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19 Dermatologische Notfälle

Jutta v. Hintzenstern und Ulrich v. Hintzenstern

19.1 Anaphylaktische/­
anaphylaktoide Reaktion 690
19.2 Akut blasenbildende
Erkrankungen 691
19.2.1 Lyell-Syndrom (toxische
epidermale Nekrolyse) 691
19.2.2 Staphylogenes Lyell-Syndrom
(staphylococcal scalded skin
syndrome, SSSS) 692
690 19  Dermatologische Notfälle  

19.1 Anaphylaktische/anaphylaktoide Reaktion
Definition  Akute Unverträglichkeitsreaktion mit den Symptomen einer allergi-
19 schen Sofortreaktion mit Beteiligung des gesamten Organismus.
Symptomatik  Ausprägung der Symptomatik abhängig vom Schweregrad der
Reaktion:
• Haut und hautnahe Schleimhäute: Juckreiz, Flush, Urtikaria, Angioödem
(▶ 17.2.6), Gaumenjucken, Kribbeln im Rachen oder im Genitalbereich.
• Respirationstrakt: Niesreiz, Rinorrhö, Heiserkeit, Dysphonie, Glottisödem,
Husten, Bronchospasmus, Atemstillstand (▶ 3.4).
• Abdominalraum: Nausea, Abdominalkrämpfe, Vomitus, Miktion, Defäkati-
on, Uteruskrämpfe.
• Herz-Kreislauf-System: Tachykardie, Blutdruckschwankungen, Herzrhyth-
musstörungen, Schock , Herzstillstand (▶ 3.5).
Kurzanamnese  Einwirken eines potenziellen Auslösers Min. bis h vor dem Er-
eignis:
• Arzneimittel, Impfstoffe, s. c. Hyposensibilisierungsbehandlung, Nahrungs-
mittel.
• Aeroallergene, Kontakturtikariogene (z. B. Latexhandschuhe).
• Insektenstiche.
• Anstrengung, Stress.
Sofortdiagnostik 
• Basischeck (▶ 4.1.2).
• Puls (↑), SpO2, RR (anfangs evtl. ↑, dann ↓), EKG (evtl. Arrhythmie).
• Schockzeichen (▶ 5.9).
• Auskultation: Bronchospasmus.
• BZ-Stix.
Sofortmaßnahmen 
• Sofortige Beendigung der Zufuhr des mutmaßlichen Auslösers (z. B. Infusion,
Latexkontakt). Anlegen eines Stauschlauchs proximal der Einstichstelle bei
Z. n. Insektenstich oder Hyposensibilisierung an einer Extremität.
• Flachlagerung, ggf. Schocklagerung (▶ 2.5).
• Möglichst großlumiger i. v. Zugang mit Infusion (Ringeracetat, ggf. HAES
▶ 1.22).
• Progrediente kutane Symptomatik: H1-Antagonisten i. v., z. B. Dimetinden
8 mg und H2-Antagonisten i. v., z. B. Ranitidin 150–200 mg. Prednisolon
125 mg i. v.
• Pulmonale Symptomatik: O2-Gabe (▶ 1.6.3, ▶ 1.22), Dosier-Aerosol mit β2-
Mimetika, z. B. Fenoterol; Dosierung bis zum Auftreten von Tachykardie und
Tremor möglich. Prednisolon 250–500 mg i. v.
• Kardiovaskuläre Symptomatik: Großzügige Volumensubstitution (Ringer­
acetat, ggf. HAES ▶ 1.22), ggf. über mehrere großlumige i. v. Zugänge. Bei zu-
nehmender Hypotension trotz adäquater Volumengabe fraktionierte langsa-
me i. v. Gabe von Adrenalin (Verdünnung einer Ampulle à 1 mg mit 9 ml NaCl
0,9 % auf 10 ml: Max. 0,1 mg/Min., d. h. 1 ml der verdünnten Lösung, insge-
samt i. d. R. nicht mehr als 1 mg). Alternativ Dopamin 35–70 μg/kg KG/Min.,
d. h. 2,5–5 mg/70 kg KG/Min. Bei ausbleibendem unmittelbarem Erfolg der
Primärtherapie H1-Antagonisten i. v., z. B. 8 mg Dimetinden und H2-Antago-
nisten i. v., z. B. Ranitidin 150–200 mg.
   19.2  Akut blasenbildende Erkrankungen  691

• Therapie einer bedrohlichen Allgemeinreaktion: Z. B. Schock (ggf. small-vo-


lume-resuscitation erwägen, ▶ 5.9), Bronchospasmus (▶ 7.2) oder Bewusst-
seinstrübung (▶ 8.3.1). 19
Transport  Immer Transport in die nächste internistische bzw. pädiatrische
Fachabteilung.
Prinzipien der Weiterbehandlung  Pharmakotherapie, genaue Anamnese, nach
Refraktärzeit Allergiediagnostik, ggf. Meiden des Auslösers bzw. Hyposensibili-
sierung, Ausstellung eines anamnestischen Allergiepasses, ggf. Ausstattung mit
einem Notfallset zur Selbstmedikation.
Differenzialdiagnose  Vasovagale Synkope (▶ 5.8), epileptischer Anfall (▶ 8.3.4),
Hypoglykämie, Lungenembolie (▶ 7.4), hysterischer Anfall, Synkope (kardial, ze-
rebral).

19.2 Akut blasenbildende Erkrankungen


19.2.1 Lyell-Syndrom (toxische epidermale Nekrolyse)

Das medikamentöse Lyell-Syndrom verläuft in 30–40 % der Fälle letal!

Definition  Meist medikamentös ausgelöste, akut lebensbedrohliche Erkrankung


mit ausgedehnten Blasen an Haut und Schleimhäuten.
Symptomatik  Charakteristisches Hautbild mit starken Schmerzen im Bereich
der betroffenen Hautareale:
• Frühstadium: Fleckiges Exanthem im Gesicht, am Rumpf und an den Extre-
mitäten. Mitbeteiligung von Bindehaut, Mund- und Genitalschleimhäuten
(entzündliche Rötung, Erosionen).
• Fortgeschrittenes Stadium: Großflächige Konfluenz mit Bildung von großen
Blasen, dann flächenhafte Ablösung der Epidermis („Syndrom der verbrüh-
ten Haut“).
• Stark gestörtes Allgemeinbefinden, Fieber, ggf. Somnolenz.
Kurzanamnese 
• Meist Erwachsene betroffen.
• Vorausgehend unspezifische Symptome wie Fieber, Rhinitis, Konjunktivitis,
evtl. Arthralgien.
• Arzneimittelzufuhr (v. a. Pyrazolone, Antibiotika, Allopurinol, Antikonvulsi-
va) häufig 1–3 Wo. vor Beginn der Symptomatik.
Sofortdiagnostik 
• Basischeck (▶ 4.1.2).
• Puls, SpO2, RR, EKG.
• Temperatur (hohes Fieber).
Sofortmaßnahmen 
• O2-Gabe (▶ 1.6.3, ▶ 1.22).
• Möglichst großlumiger i. v. Zugang mit Infusion (Ringeracetat, ggf. HAES
▶ 1.22) entsprechend den Richtlinien zur Verbrennungsbehandlung
(▶ 11.10).
• Kleidung entfernen.
692 19  Dermatologische Notfälle  

• Wunden steril abdecken, Pat. in Alufolie einwickeln.


• Analgesie, z. B. mit Esketamin 0,125 mg/kg KG i. v. oder Morphin 2–5 mg i. v.
19 • Ggf. Sedierung:
– Erwachsene: Midazolam 2,5 mg i. v., ggf. Wiederholung.
– Kinder: Diazepam rektal. Neugeborene 2,5 mg, Säuglinge und Kleinkinder
< 10 kg KG 5 mg, Kleinkinder > 10 kg KG 10 mg.
Transport  Immer Transport in die nächste dermatologische oder chirurgische
Klinik.
Prinzipien der Weiterbehandlung  Weiterverlegung in dermatologische Klinik
oder Brandverletztenzentrum. Biopsie. Intensivtherapie.

Präklin. keine Kortikosteroide geben, da Wirkung umstritten.

19.2.2 Staphylogenes Lyell-Syndrom (staphylococcal scalded


skin syndrome, SSSS)
Definition  Hauterkrankung mit ausgeprägten Blasen durch Toxine von Staphy-
lococcus aureus.
Symptomatik 
• Fleckiges Exanthem mit zunächst periorifiziellem Beginn, später rasche Aus-
breitung. Selten Schleimhautbeteiligung.
• Große schlaffe, an der Haut klebende Blasen.
• Krankheitsgefühl.
Kurzanamnese 
• Meist Neugeborene, Kleinkinder oder abwehrgeschwächte Erwachsene
­betroffen.
• Vorausgehend eitrige Konjunktivitis, Otitis, Pharyngitis.
Sofortdiagnostik 
• Basischeck (▶ 4.1.2).
• Puls, SpO2, RR, EKG.
• Temperatur (hohes Fieber).
Sofortmaßnahmen 
• O2-Gabe (▶ 1.6.3, ▶ 1.22).
• Möglichst großlumiger i. v. Zugang mit Infusion (Ringeracetat, ggf. HAES
▶ 1.22) entsprechend den Richtlinien zur Verbrennungsbehandlung
(▶ 11.10).
• Kleidung entfernen.
• Wunden steril abdecken, Pat. in Alufolie einwickeln.
• Analgesie, z. B. mit Esketamin 0,125 mg/kg KG i. v. oder Morphin 2–5 mg i. v.
• Ggf. Sedierung:
– Erwachsene: Midazolam 2,5 mg i. v., ggf. Wiederholung.
– Kinder: Diazepam rektal. Neugeborene 2,5 mg, Säuglinge und Kleinkinder
< 10 kg KG 5 mg, Kleinkinder > 10 kg KG 10 mg.
Transport  Immer Transport in die nächste pädiatrische, dermatologische oder
chirurgische Klinik.
   19.2  Akut blasenbildende Erkrankungen  693

Prinzipien der Weiterbehandlung  Weiterverlegung in dermatologische Klinik


oder Brandverletztenzentrum. Biopsie. Intensivtherapie. Antibiotika bei staphylo-
genem Lyell-Sy.
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Keine Kortikosteroide geben, da kontraindiziert.