Leipzig 1940. Wie der Titel bereits angibt, wird hier die Einheit von Wahrnehmen
und Sich-Bewegen „Gestaltkreia" genannt. Der Begriff „Funktionskreis" betont nicht so
stark die „Gestaltung", die durch die sensorischen und motorischen Leistungen zustande
kommt. V on W eizsäcker sagt: „Die biologischen Leistungen lassen sich am einfachstln
als Gestaltungen der Relationen von Ich und Umwelt darstellen." (S. 143).
Das senso-raotorische Gleichgewicht 163

Jedoch nicht nur in diesem Falle, sondern in nahezu allen unseren Handlungen
wirken wir auf die Außenwelt ein und lösen in ihr zum Teil selbst Widerstände aus.
Bei deren Überwindung entstehen Empfindungen, die erneut unsere Bewegungen
lenken. Die Koordination, die Ausgeglichenheit der Bewegung kann zwar als eine
Innervationsverteilung beschrieben werden, ist aber in W irklichkeit eine Leistung,
die durch den geformten gegenseitigen Bezug von Empfindung und Bewegung
zustande kommt.
Kehren wir nun zur Funktion des Gleichgewichtsorgans und damit zur Frage
der Haltungspersistenz zurück. W ird man auf einem Drehstuhl rotiert, so treten
verschiedene subjektive Empfindungen und objektive motorische Reaktionen
auf. Gleichartige Wirkungen erhält man bei stillstehender Person und Drehung
der Umgebung. Am einfachsten verwendet man dazu eine weite, um' eine vertikale
Achse drehbare Haube, die an der Innenseite abwechselnd weiße Und schwarze
Streifen aufweist und über den K opf der Versuchsperson gestülpt wird. Im
ersten Falle nennt man die Effekte Labyrinthreflexe, im zweiten optokinetische
Reflexe. Es ist richtig, daß beim Zustandekommen der Empfindungen (Scfaein-
bewegungen des Körpers und seiner Umgebung, Schwindel, Übelkeit, usw.)
sowie der motorischen Erscheinungen (Nystagmus, Haltungsabweichungen der
Glieder und des Rumpfes, Tonusänderungen) die vestibulären und optischen
„R eize" eine Rolle spielen. Auffallend ist jedoch die Identität der Effekte bei
grundverschiedenen peripheren Reizen. Rechtsdrehung des Körpers hat dieselbe
W irkung wie Linksdrehung der Umgebung. Zudem fehlt jeder Effekt, wenn
Körper und Umgebung gleich schnell und in gleicher Richtung bewegt werden,
obwohl hierbei doch eine starke Labyrinthreizung stattfindet.
Aus dem Ergebnis dieser Versuche folgerte v o n W e i z s ä c k e r m it Recht, daß
nicht bestimmte Reize eines Receptors für das Auftreten senso-motorischer
Wirkungen entscheidend sind, daß es vielmehr auf die Empfindung einer relativen
Verschiebung zwischen Körper und Umgebung ankommt. Diese Versuche zeigen
aber auch noch etwas anderes I Sowohl beim Drehstuhl- als beim optokinetischen
Versuch konnte die Versuchsperson die objektiv wirkliche Bewegung von Körper
und Umgebung bemerken; aber diese Wahrnehmung konnte sieh auch umwandeln
m die Empfindung einer scheinbaren Bewegung der Umgebung oder des eigenen
Körpers. Es stellen sich bei ein und derselben objektiven Situation verschiedene
Empfindungsweisen ein, die einander ersetzen können. Beim optokinetischen
Versuch kann man zudem noch feststellen, daß die Art der Empfindung von der
Aufmerksamkeit, d. h. von der Zuwendung zu einem sichtbaren Gegenstand
abhängt. Schaut die Versuchsperson auf die vorüberziehenden Streifen der
drehenden Haube, so scheinen sich diese in Bewegung, der Körper aber in Ruhe
zu befinden. Schaut man jedoch auf einen ruhig vorgehaltenen Finger, so kann
die objektiv drehende Umgebung in Ruhe gesehen werden, während sich der
eigene Körper und der vorgehaltene Finger scheinbar in entgegengesetzter
Richtung drehen. Die Labilität der Bewegungseindrücke und ihre Abhängigkeit
vom Fixieren naher und entfernter Punkte und von den Augenbewegungen kann
man, außer beim optokinetischen Versuch, auch sehr gut bei galvanischer Reizung
des Labyrinths oder während der Nachwirkung einer Körperdrehung feststellen.
Inkonstant und abhängig vom Fixieren oder Anschauen benachbarter Stellen
(von unserer Aktivität also) sind aber nicht nur die Bewegungsempfindungen,
11*
164 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

sondern auch die im optokinetischen Versuch oder bei der Labyrinthreizung


scheinbar reflektorisch ausgelösten Körperbewegungen. Auch der Muskeltonus,
das-Sich-schlaff-oder-steif-Halten, beeinflußt den Effekt. Bekanntlich kann man
Schwindelerscheinungen durch verschiedene Methoden verringern oder verstärken.
W ir können sowohl der Fallneigung als auch der Scheinbewegung der Umgebung
oder unseres Körpers nachgeben.
Dem entspricht die Tatsache, daß sogar der einfachste motorische Effekt, das
Hinfallen bei direkter Labyrinthreizung (durch galvanischen Strom) von vielen
Bedingungen abhängig ist. Nach V o g e l 1, der dies erforschte, hat schon B a r a n y
die Abhängigkeit der Fallrichtung von der Kopfhaltung aufgezeigt. Auch fand
er einen Einfluß der Körperhaltung und der motorischen Einstellung auf den
Effekt.
Die Art der durch Labyrinthreizung ausgelösten Empfindungen läßt eine
konstante Wirkung wie bei einem Reflex nicht erwarten. Es sind dies keine deutlichen
Qualitäten, es fehlt das Lokalzeichen und es sind auch keine differenzierten
Wahrnehmungen. Es sind vage Eindrücke, der Stimmung und dem Gefühl ver­
wandt, die eher angeben, wie man sich befindet, als was geschieht. Physiologisch
kann das Labyrinth denn auch nicht als Sinnesorgan aufgefaßt werden, wie
v o n K r ie s feststellte*. V o g e l nennt es einen „Um stimm ungsapparat", der
unser Verhältnis zur Umgebung bestimmt und auch auf unseren inneren Zustand,
die vegetativen Prozesse und den Muskeltonus, einen Einfluß ausübt.
Die Reaktionszeit des motorischen Effekts bei Labyrinthreizung beträgt
0.05— 0,15 sec (G e r t z 8) ; sie ist also länger als die Latenz der Reflexe und kürzer
als die von D o d g e gefundenen kurzen Reaktionszeiten bei Blickbewegung nach
einem seitwärts aufleuchtenden Punkt (0,17— 0,19 sec). V o g e l fand für das
Labyrinth eine lOmal längere Chronaxie (Reizbarkeit für sehr kurze elektrische
Stromstöße) als für das Auge und eine 100 mal längere als für die Tastorgane.
Er folgert daraus, daß das Vestibulärorgan nach Art einer großen Masse träge
genannt werden muß. Es sei denn auch mehr zur Wahrnehmung der Haltung
als zum Nachweis kleiner Veränderungen geeignet. Magnus fand die Latenz der
bei seinen Tierversuchen studierten Labyrinthrellexe sehr wechselnd und oft
lang (0,25— 23 sec), die Latenz der tonischen Halsreflexe kürzer (0,3— l sec).
Es ist jedoch sehr die Frage, ob die Labyrinthfunktion bei verschiedenen Tierarten
und beim Menschen vergleichbar ist.
In bezug auf diese Frage und auf das Problem der Beständigkeit der Körper­
haltung erwähnen wir die Untersuchungen von G arten und seinen Schülern,
Stephan 4 untersuchte die beaktionszeit bei Versuchspersonen in einem plötz­
lich schiefgestellten Stuhl. Bei jungen Personen wechselte sie zwischen 0,15 und
0,27 sec. Wurde der Auftrag erteilt, in einer bestimmtem Richtung mit einer
bestimmten Bewegung zu reagieren, so betrug die (sog. disjunktive) Reaktionszeit
0,2— 0,3 sec. Im Anschluß an diese Versuche führten D it t l e r u . G arten 4 eine

1 V ogel : Beiträge m r Physiologie des vestibulären Systems beim Menschen. Pflügers


Arch. 230, 16 (1932). [Vgl. auch Pflügers Arch. 228. 510 u. 632 (1931)].
1 K ries , v o n : Allgemeine Sinnesphysiologic. Leipzig 1932.
* G e rtz : Acta oto-laryng. 1, 215 (1918).
* Steph an : Z. Biol. 70. 506 (1919).
1 D ittler u . G arten : Z. Biol. 68, 499 (1918).
Das seaso-matorische Gleichgewicht 165

Untersuchung an Tauben durch,, also an Tieren m it einem großen Vestibular-


organ, die vorzüglich das Gleichgewicht behaupten können. Dabei stellte sich nun
heraus, daß die disjunktive Reaktionszeit nach plötzlicher Lageänderung des
Körpers bei einer Taube 0,027— 0,036 sec betrug, also ungefähr lOmal kürzer
war als beim Menschen, Nun ist der Mensch nicht ohne weiteres mit einer Taube
vergleichbar. Auch die Reflexzeit des Lidschlagreflexes ist z. B. beim Menschen
viel größer (0,040 sec) als beim Vogel (0,010 sec). Zudem ist es nicht gesichert,
ob die Wiederherstellungsreaktion des Gleichgewichts in den erwähnten Ver­
suchen eine labyrinthäre Reaktion darstellt. Beispielsweise könnten ja auch ver­
änderte Muskelspannungen und Hautempfindungen die reaktiveBewegung auslösen.
Jedenfalls ist die Behauptung V ogels , der Vestibulärapparat reagiere langsam
und gebe keine plötzlichen Veränderungen an, nicht genügend fundiert,
R a d e m a k e r und G a r c i n 1 untersuchten Patienten m it Funktionsausfall der La­
byrinthe in einem Stadium so vollständig entwickelter Anpassung, daß im täglichen
Leben oder m it den gebräuchlichen Untersuchungsmethoden keine Abweichun­
gen feststellbar waren. Wurden sie mit geschlossenen Augen, während sie sich
auf Hände und Knie stützten, durch Neigung der Unterlage aus dem Gleich­
gewicht gebracht (épreuve d ’adaptation statique), so reagierten sie bei langsamen k
Lageänderungen nahezu wie normale Personen. Bei ÿfô'te&cAen Neigungsänderungen,
sogar bei kleinem Neigungswinkel, reagierten sie dagegen, im Gegensatz zum
Normalen, nicht. W as hierbei langsam und schnell bedeutet, geht aus der Publi­
kation nicht klar genug hervor. Es fehlen auch Bestimmungen der Reaktions­
zeiten, sowohl bei den normalen Personen als bei den Patienten, die eine Diskussion
bezüglich der Untersuchungen V ogels , G a r t e n ®, G e r t z ’ u . a. ermöglicht hätten.
Die .Kompensation nach Verlust der Vestibularfunktion ist so vollständig, daß
nur unter sehr ungewöhnlichen Umständen, etwa auf einem K ippbrett oder in
Kriechhaltung ein Unterschied gegenüber normalen Personen beobachtet werden
kann und auch dann fast nur bei plötzlichen Neigungen." Es ist sogar, wie T h o m a s
bemerkt, die Frage, ob bei längerer Übung nicht auch die Reaktion auf rasche
Lageänderungen wiederkehrt. Jedenfalls zeigt die geringe bleibende Störung
nach beiderseitigem Verlust der labyrinthfunktion, daß die Erhaltung des Gleich­
gewichts auf mehr als eine W eise gesichert ist.
Daß m it der Methode von R a d e m a k e r u , G a r c i n eine rein labyrinthäre
Funktion untersucht wurde, geht auch daraus hervor, daß Patienten m it aus- 4*
gesprochener Störung der Tiefensensibilität (Tabiker) sehr gute adaptative
Reaktionen bei Untersuchung auf dem Schaukelbrett zeigten. Sie können
jedoch nicht bei geschlossenen Augen m it parallel zusammengenommenen Füßen
stehen bleiben (Symptom von R o m b e r g ), während eine Person mit beiderseits ,
aufgehobener Labyrinthfunktion, aber ungestörter TiefensensibiBtät das sehr v
wohl vermag.
Es wäre unrichtig aus den weitgehenden Anpassungen nach Verlust der
Labyrinthfunktion auf eine geringe Rolle des Gleichgewichtsorgans im täglichen
Leben schließen zu wollen. Im Gegenteil! Die zahllosen und so stark wechselnden
Kopfbewegungen, zusammen m it oder unabhängig vom Rum pf, stören weder

1 R a m m a k e r , G. G. J .: Réactions labyrinthiques et équilibre., S. 101— 137. Paris


1935.
166 Exemplarische Reaktionen and Leistungen

unsere Orientierung noch die Zusammenarbeit von Auge und Hand. Der störungs­
freie Ablauf dieser Funktion wird nur dadurch ermöglicht, daß unsere Bewegun­
gen ununterbrochen einer Regulierung durch unser Verhältnis zur Umgebung, zu
unseren Körperteilen und durch die Schwerkraft unterliegen. In den Bildern,
auf die unsere Aktivität und unsere Reaktionen ausgerichtet sind, überwiegen
gewiß die optischen Eindrücke, aber bei behinderter optischer Wahrnehmung
übernehmen die labyrinthären, propriozeptiven und Hautempfindungen eine
entscheidende Rolle.
Eine gute Illustration hierfür liefert der Versuch von B a u e r . Bewegt man einen
bedruckten Papierbogen in Augenhöhe und in einer Distanz von 30— 40 cm
wiederholt mit einer Frequenz von ungefähr 3 mal in der Sekunde hin und her,
so kann man den Text nicht lesen, obwohl die Augenbewegungen den Bewegungen
des Papiers sehr gut folgen können. Bewegt man sich durch Beugen und Strecken
im Knie mit, so geht es schon besser; bewegt man sich aber auch durch K opf­
bewegungen mit, so kann man fließend lesen. Im ersten Fall erfolgt nur die
ungenügende optische Kompensation. Im zweiten Fall hilft auch der labyrinthäre
Ausgleich mit, d. h. ich kontrolliere durch die labyrinthären Eindrücke das Aus­
maß und die Geschwindigkeit, mit der ich mich in den Knien senke. Im dritten
Fall kommen auch die Eindrücke aus der Halsgegend hinzu und es stellt sich
eine vollständige kompensatorische Augenbewegung ein. Man ersieht aus diesem
Versuch die große Bedeutung der Labyrintheindrücke für die zu einer stabilen
optischen Einstellung erforderlichen Koordinationen. Es wäre interessant, diesen
Versuch mit einer quantitativ beherrschbaren Methode auch nach Funktions­
verlust der Labyrinthe (Taubstumme) auszuführen. Es ist nicht unwahrscheinlich,
daß der Unterschied zum Normalen gering wäre oder fehlte.

5. Subjektive und objektive Stabilität


W ir haben das Gleichgewicht im weiteren Sinne als gegenseitige Relation von
Empfindungen und Bewegungen aufgefaßt, so daß ein invariabler Zustand
erhalten bleibt. Beim Behaupten des Körpergleichgewichts äußert sich dieser
beständige Zustand objektiv in bleibender aufrechter Haltung, subjektiv in
einem Gefühl von Ruhe und Sicherheit bei fehlenden Bewegungsphantasmen.
Bei allen Formen von Schwindel, ob diese nun ohne oder bedingt durch die
Bewegung zustande kommen, ob sie durch Höhen- oder Platzangst, durch gal­
vanische oder kalorische Labyrinthreizung, durch das Sehen von Bewegungen oder
eine verwirrende Struktur der Umgebung, durch verschiedene Gifte, Zirkulations­
oder Magenstörungen verursacht werden: es treten stets dieselben veränderten
Empfindungen, dasselbe Angst- und Unsicherheitsgefühl, dieselben motorischen
und vegetativen Reaktionen auf. ,
P u r k i n j e (1830) hat als erster eine Thebrie des Schwindels entwickelt, in
der sowohl eine Erklärung der subjektiven als auch:der objektiven Erscheinungen
versucht wurde. Den Grund des Schwindels suchte er im Auftreten scheinbarer
Kräfte, die sich als Drücken und. Ziehen oder als Widerstand bemerkbar machen.
Den Schwindel beim Drehen um eine Achse erklärt er folgendermaßen: Es
kommt uns dabei vor, als ob die Bewegung je länger je leichter und reibungsloser
würde. Im Augenblick des Anhaltens haben wir dann das Gefühl, eine K raft
Überwinden zu müssen, die unseren Körper weiterdrehen will. Unterdrücken
Subjektive und objektive Stabilität 167

■wir diese Selbstbewegung, so spüren wir diese Kraft an einer Seheinbewegung


der Außenwelt, Was wir Gleichgewicht nennen, ist also die Resultante aus
unseren willkürlichen Bewegungsimpulsen und unserem Gefühl, bewegt zu werden,
wobei eine Störung des Gleichgewichts zur Empfindung einer zwangsmäßigen
Selbsthewegung oder einer Scheinbewegung der Außenwelt führt. Da wir nur
wirkliche Kräfte ausgleiehen können, sind wir den scheinbaren Widerständen und
den scheinbar herankommenden Kräften gegenüber machtlos. Diese Ohnmacht
gehört zur funktionellen Desorganisation, die uns im Schwindel wie eine Krise
überfällt.
Auch die Stabilität der Haltung eines einzigen Körperteils ist die Folge einer
senso-motorischen Relation, Das zeigt der einfache Versuch K ohnstamms1 auf
überzeugende Weise. ■Innervieren wir einen Muskel isometrisch, also gegen einen
Widerstand, und heben wir die Innervation plötzlich auf, so tritt eine Nach-
bewegung in Richtung der ursprünglichen Innervation auf. Meistens läßt man
die Versuchsperson den Handrücken des herabhängenden Armes einige Minuten
lang kräftig gegen eine Mauer oder einen Tischrand drücken. Läßt man dann
plötzlich mit Drücken nach, indem man den M. deltoideus und andere Muskeln
entspannt und vollzieht man zugleich bei geschlossenen Augen eine Viertel­
drehung, so wird der nun passiv herabhängende Arm unwillkürlich abduziert
werden. Die Versuchsperson hat dabei das Gefühl, als ob der Arm aufwärts gezogen
und sehr leicht würde. Dieser sog. „Katatonus' '-Versuch kann auch mit anderen
Muskelgruppen ausgeführt werden.
Beim Behaupten des senso-motörischen Gleichgewichts der Haltung muß
die Wirkung der früheren und momentanen Muskelinnervationen berücksichtigt
werden. Eine störende K raft kann durch eine Muskelspannung ausgeglichen
werden, aber bei plötzlicher Aufhebung dieser äußeren Kraft wird die ausgleichende
Muskelspannung noch eine — sowohl sensorische wie motorische — Nach­
wirkung entfalten.
Das muß man in einer Theorie vom Körperschema oder vom unbewußten
Wissen von Form, Größe, Stellung und funktionellen Möglichkeiten unserer
Körperteile berücksichtigen.
So, wie es eine auf den senso-motorischen Relationen beruhende Orientierung
und Desorientierung über die räumliche Lage unseres Körpers als Ganzheit gibt,
so können wir aus analogen Gründen alich über die Stellung eines Körperteiles
mehr oder weniger Bescheid wissen. Bei gestörter Orientierung stellt sich dann
— ebenso wie heim Schwindel — objektiv eine Haltungs- und Bewegungs­
abweichung ein, subjektiv das Erleben von Kräften, Widerständen und machmal
von Scheinbewegungen.
Das zeigt u. a. der sog. ,,Lagebehammgsversuch‘ ‘ von H o f f u . S c h i l d e r 2.
Man hebt dabei einen der beiden horizontal vorgestreckten Arme der Versuchs­
person (z. B. den linken) um 60 cm über die Horizontalebene, beläßt ihn etwa
30 sec in dieser Lage und gibt nun den Auftrag, den erhobenen Arm wieder in
gleiche Höhe wie den anderen, also in die Horizontale, zu bringen. Dabei zeigt sich
nun, daß dieser Arm ein wenig (2—10 cm) über dem anderen bleibt.
1 Vgl, für Einzelheiten: M atthaei : Hachbewegüngen beim Menschen. Pflügers Arch.
202, (1924); 204, (1925).
* H o f e , H., u . P. Sc h il d e s : Die Lagereflexe des Menschen. W ien 1927.
168 Exemplarische Reaktionen and Leistungen

Dieser Versuch läßt sich mannigfach variieren, wobei sich herausstellt, daB
das so auffallende und konstante Ergebnis nicht auf einer einfachen Nachwirkung
der Muskelkontraktion beruht. Eine bestimmte Haltung bewirkt aber wohl
Tonusänderungen, die sowohl bei nachfolgenden Haltungen als auch bei weiteren
Bewegungen zum Ausdruck kommen, oder „der Tonus eines Gliedes ist von den
vorangehenden Lagen eben dieses Gliedes abhängig” .
Diese Regel gilt sicher auch bei der Erhaltung des Körpergleichgewichts, aber
bisher ist ihre diesbezügliche Auswirkung noch nicht analysiert' worden. Die bei
plötzlicher Gleichgewichtsstörung auftretenden und somit sinnvoll auf die Struktur
der Situation bezogenen Reaktionen sind nicht nur von der Ausgangslage,
sondern auch von den in ihr bestehenden Spannungen abhängig. Durch diese
S p a n n u n g en verfügen wir über die Möglichkeit, den Verlauf der spontanen
automatischen Reaktionen zu ändern, wobei uns unsere Erfahrung den rechten
W eg zeigt.
Das » a d der Gleichgewichtserhaltung, das sich uns nun ergeben hat, weicht
erheblich von dem der Reflexlehre ab. Selbst abgesehen von der darin unter­
stellten „Punkt zu Punkt4'-Verbindung, der vollständigen Bestimmung des
motorischen durch das sensorische Geschehen, der Deutung einer geformten
Reaktion als Resultante einer Anzahl „elementarer" Prozesse, muß die Reflex­
lehre Mer versagen. Denn trotz aller Hilfshypothesen über „Schaltungen” wird
sie nie die für das Individuum bestehende funktionelle Raum-Zeitlichkeit in ihrer
konkreten Gegebenheit zu erfassen vermögen. Ohne Raum und Zeit im biologi­
schen Sinne, ohne Körperschema, räumliches Situationsbild, Zeitgestalt der sich
eniwickdndm Reaktion, ohne kategorische Einstellung auf Grund von Erfahrung
in analogen Fällen und ohne eine prospektive Einstellung auch auf Möglichkeiten
ist eine sinnvolle Abwehr von Bedrohungen des Gleichgewichts nicht möglich.
Nur beim FeMen des funktionellen Bezugs von Individuum und Situation,
also unter abnormen Verhältnissen oder bei Desorganisation des Nervensystems,
kann man das Auftreten von Reflexen erwarten, die als Prozesse begriffen werden
können. Es ist auch nichts dagegen einzuwenden, die normalen „Antw orten”
auf die ,,SituationsWMer'‘ Reflexe zu nennen, wenn man sie nur als echte
Funktionen betrachtet. Dann wird man auch die Einsicht H o f f » und S c h il d e r »
teilen: „D er Reflex ist eine primitive Handlung und schließt ebenso wie diese
das Problem der menschlichen Freiheit ein.”

V . Das Sidhkratzera. (Das Körperschema)


I. Analyse des Kratzreflexes
Man bewegt die Hand nach einer juckenden Hautstelle und reibt diese durch
rhythmische Bewegungen der Finger: man kratzt sich. Das ist wieder eine ein­
fache Reaktion auf einen Hautreiz, die bei jedem Menschen, alt und jung, zwangs­
läufig und ohne Überlegung auftritt. Auch beim Tier finden wir eine ent­
sprechende Handlung. Ein Hund oder eine Katze kratzen sich dort, wo ein
Floh beißt.
Schon eine erste Reflexion über diese Handlung lehrt uns. daß sie sich aus
zwei Komponenten zusammensetzt: aus dem Berühren der gereizten Stelle der
Körperoberfläche und aus dem rhythmischen Bewegen der Hand, dem Reiben
oder Kratzen. Besonders die Betrachtung des erstgenannten Anteils dieser
Analyse des Kratzreflexes 169

Handlung läßt ein Problem erkennen, dessen grundsätzliche Bedeutung für die
ganze Bewegungslehre schon im vorigen Jahrhundert von L o t z e aufgezeigt w u rd e .
Es ist das Problem der lokalisierten Bewegung.
Das Ausgerichtetsein einer Bewegung auf eine bestimmte Stelle des eigenen
Körpers kommt nicht nur bei niederen Tieren, sondern auch bei Wirbeltieren
selbst dann noch vor, wenn das Rückenmark von den höheren Zentren abgetrennt
wurde. Die klassischen Beispiele hierfür sind der Wischreflex des spinalen
Frosches und der Kratzreflex des spinalen Hundes.
Legt man einem Frosch mit hoch durchtrenntein Rückenmark einen in
Essigsäure getränkten Löschblattfetzen auf die Rückenhaut, so wird er durch
eine rasche und gut ausgeführte Bewegung eines Beines entfernt. Besonders bei
starker Reizung wiederholt sich diese Bewegung einige Male, wodurch die Säure
von der Haut abgewischt wird. Dieser W ischreflex wurde schon vor mehr als
einem Jahrhundert von M a b s h a l - H a l l beschrieben und durch V o l k m a n n
näher untersucht1. Nahezu alle Eigenschaften dieser Reaktion wurden schon
von ihm festgestellt. Die genauen Beschreibungen von S a n d e r s , B a g l i o n i ,
W a c h h o l d e r u . a. lehrten uns jedoch, Grundtypen dieser Reaktion zu unter­
scheiden. Sie zeigten den Wirkungsunterschied zwischen schwachen und starken
Reizen, den hemmenden Einfluß von höheren Teilen des Zentralnervensystems,
die Irradiation der Bewegung auf andere Extremitäten, die bei sehr starkem
Reiz zu einer desorganisierten Bewegung (Zappeln) führen, die Bedeutung der
Muskeln, m it denen die Bewegungen ausgeführt werden und der Reaktionszeit
im Zusammenhang m it der Reizstärke und m it Läsionen des Nervensystems.
Von Anfang an haben jedoch alle Forscher über die Zweckmäßigkeit der Zwischen-
reaktiön gestaunt. Sie bemerkten auch, daß die gut lokalisierten Bewegungen
den Umständen entsprechend auf verschiedene Weise ansgeführt werden können.
W ird z. B. die Bewegung des Beines an der Seite des Reizes behindert oder wird
dieses Bein amputiert, so wischt das Tier mit dem anderen Bein die Haut ab.
Der Kratzreflex, zuerst von G o l t z und seinen Schülern ( F r e u s b e r g ®)
beim Hund m it durchtrenntem Rückenmark und seitdem von S h e r r i n g t o n ,
G r a h a m B r o w n und vielen anderen erforscht, ist eine bei nahezu allen Säuge­
tieren vorkommende Reaktion. Sie besteht aus rhythmischen Bewegungen eines
Beines, wodurch eine gereizte Hautstelle m it den Zehen (Nägeln) gerieben wird.
Uns interessieren an diesem Reflex folgende Momente:
1. die Lokalisation der Bewegungen;
2. die Variabilität der Ausführungsweise;
3. die Abhängigkeit von verschiedenen Bedingungen;
4. die. Hemmung durch andere Reize.
ad 7. Die mit dem Bein ausgeführten Kratzbewegungen sind b e im normalen
Tier zweckmäßig. Sie dienen der Entfernung von Ungeziefer, dem Reinigen der
Haut an Bauch, Flanken, Rücken, Nacken und K opf. Beim spinalen Hund kann
der Reflex von einem sattelförmigen Feld aus ausgelöst werden. Auch ohne
Rückenmarksdurchtrennung kann man bei vielen Hunden im tiefen Schlaf und
manchmal auch im wachen Zustand den R eflex beobachten, wenn man eine
1 V olkmann, A. W .: Über Reflexbewegungen. Arch. Päysioi. 1838, 15; zit. bei B aglioni:
Die Hautreflexe der / mphibien. Erg. Physiol. 13, 454 (1913).
1 F reusberg : Pflügers Arch. 9, 358 (1874).
170 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

Stelle an den Flanken mechanisch reibt. Es fällt dann auf, daß die Bewegung
zwar ungefähr auf die gereizte Hautstelle hin ausgerichtet ist, aber viel weniger
genau als bei einem normalen wachen Tier. In diesem Falle wird die Kratz­
bewegung zudem noch durch die angenommene Haltung, die Rumpfbeugung,
die Wendung des Kopfes gesichert. Ein sich kratzender Hund begnügt sich ja
keineswegs nur mit einer rhythmischen Bewegung der Hinterbeine. Schon daraus
ergibt sich, daß der Reflex des spinalen Tieres höchstens als Fragment, als ein
reduzierter, inkompletter, weniger differenzierter und koordinierter Überrest der
normalen Kratzhandlung betrachtet werden kann.
ad 2. Hinsichtlich der Variabilität der Ausführungsweise wäre zunächst zu
bemerken, daß die Frequenz und die Kraft der Beinbewegungen in gewissem
Maße von der Stärke des Reizes abhängig sind. Bei Änderung der Reizstelle
tritt auch eine Änderung in der Koordination der Beinmuskeln auf, durch welche
die Wirkung der Gesamtbewegung einigermaßen der Reizstelle angepaßt wird.
Ist der Reiz zur Auslösung einer Reaktion zu schwach, so sieht man diese dennoch
auftreten, wenn der schwache Reiz einige Zeit anhält. Auch unterschwellige
Reize, die gleichzeitig an bis auf 20 cm voneinander entfernten Stellen einwirken,
können ihre Wirkung gegenseitig unterstützen. Es besteht also eine starke
simultane und sukzessive Summation, die funktionell verständlich ist, wenn wir
die normalen Umstände berücksichtigen, unter denen eine Kratzbewegung aus­
gelöst w ird: denken wir an einen Parasiten, der sich zwischen den Haaren bewegt,
der also einen sich verschiebenden, einige Zeit anhaltenden, schwachen Reiz
ausübt.
Erwartungsgemäß tritt die rhythmische Bewegung des Hinterbeines an der
gereizten Seite auf. Das ist jedoch nicht immer der Fall. Bei der Cavia sah
G r a h a m B r o w n 1 nicht nur die Reaktion nach Aussetzen des Reizens noch
geraume Zeit anhalten ("afterdischarge’ '), sondern es konnte dabei das Kratzen
des einen Beines auf das andere übergehen und sogar gleichzeitig bei beiden
stattfinden. Auch aus dieser Beobachtung geht hervor, daß der Kratzreflex des
spinalen Tieres erheblich vom normalen Sich-Kratzen abweicht.
ad 3, Schon den älteren Forschem war aufgefallen, daß der Rratzreflex
von verschiedenen Bedingungen abhängt. Diese Abhängigkeit wurde durch
S h e r r in g t o n u . M agnus in ihrer Gesetzmäßigkeit genau studiert. In sym­
metrischer Rückenlage findet beim spinalen Hund der Reflex stets gleichzeitig
statt. Streckt und abduziert man jedoch das Bein auf der Seite des Reizes,
SO kratzt das gekreuzte Bein. M agnus konnte aufzeigen, daß diese Umschaltung
durch die Dehnung der Beuge- und Adduktionsmuskeln (Proprioceptoren) und
nicht durch die in Haut und Gelenken ausgelösten Empfindungen bewirkt wird.
Eine Umschaltung auf das dem Reize kontralaterale Bein findet auch dann
statt, wenn sich das Tier in Seitenlage befindet und eine Stelle der jetzt unteren
Körperhälfte gereizt wird. In Seitenlage kratzt stets das obenliegende Bein, wie
schon Gergens2 feststellen konnte, Magnus aber zeigte, daß die Ausschaltung
des unteren Beines nicht durch die mechanische Behinderung seiner Bewegung,
sondern durch die Berührung des Tieres mit der Unterlage verursacht wird.
1 B rown , T. G raham : Die Reflexfunktionen des Zentralnervensystems usw. Erg. Physiol
13, 312 (1913).
1 G ergens : Pflügers Arch. 14, 340 (1877).
Analyse des Kratzreflexes 171

Hebt man einen spinalen Hund aus der Seitenlage von einem Tisch in die Höhe,
so daß die Flanke die Unterlage nicht mehr berührt, so geschieht der Reflex
(wie in Rückenlage) gleichseitig. Dagegen genügt ein Druck mit der flachen
Hand auf die obere Flanke eines seitwärts schwebend gehaltenen Hundes, um
das obere Rein auszuschalten, so daß auf sämtliche (auch schwache) wo auch
immer angesetzte Reize stets das untere Bein mit rhythmischen Bewegungen
reagiert. Dieser Versuch zeigt eindeutig, daß wirklich nur der Druck gegen
die Flanke beim Tier in Seitenlage die Kratzbewegungen des unteren Beines
aufhebt.
Diese durch die Haltung der Extremitäten und des ganzen Körpers verursachten
Umschaltungen eines Effectors auf einen anderen ist beim spinalen Tier relativ
einfachen Regeln unterworfen. Funktionell sind diese Regeln wenig sinnvoll.
Eine gekreuzte Kratzbewegung im Hinterbein eines Hundes kann ja nie die
gereizte Stelle erreichen, ist also sinnlos. Was auf diese Weise beim spinalen
Tier im Sinne von „Schaltungen" erscheint, ist nur das schematisch entleerte
Fragment eines unter normalen Umständen funktionell entscheidenden Zu­
sammenhanges. Die Reizbarkeitsverteilung im Zentralnervensystem hängt dann
von der Gesamtsituation ab, die also zusammen m it dem dominierenden Reiz
(oder der Reizgestalt) die Wirkung bestimmt. Über die Erfahrungen am Kratz­
reflex sagt Magnus denn auch: „D as Zentralnervensystem spiegelt auf diese
Weise in jedem Augenblick die Zustände des Körpers, seine Lage, die Stellung
seiner Glieder, die Berührung mit der Außenwelt wider, und es Wird verständlich,
wieso das Nervensystem unter verschiedenen Bedingungen verschiedenartig und
doch gesetzmäßig reagieren kann." Zum zweiten Teil dieses Zitats möchten wir
bemerken, daß die „Gesetzmäßigkeit“ der Reaktion nur in sehr besonderen
Fällen, nämlich bei stark reduziertem Nervensystem (am spinalen Tier) oder bei
insultativem Reiz (Schmerz-Fluchtreaktion, Lidreflex); feststellbar ist. In allen
anderen Fällen, z, B. hinsichtlich der Kratzreaktion eines normalen Hundes und
erst recht eines Menschen (oder Affen), bei der die Hände gebraucht werden,
ist die Variabilität so groß, daß keineswegs von einer Gesetzlichkeit, nicht einmal
von Regeln die Rede sein kann. Dennoch kann die Vielheit der Erscheinungen
unter einem einzigen Gesichtspunkt betrachtet werden, nämlich dem der funk­
tionellen Anpassung an die Situation, der Zweckmäßigkeit im Gebrauch
der Mittel, meistens auch der Ökonomie der Ausführung. Das gilt auch vom
spinalen Frosch und seinem Wischreflex, der sich von den Reaktionen eines
normalen Tieres viel weniger unterscheidet als der Kratzfeflex des spinalen
Hundes.
Selbstverständlich ist unsere allgemeine methodische Einstellung darauf
gerichtet, die am Präparat beobachteten Erscheinungen aus dem normalen Ver­
halten zu begreifen und nicht umgekehrt (im mechanistischen Sinne) dieses aus
jenem. Das entspricht der Regel, das Pathologische aus dem Normalen zu ver­
stehen und nicht umgekehrt 1
Bei Anwendung dieses methodischen Prinzips erhebt sich jedoch die Frage,
weshalb bei den spinalen Säugetieren die Reizung einer .Hautstelle so leicht eine
rhythmische Bewegung des kontralateralen Beines veranlaßt. Die Annahme einer
zentralen „Umschaltung“ ist natürlich keine Erklärung, sondern eine a posteriori
gegebene Umschreibung dessen, was offenbar im Nervensystem geschehen ist.
172 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

Mir scheint eine Erklärung nur dann möglich, wenn wir den affektiven
Charakter der Juckreize einsehen und die Kratzbewegungen nicht nur als
zweckbestimmte Handlungen, sondern auch als Ausdrmksbewegungen auffassen.
Bevor wir darauf näher eingehen, wollen wir unser Augenmerk jedoch noch
auf den vierten genannten Punkt richten: die Hemmung des Kratzreflexes durch
andere Reize.
ad 4. Bei den verschiedenen an einem Reflexpräparat auslösbaren Reflexen
verlaufen die Reize verschiedener Receptoren zum Teil zum gleichen Effector,
z. B. zum Hinterbein. Es leuchtet ein, daß dieser jeweils nur eine Bewegung
ausführen kann und sich also unter bestimmten Umständen zwischen ver­
schiedenen reflektorischen Einflüssen auf einen gleichen Effector ein Konflikt,
eine Art W ettkampf („com petition“ ) um die Benutzung der gemeinsamen Bahn
("com m on path” ) einstellen muß. Dabei siegen nach S h e r r in g t q m bei mäßig
starker Reizung stets diejenigen Reaktionen, die für den normalen Organismus
die größte biologische Bedeutung gehabt hätten. Besonders die Schmerzreaktionen,
die sog. nocizeptiven Reflexe, die das Tier vor ernstem Schaden schützen, siegen
über andere, vital weniger wichtige Reflexe, die sie verdrängen oder hemmen.
Ein gutes Beispiel bietet die Hemmung des Kratzreflexes durch einen Schmerz­
reiz am rhythmisch sich bewegenden Bein, das darauf mit einem Beugereflex
reagiert. Auch wenn am anderen Bein ein Streckreflex ausgelöst wird, wird der
Kratzreflex sofort gehemmt, weil im kratzenden Bein induktiv der antagonistische
tonische Beugereflex verursacht wird.
W ird aber der Kratzreflex durch Anwendung maximaler Reize sehr stark,
so kann er umgekehrt die schon ausgelösten kontralateralen Streckreflexe und
sogar die nocizeptiven Beugereflexe hemmen. Die Schmerzreaktion siegt also
nicht unter allen Umständen. Diese Tatsachen führen zur Frage nach dem
Verlauf des Konfliktes zwischen den verschiedenen Reaktionen im normalen
Leben und ob die hierbei geltenden Regeln auch auf das spinale Tier angewandt
werden können.

2. Vergleich mit tiefenpsychologischen Begriffen


Einen Versuch zur Lösung dieser Frage hat R. B r u n 1 unternommen, indem
er von der Lehre F r e u d « ausging. Das wird verständlich, wenn man bedenkt,
daß F r e u d und seine Nachfolger eine simplifizierende mechanistische Deutung
der sog. Triebe konsequent durchführten, wobei es notwendig war, die gleichen
Begriffe, die auch der Reflexlehre zugrunde hegen, einzuführen. Nach der
mechanistisch-konstruktiven Deutung des psychischen Geschehens sind äußere
Reize die entscheidenden Faktoren für die Bestimmung der Triebregungen in
ihrer verschieden starken affektiven Wirkung, obwohl freilich für jede Reaktion
auch ein innerer potentieller Faktor, eine Neigung oder ein Antrieb voraus­
gesetzt wird. Ein Triebkonflikt ist daher auch in W irklichkeit nur ein K onflikt
von Reaktionen, entstanden durch die Interferenz zweier Einflüsse aus der
Außenwelt, welche die potentielle Energie zweier Antriebe zur Wirkung bringen.
W ir wollen deshalb hier einen kurzen Vergleich zwischen den mechanistischen
Auffassungen der Psychoanalyse und der Reflexlehre ziehen und gehen dabei
1 B run , R .; Biologische Parallelen zu F reud » Trieblehre, S. 15 ff. Leipzig-Wien-
Ztirich 1926.
Vergleich mit tiefenpsychologischeii Begriffen 173

von dem Unterschied von Hemmung und Verdrängung aus. Anstatt von Hemmung
spricht man in der Psychoanalyse vorzugsweise von Verdrängung einer reaktiven
Triebäußerung. Das beruht u. a. darauf, daß im Triebleben der hemmende
Faktor nicht nur trotz wirksamen Reizes eine Reaktion ganz oder größtenteils
verhindert, sondern daß die Energie der unterdrückten Reaktion sich auf anderen
Wegen äußert und nach Aufhebung der Hemmung oft eine verstärkte Reaktion
bewirkt. Die Reaktion scheint also nicht nur gehemmt, aufgehalten, sondern
auch verdrängt zu werden. Dadurch häuft sich, wie bei einem gestauten Fluß,
potentielle Energie auf, die entweder über andere Bahnen abfließen kann, oder
nach Aufhebung der Hemmung einen reißenderen Strom im ursprünglichen Bett
bildet. In dieser mechanistischen und energetischen Deutung wird — auch ohne
phylogenetische Spekulationen — eine Triebenergie auf Grund einer voraus­
gesetzten Unterscheidung primärer und sekundärer Antriebe (lind entsprechender
Reaktionen) angenommen, wobei die primären, primordialen, wegen ihrer Not­
wendigkeit für die Erhaltung des Individuums und der Art, als das Leben
begründende Triebe wichtiger wären. Immer, in jedem Alter, hätten fliese
primordialen Reaktionen den Vorzug, wäre ihre Triebenergie und daher auch
ihre Wirkung größer, die, dem meist stillschweigend angenommenen psycho­
physischen Parallelismus gemäß, das Epiphänomen eines materiellen Prozesses
im Nervensystem wäre.
Obwohl die Kritik an der Psychoanalyse die anfänglich in der „Schule“
vorherrschende mechanistische Betrachtungsweise „verdrängt“ hat, muß man
dennoch zugeben, daß in den Erscheinungen des Trieblebens der mechanistische
Aspekt stark hervortritt und sich namentlich das Überwiegen bestimmter
Reaktionen (sexuelle Reaktionen, Hunger und Durst), ihre größere Energie und
eine mögliche Energiestauung immer wieder zeigen. Dabei verpflichtet diese
Redeweise keineswegs zu einer konkreten Vorstellung von der W irklichkeit des
Lebens. Vielmehr sollen mit den Begriffen Strom, Verdrängung, Stauung, Ablenkung
sowie Rangordnung, Konflikt, Affektenergie usw. nur Bilder aufgerufen
werden, die uns eine bestimmte Seite des Seelenlebens lebendig vor Augen
stellen. Es droht dann nur die Gefahr einer Blindheit für andere als die mecha­
nischen Aspekte, was in den ersten Jahrzehnten der Entwicklung der Psycho­
analyse auch deutlich zu bemerken war.
Während sogar die am stärksten mechanistisch ausgerichteten psychoanaly­
tischen Betrachtungen spezifisch innere Faktoren des Lebens anerkannten,
womit die äußeren Reize dann mehr als Anlässe denn als Ursachen (zureichende
Gründe) für die Lebensäußerungen gelten mußten, verhält sich das in der phy­
siologischen Reflexlehre anders. Es fehlt ihr auf Grund ihres cartesianischen
Ausgangspunktes die Freiheit der bildlichen Sprache, da sie ja meint, die res
extensa zum Gegenstand zu haben, über die sie adäquat in klaren Begriffen und
Vorstellungen aussagcn könne und müsse. Der einzige innere Faktor, der in der
Physiologie des Nervensystems angenommen werden kann, ist denn auch die
morphologische bzw. wechselnd physiko-chemische Struktur der Nerven­
zellen und ihrer Ausläufer sowie ihrer Grenzflächen. Auch die Ganzheits­
oder Gestaltlehre ändert daran grundsätzlich nichts, wie wertvoll ihre
Ausdehnung der mechanistischen Betrachtungsweise für die Anschaulichkeit
verschiedener integraler Prozesse auch sein möge. So konnte man sich in der
174 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

Physiologie bei den Begriffen Reizzustand, Reizleitung, Latenz, absolutes und


relatives Refraktärstadium, Bahnung und Hemmung, Automatic, Vorstellungen
•mzrbm von den inneren, im Zusammenhang der Reflexe wirksamen Faktoren,
Ein vorstellbares Strukturbild des vorausgesetzten stofflichen Parallelprozesses
von Energie, Spezifität und Rangordnung der Antriebe und Affekte hat sich
jedoch nicht immer als möglich erwiesen. In der Psychopathologie, welche die
Störungen des Seelenlebens mit Veränderungen im Nervensystem in Zusammen­
hang bringen möchte, wurde das vergeblich versucht. Das Ergebnis war eine
„H irnm ythologie", die trotz aller erkenntnistheoretischen Kritik als „V er­
ständigungsmittel", als bildliche Sprache und manchmal sogar als „A rbeits­
hypothese“ ihre Brauchbarkeit bewies und bis jetzt behauptet.
Kehren wir nun zu B r u n » Erörterungen über eine Analogie zwischen den
Reflexuntersuchungen S h e r r in g t o n * am spinalen Hunde und der psycho­
analytischen Trieblehre zurück. Diese Analogie bestünde dann vornehmlich
darin, daß auch von den Reflexmöglichkeiten des spinalen Tieres diejenige sich
durchsetzt, welche die größte biologische Bedeutung hat, oder besser hätte,
wenn es sich um ein normales Tier handelte. So hemmen die nocizeptiven
Reflexe den Kratzreflex, den Gehreflex und den Streckreflex. Reaktionen von
größerer biologischer Bedeutung besäßen eine „höhere Integrationsstufe",
während jenen von geringerem Wert für das Individuum nur ein niederer Integra­
tionsgrad zukomme und nur „der lokalen Befriedigung einer reflexogenen Zone"
dienen sollen. Erhalten diese Reflexe eine größere „D ringlichkeit", wie ein
durch maximale Reize ausgelöster Kratzreflex, dann beherrschen sie die primor­
diale nodzeptive (Schmerz-) Reaktion. Ähnlich verhält es sich mit dem sexuellen
Umklammerungsreflex der Froschmännchen, der eine so starke „spinale Potenz"
besitzt, daß er sogar durch sehr schädliche interkurrente Reize nicht gehemmt
werden kann. Nach der Ansicht B r u n * können wir in diesem Falle „zwanglos
von einem Rickenm arkinstinkt" sprechen.
Der psychoanalytischen Denkweise gemäß stellt B r u n die Frage, w o die
Energie (Erregungsmenge) eines gehemmten, unterdrückten (verdrängten)
Reflexes oder Antriebs bleibe. Verschwindet sie oder kann man zeigen, Haß sie
trotz der Hemmung ihres Abflusses weiterbesteht ? Auf diese Fragen geben
Sh e r e in g t o n i Versuche anscheinend eine Antwort. W ird der Kratzreflex durch
den biologisch wichtigeren Fluchtreflex (Beugereflex) gehemmt, so kehrt er nach
Ablauf dieses Reflexes in verstärktem Maße wieder. „D ie Erregung des gehemmten
Reflexes erlischt somit nicht sondern bleibt in unverminderter Stärke erhalten,
d. h. sie überdauert die Hemmung und.wirkt sich einfach später aus. In Analogie
zum Geschehen bei der Kollision inkompatibler Triebregungen würden wir
dieses dynamische Gesetz etwa so umschreiben können, daß wir sagen, der
vorübergehend gehemmte Trieb habe keineswegs auf seine Befriedigung ver­
zichtet, sondern sie lediglich — unter dem Drucke der Not — auf eine gelegenere
Zeit vertagt und hole sie nach, sobald die Umstände dies erlauben. Diese T¿famng
dürfte unter primitiven Le’_msbedingungen, beispielsweise bei niederen Tieren,
die normale Erledigung jeder spontan in Erscheinung tretenden TrtebkoUMoa
sein1."

* B run , R .: a. a. O. S. 18.
Gibt es Verhaltensweisen des Rückenmarkstieres ? 175

Ist eine solche Analogie der Reflex-Interferenz beim spinalen Hund zur
Kollision instinktiver, affektiver Reaktionen bei Mensch und Tier hinreichend
begründet oder beruht sie nur auf der zufälligen Ähnlichkeit einiger Erscheinungen ?
Beim normalen Tier und beim Menschen wird die Reaktion (das Sich-Kratzen)
auf einen Juckreiz mäßigen Grades durch einen Schmerzreiz mit nachfolgender
Flucht- oder Entziehungsreaktion ebenso unterbrochen werden wie beim Rücken­
markstier. Sobald die Schmerzreaktion vorüber ist, wird auch hier das Kratzen
wieder kehren. Aus der unmittelbaren Beobachtung läßt sich nur schwer die
Frage beantworten, ob diese Reaktion nun eine größere Intensität aufweist,
weil die bestimmenden Umstände sehr variabel sind und ein Maßstab für die
Intensität von Reiz und W irkung sich kaum aufstellen läßt. W ohl aber wissen
wir, daß eine willkürliche Unterdrückung der natürlichen Juckreaktion bei
anhaltendem Reiz den Drang zum Kratzen immer stärker werden läßt. Es
scheint durch Summation der zeitlich einander drängenden gleichen Reize
schließlich ein ebenso unüberwindlicher Reaktionsdrang zu entstehen wie beim
Atemanhalten durch die zunehmenden Änderungen der Blutzusammensetzung.
Diese Summation objektiv gleicher Außenwelteinflüsse (Eindrücke) beobachtet
man bei allen affektiven Erregungen — man denke an ununterbrochenen Schmerz,
sich steigernde W ut, sexuelle Erregung usw. Interkurrente anderweitige Reak­
tionen wie z. B. eine Fluchtreaktion scheinen meist eher eine Ableitung des Juck-
und Schmerzreizes zu bewirken, als daß sich daneben die Summation fortsetzte.
Bei der Unterbrechung des Kratzreflexes durch einen Beugereflex kehrt jener in
S h errin g to n « Versuchen nur mitunter in verstärktem Maße wieder. D ie , .Energie­
stauung" (B r u n ) ist beim spinalen Tier also nicht immer aufweisbar. Eine Über­
sicht der Erscheinungen führt jedoch wohl zum Ergebnis, daß eine gewisse
Analogie zwischen der „K ollision" von Rückenmarksreflexen und den affektiven
Reaktionen gegeben ist.
Man wird in dieser Ansicht noch bestärkt, wenn man das Augenmerk auf
einen Vergleich des spinalen Tieres und der niederen Tiere in ihren Reaktionen
richtet. B r u n hat dann auch m it seiner Verweisung auf das Verhalten niederer
Tiere im obigen Zitat völlig Recht. Damit erhebt sich jedoch ein viel allgemeineres
Problem, nämlich inwiefern man die reflektorischen Erscheinungen des Rücken­
markstieres im allgemeinen als V erhaltmsweisen auffassen darf.

3. Gibt es Verhaltensweisen des Rückenmarkstieres ?


Nimmt man den üblichen Standpunkt ein, wonach Reflexe mechanische
Prozesse und Verhaltensweisen psychologische Erscheinungen sind, so ist die
genannte Frage identisch mit dem Problem, das P f l ü g e r 1877 folgendermaßen
formulierte1: „E in Amphibium, das endlich nur noch das Rückenmark besitzt,
ist in einen sehr tiefen Stupor versunken. Aber jede Reizung der Gefühlsnerven
bringt das Rückenmark in Erregung, die sofort wie im Gehirn m it Bewußtsein
sich verknüpft. Das Rückenmark erwacht also für Augenblicke aus seinem
Stupor und reagiert nun unter den abnormsten, künstlich herbeigeführten Ver­
hältnissen, nach dem Prinzip der Lust und Unlust m it Bewegungen der Glieder,
die den willkürlichen so ähnlich sehen wie ein E i dem anderen. Ich betrachte
1 P flüder , E«: Bemerkungen zur Physiologie des zentralen. Nervensystems. Pflügers
Arch. 15, 152 (1877).
176 Exemplarische Reaktionen und Leitungen

deshalb diese Bewegungen als die Reaktionen eines empfindliehen Wesens,


Meine Gründe sind prinzipiell ebenso berechtigt oder unberechtigt wie die An­
nahme der Beseelung bei den Tieren überhaupt, Denn dafür gibt es auch keine
absoluten Beweise".
In den fjr»W «"d «n Kapiteln und in früheren .Schriften haben wir gegenüber
der dualistischen (cartesianischen) Alternative physisch oder psychisch die
TTiffAiteta^igirgi» anim aliscler Erscheinungen als Funktionen oder Verhaltens­
weisen vertreten. W ir versuchten dabei zu erhärten, daß wir uns wissenschaftlich
auf win« reine Verhaltenslehre beschränken müssen, d. h. auf die Erforschung der
Gesetzmäßigkeit in den Aktionen und Reaktionen und der diese bedingenden
Prinzipien. Die analytische Untersuchung kann außerdem eine Einsicht in die
in den Organen (auch im Zentralnervensystem) stattfindenden Prozesse ermitteln,
wenn sich der Organismus bewegt, etwas tut, auf etwas reagiert. Manchmal
kann eine vorsichtige Anwendung der Erfahrung über das menschliche Seelen­
leben auch wahrscheinliche Aussagen über die Empfindungen, Gefühle und
andere Bewußtseinsinhalte der Tiere ermöglichen.
Spricht mau also in der Reflexlehre von schädlichen, nodzeptiven Reizen,
so paßt dieser Begriff nicht in eine mechanistische Betrachtungsweise, aber wohl
in eine funktionelle, weil der Begriff Schaden nur in bezug auf das Verhältnis des
Organismus als Ganzheit zur Außenwelt sinnvoll ist. Der Begriff Schmerzreiz
setzt m m Empfindungsqualität voraus. Im Sinne P flü g er « ist es denn auch
ebenso berechtigt oder unberechtigt, bei auf eine Verletzung reagierenden Tieren
(z. B. Würmern, Seesternen, Einzellern) von Schmerz zu reden, wie bei einem
Rückenmarkspräparat. V o n W e izsä c k e r 1 bemerkt diesbezüglich, daß „w ill­
kürliche“ Reflexverdrängung auf „psychischem W ege" allgemein angenommen
wird, daß jedoch „merkwürdigerweise das psychische Phänomen Schmerz oder
A ffekt als Bedingung des Reflexes nicht anerkannt w ird". „Diese Inkonsequenz
hängt genau m it der eingewurzelten Überzeugung von der Bewußtlosigkeit der
Reflexe zusammen. Sie bestimmte S h errin g to n sogar in einem Falle, in dem
die Reflexe den motorischen Affektausdruck ganz zwingend darstellen, trotzdem
von „pseudo-affektiven Reflexen" zu sprechen — nicht weil das Fehlen «m »»
Affektes bewiesen wäre, sondern offenbar bloß, weil er dem isolierten Hirnstamm
und Rückenmark einen Affekt nicht zutraut; er tat dies, obwohl ein solches
enthimtes Präparat auf Schmerzreize diagonale cyclische Bewegungen der Glieder
wie beim Weglaufen, K opf- und Halswendung nach dem gereizten Punkte,
Maulöffnen, Zurückziehen von Lippe und Zunge, Bewegung der M istern, Schnap­
pen des Unterkiefers, Kopfsenken, Augenöffnen, PupiUenerweitenmg, Knurren
und Schreien, Blutdrucksteigerung zeigte." Der einzige triftige Grund für die
Unterstellung einer Relation zwischen dem Verhalten und einem Bewußtseins­
inhalt ist der Aiisdrncksgehalt der Bewegungen. Die fließenden Übergänge
zwischen Reaktionen mit ausgeprägtem und ohne Ausdrucksgehalt deuten aber
schon darauf hin, daß Spekulationen über eine , .Rückenmarksseele' * nur
geringen wissenschaftlichen W ert haben.
Ob also der Rückenmarksfrosch, der einen die Haut reizenden chemischen
Stoff abwischt, diesen Reiz auch empfindet, und ob ein sich kratzender Rücken-
i W eizsäcker , V. v o n : Refiexgesetze. Handbuch der normalen Physiologie usw. Bd. X ,
S. 98 (1927)
W ie kom m t Lokalisation zustande ? 177

markshund Jucken spürt, ist eine unbeantwortbare Frage. Dagegen ist ein
Vergleich zwischen den Verhalim sw eism eines normalen Frosches und eines
Tieres m it teilweise weggenoimnenem Nervensystem sehr gut m öglich und ebenso
der Vergleich zwischen dem Kratzreflex eines spinalen Hundes und dem Sich-
Kratzen eines Menschen. Dabei treffen wir auf eine weniger scharfe — aber
nicht ganz fehlende — Lokalisation der Bewegungen nach der Reizstelle beim
Rückenmarkspräparat, die beim spinalen Frosch jedoch erheblich genauer ist
als beim Rückenmarkshund.

4, Wie kommt Lokalisation zustande ?


W ie können nun solche, auf den eigenen Leib lokalisierten Bewegungen
zustande kommen? Man könnte das Ausgerichtetsein der Krätzbewegung auf
eine bestimmte Hautstelle als besonderen Fall der Gfundstruktur aller Handlungen
ansehen, nämlich ihre Bezogenheit auf ein räumliches Ziel. Die Besonderheit liegt
dann beim Kratzen jedoch nicht nur darin, daß dieses Ziel eine Stelle der eigenen
Körperoberfläche ist, sondern auch im Fortbestehen dieser Lokalisation nach
Wegnahme der höheren Teile des Nervensystems.
Im -ersten Punkt besteht e n e gewisse Übereinstimmung m it der optischen
Lokalisation, bei der die Reizung einer Netzhautstelle außer dem Eindruck einer
Lichtqualität auch eine räumliche Richtungsempfindung verm ittelt. Man hat
daher auch stets die gleiche Theorie für die Erklärung der Wahrnehmung im
optischen und im Tastraum aufgestellt. Die Hautempfindungen besitzen jedoch
neben qualitativen Inhalten nicht nur eine Richtungseigenschaft, sondern die
Reaktionen werden bestimmt durch ihre Qualität des Selbst- und Irgendw o-
Getroffenseins.
Das sog. „Lokalzeichen" der Empfindung ist ein vitales funktionelles Phäno­
men, das nicht durch einen höheren psychischen Prozeß (z. B. ein Urteil) zustande
kommt. Das beweisen schon die lokalisierten Kratzbewegungen beim spinalen
Tier sowie die sehr genauen Selbstreinigungshandlungen der niederen Tiere
(Insekten). Versucht man in einer Analyse, die Entw icklung der Bewegung aus
inneren und äußeren Bedingungen, eventuell m it der „Befruchtung" durch
einen inzidenteilen Reiz, auf einen Kausalnexus zurückzuführen, so ist es unwesent­
lich, ob man diesen Nexus in einem psychischen Feld oder in einem stofflichen.
Medium, dessen parallele Nebenerscheinungen die Bewußtseinsinhalte wären,
realisiert. Immer unterstellt man einen peripheren Reiz (oder eine Reizgestalt),
einen zentralen sensorischen Prozeß und eine Transform ation in ein als sichtbare
Bewegung erscheinendes motorisches Innervationsbild. Den dunkelsten Punkt in
dieser Reihe stellt wohl die Transform ation des sensorischen in ein motorisches
Geschehen dar, die zumal bei einer lokalisierten Bewegung wie der Kratzreaktion
unbegreiflich ist.
Erst das Experiment zeigt uns die Kom pliziertheit einer vitalen Funktion,
die in Raum und Zeit als unteilbare und einfache Einheit erscheint. Das Experi­
ment besteht stets in einer Störung der Funktion. Diese wird bewirkt durch einen
Eingrift in die für ihren glatten Verlauf erforderlichen Bedingungen. Zum
Experiment sind dann auch die neuropathologischen Störungen zu rechnen.
W as sagt dieses aber über obengenannte Transformation bei einer lokal auf den
eigenen Körper gerichteten Handlung aus?
12
178 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

Die Froschversuehe, bei denen größere oder kleinere Teile der höheren Zentren
entfernt wurden oder das Rückenmark auf verschiedenem Niveau durchtrennt
wurde, haben uns nur einen Verlust an Präzision der Abwischbewegungen
gezeigt. Nach der psychologischen Formulierung P flüger * wird das Tier in
winphmpnripm Maße schläfrig, ,,torpide“ und . „um so weniger kompliziert
erscheinen die im* Benehmen sich äußernden psychischen Akte, die aber immer
relativ vernünftig bleiben“ . G oldstein und andere moderne Forscher drücken
den gleichen Gedanken etwas formaler aus, wenn sie als Folge des Abbaus im
Zentralnervensystem eine ,,Entdifferenzierung'', eine weniger ausgeprägte
Konturierung der „Erregungsfiguren“ auf ihren Hintergründen annehmen. Die
m it diesen Begriffen verbundenen Vorstellungen werden sehr stark von der
Gestalt-Theorie beherrscht1. Der Vorteil einer Betonung der Ganzheitsfunktion
ist dabei unverkennbar. Aber dennoch gewinnt p a n auch auf diese JWeise keine
Erklärung des Transfoimationsprozesses und der Lokalisation der Bewegung.
Im Finw lfall kann man natürlich versuchen, eine auf die Reizstelle gerichtete
Bewegung als Äußerung eines Gestalt-Prinzips zu deuten. Ein Beispiel dafür ist
K offka * Erklärung* der durch, einen akustischen Reiz ausgelösten Bewegung,
bei welcher der K opf soweit zu der Schallquelle gewendet wird, daß diese .in der
MedianfÜche liegt. Solange der Schall von der Seite her komme, so argumentiert
K offka, gäbe es einen Zeitunterschied zwischen der Reizung des rechten und
linken Ohres. B ei symmetrischer KopfsteUung zur Schallquelle, also nach der
reaktiven Zuwendung, besteht ein einfacher Reizzustand, weil der Schall in
beiden Ohren gleichzeitig ankomme. Die Bewegung stelle sich also Kraft einer
Tendenz zur Einfachheit oder Ausgeprägtheit des zentralen Reizzustandes ein.
Auch die Augenbewegungen träten automatisch so auf, daß „ein besseres Gleich­
gewicht hergestellt wird, als vorher bestand“ . Besser heißt hier von „größt­
möglicher Einfachheit". Eine solche Erklärung ist jedoch in den meisten Fällen
nicht möglich. Die gerichteten Bewegungen beim Kratzen oder Abwischen gehen
sicher nicht mit einer einfachen zentralen „Erregungsgestalt*' einher.
Sehr instruktiv sind die Experimente an Insekten, die sehr gut koordinierte
R PTOigirngshandlungen ausführen. Diese bleiben im allgemeinen noch «arh
Entfernung der Kopfganglien (dem Gehirn) erhalten. Schneidet man «hier Ameise
pirtpn Fühler ab, so führt sie, nach Reinigung des verbleibenden Fühlers m it dem
gleichseitigen Vorderbein, m it dem anderen Bein eine Bewegung aus, als ob der
abgeschnittene Fühler noch da wäre und gereinigt würde, Mir scheint, man
diese Beobachtung mit der Erfahrung zusammenbringen, die man über die
„Phantom "-Em pfindungen bei amputierten Menschen gesammelt hat. Diese
fühlen nicht nur oft das abgeschnittene Glied als noch vorhanden, sondern es
können auch — wie ein von S c h il d e r beobachteter Fall zeigt — Bewegungs­
empfindungen eines amputierten Beines auftreten, oft symmetrisch m it
erhaltenen Glied. W ir können hier nicht ausführlicher auf die Phantomempfin-

* Matthaei. R .: Topographisch«!! Physiol. des Kückenmarkei. Handbuch dar normalen


Physiologie. Bd. X . (1927). Er schreibt z. B. „Durch Jeden operativen Eingriff am Zentral­
nervensystem zerstören wir ein Ganzes und schaffen zugleich neue funktionelle
mit Ganzheitscharakter. (Zerlegte Gestalten geben neue Gestalten)". (S. 131).
* Koffka, K.: Die Grundlagen der psychischen latwicMmng. S. 59—«1. Osterwieck mm
Harz 1925.
W ie kommt Lokalisation zustande ? 179

düngen der Amputierten eingehen1. Die Tatsache jedoch, daß man ein abgeschnit­
tenes Glied noch fühlt und die Stellung kn Raume angeben kann, bisweilen auch
die Empfindung einer Bewegung oder Formveränderung (besonders Verklemerting)
hat, zeigt das Bestehen eines Körperschemas, das nicht oder wenigstens nicht
ausschließlich durch periphere Eindrücke bestimmt wird. W k verfügen über ein
schematisches Bild unseres Körpers, das uns nicht bewußt ist, aber sämtlichen
Bewegungen einen funktionellen Gehalt verleiht. Störungen in diesem Schema
führen zu unrichtiger Lokalisation der Bewegungen. Die Patienten sind dann
nicht mehr fähig, eine bestimmte Hautstelle zu berühren, einige verwechseln
rechte und linke Körperhälfte, andere die Körperteile. Auch bei vielen Formen
von Apraxie gibt es eine Störung des Körperschemas und der .Empfindung der
räumlichen Körperstellung.
Das Durchdenken aller dieser pathologischen Zustände führte L ie p m a n n und
S c h il d e r zur Annahme folgender, zur Ausführung einer lokalisierten Handlung
— etwa zum Zeigen auf eine berührte Hautstelle — erforderlichen Faktoren:
1. Verwendung des Raumes, wobei zwischen Körperraum und Außenwelt
unterschieden werden m uß;
2. Verwendung des Körperschemas;
3. Verwendung der Kenntnis über die Gegenstände und der für sie geltenden
Bewegungsfonnel;
4. die richtige Innervationsverteilung, die Verwendung der M otilität2.
Das alles vollzieht sich also bei einer vollwertigen Leistung von dem Augen­
blick an, da der Auftrag und die sinnlichen Eindrücke gegeben sind und der Ent­
schluß zur Ausführung gefaßt ist.
Bei zwangsläufigen Reaktionen, wie beim Sich-Kratzen, wird die Veranlassung
zur Handlung anders strukturiert sein als bei einem auf Grund von Motiven inten­
dierten Verhalten. Aber in beiden Fällen ist für eine richtige Ausführung der
Bewegung ein optisch-taktü-ldnästhetisches Körperschema sowie das (unter
4 genannte) Beherrschen der M otorik erforderlich. Das geht aus der Entwicklung
der Kratzbewegimgen beim Kleinkinde hervor, die S c y m a n s k i * kn Alter von
einigen Tagen bis einigen Jahren untersucht hat. E r fand bei den jüngsten
Kindern nur unkoordinierte, unspezifische Bewegungen, zuweilen auch eine
schwach angedeutete Bewegung nach der gereizten Hautstelle hin. Je älter das
Kind, desto genauer die Kratzreaktion, bis in einem Alter von 18 Monaten sich
alle für diese Handlung beim Erwachsenen bezeichnenden Besonderheiten ein­
gestellt haben. Tiefstehende Idioten sind nicht fähig, eine normale Kratzbewegung
auszuführen, etwas höherstehende nur in rudimentärer oder verkehrter Weise,
und erst die etwas lernfähigen Imbezillen können auch lernen, sich zu
kratzen.
Auch für diese unbewußt und zwangsläufig ausgeführten Reaktionen ist also
eine gewisse Übung nötig. Man könnte daraus ableiten, daß sich auch das Körper-
■schema durch Erfahrung bilde. Beim Menschen ist das sicher der Fall. Im

1 Vgl. hierzu D. K a t z : Gestaltpsychologie. Basel 1943; M erleau -P o n t y : Phänomeno­


logie de la Pcrception; Paris 1945.
* Sc h il d e r ; a. a. O. S. 76.
* Sc y m a n sk i , I. S.: Untersuchungen über eine einfache natürliche Reaktionstätigkeit.
Psychol. Forschung. Bd. 2, S. 298 (1922).
12 *
180 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

Gegensatz zu den Tieren, besonders zu den niederen, besitzt der Mensch fast keine
angeborenen oder instinktiven Handlungen«
Hier möge die Bemerkung genügen, daß bei höherer Entwicklung die Integra­
tion aller Funktionen zunimmt. Sogar die geringste Aktivität, wie Stehen und
Gehen, aber auch Reaktionen wie das Zurt ckzlehen auf einen Schmerzreiz Mn und
das Sieb-Kratzen erhalten dann einen persönlichen Stempel. Das deutet daraufhin,
daß alle Aktivität und Reaktivität eine Leistung darstellt, so daß es beim Men­
schen — m it Ausnahme vielleicht der Eigenreflexe, eines einzigen Hautreflexes, der
Pupillen- und*Kom ealreflexe — keine Reflexe gibt. Insofern hat Goldstein1
recht: „D ie Fremdreflexe sind nicht in Leistungen eingebaut, sondern sind selbst
Leistungen” . E r vermutet denn auch: „M an wird für diese .R eflexe', wie etwa
den Kratzreflex, den Ausdruck Reflex einmal ganz aufgeben". Diese Leistungen
können noch von großhimlosen Tieren ausgeführt werden und sind bei den niede­
ren Tieren — nach Beobachtungen an AmpMbien und Insekten — fast ohne Er­
fahrung vorhanden. Für die Beantwortung der Frage, inwiefern es dennoch eine
gewisse individuelle Entwicklung bei diesen sog. instinktiven Reaktionen der
niederen Tiere gibt, verweise ich auf meine Abhandlung über den InstÜikt*.
Jedenfalls ist es bemerkenswert, daß das Kratzen, Abreiben und die Reinigung
der Haut im allgemeinen bei allen Tieren und beim Menschen, in Abhängigkeit von
den Umständen und den verfügbaren Gliedern, in der Ausführung sehr stark vari­
ieren. Beim Menschen ist gut bekannt, wie variabel die Weise des Sich-Kratzens
ist. Ist man (aus sehr verschiedenartigen Gründen) in der Ausführung der üblichen
Bewegung behindert, so wählt man automatisch, unbewußt eine andere, die
zweckmäßig und m it der geringsten Anstrengung zum Ziel führt.
Bei niederen Tieren, sogar beim Rückenmarksfrosch, bei denen man geneigt
wäre, die Kratzbewegung als einen Reflex, also nicht als eine Leistung, als eine
Selbst-Bewegung, ein S*cÄ-Kratzen aufzufassen, sieht man grundsätzlich dasselbe.
Schon Pflüger stellte ja fest, daß der spinale Frosch nach Amputation des an der
Seite des Reizes gelegenen Beines das andere zweckmäßig einsetzt. Während
der Umklammerung des Weibchens reagiert die K röte, nach der Beschreibung
B a g l io n i**, auf eine Reizung dar Nase nicht wie übMch m it einer Abwischbewegung
durch das gleichseitige Vorderbein, sondern zweckmäßig mit dem Hinterbein,
so daß die Umklammerung mit den Vorderbeinen nicht unterbrochen wird.
Die schon von GERGENS* festgestellteTatsache, daß beimFesthalten des kratzen­
den Beines eines spinalen Hundes das andere die Kfatzbewegungen Übernimmt,
könnte als rin Versuch zur zweckmäßigen Ausführung in einer anderen als der
üblichen Weise aufgefaßt werden*; es ist jedoch die Frage, ob man beim Hunde noch
von Leistungen des Rückenmarktieres sprechen kann. Viel sicherer ist das experi­
mentelle Ergebnis bei Insekten. Nach Amputation eines Vorderbeines
die Reinigung der Fühler in anderer Weise als üblich sehr zweckmäßig statt1.
J Goldstbin, K .: Der Aufbau des Organismus, S. 114. Den Haag 1934.
* T r u fé de Psychologie animale. Pari# 1952.
» B agliohi; Sui riflesi cutanei degli aniibi sui iattori che 11 condizionano. Z. aUg, Fhyaiol.
14. 160.
* G ergens: Über gekreuzte Reflexe. Pflügen Arcb. 14, 340 (1877).
• G o ld s t b in ; a. a. O. S. 187.
• Scymansxi, 1. S.: Psychologie vom Standpunkt der Abhängigkeit des Erkennern von
den Lebensbedürfnissen, S. 277. Leipzig 1930.
Das Sich-Kratren als spontane Produktion einer Bewegungsform 131

W ir sind danach der Ansicht, daß bei niederen Tieren das Abwischen und
Sich-Reinigen, entsprechend dem Kratzen bei höheren Tieren und beim Menschen,
echte Leistungen, also Selbst-Bewegungen sind. Schwerer zu beantworten ist die
Frage bei den Rückenmarkspitparaten der W irbeltiere. Während beim Frosch
die Tatsachen noch darauf hin deuten, daß das spinale Tier noch zu Leistungen
fähig ist1, erscheint dies bei Hund und Katze unsicher. Beim Menschen schließlich
glaube ich annehmen zu müssen, daß das von den höheren Zentren abgetrennte
Rückenmark mit dem von ihm versorgten Körperteil keine Leistungen mehr
vollbringen kann. Es funktioniert nicht mehr, hat kein Vermögen mehr zu Selbst-
Bewegungen .keine eigene Leiblichkeit, kann also auch kein Körperschemabilden. Mit
der geformten Beziehung zur Außenwelt fehlt auch jede echte animalische Funktion.
Mit einer solchen Reduktion der animalischen Existenz ist denn auch ein Präparat
entstanden, an dem man echte, als Prozesse begreifbare Reflexe beobachten kann.

5. Das Sich-Kratzen als spontane Produktion einer Bewegungifonn


Schließlich ist auch das Sich-Kratzen, wie jede Selbst-Bewegung, selbst dann,
wenn sie sich in zwangsläufiger Reaktion vollzieht, nicht ganz durch den Reiz
(die Reizgestalt) bestimmt. Es ist eine echte Aktivität, deren v o n W e iz s ä c k e r
drei Arten unterscheidet. „D er Fremdreflex ist im Gegensatz zu den kompen­
sierenden und adaptierenden (Eigenreflexen 1) häufig ein eine biologisch neue
Handlung einleitender Reflex, u n i in diesem Sinne kann er daher als transfor­
mierend bezeichnet werden. Kompensation, Adaptation und Transformation sind
also drei verschiedenartige Einstellungen zur Umwelt und ihren Kräften, in denen
man eine widerstrebende, eine anschmiegende und eine schöpferische Form der
Aktivität wiedererkennen kann1,"
Die spontane Produktion der Bewegungen, wesentliches Merkmal einer jeden
vollwertigen Selbstbewegung, bezeugt sich in der Tatsache, daß eine geformte
Bewegung auch nach experimentellem Ausschluß der Sensibilität (Hinterwurzel-
durchtrennung), d. h. einer möglichen peripheren Bestimmtheit, auftreten kann.
Interessant ist der Befund H e r in g s , daß die Genauigkeit des W ischreflexes beim
spinalen Frosch nach Durchtrennung der Hinterwurzei der Extrem ität nicht ge­
litten hat. S h e r r in g t o n schreibt : "The scratch-reflex I find executed without
obvious impairment of direction or rhythm when all the afferent roots of the
scratching hind limb hâve been eut through*.”
Das Sich-Kratzen ist also sogar beim spinalen Tier die Produktion einer geform­
ten Bewegung, eine ,,schöpferische Form der A ktivität", die nur in Analogie zu
unteren bewußten willkürlichen Handlungen verständlich ist. Auch diese sind in
te e r Grundform noch nach der Durchtrennung der Hinterwurzeln ausführbar
(F oesster ). Das Schema der Bewegung ist zentral, nicht peripher bedingt
(W achholder ). Die übliche Unterscheidung von Reflexen und Willkürhandlungen
ist denn auch, um noch einmal vo n W eizsäcker zu zitieren, „eine der unglück­
lichsten und eine, die — b itte sie nicht sehr altes Bürgerrecht und diente sie
nicht vielen praktischen und unprinzipiellen Zwecken — verschwinden müßte.
Denn ein im Ganzen des nervösen Geschehens ablaufender R eflex kann und
1 Nach L. V erlaine kann das „Rückenm ark" auch „lernen"; vgl. M lle , M. Go s : Le
psychisme de la m odle épenière. Bull. Soc. R oy. Sei. Liège 1932, Nr. 4, 95—97.
• W eizsäcker , V . v . : Der Gestaltkreis. Leipzig 1944.
* Sherrington , G. S .: The intégrative action.
182 Exemplarische Reaktionen .und Leistungen

muß Ausdruck eines integralen, inneren (z. B. Bewußtseins-Affekt-Willens-)


Vorganges sein; aber ein am isolierten Lendenmark ablaufender R eflex kann
und muß höchstens Ausdruck eines inneren Vorganges sein, wie er eben einem
isolierten Lendenmark zukommt — eint® Vorganges, den wir auch nicht
einmal ahnend uns vorzustellen vermögen. Der Unterschied ist nicht einer
der Kausalität, sondern er drückt lediglich den Unterschied zwischen integralem
Lebensablauf und desintegriertem Experimentalablauf aus".
Sehr scharf stellt sich der Unterschied von integriertem und desintegriertem
Verhalten in den Versuchen von G ergens 1 über das Kratzen bei spinalen Hunden
und Tieren ohne Hirnrinde heraus. Obwohl sich im letzten Fall ein gewisses Maß
integrierter Aktivität einstellt, das Tier z. B. nach der Hand beißt, die ihm in den
Schwanz kneift, verläuft die durch einen Hautreiz leicht auslösbare Kratzbewe­
gung ebenso zwangsläufig und unabhängig vom Selbst des Tieres, wie der
pfl+Allarsghnenrftfläx beim Menschen. G ergens teilt mit, daß dem Hunde das
heftige Reagieren seines Hinterbeins gleichgültig ist; er beachtet es nicht, be­
schäftigt sich m it etwas anderem, frißt oder schaut um sich1. Höchstens bem erkt
man ein „erstauntes" Umdrehen des Tieres, wenn die zu heftig abwechselnd
beiderseits ausgelöste Kratzbewegung das Gleichgewicht zu stören droht.
W ie früher erwähnt, entdeckte G ergens schon die gekreuzte Auslösbarkeit
des Kratzreflexes. Das spielt sich etwa wie folgt ab : Hunde sitzen oft m it gestreck­
ten Vorderbeinen und seitwärts gebeugtem Hinterleib, so daß einer der Ober­
schenkel m it einer Seite auf der Unterlage ruht. Kitzelt man bei einem großhim -
lädierten Hund, der in dieser Haltung, z. B. auf dem rechten Oberschenkel ruht,
pW Stelle der rechten Flanke, so zeigen sich am Unken, freibeweglichen Hinter­
bein Kratzbewegungen. Diese Bewegungen sind natürlich ganz zwecklos. Ein
normaler Hund änderte in einem solchen Fall zunächst seine Haltung und m achte
dat-anf zweckmäßige Kratzbewegungen mit dem rechten Hinterbein.
Den Unterschied zwischen den Handlungen des intakten und des lädierten
Tiers rieht G ergens in der bewußtseinsbedingten Zweckmäßigkeit der Bewegun­
gen. Das ist b k zu einem gewissen Grade richtig. W ir bevorzugen jedoch die
Betonung der Desintegratiion, wodurch der Körper nicht mehr gam als der eigene
erfahren wird und die Kratzbewegungen m eh r«»» Tier a b durch das Tier statt­
finden. Zudem fehlen beim lädierten Tier die Haltungskorrekturen, die „E in ­
stellungen" auf das künftige Handeln. Man könnte das eine Desintegration des
sukzessiven Zusammenhangs der Funktionen nennen, der bei allen normalen
Verhaltensweisen, auch bei den unbewußt und zwangsläufig verlaufenden, be­
steht. Besonders klar zeigt sich das beim Sicji-Kratzen des Menschen. Es wird
dabei nicht nur eine vorbereitende zweckmäßige Haltung angenommen, sond»m
es werden auch unter den verschiedenen alltäglichen Umständen andere, auf
das künftige und intendierte Kratzen gerichtete Handlungen ausgeführt.
Auch ein A ffe kann, ein Stückchen aufheben um rieh damit den Rücken zu
kratzen.
Den erwähnten Ergebnissen Scymänski» gemäß müssen wir das Sich-Kratzen
daher auch als eine vollwertige Handlung betrachten, bei der also ein, wenn auch
schematischer. Bewegungsplan der Ausführung vorangeht.
* G ergens, E .: über gekreuzte Reflexe. Pflüge« Areh. 14, 340 (18T7).
• Offenbar war die Sehaphäre der Hirnrinde also nicht vollständig entfernt worden.
Der Zusammenhang von Vorstellung und Handlung 183

Der Reiz mit seinem „Lokalzeiehen" ist dabei veranlassender und struktu­
rierender Faktor, aber er ist nicht das allem beherrschende Moment der Ausfüh-
rungsweise. Diese entwickelt sich in Beziehung zur Situation, zur Erfahrung (den
unbewußten Residuen früherer Handlungen) und zu den verfügbaren Mitteln.
Die Frage nach dem wie der Transformation des Reizes in die motorische
Wirkung nimmt also schon implizite eine Theorie vorweg. Betrachtet man das
Sich-Kratzen, auch beim spinalen Tier, nicht als éinen Reflex, so kann von einer
Transformation des Reizes in die Bewegung keine Rede sein. Die Bewegung ist
eine Antwort; wie sie anläßlich des Reizes entsteht ist nur in Analogie zu Hand­
lungen, bei denen dieses Entstehen einigermaßen analysierbar ist, zu begreifen.
Besonders in den Arbeiten über Apraxie wurden solche Analysen durchgeführt,
in denen vor allem die Frage nach den Bewegungsvorstellungen, ihrem Entstehen,
ihrem Inhalt und ihrer Funktion im Vordergrund steht.

6. Der Zusammenhang von Vorstellung und Handlung


Hinsichtlich des Körperschemas als notwendiger Bedingung einer auf eine
KörpersteUe gerichteten Bewegung wie des Kratzens, wollen wir unser Augenmerk
noch auf zwei Publikationen richten:
1. Auf die Untersuchung von G oldstein und Gelb über die Psychologie der
taktilen Raumwahmehmung und der Bewegungsvorstellungen;
2. auf die Revision des Apraxie-Problems durch G rünbaum .
Goldstein und G elb 1 untersuchten einen Kranken, der durch eine Kriegs­
verletzung des Hinterkopfes einen vollständigen Verlust des optischenVorstellungs­
vermögens erlitten hatte und weder für die Zeit seit der Verwundung, noch aus
seinem früheren Leben über optische Erinnerungsbilder verfügte. E r war bei
völliger körperlicher Ruhehaltung und geschlossenen Augen nur fähig anzu­
geben, daß man ihn berührte nicht aber, wo er berührt wurde. Bei der Untersuchung
fehlte also das Lokalisationsvermögen. Dagegen konnte er sehr wohl automatisch
lokalisieren und z. B. auf Juckreiz mit einer zielgerichteten Bewegung reagieren.
Dazu ist zu beachten, daß automatische Bewegungen durch zahlreiche W ieder-
holungén erlernt werden und nur bei entsprechenden Reizen, bei Irritation der
Haut auftreten. Bei der Untersuchung dagegen wird eine Hautstelle nur berührt
und auf diesen ungewohnten Reiz konnte der Kranke — im Gegensatz zu einem
Normalen — mangels führender visueller Vorstellungen nicht mit einer ziel­
gerichteten Bewegung antworten. Er mußte die Lokalisation auch in der Unter­
suchungssituation und bei nicht irritierenden Hautberührungen erst lem m . Der
Kranke benahm sich bei der Untersuchung also wie ein unerfahrenes Kind, bei
dem sich die automatischen Kratzbewegungen erst in der Entwicklung befinden.
Die,Analyse seines Verhaltens gab also nach Ansicht der Forscher eine wertvolle
Einsicht in das Entstehen der automatischen Lokalisation.
E s stellte sich'nun weiter heraus, daß der Kranke nach einer kräftigen und
länger dauernden Berührung einer Hautstelle „Tastzuckungen" bekam, anfäng­
lich ungeordnete Bewegungen aller Körperteile, später nur mehr des berührten
Teiles. Eine dieser Bewegungen mußte aber durch die Berührung einen geringen
Widerstand erfahren, und so sollen die durch die „Tastzuckungen" ausgelösten
1 Golostein , K ., n. A. Ge l b : Über den Einfluß des vollständigen Verlustes des optischen
Vorstellungsvermögens auf das taktile Erkennen. Z. Psychol. 83, 1— 94 (1920).
184 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

kinaesthetisehen Empfindungen die Lokalisationsbewegungen automatisch, ver­


ursacht haben.
Auf Grund dieser Erfahrungen gaben G oldstein und Gi l b eine Erklärung der
Genese des automatischen Lokalisierens beim normalen Menschen, wie es auch
beim Sich-Kratzen erforderlich ist. Zunächst ist leicht einzusehen, daß hierfür
keine bewußte OrtsVorstellung erforderlich ist, denn das Sich-Kratzen geschieht
auch im Schlaf. Im Wachzustand kann eine Vorstellung, und zwar eine optische
wie schon W undt bemerkte, vorhanden sein; aber dann wird das automatische
mit einem „willkürlichen" Lokalisieren kombiniert, d. h, mit einer Bewegung
unter Führung der bewußten Vorstellung eines Zieles1. Ein Kind reagiert auf
einen irritierenden Hautreiz, ebenso wie der Kranke, mit einer Innervation sämt­
licher Muskeln, einem ungeordneten Bewegungsdrang. Anfänglich gelingt es ihm
dabei nicht, die betroffene Hautstelle zu finden; allmählich jedoch lernt das Kind,
wieder wie der Kranke, die gereizte Stelle durch die „Tastzuckungen" zu lokali­
sieren und diese Bewegungen werden mehr auf die Umgebung dieser Stelle be­
schränkt.
Zum Beweis für die Bedeutung der Bewegungen (Tastzuckungen) für die
Lokalisation kann die Tatsache dienen, daß Kinder mit frühkindlicher Lähmung
eines Körperteiles in dieser Region nicht oder nur schwer lokalisieren können.
Allmählich treten die „Tastzuckungen" in den Hintergrund. G oldstein und
Gelb sind jedoch der Ansicht, daß sie auch bei Erwachsenen (und Tieren) nie ganz
fehlen; sowohl in wachem als auch in schlafendem Zustand verursache eine Haut­
reizung meistens zunächst eine geringe örtliche Bewegung und darauf die Greif­
bewegung der Hand, der sich das Kratzen anschließe. Unterstellt man, daß nach
vielfacher Erfahrung der Hautreiz die kinaesthetisehen Residuen der früher auf­
getretenen „Tastzuckungen" erweckt, so begreift man, daß schließlich die Be­
wegungen selbst bei der automatischen Lokalisation (dem Sich-Kratzen) fehlen
können. „D ie Wirksamkeit der kinaesthäischen Residuen bildet demnach ein physio­
logisches Mittelglied beim automatischen Lokalisationsvorgang des Normalem.“
Wenn wir irgendwo berührt werden, so stellt sich davon ein optisches Bild ein.
Während nun W undt annahm, daß die Tastempfindung selbst das optische Raum­
bild auslöse, soll dies nach Goldstein und Gelb erst durch die „Tastzuckungeh"
oder ihre Residuen geschehen. W ie gesagt, ist dieses optische Bild für das bewußte
willkürliche Lokalisieren erforderlich, nicht jedoch für das automatische. Jeden­
falls hat schon L otze eingesehen, da& das Lokalzeichen *irm»s taktilen (auch
optischen) Eindruckes in den Rahmen einer schon gegebenen Richtungsvor­
stellung eingeordnet werden muß, um funktionell wirken zu können. Gerade
diese schon gegebene Raumvorstellung des eigenen Körpers hat Schilder Körper­
schema genannt. Auf Grund der Untersuchungen von Goldstein und G elb nimmt
er denn auch an, daß ein , .innervatorisch-kinaesthetisches Moment" das Körper­
schema mitgestaltet.
Hält man sich an diese Folgerung, so wäre das Sich-Kratzen eigentlich die
Kombination zweier Bewegungen, der durch örtliche Hautreizung örtlich aus­
gelösten und der eines Gliedes, die sich mit jener zu einem Ganzen verbindet. Das
Sich-Kratzen wäre dann eine Weise der Koordination zweier Körperteile, wie der
1 Die Unterscheidung automatischer und willkürlicher Lokaüsationsbewegungen findet
man zuerst bei H sm r i : Die Raumwahmehaaungen des Tastsinnes. Berlin 1898.
Der Zusammenhang von Vorstellung und Handlung 185

beiden Hände bei der Arbeit oder der beiden Beine bei der Fortbewegung. Ebenso
wie bei einem Rückenmarkstier noch Reste der Fortbewegung, so sind auch Kratz­
bewegungen vorhanden. In beiden Fällen ist die Kinaesthesie, das Muskelgefühl
der verbindende Faktor jeder Zusammenarbeit zwischen Einzelbewegungen.
Diese Verbindung ist jedoch nur in einem bereits gegebenen Medium möglich.
Nennt man diese Voraussetzung Körperschema, so geht man jedenfalls nicht vom
Zentralnervensystem aus, sondern vom „vitalen Zentrum“ , das als das individuelle
Selbsi (das Subjekt) Ausgangspunkt jeder Funktion ist, die eine Wechselwirkung
von Mensch oder Tier mit ihrer Umwelt bedingt.
S c h il d e r * Theorie vom Körperschema gründet vorwiegend auf der Analyse
von Störungen, die man in der neurologischen Klinik Apraxien nennt. Seit
W e r n ic k e versucht man diese Störungen mit einer schematischen Theorie über
das Zustandekommen einer normalen Handlung zu erklären. Der Lehre von den
psychischen Grundelementen gemäß wird dabei der Ausgangspunkt in den Emp­
findungen gesucht, die sich den Reizen der Außenwelt anschließen. Aus diesen
Empfindungen entstehe die Vorstellung eines Gegenstandes und daraus die Ziel­
vorstellung, d. h. die Vorstellung vom Ergebnis der Handlung. Mit dieser Ziel­
vorstellung sei die Vorstellung der zielgerichteten Bewegung, d. h. des Verlaufs der
Handlungsausführung verknüpft, welche die unmittelbare Ursache für die
koordinierte Innervation bei der Ausführung sei. Die pathologischen Störungen
im Vollzüge der Handlungen könnten verschiedene Teile dieses ganzen funktio­
neilen Verlaufs betreffen. Man unterscheidet daher hauptsächlich eine agnostische
oder ideatorisehe und eine motorische Apraxie.
Im Gegensatz zu der Lehre, wonach wir auf Grund von Vorstellungen handeln,
kam nün G rünbaum 1 auf Grund von Beobachtungen bei Kranken zu dem Ergebnis,
daß wir die Vorstellungen auf Grund unseres Handelns bilden und zwar „nur in den­
jenigen Fällen, bei denen der Verlauf der Handlungen kein freier Verlauf ist” .
Die funktionelle Relation, die zu einem Gegenstand hergestellt wird, bestimmt,
was dieser Gegenstand ist. Papier kann einmal etwas zum Einwickeln, ein anderes
mal etwas zum Schreiben sein. Dort hat man das Wahmehmungsbild als Hinter­
grund der antizipierten Handlung des Einwickelns, hier der des Schreibens. Bezeich­
net man diese Antizipation als Vorstellung der Zweckbewegung, so muß man das
übliche Schema der ganzen Handlung umkehren. Die Zweckvorstellung— z. B. „be­
schriebenes Papier" — wäre nicht auf der Gegenstandsvorstellung „P apier" auf­
gebaut, sondern umgekehrt: die zeitweilige und unbeständige Gegenstands­
vorstellung würde von der augenblicklichen Zweckvorstellung und diese wiederum
von der antizipierten Handlung abhängen.
Ohne uns ein Urteil darüber anzumaßen, ob Grünbaum* Revision der Apraxie­
lehre ganz richtig ist, muß anerkannt werden, daß in der Sphäre primitiver Funk­
tionen, zu denen auch das Sich-Kratzen gehört, die Gegenstandsvorstellungen
(z. B. das optische Bild des juckenden Handrückens) der Zweckvorstellung und der
antizipierten Handlung tatsächlich nicht vorhergeht. Aber gerade das Sich-
Kratzen, jedenfalls das einleitende Greifen nach der gereizten Stelle, ist im jugend­
lichen Alter, wenn das koordinierte Greifen noch unvollständig geschieht, stark
gehemmt, keine frei verlaufende Handlung. Sehr wahrscheinlich ist daher gerade
1 G rünbaum , A . Ä .: Bijdrage tot xevisie van het apraxievraagstuk. 1929. Vgl. Z, Neur.
120. (1929); Zbl. Neur. 55. 12/13 (1930).
186 Exemplarische Reaktionen and Leistangen

dieses Greifen auch der Grund für die Bildung des Körpersehemas, das eine opti­
sche und taktil-kinaesthetische Vorstellung des Grundrisses und der räumlichen
Ausdehnung der Körperteile darstellt.
Wenn also die Handlung des Sieh-Kratzens auf Juckreiz nicht auf das Schema :
Reiz (Empfindung)-Effekt zurückgeftlirt werden kann, so ist erst recM ein Ver­
gleich mit den echten Reflexen ausgeschlossen. W ir sahen ja, daß der Reflex­
begriff eine völlige Trennung und Entgegensetzung der sensorischen und m otori­
schen Prozesse einschließt, während dagegen jede Handlung auf einer aktiv
entstehenden Wahrnehmung beruht. Diese Aktivität ist bei primitiven
Verhaltensformen zu einem großen Teil Muskel-Aktivität.
In der Juckempfindung selbst ist die Aktivität (das Sich-Kratzen) schon ent­
halten; wir haben hier ein ausgeprägtes Beispiel einer motorischen Bedingtheit der
Empfindungen. Durch eine intensive Vorstellung des Sieh-Kratzen-Müssens kann
m an ja das Jucken auslösen, und indem man ni'cAl kratzt und auch jede Neigung
dazu (Antizipation) unterdrückt, verschwindet oder verringert sich das Jucken
oder ändert sich der Charakter dieser Empfindung. W ir treffen hier auf einen
analogen Zusammenhang von Motorik und Empfindung wie beim Schmerz, was
um so interessanter ist, als auch nach den neuesten Untersuchungen das Jucken
und der Schmerz die gleiche physiologische Ursache haben1.

VI. Das G reifen. (D ie gleitende K oppelung)


1. Weisen des Greifens
Der Mensch, Homo sapiens und daher auch Homo faber, hat m it seiner auf­
rechten Haltung auch die freie Verfügung über seine Hände erhalten. Sie sind
die Organe für seine vielseitige Arbeit, für das rauhe Hand-Werk, die verfeinerte
Hand-Fertigkeit, das Hand-Haben der W affen, die Hand-Schrift und rfas Hand-
Zeichnen, die Grundlagen für die Äußerungen des Geistes in W issenschaft und
Kunst.
Es läßt sich kaum auizihlen, was der Mensch alles mit seinen Händen verrich­
ten kann. Die Hand ist ein universales Instrument von unübersehbarer Vielseitig­
keit. Jedoch beruht die Ausführung dieser verschiedenen Tätigkeiten auf
einigen stets wiederkehrenden Funktionen: dem Vermögen, Gegenstände
anzufassen, sie kräftig zu ergreifen und geraume Zeit festzuhalten u n d ripm
so fixierten Objekt mittels Finger-, Hand- und Armbewegungen. alle mög­
lichen Stellungen im Raum zu geben und eine Vielheit von Bewegungskurven
beschreiben zu lassen. Dieses Greifen, Festhalten und Bewegen kann zudem
m it wechselnder Kraft geschehen, was die Anpassung an Material und Form
ermöglicht.
Besinnt man sich vom bewegungsphysiologischen Standpunkt aus auf die
äußerst feine Differenzierung und den Zusammenhang der genannten Grund-
funktionen, so zeigt sich, daß sie aps nur wenigen elementaren Bewegungen
aufgekaut sind:
1. dem Schließen der Haiid durch Fingerbeugung;
2, der großen Beweglichkeit und den Oppositionsbewegungen des Daum ens;

1 Vgl. mein Buch: Über den Schmerz. Bern 1948. Kapitel II, 2 und 3. — Rothman,
Stephen : Physiology o f itehing. Phys. Rev. 221, 357 (1941).
Das reflektorische Greifen 187

3. den Bewegungen im Handgelenk;


4. der damit mehr oder weniger verbundenen Supination und Pronation des
Unterarmes;
5. den Bewegungen in Ellenbogen- und Schultergelenk.
Diese Bewegungen sind nicht gleichwertig und sie treten auch in der individu­
ellen Entwicklung nicht gleichzeitig auf. Das Schließen der Hand, das eigentliche
Anfassen eines Gegenstandes durchläuft eine Differenzierung, bei der in zunehmen­
dem Maße die Ungleichwertigkeit der Finger und die überwiegende Bedeutung des
Daumens hervortreten. Besonders die abgestufte Zusammenarbeit von Daumen
und Zeigefinger ist für die feineren Tätigkeiten unerläßlich.
Obwohl nahezu alle Greifbewegungen einigermaßen verschieden ausgeführt
werden, kann man doch einige Grundtypen unterscheiden. Die wichtigsten sind
nach Sauerbruch der „B reitgriff \ der „Spitzgriff” (Pinzettgriff) und der
„D aum engriff'. Das Greifen mit voller Hand findet beim Anfassen größerer
Gegenstände statt, beim Umgreifen einer Stange (Lehne), oder des Henkels einer
schweren Kanne. Mit Daumen und Zeigefinger (Pinzettgriff) halten wir kleine
Gegenstände, einen Federhalter, eine Nadel usw. Diese Greifweise kommt beim
Kinde erst spät zur Entwicklung. In Fällen, in denen man etwas auch mit der
vollen Hand halten könnte (z. B. Eßgeräte) wird sie als ein Zeichen höherer
Bildung betrachtet. Das hängt wahrscheinlich m it dem Ausdruck von Kraft und
Unmittelbarkeit, also Unbeherrschtheit zusammen, den der breitere Griff zeigt.
Zudem laßt er eine Bewegung des Gegenstandes nur durch Drehung in Hand-,
Ellenbogen- und Schultergelenk zu. Beim Pinzettgriff oder beim viel verwendeten
Halten zwischen Daumen, Zeige» und Mittelfinger können durch Fingerbeugung
feinere Bewegungen rasch und genau vollzogen werden.
Der „Daum engriff” , das Festklemmen eines Gegenstandes zwischen dem
Daumen und der Seitenfläche des gebeugten Zeigefingers, bietet die Möglichkeit
zur Ausübung eines größeren Druckes (durch die kräftigen Adduktoren des Dau­
mens). W ir bevorzugen diesen Griff beim Umdrehen des Schlüssels im Schloß
oder beim Nüsse-Knacken.
Diese auf der täglichen Erfahrung fußende Erörterung der Handfunktionen
und der Grundformen des Greifens macht es klar, daß die Entwicklung der Greif­
bewegung verschiedene Phasen durchlaufen muß. Die elementarste Form des
Greifens ist das Schließen der Hand durch gleichzeitige Fingerbeugung ohne Mit­
wirkung des Daumens. Es ist die Greifweise des Säuglings, die sich immer, sogar
bei zarter Berührung dar Handfläche vollzieht. Man nennt dieses automatische
Greifen den Greifreflex, den man bei Affen auch experimentell auslösen kann und
der bei einigen neurologischen Erkrankungen des Erwachsenen beobachtet wird.

2. Bas reflektorische Greifen


Der Greifreflex ist am eingehendsten bei Affen erforscht, bei denen die m oto­
rische und prämotorische Hirnrinde oder das ganze Großhirn entfernt worden waren.
Der Reflex ist nach Wegnahme der prämotorischen Zone noch von vielen Ein­
flüssen, u.a. visuellen, taktilen und propriozeptiven Eindrücken abhängig, während
nach doppelseitiger Exstirpation der prämotorischen und motorischen Felder
gemeinsam nur noch der Einfluß der Körperhaltung verbleibt. Dann ist er z. B.
in Seitenlage nur an der obenliegenden Extrem ität auslösbar. Auch wenn das
188 Exemplarische Leistungen und Reaktionen

G leich gew ich tsorga n gereizt wird, also etwa beim Sich-Aufrichten oder bei Fort­
bewegung des Körpers durch den Raum, tritt der Handschluß leicht ein. Das ist sogar
der Fall nach Durchtrennung der betreffenden Hinterwurzeln, wodurch der Arm
vollständig desensibilisiert wird, so daß von einem Reflex im üblichen Sinne nicht
mehr die Rede sein kann. Das Greifen geschieht bei diesen Tieren während der
Bewegung, also zwangsläufig und wird durch die allgemeine Empfindung passiver
oder aktiver Körperbewegung ausgelöst.
Wie F u l t o n u . a. aufgezeigt haben, wird das Schließen der Hand bei Berüh­
rung der Handfläche nicht durch den taktilen Hautreiz sondern durch eine sehr
geringe Dehnung der Sehnen und somit der Muskeln (propriozeptiver Reiz) aus-
gelöst. Nach Desensibilisierung der Hand fällt das natürlich weg, aber dann genügt
eine Körperbewegung oder eine Dehnung der Schultermuskeln, um die Hand zum
Schließen zu bringen. In allen diesen Versuchen zeigt sich der sog. Greifreflex als
eine primitive, zweckmäßige Handlung, die nach der Himläsion selbständig und
zwangsläufig auftritt, ohne damit ihre sinnvolle Beziehung zu den Umständen zu
verlieren. "The graspreflex may be regarded as a fundamental pattem of response
in the neurologieal make-up of the primates1.”
Die Untersuchungen bei Affen lehren, daß das Greifen von der Geburt an
wirksam und also eine primitive Funktion ist, die für das natürliche Leben dieser
Baumtiere eine große Bedeutung hat. Beim jungen Tier sichert das Greifen durch
das automatisch auftretende Schließen der Hand das Sich-Anklammern an die
Mutter. Beim erwachsenen Tier steht das Greifen im Dienst des Klettem s und des
Nahrangserwerbs; es kann daher nicht automatisch und regelmäßig auf treten,
sondern muß eine differenzierte, situationsbezogene Handlung sein. Beim Fehlen
der Hirnrinde oder der motorischen Felder fällt die Greifbewegung In ein undiffe­
renziertes Stadium zurück und behält nur noch einen Bezug zur Körperhaltung,
dem Sich-Aufrichten und der passiven und aktiven Ganzheitsbewegung des Tieres.
Die Wahrnehmung der das Greifen auslösenden Körperbewegung wird nicht nur
durch Labyrinthempfindungen sondern auch durch die Dehnung der Schulter­
muskeln, wie sie beim Hängen an den Armen auftritt, bestimmt.
Das reflektorische oder zwangsläufige Greifen, das man bei Affen nach H kn-
läsionen beobachtet, tritt auch beim Menschen bei subcorticalen Erkrankungen
des Frontalhims und bei einigen Prozessen in den Stammganglien, verbunden mit
geringen Störungen der Pyramidenbahn auf. Das „Zwangsgreifen" ist denn auch
ein seit langem in der neurologischen Klinik bekanntes Symptom. Daneben ist
auch das „Nachgreifen" beschrieben worden*. Hierbei wird nach Berührung einer
beliebigen Stelle der Hand, die Fläche zwangsläufig dem Reiz zugewendet, worauf
eine Greifbewegung folgt. Nach B öhme8 zeigt sich dieses Phänomen nur bei
erhaltener Mitarbeit der Hirnrinde, während das zwangsläufige Greifen auftritt,
wenn die Zentren im Mittel- und Zwischenhim keine hemmenden Einflüsse vom
Großhirn mehr erfahren. Es ist stets sehr schwer, den Zusammenhang der klini­
schen und der nach Läsion des Nervensystems bei Tieren auftretenden Erschei-

» F ulton , J. F ,: Physiologie o f tho norvoes System, S. 443. Oxford Unjv. Pres« I i 3 f .


* Eine neuere zusammenfassende Darstellung findet man bei M. Schbller : Über Greif-
automatismen im Bereich von Mund und Hand sowie über verwandte Phänomene. In:
R . W arth n berg . Die Untersuchung der Reflexe. Stuttgart 1952.
* B öhme in: Handbuch der normalen Physiologie usw. Bd. X , S. 1002.
Genese des Greifens beim Kinde 189

nungen mit den normalen Funktionen zu begreifen. In unserem Falle kann man
nur feststellen, daß die genannten Symptome mehr oder weniger der Reaktions­
weise der Hand bei Kleinkindern entsprechen. Es ist interessant, daß sowohl bei
Säuglingen als auch bei operierten Affen der Greifreflex in Seitenlage am
stärksten im oberen Arm auftritt. Er wird auch beim Kind durch schnelle räum­
liche Bewegungen verstärkt.

3. Genese des Greifens beim Kinde


Schon wiederholt wurde die Entwicklung des Greifens bei Kindern unabhängig
von klinischen Beobachtungen und Tierversuchen untersucht. Es war lange
bekannt, daß ein Neugeborenes schon die Hand schließt, wenn man einen schmalen
Gegenstand, z. B. einen Finger in die Handfläche legt. Auch am Fuß kann man
eine angedeutete Greifreaktion feststellen.
H a l v e r s o n 1, der den-Greifreflex bei Kindern von 4,8,12 und 20 Wochen unter­
suchte, fand, daß er sich eigentlich aus zwei Phasen zusammensetzt: dem Schließen
der Hand und dem kräftigen Zudrücken. Jenes ist nach seiner A nächt eine Reaktion
auf die Hautberührung der Handfläche, während das Zukneifen durch Druck auf
die Sehnen der Fingerbeuger oder sogar schon durch eine geringe Vibration der
Hand ausgelöst werde. Im Zusammenhang mit dem Ergebnis der Tierversuche ist
es demnach wahrscheinlich, daß beim Greifreflex der ganze Komplex peripherer
Tasteindrücke kombiniert mit den propriozeptiven Reizen den Effekt bestimmt.
Ganz Entsprechendes hatten wir bei unserer Analyse des Stehens für die Stütz­
reaktion gefunden.
Faßt man den Greifreflex als ein Sich-Anklammem auf, dann ist es verständ­
lich, daß bei zunehmendem Zug am Arm die gedehnten Fingerflexoren sich stärker
kontrahieren müssen, ebenso wie beim Stehen ein zunehmendes Gewicht durch
stärkere Kontraktion der Strecker ausgeglichen wurde. Der Reflexverlauf und
die Art der auslösenden Reize ist in funktionellem Sinne also begreiflich.
Die zunehmende Differenzierung bei der Entwicklung der Arm- und Hand­
bewegungen geht mit einer Anpassung an die Struktur der Situation einher. Die
Reaktion wird hierdurch weniger einförmig: das Kind reagiert nur manchmal,
dann wieder nicht, und auch die Weise des Greifens ist nicht immer die gleiche.
Theoretisch besagt diese Abhängigkeit von Bedingungen zwar nichts über den
Grad der Zwangsläufigkeit, aber je mehr die Handlung in einen detaillierten
Strukturzusammenhang von Bedingungen eingefügt wird, um so größer ist die
Freiheit, die sieh uns darin offenbart. Das ist gut zu verstehen, denn bei einer ver­
feinerten Abstimmung auf die Situation wird nicht nur eine Reizgestalt unmittel­
bar wirksam, sondern die genaue Beobachtung zeigt dann auch eine Abhängigkeit
der Reaktion von inneren Bedingungen. Das Greifen bleibt aus, wenn das Kind
aufmerksam m it etwas anderem beschäftigt ist, wobei unter Aufmerksamkeit nicht
nur ein reaktives Gefesselt-Werden, sondern eine spontane, relativ freie Zuwen­
dung zu verstehen ist. Das Auftreten des Greifens hängt dann auch von der
Erwartung auf Grund der Erfahrung ab. Auch diese innere Bedingung hat einen
Zusammenhang m it höheren seelischen Funktionen, für welche (Re menschliche
Freiheit konstitutiv ist.
1 H alverson , H. M .: Complications o f the grasping reactions Psvchol. Monogr. 47,
(Nr. 212), 4 7 - 6 3 (1936).
190 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

Eine Verschiedenartigkeit der Bedingungen für das Auftreten der Grerireak-


tion beim Säugling ergibt sich schon sehr früh. Sie führt zunächst nur zu einer
stärkeren und vielfältigeren Art des Reagieren!. H alverson fand, daß Neu­
geborene die Hand bei Berührung der Fläche keineswegs immer schließen, ältere
Säuglinge es aber regelmäßiger und rascher tun. So ergriffen Kinder von 4 W ochen
in 15%, von 20 Wochen in 60% der Fälle innerhalb einer Sekunde einen in die
Handfläche gelegten Stab.
Das anfänglich automatische Schließen der Hand bleibt lange Zeit als undiffe­
renzierte Bewegung bestehen. Myers bemerkt1, daß im siebten Monat der Daumen
noch neben den greifenden Fingern steht. Erst mit ungefähr 9 Monaten greift das
Kind etwas m it Daumen und Finger, wobei die Hand schon etwas gedreht wird.
Jetzt erst hat auch der Daumen die selbständige und dominierende Funktion, die
er riann beibehält. Nach einem Jahr wird auch die Supinationsbewegung in die
Greifstellung aufgenommen, und das Kind kann jetzt etwas auch m it aufwärts
gewandter Handfläche (im Untergriff) fassen.
Das Schließen der Hand, um einen Gegenstand stellt ursprünglich kein A a-
fassen dieses Dinges, sondern ein Sich-Festgreifen dar. Das echte Greifen vollzieht
sich demgegenüber als ein Nehmen eines außerhalb der Hand befindlichen Dinges,
was eine ausgedehntere Bewegung als nur eine Fingerbeugung erfordert. Mit R echt
bemerkt H alverson daher auch: '‘ Grasping is an activity, which is not confined
to the hand. It is part o f a total dynamic corralling pattern, which in m ost cases
leads to clooser contact of infant and object.” Gewöhnlich verstehen wir unter
Greifen seiner Intention nach ein Zu-sich-Herholen. Der Greifreflex bei Affen und
Kindern ist jedoch eine ganz andere geartete Tätigkeit, nämlich ein sich selbst m it
der Hand einen festen Stützpunkt geben, ein Sich-Anklammem, Sich-Festhalten,
Deshalb ist dieses W h auftretende Schließen der Hand um einen Stab usw. auch
»figgtens mit dem Festerwerden des Griffes bei Zug an den Armen verbunden.
Der Greifreflex des Säuglings fällt daher auch in dieselbe Lebensperiode wie
der MoROsche Umklammerungsreflex. Auch dieser hat eine Selhstsichemngs-
furiktion mittels der Arme. Der Säugling greift sich fest, und erst später, wenn sich
die W elt dem Kinde öffnet, wird der Handschluß zum Anfassen eines Gegen-
Standes verwendet. Dann wird er jedoch auch durch Armbeugung hergeholt und
bekanntlich zunächst an den Mund gebracht.
Das Greiffeld hat nach Myer s bis zum dritten Monat einen geringen Um­
fang. Allmählich wird es größer und entwickelt sich zu einem Feld des H in-
langcns. Nach 3 Monaten stellt sich, während das Kind nach einem Gegenstand
schaut, ein schwacher Versuch zum Hinstrecken der Arme ein. Dieser Bezug von
Auge und Hand entwickelt sich in den nächsten Monaten zu einem Sehen — Hin­
langen — Ergreifen— und Zu-sich-Herholen, und zwar "within the sweep of either
hand, so long as volar movement was not required” . Gegen Endes des « t e n
Jahres wird das Greiffeld durch, die sich einstellenden Rumpfbewegungen bedeu-i
tend vergrößert.
. Myers sah ein Kind von 6 Monaten nach Gegenständen langen, wenn diese b k
auf 25— 30 cm herangekommen waren; während das Hinlangen aussetzte, wenn sie
weiter weg gebracht wurden. Es hat sich also hier schon eine optische Schätzung
des Abstandes eingestellt. Die Sicherheit der Bewegung selbst ist dann »chnu
i M yers , G. C.: Grasping, reaching and handling. Amer. J. Psychol. 2ft, 525— 539 (1915).
Greifen, und Zeigen 191

ziemlich groß. Etwa um dieselbe Zeit, zuweilen auch etwas später (7. oder 8.
Monat), holt das Kind etwas m it einem langen Gegenstand zu sich her (Löffel oder
Stock), und es kann auch einen Gegenstand mit einem anderen berühren. Hält es
einen Gegenstand in der Hand, so langt es damit oft nach etwas anderem, während
die andere Hand in Ruhe bleibt. E ist im 9. Monat konnte das von Myers beob­
achtete Kind den zweiten Gegenstand mit der anderen Hand greifen. Das ist also
eine schwierige Handlung. Auch das Loslassen eines Gegenstandes und das sog.
Herreichen treten erst um diese Zeit auf.
Die Entwicklung der Hand- und Aimbewegungen zeigt sehr deutlich, daß
immer wieder neue Funktionen auftreten, die mittels der schon erworbenen auto­
matischen Bewegungöl ausgeführt werden. Die Koordinationen, die einer elemen­
taren Funktion dienen, treten dann in den Dienst einer höheren Leistung. Der
Reihe nach gibt es beim Säugling ein Sich-Anklammem, dann ein Ergreifen von
Gegenständen, darauf ein Hinlangen nach Gegenständen, dann das Aufgeben des
einen Gegenstandes zugunsten eines anderen. Jede dieser Leistungen hängt mit
einem bestimmten Verhältnis zur Umgebung zusammen. So entwickelt sich im Tim
und Wahmehmen der Umgang m it Gegenständen und zugleich die Anpassung der
Bewegungen an die Situation. Das vollwertige Ergreifen eines Gegenstandes setzt
sich aus einem durch optische Lokalisation beherrschten Hinlangen nach diesem,
dem Sich-Festgreifen, Aufnehmen und Zu-sich-Herholen zusammen. W enn sich
diese Funktion in ihrer Ganzheit eingestellt hat, kann das Kind also die Hand zu
einem gesehenen Gegenstand hin bewegen, kann aber noch nicht darauf zeigen.
Dies ist eine Leistung für sich, und zwar eine Tätigkeit höherer Ordnung. Das
Zeigen ist nach Rév&sz eine der ersten Äußerungen der Sprachfunktion. Indem
es auf etwas zeigt, will das Kind etwas andeuten, mitteilen und also m it einer
Gebärde etwas „sagen".
Das Ausstrecken des Armes, meistens m it gespreizten Fingern, das man beim
Kind schon früh beobachten kann, darf denn auch nicht als ein Zeigen gedeutet
werden. R. V uyck 1 hat den Beginn des Zeigens zu ermitteln versucht und fand in
einer Anzahl von Fällen, daß es m it dem ernten Beginn von Sprechen und Ver­
stehen zusammenfällt.
4. Greifen und Zeigen
Der Unterschied von Greifen und Zeigen tritt besonders klar hervor, wenn
durch eine Läsion des Zentralnervensystems die Funktionen auf ein primitiveres
Niveau zurtckfallen. So fand Goldstein 1 bei einigen Kranken m it Kleinhirn-
öder Frontalhirnerkrankungen eme Störung des Zeigens ohne Greifstörung. Ein
solcher Kranker kann den Auftrag, bei geschlossenen Augen auf die Nasenspitze
zu zeigen, nicht ausführen. W ohl gelingt es ihm, an seine Nase zu greifen oder auf
diese zu „zeigen", wenn er unter der „Einstellung zum Greifen" handelt. Diese
Einstellung ist nahezu mit Sicherheit auszuschließen, wenn man den Auftrag er­
teilt, auf eine 2 cm vor der Nase liegenden Stelle zu zeigen. Dann wird ein Fehler
gemacht.
Auch in einigen Fällen von sog. „Seelenblindheit" besteht eine Lokalisations-
störung und ein Unvermögen, „au f eine optisch wahrgenommene Raumstelle oder
1 V uyck , R . : W ijren en spreken m de ontwikkeling van het kleine kind. Alg. Nederl.
Tijdsehr. Wijsbegeerte en Psychol. 33, 137 (1939/40).
* G oldstsih . K .: Über Zeigen und Greifen. Nervenarzt. 4, 453 (1931).
292 Exemplarische Reaktionen nnd Leistungen

eine berührte Hautstelle bei geschlossenen Augen zu weisen. Das Greifen (also
auch das Sieh-Kratzen) kann dabei ungestört sein. Gerade durch die Analyse der
„Seelenblinden" verschaffte sich G o l d s t e in Einsicht in den Unterschied von
Zeigen und Greifen als Leistungen. Die Grundstörung sei bei diesen Kranken das
Unvermögen, „eine Gegebenheit simultan als gegliedertes Ganzes zu haben". Es
fehlt ein dem Subjekt gegentiberstehender statischer Raum, in dem sich Dinge in
bestimmter Distanz neben- und hintereinander befinden. Nur in einem solchen
Raum jedoch gibt es Orte, auf die man zeigen kann! Zum Greifen ist ein solcher
Raum offenbar nicht erforderlich. Das zeigt sich auch darin, daß der Kranke,
nachdem er richtig nach etwas gegriffen hat, nicht weiß, wo sich der ergriffene
Gegenstand befindet. Greifen und Zeigen sind also grundverschiedene Hand­
lungen. Ein Tier kann zwar greifen, aber nicht etwas zeigen, denn es hat zwar
einen vitalen, aber keinen „gnostischen" Raum und keine „gegenständliche
Außenwelt".
Der normale Mensch kann rieh in seinem vitalen Raum bewegen und er tut das
z. B. wenn er nach einem Gegenstand greift. Um auf etwas zu zeigen, muß er jedoch
eine ganz andere Position der Außenwelt gegenüber einnehmen und sich der objek­
tiven Raumverhältnisse, Richtungen und Abstände vergewissern. Die erwähnten
Kranken können das jedoch nicht mehr, ebensowenig wie der Säugling es kann.
Die Ursache für die Unmöglichkeit des Zeigens muß in d er, .Unfähigkeit, sich gegen­
ständlich kaUgorial zu verhalten", gesucht werden. Für das Greifen ist die Einstel­
lung auf »i»» Stelle im objektiven Raum nicht erforderlich. Man könnte geneigt sein,
im Greifen nach etwas eine dem Wischreflex des Frosches oder dem Kratzreflex
des Hundes gleichartige Funktion zu erblicken. Diese R eaktion® sind jedoch
anderer Ordnung. Beim Tier fehlt ja stets die Aufgabe, Es muß handeln, wie auch
ein Mensch in tiefem Schlaf auf einen Hautreiz reagiert. Der normale Mensch,
auch der ..Seelenblinde", kann jedoch nach etwas greifen, und wenn das einem
Auftrag entspricht, so geschieht es nicht zwangsläufig.
W ir greifen nach Gegenständen, die eine vitale Bedeutung für uns haben, die
wir begehren oder die uns bedrohen. Daher geschieht es in stets anderer Weise,
abhängig von Haltung und Situation sowie von den verfügbaren Ausführungs­
organen. In dieser Hinsicht sind Greifen und Kratzen gleichwertig. W ie wir das
Sich-Kratzen jedoch unmöglich als einen Reflex deuten konnten, so kann auch
das Greifen nicht als Reflex betrachtet werden. Goldstein teilt diese Ansicht und
schreibt: „K ein irgendwie gedachter Reflexmechanismus könnte ein solches Ver­
halten garantieren. Nur die Annahme jeweilig wechselnder, der Situation an­
gepaßter Gesamtreaktionen kann es verständlich m achen".
Beim echten, m Begleitung einiger Himerkrankungen auf tretenden Zwangs-
Greifen und beim Schließen der Hand des Säuglings um einen Gegenstand kommt
es zu einem Umklammern, das als Bewegung einen primitiven, wenig geformten
Verlauf hatunddas abhängigist von der Stärke, nicht aber von der Gestalt (Qualität)
des Reizes. Diese Bewegung vollzieht sich so, als ob ein einziger Impuls nach sämt­
lichen Fingerbeugern gesandt würde. Dabei schließen sich die F ingir immer gut
um einen in die Handfläche gegebenen Gegenstand. Man könnte meinen, das wäre
nur durch eine koordinierte maßvolle Bewegung möglich, aber B ethe versuchte es
auf Grund des Prinzips der glmtmdm Koppelung zu erklären. Dieses Prinzip wollen
wir wegen seiner Bedeutung für die Bewegungslehre näher betrachten.
Die gleitende Koppelung 193

5. Die gleitende Koppelung


Wenn ein Mensch — oder auch ein Affe — etwas mit der Hand anfaßt, so paßt
sich die Bewegung von Daumen und Fingern, auch bei geschlossenen Augen, voll­
kommen der Form des Gegenstandes an. Die Fingerbewegungen werden also
offenbar mit einer gewissen Zweckmäßigkeit ausgeführt.
B e t h e findet d a rin eine Analogie zu der Anpassung der Extremitäten eines
Tieres an die Unebenheiten des Bodens. Wie die Fingerbewegungen in jedem
einzelnen Fall ein anderes Ausmaß haben, während doch das Anlassen eines
Gegenstandes rasch, unbewußt und als Handlungseinheit vollzogen wird, so sind
auch die Beuge- und Streckbewegungen der Beine eines Hundes oder Käfers, einer
Spinne oder Krabbe jeweils verschieden groß, wenn sich die Tiere rasch und mit
unbewußter Sicherheit Über einen holprigen Boden fortbewegen.
Diese so aligemeingültigen Phänomene, die sicher nicht auf „höheren" oder
psychischen Funktionen beruhen, sind mit Hilfe der klassischen R eflex- und
Zentrenlehre nicht erklärbar. Nach dieser Theorie besitzt jeder der in einer
Kombination wirksamen Impulse eine gewisse Größe und eine im sog. Koordina­
tionszentrum festgelegte Reihenfolge. Die Anpassung an äußere Umstände, im
Falle des Greif ens an die Form des Gegenstandes, soll durch Rückwirkung aus der
Peripherie zustande kommen. In einigen Fällen kann diese Erklärung zwar einiger­
maßen befriedigen, z. B. wenn man im Dunkeln über einen umgepflügten Acker
geht und dabei jeder Schritt eine selbständige Bewegung ist. Meist sind jedoch
die Teile einer Handlung nicht unabhängig voneinander, was insbesondere auch für
das Greifen gilt. Eine Handlung ist eine Ganzheit, was gerade auch im
Begriff der Koordination zum Ausdruck kommt. Nun hängt die Koordination
sicher nicht nur von peripheren Eindrücken ab, sondern ist auch „zentral"
bedingt. Das kann aber nicht im Sinne eines festen Zusammenhangs im Nerven­
system verstanden werden, wie besonders die unten zu besprechende Plastizität
zeigt, die sich in der Anpassung an Sehnen- und Nerventransplantationen und
Amputationen der Glieder verwirklicht.
Um nun sämtliche Anpassungserscheinungen von einem einzigen Gesichtspunkt
a u s zu erklären, hat B e t h e das Prinzip der „gleitenden K oppelung" als e in e n die
Koordination beherrschenden Grundsatz angenommen, „Receptoren und 'Effec­
toren stehen nicht (wie fast allgemein angenommen wurde) durch Vermittlung des
Zentralnervensystems in einem festen Koppelungsverhältnis zueinander, sondern
diese Koppelung ist gleitender N atur"1.
Den Inhalt dieses Prinzips kann man am besten an der Konstruktion von
Kunsthänden begreifen. Eine an einem Metallfaden wirkende K raft wird auf die
bewegenden Teile durch Vermittlung von Stäßen übertragen. Sind nun die bei der
Bewegung der Hebel zu überwindenden Widerstände gleich groß, so werden alle vier
Hebel bei Zug an dem Faden um einen gleichen W inkel gedreht werden. Stößt jedoch
einer der Hebel dabei auf einen äußeren W iderstand, so kommt er zum Stillstand,
während die anderen sich weiter bewegen, bis auch sie gleichzeitig oder nachein­
ander auf einen Widerstand treffen. Weiterer Zug an dem Faden verursacht dann
nur eine gleichgroße Druckzunahme der Hebel gegen die äußeren Widerstände.
Fertigt man eine Kunsthand m it diesem Mechanismus an und gibt jedem der
Hebel die Form eines entsprechend den anatomischen Verhältnissen dreigeteilten
1 B ethe , A .: „Plastizität d. Nervensystems" in Hdb. d. normalen u. patholog. Physiologie.
Buytendijk, Haltung u ni Bewegung 13
194 Exemplarische Reaktionea und Leistungen

Fingere, so entsteht ein Instrument von vielseitigem Anpassungsvermögen. Durch


pinpn einzigen Impuls können die Finger verschiedene Gegenstände umschließen. Die
Haltungen kommen dabei nur unter dem Einfluß äußerer Widerstände zustande.
B ethe ist der Ansicht» die Bewegung der Kunsthand sei der einer lebendigen
Hand vergleichbar. Beim Anfassen eines Gegenstandes werde in die vielen Mus­
keln stets nur „der generelle Impuls der Schließung“ gesandt. Jeder Finger, der
den Gegenstand berührt, steht still, während sich die anderen Finger weiter
bewegen» bis auch sie auf einen Widerstand stoßen. Bei dieser Erklärung wird
jedoch übersehen, daß die Hemmung der lebendigen Hand keine mechanische ist,
sondern z, Ts durch receptorische Rückwirkung auf das Zentralnervensystem
zustande kömmt. Jedoch erweckt das Verhalten den Eindruck, als ob eine gege­
bene ImpuÜeneTgie vom einen Effector zum anderen abfließt und in dieser Hin­
sicht besteht Übereinstimmung mit der Kunsthand. Schon von Uexk ü ll hat
dieses Büd eines Flüssigkeitsstroms, der Behälter auffÜlt und dann weitergeführt
wird, zur Erklärung der Wirkung des Nervensystems verwendet.
Auch die oben besprochene reziproke Innervation von Antagonisten und die
gegensätzlichen Bewegungen von linker und rechter Extremität beim Rücken­
markstier will B ethe m it dem Prinzip der gleitenden Koppelung erklären. Es
wird Hann als Strömen des Impulses von einer Stelle des Zentralnervensystems zu
einer anderen verstanden.
W ie sinnreich die Erklärung durch dieses Prinzip auch sein mag, sie kann uns
nicht befriedigen. Erstens bietet sie über die Theorie der Schaltungs-
mechanismen hinaus nur wenig Gewinn, wenn man diese durch die Vorstellung
automatischer (und durch die peripheren Eindrücke bedingter) Änderungen der
Reizbarkeit ergänzt, was schon immer geschieht. In der Theorie B ethe« muß
wfm ja auch eine präfomaierte Struktur voraussetzen, durch die der Impuls­
strom seine Richtung erhält oder ändert. Nur in einigen bestimmten, experi­
mentell aufwekbaren, einfachen Fällen, kann man sich vorstellen, daß durch
Hu» Läsion des Nervensystems oder durch Behinderung der Bewegung der
Impuls oder die Erregung in ein anderes zentrales Feld abfließt, so als ob dort
ein Tal wäre, in dem rieh die Flüssigkeit sammele.
G oldstein 1 liefert dazu ein klinisches Beispiel. Läßt man einen Kranken m it
einer Kleinhimerkrankung den Arm der kranken Seitehochheben, so weicht dieser im
Schultergelenk nach außen ab. Verhindert man diese Abweichung durch Fixieren
im Schultergelenk, so tritt eine Abweichung im EUenbogengelenk auf. Verhindert
man auch diese, so sehen wir sie im Handgelenk und bei Behinderung des Hand­
gelenkes in den Fingergelenken auftreten. In solch einem Fall ist die Analogie m it
einer Flüssigkeit, die bei Behinderung zu nahegelegenen Orten abfließt, suggestiv.
Als allgemeines Erklärungsprinzip der für die motorischen Funktionen erforderlichen
Prozesse im Nervensystem ist jedoch dieses Bild nicht brauchbar. W ollte man
allerdings gegen die Unterstellung eines Impuls- oder Erregungsstroms anführen,
man könne sich von einem solchen Strom keine Vorstellung machen, so wäre ein­
zuwenden, daß etwa ein Erregungsstrom, der durch die Pyramidenbahn zu aUan
Beugemuskeln ginge und dabei durch kurze Rttckenmarksbahnen von einer
Gruppe motorischer Zellen zu einer anderen fließen könnte, durchaus vomisteUen
wäre. Schließlich kann man ja auch bei jeder Selbstbewegung einen allgemeinen
* Goldstein, K .: a. a. O. S, 63.
Die gleitende Koppelung 195

Bewegungsdrang subjektiv erleben und objektiv seine Auswirkung in allen


Körperteilen wahrnehmen. Er ist besondere spürbar, wenn die normale Handlung
behindert wird und der Bewegungsdrang, etwa emotional bedingt, sehr groß ist.
Das Bild eines Impulsstromes, der sich wie eine Flüssigkeit überallhin ausbreitet,
ist also gar nicht so verwerflich. Ein Begriff ist jedoch nicht nur auf seinen vor­
stellbaren Inhalt, sondern auch auf seine wissenschaftliche Brauchbarkeit zu
prüfen. Er muß einen bestimmten Zusammenhang von Erscheinungen besser
verständlich machen können. In diesem Sinne erscheint uns die Idee eines
Impulsstroms zwar für eine Einsicht in die emotionelle Erregungsausstrahlung und
auch für das Zustandekommen von Ausdrucks- und Ersatzbewegungen bei
Aktivitätsbehinderung brauchbar, nicht aber zur Erklärung der Koordination
und ihrer Anpassung an die Situation.
Das Prinzip der gleitenden Koppelung ist auf den Begriff eines allgemeinen
Impulsstroms und zugleich auf die unterstellte sensible Rückwirkung aus der
Peripherie zugeschnitten. Die Frage ist jedoch, ob beim Greifen tatsächlich ein
aufeinanderfolgendes Anhalten der Fingerbeugung durch Treffen auf Widerstand
stattfindet. G oldstein verneint das m it R echt! Beim Anfassen eines bekannten
oder optisch wahrnehmbaren Gegenstandes wird die allgemeine Greifweise (z. B.
mit der vollen Hand oder zwischen Daumen und Zeigefinger), ebenso im voraus —
also „zentral" und nicht durch periphere Rückwirkung — bestimmt, wie das Aus­
maß der für die Ausführung erforderlichen Muskelkontraktionen in ihrem simul­
tanen und sukzessiven Zusammenhang. W ir greifen auf andere Weise nach einem
Gegenstand, der schwer, als nach einem, der leicht aussieht, andere nach einem
weichen als nach einem harten Ding usw. So hängt die Muskelkoordination
von der Erwartung, vom künftigen taktilen und kinaesthetischen Gestalt-Eindruck
ab, und das Greifen ist also prospektiv eingestellt. Aber keine einzige mechanische
Vorstellung, auch nicht die der gleitenden Koppelung, d. h. eine in Analogie zur
Hydrodynamik gedachte Impulsstromverteilung kann die Antizipation einer
Bewegung erklären. Aber gerade diese ist für das Greifen ebenso charakteristisch
wie für das Springen. „W ir haben einen bekannten Gegenstand schon vor dem
Ergreifen »im Griff « " 1.
Man könnte das Prinzip B sthe * noch eher verwenden, um die zum Festhalten
eines Dinges erforderliche Erhaltung der Muskelspannung zu erklären. Auch
scheinen das sinnlose Zwangsgreifen und der Greifreflex des Kindes in einer dem
Greifen einer Kunsthand verwandten mechanischen W eise zu verlaufen. Beim
pathologischen Greifreflex überwiegt der periphere (propriozeptive) Einfluß auf
die Fingerbeugung so stark, daß sogar ein schmerzhaftes Festkneifen m it einem
Unvermögen zum Loslassen die Folge sein kann. Je stärker der periphere Reiz,
um so stärker ist dieser Beugekrampf. Funktionell wäre ein solcher Bezug von
Reiz und Effekt nur, wenn man etwa an das Sich-Anklammem eines Affenjungen
an die Mutter denkt. Setzte man dieses Zwawgsgreifen als ein auf gleitender
Kuppelung beruhendes ,, Grundphänomen" voraus, so müßte man ein zweites
Prinzip, z. B. ern höheres regulatives Zentrum zur Erklärung des normalen Greifens
annehmen. Das theoretische Erklärungsschema wäre dann dem für die natürliche,
dem Boden angepaßte Bewegung angenommenen Schema gleich. Hier wird auch
ein ursprüngliches, alternierendes und mechanisches Bewegen der Extremitäten
1 GomsTBiN, K .: a .a .O . S. 65.
13«
196 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

vorausgesetzt, »fas durch ein „höheres“ Zentrum beherrscht und adaptiv der
Situation angepaßt werden soll.
Es ist viel besser, das Prinzip der gleitenden Koppelung ebenso wie das der
peripheren Regulation oder des reziproken Reflexschemas als Bilder (eventuell
als experimentelle Arbeitshypothesen) für den Verlauf der Erscheinungen in primi­
tiven Entwicklungsphasen oder bei Reduktion der organischen Integration oder
schließlich bei experimentell vereinfachten Situationen zu verwenden. Das be­
deutet aber, daß in diesen Fällen sich keine sinnerfüllte Selbst-Bewegung ent­
falten frawi; es verwirklicht sich keine funktionell differenzierte und im Zusammen­
hang m it früheren Erfahrungen antizipierende Einstellung auf die Struktur der
Situation. Auf einer frühen Entwicklungsphase ist das nicht möglich wegen der
noch undifferenzierten Beziehung von Subjekt und Objekt; nach Läsionen des
Zentralnervensystems, weil der verstümmelte Organismus nur noch zu einer un­
differenzierten Relation fähig ist,
6. Funktion und Mittel
Sowohl in der Entwicklung als auch beim organischen Abbau treffen wir bis­
weilen auf eine Phase, in der ein Mißverständnis zwischen der funktionellen
Intentionalität und den verfügbaren Ausführungsmitteln besteht oder in der die nor­
malen Mittel fehlen. Dann wird die Funktion in neuer Weise erfüllt oder zu erfüllen
v e r su c h t. Das ist auch beim Greifen der Fall, In der Entwicklung trifft man auf eine
solche Phase, wenn das Kind vom einhändigen zum Greifen mit beiden Händen
übergeht oder vor dem Greifen die Bewegung des Rumpfes oder der Beine ein­
schaltet. Bei Läsionen der Hand wird das Greifen diesem Zustand angepaßt und
anders als normal ausgeführt. Beim Fehlen der Hände kann man lernen, etwas
m it den Füßen zu ergreifen und zu halten. Sogar feinere Koordinationen, wie die
zum Schreiben und Zeichnen erforderlichen, können dann nach einiger Zeit wieder
ausgeführt werden.
Beispiele funktioneller Anpassung an veränderte somatische Zusammenhänge
teilt G ol OstEin mit1, so folgenden Versuch T rendelenuurg *. Nach einer geringen
Läsion der linken corticalen Armzone bei einem Affen gebrauchte das Tier nur
noch den linken Arm. Darauf wurde der linke Arm amputiert, wonach der rechte
Arm erneut verwendet wurde. Eine darauf vorgenommene stärkere Lädierung
des linken corticalen Zentrums hatte zur Folge, daß mit der rechten Hand keine
Nahrung mehr aufgegriffen wurde. Aber die Greifbewegung kehrte wieder, als
sie notwendig war, als nämlich das Futter außerhalb des Käfigs gestellt wurde.
Die Greifbewegungen wurden zwar nicht mehr so gut ausgeführt, aber sie fanden
doch statt, wenn die Situation das verlangte. Nach G oldstein wird auch beim
Menschen die Umschaltung durch die Unmöglichkeit, eine normale Funktion zu
erfüllen, gefördert. Kranke mit einer Armlähmung kratzen sich mit dem anderen
Arm auch an Stellen, die früher der gelähmte Arm erreichte. Diese funktionelle
Umgestaltung geschieht jedoch nur dann gut, wenn die zuständige Hand völlig
unbrauchbar ist. Ist sie nur pareiisch, so stellen sich doch noch Versuche zu ihrer
Verwendung ein, die den Ersatzgebrauch der normalen Hand stören. So sollen
Amputierte schneüer als Hemiplcgiker links schreiben lernen, wofür aber m’cAf die
meist vorhandenen allgemeinen Störungen der Hemiplegiker verantwortlich

1 G oldstmn , K .: a. a. O. S. 149.
Sprung und Wurf. (Das Ganze und die Teile.) Das Sich-Richten auf das Entfernte 197

sind. Wahrscheinlich stören die M t’fbewegungen im betroffenen Arm. Es ist auch


bemerkenswert, daß Hunde nach Amputation eines Beines gut, wenn auch mit
veränderter Koordination' laufen, während sie nach Festbinden eines Beines
an den Körper völlig hilflos sind.
Die erschwerte Funkfionsübemahme bei teilweiser Unbrauchbarkeit eines
Armes beruht auf einem funktionellen Konflikt und nicht auf bewußter Überlegung.
Das beweisen außer den Tierversuchen die Beobachtungen bei bewußtlosen
Menschen. Hier vollzieht sich das Greifen nach einem irritierenden Hautreiz mit
dem entsprechenden Arm noch sehr genau. Ist dieser Arm paretisch, so wird
zuerst doch versucht, ihn zu verwenden, und erst wenn das nicht gelingt, geschieht
das Kratzen m it dem anderen Arm.
Reizt man aber bei einem Bewußtlosen eine Hautstelle und hält die ent­
sprechende Hand fest, so treten in ihr heftige Befreiungsbewegungen auf, mit
denen Zuckungen im Gesicht und allgemeine Unruhe einhergehen. Ist die Be­
freiung des entsprechenden Armes unmöglich, so hören schließlich die allgemeinen
Reaktionen auf und es wird der andere Arm zur Reizstelle hinbewegt.
Solange sich bei Mensch oder Tier ein zuständiges Ausführungsorgan anmeldet,
d. h, für das Subjekt ah M ittel gegeben ist, besteht ein gewisser Zwang zu seiner
Verwendung, der nach Amputation wegfällt.

V H . Sprung und W urf. (Das G anze und die Teile)

1. Das Sich-Richten auf das Entfernte


Nahezu alle menschlichen Bewegungen beziehen sich auf räumlich und zeit­
lich fern oder nahe gelegene Punkte. In besonderem Maße gilt das für Sprung und
W urf, bei denen das Richtziel anschaulich gegeben ist und daher mit Recht ein
»avenir vécu« genannt werden darf. Schon für unsere allgemeinen Erörterungen
über Bewegungsraum und Bewegungszeit wählten wir nach dem Vorgang von
E . St r a u s den Sprung als Beispiel zur Demonstration der zwischen dem Subjekt
und dem Zielpunkt seiner Handlungen bestehenden zeit-räumlichen Verhältnisse.
Jetzt wollen wir uns mit Sprung und W urf beschäftigen, um ein ganz anderes
Problem zu untersuchen : das Verhältnis zwischen dem Ganzen eines Bewegungs­
ablaufs (der Bewegungsgestalt) und seinen Teilen.
W erfen und Springen haben vieles gemein. Springen kann als Werfen des eige­
nen Körpers angesehen werden. Während jedoch ein weggeworfener Gegenstand,
einmal losgelassen, seine Bahn nach mechanischen Gesetzen durchläuft, gilt dies
für den eigenen Körper nach aufgehobenem Kontakt mit dem Boden nur hinsicht­
lich der Bewegung des Schwerpunktes. Die gegenseitige Stellung der Extremitäten
dagegen kann während der freien Bahn durch die Luft noch aktiv verändert werden.
Mensch und Tier können daher während des Sprunges noch die W eise des Auf­
springens und auch die Weise, wie der Körper ein Hindernis überwindet, innerhalb
gewisser Grenzen bestimmen. Beim Sprung gibt es also (wie beim W urf) einen
Anfangsimpuls, darüberhinaus aber eine sich danach einstellende Korrektur der Be­
wegung , durch welche das Ziel genauer erreicht werden kann. Die kinematographische
Analyse zeigt uns das an Hand! zahlreicher Beispiele : beim Sprung eines Raub­
tiers auf seine Beute, eines Pferdes über ein Hindernis, beim H och- und W eit­
sprung des Menschen, beim Stabspringen und beim Tauchspringen ins Wasser.
19 8 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

Meist geht einem Sprung ein Anlauf, einem W urf eine einleitende Bewegung
von sehr verschiedener Form und Dauer voraus. Darauf folgt der eigentliche
Bewegungsimpuls, und beim Sprung schließen sich Lageänderungen der Körper­
teile beim Schweben durch die Luft sowie die Bewegungen der besonderen „Lan­
dungstechnik" an. Bei der sportlichen Leistung, bei der nach langwieriger Übung
ein maximaler Effekt erreicht wird, kann man dem Verhältnis der Bewegungs­
abschnitte zum Bewegungsganzen nachgehen. Das geschah in einer Reihe unter der
Leitung K l e m m « in Leipzig durchgeführter Untersuchungen. Es sollte dem Zu­
sammenhang zwischen Bewegungsgestalt, Impulsverteüung, Bewegungserlebnis
und subj ektiverBeurt eilung hinsichtlich obj ektiverAusführung nachgespürt werden.
Für die Theorie der menschlichen Bewegung sind diese Untersuchungen wertvoll.

2. Analyse des Sprunges


V o ig t 1 ließ eine Anzahl erwachsener Versuchspersonen und zwei Knaben (im
Alter von 7 und 15 Jahren) mit und ohne Anlauf weitspringen, wobei nicht der
Auftrag gegeben war, so weit wie möglich zu springen, sondern wobei genau an einer
bestimmten Stelle aufgekommen werden sollte. Mittels eines Apparates konnte die
Geschwindigkeit in jedem Augenblick der Bewegung verzeichnet werden. Man
konnte so ein Geschwindigkeit-Weg- (i> s) Diagramm und ein Geschwindigkeit-Zeit-
(y ¿)Diagramm gewinnen. Außerdem wurde durch Kinoaufnahmen (60— 100 Bilder
in der Sekunde) der ganze Verlauf von Anlauf und Sprung festgelegt.
Die Versuchspersonen erlebten den Sprung als Einheit. Auch das Moment des
Ahsprungs war nicht selbständig, sondern ins Gefühl der totalen Bewegung auf­
genommen. „Anlauf und Sprung sind aus einem Guß." Dagegen wurde jeder
„Fehler" subjektiv einzeln bemerkt, sowohl ein unrichtiger Anlauf als auch ein
Abspringen mit verkehrtem Bein oder ein zu hoher oder zu niedriger Absprung.
Die Versuchspersonen, welche die von ihnen verlangte Aufgabe so gut wie
möglich zu erfüllen versuchten, übersahen vor dem Start die Anlaufbahn und
bereiteten sich auf den Sprung vor. Nach dem Absprung wurde der Zielstrich, den
man erreichen sollte, nicht mehr aus dem Auge verloren und durch Bein-, Körper-
und Armbewegungen eine solche Haltung eingenommen, daß das Ziel genau
erreicht wurde. Je mehr diese Korrekturen willkürlich vollzogen werden mußten,
um so weniger „gelungen" war der Sprung. „Vollbefriedigt ist man erst, wenn man
ganz von allein aufs Ziel kommt. Man muß die Augen schließen können."
Beim Vergleich der gewonnenen Geschwindigkeits- und Beschleunigungs­
kurven mit den subjektiven Urteilen über die geleisteten Sprünge findet man
immer, wenn subjektiv das Empfinden eines guten, flotten, lockeren, entschiedenen
Sprunges bestand, einen fließenden und regelmäßigen Verlauf der Kurven, ln
diesen Fällen war die Ausrichtung auf das Ziel von Anfang an eindeutig und sicher.
„D ie Einzelstücke fügen sich willig in die Gesamtgestalt ein und ordnen sich dem
Ganzen unter."
Das Verhältnis vom Ganzen zu den Teilmomenten stellt sich beim Sprung am
klarsten heraus, wenn man die beobachteten Variationen in der Sprungweite
mit den berechneten Werten vergleicht. Die vom Schwerpunkt des Springers
durchmessene Bahn ist eine Parabel, die durch die Geschwindigkeit (e) und den
1 V oigt, R . : Über den Aufbau von Bewegungsgestalten. Neue Psychol. Studien, Bd. IX ,
H. 1, S. 5— 32. München 1933.
Untersuchungen über das Werfen 199

Winkel (a) im Augenblick des Abspringens bestimmt wird. Aus den Kinoaufnah­
men kann man diese Schwerpunktsbahn bestimmen und mit einem Chronoskop
die Zeit zum Durchmessen des ganzen Weges feststellen.
Die berechneten Geschwindigkeiten sind verhältnismäßig gering. Sie betragen
beim Erwachsenen für einen Sprung mit Anlauf etwa 5 m/sec, bei Kindern etwa
3 m/sec. .Diese Werte sind geringer als dem Gefühl des „Darüber-hinweg-Fliegens"
entsprechen würde. Der Winkel, unter dem man springt, wechselt, aber er nähert
sich — besonders' bei ohne bestimmte Technik springenden Knaben — einem
Wert von 45°, d. h. dem W ert einer möglichst ökonomischen Leistung.
Aus der Variation von c und a kann man die Variation in der Sprungweite
berechnen. Für Erwachsene findet man so eine Variation von durchschnittlich
1/55, für Kinder von 1/40 von der ganzen W eite. In W irklichkeit betragen diese
Werte jedoch 1/85 und 1/60. „Das lebendige Ganze geschieht also wesentlich
besser und genauer, als die bloßen Schwankungen der Teilstücke es nach sich
ziehen m üßten." Die Teñe fügen sich dem Ganzen und wirken nicht, wie bei
einer mechanischen Bewegung, abhängig voneinander. Wenn sich die lebendige
Bewegung, in diesem Fall der Sprung, durch Übung -genau, fließend und
konstant vollzieht, so bedeutet das nicht, daß Anfangsgeschwindigkeit und
Anfangswinkel zu konstanten Werten erstarren. In der Bewegungsganzheit
werden die wechselnde Geschwindigkeit und der variierende Winkel zu einer
Einheit vereinigt, wodurch das Ziel erreicht wird.
Schließlich hat V oigt aus dem Unterschied zwischen Sprüngen bei normaler
Beleuchtung und Sprüngen im Dunkeln die Bedeutung der erwähnten Haltungs­
korrekturen in der zweiten Hälfte der Bahn (Dauer etwa 0,25 sec) erforscht. Die
Präzision der geübten Springer wird bei optischer Kontrolle, welche die korrekti­
ven Bewegungen ermöglicht, mehr als verdreifacht. Die ungeübten Versuchsper­
sonen sprangen jedoch im Dunkeln besser, subjektiv leichter, lockerer, während
sie das Gefühl hatten, im Hellen mit mehr Überlegung und „Berechnung“ und
dadurch weniger sicher zu. springen.
3. Untersuchungen über das Werfen
A u di bei der Würfbewegung tritt das Problem des Verhältnisses der Gesamt­
gestalt zu den Einzelstücken der Bewegung wieder hervor. Es liegen darüber drei
Studien vor: eine Arbeit Stimpelb über das gewöhnliche Werfen mit einem
Ball nach einem Ziel, sowie Arbeiten O esers und Siegers über Speer- und
Diskuswurf, also über echte sportliche Leistungen.
Bei der erstgenannten Untersuchung1 war der Auftrag sehr einfach. Die Ver­
suchspersonen sollten mit einem kleinen elfenbeinernen Ball einen auf einem Tisch
vorgezeichneten Zielpunkt aus einer Entfernung von 5 m treffen. Die unterlaufe­
nen Fehler und die W urfzeit wurden durch einen Apparat registriert. Jede
Prüfungsreihe bestand aus ungefähr 20 Würfen und täglich wurden von jedem der
Teilnehmer 1— 2 Reihen aufgenommen. Im Verlaufe einiger W ochen wurde hier­
durch das Ergebnis bedeutend verbessert.
Die Bahn der Kugel ist natürlich ganz durch die Anfangsgeschwindigkeit und
den Wurfwinkel bestimmt, so daß sich als erstes die Frage ergibt, wie diese Größen
bei zunehmender Übüng variieren und sich zueinander verhalten.
1 Stimfel , E .: Der W urf. Neue psychol; Studien, Bd. IX , H. 2, S. 105— 139. München
1933.
20 0 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

Der am weitesten tragende Wurfwinkel beträgt wie beim Sprung 45°. Bei
gleicher Wurfgeschwindigkeit nimmt die Wurfweite bei größerem oder kleinerem
Wurfwinkel ab. Das gewünschte Resultat kann dann aber durch eine geringe Ver-
größerlmg der Geschwindigkeit, also des Impulses, doch erreicht werden. Das tut
man „unbewußt'1. Im Verlauf der Versuche, bei zunehmender Sicherheit der
Bewegung, stellte sich eine Vergrößerung des Wurfwinkels um einige Grade
heraus. Einer der Teilnehmer wählte von Anfang an einen Winkel von 44° 30' und
behauptete bis zum Ende der Versuche diesen sehr günstigen Wurfwinkel. Der
beste Werfer begann mit einem Winkel von 40° 20' und vergrößerte diesen in der
zweiten Hälfte der Versuche auf 43° 30'. Die Ergebnisse zeigen im allgemeinen,
daß die Verbesserung des Ergebnisses zum Teil auf einen günstigeren Wurfwinkel
zurückgeht.
Bei dem von allen Versuchspersonen unbewußt gewählten Winkel von etwa
45° ergibt sich der geringstmögliche Kraftaufwand. Das Empfinden der Änderung
eines Sinneseindrucks folgt dem WEiERschen Gesetz, wonach stets ein
bestimmter Prozentsatz des Totaleindrucks im Sinne einer Änderung bemerkt
werden kann. So empfinden wir einen Gewichtsunterschied, wenn er ungefähr
1/40 des Gesamtgewichtes beträgt. Um im Wurfversuch einen möglichst geringen
Fehler zu machen, muß man daher eine möglichst geringe Variation der Muskel­
kraft bemerken können, wozu diese Kraft so klein wie möglich gewählt werden
muß. Daß man das tatsächlich tut, zeigt die Wahl des Wurfwinkels und das Über­
wiegen der zu kleinen Wurfweiten über die zu großen.
Berechnet man die mittleren Fehler aus den Variationen von Wurfwinkel und
Wurfgeschwindigkeit, so erhält man einen W ert, der bei allen Versuchspersonen
größer ist als der wirkliche Durchschnittsfehler. Ebenso wie beim Springen stellt
sich also auch beim Werfen eine gegenseitige Beziehung zwischen den Komponenten
ein, die die ganze Leistung bestimmt. „Wurfwinkel und Wurfstärke stellen sich
unter der Herrschaft einer ganzheitlichen Zieleinstellung her." Der geübte W erfer
unterscheidet sich vom ungeübten nicht nur durch eine größere Sicherheit in der
Beherrschung von Wurfwinkelund Wurfgeschwindigkeit. Vielmehr variieren bei Ihm
diese bestimmten Faktoren nicht unabhängig voneinander, sondern im Zusammen­
hang und unter Einfluß der Gesamtbewegung. Die durch beide Faktoren be­
dingten Fehler werden dadurch ausgeglichen1. Der werfende Mensch ist nicht
mechanisch auf das Ziel eingestellt. Indem er sich übt, das Ziel immer genauer zu
treffen, versucht er nicht, bei einem gleichbleibenden Impuls allmählich den
günstigsten Wurfwinkel und ebensowenig bei konstant gehaltenem W inkel die
entsprechende Wurfkraft zu finden, sondern er übt eine solche Kombination von
Wurfwinkel und Wurfgeschwindigkeit, daß das Ziel getroffen wird. So sagt
K l e m m 2 in einem seiner Leitsätze zu einer Psychologie der Leibesübungen: „D ie

1 Für den Hainmersclilag ergab sich Entsprechendes bei A. D erwort : Zur Psychophysik
der handwerklichen Bewegungen bei Gesunden und Himgeschädigten. Beiträge aus der
Allgemeinen Medizin. Stuttgart 1948, 4. Heft.
Die Beschleunigungskurve eines gelungenen Schlages stellt eine kubische Parabel dar, die
ans 2 Komponenten entsteht: Aus einer gleichbleibenden und einer mit der Zeit wachsenden
Kraft. Beide Komponenten werden zusammen mit der Hubhöhe in gegenseitiger Abhängig­
keit wieder unter Einordnung in die Gesamtbewegung variiert.
1 K l e m m , O .: Zwölf Leitsätze zu einer Psychologie den, Leibesübungen. Neue psychol.
Studien, Bd. IX , H. 4, S. 391. München 1938.
Untersuchungen über das Werfen 201

durchgegliederte Bewegungsgestalt erhebt sich über das Einzeltun; denn das


Ganze läuft genauer ab als seine Teile.”
Sportliche Leistungen wie Speer- und Diskuswurf unterscheiden sich von den
alltäglichen Handlungen durch die Tendenz zum Erreichen eines maximalen
Ergebnisses. Das wird nur durch eine umfangreiche Koordination von Muskel­
gruppen erreicht, so daß die hierdurch dem geworfenen Gegenstand gegebenen
Impulse auf möglichst günstige Weise Zusammenarbeiten.
In der Untersuchung O esers1 wurde die „Im pulsgestaltung" durch die Analyse
einer Anzahl von Filmaufnahmen (100 Bilder/sec) bestimmt, wobei Anfang und
Ende der durch die einzelnen Muskelgruppen bewirkten Impulse aus den Be­
schleunigungen ablesbar sind. Beim Speerwurf werden die Kräfte der Reihenfolge
nach durch die Muskeln, die Fuß, Knie, Schulter, Ellenbogen und Handgelenk
bewegen, geliefert. Diese Bewegungen folgen aufeinander, die Impulse wirken
also nicht gleichzeitig. Die Kraft durchläuft den Körper des. Werfers wie
eine W elle, die am Fuß anfängt und hei der ausgestreckten Hand endet.
Bei Ungeübten sind die Impulse nicht so gut koordiniert, sie greifen ineinander
und stören sich dadurch. Beim Geübten dagegen treten die Einzelimpulse
nicht gesondert nacheinander auf, sondern schließen sich zu einem Ganzen
zusammen.
Aus den Kinoaufnahmen geht weiter hervor, daß die Bewegungsbahnen der
verschiedenen Körperteile schließlich eine der Wurfrichtung des Speeres parallele
Ausrichtung erlangen. Das ist wieder von der Geübtheit des Werfers abhängig.
Der Sportler erlebt seine Leistung als eine Einheit und zwar um so stärker, je
ungestörter, fließender und erfolgreicher sie verläuft. Das Beachten einer Einzel­
bewegung, etwa von Fuß, Hand, Hüfte oder Schulter, bewirkt eine Störung des
objektiv und subjektiv fließenden Verlaufs. Die geringste Störung verursacht
noch das Achten auf die Handbewegung, weil nämlich — nach Oeser — die Hand­
bewegung dem für die ganze Bewegungsgestalt „dom inanten“ Impulsverläuf am
meisten entspricht.
Das wichtigste Ergebnis der Filmanalyse betrifft den Verlauf der Beschleuni­
gungen und der Impulse. Stellt man die Gesehwindigkeits- und Beschleunigungs-
änderungen in Kürven dar, so stellt sich heraus, daß sowohl die Geschwindigkeit als
auch die Beschleunigung beim geübten Speerwerfer gleichmäßig ansteigen und
beide Kurven den gleichen Verlauf haben2.
Leitet man aus, der Beschleuöigungskurve die Impulskurve ab, so zeigt sich,
daß ihr Verlauf einer Exponentialfunktion entspricht. Auch beim wenig Geübten
fällt ein Teil der Impulskurve (Schulter- und Amnarbeit) mit einer exponentiellen
Kurve zusammen, aber es besteht im übrigen eine wichtige und zwar unregel­
mäßige Abweichung, Berechnet man den Exponenten c der Gleichung y ~ e?x
für die verschiedenen Versuchspersonen, so stellt sich dieser als eine vermutlich
1 Oeser , M.: Über den Speerwurf. Neue psychoi. Studien, Bd. IX , H. 3, S. 213— 234.
München 1936.
* Die Geschwindigkeit ist der Differentialquotient des Weges nach der Zeit, die Beschleuni­
gung der 1. Differentialquotient der Geschwindigkeit nach der Zeit oder der 2. des Weges
nach der Zeit. Da Gesehwindigkeits- nnd Beschleunigungskurve eine gleiche Form haben,
müssen der genannte 1, und 2. Differentialquotient gleich sein. Das gilt nur für die exponen­
tielle Kurve. Für die Geschwindigkeitskurve gilt: v — ect und für die Beschleunigungskurve:
b = c tf*.
202 Exemplarische Reaktionen und Leistungen

von Muskelkraft und Muskelmasse abhängige „persönliche" Größe heraus. Die


Frage, weshalb sich der Impulsverlauf einer exponentiellen Kurve annähert, kann
weder physiologisch noch aus dem Prinzip der minimalen Anstrengung bei maxi­
maler Wirkung erklärt werden. Diese Weise des Anwachsens des dem Muskel
gegebenen Impulses ist für das Erleben der angestrengten Leistung am be­
friedigendsten. Das im Bewegungsvollzug immer raschere Anwachsen der Kraft
und damit der Beschleunigung und Geschwindigkeit geht mit dem optimalen
Erlebnis einer maximalen, immer stärkeren Anstrengung und einer ungeteilten,
fließenden Gesamtbewegung einher. Im Streben nach subjektiv optimaler Ge­
staltung stellt sich ein objektiv idealer Impulsverlauf ein, und gerade das wird
durch die Übung dieser sportlichen Leistung erreicht1.
Während sich zuerst die durch die verschiedenen Muskelgruppen der Körper­
teile gegebenen Impulse nur unvollkommen zusammenschließen, wie aus dem
unregelmäßigen Anwachsen der Impulskurve hervorgeht, kommt es später zum
fließenden Verlauf und damit zur typischen motorischen Gestaltqualität, für deren
Erlebnis wir wieder keine andere Bezeichnung als „fließender, ungeteilter Verlauf"
besitzen.
Die Untersuchung des Diskuswurfs, die, ebenfalls unter der Leitung K lemm «,
von Steger * ausgeführt wurde, bringt keine grundsätzlich neuen Gesichtspunkte,
liefert aber eine ausgezeichnete Bestätigung der bei dem Studium des Speerwurfs
gewonnenen Ergebnisse. Auch hier vollzieht sich eine sehr komplizierte, explo­
sive Bewegung, bei der durch Zusammenarbeit von Bein-, Rumpf- und Arm­
muskeln ein in einer exponentiellen Kurve steigender Impuls entwickelt wird.
Zwischen Geübten und Ungeübten findet sich der gleiche Unterschied wie beim
Speerwurf. Der ganze Wurf läuft in ungefähr 0,35 sec ab und wird bei guter Aus­
führung als ein ungeteiltes Ganzes erlebt. Steger sagt dazu: „J e mehr sich die
Impulse ineinander einspielen, um so stimmiger ist der Wurf. Beim geglückten W urf
erreicht im Einzelfalle die Selbstbeobachtung nicht die Präzision des Erlebnisses ;
nur das Gefühl ist da, daß der W urf geglückt ist. Dieses Gefühl ist um so stärker,
je weniger an Einzelheiten unterscheidbar ist." „D er Verlauf der Impulse ist es,
der die Bewegungsgestalt innerlich fest zusammenhält und um schließt." Der
Werfer bemerkt denn auch keine Störungen der Bewegungskoordination, sondern
nur Veränderungen der totalen Impulsgestalt.

4. Die vollkommene Bewegungsgestalt


Für die Didaktik sportlicher Leistungen folgert die Leipziger Schule aus diesen
Untersuchungen, das Üben d er,, Gesamtbewegung'' müsse gegenüber dem Erlernen
der Einzelbewegungen (beim W urf etwa der Kniestreckung und des Aufrichtens des
Rumpfes) den Vorzug haben. Während beim W urf eines Ungeübten nach d wn
Ausdruck K lemm * „die Impulse zerflattem “ , werden sie beim Geübten „in eine
geschlossene Form gegossen: die Geschwindigkeit der Faust steigt makellos nach
1 Christian , P. (Vom Wertbewußtsein im Tun. Beiträge aus der Allgemeinen Medizin.
Stuttgart 1948. 4. Heft.) hat sehr schön gezeigt, daß es nicht angängig ist, dem Tun einen
konstruktiven Plan unterzuschieben, der zu einem „gesetzmäßigen" idealen Impulsverlauf
führt. Vielmehr: „Im motorischen Vollzug werden eben diese Gesetze als erfüllt oder verletzt
erlebt in der Sphäre des Wertbewußtseins.''
* Steger , G.: Über den Discuswurf. Neue psychol. Studien, Bd. IX , H. 4, S. SSS— 382.
München 1938.
Die Problematik der Ausdrucksbewegungen. Ausführung und Ausdruck 2 03

dem Exponentialgesetz an. Jetzt fließen alle Impulse in höchster Reinheit:


Kraft paart sich mit Schönheit, Leistung mit Ausdruck". Es liegt also im Vollzug
einer sportlichen Impulshandlung das Streben nach Vollkommenheit. Man kommt
ihr nahe durch den Zusammenhang der Bewegungkomponenten, die nur durch die
einordnende Relation der Impulse ermöglicht wird. Die exponentiell ansteigende
Impulsivität beim W urf, die Beschleunigung des Anlaufs zum Sprang finden
ihren Endpunkt im Wegwerfen und Abspringen, das zur Sicherung des größt­
möglichen Erfolgs nicht nur mit maximaler Kraft,*sondern auch in der richtigen
Weise geschehen muß. Speer und Diskus müssen dem geringsten Luftwiderstand
auf ihrer Bahn begegnen. Hoch- und Weitsprung erfordern noch eine Korrektur
der Körperhaltung, die jedoch schon beim Absprung vorbereitet sein muß. Sehr
schön zeigen das die durch K n q l l 1 veröffentlichten Filmaufnahmen des Hoch­
sprungs in seiner technisch verschiedenen Ausführung, wobei die Bewegungen
nach dem Verlassen des Bodens die Fortsetzung des Abspringens selbst darstellen.
Der Vergleich eines Bewegungsvollzugs von ausgeprägter Gestalteinheit mit
der Bewegungsform einer Melodie drängt sich uns immer wieder auf, namentlich
wenn wir mehr an die musikalische Reproduktion als an das Zuhören denken. Bei
dieser Wiedergabe hat der geübte Tonkünstler die ganze Melodie, die er spielen
wird, virtuell bereits in sich, nur noch nicht in der Zeit entfaltet. Von dieser Art
d es,.Habens" können wir uns keine Vorstellung machen und sie daher nur negativ
begrifflich ausdrücken. Man sagt wohl, der Künstler wisse, was er spielen werde,
so wie man weiß, was man sagen will. Auch der geübte Sportler weiß, was er bei
einem W urf oder Sprung tun wird. Aber dieses Wissen offenbart sich nur im Tun,
und auch subj ektiv weiß man nur, daß man es weiß, indem man es tut. W ir bezeichnen
das m it „etwas tun können“ ; d.h, mit einem Begriff, der die unvorstellbare Potentia-
lität bezeichnet. Etwas sagen oder spielen können, zu springen und zu werfen ver­
mögen, bedeutet also, daß schon der erste realisierte Bewegungsabschnitt auf das, was
noch kommen muß und also auch auf den unmittelbar nachfolgenden Teil, der
sich in statu nascendi befindet, bezogen ist. Das gestaltete organische Ganze ent­
wickelt sich aus einem amorphen Ursprung, der die Form im plicite und un­
anschaulich enthält.

D. Die Problematik der Ausdrucksbewegungen


1. Ausführung und Ausdruck
Das Tier-Sein oder die Selbst-Bewegung verwirklicht sich auch im Medium des
menschlichen Person-Seins, im In-der-W elt-Sein, das sich handelnd in seiner
Eigenständigkeit behauptet. In diesem Handeln erfüllt sich die funktionelle
Wechselwirkung m it der Außenwelt, die auf Abhängigkeit beruht und auf Unab­
hängigkeit von der Außenwelt gerichtet ist. Dieser doppelsinnige Charakter der
Relation zur Umwelt gründet im Wesen der tierischen Existenz und äußert sich in
Autonomie und Folgsamkeit, in Selbst-Bewegen und Bewegt-Werden. So lebt das
Tier in einer Doppelung des Daseins, hi einer gegensätzlichen Einheit von äußerem
und innerem Leben, die wir Beseeltheit nennen. Aus dieser Beseeltheit lebt auch
der Mensch, aber im Gegensatz zum Tiere vermag er sich selbst in dieser Doppel­
sinnigkeit zu erfahren.
1 K n o l l , W . : Der Bewegungsablauf bei sportlicher Arbeit. Leipzig 1936.
204 Die Problematik der Ausdrucksbewegungen

Ein unabweisbares Bedürfnis nach Vertrautheit mit dieser elementarsten


Erfahrung unserer Existenz drängt uns, uns das Verhältnis von Innerem und
Äußerem räumlich so einfach wie möglich vorzustellen. Es gestaltet sich dann das
Bild einer unsichtbaren organisierten Einheit, die „zentral" in K opf oder Herz
ein eigenes Leben führt, das genährt wird von einem Strom von Eindrücken, die
durch Empfangsorgane vermittelt werden, und das sich in einem Strom von
Impulsen äußert, die sich in wirkenden Organen entladen.
Diese doppelseitige, passive und aktive, mehr oder weniger zufällige
Veränderlichkeit unserer äußeren Erscheinung und der ihr entsprechenden
Außenwelt zwingt uns angesichts der in jedem Augenblick gegenwärtigen zeit­
lichen Beständigkeit des Daseins, die Innerlichkeit als beharrliches Substrat des
wechselnden Spiels von Eindrücken und Bewegungen zu deuten. Wir können
nicht umhin, diese beseelende Mitte als Medium von Tendenzen, Intentionen,
Antrieben, Affekten und Begierden zu betrachten, die hier spontan gebildet oder
ausgelöst werden und die sich in den Bewegungen äußern.
DieseÄußerung kann sich zweifach vollziehen: durch A usführung und durch A us-
druck. Diese Begriffe entsprechen den beiden Grundkategorien sinnvoller A ktivi­
tät, die wir in unserer Erörterung der Systematik als die möglichen Weisen eines
sinnvollen tierischen Verhaltens kennengelemt haben. Alles, was ein Tier oder
Mensch tv,t, kann nur entweder als Handlung oder als Ausdrucksbewegung be­
griffen werden.
Der mögliche mechanische Aspekt des' Organismus fügt diesen beiden Formen
motorischer Erscheinungen noch zwei weitere hinzu. Erstens den Begriff Reflex
oder Reaktion, Widerhall oder Rückstoß, wobei das „Zentrum " zwar nur als Wende­
punkt gedacht wird, durch die Struktur des Organismus aber dennoch — wie
bei einer Maschine — ein sinnvolles Geschehen möglich bleibt. Zum anderen bietet
der mechanische Aspekt die Möglichkeit eines Ausfließens oder Ausstrahlens
(Irradiation). Es käme dabei zwar etwas aus dem Innern (Zentralen) hervor, nicht
jedoch als etwas sinnvoll Geformtes, sondern als ein in einem Bett fließender
amorpher Strom oder allgemeiner als eine Art Energie, deren Ausbreitung nur
von dem System der Widerstände abhängt.
Ein zentrifugales funktionelles Verhältnis von Innerem und Äußerem, wobei
ersteres als gestaltende Ursache gedacht wird, ist mit der Vorstellung eines mecha­
nischen Schemas unvereinbar. Das Bild der Beseelung, welches das tierische
Verhalten uns aufdrängt, führt nicht nur notwendig zu den Begriffen Ausführung
und Ausdruck, sondern auch zur Annahme einer Gestaltung des Körpers durch
die „Seele". Der Leib wird dann als ein folgsames Seiendes gedacht. Er kann
verfügbares Organ oder plastisches Material sein.
Als verfügbares Organ stellte der Leib einen „A pparat" von relativer Selb­
ständigkeit dar. Von eigenem Bau, wäre er zwar instrumenteil für die Ausführung
verfügbar, gäbe aber das Innere nicht auf dessen sondern auf seine eigeneWeise wieder.
Als plastisches Material wäre er amorph und strukturlos wie Lehm, aber doch
von einer gewissen zusammenhängenden Konsistenz zu denken. W ie der
Lehm die von außen aufgedrängte Form vollständig annimmt, so müßte in seiner
plastischen Fügsamkeit der Leib die vom Innern ausgehende Formgebung offen­
baren und die ihm aufgeprägten Formen in einem mehr oder weniger statischen
Bild bewahren.
Leibliche Eigenschaften, die den Ausdruck ermöglichen 205

2. Leibliche Eigenschaften; die den Ausdruck ermöglichen


Der zweckmäßige Zusammenhang zwischen edlen organischen Formen und
Funktionen berechtigt uns zur Frage nach den. für; das Zustandekommen jeder
Kategorie von Funktionen geeignetsten Strukturen. Früher habe ich zu
zeigen versucht, daß die tierische Existenz terst du roh das innere Skelet und seine
Bewegungsmöglichkeiten ihre höchste Sinnerfüllung in der Befreiung gegenüber
der Außenwelt erreichen kann1.
Physiologisch ist es begreiflich, weshalb Bewegungen andere Muskelstrukturen
erfordern als das Verharren in Haltungen. Man. kann verfolgen, inwiefern in
unserem Körper diesen Anforderungen Genüge geleistet wird. Das geschah etwa
in unseren Erörterungen über die myotatischen Reflexe, die das hervorragende
Mittel zur Ermöglichung einer elastischen Haltung sind.
Jetzt wollen wir unser Augenmerk auf die Frage richten, welchen Anforderun­
gen der Körper oder ein Körperteil genügen muß, um als Medium, in dem das
Innere zum Ausdruck kommen kann, geeignet zu sein. In allgemeinem Sinne
haben wir diese Frage schon beantwortet, als wir sägten, der Leib müsse plastisch
wie der Lehm zum Modellieren sein. Aber mit Recht wird man einwenden, der
Leib sei einem homogenen amorphen Material doch kaum ähnlich, so daß diese
Andeutung also nur den W ert pner Metapher hat.
In der Muskelphysiologie bildet der Begriff der Plastizität einen Gegensatz zur
Elastizität der Muskeln. Ein Muskel ist plastisch, sofern eine Änderung der
Länge nicht mit einer Spannungsänderung einhergeht. Das ist bei den
glatten Muskeln in hohem Maße der Fall, so daß diese als Wandbekleidung von
Blutgefäßen und Eingeweiden besonders geeignet sind. Die Frage, wie weit
auch die Skeletmuskeln Plastizität besitzen, ist noch nicht mit Sicherheit zu be­
antworten. W ohl ist bekannt, daß der sog. plastische Tonus nicht auf einer Eigen­
schaft der Muskeln selbst, sondern auf der Art der Innervation und auf der Zu­
sammenarbeit der Muskeln beruht. Unsere Frage kann also nicht dahingehend be­
antwortet werden, daß der Leib diese bestimmte Muskelart besitzen müsse, um den
Ausdruck des Innern zu ermöglichen. Welche Vorteile könnte das auch bieten ?
Selbst wenn der Mensch eine Anzahl glatter Muskeln an seiner Oberfläche besäße,
so verliefen diese doch in einer bestimmten Richtung und könnten also kein
anderes Bewegungsbild als die gewöhnlichen Skeletmuskeln hervorbringen. Die
Bewegungen würden nur langsamer entstehen und verschwinden, und die Verkür­
zungen könnten auch ohne bleibende Innervation anhalten. Diese beiden Eigen­
schaften bedeuteten jedoch für den Ausdruck keinen Vorteil. Denn die inneren
Bewegungen, die Erregungen, Intentionen und Vorstellungen, die sich im Leibe
ausdriieken, können sehr rasch wechseln ; das „Ausdrucksmaterial' ‘ muß daher auch
rasch beweglich sein und also aus quergestreiften Muskeln bestehen. Auch muß die
Kontraktion ständig von der Innervation abhängen, denn nur so ist der ununter­
brochene Bezug zwischen innerem Leben und äußerer Erscheinung zu verwirklichen .
Es ist also verständlich, daß Muskeln vom gleichen Typus wie die Skelet­
muskeln für die Ausdrucksfähigkeit verfügbar sein müssen. Das ist denn auch
tatsächlich der Fall: Die Gesichtsmuskeln sind schnell zu kontrahierende,
quergestreifte Muskeln. Ihre Innervation erlaubt feine Variationen in der Länge
und im T onus. Nicht dpfch eine besondere Muskelart, sondern aus ganz
1 B uytendijk , Traité de Psychologie animale. Paris 1952.
206 Die Problematik der Ausdrucksbewegungen

anderm Grande ist das Antlitz mehr als irgendein anderer Körperteil zum Aus­
druck geeignet. Das Antlitz ist plastisch durch die Anordnung der Muskeln, ihren
Verlauf und die Insertion. Dadurch kann es nach allen Richtungen bewegt
werden1.
Die besondere Eignung des Antlitzes zum Ausdrucks„feld" des Gemüts,
werden wir erst dann einsehen können, wenn wir erörtert haben, was im
Leibe zum Ausdruck kommt. Vorläufig mag die Bemerkung genügen, daß nicht
nur Verbreiterungen und Verschmälerungen, symmetrische und asymmetrische
Verschiebungen möglich sind, sondern daß auch die Gesichtsmuskeln, insbesondere
die des Mundes und der Augen als „Öffnungen" zur Wiedergabe dynamischer
innerer Zustände eine Mannigfaltigkeit von Formänderungen bewirken können.
Auch kann das Antlitz im ganzen oder in seinen Teilen gespannt oder entspannt
aussehen.
Lediglich Verschiebungen nach vom und rückwärts kann das Antlitz nur in
geringem Maße ausdrücken. Zwar können die Augen auch vorquellen oder ein­
sinken, die Lippen vorgestreckt oder eingezogeri werden ; aber um die innerlich
heftig erlebten und virtuell ausgeführten Bewegungen in vor-rüekwärtiger Rich­
tung zum Ausdruck zu bringen, muß die Bewegung des Antlitzes mit einer des
Kopfes (eventuell des Rumpfes oder der Arme) kombiniert werden.
Es leuchtet daher ein, daß erst der menschliche Leib mit seiner aufrechten
Haltung und freien Beweglichkeit von K opf und Armen die volle Möglichkeit zum
Ausdruck aller Gemütsbewegungen bietet.

3. Das Verhältnis von Ausfuhren und Ausdrücken


Die beiden Kategorien der animalischen Aktivität, das Handeln und die Aus­
drucksbewegungen, stehen im Zusammenhang. Diese Beziehung wird zunächst
durch die Haltung hergestellt, die sowohl Ausgangszustand für das Handeln als
auch Endphase einer Ausdrackshewegung sein kann. Zum anderen zeigt sich
dieser Zusammenhang In der Tatsache, daß im Handeln auch etwas zum Aus­
druck gebracht wird, und daß umgekehrt jede Ausdrucksbewegung Merkmale des
Handelns aufweist. Schließlich muß dieser Zusammenhang genetisch betrachtet
werden. Damit kommen wir der Frage nach dem Primat der einen oder der ande­
ren Kategorie näher und zugleich dem seit D a r w in immer wiederkehrenden Pro­
blem, ob nicht jede Ausdrucksbewegung ursprünglich eine Handlung gewesen sei
und davon nur ein Überrest, ein „Rudim ent" wäre, oder aber, ob sie eine Repräsen­
tation, ein „ Gleichnis" (K l a g e s ) einer Handlung sei.
Jede Bewegung ist eine Zu- oder Abwendung. B ü h l e i 3 unterscheidet nach
E n g e l drei Grundtypen des Beginns jeden Verhaltens; die positive Zuwendung
als Einleitung zum Verfolgen eines Zieles, die negative Zuwendung, die zu An­
griff oder Verteidigung führt und das Sich-Ab wenden, das in Flucht übergehen kann.
Diese „Bezugswendungen" sind in den Ausgangshaltungen der Handlungen
repräsentiert. Die Richtung ist denn auch nicht nur ein formales Merkmal der

1 Daß das Antlitz tatsächlich plastisches Material sein muß, um alle Ausdrucksnuancen
wiedergeben zu können, kann man auf eine hübsche Weise demonitrieren an den vor Jahren
erhältlichen Gesichtern aus Gummi, die zur Belustigung von Kindern und Erwachsenen auf
leichten Druck in irgendeiner Richtung die überraschendsten Ausdrücke zeigen.
1 B ühler, K .: Ausdruckstheorie. Jena 1933.
Das Verhältnis von Ausfuhren und Ausdrücken 207

Handlung, sondern sie ist insbesondere eine Eigenschaft der Haltung, von der die
Handlung ausgeht. Wie K a f k a 1 bemerkt hat,ist für eine bestimmte Aktivität nicht
das Sich-Einstellen auf eine gewisse Richtung das Entscheidende, sondern das, was
das Tier oder der Mensch mit dem Gegenstand „ machen will“ . Deshalb bestehen
Unterschiede in der Weise, wie sich ein Hund einem anderen, befreundeten
oder feindlichen Hund, seinem Herrn, einem Hasen, seinem Freßtrog oder dem
Ofen nähert. Diese Unterschiede sind schon zu Beginn der Handlung und in vielen
Fällen bereits an der Ausgangshaltung festzustellen. Indem so über eine reine Be­
reitschaft zur Bewegung in eine bestimmte Richtung hinaus in der Ausgangshal­
tung sich zeigt, was das Subjekt mit dem Objekt machen will, kann diese denn auch
nur in zeitlicher Hinsicht als Beginn der Handlung angesehen werden, funktionell
aber ist sie „Vorwegnahme“ künftiger Aktivität.
Die Ausgangshaltung einer Handlung ist nicht einfach vorhanden, sondern sie
muß sich erst aus einem Ruhezustand entwickeln. Wenn z. B. während ich sitze und
lese, jemand eintritt, so erhebe ich mich und es ergibt sich nun eine stehende
Haltung als Ausgangsposition meiner Begrüßung. In diesem Stehen ist die W eise,'
auf die ich dem Besucher entgegentreten werde, schon vorweggenommen. Die
Haltung hat dann immer einen Doppelaspekt, indem sie sowohl die Initialphase
der Handlung als auch die Endphase des Ausdrucks einer intentionalen (und
affektiven) Emsteilung darstellt, wie sie sich aus der Situation gebildet hat.
Welcher dieser beiden Aspekte jeweils gültig ist, hängt von dem Grad der Selb­
ständigkeit der Haltung gegenüber dem anschließenden Handlungsverlauf ab.
Es ist unrichtig, mit P i d e k it 2 eine Ausdrucksbewegung mit der Initialphase
einer Handlung zu identifizieren. Nur wenn der Anfang der Handlung, die Ent­
wicklung der Ausgangshaltung für sich steht und sich sehr ausgeprägt vom weite­
ren Handlungsverlauf absetzt, kann man .von einer ausdrückenden Haltung
sprechen. Diese Haltung vertritt dann die innere Einstellung. Das Entstehen der
Körperhaltung ist dann eine Ausdrucksbewegung, die sich entsprechend der
Gemütsbewegung („W allung“ , K l a g e s ) entwickelt.
Bei niederen Tieren vollziehen sich Handlungen wie Annäherung, Flucht,
Angriff oder Abwehr aus einer indifferenten (Ruhe)Haltung als ungeteilte Einheit.
Selbständige Initialphasen fehlen. Nur bei Säugetieren und Vögeln, bisweilen auch
bei hoch entwickelten Arten niederer Tiere (z. B. dem Octopus unter den W eich­
tieren oder den Ameisen unter den Insekten) sieht man das Auftreten einer Anzahl
ausgeprägter Haltungen, also mehr statischer motorischer Äußerungen, die von
Handlungen deutlich unterscheidbar, als Ausdruckserscheinungen aufgefaßt
werden können.
Zweitens, so sagten wir oben, kann sich der Zusammenhang von Ausführen und
Ausdrucken offenbaren, indem im Handeln etwas zum Ausdruck kommt. W ir
haben das zielgerichtete Handeln in seinen Merkmalen von den ziellosen Ausdrucks­
bewegungen unterschieden. Dieser Unterschied ist so fundamental, daß gerade er
zur Unterscheidung zweier Kategorien animalischer Funktionen führte. Diese
Funktionen sind jedoch keineswegs stets geschieden.
In jeder Handlung von deutlich intentionalem Charakter— nicht also in auto-
matischen oder reflexartigen Bewegungen — drückt sich die prospektive Tendenz
1 K afka , G .: Grundsätzliches zur Ausdruckspsychologie. Acta psychol. 111, 237 (1937).
* P iderit , T h . : Mimik und Physiognomik. Detmold 18S6.
208 Die Problematik der Ausdrucksbewcgungen

(das Streben) als eine Gespanntheit auf ein Ziel hin aus. Dieser Ausdrucksgehalt
prägt sich der ganzen Ausführangsweise der Handlung auf und zeigt sich an all­
gemeinen dynamischen Merkmalen, am Bewegungsumfang, an der Geschwindig­
keit und den tonischen Komponenten. Im vorbereitenden Stadium ist das Streben
nach dem Ziel am stärksten, und es wird als innere Bewegtheit und Spannung, als
Affekt erlebt. Im Fortschreiten der Ausführung lassen Spannung und Bewegtheit
nach, um beim Erreichen des Zieles in Entspannung und Ruhe umzuschlagen.
„D ie Verwirklichung einer Intention ist daher ihre Selbstaufhebung. Daraus
folgt jedoch, daß sich eine Intention nicht in der Durchführung der intendierten
Handlung ausdrücken kann, sondern nur in demVorbereitungsstadium der Hand­
lung, in dem sich die Intention gewissermaßen staut und erst als Streben wirk­
sam wird1" , sagt K a f k a m itRecht und gibt hiermit zugleich den Wesensunterschied
von Handlung und Ausdrucksbewegung deutlich an. In der Ausführung wird ja das
Ausmaß der Einzelbewegungen, ebenso wie Geschwindigkeit und tonische Span­
nung, nicht nur durch das Streben, sondern auch durch das verfolgte Ziel geregelt.
W ir haben das als die prospektive Einstellung der Koordination kennengelemt.
Gleichzeitig kann die Ausführung retrospektiv eingestellt sein und ihrer intentio­
nalen Anfangsspannung formale Merkmale entleihen. Die Handlung erhält dann
den Ausdruck der Intentionalität oder des Affektes, obwohl sie als Handlung voll­
zogen wird. Bewegungsumfang, Geschwindigkeit und Tonus sind dann nicht
mehr ausschließlich zweckmäßig, sondern auch expressiv bestimmt. Tatsächlich
besitzen alle Handlungen von ausgesprochen intentionalem Charakter einen deut­
lichen Ausdrucksgehalt. Die Weise, in der ein Hund seinem Herrn entgegenläuft,
ist eine Handlung, die ihren Sinn aus dem verfolgten Ziel erhält. Dieses Ziel be­
stimmt den W eg des Tieres und dieser wiederum die Koordination seiner Einzel­
bewegungen. Zugleich hat der Lauf des Tieres einen Ausdrucksgehalt, der sich
in der Geschwindigkeit, den Spannungen und besonders in den Mitbewegungen
zeigt. Nun ist aber das Zueilen auf den Herrn nur eine einleitende Handlung
für die eigentliche Begrüßung, die eher eine emotionale Entladung als eine ziel­
gerichtete Tätigkeit ist. Wird ein Hund jedoch zum Füttern gerufen, so geht
das Laufen in eine zweite Handlung über, bei deren Tun der Ausdrucksgehalt
abnimmt. Über sein Futter „herfallend" drückt das Tier seinen Hunger aus,
aber indem dieser befriedigt wird, tritt der reine Handlungscharakter erneut in
den Vordergrund.
Der Beginn einer Handlung erhält eine größere Selbständigkeit, wenn die
Ausführung äußerlich behindert oder innerlich gehemmt wird. In diesem Falle
staut sich die Intention wie Wasser vor einem Damm. Sie schwillt an und sucht
einen Ausweg, den sie in den Ausdrucksmöglichkeiten des Leibes findet, der als
plastisches Material der inneren Bewegung folgen und sie repräsentieren kann8,

1 K afka , G .: a. a. O. S. 288.
1 Das an einer Kette angebundene Tier möchte etwas auf ein unerreichbares Futter hin
tun. Die gehemmte Bewegung entlädt sich in repräsentativen Bewegungen. Schon G ratio -
i .et (De la physionomie et des mouvements d ’expression, Paris 1863) unterschied die
repräsentierenden, symbolischen Bewegungen von den Handlungen. D arwin dagegen
versucht auch die repräsentativen Bewegungen aus Gewohnheitsbildung zu erklären, Br
schreibt: „W enn eine Billardkugel etwa» von der verlangten Richtung abweicht, so kann man
wiederholt beobachten, wie man sie mit dem Blick, dem K opf oder sogar de* Schultern in die
gute Richtung drängen möchte, als ob diese rein symbolischen Bewegungen die Ver-
Das Verhältnis von Ausführen und Ausdrücken 209

Beim Menschen und den höheren Tieren kann sich eine besondere Art B e­
hinderung, und zwar im Dienste einer plötzlichen Ausführung einer Handlung
einstellen. Meistens erfordert das eine Vorbereitung, indem eine vorhergehende
Äwfehaltung in eine aktive Ausgangshaltung übergeht. Man kann nicht aus
ruhigem Sitzen oder Liegen, nicht einmal aus entspannter aufrechter Haltung,
plötzlich entfliehen, zugreifen oder abwehren. Bei den niederen Tieren, z. B.
bei einem Insekt, fehlt eine echte Ruhehaltung1 und besteht eine tonische Spannung,
wodurch stets unmittelbar auf Eindrücke reagiert werden kann. Die selbständige
Vorphase der Handlungen fehlt und daher auch der Ausdruck. W ird die Ausfüh­
rung jedoch durch äußere Umstände gebremst, wie bei einer gegen eine Glasscheibe
summenden F lege oder bei einer von der Zuckerdose verjagten Wespe, so sehen
wir selbst bei Insekten eine Verhaltensweise erscheinen, die einigermaßen als
Ausdrucksbewegung aufgefaßt werden kann, jed och bleibt unter solchen Um­
ständen der Ausdruck von W ut oder Angst nur sehr unbestimmt und unsicher.
W ird jedoch bei einem höheren Tier die Ausführung von Angriff oder Flucht
behindert, so erhält die Initialphase eine differenzierte, spezifische Form. Das ist
jedoch allein dann der FaU, wenn die Hemmung nur mäßig stark ist und nicht zu
lange anhält. Es vollzieht sich dann zunächst eine Verstärkung der Ausgangshaltung,
worauf sich ein typisches, das innere Erleben spiegelndes Büd entwickelt. Ist die
Hemmung jedoch stark oder hält sie an, so zerfließt die typische Haltung in eine
indifferente Aktivität, die nur noch das Gehemmt-Sein sàs solches zum Ausdruck
bringt.
Dieser Fall stellt sich normalerweise bei körperlicher Unfähigkeit zur Ausfüh­
rung einer intendierten Handlung ein, so beim Kind oder beim jungen Tier, das
noch nicht entfliehen, etwas nicht erreichen, seine W ut nicht im Angriff äußern
kann. Dann wird die desorganisierte Motorik, z. B. das Strampeln mit den
Beinen, je nach den Umständen als Äußerung von Angst, W ut, Ungeduld, Ärger
oder Begierde gedeutet.
W ir kommen also zum Ergebnis, daß im Handeln zwar etwas zum Ausdruck
kommen kann, doch nur insofern, als die Handlung als solche gehemmt wird. Das
geschieht besonders zu Beginn, so daß es fließende Übergänge von einer Aus­
gangshaltung der Aktivität zum Ausdruck des gestauten Affekts, der in der Hal­
tung vertreten ist, gibt.
Daneben besteht jedoch, wie gesagt, die Möglichkeit, daß während der Gesamt-
ausführung einer Handlung eine retrograde Bindung an das innere Empfinden
andauert. Dann stellt sich im zeitlichen Handlungsvollzug eine beständige innere
Haltung ein. Diese kann reaktiv durch die Situation bedingt sein, so daß man
bessern könnten." „Derartige Bewegungen können einfach der Gewohnheit zugeschrieben
werden. Sooft man einen Gegenstand in eine Richtung zu bringen wünschte, hat man ihn
in diese Richtung geschoben. Sieht man daher seine Kugel in eine falsche Richtung rollen, und
wünscht man inbrünstig, sie möge in eine andere Richtung rollen, so kann man nicht umhin,
aus langer Angewohnheit Bewegungen auszuführen, die sich in anderen Fällen nützlich
zeigten." Dieses Beispiel zeigt wohl deutlich das Konstruktive von D arwins Erklärungen der
Ausdrucksbewegungen1 . Es sind gerade die jugendlichen und ungeübten Spieler, die die be­
schriebenen repräsentativen Bewegungen zeigen. Nicht die Gewohnheit, sondern die Kraft des
Wunsches, d. h. die emotional erlebte Intention, verursacht die Ersatzhandlungen. Sie fallen
weg, wenn das kindliche Aufgehen im Spiel verschwindet.
1,B u y t r n d ijk , F. J. J. : Traité'de Psychologie animale. Paris 1952. Cap. III (Repos et
sommeil).
Buytendijk, Haltung und Bewegung 14
210 Die Problematik der Ausurucksbewegungen

während der Ausführung seines Tuns andauernd verlegen, wütend oder ängstlich
ist. Auch beim Tier kann ähnliches Vorkommen. Beim Tier fehlt jedoch der Be­
zug von Handlung und Ausdruck auf eine Intention, das Einnehmen einer Haltung
im Verrichten einer Handlung. Es muß jedoch immer die Frage gestellt werden,
ob wir es dann noch mit echten Ausdrucksbewegungen zu tun haben, bder aber mit
Gebärden, repräsentativen Handlungen oder demonstrativem Auftreten. Eine
Handlung kann Ausdruckszüge tragen, aber kann auch eine Ausdrucksbewegung
Mprbmalp des Handelns zeigen ? Da sämtliche Merkmale der Handlung auf ihre
Zielgerichtetheit zurückgehen, muß diese Frage verneint werden. Es kann den
Anschein haben, als laufe eine Ausdrucksbewegung wie eine Handlung ab. Er­
hebt man z. B. die Faust und schlägt dann auf den Tisch, so ist das gewöhnlich
eine Ausdrucksbewegung. Es könnte jedoch auch eine Handlung sein; nur die
Kenntnis der Umstände läßt hier unterscheiden. Dann eist ist auszumachen, ob die
Merkmale einer Handlung gegeben sind, z. B. die Ökonomie der Ausführung, die
relative Freiheit in der Wahl der Mittel, der Verlauf in aneinandergereihten,
zweckmäßig verbundenen Teilen,
Die Beziehung von Ausführung und Ausdruck ermöglicht die Aufnahme des
Letzteren in jene, aber das Ausdrücken schließt das Handeln als solches aus.
Schließlich wollen wir den genetischen Zusammenhang von Ausführung und
Ausdruck betrachten. Die ersten Bewegungen eines Embryo {oder einer Larve)
sind keine Reaktionen auf die Außenwelt und sind überhaupt nicht auf sie bezogen.
Das besagt, daß sie eigentlich noch keine Funktionen und also weder Handlungen
noch Ausdrucksbewegungen sind. Die ungeordneten Gesamtbewegungen dieser
frühen Phase der motorischen Entwicklung kann man zwar Äußerungen, aber
nicht Ausdruck des inneren Bewegungsdranges nennen. Ein Ausdruck hat eine
Form, die der Form des inneren Zustandes oder der inneren Bewegung entspricht.
Von einer geformten inneren oder äußeren Bewegung kann beim Em bryo
nicht die Rede sein.
Aus den Gesamtbewegungen entstehen die Einzelbewegungen aus vielerlei
Gründen. Einer davon ist die Hemmung der Gesamtbewegung. W ir sehen das
z. B. bei der Entwicklung der Beinbewegungen einer Salamanderlarve. Anfäng­
lich werden die Beine beim Schwimmen mitbewegt. Das geschieht durch Torsion
in Schulter- und Beckengürtel, die bei den seMangenartigen Bewegungen der
Wirbelsäule in. entgegengesetztem Sinne drehen, Hierdurch stellt sich „v on
selbst", d.h. auf Grunde"er Organisation des Körperbaues und der Gesamtbewegung
(des Schwimmens) das kreuzweise Versetzen der Beine ein. Wird.nun die Gesamt­
bewegung gehemmt (was durch die Körperschwere bei Bodenberührung statt­
findet), so sieht man den durch die Hemmung verstärkten Bewegungsdrang zu den
leicht beweglichen Beinen abfließen, die nun den mit einer geringen Schlängelung
des Rumpfes einhergehenden kreuzweisen Gang ausführen1. Man kann dann sagen,
daß die Beinbewegungen die Intention zur Fortbewegung (durch Schwimmen)
repräsentieren. In gleichartiger Weise ist manche Einzelbewegung eines jungen
Tieres oder eines Kindes die Repräsentation der Gesamtbewegung, deren Ausfüh­
rung unmöglich ist. W ir wiesen oben bereits auf das Strampeln als Äußerung von
Intentionen und Affekten hin.

1 Etwas Derartiges kann man auch beim Gehen junger Säugetiere beobachten.
Das Verhältnis von Ausfuhren und Ausdrücken 211

Schon ausgeprägter ist der repräsentative Charakter jugendlicher Einzel­


bewegungen, wenn sie in einer bestimmten Richtung stattfinden. Ein junges
Äffchen hängt bespielsweise mit den Händen an einem Stock und „w ill" sich
offenbar hinaufziehen. Es ist zu schwach, die Arme zu beugen, und zieht die Beine
an den Rumpf. Diese an sich sinnlose Bewegung vertritt die Intention zum H och­
ziehen und drückt sie durch die Richtung der Beinbewegungen aus. Man kann das
Beugen der Beine auch eine die Richtung repräsentierende Mitbewegung nennen.
Mitbewegungen sind in der jugendlichen Dynamik sehr verbreitet. Sie bilden,
wie mir scheint, insofern die Grundlage der Ausdnicksbewegungen, als sie Inten­
tionen vertreten.
Der Säugling zeigt schon früh Ausdrucksbewegungen. Abgesehen vom später
zu besprechenden Lachen und Weinen, sind sie stets repräsentative Einzelbewe-
gungen: das Wenden oder Heben des Kopfes, das Ausstrecken der Arme, die
primitiven Abwehr- und Fluchtversuche. Im gleichen Stadium motorischer Ent­
wicklung gibt es auch einfache Handlungen, so daß von einem genetischen Primat
einer der beiden funktionellen Kategorien nicht gesprochen werden kann.
Viele Bewegungen des Säuglings sind nichts anderes als Handlungsverst/cAe, die
unvollkommen ausgeführt und vorzeitig abgebrochen werden, also Initialhaxid-
lungen. Da viele menschliche Gebärden mit dieser Anfangsphase im Zusammenhang
stehen, neigen wir dazu, die analogen Erscheinungen beim Kleinkind und beim
Tier in gleicher W eise zu deuten. Jedoch kann nur dann von Ausdruck gesprochen
werden, wenn der Gesamtverlauf der Verhaltensweisen im Zusammenhang mit der
entsprechenden Situation einen Eindruck über das Innenleben vermittelt und
dieses uns bereits selbständig und differenziert vorkommt.
In der Entwicklung der Motorik kommt es auf die Bindung der Bewegung an
die Situation und die Intentionalität an. Jene führt zu Reaktionen, die niemals
einen Ausdruck in sich enthalten, diese führt zu Handlungen, die stets eine gewisse
Innerlichkeit zum Ausdruck bringen.
Es war D a r w in , der die Ausdrucksbewegungen yon den willkürlichen (inten­
tionalen) ableiten wollte. Er folgte dabei den Vorstellungen seiner Zeit und den
Grundsätzen seiner eigenen genetischen Biologie. Alles was Tier und Mensch tun,
mußte aus Assoziationen von Empfindungen und Bewegungselementen, aus
Gewohnheitsbildung, Erblichkeit und dem Überleben der bestangepaßten Indi­
viduen im Kam pf ums Dasein erklärt werden. Das Zweckmäßige sollte zweierlei
Ursprung haben.Von einer Anzahl zufälligerVariationen sollten die unzweckmäßigen
im Kam pf ums Dasein verschwinden (aussterben), oder es sollte sich beim Tier
aus einer bewußt gewollten Zweckmäßigkeit des Verhaltens durch wiederholte
Ausführung eine unbewußte Gewohnheit entwickeln, die rieh dann schließlich
erblich fixierte.
Die Ausdrucksbewegungen der Gemütsregungen wären nach D a r w in nichts
anderes als rudimentäre Handlungen, die sich im Laufe der Generationen be­
haupten konnten, indem sie im Daseinskampf nützlich oder wenigstens nicht von
Nachteil waren und daher ebensowenig wie die, rudimentären Organe durch
negative Auslese verschwunden wären. D a r w in glaubte in den Tatsachen eine
Bestätigung seiner Theorie zu finden. Ein direkter Beweis für seine These kann
freilich nicht gegeben werden, da sich das phylogenetische Entstehen der rudi­
mentären Handlungen der Nachprüfung entzieht. Für ein solches Entstehen
14*
212 Die Problematik der Ausdrucksbewegungen

könnte allerdings das Arttypische der Ausdruckserscheinungen sprechen. Auch die


Menschen zeigen in allen Teilen der W elt grundsätzlich den gleichen Ausdruck
ihrer inneren Regungen, während sie sich in ihren Gebärden unterscheiden. Die
Ausdrucksbewegungen müßten also erbliche Reaktionen sein, die sich durch
ihren Vorteil im Daseinskampf erhalten haben, während die Gebärden als
traditionell entstandene Gewohnheiten aufzufassen wären.
Einen zweiten Beweis für seine Auffassung gewinnt D a r w i n aus dem Ver­
gleich der konkreten Ausdrucksbewegungen beim Tier und beim Menschen. So ent­
blößen Säugetier und Mensch in W ut die Eckzähne. Der Mensch stamme von
affenartigen Vorfahren ab, die gut entwickelte Eckzähne hatten und diese zur
Einleitung eines Angriffs oder einer Verteidigung entblößten. Da das unter Um­
ständen zur Abschreckung eines Feindes genügte, erhielt es einen selbständigen
W ert im Kampf ums Dasein, und wie aUe nützlichen Gewohnheiten sei auch diese
erblich fixiert worden. Diese Handlung — beim Menschen erhalten, weil sie für
den Daseinskampf ohne irgendeinen Nachteil war — ist bei ihm zwar sinnlos, da
er sich nicht mehr mit den Zähnen verteidigt, verweist aber auf früher sinnvolle
Handlungen.
Drittens, meinte D a r w i n , beweise die Entwicklung der kindlichen Motorik das
Entstehen der Ausdrucksbewegungen aus nützlichen Handlungen. Er führt etwa
an, daß der Säugling beim Weinen die Augen zukneift, was einem starken Blut­
andrang zum Augapfel vorbeuge. Das Runzeln der Augenbrauen bei Kummer
(und anderen Gemütsbewegungen) wäre aber ein Überrest dieses Zukneifens der

Diese darwinistische Lehre vom Entstehen der Ausdruckserscheinungen


findet zwar heute nur noch wenige Vertreter, Dennoch behauptet sich die Voraus­
setzung v o m Primat der Handlung1, weil, wie schon P i d e r i t meinte, eine Aus­
drucksbewegung eigentlich eine auf ein fingiertes Objekt gerichtete Handlung sei
und weil sie in vielen Fällen einer Handlung ähnele ( K l a g e s ).
Es ist wohl sicher, daß man vor W ut sehr wohl jemanden angreifen und zerrei­
ßen möchte, und es scheint auch, daß dies durch die Entblößung der Zähne
zum Ausdruck kommt. Für die W ut kennzeichnend ist jedoch auch, daß man m it
Ärger die Unfähigkeit zum Vernichten des anderen erlebt. Je stärker gerade dieses
Ohnmachtsgefülil vorherrscht, um so stärker tritt das Verziehen des Mundes her­
vor. Es ist das Bild der Anstrengung, an sich zu halten, und die Mundstellung ist
der bei plötzlichem Defäkationsdrang verwandt. Mir scheint, daß bei der W ut das
Zusammenbeißen der Zähne, das an sich bei verschiedenen Anstrengungen
auftritt, eher zu einem adäquaten Ausdruck des Vemiehtungsdranges w ird.
Weder eine abstrakte Spekulation über die Phylogenese der-Ausdrucksbewe­
gungen noch eine, von P iderit und K lages versuchte, schematische Formulie­
rung des Bezugs zum Handeln, kann uns eine Erklärung der konkreten Ausdrucks­
bilder liefern. Sie kann sich erst aus einer besseren Einsicht in die intentionale
dynamische Struktur der ausgedriiekten inneren Regungen ergeben. Daneben
müssen wir die emotionale Bedeutung des leiblichen Geschehens genau analysieren.
W as erleben wir, wenn wir den Mund öffnen oder schließen, die Zähne zusammen-
1 Einige Ausdruckserscheinungen erklärt D arwin nämlich aus Kontrastverhältnissen im
Gebiet des Ausdrucks selbst; andere durch direkte Nervenwirkung (Irradiation von Reizen)
80 z. B. beim Schwitzen und Erröten. W ir wollen auf diese Regeln jetzt nicht ©ingehen.
Einteilung der Ausdrucksersdieimmgen 213

beißen, eventuell zugleich m it den lip p e n ? W elche Intentionen äußern sich in


diesen Haltungen, welche in ihren Kombinationen ?
Die Kritik an der Theorie D a r w in s richtet sich gegen ihre Grundprinzipien: die
Abstammungslehre und die mechanistisch ausgerichtete Assoziationspsychologie.
Aber auch unabhängig von diesen Prinzipien ist der Unterschied zwischen Hand­
lung und Ausdruck so wesentlich, daß ihr Bezug nicht genetisch erklärt werden
kann1. Mit Recht hat K lages gezeigt, daß eine Äusdrucksbewegung und eine
Gewohnheit zwar beide unbewußt und von selbst geschehen, daß sie aber sicher auf
verschiedene Weise entstanden sind. Willkürbewegungen werden nicht mechanisiert
(z. B. durch Ausschleifen der Nervenbahnen), sondern sie durchlaufen eine „V itali-
sierung". Sie werden selbständig an Situationen und Signale gebunden, verlieren
ihre Intentionalität {ihren Akt-Charakter) und auch ihren Ausdrucksgehalt1 2.

4 . Einteilung der Ausdruckserscheinungen

D ar w in » Buch handelt von "expressions of emotions” , und meist meint man


mit Ausdrucksbewegungen nichts anderes als das Sichtbarwerden der inneren
(Gemüts) Bewegungen, die sich durch Eindrücke, Vorstellungen, Absichten und
Gedankengänge im Menschen einstellen und meistens von vorübergehender Art
sind. Was jedoch Gemütsbewegungen (Emotionen) und Gemütserregungen
(Affekte) sind, ist nicht so einfach zu sagen. Jedenfalls können sowohl heftige
Empfindungen (Schmerzen), als auch dauerhaftere innere Zustände (Depressionen
und andere Stimmungen) in'Haltung und Bewegung ausgedrückt werden. Schließ­
lich kommt auch das individuell Kennzeichnende, der Charakter eines Menschen,
die Wesensart eines Tieres im dynamischen Bild zum Ausdruck.
In all diesen Fällen wird der Begriff Ausdruck in seiner ursprünglichen Bedeu­
tung verwendet, denn immer wird eine Innerlichkeit unbeabsichtigt äußerlich
sichtbar. Daneben spricht man von Ausdruck im uneigentlichen Sinne, wenn man
eine 'Gebärde meint, die nicht die unmittelbare Folge eines inneren dynamischen
Geschehens darstellt, sondern die Absicht verkörpert, etwas zu zeigen oder etwas
nachzuahmen, was objektiv in Wahrnehmung oder Vorstellung gegeben ist.
Ausdruck und Gebärde („Darstellung“ nach K lages ) müssen denn auch scharf
unterschieden werden. L ersch 3 teilt in verschiedene „Zeichen" ein: „Ausdrucks­
zeichen, Effektivzeichen und Signifikativzeichen", denen K afk a 4 noch ein
„Indikativzeichen" hinzufügt. Mit einem echten Ausdruck (Expressivzeichen)
haben wir es nur dann zu tun, wenn eine gewisse Entsprechung m it einem Bezeich­
n te n besteht, ein Gleichnis, eine qualitative Identität.
Strehle ® spricht von aufweisenden Ausdrücken (z. B. W orten), die Zeichen
für Objekte sind, und von repräsentativen, die das dynamisch Bezeichnende
eines Gefühls durch ein Objekt darstellen. So drückt eine lustige Landschaft
die H üterkeit aus, doch in repräsentativer Weise. Ähnlich ist ein Kunstwerk der
Ausdruck einer Idee. Neben diesen beiden uneigentlichen Ausdrucksphänomenen,

1 Vgl. hierzu unsere m it P lessner geschriebene Abhandlung im Philos. Anz. I (1925).


8 K l a g e s , L .: Ausdrecksbewegung und Gestaltungskraft, Kap. III. Leipzig 1923.
3 L ersch , P h .: Gesicht und Seele (Grundlinien einer mimischen Diagnostik). München
1932,
4 K afka , G .: a. a. O. S. 238.
* Strehle , H.: Analyse des Gebarens. Berlin 1935.
214 Die Problematik der Ausdrucksbewegungen

spricht Strehle von expressiven Ausdrücken (eigentlich ein Pleonasmus), den


leiblichen Erscheinungsformen von Gefühlen, reaktiven Gefühlen und Intentionen,
von psychischen Akten und Dispositionen,
Bei diesen expressiven Ausdrücken unterscheidet man drei Form en: eine
kinetische, eine statische und eine gemischte Ausdrucksform. S ek u n d ä re
Formen dieser Grundtypen entstehen, indem die kinetischen Äußerungen einem
Reflex, einer Reaktion oder Handlung analog verlaufen und sich die statischen
Äußerungen physiologischen Zuständen oder funktioneilen Haltungen angleichen.
Eine dritte Gruppe von Ausdrucksbewegungen, die S t r e h l e tertiäre Formen
nennt, and durch das Mitwirken bewußter Absichten an der Gestaltung der Äuße­
rung gekennzeichnet. Hierzu gehören die Mitteilungsformen, durch die man etwas
ausdrücken will, die symbolischen Formen, zu denen die pantomimischen Bewe­
gungen, die Gesten und Gebärden gerechnet werden, sowie die stilisierten Aus­
drucksbewegungen, Tanz-Expressionen, Modegewohnheiten, Nachahmungen.
W ir sehen also, daß die Einteilung der Ausdruckserscheinungen eigentlich nur
auf einen Versuch zur Abtrennung des echten Ausdrucks von anderen menschlichen
Äußerungen hinausläuft. Die so gewonnenen Unterscheidungen beziehen sich
auf den Sinn der wahrnehmbaren „Zeichen", auf ihre funktionelle Bedeutung und
die Bindung an die persönliche Intentionalität. Tatsächlich gibt es neben den
zielgerichteten Handlungen verschiedene motorische Äußerungen anderer A rt,
wie: die echten Ausdrücke, die Darstellungen und die Verweisungen. Die
beiden letztgenannten kommen nur beim Menschen als Gebärden* und beim
Sprechen vor. • ■
Ebensowenig wie Handlung und Ausdruck, so wesentlich sie sich auch unter­
scheiden, voneinander abgetrennt werden können, kann auch von einer konkreten
Trennung zwischen echtem Ausdruck und Gebärden keine Rede sein. Wenn jem and
vor W ut m it dem Fuß auf den Boden stampft, so ist diese Äußerung sowohl der
Ausdruck einer entflammten inneren Bewegung als auch eine konventionelle
Gebärde. Das Zukneifen eines Auges bei Zweifel entspricht der Gestalt eines
Gemütszustandes, der zwischen zwei Gegensätzen schwankt. Das drückt sich in
einem offenen und einem geschlossenen Auge aus, aber nicht so spontan wie das
Stampfen vor W ut. Daher kommt bei Kindern zwar dieses, jedoch nicht jenes vor.
Das Zukneifen eines Auges bei Zweifel ist also in höherem Maße darstellend und
sprechend, obwohl es zugleich eine Ausdrucksbewegung ist. Diese Beispiele zeigen,
wie sehr das menschliche Ausdrucksleben eine Einheit ist, und in welch inniger
Verbindung es mit seinen geistigen Funktionen steht. Dennoch muß man di«*se
prinzipiell von den vitalen Funktionen unterscheiden, sofern man eine Einsicht in
die menschlichen Äußerungen gewinnen will.
Noch in den Bereich der eigentlichen Ausdrucksbewegungen fällt die von! K afka
vorgeschlagene Abtrennung der „Indikativzeichen" von d e n ,,Ausdruckszeichen*'.
So wären die bei Emotionen auftretenden vasomotorischen Erscheinungen kein
typischer Ausdruck, sondern nur unspezifische Anzeichen, daß eine Regung sich
einstellt. Inwiefern das richtig ist, werden wir anläßlich der vegetativen Irradia­
tionen besprechen.
Die von Strehle gegebene Einteilung bezieht sich auf formale Merkmale der
Ausdruckserscheinungen. Sie könnten noch vermehrt werden, wenn man nicht
nur die kinetischen und statischen, sondern auch die zeitlichen Zusammenhänge,
Expression durch Exzitation und Irradiation 215

z, B. den flüchtigen oder anhaltenden Ausdruck, berücksichtigte. Formale Merkmale


entstehen auch durch die Intensität der Regungen und ihren Spannungsgrad.
In umfangreichen Abhandlungen hat D umas1 eine noch erwähnenswerte Ein­
teilung der Ausdruckserscheinungen gegeben. E r unterscheidet die spontan auf­
tretenden emotionalen Expressionen von der Mimik, die eine Nachahmung der
spontanen Expressionen darstellt und gewöhnlich Pantomimik genannt wird.
Von den emotionalen Ausdrucksbewegungen werden die allen gemeinsamen
emotionalen Reaktionen (das Schwitzen, Erröten und Erblassen, die Gänsehaut,
das Zittern) abgetrennt. Die Einteilung der Ausdruckserscheinungen selbst folgt
der der Affekte, D umas scheidet dabei »les expressions préalables« (Ver­
wunderung, Aufmerksamkeit, Überraschung), die eigentlich keine emotionalen
Expressionen und für sich weder angenehm noch unangenehm sind, von »les
expressions spéciales« (Freude, Trauer, Angst, W ut), während Lachen und Weinen
als besondere Äußerungen der Freude und des Kummers gesondert behandelt
werden.
5. Expression durch Exzitation und Irradiation
Der Unterschied zwischen Ausdrücken und der Ausbreitung von Erregungen
entspricht ungefähr dem zwischen einer Funktion und einem Prozeß. Aber die
Prozesse stehen ja im Dienst der Funktionen, und daher kann auch etwas zum
Ausdruck kommen durch die Ausbreitung von Erregungen in der Peripherie. Das
geschieht natürlich bei jeder Gemütsbewegung, sogar bei den sog. Unlust- und
depressiven Gefühlen, obwohl diese m it einer Muskelentspannung einhergehen.
Es stellt sich ja dabei nicht eine innere Ruhe, sondern gerade eine Unruhe ein,
welche die normalen (Ruhe) Spannungen aufhebt und sich daher motorisch in
einem Spannungsverlust ausdrückt. K ilages hat darauf hingewiesen, daß wir die
Gemütsregungen durch die sie ausdrückenden Bewegungsbilder adäquat andeuteil
können, so daß wir, wenn wir depressive Stimmungen meinen, sagen: gedrückt, den
K opf hängen lassen, schwermütig, sorgenbeladen, überwältigt uSw. In all diesen
Fällen erleiden wir etwas auf verschiedene Weise, aber doch immer durch einen
lähmenden Reiz, der sich in <üe Körperteile ausbreitet.
Wenn wir jedoch vom Ausdruck der Erregung sprechen, so haben wir eigentlich
eine Gruppe von Erscheinungen im Auge, bei denen die Gemütsbewegung nicht
eine Abnahme, sondern eine Zunahme des Erregungsstromes in die Muskeln ver­
anlaßt. Das kann sich in einer Steigerung der Muskelspannung oder in einer Ver­
mehrung der Bewegungen äußern, zuweilen in einer Kombination beider. Im all­
gemeinen ergibt sich dann ein Ausdruck von Spannung oder von motorischer Un­
ruhe (Hyperkinese), die beide für sich genommen unspezifisch sind. In beiden
offenbart sich nur eine gesteigerte Aktivität und äußert sich ein expansives
Streben, dás zu jeder verstärkten Zuwendung, zur Munterkeit (Freude) und zu allen
Angriffsformen gehört.
Ein entscheidender Faktor für das Zustandekommen aller Ausdrucksbilder ist
die Weise des Ablaufs der Erregung. Die Innervations-Verteilung, die die Aus­
breitung der Erregung bestimmt, ist bei derselben Em otion nicht gleich, sondern
hängt von den Umständen ab. Daher gibt es nicht nur ein einziges Bild-der Freude,
1 D umas, G .: L ’expression des émotions. Nouveau traité de Psychologie, tome 3, fase. 2;
Nouveau traité de Psychologie, tome 3, fase. 3: Le rire, les larmes; Nouveau traité de Psycho­
logie, tome 3, fase. 4: les mimiques, le langage. Paris 1937.
216 Die Problematik der Ausdnicksbewegungcn

sondern deren mehrere. Diese haben jedoch einen dynamischen Zug gemeinsam, der
aus K lages' These einleuchtet : „ Jede ausdrückende Körperbewegung verwirklicht
das Antriebserlebnis des in ihr ausgedrückten Gefühls.“ So ist Schrecken, w ie
auch ausgedrückt, immer gekennzeichnet durch ein »arrêt de m ouvem ent« (R ibot )
und durch ein Zusammenschrumpfen, Freude durch Expansion, ein Sich-Öffnen und
-Weiten und eine Spannungszunahme, Kummer durch ein Zusammensinken usw .
Einige unserer Ausdrucksbewegungen repräsentieren die Richtung einer inten­
dierten Bewegung. Auch diese Repräsentation geschieht durchaus nicht immer in
der gleichen Weise. Ebenso wie plötzliche Entladungen heftiger Gemütsbewegun­
gen, werden die repräsentativen Ausdrucksbilder durch die Umstände beherrscht.
Aber dennoch kann man folgendes Prinzip feststellen : die Ausstrahlung geschieht
in die am wenigsten gebrauchten Muskeln. Dieses Prinzip regelt die Mitbewegungen,
die man bei einem mühsam schreibenden Kind und bei jeder starken Anstrengung
Erwachsener beobachten kann. Man sieht dann Bewegungen der mimischen
Muskeln, der Zunge und der Skeletmuskeln, die nicht für die Handlung gebraucht
werden. Das führt zu allerlei bizarren, gezwungenen Haltungen und zu Ver­
steifungs-Innervationen. Diese Mitbewegungen haben expressive Funktionen,
wenn sie auch keine spezifischen Ausdrucksbewegungen sind.
Das Prinzip der Erregungsausbreitung in nicht benutzte Muskeln kann bei
emotionalen Expressionen zu einer Bewegungsumkehr führen. Man sieht einen
Wütenden die gebeugten Arme strecken oder die gestreckten Arme beugen.
Freilich ist es leicht, beide Bewegungen als Anfang oder Gleichnis einer Handlung
(eines Angriffs) zu deuten, aber man kann z. B. auch vor Schrecken die geschlossene
Hand öffnen oder die geöffnete Hand schließen. Die nachträglichen „Erklärun­
gen" dieser Affektäußerungen sind denn auch äußerst unsicher. Das läßt uns ver­
muten, daß viele Ausdrucksbewegungen bei Emotionen überhaupt keinen spezifi­
schen Charakter haben und nichts anderes als Erregungsausbreitungen in die nicht
benutzten Muskeln sind.
Die Muskeln, die n ah ezu stets unbenutzt sind und die daher auch das B ett für
den jede innere Bewegung begleitenden verstärkten Erregungsstrom bieten, sind
die Gesichtsmuskeln. Diese werden ja bei keiner einzigen Handlung außer bei der
Nahrungsaufnahme und beim Sprechen betätigt. So spiegelt sich bekanntlich
selbst die leiseste Gemütsregung in der Spannungsverteilung der Gesichtsmuskeln.
Die verschiedenartigen Weisen, in denen das geschehen kann, zeigen jedoch schon,
daß hier von einer unspezifischen Erregungsausbreitung nicht die Rede sein kann.
Die mimischen Äußerungen sind nicht aus dem anatomischen Bau des Antlitzes
oder aus Prozessen im Nervensystem erklärbar, sondern sie sind Funktionen, echte
Ausdrucksbewegungen, in denen die Form des Erlebten schematisch sicht­
bar wird.
Zur Frage, wieweit das auch für die ersten mimischen Ausdrucksbewegungen
des Säuglings gilt, mag hier eine kurze Betrachtung über das Lächeln folgen. Die
physiologischen Erklärungen des Weinens werden wir später besprechen. Das
Lächeln wird als erster Ausdruck des Kindes, als Zeichen eines menschlichen Ver­
stehens aufgefaßt. Doch nach D umas soll es rein physiologisch erklärbar sein.
Reizt man den motorischen Gesichtsnerv (N. facialis) mit einem schwachen
elektrischen Strom, so entsteht, wie schon D uchenne1 zeigte, eine leichte K on-
* D uchenne: Mécanisme de la Physiognomie humaine. Paris 1876.
Expression dw ell Exzitation und Irradiation 217

traktion der Gesichtsmuskeln, die einem Lächeln völlig gleicht. Es zeigt nicht nur
der Mund den Ausdruck der Freude oder des Wohlbehagens, sondern auch die
Augen fangen an zu lächeln. Die Reizung bringt eine Anzahl von Muskeln zur
Kontraktion, deren Spannungen Zusammenarbeiten oder sich aufheben. Das
Ergebnis ist das Lächeln. »Le sourire spontané est la réaction la plus facile des
muscles du visage pour une excitation modérée; il se manifeste particulièrement
dans ces muscles à cause de leur extrême mobilité, mais, en réalité, la réaction
qu'il exprime est générale et, pour une joie intense, se marque plus ou moins dans
le système musculaire tout entier.«
Das lächelnde Antlitz resultiert also lediglich aus der spezifischen Anordnung
der mimischen Muskulatur und deren Innervationsschema, Jede leichte Reizung
des N, facialis, jede Tonussteigerung der Gesichtsmuskeln, auf welche Ursache
auch immer sie zurückgehen mögen, bewirken, was wir ein Lächeln nennen.
So glaubt D umas wiederholt das Auftreten eines Lächelns in mäßiger Kälte
gesehen zu haben. Der gleiche Effekt entstehe durch jegliche Reizung der
Gesichtshaut, z. B. durch Ausdünstungen eines Senf-Fußbades. Auch durch
anregende Getränke oder bei einer guten Mahlzeit entstehe leicht ein lächelndes
Aussehen. Sie wirken ebenso ionisierend wie eine Anekdote oder eine angenehme
Vorstellung, die auch nur eine geringe Anregung mit sich bringen.
Beobachtet man das erste Lächeln beim Kinde, so scheint in diesem Gesichts^
ausdruck tatsächlich nicht eine innere Bewegungsform, sondern nur der Erfolg
einer leichten Reizung, die sich in alle Muskeln des Gesichtes ausbreitet, sichtbar zu
werden.
Was ist jedoch unter einer geringen Reizung zu verstehen ?. Sie darf sicher
nicht rein physiologisch aufgefaßt werden, denn jeder uns bekannte physiologische
Reiz greift an einer bestimmten S tele des Nervensystems an und verbreitet sich
von dort aus — nach den Regeln der Reizbarkeitsvorstelung — zu bestimmten
Effectoren. Die geringen Reizungen, die beim Säugling das Lächeln auslösen, sind
ein „K ribbeln". W ir verstehen darunter schwache, wiederholte Hautreize mit
unscharfer Lokalisation und von wechselnder Intensität, die eine spezifische
Empfindung mit ausgesprochen motorischer Qualität auslösen. Sie ist schwer zu
beschreiben, aber das W ort „K ribbeln"' verweist schon auf die Kitzelbewegung
der Insektenpfötchen. Diese Form von Irritation in einem bestimmten Hautfeld
ist einem schwachen Juckreiz verwandt, aber sie unterscheidet sich von ihm durch
ihre nicht rein örtliche, sondern mehr allgemeine Reaktion. Ein starkes Kribbeln
erleben wir jedoch mehr als „sensorische Verlegenheit“ , indem wir die Affektion
wegen ihres in sich ambivalenten Charakters nicht einordnen können. Sehr klar
ist das beim leichten Kribbeln der Nasenschleimhaut. Auch optische Eindrücke
und Laute „streichelnder "A rt versetzen uns in einen derartigen allgemeinen
affektiven Znstand,
Die »excitation modérée« (D umas), die das Lächeln hervorruft, ist also eine
Reizung spezifischer Art, und mir scheint die Erfahrung mit Kindern und Erwach­
senen zu lehren, daß tatsächlich dieses „K ribbeln", das wir eine sensorische Ver­
legenheit nannten, das Lächeln als entsprechenden Ausdruck hat. Wenn der Säug­
ling in ein Alter kommt, in dem er ruhig wach liegen kann (nicht mehr entweder
schläft oder hungrig und unruhig ist) und rezeptiv eingestellt ist, wobei er sich
innerlich in einem labilen Gleichgewicht befindet, dann ist die Bedingung für das
218 Die Problematik der Ausdrucksbcwegungcn

Empfinden sensorischer Verlegenheiten erfüllt. Dann lächelt das Kind bei B e­


rührung des Gesichts mit einem Wattebausch, beim Sehen eines Flim m erlicht­
chens, beim Hören „lockender" Laute (ta-ta-ta etwa), bei einem unsicheren Z u ­
greifen (unter den Achseln), wie es später bei allen Verlegenheitsanlässen lächelt.
Haben wir eingesehen, worin die Reizung besteht, die das Lächeln auslöst, so
ist damit die Frage, weshalb sie gerade diesen und keinen anderen Gesichtsausdruck
bewirkt, noch nicht beantwortet.
Fassen wir zunächst die Erklärung D umas' ins Auge. Sie enthält einen m echa­
nistisch physiologischen Gedankengang, der von Spencer stammt. Dieser nahm
in seinen "Principies of psychology" an, daß die diffuse Entladung, die sich ent­
sprechend der Intensität der Affekte über den Organismus ausbreitet, ganz
unabhängig von ihrer Qualität die Muskeln zur Kontraktion bringt, denen der
geringste Widerstand entgegensteht. Nach D umas genügt dieses Prinzip zur
Erklärung des Lächelns aber noch nicht. Ausgehend von der anatomischen A n­
ordnung der mimischen Muskeln versucht er zu zeigen, daß bei einer gleichmäßigen
Ausbreitung der Erregung über alle Gesichtsmuskeln einige ihre Wirkung gegenseitig
verstärken, also Synergisten sind. Das sind gerade die Muskeln, die den Ausdruck
des Lächelns hervorbringen. Die Antagonisten des Lächelns, die den entgegen­
gesetzten Ausdruck bewirken, sind in viel geringerem Grade Synergisten. Das
Tärbfrln ist daher »la réaction la plus fädle de la face«. »Ni la Psychologie ui
l’esthétique n’ont rien ä voir avec la forme spontanée du sourire; la Physiologie
mécanique nous en donne ä elle seule une explication vraisemblable.«
Die positivistische Erklärung von Spencer und D umas setzt also voraus, d aß
das Lächeln keine Funktion sei, sondern ein selbständiges, außerhalb der Person
verlaufendes motorisches Geschehen, das durch einen mäßig starken zentralen
unspezifischen Reiz ausgelöst werde. Diese Reizung verbreite sich über alle
Körpermuskeln, erhöhe so den Tonus, bewirke aber nur dort eine Bewegung, wo
die Bedingungen günstig dazu sind. Das sei im Gebiet des N. facialis der Fall, weil
die durch diesen Nerv innervierten Muskeln leicht beweglich sind, da sie bei ihrer
Kontraktion keinem Widerstand begegnen. Der spezifische Ausdruck in der
Mund- und Augenpartie des Antlitzes, den wir Lächeln nennen, komme zustande,
weil die entsprechenden Muskeln Synergisten sind und daher rein mechanisch
leichter eine Änderung des Gesichtsbildes bewirken als die bei einem anderen
Gesichtsausdruck wirksamen Muskeln.
W as ist dazu zu sagen ? Eines der stärksten Argumente D umas’ ist das schon
erwähnte Ergebnis einer schwachen elektrischen Reizung des N. facialis. Es ent­
steht dabei in der Tat ein Kontraktionsbild, das dem Lächeln sehr ähnelt. Aber
was beweist das? Es wird damit ja nur aufgegriffen, was schon D uchenne uns
gelehrt hat, nämlich daß durch elektrische Reizung verschiedene mimische Expressio­
nen nachgeahmt werden können. Das ist zweifellos interessant und mahnt, bei
einer funktionellen Erklärung der Ausdrucksbewegungen solche Ergebnisse mehr
zu berücksichtigen, als es bisher in psychologischen und philosophischen Betrach­
tungen tjblich war. Diese verkennen nahezu völlig die Grundtatsache, daß alle
Bewegungen doch schließlich durch den Leib geschehen und daher auch an dessen
Bau und physiologische Gesetzlichkeit gebunden sind, weswegen man ja auch
sowohl Handlungen als auch Ausdrucksbewegungen durch künstliche Reizung nach­
ahmen kann. So gelingt es etwa, durch Reizung einer bestimmten Stelle der Hirn­
Expression, durch Exzitation und Irradiation 219

rinde eine koordinierte Augen- und Kopfbewegung auszulösen, und durch die
daraus resultierende Reizung des Diencephalon eine Katze „schlafen“ zu lassen
(Hess). Solche Versuche beweisen zweifellos, daß die betreffenden Hirnteile bei
den normalen Funktionen eine Rolle spielen. V ieleicht zeigen sie auch, daß
häufige Handlungen oder ihre Teilmomente eine gewisse Prädisposition in Struk­
turanordnungen und Reizbarkeitsverteilungen haben, die unter abnormen Ver­
hältnissen selbständige, geformte Äußerungen verursachen können1.
In ähnlicher Weise muß man das Ergebnis' der Reizung des motorischen
Gesichtsnerven erklären. Aus dem Versuch D uchennes geht hervor, daß die das
Bild des Lächelns bildenden Muskeln leichter reagieren als die anderen mimischen
Muskeln. Ganz sicher ist das jedoch nicht, denn die Reize wurden von diesem
Forscher mit einer zu groben und wenig exakten Methode vorgenommen, um die
wirkliche Reizbarkeit feststellen zu können. Besser wäre es, die Methode von
L apicque (und Bourgingon) anzuwenden. Diese fanden einen Unterschied in der
Reizbarkeit der Skeletmuskeln, wodurch die funktionelle Prävalenz bestimmter
Bewegungen ihre Erklärung findet2. Etwas Derartiges könnte es auch bei den
Gesichtsmuskeln geben, aber es wurde noch nicht aufgezeigt.
Nehmen wir es aber einmal an, so beweist der Versuch von D umas, daß das
Lächeln tatsächlich in dem ruhig entspannten Antlitz physiologisch am leichtesten
auszulösen ist3. Insofern scheint D umas Recht zu haben, wenn er von einer
»réaction la plus facile« spricht.
Aber auch in einem anderen als im physiologischen Sinne ist das Lächeln ein
leichtes Geschehen. Es ist leicht in funktionellem Sinne und für das subjektive
Erleben.
W ir wollen an einem anderen Beispiel erläutern, was wir unter „leichter
Bewegung" zu verstehen haben. Die Beugung der Glieder ist physiologisch
(mechanisch) beim Menschen leichter auszulösen als die Streckung. Auch in
funktionellem Sinne tritt, wenigstens beim reaktiv eingestellten Menschen, leichter
eine Beugebewegung auf, die als Flucht und Abwendung von der Außenwelt
sinnvoll ist4. Die Beugung prävaliert ebenso als leicht für das subjektive Erleben,
weshalb sie als willkürliche Reaktionsbewegung bevorzugt wird. W ir sehen also,
daß sich die Rangordnung der Bewegungen im sinnvoll funktionellen Verhalten
nach zwei Seiten hin auswirkt : zum einen in die physiologische Organisation und
zum anderen in die erlebbare Rangordnung der Intentionalität.
Zurückkehrend zum Problem des Lächelns versuchen wir das erste spontane
Auftreten dieses Ausdrucks beim Kinde zu erklären. W ir stellen dann zunächst
fest, daß das echte Lächeln etwas ganz anderes ist als die ihm einigermaßen
ähnelnde Verziehung des Gesichts bei mäßig starken Reizungen verschiedener Art

1 Vergi. hierzu jetzt die Ergebnisse der Reizversuche im Zwischenhim der Katze bei
W . R. H ess. (Das Zwischenhirn. Benno Schwabe, Basel 1954.) Daran anschließend beginnt
der Begriff der „motorischen Schablone“ in der klinischen Neurologie Bedeutung zu ge­
winnen. [E. K retschm er . Der Begriff der motorischen Schablonen und ihre Rolle in normalen
und pathologischen Lebensvorgängen. Arch. f, Psych. u. Neur. Bd. 190, 1 (1953).]
* Vgl. auch Goldstein.
* W ir heben die W orte „ruhig entspannt" hervor, eingedenk der Versuche L apicqu es , die
zeigten, daß die Reizbarkeit der Skeletmuskeln von der Haltung der Glieder abhängt.
* Man denke an das von Sherrington angenommene Prinzip vom Vorrang der bio­
logisch wichtigsten Reaktionen,
220 Die Problematik der Ausdrucksbewegungen

(wie das von D umas angeführte Beispiel der Kiltereaktion). Eine derartige Ver­
breiterung des Mundes, kombiniert mit einem Zukneifen der Augen, sieht
man auch bei einer Anstrengung, z. B. beim Tauziehen. Das ist kein Lächeln.
Es ist richtig, daß dieses Grinsen — ebenso wie das bei vielen anderen
Anlässen leicht auftretende — einem Lächeln einigermaßen ähnelt. Das kann
sichet aus der physiologischen Prédisposition erklärt werden. Das ist aber eine
andere Erklärung als die, weiche D umas meint. Er sieht nämlich in der physio­
logischen Organisation etwas Zufälliges und nicht eine funktionelle Vorbereitung,
keine sinnvolle Beziehung zwischen dem Leib und seiner Verwendung, Daher kann
er schreiben : »c’est le hasard de notre organisation physique qui nous fait sourire
avec nos zygomatiques et nos orbiculaires des paupières : nous sourirons différem ent
si les muscles de notre visage étaient autrement associés ou autrement mobiles, et si,
d'aventure, les contractions qui s’exécutent dans la douleur eussent été les plus
faciles des contractions du visage, ce sont elles assurément qui seraient le sourire
humain.«
Nur wenn man den Leib als einen unbeseelten Mechanismus betrachtet, dessen
Bau bezüglich der psychischen und funktionellen Struktur nur „zufällig” wäre,
ist eine Unterstellung wie die DuMAs’sche möglich. Wegen der psycho-physischen
Einheit ist es jedoch unmöglich, daß z. B. der mimische Ausdruck des Schmerzes
der „leichteste” sein könnte.
Das Lächeln ist die Einleitung des Lachens, des Ausdrucks der Freude, die als
Aufgewecktheit notwendigerweise in einer expansiven, zentrifugalen, ausstrahlen­
den Bewegung bestehen muß. Im Felde der Mimik gibt es nur eine einzige Be­
wegung dieser A rt, und sie ist es, die sich beim Lachen einstellt und im
Lächeln zu erscheinen anfängt.
Beim Kleinkinde können wir die Leichtigkeit des Lächelns und die Anstren­
gung beim Weinen so gut sehen. Das Lächeln erwächst gleichsam der Ruhe und
dem Wohbehagen im Sinne einer Bestätigung, die sich entfaltet und über die
Leiblichkeit ausbreitet. Diese Expansion ist zugleich Reaktion und intentionaler
Akt, da sie die Bereitschaft enthält, sich dem Eindruck zu öffnen und der von uns
Kribbeln genannten sensorischen Qualität zu folgen.
Ein mäßig starker Reiz liegt auch vor, wenn das Weinfen anfängt und die Mund­
winkel zittrig hinuntergezogen werden. Nach der* Theorie voit D umas m üßte man
erwarten, daß zunächst ein Lächeln erschiene. Das geschieht aber nicht und eben
dies kann „mechanisch” nicht erklärt werden. Der Fehler von D umas und seiner
positivistischen Vorgänger und Nachfolger liegt darin, nicht zu beachten, daß
Reizung als quantitativ physiologischer Begriff etwas ganz anderes ist als Reizung
in funktionellem Sinne. Diese ist flieht nur stets qualitativ, sondern sie enthält
auch immer schon dynamische Elemente. Dadurch jedoch ist sie mit der Aktivität
der Person, mit ihrer Selbst-Bewegung und Intentionalität verknüpft.
Eine angenehmë Reizung ist dadurch gekennzeichnet, daß ihr letcfcf-gefolgt wird ;
eine unangenehme löst eine Reaktion aus.
Das Lächeln ist insofern paradox, als seine Muskelspannung als die Lösung
einer aktiven RuhekaUung erlebt wird. Das liegt daran, daß die Ruhe­
haltung in Auseinandersetzung m it der Außenwelt als ein Vm cM ossm -Sein,
der sich im Lächeln offenbarende innere Zustand dagegen als ein Sich-Öffnen
erlebt wird. .
Expression durch H em m ung 221

Das Kind „lern t" lachen, aber es braucht nicht weinen zu lernen. Das Lachen
beginnt als fast unmerkbares Lächeln, das allmählich ausgeprägter und mannig­
faltiger wird. Das Weinen nimmt eine umgekehrte Entwicklung, und erst in
einem etwas späteren Alter sehen wir beim Säugling die schwachen Äußerungen
des Kummers, das Herabziehen der Mundwinkel. Auch darin zeigt sich ein grund­
sätzlicher Unterschied zwischen beiden Äußerungen, der der Auffassung
widerspricht, wonach sie sich nur durch die Reizintensität unterschieden.
Was das Kind „lern t" oder besser, was sich im Kinde entwickelt, ist die
expressive „Technik". Das erste Lächeln ist nur eine Reaktion, wenn das Kind
passiv eine gewisse Freude, wenigstens aber die Empfindung eines ambivalenten
Lustgefühls erfährt, die wir „K ribbeln’ ' nennen. Aus diesem reaktiven entwickelt
sich das aktive Lächeln, ein Suchen des expansiven Gefühls, ein Sich-Öffnen
und Folgen-W ollen. Das Lächeln ist dann Ausdruck einer Antizipation und zugleich
die Reaktion auf eine bestimmte sinnliche Empfindung, die „sensorische Verlegen­
heit“ , die diese Antizipation ermöglicht. W as damit gemeint ist, lehrt uns die ei­
gene Erfahrung unseres Verhaltens und Erlebens, wenn sich jemand anschickt,
uns zu kitzeln.
Während die Entwicklung des Lächelns zugleich denUbergang von einer passiven,
reaktiven Freude zu einer aktiven antizipierenden Freude darstellt, besteht die Ent­
wicklung des Weinens im Übergang einer Reaktion in eine beherrschte Reaktion.
In beiden Fällen differenziert sich ein innerer Zustand unter Einfluß des Selbst-
bewußtseins und des Willens zur Selbständigkeit. In diesem Geschehen liegt die
Bedingung zur Entfaltung echten Ausdrucks.
W ir kommen also zum Ergebnis, daß das Lächeln nicht physiologisch zu er­
klären ist. Sem erstes Erscheinen ist sicher nur eine Reaktion, deren Gestalt durch
den Leib bestimmt wird. Sie steht in einem festen Bezug zur Qualität der sinn­
lichen Eindrücke und ihrer dynamischen Eigenschaften. Diese Reaktion wird
überhaupt erst möglich, wenn das Kind zu einer Haltung der Außenwelt gegenüber
fähig ist, die man aktive Ruhe nennen kann. Sie ist zugleich die Bedingung für
die Entwicklung einer ausdrucksfähigen Innerlichkeit und somit für das Erscheinen
des Lächelns als echter Ausdrucksbewegung1.

6. Expression durch Hemmung


W ie oben schon angedeutet, kann eine Reizung auch Hemmung der Motorik
bewirken. Nach der Lehre der Physiologie entsteht Hemmung einer Organwirkung
oder Muskelspannung stets durch Reizungen zentralen oder peripheren Ursprungs
und durch Vermittlung bestimmter Mechanismen, die den Reizstrom zum E ffector
unterbrechen.
Eine Anzahl innerer Regungen, durch Eindrücke ausgelöste emotionale Zu­
stände wie das Staunen und der Schrecken, oder emotionale Stimmungen, wie der
passive Kummer, gehen m it starker Hemmung der Bewegungen und des Muskel­
tonus einher. Ist diese ein unspezifischer physiologischer Effekt oder ein die
innere Regung adäquat spiegelnder Ausdruck ?
Den reaktiven Äußerungen des Staunens, der Überraschung, des Entsetzens
oder Schreckens ist gemeinsam die Plötzlichkeit ihres Auftretens anläßlich von
Eindrücken, die als Schock wirken. Man spricht daher von einem emotionalen
1 B u y t e n d ij k , F. J. J .: „Das erste Lächeln des Kindes." Psyche 1948, S.S7.
222 D ie Problem atik der Ausdracksbewegungen

Schock in Analogie zum traumatischen und nervösen. Ein Schock, so lehrt die
Physiologie, hat eine starke Wirkung auf die vom sympathischen Nervensystem
abhängigen Funktionen sowie auf die Organisation der zentralnervösen Funktio­
nen, Muskeltonus- und Koordinationsverlust kommen dabei häufig vor. E s ist
also wohl begründet, wenn man die Schreckreaktion als einen Schock auffaßt. Das
öffnen des Mundes, das Einsinken der Knie wären dann keine Ausdrucksbewe­
gungen, sondern physiologische Effekte.
Bleibt das weite öffnen der Augen l D arw ik erklärt es als Rudiment einer Hand­
lung, des Versuches, das Gesichtsfeld zu vergrößern, ähnlich wie er auch das Öff­
nen des Mundes als zweckmäßige Handlung mit dem Ziel, geräuschlos oder tief zu
atmen, auffaßte: sie sollten der Vorbereitung der gewöhnlich dem Schreck folgen­
den Aktivität dienen. Zu dieser Verkennung des Unterschieds von Handlung und
Ausdruck kommt aber D arwin u. a., weil er die Nachahmung emotionalen Aus­
drucks als Beispiel wählte. Ahmt man, z. B. wie ein Schauspieler, Schreck nach,
so muß man tatsächlich eine Handlung vollziehen, aktiv die Augenbrauen Hoch­
ziehen und den Mund aufspenen. Auch die Reaktion der Körpermuskeln
geschieht dann aktiv: man läßt die Arme herabfallen, d. h. man entspannt
willkürlich.
W ie falsch dieser Ausgangspunkt für eine Theorie der Ausdrucksbewegung auch
sein mag, die Tatsache einer möglichen Nachahmung zeigt, daß die verschiedenen
Züge eines Ausdrucks in einem durch den Willen gestalteten „Bewegungsplan"
auitreten können. Bei wirklichem Schrecken jedoch geschieht etwas, ein „B e -
troffen"-W erden, während man sich bei der Nachahmung des Schreckens
treffen lassen will. Dazu sind das Sich-öffnen für den Eindruck und das Aufgeben
jeder Selbstbewegung erforderlich. Die Nachahmung eines Ausdrucks und das
Überlegen dessen, was man eigentlich dabei tut, lehrt uns also die Form der inne­
ren Bewegtheit kennen, die unter natürlichen Umständen ganz unwillkürlich
äußerlich richtbar wird.
Die Hemmung der Innervation ist kein Schock des Nervensystems sondern
echter Ausdruck dessen, was im Seelenleben geschieht. Das wußte schon D es-
c a r te s . Die Hemmung erklärt er aus dem Strömen der „Lebensgeister" zur
H hnstele, die den Eindruck aufnimmt. Hier sind dann die Lebensgeister der­
maßen beschäftigt, daß sie nicht zu den Muskeln abfließen können. Im Bild
wird uns hier auf vorzügliche Weise gesagt, was das W esen des Affektes,
des Staunens usw. ist. W ir gewinnen daraus die Einsicht, daß die Hemmung der
Motorik und — meistens nicht bemerkt — eines großen Teils der sinnlichen W ahr­
nehmung Folge des unwiderstehlichen Aufsaugens und Festhaltens unseres „einen
Raum erfüllenden Selbsts“ an einer Stelle der Außenwelt ist.
Diese Umschreibung bedarf weiterer Erläuterung. W ir gehen von der Tatsache
aus, daß wir uns selbst als Punkt erleben können, der sich in einem virtuellen
Raum bewegt, Eindrücken und Gedanken folgt, in Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft verweilen kann. Aber wir können uns auch erfahren, wie wir im Erfüllen
eines Raumes zugleich bei unserer Leiblichkeit und bei der W elt sind. Es ist dann,
als ob wir m it unserem „Selbst" diesen Raum durchzogen und in Besitz genommen
hätten,um von dieser Allgegenwart aus uns einer Sache zuwenden, irgendwo etwas tun
zu können. Ein Etwas und ein Irgendwo gibt es dann nur in bezug auf diesen von
uns selbst erfüllten Raum, Dieses Raum-erfüllende- Selbst ist das Selbst in seiner
Expression durch. Spannung 223

zuwartenden Haltung1, von der aus man etwas tun oder in der man von etwas be­
troffen werden kann.
Das Gemeinsame sämtlicher Formen des Betroffenwerdens ist nun das H in­
weggezogen-Werden, das Hinwegströmen unseres Selbst aus dem Raum, in dem es
zuwartet. Ich vergesse mein Selbst, verliere m ich selbst am Gegenstand, über
den ich mich verwundere, der für m ich grundlos, d. h. ein Wunder ist. Dabei
stellt sich noch eine gewisse A ktivität ein, die dieses passive Gefesseltwerden auf­
greift und fortführt. Dies fehlt jedoch beim Schrecken gänzlich. Beim Entsetzen
werden wir so gewaltsam außer uns selbst, bzw. außer dem, wo das Selbst verweilt,
gebracht, daß uns ein Angst genanntes Gefühl der Verlorenheit und Ratlosigkeit
erfüllt2.
Das Hinwegströmen oder Hinweggezogenwerden unseres Selbst entseelt den.
Leib, über den wir die Macht verlieren, der gelähmt zusammensinkt.
Die Expression durch Hemmung ist also nicht ein aktives Aufhebender Spannun­
gen, sondern ein Gelähmtwerden und insofern doch dem Schock vergleichbar.
Sie unterscheidet sich von ihm, weil sie echter Ausdruck eines inneren Zustandes
ist, den mim besser eine Existenzweise als eine Gemütsregung nennen kann3.
Unsere Untersuchung muß mm zwei Richtungen verfolgen: die eine wendet
sich der bemerkenswerten Tatsache zu, daß man vor Schrecken nicht immer
gelähmt, sondern auch erstarrt sein kann. Das Betroffenwerden äußert sich
also offenbar in zwei Formen.
Die andere folgt dem so auffallenden Erblassen vor Schreck, das nicht über­
gangen werden darf. Zu seiner Erklärung wollen wir die vegetativen Wirkungen
der Emotionen im allgemeinen, die Reaktionen der Blutgefäße, des Herzens, der
Eingeweide usw. näher betrachten. Sie treten sowohl bei den verschiedenen
Formen des Schocks, als auch bei den besprochenen reaktiven Ausdruckserschei­
nungen auf.
7. Expression durch Spannung
W ir hoben hervor, daß man vor Schreck nicht nur gelähmt, sondern auch er­
starrt sein kann. Zur Erhellung dieses Sachverhaltes müssen wir zunächst unser
1 Wahrscheinlich hat man mit dem Begriff Bewußtseinsraum etwas Derartiges gemeint.
Aufmerksamkeit ist dann eine Verengung des.Bewußtseins und in der Affektreihe: Verwunde­
rung bis Enteetzen tritt eine noch ausgeprägtere Verengung auf. Es wird klar sein, daß unser
Gedankengang einen anderen Ausgangspunkt hat, als die Bewußteeinspsychologie. W ir gehen
von der Existent und dem Erleben unseres Selbst-Seins aus und lassen die Frage des Bewußten
und 'Unbewußten beiseite.
* Das Selbst verhält sich auf zweierlei Weise zum virtuellen Raum des Inneren. Eine ,
davon lernten wir kennen : das Selbst befindet sich im Raum, erfüllt ihn oder bewegt sich in
ihm. Das, indem wir sind, kann jedoch auch in uns sein. Das gilt nicht für alles, was erlebt
wird. Ein Gedanke oder eine Vorstellung können etwas sein, bei dem ich mich aufhalte, auch
etwas, das in mir ist, das ich in mir. trage. Ein Affekt dagegen, z. B. die Angst, befindet sich
nie im Raum, den das „Selbst" erfüllt, sondern ist stete »w mir, erfüllt mich.
1 Es ist dies ein echter Ausdruck auch des aktiven Öffnens der Augen wegen I Das tut man
nicht, um besser zu sehen, sondern es ist der Ausdruck des Verhältnisses zum uns betreffenden
Gegenstände. Wir müssen die Angen öffnen, um uns zu verlieren. Bei Schreck fühlen wir uns
durch die offenen Augen hinweggezogen, und zugleich strömt das Entsetzliche in uns hinein.
Kann man das nicht aushalten, so werden die Augen geschlossen, wenn man seiner Selbst
wenigstens noch mächtig ist. Jedenfalls hat D umas Unrecht, wenn er die Verwunderung als
«ine »réaction d’inhibition« bezeichnet, »à l’exception de certains réflexes adaptés, comme la
fixation du regard«.
224 Die Problem atik der Ausdrucksbewegungen

Augenmerk auf den Zusammenhang von Ausdruck und Spannung im allgemeinen


richten,
Wie wir sahen, vertreten alle Ausdrucksbewegungen einen inneren Zustand,
Dieser kann flüchtig sein oder länger anhalten. Er ist jedoch eine Befindlichkeit,
eine Gefühlslage, die ihren entsprechenden Ausdruck in Überwiegend tonischen
Kontraktionen findet. Wenn die Expression als eine Initial-Handlung aufzufassen
ist, ist eine Haltungskomponente zu erwarten. Daher kann man auch nicht selten
eher von Ausdruckshaltungen als von Ausdrucksbewegungen sprechen, und eben
deshalb lassen sich die meisten Ausdrücke in einem uns verständlichen statischen
Bild, einer Photographie, festhalten. Das gilt besonders für die Mimik. Die
Bewegung des Antlitzes führt zu einem Endzustand, dem eigentlichen Träger der
vollentwickelten Expression.
Dennoch hat K lag e s mit Recht darauf hingewiesen, daß wir Gemütsfceme-.
gungen ausdriickcn, „W allungen", wie er die Emotionen bezeichnenderweise
nennt. Auch dort, wo der Zusammenhang mit einem Handeln mehr hervortritt,wie
bei den Gebärden und ihren Übergängsformen zu den reinen Expressionen, sehen
wir ein Überwiegen des Dynamischen über das Statische und wird der Ausdruck
in der Form des Bewegungsverlaufs gefunden. Wie F lach überzeugend aufzeigte,
entwickelt sich die Situation, die zu einer Ausdrucksbewegung erforderlic