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Wenn wir unser

2 • 2016

Archäologie Weltweit – Vierter Jahrgang – Berlin, im Dezember 2016 – DAI


kulturelles Erbe erhalten
wollen, brauchen wir

archäologie weltweit
2 • 2016
Ihre Unterstützung. Magazin des Deutschen Archäologischen Instituts

TWG
Wie Sie uns helfen
können, sehen Sie hier:
w w w. t w g e s . d e

Gesellschaft der Freunde des 


Deutschen Archäologischen Instituts
Theodor Wiegand Gesellschaft e. V.
Wissenschaftszentrum Bonn
Ahrstraße 45, 53175 Bonn Foto: Gerlach

Nadja Kajan Es begann bereits vor 8000 Jahren. Archäologische Kontakte zwischen Südarabien und dem
Tel.: +49 228 30 20 Horn von Afrika lassen sich über einen langen Zeitraum nachweisen. Wie groß das Ausmaß der
Fax: +49 228 30 22 70 südarabischen Einflüsse auf Äthiopien ist, wird vom Deutschen Archäologischen Institut im
twg@wzbonn.de Rahmen eines durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes in Yeha unter-
sucht. Bedeutendes Zeugnis der überregionalen Beziehungen ist der „Große Tempel“ von Yeha.
Theodor Wiegand Gesellschaft An diesem besonderen Baudenkmal finden im Rahmen des äthiopisch-deutschen Kooperations-
Deutsche Bank AG, Essen projektes seit 2009 auch Restaurierungsarbeiten mit Unterstützung lokaler Mitarbeiter statt. Im
IBAN DE20 3607 0050 0247 1944 00 Herbst 2016 wurde zur Sicherung des Gebäudes ein Edelstahlgerüst eingezogen, das ab März titelThema

Die Vermessung des Altertums


BIC DEUTDEDEXXX 2017 das temporäre Baugerüst ersetzen wird.

Die Vermessung
oder
Bonner Sparkasse, Bonn
IBAN DE88 3705 0198 0029 0058 08

des Altertums
BIC COLSDE33XXX

Ihre Spenden sind


steuerbegünstigt.
Naturwissenschaften in der Archäologie
Vielen Dank!

A l lta g a r ch ä o l o g i e C u lt u r a l H e r i ta g e Fokus

www.dainst.org
Nahaufnahme Palast des andauernden Glücks Zusammenführungen
Lebenswirklichkeit einer Eine chinesisch-deutsche Die Institutionalisierung der
altägyptischen Stadt Kooperation Naturwissenschaften am DAI
Das Nephrit-Zepter von Xóm Rền aus Nordvietnam ist mit einer Länge von 64 cm das

Arc h äo lo g i e w e lt w e i t
größte Schmucksteinobjekt Südostasiens. Es wurde zufällig 2006 mit anderen Beigaben eines
spätsteinzeitlichen Grabes entdeckt und datiert etwa in das 13. Jahrhundert v. Chr.

Orte und Regionen in dieser Ausgabe

Peking. China. Cultural Heritage, Seite 20 Buto. Ägypten. Titelthema, Seite 48


Dahschur. Ägypten. Landschaft, Seite 30 Nuku Hiva. Marqueses. Titelthema, Seite 53
Rom. Italien. Das Objekt, Seite 36 Dulan. China. Titelthema, Seite 56
Afghanistan. Titelthema, Seite 42 Ounianga-Becken. Tschad. Titelthema, Seite 57
Teheran. Iran. Titelthema, Seite 42 Berlin. Deutschland. Titelthema, Seite 62
Pietrele. Rumänien. Titelthema, Seite 46 Elephantine. Ägypten. Alltag Archäologie, Seite 72

Das Goldsiegel des Kaisers Minh Mang aus dem Jahr 1827 ist mit 4,7 kg Gold das
schwerste Goldobjekt der Vietnam-Ausstellung in Deutschland. Auf der quadratischen Siegel-
fläche ist als Handhabe ein kaiserlicher Drachen dargestellt. Dieses „Kaiserliche Siegel zur
Kontrolle des Kalenders unserer glorreichen Zeit“ wurde bis 1945 am Kaiserhof in Huế aufbewahrt
und 1945 nach der Revolution in das Nationalmuseum für Geschichte Vietnams nach Hanoi
gebracht. Fotos: Nguyễn Quốc Bình

„Deutschland und Vietnam pflegen enge und


vielfältige Beziehungen. Seit 25 Jahren ver-
bindet unsere Länder ein Kulturabkommen,
seit 2011 eine strategische Partnerschaft. Eine
wichtige Säule der guten Beziehungen zwischen
Vietnam und Deutschland sind dabei die zahl-
reichen miteinander verflochtenen Biographien
und der intensive Austausch im Kultur- und
Bildungsbereich. So ist fast überraschend, dass
die „Schätze der Archäologie Vietnams“ die
erste Ausstellung dieser Größenordnung zur
Kulturgeschichte Vietnams in Deutschland ist.
Die Ausstellung wurde langfristig und mit
großem Elan vorbereitet. Dank dafür gebührt
dem Deutschen Archäologischen Institut, das
den Hauptkurator stellt und sich sehr für das
Projekt eingesetzt hat.“
da s t i te l b i l d
Außenminister Frank-Walter Steinmeier, gemeinsam mit dem
Das sonnenartige Gebilde auf unserem Titelbild ist in Minister für Kultur, Sport und Tourismus Vietnams, Nguyễn Ngọc
Wahrheit winzig – mikroskopisch winzig. 5 bis 200 µm Thiện Schirmherr der Ausstellung, im Geleitwort zum Katalog.
„Größe“ haben Pollen – hier eine Geranium-Art –, die über
Jahrtausende resistenten Überreste von Pflanzen. Sie ermöglichen
Schlüsse auf die Pflanzendecke zur Zeit ihrer Ablagerung und geben so
Aufschluss auf klimatische Verhältnisse in der fernen Vergangenheit. Der D i e A u s s te l l u n g Die gröSSte Bronzetrommel Süd-
Untersuchung der winzigen Pollen unter dem Mikroskop geht ein langwie- ostasiens von Sao Vàng mit einem
riger Aufbereitungsprozess im Labor voran. Die Interpretationsarbeit nach 400 Exponate aus 45 Fundkomplexen erzählen von zehn Durchmesser von 1,26 m wurde 2006 in der
der Analyse ist komplex und erfordert Kenntnisse aus Ökologie und Jahrtausenden Geschichte Vietnams. Der Ausstellungs- Provinz Thanh Hóa in Nordvietnam entdeckt.
Die reiche Verzierung u.a. mit Booten und
Biologie, zu unterschiedlichen Klimaten in verschiedenen Zeiten, über aufbau orientiert sich an dem Grundriss einer Tempel-
Häusern, federgeschmückten Kriegern und
Windrichtungen und Windgeschwindigkeiten und besonders über die anlage mit einem Tempelmodell in Originalgröße in der
Tieren symbolisiert die Seelenwanderung
Ausbreitungsfähigkeiten bestimmter Pflanzen. Mitte. Großformatige Fotografien vermitteln einen vom Diesseits in das Reich der Ahnen vor
Am Deutschen Archäologischen Institut werden Pollenanalysen wie auch Eindruck von Landschaften und Kulturen Vietnams. rund 2000 Jahren.
Analysen botanischer Makroreste im Bereich Archäobotanik am Referat
Naturwissenschaften durchgeführt.
Foto: Dinies
Editorial
editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Interesse an der Vergangenheit war stellers C. P. Snow von der Unvereinbar-
immer auch mit naturwissenschaftli- keit der „Zwei Kulturen“ – der geistes-
chen Methoden verbunden. So förderte wissenschaftlich-literarischen einserseits
Rudolf Virchow die Gründung der „Berliner und der naturwissenschaftlich-technischen
Anthropologischen Gesellschaft“ im Jah- Kultur andererseits – im besten Sinne Lü-
re 1869, aus der die Berliner Gesellschaft gen zu strafen. Moderner archäologischer
für Anthropologie, Ethnologie und Urge- Praxis bleibt gar nichts anderes übrig, als
schichte hervorging. Studien zur Evolution die beiden Wissenschaftskulturen in Ein-
des Menschen und der Tiere waren lange klang und ins Gespräch miteinander zu
Zeit allein durch Studien zur Morphologie bringen, um fundierte und belastbare –
der Skelette möglich. Neu ist also nicht, und vor allem ganzheitliche – Ergebnisse
Prof. Dr. Dr. h. c. Friederike Fless dass Archäologie und Naturwissenschaf- zu erzielen und so ihrer Aufgabe gerecht
Präsidentin des Deutschen ten zusammenarbeiten. Neu ist die Vielfalt zu werden, die Kenntnisse der Vergan-
Archäologischen Instituts der Methoden, die entstanden sind und genheit für den Erhalt unseres kulturellen
Foto: Kuckertz die sich parallel zur Entwicklung der Tech- Erbes einzusetzen. Moderne Archäologie
nologie rasant weiterentwickeln. kann so auch einen Vorbildcharakter für
andere wissenschaftliche Disziplinen ha-
Seit der Entdeckung der „Doppelhelix“ des ben.
menschlichen Genoms wurde die DNA-
Analyse schnell zu einer inzwischen In unserem Titelthema zeigen wir Ihnen
unverzichtbaren Methode in Medizin, Kri- einige Beispiele dessen, wie die Zusam-
minalistik – und auch in der Archäologie, menarbeit zwischen Archäologie und
die Ergebnisse der Untersuchungen an Naturwissenschaften funktionieren kann.
„ancient“ DNA zu einem festen Bestand- Wie dies im Besonderen auch in der inter-
teil ihres Quellenspektrums gemacht hat. nationalen Kooperation zu bahnbrechen-
Diese und andere Methoden geben Auf- den Ergebnissen führen kann, offenbart
schluss über Verwandtschaftsverhältnisse unsere Rubrik „Cultural Heritage“ mit ei-
und Migrationen von Menschen. Gemein- nem Beitrag über die chinesisch-deut-
sam mit den klassischen altertumswissen- schen Arbeiten am „Pavillon im beseelten
schaftlichen und naturwissenschaftlichen Teich“ in der Verbotenen Stadt in Peking.
Untersuchungen zu klimatischen Prozes- Das „Panorama“ zeigt, dass die Autoren
sen früherer Zeiten nähern wir uns immer archäologischer Werke die Hoffnung nie-
stärker einem ganzheitlichen Bild des mals aufgeben dürfen. Denn es kann ge-
Menschen im Altertum in seiner jeweili- schehen, dass sie auch noch nach 90 Jah-
gen Umgebung. Mensch-Umweltbezie- ren veröffentlicht werden können.
hungen sind heute zentrale Fragestellun-
gen auf archäologischen Ausgrabungen. Viel Vergnügen bei der Lektüre
Sie zu beantworten bedarf der Kooperati- wünscht Ihnen Ihre
on vieler Disziplinen.
Das Gelingen dieser Art interdisziplinärer
Forschung setzt voraus, das alte Diktum
des britischen Physikers und Schrift- Prof. Dr. Dr. h. c. Friederike Fless

archäologie weltweit _ 01
20
cultural heritage 4 Nachrichten

palast des andauernden glücks 12 Fokus


Chinesisch-deutsche Kooperation bei der behut- Zusammenführungen
samen Restaurierung eines Baudenkmals Die Institutionalisierung der Naturwissenschaften am DAI

inhalt
20 cultural heritage
inhalt Palast in wogendem Wasser – Chinesisch-deutsche Koopera-

36
tion bei der behutsamen Restaurierung eines Baudenkmals

4
28 Standpunkt
Archäologie im Anthropozän

das objekt
nachrichten 30 Landschaft
1836 – Emil Braun und der Ein Garten in der Wüste – Pharaonische Landschaftsarchitektur
das archäometrie erste Bibliothekskatalog des
netzwerk berlin- Archäologischen Korrespondenz- 36 Das Objekt
1836 – Emil Braun und der erste Bibliothekskatalog des
brandenburg instituts in Rom
Archäologischen Korrespondenzinstituts in Rom

Titelthema

38
38 Die Vermessung des Altertums –
Naturwissenschaften in der Archäologie
42 Von Erz und Glanz – Auf den Spuren früher Metallurgie
46 Die Chemie der Scherben –
Innenansichten einer bedeutenden Fundklasse
49 Auf Stein gebaut – Geowissenschaftliche
Titelthema
Untersuchungen in der Hauptstadt der Hethiter

Die Vermessung
53 Das Alter der Bäume –
Dendrochronologie in Kultur- und Wirtschaftsgeschichte
57 Geschichte einer Wüste –

des Altertums 62
Pflanzen der Sahara und ihre archäobotanische Erforschung
Vom Ursprung der europäischen Nutztiere –
Mit klassischer Archäozoologie und Genanalysen
Naturwissenschaften in der Archäologie
auf der Spur der ersten Zuchtformen
64 Das Kind in der Schale – Ein Menschenleben
im Spiegel der Prähistorischen Anthropologie

68 Im Porträt

72
Susanne Sievers & Kerstin P. Hofmann

Alltag Archäologie
72 alltag archäologie
nahaufnahme Nahaufnahme – Lebenswirklichkeit einer altägyptischen Stadt
Lebenswirklichkeit einer
altägyptischen Stadt 80 Standort
Weltweit – Die Kommission für Archäologie

82
Panorama Außereuropäischer Kulturen (KAAK)

das manuskript 82 Panorama


Die abenteuerlichen Wege Das Manuskript –
eines Reiseberichts Die abenteuerlichen Wege eines Reiseberichts

88 Impressum

02 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 03


nachrichten
nachrichten

Abb.: Dinies Foto: Schachner

Naturwissenschaften in
der Archäologie
Das ArchäometrieNetzwerk Berlin-Brandenburg

Naturwissenschaften und Archäologie sind bereits vor geraumer sen lassen sich Aussagen über die Herkunft des Tons gewinnen, schung und -prüfung, das Helmholtz-Zentrum Berlin,
Zeit eine enge Verbindung eingegangen. Im Jahr 2015 entstand mit dem Keramik hergestellt wurde. Handelte es sich bei Funden das Leibniz-Zentrum für Zoo- und Wildtierforschung,
auf Initiative des Berliner Antike-Kollegs das „ArchäometrieNetz- um einheimische Ware oder war sie importiert? das Naturkundemuseum Berlin, das Deutsche Geo-
werk Berlin-Brandenburg“, um die Zusammenarbeit auf institu- Anthropologie, Archäozoologie und Archäobotanik untersuchen ForschungsZentrum Potsdam sowie einschlägig tätige
tioneller Ebene zu vertiefen. Das Netzwerk ist ein Verbund von die Antike nah am Menschen. Menschliche Knochen geben Unternehmen.
über 20 archäometrisch arbeitenden Einrichtungen in der Wissen- Aufschluss über Lebensweise, Ernährungsstatus und mögliche
schaftsregion Berlin/Brandenburg. Erkrankungen, Isotopenanalysen können Wanderungsbewegun- „Die Wissenschaftsregion Berlin-Brandenburg bietet mit
gen nachzeichnen, Überreste verschiedener Tierarten geben Auf- ihrer hohen Dichte an Forschungseinrichtungen und
Die Untersuchungsmethoden der Archäometrie stammen aus schluss über die Wirtschaftsweise und frühe Domestizierung und vielfältigen Forschungsschwerpunkten ein herausra-
den Disziplinen Chemie, Physik, Mineralogie, Werkstoffkunde, Me- Weiterzucht von Tieren. Die Untersuchung von Pflanzenresten gendes Umfeld für die Entwicklung neuer Ideen“, sagt
dizin und Biowissenschaften. Damit erweitern sie das Forschungs- und Pollen dient der Rekonstruktion antiker Vegetation, sei es der der Netzwerk-Koordinator Prof. Dr. Norbert Benecke,
spektrum der Archäologie ganz erheblich. Altersbestimmungen natürlichen Vegetation oder der Kultivierung von Nutzpflanzen. Leiter des Referats Naturwissenschaften am Deutschen
können auf eine sicherere Basis gestellt werden. Mit Hilfe der Analyse alter DNA können zum Beispiel Verwandt- Archäologischen Institut (DAI).
schaftsverhältnisse innerhalb von Gräberfeldern festgestellt
Die Untersuchung von Materialien – zum Beispiel Gesteine, Me- werden. Unverzichtbar sind archäometrische Methoden bei der
talle, Keramik, botanische Makroreste und Pollen, Überreste von Rekonstruktion antiker Landschaften und darüber hinaus bei der
Menschen und Tieren – kann Fragen über Herkunft, Verbreitung, Modellierung klimatischer Bedingungen im Altertum. Weitere Informationen zum Netzwerk sowie ein um-
Innovationsgeschichte, Handelswege oder auch politische Bezie- fangreiches Glossar zum Arbeitsspektrum der Archäo-
hungen früher Kulturen offenbaren. Zu den Mitgliedern des Netzwerks gehören neben den Universi- metrie finden sich auf der Website des Netzwerks.
Antike Metallurgie ist einer der Schwerpunkte der Archäometrie. täten und Hochschulen verschiedene Museen und Forschungs- http://archaeometrie.berliner-antike-kolleg.org/
So kann zum Beispiel die Massenspektrometrie das für bestimmte einrichtungen wie das Deutsche Archäologische Institut, das
Abbaustellen spezifische Isotopenverhältnis der Metalle identifi- Rathgen-Forschungslabor, die Staatlichen Museen zu Berlin
zieren. Mit chemischen Analysen und Röntgenfluoreszenzanaly- – Preußischer Kulturbesitz, die Bundesanstalt für Materialfor- Foto: Gresky

04 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 05


nachrichten
Vietnamesisches Weltkulturerbe:
Die Cham-Tempel von My Son
Foto: Reinecke

Kurator Michael Kunst führt Besucher durch die Ausstellung.


In der Bildmitte links eine Rekonstruktion der Tholos de Barro,
eines kupferzeitlichen Grabes mit einem Kraggewölbe.

Blick in den Eingang der Ausstellung Chefkurator Andreas Reinecke


„Histórias do Zambujal“ (l.) begutachtet eine Bronzesitula der Dong
Landschaftsrekonstruktion von Die Ha Long-Bucht in Vietnam. Son-Kultur im nordvietnamesischen Hung
Zambujal (r.) Fotos: Latova Foto: Reinecke Vuong-Museum, ein Partnermuseum der
Ausstellung Foto: Mühlenbrock

Histórias do Zambujal Aus dem Land des aufsteigenden Drachen


Eine Ausstellung über ein halbes Jahrhundert Forschung in Portugal Archäologische Schätze aus Vietnam erstmalig in Deutschland

Seit 50 Jahren arbeitet das Deutsche Archäologische Institut (DAI) Den Gräbern wiederum ist ein spezieller atmosphärisch verdich- Vietnam, eine aufstrebende Wirtschaftsmacht in Südostasien und Kulturen des DAI. „Seit dem Ende der 1950er-Jahre wird das his-
in der kupferzeitlichen Siedlung Zambujal nördlich von Lissa- teter Bereich gewidmet. Hier werden die Besucher in einen dunk- neu entdecktes Traumziel für Ferntouristen, ist für die meisten torische Erbe des Landes von Vietnamesen und internationalen
bon. Dabei erstreckt sich der Untersuchungszeitraum vom Ende len Raum geleitet, in dem das Licht nur aus den Vitrinen kommt. noch immer Terra incognita, insbesondere, wenn es um die Jahr- Partnern archäologisch erforscht. Aber von den großen wissen-
der letzten Eiszeit bis in die heutige Zeit. Ganz in der Nähe von Zwei Modelle stellen verschiedene Grabtypen dar: eine Tholos tausende alte faszinierende Kultur und wechselvolle Geschichte schaftlichen Erfolgen der letzten Jahrzehnte wurde, natürlich
Zambujal liegt das Museu Municipal Leonel Trindade, in dem die (Rundbau) und ein Grab unter einem Felsdach, möglicherweise des Landes zwischen Mekong und Rotem Fluss geht. auch wegen der Sprachbarriere, außerhalb Vietnams bislang nur
Ausstellung über diese fünf Jahrzehnte archäologischer Arbeit ein Hypogäum (ein in den Fels hinein getriebener Grabbau), das Nun zeigt die Ausstellung „Schätze der Archäologie Vietnams“ wenig wahrgenommen.“
und ihre Ergebnisse zu sehen ist. Ihr Titel: „Histórias do Zambujal. von einer amerikanischen Forscherguppe der Universität Iowa un- erstmalig hierzulande noch nie gesehene archäologische Funde. Das moderne Vietnam richtet sein Augenmerk verstärkt auf die ei-
50 Anos do Instituto Arqueológico Alemão em Torres Vedras“ ter Leitung von Katina Lillios ausgegraben wurde. Unter wissenschaftlicher Federführung des Deutschen Archäo- gene Geschichte und Archäologie. Der Blick in die Vergangenheit
(„Zambujal-Geschichten. 50 Jahre des Deutschen Archäologischen logischen Instituts wurde die Ausstellung am 6. Oktober 2016 ist richtungweisend für die Standortbestimmung in der Gegen-
Instituts in Torres Vedras“). Im Eingangsbereich zum Museum wird die Entwicklung des im LWL-Museum für Archäologie, Westfälisches Landesmuseum wart und die Gestaltung der Zukunft. „Deutsche und vietname-
Sizandro-Tals im größeren europäischen und mediterranen Kon- Herne eröffnet. Anschließend wird sie im Staatlichen Museum für sische Archäologen arbeiten seit nunmehr 50 Jahren zusammen.
Die „Histórias“ erzählen die Geschichte von Zambujal selbst, ei- text gezeigt, wobei die Besucher die naturräumliche Entwicklung Archäologie Chemnitz und den Reiss-Engelhorn-Museen Mann- Viele international beachtete Entdeckungen konnten während
nes Ortes, der im 3. und 2. Jahrtausend v. Chr. etwa 1000 Jahre anhand von Landschaftsrekonstruktionen sowie der holozänen heim zu sehen sein. Die Ausstellung zeigt die Entdeckungen der dieser Grabungen gemacht werden“, sagt Reinecke. Partner auf
lang besiedelt war, die Forschungsgeschichte dieses Platzes und Klimakurve erschließen können. Kulturell, politisch und technisch vietnamesischen Archäologie der vergangenen 50 Jahre erstma- vietnamesischer Seit sind das Ministerium für Kultur, Sport und
seiner Umgebung, sowie die Geschichte des Sizandro-Tal, wo in- war das 4. Jahrtausend v. Chr. von zahlreichen Innovationen ge- lig in einer Gesamtschau. Tourismus der Sozialistischen Republik Vietnam sowie das Natio-
terdisziplinäre Arbeiten in Zusammenarbeit mit dem Institut für prägt, die möglicherweise mit Klimaveränderungen einhergin- nalmuseum für Geschichte Vietnams, das Zentrum für die Erhal-
Bodenkunde und dem Seminar für Vorgeschichte der Johann gen. In dieser Zeit entstanden unter anderem neue Waffen wie die 2010 wurde die Zitadelle von Thang Long in Hanoi in die Liste des tung der alten Zitadelle von Hanoi sowie das Museum der Stadt
Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main die Entwicklung flächenretuschierte Pfeilspitze und vor allem der Reflexbogen, „Weltkulturerbes der UNESCO“ aufgenommen. Die erstaunlichen Hanoi und das Institut für Archäologie Vietnams.
einer ehemaligen Meeresbucht untersuchten. Diese Untersu- der schließlich in der Mitte des 3. Jahrtausends eine große Rolle in Grabungsfunde kaiserlicher Prachtbauten sind der Höhepunkt
chungen wurden in einem großen Landschaftsrekonstruktions- der Entwicklung des Glockenbecher-Phänomens mit der Heraus- der Ausstellung, die von den Museen und vom Deutschen Ar- Schirmherren der Ausstellung sind Bundesaußenminister
bild festgehalten. Gezeigt werden die Hinterlassenschaften aus bildung einer Krieger-Ideologie spielt. „Neuere wissenschaftliche chäologischen Institut (DAI) mit seinen Partnern in Vietnam und Dr. Frank-Walter Steinmeier und der Minister für Kultur, Sport
dem Mesolithikum, dem Neolithikum sowie aus der Kupfer- und Ergebnisse legen nahe, dass diese Entwicklung möglicherweise Deutschland vorbereitet wurde. 2001 waren Bauarbeiter in Hanoi und Tourismus Vietnams, Nguyễn Ngọc Thiện. Ein Buch über eine
Bronzezeit, wobei die kupferzeitlichen Funde überwiegen. „Mög- von der Region ausging, die heute die portugiesische Estremadu- zufällig auf bislang unbekannte Reste der Zitadelle gestoßen. vorbereitende internationale Konferenz zur großen Archäologie-
licherweise lag das an der Lage der Siedlungen. Die neolithischen ra ist“, erklärt Kunst. Die Forschnungen des DAI in Zambujal spie- Archäologen, die seit 2002 systematische Arbeiten in der Zitadel- Schau in Deutschland ist bereits erschienen.
lagen in der Nähe der Flüsse, heute unter etwa 5 Meter Sediment len in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. le durchführen, entdecken seitdem reiche Funde hochwertiger
vergraben, die kupferzeitlichen dagegen auf den Anhöhen“, sagt Metall- und Keramikarbeiten, Holz- und Steinplastiken, Waffen 7. Oktober 2016 bis 26. Februar 2017
Ausstellungskurator Dr. Michael Kunst von der Abteilung Madrid „Histórias do Zambujal. 50 Anos do Instituto und Gegenstände des täglichen Lebens. LWL-Museum für Archäologie,
des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). „Es könnte aber Arqueológico Alemão em Torres Vedras“ „Vietnam bietet für Archäologen ein ungeheuer spannendes Be- Westfälisches Landesmuseum Herne.
auch demographische Veränderungen gegeben haben.“ Typisch Ort: „Museu Municipal Leonel Trindade“ in Torres Vedras  tätigungsfeld, weil die frühe Kulturgeschichte noch längst nicht Anschließend:
für Kuperzeitfunde sind flächenretuschierte Pfeilspitzen, die an (Distrikt Lissabon, Portugal) so detailliert erforscht ist wie in vielen anderen Regionen“, sagt 31.3. bis 20.8.17: Staatliches Museum für Archäologie Chemnitz
vielen verschiedenen Orten innerhalb der Siedlungen, aber auch Zeit: Noch bis 31. Dezember 2017 Andreas Reinecke, Chefkurator der Ausstellung und Südostasien- 16.9.17 bis 7.1.18: Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim
in den Gräbern gefunden wurden. www.dainst.org/standort/madrid Referent an der Kommission für Archäologie Außereuropäischer www.vietnam-ausstellung.de

06 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 07


Der „GroSSe Tempel“ von Yeha zählt
mit seinen südarabischen Bauformen
zu den bedeutendsten vorchristlichen

nachrichten
Monumentalbauten Ostafrikas.
Foto: Wagner

Neue Kooperation des DAI Rom mit Universitäten aus


acht europäischen Ländern im Rahmen des europäischen
Masterstudienganges EMCC unterzeichnet.
V.l.n.r.: Prof. Dr. Peter Funke (Alte Geschichte, Münster),
Kulturkontakte Prof. Dr. Ortwin Dally, Erster Direktor der Abteilung Rom des DAI,
Prof. Dr. Ralf von den Hoff, Klassische Archäologie, Universität
DFG bewilligt Langfristprojekt zu Yeha Freiburg, PD Dr. Sabine Panzram (Alte Geschichte, Universität
Hamburg) Foto: Namiota

Überregionale Verbindungen zwischen Südarabien und dem


nördlichen Horn von Afrika lassen sich bereits seit dem 6. Jahr-
tausend v. Chr. und zunehmend im frühen 1. Jahrtausend v. Chr. European Master in
nachweisen. Gerade diese späteren Kontakte stehen im Mittel-
punkt eines Vorhabens der Außenstelle Sana’a (Orient-Abteilung Classical Cultures
des Deutschen Archäologischen Instituts) unter der Leitung
von Dr. Iris Gerlach. Das Projekt wird in Kooperation mit Prof. Dr. DAI Rom beteiligt sich an Studiengang
Norbert Nebes, Lehrstuhl für Semitische Philologie und Islamwis-
senschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena, durchgeführt. Seit dem Wintersemster 2009/10 wird der internationale Studi-
Seit 2009 gehen die Wissenschaftler in Yeha der Frage nach Grün- engang in den Altertumswissenschaften, der „European Master
den und Mechanismen der kulturellen Interaktionen zwischen in Classical Cultures“ angeboten. Er ist als interdisziplinärer Studi-
den südarabischen und ostafrikanischen Kulturen beiderseits des engang ausgelegt und wird von elf Universitäten in acht europäi-
Roten Meeres nach. Ferner untersuchen sie das Ausmaß südarabi- schen Ländern getragen. Inzwischen ist er hoch renommiert und
schen Einflusses auf das nördliche Horn von Afrika. Bedeutendes stark nachgefragt. Sein Curriculum beinhaltet als Kerndisziplinen
Zeugnis dieser Kontakte sind in Yeha der „Große Tempel“ sowie ein Alte Geschichte, Klassische Philologie und Klassische Archäologie.
palastartiger Monumentalbau, die in einer äthiopisch-deutschen Neben exzellenter Lehre stehen aber auch Praktika auf dem Pro-
Kooperation untersucht und restauriert werden. gramm, die den Studierenden die Möglichkeit bieten, praktische
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat nun das Langfrist- und praxisrelevante Erfahrungen zu sammeln. Diese Praktika wer-
projekt „Kulturelle Kontakte zwischen Südarabien und Äthiopien: den in der Regel an altertumswissenschaftlichen Forschungsein-
Rekonstruktion des antiken Kulturraums von Yeha (Tigray/Äthio- richtungen durchgeführt, zum Beispiel am Deutschen Archäolo-
pien)“ für einen Zeitraum von 12 Jahren bewilligt. gischen Institut in Rom.
Das Vorhaben vertieft die Untersuchungen des DAI zu den kul- Ausgehend von den Forschungsvorhaben der Abteilung können
turellen Kontakten zwischen den im frühen 1. Jahrtausend v. Chr. sich Studierende hier in die Altertumswissenschaften und die Ar-
aus Südarabien eingewanderten Sabäern und der in der Region chäologie Italiens vertiefen und langfristig dazu beitragen, den
Tigray ansässigen Bevölkerung. Den geographischen Schwer- deutsch-italienischen wissenschaftlichen Austausch auch zukünf-
punkt bildet der Fundplatz Yeha, der aufgrund seiner Monumen- tig auf eine nachhaltige Basis zu stellen.
talarchitektur und schriftlichen Zeugnisse als politisches und re- Die beteiligten Universitäten sind die Università degli Studi di
ligiöses Zentrum dieser kulturhistorisch bedeutendsten und nur
ansatzweise erforschten Region am nördlichen Horn von Afrika
gilt. Aufbauend auf den bisher bekannten archäologischen und
Palermo, die Università degli Studi di Perugia und die Università
degli Studi Roma Tre in Italien, auf deutscher Seite die Universi-
tät Hamburg, die Westfälische Wilhelms-Universität Münster und
ein Gewirr
epigraphischen Hinterlassenschaften und den zu erwartenden
Ergebnissen in Yeha und Umgebung sollen die Entstehung und
der Wandel dieses Kulturraums analysiert und mögliche Traditi-
die Universität Frei-
burg. Außerdem sind
auch Universitäten in
von notizen ...
onslinien bis in die aksumitische Zeit aufgezeigt werden. Eine Re- Frankreich, Griechen-
konstruktion der Paläoumwelt, der Klimageschichte und der Art land, Österreich, Polen
der Ressourcennutzung hat ebenfalls einen bedeutenden Platz und in der Türkei am
im Forschungskonzept. Studiengang beteiligt.
Während die archäologische Aufarbeitung am DAI Berlin koordi-
niert und durchgeführt wird, erfolgt die Auswertung der epigra-
phischen Dokumente und die darauf aufbauenden Untersuchun-
gen an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.
Das Gebäude der Abteilung in Rom.
Foto: Behrens

08 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 09


nachrichten
Foto: Public domain/ Magnus Bäck

Kulturerhalt
DAI und Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik

Das Deutsche Archäologische Institut ist eine Forschungseinrich- Auch zahlreiche Vorhaben des DAI wurden im Rahmen des Pro-
tung im Geschäftsbereich des Auswärtigen Amtes und als solches gramms gefördert wie zum Beispiel die Erforschung, Restaurie-
eine starke Komponente der Auswärtigen Kultur- und Bildungs- rung und öffentliche Präsentation der „Großen Halle“, eines monu-
politik der Bundesrepublik Deutschland. Im Juli 2016 wechselte mentalen Tempels in der altmongolischen Hauptstadt Karakorum.
die Zuständigkeit für das DAI in den neu gegründeten Arbeitsstab Der Aus- und Weiterbildung lokaler Fachkräfte auf dem Feld der
Kulturerhalt des Auswärtigen Amtes. Statuenrestaurierung und -sockelung dient die Zusammenarbeit
des DAI mit dem Archäologischen Nationalmuseum von Cher-
„Die Einrichtung des Stabes mit der alleinigen Zuständigkeit für chell in Algerien.
das DAI unterstreicht einmal mehr die Bedeutung des DAI für
das Auswärtige Amt“, erklärt Ronald Münch, Leiter des neuen Ar- Ein prominentes Fördervorhaben des Kulturerhalt-Programms
beitsstabes. Die wissenschaftliche Exzellenz des DAI, seine inter- des Auswärtigen Amts ist, gemeinsam mit der Gerda Henkel Stif-
nationale Vernetzung und die langjährigen Kenntnisse der Gast- tung, die Beteiligung an einem internationalen Projekt zur Restau-
länder, die das DAI im Laufe seiner Geschichte erworben habe, rierung und Erforschung der Handschriften von Timbuktu, einer
seien eine wertvolle Grundlage guter internationaler Zusammen- unschätzbar wertvollen Sammlung schriftlicher Zeugnisse der
arbeit. Wichtig ist auch die Rolle des DAI beim Thema Kulturerhalt, westafrikanischen literarischen Tradition und Kulturgeschichte.
betont Münch. „Vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse in Die Manuskripte konnten im Frühjahr 2013 vor der drohenden Fotos: DAI Rom
Syrien, im Irak und in anderen Ländern des Nahen Ostens und Af- Vernichtung durch islamistische Rebellen in Sicherheit gebracht
rikas ist die Aufmerksamkeit im Deutschen Bundestag sehr hoch. werden. Inzwischen wurden die Arbeiten zur Archivierung, Kata-
Umso wichtiger ist die enge Zusammenarbeit zwischen dem AA logisierung aufgenommen, durch Digitalisierung sollen die wert-
und dem DAI beim Thema Kulturerhalt.“ vollen Manuskripte international zugänglich gemacht werden.
Betreut wird das Kulturerhalt-Programm innerhalb des Arbeitssta- … mit systematik scheint das nichts zu tun zu haben.
Erste Konkretisierungen der neu gesetzten Schwerpunkte sind bes von Renate Reichardt. „Es geht bei den gemeinsamen Projek-
gemeinsame Initiativen wie die Gründung des Expertennetz- ten mit unseren Partnern um die Förderung des Wissenstransfers
werks „Archaeological Heritage Network“ im Mai 2016 und der und des partnerschaftlichen Kulturdialogs“, erklärt Reichardt die Tatsächlich ist es ein Ausschnitt aus dem betraut. Das Verzeichnis erhielt die damals übliche Form
Start des Projekts „Stunde Null. Eine Zukunft für die Zeit nach der Intention des Programms. „Im Arbeitsstab sind darüber hinaus ersten systematischen Katalog des Deut- eines Foliobandes mit ursprünglich 143 Blättern, also 268
Krise“ als erstes Vorhaben des Netzwerks (s. a. Archäologie Welt- Frau Annette Scheulen und Herr Helmut Domas tätig sowie Frau schen Archäologischen Instituts. Bis Seiten, in welchen die Titel anhand einer sachlichen Syste-
weit 1-2016, S. 4). Sonja Lührs im Sekretariat und Frau Barbara Heske in der Regis- 1836 war die Sammlung des Instituto matik eingetragen wurden – wie auf der hier abgebildeten
tratur.“ di Corrispondenza Archeologica, aus Seite die Literatur zu bestimmten Orten. Der Katalog wur-
Die neuen Initiativen korrespondieren mit dem Kulturerhalt- dem das DAI hervorging, auf über de noch bis in die 1960er-Jahre hinein benutzt.
Programm des Auswärtigen Amtes, das bereits 1981 ins Leben ge- 1000 Titel angewachsen. Emil Braun,
rufen wurde und im Arbeitsstab koordiniert wird. Seither wurden Philologe und Archäologe, angestellt Mehr über Emil Braun und seinen systematischen
mehr als 2750 Projekte in 144 Ländern mit insgesamt fast 70 Milli- als Unterarchivar und Bibliothekar, Katalog in unserer Rubrik „Das Objekt“, S. 36
onen Euro gefördert. Ziel des Programms ist, kulturelle Vielfalt zu wurde mit der Anlage eines Katalogs
schützen und zu bewahren.

10 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 11


fokus
fokus

H eute sind naturwissenschaftliche


Methoden in der modernen Archäo-
logie ein selbstverständlicher Teil der
Forschung. Ihre Implementierung in
die Altertumswissenschaften war ein
kontinuierlicher Prozess über viele
Jahre, der bereits im 19. Jahrhundert
einsetzte und mitunter kontrovers
diskutiert wurde. Auch in der DDR
waren die Naturwissenschaften schon
früh in die archäologische Forschung
integriert und bildeten zumal in der
Ur- und Frühgeschichte einen festen
Bestandteil.

zusammenführungen Über die Herausforderungen dieser ereignisreichen Zeit sprachen im


August 2016 Prof. Dr. SC. Bruno Krüger, ehemaliger Leiter des
Referats Ur- und Frühgeschichte am ZIAGA und
Die Institutionalisierung der Naturwissenschaften am DAI Prof. Dr. Helmut Kyrieleis, zur Zeit der Zusammenführung
Präsident des DAI. Der Generalsekretär des DAI,
Dr. Philipp von Rummel moderierte das Gespräch.

Fotos: Niemeyer

12 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 13


Die Forschung der DDR war im Wesentlichen in
der Akademie der Wissenschaften mit ihren 26.000 Prof. Dr. sc. Bruno Krüger
wurde 1960 mit einer Arbeit zum Thema
Prof. Dr. Helmut Kyrieleis
wurde 1965 in Marburg mit einer
Beschäftigten, davon 15.000 Akademiker, zusammen- „Der Beitrag der Archäologie zur Alters- Arbeit „Throne und Klinen. Studien zur

fokus
bestimmung und Wesensdeutung der Formgeschichte altorientalischer und
gefasst. Den Universitäten kam vor allem die Aufgabe Kietzsiedlungen im nördlichen Mitteleu- griechischer Sitz- und Liegemöbel
zu, den wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden. ropa“ promoviert. 1968 wurde er Lehrbe-
auftragter für Ur- und Frühgeschichte an der Humboldt-Universität
vorhellenistischer Zeit“ promoviert
und habilitierte sich 1972 über „Bildnisse der Ptolemäer“ an der
So war auch das Zentralinstitut für Alte Geschichte zu Berlin und war seit 1969 Leiter der Abteilung Germanenforschung Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Dort wurde er
am ZIAGA. Die Promotion B erfolgte 1971 mit einer Arbeit zum Thema 1974 zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Zwischen 1972
und Archäologie (ZIAGA) mit den Instituten für „Der Zoberberg in Dessau-Mosigkau“. 1975 wurde Krüger Professor an und 1974 war Kyrieleis Erster Direktor (Generalsekretär) an der
der Akademie und Redakteur der Zeitschrift für Archäologie, von 1977 Zentrale des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). Von 1975
Vor- und Frühgeschichte, für Orientforschung und bis 1989 leitete er den Wissenschaftsbereich Ur- und Frühgeschichte bis 1988 leitete er die Abteilung Athen des Instituts. Von 1988 bis
für Griechisch-Römische Altertumskunde an der des ZIAGA und gehörte zum Schluss der Institutsleitung an. 2003 war er Präsident des DAI.

Akademie angesiedelt.

Der Fall der Berliner Mauer führte ZIAGA und DAI zusammen. „Die Methoden der Archäologie werden Der bürokratische Aufwand der Zusammenführung war enorm. Es Die Zusammenarbeit zwischen Natur- und Geistes- oder Kultur-
Grundlage war eine Empfehlung des Wissenschaftsrats, der die von der Aufgabe vorgegeben“, beant- mussten komplizierte Fragen zur Einrichtung neuer Positionen in wissenschaften ist nach wie vor ein viel – auch häufig noch kon-
Mehrzahl der außeruniversitären Einrichtungen der DDR begut- wortet Bruno Krüger die Frage nach den Stellenplänen geklärt werden. Die Finanzierung musste ver- trovers – diskutiertes Thema. Wie gestaltet man am besten die
achtet hatte. Die Herausforderung lag zum einen in der Zusam- der Bedeutung der Naturwissenschaf- handelt und schließlich sichergestellt sein. Daher waren außer der Zusammenarbeit der beiden Fächerkulturen?
menführung zweier Wissenschaftssysteme, die sich nach dem ten, die im Bereich Ur- und Frühge- für das DAI zuständigen Abteilung Kultur und Kommunikation im
Zweiten Weltkrieg getrennt voneinander entwickelt hatten, zum schichte des ZIAGA angesiedelt waren. Auswärtigen Amt auch der Haushaltsausschuss des Deutschen „Für uns war es wichtig, die Fachleute und die Verfahren direkt ans
anderen in der Bewältigung immenser bürokratischer Notwen- „Wir studierten vor allem die Geschichte der Menschen in ihren Bundestags und das Bundesfinanzministerium beteiligt. Institut zu holen“, sagt Bruno Krüger. „So war immer gewährleis-
digkeiten, bis eine Basis für eine Eingliederung von Teilen des Siedlungen, also in ihren alltäglichen Lebensumständen. Eines tet, dass die Untersuchungsergebnisse von den Angehörigen aller
ZIAGA ins DAI und eine Übernahme zumindest eines Teils der Be- unserer übergeordneten Ziele war es herauszufinden, wann sich „Die Akademie der Wissenschaften der DDR aufzulösen, war eine Fächer direkt vor Ort kritisch diskutiert werden konnten. Denn es
schäftigten geschaffen war. der Übergang von Verwandtschaftsgruppen zu territorialen Ver- Mammutaufgabe“, erinnert sich Bruno Krüger. „Wir fragten uns ist äußerst schwierig, isoliert gefundene Ergebnisse, die womög-
bänden ereignete. Da wir als Prähistoriker nur bedingt auf schrift- natürlich, was mit den Beschäftigten, ihrem Wissen und ihren lich ohne den Gesamtkontext der Forschung ermittelt wurden,
liche Quellen zurückgreifen können, müssen wir uns auch anderer Kompetenzen geschehen würde. In der damals unübersichtlichen sinnvoll ins Ganze einzufügen.“
Über die Herausforderungen dieser ereignisreichen Zeit spra- Quellen bedienen, zum Beispiel der Ergebnisse der Paläoanthro- Situation war es schwierig auszumachen, wie Verhandlungen
chen im August 2016 Prof. Dr. Bruno Krüger, ehemaliger Leiter pologie, die fundierte Aussagen über die Lebensweise der frühen über die Zusammenführung der Institutionen am besten geführt „Es ist immer auch eine Frage der Res-
des Referats Ur- und Frühgeschichte am ZIAGA und Prof. Dr. Hel- Menschen machen konnte. Ein anderer Schwerpunkt unserer For- werden konnten. sourcen, Naturwissenschaften mit den
mut Kyrieleis, zur Zeit der Zusammenführung Präsident des DAI. schung war die Einwanderung der Slawen. Welche Lebensweise entsprechenden Fachwissenschaftlern
Dr. Philipp von Rummel moderierte das Gespräch. brachten sie mit, wie bauten sie ihre Burgen? Die Dendrochrono- „Am Ende bewilligte der Haushaltsausschuss des Bundestages 27 und der nötigen Ausrüstung an einem
logie konnte klären, wann welche Hölzer verbaut wurden, Zoolo- Stellen, leider nicht alle 42, die das ZIAGA damals hatte,“ bedauert Institut anzusiedeln“, sagt Helmut
gie und Botanik – und hier besonders die Pollenanalyse – gaben Kyrieleis. „Aber alles in allem verlief der Prozess besser, als man Kyrieleis. „Aber insgesamt sind die
Aufschluss über Tier- und Pflanzennutzung – am Ende stellte sich erwarten durfte. Dabei war das Argument, die Naturwissenschaf- Naturwissenschaften heute ein selbst-
heraus, dass die Slawen doch zu einem größeren Anteil Ackerbau- ten systematisch in die Forschungsarbeit des DAI einzubinden, ein verständlicher Teil der Altertumswis-
ern und Viehzüchter waren als zuvor gedacht. Entsprechend der starkes Zugpferd, wenngleich nicht alle übernommenen Kollegen senschaften. Auch in der Klassischen
Bedeutung für unsere Forschung waren Anfang der 70er-Jahre 13 Naturwissenschaftler waren. In der Zentraldirektion des DAI gab Archäologie sind sie ein wichtiges Korrektiv. Für das DAI als Ins-
unserer 39 Mitarbeiter Naturwissenschaftler.“ es zunächst unterschiedliche Vorstellungen von der Verteilung titution ist es ein Glück, dass am ZIAGA die naturwissenschaftli-
der übernommenen Kollegen und Einrichtungen auf einzelne chen Fächer so kompetent zusammengeführt waren und dass sie
„Am Deutschen Archäologischen Institut wurden gelegentlich Abteilungen des DAI. Doch insgesamt hat sich dieser Zuwachs an schließlich hier am Institut angesiedelt werden konnten.“
naturwissenschaftliche Ergebnisse in die Forschung einbezogen“, Wissenschaftlern, Einrichtungen und Methoden für unser Institut
erinnert sich Helmut Kyrieleis. „Aber insgesamt spielten diese als ausgesprochene Erfolgsgeschichte entwickelt. In einem hat-
Fächer keine besondere Rolle in den Klassischen Altertumswissen- ten wir uns allerdings getäuscht.“
Dr. Philipp von Rummel schaften. Die Zentraldirektion des DAI bestand im Wesentlichen
ist Generalsekretär des Deutschen aus Vertretern der Klassischen Archäologie, die ja anders als die „Die Kollegen dachten, wir sprächen alle perfekt Russisch“, erzählt
Archäologischen Instituts Ur- und Frühgeschichte eine Vielzahl von Datierungsmöglichkei- Bruno Krüger. „Wir haben immer hervorragend mit den Aka- Für das Jahr 2017 plant das Deutsche Archäologische
Foto: Kuckertz ten hat. So war der Bedarf an möglichen naturwissenschaftlichen demien in Warschau und Prag zusammengearbeitet, wo die Kol- Institut eine Tagung, welche die historische Phase der Zu-
Ergebnissen zunächst gering. Es gab damals auch keine Debatte legen in der Regel Deutsch sprachen. Aber mit der Akademie in sammenführung der Institutionen in allen Bezügen thema-
über das Für und Wider der Naturwissenschaften in den Klassi- Moskau hatten wir nur sporadisch zu tun, und ein tiefergehender tisieren soll. Auf der Grundlage der Tagungsergebnisse wird
schen Altertumswissenschaften. Das sollte sich allerdings ändern, wissenschaftlicher Austausch fand nur gelegentlich statt.“ darüber hinaus eine Publikation erscheinen.
als im Zuge der deutschen Wiedervereinigung die Eingliederung
des ZIAGA mit seinen starken Naturwissenschaften ins DAI eine
realistische Option wurde. Für das DAI war es zugleich eine gro- Fotos: Niemeyer
ße Chance, den längst überfälligen Modernisierungsschub in die
Wege zu leiten.“

14 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 15


Die Prähistorische Anthropologie
kann Alter, Geschlecht, Arbeitsbelastung
und auch Krankheiten an Überresten
menschlicher Knochen erkennen.

Freilegung eines Skeletts in der

fokus
Region Kislovodsk im Nordkaukasus.
Foto: Reinhold

Standort des Referats Naturwissenschaften.


Foto: DAI Zentrale Spuren einer frühen Operationstechnik,
der Trepanation. Foto: Gresky

Das Referat
Naturwissenschaften
an der Zentrale des DAI

In seinem jetzigen Zuschnitt wurde das Referat Naturwissenschaf-


ten 2003 gegründet, Disziplinen sind Archäobotanik, Archäo-zoo- Prähistorische Anthropologie
logie, Dendrochronologie und Prähistorische Anthropologie.
Erste Diagnosegeräte sind Lupe und Maßband.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Referats führen Analy- Doch bevor sie zum Einsatz kommen, wird ein
sen an Menschen-, Tier- und Pflanzenresten aus Siedlungen, Grä- Skelett ausgelegt. Knochen für Knochen muss auf
dem Tisch in die richtige Ordnung gebracht werden, bevor die In der Arbeitsgruppe Prähistorische Anthropologie/Paläopatholo-
bern und von Kultplätzen durch sowie Datierungen und Studien grundlegenden Fragen geklärt werden können: Frau oder Mann? gie werden seit 2008 menschliche Knochen aus archäologischen
zur Klimageschichte an Holzfunden. Das Referat versteht sich Welche Form weist das Becken auf? Welche Maße haben die Lang-
knochen? Wie weit sind die Schädelnähte zusammengewachsen?
Grabungen untersucht. Durch die direkte Einbindung in die neu-
esten Ausgrabungen des Instituts weltweit steht der anthropolo-
zum einen als Service-Einrichtung für die Grabungsaktivitäten Welchen Arbeitsbelastungen war der Mensch ausgesetzt? Die gischen Forschung eine einzigartige Vielfalt an Material zur Verfü-
Prähistorische Anthropologie kann Alter, Geschlecht, Arbeitsbe- gung. Die Untersuchungen umfassen physisch anthropologische,
der Abteilungen und Kommissionen des DAI. Es führt darüber lastung und auch Krankheiten sehr gut am Knochen erkennen. osteologische und besonders paläopathologische Methoden und
hinaus aber auch eigenständige Forschungen zu archäo-naturwis- Nicht nur primäre Knochenerkrankungen wie Deformationen beantworten Fragen unter anderem zu demographischen Ent-
durch schwere Arbeit oder nach Brüchen sind gut zu erkennen, wicklungen, Bestattungssitten oder auch zur Entstehung und Ver-
senschaftlichen Themen durch. Eine Besonderheit des Referats auch Mangelzustände wie Anämie, Skorbut und Rachitis oder Ent- breitung von Erkrankungen. Zur Klärung weiterer Fragen werden
sind die umfangreichen, über Jahrzehnte aufgebauten Vergleichs- zündungen wie Tuberkulose, Lepra und Syphilis sind am Knochen
abzulesen.
die Knochen bei Bedarf außerdem endoskopisch, radiologisch
und mikroskopisch bearbeitet.
sammlungen.

16 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 17


fokus
Jahrtausende alter Emmerweizen aus
einem Keller auf der Nilinsel Elephantine.

Geschichte des
Getreides in Ägypten.
Die Dendrochronologie liest durch präzise Vermessung die Die Archäozoologie untersucht die
Wachstumsbedingungen für einen Baum ab. Durch die Überlagerung Domestikationsprozesse von Tieren.
Anhand der Untersuchung von Pflanzenresten ermittelt die von Ringmustern entsteht eine gemittelte Baumringfolge, die viele So kann man die Fellfarbe von Pferden
Archäobotanik die Vegetationsgeschichte einer Region und Jahrtausende abdecken kann. als Marker für das Einsetzen dieses
die Entwicklung von Kulturpflanzen. Foto und Abbildung: Heußner Prozesses verstehen.
Foto und Abbildung: Neef Foto und Abbildung: Benecke

Labor für Archäobotanik Labor für Dendrochronologie Labor für Archäozoologie

Anhand der Überreste von Pflanzen in unterschiedlicher Form – Das Wichtigste sind die Jahrringe. Durch ihre präzise Vermessung Die Domestikation von Tieren markiert einen revolutionären
seien es winzige Pollen und Sporen oder botanische Makroreste kann man die Wachstumsbedingungen für einen Baum ablesen Schritt in der Menschheitsgeschichte. So geben Tierreste von
wie Samen, Früchte oder Holz – kann die Archäobotanik nicht – gute Jahre ergeben breite Ringe, also ein stärkeres Dickenwachs- Wohn- und Siedlungsplätzen Hinweise auf die Nutzung verschie-
nur die Vegetationsgeschichte einer Region und die Entwicklung tum als schlechte Jahre. Bei Bäumen derselben Art, die zudem dener Tierarten für die Ernährung sowie die Art und Weise der Be-
von Kulturpflanzen ermitteln, sondern auch die Geschichte der aus derselben Region stammen, sind sich die Zuwachsmuster im wirtschaftung tierischer Nahrungsquellen, sei es im Rahmen eines
Menschen in ihrer Umwelt. Die Verbreitung wilder und kultivier- Wechsel der jährlichen Ringbreiten so ähnlich, dass sie jahrgenau Wildbeutertums mit Jagen und Sammeln oder durch die Haltung
ter Pflanzen gibt Aufschluss über Ernährung und Landwirtschaft. untereinander synchronisiert werden können. Durch die Überla- von Haustieren. Wann haben Menschen begonnen, Pferde, Schafe
Funde von Pflanzen, die nicht aus der Region stammen können, gerung der Ringmuster, das ‚crossdating’, entsteht schließlich eine oder Schweine gezielt zu züchten? Knochen-, Zahn- und Geweih-
in der sie gefunden wurden, lassen Schlussfolgerungen auf frühe gemittelte Baumringfolge, die wegen der überlappenden Lebens- geräte bzw. Abfälle ihrer Herstellung vermitteln Einblicke in die
Handelswege zu. In der Pollenanalyse lassen sich zudem Informa- zeiten der Bäume viele Jahrtausende abdecken kann. Das Labor universelle Nutzung tierischer Rohstoffe durch den Menschen.
tionen zur Vegetationsgeschichte und Klimaentwicklung gewin- untersucht Holzreste aus archäologischen Ausgrabungen, aber Andererseits ermöglichen Überreste von Tieren in Gräbern oder
nen. auch Holz, das in historischen Gebäuden verbaut wurde sowie in auf Opferplätzen Einsichten in die Rolle bzw. Stellung von Tieren
Nach der ersten Untersuchung vor Ort werden die Proben im Mooren und Flussschottern eingelagerte Hölzer. Sie liefern wich- im Denken und im Kult vergangener Zeiten. Archäozoologische
Berliner Labor anhand der umfangreichen Vergleichssammlung tige Daten zu Wetter und Klima und damit zur Umweltgeschichte Untersuchungen geben zudem Aufschluss über Siedlungsarten,
mikroskopisch analysiert. Wo die Ausfuhr jeglicher Funde aus an- über weit in die Vergangenheit zurück reichende Zeitabschnitte. Migrationswege und große gesellschaftliche Transformationspro-
tiken Stätten nicht erlaubt ist, bietet der Digitale Pflanzenatlas, ein Daneben bieten Hölzer die Möglichkeit der jahrgenauen Datie- zesse. Für die tierartliche Bestimmung derartiger Materialien ver-
gemeinsames Forschungsprojekt des Archäobotanischen Labors rung von archäologischen Funden und Befunden. Die Holzproben fügt das archäozoologische Labor über Vergleichssammlungen siehe auch
mit der Universität Groningen, einen weltweit gültigen Standard werden auf der Basis von mittlerweile mehr als 100.000 untersuch- von Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Reptilien und Fischen. „Die Vermessung des Altertums“
zur Materialbestimmung in der Archäobotanik. ten Hölzern und mithilfe moderner Rechentechnik begutachtet. Titelthema ab. S. 38
(pflanzenatlas.eu)

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cultural heritage
cultural
heritage

S ie gilt als eines der Meisterwerke


chinesischer Architektur und spiegelte
die Weltsicht der einstigen kaiserli-
chen Herrscher wider – die Verbotene
Stadt. Ihr rechteckiger Grundriss
orientierte sich an der Süd-Nord-
Achse, Vergoldungen und gelb glasier-
te Ziegel auf den Dächern zeigten die
kaiserliche Farbe. Kein Gebäude in
Peking überragte die Verbotene Stadt,
Residenz für 24 Kaiser der Ming- und
Qing-Dynastie.

Palast DES
ANDAUERNDEN GLÜCKS Die Verbotene Stadt in Peking
hat eine Grundfläche von 720.000 Quadratmetern,
150.000 davon sind bebaut. Auf dem Gelände befinden
Chinesisch-deutsche Kooperation bei der behutsamen Restaurierung eines Baudenkmals sich 890 Paläste mit unzähligen Pavillons.
Foto: Wulf-Rheidt

20 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 21


cultural heritage
Die DAI-PräsiDentin Friedrike Fless besucht das Palastmuseum Der deutsche Botschafter in der Volksrepublik China,
in der Verbotenen Stadt. Michael Clauss, macht sich ein Bild von den Arbeiten im Pavillon.
In einer chinesisch-deutschen Kooperation wird ein Foto: Zhou Foto: Zhou
Konzept für die behutsame Sanierung des Lingzhao Xuan oder
„Pavillon im beseelten Teich“ erarbeitet. Foto: Zhou

Kulturerbe in China
Die Verbotene Stadt, darin das weltberühmte Palastmuseum, ist
Am 23. Juni 2015 verabredeten das Deutsche Archäologische Wer nicht ins Museum kommen kann, zu dem kommt das Muse-
mehr als eine Sammlung von Kunstwerken und prächtigen alten Institut und das Palastmuseum in Peking ein Memorandum of um. Fahrbare Ausstellungen und Sammlungen erfreuen sich auf
Gebäuden. Auch das ebenfalls weltberühmte Zeus-Heiligtum von Understanding über eine Kooperation mit dem Ziel, den wis- dem Lande großer Popularität. Besonders Jugendliche sind be-
senschaftlichen Austausch zu vertiefen und eine engere Zusam- geistert von den virtuellen Bildern in den Museums-Lastwagen,
Olympia, ist für die europäische Kulturgeschichte mehr als „nur“ menarbeit im Bereich der archäologischen Bauforschung und der die angefüllt sind mit allerneuester Computertechnik. Auch beim
eines der zahllosen antiken Heiligtümer. Olympia wurde zu einem Palastforschung in die Wege zu leiten. Ziel der Kooperation, die Tag der Offenen Tür im „Deutsch-Chinesischen Jahr für Schü-
im DAI von Ulrike Wulf-Rheidt, Leiterin des Architekturreferats, be- ler- und Jugendaustausch 2016“ am 7. Mai dieses Jahres in der
Meilenstein der Archäologie und historischen Bauforschung, treut wird, ist es, sowohl deutsche als auch chinesische Forsche- Deutschen Botschaft Peking hatte das fahrende Museum einen
aber dadurch angeregt auch zu einem Konzept. Griechenland galt rinnen und Forscher sowie den wissenschaftlichen Nachwuchs in
Methoden der Bauforschung gemeinsam weiter auszubilden und
überzeugenden Auftritt. Das erste Mobile Digitale Museum Chi-
nas war aus der Autonomen Region Innere Mongolei nach Peking
als Wiege der europäischen Kultur, und mit den neuzeitlichen ein Konzept zur Sanierung eines Pavillons in der Verbotenen Stadt gekommen und machte archäologische Entdeckungen erlebbar.
zu entwickeln. In China gibt es etwa 400.000 geschützte ober- und unterirdische
Wettkämpfen wollte man dem verehrten Vorbild nacheifern. Baudenkmäler. Seit Mitte der 90er-Jahre wurden 770 Schwer-
Sowohl die Verbotene Stadt wie auch Olympia gehören zum Seit 2009 die Außenstelle Peking des DAI eingerichtet werden punktobjekte unter Denkmalschutz gestellt, mehr als in den 40
konnte, deren Leitung Mayke Wagner übernahm, wurden die Ko- Jahren davor. Rund 1000 Projekte zur Rettung und zum Schutz
Weltkulturerbe der UNESCO. operationsbeziehungen zu chinesischen Denkmalämtern, Muse- von Denkmälern wurden in Angriff genommen mit dem Ergebnis,
en und Forschungseinrichtungen nachhaltig intensiviert und die dass viele von Zerstörung bedrohte Denkmäler geschützt werden
Zusammenarbeit mit dem Palastmuseum Peking vorbereitet. So konnten. Die gigantischen Herausforderungen in dem riesigen
Doch was haben das Heiligtum von Olympia in Griechenland und ist das DAI international das einzige ausländische Institut, das in Land sind eine gute Basis für die internationale Zusammenarbeit.
ein Palast in der Verbotenen Stadt miteinander zu tun? Sie spre- der Verbotenen Stadt arbeitet.
chen von einer weltweit immer stärker ins Bewusstsein rücken- „Im modernen China spielen der Erhalt des kulturellen Erbes und
den Auffassung von kulturellem Erbe und der Notwendigkeit, es dessen Vermittlung in der Öffentlichkeit eine sehr große Rolle“,
zu schützen und zu bewahren. Ein Gebäude in der Verbotenen erklärt Mayke Wagner einen der Hintergründe für die wachsende
Stadt, der „Pavillon im beseelten Teich“ (Lingzhao Xuan) und das Zusammenarbeit mit den chinesischen Archäologen, die in den
Heiligtum von Olympia waren darüber hinaus im Jahr 2016 Orte letzten Jahren verstärkt den internationalen Dialog suchen. Daher
einer chinesisch-deutschen Kooperation und sind Gegenstand ei- erforscht einer ihrer Mitarbeiter, Patrick Wertmann, die Rolle des
nes deutsch-chinesischen Dialogs. Dabei geht es vor allem um die Kulturerbes zur Stiftung nationaler Identität in China. Eine starke
Dokumentation der Architektur sowie ihre Analyse und Fragen Wirtschaft ermöglichte in jüngster Zeit die Einrichtung zahlreicher
der Restaurierung. neuer Museen, die dazu beitragen sollen, die nationale Identität
der Chinesen historisch zu verankern.

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cultural heritage
Eröffnung der gemeinsamen Summerschool in Peking. Mayke Wagner, Leiterin der Außenstelle Peking des
DAI (vorn, 4. v.r.) und Ulrike Wulf-Rheidt, Leiterin des DAI-Architelturreferats (vorn, 5. v.r.), organisierten und leiteten
Workshops und Seminare. Schirmherr war der Direktor des Palastmuseums Shan Jixiang (mittlere Reihe, 1. v.l.). Für
ihn ist die große neue Restaurierungswerkstatt mit ihren Laboren für viele Arten von Schadensdiagnosen ein Art Vergleich am Bau. Eines der Themen in Workshops und Seminaren war die Bauaufnahme –
„Hospital“ zur Rettung des kulturellen Erbes. Foto: Zhou am „Pavillon im beseelten Teich“ (l.) und am Leonidaion von Olympia (r.). Fotos: Wulf-Rheidt

Die Summerschool

Der „Pavillon im beseelten Teich“ (Lingzhao Xuan) war der Schau- Das Palastmuseum plant seit 2002 die Konservierung und Neu- Für uns alle war es überaus fruchtbar, mit den chinesischen Kolle-
platz für eine gemeinsame Summerschool des DAI-Architektur- präsentation des Gebäudes. Die Verantwortlichen holten Gutach- gen über die Grundbegriffe von Kulturerhalt und Restaurierung
referats, des Fachbereichs Denkmalpflege und Bauforschung der ten ein und die School of Archaeology and Museology der Peking zu diskutieren“, erzählt Ulrike Wulf-Rheidt.
OTH Regensburg und ihrer chinesischen Kollegen. Der Pavillon University erstellte eine Baudokumentation auf der Basis eines
liegt in einem der sechs östlichen Höfe der Verbotenen Stadt auf Laserscans. Der wurde schließlich die Grundlage für die Summer- Wie verhalten sich Ergänzungen und Original zueinander? Sind
dem Areal des „Palasts des Andauernden Glücks“, der ursprünglich school im September 2016. Kopien statthaft, wo das Original nicht zu erhalten ist? Was heißt
ein Aufenthaltsbereich der Kaiserinnen, Konkubinen und Hofda- Authentizität? „Für uns ist das eine großartige Gelegenheit, auch
men war. 1845 wurde er bei einem großen Feuer weitgehend zer- Die Bauforscherinnen und Bauforscher wollen ermitteln, wie weit einmal über unsere eigenen Konzepte und Begriffe im Bereich
stört, 1909 begann man mit dem Neubau des Pavillons, der auch der Bau gediehen war, bevor 1911 die Arbeiten eingestellt wur- Kulturerhalt nachzudenken.“
den Namen „Kristallpalast“ trägt. Der Bau sollte in einem Wasser- den. Durch eine Schadensanalyse soll geklärt werden, inwieweit
becken, in einer Art riesigem Aquarium stehen. Er wurde jedoch der Bau geschädigt ist und ertüchtigt werden muss. Eine wichtige Gedankenaustausch und Wissensvermittlung nahmen ihren An-
in den Turbulenzen der Revolution 1911 unterbrochen und nie Frage ist dabei die Art des denkmalpflegerischen Konzepts für das fang bereits im Frühsommer 2016, als zwei Mitarbeiter des Palast-
vollständig ausgeführt. 1917 wurde der unfertige Bau zusätzlich ungewöhnliche Gebäude: Soll es als interessante Ruine erhalten museums für drei Wochen nach Griechenland reisten. Dort mach-
bei einem Bombenangriff teilweise beschädigt. werden, die etwas über die Umbruchzeiten erzählen kann? Soll es ten sie sich mit der für sie ungewohnten antiken Steinarchitektur
„Das Gebäude ist in Grundriss und Material für die Verbotene Stadt wieder in den unfertigen Zustand von 1911 versetzt werden, oder vertraut ebenso wie mit Methoden der historischen Bauforschung
sehr ungewöhnlich“, erklärt Ulrike Wulf-Rheidt. „Es handelt sich um soll man es in modernen Formen weiterbauen? – vom Handaufmaß bis zur Photogrammetrie. Das Bauwerk der
eine Stein-Eisenkonstruktion mit Gusseisenstützen, Stahlträgern Wahl war das Leonidaion von Olympia, das unter der Leitung von
für Fußboden- und Deckenkonstruktionen und Pavillionaufbau- Auf dem Programm des Workshops standen Methoden der Bau- Claudia Mächler vom Architekturreferat des DAI erforscht und
ten aus Stahlprofilen.“ Die Konstruktionstechniken sind offenbar aufnahme in der historischen Bauforschung. Darüber hinaus dokumentiert wird. Seine Bau- und Nutzungsgeschichte ist eng Der Besuch im Athener Parthenon war einer der Höhepunkt
europäisch beeinflusst. Die Ornamentik und der Bauschmuck zei- vermittelten die Expertinnen und Experten, wie man Materialien mit der Entwicklung des Gesamtheiligtums verknüpft, was ihn des Besuchs der jungen Chinesen an archäologischen Stätten
gen dagegen sowohl chinesische als auch europäische Elemente. erkennt und Schäden erfasst, um so eine behutsame Sanierung für eine bauhistorische Nachuntersuchung besonders interessant Griechenlands. Foto: Xu
Die Fliesen, mit denen der Innenraum ausgestattet war, kommen vorbereiten zu können. Wichtige Aspekte waren zudem die theo- macht.
aus Deutschland, möglicherweise lieferten auch deutsche Archi- retischen Grundlagen der frühen Eisenherstellung und -verarbei-
tekten die Entwürfe. tung, das Erkennen von Schadensbildern besonders im Eisenbau,
vermittelt von Werner Lorenz (mittlere Reihe, 4.v.l.) vom Lehr-
stuhl für Bautechnikgeschichte der BTU Cottbus-Senftenberg,
und schließlich die Diskussion von Konservierungsstrategien.

24 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 25


cultural heritage
Bauaufnahme im Palastmuseum. Internationale Kooperation.
Fotos: Zhou Fotos: Zhou

Botschafter Clauss wünschte sich ein fahrbares Perspektiven


archäologisches Museum auch für Berlin.
Foto: Zhou Die gemeinsame Weiterbildung der Nachwuchswissenschaft-
lerinnen und -wissenschaftler wird begleitet von einer Verabre-
dung über den Austausch zu den in der Archäologie zunehmend
wichtigen naturwissenschaftlichen Verfahren. In einem ersten
Schritt unterstützt das Referat Naturwissenschaften des DAI das
Palastmuseum bei der Einrichtung eines dendrochronologischen
Labors zur Altersbestimmung der verschiedenen Bauphasen der
weitläufigen Palastanlagen.
Für die Zukunft steht die gemeinsame Palastforschung auf dem
Programm. Dann lautet die Frage: Was haben die kaiserlichen
Paläste der Verbotenen Stadt in Peking und die kaiserlichen Paläs-
te auf dem römischen Palatin gemeinsam?

Kooperation
Palastmuseum Peking
Peking Universität
BTU Cottbus-Senftenberg
OTH Regensburg

26 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 27


Aus der Ausstellung
„Jenseits des Horizonts“
des Exzellenzclusters „Topoi“, Freie Universität
Berlin/Humboldt-Universität zu Berlin

standpunkt
www.jenseits-des-horizonts.de/item/061

standpunkt
Design: res d design und architektur, Cologne
Foto: Landwehr

Archäologie im Anthropozän

Die systematische Beobachtung und Er- Was will jedoch die Archäologie in diesen Die Tragweite dieser Prozesse wurde in
forschung der Natur ist kein Phänomen Kooperationen über bzw. von der Antike den vergangenen Jahren zum Beispiel im
unserer Zeit. So war die Beobachtung des lernen? Anthropozän-Projekt im Haus der Kultu-
Raums und der Gestirne in den Kulturen ren der Welt diskutiert, und es wurde auf
der Alten Welt von großer Bedeutung. Hört man den Titel der documenta14 „Von vielfältigen Wegen nach Antworten auf Zugleich wird genau dies auch zur großen sierungen, denen wiederum Weltbilder
Die Kreisgrabenanlagen, die ab ca. 4800 Athen lernen!“, die im nächsten Jahr in diese Veränderungen gesucht. Im Bericht Herausforderung. Letztlich würde man und modellhafte Vorstellungen in den
v. Chr. in Mitteleuropa errichtet wurden, Kassel und Athen eröffnet wird, wird man des Projekts wurde nicht allein konstatiert, eine Kooperation aller Naturwissenschaf- Köpfen der Ausgräber zugrunde lagen.
sind hierfür ebenso ein Zeugnis wie die als Altertumskundler vielleicht zunächst dass die Menschheit mit den herkömmli- ten benötigen, die unsere aktuelle Welt Will man Skelette naturwissenschaftlich
Himmelsscheibe von Nebra aus der Zeit an die Gefallenenrede des Perikles erin- chen Methoden des Erkenntnisgewinns zu verstehen suchen. Ein archäologisches als historische Quelle analysieren, muss
um 1600 v. Chr. Und ebenso wie der Alte nert, in der Athen zur Schule Griechen- – den Naturwissenschaften einerseits und Projekt tut dies ja ebenfalls, nur eben für man auch die Prozesse und Bedingungen
Prof. Dr. Dr. h. c. Friederike Fless Vordere Orient kennt das Alte Ägypten lands erhoben wird. In der documenta14 den Geisteswissenschaften andererseits eine vergangene Zeitschicht. Damit wer- der Wissensproduktion in der Archäologie
Präsidentin des Deutschen umfangreiche Aufzeichnungen der Be- ist Athen jedoch „Sinnbild für eine sich – an eine Grenze gestoßen sei. Im Bericht den archäologische Projekte aber immer verstehen, die ihrerseits wiederum auf
Archäologischen Instituts wegungen der Gestirne. Das Spektrum rapide verändernde globale Situation zum Projekt heißt es vielmehr auch: „Die komplexer und umfassender. Auch wer- antikem Wissen und antiken Erklärungs-
Foto: Kuckertz der Disziplinen ging jedoch bereits in der und verkörpert die wirtschaftlichen, poli- untrennbare Verkettung von industriel- den sie, was den notwendigen Einsatz von modellen gründen.
Antike weit über die Astronomie hinaus, tischen, gesellschaftlichen und kulturellen lem Stoffwechsel, Klimawandel, Verstäd- Ressourcen angeht, teurer.
auch wenn so manche Kombination un- Dilemmas, mit denen sich Europa heute terung, Bodenerosion und Artensterben, Prof. Dr. Dr. h. c. Friederike Fless
terschiedlicher Kompetenzen für uns auf konfrontiert sieht.“ Es ist also nicht die An- aber auch ein neues gesellschaftliches Zugleich stellen diese Projekte auch an
den ersten Blick ungewohnt erscheint. tike und es sind auch nicht deren Transfor- (Selbst-)Bewusstsein, haben gezeigt: Die die interdisziplinäre Zusammenarbeit
So schreibt der antike Geograph Strabo: mationen, sondern die Transformationen rasante Neuformation von Ursache und ganz neue Herausforderungen. Letztlich
„Zum Arbeitsfeld des Philosophen gehört, unserer Zeit, die Athen während der docu- Wirkung, Mittel und Zweck, Quantität und ist ein tiefes, gegenseitiges Verständnis
meinen wir, wenn irgend etwas, auch die menta14 zum Exemplum werden lassen, Qualität erfordert eine neue Erschließung der Bedingungen disziplinärer Wissens-
Geographie“. von dem zu lernen ist. von Welt, die nicht auf postmoderne Dis- produktion Voraussetzung. Wenn gene-
kurse, sondern materielle Zusammenhän- tische Untersuchungen als „objektive“
Mit Blick auf ein archäologisches Projekt Für einen der größten Transformations- ge und Prozesse abzielt.“ Analyseverfahren eingesetzt werden, um
würde man heute sagen: Zum Arbeits- prozesse, den wir alle derzeit erleben, Menschheitsgeschichte zu schreiben, sind
feld eines solchen Projekts gehört, wenn wurde der Vorschlag gemacht, ihn zu ei- Archäologischen Projekten kommt in die- auch die Umstände zu berücksichtigen,
irgend etwas, die Naturwissenschaft. Ein nem neuen erdgeschichtlichen Zeitalter ser Laborsituation eine besondere Rolle unter denen zum Beispiel beprobbare
archäologisches Projekt bringt heute vie- zu machen: dem menschen-gemachten zu, da sie es sind, in denen schon lange Skelette zutage kamen. Auch wenn die
le Disziplinen zusammen, um möglichst Zeitalter, dem Anthropozän. Der Mensch materielle Zusammenhänge und Prozesse Technik genetischer Analyse standardi-
alle Quellen zur Analyse eines antiken formt die Natur, greift aber mittlerweile konsequent in einer Kooperation mit den siert ist und einem technischen Ablauf
Kontextes zu nutzen. Dabei ist es jedoch so grundlegend und irreversibel in sie ein Naturwissenschaften erforscht werden. unterliegt, der wenig Raum für subjektive
nicht die Archäologie selbst, die alle die- und verändert sie so tiefgreifend, wie es Die Dichotomie zwischen Geistes- und Eingriffe zu erlauben scheint, so sind doch
se Methoden beherrscht, sondern die alle zuvor in der Erdgeschichte nicht feststell- Naturwissenschaften kennen diese Pro- die Knochen selbst nicht objektiv, abstrakt
Methoden über die Kooperation mit einer bar war. Der Mensch ist zu dem Einfluss jekte in der Schärfe, die die Wissenschafts- klassifiziert, ins Labor gekommen. Vor-
Vielzahl von Spezialisten in die Projekte nehmenden Faktor auf geologische, bio- landschaft noch weitgehend prägt, schon aus gingen Grabungen, Klassifizierungen,
hineinbringt. Im DAI selbst erfolgt dies logische und atmosphärische Prozesse auf länger nicht mehr. Datierungen und kulturelle Kontextuali-
über das Referat Naturwissenschaften der Erde geworden.
und durch eine Vielzahl nationaler und in-
ternationaler Kooperationen.

28 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 29


landschaft
landschaft

N och in 40 Kilometer Entfernung


waren sie zu sehen: Die mächtigsten
Bauwerke ihrer Zeit überragten die
Landschaft und verwandelten sie da-
mit in ein Stück gebaute Umwelt. Die
Signale der Macht waren eindeutig.

Ein garten
in der wüste Ein Ziegelbau nördlich des Taltempels von
Dahschur war von einer fünf Meter dicken Mauer
umgeben. Sie umschloss eine der ältesten Garten-
anlagen des Alten Ägypten. Im Hintergrund die
Pharaonische Landschaftsarchitektur Knickpyramide.
Foto: Pinke

Auch die unmittelbare Nähe der


ersten Megapyramiden der Mensch-
heitsgeschichte waren in einen von
Menschen geschaffenen Kosmos
verwandelt worden – 3,6 Millionen
Kubikmeter Material wurden bewegt
und verbaut.

30 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 31


Phasen der Bauentwicklung.

Phase 1 zeigt den Ziegelbau


mit Gartenanlage,

landschaft
Phase 2 den Steintempel,
Phase 3 auch die Aufwege.

Abbildung: Arnold

In der Gartenanlage sind Baumgruben und dazwischen-


liegende Beete zu erkennen. Foto: Pinke

Der Garten

Das gut erhaltene Areal stammt aus den ersten Regierungsjahren


Der Bauforscher des Königs Snofru (4. Dynastie des Alten Reiches, um 2600 v. Chr.)
Dr.-Ing Felix Arnold und ist ein Garten. „Es ist die älteste Gartenanlage dieser Größen-
ist seit 2016 Referent für Baugeschichte an ordnung, die in Ägypten bislang entdeckt worden ist“, sagt Arnold.
der Abteilung Madrid des DAI (zuvor an „Ein Nutzgarten kann es nicht gewesen sein. Man hätte ihn nicht
der Abteilung Kairo). mitten in der Wüste angelegt, wo es nicht genügend Wasser zur
Foto: privat
Bewässerung gab.“
Über 300 Pflanzgruben fanden die Archäologen. In einigen von
ihnen sind sogar Wurzeln erhalten. Der Archäobotaniker Reinder
Neef vom Referat Naturwissenschaften des DAI fand heraus, dass
die Überreste der Bäume überwiegend von Palmen, Sykomoren
(einer Feigenart) stammen. Aber es gab auch Wurzeln von einer
„König Snofru war ein Planer“, erklärt der Bauforscher Felix Arnold Zypressenart, die in Ägypten nicht heimisch war. Wahrscheinlich
vom Deutschen Archäologischen Institut Madrid (vormals Kai- stammen sie aus dem Libanon oder aus Syrien.
ro). „Er überließ nichts dem Zufall.“ Die Pyramiden des Pharao, die
Rote Pyramide und die Knickpyramide, liegen tief in der Wüste, in „Die Bäume sind offenbar in einer Gärtnerei aus Saatgut angezo-
der Nähe des heutigen Dorfes Dahschur. Ausgedehnte Friedhö- gen und als erwachsene Bäume zum Pyramidengarten transpor-
fe hoher Beamter befinden sich in der Nähe, am Wüstenrand die tiert worden“, erklärt Reinder Neef das mögliche Vorgehen. Natür-
Siedlungen und der Taltempel. Dahschur wurde von König Snofru lich waren sie auf ununterbrochene Wasserzufuhr angewiesen, da
FRAKTALE LANDSCHAFTEN in der 4. Dynastie (um 2600 v. Chr.) inauguriert und fungierte in sie an ihrem ungewohnten Standort kein Wasser aus dem Boden
König Snofrus Eingriffe in die Landschaft waren gigantisch. Aber seiner Regierungszeit als Residenznekropole. Die Reste des Tal- ziehen konnten. Die Pflanzgruben sind jeweils von einem Baum- den jüngeren Becken sind jeweils etwa 7 Meter lang und 2,5 Meter
er musste konkurrieren mit einer der stärksten Naturgewalten, tempels liegen rund 800 Meter nordöstlich der Knickpyramide. Sie teller umgeben, um die Bewässerung zu erleichtern. Das Wasser breit. Alle Becken waren mit Lehm ausgestrichen und mit Papy-
dem Wasser. Auf den ersten Blick sind die unterschiedlichen wurden 1951–1952 von dem ägyptischen Archäologen Ahmed wurde vermutlich mit Eseln aus dem Tal herbeigeschafft. Der Gar- rusmatten ausgelegt, um die dunkle, sehr fruchtbare Erde darin
Einflüsse nicht zu erkennen. Im Vergleich sieht man aber die Fakhry freigelegt. Bei dem Bauwerk handelt es sich nicht nur um ten hat offenbar nur wenige Jahre bestanden, denn die Pflanzen konstant feucht zu halten. Wahrscheinlich waren diese Becken für
fraktale Beschaffenheit einer natürlichen Landschaft (u.r.) im einen der besterhaltenen Tempel des Alten Reiches. „Er ist wohl waren zwar zunächst angegangen, dann aber bald abgestorben, Pflanzen mit hohem Wasserbedarf angelegt worden, etwa Sumpf-
Unterschied zu der von Menschen gemachten (u.l.). Natürliche
auch der älteste in der langen Reihe königlicher Pyramidentem- wahrscheinlich wegen einer Unterbrechung der Wasserzufuhr. pflanzen wie Papyrus oder Schilf. Die Böden der Becken hatten ein
Erosionsrinnen übertragen ihre fraktale Natur, im digitalen
pel“, sagt Arnold. In der Nähe des Tempels fanden die Archäologen Innerhalb des Gartenareals fanden sich drei rechteckige Becken, Gefälle, so dass es am einen Ende feuchter war als am anderen.
Höhenmodell sozusagen als Baum zu erkennen, auf die Ober-
fläche. einen Ziegelbau, der von einer fünf Meter dicken Mauer umgeben die offenbar nacheinander angelegt wurden. Das älteste Becken „Vielleicht wollte man so den Bedürfnissen verschiedener Pflan-
Abb.: Arne Ramisch, Freie Universität Berlin, Geowissenschaften war.Sie begrenzte ein 81 Meter breites und 56 Meter tiefes Areal. ist 10,5 Meter lang, 3,5 Meter breit und rund 40 cm tief. Die bei- zenarten gerecht werden“, vermutet Arnold.

32 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 33


landschaft
Reste von Pflanzgruben mit Baumtellern und Ablaufrinnen. Reste einer Zypresse. Die Pflanzenart ist in Ägypten nicht heimisch und wurde
Foto: Pinke vermutlich aus der Levante importiert. Foto: Pinke

Landschaft in der Landschaft

Noch ist die Funktion der Anlage nicht ganz geklärt. „Der Garten Einmal mehr zeigte sich aber das ungeheure Ausmaß der könig-
verweist auf einen zentralen Aspekt der Baumaßnahmen König lichen Eingriffe in die Landschaft. Ein Garten als Landschaft in der
Snofrus“, sagt Arnold. „Der Bauherr hatte offensichtlich die gan- Landschaft oder vielleicht als ihr idealisiertes Abbild passt ins Bild Rekonstruktion der Gartenanlage
ze Landschaft im Blick.“ Heute wirkt Dahschur auf den Besucher vom Planer Snofru. Vielleicht gab er aber auch einen Hinweis da- im ursprünglichen Zustand.
wie ein Stück unberührte Wüstenlandschaft. Doch dass die Land- rauf, wie bewusst sich die Menschen im Alten Ägypten ihrer pre- Rekonstruktion: Arnold
schaft um die Pyramiden ein Produkt menschlicher Eingriffe ist, kären Umwelt in einem von Wüsten umgebenen Flusstal waren.
zeigten schon die Untersuchungen von Nicole Alexanian, der im „Der Garten könnte als Hinweis auf einen Regenerations- oder
Mai 2016 verstorbenen Grabungsleiterin von Dahschur. Um die Fruchtbarkeitsritus gedeutet werden“, sagt Arnold. Musste der
Landschaft als Ganzes rekonstruieren zu können, arbeitete sie mit König den Garten und seine Gebäude aufsuchen, um sein eigenes
Geowissenschaftlern der Freien Universität Berlin zusammen. Es Fortbestehen und auch das der Umwelt zu sichern? „Wir kennen
stellte sich heraus, dass trotz König Snofrus gigantischer Baumaß- Ensembles dieser Art aus anderen Kulturen, etwa aus Babylon
nahmen nicht nur die menschliche Hand einer der Landschafts- und Assur. Und hätte es für einen solchen Ritus einen besser ge-
architekten in Dahschur war, sondern auch die natürliche fluviale eigneten Ort geben können als einen blühenden Garten mitten
Erosion. Doch ihre Wechselwirkungen zu identifizieren und ein- in der Wüste?“
zelne Einflüsse auf die Landschaft zu unterscheiden, war nach so
langer Zeit und unter soviel Sand nicht leicht.
Die geowissenschaftlichen Untersuchungen zeigten, dass sich
die Pyramiden in der Antike auf einer klar vom Niltal abgesetzten
Geländestufe erhoben. Das Baumaterial für die Pyramiden wur-
de aus dieser Geländestufe gewonnen, indem man Steinbrüche
direkt unterhalb der Pyramiden zum Niltal hin anlegte. Der Abbau
der Geländestufe formte die Landschaft neu. Kooperation
Auf der Grundlage eines digitalen Höhenmodells konnte die Freie Universität Berlin (FU)
fraktale Natur der natürlichen Erosionsrinnen ermittelt werden, Supreme Council of Antiquities (SCA), Kairo (Ägypten)
so dass man sie von den menschengemachten unterscheiden
konnte.
Förderung
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Freie Universität Berlin (FU)

34 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 35


das objekt
das objekt
Dr. Thomas Fröhlich ist Bibliothekar

1836
und Archäologe und leitet die Bibliothek der
Abteilung Rom des DAI. Wissenschaftlich
beschäftigt er sich mit der Dokumentation
und Interpretation römischer Kollektivgräber
und arbeitet an dem deutsch-italienischen
Grabungsprojekt in Fabrateria Nova mit, einer
römischen Kolonie spätrepublikanischer Zeit
Emil Braun und der erste Bibliothekskatalog des im südlichen Latium. Daneben arbeitet er
gelegentlich zur Instituts- und Forschungs-
Archäologischen Korrespondenzinstituts in Rom Emil Braun (*1809 Gotha, †1856 Rom). geschichte. Foto: DAI Rom
Porträt um 1840. Archiv der Abteilung Rom

Die Vorgeschichte des heute weltweit tätigen Deutschen Archäo- er Bertel Thorvaldsen und der italienische Archäologe Carlo Fea wie Geschichte, Mythologie, antike Autoren. Es folgen die kleine- titutsgeschäfte vernachlässigte. Tatsächlich war Emil Braun als
logischen Instituts begann am 21. April 1829, dem altrömischen saßen. Die Hauptaufgabe bestand in der Publikation neuer Gra- ren Gruppen IV. Biografia zu einzelnen Gelehrten, V. Acta acade- Unternehmer wirtschaftlich erfolglos. Als er 1856 am „römischen
Palilientag, auf dem Kapitol in Rom. Hier hatten sich in der preu- bungs- und Forschungsergebnisse, die in dem monatlich erschei- micorum et Ephemerides, also Zeitschriften, sowie VI. Miscellanea. Fieber“ (perniziöse Anämie) starb, hinterließ er nicht unerhebliche
ßischen Gesandtschaft im Palazzo Caffarelli eine Reihe von Alter- nenden Bullettino, den jährlich herausgegebenen Annali und in Ganz ähnlich waren die Indices strukturiert, die ab 1832 den zu Schulden, von denen jene beim Institut vom preußischen König
tumsforschern versammelt, um das Instituto di Corrispondenza dem großformatigen Tafelwerk Monumenti inediti veröffentlicht Jahresbänden zusammengebundenen Monatsheften des Bullet- ausgeglichen wurden.
Archeologica zu gründen, dessen Ziel es war, den Informations- wurden. Der internationalen Ausrichtung entsprechend waren tino dell’Instituto beilagen, die aufgrund ihrer zahlreichen kurzen Sein systematischer Katalog, der in Rom Realkatalog genannt
austausch zwischen den Archäologen zu verbessern und wissen- die Beiträge auf Italienisch oder Französisch sowie seltener auf Beiträge recht unübersichtlich waren. wurde und vom Nominalkatalog, dem alphabetischen Katalog
schaftliche Neuigkeiten schnell zu verbreiten. Die Initiative ging Latein abgefasst. nach Autorennahmen, unterschieden wurde, wurde noch bis in
auf das Engagement einer kleinen Gruppe deutscher Gelehrter Schnell entwickelte sich ein weit gespanntes Netz von Gelehrten Emil Braun die 60er-Jahre hinein benutzt und die Blätter waren schließlich an
zurück, die sich nach einem bei Herodot erwähnten, sagenhaften und Dilettanten, die ihre Beiträge an das Korrespondenzinstitut vielen Stellen so eng gefüllt, dass man sich zu einem unbekannten
Volk im Norden die „Römischen Hyperboreer“ nannten. Sie über- nach Rom sandten, wo auf dem Kapitol seit 1836 dank preußi- Emil Braun stellte seinen systematischen Sachkatalog am Win- Zeitpunkt entschloss, nochmals 332 leere Seiten einzubinden, um
zeugten 1828 den preußischen Kornprinz Friedrich Wilhelm das schen Geldes auch ein kleines eigenes Gebäude existierte, die ckelmannsfest am 9. Dezember 1836 in der Casa Tarpea offiziell weitere Titelaufnahmen zu ermöglichen. Insgesamt sind in dem
Protektorat über das neue Institut zu übernehmen. Auf Wunsch Casa Tarpea. Obwohl der Aufbau einer Bibliothek anfangs nicht vor, übergab dann aber bald die Bibliotheksgeschäfte an Wil- Bandkatalog bis zu seinem Abbruch rund 4.600 Werke verzeich-
des Kronprinzen fungierte der preußische Gesandte in Rom, Chris- geplant war, entstand eine solche doch nach und nach durch helm Abeken, der wenig später zusätzlich einen ersten alphabe- net worden. 1865 schrieb der 2. Sekretar des Instituto, Wolfgang
tian Karl Josias von Bunsen als Generalsekretar, während die bei- Buchgeschenke und gelegentliche Erwerbungen, wenn auch nur tischen Katalog anlegte. Braun stieg zum segretario editore auf Helbig an Eduard Gerhard: „… was die hiesigen Bibliothekskatalo-
den Hyperboreer Eduard Gerhard als Sekretar und August Kestner sehr langsam, denn das Instituto finanzierte sich anfangs weitge- und übernahm zusammen mit dem Ägyptologen Richard Lepsius ge betrifft, so ist der Nominalkatalog in vortrefflichster Ordnung.
als Archivar die praktische Arbeit zu erledigen hatten. Trotz dieser hend durch den Verkauf der eigenen Schriften und war ständig in die Redaktionsgeschäfte und damit faktisch die Leitung des Kor- Der Realkatalog dagegen, welcher bis zu den ersten Ursprüngen
deutlichen preußischen und deutschen Dominanz verstand sich finanziellen Nöten. Wie der hier vorgestellte, im Archiv der römi- respondenzinstituts, dem er von 1840 bis 1856 als redigierender des Instituts zurückzugehen scheint, ist, abgesehen davon, daß
das privat organisierte Instituto durchaus als eine internationale schen Abteilung des DAI erhaltene und jüngst restaurierte erste Sekretar allein vorstand. Sein Hauptberuf war sicherlich der des er sich nicht gerade durch Übersichtlichkeit auszeichnet, derartig
Einrichtung, in dessen Direktorium u. a. der dänische Bildhau- Bibliothekskatalog bezeugt, war die Sammlung im Jahre 1836 Archäologen und als solcher verfasste er zahlreiche wissenschaft- überfüllt, daß er sich kaum noch fortführen läßt.“
aber immerhin auf über 1000 Titel angewachsen. Mit der Anlage liche Beiträge, doch befriedigte diese Tätigkeit seine Neugier und Das internationale Instituto war seit seinem Bestehen immer wie-
des Katalogs wurde der 1809 in Gotha geborene Philologe und Ar- seinen Tatendrang offenbar nicht zur Genüge. Braun war ein er- der von Preußen finanziell unterstützt worden und ab 1859 über-
chäologe Emil Braun betraut, der 1834 auf Vermittlung Gerhards folgreicher Kunstagent, so vermittelte er einen Großteil der Erwer- nahm Berlin schließlich die komplette Finanzierung, womit eine
als Unterarchivar und Bibliothekar am Instituto angestellt worden bungen für die Kunst- und Antikensammlung Bernhard von Lin- Entwicklung eingeleitet wurde, die 1874 in die Umwandlung des
war. Das Verzeichnis erhielt die damals übliche Form eines Folio- denaus nach Altenburg, betrieb eine galvanoplastische Werkstatt privaten Vereins in eine deutsche Reichsanstalt mündete, das Kai-
bandes mit ursprünglich 143 Blättern, also 286 Seiten, in denen auf dem Kapitol mit einem Ladenlokal bei der Piazza di Spagna, serlich Deutsche Archäologische Institut. Die stabile Finanzierung
die Titel anhand einer sachlichen Systematik eingetragen wurden. produzierte später auch Gipsabgüsse, die bis nach England ver- erlaubte der Bibliothek eine deutliche Intensivierung der Erwer-
Die bei Anlage des Katalogs vorhandenen Bücher notierte man handelt wurden, und beschäftigte sich mit der Herstellung von bung und der alte Katalog, in dem die Bücher nicht allein alphabe-
hierzu offenbar auf dünne Zettel, die zunächst sachlich geord- Kunstmarmor und der Eisengießerei. Er war als homöopatischer tisch nach Autoren, sondern nach Sachgruppen geordnet waren,
net und dann in den Bandkatalog eingeklebt wurden. Die in der Arzt in Rom nicht unbekannt und wandte sich in den 50er-Jahren war diesem Zuwachs nicht mehr gewachsen. Das Fehlen eines
Folgezeit hinzukommenden Werke wurden direkt auf die Seiten als einer der ersten Archäologen der gerade erfundenen Fotogra- Sachkatalogs wurde gleichwohl in den kommenden Jahren als
Blatt 48 des ursprünglichen braunschen katalogisiert. Das von Emil Braun entworfene System ist als die fie zu. Schließlich berichtete er für die Allgemeine Zeitung von Mangel empfunden und 1888 begann August Mau mit der Arbeit
Katalogs (= Blatt 100 des erweiterten Kata- wohl früheste bibliothekarische Fachsystematik der Archäologie politischen und gesellschaftlichen Ereignissen aus Rom, was auf an einem weit größeren „Katalog der Bibliothek“, der unter dem
logs. Die Einträge gehören zur Systemstelle bemerkenswert und folgt einer hierarchischen Anlage mit sechs Grund seiner konservativen und papsttreuen Einstellung im Revo- Rufnamen „Realkatalog“ bekannt wurde und die von Emil Braun
„I. Archeologia, C. Opere speciali, l. Epigra- Hauptgruppen, von denen die ersten drei weiter untergliedert lutionsjahr 1849 fast zu seiner Ausweisung geführt hätte. begründete Tradition fortsetzte.
fia, B. Iscrizioni latine.“ Die ursprünglichen sind: I. Archeologia mit Untergruppen zu einzelnen Museen und Seine zahlreichen Aktivitäten riefen auch Kritik hervor. So ver- Thomas Fröhlich
Einträge auf den eingeklebten Zetteln sind
Sammlungen sowie zu Denkmälergattungen wie Skulptur, Vasen schlechterte sich allmählich das Verhältnis zu Wilhelm Henzen,
leicht von den später hinzugefügten Titeln
und Inschriften; II. Sistema topografico nach Ländern und für Ita- der seit 1845 als 2. Sekretar und später lange Zeit als 1. Sekretar Emil Brauns Katalog ist online verfügbar:
zu unterscheiden.
lien nach Regionen; III. Apparato Archeologico mit Unterrubriken am Instituto tätig war, da seiner Meinung nach Braun die Ins- http://arachne.uni-koeln.de/item/buch/5376

36 archäologie weltweit _ 37
titelthema
titelthema
D ie Herkunft von Maßen, Zahlen
und Standards ist eine Geschichte für
sich. Sie begann vor 6000 Jahren und
schuf Konzepte, ohne die moderne
Verfahren in den Wissenschaften nicht
denkbar wären. In den Geisteswissen-
schaften lange unbeachtet oder gar
kritisiert, kann sich heute niemand
mehr der Herausforderung entziehen,
einst getrennt arbeitende Disziplinen
miteinander in Einklang zu bringen
und schließlich zu belastbaren Ergeb-
nissen zu führen: Chemie, Physik,
Geowissenschaften, Werkstoffkunde,
Anthropologie, Botanik, Zoologie,
Klimatologie, Röntgendiffraktometrie,
Röntgenfluoreszenzanalyse, satelliten-
gestützte Fernerkundung und Laser-
scanning.

die vermessung
des altertums Mes Aynak, Afghanistan. Messungen in
einem der ältesten Industriegebiete der Welt.
Foto: Steiniger
Naturwissenschaften in der Archäologie

38 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 39


1 D
 ie Metallurgie ist eine der wichtigsten Innovationen
der Menschheitsgeschichte. Schlacke aus einem Verhüt-
tungsplatz bei Anjerd/Kalibar. Foto: DAI Eurasien-Abteilung
2 G
 eomagnetische Untersuchungen der Universität
Kiel in Hattuscha. Foto: Schachner
3 Die Dendrochronologie kann Aussagen zum Alter
3

titelthema
von Hölzern machen und weit in die Vergangenheit zu-
rückreichende Klimaarchive bereitstellen. Foto: Heußner
4 A
 nhand von Pollenanalysen lässt sich die Vegeta- 2
tionsgeschichte einer Region ermitteln. Pollen von Cheno-
podiaceae Chicorioideae (Korbblütler). Abb.: Dinies
5 D
 ie Archäozoologie verfolgt unter anderem die
Geschichte der Domestikation von Tieren und ihre
Bedeutung für den Menschen. Foto: Benecke
6 D
 ie Prähistorische Anthropologie ermittelt
anhand von Knochenanalysen die Lebensbedingungen
der Menschen des Altertums. Foto: Gresky 4
7 K
 eramik ist eine der wichtigsten Fundklassen
der Archäologie. Foto: Steiniger 1

5
Was sich liest wie die Inhaltsangabe zu einem Kompendium 6
über moderne Naturwissenschaften und ihre Methoden, zählt Dis-
ziplinen und Verfahren auf, die zum Teil seit Jahrzehnten, zum Teil
erst seit kurzem zum Methodenspektrum der Archäologie gehören.
Archäometrie – messende Archäologie,
Landschafts- und Klimarekonstruktionen, Siedlungsgeschichte Keramik ist ein anderes Beispiel menschlichen Erfindungsreich- treffen. Aber darüber hinaus ist sie besonders nah am Menschen
wenn man so will – ist der Oberbe- und Bauforschung, die Wechselwirkungen von Mensch und Um- tums mit weitreichenden Folgen, und darüber hinaus ist sie eine der Antike, an den Kleinigkeiten des Alltags. Denn einen Großteil
griff für die naturwissenschaftlichen welt, Untersuchungen zur Domestizierung von Tier und Pflanze,
kulturelle Besonderheiten, die Entwicklung technischer und so-
der wichtigsten Fundklassen in der Archäologie. Doch Topf und
Vase sind immer sehr viel mehr als einfach nur Gefäße. Wurden sie
ihrer Zeit waren Menschen im Altertum mit der Beschaffung, dem
Anbau, der Verarbeitung und der Zubereitung von Nahrungsmit-
Methoden, die helfen, offene Fragen zialer Innovationen, die Handelswege der Antike, Ressourcennut- früher im Wesentlichen nach Form, Fundplatz und Dekor klassifi- teln beschäftigt, die deutlich überwiegend aus pflanzlicher Kost
zung und Herstellungsverfahren – die Vorhaben des Deutschen ziert, so können sie heute dank chemischer und petrographischer bestand. Doch waren es wilde oder kultivierte Pflanzen? Die Do-
der Archäologie zu beantworten, be- Archäologischen Instituts (DAI) zielen darauf ab, die Lebenswelt in Analysen auch offene Fragen zu ihrer Herkunft preisgeben und so mestizierung von Pflanzen und Tieren ist eine der revolutionärs-
stehende Befunde zu stützen oder aber der Antike in allen ihren Aspekten zu erfassen. Dazu ist es notwen- zur Wirtschaftsgeschichte eines Gemeinwesens beitragen. ten Innovationen in der Menschheitsgeschichte.
dig geworden, das Methodenspektrum zu erweitern und interdis- So kennt die Archäozoologie die Nutztiere der frühen Menschen,
herauszufordern. ziplinär zusammenzuarbeiten. Moderne naturwissenschaftliche Eine dieser Methoden, ist die Röntgenfluoreszenzanalyse, ein Ver- deren Einsatz in Landwirtschaft oder Krieg oder als Eiweißlieferant
Methoden helfen nicht nur dabei, alte Rätsel zu lösen oder beste- fahren, mit dem die qualitative und quantitative Bestimmung der in der Nahrung.
hende Befunde zu bestätigen. Sie tragen auch wesentlich dazu elementaren Zusammensetzung einer Probe ermittelt werden Die Anthropologie widmet sich dem Menschen selbst und seinem
bei, das Spektrum der Fragen zu erweitern, die die Archäologie an kann. Die Methode kommt in der modernen Archäologie deshalb Befinden. Die Knochen von Menschen geben Aufschluss über Er-
das Leben in der Vergangenheit hat. so häufig zum Einsatz, weil sie zerstörungsfrei arbeitet. nährungsstatus, Lebensumstände, Krankheiten oder auch spek-
takuläre Operationen früher Heiler. Die Untersuchung alter DNA
Im Forschungscluster 2 „Innovationen: technisch, sozial“ sind viele Ebenfalls zerstörungsfrei sind Geophysik, Geoelektrik, Geomagne- bietet die Möglichkeit, Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb
der Projekte gebündelt, die sich naturwissenschaftlicher Metho- tik, Verfahren, die man aus Bergbau und Mineralogie kennt. Wo im von Gräberfeldern festzustellen.
den bedienen, um die Innovationsgeschichte der Menschheit Zeitalter heroischer Archäologie gigantische Erdmassen bewegt
7 entschlüsseln zu können. Eine Arbeitsgruppe befasst sich mit der wurden, um dem Boden Erkenntnisse zu entlocken, können die Am DAI ist der Einsatz naturwissenschaftlicher Methoden eine
Entwicklung einer Technologie, die wie kaum eine andere die Ge- Prospektionsverfahren sichere Hinweise liefern, wo ein Grabungs- Selbstverständlichkeit. Die so gewonnenen Daten erweitern die
schicke vieler Kulturen bis heute beeinflusste: der Metallurgie. schnitt sinnvoll angesetzt werden kann. Quellen der Archäologen um wichtige Befunde. Dabei sind die
Wann, wo und wie kommen zum ersten Mal die Erze aus dem Bo- Einige der Veränderungen, die sich in Bauten und Siedlungsstruk- Archäozoologie, die Archäobotanik und Anthropologie sowie als
den? Wann werden sie erkannt nicht nur als das, was sie sind, son- turen manifestieren, haben mitunter klimatische Ursachen. Das Verfahren die Dendrochronologie im Referat Naturwissenschaf-
dern vor allem, als das, was sie werden können? Grundlage von Paläoklima zu erforschen, ist Aufgabe der Dendroklimatologie, ten angesiedelt. Auch Methoden wie zum Beispiel die portable
Macht und Reichtum, von Gewalt und Fortschritt. Wie verbreiten die mithilfe der Analyse von Jahrringen verschiedener Baumar- Röntgenfluoreszenzanalyse werden von DAI-Mitarbeitern durch-
sich die Innovationen in der Metallverarbeitung, was ist nötig, um ten das antike Klima in bestimmten Regionen rekonstruieren geführt. Im Rahmen nationaler und internationaler Kooperati-
sie gesellschaftlich zu verankern? Wie kamen die elaborierten Me- kann. Auch die Archäobotanik kann über klimatische Verhältnis- onen kommen weitere naturwissenschaftliche Methoden zum
thoden der Bearbeitung von Erzen überhaupt in die Welt? Zufall se der Vergangenheit Auskunft geben. Anhand zum Beispiel von Einsatz, um die immense Fülle der Daten, die in DAI-Projekten
oder Geniestreich? Pollenprofilen ist es möglich, Aussagen über die Vegetation und generiert werden, zu untersuchen und auch neuen Interpreta-
ihre Wechsel in bestimmten Regionen zu bestimmten Zeiten zu tionsmöglichkeiten zuzuführen.

40 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 41


titelthema
Vermessung unter Tage in Mes Aynak, Afghanistan, einem der Schlacke aus einem Verhüttungsplatz Profil des prähistorischen Yanik Tappeh
frühen Industriegebiete Zentralasiens und bedeutendes Zentrum bei Anjerd/Kalibar. Foto: Thomalsky Täbris in Ost-Aserbeidschan.
der Metallurgie. Foto: Steiniger Foto: Thomalsky

von erz und glanz Dr. Daniel Steiniger


ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der
Eurasien-Abteilung des DAI und zusam-
men mit Dr. Nikolaus Boroffka Leiter Dr. Judith Thomalsky,
Auf den Spuren früher Metallurgie eines Projekts zum Ressourcenabbau in
Afghanistan.
Leiterin der Außenstelle Teheran
des DAI. Foto: privat
Foto: DAI Eurasien-Abteilung

Energie und Metallerz treffen aufein-


Dabei weisen einzelne Regionen sehr unterschiedliche Wege in Herrscher im Workshop
ander, um etwas Neues zu schaffen. In der Entwicklung metallurgischer Techniken und in ihrer Einbet-
manchen Regionen der Erde bilden tung in gesellschaftliche Prozesse auf. Arbeiten zur frühen Kup- Im Nationalmuseum von Teheran untersucht Gunvor Lindström
fermetallurgie zeigten, dass das einheitliche Schema einer schritt- von der Eurasien-Abteilung des DAI eine leicht übergroße Bron-
Metall und Metallverarbeitung die weisen Entwicklung der Metallurgie im Altertum, wie es bisher in zestatue, die Zeugnis ist für die hellenistische Periode im Iran. Es
Grundlage des Wohlstands und den der Forschung paradigmatisch angewendet wird, der Komplexität sind zwar nur einzelne Teile des Kopfes und der Gliedmaßen erhal-
der Phänomene nicht gerecht wird. ten, aber die Figur konnte in ihren Grundzügen rekonstruiert wer-
Stoff der wahren und mythischen Hel- Im Forschungscluster 2 „Innovationen: technisch, sozial“ des DAI den. Sie stützt sich mit der Linken auf einen Speer – eine für hel-
dengeschichten. Die Erzeugung von wurde die frühe Metallurgie Vorderasiens und Europas stärker
als bisher im Zusammenhang betrachtet – was sich als äußerst
lenistische Herrscher typische Darstellungsweise. Doch stammten
die Teile wirklich von derselben Statue?
Metallen wurde vermutlich an meh- fruchtbar erwies. So geben regionale und lokale Perspektiven Dass sie tatsächlich zusammengehörten, konnte Daniel Steiniger
Aufschluss darüber, wie einzelne Gruppen Technologien entwi- nachweisen, ebenfalls Mitarbeiter der Eurasien-Abteilung. Er un-
reren Orten unabhängig voneinander ckelt oder adaptiert, aber mitunter auch abgelehnt haben. Daher terzog die Bronzefragmente einer Röntgenfluoreszenzanalyse mit
entwickelt. Die ältesten Spuren finden muss die Forschung von deterministischen Konzepten techni- einem portablen Gerät. „Die Messungen zeigen eine übereinstim-
schen ‚Fortschritts‘ Abstand nehmen und stattdessen technolo- mende Legierung der Kopf-, Arm- und Beinfragmente“, erläutert
sich in Westasien, nur wenig jünger gische Entwicklungen genauer als bisher mit sozialen Prozessen er das Ergebnis. Die Rohstoffe für eine andere Statue aus dem
sind die Anfänge der Metallurgie auf verknüpfen.
In der Forschung des DAI spielen neben Bergbau und Verhüttung
Teheraner Museum stammen hingegen aus einer anderen Quelle.
Der bronzene 1,94 m-Mann, eines der prominentesten Ausstel-
dem Balkan. von Metallen Fragen nach Verarbeitung und Herkunft verarbeite- lungsstücke des Museums, ist ebenfalls eine Herrscherfigur. Doch
ter Metalle und der Einsatz moderner Techniken zu ihrer Bestim- gehüllt in ein faltenreiches Reitergewand, stammt er aus parthi-
mung ebenfalls eine zentrale Rolle. scher Zeit. „Die Legierung ist eine ganz andere als bei der Statue
ÜberlebensgroSSe Bronzestatuen aus dem antiken Heiligtum des hellenistischen Herrschers“, erklärt Steiniger den Unterschied.
im Shami-Tal, Khuzestan, Iran. Rekonstruierte Statue eines seleukidi-
schen Herrschers (l.) und Statue eines parthischen Fürsten (r.).
Abbildung: Lindström

42 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 43


titelthema
Das eisenzeitliche Göyka Qaleh
in Ost-Aserbeidschan, Iran.
Foto: Thomalsky

Industrieller Ressourcenabbau Daniel Steiniger bei einem Vortrag in der University


of Islamic Art in Tabriz. Foto: TabrizIAU
Die archäometrischen Schulungen haben darüber hinaus aber
noch ein weiteres Ziel. „Tabriz, die Hauptstadt von Ost-Aserbeid- Daniel Steiniger nimmt an einer der Figuren eine portable
schan, liegt im Zentrum des antiken industriellen Ressourcenab- Röntgenfluoreszenzanalyse vor. Foto: Lindström
baus und der Metallverarbeitung“, erklärt Judith Thomalsky. Seit
2015 kooperieren DAI und die Archäologen der TabrizIAU in der

Röntgenfluoreszenzanalyse
Erforschung der regionalen Ressourcen, die während des Neoli-
thikums und Chalkolithikums genutzt und verbreitet wurden. „Die
Analyse der Obsidianfunde und der Artefakte der Metallproduk-
tion aus den aktuellen Grabungen des Tabrizer Instituts sollen
dabei ein erster Schwerpunkt der gemeinsamen Untersuchungen Was fast aussieht wie ein handelsüblicher Fön, ist ein hochentwi- mineralischer Rohstoffe, keramischer Warenarten oder auch von
sein“, sagt Thomalsky. ckeltes Messgerät. Es beherrscht eine häufig eingesetzte Methode Metallobjekten bestimmen. Dies erfolgt über den Nachweis cha-
Insgesamt gewinnt die Analyse von prähistorisch und antik aus- zur qualitativen und quantitativen Bestimmung der elementaren rakteristischer Spurenelemente. Auch Fragen zur Herstellungs-
gebeuteten Rohstoffquellen zunehmend an Bedeutung, sagt Zusammensetzung einer Probe: die Röntgenfluoreszenzanaly- technik können beantwortet werden. Wie wurde der Rohton ge-
Steiniger, der in der Nachfolge von Judith Thomalsky zusammen se (RFA). Bis vor kurzem mussten den Objekten, die untersucht magert? Welche Legierungsmetalle wurden dem Trägermaterial
Die beiden Bronzestatuen spielten darüber hinaus eine promi- mit Nikolaus Boroffka ein Projekt zum Ressourcenabbau in Afgha- werden sollten, noch in jedem Falle Proben entnommen werden. beigegeben?
nente Rolle in mehreren internationalen Workshops, die im Juni nistan leitet. Afghanistans reiche Bodenschätze wurden schon seit Dann folgten die zeit- und kostenintensive Aufbereitung und die
2016 in Teheran stattfanden. Thema war eine Einführung in die prähistorischer Zeit abgebaut und weithin verhandelt. Lapislazuli, Analyse im Labor. Doch inzwischen kommt die portable Rönt- Mit RFA untersucht man in der Regel anorganische Materialien:
Methodik der portablen Röntgenfluoreszensanalyse (RFA), die der nur in der Grenzregion Afghanistan/Pakistan vorkommt, tritt genfluoreszenzanalyse (pRFA) vielfach zum Einsatz. Mit ihrer Hil- Metalle und Legierungen sowie deren Korrosionsschichten, Fa-
weitreichende Einblicke in die Materialbeschaffenheit von Ob- schon ab dem 4. Jahrtausend v. Chr. im fernen Ägypten und im fe kann die chemische Zusammensetzung von Materialien nun yence, Glas, Keramik, Gesteine, Lockersediment- und Bodenpro-
jekten bieten kann. Darüber hinaus ist es möglich, Informationen Nordkaukasus auf. Aber vor allem Kupfer und Zinn, Hauptbe- auch außerhalb des Labors bestimmt werden. Für die Archäologie ben sowie darin befindliche Schwermetalle bzw. Phosphatgehalte,
über Herkunft, Erzvorkommen und Materialverbreitung zu gewin- standteile von Bronze, sind als Bodenschätze begehrt. Insbeson- öffnet sich damit ein weites Gebiet für Untersuchungen im Feld außerdem Wandmalereien, Fresken, Mosaike und alle Arten anor-
nen. Organisiert und durchgeführt wurden die Workshops von der dere in Afghanistan kommen sie gemeinsam vor. Damit gewinnt – bei Konservierung, Restaurierung und Auswertung der Funde. ganischer Baustoffe.
Leiterin der Außenstelle Teheran des DAI, Judith Thomalsky und das Land eine herausragende Rolle in der Entwicklung einer der Darüber hinaus gewinnt die pRFA vor allem in Ländern, die eine Am besten misst es sich an frisch abgeplatzten Stellen zum Bei-
RFA-Experte Daniel Steiniger, in Kooperation mit der Iranischen wichtigsten technischen Innovationen der frühen Metallzeiten. Ausfuhr jeglicher Proben streng untersagen, immer mehr an Be- spiel bei Statuen oder an Säulen. Die Ergebnisse werden umso
Antikenbehörde (ICAR), dem Iranischen Nationalmuseum und der Noch ist kaum etwas bekannt über die frühe Nutzung der mi- deutung. präziser, je weniger die Patina der Jahrhunderte oder Jahrtausen-
Islamic Art University in Tabriz (TabrizIAU). neralischen Rohstoffe Afghanistans. Deshalb baut die Eurasien- de den tiefen Einblick in die Materie erschwert.
Die Teilnehmenden waren Studierende, Doktoranden, Wissen- Abteilung ein umfangreiches Kompendium zur Bergbaukultur Doch was kann die Röntgenfluoreszenzanalyse, was klassische
schaftler und Angestellte. Gemeinsam mit den DAI-Wissenschaft- und -archäologie des Landes auf. Es bildet die Grundlage für wei- archäologische Methoden nicht können? „Die Nachweisgrenze der pRFA ist für jedes Element unterschied-
lern führten sie praktische Übungen an internationalen Stan- tere archäologische Forschungen zu einem der größten Industrie- Heute ist es selbstverständlich zu wissen, woher die Dinge stam- lich und von einer Vielzahl Faktoren abhängig“, erklärt Daniel
dardproben der geochemischen Analytik und archäologischen gebiete des Altertums. men, die man kauft. Das „made in ...“ gehört zu den Standards mo- Steiniger die Einsatzmöglichkeiten. „Sie liegt etwa im Rahmen von
Funden aus dem Iran durch. Dabei achteten die Workshopleiter dernen Handels. Auch die Menschen der Antike wussten, woher ca. 10-100 ppm, also parts per million, entsprechend 0,001-0,01
besonders auf die Heterogenität der Materialien. „Zum einen die Objekte kamen, die sie benutzten. Doch für Archäologen ist Gewichtsprozent.“ Noch weniger ist mit der portablen Methode
wollten wir die Leistungsfähigkeit des Verfahrens demonstrieren“, Kooperationen es nicht immer eindeutig – es sei denn, man kann in die Gegen- derzeit nicht fassbar, weshalb sie auch vorerst die Laboranalyse
sagt Judith Thomalsky. „Zum anderen ging es darum, die Praxis stände hineinblicken. Die chemische Analyse mittels Röntgenflu- nicht ersetzen kann. „Sie kann aber zu einer besseren Vorauswahl
der Methode nachhaltig einzuüben.“ Gemessen wurde Obsidian, Iran oreszenz kann so etwas wie einen geochemischen Fingerabdruck derjenigen Fundstücke herangezogen werden, die später im
darunter auch Obsidianartefakte verschiedener neolithischer und Nationalmuseum Teheran von Artefakten ermitteln und damit die Herkunft verschiedener Labor gemessen werden sollen.“
chalkolithischer Siedlungen im Nordwest-Iran, Türkis und Lapis- Islamic Art University Tabriz
lazuli, moderne und mittelalterlichen Glasuren, Lehmziegel und
Keramik, aber auch Schlacken, Metallfunde sowie Pigmente aus Afghanistan
mittelalterlichen Handschriften. Afghanisches Ministerium für Information und Kultur (MIC)
Naturwissenschaftliche Analyseergebnisse müssen als eine Quel- Nationalmuseum Kabul
le unter anderen sorgfältig in den gesamtwissenschaftlichen Kon- Délégation archéologique française en Afghanistan (DAFA), Kabul Ein harmlos wirkendes Gerät, das
text eingefügt werden, weiß Steiniger. Daher waren Themen wie Schweizerisches Afghanistan-Institut/Stiftung Bibliotheca hochgradig leistungsfähig und zerstörungs-
Datenqualität, Interpretation und Kontext der Feldarbeit wichtige Afghanica in Bubendorf, Kanton Baselland frei qualitative und quantitative Bestimmun-
Workshop-Bestandteile neben der Einführung in die Handha- USAID Mining Investment and Development for Afghanistan gen der elementaren Zusammensetzung von
bung des Equipments. Daniel Steiniger spricht aus Erfahrung. In Sustainability (MIDAS), Kabul archäologischen Proben vornehmen kann.
Hier Messungen an einem Bohrkern aus
den letzten zwei Jahren hat er im Rahmen von DAI-Projekten über Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie gGmbH, Mannheim
Buto. Foto: Steiniger
5500 Messungen durchgeführt. Deutsches Bergbau-Museum, Bochum

44 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 45


titelthema
In Pietrele wurden seit Beginn der Arbeiten 400.000 Scherben aus-
Vermessung einer Figurine. Foto: Steiniger gegraben. Foto: Reingruber

Mittels pRFA können die


Archäologen ermitteln, aus welchen
Lagerstätten der Ton kam, aus dem

die chemie der scherben Gefäße oder Figuren hergestellt


wurden.
Fotos: Steiniger

Innenansichten einer bedeutenden Fundklasse

Pietrele ist ein kleiner Ort in Rumänien, gelegen „Die portable Röntgenfluoreszenzanalyse eröffnet für die Archä-
ologie ein weites Feld bisher ungeahnter Möglichkeiten“, er-
an der unteren Donau. Dort ergräbt ein Team von klärt Hansen. Sie ist zwar noch nicht so leistungsfähig wie labor-
Archäologen unter der Leitung von Svend Hansen, gestützte Verfahren, "aber für die in der Keramikuntersuchung
wichtigen Spurenelemente ist sie inzwischen so gut, dass präzise
Erster Direktor der Eurasien-Abteilung, eine Fragen auch zu genauen Ergebnissen führen.“
kupferzeitliche Siedlung. 1270 komplett erhaltene
Wichtig ist eine saubere oder möglichst frische Oberfläche. Sind
Gefäße und mehr als 10 Tonnen bzw. 400.000 etwa Scherben mit Sinterkrusten überzogen oder Metallobjekte
Scherben wurden seit Beginn der Arbeiten ausge- stark korrodiert oder mit einer dicken Patina belegt, können diese
die Werte der ursprünglichen Zusammensetzung maskieren. „Wir
graben. Als eine der wichtigsten Fundklassen der können dem entgegenwirken, wenn wir sauberes Material aus
dem Kern der Artefakte analysieren“, erklärt Daniel Steiniger, der
Archäologie sind Gegenstände aus Keramik Träger in Pietrele mit einem portablen Messgerät Röntgenfluoreszenz-
von Wissen nicht nur über handwerkliche Verfahren analysen durchführte. So ist zum Beispiel ein frischer glatter Bruch tionen, wenn es um die Rekonstruktion antiker Handelsbeziehun-
an einer Keramikscherbe eine ideale Messoberfläche. gen geht.
und kulturelle Zugehörigkeiten, sondern auch über In Pietrele wollten die Archäologen wissen, ob der Ton bestimm-
Wirtschaftsräume, Handelswege und Technologie- Für die Analyse von Keramik stehen den Archäologen außerdem
ein Polarisationsmikroskop zur Untersuchung von Dünnschliffen
ter Gefäße lokaler Herkunft war oder ob er aus weiter entfernten
Lagerstätten stammte. Wenn sich beispielsweise Gefäße in der
transfer. Mit klassischen Methoden allein ist dieses und ein starkes Auflichtmikroskop zur Verfügung. Bei der Unter- formenkundlichen Analsye ähnlich sehen, sei es Farbe, Oberflä-
suchung von Keramik ergänzen sich die beiden Methoden auf che und Musterung, müssen sie dennoch nicht unbedingt aus
Wissen jedoch nicht immer zu erschließen. ideale Weise, findet Steiniger. Die Kombination aus beiden Verfah- derselben Werkstatt stammen. Grabungsleiter Svend Hansen
ren entlockt den Objekten die größtmögliche Menge des Wissens, stellt die Frage so: „Reiste vielleicht ein Töpfer aus Pietrele in die
das sich in ihnen materialisiert. Die Wissenschaftler erfahren Ein- Region Moldau und brachte von dort ein ‚Design’ mit, das er dann
zelheiten zum Herstellungsverfahren, zu den Brenntemperaturen aus einheimischen Ton kopierte? Oder kommt das Gefäß wirklich
und auch zu den Rohstoffquellen – eine der wichtigsten Informa- von der Moldau?"

46 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 47


Buto (heute: Tell el-Fara´in) in Ägypten, ein Siedlungshügel in der
Schwemmebene des nordwestlichen Nildeltas, ist einer der größten
Fundorte im westlichen Nildelta. Foto: Hartung

titelthema
Auch in der alten Hauptstadt der Hethiter dient die Forschung
letztlich dem Kulturerhalt – ein wichtiger Part der Arbeiten des DAI
am UNESCO-Weltkulturerbe Hattuscha. Rekonstruierter
Abschnitt der Stadtmauer. Foto: Özener

Das Altertum im Labor in Kairo.


Hier werden Röntgenfluoreszenzmessungen an
einem Bohrkern aus Buto durchgeführt.
auf stein gebaut
Bierkrüge aus Buto. Auch in Buto fragen sich die Archäologen, ob die Foto: Steiniger
Gefäße jeweils mit Ton aus denselben Lagerstätten hergestellt wurden oder Geowissenschaftliche Untersuchungen in der Hauptstadt der Hethiter
ob sie aus unterschiedlichen Rohstoffquellen stammten. Foto: Steiniger

Fast wäre Hattuscha für immer vergessen geblieben,


Keramik aus dem Nildelta
wäre nicht Charles Texier als erster Europäer 1834 zu
Kooperationen Ähnliche Fragen stellen sich Archäologen Da das Nildelta seit jeher eine sehr dyna- den Ruinen beim Dorf Boğazköy gelangt. In dieser
der Abteilung Kairo des DAI in Buto (heu- mische Region ist, spielen Rekonstruk-
Buto, Ägypten te: Tell el-Fara'in) in Ägypten, wo unter tionen der Landschaftsveränderungen abgelegenen gebirgigen Gegend Zentralanatoliens sollte
Goethe-Universität Frankfurt a. M., der Leitung von Ulrich Hartung ein Sied- eine bedeutende Rolle in der Forschung eine Hochkultur entstanden sein?
Physische Geographie lungshügel in der Schwemmebene des ebenso wie die möglichen Korrelationen
nordwestlichen Nildeltas erforscht wird, der einzelnen Siedlungsschichten mit der
Pietrele, Rumänien der etwa 40 Kilometer von der heutigen Landschaftsdynamik. „Die Untersuchung Unwahrscheinlich, befanden die Gelehrten der damaligen Zeit.
New Bulgarian University Küstenlinie des Mittelmeeres und ca. 10 der Lehmschichten und der Keramik mit Doch die Textfunde in akkadischer Sprache aus den Ausgrabun-
Goethe-Universität Frankfurt a. M., Kilometer vom Rosetta-Arm des Nils ent- der portablen Röntgenfluoreszenzanalyse gen von Theodor Makridi und Hugo Winckler erbrachten 1906
Physische Geographie fernt ist. „Das Besondere an Buto ist nicht kann wesentliche Hinweise über die zeit- den Nachweis, dass es sich bei den Ruinen bei dem Dorf Boğazköy
Consejo Superior de Investigaciones nur, dass es einer der größten Fundorte liche Verzahnung der Rohstoffquellen um Hattuscha, die Hauptstadt des hethitischen Großreichs, han-
Científicas, Madrid im westlichen Nildelta ist, sondern auch und der Siedlungsschichten liefern“, sagt delte. Von etwa 1650 bis 1200 v. Chr. stand sie in Blüte. Kurze Zeit
Museo Arqueológico Nacional, Madrid dass der Platz bis in prädynastische Zeit Daniel Steiniger, der in Buto über 1500 später wurde sie durch eine Reihe von Katastrophen in die Bedeu-
zurückreicht", erklärt Ulrich Hartung das Messungen durchführte. Im Labor wäre tungslosigkeit gestürzt.
Forschungsinteresse. eine solche Zahl an Untersuchungen Heute gehört Hattuscha zum Weltkulturerbe der UNESCO, die hier PD Dr. Andreas Schachner
Brotformen, Bierkrüge, Kochgefäße und kaum möglich. Zeit- und Kostenaufwand gefundenen Keilschriftarchive stehen im UNESCO-Weltregister ist Referent für Vorderasiatische Archäologie
Weinkrüge aus dem späten 4. / frühen wären enorm. „Gedächtnis der Menscheit“. und die Prähistorien Anatoliens an der
3. Jahrtausend sollten ihre geochemische Darüber hinaus bietet die portable Rönt- Abteilung Istanbul des DAI. Er leitet die Aus-
Zusammensetzung preisgeben, denn die genfluoreszenzanalyse die Möglichkeit, Andreas Schachner von der Abteilung Istanbul des DAI leitet die grabung in Hattuscha. Foto: Can
Archäologen fragten sich, ob die Gefäße zukünftige archäologische Grabungen ge- Arbeiten in Hattuscha – seit 1931 ist die Grabung dem Deutschen
jeweils mit Ton aus denselben Lagerstät- zielt zu planen und daher nachhaltig und Archäologischen Institut und seinen internationalen Partnern
ten hergestellt wurden oder ob sie aus un- behutsam durchzuführen. in der Türkei und weltweit anvertraut. Die alte Hauptstadt der
terschiedlichen Rohstoffquellen stamm- Hethiter, Weltkulturerbe der UNESCO, liegt etwa 180 Kilometer
ten.

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titelthema
Komplexe Geologie

östlich von Ankara auf einem durch Felskegel stark zerklüfteten In einer Landschaft wie der steinig zerklüfteten Gegend um Hattu-
Hochplateau, ein Umstand, den die hethitischen Baumeister scha ist archäologische Arbeit eine Herausforderung. Darüber hi-
funktional umsetzten. Zum einen bot das Areal Substanz für eine naus war die Region in den Jahrtausenden menschlicher Nutzung
gut gelegene Verteidigungsanlage, zum anderen konnten Palast, zahlreichen komplex wechselwirkenden Einflüssen ausgesetzt. Es
Tempel und Wohnareale der Topographie folgend voneinander ist unmöglich und aus denkmalpflegerischer Sicht auch keines-
abgegrenzt werden. „Das Erscheinungsbild der Stadt muss ein- falls gewünscht, die gesamte Fläche dieser bronzezeitlichen Groß-
zigartig gewesen sein“, vermutet Andreas Schachner. Doch es war stadt auszugraben. Deshalb setzen die Archäologen nach ersten Die Unterstadt von Hattuscha
jedes Mal ein anderes, je nachdem, aus welcher Himmelsrichtung Versuchen bereits in den späten 1970er-Jahren parallel zu den mit dem Großen Tempel und den Groß-
Reisende sich näherten. „Möglicherweise sollten auf diese Art un- Ausgrabungen systematisch im gesamten Stadtgebiet geophysi- bauten, die ihn umgeben.
terschiedliche Botschaften in die Umgebung ausgesandt werden“, kalische Prospektionen zur Erkundung der Ruine ein. Trotz einiger Foto: Schachner
erklärt Schachner. durch die komplexe Geologie des Ortes verursachten Störungen
erlauben diese Methoden, Einblicke in weite Teile der bisher un-
Für die Archäologen schafft die Anlage der Stadt auf dem felsigen erforschten Stadt. Geomagnetische Surveys offenbaren zudem,
Terrain eine komplexe Forschungssituation. „Wir wollen bisherige dass das Umland der Stadt offenbar nur locker besiedelt war. Die die Umgebung der Stadt Hattuscha viel intensiver genutzt wurde, spezifischen Abweichungen geführt haben. Physiker nennen die-
Befunde mit einer größtmöglichen Vielfalt an naturwissenschaft- Wissenschaftler fanden Überreste einzelner Häuser, möglicher- als die Forscher bislang annahmen. „Die Ergebnisse der geophy- se Strukturen „Störkörper“ – die Archäologen können durch den
lichen Untersuchungen vertiefen“, beschreibt Schachner das ak- weise Gehöfte, aber auch große Gebäude, die wahrscheinlich sikalischen Untersuchungen und zahlreiche andere naturwissen- Vergleich mit bekannten Bauten diese Störkörper als Häuser, Be-
tuelle Forschungsdesign. So wollen die Wissenschaftler erstmalig öffentlichen Zwecken dienten. Große Areale wurden als Felder schaftliche Analysen von verschiedenen Materialien werfen ein festigungen, Wasserreservoirs oder Wege interpretieren.
tiefere Einblicke in die Lebensumstände der hethitischen urba- und Gärten genutzt, von denen einige, topographisch günstig ganz neues Licht auf die Art der Verbindung zwischen Stadt und „Einen Fundplatz wie diesen allein mit klassischen archäologischen
nen Bevölkerungsschichten nehmen und darüber hinaus ein Ver- gelegene bewässert werden konnten. Das hierfür nötige Wasser Umland“, sagt Schachner. Methoden untersuchen zu wollen, würde einen erheblichen Auf-
ständnis der Stadt als Gesamtorganismus gewinnen. wurde in technisch aufwendig künstlich angelegten Reservoiren wand an Zeit und Ressourcen bedeuten“, erklärt Schachner. „Die
„In der Kulturgeschichte Anatoliens ist Hattuscha ein einmaliges gesammelt. Entlang des Flusses wurde Ton für die Produktion von Geomagnetische Messgeräte erkennen Strukturen unter der prospektiven naturwissenschaftlichen Verfahren helfen uns, bei
Beispiel für die aktive Gestaltung der Umwelt durch den Men- Keramik abgebaut, während südlich und östlich der Stadt Stein- Oberfläche, indem sie winzige Abweichungen vom erdmagne- größtmöglichem Erkenntnisgewinn den Aufwand und die nöti-
schen“, sagt der Archäologe. „Allein die Wahl des Siedlungsplatzes brüche und Metallvorkommen ausgebeutet wurden. Höhere Ge- tischen Hauptfeld ausmachen. Je nach Bodenbeschaffenheit er- gen Eingriffe auf ein Minimum zu reduzieren.“
zog eine dauernde Auseinandersetzung mit dem Naturraum nach birgslagen nutzte man offenbar als Weidegrund für das Vieh. kennt man die Lage und die Struktur der Grundrisse, die zu den
sich.“ Die Kombination verschiedener Vorgehensweisen offenbart, dass

Gesamtansicht von Hattuscha von Norden Der GroSSe Tempel in der Unterstadt
Foto: DAI Istanbul von Süden. Foto: Schachner

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titelthema
In unwegsamem Gelände müssen die geomagnetischen Nuku Hiva ist die Hauptinsel der Marquesas-Inseln.
Prospektionen mittels eines Handwagens durchgeführt werden. Möglicherweise wurde von hier aus die Osterinsel besiedelt.
Foto: Schachner Foto: Heußner

Wassermanagement

Die Zusammenarbeit zwischen den Ausgräbern von Hattuscha und Wasserbauinge-


nieuren ist ein weiteres Beispiel dafür, wie innovative naturwissenschaftliche Methoden
zur Klärung kulturgeschichtlicher Fragen beitragen. Es ist lange bekannt, dass die He-
thiter durch künstlich angelegte Dämme Wasser gestaut haben. Während man jedoch
das alter der bäume
zunächst Bäche oder ähnliche, saisonale Fließgewässer als Ursprung des nutzbar
gemachten Wassers ansah, belegen die Arbeiten der Hydrologen, wie die hethitischen Dendrochronologie in Kultur- und Wirtschaftsgeschichte
Baumeister den im Jahresverlauf schwankenden Grundwasserspiegel anschnitten und
so große Mengen Wasser umleiten konnten. Zusammen mit großen, unterirdischen Ge-
treidespeichern ermöglichten diese Stauseen den hethitischen Königen die Kontrolle
über die wichtigsten ökonomischen Grundlagen – Wasser und Getreide – und schufen
so die wirtschaftlichen Grundlagen für die Etablierung des einzigen Großreichs der
Nuku Hiva ist die Hauptinsel der Marquesas-Inseln, die zu Fran-
Geschichte in Zentralanatolien. zösisch Polynesien gehören. Mythen und Überlieferungen erzäh-
len von heiligen Bäumen, in denen einst Tote bestattet wurden
und die eine wesentliche Rolle in Ritus und Tempelarchitektur
spielen. Einige der mächtigen Banyanfeigen stehen auf gepflaster-
Geologische Bohrungen im
Bereich der Südteiche.
ten Plätzen, die alte Zeremonialplätze sind.
Foto: Schachner
„Aber sind die Bäume wirklich so alt wie die Zeremonialplätze?“,
fragt sich Annette Kühlem von der Kommission für Archäologie
Außereuropäischer Kulturen des DAI (KAAK). „Sind sie wirklich hei-
lige Bäume?“
Banyans können aufgund ihrer Größe und Mächtigkeit älter wir-
ken als sie sind. Daher war also ein Zusammenhang zwischen
den Bäumen und den Zeremonialplätzen nicht gesichert. „Es gibt
außerdem eine Theorie, die besagt, dass die Bäume lediglich das
Lockergestein der Plätze als Gunststandort wählten und nicht
gepflanzt wurden“, erklärt Kühlem. Doch frühe ethnographische
Quellen berichten von heiligen Bäumen und deren Bedeutung.
Angaben zum „Layout“ der Baumpflanzungen im Verhältnis zur
Architektur gibt es allerdings keine. Die Quellen stammen von
Missionaren, die die Inselgruppe in der ersten Hälfte des 19. Jahr-
hunderts erreichten. „Die polynesische Religion wurde hier noch
am längsten praktiziert“, sagt Kühlem. Das macht die Marquesas
für unsere Fragestellung so interessant.

52 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 53


titelthema
Karl-Uwe Heußner nimmt eine Zeremonialplätze mit Baumbestand. Wurden die Bäume
Probe zur Altersbestimmung. auf den Plätzen gepflanzt oder haben sie sich von selbst dort
Foto: Janus angesiedelt? Fotos: Janus

Der Banyan kann aufgund seiner Größe und Mächtigkeit älter


wirken als er ist. Annette Kühlem von der KAAK untersucht auf
Nuku Hiva, einer der Marquesas-Inseln, ob Banyans in der poly- Archäologisch steht Annette Kühlems Projekt im Kontext von Un- gar Laub ab. Das bedeutet, dass es in der Region jahreszeitliche
nesischen Religion heilige Bäume waren. tersuchungen des KAAK-Direktors Burkhard Vogt auf der Osterin- Schwankungen gibt – mit anderen Worten: „Die Bäume zeigen ein
Foto: Heußner sel. „Es gibt Hinweise, dass die Osterinsel von den Marquesas aus Niederschlagssignal, aus dem wir für lange Zeiträume Aussagen
besiedelt wurde“, sagt Kühlem. Bei einer Zeremonialplattform auf zu Klimaphänomenen wie zum Beispiel El Niño ableiten können“,
der Osterinsel hatten die Archäologen Pflanzgruben mit Wurzel- erklärt Heußner. Mit genügend langen Messreihen können die
resten von Palmen gefunden (s. a. Archäologie Weltweit 2-2014 Wissenschaftler die Klimageschichte ganzer Regionen rekon-
„Sakrallandschaft auf der Osterinsel“, S. 38). Offenbar waren die- struieren – die Dendrochronologie wird zur Dendroklimatologie.
se Pflanzungen integraler Bestandteil der Landschafts- und Sak- Durch präzise Vermessung der Jahrringe kann man die Wachs-
ralarchitektur. Die Anordnung wie in einem Hain war Ausdruck der tumsbedingungen für den Baum ablesen – gute Jahre ergeben
hier praktizierten Wasser- und Fruchtbarkeitsrituale. „Wir fragen breitere Ringe, also ein stärkeres Dickenwachstum als schlechte
uns nun, ob wir hier auf eine Gesetzmäßigkeit bei der Anlage von Jahre. Bei Bäumen derselben Art, die zudem aus derselben Region
Zeremonialplätzen gestoßen sind“, sagt Annette Kühlem. „Das stammen, sind sich die Zuwachsmuster im Wechsel der jährlichen
Pantheon ist auf den Marquesas weitgehend dasselbe wie auf der Ringbreiten so ähnlich, dass sie jahrgenau untereinander synchro-
Osterinsel. Auch in Kult und Ritus gibt es viele Gemeinsamkeiten.“ nisiert werden können.
„Die Messungen auf Nuku Hiva offenbarten, dass die Bäume schon
Es galt also, das Alter der Bäume sicher zu bestimmen. Karl- vor Beginn der Missionierung auf einigen der Zeremonialplätze Kooperation
Uwe Heußner, der am Referat Naturwissenschaften des DAI das standen“, sagt Annette Kühlem. „Sie wuchsen dort also zu einem Ministere de la Promotion des Langues,
dendrochronologische Labor leitet und der Techniker Alexander Zeitpunkt, als die Plätze noch für die Ausübung der polynesischen de la Culture, de la Communication et de
Janus nahmen Proben verschiedener tropischer Baumarten, um Religion genutzt wurden.“ l’Environnement, Papeete
die Fragen der Archäologen zu beantworten. Administrative und logistische Unterstützung:
„Beim Banyan war es wegen der vielen Luftwurzeln extrem schwie- Belona Mou und Tamara Maric, Service de la
rig, an geeigneten Stellen Proben zu nehmen“, erzählt Heußner. Culture et du Patrimoine;
Der Riesenbaum zeigte dabei eine Besonderheit, die tropische Einführung Botanik und Fundplätze:
Bäume in der Regel nicht aufweisen, und die es erlaubt, dass die Jean-François Butaud
Dendrodaten noch sehr viel mehr offenbaren als „nur“ das Alter Lokale Führung und „Türöffner“:
der Bäume. Der Banyan produziert Jahrringe, und er wirft so- William Teikitohe

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Im Gräberfeld von Dulan in Tibet fanden chinesische Oasen sind in ausgedehnten Wüstengebieten überlebenswichtige
Archäologen gut erhaltenes Bauholz, eine solide Grundlage Stützpunkte. Um die Versorgung zu gewährleisten, werden auch
für die dendrochronologische Analyse. Fotos: Wagner Nutzpflanzen kultiviert. Die Doumpalme könnte eine der frühen
Nutzpflanzen in der Oase sein.
Foto: Ester Inbar, commons.wikimedia.org/wiki/User:ST

titelthema
Wacholderreihen

In Tibet waren die Jahrringe des Wacholders, die die Dendrochro- Region über diesen Zeitraum. Zum einen konnten so die Graban-
nologen des DAI untersuchten, kaum auszumachen. In einem für lagen datiert werden. Darüber hinaus waren nun aber auch Aus-
das DAI von Mayke Wagner geleiteten Kooperationsprojekt mit sagen über Klimaentwicklung und besonders die Niederschläge
chinesischen Archäologen wollten Heußner und seine Kollegen in dieser Region möglich.
eine Dendroreihe aus Hölzern erstellen, die in einem Gräberfeld Es stellte sich heraus, dass es in früher Zeit mehrere überdurch-
am Nordrand des Tibet-Plateaus entdeckt worden waren. „Die schnittlich trockene Jahre in Folge gab. Die längste derartige
Untersuchungsregion war Schauplatz lebhafter Handelsbezie- Dürreperiode dauerte offenbar von 51 bis 375 n. Chr., also mehr
hungen, Zankapfel in territorialen Auseinandersetzungen der als dreihundert Jahre. Sie fiel mit der Entvölkerung des Nordwes-
Regionalmächte und erlebte starke Schwankungen der Bevölke- tens der Region zusammen. Auch die folgende Epoche, die von
rungszahl“, erklärt Mayke Wagner das Forschungsinteresse. Territorialkämpfen zwischen nomadischen Völkern geprägt war,
Im Gräberfeld von Dulan, das chinesische Archäologen ergruben,
fand sich gut erhaltenes Bauholz, eine solide Grundlage für die
dendrochronologische Analyse. Durch die andauernde Trocken-
erlebte offenbar dicht aufeinander folgende und lang anhalten-
de Dürrephasen. Mayke Wagner zieht die Schlussfolgerung: „Das
Land wurde in weiten Teilen untauglich für den Feldanbau und
Geschichte einer Wüste
heit waren die Wacholderstämme so gut erhalten, dass Heußner ließ gerade noch die Weidewirtschaft der Hirtenvölker zu.“
insgesamt 45 Proben nehmen konnte. „Die Jahrringe waren aus- Pflanzen der Sahara und ihre archäobotanische Erforschung
gesprochen fein, nicht breiter als 0,3 Millimeter“, beschreibt er das
Ergebnis. „Manche Bäume hatten gar keine Jahrringe mehr aus- Kooperation
gebildet – sie waren offenbar hart am Existenzminimum gewach- Chinesische Akademie der
sen.“ Mit Hilfe einer Vergleichsprobe konnten die Wissenschaftler Sozialwissenschaften
schließlich eine absolute Chronologie vom Jahr 515 v. Chr. bis ins Das Ennedi-Plateau liegt tief in der Sahara, im
Jahr 800 n. Chr. erstellen – die erste absolute Chronologie für diese
Nordosten des Tschad. Kaum eine Weltgegend ist
so dünn besiedelt. Wenige Hundert Kilometer west-
lich bietet das Ounianga-Becken mit Seen, Palmen,
Dünen und kleinen Dörfern ein Szenario, das nicht
recht in die Umgebung passen will – eine Seenland- Dipl.-biol. Michèle Dinies
ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin
schaft in der trockensten Wüste der Erde. am Referat Naturwissenschaften.
Foto: privat

Das Ounianga-Becken ist Schauplatz eines der archäobotani-


schen Projekte des Deutschen Archäologischen Instituts.
Altes Bauholz, das Aufschluss über lang In Kooperation mit der Universität zu Köln und dem Deutschen
andauernde klimatische Entwicklungen GeoForschungsZentrum Potsdam untersuchen Reinder Neef, Lei-
gaben kann. Probenentnahme im Regional- ter der Archäobotanik am Referat Naturwissenschaften des DAI,
museum zusammen mit den chinesischen und die Palynologin Michèle Dinies die botanische Geschichte der
Partnern. Foto: Wagner Oase – die Anfänge der Oasenbewirtschaftung in Nordafrika sind
weitgehend unerforscht.
Durch die präzise Vermessung der Jahrringe Drs. Reinder Neef
kann man die Wachstumsbedingungen für den Baum ablesen – gute leitet die Archäobotanik am Referat
Jahre ergeben breitere Ringe als schlechte Jahre. Manche der Wachol- Naturwissenschaften des DAI.
derbäume aus Dulan haben sehr feine oder fast gar keine Jahrringe ausge- Foto: DAI Zentrale
bildet, da sie hart am Existenzminimum gewachsen sind. Im Labor werden die
Proben glatt geschliffen. Foto: Heußner

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titelthema
Die Sahara war nicht immer die trockenste Wüste der Welt. Der Yoasee liegt im Ounianga-Becken im Tschad. Hier erforschen
Foto: NASA die Archäobotaniker die Vegetationsgeschichte der Sahara.
Foto: "Lac Yoa2.jpg", Jacques Taberlet, CC-BY-SA 3.0

Anhand der Überreste von Pflanzen in unterschiedlicher Form, sei- Um 8000 bis ca. 5000 v. Chr. scheint die Vegetation von Gräsern wirtschaftung ist sogar nur für die letzten circa 800 Jahre belegt. Ökosystem an der Grenze
en es Pollen und Sporen oder botanische Makroreste wie Samen, dominiert zu sein, ergänzt durch zahlreiche krautige Arten, Sträu- Neben kulturellen Einflüssen mag hier die Isolation und die wei-
Früchte oder Holz, kann die Archäobotanik nicht nur die Vegetati- cher und Gehölze, die heute fehlen. „Dies deutet auf ein Mosaik terhin zunehmende Aridisierung mit dem einhergehenden Rück- Die Sahara hat seit jeher die Vorstellungskraft der Menschen ange-
onsgeschichte einer Region ermitteln, sondern auch die Dynamik offener Savannen mit grundwassergespeisten Seen und Sumpf- gang der biotischen Ressourcen eine Rolle gespielt haben. Das regt. Was bringt eine Weltgegend dazu, zu einem Extremstandort
vergangener Klima- und Umweltsysteme rekonstruieren und her- gebieten hin“, sagt Dinies. 2000 Jahre später, bis um 3000 v. Chr. Zusammentragen und Auswerten der Vielzahl an unterschied- zu werden? Viele der Klimamodelle, die bislang für die große Wüs-
ausfinden, ob Veränderungen eine natürliche Ursache hatten oder dünnt die Vegetationsdecke aus und ist dominiert von Pflanzen- lichen Pflanzenarten, die während des gesamten Holozäns oder te vorgelegt wurden, nahmen die Vegetation nicht in ihre Berech-
von Menschen induziert waren. Die Verbreitung von Pflanzen und gesellschaften, wie sie in Steppen und Halbwüsten leben. „Wie das zumindest während der früh- und mittelholozänen Feuchtephase nungen mit auf, so dass die Ergebnisse verzerrt waren. „Die Sahara
die Zusammensetzung der Pflanzendecke geben Aufschluss über Ergrünen war auch das Austrocknen ein gradueller Vorgang“, sagt genutzt werden konnten, steht bisher noch aus. ist extrem komplex“, wissen die Archäobotaniker. Der einzigartige
das Angebot an natürlichen Ressourcen, von potentiellem Weide- Michèle Dinies. „Den Anfang kennen wir noch nicht.“ „Bis ins dritte Jahrtausend vor heute waren die Umweltverhältnisse Bohrkern, der 11.000 Jahre lückenlos abbildet, wird, so hoffen die
land für wilde und domestizierte Tiere über Brenn- und Bauma- in der südlichen Sahara noch so günstig, dass zusätzliche Nutz- Wissenschaftler, in Zukunft viele Fragen beantworten. „Die Sahara
terial bis hin zur Ernährung früherer Bewohner. Funde von Pflan- Nutzpflanzen einer Oase pflanzen nicht immer zwingend kultiviert werden mussten“, sagt war immer ein Ökosystem an der Grenze“, sagt Reinder Neef. Aber
zen, die nicht aus der Region stammen können, lassen außerdem Neef. Die Region wurde zwar schon während der zwei bis drei neben vielen anderen Erkenntnissen, die gewonnen werden kön-
Schlussfolgerungen über die frühen Handelswege zu. Seit der Prähistoriker Stefan Kroepelin und seine Kollegen von Jahrtausende davor immer trockener. „Aber die Bewohner kom- nen, zeigt eine Wüste auch immer, was geschieht, wenn die Pflan-
der Universität zu Köln in der tschadischen Oase aus dem Lac Yoa pensierten die zunehmende Aridisierung durch erhöhte Mobilität zenwelt sich zurückzieht. Reinder Neef: „Ohne Vegetation gibt es
Pflanzenmosaik einen 16 Meter langen Bohrkern abteuften, liegt ein zeitliches und Konzentration auf Gunststandorte.“ keinen mildernden Effekt auf das Mikroklima, dem Menschen di-
Archiv vor, das durch seine Tiefe nicht weniger als 11.000 Jahre Die Doumpalme (Hyphaene) könnte eine der frühen Nutzpflanzen rekt ausgesetzt sind.“
Bevor die Sahara zur trockensten Wüste der Erde wurde, trug erschließt. Die Archäobotaniker hoffen nun, bisher vorliegende in der Oase sein. Sie wächst an Standorten mit oberflächennahem
sie während des Früh- und Mittelholozäns (9. bis 5. Jahrtausend Daten zur Vegetation der Sahara erweitern und präzisieren zu Grundwasser und ist seit Beginn der Seephase im frühen Holozän
v. Chr.) ein dichteres und vielfältigeres Pflanzenkleid. Allerdings können. „Wir wollen herausfinden, ob Arten mit höheren Feuch- nachgewiesen. „Ab dem Jahr 500 n. Chr. taucht sie im Pollendia-
lagen bislang nur vereinzelt Samen, Früchte und Holzkohlen aus tigkeitsansprüchen wie der Zürgelbaum (Celtis), oder zum Beispiel gramm aus dem Bohrkern aber vermehrt auf“, hat hat Anne-Marie Kooperationen
archäologischen Fundstellen sowie eine Handvoll Pollendiagram- Flügelsamengewächse (Combretaceae) gleich zu Beginn der ‚See- Lézine (Université Pierre et Marie Curie, Paris), die den jüngeren Universität zu Köln
me vor, die für wenige Zeitfenster das Vorkommen von Arten wäh- phase’ vor Ort waren oder ob sie sich nach und nach ansiedelten“, Teil des Bohrkerns bereits pollenanalytisch bearbeitet hat, heraus- GeoForschungsZentrum Potsdam
rend dieser Feuchtephase belegen. „Es gibt nur wenige Archive sagt Michèle Dinies. gefunden. Wurde sie ab dieser Zeit gezielt angebaut oder wurde Freie Universität Berlin
aus dem Sudan, Ägypten und der Westsahara, die eine ver-lässli- Oasen waren und sind für Austausch und Handel in ausgedehnten ihr Wuchs zumindest gefördert? Die Frage, wie Menschen in der Rijksuniversiteit Groningen
che Rekonstruktion der Vegetation erlauben“, sagt Michèle Dinies. Wüstengebieten überlebenswichtige Stützpunkte. War auch diese Sahara Pflanzen nutzten, um zu überleben und um eine Oase be- Université Pierre et Marie Curie, Paris
„Aus diesem Teil der zentralen Sahara hatten wir bislang überhaupt Oase im nordöstlichen Tschad mit ihren kleinen Dörfern vormals wirtschaften zu können, gehört zu den umfassenden Fragen, die
keine Daten, so dass wir immer nur indirekt auf die Vegetation ein großer internationaler Handelsplatz und mächtige Regional- die Archäobotaniker des DAI mit Wissenschaftlern der Universität
schließen konnten. „Wir wissen auch noch nicht, ob die Vegetati- macht wie zum Beispiel die Oase Tayma auf der Arabischen Halb- zu Köln, der Freien Universität Berlin und dem GeoForschungs-
onsdecke während der gesamten Feuchtephase gleich und stabil insel, in der die DAI-Archäobotaniker ebenfalls die Geschichte des Zentrum Potsdam gemeinsam bearbeiten wollen.
war und ob es ein ‚Feuchtemaximum’ mit einer maximalen Ausde- Nutzpflanzenanbaus erforschen? Erst wenige hundert Jahre n. Chr.
hung der Savannen gab“, beschreibt Reinder Neef einige der noch sind die frühesten gesicherten Nachweise für den Anbau von
ungeklärten Fragen der Archäobotanik der Sahara. Nutzpflanzen in der Oase Yoa zu verzeichnen, eine intensivere Be-

58 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 59


titelthema
Cichorioideae Foto: Dinies

Mikroskopisch winzig – 5 bis 200 µm – erlauben die sehr resis- Maß an Fehlertoleranz erfordert. Der Programmierungsaufwand wäre
tenten Pollen Schlüsse auf die Pflanzendecke zur Zeit ihrer Ablage- gigantisch.
rung. Der Untersuchung unter dem Mikroskop geht ein langwieriger Auch die eigentliche Interpretationsarbeit nach der Analyse ist kom-
Aufbereitungsprozess im Labor voran. Dann werden die winzigen plex. „Man benötigt Kenntnisse aus Ökologie und Biologie, zu unter-
Körnchen bei 400-facher Vergrößerung gezählt – der langwierigste schiedlichen Klimaten in verschiedenen Zeiten, über Windrichtungen
Teil der Pollenanalyse. Die Untersuchung bedarf großer Erfahrung, und Windgeschwindigkeiten und besonders über die Ausbreitungs-
auch weil die Pollen nicht immer im Idealzustand sind. Computer wä- fähigkeiten bestimmter Pflanzen“, erklärt Michèle Dinies.
ren nicht intelligent genug, eine Aufgabe zu bewältigen, die ein hohes
Fotos: Dinies

über 130 bisher NACHGEWIESENE


Pollentypen, meist Pflanzengattungen
aus dem Bohrkern von Yoa – zusammenge-
fasst nach Herkunft und Verbreitung.

Gelb: Saharische Elemente (inkl. Saharo-


Mediterrane Elemente)
Orange: Sahelische Elemente (inkl.
Saharisch-Sahelische Elemente) und einige
Vertreter dieser Gruppe (Salvadora persica-
type, Balanites, Hyphaene-type)
Grün: Sudanische Elemente (inkl. Suda-
nisch-Sahelischer Elemente) und einige Ver-
treter dieser Gruppe (Commiphora, Grewia-
type) sowie Gräser und Gänsefußgewächse
Das Diagramm ist ein Spiegel der sukzessiven
Austrocknung der zentralen Sahara seit 6000 Erbe der Menschheit – Der Digitale Pflanzenatlas Archiv von Pflanzen des Altertums. Jetzt ist die Erweiterung erschie-
Jahren: Während zu Beginn noch Reste von Landwirtschaft ist eine der entscheidenden Kulturtechniken der nen, der „Digital atlas of traditional agricultural practices and food
offenen Dornsavannen nachgewiesen sind, Anne-Marie Lézine u. a., Late Holocene plant Menschheit. In Zeiten ihrer Industrialisierung und des zunehmenden processing“. Er dokumentiert die vielfältigen Prozesse und Verfahren
werden diese in den folgenden Jahrtausen- and climate evolution at Lake Yoa, northern Verzehrs von Fertigprodukten sind wesentliche Kenntnisse darüber, der Produktion von Nahrungsmitteln – von der Bearbeitung der Felder
den durch Halbwüsten- und dann Wüstenge- Chad: pollen data and climate simulations, wie Menschen in ihrer Umwelt lebten, wie sie ihre natürlichen Res- bis zur Verarbeitung der Ernte für Nahrung, Futter und andere Zwecke.
sellschaften ersetzt. Climate of the Past 7, 2011, 1351-1362. sourcen nutzten und wie sie die aus Kenntnis und Interesse bewahr- Der Digitale Pflanzenatlas bewahrt einen wesentlichen Teil des
Stefan Kröpelin u. a., Climate-driven ecosystem ten, verloren gegangen. immateriellen kulturellen Erbes der Menschheit, das unmittelbar vom
Diagramm: Lézine succession in the Sahara: The past 6000 years. Verschwinden bedroht ist.
Der Digitale Pflanzenatlas, ein Projekt des Archäobotanischen Labors
years, Science 320, 2008, 765-768. des DAI und der Rijksuniversiteit Groningen, ist ein einzigartiges pflanzenatlas.eu

60 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 61


Foto: "Wildsau im wilderleb-
nispark daun.jpg", superbass,
CC-BY-SA 3.0

titelthema
Foto: "Mettingen_Hausschwein_01.jpg",
J.H. Janßen, CC-BY-SA 3.0 Foto: Benecke Foto: Benecke

Anders als beim Schaf war man sich nie ganz sicher, ob schon die Zuchtformen heutiger Haus- und Nutztiere ein Import
aus dem Nahen Osten waren. Sowohl vom Rind wie auch vom Schwein gab es Wildformen in Europa. Mit Hilfe geneti-
scher Analysen konnte die Herkunft geklärt werden: Die Zuchtformen kamen aus dem Fruchtbaren Halbmond.

„Am DAI betreiben wir klassische naturwissenschaftliche For-

vom ursprung der schung mit bekannten und bewährten Verfahren“, sagt Norbert
Benecke, Archäozoologe und Leiter des Referats Naturwissen-
schaften des DAI. Eine der einzigartigen Grundlagen dieser Arbeit

europäischen nutztiere am Referat sind die umfangreichen Vergleichssammlungen von


Säugetieren, Vögeln, Amphibien, Reptilien und Fischen. „Wir wis-
sen heute, dass schon die Zuchtformen unserer ältesten Haustiere
ursprünglich aus dem Fruchtbaren Halbmond kamen, aber was
Mit klassischer Archäozoologie und Genanalysen geschah da genetisch?“, erklärt Benecke. Gab es vielleicht doch
Mischformen mit einheimischen europäischen Arten? Sicher wa-
auf der Spur der ersten Zuchtformen ren sich die Archäozoologen bei Ziege und Schaf. Alle Vorfahren
Was auf dem Papier so unspektakulär aussieht, ist die Niederschrift
des Analyseergebnisses einer der innovativen naturwissenschaft-
der kleinen Huftiere kamen aus dem Nahen Osten. Wildformen lichen Methoden, wie sie heute in der Archäologie eingesetzt
dieser Tiere gab es auf dem europäischen Kontinent nicht. „Bei werden. Hier: DNA-Konsensus-Sequenzen (Schaf ) (Ausschnitt)
Schwein und Rind war man sich aber nie ganz sicher“, sagt Ben- Abb.: DAI
Die Domestikation von Tieren ist eines der umfang- ecke. „Von beiden Arten gab es Wildformen in Europa. Wenn die-
se sich aber im Knochenbau nicht ausreichend von gezüchteten Das importierte Schwein war vielleicht nicht kräftig oder anfällig
reichsten und wichtigsten Kapitel menschlicher In- Formen unterscheiden lassen, springt die Genetik ein“, erklärt gegenüber Krankheiten. Gesichert ist hingegen, dass das Schwein
novationsgeschichte. Seit jeher ist das Verhältnis der Norbert Benecke den Einsatz einer Methode, die erst vor gut zehn mit den europäischen Haplotypen später auch im Kaukasus auf-
Jahren Eingang in die Altertumswissenschaften gefunden hat. taucht. Anders das Rind. „Das Rind bleibt haplotypisch bei seinen
Menschen zu ihren Haustieren oder zu den Tieren vorderasiatischen Wurzeln.“
der natürlichen Umgebung Forschungsthema und „Genetik oder Isotopie spielten zuvor kaum eine Rolle in der Ar-
chäozoologie“, sagt Benecke. Inzwischen spezialisieren sich mole- Bei seiner Forschung zur Entwicklung der Nutztiere kooperiert
gelegentlich auch Zankapfel. Das Zusammenleben kularbiologische Labore auf solche Untersuchungen und bieten das archäozoologische Labor mit dem Institut für Tierzucht der

Prof. Dr. Norbert Benecke


von Mensch und Tier im Altertum ist Gegenstand sie als Dienstleistung an. Dort werden archäologische Proben ana-
lysiert und als Gensequenz ausgegeben. „Diese Sequenzen sind
Humboldt-Universität zu Berlin und dem Berliner Leibniz-Institut
für Zoo- und Wildtierforschung. Um Verfahren wie die Analyse
ist Leiter des Referats Natur- der Archäozoologie, die Aussagen zu Siedlungsarten, wiederum nur von Spezialisten dekodierbar“, sagt Benecke. „Dazu alter DNA in die Forschungsergebnisse der archäologischen Bio-
wissenschaften, zugleich des müssen sie die Forschungsfrage und den wissenschaftlichen Kon- wissenschaften integrieren zu können, benötigt man eine enge
archäozoologischen Labors. Migrationswegen und zu großen gesellschaftlichen text kennen.“ Kooperation mit allen wissenschaftlichen Disziplinen, ist Nobert
Foto: DAI Zentrale Transformationsprozessen bieten kann. Benecke überzeugt – einer der Gründe, warum im Jahr 2015 das
Die Zuchtformen von Schwein und Rind konnten mithilfe der ArchäometrieNetzwerk Berlin-Brandenburg gegründet wurde,
Genetik zu ihrem Ursprung zurückgeführt werden. „Es stellte sich um die Zusammenarbeit zu vertiefen.
Überreste von Tieren in Gräbern oder auf Opferplätzen können heraus, dass die ältesten Zuchtformen auf dem europäischen
Aufschluss geben über die Rolle von Tieren im Denken und im Kontinent importiert wurden“, sagt Benecke. Eine zunächst un-
Kult vergangener Zeiten. Tierreste von Siedlungsplätzen können vorhergesehene Entwicklung wurde den Archäozoologen aber Kooperation
Hinweise auf die Nutzung verschiedener Tierarten geben, sei es vom Hausschwein präsentiert. „Um 3000 v. Chr. verschwinden Institut für Tierzucht der
für die Ernährung, sei es als Zug- und Arbeitstiere. die Haplotypen, die aus dem Nahen Osten mitgekommen waren, Humboldt-Universität zu Berlin
Woher zum Beispiel kamen Nutztiere wie Rinder, Schweine oder vollständig“, beschreibt der Archäozoologe das noch nicht ganz Leibniz-Institut für Zoo- und
Pferde? Wurde sie auf dem europäischen Kontinent aus Wildfor- geklärte Phänomen. „Sie werden durch Haplotypen ersetzt, die Wildtierforschung, Berlin
men gezüchtet oder kamen sie als „Importe“ aus anderen Weltge- auf die Zucht mit einheimischen Wildformen hinweisen.“ Über die AG Palaeogenetik, Universität Mainz
genden? Ursachen können die Forscher derzeit nur Vermutungen anstellen.

62 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 63


titelthema
Dschabal as-Silsila, auch Gebel es-Silsileh, bedeutender Steinbruch sowie archäologische Stätte 65 Kilometer
nördich von Assuan in Ägypten. Foto: "Dschabal as-Silsila 27.jpg", Olaf Tausch, CC-BY 3.0

Ein unübersichtliches Konvolut Knochensplitter aus der Bestattung.


Foto: Gresky

das kind in der schale


Die ausgelegten
Ein Menschenleben im Spiegel der Knochenfragmente.
Foto: Gresky
Prähistorischen Anthropologie

Einzelne Objekte waren kaum zu erkennen in dem Hier untersuchen Gresky und ihre Mitarbeiter menschliche Kno-
chen aus archäologischen Grabungen mit physisch anthropo-
Gemisch aus Staub und Knochenfragmenten, ge- logischen, osteologischen und besonders paläopathologischen
funden in einem Konvolut unterschiedlicher Grab- Methoden, um Fragen zu demographischen Entwicklungen, Be-
stattungssitten oder auch zur Entstehung und Verbreitung von
beigaben aus der frühägyptischen Nekropole von Erkrankungen zu beantworten. Je nach Befundlage werden die
Gebel es-Silsileh. Sicher war nur, dass sie aus einer Knochen nach der ersten Diagnose darüber hinaus endoskopisch,
radiologisch und mikroskopisch bearbeitet.
Grabung vom Ende des 19. Jahrhunderts stammten.
„Der Napf war mit sehr vielen kleinsten Knochenstückchen gefüllt“,
Dr. Julia Gresky sagt Julia Gresky. Mit Lupe und Digitalmikroskop nahm sie die
leitet die Prähistorische Anthropologie Aber trotz Alter, Kriegsschäden und etlicher Umlagerungen konn- Erstuntersuchung vor. In akribischer Kleinarbeit analysierte
am Referat Naturwissenschaften. te Robert Kuhn vom Berliner Ägyptischen Museum Gefäße, einen Gresky Stück für Stück, identifizierte kleinste Partikel und
Foto: DAI Zentrale Napf und eine Schale, nachweisen, die offenbar Knochenreste fügte sie mit ihresgleichen zusammen, bis sie schließlich
enthielten. Zunächst hielt man sie für Überreste von Tierknochen. aus den Fragmenten einen kleinen Teil eines Skeletts aus-
Doch bei einer genauen Untersuchung, die Dr. Cornelia Becker legen konnte. Radiologische und histologische Methoden
vom Institut für Prähistorische Archäologie der Freien Universität vertieften die Erstdiagnose. „Das Geschlecht des Kindes
Berlin durchführte, stellte sich heraus, dass es sich um menschli- konnten wir nicht ermitteln“, erzählt Gresky. Zu schlecht war der
che Knochen handelte. Die fanden schließlich ihren Weg zu Julia Erhaltungszustand der Knochen. „Wir konnten aber feststellen,
Gresky, die am Referat Naturwissenschaften das Labor für Prähis- dass das Kind nach einer schweren chronischen Krankheit im Alter
torische Anthropologie leitet. von sieben bis neun Jahren gestorben sein muss.“ Auf die Krank-
heit des Kindes konnte die Anthropologin aufgrund der Knochen-
struktur schließen. „Es gab starke pathologische Veränderungen“,
sagt Julia Gresky. „Die Knochen bestehen nicht aus einer kompak-
ten Schicht, sondern aus feinsten, aufeinander gestapelten Kno-
chenlamellen.“

64 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 65


Im Detail erkennt man die poröse Knochenstruktur,
die auf eine chronische Krankheit zurückzuführen ist.
Foto: Gresky

titelthema
Querschnitt des Schienbeins mit den verschiedenen Schichten,
aufgenommen mit dem Digitalmikroskop. Foto: Gresky

„Eine Radiokarbondatierung und die aDNA-Analyse ergaben bis- Außer in der Populationsgenetik kommen aDNA-Analysen auch
her leider keine Ergebnisse“, bedauert Julia Gresky. „Das ist be- in der Epidemiologie und Pathologie zum Einsatz. „Man kann mit
dingt durch den schlechten Erhaltungszustand des Knochens.“ Hilfe solcher Analysen feststellen, woher bestimmte Krankheiten
Schon zu Lebzeiten ist das Erbgut eines Organismus einer Vielzahl kamen und welche Tiere sie übertragen haben“, erklärt Gresky.
schädigender Prozesse ausgesetzt. Doch in der lebenden Zelle Eine der am weitesten verbreiteten Krankheiten im Altertum war
wirken diesen Prozessen Schutz- und Reparaturmechanismen die Tuberkulose. „Doch das Vorhandensein von TB-Erregern im
entgegen. Nach dem Tod eines Individuums werden sie jedoch Knochen muss nicht zwangsläufig zum Ausbruch der Krankheit
inaktiv. Die DNA unterliegt also fortwährend postmortalen Verän- geführt haben“, warnt Gresky vor eiligen Schlussfolgerungen. Um-
derungen. Irgendwann führt dies dazu, dass die Gesamtstruktur gekehrt könnte ein Individuum, das TB-typische Knochendefor-
zerstört wird. mationen aufwies, sie nicht zwingend aufgrund einer Tuberkulose
Anders in einem von Sabine Reinhold von der Eurasien-Abteilung ausgebildet haben. Den Menschen des Altertums ins Innerste zu
des DAI geleiteten Projekt im Nordkaukasus, wo Julia Gresky Le- blicken, ist kompliziert. „Prähistorische Anthropologie und aDNA-
bensweise und Krankheitsbilder der Bewohner in der Region Analysen können gemeinsam gute Ergebnisse erzielen“, ist Julia
Kislovodsk untersuchte. Um die Ergebnisse weiter zu präzisieren, Gresky überzeugt.
sollen nun aDNA-Untersuchungen an Knochenüberresten aus Noch stehen die Ergebnisse einiger Detailuntersuchungen aus.
den Grabstätten vorgenommen werden. Auch populationsge- Doch bald wird Julia Gresky nach 5000 Jahren wissen, woran das
netische Fragen, zum Beispiel diejenige nach der Neolithisierung Kind in der Schale starb.
Europas, sind nach wie vor Gegenstand zahlreicher Untersuchun-
gen. In vielen DAI-Projekten werden aDNA-Analysen zur Siche-
rung bestehender Ergebnisse herangezogen. In einem Projekt zur
Bevölkerungsgeschichte des Karpatenbeckens unter der Leitung Kooperation
von Eszter Bánffy, Erste Direktorin der Römisch-Germanischen Ägyptisches Museum und
Kommission des DAI, fragen sich die Archäologen, woher aus ge- Papyrussammlung SMB,
netischer Sicht die ersten Bauern im Karpatenbecken stammen. Freie Universität Berlin,
Die Angehörigen der südost-europäischen Starčevo-Kultur – so Prähistorische Archäologie
benannt nach einem Fundort in Serbien – gelten als die letzten
Migranten, die noch genetisch aus Anatolien stammen.

66 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 67


im porträt
im porträt Archäologie als
gesellschaftliche Praxis
In vielschichtigen Wissenschaftslandschaften fühlt sich Kerstin P. stellte multimediale Ausstellungsstationen und ein museumspä- Die Spurensuche in der Wissenschaft selbst, sei es als Wissen-
Hofmann zu Hause. Eine exzellente Vernetzung und das Arbei- dagogisches Programm. 1991 und 1993 wurde ihr Engagement schaftsgeschichte oder als Wissenschaftssoziologie, ist für Kers-
ten in komplexen Forschungsverbünden sind ihr Neigung und unter anderem zwei Mal mit einem Preis des Geschichtswettbe- tin P. Hofmann ein wichtiger Teil der Arbeit, um die eigenen For-
Notwendigkeit zugleich. An einem Standort wie der Römisch- werbs des Bundespräsidenten ausgezeichnet. Schließlich wurde schungspraktiken zu reflektieren und besser zu verstehen. Das
Germanischen Kommission des DAI in Frankfurt am Main findet sie in die Studienstiftung des deutschen Volkes aufgenommen, Archiv der Römisch Germanischen Kommission, Zeugnis der
die Teamarbeiterin, die seit September 2016 Zweite Direktorin der die später auch ihre Promotion förderte. Arbeit von Generationen von Archäologen, wird ihr dafür eine
RGK ist, hierfür beste Voraussetzungen. Für Kerstin P. Hofmann ist die Archäologie eines der wenigen Fä- hervorragende Grundlage sein. Und für die Spurensuche bei so
cher, die konsequent einen holistischen Ansatz fordern. „Unser komplexen kulturellen Prozessen wie Migration, Interaktion und
Kerstin P. Hofmann studierte Ur- und Frühgeschichte an den Uni- Fach ist viel mehr als einfach ‚nur‘ Erforschung der Vergangenheit. Transformation zwischen mediterranen Kulturen und ihren nörd-
versitäten zu Kiel und zu Köln, als Nebenfächer wählte sie Infor- Ich sehe es vielmehr als Geschichts- und Kulturwissenschaft und lichen Nachbarn, die in dem von ihr nun betreuten Forschungs-
matik sowie Mittlere und Neuere Geschichte. Während ihres Stu- als Teil einer umfassenden Anthropologie im Sinne einer Human- feld „Crossing Frontiers in Iron Age and Roman Europe“ der RGK
diums arbeitete sie für die Kreisarchäologie Rotenburg (Wümme) wissenschaft an, die Ergebnisse erzielt, die auch für die Gegen- untersucht werden, kann die Verortung im Wissen um die eigene
und für das Schwerpunktprogramm „Romanisierung“. In ihrer wart relevant sind.“ Dass es dabei eine enge Zusammenarbeit mit Geistesgeschichte eine wertvolle Orientierung sein.
2006 in Kiel mit Auszeichnung abgeschlossenen Promotion „Der den Natur- und Gesellschaftswissenschaften geben muss, um das
rituelle Umgang mit dem Tod. Untersuchungen zu bronze- und Ganze des menschlichen Lebens zu erfassen, versteht sich von „Es ist zweifellos eine große Ehre, für ein so renommiertes und
früheisenzeitlichen Brandbestattungen im Elbe-Weser-Dreieck selbst. „Es ist nur wichtig, die jeweiligen Perspektiven und Traditi- ehrwürdiges Institut wie die RGK zu arbeiten“, sagt Kerstin P. Hof-
Dr. Kerstin P. Hofmann ist die neue entwickelte sie einen neuen interdisziplinären Ansatz zur Erfor- onen der Disziplinen zu kennen und zu respektieren“, findet Hof- mann. „Meine Aufgabe sehe ich darin, Traditionen und Stärken
Zweite Direktorin der Römisch-Germani- schung von Totenritualen, die Thanatoarchäologie. Als Auslands- mann. „Umso besser gelingt die Zusammenarbeit.“ des Instituts zu bewahren und zugleich die neuen Herausforde-
schen Kommission des DAI in Frankfurt stipendiatin des Deutschen Archäologischen Instituts arbeitete rungen in sich rasant verändernden Wissenschaftslandschaften
am Main. Foto: privat sie dann an der Abteilung Rom des DAI von 2006 bis 2009 zu Natürlich spielte bei Kerstin P. Hofmanns Entscheidung für die anzunehmen.“ Und in den weiteren Ausbau der bereits sehr guten
Funerärpraktiken in Südostsizilien während der sogenannten Archäologie auch die Leidenschaft eine Rolle, die Spuren der nationalen und internationalen Vernetzung der Kommission kann
Großen Griechischen Kolonisation. Für das Exzellenzcluster 264 Vergangenheit zu lesen, für verschiedene Zeitalter die Mensch- Kerstin P. Hofmann nun zudem ihre große Erfahrung im Wissen-
„TOPOI“ war sie von 2009 bis 2012 erst als Kooordinatorin der Cross Mensch- und Mensch-Ding-Beziehungen auszuloten. „Dabei ver- schaftsmanagement einbringen.
Sectional Group V „Space and Collective Identities“ an der Zent- stehe ich die Beschäftigung mit der Vergangenheit keinesfalls als
rale des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin angestellt ein Nice-to-have oder als eine Art Orchideenfach“, sagt Hofmann.
und dann als Nachwuchsgruppenleiterin von 2012 bis 2016 für „Archäologie ist gesellschaftliche Praxis, die immer auch den An-
das Key Topic „Identities: Space and Knowledge Related Identifica- spruch haben sollte, die Bevölkerung vor Ort einzubeziehen und
tion“ sowie die Forschungsgruppe B-4 „Space – Identity – Locality“ sich selbst und andere in Zeit und Raum zu verorten.“
des Exzellenzclusters an der Freien Universität Berlin zuständig. Mit der gesellschaftlichen Verankerung der Wissenschaft kann
Schon früh zeichnete sich bei Kerstin P. Hofmann ein historisches auch eine scharfe Trennung zwischen Theorie und Praxis keinen
Interesse ab. Noch während der Schulzeit engagierte sie sich als Bestand haben, weiß Hofmann. „In der Archäologie wird man an-
ehrenamtliche Bodendenkmalpflegerin im Landkreis Verden, gesichts der Funde und Befunde schnell geerdet“, sagt sie. „Theori-
nahm an Ausgrabungen teil und arbeitete an Ausstellungen zu en sind und sollten immer Empirie-geladen sein, so wie die Empi-
Themen regionaler Archäologie mit. Sie warb Drittmittel ein, er- rie immer auch Theorie-geladen ist.“

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im porträt
im porträt Archäologie
nah am Menschen
Kurz nach der ersten Annäherung kam die Erkenntnis, dass Ar- Nach einer Bestandsaufnahme des Gesehenen und Gelernten fällt Aber bei all den sensationsheischenden Bemühungen des „My-
chäologie mehr ist als nur ein einzelnes Fach. Schon im gesamten schließlich die Entscheidung, die Eisenzeit zum Schwerpunkt des thos Kelten“ zeigt sich am Ende doch, dass die meisten Menschen
zeitlichen Spektrum waren Fächervielfalt und Methodenvariation Forschens zu machen. „Dass es keine schriftlichen Quellen aus die- sich vor allem für das tägliche Leben in der Vergangenheit interes-
angelegt, und das große Potential der Beschäftigung mit dem Al- ser Zeit gibt, hat meine wissenschaftliche Neugier ganz besonders sieren. Bei Führungen erlebte Susanne Sievers immer wieder die-
tertum zeigte sich besonders in der Kombination mit benachbar- beflügelt“, erzählt Sievers, ebenso wie die Herausforderung, auch sen Hang zur Nahaufnahme zusammen mit dem Staunen darüber,
ten Fächern. Wenn man zu Beginn des akademischen Lebens den mit den schnell sich ändernden naturwissenschaftlichen Metho- dass die „Alten“ nicht die unartikulierten fellbekleideten Horden
disziplinären Rahmen des Möglichen weit ausschreitet, fällt hin- den zu arbeiten. „Es ist fast aufregend, wie man mit modernen waren, eine Vorstellung, die sich immer noch hält, sondern aus-
terher das interdisziplinäre Denken nicht so schwer, weiß Susanne luftbildgestützten Verfahren von der Froschperspektive zur Vogel- gefeilte Kenntnisse hatten, ihre Umwelt zu gestalten. Als Honorar-
Sievers, die bis Ende Juli 2016 Zweite Direktorin der Römisch-Ger- perspektive kommt“, sagt die Archäologin. „Man sollte dabei aber professorin an der Goethe-Universität in Frankfurt gibt sie dieses
manischen Kommission des DAI in Frankfurt am Main war. nicht die Fähigkeit verlieren, sich die Vogelperspektive auch ohne Wissen weiter an nachfolgende Generationen in der Hoffnung,
diese technischen Möglichkeiten zu erarbeiten“, fügt sie hinzu. auf diese Art einen Teil des kulturellen Erbes zu bewahren.
Susanne Sievers studierte Vor- und Frühgeschichte, Klassische „Vor allem sollte man sich nicht zu schnell mit vermeintlich einfach Susanne Sievers hat immer nah an den Menschen geforscht. Vor
Archäologie, Kunstgeschichte, Geologie, Mittlere Geschichte und gewonnenen Ergebnissen zufrieden geben.“ So lange man den allem dem Alltagsleben in den Siedlungen wie zum Beispiel im
Prof. Dr. Susanne Sievers war bis Volkskunde in Würzburg, Göttingen, Hamburg und Marburg, wo Dialog sucht und sich mit den Grundlagen des jeweils anderen traditionsreichen RGK-Vorhaben im keltischen Oppidum von
Ende Juli 2016 Zweite Direktorin der sie 1978 mit dem Thema „Die mitteleuropäischen Hallstattdol- Fachs vertraut macht, kann man in der Zusammenschau zu besten Manching galt ihr Interesse.
Römisch-Germanischen Kommission des che. Ein Beitrag zur Waffenbeigabe der jüngeren Hallstattzeit“ Ergebnissen kommen, besonders wenn man die Chance ergreift, „Bei Ganzjahresgrabungen denkt man sich in die Dinge hinein“,
DAI in Frankfurt am Main. Foto: privat promoviert wurde. Von 1978 bis 1981 beteiligte sie sich an der die anderen Methoden jeweils als Korrektiv der disziplinär erar- erzählt die Archäologin. „Man fragt sich, wie kalt es wohl in den
Erforschung des Fürstensitzes Heuneburg in einem Projekt der beiteten Ergebnisse zu nutzen. „Mir hat es immer Spaß gemacht, Häusern war oder wie es gerochen haben mag“. Susanne Sievers
Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seit 1982 war sie bei der Rö- mit den anderen zu reden.“ Eine ähnliche Herausforderung stellen ist davon überzeugt, dass die Natur – sei es Topographie, seien
misch-Germanischen Kommission des DAI Referentin für Eisenzeit die in Europa teils sehr unterschiedlichen Forschungstraditionen es die Jahreszeiten – die Vorstellungswelt der Menschen prägte
und arbeitete von Beginn an in der Redaktion mit. Seit 1994 war dar. Die Teilnahme am französisch-deutschen Alesia-Projekt war und träumt den Traum der meisten Archäologen: Einmal sich zu-
Susanne Sievers Zweite Direktorin der RGK. Sie leitete seitdem das für sie eine Art Lehrstück. rückversetzen lassen in der Zeit zu diesen Menschen, denen man
Projekt zur Erforschung des Oppidums von Manching und die Re- Als Spezialistin für die Eisenzeit war Susanne Sievers stets mit ei- schon so nahe gekommen ist und die dennoch das letzte Geheim-
daktion. nem „Mythos“ konfrontiert, der gern mit raunenden Sensationen, nis niemals preisgeben werden.
Susanne Sievers schätzt die inspirierende Kraft des Vergleichs, Esoterik aller Art und geheimnisvollen Figuren einhergeht und so
nicht nur im Studium unterschiedlicher Fächer an verschiede- das belegbare Bild stark verzerrt. „Wir wissen gar nicht so viel, dass
nen Universitäten, sondern auch in der Auseinandersetzung mit wir mit Gewissheit sagen könnten: ‚Das genau waren die Kelten‘“,
anderen Kulturen. Das Reisestipendium des DAI führte sie 1981 warnt Sievers vor Zuschreibungen und Projektionen, die durch
bis 1982 nach Italien, Griechenland, in die Türkei, nach Ägypten, keinen archäologischen Befund gedeckt sind. „Es ist unbedingt
Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Spanien und Portugal, schließlich richtig, die Öffentlichkeit zu informieren, auch in unterhaltender
nach England bis zu den schottischen Orkneyinseln. „Ähnlich wie Form, aber man sollte auf dem Boden dessen bleiben, was nach
die Vielfalt der Fächer erweitern erlebte kulturelle Unterschiede Faktenlage denkbar ist“, findet die Archäologin mit Blick auf die
den Horizont und fördern das vorurteilsfreie Denken und Lernen“, vielen medial verbreiteten Klischees über die Kelten. „Wir müssen
weiß Susanne Sievers. dabei auch klarstellen, was wir wissen und was nicht.“

70 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 71


alltag archäologie
Dr. des. Johanna Sigl,
alltag Wissenschaftliche Mitarbeiterin
der Abteilung Kairo des DAI, leitet
archäologie das Projekt „Lebenswirklichkeiten“
auf der Nilinsel Elephantine.
Foto: DAI Kairo

nahaufnahme
Elephantine auf der Südspitze der Insel
„Gezirat Aswan“ bei Assuan am Ersten Kata-
rakt. Im Hintergrund der Friedhof der hohen
Beamten aus der Zeit des Mittleren Reichs,
die sogenannte Qubbet el-Hawa.
Die Erforschung der Lebenswirklichkeit einer altägyptischen Stadt Foto: Borrmann

„K leinteilig“ ist nicht das erste


Wort, das sich aufdrängt, wenn man
die Kombination „Ägypten“ und
„Archäologie“ hört. Die gewohnten
Bilder von gigantischen Pyramiden
sind zu schnell, um sich nicht vor-
zudrängen. Und lange haben sie ver-
deckt, dass auch im alten Ägypten
nicht nur Könige und Priester lebten,
sondern auch ganz normale Menschen.
Sie hatten einen Alltag zu gestalten,
der nichts mit höfischem Zeremoniell
zu tun hatte, sondern mit Essen,
Trinken, Arbeiten, und damit, eine
Wirklichkeit zu gestalten, die man
gemeinhin „Leben“ nennt.

72 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 73


alltag archäologie
„Lebenswirklichkeiten“ heißt denn auch ein Projekt der Abteilung „Wie gestaltete sich das Leben auf der Insel? Wie nutzte man Räu-
Kairo des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) unter der Lei- me? Wie waren die Einwohner situiert und vernetzt? Woher be-
tung von Johanna Sigl, das seit 2013 die eher irdischen Aspekte zogen sie die Rohstoffe und Güter für ihr tägliches Leben und
Altägyptens erforscht, genauer: Die Wirklichkeit des Lebens in der Werken?“
Stadt Elephantine. So umschreibt Johanna Sigl die Nahaufnahme auf das alltägli-
Bislang dienten Abbildungen aus Gräbern, Texte auf Papyri und che Leben der Bewohner im nordwestlichen Teil der historischen
Ostraka und die Überlieferungen alter Historiker wie Herodot als Stadt. Das Projekt „Lebenswirklichkeiten – Eine Synthese von
Hauptgrundlage für die Rekonstruktion altägyptischer Lebensver- Archäologie und Naturwissenschaften“ verbindet Jahrzehnte
hältnisse. Aber es ist die Oberschicht des pharaonischen Ägyptens, Erfahrung in der archäologischen Feldarbeit mit modernsten
die hier zu Wort kommt. Die kleinen Leute in ihrem kleinen Leben Forschungsmethoden.
bleiben meistens stumm. Im Mittelpunkt der Untersuchungen steht ein bisher nicht bear-
beiteter Bereich der Wohnstadt auf Elephantine aus der Zeit des
Als eine der ältesten ägyptischen Städte, vor 6000 Jahren auf einer Mittleren Reichs (ca. 2137 bis 1781 v. Chr.). „Die hervorragend Plan zweier Häuser der 12. Dynastie.
Insel im Nil gegründet und gegenüber dem Nukleus der heuti- erhaltene Schichtbildung erfordert und ermöglicht eine äußerst Hier fanden die Archäologen Hinweise für
gen Stadt Assuan, der südlichsten und einer der größten Städte kleinteilige Arbeitsweise im Feld“, erklärt Johanna Sigl. Durch ar- die Produktion von Schmuckgegenständen
Ägyptens, gelegen, wird Elephantine seit 1969 von Archäologen chäometrische Untersuchungen hoffen die Wissenschaftlerinnen aus Amethyst und Karneol. In Gelb markiert
des DAI gemeinsam mit dem Schweizerischen Institut für Ägyp- und Wissenschaftler dem „Dreck“ aus den Siedlungen so viele das umliegende Straßennetz.
Abb.: Kopp
tische Bauforschung und Altertumskunde (Kairo) erforscht. Ein Informationen wie möglich abzuringen. „Wir können auf diese
halbes Jahrhundert Forschung zeitigt umfangreiche Ergebnisse. Art den Aufbau, die Verarbeitung und Nutzung einer Vielzahl or-
Die Geschichte der Stadt ist gut bekannt, ihre Tempel, Festungen ganischer und anorganischer Überreste des Alltagslebens iden-
und die Siedlungen der verschiedenen historischen Phasen, die tifizieren“, erklärt Sigl, „zum Beispiel Knochenfragmente, botani-
sich dort zu einem hohen Hügel auftürmen. Und dennoch: Immer sche Mikroreste oder unsichtbarer Rückstände von ehemaligen
noch gibt es Dinge, die die Archäologen nicht wissen. Inhaltsstoffen in Gefäßen.“

Lebenswirklichkeiten. Überblick über das Ausgrabungsgelände. Foto: Kopp

74 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 75


alltag archäologie
Grabungsmitarbeiter Abdel Rasul birgt Erdproben und Kleine Staubbrocken im Schlämmwasser können das Sepa-
Abschläge von Karneol aus Haus 166, wie sie bei der Herstellung FuSSabdruck eines etwa fünfjährigen Kindes. Zur Zeit Knochenfunde aus einem fast vollständig erhaltenen Gefäß. rieren des Probenmaterials erschweren und die Reinheit der ausge-
von Perlen entstehen. Foto: Kopp des Häuserbaus in der 12. Dynastie war der Lehm noch Um Kontaminationen zu vermeiden, trägt er Handschuhe. schlämmten Funde beeinträchtigen. Deshalb werden sie zunächst
feucht genug, um Spuren aufzunehmen. Foto: Kopp Foto: Kopp in einem Netz von 0,5 mm Maschenweite vorgesiebt. Foto: Kopp

Die Umstellung der Methoden Mikromorphologie

Um das Projekt auf eine methodisch breite Basis zu stellen, wurde mentproben in großem Umfang, die zunächst durch verschiede- „Das Aufkommen der Funde ist immens“, erzählt Sigl. Gut für die Wenn der Block fest ist, werden Dünnschliffe hergestellt. Grund
Ende 2014 ein interdisziplinärer Workshop durchgeführt. Eines ne Siebtechniken, Floaten und Schlämmen weiter bearbeitet und Archäologen, aber auch eine logistische Herausforderung. des aufwendigen Verfahrens ist die Undurchsichtigkeit der Böden,
der Ergebnisse war eine deutliche Umstellung der Ausgrabungs- vorsortiert werden. „Auf diese Art erschließt man ein völlig neues Was von offensichtlichem Museumswert ist, wird in Zusammen- was sie für die Analyse unter dem Durchlichtmikroskop unzu-
und Fundbearbeitungsmethoden. „Bei Ausgrabung, Bergung und Fundspektrum“, freut sich Johanna Sigl. Doch der Erkenntniszu- arbeit mit ägyptischen Behördenvertretern zur Sicherheit direkt gänglich macht. Schließt man die Bodenproben aber in ein gut
Lagerung von Funden achten wir auf ein Maximum an Kontami- wachs hat auch einen Preis: Damit die Fundstücke auch wirklich ins Zentralmagazin des Ministeriums für Altertümer in Assuan aushärtendes Harz ein, kann man sie in sehr dünne Schichten – ca.
nationsfreiheit, das heißt, wir behandeln unseren Ausgrabungs- frei von Fremdkörpern bleiben, herrscht am Platz Rauch-, Ess-, gebracht. Die meisten Funde gehen jedoch ins Durchlaufmagazin. 0,03 bis 0,02 Millimeter (30 bis 20 µm) – schneiden oder schleifen,
platz wie den Tatort eines Verbrechens, an dem eine forensische Trinkverbot. Und wenn es an Objekte geht, die als Zeugnisse des „Wir haben Reste von Holzkohle, Knochen, Keramikscherben, bo- so dass genügend Licht passieren kann.
Analyse des Tathergangs erstellt werden soll“, sagt Sigl. Größere Alltagslebens auf Elephantine besonders vielversprechend sind, tanische Makroreste, von denen wiederum Proben anschließend
Fundstücke werden nach wie vor in Handlese geborgen. Für die tragen Archäologen und Grabungsarbeiter Handschuhe, damit in einem Labor der Assuan University untersucht werden“, erklärt „Die Mikromorphologie ist der Teil der Morphologie, der sich mit
naturwissenschaftlichen Analysen nehmen die Ausgräber Sedi- sie nicht mit Sonnencreme oder Schweiß in Berührung kommen. Sigl. Dort werden zum Beispiel zerstäubte Proben aus Gefäßen dem makroskopisch nicht mehr auflösbaren Ausschnitt eines
im Massenspektrometer auf unsichtbare Rückstände untersucht. Objektes befasst“, beschreibt Fritzsch (zusammen mit Heinrich
So können sich Hinweise auf die Art des ehemaligen Inhalts und Thiemeyer) im Tagungsband des 3. Mitteldeutschen Archäolo-
damit auf die kulinarischen Interessen der Bewohner der alten gentags die naturwissenschaftliche Methode, die immer mehr
Stadt ergeben. Eingang in die Archäologie findet.
Die gerade anlaufende Kooperation mit den ägyptischen Kol- Was man dabei herausfindet, ist etwas wie die Biographie eines
legen in Assuan ist für die DAI-Archäologen ein Glücksgriff, wie Stücks Boden. Man kann seine Entstehung nachvollziehen, mög-
Johanna Sigl findet. Die Labore sind nah am Ausgrabungsort gele- lichen Wassereintrag oder verborgene Brandspuren. Man kann
gen, exzellent ausgestattet, der wissenschaftliche Austausch ziel- sogar unterscheiden, ob Menschen oder Tiere sich über ihn be-
führend. „Ägypten hat ein großes Potenzial als Forschungsnation, wegt haben, weil Zweibeiner mit Füßen und Vierbeiner mit Hufen
das man nicht nur in Kairo suchen sollte.“ unterschiedliche Verdichtungsspuren im Boden hinterlassen.
Die Kooperationen der DAI-Archäologen ist international ausge-
legt. So kommen zum Beispiel die Archäobotanikerin wie auch die
Röntgenfluoreszenz-Expertin aus Großbritannien.
Die Mikromorphologin des Projekts „Lebenswirklichkeiten“
ist die Bodenwissenschaftlerin Dagmar Fritzsch von der
Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie schließt kleine
Mengen Material in ein schnell aushärtendes Harz ein.

Ausgesiebte Kleinstfunde von Knochen, Samen


und Pflanzenteilen, aus denen man auf die Ernährung
schließen kann. Außerdem fanden die Archäologen
Kotklümpchen und Insektenreste, die Hinweise auf
Workshoptreffen der Projekt-Mitarbeiter und internationaler die Umstände der Lagerung von Lebensmitteln
Kollegen im Grabungshaus des DAI auf Elephantine. (zum Beispiel Schädlingsbefall oder Zusammen-
Foto: Looney setzung der Lagerung) geben. Foto: Kopp

76 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 77


alltag archäologie
Die Bodenwissenschaftlerin Dagmar Fritzsch bei der Entnahme von Blockproben. Dagmar Fritzsch bereitet im Durchlaufmagazin auf der Projekt-Mitarbeiter Aid sortiert Knochen- und Pflanzenreste
Wichtig ist es, die Beprobung an verschiedenen Bodenhorizonten und darin an verschiedenen Insel Elephantine die Proben für den Transport ins Labor vor. sowie Gesteinssplitter aus einer geschlämmten Probe aus. Danach
Bodenstellen vorzunehmen, um so einen Überblick über Vorgänge an unterschiedlichen Stellen Foto Kopp werden die verschiedenen Objektkategorien von Spezialisten unter-
eines Raums zu gewinnen. sucht. Foto: Kopp
Foto: Kopp

Alltag

Die Forschung im Projekt Lebenswirklichkeiten ist wesentlichen Die außergewöhnliche Heterogenität der Funde und die Kom-
Großbereichen menschlichen Lebens nachgezeichnet: Ernährung, plexität des Platzes erfordern eben nicht nur eine Umstellung
Arbeit und Lebensraum. der Grabungstechniken, sondern auch eine parallel und offen
Die Produktion, Zubereitung und Anschaffung von Nahrung füllt verlaufende wissenschaftliche Diskussion wie auch eine Erweite-
einen Gutteil des täglichen Lebens in der Antike aus. Dabei ist rung des Methodenspektrums nach den in Ägypten vorhandenen
wiederum die Verteilung von Nahrungsmitteln und Getränken Möglichkeiten.
in ein hoch komplexes System von Produktion und Handel ein- „Ohne den intensiven internationalen Austausch und ohne die Be-
gebunden. Behältnisse aus Keramik, Stein, Leder oder Korb sind teiligung der Naturwissenschaften wären die Aufgaben nicht zu
nötig, um Lebensmittel zubereiten, lagern und transportieren zu bewältigen.“
können. Mittels welcher Verfahren und mit welchen Werkzeugen
wurden sie hergestellt? „Wir wollen wissen, wie der unmittelbare
Lebensraum der Menschen beschaffen war“, sagt Sigl. „Waren die
Häuser vielleicht feucht oder eher trocken? Wie war die Aufteilung
der Räume, wie wurden sie genutzt?“ Und endlich: Wohin mit den Kooperation und Förderung
Abfällen?
Schließlich mussten die Bewohner der Stadt diese Lebenswelt er- Ministry of Antiquities
bauen, mussten Kleidung herstellen, Waffen, Werkzeuge, Gefäße, Labors de l'Institut français d’archéologie orientale
Schmuck. Woher kamen die Rohstoffe, wohin wurden womöglich Le Caire, Égypte;
die Produkte verhandelt? Dr. Eva Panagiotakopoulou (School of Geoscience,
Die Komplexität des wirklichen Lebens muss sich in der Forschung University of Edinburgh) und Dr. Ola el-Aboudy
widerspiegeln, ist Johanna Sigl überzeugt. „Einzelanalysen ohne (Department of Egyptology, Cairo University)
Kontext führen zu nichts“, sagt die Archäologin. Deshalb legt sie im Rahmen einer Drittmittelgenehmigung des
als Grabungsleiterin Wert darauf, dass alle Mitarbeiter im Vorha- Newton-Mosharafa-Fund zur Forschung und
ben sich gegenseitig intensiv auf dem Laufenden halten. In regel- Vermittlung von Entomologie am Material von Plan der Häuser 166 und 73. Untersuchung zur Lebensqualität auf Elephantine.
mäßigen Workshops wird der Austausch weiter vertieft. Dazu ge- Elephantine; Abbildung (a) zeigt den Einblick in die Häuser von der Tür, die zur Straße führt.
hören auch, wie Sigl findet, die eigenkritische Fehleranalyse und Im Antragsprozess: In Abbildung (b) sieht man, welche Räume jemand einsehen konnte, der sich im ersten
ständige Überprüfung der Methoden auf Angemessenheit und Dr. Dagmar Fritzsch (Institut für Physische Geogra- Durchgang befand.
Anwendungsfähigkeit. phie, Goethe Universität Frankfurt a. M.) (DFG) Abbildung (c) macht deutlich, wie weit Gerüche von der Straße ins Haus eindringen konnten.
Pläne: Kopp
Prof. Dr. Abdel Aziz Tantawy, Prof. Dr. Hassan
Khozyem (Faculty of Science, Aswan University).

78 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 79


standort
standort

Weltweit
der Forschung der KAAK, Forschungs- Umfeld werden im Zusammenspiel von
Die Kommission projekte werden darüber hinaus auch Geistes-, Kultur- und Naturwissenschaften
in Afrika, Lateinamerika und Ozeanien untersucht.
für Archäologie durchgeführt. Mit anderen Worten: Die Eine besondere Bedeutung der Arbeit der
Arbeitsgebiete der KAAK liegen außer- KAAK ergibt sich für die deutsche Archäo-
Außereuropäischer halb des Mittelmeerraums und damit logie dadurch, dass viele ihrer Forschungs-
des traditionellen Arbeitsgebiets des DAI. gebiete nicht an den Hochschulen vertre-
Kulturen (KAAK) Auch der Zeitraum der Untersuchungen ten sind. Damit kommt der KAAK auch in
verlässt die Grenzen klassischer Archäo- der Ausbildung eine besondere Bedeu-
logie hin zu prähistorischen Zeiträumen. tung zu.
Der Wissenschaftsrat schreibt in seiner Dabei ermöglicht es der globale Ansatz Die Projekte der Kommission tragen darü-
Evaluation des Deutschen Archäologi- der KAAK prähistorische und historische ber hinaus der Tatsache Rechnung, dass in
schen Instituts von 2015: „Das DAI sollte Entwicklungen in ihrer ganzen Vielfalt zu vielen Kulturräumen der Welt die archäo-
den eingeschlagenen Weg hin zu einer erforschen. In Anbetracht des großräum- logische Forschung in zunehmendem
Globalarchäologie engagiert weiterver- lich sehr unterschiedlichen Kenntnisstan- Maße eine bedeutende Rolle in der Ge-
folgen.“ Die Kommission für Archäologie des beteiligt sich die KAAK gleichermaßen schichtsfindung einnimmt.
Außereuropäischer Kulturen verfolgt ge- an der archäologischen Grundlagenfor-
nau diesen Ansatz und bildet damit im schung der verschiedenen Gastländer wie
Sinne des Wissenschaftsrates das DAI im auch an Untersuchungen zu übergreifen-
Kleinen ab. den Themenkomplexen.
Bei ihrer Gründung 1979 hieß sie noch
Kommission für Allgemeine und Verglei-
chende Archäologie (KAVA ), ihren heuti-
Im Zentrum der Forschung stehen die
komplexen Beziehungen von Gesellschaf-
ten vergangener Zeiten in spezifischen
Kommission für Archäologie
AuSSereuropäischer Kulturen
(KAAK) Bonn
Archäologie weltweit
gen Namen trägt sie seit 2005. Ihr Sitz ist Umweltbedingungen und in ihrer Nut- Dürenstraße 35-37 Die Standorte des Deutschen Archäologischen Instituts
in Bonn, weit entfernt davon liegt ihre zung bestehender Ressourcen. Transdiszi- 53173 Bonn
Außenstelle in Ulaanbaatar in der Mongo- plinäre Arbeit ist dabei unverzichtbar, die Deutschland
lei. Asien ist nur einer der Schwerpunkte Fundplätze und ihr weiteres räumliches +49 (0)228 997712-0 Berlin Kairo
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Frankfurt am Main Sana'a
Athen Peking
Istanbul Bagdad
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Lissabon Ulaanbaatar
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80 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 81


Prof. Dr. Katja Sporn
ist Erste Direktorin der
Abteilung Athen des DAI.

panorama
Foto: DAI Athen

panorama

» Abai
Ausgangspunkt unserer Reise, die wir im
Sommer 1926 unternahmen, war Orcho-
menos (Skripou). Als erstes Ziel galt Ex-
archo, doch wählten wir nicht den direk-
von der Sandolakka eingefasst wird, 21/2
Stunden von Metochi, liegt das ärmliche
Kloster H. Nikolaos, ganz versteckt in ei-
nem Hain von wilden Öl-und Feigenbäu-
Das Manuskript
Die abenteuerlichen Wege eines Reiseberichts

Erich Gose und Friedrich Schober


ten Weg durch die Kopais-Ebene, sondern men. Die byzantinische Kirche enthält im
Die eindrücklichen Zeilen entstammen dem Bericht zweier junger „Das Schicksal des Manuskripts ist abenteuerlich“, weiß Katja Sporn,
machten einen Umweg über die westli- Innern, in der Rechten der drei Apsiden Männer, Erich Gose und Friedrich Schober, die im Jahr 1926 mit Erste Direktorin der Abteilung Athen des DAI. „Erst 1932 taucht
chen Höhenzüge, die die Ebene begren- eine große antike Basis für einen Dreifuß. einem Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts eine Erwähnung des Manuskripts in einem Brief Schobers an Wal-
Von hier bis Exarcho sind noch 2 Stunden durch Phokis, eine Gebirgslandschaft in Mittelgriechenland, reis- ther Wrede, damals noch Zweiter Sekretar am DAI Athen, auf, der
zen. Wir überschritten den Melas, der am
ten. Kalapodi war eine ihrer ersten Stationen. Damals war das dort wiederum erst 1933 antwortete.“ Zu diesem Zeitpunkt gingen
Akontion entspringt und erreichten nach ohne rechten Weg über die Palaiovuna ins liegende, seit einigen Jahren vom Deutschen Archäologischen die beiden Stipendiaten davon aus, ihr Manuskript würde nun er-
etwa einer Stunde von Skripou Tsamali. Tal; dort läuft der Weg, der von Orcho- Institut ausgegrabene Heiligtum noch nicht gefunden, das mit scheinen. Doch es kam anders. Noch einmal fünf Jahre vergingen,
menos nahe am Fuße des Höhenzuges großer Wahrscheinlichkeit mit dem antiken Orakelheiligtum von bis es Anfang 1938 eine neue Entwicklung gab. Aus der Korres-
Tsamali, eine ärmliche Hirtenansiedlung
Abai gleichgesetzt werden kann. Das Manuskript ihres Reisebe- pondenz Schobers und Goses geht hervor, dass es offenbar Be-
mit der Kirche des H. Georgios, liegt auf Mavrorachis (die Leute (Anwohner) richts reichten sie wohl spätestens 1928 zur Publikation bei den strebungen gab, die damals begonnene Arbeit fortzuführen und
einem runden Hügel, der sich ganz flach kennen den Namen nicht) nach Exarcho Athenischen Mitteilungen ein. Was dann aber folgte, war eine noch einmal nach Phokis zu reisen.
führt. Das Tal von Exarcho ist etwa 2 km unglaubliche Geschichte aus Missverständnissen, Verzögerungen,
über die Ebene erhebt. Firnisscherben, die
persönlichen Eitelkeiten, Verrat und Enttäuschung.
auf diesem Hügel verstreut liegen, deuten breit und 3 km lang. Im Norden begrenzt

«
darauf hin, dass sich hier einst eine antike es die Kalogria (663 m), im Süden, wo es
Ansiedlung befand. Man setzt hier Asple- sich öffnet, liegt der Burgberg von Abai.
don an. Mauerreste sahen wir nicht. Der Tithorea 1926. Ansicht des Ortes und des Parnassos von
Weg ging dann bergan, über drei Höhen- Norden. Links im Bild erkennt man die Kachales-Schlucht.
Foto: Gose/Schober
züge, die die Kopais-Ebene westlich ab-
schließen. Auf der zweiten Höhe liegen ei-
nige Kalksteinquadern im Mörtelverband
mit Ziegeln, ostwestlich orientiert, wohl
aus römischer Zeit; ein Grundriss ließ
sich nicht feststellen. Westlich von hier,
nach einer guten Viertelstunde, gelangten
wir nach Metochi, das von Ölbäumen be-
standen, auf dem dritten Höhenzug liegt.
Von Bauten ist nur eine in Steine gefasste
Quelle erhalten. Von hier aus in nord-
westlicher Richtung bergab erblickt man
den Kephissos und jenseits Chaironea,
Panopeus und Daulis. In einer Mulde, die
im Norden von den Palaiovuna, im Süden

82 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 83


Tithorea 1926,
ein Turm der Stadtanlage.

panorama
Foto: Gose/Schober

Tithorea 1926. Diese Höhle hatten Erich Gose und Tithorea. Gruppenbild der Kampagne 2016 vor der
Friedrich Schober entdeckt. Foto: Gose/Schober ‚Schober-Gose-Höhle‘. Foto: Sporn

Doch die nächste Enttäuschung folgte bald. Das geplante Unter- gegenüber DAI-Präsident Schede, dass sie das Vorhaben nicht Phokisreise Die Höhle
nehmen scheiterte am „Widerstand des Herrn Wrede”, wie Schober weiter verfolgen wollten. Dennoch keimte Ende 1938 noch ein-
schreibt, mit einer Begründung, die darauf hinauslief, den ehema- mal Hoffnung auf. Sollte es nun doch eine Fortsetzung der Arbei- Im Herbst 2015 führte das DAI Athen im Rahmen eines Länder- Auch die Reisenden von 2015 entdeckten auf ihrer Tour durch
ligen Stipendiaten mangelnde Kompetenz zu unterstellen. ten inklusive einer Reise im folgenden Jahr geben? „Zumindest kurses eine Gruppe junger Post-Docs aus verschiedenen alter- Phokis in Tithorea eine Höhle mit verschiedenen Relief- und Ritz-
„Auch wenn manche Teile sicher eingehenderer Durchsicht und Schober äußerte sich eher vorsichtig, und er sollte recht behalten.” tumswissenschaftlichen Disziplinen nach Phokis. Betreut wurde verzierungen, darunter einem antiken Pan-Relief im Innern. „Ober-
Korrekturen bedurften, ist der Vorwurf nicht gerechtfertigt“, sagt Die Publikation rückte bald wieder in weite Ferne. Schließlich ga- die Reise unter Beteiligung des Archäologen Panos Valavanis von flächlich sahen wir nur etwas Keramik“, sagt Katja Sporn. Zunächst
Katja Sporn. „Ganz im Gegenteil. Einige Orte wurden überhaupt ben Erich Gose und Friedrich Schober die Hoffnung auf die Pu- der Universität Athen, von Katja Sporn und dem Althistoriker Pe- verständigten die Archäologen die griechischen Behörden, damit
erstmalig entdeckt und andere zum ersten Mal ausführlich be- blikation ihres Berichts endgültig auf. Offenbar forderten sie nur ter Funke von der Universität Münster. „Peter Funke erinnerte sich weitere Untersuchungen durchgeführt werden konnten. Im Zuge
schrieben, wie etwa die eindrucksvollen Stadtmauern von Titho- den Teil des Manuskripts zurück, der sich mit den Inschriften in daran, vor ungefähr 30 Jahren im Archiv des DAI Athen ein unpu- der Vorbereitung der archäologischen Arbeiten stellte sich her-
rea.“ Die beiden Stipendiaten gaben zunächst auf und erklärten Phokis beschäftigt, die sie neu gefunden hatten. Schober sendete bliziertes Manuskript von Schober in der Hand gehalten zu haben“, aus, dass ein Großteil der im Manuskript abgebildeten Photos als
diesen Teil im Sommer 1939 zur Drucklegung oder Verwahrung erzählt Katja Sporn. Joachim Heiden, Leiter des Archivs der Abtei- Glasplattennegative bzw. Abzüge im Photoarchiv des DAI Athen
an den Leiter der „Inscriptiones Graecae“ an der Berlin-Branden- lung Athen, holte das Manuskript im November 2015 wieder her- vorhanden waren. Es waren die Bilder von Schober und Gose von
burgischen Akademie der Wissenschaften mit der Bitte, darüber vor. Es stammt aus dem Jahr 1926 und führt den Titel „Ergebnisse ihrer Phokisreise im Jahr 1926! Aber war es auch dieselbe Höhle?
zu verfügen. Falls eine Publikation nicht möglich sei, „mag die Ar- einer topographischen Reise durch Phokis“. Sie war es nicht, wie sich bei genauer Untersuchung herausstell-
Die Mauer in Hyampolis beit als Material in den Kästen der Akademie ruhen“, wie Schober Die Mappe trägt einen mit Bleistift geschriebenen Vermerk te. „In der zerklüfteten Landschaft an der Nordseite des Parnassos
Foto: Gose/Schober in dem Begleitbrief schrieb. „Berichte“ sowie den Zusatz „Schober?“. Sie enthält ein maschi- gibt es sehr viele Höhlen“, erklärt Sporn die Verwechslung. Doch
nenschriftliches Manuskript im Umfang von 49 Seiten, das mit sie war Anlass, 2016 einen Höhlensurvey in der Region um Titho-
handschriftlichen Ergänzungen, 20 eingeklebten Schwarz-Weiß- rea durchzuführen. „Es war nicht unwahrscheinlich, die Höhle von
Fotografien und einigen Nachträgen und Anmerkungen versehen Gose und Schober zu finden“, sagt Katja Sporn. Diesmal hatten die
ist. „Die bibliographischen und epigraphischen Nachträge zum Archäologen Glück.
Bericht stammen offenbar von Schober, die Bau- und Kunstdenk-
mäler betreffenden Ergänzungen aber eher von Gose, der der aus-
gebildete Klassische Archäologe war“, sagt Katja Sporn. „Die histo-
rischen und textkritischen Teile gehen sicher auf den Althistoriker
Schober zurück, der mit seiner Phokis-Dissertation das ganze Wis-
sen über die bisherige Literatur zu dieser Region mitbrachte und
der auch das Unternehmen initiiert hatte.“
Das Manuskript besteht aus neun Kapiteln, von denen acht einzel-
ne Orte behandeln, das neunte alle von den beiden Wissenschaft-
lern während ihrer Reise aufgezeichneten Inschriften. Die Reihen-
folge der acht besprochenen Orte folgt der Reiseroute vom Juni
1926: Orchomenos – Abai – Hyampolis – Kalapodi – Elateia – Modi
– Tithorea – H. Marina – Daulis – Panopeus. An einer Stelle des Ma-
nuskripts ist die Rede von einer Höhle in Tithorea, die Textstelle ist
mit einer Fotografie ihres Eingangs illustriert.

Tithorea. Die ‚Pan-Höhle‘ hatten Mitglieder des Phokiskurses


2015 entdeckt. Ansicht außen. Foto: Sporn

84 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 85


panorama
» Tithorea
Das alte Tithorea ist eine der schönsten
Burgen Griechenlands. Nicht nur wegen
seiner guten Erhaltung, sondern wegen
seiner großartigen Lage überhaupt. Wenn
Der Zweck dieser Mauer kann nur der
gewesen sein, zu verhindern, dass der
Angreifer von dieser Terrasse aus die Stadt
beschoss. Von hier aus in die Stadt ein-
Phokis in Mittelgriechenland ist reich an Höhlen.
‚Gose-Schober-Höhle’ (l.) und Pan-Höhle (r.) Foto l.: Laufer, Foto r.: Birk

Die Höhle konnte 2016 wieder geortet, gereinigt und aufgemes- dann auch in den Athenischen Mitteilungen der Bericht ihrer
man vom Kephissos herkommt, so muss zudringen, war nicht möglich, weil die sen werden. Phokisreise seiner Bestimmung zugeführt und wissenschaftlich
Im Rahmen einer vom BMBF finanzierten großen Phokis-Tagung, kommentiert publiziert werden – 89 Jahre nach Einreichung des
man zunächst eine breite, kahle Ebene Terrasse nicht direkt über dem Stadtgebiet, die im Frühjahr 2017 am DAI Athen stattfinden wird, werden das Manuskripts!
durchqueren, die so steinig ist, dass nur sondern mehr westlich liegt, und weil die Schicksal des Manuskripts und der beiden Männer erstmals der Ein Rätsel bleibt noch zu lösen. „Im Manuskript ist von Plänen die
kümmerlicher Pflanzenwuchs dort ge- steilen Felsen einen Abstieg von hier aus Öffentlichkeit bekannt gegeben. Dort werden zudem griechische Rede“, sagt Katja Sporn. In der Mappe waren sie nicht enthalten,
und deutsche Archäologen die Ergebnisse der Untersuchungen im alten Inventarverzeichnis des Athener Archivs sind sie aber ver-
deiht. Vereinzelt in der Nähe des Ortes auch unmöglich machen. Irgendwelche in Tithorea vorstellen, die mittlerweile auch eine Neukartierung merkt. „Also müssten sie eigentlich irgendwo sein“, ist Katja Sporn
Velitza wird diese wahre Steinwüste durch Reste, die darauf schließen lassen, dass der eindrucksvollen Stadtmauern nach einer Reinigung im Herbst überzeugt. Ein nicht endendes Forschungsprojekt.
kleine bebaute Felder durchbrochen, auf hier ein ständig bewachtes Fort lag, 2016 umfassen. Sie wurde von der Ephorie von Phthiotis und dem
Referenten der Athener Abteilung Eric Laufer durchgeführt. Die
denen meistens Tabak wächst. Um so ergaben sich nicht. Chance, solche Forschungen durchzuführen, hatten die dama-
überraschender ist der Eindruck des Dor- ligen Reisestipendiaten nicht bekommen. Im gleichen Jahr soll Tithorea. Ansicht des Stadtbergs von
Norden. Foto: Sporn
fes mit seinen grünen Gärten und hohen Die einzigen Spuren von Menschenhand
Platanen, die der abgeleitete Kachalesbach fanden wir in einer natürlichen Höhle,
tränkt. Dieses Dorf liegt etwa in der Mit- die etwa in der Mitte der Terrassenlang-
te des ehemaligen Festungsbezirkes. Das seite im Felsen liegt. Sie ist 9 m tief,
alte Bett des Kachales bildet eine überaus 4 m hoch und 11 m breit. Einige in den
breite und tiefe Schlucht, die die Festung Fels gehauene Stufen führen hinein. Im
gegen jeden Angriff von O schützte. Innern beweisen verschiedene kreisrunde

«
Einen noch besseren natürlichen Schutz Löcher, sowie rechteckige Einarbeitungen
bietet der Parnass, der im S mit seinen für Stelen, dass hier eine alte Kultstätte
steilen Hängen wie eine gigantische war.
Mauer vor dem Dorf steht.
( ... )

86 _ archäologie weltweit archäologie weltweit _ 87


impressum
Archäologie Weltweit
Magazin des Deutschen
Archäologischen Instituts

4. Jahrgang / 2  2016

HERAUSGEBER
Deutsches Archäologisches Institut
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TEXT, REDAKTION
UND ORGANISATION
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www.wortwandel.de

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Bessemerstraße 2–14  12103 Berlin Vietnams in 20 Beiträgen eines
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www.koenigsdruck.de vom 7. Oktober 2016 bis 26. Februar 2017

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Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Anschließend:
Nicole Kehrer Chemnitz: 31.März bis 20. August 2017
Podbielskiallee 69–71  14195 Berlin Mannheim: 16. September 2017 bis 7. Januar 2018
presse@dainst.de  www.dainst.org

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sämtliche Nutzungsrechte des verwen-
deten Bildmaterials beim Deutschen
Archäologischen Institut. Eine Weiter-
verwendung ist nur nach ausdrück-
licher Genehmigung erlaubt.

88 _ archäologie weltweit
Das Nephrit-Zepter von Xóm Rền aus Nordvietnam ist mit einer Länge von 64 cm das

Arc h äo lo g i e w e lt w e i t
größte Schmucksteinobjekt Südostasiens. Es wurde zufällig 2006 mit anderen Beigaben eines
spätsteinzeitlichen Grabes entdeckt und datiert etwa in das 13. Jahrhundert v. Chr.

Orte und Regionen in dieser Ausgabe

Peking. China. Cultural Heritage, Seite 20 Buto. Ägypten. Titelthema, Seite 48


Dahschur. Ägypten. Landschaft, Seite 30 Nuku Hiva. Marqueses. Titelthema, Seite 53
Rom. Italien. Das Objekt, Seite 36 Dulan. China. Titelthema, Seite 56
Afghanistan. Titelthema, Seite 42 Ounianga-Becken. Tschad. Titelthema, Seite 57
Teheran. Iran. Titelthema, Seite 42 Berlin. Deutschland. Titelthema, Seite 62
Pietrele. Rumänien. Titelthema, Seite 46 Elephantine. Ägypten. Alltag Archäologie, Seite 72

Das Goldsiegel des Kaisers Minh Mang aus dem Jahr 1827 ist mit 4,7 kg Gold das
schwerste Goldobjekt der Vietnam-Ausstellung in Deutschland. Auf der quadratischen Siegel-
fläche ist als Handhabe ein kaiserlicher Drachen dargestellt. Dieses „Kaiserliche Siegel zur
Kontrolle des Kalenders unserer glorreichen Zeit“ wurde bis 1945 am Kaiserhof in Huế aufbewahrt
und 1945 nach der Revolution in das Nationalmuseum für Geschichte Vietnams nach Hanoi
gebracht. Fotos: Nguyễn Quốc Bình

„Deutschland und Vietnam pflegen enge und


vielfältige Beziehungen. Seit 25 Jahren ver-
bindet unsere Länder ein Kulturabkommen,
seit 2011 eine strategische Partnerschaft. Eine
wichtige Säule der guten Beziehungen zwischen
Vietnam und Deutschland sind dabei die zahl-
reichen miteinander verflochtenen Biographien
und der intensive Austausch im Kultur- und
Bildungsbereich. So ist fast überraschend, dass
die „Schätze der Archäologie Vietnams“ die
erste Ausstellung dieser Größenordnung zur
Kulturgeschichte Vietnams in Deutschland ist.
Die Ausstellung wurde langfristig und mit
großem Elan vorbereitet. Dank dafür gebührt
dem Deutschen Archäologischen Institut, das
den Hauptkurator stellt und sich sehr für das
Projekt eingesetzt hat.“
da s t i te l b i l d
Außenminister Frank-Walter Steinmeier, gemeinsam mit dem
Das sonnenartige Gebilde auf unserem Titelbild ist in Minister für Kultur, Sport und Tourismus Vietnams, Nguyễn Ngọc
Wahrheit winzig – mikroskopisch winzig. 5 bis 200 µm Thiện Schirmherr der Ausstellung, im Geleitwort zum Katalog.
„Größe“ haben Pollen – hier eine Geranium-Art –, die über
Jahrtausende resistenten Überreste von Pflanzen. Sie ermöglichen
Schlüsse auf die Pflanzendecke zur Zeit ihrer Ablagerung und geben so
Aufschluss auf klimatische Verhältnisse in der fernen Vergangenheit. Der D i e A u s s te l l u n g Die gröSSte Bronzetrommel Süd-
Untersuchung der winzigen Pollen unter dem Mikroskop geht ein langwie- ostasiens von Sao Vàng mit einem
riger Aufbereitungsprozess im Labor voran. Die Interpretationsarbeit nach 400 Exponate aus 45 Fundkomplexen erzählen von zehn Durchmesser von 1,26 m wurde 2006 in der
der Analyse ist komplex und erfordert Kenntnisse aus Ökologie und Jahrtausenden Geschichte Vietnams. Der Ausstellungs- Provinz Thanh Hóa in Nordvietnam entdeckt.
Die reiche Verzierung u.a. mit Booten und
Biologie, zu unterschiedlichen Klimaten in verschiedenen Zeiten, über aufbau orientiert sich an dem Grundriss einer Tempel-
Häusern, federgeschmückten Kriegern und
Windrichtungen und Windgeschwindigkeiten und besonders über die anlage mit einem Tempelmodell in Originalgröße in der
Tieren symbolisiert die Seelenwanderung
Ausbreitungsfähigkeiten bestimmter Pflanzen. Mitte. Großformatige Fotografien vermitteln einen vom Diesseits in das Reich der Ahnen vor
Am Deutschen Archäologischen Institut werden Pollenanalysen wie auch Eindruck von Landschaften und Kulturen Vietnams. rund 2000 Jahren.
Analysen botanischer Makroreste im Bereich Archäobotanik am Referat
Naturwissenschaften durchgeführt.
Foto: Dinies
Wenn wir unser

2 • 2016

Archäologie Weltweit – Vierter Jahrgang – Berlin, im Dezember 2016 – DAI


kulturelles Erbe erhalten
wollen, brauchen wir

archäologie weltweit
2 • 2016
Ihre Unterstützung. Magazin des Deutschen Archäologischen Instituts

TWG
Wie Sie uns helfen
können, sehen Sie hier:
w w w. t w g e s . d e

Gesellschaft der Freunde des 


Deutschen Archäologischen Instituts
Theodor Wiegand Gesellschaft e. V.
Wissenschaftszentrum Bonn
Ahrstraße 45, 53175 Bonn Foto: Gerlach

Nadja Kajan Es begann bereits vor 8000 Jahren. Archäologische Kontakte zwischen Südarabien und dem
Tel.: +49 228 30 20 Horn von Afrika lassen sich über einen langen Zeitraum nachweisen. Wie groß das Ausmaß der
Fax: +49 228 30 22 70 südarabischen Einflüsse auf Äthiopien ist, wird vom Deutschen Archäologischen Institut im
twg@wzbonn.de Rahmen eines durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes in Yeha unter-
sucht. Bedeutendes Zeugnis der überregionalen Beziehungen ist der „Große Tempel“ von Yeha.
Theodor Wiegand Gesellschaft An diesem besonderen Baudenkmal finden im Rahmen des äthiopisch-deutschen Kooperations-
Deutsche Bank AG, Essen projektes seit 2009 auch Restaurierungsarbeiten mit Unterstützung lokaler Mitarbeiter statt. Im
IBAN DE20 3607 0050 0247 1944 00 Herbst 2016 wurde zur Sicherung des Gebäudes ein Edelstahlgerüst eingezogen, das ab März titelThema

Die Vermessung des Altertums


BIC DEUTDEDEXXX 2017 das temporäre Baugerüst ersetzen wird.

Die Vermessung
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