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Dr. jur. Gülpen Arbeitsgemeinschaft Strafrecht AG - Nr.

56 SS 2009

Voraussetzungen der wirksamen Einwilligung gemäß § 228 StGB


Zur Rechtswirksamkeit der rechtfertigenden Einwilligung bedarf es neben dem Ein-
klang mit den guten Sitten zuvorderst den üblichen Voraussetzungen der wirksamen
Einwilligung, die nachfolgend zum Gesamtverständnis im Wesentlichen aufgezeigt
werden.

I. Anwendungsbereich des § 228 StGB


Einigkeit besteht darin, daß die in § 228 StGB mit den guten Sitten genannte Einwilli-
gungsgrenze nicht auf andere einwilligungsfähige Tatbestände, bspw. auf die Freiheits-
beraubung gemäß § 239 StGB, ausdehnbar ist.1

1. Disponibles Rechtsgut
Der Einwilligende muß verfügungsbefugt sein, über das von ihm preiszugebende
Rechtsgut zu disponieren, d. h. er muß Inhaber des Rechtsgutes sein und eine
Verfügung über das Rechtsgut muß rechtlich zulässig sein. Soweit die Einwilligung in
§ 228 StGB sich ohnehin nur auf Körperverletzungsdelikte bezieht, scheidet eine (auch
analoge) Anwendung der in dieser Norm enthaltenen Einwilligung auch bei anderen
Rechtsgütern entweder aufgrund ausdrücklicher Normierung oder wegen ihrer Schutz-
richtung bzw. aufgrund einer indisponiblen Rechtsgutkomponente von vornherein aus.2

Die Einwilligung in § 228 StGB bezieht sich daher allein auf das Individualrechtsgut
der körperlichen Unversehrtheit und Gesundheit, über die mithin nur der einwilligende
Verletzte als Träger dieses Rechtsgutes verfügen kann und ist somit auf andere
Deliktstypen nicht anwendbar. Soweit solche Straftaten mit einer gemäß § 228 StGB
einwilligungsfähigen Körperverletzung tateinheitlich zusammentreffen, ist bei diesen
Tatbeständen die Frage, ob die Einwilligung die Tat rechtfertigt, selbständig zu prüfen
und zu entscheiden.3 Bereits aus der gesetzlichen Regelung des § 216 StGB folgt dabei,
daß eine Einwilligung in die vorsätzliche Tötung trotz des höchstpersönlichen Cha-
rakters des Rechtsgutes grundsätzlich unbeachtlich ist.4 Gleichwohl wird im Schrifttum
nicht einheitlich beantwortet, welche Formen der Körperverletzung von § 228 StGB
erfaßt werden.

2. Vorsätzliche Körperverletzung
Die in der Vorschrift des § 228 StGB geregelte Einwilligung umfaßt in ihrer Reich-
weite grundsätzlich alle im Strafgesetzbuch genannten Fälle der vorsätzlichen Körper-
verletzung, wie sich dies aus der systematischen Stellung ergibt.5

1
Kühl, Strafrecht AT, § 9 Rn. 30; Otto, Strafrecht AT, § 8 Rn. 119.
2
Leben oder Delikte mit „gemischtem“ Rechtsgüterschutz wie Straßenverkehrsdelikte, welche
neben dem Schutz des einzelnen Verkehrsteilnehmers auch den Schutz der Allgemeinheit inten-
dieren.
3
BGHSt 6, 234.
4
so grundsätzlich RGSt 2, 442; BGHSt 4, 88, 93.
5
LK-Hirsch, StGB, § 228, Rn. 1.

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Sie gilt daher nicht nur für die einfache Körperverletzung gemäß § 223 StGB, sondern
auch für die Mißhandlung Schutzbefohlener in § 225 StGB6, die Qualifikationstat-
bestände der gefährlichen Körperverletzung in § 224 StGB und für die in den Bestim-
mungen der § 226 Abs. I und § 227 StGB geregelten Körperverletzungen mit den nicht
gewollten bzw. den beabsichtigten Folgen.7 Für eine mit der Körperverletzung ein-
hergehende Verletzung überindividueller Rechtsgüter, wie es bspw. bei der Verkehrs-
sicherheit in § 315c StGB der Fall ist, hat § 228 StGB keine rechtfertigende Bedeu-
tung.8

3. Fahrlässige Körperverletzung
Darüber hinaus ist § 228 StGB nach heute ganz herrschender Meinung9 auch auf
fahrlässige Körperverletzungen gemäß § 229 StGB anwendbar, wobei die Frage der
Anwendbarkeit der Einwilligung auf fahrlässige Körperverletzungen jedoch nicht zu
jeder Zeit zu Gunsten einer rechtfertigenden Wirkung geklärt war. Nach einer Gegen-
ansicht im älteren Schrifttum10, die einige Zeit sogar als die herrschende Meinung galt,
sollte § 226a StGB a.F. auf fahrlässige Körperverletzungen nicht anwendbar sein, weil
diese Vorschrift aufgrund ihrer systematischen Einordnung im StGB zwar nach den
Fällen der vorsätzlichen, aber vor der in § 230 StGB a.F. geregelten fahrlässigen
Körperverletzung stand11. Dieser Ansicht ist jedoch nicht zu folgen, da sich der Sinn
und Zweck der Vorschrift des § 228 StGB nicht ausschließlich ihrer systematischen
Stellung im Strafgesetzbuch entnehmen läßt. Zwar rangiert § 228 StGB vor der in
§ 229 StGB geregelten fahrlässigen Körperverletzung; dies hat jedoch eher gesetzes-
technische Gründe.

4. Lebensgefährdung und Risikohandlungen


Umstritten ist die Frage, ob der Einwilligende auch in eine Lebensgefährdung ein-
willigen kann, die möglicherweise auch zu seinem Tode führen kann. Nach verbreiteter
Ansicht12 ist eine Einwilligung in die Lebensgefährdung13 bei riskanten Handlungen14
6
Eine rechtfertigende Einwilligung kommt zwar grundsätzlich in Betracht; es wird jedoch in der
Regel an einer Wirksamkeit der Einwilligung mangels Einsichtsfähigkeit oder Entscheidungs-
freiheit des minderjährigen Rechtsgutträgers fehlen.
7
h.M., vgl. Schönke/Schröder/-Stree, StGB, § 228, Rn. 1 m.w.N.
8
BGHSt 6, 232, 234; 49, 34, 43; vgl. Hentschel, Straßenverkehrsrecht, Einl., Rn. 125.
9
BGHSt 4, 88; 17, 359; vgl. statt aller: Schönke/Schröder/-Stree, StGB, § 228, Rn. 1.
10
Schönke, StGB, 4. Auflage (1949), § 226a, Anm. 1 und Dalcke, Strafecht (1950), § 226a, Anm. 1;
so aber heute noch Lackner/Kühl, StGB, § 228, Rn. 1, 2a.
11
Traeger, GS 94 (1927), S. 112 ff., 143; Schönke, StGB (1942), § 226a, Anm. V.
12
BGHSt 4, 88, 93; Schönke/Schröder/-Lenckner, StGB, Vorbem. § 32, Rn. 103 f.; einschränkend SK-
Samson, nach § 16, Rn. 33 m. w. N.; Dach, Einwilligung, S. 76 f; Kühl, Strafrecht AT, § 17 Rn. 83;
Schaffstein, FS-Welzel, S. 557 ff., 572; Berz, GA 1969, S. 145 ff.,148; a. A. Bickelhaupt, NJW 1967, S.
713 f.; Zipf, Einwilligung, S. 74, 100; Blei, Strafrecht BT, § 371 2.; Tröndle/Fischer, StGB, § 228 Rn. 7;
Jescheck/Weigend, Strafrecht AT, § 56; Geppert, ZStW 83 (1971), S. 947, 987 f; vermittelnd Göbel,
Einwilligung, S. 45; Helgerth, NStZ 1988, S.261, 263; Dölling, GA 1984, S. 71, 89 ff; ferner OLG
Zweibrücken, JR 1994, 518, 519 f.; zum Meinungsstand vgl. auch Wolski, Soziale Adäquanz, S. 88 f.
13
Haft, Strafrecht AT, S. 75; Rengier, Strafrecht BT II, § 20, Rn. 12; einschränkend Bickelhaupt, NJW
1967, S. 713 f., der weitergehend zwischen dem Risiko der Lebensgefährdung und dem Risiko der
Tötung differenziert.

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und damit im Ergebnis in eine fahrlässige Tötung15 möglich, wobei auch für konkrete
Lebensgefährdungen der Maßstab des § 228 StGB anzulegen sei.16 Danach käme in
Betracht, daß der Einwilligende zwar den Erfolgseintritt nicht will, ihn aber dadurch in
Kauf nimmt, daß er mit der gefährdenden Handlung, deren mögliche Folgen er voraus-
sieht, einverstanden ist.17 Demgegenüber hält eine in Rechtsprechung und Schrifttum
vertretene Gegenmeinung eine Einwilligung in eine Lebensgefahr mit tödlichem Aus-
gang nicht für möglich und verneint unter Bezug auf § 216 StGB und die Bedeutung
des Lebens als unverzichtbares Rechtsgut die Dispositionsgewalt des Einwilligenden,
in das Risiko seiner Tötung mit rechtfertigender Wirkung einwilligen zu können.18

II. Einwilligungsfähigkeit
Darüber hinaus muß der Einwilligende für eine wirksame Einwilligung die erforder-
liche Einwilligungsfähigkeit besitzen. Kernfrage ist hierbei, welche persönlichen
Voraussetzungen an die Einwilligungsfähigkeit zu stellen sind und wie der Grad der
Selbstbestimmungsfreiheit zu ermitteln ist. Das Reichsgericht in Strafsachen stellte
schon vor Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuches bei medizinischen Heilein-
griffen darauf ab, daß nur der Geschäftsfähige wirksam in eine Körperverletzung ein-
willigen könne19. Im Jahre 1908 änderte das Reichsgericht jedoch seine Rechtsprech-
ung und ermittelte fortan die Einwilligungsfähigkeit nicht mehr anhand der §§ 104 ff.
BGB, sondern stellte allein auf die Umstände des Einzelfalles ab20, ohne daß es auf die
bürgerlich-rechtliche Geschäftsfähigkeit des Einwilligenden oder dessen strafrecht-
liche Handlungsfähigkeit ankommen sollte.21
Die heutige strafrechtliche Rechtsprechung stellt hingegen unabhängig von der Rechts-
geschäftstheorie, der Geschäftsfähigkeit und bestimmten Altersgrenzen allein auf die
konkrete Urteils- und Einsichtsfähigkeit des Einwilligenden ab.22 Insbesondere bei Ein-
griffen in höchstpersönliche Rechtsgüter wie der Körperintegrität genügt für die Wirk-
samkeit der Einwilligung eine von der Geschäftsfähigkeit unabhängige und auch mit
der Schuld- oder Deliktsfähigkeit nicht identische Einsichts- und Urteilsfähigkeit in
dem Sinne, daß der Einwilligende Wesen, Bedeutung und Tragweite des gegen ihn
gerichteten Eingriffs voll zu erfassen imstande ist.23

14
vgl. hierzu Arzt/Weber, Strafrecht BT, § 6, Rn. 35; Schaffstein, FS-Welzel, S. 557, 566.
15
Schünemann, JA 1975, S. 715, 723.
16
so Ostendorf, JuS 1982, S. 426, 432.
17
OLG Zweibrücken, JR 1994, S. 518, 519 f; Tröndle/Fischer, StGB, § 228 Rn. 5; Herzog/Nestler-
Tremel, StV 1987, 360, 368, wer sich auf die Risikolage einläßt, willigt in das Risiko der Beein-
trächtigung ein, welche er trotzdem zu vermeiden sucht.
18
BGHSt 7, 112, 114; BayObLG, NJW 1957, S. 1245, 146; Jescheck/Weigend, Strafrecht AT, § 56;
Krey, Strafrecht AT, § 15 Rn. 622 f.; Bickelhaupt, NJW 1967, S. 713 f.
19
RGSt 25, 375, 381; 38, 34, 35; RG, JW 1907, S. 403.
20
RGSt 41, 392, 395; 60, 34, ff.; 71, 349; 72, 399, 400.
21
RGSt 29, 399.
22
BGHSt 4, 90; 5, 362; 12, 379 382; 23, 1; BGH, NJW 1964, S. 1177.
23
Schönke/Schröder/-Lenckner, StGB, Vorbem. zu § 32, Rn. 40.

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Das strafrechtliche Schrifttum erhebt jedoch Bedenken hinsichtlich dieser unpräzisen


Definition der Selbstbestimmungsfähigkeit.
Lackner/Kühl24 erachten die konkrete Urteilsfähigkeit als ausschlaggebend, während
eine andere Ansicht eine natürliche Urteils- und Einsichtsfähigkeit voraussetzt25,
demgegenüber eine weitere Meinung auf die geistige und sittliche Reife oder die
Willensfähigkeit abstellt26 und hierbei verschiedentlich auch die intellektuellen und
emotionalen Komponenten der Einwilligung besonders betont werden.27 Sowohl dem
Schrifttum als auch den Bemühungen um eine größtmögliche Präzisierung der an die
Einwilligung zu stellenden Wirksamkeitsanforderungen ist dabei insgesamt zuzu-
stimmen, da das Strafrecht andere Zielsetzungen als das Zivilrecht beschreibt und es
bei der Einwilligung allein darauf ankommt, ob sie Ausdruck der persönlichen
Entscheidungsfreiheit des Rechtsgutinhabers ist.28

1. Einwilligungsfähigkeit bei Volljährigen


Einigkeit besteht darüber, daß bei dem Mündigen, d. h. einem gesunden Volljährigen, die
Einwilligungsfähigkeit ohne weiteres unterstellt wird29, weil der Volljährige mit Er-
reichen der Volljährigkeit in der Ausübung seiner Grundrechte frei wird und er volle
Grundrechtsmündigkeit erreicht, mit der ihm der Verfassungsgeber die Möglichkeit ein-
räumt, auch die schwierigsten Lebensfragen selbst zu entscheiden. Daher wäre es ver-
fassungsrechtlich unzulässig, die Einwilligungsfähigkeit Volljähriger generell in Frage zu
stellen, weil dies auf eine nicht normierte Beschränkung der Handlungsfreiheit hinaus-
liefe.30 Etwas anderes gilt jedoch bei Hinzutreten besonderer Umstände, bspw. bei
greisen, senilen Menschen und alkoholisierten oder in sonstiger Weise berauschter Voll-
jähriger sowie in gravierender Weise psychisch erkrankter Erwachsener. Hier kann auch
bei Volljährigen die Einwilligungsfähigkeit eingeschränkt oder aufgehoben sein, weil die
Befähigung, eine autonome, selbstverantwortliche Entscheidung zu treffen, entfallen ist.
Wann dies jedoch der Fall ist, hängt von den konkreten Einzelumständen ab und kann
nicht generell, sondern nur mit Hilfe von Sachverständigen beurteilt werden.31
Nur vereinzelt wird die Ansicht vertreten, zur Ermittlung und Beurteilung der Ein-
sichtsfähigkeit seien mit den §§ 20, 21 StGB die Vorschriften zur Schuldfähigkeit analog
heranzuziehen.32 Daß die Einwilligung hingegen ganz offensichtlich unvernünftig ist,
rechtfertigt es nach h. M. wiederum nicht, allein deshalb dem Volljährigen die Einwilli-
gungsfähigkeit abzusprechen.33 Lediglich Amelung34 definiert die Einwilligungsfähig-
keit als Fähigkeit, eine vernünftige Einwilligungsentscheidung zu treffen, ohne letztlich
24
Lackner/Kühl, StGB, Vorbem. zu § 32, Rn. 16.
25
Jescheck/Weigend, Strafrecht AT, § 34 IV 2.
26
Geerds, GA 1954, S. 262, 263; Arzt, NJW 1967, S. 669.
27
Dach, Einwilligung, S. 85; Hansen, Einwilligung, S. 39; Geppert, ZStW 83 (1971), S. 947 ff., 976.
28
so auch Jescheck/Weigend, Strafrecht AT, § 34 IV 1; BGH NJW 1964, S. 1177.
29
Neyen, Einwilligungsfähigkeit, S. 46; Schönke/Schröder/-Lenckner, StGB, Vorbem. § 32, Rn. 40.
30
Neyen, a.a.O., S. 46.
31
May, Körperverletzungen, S. 58.
32
Kientzy, Einwilligung, 110; Rosener, Heileingriffe, S. 146, 147.
33
Roxin, Strafrecht AT, § 13 Rn. 51 ff.; Schönke/Schröder/-Lenckner, Vorb. zu § 32, Rn. 40.
34
Amelung, JR 1999, S. 45 ff.; ders. in ZStW 104 (1992), 525 ff.

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jedoch die Frage zu beantworten, anhand welcher Kriterien eine Entscheidung als
„individuell vernünftig" zu qualifizieren ist.

2. Einwilligungsfähigkeit bei Minderjährigen


Anders beurteilt sich hingegen die Einwilligungsfähigkeit bei Minderjährigen. Hier
kommt es auf den individuellen Reifegrad an, wobei die Frage der Urteilsfähigkeit nicht
generell, sondern in Bezug auf den konkreten Eingriff zu bemessen ist.35
Dem Minderjährigen eine Einwilligungsfähigkeit gänzlich abzusprechen, ginge indes zu
weit, da auch Minderjährige bereits den Reifegrad erlangt haben können, der erforderlich
ist, um die Tragweite eines bestimmten Eingriffs in ihre Rechtsgüter voll zu erfassen.36
Abgesehen von der Frage, ob und inwieweit bei Minderjährigen die Einwilligung von
ihrem gesetzlichen Vertreter ersetzt werden kann37, richten sich die zu stellenden
Anforderungen nach der Art des Eingriffs und der Wertigkeit des betroffenen Rechts-
gutes. Bei den hier interessierenden Körperverletzungen korrespondiert dabei das
Ausmaß der Verletzung mit der konkreten Einwilligungsfähigkeit des Minderjährigen
nach dem Grundsatz, daß mit der Intensität der Körperverletzung die zu stellenden
Anforderungen an die Einwilligungsfähigkeit proportional steigen. Lediglich in Einzel-
fällen können Sonderregeln Mindestaltersgrenzen festlegen, durch welche die Vermu-
tung zum Ausdruck kommt, daß erst mit Erreichen der Altersstufe ausreichende Ein-
sichts- und Urteilsfähigkeit gegeben sein kann.

III. Unbeeinflußte Einwilligung


Des weiteren muß die Einwilligung ernstlich und frei von wesentlichen Willens-
mängeln sein. Allgemein anerkannt ist insoweit, daß die Einwilligung nicht durch
Irrtum, Gewalt, Drohung mit einem empfindlichen Übel oder Täuschung bewirkt
worden sein darf und im Ergebnis ernstlich sowie freiwillig sein muß.38
Der Einwilligende muß daher volles Verständnis für die Sachlage aufweisen und bei
ihm eine "zutreffende Vorstellung vom voraussichtlichen Verlauf und den möglichen
Folgen" der Handlung und Tragweite zum Zeitpunkt der Einwilligungserklärung
vorgelegen haben.39 Im Falle der durch Täuschung erschlichenen oder Irrtum beein-
flußten Einwilligung berührt eine Fehlvorstellung die Wirksamkeit der Einwilligung
jedoch nur dann, wenn sie rechtsgutbezogen, d. h. wenn sich der Rechtsgutträger über
Folgen, Bedeutung und Tragweite gerade im Hinblick auf das verletzte Rechtsgut nicht
im Klaren ist.40 Fehlvorstellungen hinsichtlich der Begleitumstände im Rahmen des
Affektionsinteresses, insbesondere des Motivs des Eingriffs, sind unbeachtlich.41
Rechtsgutbezogene Fehlvorstellungen sind indes insbesondere bei ärztlichen Eingriffen

35
BGHSt 12, 379; BayObLG, VRS 53, S. 349.
36
Göbel, Einwilligung, S. 76.
37
eingehend hierzu: Geerds, GA 1954, S. 262 ff.
38
vgl. hierzu Amelung, NStZ 2006, S. 317 ff.; BGHSt 12, 379 ff., 382.
39
vgl. BGHSt 4, 88 ff., 90.
40
Schönke/Schröder/-Lenckner, Vorb. zu § 32 ff. Rn. 45; Wessels/Beulke, Strafrecht AT, § 9 I 2 c, d.
41
BGHSt 16, 309; Kühl, Strafrecht AT, § 9, Rn. 38 f.

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und der mit diesen im Zusammenhang stehenden Aufklärungspflicht über Behand-


lungsrisiken und -folgen relevant.42
Darüber hinaus soll auch beachtlich sein, ob der lediglich in eine Gefährdung Einwilli-
gende sich zutreffende Vorstellungen über den Risikoumfang macht43, wie ihm auch
die Art und Weise, in der ihm die eingewilligte Körperverletzung zugefügt wird,
bekannt sein muß. 44

IV. Zeitpunkt und Kundgabe der Einwilligung


Weiterhin muß die Einwilligung, welche bis zur Tatbegehung frei widerruflich ist45,
vor der Tat entweder ausdrücklich erklärt oder konkludent zum Ausdruck gebracht
werden46, denn eine nachträgliche Genehmigung, wie sie das Zivilrecht in § 185 BGB
kennt, ist im Strafrecht bedeutungslos.47

V. Einwilligungsrahmen
Schließlich muß sich der Täter bei der Einwirkung auf den Körper des Einwilligenden
nach Art und Maß im Rahmen der Einwilligung halten48 und darf nach h. M. keinen
anderen Zweck als den der Einwilligung zugrundegelegten verfolgen49. Soweit der
Rechtsgutverzicht ausschließlich zur Disposition des betroffenen Einwilligenden steht,
kann dessen Einwilligung nur in dem Rahmen reichen, in dem sie erklärt und gewollt
ist, so daß sie vom Einwilligenden auch eingeschränkt oder begrenzt erklärt werden
kann.50 Darüber hinaus muß der zur Körperverletzung am Einwilligenden bestimmte
Täter aufgrund, zumindest aber in Kenntnis der erklärten Einwilligung handeln.
Ausschließlich dann rechtfertigt die wirksame Einwilligung sowohl die tatsächlich
eintretenden als auch die als möglich erkannten Verletzungen51, anderenfalls die recht-
fertigende Wirkung der Einwilligung ausgeschlossen ist oder lediglich eine Versuchs-
strafbarkeit in Betracht kommt.52

VI. Subjektives Rechtfertigungselement


In subjektiver Hinsicht ist ein Handeln des Täters in Kenntnis und auf Grund der
Einwilligung erforderlich53, anderenfalls entfaltet die dem Täter unbekannt gebliebene
Einwilligung keine rechtfertigende Wirkung und eine Strafbarkeit wegen Versuchs

42
vgl. Gropp, Strafrecht AT, § 6, Rn. 43; Jescheck/Weigend, Strafrecht AT, § 34; a.A. Köhler,
Strafrecht AT, S. 254; Baumann/Weber/Mitsch, Strafrecht, AT, § 17, Rn. 111, wonach jedweder
Willensmangel die rechtfertigende Wirkung der Einwilligung hemmen soll.
43
Dach, Einwilligung, S. 86.
44
Hansen, Einwilligung, S. 78.
45
Wessels/Beulke, Strafrecht AT, § 9 I 2 f.; Lackner/Kühl, StGB, § 228, Rn. 4.
46
zur mutmaßlichen Einwilligung eingehend LK-Hirsch, StGB, Vor § 32, Rn. 129 ff.
47
BGHSt 17, 359, 360.
48
BGHSt 4, 88, 92; OLG Bremen, NJW 1953, S. 1364; LK-Hirsch, StGB, § 228 Rn. 4.
49
RGSt 77, 350, 356; BGHSt 4, 92, 93.
50
Zipf, Einwilligung, S. 26.
51
OLG Celle, MDR 1969, 69, 70; BayObLG, NJW 1968, S. 665.
52
so die h.M., vgl. Lackner/Kühl, StGB, § 228, Rn. 9.
53
Schönke/Schröder/-Lenckner, StGB, Vorbem. §§ 32 ff., Rn. 51; Otto, Strafrecht AT, § 8, Rn. 117;
Gropp, Strafrecht AT, § 6, Rn. 49.

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verbleibt, während die irrige Annahme einer in Wirklichkeit fehlenden Einwilligung


die analoge Anwendung des § 16 Abs. I S. 1 StGB eröffnet.54 Demgegenüber muß die
Sittenwidrigkeit der Tat positiv feststehen.
Bleibt insoweit zweifelhaft, ob die Tat gegen die guten Sitten verstoßen hat, behält die
Einwilligung ihre rechtfertigende Kraft.55

VII. Anknüpfungspunkt der Sittenwidrigkeit


Die Einwilligung des Verletzten in die Körperverletzung soll gemäß § 228 StGB ihre
rechtfertigende Wirkung dann nicht entfalten, wenn die Tat trotz der Einwilligung
"gegen die guten Sitten“ verstößt. Es kommt insoweit auf die Sittengemäßheit der Tat
(i. S. d. §§ 223 ff. StGB), nicht aber auf die der Einwilligung an.56 Dieser Wortlaut stellt
klar, daß die Wirksamkeit der Einwilligung als Rechtfertigungsgrund nach dem Willen
des Gesetzes in jedem Fall von der vorausgehenden Beurteilung der Tat hinsichtlich
ihrer Vereinbarkeit mit den guten Sitten abhängen soll.

VIII. Die guten Sitten des § 228 StGB als Einwilligungsgrenze


Erst bei Vorliegen der hier dargestellten allgemeinen Einwilligungsvoraussetzungen
erhebt sich gemäß § 228 StGB bei der Einwilligung in die Körperverletzung die Frage
eines Verstosses gegen die guten Sitten. Grundsätzlich resultieren aus der Ein-
willigung des Verletzten in dessen Körperverletzung eine rechtfertigende Wirkung und
damit die Straflosigkeit des Verletzungstäters. Gemäß § 228 StGB wird diese recht-
fertigende Wirkung jedoch unter den Vorbehalt einer normativen Bewertung der
Körperverletzungstat nach Maßgabe der guten Sitten gestellt57, so daß im Hinblick auf
die Körperverletzung mit der Gute-Sitten-Klausel die Einwilligungsgrenze formuliert
ist. Die Frage der Sittenwidrigkeit entscheidet daher über die sich aus § 228 StGB
ergebende Begrenzung des rechtfertigenden Umfangs der Einwilligungswirkung.

54
eingehend zum Meinungsstand: Maurach/Zipf, Strafrecht AT, Tb. 1, § 17 Rn. 63, m.w.N.
55
BGH, NStZ 2004, S. 621.
56
heute nahezu allgemein anerkannt, grundsätzlich dazu BGHSt 4, 88, 91; zuletzt ausdrücklich
BGH, NStZ 2000, S. 87, 88; a. A. Frisch in FS-Hirsch, S. 485 ff., 504 ff.
57
Fischer, StGB, § 228, Rn. 2.

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