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Zur Kritik des ökonomischen Systems von

Karl Marx.
V on

P r o f . D r . W E R N E R SOM BART.

Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. D r i t t e r


B a n d , erster Teil, 8°, X X V III. und 448 S.; zweiter Teil, 422 S .
H am burg. M eifsner 1894.

D as A rbeitsgebiet dieses A rchivs ist ein beschränktes; es


w idm et sich der E rörterung sozialpolitischer und sozialstatistischer
Problem e und schliefst, neben vielem and e re n, die nationalöko-
nomische T heorie aus dem Kreise seiner A ufgaben aus. W e n n
gleichw ohl an dieser Stelle das E rscheinen des dritten Bandes
des M arx'schen „K apitals“ zum A nlais einer rein theoretischen
Studie genom m en w ird, so geschieht es in der E rw ägung , dafs
grundlegende, systematische B eh and lu nge n des gesamten Gebiets
der ökonom ischen W issenschaften auch in einer sozialpolitischen
Zeitschrift nicht mit Stillschweigen überg angen werden können.
Ist doch die glückliche E rörterung auch sozialpolitischer Problem e
am letzten E nde von der Sicherheit der alJgemeintheoretischen
F u n d ie ru n g bedingt, führt uns doch auch jedes praktische P ro ­
blem zu den letzten Fragen der T h e o r 'j mit zw ingender G ew alt
zurück. S o hat diese Zeitschrift e^ sich denn auch stets a n ­
gelegen sein lassen, trotz der prin zip iellen Beschränkung ihres
A rbeitsgebiets die g r u n d l e g e n d e n theoretischen W e rk e der
N ationalökonom ie eingehend zu w ürd igen : ich dgrf an die B e ­
sprechungen A d o lp h W a g n e r's und — Ju liu s W o lf s erinnern.
W e n n ich es, in U ebereinstim m ung mit dem Herausgeber,
somit für angezeigt hielt, meine K ritik des dritten Bandes des
Archiv Tür so z. Gesetzgebg. u. Statistik. VIL 37
556 W e rn e r Som b a rt .

„K ap itals“ und einige sich daran k nüpfende , prinzipielle E r ­


örterungen in diesem A rchiv zu veröffentlichen, so geschieht
es in der U eberzeugung, dafs es gegenüber einen} W erke
von dem R an g e des „K apitals“ unm öglich A ufgabe der Kritik
sein k an n, wenige Monate nach seinem Erscheinen das letzte
W o r t zu sprechen, das Buch „zu e rle d ig e n “. W e n n wir auch
reichlich Zeit gehabt haben, uns in den G e danke ngang von Marx
hineinzuleben, wenn auch vielfach der nun publizierte dritte Band
nur die Ergebnisse bestätigt, zu denen uns eigenes Nachdenken
auf G run d der früheren B ände geführt hat. so verlangt doch
offensichtlich ein System wie der M arxism us,1) zu dessen Kritik
es so gut wie v öllig an V orarbeiten fehlt, intensiv wie extensiv
eine andersgeartete W ü rd ig u n g als sie eine kritische Besprechung
zu unternehm en in der L age ist. Ich kann deshalb meine A u f­
gabe an dieser Stelle wesentlich nur in Folgendem erblicken:
einm al den Gesam teindruck zu schildern, den der dritte Band
des „K ap itals“ hinterläfst: eine vorw iegend formale W ü rd ig u n g
des W e rk e s; sodann in thunlichst knapp er F orm über seinen I n ­
halt zu berichten, mit steter R ücksicht a u f diejenigen Probleme,
deren E rörte run g die Marx-Diskussion wesentlich beherrscht; e n d ­
lich den Versuch zu m achen: für die zukünftige Marx-Kritik einige
leitende Gesichtspunkte an die H and zu geben. Diese letztere
A ufgabe w ird eine S kizzierung der ökonom ischen G rundlagen
des M arx'schen System s, die meines Erachtens im m er noch
in ihrer W esenh eit verkannt w erden, notw endig erscheinen
lassen.

Trotz der Einw ände, die mein hochverehrter Lehrer A dolph W agner, G rund­
legung, 3. A ufl., I. H. A. II, 28 I gegen diese von mir in der Polemik mit Julius W o lf
gewühlte Bezeichnung m acht, sehe ich mich nicht verarilafst, sie fallen zu lassen. Ich
bin erstaunt, dafs sich W a g n e r ;m diesem A usdruck, der der Lehre von Marx „wohl
eine von allen übrigen sozialistischen Systemen prinzipiell völlig abweichende Stellung
vindiziert/' überhaupt stöfst. Zunächst konzediert W a g n e r selbst, dafs wenn auch
„seines Erachtens doch nur teilweise und nur insofern'' der von mir betonte
„antiethisehe“ Charakter des Marx’schen Systems dieses z. B. von Rodbertus u. a.
imterschcidc. Aber auch davon abgesehen: m ir ist in keinem der bedeutenden
sozialistischen Systeme, vor allem nicht in dem von Rodbertus, eine Theorie der
ökonom ischen E n t w i c k l u n g — und das ist doch die Pointe bei Marx — be­
kannt gew orden; denn die „metaphysische“ Geschichtstheorie von der Aufein -
anderfolgc organischer und kritischer Perioden kann doch hier nicht angezogen
werden. Und dafs sich Kodbcrtus und Marx w ie Feuer und W asser in ihrer
gesamten W ehauflassung unterscheiden, ist doch von W a g n e rs Mitarbeiter —
Dietzel — oft genug zu erweisen unternommen worden.
Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx, 55/

I.
Im V orw orte zitm ersten Teile des dritten Bandes (S. Vf.)
bringt Engels die Passionsgeschiehte seiner Redaktionsarbeit:
sehr zum Nutz und From m en des Lesers. D enn aus der Be­
schreibung des M arx’schen Nachlasses, der A rt und W e ise , wie
ihn Engels verarbeitet hat, gew innen w ir sehr brauchbare A n ­
haltspunkte zur B eurteilung der einzelnen Teile des W erks. Im
allgem einen hat für den dritten Band eine noch unvollkomm enere
M anuskripthintcrlassenschaft Vorgelegen als für den zweiten Band:
„nur ein noch dazu äufserst lückenhafter, erster E ntw urf1'. T rotz­
dem ist das R edaktionsprinzip von E ngels scheinbar nicht ver­
ändert w orden: es war vorw iegend von Rücksichten der Pietät,
nicht der Sache eingegeben.
A uch dieses Mal hat Engels so viel als m öglich von den A us­
führungen seines Freundes in der ursprünglichsten Form zu be­
nutzen sich angelegen sein lassen. E r teilt uns mit besonderer
B efriedigung m it, dafs auch in dem schwierigsten und wenigst
vollkom m en hintcrlassenen A bschnitte (dem fünften) es ihm „end­
lich gelungen sei, a ll e irgendw ie zur Sache gehörenden A u s­
sprüche des Verfassers im Text u n te rzu brin g en“ (S. IX ).
Ich weils nicht, ob diese M ethode der Bearbeitung die rich­
tige gewesen ist, ja ob sie auch selbst aus Rücksichten der Pietät
geboten war. Sie hat dadurch dem Gesam tcharakter des W erkes
sicherlich geschadet. O b es nicht vielm ehr in den Intentionen
von Marx selber gelegen hätte, der W e lt unfertige Sachen vor­
zuenthalten? O b es nicht vielm ehr d a ra u f angekom m en wäre,
die G run d zü g e des Systems herauszuschälen und uns in sinn-
gem älser Bearbeitung wozu doch E ngels wie noch kein Nach-
lafsverwalter vor ihm befähigt war — in vollendeter Fassung
vorzulegen. Meinetwegen hätten ja alle Exkurse, alle Vorarbeiten,
die sich in dem Marx'schen M anuskripte vorfanden, in der „Neuen
Z e it“ in extenso abgcdruckt werden können. N un ist alles in das
„K a p ital“ gepackt: fertiges neben h a lb fe rtig e m . nebensächliches
neben entscheidend wichtigem , Details neben G run dzügen. W e n n
M arx aus E nqueten seitenlange Exzerpte gem acht hat, so hat er es
doch sicherlich nur gethan, um sie zu verarbeiten, nicht um sie
abdrucken zu lassen, wie es nun geschehen ist. W e n n der
fünfte A bschnitt (Kredit- und Banklehre) der unvollkom m enste im
M anuskript war, so hätte er ruhig mit ein paar Sätzen resümiert
werden, in extenso aber, ohne irgendw o dem System A bbruch
zu thun, w egbleiben können. A b e r auch in der R edaktion der
37*
558 W e rn e r S o m h a rt,

D arstellung selbst ist Engels meines E rachtens zu gewissenhaft


verfahren. E r hätte die ewigen W ie d e rh o lu n g e n kappen sollen, .
die je tzt im dritten Bande einen noch breiteren R aum als im
zweiten einnehm en und vielfach den E indruck erwccken, als höre
man das K olleg eines deutschen Professors. Dafs solche rein
kalkulatorischen K apitel wie das 41., 42., 43., deren Ergebnisse
nicht einmal ohne weiteres verw endbar sind, so dafs sich Engels
selbst zur A ufstellu ng anderer Zahlenreihen v e r a n l a g t sah (vgl.
I I I 11, 250), ebenfalls nicht das Buch zieren, w ird m ir jederm ann
zugeben. D och diese A usstellungen kom m en post festum und
ändern an der fertigen Thatsache nichts m ehr.1) Sie sollen im
wesentlichen auch nur dazu beitragen, den Gesam tcharakter des
W erke s vor allem form al zu kennzeichnen.
Dafs der G enufs des dritten Bandes durch U ebelstände, wie
sie im V orstehenden hervorgehoben w urden, nicht unwesentlich
beeinträchtigt w ird, liegt auf der H an d . D ie U nebenheiten
machen sich oft gen ug fühlbar; die L ektüre wirkt oft erm üdend, ^
zuw eilen geradezu unerquicklich. T rotz alledem jedoch ist der
dritte B and des „K a p itals“ ein S tandardw erk, das unvergleichlich
höher als der vorhergehende Band steht und sich dem ersten
w'ürdig anreiht. F reilich von der frischen W a ld u rsp rü n g lic h k e it
des ersten Bandes ist im dritten nicht m ehr viel zu m erken; es
weht ein stillerer Geist darin. A n Stelle des dram atischen
Schw unges ist die epische R u h e getreten. A ber ganz gewiss
nicht zum Schaden der W issenschaft. F ü r die sozialdcmokrati-

In einigen Punkten jedoch wäre es w ohl nicht ausgeschlossen, dafs f


Engels für spätere Auflagen zu einigen M odifikationen des Textes schritte. So
z. B. ist es schier unbegreiflich, w arum uns zugem utet w ird, in einfachen Zahlen- ^
beispiclen nach w ie vor uns m it der altertüm lichen e n g l i s c h e n W ä h ru n g und
ihren unm öglichen B rüchen von £ , sh und d zu q uäle n , wo w ir die bequeme
dezimale W ä h ru n g in Deutschland haben, oder m it acres und quarters, statt mit
ha und h l? — A uch dürfte sich Engels bei näherer P rüfung davon überzeugen,
dafs ganze Seiten aus alten Reports der vierziger und fünfziger Jahre nicht mehr
mit den Thatsachen im Einklang stehen, w as er ja öfters selbst bemerkt. So
z. B. ist meines W issens das Matena) des fünften K apitels mehr oder w eniger
veraltet. Es liegt heute sehr häufig in der Tendenz der natürlichen E ntw ick lung
des K apitalism us, die räum lichen Arbeitsbedingungen zu verbessern, z. R. rein­
lichere M aschinenhäuser, hellere Sheds u. s. w. zu bauen, lediglich aus w o h l­
verstandenem Geschäftsinteresse. Ganz abgesehen dav o n, dafs der Kapitalism us
sich technische Erfindungen zu Nutze macht und nun ebenso billig wie vorher
bessere Arbeitsbedingungen schafft, 2. B. die A rbeitsräum e elektrisch beleuchtet,
dabei gleichzeitig w iederum sein Geschäftsinteresse keineswegs verletzend, u. s. w. ^
Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx. 559

sehe A g ita tio n w ird sich im dritten B ande nur wenig M aterial
gew innen lassen. A ber dieser U m stand kom m t der Theorie zu
gute. W a s den ersten zu einer so ergiebigen Fundgrube an
Schlagw örtern und R edew endungen für agitierende „G enossen“
macht, was ihn auch für den theorieentw öhnten, von der ,,rage
des faits“ ergriffenen EhirchschniUs-Nationalökonomen genieisbar
und lesenswert erscheinen Jiess: die häufigen deskriptiven und
historischen Exkurse, die D arstellung englischer Arbeiterzustände,
die kritische Geschichte der englischen Arbeiterschutzgesetz-
gebung und dergl. störte doch nur den Genuss an der E ntw icke­
lun g der G edanken des Systems. D er dritte Band hat diesen,
vom S tand p unk t der Theorie unnützen Ballast nicht. D eshalb
w ird die Freude, die der Theoretiker bei der Lektüre des dritten
Bandes empfindet, trotz aller U nebenheiten, von denen ich sprach,
doch reiner, ungetrübter sein. Mir ist der neue Teil in seiner
A rt reichlich so lieb als der erste B and. Um somit das Fazit zu
ziehen: Die nationalökonom ische W issensch aft darf das E r­
scheinen des dritten Bandes vom „ K a p ita l“ als ein freudiges
E reignis begrüfsen, das den literarischen H erbst 1894- für unser
Fach ausnahm sweise zu einem fruchtbaren gestaltet hat. W ie
man auch im m er zu den Ergebnissen der Marx'schen U nter­
suchungen Stellu ng nehmen mag: w er überhaupt noch einen
Funken theoretischen Interesses im Leibe hat, wird nicht ohne
Befriedigung das Marx'sche System nun in dem dritten Bande
vor seinen A ug e n sich vollenden sehen.
Versuchen wir. uns über den In h a lt des dritten Bandes zu
unterrichten. Ich resümiere zunächst den G edankengang des
Verfassers ohne weitere Kritik. W e n n ich dabei ausführlicher
verfahre, als es wissenschaftlicher G e pflogenheit entspricht, so
geschieht es in dem Bewufstsein. dafs einem so systematisch
m ifsverstandenen A u to r wie Marx geg enüber eine verständliche
W iederg ab e seiner A usführungen oberstes G ebot ist.

II.
Die Gesam taufgabe für das dritte Buch war gegeben: hatte
das erste den Produktionsprozefs, das zweite den Zirkulations-
prozefs des K apitals dargestellt, so blieb zu erledigen, wie M arx
es ausdrückt, der G e s a in t p r o z e fs d e r k a p i t a l i s t i s c h e n
P r o d u k t i o n ; mit ändern W o rte n die D arstellung der e m p i r i ­
s c h e n G estaltung des kapitalistisch geordneten W irtsch afts­
lebens. „In ihrer wirklichen B ew egung treten sich die K apitale
560 W e rne r S o m bart ,

in solchen konkreten Form en gegenüber, für die die Gestalt des


Kapitals im unm ittelbaren Produktionsprozefs, wie seine Gestalt
im Zirkulationsprozefs, nur als besondere M om ente erscheinen.
Die Gestaltungen des Kapitals, wie w ir sie in diesem Buche ent­
wickeln, nähern sich also schrittweise der Form , w orin sie auf
der O berfläche der Gesellschaft, in der A k tio n der verschiedenen
Kapitale auf einander, der K onkurrenz und im gew öhnlichen
Bewufstsein der Produktionsagenten selbst auftreten/' W o h l­
verstanden: „ n ä h e r n s i c h “, ohne sie zu erreichen. A uch im
dritten Buche w erden nicht die Phänom ene des wirklichen W ir t ­
schaftslebens behandelt. A u s g e s c h lo s s e n von der D arstellung
bleibt ausdrücklich die Lohre von der K o nku rrenz. Das dritte
Buch zerfallt in s ie b e n „A bschnitte“ mit zusam m en 52 K apiteln.
D er e r s te A b s c h n i t t (Band III 1 1— 119) behandelt „ d ie
V e r w a n d l u n g d e s M e h r w e r t s in P r o f i t u n d d e r R a t e d e s
M e h r w e r t s in P r o f i t r a t e “.
Dieser erste A bschnitt hat die w esentlich f o r m a l e A ufgabe
zu lösen: W e r t u nd M ehrwert in ihren em pirischen Form en als
Kostpreis bezw. Profit darzustellen. V om kapitalistischen S ta n d ­
punkt aus k o s t e t d ie W a r e n i c h t A r b e i t , s o n d e r n K a p i t a l :
der A ufw and, den der Kapitalist zur E rzeu gu ng einer bestimmten
W a re zu machen hat, ist für ihn eine V erau sgabu ng von K apital
und erscheint ihm als „die K o st“ der W a r e ; die H öhe dieser
Kapitalausgabe bestim m t den K o s t p r e is . W a s aber der K a ­
pitalist an M ehrw ert einheimst, erscheint ihm, unter der B e ­
zeichnung des Profits, als ein Ergebnis seiner gesam ten K a p ita l­
anlage, d. h. nicht nur des verausgabten Kapitalbetrages, oder
etwa nur des variablen Kapitalbestandteils. Neben dem K o st­
preise erscheint also die neue der V orstellungsw elt des K a p ita ­
listen angehörige, ökonom ische Kategorie des P r o f it s . S o v e r­
w andelt sich W ~ c v hh m zunächst in k -h m 7 dann in k + p ;
d. h. der W a re n w e rt in Kostpreis plus Profit. „D er Profit wie
wir ihn hier zunächst vor uns haben, ist also dasselbe was der
Mehrwert ist, nu r in einer mystifizierten F orm , die jedoch mit
N otw endigkeit aus der kapitalistischen Produktionsw eise heraus­
wächst. W e il in der scheinbaren B ild u n g des Kostpreises kein
Unterschied zwischen konstantem und variablem K apital zu er­
kennen ist, muss der U rsprung der W ertv e rän d e ru n g , die w ährend
des Produktionsprozesses sich ereignet, von dem variablen K a ­
pitalteil in das Gesam tkapital verlegt werden. W e il auf dem
einen Pol der Preis der Arbeitskraft in der verw andelten Form
Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx, 561

von A rbeitslohn, erscheint auf dem G e genp o l der M ehrwert in


der verwandelten Form von Profit.“ (III 1, 11). D a sich in der
Form des Profits der Mehrwert als U cberschufs über das Gesamt-

kapital (C) darstellt, so ist (im Gegensatz zu r Mehrwertrate

die P r o f i t r a t e *= Das heifst: „im M ehrw ert ist das Ver-

hältnis zwischen K apital und A rbeit blofsgelegt; im V erhältnis


von K apital und Profit, d. h. von K ap ital und Mehrwert wie er
einerseits im Z irkulationsprozefs realisierter Ueberschufs über
den Kostpreis der W a re , andererseits als ein durch sein V e r­
hältnis zum G esam tkapital näher bestim m ter Ueberschufs er­
scheint, erscheint das K a p i t a l a ls V e r h ä l t n i s z u s ic h s e lb s t ,
ein V erhältnis, w o rin es sich als u rsprüngliche W ertsum m e von
einem, von ihm selbst gesetzten Neuw ert unterscheidet.“ (a. a. O.
22/23). He isst die Profitrate p 1, die M ehrw ertrate in1, so ergiebt
sich die G leichung:

Die Profitrate ist also eine Funktion m ehrerer V a ria b le n ; sie


wird bestim mt durch zwei 1 lau p tfa k to re n : die R ate des M eh r­
werts und die W ertzusam m e nsetzung des K apitals. E in beson­
deres K apitel (3) ist dann der rein m athem atischen U ntersuchung
gewidmet, wie diese V ariablen durch ihre V e rän d e ru n g auf die
Profitrate w irken; ein anderes Kapitel \4) untersucht den Einflufs
des Um schlags auf die Profitrate. E in weiteres K apitel (5) dieses
A bschnitts handelt von der „O ekonom ie des konstanten K a p itals,“
sc, in seiner B edeutung für die H öh e der Profitrate. D a n ä m ­
lich, be i gegebenem Mehrwert, die Profitrate nur vermehrt werden
kann durch V erm inderung des zur W a re n p ro d u k tio n erheischten
konstanten K apitals, so ist die U ntersuchung derjenigen Momente,
die eine solche W e rtv e rm in d e ru n g von c herbeiführen, w ichtig:
aufser der fortw ährenden V erbesserung der Maschinerie und der
V erm ind erung des W e rts und damit der Kosten der P rodu k tio ns­
mittel kom m t hier aber vornehm lich die O e k o n o m i e in der
A n w e n d u n g des konstanten Kapitals in Betracht. H ierher ge­
h ört: E rsparung der A rbeitsbedingungen a u f K osten der A rbeiter ;
O ekonom isierung in K rafterzeugung, K raftübertrag ung und B a u ­
lichkeiten (B eschleunigung der Maschinerie etc.); N utzbarm achung
der Exkrem ente; O ekonom ie durch E rfindungen.
Endlich im sechsten Kapitel dieses vorbereitenden A bschnitts
562 W e r n e r S cijn bart,

w ird die W ir k u n g der Preisschw ankungen a uf die Profitrate unter­


sucht und zw ar m it besonderem H inblick a u f die Baum w ollkrise
1861— 65; w ährend das letzte Kapitel des A bschnitts eine S a m m ­
lun g von S chnitzeln, unter dem Titel „N achträge“ bringt.
Im z w e it e n A b s c h n i t t (S. 120— 190) w ird nun „ d ie V e r ­
w a n d l u n g d e s P r o f i t s in D u r c h s c h n i t t s p r o f i t “ verfolgt.
Es ist bekannt, wie diese „V erw andlun g“ als das grolse Mysterium
betrachtet w orden ist, dessen A u fh e llu n g der 3. Band des „K a ­
p itals“ vornehm lich zu bringen berufen war. Das sog. „ R ä tse l“
der D urchschnittsprofitrate hat eine ganze R eih e von Schrift­
stellern zu L ösungssuchungen angespornt, nachdem es als „ A u f­
g a be“ von Engels im V orw ort zum zweiten B ande gestellt w orden
w~ar. Die gelieferten Preisarbeiten, deren keiner der volle Preis
zuerkannt wird, unterzieht nun Engels im V orw ort zum dritten
B ande einer eingehenden Zensur. D as bekannte Problem wird
im 8 . Kapitel des vorliegenden Bandes noch einmal dahin p rä z i­
siert: wie geht es zu, dafs gleiche K apitale trotz ungleicher
organischer Z usam m ensetzung gleiche Profite machen, w ährend
doch der M ehrw ert nur im V erhältnis zum variablen Kapital er­
zeugt wird.
D ie (NB. selbstverständliche) „ L ö s u n g “ ist nun diese: u n ­
gleiche Profitraten müfsten entstehen, w enn die W a re n zu ihren
W e rte n verkauft w ürden; dieses aber ist nicht der Fall: w ährend
näm lich ein Teil der W a re n , diejenigen mit K apitalien von höherer
als der durchschnittlichen Zusam m ensetzung produzierten über
ihrem W erte verkauft werden, wird in dem selben V erhältnis ein
anderer Teil, den K apitalien mit unterdurchschnittlicher Z u sam ­
m ensetzung erzeugt haben, unter seinem W e rte abgesetzt. So
ergiebt sich eine Durchschittsprofitrate wie folgende hypothetische

Tabelle veranschaulicht ^ = 100 pCt.^.

V er­ Kost- Preis Abweichung"


M ehr­ brauch­ W e rt Ij preis der des Preises
Kapitale* Profitrate
w ert W are n vom W e r t
tes c der W are n

I. 80c -f 20 v 20 50 90 i 70 92 22 pCt. 4- 2
Ü. 70 c -f- 30 v" 30 51 (11 I 81 103 22 . — 8
III. 60 c + 40v 40 51 131 ' 91 113 22 „ — -18
IV . 85 c -f- 15 v 15 40 40 55 77 22 „ + 7
V. 95 c -f- 5 v 5 10 20 j 15 37 22 „ -H7

„Die Preise, die dadurch entstehen, dass der D urchschnitt


der verschiedenen Profitraten der verschiedenen Produktions-
Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx. 563

Sphären gezogen und dieser D urchschnitt den Kostpreisen der


verschiedenen Produktionssphären zugesetzt wird, sind die P r o ­
d u k t i o n s p r e i s e “ (S. 135). D er Produktionspreis ist der natural
price bei A d. Sm ith, der pricc o f production bei R icardo der prix
necessaire der Physiokraten (S. 178). D ie A usgleichung der „ur­
sp rü n g lich “ sehr verschiedenen Profitraten w ird aber bewirkt durch
die K o nku rrenz (136).
„O bgleich daher die Kapitalisten der verschiedenen P ro d u k ­
tionssphären beim V erkauf ihrer W a a re n die in der P roduktion
dieser W a re n verbrauchten Kapitalw erte zurückzichen, so lösen
sie nicht den in ihrer eigenen S phäre bei der Produktion dieser
W a re n produzierten Mehrwert und daher Profit ein, sondern nu r
soviel M ehrwert und daher Profit, als vom Gesam tm ehrw ert oder
Gesam tprofit, der vom Gesam tkapital der Gesellschaft in allen
P roduktionssphären zusum m engenom m en, in einem gegebenen
Zeitabschnitt p ro d uziert wird, bei gleicher V erteilung auf jeden
aliquoten Teil des Gesam tkapitals fällt. . . . D ie verschiedenen
K apitalisten verhalten sich hier, soweit der Profit in Betracht
kommt, als blosse A ktion äre einer Aktiengesellschaft, worin die
A nteile am Profit gleichm äfsig pro 100 verteilt werden und daher
für die verschiedenen Kapitalisten sich nu r unterscheiden nach
der Gröfse des von jedem in das G esam tunternehm en gesteckten
Kapitals, nach seiner verhältnism äß igen B eteiligung am G esam t­
unternehm en, nach der Z ahl seiner A k tie n .“ (136/137). G esam t­
profit und Gesam tm ehrw ert sind also identisch (14U); der D u rc h ­
schnittsprofit ist som it nichts anderes als „die Gesamtmasse des
Mehrwerts verteilt a u f die K apitalm assen in jeder P roduktions­
sphäre nach V erhältnis ihrer G röfsen“ (153).
Die „schwierige F ra g e “ nun (153): wie diese A usgleichung
der Profite zur allgem einen Profitrate vorgeht. soll das IO. K a ­
pitel beantworten.
Marx nim m t hier als A usgangspunkt einen Zustand des W a r e n ­
tausches, in dem k e in e kapitalistische Produktion herrscht. H ie r
würden, unter bestim mten V oraussetzungen (156), die W a re n sich
im V erhältnis ihrer W e rte austauschen; und zw ar für den N orm al­
fall, dafs A ng e bo t und Nachfrage sich decken, je zu ihrem M arkt­
werte, d. h. dem individuellen W e rt der unter den durchschnitt­
lichen B edingung en einer bestimmten Produktionssphäre p ro d u ­
zierten W a a re n (157 f.). Die Erörterungen über die B ildu ng des
Marktwertes, dem in der kapitalistischen W irtsc h a ftso rd nun g der
M arktprodnktionspreis entspricht und der infolge einer Verände-
564 W e r n e r S o r a b a r t,

rung zwischen A n g e b o t und Nachfrage davon abweichenden


M arktpreise enthalten aber für die L ö s u n g der aufgeworfenen ^
Frage selbst nur w enig; sie bereiten sie lediglich vor.
F ür die L ö su n g sind vielmehr, soviel ich sehe, nur die Seiten
175— 178 anzuziehen. Und die eigentliche A ntw ort wird in den
folgenden Sätzen gegeben; „W e rd e n die W a re n . . . zu ihren
W e rte n verkauft, so entstehen . . . sehr verschiedene Profitraten . . .
Das K apital entzieht sich aber einer S p h äre mit niedriger Profit­
rate und wirft sich a u f die andere, die höheren Profit abwirft.
D urch diese beständige Aus- und E inw and eru ng, mit einem W o r t
durch seine V erteilu ng zwischen den verschiedenen S phären, je
nachdem dort die Profitrate sinkt, hier steigt, bewirkt es solches
V erhältnis der Z u lu h r zur Nachfrage, dafs der Dui'chschnittsprofit
in den verschiedenen Produktionssphären derselbe wird und d a ­
her die W e rte sich in Produktionspreise verw and eln“ (175/76;
vgl. dazu noch 187).
In diesen A usführungen sind U nklarheiten, auf die ich in ^
meiner Kritik zu sprechen kommen werde.
D er d r i t t e A b s c h n i t t (S. 191— 249) entwickelt in g län ze n d ­
ster W e ise das „ G e s e tz d e s t e n d e n t i e l l e n F a l l s d e r P ro -
f i t r ä t e " , das sich aus der Wert- und M ehrwertlehre als eine
selbstverständliche K onsequenz ergiebt. „Die progressive T e n ­
denz der allgem einen Profitrate zum Sinken ist . . . nur ein der
kapitalistischen Produktionsweise eigentüm licher A usdruck für die
fortschreitende E ntw icklung der gesellschaftlichen Produktivkraft
der A rb e it11 (193); denn diese E ntw icklung stellt sich kapitalistisch
dar, als eine fortschreitende relative A bnah m e des variablen K a ­
pitals im V erhältnis zum konstanten und dam it zum Gesamt- j
kapital: dieselbe R ate des Mehrwerts mufs sich infolgedessen in
einer fallenden Profitrate ausdrüeken.
Dafs mit dem Fall der Profitrate eine Z unahm e der P rofit­
masse verbunden sein k a n n , ist einleuchtend; Marx unternim m t
den Nachweis, dafs sie in der kapitalistischen W irtschaftsordnung
damit verbunden sein m ü s s e : dieweil deren ganze Entw icklung
auf A kkum ulation hindränge, damit aber auch auf V erm ehrung
der Arbeiter, also der Masse der angew andten und entsprechend
unbezahlten A rbeit: S. 198, 199. „Dieselbe E ntw icklung der P ro­
duktivkraft der gesellschaftliche]-) A rbeit, dieselben Gesetze, welche
im relativen Fall des variablen Kapitals gegen das Gesam tkapital
und der dam it beschleunigten A kkum ulation sich darstellcn . . .
dieselbe E ntw icklung drückt sich, von zeitw eiligen Schw ankungen *
Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx 565

abgesehen, aus in der stetigen Z u nahm e der angew andten Ge~


samtarbeitskraft, im steigenden W a c h s tu m der absoluten Masse
des M ehrwerts und daher des P rofits14 (2 0 0 ).
W e n n man, sagt Marx, die enorm e Entw icklung der Pro»
duktlvkräfte der gesellschaftlichen A rb e it selbst nur in den letzten
30 Ja h ren betrachtet, so kann man .sich nur darüber w undern,
dafs der Fall der Profitrate nicht viel grösser und rascher ist.
Man w ird, um sich dieses P hänom en zu erklären, zu der A nnahm e
gedrängt, dafs entgegenw irkende Einflüsse im Spiel seien, welche
die W ir k u n g des allgemeinen Gesetzes durchkreuzen und auf-
heben. Eine R eihe solcher „entgegenw irkenden U rsachen“ zahlt
dann Marx im 14. Kapitel a u f
A ber die w ichtigen Schlufsfolgerungen für die Theorie der
ökonom ischen Entw icklung werden aus dem Profitratengesetz erst
in dem bedeutsamen 15. K apitel gezogen, das von der „E ntfal­
tung der inneren W idersp rüc h e des G esetzes“ handelt. H ie r
treffen wir neben alten Bekannten vom A nti-D ühring her, wo
Engels einen Teil der hier entwickelten Gedanken antizipiert,
z. T. doch ganz neue Raisonnem ents, die a u f die Entw icklungs­
theorie nicht ohne bestim m enden E in flu ß sind. Die Profitrate
wird je tzt als treibende K raft in den M ittelpunkt der T heorie g e­
stellt (241), durch deren W irksam keit die kapitalistische P ro d u k ­
tionsweise ihrem Ende zugetrieben w ird. W e n n also auch der
G run dgedank e der Evolutionstheorie (vgl. die F orm u lieru ng
S. 231/32, 240) derselbe geblieben ist: die z. T. neuen Einzelheiten
bedürfen um verständlich zu werden, einer eingehenderen D a r ­
legung und W ü r d ig u n g als sie hier geboten werden kann.
V on hervorragender B edeutung für das V erständnis des ö k o ­
nom ischen Svstcm
^ s von Marx sind der eranze O vierte und die
ersten Kapitel des fünften Abschnitts.
Im v i e r t e i l A b s c h n i t t (S. 250— 321) wird dargestelit die
V e r w a n d lu n g v o n W a r e n k a p ita l und G e ld k a p i t a l in
W a r e n lia n d l u n g s k a p i t a l u n d G e ld h a n d iu n g s k a p it a l. Das
W are n h an d lu ng ska p ital ist nichts als die verwandelte Form eines
Teils des beständig a uf dem Markte befindlichen, in dem Prozess
der M etam orphose befindlichen und stets von der Z irku la tio ns­
sphäre umfangenen Z irkulationskapitals (251). Das W arenkapital
w ird zum W arenhandlungs- oder kom m erziellen Kapital dadurch,
dafs die Funktion des im Z irkulationsprozeis befindlichen K apitals
überhaupt als besondere Funktion eines besonderen Kapitals v er­
selbständigt w ird, sich fixiert, als eine durch die T eilung der A rbe it
566 W e rn e r S o in b a r t ,
einer besonderen G attung von K apitalisten zugewiesene F u n k ­
tion (250). W e lc h e s die reinen F unktio nen des Kapitals in der ^
Z irkulationssphäre sind, wissen wir aus dem zweiten Bande. Es
sind „die O p e ra tio ne n , die der industrielle K apitalist vornehm en
mufs, um erstens den W e rt seiner W a r e n zu realisieren, und
zweitens diesen W e r t in die P roduktionselem ente der W a re n
zu rü ck zu ve rw a nd e ln, die O perationen zur V erm ittlung der M eta­
m orphose des W aren kap itals W 1— G — W , also Akte des Ver-
kaufens und K au fen s“ (264). G rund der V erselbständigung dieser
Funktionen ist die O ekonom ie des Z w ischenhandels (259). W ic h tig
ist es nun, uns der Ergebnisse der U ntersuchungen im zweiten
Buche, die jetzt nur weiter ausgeführt w erden, zu erinnern: dafs
näm lich die r e in e n Funktionen des K apitals in der Z irk u la tio n s­
sphäre (also abgesehen von den heterogenen Funktionen, wie
A ulbew ahren, Spedieren, T ransportieren, E inteilen, die eine F o rt­
setzung des Produktionsprozesses in der Z irkulationssphäre sind)
w eder W e r t noch M ehrwert erzeugen. F o lg lic h s c h a f f t a u c h d a s ^
W a r e n h a n d l u n g s k a p i t a l w e d e r W e r t n o c h M e h r w e r t (264,
65). D a es aber, um sich zu betätigen, selbstverständlich auf
den D urchschnittsprofit A nspruch erhebt, so kann der Mehrwert,
der auf cs in F orm des Profites entfällt, nur ein Teil des von
dem sogenannten produktiven Kapital erzeugten Mehrwerts sein.
Diesen M ehrwert zieht das K aufm annskapital in der W e ise an
sich, dafs es pro rata in die B ildung der Durchschnittsprofitrate
mit dem übrigen K apital eingeht (269). D as heilst: die Preise,
w ozu die industrielle Kapitalistenklasse die W a re n verkauft, sind, ^
wenn w ir die G esam theit der W a re n betrachten, kleiner als ihre
t
W e rte , so dafs sich nunm ehr der w irkliche W e r t oder Produk- ^
tionspreis als k — j— p — (—h (wo h der kom m erzielle Profit ist) d a r­
stellt. Der Verkaufspreis des K aufm anns steht so über dem E in ­
kaufspreis, nicht weil jener über, sondern weil dieser unter dem
Total wert steht (270). Interessant nu n ist die K onsequenz, die
aus dieser Auffassung vom kom m erziellen Profit für den A r b e i t s ­
l o h n d e r k a u f m ä n n i s c h e n A n g e s t e l l t e n gezogen w erden
mufs: Dieser näm lich kann auch nichts anderes sein, als ein Teil
vom M ehrw ert, den das industrielle K a p ital erzeugt hat. D enn
so sehr auch der K aufm ann an seinen A rbe iten „verdienen“ mag,
Mehrwert produzieren sie ihm nicht, sondern helfen nur, einen
'Feil des M ehrwerts bergen, den die „p ro d uk tive n“ A rbeiter er­
zeugt haben (276f.). Ich halte es deshalb auch für irreführend,
wenn Marx mit B ezug auf den kom m erziellen L ohnarbeiter von *
Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx. 567

„variablem “ K apital und „unbezahlter“ A rbeit spricht (278, 284).


Die A usdrücke müssen notw endig bei diesem einen v ollstän d ig
ändern S in n annehm en als beim industriellen L ohnarbeiter, der
W e rte und Mehrwerte unm ittelbar schafft.
G anz analog wie das W are n h an d lu n g sk a p ital wird dann w eiter
(19. K apitel) das G e l d h a n d l u n g s k a p i t a l dargestellt: das d a ­
durch entsteht, dafs die rein technischen B ew egungen, die das
G eld im Zirkulationsprozesse durchmacht,, zur Funktion eines b e ­
sonderen K apitals verselbständigt werden.
A bgeschlossen wird der A bschnitt durch einen w irtschaft­
historischen R ück b lick auf die E ntw ickelung des K aufm annskapitals:
eine S kizze zw ar blofs. in der vielerlei durch neuere Forschungen
überholt ist. die aber doch noch reich genug an geistvollen G e ­
danken ist, um mit V orteil und N utzen von jederm ann gelesen
zu w erden.
V on dem folgenden f ü n f t e n A b s c h n i t t e , der von der
S p a l t u n g d e s P r o f i t s in Z i n s u n d U n t e r n e h m e r g e w i n n
sowie vom z i n s t r a g e n d e n K a p i t a l h andelt, dürfen vor allem
noch die ersten K apitel (21, 22, 23) unser lebhaftestes Interesse
beanspruchen. H ie r werden Zins- und U nternehm ergew inn p r in ­
zipiell erörtert.
D ie Zinstheorie quillt zw anglos aus der Mehrwert- und Profit­
theorie hervor. Z in s ist ein Teil des Profits und zwar derjenige,
den das fungierende K apital an den E ig n e r des K apitals bezahlt
als V e rg ü tu n g für die U eberlassung des Gebrauchswerts K apital,
dessen nutzbringende Eigenschaft darin besteht, zur G e w in n u n g
von M ehrwert dienen zu können (322, 323). Die „natürliche“
R ate des Zinsfufses w ird durch A n g e b o t und Nachfrage zwischen
den beiden Sorten K apitalisten reguliert (341. 355) und ist in ihrer
H ohe durchaus durch kein Gesetz bestim m bar (347).
W a s nach B ezahlung des Zinses vom Profit übrig bleibt,
erscheint in qualitativer Bestim m theit als N ettoprofit oder U n te r­
nehm ergew inn, der nunm ehr als das E rgebnis des K apitals als
F unktio n gegenüber dem Z in s als P rodukt des K apitals als
E igentum erscheint (365). In dem Profit kann dort, wo der K a ­
pitalist selbst sein U nternehm en leitet, ein Teil als A r b e i t s l o h n
für L e i t u n g u n d O b e r a u f s i c h t abgesondert werden (369), ein
Betrag, der vollständig als V erw altungslohn vo,hi Profit getrennt
erscheint, sow ohl in den K ooperativfabriken der A rbeiter wie in
den kapitalistischen A ktienunternehm ungen. Es versteht sich,
dafs diese A rbeit der O beraufsicht und L eitu ng nur in dem
Um fange als produktive A rbeit angesehen werden kann, als sie
in je der kom binierten Produktionsw eise verrichtet werden mufs,
n i c h t , soweit sie bedingt ist durch die historische Form des
kapitalistischen Produktionsprozesses als V erw ertungsprozefs
(369— 376).
D er stattliche R est des fünften A bschnitts (bis a u f ein sehr
lehrreiches Schhifskapitel wirtschaftshistorischen Inhalts) ist nun
der D arstellung der Lehre von den B a n k e n und vom K r e d i t
gew idm et. Dafs er das Schm erzenskind in je der Hinsicht sei,
w urde von uns schon eingangs (S. 557) hervorgehoben. Ich be~
zweifele, dafs er viele Freunde in seiner ungefügen Gestalt ge­
w innen wird. W a s den System theoretiker an ihm etwa noch
interessiert, sind A usblicke auf die wirtschaftlichen Krisen, die
er allerdings in ziem lich reichem Mafse. wenn auch vergraben
unter massenhaftem R ohm aterial — seitenlangen A uszügen aus
englischen Bankenqueten der 40er Jahre — enthält. Das übrige
m ag der Geld- und Kredit-Spezialist nachprüfen. Für unsern
Zw eck, der im wesentlichen darin besteht., die im dritten Bande
zusam m enlaufenden F äden des M arx ’schen Systems richtig -auf­
zunehm en und zu ordnen, können wir ohne Schaden auf eine
W iederg ab e dieses Teiles verzichten und uns auf die A ngabe
beschränken, dafs er nicht w eniger als 1 1 Kapitel umfafst und
die Seiten 386— 448 der ersten, sowie die Seiten 1 — 132 der
zweiten H älfte des dritten Bandes anfüllt.
D er s e c h s t e A b s c h n i t t (III 153 — 348) bringt uns die
L e h r e v o n d e r G r u n d r e n t e („V e rw a ndlu ng von Surplusprofit
in G ru n d re n te “). Dafs die V oraussetzung für die Analyse auch
hier rein kapitalistische Gestaltung ist, versteht sich: es gilt, „die
bestim mten P roduktion*' und Verkchrsverhältnisse zu betrachten,
die aus der A nlag e des Kapitals in der Landw irtschaft e n t­
sp rin g e n “ (154). G rundrente wird schlechtweg als die „selbst­
ständige, spezifisch-ökonomische Form des G rundeigentum s auf
Basis der kapitalistischen P roduktionsw eise“ bezeichnet (164).
„Das E igentüm liche ist, dafs mit den B edingungen, w orin sich
die A g riku ltu rp rod uk te als W e rte (W a re n ) entwickeln und mit
den B edingung en der R ealisation ihrer W e r te auch die M acht
des G rundeigentum s sich entwickelt, einen wachsenden Teil
dieser ohne sein Zu th u n geschaffenen W e rte sich anzueignen,
ein w achsender T eil des Mehrwerts sich in G rundrente v e r­
w a n d e lt“ (179). Marx unterscheidet D ifferentialgrundrente und
absolute G rundrente. Differentialrente ist ein Surplusprofit, der
Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx. 569

durch den Ueberschufs des allgem einen Produktionspreises der


W a r e n über ihren individuellen Produktionspreis entsteht (181),
sich jedoch dadurch von ändern S urplusprofiten unterscheidet,
dafs er nicht aus dem K apital als solchem, sondern aus der V e r ­
fügung über eine vom K apital trennbare, m onopolisierbare, in
ihrem Um fange beschränkte N aturkraft entspringt (186). D ie
Differentialrente erscheint in zwiefacher Form : als R ente von
K apitalanlagen auf fruchtbarerem Boden gegenüber w eniger frucht­
barem Boden und als R ente vom produktiver angelegten K apital
a u f B o den gegebener Fruchtbarkeit. (Differentialrente I und II).
O bw o h l Marx in seiner Differential-Grundrententheorie m e hr
als in anderen Partien seines Systems einen grofsen Bestand an
G edanken von den Klassikern übernim m t, erscheint seine Lehre
doch keineswegs als eine blofse U m schreibung der klassischen
Grundrententheorie. Abgesehen davon, dats er sie in ihren
E inzelheiten von der Zentralsonne seines Systems bescheinen
läfst: auch in der W e ite rfü h ru n g der überkom m enen G e danke n­
gänge scheint er m ir nicht U nbeträchtliches zu leisten. W e n n
ich zusam menfassen soll, w orin ich einen wesentlichen Fortschritt
gegenüber R icardo und seinen N achfolgern erblicke, ist es dieses:
bedeutsam ist einmal der Versuch einer quantitativen Erfassung
und Bestim m ung der Rentenm asse, des „R entals“, die darauf
begründete A b le itun g einer R entrate und dcrgl. (vgl. S. 207):
vor allem aber der genauere N achw eis der gegenseitigen A b ­
hängigkeit und Bedingtheit der D ifferentialrenten I und 11 von
und durcheinander (vgl. z. B. S. 220). D as im einzelnen hier zu
verfolgen, ist nicht die A ufgabe dieses Resum es.
Dafs M arx, ebenso wie R o d b e rtu s, dessen „bedeutende
Schrift über die R e n te “ er anerkennend hervorhebt (311), zu r
A nnahm e einer „ a b s o l u t e n G r u n d r e n t e “, d. h. einer R e n te
von der schlechtesten Bodenklasse a u f G ru n d seiner allgem einen
ökonom ischen Theorie gelangen w ürde, konnte von vornherein
nicht zweifelhaft sein: die B asierung der G estaltung des W i r t ­
schaftslebens a u f die historisch begründeten sozialen M achtver­
hältnisse mufs notw endig zu dieser Schlufsfolgerung führen. „Das
blofse juristische E igentum am Boden schafft dem E igentüm er
keine G rundrente. W o h l aber giebt es ihm die Macht, seinen
B oden so lange der E xploitation zu entziehen, bis^die ö k o n o m i­
schen V erhältnisse eine V erw ertung desselben erlauben, die ihm
einen Ueberschufs abwirft, sei es, dafs der Boden zur eigent­
lichen A grikultur verw andt werde, sei es zu ändern Produktions-
570 W cr n er S o m b a r t,

zwecken, wie Bauten etc. Er kann die absolute Q uantität dieses


Beschäftigungsfeldes nicht verm ehren oder verm indern, w ohl
aber seine a u f dem Markt befindliche Q u a n titä t“ (289/290). Das 5
G rundeigentum stellt sich als „B arriere“ dar, an der ein „Z o ll"
für jede neue K apitalanlage auf bisher unbebautem oder unver-
pachtetem B oden erhoben wird (295).
Um schliefslich die G rundrente in das System von M arx e in ­
zugliedern: jede normale G rundrente kann nur ein Bestandteil
des vom agrikolen K apital produzierten M ehrwerts sein. W o sie
also nicht, wie die Differentialrente aus der Differenz zw ischen j
M arkt-Produktionspreis und in div idu ellem W e rt der W a re er­
wächst. kann sie — also als absolute G run dren te — nur aus der
D ifferenz zwischen der höheren Profitrate in der Sphäre der
agrikolen P roduktion überhaupt und der allgemeinen Profitrate
erklärt werden (297).
D er l e t z t e , s ie b e n t e A b s c h n i t t unseres W erkes (349— 422,),
der sich betitelt „ D ie R e v e n u e n u n d ih r e Q u e l l e n “, der also ^
der „Lehre von der V erteilu ng“ in der S a y ’schen Systematik
entspricht, kann der ganzen A nlage des „K apitals“ nach nur
polem ischen Inhalts sein: die „V e rte ilu n g “ des gesellschaftlichen
Produkts ist positiv von Marx im Zusam m enhange mit der L eh re
von der Produktion und Z irkulation zur D arstellung gebracht.
So wendet er sich zunächst im 48. K apitel gegen die U n g e ­
reimtheit des von ihm als „trinitarische F o rm e l“ bezeichneten,
üblichen Verteilungsschem as: K apital — Z ins, Boden — G rundrente.
A rbe it — A rbeitslohn. W o h l hat es einen S inn, meint er, K apital,
B oden und A rbe it als Anrechtstitel a uf A nteile am N a tio na le in­
kom m en anzusehen, behandelt man sie jedoch, w^ie es häufig g e ­
schieht, als Q u e l l e n des jäh rlic h disponiblen Reichtum s, so be- *
geht man zunächst den Fehler, ganz disparate Dinge einander
gleich zu setzen; die angeblichen Q uellen verhalten sich zu einander
etwa wie N otariatsgebühren, rote R ü b e n und Musik. S o d a n n
verfällt man dem weiteren Irrtum , statt die lebendige P ro d u k tiv ­
kraft bestimmte D inge oder gesellschaftliche Produktionsverhält*
nisse als Reichtum squellen anzusprechen (349 f.). So polem isiert
das 49. K apitel gegen den seit A da m S m ith nicht wieder v e r­
schw undenen Lapsus, die W aren p reise in Grundrente, Profit und
A rbeitslohn als ihre Bestandteile aufzulösen; das 50. Kapitel sucht
die Theorie von der preisbildenden Eigenschaft der G rundrente,
des Profits und A rbeitslohns zu w iderlegen, das 5L Kapitel en t­
hält A percus über den historisch bedingten Charakter der kapi- I
Zur Kritik des ökonomischen Systems von Kurl M:n\w

talistischen Produktions- und D istributionsw eise; das 52. K apitel


endlich betitelt sich „Die K lassen“. . . Es umfalst nur zwei Seiten,
dann folgt der Schlufsvcrm erk von E ngels: „H ier bricht das
M anuskript ab.“ W ie vieles hätte man noch erfahren m öge n!
So wie es dasteht, ist das „K a p ital“ doch nur ein m ächtiger
Torso. Nicht nur weil das M anuskript abbricht: auch das v o r­
hergehende, wissen wir, ist nicht das letzte W o rt, das Marx zu
sprechen hatte. Z um al der letzte A bschnitt, der offenbar noch
einm al in m ächtigen Strichen die G ru n d zü g e des Systems zu
zeichnen berufen war, macht einen m üden E indruck: er läfst die
A bnah m e der gew altigen Kraft des Verfassers nur allzu deutlich
verspüren. , .
Es hat etwas wehm ütiges für alle Bew underer dieses G enius:
hier so mit H änden greifen zu können, wie ein grofser Geist
vorzeitig langsam zur Rüste ging. . .

III.
H aben wir so einen UeberbHck gew onnen über den Inh a lt
des dritten Bandes, so ist die nächste Frage, die sich uns a u f­
drängt, diese: was bedeutet, was leistet dieser neue 'fe il für das
M a rx 'sc h e S y s t e m ? W ie aus unserem Resum e schon h erv o r­
gegangen ist, werden sämtliche Seiten dieses Systems im dritten
Band berührt. W a s sich jedoch ganz naturgem äfs in den V o rd e r­
gründ unseres Interesses drängt, ist die Kernfrage des ö k o n o ­
mischen Systems von K arl Marx: d ie W e r t- u n d M e h r w e r t - ,
somit auch K a p i t a l t h e o r i e . Sie sollte im dritten Bande ihren
A bschluls finden und auf die A usfüh ru ngen dieses Teils w urden
^ alle diejenigen vertröstet, die ihre Bedenken gegenüber den D a r ­
legungen. iusbesonderedesersten Buches nicht unterdrücken konnten.
Es ist bekannt, dafs man —- neben vielen anderen E inw än den
gegen die M arx’sche K apitaltheorie — als den gewichtigsten den
geltend machte: sie lasse die Thatsache eines gleichen K a p ita l­
profits unerklärt, weil sie als einzig m ehrw ertbildend einen in
den verschiedenen Kapitalen verhältnism äfsig ungleich grofsen
Bestandteil, das variable K apital ansehe. Löst nun das dritte
Buch dieses sog. R ätse l? und wird dam it der H aupteinw and
gegen die Marx'sche K apitaltheorie hinw eggeräum t?
Ich glaube nun, dafs der dritte B and bei der ^M ehrzahl der
Leser eine und dieselbe W ir k u n g hervorbringen wird, die schon
die A ntw orten des K andidaten Jobscs a u f das hohe Prüfungs-
kkollegium ausübten: ein allgemeines S chütteln des Kopfes!
tAicliiv 1iir soz. Gesetzgeber, \
i, StntiMik. VII. 33
i
i
!
572 W e r n e r So in h a r t,

W a s vernehm en wir denn in den beiden ersten A bschnitte)/:


Um es mit einem W o r t zu sagen: eine komplete P r o d u k t io n .- '
k o s te n - und P r o f i t t h e o r i e , zw ar m it ein wenig- anderen
W o rte n, als man es sonst zu hören gew ohnt ist. aber doch in
einer G edankenfügung, die der traditionellen nicht gänzlich ent­
gegengesetzt ist.
W a s soll das n e b e n der W e rtth e o rie ? Bedeutet das einen
R u c k zu g des Verfassers? Bedeutet cs eine Inkonsequenz im
System ? oder w as? Zum al diejenigen Marxinterpreten die
schon in der Wert- und M ehrwertlehre des ersten Buches nu r
eine verschleierte — Produktionskostentheorie <!). eine „Variante
der K o stentheo rie“ glaubten erblicken zu sollen, werden sich über
diese seltsamen Abschnitte des dritten Bandes nicht genug v e r­
w undern können. Die meisten aber w erden die „ L ö s u n g “ des
„D urehschnittprohtratenrätsels", wie sie nun gegeben wird, gar
nicht aks eine „L ö su n g “ zu betrachten geneigt sein: sie w erden
meinen, der Knoten sei durchhauen, aber keineswegs gelöst.
D enn wenn nun plötzlich aus der V ersenkung eine „ganz g e ­
w ö h n lic h e “ Produktionskoslentheorie auftaurhte, dann bedeut-
das eben, dafs die berühmte W e rtleh re unter den Tisch gefallen
sei. D enn wenn ich schliesslich doch zu den Produktionskoster,
komme, um den Profit zu erklären: w ozu dann der ganze schw er­
fällige A p p arat der Wert- und M chrw eittheorie?
A ndere wiederum werden anders urteilen. Sie werden in
den A usführungen des dritten B andes etwas ganz selbstverstän-
liches erblicken, das gar nicht anders hätte sein können, n a c h ­
dem einmal d ie .vorhergehenden B ücher geschrieben waren. Pür
sie freilich hat auch nie ein „R ä ts e l“ irgend welcher A rt be­
standen.
W o h e r diese auffallende V erschiedenheit des U rteils? Mir
scheint sie begründet zu sein in der verschiedenen A uffassung
vom W e r t und M ehrw ert bei Marx. D ie ganze „Rätselhaftigkeit''
hat ihren U rsprung in der U n k larh eit, die noch heute ia»t
allgem ein über den M arx’schen Begriff des W ertes und M ehr­
wertes herrscht.1)

! } W e n n Bühin-Bawcrk als Ergcbnjfs dev bisherigen Mivrx-Kritik neuerdings


w ieder (Hdvv. St. V I, 688) bezeichnet, dufs d\c M arx’sche W e r t t h e o r i e „vnr
der g e le h r t e n W e lt w ohl e n d g ilt i^ ;aI* im z u 1ä n g 1i c. h ervvri e s e n ‘4 ist.
so kann ich dein hochgeschätzten Gelehrten hierin nicht boipflichten. Die B e ­
hauptung Böhm 's kann schon deshalb nicht richtig sein» weil meines W issens
die Marx'pche W erttheorie ü b e r h a u p t noch n ic h t G e ge n s tn n d d e r D is - «
W i r werden daher nur dann zu einer saehgemäfsen W ü r d i­
gu ng der nun im dritten Bande zu E nde geführten U ntersuchungen
> über das K apital gelangen, wenn wir zuvor uns Gewifsheit
darüber geschafft haben: w e lc h e B e d e u t u n g h a t d e r W e r t
in d e in ö k o n o m i s c h e n S y s t e m v o n M a r x .
Z unächst ist dieses klar: was im ersten Buche nur gelegent­
lich angedeutet war, nun aber im dritten Buche oft und aus­
drücklich ausgesprochen w ird: der W e r t tritt in dem A us­
t a u s c h v e r h ä lt n is d e r k a p it a lis tis e h - p r o d u z ie r te n W a r e n
n i c h t in die Erscheinung. E r bezeichnet nicht etwa den Funkt,
um den die M arktpreise schwanken, nach dem sie gravitieren:
auch die „D urchschnittspreise“ entsprechen keineswegs den
W erten. Es ist vielm ehr gerade das charakteristische M erkm al
der kapitalistischen Produktionsw eise, dafs sich die W a re n der
Regel nach n i c h t zu ihren W e rte n austauschen, d. h. im V e r ­
hältnis der in ihnen enthaltenen A rbeitsm engen, dafs es vielm ehr
t reiner Zufall ist, w enn die Preise den W e r te n äquivalent sind.
Die im „no rm alen“ Preise für eine W a r e hingegebene G eldm enge
repräsentiert also durchgängig ein anderes Wert-(Arbcits-)quanUun
als das in der W a re enthaltene. Es ist daher auch m öglich u nd
kom m t oft genug vor, dafs ein Preis, som it ein in G eld ausge­
drücktes W ertquanttim für D inge hingegeben wird, die überhaupt
keinen W e r t haben, d. h. solche D inge, die keine A rbeit gekostet
haben, wie der Boden, oder doch nicht durch A rbeit reproduziert
werden können, wie A ltertüm er, K unstw erke bestimmter M eister
etc. ( H i n 1 7 3 , |83, !8 8 j.
W e ite r: der W e r t lebt n i c h t in d e m B e w u s s t s e in d e r
k a p i t a l i s t i s e h e n P r o d u k t i o n s a g e n t e n : er leitet also keines-
> wegs das K alkül des Kapitalisten. E r spielt aber e b e n s o w e n ig
eine R olle etwa als D i s t r i b u t i o n s f a k t o r bei der A ufte ilung
des gesellschaftlichen Jahresprodukts. E r ist auch k e in e s w e g s
eine B e w u f s t s e in s t h a t s a c h e der W a r e n k ä u f e r und V e r ­
k ä u f e r . E r ist also mit einem W o r t keine „Bedingung- w irt­
schaftlicher T h ätigke it“, um mich der von G e r la c h . gut g e w ä h l­
ten Ausdrucksweise zu bedienen. Ja, w enn der „ W e r t“ som it
in der Erscheinungsw elt des kapitalistisch gestalteten W irtschafts-

k u s s i o n gewesen i^t, sondern immer nur irgend ein Phantom , das sich elcr be ­
treffende K ritiker vorgestelit halte. Es w äre m ir eine besondere Genugtuung,
w enn gerade Böhm seine oben angeführte. A nsicht nach Lektüre dieser Studie
modilizierte. Die Marx'sche Theorie mag w i d e r l e g b a r sein, aber w i d e r l e g t
i>t ?>ie n ic h t ,
38*
lebens keine Existenz hat. so hat er überhaupt keine Existenz?
Diese S c h lu ß fo lg e ru ng wäre übereilt. Es bleibt offenbar noch
eine Zufluchtsstätte für den gescheuchten W e r t: -das D e n k e n
d e s ö k o n o m i s c h e n T h e o r e t i k e r s , ln der T hat: will man
ein Schlagw ort zur Charakteristik des Marx'schen W er tes haben,
so ist cs dieses: s e in W c rt is t k e in e e m p i r i s c h e , s o n d e r n
e in e g e d a n k l i c h e T h a t s a c h e .
A ber dam it sind wir noch lange nicht am E nde unserer
Untersuchungen. Einstweilen noch ganz von der Frage a b ­
strahiert: welchen W e r t hat dieser W e rt? — es ist noch die
genauere Bestim m ung jener nur form alen C harakterisierung n o t­
w endig.
Z unächst also: der W e rtb e g riff ist ein Hülfsmittel unseres
D enkens, dessen wir uns bedienen, um die Phänom ene des
W irtschaftslebens uns verständlich zu machen, er ist eine l o ­
gisch e 1) Thatsache. W a s hier die W e rtv orstellun g leistet ist
dieses; uns die als G ebrauchsgüter qualitativ verschiedenen
W a re n in quantitativer Bestim m theit erscheinen zu lassen.
Es ist klar, dafs ich dieses Postulat erfülle, damit, dafs ich
Käse, Seide und Stiefelwichse als Nur-Produkte abstrakt m ensch­
licher A rbeit denke, und sie als A rbeitsm engen, deren Gröfse
durch das in ihnen enthaltene dritte, in Z eitlängen inefsbare
Gleiche bestimmt wird, nur quantitativ auf einander beziehe.->
A ehniich hat sich schon K o n r a d S c h m i d t („Neue Z e it“,
X I, I, 12) über die Bedeutung des M arx’schen W e rts geäufsert:
„Dieser W e rtb e g riff ist ............ für unser D enken u ne ntb e h r­
lich, w enn es die qualitativ verschiedenen W a re n als kom m e n­
surable Gröfsen, als welche sie sich im Austauschprozesse be-
thätigen (?), erkennen w ill.“ S ch m idt scheint m ir je doch die
W e rtv orstellun g auch in das Bewufstsein der T auschenden legen
zu wollen, w enn er dann fortfährt: „N ur als Gallerte in sich
gleicher, abstrakt menschlicher A rbeitszeit erscheinen die W a re n
selbst als vergleichbar, nur so begreift es sich, d a fs s ie b e im

1} Ich gebrauche diesen Terminus der K ürze wegen, obw ohl ich mir seiner
Mehrdeutigkeit im philosophischen Sprachgebrauch durchaus bewusst bin.
'*) Marx selbst spricht nirgends klip p und klar aus, dafs er den W e r t so
verstanden wissen wollte. Zahlreiche Stellen jedoch, an denen er den W e r t als
notwendiges Requisit der ökonomischen W issenschaft bezeichnet, an denen er
mittelst dos W ertes W arenm engen „gemessen“ w erden läfst etc., deuten darauf
hin, dafb er den W e r t in obigem Sinne verstanden wissen wollte. Ich verweise
uuf d<tu neuen Bande auf die Stellen III I, 313, 314; III U, 315, 376 f., 394 f.
A u s t a u s c h p r o z e fs in gewissen P roportionen einander g l e i c h ­
g e s e tz t w e r d e n k ö n n e n ."
W ill das bes-agen, dafs die W ertvorstellung bei den
'rauschenden vorausgesetzt werden mufs, um den V ollzug des
'Tauschaktes zu erklären? D ann würde der W e rt allerdings zu
einer „Bedingung wirtschaftlicher T h ä t i g k e i t “. W ä h re n d es
zuvor den Anschein hat, als wolle S ch m idt den W ertbegrifif
lediglich als „B ed ingung wirtschaftlichen D e n k e n s ” (ich w ähle
diese etwas inkorrekte W e n d u n g , um den antithetischen C h a ra k ­
ter zu dem Gerlach'schen A usdruck deutlicher hervortreten zu
lassen) aufgefafst wissen.
Es genügte aber seiner Z e it dieser verdienstliche, wenn auch
noch nicht völlig klare H inw eis Schrnidt's auf die Bedeutung des
W e rts bei Marx, um eine sehr lesenswerte E ntg egnu ng aus der
Feder H ugo Lande's hervorzurufun ja. a. O. S. 588). in der m it
E ntrüstung die S c h m id t’sehe D eutung des W erts, zurückgew iesen
w ird mit den W o rte n (S. 591): „Das W ertgesetz ist nicht, wie
Schm idt zu meinen scheint, ein Gesetz unseres D enkens, für
dieses unentbehrlich, um uns die qualitativ verschiedenen W a r e n
als kom m ensurable G röfsen erscheinen zu lassen. Das W e r t ­
gesetz ist vielmehr sehr realer N atur, es ist ein Naturgesetz
menschlichen H andelns, es ist nichts anderes als eine Seite des
Gesetzes der K o nku rrenz" u. s. w. So sehr anfechtbar die
weiteren A usführungen L a n d e 's a. O. sind und den jetzt im
dritten Bande des „K ap itals“ entwickelten G edanken viel w eniger
sich annähern als die S c h m id t'se h c n : darin hat L ande S c h m id t
gegenüber entschieden Recht, dafs das „W ertg esetz“ im Marx sehen
System d u r c h a u s d ie R o l l e e in e s „ N a t u r g e s e t z e s " (in dem
bekannten Marx'sehen Sinne) wenn auch nicht gerade eines N a tu r­
gesetzes menschlichen H andelns spielt. Man vergleiche die fo l­
genden Stellen (ich zitiere absichtlich nur aus dem dritten Bande»:
III L 156 . . „Das W ertgesetz beherrscht ihre (sc. der Preise»
B ew eg u ng .“ 188 . . „ W e rte , die hinter den Produktionspreisen
stehen und sie in letzter Instanz bestim m en." . . I I P 1 417 . .
„als . . Naturgesetz wirkt hier das Gesetz des W ertes . . und
dazu I I P , 297, 298, II D 1, 364, 396f„ 404, 405.
Besteht nun nicht ein unversöhnlicher W id e rsp ru c h zwischen
diesen beiden B ehauptungen: dais der „W e rt" bei Marx nur ein
„H ülfsm ittel des D enkens" sei und das „W ertgesetz" als „N atur­
gesetz" das gesamte wirtschaftliche Dasein des Menschen in letzter
Instanz beherrsche? Ich glaube nicht.
576 W c rn e r S o m b a r t,

Sehen wir uns den „W e rtb e g riff“ näher an, Kr besteht darin.
da(s wir uns die W a re n in quantitativer Bestim mtheit und B e ­
ziehung zu einander vorstellen. A ber etwa als K örper, die schwel­
e n d ? Nein, sondern als A r b e i t s p r o d u k t e : das aber ist nun
keineswegs gleichgültig, dass w ir unserer W ertv o rs te llu n g gerade
d i e s e n 1 n h alt geb en. Den n wi r ko nstati eren dam it, d a fs w ir d i e W a re n
als Produkte gesellschaftlicher Arbeit ansehen, die ö k o n o m i s c h
o b j e k t i v r e le v a n t e s t e T h a t s a c h e in ihnen. O ffenbar ist das
wirtschaftliche Dasein der Menschen, ist ihre materielle K u ltu r be­
dingt durch das Q uantum wirtschaftlicher G ü te r, über die sic in
einem gegebenen Zeiträum e zu verfügen verm ögen, dieses aber
wiederum ist. von allen N ebenum ständen abgesehen, die Natur-
bedifjgungen gleichgesetzt,1) in der Hauptsache von der E ntw ick ­
lun g der gesellschaftlichen Produktivkraft der A rbeit abhängig.
Diese nun ist zunächst nur eine t e c h n is c h e Thatsache und
^om it qualitativ und quantitativ bestimmt: sie äufsert sich darin,
dafs eine besonders geartete, d. h. konkrete und individuelle
A rbeit eine Menge qualitativ bestimmter G ebrauchsgüter in g e­
gebener Zeit zu erzeugen vermag. Mittels der W e rtv o rs te llu n g
nun lösche ich die qualitative Unterschiedlichkeit in der p ro d u k ­
tiven A rbeit aus. Indem ich also die W a re n als V erkö rp e ru ng
unterschiedloser, abstrakt gesellschaftlicher A rbeit denke,*2) thue
ich nichts anderes als den t e c h n is c h e n Begriff der P ro d u k ­
tivität oder Produktivkraft in eine adäquate ökonom ische F orm
y.u kleiden und ihn dam it für ö k o n o m i s c h e s Denken verw endbar
zu machen. D e r W e r t b e g r i f f i n m a t e r i e l l e r B e s t i m m t h e i t
b e i M a r x ist n i c h t s a n d e r e s a ls d e r ö k o n o m i s c h e A u s ­
d r u c k f ü r d ie T h a t s a c h c d e r g e s e l l s c h a f t l i c h e n P ro-
d u k t i v k r a f t d e r A r b e i t a ls G r u n d l a g e d e s w i r t s c h a f t ­
l i c h e n D a s e in s .
Und nun das ^ W e r t g e s e t z “? Dieses in formaler B estim m t­
heit lautet: .D er W e rt der W a re beherrscht d ie w i r t s c h a f t ­
l i c h e n V o r g ä n g e — sc. in einer kapitalistischen W irtsc h a fts­
o rd n u n g J?in letzter Insta nz“.
Setzen w ir für den W e r t die eben gefundene Begriffsbestim-

h Marx jjnterseheidet die ,, n a t u r \v11 e h s i g c u Produktivität vmi (K t ge-


' t. 11s <: h a f11i e li e n P r o d u k t i v k ra f l (vi;'l. III 172, 300). Nur letztere komm t
Inhalt der W e rt Vorstellung in Botraeld.
"i „W e nn w ir die Arbeit als wertbildend fixieren (!), betrachten w ir sie
nicht in ihrer konkreten Gestalt alb Prndtiklton.sbcditig-iui^, sondern in ihrer i<e-
‘Kllsrhaftliehen B estim m theit“ (HI U, 358/59).
Z u r K ritik des ö k o n o m isch e n System-* von K a n .viar.v. r>t /

nvjng ein. so hat das W ertgesetz als Gesetz der kapitalistischen


W irtschaftsordnung ganz allgem ein diesen In h a lt; D e r W e r t d e r
* W a r e n is t d ie s p e z i f i s c h h i s t o r i s e h e F o r n i , in d e r s ic h d ie in
l etzt er I ns tanz all e wi r t s ch a f t l i c h e n V o r g ä n g e b eh er r -
s e h e n d e g e s c l 1 s c h a f 11 i c h e P r o d u k t i v k r a f t d e r A r b e i t b e ­
stimmend durchsetzt. D e r Grad der gesellschaftlichen P ro ­
duktivität der A rbeit, ihre V eränderu ng etc. ist es, was ohne dafs
es dem P roduktionsagenten oder irgend einem w irtschaftenden
Individuum zum Bewufstsein kommt, über die Preise, über die
Mehrwertrate, kurz über die gesamte G estaltung des wirtschaft­
lichen Lebens am letzten Ende „entscheidet“, d. h. der in d i­
viduellen W illk ü r feste G renzen setzt. Man wird das Marxsche
System nur dann richtig verstehen, wenn m an einsieht, dafs in
seinem Mittelpunkt der B egriff der P roduktivität steht, der seinen
Ökonomischen A usdruck in dem W crtbegrifle findet.*)
So scheinen m ir die in S chm idt und L ande verkörperten
* Gegensätze ihren A usgleich gefunden zu haben. D er „W ert-
b vgrifP ist allerdings ein Hülfsm ittel des Denkens. D adurch
aber, dafs ich zum G egenstand des W ertes die objektive,
für das W irtschaftsleben ausschlaggebende Thatsache — die P r o ­
duktivkraft der A rbe it in gesellschaftlicher Bestim m theit — mache,
wird das „W ertgesetz" thatsächlich zu einem das gesamte W i r t ­
schaftsleben beherrschenden „G esetz“, oder vielleicht korrekter
„regulierenden Prinzip*'. Die Bedeutung der Marxsehen Wert-
Ichre würde also darin zu suchen sein: dafs sie für eine die w irt­
schaftliche Existenz der menschlichen Gesellschaft objektiv be­
herrschende technische Thatsache den adäquaten ökonom ischen
| A usdruck gefunden hat.
So lost sich auch der scheinbare W idersp ruc h im Marxschen
System, dafs der „ W e rt der Ware'* nirgends in die E rscheinung
tritt, noch irgendw o im Bewufstsein der wirtschaftenden In d i­
viduen sich vorfindot und doch die wirtschaftlichen V o rg än g e am
letzten Ende regelt und beherrscht. W i r „erfahren“' nichts vom

l ) Es durfte aus unseren Ausführungen hervorgehen, dafs liier die „ A r­


beitswerttheorie" einen absolut 'in deren Sii?n hat als in der üblichen Auffassung,
i-, B, bei Dietzel, Die klassische W erttheorie etc. (Jahrbücher f. N.-Oek., N- F.,
X X , 56 f f.», wo die A rbeit zum ?nhcdt der W e rt Vorstellung gemacht w ird, weil
vins der Arbeitsaufwand das Gut „wert* macht und w ir es im Verhältnis zum
< »v.antuin der aufgewandteu A rbeit schätzen. Das i^t die s u b j c* k t i v i s t i s c li o
A rb e i ts w e r t h e 01 i c , die auf A dam Smith /uri'ickführl, keineswegs auf Ricardu,
& den sich Dietzel m. K. irrtüm lich beruft.
578 \Vc n i er S o m b a r t ,

W e r t; er vollzieht seine W irk s am k e it „geheim “ iH Iu , 404); er


ist die „verborgene U rsache“ ( I I I Tf, 405); das „Gesetz des Wertes*'
ist ein „inneres“ Gesetz (111 n, 417) u. s. f.
Fassen w ir so den W e rtb e g riff und das W ertgesetz bei Mar:;,
so werden wir das W e s e n d e s M e h r w e r t s mühelos verstehen,
können. N otw endig Air das V erständnis ist nur, dafs w ir im**
auf den S tand punkt einer wirtschaftenden Gesellschaft stellen.
A usgangspunkt ist die gesellschaftliche Arbeitszeit, „das Q u an tu m
A rbeit, w orüber die Gesellschaft überhaupt zu verfügen h a t“
i I I I n , 418). Dieses findet seinen A usdruck in einem bestim m ten
Q uan tum Produkt, das einen bestim m ten W e rt darsteilL1] M eh r­
wert ist nun in form aler Bestim m theit der W e r t desjenigen Pro-
duktenquantum s, das einen Ueberschufs über den ändern irg e n d ­
wie fixierten (Rest) Teil des gesellschaftlichen Produktes bildet;
V ergegenständlichung der „M ehrarbeit“ der Gesellschaft. „M e h r­
arbeit“ würde nun z. B. auch in einer sozialistischen Gesellschaft
geleistet werden müssen: als „A rbeit über das Mafs der g e ­
gebenen Bedürfnisse h inau s“ i I I I IT, 354): sie wäre erheischt „durch
die Assekuranz gegen Zufälle, durch die notwendige, der En t ­
w icklung der Bedürfnisse und dem Fortschritt der Bevölkerung
entsprechende, progressive A u s d e h n u n g des Produktionspro-
zesses1* (ebenda).
Die Eigenart der kapitalistischen W irtsch aftsord nun g besteht
nur darin, dafs ein bestimmtes Q u an tu m der gesellschaftlichen
A rbe it vom Kapital angeeignet w ird : dieses vom Kapital a n gee ig­
nete Q uantum gesellschaftlicher A rbeit ist im kapitalistischen
S in n e die Gesam tm ehrarbeit, der M ehrw ert (vgl. z. B. I I I 51, 146i.
Es fragt sich nur: ist dieses angeeignete Q uan tum gesellschaft­
licher A rbeit quantitativ bestim m bar? Marx antwortet ja ; cs ist
alle überschiefsendc A rbeit über die zur E rh altun g und R e p ro d u k ­
tion der A rbeitskraft notw endige A rbeit (z. B. 111ft, 356). D er W e r t
des gesellschaftlichen Gesam tprodukts teilt sich also in zwei
(-Jalften: der eine Teil stellt sich in dem jenigen P roduktenquantum
dar, das zur E rhaltung etc, der produktiven A rbeiter notw e ndig
ist» der andere im R est der Produkte, den sich die Kapitalisten-
h Dal's der jährliche P roduktenw ert thatsäehlich gröfscr ist als das jährliche
W e rtpro d u kt, w eil er vergangene A rbeit m itenthält, kann hier aufser Betracht
bleiben. Um die Teilung in notwendige Arbeit nnd Mehrarbeit, auf die cs allein
hier ankommt, zu entwickeln, kann das W e rtp ro d n k t mit dem Produkt wert gleich-
besetzt werden. Vgl. hierzu Lexis, Die M arx‘sehe Kapitaltheorie >Jabvbiichcr
N.-Oek., N. F., XI. [18851. S. 452 f.;.
Zur Kritik dc^ ökonomischen Svhiems von Karl Marx. 579

klasse aneignet.1) D er M ehrwert ist also nur als ^gesellschaft­


liche Thatsache“ zu verstehen.
Es entsteht nun die weitere Frage: W ie wird das Q u an tu m
.,n o th w e n d i g e r “ A rbeit in obigem Sinne näher bestimmt. O ffen­
bar ist hier eine doppelte Bestim m ung erforderlich. E inm al n ä m ­
lich mufs der Begriff des notw endigen Arbeiters, des p ro d u k ­
tiven“ Teils der B evölkerung fixiert werden, sodann gilt es, das
für diese produktiven A rbeiter notw endig aufzuw endende A rb e its­
quantuni zu bestimmen.
W e r iot p roduktiv" im Sinne von M arx? W er Werte
b i l d e t , d. h. zusetzt. D am it sind w ir noch nicht weiter, denn:
W e r setzt W erte zu?
Eine em bryonale M arxkritik meinte: der H andarbeiter. D as
ist natürlich falsch; denn schon im ersten Buche w ird ausd rück ­
lich gesagt, dafs n i c h t nur die H andarbeit, sondern auch die
leitende, disponierende A rbeit produktiv sei (vgl. z. B. I •*, 472
473). Im dritten Bande erfahren wir genaueres: w ährend der
„arm e“ handarbeitende Buchhalter und Kom m is k e i n e W e rte
schafft- also kein „p ro d uk tiver“ A rbeiter ist, ist ein solcher event.
der unter U m ständen g länzend bezahlte D irektor einer A k tie n ­
gesellschaft, der „m anager“, jene Leiter der Produktion, die von
Marx geradezu als „die Seele unseres Industriesystems“ bezeichnet
‘ werden (HI 373).
Die A ntw ort a u f unsere Frage also, die wir unter Z u h ilfe ­
nahm e des zweiten Bandes (vgl. dort z. B. das 6 . Kapitel) geben
können, ist diese: produktiv — W e rte schaffend ist diejenige A r ­
beit, die gesellschaftlich notw endig ist zur Herstellung von
G e b r a u c h s w e r t e ] ! in d e r d e m j e w e i l i g e n g e s e l l s c h a f t ­
l i c h e n B e d ü r f n i s e n t s p r e c h e n d e n M e n g e , die also nich t
nur durch den eigenartig historischen Charakter der kapitalisti­
schen Produktionsw eise bedingt ist.
A lle im eigentlichen A rbeitsprozels beschäftigten Personen
vom letzten A rbeiter bis zum Leiter des Betriebes, dessen A r ­
beiterschaft nun als „G esam tarbeiter“ erscheint (Bd. ] a. a. O.)
alle bei der A ufb e w ah rung , dem T ransport, der S peditio n und

Dasselbe kann auch in anderer W eise aus^edrückt w e rd e n; man kann die


Gcsamtavbeit der Arbeiterklasse derart, teilen . . ., „dafs der Teil, der die Go-
samtlebensmittel für die Ai'beilerklnsM.* produziert tcingcsf’fiiossen der hierfür
erheischten Produktionsm ittel), die notwendige A rbeit für die iran/e Gesellschaft
verrichtet. i >io von dem tranzen übrigen Teil der Arbeiterklasse verrichtete
A rbeit kann als Mehrarbeit betrachtet werden 4 THU, 172).
580 \Y i. rn lr S om b;i r t ,

Z e rte ilu n g (Detaillieren) der Produkte ihiitigen Individuen m achen


die „produktive“, w ertbildende A rbeiterschaft aus. D er W e r t
des von ihnen bezogenen Teils des gesellschaftlichen Produkts
stellt die „no tw e ndig e“ A rbeitszeit dar. D er den übrigen P e r­
sonen zufallende Teil repräsentiert den M ehrwert; an ihm p a rti­
zipieren also zunächst alle durch den h i s t o r i s c h e n C harakter
der Produktionsw eise bedingten „A rb e ite r“ : also die Leiter und
D isponenten des Produktionsprozesses in seiner Gestalt als V e r ­
w ertungsprozess des K apitals, ferner alle reine Z irk u la tio n s ­
funktionen verrichtenden. W e rte nur realisierenden Personen;
sodann die überhaupt nicht arbeitenden Renten- und Z in s ­
em pfänger; endlich natürlich auch die gesellschaftlichen F u nk ­
tio n äre : wie Beamte. Aerzte, P rediger etc.
Fragt sich nun: wie ist die zur E rh altu n g und R e p rodu k tio n
der produktiven A rbeiter „notw endige“ A rbe it bestimmt? W e n n
w ir uns die Gesam theit der produktiven A rbeiter als G e sam t­
arbeitskraft der Gesellschaft denken (und diese V orstellung in ge- J
sellschaftlicher Form ist überall notw endig, um Marx zu ver­
stehen), so fällt die Frage mit der ändern zusam m en: w ie h o c h
i st d e r W e r t d e r A r b e i t s k r a f t . W ie deplaziert die im m er
w ieder gehörte M einung von der'T heorie eines E xistenzm inim um s
bei Marx ist, ergiebt sich, wenn w ir die Frage in dieser —
meines Erachtens allein im S inne von Marx liegenden — Be­
ziehung auf den gesellschaftlichen Gesam tarbeiter stellen.
Es liegt auch keineswegs ein Bedürfnis vor. in dem System
die H öh e der „notw endigen“ A rbeit auf ein M inim um zu fixieren.
Dafs eine Tendenz in der kapitalistischen P roduktio nsordnung
herrscht, das Gros der A rbeiter a u f ein gewisses M indestm als j
von Subsistenzm itteln zu beschränken, ist eine Sache für sich, die
aber für die Struktur des ökonom ischen Systems von Marx ohne
B elang ist. Dieses, so verstehe ich es. verlangt nur, dass der
W e r t der Arbeitskraft in e i n e r g e g e b e n e n E p o c h e u n d in
e i n e m b e s t i m m t e n L a n d e als eine b e s t i m m t e G r ü f s e a n ­
g e n o m m e n w erden kann.
M arx sagt jetzt im dritten Bande wieder ausdrücklich, dafs
dieser W e rt, also der durchschnittliche A rbeitslohn (man denke
sich etwa die Gesam tsum m e der in einem Jahre in D e utsc h ­
land bezahlten A rbeitslöhne und D irektorialgehälter dividiert
durch die Zahl der E m pfänger) h öhe r oder niedriger über dem
„E xistenzm inim um “ (übrigens ein von Marx selbst fast nie g e­
brauchter Term inus) stehen kann, V gl, z. B, I I I 1J, 356: „D er i
Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx 581

A rbeiter . . . . erhält unter dem N am en A rbeitslohn einen 'fe il des


Produkts, worin sich der 'I'eil seiner A rbe it darstellt., den w ir
notw endige A rbeit nennen, d. h. die zur E rhaltung und R e p r o ­
duktion dieser Arbeitskraft notw endige Arbeit, s e i e n d i e B e ­
d in g u n g e n dieser E r h alt u n g und Reproduktion nun
ä r m l i c h e r o d e r r e i c h e r , g ü n s t i g e r o d e r u n g ü n s t i g e r. “
Und ferner I I I JI, 395: „Der wirkliche W e rt der A rbeitskraft
\v.:icht von diesem physischen M inim um ( = täglich notw endige
Lebensm ittel) a b: er ist verschieden je nach dem K lim a und dem
Stand der gesellschaftlichen E ntw icklung: er hängt ab nicht nu r
v>-n den physischen, sondern auch von den historisch entwickelten
l'eseilschaftliehen Bedürfnissen, die zur zweiten Natur w erden.
A b e r in jedem L a nde zu einer gegebenen Periode ist dieser
regulierende durchschnittliche A rbeitslohn eine gegebene G röfse."
1 >a.s ist die Pointe.
Erinnern w ir uns m m unseres A usgangspunktes: w ir gingen
von dem p r o b l e m a t i s c h e n V e r h ä l t n i s d e r W e r t - u n d M e h r ­
w e r t l e h r e z u r P r o d u k t i o n s k o s t e n - u n d P r o f i t t h e o r i e aus
und sagten, dafs die Beziehungen der beiden zu einander ihres rätsel­
haften Charakters entkleidet werden w ürden, sobald das W esen
von Wert- und Mehrwert, wie es Marx verstanden wissen w ill,
klar gestellt wäre. Es fragt sich, ob w ir die uns gesetzte A u f ­
gabe gelöst und dam it den richtigen S tand p unk t gew onnen haben,
um die A usführungen im dritten Bande w ürdigen zu können.
Mich däucht. ja.
Zunächst tritt doch w o h l das eine je tz t offensichtlich zu T a g e :
dals f o r m e l l die P roduktionskosten nichts mit dem W e rte , und
c’cr Profit nichts mit dem M ehrwerte zu schaffen h a t Mit W e r t
und Mehrwert werden, um mich eines bei Marx beliebten A u s ­
drucks zu bedienen, „gesellschaftliche T hatsachen“ (gesellschaft­
liche Produktivkraft der A rbe it — V erhältnis zwischen gesell­
schaftlichem Mehrwert und notw endiger A rbeit) konstatiert und
unserem D enken zugänglich gem acht; P roduktionskosten und
Profit sind an sich em pirische Thatsachen des individuellen, p r i­
vaten Erwerbslebens. Es sind K alkulationsverhältnisse der k o n ­
kreten Produktionsagenten.
D a die herrschende W irtsc h a ftso rd n u n g durch ihren k a p i­
talistischen C harakter gekennzeichnet w ird, d. dadurch, dass
die P roduktion auf Betreiben privater Kapitalisten inszeniert w ird,
ist es selbstverständlich, dafs bei der B erechnung des A u f ­
wandes, der zur H erstellung einer W a r e n ötig ist, sowie des
582 W e r iic r S o m b a v t,

Gewinnstes, der dabei gemacht werden kann, das verausgabte,


bezw. vorgeschossene K a p i t a l die einzige in Ansatz gebrachte
Grölse ist. D er A ufw and an A rbeit ist dem Kapitalisten ebenso
gleichgiltig wie die konkrete Gestalt seiner W a re aU Gebrauehs-
gegonstand: sein einziges Interesse ist die V erw ertung seines
K apitals; was geht ihn W e rt und M ehrwert an: wenn er m n
lohnende Preise und Profit erzielt. „ W a s die W a re dem Kapi-
talisten kostet und was die P roduktion der W a re selbst kostet,
sind . . . zwei ganz verschiedene G röisen." „Die k a p i t a l i s t i s c h e
Kost der W a re milst sich an der A usgabe an K a p i t a l " ( I I I 1, 2 ).
D en rein empirischen Charakter des Profits, als des im Be-
wufstsein des Produktionsagenten lebenden Zwecks und Z iels
aller Produktion, drückt der auch von Marx {I I I 1 . 11) zitierte
Satz von Makhus vortrefflich aus: „der K apitalist e r w a r t e t
gleichen Vorteil auf alle Teile des Kapitals, die er vorstrcckt.“
Dals also auch der vom individuellen Kapitalisten ei'zengte
M ehrwert formell in gar keiner B eziehung zu seinem Profit
steht, leuchtet ein. Ich habe nie begreifen können, wie inan
einem halbwegs zurechnungsfähigen Menschen, der doch Marx
trotz alledem ist, eine solche A bsurdität hat Z u trauen können,
die individuell erzeugten M ehrwerte in V erbindung mit den
Profiten zu bringen. Ks wäre gar nicht m ehr eine falsche
Theorie, es wäre einfacher, platter B lödsinn, eine irgend welche
R elation zwischen individuellem M ehrwert und Profit zu k o n ­
statieren und etwa das R iesen kap ital, das in einem H ochofen
oder einer elektrischen Beleuchtungsanlage steckt, mit den
küm m erlichen M ehrwertbrocken abspeisen zu wollen, die die
H a n d v o ll beschäftigter A rbeiter gemäfs der M arx’schen Theorie
allein liefert . . .
Dafs nun aber trotzdem die W ert- und M ehrwertlehre im
Marx'schen System m ehr als einen dekorativen Charakter' hat.
geht w ohl aus unserer vorigen Darstellung deutlich genug hervor.
Sie leistet ihm, haben wir gesehen, einen doppelten Dienst:
1. ist sie das notw endige R equisit, die P hänom ene der w irt­
schaftlichen W e lt unserm D enken zu gänglich zu machen:
2. ist sie die die wirtschaftlichen V orgänge regelnde und be­
stim m ende Instanz: durch sie führt Marx, wenn ich recht sehe.
Gesetzm äfsigkeit in das W irtschaftsleben ein.
D eshalb besteht m a t e r i e l l allerdings ein sehr bedeutsamer
Z u sam m en hang zwischen Produktionspreisen und W e ite n . Profit
und Mehrwert.
Zur Kritik des Monomischen Systems von Karl Marx 583

Die Preise sind in letzter Instanz bedingt durch den gesell­


schaftlich notw endigen A ufw and zur E rzeu gu ng der W a r e n ,1)
1 deren „ W e r t,“ der u n m i t t e l b a r erscheint in dem Einflufs der
wechselnden P roduktivkraft der A rbeit auf Sinken und Steigen
der Preise, a u f ihre Bew egung.
Die Profite sind geregelt durch das V erhältnis der M eh r­
arbeit zur notw endigen A rb e it: ist doch der Gesam tm ehrw ert
gleich dem Gesam tprofit. W a ru m deshalb die Profitrate in einem
gegebenen M om ent 20 pCt. und nicht 200 pCt. oder 2000 pCt. ist.
hängt notw endig ab von dem Gesam tm ehrwert der Gesellschaft,
der unter die K apitalisten aufgeteilt w ird u. s. w. . . . Es kann
nicht die Aufgabe dieser Skizze sein, nun im einzelnen die aus
dem Wert- und Mehrwertgesetz folgende B e d i n g t h e i t der w irt­
schaftlichen V orgänge darzustellen. D enn das hiefse das M arx­
sche System reproduzieren, dessen Inh alt ja in nichts anderem
besteht, als dies zu leisten.
► Man mache sich die S tellu ng des W ertgesetzes im M arx ’schen
System, so wie ich sic zu fassen versucht habe, klar u n d man
v/ird begreifen, was M arx mit der oft wiederholten, aber meines
Erachtens selten verstandenen W e n d u n g m eint: er wolle nicht
eine Theorie der wirtschaftlichen Erscheinungen geben, sondern
die „innere“ G esetzm äisigkeit der kapitalistischen W irtsc h a fts­
ordnu ng aufdecken.
E r hat auch für die politische O ekonom ie den Satz requiriert:
dafs die W issenschaft da an fängt, wo der gesunde M enschen­
verstand auf hört. E r erinnert (111 312) an das W o r t Hegels,
das diesen Gedanken ausdrückt: dafs, „was der gemeine M enschen­
verstand irrationcll findet, das R ationelle und sein R ationelles
^ die Irrationalität selbst ist.“ „Alle W issenschaft wäre ü b e r­
flüssig, wenn die E rscheinungsform und das W e se n der D inge
unm ittelbar zusam m enfielen“ (ib. 352); es ist deshalb „ein W e r k
der W issenschaft, die sichtbare blols erscheinende B ew egung auf
die innere w irkliche B ew egung zu reduzieren“ (]]( \ 291). D ie
A ufgabe des „K ap itals“ ist es dem entsprechend, „nicht die w irk ­
liche Bew egung der K o nku rrenz, sondern nu r die innere O r g a n i­
sation der kapitalistischen Produktionsw eise, so zu sagen in
ihrem idealen D urchschnitt darzustellen". (III n , 367). A lle diese
zum Teil nicht v öllig klaren A eufserungen laufen säm tlich aber

Richtung „S cylla“ ! Vgl. Böhm, W e rt, Kosten und G renznahen (Jä h r­


l ic h e r f. N.^Oek, Dritte Folge. Hl., 330).
584 \V e r ti e r S o in b ;i r t ,

a u f dieselben G rundgedanken hinaus, die ich im V orhe rgeh e nde^


aus dem ökonom ischen System hc-rauszuschälen versucht habt-.
In diesem Sinne etwa habe ich in letzter Zeit stets die ö k o ­
nomische Lehre von Marx entwickelt, wo sich eine Gelegenheit
dazu bot. D er dritte Band brachte m ir im allgemeinen ein-:
klipp und Idare Bestätigung, dafs meine A uflassung die richtige
gewesen war. N ur bei der Lektüre einzelner Stellen sind m ir
B edenken aufgestiegen. Ich weifs nicht, ob es mein m angelhafter
V erständnis oder eine nicht ganz behobene Unklarheit bei Marx
ist, was diese Bedenken erzeugt hat. Einige Male näm lich habe
ich den Kindruck gew onnen, als ob Marx die strenge S cheidung
zwischen dem M ehrwert und dem Profit aufhöbe und einen
em pirischen Z usam m enhang zwischen beiden herstellen wollte.
Das geschieht z. B, in einzelnen Bem erkungen in der Lehre von
der G rundrente, auf die ich hier nicht näher eingehe, vor allen:
aber in der Lehre von der A u s g l e i c hu n g d e r a l l g e m e i n e n
P r o f i t r a t e d u r c h die K o n k u r r e n z . H ier könnte es den A n ­
schein gewinnen, als meinte Marx, dafs nicht nu r theoretisch, d. h.
bei dem wissenschaftlichen Systeinaufbau, wo es natürlich durchau-
am Platze ist, sondern auch empirisch, oder wie Marx sag:.
,,historisch" der M ehrwert in einer individuellen P rodu k tio ns­
sphäre der Punkt wäre, von dem die kapitalistische Produktion
ihren A usgang nähme, als ob also thatsächiieh infolge der u n ­
gleichen Zusam m ensetzung der Kapitalien aus e und v sic!:
zunächst der Kegel nach ungleiche Profite herausstellten und all-
m älig sich die ungleichen Profite durch Hinüber- und H e rü b e r­
w andern der K apitalien zu einem D urchschnittsprofit aiisglichen
infolge der entsprechend gesenkten oder gesteigerten Preise.
W e n n das die M einung von Marx wäre, so würde sie m. K. av.i
einem gro ß en Irrtum beruhen: sie wäre logisch und em pirisch
gleich falsch. L o g isc h :' denn es wäre ein entschiedener A bfall
von dem ganzen leitenden G edanken des „K ap itals“, die gesell­
schaftliche Thatsache der M chrw erterzeugung mit der individueller'
der Kostengestaltung zusam m enzuw erfen. Sie wäre aber auch
em pirisch falsch, denn nie und nim m er hat sich die E ntw icklung
in der angegebenen W eise vollzogen, noch vollzieht sie sich so.
was doch wol wenigstens bei je dem neu aufkom m enden G e ­
schäftszweig der Kall sein rnüfste. W ä r e jene A uffassung richtig,
so w ürde man sich das V ordrin gen des Kapitalism us historisch
offenbar so zu denken haben, dals er zunächst die S phäre irr:
vorw iegend lebendiger Arbeit, also nun unter durchschnittlicher
Zur Kritik des ökonomischen Systems von Kar! Marx. 585

K apitalzusam m ensetzung (kleines c, greises v) okkupiert habe


und dann langsam in andere Sphären übergegangen sei in dem
Mafse, als durch U eberhandnchm en der Produktion in je n e n
ersten Sphären die Preise gesunken wären, ln einer S p h äre
mit Hervortreten der Produktionsm ittel gegenüber lebendiger A r ­
beit hätte er bei einem Angew iesensein auf den individuell er­
zeugten Mehrwert naturgem äfs in den A nfängen einen so w in ­
zigen Profit realisiert, dafs ihn nirhts verlockt hätte, in jene
S p h äre zu wandern. N un beginnt aber die kapitalistische P ro ­
duktion historisch sich z.T . gerade auch in Produktionszw eigen der
letzteren A rt zu entw ickeln: Bergbau etc. Das K apital hätte keine
V eranlassung gehabt, aus der Z irkulationssphäre, wo es sich sehr
wol fühlte, in die P roduktionssphäre ü herzu gehen ohne A ussicht
a u f einen „landesüblichen P rofit“, welcher, das mufs doch bedacht
werden, vor aller kapitalistischen Produktion hn kom m erziellen
Profit existierte. A b e r man kann die Irrtüm lichkeit jener A n ­
nahme auch von der ändern Seite her erweisen: W e n n in S p h ären
mit vorw iegend lebendiger A rbeit in den A nfängen kapitalistischer
P roduktion exorbitant hohe Profite gem acht würden, so setzte
das voraus, dafs das K apital mit einem Schlage den betreffenden
bisher selbständigen Produzentenkreis als L ohnarbeiter beschäf­
tigte. d. h. sage zum halben Verdienstsatze, als sic vorher e i n­
genom m en hatten und die Differenz bei zunächst den W e rte n
entsprechenden W a re n p re ise n völlig in seine Tasche steckte.
W a s wreiter eine v ollstän d ig unrealistische V orstellung w äre: die
kapitalistische Produktion hat mit deklassierten Existenzen in zum
Peil ganz neu geschaffenen Produktionszw eigen begonnen und
ist sicher bei der Preisfestsetzung sofort von der K apitalauslage
nusgegangen.
W ie aber die A nnah m e einer em pirischen A n k n ü p fu n g der
Profitrate an die M ehrw ertrate historisch, d. h. für die A nfäng e
des Kapitalism us falsch, ebenso und noch mehr für die Z ustände
entwickelter kapitalistischer Produktionsweise. O b heut ein B e ­
trieb mit noch so hoher oder noch so niedriger Kapitalzusam m cn-
setzung sich aufthut: die Preisfestsetzung seiner Produkte und
die Berechnung (und R ealisierung) des Profits ei folgt ansschliefs-
lich auf G run d der Kapitalauslage.
W e n n zu je d e r Z eit, früher wie jetzt, unausgesetzt in der
I hat Kapitale von einer P roduktionssphäre in die andere w andern,
so hat das seinen H au p tg run d gewils in der U ngleichheit der
Profitraten. A ber diese U ngleichheit rührt ganz sicher nicht von
586 W v m er S o m b a r l ,

der organischen Z usam m ensetzung der K apitalien, sondern von


irgend welchen Ursachen der K onkurrenz her. Die heute noch
am ehesten florierenden P roduktionszw eige sind z. T. gerade solche
mit sehr hoher Kapitalzusam m ensetzung, wie Bergw erke, chemische
Fabriken. Bierbrauereien, D am pfm üllereien etc. S in d das G e ­
biete, aus denen sich K apitalien zurückgezogen haben, nusgew an­
dert sind, bis die P roduktion entsprechend eingeschränkt w urde
und die Preise stiegen?
W o man die Sache auch angreifen m ag: cs w iderspricht der
realen E ntw icklung der D inge, dafs die Profitraten sich in A n ­
knüpfung an die M ehrwertraten gebildet haben, dals sie ü b e r­
haupt in irgend welchem em pirischen Zusam m enhange unter ein­
ander stehen.
Ich w iederhole: eine solche Hypothese, wie sie hier von
Marx im X . K apitel des 3. Bandes gem acht zu sein s c h e i n t —
ich sagte schon, die Ausdrucksw eise ist nicht frei von U n k la r­
heiten — ist nicht nur entbehrlich, unnütz für das ökonom ische
System von Marx: es w ürde geradezu einen Schönheitsfehler an
diesem S3rstem bedeuten, wollte man die H y po th ese aufrecht er­
halten, Theoretisch natürlich mufs. um zur Profitrate zu gelangen,
der A usgangspunkt von der M ehrwertrate genom m en w erden:
em pirisch ganz gewifs nicht. Jene „A usgleichungen" hoher und
niedriger Profitraten bei K apitalien verschiedener organischer
Zusam m ensetzung zu einer D urchschnittsprofitrate sind D e n k o p e ­
rationen. aber keine V orgänge des wirklichen Lebens. Das will
ich denn auch als die M einung von Marx annehm en, solange mich
nicht Engels des Gegenteils versichert. A ber auch dann würde
ich an dieser Stelle nur eine. U uvollkom m enheit, eine Ink on se­
quenz des Marxschen G edankenganges erblicken, die er w ahr­
scheinlich bei Selbstvollendung seines W erke s überw unden haben
würde.
IV.
Im E ingang dieser Studie sprach ich es schon aus, dafs
eine irgendwie erschöpfende K r i t i k d e s M a r x ’ s c h e n S y s t e m s
jetzt schon zu geben, eine kaum lösbare A ufgabe sein würde.
Jedenfalls halte ich mich dazu im A ugenblicke keineswegs für
berufen.
Nicht als glaubte ich, der Marxism us sei überhaupt einer
Kritik nicht zugänglich. G anz gewifs bietet er für eine solche
Angriffspunkte genug. Freilich wird es meines Erachtens im m er
nur auf eine W eiterentw ickelung. nicht auf eine „ W id e r le g u n g “
Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx. 587

ankommen. Mit der m ag sich der politische Streber befassen;


für den Gelehrten kann es sich doch w ohl bei einem irgendw ie
fundierten Systeme nicht um eine „ W id e rle g u n g “ handeln. O d e r
sind Ouesnay, S m ith, R ic a rd o und alle die ändern führenden
G eister etwa „w iderleg t"? S ie haben das ihre geleistet, haben
einen Baustein zu dem G ebäude der W issenschaft geliefert, m an
hat ihre Irrtüm er vergessen und ihre W a h rh e ite n verwertet. S o
w ird es auch mit M arx gehen. Ja, man d a rf sich freuen a u f den
K am pf, der gerade um den Marxismus, einen der exponiertesten
Posten der politischen O ekonom ie entbrennen wird. Es w ird
ein fröhliches Ja g e n entstehen, die Geister, durch die Grenz-
nutzler nun endlich aus ihrem S chlum m er erweckt, w erden gar
heftig aufeinander platzen. A b e r das gerade ist ja trefflich, in
m ajorem scientiae gloriam zu streiten.
Es wird m anchen Fachgenossen, nam entlich unter den Ael-
teren geben, der bei diesen W o rte n ein L ächeln nicht u n te r­
drücken kann: ob es denn wirklich Ernst sei, einen längst B e g ra ­
benen wie den K arl M arx w ieder von den Toten zu erwecken,
sein zehnm al „w iderlegtes“ System w ieder zum G egenstände der
K ritik machen, ja es geradezu in den M ittelpunkt der w issen­
schaftlichen D iskussion stellen zu wollen. N un, wir Jü ng e re n
w erden schon dafür sorgen, dafs ihnen das Lachen m alig vergeht.
W i r sind der M einung, dafs w ir nicht am Ende, sondern ju st am
A nfang der Marx-Kritik stehen. U nd können unser V erw undern
nicht ganz unterdrücken, dafs man überhaupt schon von einer
„K ritik" hat reden wollen, ehe — das System fertig w ar!
Freilich — w enn die neu beginnende Marx-Kritik jen e n er­
freulichen Charakter bekom m en soll, den je d e r grofse S treit
wissenschaftlicher M einungen hat, so w ird zuvor Eine B e d in g u n g
notw endig erfüllt sein m üssen: man soll M arx erst einm al richtig
verstanden haben und nur bekäm pfen, was er meint, nicht was
er vielleicht gem eint haben könnte. Es ist eine höchst unerfreu­
liche und u ndankbare A ufgabe, in aller K ritik im m er nu r die
Q u id pro quos nachw eisen zu müssen, deren sich der betreffende
K ritiker in seiner W ie d e rg a b e der M arx’schen G edanken schuldig
gem acht hat. D eshalb hielt ich eine kurze S k izzierung der G r u n d ­
gedanken des ökonom ischen Systems von Marx für keineswegs
überflüssig.
W ir d man sich, ehe man nun die K ritik eröffnet, erst der
M ühe unterziehen, in den Geist des M arxism us einzudring en,
so dürfen wir uns auch der frohen H offnung hingeben, dafs zu-
Archiv fi'ir S07,. Gesetzgebg. u. Statistik- VII, 39
588 W e rn e r S om b a rt ,

nächst einmal alle die meist falschen traditionellen E inw än d e


gegen Marx, die n u n seit fast 30 Jahren unsere L ehrbücher
zieren, in das R eich der Schatten wandern werden. Ich w ill die
zum hoffentlich baldigen U ntergange bestimmte „w ohlbekannte
S c h a r“ im Folgenden kurz R evue passieren lassen und bitte die
respektiven V äte r oder A d o p tivv äter dieser mifsratc-nen Geistes-
spröislinge ebenso d ringen d wie herzlich, eine irgend passende
Gelegenheit nicht zu versäumen, um die K inderchen dort zu
versenken, wo es am tiefsten ist. Z u r leichteren O rie n tie ru n g
führe ich je einige Stellen aus dem dritten Bande an. an denen
die nötige A uskunft über die „F rage n“ zu erlangen ist. Ich be­
schränke mich, wie überhaupt in dieser Studie auf das ö k o n o ­
mische System von Marx, lasse also sow ohl die philosopischen
G rundlagen des M arxism us wie auch die ihm eigentüm liche
Theorie der ökonom ischen und sozialen E ntw ickelung aufser
Betracht.
1, O benan marschiert ein fast zum D ogm a gew ordener Satz,
der in allen traditionellen Literaturgeschichten der N a tio n a l'
Ökonomie einen gesicherten Besitzstand erworben hat: dals Marx,
wie überhaupt die „wissenschaftlichen S ozialisten“ zwar eine B e­
deutung für die „K ritik “ der N ationalökonom ie hätte, aber keim,
für die „positive W e ite r b ild u n g “ der W issenschaft.1) Ich habe
das nie recht begreifen können. Meines Erachtens kom m t doch
für die „positive W e ite rb ild u n g der ökonom ischen T h e o rie “ neben
der österreichischen Schule gerade und vornehm lich der „wissen­
schaftliche S o zialism us“ in Betracht? Jedenfalls hat er doch ein
festgefügtes System hinterlassen. . .
Das ist natürlich ein Punkt, der nicht mit ein paar S te lle n ­
nachweisen erledigt werden kann: ich führe ihn hier nu r an.
weil ich ihn für das Tlpojrou <J>eudo$ der traditionellen Marx-Kritik
halte, aus dessen Irrtüm lichkeit viele andere Mifs\ erständnisse
gefolgt sind.
2. A uch nicht kurzer H and erledigen lälst sich die B e h a u p ­
tung: Marx habe gar kein V erständnis für die Leistungen de.-
Kapitalism us, für die historische B edingtheit und historische. Be-

') So auch wieder in der sehr lesenswerten Antrittsvorlesung u rK » Vertreters


<Ii:r unter Lori as. Einftufs stehenden, Marx .sonst verherrlichenden UinL'itiiliunsclH n
Schule, des je tz ig e n Mudenaer Professors Ugo Rabbcno, L'odiem .i cri.si neli.i
scienza eionom ica, abgedruekt in der „Riform a sociale.'1 I (1894) p. 850 879;
auch französisch erschienenen in der „Revue sociale et p olitiq ne 11 1394:
No. 6.
Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx. 589

rechtigung der kapitalistischen W irtschaftsordnung und dam it


auch nicht für die „L eistu nge n“ des K apitalisten in Person. H at
m an die dithyram bische V erherrlichung der historischen M ission
des Kapitalism us schon im kom m unistischen Manifest nie g e ­
lesen? Einstw eilen w ill ich aber nur einzelne Stellen aus dem
dritten Band des K apitals anziehen. Man vergleiche etwa (aufser
den folgenden Stellen, in denen von der Funktion des K a p i­
talisten die R e d e ist, näm lich I I I 1, 116, 358 f., 365 — } im zw eiten
Teil S. 140, wo der K redit als das Mittel bezeichnet wird, die
bedeutendsten (!) M änner der beherrschten Klasse in die h e rr­
schende Klasse (Bourgeoisie) aufzunehm en; S. 156 „eines der
grofsen Resultate der kapitalistischen P roduktionsw eise“ : S. 162
„die R echtfertigung des G rundeigentum s etc. . . . ist die, dafs die
Produktionsweise selbst historische transitorische N otw endigkeit
besitzt." S. 309 „ökonom ische und historische Berechtigung des
G rundeig entum s“ ; S. 354 „eine der zivilisatorischen Leistungen
des K apitals" u. s. w.
3. Marx soll über der technischen Entw icklung den grofsen
Einflufs übersehen, den die „ G e s t a l t u n g d e s M a r k t e s 4'4 auf
das m oderne W irtschaftsleben aiisübt. Ist das historisch gem eint,
so beruht es a u f einer ungenauen Marx-Kenntnis. Man denke nu r
an die Stellen im kom m unistischen Manifest, in denen die E in ­
flüsse der E rw eiterung des Marktes auf die Produktion erörtert
w ird und lese jetzt etwa das 2 0 . Kapitel des dritten Buches über
das Kaufm annskapital. Freilich hat Marx — meines Erachtens
durchaus mit R ech t — ebenso energisch da ra u f hingewiesen, dafs
zum grofsen Teil die kapitalistische P roduktion ihrerseits den Markt
schafft. „H erstellung des W e ltm a rk ts“ bezeichnet er geradezu als
eine der „drei 1 Iauptthatsachen der kapitalistischen P ro d u k tio n “
<1111, 249). W ill man aber mit jenem E inw and die eigentüm liche
G estaltung des ökonom ischen Systems bezeichnen, so spricht man
dam it nur die Thatsache aus, dafs Marx vollbewufsterweise die K o n ­
kurrenz aus seiner B etrachtung ausschliefst. Die Frage, die sich
dann erhebt; mit welchem R echt thut er es — mufs lediglich
im H inblick auf den Erkenntnisw ert der von ihm befolgten M e­
thode beantwortet werden. W a s nun noch an traditionellen „ E in ­
w än d e n “ zu erw ähnen ist, betrifft die W e r t l e h r e .
4. Die W e rtth eorie sei falsch, weil die W ä r e n sich erwie-
senermafsen n i c h t im V erhältnis der in ihnen enthaltenen A r ­
beitsmengen austauschten, mit einem W o r t: der W e r t sei nicht
empirisch. Dazu vgl. die A usführungen dieser Studie.
39*
590 W e r ii er S o m t>a r t ,

5 . D ie qualitativ verschiedenen A rbeiten liefsen sich nicht


auf eine abstrakte A rbeit re d u zie re n : erledigt sich, sobald man
den „ W e r t“ als gesellschaftliche Thatsache, d. h. als ö k o n o m i­
schen A usdruck der gesellschaftlichen P roduktivkraft betrachtet.
6 . Marx behaupte, nur die H andarbeit sei „ p ro d u k tiv “ : vgL
dazu die S. 579 zitierten Stellen.
7. D ie W erttheorie „abstrahiere“ vom G ebrauchsw ert der
W a ren . D azu vgl. jetzt u. a.:
I I I 11, 175 „denn die B ed ingu ng des W e rts bleibt der G e­
brauchsw ert“ :
I I I 31. 176 n , . . Gebrauchsw ert (ist) V oraussetzung des T ausch­
werts und dam it ihres W erts. . /
I I I 11, 187 „Gebrauchsw ert ist der T räger des T auschw erts“
u. s. w.
8 . Das zäheste Leben w ird w ohl, iürchte ich. das Bestreben
haben: die Wert- und K apitaltheorie aus „m oralischen“ G ründen
widerlegen zu wollen. Es beruht a u f dem scheinbar u nausrott­
baren Irrtu m : dafs die Begriffe W e rt, M ehrwert, A usbeu tu ng etc.
bei Marx ethischen u nd nicht rein ökonom ischen G ehalt haben.
Es wird noch m anche L an ze eingelegt w erden müssen, ehe w ir
dieses M ifsverständnis ins Jenseit befördert haben.
Vielleicht trägt die Lektüre des dritten Bandes einiges dazu
bei, das richtige V erständnis in das W esen jener K ategorieen zu
verbreiten. Einstw eilen begnüge ich mich damit, zur Illustration
des „ethischen“ Charakters der Marx'schen M ehrwerttheorie dem
geneigten Leser eine Stelle aus dem dritten Bande zu unterbreiten,
aus der hervorgeht, dafs nicht nur die Lohn arbeiter schm ählich
„ausgebeutet“ werden, um einen Teil dessen schnöderw eise g e­
bracht werden, was ihnen „geb üh rt“, sondern auch — m an höre
— die K a p i t a l i s t e n ! Sic werden näm lich ihrerseits wieder
von den G rundeigentüm ern „exploitiert“ : „wie der K ap italist dem
Arbeiter, so pum pt der G run deig entüm er einen Teil dieses M ehr­
werts oder M ehrprodukts w ieder dem Kapitalisten a u s “ ! ( I I I JL
356. ) . . .
Doch genug davon. Es ist nicht meine A bsicht, an dieser
Stelle eine erschöpfende A ntikritik der bisherigen Marx-Kritik zu
geben, ebenso wenig wie ich die K ritik selbst hier bringen kann
oder will.
N ur einige vielleicht nicht ganz überflüssige Leitsätze für
die zukünftige Marx-Kritik aufzustellen, hatte ich mir, im A n s c h lu ß
Zur Kritik des ökonomischen Systems von Karl Marx. 59?

an die A nzeige des dritten Bandes des Kapitals, vorgenom m eu.


D a m öchte ich denn zum Schlüsse noch folgendes bem erken.
M an wird Marx nicht nu r „dogm atisch“ besser als bisher
begreifen müssen, sondern auch m e t h o d o l o g i s c h , d. h. ma n
w ird vor allem den s c h r o f f e n G e g e n s a t z klarer als bisher sich zum
Bewufstsein bringen müssen, in dem die Marx sehe Auffassi^ngs-
weise, seine „Fragestellung“ zu der herrschenden Denkweise steht.
W a s ist es d e n n , was Marx bei der E rrichtung seines ö k o ­
nom ischen Systems vorschw ebte? A ls den „letzten E n d z w e c k “
des „K apitals“ hat er bezeichnet „das ökonom ische B ew egu ngs­
gesetz der m odernen Gesellschaft zu enthüllen." Z u diesem
Behufe sucht er in seinem ökonom ischen Systeme die gesellschaft­
lichen Z u sam m enhänge b lofszuleg en. in die die einzelwirtschaft-
liche Existenz ein geschlossen ist, gleichsam ökonom isch die A b ­
h ä n g i g k e i t s v e r h ä l t n i s s e aufzudecken. Es handelt sich um das
„Aufsuchen der ökonom ischen B edingungen, die vom W ille n des
E inzelnen u n a b h ä n g i g s in d “ ( I I I rf, 155). um die E rm ittlung dessen,
„was hinter dem R ück en der einzelnen durch die Macht von ih m
u n a b h ä n g i g e r V erhältnisse vorgeht“ (111 u, 409). Um es an einem
Beispiel zu verdeutlichen: es gilt die Preisbildung zu erklären.
N icht als ob Marx auch n u r daran dächte, nach den individuellen
M otiven der T auschenden zu forschen oder auch nu r von der
Produktionskostenberechnung auszugehen. Nein, sein G e d a n k e n ­
gang ist dieser: die Preise w erden gebildet durch die K o nkurrenz,
wie, bleibt dahingestellt. A b e r : die K onkurrenz ihrerseits w ird
geregelt durch die Profitrate, die Profitrate durch die M e h r­
w ertrate, diese durch den W e rt, der selbst der A usdruck einer
gesellschaftlich bedingten Thatsache. der gesellschaftlichen P r o ­
dukt! vkraft ist. Das stellt sich nun im System in um gekehrter
Folge dar: W e r t — M ehrw ert — Profit — K onkurrenz — Preise
u. s. w.; W o lle n w ir ein Schlagw ort haben, so können w ir sagen:
es handelt sich nie bei M arx um M otivation, sondern im m er um
L im itation, sc. der individuellen W illk ü r der W irtschaftssubjekte.
Man kann es in Einem W o r t zusam m enfassen: es ist ein
e x t r e m e r O b j e k t i v i s m u s , der das ökonom ische System von
M arx charakterisiert. H ie r im Marx sehen System m ü nd e t der
Strom , der von Q uesnay ausgeht, über Ricardo* zu R o d b e rtu s
w eiterström t: die streng objektivistische Betrachtungsw eise des
W irtschaftslebens, die von der wirtschaftenden Gesellschaft ihren
A usgangspunkt nim m t und zu dieser zurückkehrt (formal), die die
gesellschaftlichen Z u sam m en hän ge aufzudecken sucht, welche über
592 W e r n c r S o m h a r t,

die Einzelw irtschaft und die wirtschaftlichen V orgänge in letzter


Instanz entscheiden (material).
Und dort die s u b j e k t i v i s t i s c h e R ic h tu n g als Gegensatz;
sie. die die V orgänge des W irtschaftslebens am letzten E nde aus
der Psyche der wirtschaftlichen Subjekte zu erklären versucht,
die in die psychologische M otivierung die G esetzm äfsigkeit des
W irtschaftslebens verlegt. Ih r naturgem älser A usgangspunkt: der
bedürfende oder tauschende E inzelm ensch — H asbach hat uns
in schöner W e ise die historischen U rsprünge dieser D e nk ric h ­
tung in der naturrechtlichen Lehre von der Tauschgesellschaft
aufgedeckt — ; ihr leitender Begriff* wenn sie einigerm afsen k o n ­
sequent ist. der N u t z e n . Es ist der Strom , der, schon früh ­
zeitig entsprungen, doch seine mächtigsten Zuflüsse durch die
Systeme von T urgot und A d a m S m ith bekommt, der S trom , der
fast die gesamte herrschende politische O ekonom ie aufgenom m en,
wenn auch in den Oesterreichern seine konsequenteste F o rtb ild un g
erfahren hat. D er heutige Z u stand der nationalökonom ischen
Theorie wird scheint m ir im wesentlichen durch den herrschenden
Subjektivism us, der naturgem äfs im Psychologism us ausläuft, g e ­
kennzeichnet.1) Ueberall ist die ,.M otivation“ der (individuellen)
wirtschaftlichen H a n d lu n g in den M ittelpunkt des System s g e ­
treten, Es gilt hier nicht, zu entscheiden, ob die subjektivistische
Nationalökonom ie, m ag sie sich als historisch, cthisch, organisch,
abstrakt, klassisch oder sonstwie bezeichnen, einer glänzenden
Zukunft entgegen geht, oder ob sic am Ende il uer E ntw icklung
steht. O b sie im Begriffe ist zu liquidieren und ihren Besitzstand
hier der H istorie, dort der Psychologie zu überlassen. Es gilt
nur den H inw eis, dafs hier zwei W e lte n nationalökonom ischen
D enkens neben einander, fast u na b h äng ig von einander entstan­
den sind. zwei A rten der wissenschaftlichen Betrachtung, die
kaum mehr als den N am en gem einsam haben. U nd cs scheint
m ir nicht ausgeschlossen, dafs all die halben und ganzen, m ehr

V' Es hatte den Anschein, als ob unter den Neueren H. Dietzel eine objekti­
vistische R ich tun g in der ökonom ischen Theorie einschlagen w ürde (siehe seine
Besprechung' W ie s e rs in den Jahrbüchern für N.-Oek., N. F., Bd. 11, S. 161 f.).
ln seinen Schriften ist er jedoch im mer subjektivistischer geworden und Bührn-
Baw erk hat meines Erachtens vollständig recht (vg!. W e r l, Kosten und Grenz-
muzen, a. a. O ., Dritte Folge, 111, 325, 3361'.), wenn er Dietzel als einen halb
und halb bekehrten Grenznutzler anspricht, ebenso wie dev ausgezeichnete G e ­
kehrte recht- hat, wenn er zwischen der methodologischen Auflassung Menget'S
mul Ad. W ag n e rs keinen prinzipiellen Gegensatz findet.
Zur Kritik des Ökonomischen Systems von Karl M;irx, 593

oder weniger begründeten, m ehr oder w eniger klaren, m ehr oder


weniger abgebrauchten G egensätze unserer Schulen, wie sie nun
so oft zur A ussprache gekom m en sind, alle in den m ethodisch
überragenden Gegensatz des O bjektivism us und Subjektivism us
ausm ünden werden . . .
Uncl nur im Bewusstsein dieses Gegensatzes wird auch eine
fruchtbare Marx-Kritik m öglich sein. Ist es ein Zufal). dass man
so lange gerade diese E igentüm lichkeit des M arx’schen System s:
typischer R epräsentant der objektivistischen N ationalökonom ie zu
sein — übersehen hat? Z u m grossen Teil scheint m ir die A nlage
des Marx'schen „K ap itals“ selbst schuld daran zu sein. Man
übersah seinen streng objektivistischen Kern, weil es in einem
rxtrem subjektivistischen G e w ä n d e erscheint! Man erinnere sich
der burschikosen A rt. in der Marx den K apitalisten im I. Buch
als „C harakterm aske“ agieren lässt, und man wird es begreiflich
finden, dass die an subjektivistisches D enken gew öhnte Z eit auch
im M arx’schen System nichts anderes zu sehen vermochte, als
was die anderen-D arstellungen der politischen Ö k o no m ie boten:
eine aus den E m pfindungen, Trieben, Urteilen etc. der Subjekte
sich aufbauende W irtsch aftsord nun g.
Dass man deshalb nicht zum Ziele kommen konnte, weder
mit seiner W ü r d ig u n g noch mit seiner K ritik des Marx'schen
Systems, liegt a u f der H and. Denn die Problem e w urden gar
nicht gestellt, von deren L ö su n g erst der Entscheid weiterer
Fragen abhing. Ich denke mir. dass m an doch wohl in folgender
W e ise eine W ü r d ig u n g und Kritik des Marx'schen Systems v e r­
suchen müsste: Ist die objektivistische R ic h tu n g in der national-
ökonom ischen W issenschaft ausschliefsend oder ergänzend be­
rechtigt? Hatte m an diese Frage mit ja be a n tw o rte t.1) dann etwa
wäre weiter zu fra g e n : ist die Marx'sche M ethode einer q u a n ti­
tativen B estim m ung der wirtschaftlichen Thatsaehen durch das
gedankliche Hilfsmittel des W ertbegriffs geboten? W e n n ja : ist

W ird sie verneint» so sind die übrigen Fragen gegenstandslos. N ur


glaube ich, w ird sieh das Problem nicht so kurzer H and erledigen lassen, wie
cs Böhm gelegentlich versucht hat (Grundzüge der Theorie des wirtschaftlichen
Guterwerts. Jahrbücher f. N.-Oek., N. F. X III. [1886], S. 77 f.'. B öhm nim m t
hier als selbstverständlich a n , was ja gerade das thema probandi bildet: dafs
TKimhch „die sozialen Gesetze, deren Erforschung die .Aufgabe der N ational­
ökonomie ist, auf übereinstim m enden H andlungen der Individuen beruhen“ etc.
und dais „einzig durch die Ständcgkeit dieses Motivs t'sc. möglichst viel r W c r l“
2 u ü- w inuem eine Gesctzmaisigkeit unserer W irtschaftshandLm gcn hervorgerufen
594 W e r n e r S o m b a r t , Zur Kritik des ökonomischen Systems von KavJ Marx.

die A rbeit der richtig gewählte Inh alt des W ertbe griffs? D. h. ist
die gesellschaftliche Produktivkraft bei konsequenter G edanken­
folge ebenso sehr das P rinzip der objektivistischen N ational­
ökonom ie, wie der N utzen das der S ubjektlvisten? W e n n ja :
sind die M arx’sche Bew eisführung, der systematische A ufbau,
die Schlussfolgerungen u. s. w. anfechtbar? D a n n erst wären die
einzelnen Teile der T heorie der R eih e nach zu prüfen.
Tragen diese Z eilen ein w enig dazu bei, die Marx-Kritik in
etwas geordnetere B ahnen einzulenken, so ist ihr Zw eck erfüllt.

w ird ." A llerding s: w äre die Gesetzmäfsigkeit im W irtschaftsleben mir eine


psychologische Thalsache und ihre Erm ittelung Aufgabe der politischen O eko­
nomie, dann — slünde die A lleinberechtigung der psychologischen Methode aufser
Zweifel Beides aber soll eben erst bewiesen werden.