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OOCH441"

Praktische Wahrheit und dianoetische Tugenden


bei Aristoteles

Alejandro G. Vigo

I. In einer früheren Arbeit habe ich eine Deutung der aristotelischen Auf-
fassung der praktischen Wahrheit vorgeschlagen, wie sie an der vieldisku-
tierten Stelle der Nikomachischen Ethik (NE) VI 2, 1139021-31 dargestellt
wird. Dabei habe ich vor allem die formale Struktur dieser eigentümlichen
Art der Wahrheit erörtert. und zwar im Zusammenhang mit der Struktur des
sogenannten praktischen Syllogismus.] Hier möchte ich die vorgeschlagene
Deutung durch die BerUcksichtigung damit unmittelbar zusammenhängen-
der Aspekte ergänzen. In erster Linie diskutiere ich den systematischen Zu-
sammenhang zwischen der praktischen Wahrheit und den dianoetischen
Tugenden, insbesondere der Techne und der Phronesis. Im Anschluß daran
verweise ich auch auf manche aus historisch-systematischer Sicht wichtige
Implikationen der aristotelischen Auffassung. Zuerst rekapituliere ich aber
die zentralen Aspekte meiner Deutung der fonnalen Struktur der prakti-
schen Wahrheit.

Die fonnale Struktur der praktischen Wahrheit

2. In NE VI 2, 1139a21-31 charakterisiert Aristoteles die praktische Wahr-


heil durch den Verweis auf drei Bedingungen bzw. Forderungen, die sich
jeweils auf die Rolle des Logos bzw. der Orexis bei der Handlungsmotivie-
rung wie auch auf ihren inneren Zusammenhang als handlungsmotivierende
Faktoren beziehen. Solche Forderungen tur das Bestehen bzw. das Zustan-
dekommcm der praktischer. Wahrheit lauten wie folgt: l. muß der Logos
wahr sein; 2. muß die Orexis richtig (6p&T\) sein; 3. muß eine gewisse Iden-
tität (ta am-a) bestehen zwischen dem, was der Logos behauptet, und dem,
was die Orexis verfolgt

(vgl. 1139a23-26).
Die genaue Bedeutung dieser Forderungen kann m. E. nur dann ange-
messen geklärt werden, wenn sie in Zusammenhang mit der formalen
Struktur des praktischen Syllogismus erörtert werden. So wie ihn Aristotc-
les an den wichtigsten Stellen aus De motu animalium 6-7 und De anima 111
9-13 präsentiert, liefert der praktische Syllogismus ein formales Modell fUr
die ErkJärung der Hervorbringung von Handlungen im Prinzip aller Art,
sogar über den spezifisch menschlichen Bereich der Praxis im engeren

I Siehe Vigo (1998).

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Praktische Wahrheit und dianoetische Tugenden

Sinne hinaus, auch von denjenigen ,,Handlungen", genauer noch: ..Bewe-


gungen", die den verschiedenen Fonnen des tierischen Verhaltens entspre-
chen, sofern dieses auf die Befriedigung unmittelbarer WUnschen und in-
stinktbedingter Neigungen abzielt. Genaugenommen ist der praktische Syl-
logismus kein Schluß im gewöhnlichen Sinne. Es handelt sich bei ihm
nämlich nicht um die Ableitung einer Aussage aus anderen Aussagen. Es
handelt sich bei ihm überhaupt nicht um Aussagen, auch nicht um präskrip-
tive Aussagen über Handlungen, die zu tun oder zu unterlassen wären. Das
exp/anandum, tur das der praktische Syllogismus das exp/anans liefert, ist
vielmehr die Handlung selbst, und nicht etwa die deskriptiv, präskriptiv
oder wie immer geartete Rede über die Handlung. 2 In diesem Sinne betont
Aristoteles die Tatsache, daß die conclusio eines praktischen Syllogismus
immer eine Handlung ist (vgl. Z. B. De molu animalium 7, 70la32 f.; NE
Vll 5, 1147a 29-31), und nicht eine Aussage über eine Handlung, die es
auszufUhren oder zu unterlassen gilt. Die fonnale Struktur des praktischen
Syllogismus bringt Aristoteles' Auffassung über die Hervorbringung der
Handlung deutlich zum Ausdruck. Nach dieser Auffassung kommt eine
Handlung immer dadurch zustande, daß zwei verschiedene Faktoren bei
ihrer Motivation zusammenwirken, und zwar: einerseits ein desiderativer
Faktor, d. h. Wünsche verschiedener Art oder, allgemeiner fonnuliert, Pro-
Einstellungen jeder An, sofern sie mit der nötigen motivationalen Kraft un-
mittelbar versehen sind; andererseits ein kognitiver Faktor (d. h. hier Wahr-
nehmung, Einbildungskraft oder Intellekt), der eine Stellungnahme ennög-
licht, welche, zumindest im Fall des Menschen, in einer Meinung, d. h. in
einem bestimmten Akt des Für-wahr-Haltens zum Ausdruck kommt (vgl.
Oe molu animalium 6, 700bl7-23). Vom rein fonnalen Standpunkt aus ist
der sogenannte praktische Syllogismus, wie es in der modemen Diskussion
hervorgehoben wurde, als ein besonderer Anwendungsfall des modus po-
nens zu betrachten.) Um es mit einem Bespiel des Aristoteles zu illustrie-
ren, kann ein praktischer Syllogismus wie etwa:

(a) praemissa major: SUßes muß gegessen werden.


(b)praemissa minor: Das hier ist süß.
(c) conclusio: Es wird gegessen (Handlung),'

I Eine ausgezeichnete Diskussion der arislotelischen Auffassung des praktischen Syllogismus,


die weilveroreitete, auf deduktivistische FehldeulUngen zurückgehende Mißverstllndnisse entkrtlf-
tet, findet sich bei Nussbaum (1978) S. 184·210.
) Diese Rekonstruktion der formalen Struktur des praktischen Syllogismus geht auf D. David-
son zurück. Dabei orientiert sich Davidson ausdrtlcklich an der aristotelischen Auffassung. Siehe
Davidson (1970) S. 31 f.; GIOer (1993) S. 83 (
• Vgl. NE VII 5, 1147a29-31. Siehe auch das Beispiel in Oe motu animo 7,701132 f.: a) ,ich
will trinken' (praemissa maior); b) ,dies hier ist ein Geutnk' (pracmissa minor); c) Handlung des
Trinkens (conclusio). Auch in diesem Fall wird die proemissa maior, streng genommen, nicht aus·

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wenn man dabei den deontischen Operator ,muß' in (a) einfach als Teil des
Prädikats behandelt, folgendermaßen formalisiert werden:

(a') (X) (Sx -> Ex)


(b') So
(c') Ea,

wobei ,S' so viel wie ,sUß' und,E' so viel wie ,muß gegessen werden' bzw.
,wird gegessen' bedeutet.!
Nun können die drei Forderungen in der Charakterisierung der prakti-
schen Wahrheit von NE VI 2 am besten mit Blick auf die Struktur des prak-
tischen Syllogismus erklärt werden. 6
leh beginne mit Forderung 2), die sich auf die Richtigkeit der Orexis be-
zieht. In der aristotelischen Auffassung Ober die Hervorbringung einer
Handlung stellt die Orexis in ihren verschiedenen Anen denjenigen Faktor
dar, der für die Bestimmung bzw. die Setzung der Handlungsziele zuständig
ist. Anders ausgedrückt Nur durch die Vermittlung des Wunsches in seinen
verschiedenen Formen kann sich das Handlungssubjekt auf bestimmte pro-
positionale Inhalte als auf Ziele beziehen, die es erreichen möchte und bei
denen es eventuell auch versuchen kann, sie durch sein Handeln tatsächlich
zu erreichen_ Nun muß die Bedingung, die die Richtigkeit der Orexis ver-
langt, als eine echt moralische Forderung verstanden werden: Die vom
Wunsch jeweils gesetzten Handlungsziele mUssen vom moralischen Stand-

drDcklich ab ein Wunschsatz. sondern vielmehr durch den Rekurs auf eine Gerundiv·Konstruktion
(aottov i1(ll, • ,ich muß trinken') formuliert. Bezekhnendefweise ttgIrU1 AriSloteles jedoch sofort:
,sagt die Begierde' (l.tytt i) bn9q.l.la). Es handelt sich also wn ein Diktat der Begierde, d. h. um
einen wirksamen Wunsch.. den das Handlungssubjekt als einen sokhen erßhrt, und nicht um ein
allgemeines Gebot, dem es sich aus welchen GI1lnden auch immer unterwerfen mnßte. Die Tatsa·
che. daß die aristotelischen Beispiele sehr oft im ROCkgrifT auf scheinbar deontische Ausdrßcke
fonnulien werden. sollte also nicht dar'Ober hinwegtluschen. daß Arisloteles den praktischen Syl-
logismus ni<:m!'lls mit einem deontischoen Sy!logismus verwechselt, der:.n dier...er ist als selcher de3-
wegen von rein theoretischer Natur, weil bei ihm ein Satz bzw. eine Aussage aus anderen SAt7.en
bzw. Aussagen abgeleitet wird, nicht aber eine Handlung aus vorgegebenen dispositionellen Zu-
stAnden. Der deontische Syllogismus kann als solcher also nie eine spezifische ErklAnlng ftlr die
Handlungshervcrbringung liefern. D:trlL'l Andcrt auch die Tatsache nichts. daß sowohl die Pramis-
sen wie auch die Konklusion des doontisehen Syllogismus sich ~om Standpunkt ihrer Materie aus
auf den Bereich der Praxis beziehen.
) Daß der Terminus .E' in der praemwa maior und in der conclusio jeweils in einer zum Teil
verschiedenen BedeulUng, d. h. im polentiell-dispositionellen bzw. effektiv-aktuellen Sinne ge-
nommen wird, ist ein klares Zeichen daRlr. daß man es im Fall des praktischen Syllogismus nichl
mit e~m Schluß bzw. einer Inferenz im Dblichen Sinne zu tun hai: hier hal die Konklusion, die
eine Handlung ist, einen ganz anderen kategorialen Status als die PrImissen, die den Status von
dispositionellen Eigenschaften bzw. Zustanden des Handlung.ssubjektes haben. Im Fall des pntkti-
sehen Syllogismus ist die Konklusion vom kategorialen Standpunkt aus etWas ganz Neues, das
sich auf dasjenige, was seine Entstehung erid!rt, nicht reduzieren lAßt.
, Hierzu darf ich auf Vigo (1998) be$. S. 2&6 fr. ~ef"weisen.

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Praktische Wahrheit und dianoetische Tugenden

punkt aus als gut, mindestens aber als annehmbar gelten können. Soll die
praktische Wahrheit stattfinden, dann reicht es nicht aus, daß die jeweils
angestrebten Handlungsziele sich rur den Handelnden als erreichbar erwei-
sen_ Dazu müssen solche Handlungsziele auch als tatsächlich wünschbar er-
scheinen, und zwar insofern, als sie zur Verwirklichung eines guten Lebens
positiv beitragen können, zumindest aber mit der Erlangung dieses letzten
Zieles des menschlichen Handeins nicht unverträglich sind. In diesem Sinne
weist Aristoteles an unserer Stelle daraufhin, daß es sich hier nicht bloß um
die Fähigkeit handelt, irgendwelche Ziele wie z. B. die Ziele der techni-
schen Hervorbringung zu erreichen, sondern: das letzte Ziel, auf das sich
der Wunsch notwendigerweise bezieht, ist kein anderes als die t~ia
(vgl. NE VI 2, 1139bl-4), die zusammen mit der t\(ro1.a. bekanntlich eine
bei Aristoteles übliche Bezeichnung ftlr die Glückseligkeit, die EU&xl~Ovta,
als das letzte Endziel der menschlichen Praxis ist (vgl. NE I 8, I098b20-23;
VI 5, 1140b6-7).
Dies darf aber nicht so verstanden werden, als würde Aristoteles damit
behaupten wollen, daß sich die Orexis, soll sie richtig sein, in jeder konkre-
ten Handlungssituation direkt auf die Glückseligkeit als auf ihr unmittelba-
res intentionales Korrelat beziehen muß. Die Pointe des Aristoteles ist be-
scheidener und zielt auf die Notwendigkeit einer hannonischen Integration
der einzelnen Handlungsziele in eine umgreifende Sinnganzheit ab, die als
solche erst durch den Bezug auf eine bestimmte Idealvorstellung des guten
Lebens ennöglicht wird: Die Ziele der einzelnen Handlungen erhalten bei
Aristoteles letzten Endes dadurch ihre vernunftkonfonne Rechtfertigung,
daß sie auf Ziele höherer Stufe bezogen und somit in eine hierarchisch
strukturierte Ordnung eingegliedert werden, in der die Vorstellung des gu-
ten bzw. glücklichen Lebens die Rolle des letzten Endzieles spielt. Dabei
muß es sich übrigens um eine angemessene Vorstellung der Glückseligkeit
handeln, d. h. um eine Vorstellung des guten bzw. glücklichen Lebens, die
den Wesensmöglichkeiten des Menschen als eines vemunftbegabten We-
sens gerecht wird. 7
Forderung I) in der Charakterisierung der praktischen Wahrheit bezieht
sich ihrerseits auf die Wahrheit des Logos. Während Forderung 2) die Rolle
der Orexis betrifft und sich somit auf die praemissa maior des praktischen
Syllogismus bezieht, verweist Forderung I) zweifelsohne auf die praemissa
minor, die einen deskriptiven Charakter hat und sich auf die Bestimmung
der Bedingungen bzw. Mittel bezieht, die das Erlangen des durch den
Wunsch intendierten Zieles ennöglichen sollen. Daß es sich hier in erster
Linie um die Bestimmung der tur das Erlangen des Zieles notwendigen
Minel, nicht aber um die Bestimmung der Ziele als solche handelt, geht aus
dem Kontext ganz deutlich hervor. In 1139a31-33 bezieht sich Aristotcles

J Hi~rzu siehe die ausfUhrliehe Diskussion bei Vigo (1996) S. 345 fT.

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auf das Prinzip (<ipx~) der überlegten Entscheidung (ltpOO~) - die wie-
derum als Prinzip der Handlung (04)xTt ~4JJt;) fungiert - und weist darauf
hin. daß ein solches Prinzip der Proairesis kein anderes ist als die Orexis
selbst und, zusammen mit ihr, auch derjenige Logos, der sich mit Blick auf
ein bestimmtes Ziel betätigt (0 ~VEKa nw;). Kurz danach, in 1139a35-36,
fUgt Aristoteles hinzu, daß die Hervorbringung der Handlung nicht durch
das bloße Denken - denn dieses kann filr sich selbst nichts in Bewegung
setzen -, sondern vielmehr durch das praktische Denken (BulvOla 1tpCXJrn~
K'il) bewirkt wird, d. h. durch dasjenige Denken, das mit Blick auf ein be-
stimmtes Ziel (..; IiVEJCa 'tou) stattfindet. Was hier ganz unmißverständlich
zum Ausdruck kommt, ist die gewöhnliche Auffassung des Aristoteles im
Hinblick auf die Motivierung und Hervorbringung der Handlung, und zwar:
das Denken wird nur dort praktisch, wo es innerhalb des Verständnisraumes
operiert, der dadurch eröffnet wird. daß ein bestimmtes Ziel durch den
Wunsch gesetzt wird. 8
Ist es aber so und bezieht sich die Forderung nach Wahrheit des Logos
auf den deskriptiven Inhalt der praemissa minor im praktischen Syllogis-
mus, so folgt daraus, daß die in Forderung 2) erwähnte Wahrheit des Logos
nicht mit der praktischen Wahrheit als solcher zu verwechseln ist. Hierflir
sprechen m. E. zwei Hauptgrunde, nämlich: I. stellt die in Forderung 2) er-
wähnte Wahrheit des Logos nur eine der notwendigen Bedingungen tur das
Zustandekommen der praktischen Wahrheit dar; 2. kann die in Forderung 2)
gemeinte Wahrheit, sofern sie sich auf einen bloß deskriptiven propositio-
nalen Inhalt bezieht, keine andere sein als die Wahrheit in ihrem rein theo-
retischen Sinne, d. h. als diejenige Wahrheit, die gewöhnlich als eine Art
Übereinstimmung des Denkens oder des Urteils bzw. der Aussage mit dem
jeweils gemeinten Gegenstand verstanden wird. Dagegen muß die prakti-
sche Wahrheit, wie noch zu sehen sein wird. als eine Wahrheit charakteri-
siert werden, die sich in der Handlung selbst verwirk.licht, und die als sol-

---------
I Die grundsätzlich gleiche Auffassung wird auch in ~ anima 11I 9-13 "emeten. Aristoteles
erklart dort, daß der praktische Intellekt (\O\ic; 'IlpCIl:t\lc6:;) derjenige ist, der mit Blick auf irgendein
Ziel überlegt bzw. kalkulien (b l\€.m"tO\l ~VCX;) (vgl. 111 10, 43)aI4; siehe auch 433a18:
M\AOtQ 'IlpCllC'tlIC1\). Es handelt sich also um einen Intelkkt. dt:r inm:rnalb des Verst!ndnisraumes
operiert, der durch die Setzung eines Zieles durch den Wunsch erOifuet wird. In diesem Sinne
macht die Orexis das Prinzip (cipxfU des Intellekts und dieser wiederum das Prinzip der Handlung
aus (\'gl. 433aI5-17). Daß Aristotcles dem Wunsch bei der MOlivierung der Handlung einen Vor~
rang gegenOber dem Intellek! gewahrt, bedeutet noch lange nicht, daß er im Bereich der Ethik eine
emotivistische Position venrin. Schon die Tatsache, daß AriSloteles verschiedene Fonnen des
Wunsches unterscheidet und dabei, neben den unvernünftigen Begierden (tJnlhJJ.lia), auch die Exi-
stenz von WOnschen anerkennt, die nicht nur vemunftkonfonn sein können (i:hJI.tb;), sondem sogar
vemunftmotivien sind (poU).~), spricht ganz klar gegen eine solche Annahme. Eine emotivisti-
sehe Deutung der aristotelischen Position findet sich schon bei Waller (1874) bes. Kap. 2. FOr eine
ausfllhrliche Kritik der Interpretationen. die Aristoteles im Sinne des Humesehen EmOlivismus
verstehen, siehe DMI (1984) Kap. 106.

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Praktische Wahrheit und dianoetische Tugenden

ehe keine bloße Eigenschaft des Urteils oder der Aussage ist, d. h. auch
nicht derjenigen Aussage. die sich auf die Handlung bezieht.
Was schließlich Forderung 3) in der Charakterisierung der praktischen
Wahrheit angeht, so betrifft sie, wie gesehen, die Notwendigkeit einer ge-
wissen Identität zwischen dem, was der Logos behauptet, und dem, was die
Orexis verfolgt. Die hier gemeinte Identität von Logos und Orexis im Hin-
blick auf die jeweils intendierten gegenständlichen Korrelate kann nicht so
verstanden werden, daß dabei die grundsätzliche Tatsache aus den Augen
verloren wird, daß die Rolle des Logos und die der Orexis bei der Motivie-
rung und Hervorbringung der Handlung funktionell unaustauschbar bleiben:
Während die Orexis zunächst für die Setzung der Handlungsziele zuständig
ist, hat der Eingriff des Logos vielmehr mit der Bestimmung der für das Er-
langen des Zieles notwendigen Mittel zu tun. Wie Gauthier-Jolif richtig be-
merken. muß sich die hier gemeinte Identität wohl auf das Ergebnis desjeni-
gen Prozesses der Uberlegenden Vermittlung beziehen, der als Endergebnis
zur überlegten Entscheidung fUhn bzw. fUhren soll. Aufgrund eines solchen
Prozesses der überlegenden Vermittlung ergibt sich ein Zweifaches, und
zwar: einerseits erscheinen die durch den Logos ausfindig gemachten Minel
gerade deswegen als wünschbar, weil sie sich als zum Ziel fUhrend zeigen;
andererseits erscheint das Ziel selbst als praktikabel, sofern es durch genau
diese Mittel erreicht werden kann. 9
Was aufgrund des Prozesses der überlegenden Vennittlung stattfindet, ist
also, zumindest im Fall einer erfolgreich abgeschlossenen praktischen
Überlegung, nichts anderes als die Konstitution des komplexen intentiona-
len Gegenstandes ,Ziel + Mittel', an dem sozusagen der Übergang vom
Überlegungsprozeß zur konkreten HandlungsausfUhrung stattfindet. Sowohl
der Logos wie auch die Orexis beziehen sich dabei auf den gleichen inten-
tionalen Gegenstand, aber sie tun es jeweils aus einer anderen Perspektive:
Die Orexis intendiert ihn immer noch als ein Ziel, das sich aber jetzt als
durch bestimmte, bereits identifizierte Mittel erreichbar zeigt; der Logos in-
tendiert ihn dagegen weiterhin in der Gestalt von Mitteln, die jetzt aber des-
wegen als wOnschbar erscheinen, weil sie zu dem durch die Orexis bereits
gesetzten Ziel führen.
Vom rein analytischen Standpunkt aus sind hier also drei verschiedene
Momente - die nicht notwendigerweise einer tatsächlichen Reihenfolge von
Schritten im konkreten Prozeß der Handlungshervorbringung entsprechen 10
- zu unterscheiden, und zwar: 1. die Setzung des Zieles durch den Wunsch,
2. die Uberlegende Bestimmung der zu ihm filhrenden Minel, und 3. die als
Ergebnis der Überlegungsprozesses stattfindende Konstitution des komple-
xen intentionalen Gegenstandes ,(erreichbares) Ziel + (wünschbare) Mittel',

• Siehe Gauthier-Jolif(l9S8·S9) 11 2 S. 447 f. z. St.


10 Zu diesem Aspekt siehe Vigo (1996) $. 286 ff.

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an dem die fiir die Handlungshervorbringung nötige Konvergenz von Ore-


xis und Logos zum Ausdruck kommt. Dabei scheint der dritte Aspekt vom
systematischen Gesichtspunkt aus die Stelle zu markieren, an der der Ein-
griff der überlegten Entscheidung, d. h. der Proairesis, stattfindet. sofern
diese das unminelbare Prinzip der Handlung ausmacht. I I So verstanden,
verweist die Forderung 3) in der Charakterisierung der praktischen Wahr-
heit unmittelbar auf die aristotelische These, daß eine Handlung nur dann
zustande kommen kann, wenn ein desiderativer und ein kognitiver Faktor in
einer gewissen Sinneinheit konvergieren. Es handelt sich also um die glei-
che Grundthese wie die, die durch den Rekurs auf das fonnale Modell des
praktischen Syllogismus plausibel gemacht wird. 12

3. Aus der vorgeschlagenen Deutung der aristotelischen Charakterisierung


der praktischen Wahrheit lassen sich einige aus systematischer Sicht wich-
tige Folgen ableiten.
Erstens muß die schon erwähnte Tatsache hervorgehoben werden, daß
die praktische Wahrheit als eine Wahrheit aufzufassen ist, die sich in der
Handlung selbst verwirklicht, d. h. als eine Wahrheit der Handlung als sol-
cher. 1J Dies wird schon dadurch ersichtlich, daß die praktische Wahrheit,
die Aristoteles durch den Verweis auf die drei oben kommentierten Bedin-
gungen charakterisiert, der Ebene der conclusjo des praktischen Syllogis-
mus zuzuordnen ist. welche in Aristoteles' Meinung keine andere ist als die
Ebene der Handlung selbst. Wird dieser sehr wichtige Umstand verkannL
wie es bedauerlicherweise allzu oft der Fall ist. dann wird mit einem Schla-
ge auch das spezifisch Praktische in der aristotelischen Auffassung des
praktischen Syllogismus wie auch der praktischen Wahrheit als solcher aus

11 Dieser Deutungsvorschlag paßt auch sehr gut nJ dem Umstand. daß AriSloteles die Proairesis
als lloo"OV &a\Qw; Kat 6ptfpnt;, c.harakterisien (vgl. lk "'iHM onim. 6, 700(23). In die gleiche
Richtung deutet auch die Charakterisierung der Proairesis als ~lC; ~1Irt'l (vgl. NE 111 5,
1113810 [; VI 2, 1139813, 31) wie auch die pragnante Formel, die die Proairesis als lpEnl.lcO:;
\oIOßc; bzw. ~lC; öwvorrtun'1 kennzeichnet (vgl. VI 2, 1139b4 [). Auch die Talsache, daß der Ge-
genstand der Proairesis mit dem der PofuUOlC; inhaltlich identisch ist, mit dem Unterschied aber,
daß er sich als Gegenstand der Proairesis als bereits bestimmt (ftöTJ &q.mpI.OIltvov), d. h. als be-
schlossene Sache zeigt, spricht ftIr die vorgeschlagene Deutung.
IJ Aus der Sicht der Struktur des praktischen Syllogismus bedeutet diese DeL:wng der Rolle der
Proairesis, daß ihre spezifische Leistung weder in den PrImissen noch primär in der Konklusion
als solcher zu suchen ist, wenn auch die Konklusion, d. h. die Handlung, das gegenständliche Er-
gebnis des Eingriffs der Proaire$is darstellt. Was die Proairesis aber an erster Stelle bewirlct, ist
vielmehr der Obergang von den Prami~n zur Konklusion. In diesem Sinne kann die Proairesis
aus der Penpektive ihrer Rolle im praktischen Syllogismus als eine An praktisches Analogon der
k»giscben Folgerung angesehen werden. Dabei dOrfen jedoch die wesentlichen Unterschiede nicht
Dbersehen werden, denn die Praairesis ist und bleibt eine Form der Ortxis.
lJ Auf diesen Aspekt, den die am meisten verbreitete Deutung nicht llngernesst"ll erkannt hat,

haben Interpr-den .....ie G. E. M. Anscombe und F. lociarte, auf j~ vnsch~ Weise. aufmerharn
gemacht. Siehe Anscombe (1965) bes. S. 157 f.; Inciarte (1986) bes. S. 201.

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Praklische Wahrheit und dianoetische Tugenden

den Augen verloren. 14 Nimmt man dagegen die Tatsache ernst, daß die
praktische Wahrheit sich auf der Ebene der Handlung selbst verwirklicht,
dann wird sofort verständlich, daß es sich bei dem aristotelischen Begriff
der praktischen Wahrheit um einen besonderen Anwendungsfall dessen
handelt, was die spätere metaphysische Tradition unter dem Begriff der on-
tologischen Wahrheit als eine Wahrheit verstanden hat, die einer Sache in-
sofern zukommt, als sie mit ihrem BegrifTübereinstimmt bzw. sich mit ihm
identifiziert, um es in Anlehnung an Hegels bertlhmte Charakterisierung zu
fonnulieren. 15 Entsprechend ist auch die Handlung in Aristoteles' Auffas-
sung insofern als wahr zu betrachten, als sie diejenigen Wünsche und Mei-
nungen in concreto darstellt, die das Handlungssubjekt zu ihrer Hervorbrin-
gung veranlaßt haben, vorausgesetzt jedoch, daß solche WUnsche und Mei-
nungen in der Lage sind, die entsprechenden Forderungen nach kognitiver

14 Verliert man die Tatsache aus den Augen, daß es beim praktischen Syllogismus immer nur
darum gehl, die Hervorbringung der Handlung selbst zu erklllren, dann neigt man sofort zu der
Auffassung, daß die Leistung der Proairesis in einer Aussage zum Ausdruck kommen soille, die
als conclusio des Syllogismus fungiert. Prlziser noch: Es wOrde sich dabei um eine prtskriptive
Aussage handeln, die sich auf die aufzufllhrende Handlung bezieht. So etwa Broadie (1991) S.
219-225. Daraus ergibt sich aber de focto eine theoretisch-deOlllische Umdeulung des praktischen
Syllogismus. So wtlrde man an der Stelle des praktischen Syllogismus. den Arisloteles beschreibl,
einen Syllogismus der folgenden Form haben: (a) ,ich muß Wasser trinken', (b) ,dies hier ist Was--
ser', (c) ,teh muß dies hier trinken'. Es ist aber klar, daß durch den Rekurs auf Syllogismen dieser
Art die effektive Hervorbringung der Handlung nicht erkilltt werden kann, denn das Handlungs-
subjekt ist immer in der Lage, die Handlungen, die es filr sich seibsI als geboten anet1tennt, n)chl
auszufOhren. [)}es ist der Grund. warum Ari.stoteles bei der Erkillrung der Handlungshervorbrin-
gung eben nicht von allgemeinen Qebofen, sondern vielmehr ,"on konkreten, als solchen schon
wirksamen WOnschen ausgeht, die mit denjenigen Geboten, die das Handlungssubjekt als fl1r sich
selbst gOltig anerkennt, ntehl immer im Einklang Z1I sein brauchen, sondern gelegentlich auch im
Gegensarz zu ihnen stehen kOnnen. Man denke hier etWa an den Fall des Unbehemchten. In die-
sem Zusammenhang sollte man ebenfalls an die Tatsache erinnern, daß Arisloteles auf den prakti-
schen Syllogismus auch dOt1 ZUr1lckgreift. wo es darum geht zu erldllren, wie die Bewegungen der
Tiere erfolgen. Nun haben die Tiere zwar wonsche, sie sind aber nicht in der Lage, allgemeine
Gebote als solche zu erkennen und sich nach ihnen zu richten. Deulel man den echt prak1ischen
Syllogismus als einen theoretisch-dcontischen um, dann wird man auch zu einer falschen Deutung
der praklischen Wahrheit verleitet, die sie mit der Forderung nach Wahrheit des Logos verwech-
seIl und sie dann in der praemiJsa minor oder hOChslens in der prtskripliv·propositionell Bufge-
faßlen conclusio sucht. Die praktische Wahrheil wird dadurch als die Wahrheit einer Aussage wie-
der auf die theoretische Wahrheit reduziert. Daran andert auch die TalS8che nichts, daß es sich hier
um AUS$llgen handeln wUrde, die sich inhaltlich auf Sachverhalle beziehen, die mit der mensch-
lichen Praxis zusammenhingen. Wird aber die praktische Wahrheit als die Wahrheit derjenigen
Aussage verstanden, die sich auf praklisch relevante Sachverhalle bezieht, dann kann sie nicht
mehr als eine spezifische Form der Wahrheit angesehen werden. die sich von der theoretischen
Wahrheit strukturell unterscheiden wDrde. Unler solchen Bedingungen wlre die von Aristoteles
sogenannIe pnl1.1ische Wahrheit im Grunde nur noch im Sinne dessen 1lI verstehen, was man heute
Relrllam nennen wttrde: Praktisch wahr wlr"en also diejenigen Aussagen, die im oblich theoreti-
schen Sinne ntehl nur wahr sind. sondern steh aoch als relevant fl1r die Verwirklichung bestimmler
praklischeT Zwecke erweisen.
IJ Vgl. Hegel (1830) § 213 und ..lusatr' S. 368 f[

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Adäquatheit und moralischer Richtigkeit, die in der Bedingungen I) und 2)


der aristotelischen Charakterisierung zum Ausdruck kommen, angemessen
zu erfilllen. 16
Zweitens ist auch die Tatsache zu betonen, daß die zum Ausgangspunkt
der Interpretation gemachte strukturelle Entsprechung zwischen dem prakti-
schen Syllogismus und der praktischen Wahrheit selbstverständlich nicht so
gemeint ist, als würde hier eine einfache Äquivalenz vorliegen. Dies ist
schon deswegen nicht der Fall, weil der Begriff der praktischen Wahrheit
auf eine materiale Qualifizierung der conclusio des praktischen Syllogis-
mus abzielt, die auf bestimmte materiale Eigenschaften der entsprechenden
Prämissen zurilckzutuhren ist, während der praktische Syllogismus als sol-
cher nur eine formale Struktur darstellt, die darauf abzielt, die Hervorbrin-
gung jeder Art von Handlungen zu erklären, also auch derjenigen Hand-
lungen, die die Bedingungen tur das Zustandekommen der praktischen
Wahrheit eben nicht erflillen, sondern vielmehr als Fälle der praktischen
Falschheit bzw. des praktischen Irrtums zu betrachten sind.
Schließlich ist es wichtig, die komplexe Struktur, die die praktische
Wahrheit als solche in der aristotelischen Auffassung aufweist, in all ihren
verschiedenen Aspekten festzuhalten. Konkreter noch: Man sollte die Tat-
sache nicht übersehen, daß die formale Charakterisierung der praktiSChen
Wahrheit eine eigentümliche Zusammenfilgung von normativen und de-
skriptiven Elementen mit sich bringt. Es wird nämlich nicht nur verlangt,
daß die Meinung, die sich auf die fl1r das Erlangen des Zieles benötigten
Mittel bezieht, im üblichen, deskriptiv-theoretischen Sinne wahr ist, son-
dern auch, daß der Wunsch selbst, der sich auf ein solches Ziel richtet, des-
wegen moralisch annehmbar ist, weil das intendiene Ziel aus der Sicht ei-
ner adäquaten Vorstellung des guten Lebens tatsächlich wünschbar oder
zumindest nicht verwerflich ist. Negativ formuliert: Die Handlung kann
nicht nur aus rein deskriptiven Gründen scheitern, wie z. B. dort, wo eine
falsche Meinung in bezug auf die Mittel der Handlung das gute Erlangen
des Zieles verhinciert; 17 jede Handlung kann auch deswegen den Status der
praktischen Wahrheit verfehlen, weil sie die Kriterien der moralischen An-

16 In diesenl Sinne iSI die Erldarung des AristClleles zu vel'Slehen, daß die praktische Wahrheit
diejenige isl, die in Übereinstimmung mil der richtigen Orexis steht (vgl. NE VI 2, 1139a30 f.:
4io)..6ymt; qouoa tft qiQ:1 1'fi 6p9fi). Die hier gemeime adaequatio bringt in Vergleich zum Fall
der theomischen Wahrheil eine Umkehrung der RichlUng der Angleichung mit sich: im Bereich
des praktischen und produktiven Verhaltens muß sich diejC'Weils hervorgebrachle Handlung bzw.
der daraus resultierende Gegenstand nach dem Wunsch und dem Denken richten, und nichl umg~
kehrt. Hierzu siehe auch Vigo (1998) S. 307 r. Daß die adoequaJio im pnktischen Sinne wiederum
die theon:tische Wahrheit, d. h. die Angleichung an den Gegenstand. als ein wesentliches Struktur-
moment Yorausset21, zeigt Forderung I) in der Owakterisierung der praktischen WahrbeiL
11 Hierzu siehe vor allem die aristotelische Bdlandlung der unfreiwilligen Handlungen aus Un-
wisscnheil in NE 111 2.

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Praktische Wahrheit und dianoelische Tugenden

nehmbarkeit, die sich aus der idealen Vorstellung des guten bzw. glückli-
chen Lebens als des letzten Endzieles der Praxis ableiten lassen, nicht ange-
messen erfilill.

Dianoetische Tugenden als Weisen


des ,ln-der- Wahrheit-seins'

4. Wie steht es nun mit dem inneren Zusammenhang zwischen dianoeti-


schen Tugenden und praktischer Wahrheit? Hier muß man zunächst einmal
von der Feststellung ausgehen, daß Aristoteles das Bestehen eines inneren
Zusammenhangs zwischen den dianoetischen Tugenden und der Wahrheit
schlechthin, also nicht nur der praktischen Wahrheit, behauptet. Er kenn-
zeichnet nämlich die dianoetischen Tugenden allgemein als habituelle Dis-
positionen (~~). aufgrund derer die Seele, indem sie etwas behauptet oder
auch verneint, in der Wahrheit ist bzw. die Wahrheit trim (vgl. NE VI 3,
1139b15: or~ ~ 'I">X~ ciÄl]6E",:t t<ji KlXta<p<X"ll1 ~ anoq><X"llt; siehe auch VI 2,
1139b 12 f.: «xe' '" ... fLciÄl<TtlX f9:t; ciÄl]6EOOEt tKaupov <Sc. wv V01]n-
- ~opw:)V
1OO)v ' » ....
Diese allgemeine Kennzeichnung gilt nicht nur für die Tugenden, die mit
dem rein theoretischen Gebrauch des Intellekts zusammenhängen, d. h. in
erster Linie die Wissenschaft (bnCJ'tiu.Lll) und die rein theoretische Weisheit
(oocpla), sondern auch tUr die Tugenden, die mit dem praktisch-operativen
Gebrauch des Intellekts verbunden sind, d. h. hier die Kunst bzw. die Tech-
nik (ttxVTJl und die Klugheit bzw. die praktische Weisheil (cpp6Vl]CJt;) (vgl.
VI 3, I 139b16 f.).11 Nun ist dies nur deswegen möglich, weil Aristoteles
zuvor die entsprechenden Unterscheidungen im Bereich der Wahrheit selbst
vorgenommen hat: er hat nämlich den Begriff der praktischen Wahrheit be-
reits eingetUhrt und damit ein Pendant zum üblichen, theoretischen Wahr-
heitsbegriff geschaffen. Wie der spätere Verlauf der Eröl1erung der dianoe-
tischen Tugenden in NE VI ganz deutlich zeigt, liegt ein Hauptanliegen des
AristOleles gerade darin, dem jeweils spezifischen Charakter der verschie-
denen Gebrauchsweisen des Intellekts gerecht zu werden. Er vennißt näm-

11 Neben diesen vier Tugenden erwähnt AristOieles auch den YOü:; als eine Disposition, durch
die die Seele in der Wahrheit ist. Er wird aber in NE VI nicht spezifisch behandelt. Vieles spricht
jedoch daRlr, daß im Untenchied zu den genannten Tugenden der voik; als sokher jenseits der Al-
ternative VOll Theorie und Praxis steht., denn Aristoeeles bringt ihn so..... ohl mit der rein theore-
tischen (vgl. z.. B. NE X 6-9) wie auch mit der praktischen Tltigkeit (vgJ. z.. B. ~ anima 111 10,
433.14: \ICrii:; 0 lVtt6. 'tO\) ~ ~ Kai. JlPCllmIC6;) in Zusammenhang.. und der vcriit; scheint da-
bei ein und derselbe zu sein. Mit Blidc auf die Sonderstellung des ~ wurde sogar suggeriert,
daß ein noetischcs Moment bei jeder dianoetischen Tugend wirksam sei. Siehe hierzu die enupre-.
thende Deurung bei Heidegger (1924-25) S. 15&.165, der von ArisIOieles' Bemerkungen zum Ver-
bllcniJ zwischen voüc; und ~ in NEVI 12 ausgeht.

261
00044413
Alejandro G. Vigo

lieh bei seinen unmittelbaren Vorgängern, also bei Platon und vor allem bei
Sokrates, das nötige Maß an Differenzierung auf diesem Sachgebiet. So
kritisiert Aristoteles Sokrates' ethische Auffassung gerade deswegen, weil
sie auf einer grundverkehrten Gleichsetzung von Tugend (CrpEn1) und Wis-
senschaft (tm.OUW.'V basiere. Diese Gleichsetzung werde nur dadurch mög-
lich, daß beide Begriffe in einem so unscharf definierten Sinne genommen
werden, daß sie völlig unterbestimmt bleiben und in ihren wesentlichen Un~
terschieden nivelliert werden. 19 Die EinfUhrung zusätzlicher Differenzie-
rung im Bereich der Wahrheit muß also als erster Schrin im Rahmen eines
wnfassenderen Versuches angesehen werden, den verschiedenen Weisen
des Gebrauchs des Intellekts gerecht zu werden.

5. Es ist nicht schwer zu sehen, in welchem Sinne die mit dem rein theoreti~
sehen Gebrauch des Intellekts verbundenen Tugenden als habituelle Dispo-
sitionen beschrieben werden können, durch die die Seele in der Wahrheit ist
bzw. die Wahrheit triflt Der hier in Frage kommende Begriff der Wahrheit
ist ohne Zweifel der gewöhnliche, theoretische Wahrheitsbegriff, der bei
Aristoleles bekanntlich im Sinne einer adäquationistischen Wahrheitsauf-
fassung verstanden wird. Im Sinne des theoretischen Wahrheitsbegriffs ist
als wahr grundsätzlich eine apophanlische Aussage (Aby<x; <iJtO<pamK6<;)
der Fonn S~P zu bezeichnen (vgl. De int. 4, 16b33-17a4). und zwar inso-
fern, als sie die Struktur des von ihr intendierten Sachverhalts der Fonn
,Gegenstand + Bestimmung' angemessen wiedergibt und so sehen läßt
(<iJt6<pa~)2.
Im Zusammenhang mit dem Begriff der Wahrheit fUhrt Aristoteles aber
in NE VI 2, wie gesehen, auch einen Verweis auf den Unterschied zwischen
einer Behauptung (Affinnation) und einer Vemeinung (Negation) ein. Im
Fall der mit dem theoretischen Gebrauch des Intellekts verbundenen Tugen-
den ist die Bedeutung dieses Venveises nicht schwer zu verstehen, wenn
man dabei von der fonnalen Charakterisierung der theoretischen Wahrheit
ausgeht, die Aristoteles an der Stelle Metaphysik VI 4, 1027b20~23 und
dann wieder an der parallelen Stelle IX 10, 1051 b2-S vorschlägt. An beiden
Stellen wird der Fall der affinnativen und der negativen Aussage differen-
ziert behandelt: Die affinnative Aussage wird als eine Zus<lmmensetzung

ItLI Aristoteles' Kritik an der (angeblichen) sokratischen OleichSC1Z\lng von Tugend und Wis-
senschaft wie auch von Laster und Unwissenheit siehe bes. NE VII). 1144bI7·21: Elid. EIn. J.s,
1216b6-8; siehe auch NE VII 3. 1t4Sb2.s·27.
• Siehe AriSIOleles' Charakterisierung der theoretischen Wahttteit in Met. V 7. 1011b2S·27
WKJ VOf" allem die in gewissem Sinne genauere Version in VI 4, 1027b2o.23 und IX 10, 105 I b2•.s.
wo Arisloteles auf die l.somtlfllbie zwischen der Aussage der Form S-P und <km 5achverbalt der
Form ,Gegenstand + Bestimmung' ausdrtk:k.lkh verweist FQr eine Diskussion die:stt Aspekte in
der aristotelischen Auffassung der theoretischen Wahrheit darf ich auf die Analyse in Vigo (1997)
bes. S. 7 f[ vuweisen.

262
Praktische Wahrheit und dianoetische Tugenden

(aUv9Ecn~), die negative Aussage dagegen als eine Trennung (5la\pEcn~)


von S und P charakterisiert. So ist eine afflnnative Aussage nur dann wahr,
wenn sie als zusammengesetzt dasjenige vorstellt, was tatsächlich zusam-
mengesetzt ist; stellt sie jedoch als zusammengesetzt vor, was in Wirklich-
keit getrennt ist, dann ist sie falsch. Eine negative Aussage ist wiederum nur
dann wahr, wenn sie als getrennt dasjenige vorstellt, was tatsächlich ge-
trennt ist; wenn sie aber als getrennt vorstellt, was in Wirklichkeit zusam-
mengesetzt ist, dann ist sie falsch.
Sowohl durch eine affinnative wie auch durch eine negative Aussage
kann die Seele also die Wahrheit im rein theoretischen, adäquationistischen
Sinne tretTen, wo sie sich auf bloß theoretisch-betrachtende Weise verhält
und sich darauf beschränkt, Feststellungen über vorgegebene Sachverhalte
zu treffen. Nun sind die mit dem rein theoretischen Gebrauch des Intellekts
verbundenen Tugenden gerade als diejenigen habituellen Dispositionen zu
kennzeichnen, die die Seele dazu befiihigen, die Wahrheit auf diese Weise
immer wieder zu treffen. Dies aber, wohl gemerkt, nur in bezug auf einen
bestimmten Gegenstandsbereich, den Aristoteles als den Bereich dessen
charakterisiert, was aus Notwendigkeit besteht (ta ~ ava:ylCT't'; övta) und
was sich nicht anders verhalten kann (ta~" tv5Ex~va ~ lXElv) (vgl.
NE VI 3, 1139b 19_24).21 So steht es vor allem mit der Episteme, die Ari-
stoteles als eine habituelle Disposition charakterisiert, die dazu befähigt, die
Operationen der wissenschaftlichen BeweisfUhrung auf effiziente Weise
durchzufiihren (~U; Q1tOOEllmlCli) (vgl. 1139b3l f.).
Es ist wichtig zu betonen, daß die Episteme, insofern sie bei Aristoteles
mit Bezug auf die Begründung bzw. Rechtfertigung der Erkenntnis durch
eine deduktive BeweisfUhrung charakterisiert wird, eine Kompetenz ver-
leiht, die nicht so sehr auf den Gewinn neuer Erkenntnisse bzw. auf die
Entdeckung neuer, früher - zumindest latent - nicht schon bekannter Wahr-
heiten abzielt, sondern vielmehr auf die Eingliederung vorgegebener Er-
kenntnisse in umfassendere BegrUndungszusammenhänge und auf die aus-
drückliche Explizierung dessen, was sich aus dem bereits Erkannten de-
duktiv ableiten läßt. In diesem Sinne bleibt die aristotelische Episteme als
solche primär auf die Fähigkeit bezogen, mit vorgegebenen notwendigen
Wahrheiten auf angemessene Weise zu operieren, nicht jedoch in erster Li-
nie - so seltsam es aus der Sicht moderner WissenschaftsaufTassungen auch

11 Dies impliziert, daß der Bereich der theorelischen Wahrheil umfassend~r ist als der Bereich
der dianoetischen Tugend~n. di~ mit dem rein theorelischen Gebrauch des Inl~lI~kts vebunden
sind, und zwar aus dem ~infach~n Grund, daß Iheo.-etische Wahrheil auch in bezug auf dasj~nig~
möglich ist. was sich anders verhalten kann und konting~n1 ist. So sind etWa ~a und i>It6).~ in
der Lage. die Wahrheit in Bereich des Koolingenten zu treffen. In diesem Sinne erldlrl Aristot~les,
daß dianoetische: Tugerwkn wie Episl~mc und Sophia sich nichl ~infllch durch den BeZllg auf die
Wahrheit, sondern viclmdtr durch di~ Ausschließung der UnwahrtJcir auszeichnen. denn ~a und
iM61'1VV; können zwar wahr. aber auch falsch sein (vgl. NE VI 3. I 139b17 r.).

263
Alejandro G. Viga

klingen mag - auf die Fähigkeit zur ursprünglichen Entdeckung frilher nicht
erkannter Sachzusammenhänge. 22 Es ist daher auch kein Zufall, wenn Ari-
stoteles in unminelbarem Zusammenhang mit der Charaktcrisicrung der
Episteme und der damit verbundenen Einführung des Begriffs des Syllo-
gismus (croAA.oylO}16c;), ganz im Sinne der Wissenschaftsauffassung in den
Ana/yrica Posteriora, sofort auf die strukturelle Abhängigkeit jeder deduk~
liven Beweisfllhrung von Prinzipien (<ipxCli) hinweist, die selbst nicht mehr
deduktiv zu erreichen sind: Jede syllogistische Ableitung geht zumindest
von einer allgemeinen Prämisse aus, das Allgemeine aber kann ursprüng-
lich nur induktiv, d. h. nicht-deduktiv erreicht werden. In diesem Sinne
macht die Induktion (t1ta'Yooyfl) ein Prinzip des Allgemeinen (<ipxi) tOÜ Kcx9-
6l.ou) aus (vgJ. NE VI 3, I 139b28·31).
Mit den inneren Grenzen der Apodeixis verbindet sich bekanntlich auch
jene Funktion unmittelbar, die Aristoteles dem Nous in seinem theoreti-
schen Gebrauch zuschreibt. Wie Aristoteles in NE VI 6 ausdrücklich be-
merkt, bezieht sich diese Funktion auf die Erfassung der Prinzipien der
Wissenschaft, die der Wissenschaft selbst insofern unzugänglich bleiben,
als sie deduktiv unmöglich erreicht werden können (vgJ. I I40b31-1141 a8).
Eine solche Funktion des Nous wird auch in Analytica Posteriora 11 19
thematisiert, wobei Aristoteles' Position jedoch weit davon entfernt ist, in
jedem Punkt unmißverständlich klar zu sein.
Auf die innere Artikulation von Episteme und Nous zielt schließlich
auch die Charakterisierung der Sophia als der höchsten Tugend im Bereich
des theoretischen Gebrauchs des Intellekts in NE VI 7 ab. Aristoteles weist
hier darauf hin, daß die Sophia genauer ist als jede Wissenschaft, insofern
sie nicht auf den Bereich dessen beschränkt bleibt, was von Prinzipien ab-
geleitet wird, sondern vielmehr auch einen wahrheitsgemäßen Zugang zu
den Prinzipien selbst hat (cUT)9EOCLV 1tEpl ~ 6px",) (vgJ. I 141 a16- I8). Da
sie heide Perspektiven - also die, die der Erfassung der Prinzipien ent-
spricht, und die, die sich auf das von den Prinzipien Ableitbare bezieht - zu
artikulieren vermag, kann die Sophia als eine Art Einheit von Nous und
Episteme charakterisiert werden (vgl. 1148al8 f.: c1x:rt' o.v EtTJ croq>icx vo&;
Kat imcrtTU.1TJ). Es handelt sich bei ihr um eine Form des Wissens, die sogar
der Phronesis L:nd der Politik überlegen ist, weil sie dasjenige zum Gegen-
stand hat, was das Wertvollste bzw. das Ehrwürdigste (t&v nJ.1lC.O'tatrov) im
Universum und somit auch dem Menschen selbst Oberlegen ist (vgl.
I 14IaI9-22). Aristoteles hat hier offensichtlich dasjenige Wissen im Auge,

11 Interpreten wie W. Wieland und J. Bames haben auf verschiedene Weise die Tatsache be-
tont, daß AriSloleles die durch den Begriff der aJf6Oe~u; chamklerisierte Wissenschaft nicht so
sehr als einen Weg zur Gewinnung von neuen Erkenntnissen (ars inveniendl), sondern vidmehr
nur als einen Weg zur systematischen BegrOndung und Re<:htfenigung von bereits vorhandenen
Erkenntnissen (urs demolUlrandl) versteht. Hierzu siehe Wieland (1970) S, 20, 4), 5), 98, 216;
Bames(I969) S. 138 ff.

264
441 J

Praktische Wahrheit und dianoe/ische Tugenden

das sich nach der Auffassung von Metaphysik I 1-2 auf die letzten Ursachen
und Prinzipien aller Dinge bezieht (vgl. Met. I I, 98Ib28-982aJ; 12, 982b7-
10).

6. Nun machen auch die zwei Tugenden, die mit dem praktischen Gebrauch
des mtellekts verbunden sind, nämlich die Techne und die Phronesis, ei-
gentümliche Weisen des ,ln-der-Wahrheit-seins' der Seele aus. Bei ihnen
handelt es sich jedoch um habituelle Dispositionen, die sich als solche im
Bereich des Handeins und des praktisch-operativen Umgangs mit den Din-
gen der Welt. nicht aber im Bereich des rein theoretisch-betrachtenden Ver-
haltens bewähren. Sie verwirklichen sich und kommen zu ihrer effektiven
Entfaltung demnach durch das Handeln selbst. Daher kann es auch nicht
erstaunen, wenn der Verweis auf den Begriff der Wahrheit hier eine ganz
andere Tragweite bekommt als im Fall der Tugenden. die mit dem rein
theoretischen Gebrauch des Intellekts zusammenhängen. Im Fall der
Techne und der Phronesis ist es nämlich die praktische und nicht die theo-
retische Wahrheit, die primär ins Spiel kommt. Damit hängt auch die Tatsa-
che unmittelbar zusammen, daß Aristoteles hier die Notwendigkeit spürt.
eine zusätzliche Differenzierung hinsichtlich der Begriffe von Behauptung
(Affinnation) und Vemeinung (Negation) einzuftlhren.
Die dianoetischen Tugenden werden, wie gesehen, am Anfang von NE
VI 3 allgemein als Weisen des .ln-der-Wahrheit-seins' charakterisiert, die
die Seele dadurch verwirklicht, daß sie zu etwas affirmativ oder negativ
Stellung nimmt (vgl. 1139bI5: 't4i ,ro:toopav,u ~ ;,1tO<p(xval). Da unmittelbar
im Anschluß daran die Behandlung der Episteme folgt. kann die Tatsache
leicht übersehen werden. daß Aristoteles in NE VI 2 zusammen mit der Dif-
ferenzierung des Begriffs der Wahrheit auch eine Unterscheidung hinsicht-
lich der Begriffe von Affirmation und Negation vornimmt, die offensicht-
lich dazu bestimmt ist, eine Erweiterung dieser Begriffe - die in ihrer her-
kömmlichen Bedeutung, wie gesehen, bereits bei der Charakterisierung der
theoretischen Wahrheit in Metaphysik VI 4 und IX 10 ausdrücklich vor-
kommen - auch auf den Bereich der praktischen Wahrheit zu ermöglichen.
In diesem Sinne fUhrt Aristoteles eine Analogie zwischen einer theoretisch-
konstatierenden und einer praktisch-konativen Bedeutung von Behauptung
(Affinnation) und Vemeinung (Negation) ein: Was im Bereich des diskursi-
ven Denkens Affirmation (lCat~) und Negation (ä~) ist, das ist
im Bereich der Orex..is das Verfolgen (6tco1;~) und das Venneiden von etwas
bzw. das Fliehen vor etwas ("'''Y~) (vgl. 1139021 C.).
Daß Aristoteles hier auf eine analogische Entsprechung der beiden Be-
griffe von Affinnation und Negation hinauswill, steht außer Frage. Nun
wäre es m. E. ein Fehler. wenn man daraus den voreiligen Schluß ziehen
wUrde, daß der theoretisch-konstatierende und der praktisch-konative Be-

265
0004441a

Alejandro G. Vigo

griff von Affinnation und Negation vom systematischen Standpunkt aus so-
zusagen auf der gleichen Ebene stehen, als würden sie einfach die zwei
Glieder eines Oppositionsverhältnisses darstellen. Eine solche Annahme
wäre deshalb irreführend, weil es hier, wie Aristoteles selbst erklärt, nicht
um die Struktur der bloßen Orexis als solcher, sondern vielmehr um die
Struktur der Proairesis geht, die zwar die Orexis als schon gegeben voraus-
setzt, die als solche aber erst als Ergebnis des Überlegungsprozesses ent-
steht und dann direkt zur Handlung führt.
1.0 diesem Sinne erklärt Aristoteles, daß die Proairesis als solche nicht
bloß Orexis, sondern vielmehr eine Oberlegungsvermiuelte Orexis (öpe:~l~
1lo"",un!dJ) ist (vgl. 1139a23). Dabei ist zu beachten, daß der Gegenstand
der Überlegung (ßoUA.E~) und der Proairesis inhaltlich zwar ein und der-
selbe ist, als Gegenstand der Proairesis aber als bereits bestimmt, d. h. als
beschlossene Sache, erscheint (vgl. NE 1lI 5, 1113a2-5). Dies alles erklärt
auch, warum die Unterscheidung von Affirmation und Negation im prak-
tisch-konativen Sinne durch den Verweis auf die Gegenüberstellung von
zwei entgegengesetzten Handlungen bzw. Handlungsmustern wie dem Ver-
folgen und dem Vermeiden bzw. Fliehen illustriert wird und nicht einfach
durch den Verweis auf die Unterscheidung von positiven und negativen
WUnschen (d. h. ,etwas wünschen'/,wlinschen, daß .. : bzw. ,etwas nicht
wünschen'/,nicht wünschen, daß .. .'), die als bloße WUnsche, d. h. ohne Be-
zug auf ihre Verwirklichung durch entsprechende Handlungen zu betrach-
ten wären. Nun liefert der praktische Syllogismus die Erklärung dafUr, wie
aus einem (auf ein Ziel bezogenen) Wunsch und einer (auf die entsprechen-
den Mittel bezogenen) Meinung eine dem Wunsch korrespondierende
Handlung entsteht, und zwar gerade durch die Vermittlung der Proairesis.
Ist aber der praktisch·konative Sinn von Affinnation und Negation der Ebe-
ne der Handlung selbst, d. h. der Ebene der conclusio des praktischen Syllo-
gismus zuzuordnen, dann folgt daraus, daß die praktisch-konativ verstande-
ne Affinnation oder Negation eben nicht auf der gleichen Ebene wie die
theoretisch-konstatierende steht, sondern diese vielmehr insofern voraus-
setzt. als die Hervorbringung der Handlung ein theoretisch-konstatierendes
Moment notwendigerweise involviert, welches als solches in der praemissa
minor des praktischen Syllogismus zum Ausdruck kommt.
Eine schematische Darstellung mag hier zur Veranschaulichung der in
Frage kommenden Entsprechungen dienen:

266
H41J

Praktische Wahrheit und dianoetische Tugenden

prakJischer Syllogismus AjJirmalionINegation


praemissa maior ,ich wünsche X'I,ich wUnsche Neigung, X zu verfolgen bzw.
X nicht' zu venneiden (Pro-Einstellung)
praemissa minor ,dies fUhrt zu X'I,dies fUhrt Affinnation bzw. Negation im
nicht zu X ' theoretisch-konstatierenden Sin-
ne

conclusio Handlung, die auf das Erlangen Affinnation bzw. Negation im


bzw. das Venneiden von X ab- praktisch-konativcn Sinne.
zielt

Nach der vorgeschlagenen Deutung werden hier, wie klar zu sehen ist, die
Affinnation und Negation im praktisch-konativen Sinne der Ebene der con-
clusio des praktischen Syllogismus, also der Ebene der Handlung selbst zu-
geordnet. Auf der Ebene der praemissa maior kommt hingegen die Orexis
zum Ausdruck, und zwar so, wie sie noch vor dem Überlegungsprozeß, der
zum Einsatz der Proairesis filhrt, als bloße dispositionelJe Neigung vorliegt.
Die Orexis kann, als solche betrachtet, noch zu keiner Handlung führen,
weil die Ermittlung der fiir das Erlangen des gewünschten Zieles notwendi-
gen Minel keine Leistung der Orexis selbst, sondern vielmehr eine Leistung
der Überlegung (ßoUM:UCJ1.C;) ist, die als solche wiederum eine besondere
Verwirklichungsform des praktischen Denkens (öu~vOla 7tpcucnlCit) dar-
stellt. Es ist gerade diese Leistung der Überlegung bei der Erminlung der
Mittel, die in der praemissa minor zum Ausdruck kommt.
Nun wird die Handlung als solche durch die Proairesis selbst bewirkt,
und dies, wie gesehen, dadurch, daß der desiderative und der kognitive Fak-
tor, also Wunsch und Meinung, wie sie in den beiden Prämissen des prak-
tischen Syllogismus zum Ausdruck kommen, zu einer gewissen Sinneinheit
verbunden werden. Daß die spezifische Leistung der Proairesis darin be-
steht, eine solche Sinneinheit, die die Konvergenz von Wunsch und Intel-
lekt verwirklicht, zustande zu bringen, wird übrigens von Aristoteles selbst
nahegelegt. Er stellt nämlich in diesem Zusammenhang ausdrücklich fest,
daß die Proairesis, insofern sie das Prinzip (6l>xit) der Handlung ausmacht,
als eine Art Synthese von Wunsch und Denken, d. h als 6pfXtt.KOc; voi)(;
bzw. ~u; ~havollnlCit zu charakterisieren ist (vgl. 1139b4 C.). Wie die
theoretische wird auch die praktische Wahrheit durch eine Art affirmativer
oder negativer Stellungnahme erreicht, mit dem Unterschied jedoch, daß es
sich hier um Affinnation und Negation im praktisch-konativen Sinne han-
delt. d. h. um Handlungen, die auf das Erlangen bzw. das Vermeiden von
etwas abzielen, und zwar je nachdem. ob dieses Envas erwünscht wird oder
nicht. Daß die so hervorgebrachte Handlung tatsächlich eine Verwirkli-
chung der praktischen Wahrheit ausmacht, hängt, wie gesehen, davon ab,

267
Alejandro G. Vigo

daß der sie motivierende Wunsch moralisch richtig ist, weil er sich als kom-
patibel mit einer angemessenen Vorstellung des guten Lebens erweist, und
daß die überlegende Ermittlung der rur das Ziel nötigen Mittel zu einer (im
theoretisch-konstatierenden Sinne) wahren Feststellung über die Angemes~
senheit solcher Mittel fUhrt.
Wenn die aristotelische Charakterisierung der dianoetischen Tugenden
richtig ist, sind Techne und Phronesis auch habituelle Dispositionen, durch
die die Seele in der Wahrheit, d. h. hier: in der praktischen Wahrheit ist.
Das besagt aber, daß sie Dispositionen sind, die dazu befähigen, im Bereich
des technisch-produktiven bzw. des praktisch-moralischen Handeins dieje-
nigen Handlungen hervorzubringen, die die Bedingungen der praktischen
Wahrheit in concreto verwirklichen. Betrachten wir diesen Aspekt jetzt et-
was näher.

Techne, Phronesis und praktische Wahrheit

7. In NE VI4 unterscheidet Aristoteles zwei mit dem praktischen Gebrauch


des Intellekts verbundene Weisen des Zugangs zu dem, was kontingent ist
(w tv&X~vov <UA.coc; fXtlv), und zwar die Poiesis und die Praxis (cf.
1140al f.). Jede von ihnen hat ihren spezifischen Gegenstand, den Aristo-
teles alsw w
1tO\Tl't6v bzw. rtpaK'tÖV bezeichnet, so daß sich keine von bei-
den auf die jeweils andere zurückfUhren läßt (vgl. 1140a5: ow yO:p npei-n
l;~ 1tOinmc; ow. il1tOiT)(Tlc; npa;ic; Ecrnv). Sie mUssen also spezifisch behan-
delt werden, was Aristoteles in NE VI insofern auch tut, als er die Tugen-
den, die mit jeder dieser Weisen des Zugangs zum Kontingenten zusam-
menhängen, gesondert erörtert. So behandelt er in NE VI 4 zuerst die Tech-
ne, also die Tugend, die mit der Poiesis zusammenhängt, und dann in VI 5
auch die Phronesis, also die Tugend, die der Praxis entspricht. Als Ergän-
zung zur Erörterung der Phronesis in VI 5 bringt Aristoteles in VI 7 eine
Reihe von Bemerkungen, die das Verhältnis zwischen Phronesis und So-
phia betreffen, sowie auch in VI 7-12 eine Behandlung einiger mit der
Phronesis zusammenhängender Fähigkeiten wie EUßoUAla.. aU\IE(J\~, YvO>f.1Tl,
usw. In VI 13 schließlich kommt noch eine systematisch sehr wichtige Dis-
kussion der Beziehungen zwischen der Phronesis als einer Tugend des In-
tellekts einerseits und der elbischen Tugend als einer habituellen Disposi-
tion des Charakters andererseits hinzu. Auch wenn Aristoteles in seiner Be-
handlung der Techne und der Phronesis ihrer Spezifizität als verschiedene
Weisen des Zugangs zum Kontingenten gerecht werden will, verhindert
dies jedoch nicht, daß die Charakterisierung der heiden praktisch-dianoeti-
sehen Tugenden wichtige Strukturentsprechungen aufweist.

268
000444' J

Praktische Wahrheit und dianoetische Tugenden

8. Die Techne charakterisiert AristoteIes als eine habituelle Disposition, die


durch den wahren Logos zur Hervorbringung befähigt ist (ll;~ J-LEtCr. A.6you
<iA!1Goß<; ltOl~nlCl]) (vgl. 1140aI0). Hier bekommt der Verweis auf die
Wahrheit des Logos eine ganz zentrale Bedeutung. Das zeigt auch die Tat-
sache, daß kurz danach die der Techne entgegengesetzte Disposition, d. h.
die O:tElvta., gerade dadurch gekennzeichnet wird, daß bei ihr der Logos
falsch ist (vgl. 1140a21 f.: flEt<X ),byou \jIEu&>ß<; ltOl~lCl] ll;,,). Dies besagt
jedoch nicht, daß der Hinweis auf die Wahrheit des Logos allein schon die
vollständige Antwort auf die Frage geben kann, weshalb die Techne als
eine Weise des ,ln-der- Wahrheit-sein' der Seele gelten darf.
Wenn die oben vorgeschlagene Rekonstruktion des aristotelischen Be-
gritTs der praktischen Wahrheit richtig ist, dann folgt daraus unmittelbar,
daß der Hinweis auf die Wahrheit des Logos in der Charakterisierung der
Techne der Forderung I) in der Charakterisierung der praktischen Wahrheit
entspricht. Dies bedeutet aber, daß der Verweis auf die Wahrheit des Logos
die praemissa minor des praktischen Syllogismus betriffi, die, für sich al-
lein betrachtet, rein deskriptiv-konstatierender Natur ist. Die praemissa mi-
nor eines praktischen Syllogismus, als dessen besondere Art der technische
Syllogismus betrachtet werden kann,23 bringt das Ergebnis des Oberie-
gungsprozesses zum Ausdruck, der auf die Bestimmung der Mittel abzielt,
die das Erlangen des vom Wunsch jeweils gesetzten Zieles ennöglichen
sollen.
Um diesen Punkt zu veranschaulichen, kann hier auf ein Beispiel zurück-
gegriffen werden, das Aristoteles selbst in einem anderen Zusammenhang
verwendet (vgl. Met. Vll 7, I032b2-14): Will etwa ein Arzt eine entspre-
chend diagnostizierte Krankheit heilen, dann muß er einen Überlegungs-
prozeß entfalten, der darauf abzielt, innerhalb eines bereits vorgegebenen
Kausalkomplexes - der als solcher Gegenstand der entsprechenden Wissen-
schaft. also hier der Medizin ist - diejenige Stelle zu identifizieren, an der
er durch den Einsatz von therapeutischen Maßnahmen bestimmte Wirkun-
gen erzielen kann, welche wiederum Prozesse in Gang setzen, die letzten
Endes zur Heilung oder aber zumindest zur Milderung der krankhaften Er-
scheinungen fUhren. In einem solchen Überiegungsprozeß, der sich als sol-
cher im Verständnisraurn der Mittel-Zweck-Artikulation entfaltet, wird das
letzte Endziel, auf das das Handeln des Arztes abzielt, nicht mehr in Erwä·

1] FOr eine ausftlhrliche Diskussion der aristotelischen Auffassung des technischen Syllogismus
siehe Kenny (1979) S. 111-146. Der Versuch Kennys macht hier insofern eine bemcrkenswene
Ausnahme, als die Forschung bei der Behandlung der aristotelischen Auffassung der praktischen
Vcmllnftigkeil allgemein dazu neigt, den technischen Syllogismus nicht spezifisch zu beachten.
Der Leser wird dennoch feststellen können, daß Kenny eine Interpretation der Struktur des prakti.
sehen Syllogismus vertritt, die in zcnlnllen Aspekten mit der hier vorgestellten unvereinbar ist,
und zwar vor allem deswegen, weil Kenn)' ausdrilcklich die Annahme ablehnt, daß die praemwa
maior als ein Wunsch bzw. als eine Pro-Einstellung zu konstruieren ist.

269
Alejandro G. Vigo

gung gezogen, sondern steht als ein solches immer schon fest (vgl. NE m 5,
I I 12bl 1·16: ßoU>.EOOflEEla a' oll "'Pt Wiv ttAmV cUMt "'Pt teX Jtp/x; teX ttl.~
... ä'A.Aft eEj.LEVOt 'tO tt~ 'to n:ro.:; KaiSul. nvoov fettal OlCo1tOfxn).
Als Arzt überlegt der Arzt also nicht mehr, ob er heilen will oder nicht,
sondern nur noch, durch welche Minel dieses Ziel, das ihm durch seine ei-
gene Kunst bereits vorgegeben wird (vgl. NE I I, 1094a6-8: 1to),).(jJv Se
~rov oOOoov Kat 'tEXv6Jv Kai E1tlO"tTlIlOOV 1tQ1..M.X y1.VE'tal Kat 't0: 'tt1..11·
ia'tpl1C'\1t; IlEv YcXp UylE1.a), in der konkreten Handlungssituation zu erreichen
ist. Dies besagt aber selbstverständlich nicht, daß sich das als Arzt tätige
Handlungssubjekt auf einer anderen Reflexionsstufe nicht die Frage stellen
könnte, ob es etwa Arzt werden bzw. bleiben und sich der Aufgabe widmen
möchte, Menschen zu heilen. Diese Frage liegt jedoch als solche bereits
außerhalb des Kompetenzbereiches der Medizin als Techne, denn sie ist
keine bloß technische, sondern vielmehr eine praktische Frage, die die Art
und Weise betrifft, wie das jeweilige Handlungssubjekt sich sein eigenes
Leben auf der Grundlage eines bestimmten Sinnentwurfes vorstellt. Aber
innerhalb des Kompetenzbereiches der Techne als solcher müssen die spe-
zifischen Überlegungsprozesse, die für jede Kunst charakteristisch sind,
von Zwecken und Zielen ausgehen, die in diesem Zusammenhang bereits
als solche feststehen und nicht mehr in Frage gestellt werden, wie Aristote-
les es tur den Fall des Arztes, des Redners und sogar des Politikers aus-
drücklich feststellt (vgl. NE 111 5, I 1I2b I2- I4: oUtt 1clp tatplx; ßoU>.EUEt<Xl
Ei UyUÄJEl, oott PTl'tOJP Ei ltEicrEl O'Ö'tE 1t01..l'tlKO<; Ei EUVOIl1.aV 1tOlitcrel). Ent-
sprechendes gilt übrigens auch tur viele andere Überlegungsprozesse, die
sich auf einzelne, durch die jeweilige Handlungssituation unmittelbar vor-
gegebene Ziele beziehen, sogar im Bereich der Praxis selbst, und zwar
schon deswegen, weil sich das praktische Leben unmöglich in der Foml ei-
ner ständigen Infragestellung der letzten Ziele des Handeins verwirklichen
kann. Entscheidend ist aber die Tatsache. daß die Praxis selbst. anders als
die Techne, die Beantwortung der Frage nach ihrem eigenen Sinn und nach
ihren letzten Zielen nicht einfach an andere Instanzen delegieren kann.
Denn die Frage nach dem letzten Sinn der Praxis ist bereits als solche eine
praktisch fundamentale F-:age, die die Praxis selbst auf die eine oder andere
Weise, besser oder schlechter, beanlViorten muß und faktisch immer schon
beantwortet hat.

Gerade die Tatsache, daß im Bereich der Techne das Endziel, auf das
sich die spezifischen Überlegungsprozesse der jeweiligen Kunst richten, be·
reits vorgegeben ist, erklärt den Umstand, daß Aristoteles in der Charak·
terisierung der Techne vor allem auf die Rolle der auf die Minel gerichteten
Überlegungsprozesse und somit auch auf die Wahrheit des entsprechenden
Logos abhebt. Nun dürfte bereits deutlich genug geworden sein, daß die
Vermittlung von spezifischen Überlegungsprozessen z""ar eine unentbehrli-

270
0004441~

Praktische Wahrheit und dianoetische Tugenden

ehe. aber nur eine Komponente der Techne ausmacht. die sich aus struktu-
rellen Grunden nicht verselbständigen kann, und zwar schon deswegen
nicht. weil jede Überlegung, auch die technische. bereits den Bezug auf
Ziele voraussetzt. von denen sie ausgeht. Der Bezug auf jeweils spezifische
Ziele liefert sogar das wohl wichtigste Unterscheidungskriterium rur die
verschiedenen Technai. Diese Ziele werden aber nicht von der Überlegung
selbst. sondern vielmehr vom Wunsch in seinen verschiedenen möglichen
Formen gesetzt. Die Techne bringt also. sofern sie als habituelle Disposi-
tion zu bestimmten Handlungen befähigt und sie motiviert, eine eigentUmli-
che Vermittlung von Wunsch und Denken immer schon mit sich. Daß es
sich hier eigentlich um Wunsch formen handelt, die durch die Techne selbst
in der Gestalt von reproduzierbaren Verhaltensmustern vermittelt werden,
ändert nichts daran, daß derjenige, der sich einer Techne bemächtigt hat und
sie ausübt, sich auch mit solchen Verhaltensmustern bis zu einem gewissen
Grad identifiziert und sie in der Form von Handlungstendenzen verinner-
licht haben muß.
Zu diesem Umstand kommt aber noch ein anderer hinzu, der in die glei-
che Richtung deutet. Aristoteles betrachtet die Techne als eine dianoetische
Tugend und somit auch als eine eigentümliche Form des Wissens, konkreter
noch: des praktisch-produktiven Wissens, die als solche die Struktur eines
Know how, und nicht die eines bloßen Know that hat. Anders gesagt, gehört
zur Techne nicht nur die Fähigkeit zur richtigen Überlegung über die Ge-
genstände und Zusammenhänge ihres spezifischen Kompetenzbereiches,
sondern auch die Fähigkeit, die jeweils angestrebten spezifischen Ziele
durch kompetentes Handeln in concreto zu verwirklichen. Es ist zwar rich-
tig, daß Aristoteles an einer bekannten Stelle in der Metaphysik die Einsicht
in die tur einen bestimmten Typus von Sachverhalt relevanten Kausalzu-
sammenhänge als das Eigentümliche der Techne, im Gegensatz zur auf blo-
ßer Erfahrung basierenden TUchtigkeit, identifiziert, nicht jedoch in erster
Linie die Fähigkeit, ein solches Wissen durch kompetentes Handeln auf den
Einzelfall anzuwenden (vgl. Met. I I, 98Ia5-11). Alles spricht aber daflir,
daß Aristoteles hier nicht den normalen Fall eines kompetenten Technikers,
sondern vielmehr solche Fälle wie den eines Lehrlings vor Augen hat. der
zwar das im Bereich der Technik, das aus propositionalem Wissen besteht,
bereits gelernt hat, der aber noch nicht so weit ist, was die Erfahrung in ih·
rer Ausübung angeht. Die kompetente Ausübung einer Techne wird in der
Regel jedoch durch entsprechende Formen der Erfahrung immer schon be-
gleitet und getragen.
Wie es damit auch stehen mag - Tatsache ist. daß die Technik im Nor-
mal fall auch zu kompetentem Handeln im jeweiligen Sachbereich beHihigt
und nicht nur zur richtigen Überlegung über die in Frage kommenden
Mittel-Zweck-Zusammenhänge. Auf diesen Aspekt zielt schon die ari-

271
A/ejandro G. Vigo

stotelische Charakterisierung der Techne in NE VI 4 als l;u; IWl1]nKri, d. h.


als eine habituelle Disposition, die strukturell auf den Bereich der Poiesis
bezogen bleibt. In diesem Sinne weist Aristoteles - im Anschluß an die
Auffassung Plalons (vgI. Symp. 2051>-<:) - darauf hin, daß die Techne als
eme Ursache der yt\lECn; zu belJachten ist, und zwar insofern, als sie als ha-
bituelle Disposition des Subjektes der technisch-produktiven Handlung (tv
tii> 1tOwUvn) zugleich das Prinzip (ci:px'J\) ftir die Bewegung dessen liefert,
was jeweils hergestellt wird: Als Ursache bewirkt sie nämlich das
Zustandekonunen von Gegenständen oder Sachverhalten, die als solche
dem Bereich des Kontingenten zuzuordnen sind (vgt. NE VI 4, 1140a10-
16).
Aus dem bisher Gesagten dürfte klar geworden sein, auf welche Weise
die Technik die Forderung I) in der Charakterisierung der praktischen
Wahrheit - die sich, wie gesehen, auf die Wahrheit des Logos bezieht -
erfUllt: Die spezifischen Überlegungsprozesse, zu denen die Technik bcHi-
higt, fllhren durch wahre Feststellungen über die relevanten Sachzusam-
menhänge zur Bestimmung der am besten geeigneten Mittel ftir das Erlan-
gen der erstrebten Ziele, sofern diese im Kompetenzbereich der jeweiligen
Kunst liegen. Wie steht es nun aber mit der Forderung 2), die sich auf die
Richtigkeit der Orexis bezieht? In diesem Zusammenhang wurde schon
daraufhmgewiesen, daß dieser Aspekt in der Charakterisierung der Techne
in NE VI 4 deswegen keine besondere Hervorhebung erfährt., weil die spe-
zifischen Ziele der verschiedenen Technai aus der Binnenperspektive, die
jeder einzelnen Techne eigen ist, als bereits vorgegeben gelten dürfen. Ari-
stoteles verkennt dennoch nicht die Tatsache, daß technisches Wissen auch
fUr die Verwirklichung anderer, den spezifischen Zielen einer Techne sogar
entgegengesetzer Zwecke anwendbar ist. So kann sich etwa der Arzt seines
Fachwissens nicht nur dazu bedienen, zu heilen, sondern auch dazu, krank
zu machen oder sogar zu töten. An verschiedenen Stellen verweist Ariste-
teles auf den dialektischen Topos, nach dem jede Techne ~zw. jede Wissen-
schaft heide Glieder eines Gegensatzes intendiert. so etwa im Fall der Me-
dizin sowohl die Gesundheit aJs auch die Krankhei1,24 Zugleich schließt
Aristoteles jedoch aus, daß heide Opposita gleichberechtigt als der spezifi-
sche Gegenstand einer Techne oder Wissenschaft angesehen werden körnt-
Icn. Im Gegenteil: Er besteht darauf, daß jede Tedme und jede Wissen-
schaft sich auf nur eines von heiden als auf ihren spezifischen Gegenstand
richtet, auf das andere nur indirekt und akzidentell. Präziser noch: Jede
Techne und jede Wissenschaft bezieht sich nur im Modus der Privation auf
dasjenige Oppositum, das nicht ihren spezifischen Gegenstand ausmacht,

N Zu dem hier gemeinlen Topos vgl. z. B. AnoL Pr. I I, 24al; I 36. 48b5; 11 26. 69b9 ff.; ANJI.
POSI. I 7. 7Sbl J; Top. 1 10, l04aI6. Siehe auch Booitz, /nda ArUIOIniau 279b12 ff.

272
441 ~

Praktische Wahrheit und dianoetische Tugenden

d. h. als bloße Abwesenheit der positiven Bestimmung, fi1r die dasjenige


Oppositum steht, das den spezifischen Gegenstand dieser Techne bzw. Wis-
senschaft ausmacht (vgl. Met. IX 2, 1046b7-15). So ist z. B. der spezifische
Gegenstand der Medizin in der Gesundheit zu suchen, während die Krank-
heit sich aus der Sicht der Medizin immer nur als BeraubWlg bzw. Abwe-
senheit der Gesundheit zeigt (vgl. auch Met. IV 2, 1004a9; 1oo5a4; XI 13,
1061aI9).ln diesem Sinne spricht Aristoteles sogar davon, daß es ein natur-
konformes (lC<Xta <pOOtv) und ein naturwidriges (rwpcl <p\xnv) Ziel jeder
Techne oder Wissenschaft gibt. wie z. B. die Gesundheit und die Krankheit
im Fall der Medizin (vgl. Eudemische Ethik n 10, 1227a25-28). Dies alles
bestätigt m. E. die These, daß das spezifische Ziel der Techne im Grunde
als vorgegeben Zll betrachten ist.
Hinzu kommt aber noch ein weiterer Umstand. der auch die Tatsache
verständlich macht. daß die Forderung nach der Richtigkeit der Orexis in
der Techne-Analyse von NE VI 4 keine zentrale Rolle spielt. Es handelt
sich dabei darum, daß aus der umfassenderen Perspektive der Praxis die
Ziele, auf die die Techne sich richtet, eigentlich rein instrumentale Ziele
sind, die in der Hierarchie der Ziele. an der sich die Aufgabe der Sinnge·
staltung des praktischen Lebens orientieren muß, auf einer unteren Stufe
liegen. Bereits in der Einfiihrung einer solchen Hierarchie der Ziele in NE I
I macht Aristoteles darauf aufmerksam, daß die Ziele der technisch·pro-
duktiven Tätigkeiten - die als solche Produkte bzw. Erzeugnisse (fpya)
sind, die diesen Tätigkeiten selbst nur äußerlich sind - in der Hierarchie der
Ziele, die mit Blick auf die ideale Vorstellung des guten bzw. glOcklichen
Lebens entworfen wird, keine höhere Stufe belegen können (vgl. NE I I,
1094a3-18). Das Endziel der Praxis muß, erklärt Aristoteles, als ein Ziel
gedacht werden, das allein rur sich selbst und nicht mit Blick auf etwas an-
deres gesucht wird (vgl. 1094aI8·22). Aus demselben Grund muß es sich
dabei um ein vollkommenes und selbstgenügsames Ziel handeln, das keinen
Wunsch nach etwas anderem unbefriedigt läßt (vgl. NE I 5). Die Produkte
bzw. Erzeugnisse. die als Ziele der technisch-produktiven Tätigkeiten fun-
gieren, sind dagegen Dinge. die eigentlich nur als Instrumente und Mittel
fUr andere Dinge gewünscht werden. Genauer noch: Es sind Dinge. die nur
mit Blick auf die praktischen Tätigkeiten gewünscht werden, die sich ihrer
als Mittel und Instrumente bedienen. Die Ziele der technisch·produktiven
Tätigkeiten sind also den Zielen der praktischen Tätigkeiten, die auf die
Verwirklichung eines glOcklichen Lebens abzielen, untergeordnet.
Nun hat dieser Umstand sehr wichtige Folgen. wenn es um die Frage
geht, wie die Forderung nach Richtigkeit der Orexis auf den Fall der
Techne anzuwenden ist. Eine solche Forderung ist nämlich keine techni-
sche, sie hat vielmehr, wie schon gesagt, einen praktisch·moralischen Cha-
rakter. Sie zielt auf die mögliche Eingliederung der einzelnen Handlungs-

273
000444'.

Alejandro G. Vigo

ziele in einen vemunftkonfonnen Lebensentwurf, der auf einer angemessen


Vorstellung des glücklichen Lebens, d. h. der Glückseligkeit, basiert. Es
scheint aber klar geworden zu sein, daß die Ziele der technisch-produktiven
Tätigkeiten gerade als bloß instrumentelle aus der Sicht der Praxis tUr sich
allein genommen eben nicht in der Lage sind, eine solche praktisch-morali-
sche Forderung ohne weiteres zu erfüllen.
Um sagen zu können, ob eine technisch-produktive Tätigkeit einer Ore-
xis entspricht, die als richtig gelten darf, bedarf es vielmehr des Rekurses
auf außertechnische Maßstäbe der Beurteilung, die eigentlich nur die prak-
tisch-moralische Reflexion abgeben kann. Ob z. B. das Ziel der Tätigkeit
des Schusters als Gegenstand einer richtigen Orexis gehen darf, ist eine
Frage, die sich nicht einfach durch den Verweis auf die technische Voll-
kommenheit des entsprechenden Produktes spezifisch beantworten läße Die
Forderung nach der Richtigkeit der Orexis verlangt vielmehr, daß darüber
hinaus auch die Frage gestellt und positiv beantwortet wird, ob das betref-
fende Produkt, hier der Schuh, als etwas betrachtet werden kann, das zur
Verwirklichung eines rur den Menschen guten Lebens aufirgendeine Weise
beitragen kann und sich so vom praktisch-moralischen Standpunkt aus auch
als wirklich wünschbar oder zumindest aber als annehmbar erweise 2s Diese
Deutung des Problems der Anwendung der Forderung 2) in der Charakteri-
sierung der praktischen Wahrheit auf den Fall der Techne ist, wie man
leicht sehen kann, mit der allgemeinen aristotelischen These des Vorrangs

:u Im Fall der Produkte bzw. Anefakte kommt noch eine Schwierigkeit hinzu: Derjenige, der
sie herstellt, ist spater nonnalerweise nicht mehr in der Lage zu garantieren, daß sie auf adlquate
Weise gebrauchI werden. Hier muß man nicht nur die MGglichkeit der technisch nicht kompeten-
Jen Verwendung, sondern auch die Möglichkeil bertlcksichtigcn, daß die von der Techne bereitge-
stellten Instrumente und Produkte ftlr das Erlangen von Zielen und Zwecken benutzl werden, die
aus moralischer Sicht falsch sind. Wie auch der Techne selbst, hrlftet den Instrumenten und Arte-
fakten, die sie bereitStellt, ebenfalls eine wesentliche Ambivalenz an. was die moralische Beurtei·
IUllg ihr~r möglichen Verwe'ldungen angeht. So muß rnall hier von der Annahme ausgehen, dhß
wie im Fall der Techne selbst auch bei den lnstrumenlen und Artefakten zwischen einer oder meh-
reren Fomlen der naturkonformen und einer oder mehreren Formen der naturwidrigen Verwen-
dung zu unterscheiden ist, wobei die naturkonforme Verwendungjeweils mit Blick auf die Art und
Weise definien wird, wie der kompetente und momlisch gUI prlldisponiene Benutzer jeweils mit
ihnen umgeht. So verstanden Sieht die aristotelische Position in einem unmittelbaren Zusammen-
hang mit der platonischen These des Vorrrangs des Gebrauchswissens vor dem Herstellungswis-
sen, wie sie z. B. im Rahmen der Schriftkritik im Phai(/ros 274b-278b zum Ausdruck kommt. Zu
diesem Komplex und allgemein zum Vorrang des praktischen gegenOber dem technischen Wissen
bei Plato siehe die ausgezeichnete Diskussion bei Wieland (1982) S. 17,27, 177 r. und bes. 252-
263. Die Einsicht, daß Instrumente und Artefakte sich vom Hersteller losen und eine Art eigenes
Leben ftlhren können, hat - so seltsam es zunllchst klingen mag - offensichtlich eine seht wichtige
Rolle in der aristotelischen Reflexion ober die Techne gespielt. Das wohl aufschlußreichste und
merkWOrdigste Beispiel ftlr die An und Weise, wie Aristoteles sich mit diesem strukturellen Um-
stand au.seinandergesetzt. hat, liefen die Lehre von der kathartischen Wirkung der tragischen Dar-
stellung. Hierzu siehe nochmals die hervorragende Deutung bei Wieland (1996) bes. S. 493 ff.

274
0004441~

Praktische Wahrheit und dianoetische Tugenden

der Praxis und der Phronesis gegenüber der Poiesis und der Techne aufs
engste verbunden.
Es ist schließlich nicht schwer zu sehen, wie die Forderung 3), die sich
auf die Konvergenz von Logos und Orex.is als Bedingung Hir die praktische
Wahrheit bezieht, im Fall der Techne Anwendung finden kann. Auch im
Bereich der Techne müssen die Hervorbringung der entsprechenden Hand-
lung und das dadurch entstandene Produkt als Ergebnis eines Überlegungs-
prozesses und einer daraus resultierenden Entscheidung angesehen werden,
die dazu führen, daß d.iejenige Wunschvorstellung, von der der Überle-
gunsprozeß seinen Ausgang nimmt, durch die Ennittlung der nötigen Minel
und ihrer kompetenten Verwendung am Ende in die Tat umgesetzt wird.
Erfolgt die Handlung der Hervorbringung auf adäquate Weise, kann das so
erzeugte Produkt, das ihr gegenständliches Korrelat ausmacht. zugleich als
eine konkrete Venvirklichung der praktischen Wahrheit betrachtet werden,
und zwar insofern. als es zu den Wünschen und Absichten des Herstellers in
einem Entsprechungsverhältnis steht und somit den idealen Typus in con-
creto darstellt, aufden sich solche Wünsche und Absichten richten.

9. Was die Phronesis angeht, so weist die aristotelische Analyse in NE VI 5.


wie gesagt. wichtige Entsprechungen zu der Analyse der Techne in Vl 4.
aber auch genauso wichtige Unterschiede auf. Wie im Fall der Techne liegt
auch im Fall der Phronesis der Akzent zunächst einmal auf der Rolle der
Überlegungsprozesse, die zur Bestimmung der Mittel führen sollen, durch
die das gewünschte Ziel jeweils zu erreichen ist. Von Anfang an betont Ari-
stoteles. daß sich der im praktisch-moralischen Sinne kluge Mensch. also
der q>p6Vl~CX;. durch die Fähigkeit auszeichnet, über das Hir sich selbst Gute
und ZuträgliChe auf richtige Weise nachzudenken (vgl. 1140a25-27). Im
Gegensatz zum Fall der Techne sind hier aber die Ziele. fur die die Überle-
gung die Mittel ausfindig machen soll, keine spezifischen bzw. einzelnen
Ziele wie etwa die Gesundheit oder die physische Kraft. Die Hir die Phrone-
sis charakteristischen Überlegungsprozesse bewegen sich vielmehr inner-
halb des viel umfassenderen Verständnisraumes, der durch dcn Bezug auf
das gute Leben im Ganzen (ltjl/>c; W Eil ~~v öl.w<;) eröffnet wird. Es ist diese
umfassende Perspektive, aus der die Phronesis dann auch diejenigen tu-
gendkonformen Einzelziele betrachtet. rur die keine Techne als solche zu-
ständig ist (ltjl/>c; ttMx; n """uöa.lnv ... OOV ~~ Ecrn ttXVll) (vgl. 1140027-
30). Dieser wichtige Unterschied, der den Charakter der jeweils· in Frage
kommenden Ziele betrifft, wirkt sich aber auch entscheidend auf die Struk-
tur der entsprechenden Überlegungsprozesse aus und erklärt die wichtigen
Akzentverschiebungen. die - im Vergleich mit der Analyse der Techne -
die Erörterung der Phronesis mit sich bringt. Betrachten wir die wichtigsten
Aspekte in der Behandlung der Phronesis etwas näher.

275
000••• 13

A/ejandro G. Vigo

An erster Stelle ist in ihrer ganzen Tragweite die Tatsache zu beachten,


daß die Phronesis, sowohl auf der individuellen wie auch auf der gemein-
schaftlichen Ebene (ltOAlnK'it),26 mit Blick auf das letzte Endziel der Praxis
operiert, das kein anderes als das gute bzw. glückliche Leben ist. Nun han-
delt es sich hier im Gegensatz zu den spezifischen Zielen der Technai eben
nicht um ein Ziel, das, was die Bestimmung seines ma[erialen Inhalts an-
geht, als von einer anderen Instanz bereits vorgegeben zu betrachten wäre. 27
Es ist zwar richtig, daß Aristoteles von der Annahme ausgeht., daß der Be--
zug auf ein letztes Endziel aller praktischen Tätigkeiten eine unentbehrliche
Voraussetzung ausmacht., wenn es darum geht, das praktische Leben im
Ganzen als eine gewisse Sinneinheit zu betrachten und zu gestalten (vgl.
NE I I und I 5). Er weist sogar darauf hin, daß die Annahme einer gewissen
Idealvorstellung des glOcklichen Lebens durch das Handlungssubjekt eine
notwendige Bedingung tur die volle Entfaltung seiner Wesensmöglichkei-
teD als vemunftbegabtes Lebewesen ausmacht (vgl. Eud. Elh. J 2, 1214b6-
14). WUrde man die Existenz eines solchen Endzieles, das allein fUr sich
selbst gewünscht wird und somit auch selbstgenUgsam ist, nicht annehmen,
dann würde daraus folgen, daß aJles mit Blick auf etwas anderes gewünscht
und verfolgt wird. so daß der Wunsch als solcher umsonst und nicht mehr
zu befriedigen wäre (vgl. NE I I, 1094310 f.).
Ober den Namen dieses lctzten Endzieles der Praxis sind sich - so Ari-
stoteles - alle einig: Das allein fUr sich selbst verfolgte Endziel wird von al·
len als die GIOckseligkeit (ElIlialjlOvia) bezeichnet (vgl. NE I 2, 1095a17-
20). Damit is[ aber dic Frage nach der materialen Bestimmung der Idealvor-
stellung des guten bzw. glücklichen Lebens noch lange nicht beantwortet.
Es ist vielmehr so, daß der einstimmige Konsens ober den Namen der
Glückseligkeit die krasse Diskrepanz tendenziell verdeckt, die zwischen
den verschiedenen Auffassungen des glücklichen Lebens faktisch herrsch[
(vgl. NE I 2, 1095310-22), eine Diskrepanz nämlich, die schon in der tradi-
tionel!en Problematik der verschiedenen Lebensformen @lot) zum Aus·
druck kommt (vgl. NE I 2). In der Tat besteht ein wichtiger Teil der Arbeit,
die die moralische Reflexion, noch vor jedem Versuch der Entwicklung ei-
ner philosophischen Ethik, leisten muß, gerade in der kritischen Auseinan-

Ä'n NE VI 8, 1141b24-29 unterscheidei Arisl()(eles drei Verwirklichungsformen der Phrooe-


si$. die jeweils aufverschiWene Überlegungs. und Handlungskontexle bezogen sind: einenciu die
individuelle und andererseilS die politiscl'le Phronesis, die wiederum in eine nornothetischc:, die
sich in der legislativen Tilligkeil bewAhrt, und eine pnktische:, die sowohl in den VolksVCßafllm-
lungen als auch in den gerichtlichen Vertlandlungen zur Anwendung kommt. z:erflHl.. Zu dieser
Einleilung siehe: Dirlmeier (19S6) S. 457 :t. St.; Arisloteles beblftigt jedoch die TlUSlIChc:, daß es
sich in all diesen Verwirklichungsformen um ein und dieselbe Disposition handelt (vgl. 1141b2J
'-l.
n Auch Kenn)' (1979) S. 147 n: weist auf die systematische Bedeutung dieser Tatsache: und ih-
n: Folgen R1T die Suuktur der enupm:benden Überlegungprozesse hin.

276
Praktische Wahrheit und dianoelische Tugenden

dersetzung daril.ber, wie man sich das filr einen Menschen gute bzw. glück-
liche Leben vorstellen kann und soll. Auf die Beantwortung der Frage nach
der richtigen inhaltJichen Bestimmung der Ideal vorstellung eines glückli-
chen Lebens zieh aber auch die Theorie der Glückseligkeit ab, die als sol-
che bereits auf der Ebene der philosophischen Ethik steht. In der NE prä-
sentiert und verteidigt AristOieles bekanntlich eine bestimmte materiale
Auffassung der Glückseligkeit. Sie ist vor allem in den Büchern I und X zu
finden. Vom systematischen Standpunkt aus muß man jedoch sagen, daß
die Theorie der Tugend, die Aristoteles in den miuleren BUchern des Wer-
kes darstellt, im Ganzen ebenfalls zur Theorie der Glückseligkeit dazuge-
hört. Dies wird klar, wenn man bedenkt, daß die Glückseligkeit im Rahmen
des sogenannten Ergon-Argumentes von J 6 gerade als eine Tätigkeit der
vernünftigen Seele gemtiß ihrer vollkommenen Tugend definiert wird. In
diesem Sinne muß man wohl sogar sagen, daß die Nikomachische Elhik im
Ganzen auch als ein Versuch anzusehen ist, auf der Reflexionsebene der
philosophischen Ethik eine Antwort auf die Frage nach der adäquaten Vor-
stellung der menschlichen Glückseligkeit zu geben.
Die Problematik, die mit der materialen Bestimmung der Idealvorstel-
lung des glücklichen Lebens verbunden ist, ist zwar ein Thema der philoso-
phischen Ethik, von der ein zentrales StUck gerade in der Theorie der
Glückseligkeit liegt, sie geht aber ihrem Ursprung nach bis auf die Ebene
der (vorphilosophischen) moralischen Reflexion über das praktische Leben
und darilber hinaus bis auf die Ebene des praktischen Lebens selbst in sei-
nem konkreten Vollzug zurOck. Aristoteles unterscheidet zwar einerseits die
Ebene der ethischen Theorie, auf der sich die philosophische Ethik bewegt,
und andererseits die Ebene der moralischen Handlung und der moralischen
Reflexion, die das Betätigungsfeld der Phronesis darstellt, deutlich vonein-
ander. Eine solche, auch methodisch motivierte Unterscheidung läuft bei
ihm jedoch nicht darauf hinaus, daß die Existenz von wechselseitigen Be-
ziehungen zwischen den so unterschiedenen Ebenen einfach geleugnet
wird. Im Gegenteil: Mehrere GrUnde sprechen ganz klar dafur, daß Aristo-
teles solche wechselseitigen Beziehungen durchaus beachtet. Einerseits hat
die philosophische Ethik bei Aristoteles nicht den Charakter einer bloßen
Theorie, sondern zielt vielmehr zugleich auf einen praktischen Zweck ab,
und zwar insofern, als sie auf dem Weg der kognitiven Aufklärung dazu
beitragen will, daß das Handeln sich selbst mit Blick auf seine eigene
Struktur, seine Motivationen und seine Ziele durchsichtiger wird: Wir wol-
len nicht nur um des Wissens willen lernen, was die Tugend ist, sondern zu-
gleich - und hauptsächlich - auch, um im vollkommeneren Maße Ngend-
haft zu werden (vgl. NE n 2, I I03b26-3 I; siehe auch I I, 109505 f.; X I,
I 172b3-5; 1I79a35-b4). Andererseits sieh. sich das vemunftbegob.e Hand-
lungssubjekt schon auf der Ebene der Betätigung der Phronesis selbst, also

277
00044413

Alejandro G. Vigo

noch vor jedem Versuch des theoretisch-philosophischen Zugangs zum Be·


reich des Handeins, frtiher oder später auch mit der Notwendigkeit konfron-
tiert, sich auf die eine oder die andere Weise die Frage nach den Zwecken
und Zielen seiner eigenen Praxis zu stellen und zu beantworten; denn es
kann sich der Aufgabe unmöglich filr immer entziehen, das eigene Leben
nach einem wie auch immer geaneten Lebensentwurf zu gestalten. In einer
solchen Aufgabe, die selbstverständlich nicht alle Handlungssubjekte mit
vergleichbarer Kompetenz bewältigen können, spielt die kritische Reflexion
Ober die filr sich selbst angenommenen Ziele, die Wege zu ihrer Erlangung,
die mögliche Kompatibilisierung verschiedener Zwecke und. wo Kompati-
bilisierung nicht mehr möglich ist. die notwendigen Prioritätssetzungen eine
ganz zentrale Rolle.
Aristoteles besteht zwar darauf, daß die Aufgabe der Phronesis in erster
Instanz nicht in der Bestimmung der Handlungsziele, sondern vielmehr in
der Bestimmung der geeigneten Mittel rur ihre Erlangung liegt; die Bestim-
mung der Handlungsziele, an denen sich dann die Phronesis orientiert, ist
eine Leistung der ethischen Tugend (<ipEnl) als solcher (vgl. NE VI 13,
1144a6-9: siehe auch I I44a20-22; 114581-6). Es gib' dennoch gUle Grllnde
rur die Annahme, daß einer solchen Arbeitsteilung eigentlich nur eine funk-
tionelle Tragweite zukommt, die es jeweils in bezug auf den konkreten
Oberlegungs- und Handlungszusammenhang zu verstehen gilt. So verstan-
den schließt sie aber nicht mehr aus, sondern impliziert vielmehr. daß dasje-
nige, was in einem bestimmten Überlegungszusammenhang als ein vorge-
gebenes Ziel, über das man nicht mehr nachdenkt, angenommen wird, in ei-
nem anderen, umfassenderen Oberlegungszusammenhang auf ein höheres
Ziel als Minel bezogen und so zum Gegenstand der Überlegung gemacht
werden kann. 21 An einer Stelle scheint sogar Aristoteles selbst auf die Rolle
der Phronesis zu verweisen, wenn es darum geht, durch Überlegung und
kritische Reflexion eine angemessene Vorstellung des Endzieles der Praxis
zu ennöglichen (vgl. VI 10, 1142h31-33).29
In diesem Zusammenhang darf man übrigens die Talsache nicht verges-
sen, daß die MineI-Zweck-Beziehung im Einzugsbereich der Phronesis ei-
nen ganz anderen Charakter besitzt als im Fall der Kontexte rein technisch-

n Fnr eine Verteidigung dieser Deutung verweise ich auf die ausfllhrlichere Diskussion in Vi·
go (1996) S. 285·296.
:19 Die genannle Stelle iSI jedoch grammatikalisch umstritten und kann auch im Sinne einer rein
instrummtalistischen Deulung gelesen wen:len, die die Rolle du Phronesis auf die Bestimmung
der Mittel fllr bert:its vorgegebene Ziele einschrlnkt. So z. B. Waller (1814) S. 470 ff.: Bornel
(1900) 5_ 217 z. St.; und G~wood (1909) S. 66, wenn auch nicht ohne manche Unsicherheit.
Far die umfassendere Deulung, die der Phronesis auch eine gewisse Rolle bei der kritischen Be-
urteilung und Kompatibilisicrung der Ziele zuschreibt, enlScheKSen sich SIewart (1892) 11 S. 83 L
St. und Gaulhier-Jolif(1958-59) IJ S. 518 r. z. St Diese Deutung ist m. E. sowohl aus grammati-
kalischer als auch aus inhaltlicher Sicht besser.

278
Prakrische Wahrheir und dianoerische Tugenden

produktiver Natur. Ziel und Minel lassen sich im Bereich der Praxis nicht
auf rein äußerliche Weise bestimmen und aus demselben Grund auch nicht
bloß von außen vereinigen. Sie stehen vielmehr in einem konstitutiven Ver-
hältnis zueinander: Die moralische Handlung wird um ihrer selbst willen
gewählt (vgl. NE 1Il 3) und die dazu nötigen Minel dUrfen nicht im Gegen-
satz zu ihrer moralischen Qualität stehen. Anders gesagt: Moralische Ziele
können nicht auf beliebigen Wegen erreicht werden, sondern der Weg zur
Verwirklichung solcher Ziele steht nOlWendigerweise in einem inneren Zu-
sammenhang mit ihrer moralischen Natur. Anders liegt der Fall bei der
Techne: Hier können nicht nur die gleichen Ziele auf ganz verschiedenen
Wegen erreicht werden. ohne daß dabei die rechnische Qualität der Ziele
bzw. Ergebnisse sich nOlWendigerweise verändert, sondern es kommt noch
die schon besprochene Tatsache hinzu, daß die gleichen technischen Mittel
prinzipiell fUr die Verwirklichung ganz anderer, sogar entgegengesetzter
Ziele angewendet werden können. Auf dieses konstitutive Verhältnis von
Zielen und Mineln im Bereich der Praxis verweist auch die aristotelische
These in NE VI 13, daß es weder Phronesis ohne ethische Tugend noch
ethische Tugend ohne Phronesis gibt. Aristoteles fUhrt also die bekannte
Arbeitstcilung, nach dcr die Tugend die Ziele und die Phronesis die Mittel
bestimmt. ausdrücklich ein. Er läßt es aber nicht einfach damit bewenden,
sondern versucht auch noch zu zeigen, daß im Bereich der Praxis Ziele und
Minel sowie auch ethische Tugend und Phronesis konstitutiv aufeinander
bezogen bleiben. Das kann übrigens nicht erstaunen, wenn man bedenkt.,
daß bereits die Definition der ethischen Tugend in NE 11 6 mit der Gestalt
des klugen Menschen (qlp6~oc;) ausdrücklich auf die Phronesis verweist.
Aus den oben skizzierten Zusammenhängen mag ersichtlich geworden
sein, warum Aristoteles sich bei der Behandlung der Phronesis nicht einfach
mit dem Hinweis auf die Rolle der entsprechenden Überlegungsprozesse
zufrieden geben kann, sondern zusätzlich noch ausdrücklich auf den eigen-
tümlichen Charakter der Ziele hinweisen muß, an denen sich die Phronesis
orientiert. Dieser Hinweis auf die Ziele der Praxis wird sogar in die Defini-
tion der Phronesis mit aufgenommen, die sie als eine wahre habituelle Dis-
position charakterisiert, die sich, mit Blick auf das Handeln, durch den Lo-
gos auf dasjenige bezieht, was für einen Menschen gut ist (vgl. 1140b5 f.:
El;l~ <iArßilc;~ta lJryou 1tp<1<n1Cl) Jt<jll ta a-epronq> ayaea; siehe auch
ll40b20 f.). Wie nicht schwer zu sehen ist., werden in der aristotelischen

)I Sowohl in 1140bS als luch in 114Ob21 wird das Adjektiv QlTJ9f1r; grammatikalisch auf~~
und nicht auf I.hyo; bezogen. was einen UnttßChicd zur CharnktcrisiCT\lng der Techne ausmacht
(vgl. VI 4, 1140310). Iki der Phroncsis wOrde Aristoteles die Wahrheit der habituellen Disposition
als einer solchen bervochcbcn, und nicht die des sie begleitenden Logos. Gegen die Mehrzahl der
Henusgebcf- und Übersetzer, die sich R1r eine Komktur des Textes aussprechen (so etWa Suse--
mihl, $ttWlr1, Apclt, Tricot, usw.) bekrlftigt jetzt Volpi (1999) S. 334 (. die N()(Wendigkeil, die
Lesart der Handschriften beizubehalten: Die subtile Variation in der Formulierung wIlJ'de der A~

279
00044410

Alejandro G. Vigo

Analyse der Phronesis also alle drei Aspekte harmonisch vereinigt, die auch
die Charakterisierung der praktischen Wahrheit durch den Verweis auf die
oben besprochenen Forderungen hervorhebt: 1. befiihigt die Phronesis
durch Überlegung zur Bestimmung der Mittel, die in jeder Handlungssitua-
tion das Erlangen der gewünschten Ziele ermöglichen (= Forderung nach
Wahrheit des Logos); 2. können solche Ziele aber keine anderen als diejeni-
gen sein. die den normativen Maßstäben entsprechen, die filr die ethische
Tugend charakteristisch sind (= Forderung nach Richtigkeit der Orexis); 3.
ist das unmittelbare Ergebnis der hannonischen Integration von Mitteln
(Denken) und Zielen (Wunsch), die die Phronesis durch die entsprechenden
Überlegungsprozesse ermöglicht, kein anderes als eine llberlegte Entschei-
dung, die die moralischen Maßstäbe der ethischen Tugend in concreto ver-
wirklicht und exemplifiziert (= Forderung nach Konvergenz von Logos und
Orexis). Anders gesagt: Das unmittelbare Werk der Phroncsis in jedem kon-
kreten Überlegungs- und Handlungszusammenhang ist kein anderes als das,
was Aristoteles eine npoalpe.mc; O1tOOOaia nennt (vgl. NE VI 2, 1139a25).
Als unmiuelbares Prinzip des Handeins fUhrt diese aber zu einer Handlung,
die im EinkJang mit einer richtigen Orexis steht und somit auch eine kon-
krete Verwirklichung der praktischen Wahrheit ausmacht.

Schlußbemerkungen

10. Ist die hier vorgeschlagene Rekonstruktion richtig, dann muß auch an-
erkannt werden, daß der Begriff der praktischen Wahrheit keine bloße
RandsteIlung in der aristotelischen Auffassung der praktischen Vernlinftig-
keit einnimmt. Da die traditionelle Deutung der Stelle NE VI 2 nicht in der
Lage war, die Spezifizität der praktischen Wahrheit als einer Wahrheit der
Handlung selbst angemessen zu erkennen, sah sie sich gewöhnlich dazu ge-
zwungen, eine Umdeutung vorzunehmen, die die praktische Wahrheit als
eine Wahrheit des auf die Handlung bezogenen Logos versteht und sie so-
mit wieder auf die theoretische Wahrheit - als Übereinstimmung des Den-
kens mit seinem Gegenstand aufgefaßt - zurückführt. Der hier unternom·
mene Versuch bewegt sich in die genau entgegengesetzte Richtung, und
zwar insofern, als es bei ihm in erster Linie darum geht, dem spezifischen

sicht des Aristoteles entsprechen, die fundamentale RoJte hervorzuheben, die die moralische Rich-
tigkeit der inneren Disposition im Fall des praktisch-moralischen Wissens spielt. Diese letzte Be-
merkung ist aus systemalischer Sichl zwar völlig zutreffend. Aus terminologischer Sicht bleib!
aber die Frage immer noch offen, warum AristOieles hier von Wahrheit und nicht von Richtigkeit
spricht, wenn es eigentlich, wie Volpi selbst eril:l!rt, um die morolische Qualitlt derjenigen Orexis
gehl, die sich auf die Ziele der Tugend beziehl. Die aristotelische These besagt nllmlich in ihrer
sonst Ublichen Formulierung, daß die Tugend den Zweck (OlCon:6:;) richtig (6p06c;) macht (vgl. z. B.
NEVI13,1I44a8).

280
441 ~

Praktische Wahrheit und dianoetische Tugenden

Charakter der praktischen Wahrheit und ihrer eigentümlichen Struktur in-


terpretativ gerecht zu werden, ohne sie in irgendeiner Form wieder auf die
theoretische Wahrheit zu reduzieren. Der Eröffnungszug, den eine solche
Reduktion verhindert, besteht, wie gesehen, darin, die praktische Wahrheit
als eine Wahrheit der Handlung im Sinne eines besonderen Falles dessen zu
begreifen, was die spätere metaphysiche Tradition als ontologische Wahr-
heit bezeichnet hat. Praktisch-dianoetische Tugenden wie Techne und
Phronesis sind deshalb als Weisen des ,In-der-Wahrheit-seins' der Seele zu
betrachten, weil sie als habituelle Dispositionen den Handelnden in die
Lage versetzen, in jedem konkreten Handlungszusammenhang - sei er rein
technischer oder auch praktisch-moralischer Natur - nur noch diejenige
Handungen zustandezubringen, die als solche die Bedingungen der prakti-
schen Wahrheit in concreto ertullen.
Daß die spätere aristotelische Tradition gerade die Präsenz dieses Be-
griffs der Wahrheit nicht angemessen erkennen konnte, muß erstaunen,
wenn man bedenkt, was für eine wichtige, ja sogar zentrale Rolle innerhalb
dieser Tradition, die vor allem in der christlichen Schöpfungsmetaphysik
fortgesetzt und zugleich transformiert wurde, derjenige ontologische Wahr-
heitsbegriff gespielt ha~ nach dem eine Sache insofern als wahr zu be-
trachten ist, als sie in Übereinstimmung mit ihrem Urbild in Gones Intellekt
steht. 31 Erst im Rahmen der Schöpfungsmetaphysik waren nämlich die Be-
dingungen gegeben, unter denen die alte, auf Platon zurückgehende Ein-
sicht, daß eine Sache in dem Maße wahr ist, in dem sie mit ihrem Urbild
übereinstimmt, ein neues Erklärungspotential erhalten und in ihrer Anwen·
dung auch auf das Gebiet der Natur erweitert werden konnte, und zwar in-
dem sie in einen inneren Zusammenhang mit der Vorstellung eines göttli-
chen Schöpfers gebracht wurde, der die Welt nach einem der Vorsehung
gemäßen Entwurf schafft und somit auch die Intelligibilitäl des so Geschaf-
fenen, d. h. seine Zugänglichkeit tur den menschlichen Intellekt, gewährlei-
stet. Es ist in diesem Sinne auch kein Zufall, daß die wichtigsten Ansätze zu
einer derartigen Potenzienmg des ontologischen Wahrheitsbegriffs als
Grundlage für die Einsehbarkeit der sinnlichen Welt bei Platon gerade im
Zusammenhang mit der Schöpfungserzählung des Timaios wie auch in der
Diskussion der Mimesis im Buch X der Po/iteia zu finden sind, wo Plato

31 Hierzu siehe die ganz t'indeutige Erklärung bei Thomas von Aquin, der auf die Analogie mit
dem Fall der technischen bzw. kunslgemaßen Hmtellung ausdr1k:klich verweist: "EI inde esl quod
!"eS artificiales dicunrur verae per ordinem ad intellecrum nostrum: dicilur enim domus vera, quae
assequilur simililudinem fonnae quae est in mente artificis; el dicirur oratio vera, inquanlum esl
signum inlcllecrus yen. EI similitcr!"eS naturales dicuntur esse verae. secundum quod assequuntur
similiwdinem spe<:icrum quae sunt in mente divina: dicitur enim vcrus lapis, qui assequuntur pro-
pnam lapidis naluram. secundum praeconceptiol'lem inlellectus divini" (5. Th. I, qu. 16, art. 1,
resp.).

281
Alejandro G. Vigo

sogar so weit geht, Gott als den Schöpfer der idealen Urbilder filr Artefakte
wie das Bett in En.vägung zu ziehen (vgl. 597b_c).32
Die Tatsache, daß Aristoteles sich eben nicht an einer solcher Vorstel-
lung Gones orientiert, kann vielleicht auch eine Erklärung für den Umstand
geben, daß er die Möglichkeit einer verallgemeinernden Potenzierung des
mit dem Paradigma der technischen Herstellung verbundenen ontologischen
WahrheitsbegrifIs nicht ins Auge gefaßt hat. Bei Aristoteles bleibt ein sol-
cher WahrheitsbegrifI vielmehr nur auf dem spezifischen Bereich des men-
schlichen Handeins beschränkt. Im Gegensatz zu Platon denkt AristoteIes
nämlich das Wesen Gottes nicht anhand des Modells einer technisch-pro-
duktiven Tätigkeit, die durch ihre Erzeugnisse der Vorsehung gemäß auf
das praktisch Gute abzielt, sondem vielmehr anhand der Vorstellung einer
rein theoretischen Betrachtungstätigkeit, die sich nur auf sich selbst als Ge-
genstand bezieht (vgl. Me/. XII 9, I074b34). Aristoteles geht sogar so weit,
daß er bestreitet, daß der Gottheit das Handeln und die mit ihm verbunde-
nen ethischen Tugenden zukommen würden. Diese sind vielmehr mit der
wesentlichen Endlichkeit der menschlichen Existenz untrennbar verbunden
und als solche mit der Vollkommenheit Gottes nicht vereinbar (vgl. NE X
8, I I 78b28-32). Der Mensch kommt also nur insoweit in die Nähe des
Göttlichen, als er die unmittelbare Dimension der Praxis transzendieren und
so am rein betrachtenden Leben, wenn auch nur episodisch, teilnehmen
kann.
Diese rur das aristotelische Denken charakteristische Konstellation wird
dann in der christlichen Tradition weitgehend außer Kraft gesetzt. Als der
Weltschöpfer, der gemäß der Vorsehung handelt, ist Gott auch der Inbegriff
der moralischen Güte. Als seine Schöpfung ist die Welt zugleich als die
Verwirklichung und Darstellung seiner der Vorsehung gemäßen Absichten
anzusehen. Die ontologische und die praktische Wahrheit werden durch den
Verweis auf das Handeln Gottes aufeinander bezogen und zugleich verall-
gemeinert. So verwandelt ruckt die praktische Wahrheit also in den Vorder-
grund. Das wiederum hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie das
Verhältnis zwischen Gon und dem Menschen gedacht wird: Nicht in der
theoretisch-betrachtenden Tätigkeit - die, sofern sie sich auf bereits Gege-
benes bezieht und sich nach ihm richten muß, zugleich einen Hinweis auf
die konstitutive Endlichkeit eines nicht-schöpferischen Intellekts darstellt -,

)J Ungeachtel dessen, ob man die Annahme akzeptien, daß Platon Ideen ftlr Anefakte lal$Ach-
lieh eingelUhn haI, was m. E. wenig plausibel ist, muß man dennoch die TalSaChe beachten, daß
das Anefaklen-Beispiel in der plalonischen Auffassung eine methodisch sehr wichtige Bedeulung
gerade <Ion bekommt, wo es darum geht. sich über die nonnativ-regulative Funktion thematisch
Rechenschaft zu geben, die die Ideen in bezug auf die verschiedenen Formen des praktischen
Wissens und des Gebrauchswissens umhematisch erfUlJen. Dabei spiell die These des Vorrangs
des Gebrauchswissens vor dem Herstellungswissen auch eine wichtige Rolle. Zu diesem Gesamt-
komplex siehe die Ausftlhrungen bei Wieland (1982) S. 146 f[

282
p004441~

Praktische Wahrheir und dianoetische Tugenden

sondern vielmehr im praktisch-produktiven Handeln ähnelt der Mensch der


Gottheit am meisten, weil er in diesem Handeln gewissermaßen selbst als
Schöpfer und somit auch als Quelle von Wahrheit wirkt. Die aristotelische
Auffassung zum Verhältnis von Theorie und Praxis erfährt so in einer lan-
gen und oft sehr verwickelten Entwicklung am Ende eine radikale Umkeh-
rung. Ich vermute, daß es gerade die neue, auf die Schöpfungsmetaphysik
zurückgehende Auffassung von Theorie und Praxis ist, die auch den typisch
modemen Versuchen zugrundeliegt, die theoretische Wahrheit auf ihren Ur-
sprung in einer Urdimension originär praktischer Wahrheit zurUckzuführen
und so in ihrer Möglichkeit einsichtig zu machen. Denn darauf zielt die
Grundannahme der modemen Systeme seit Kant ab, wonach die Möglich-
keitsbcdingung der Übereinstimmung des Erkennens mit seinem Gegen-
stand letzten Endes in der aktiv-intellektuellen Konstitutionsleistung des er-
kennenden Subjektes selbst zu suchen ist, das auf diese Weise eine Gegen-
ständlichkeit zustande bringt, die in ihrer fonnalen Struktur wieder auf ih-
ren Ursprung in der Aktivität des Intellekts zurUckverweist.))
Ist die hier vorgeschlagene Deutung tragbar, dann scheint die aristoteli-
sche Auffassung der praktischen Wahrheit einen wichtigen Platz in diesem
langwierigen und komplexen Entwicklungsprozeß einzunehmen, der die
Wirksamkeit und die Produktivität eines der wichtigsten Denkmuster in der
westlichen metaphysischen Tradition zum Ausdruck bringt. Es handelt sich
dabei sicherlich um einen Platz, der relativ unscheinbar bleibt, wenn man
versucht, aus der Feme die ganze Gegend zu überblicken, in der er verortet
ist. Dies verhindert jedoch nicht, sondern ermöglicht vielmehr, daß das, was
dort seine Unterkunft findet, einen Einnuß auf seine Umgebung ausUben
kann, der umso wirksamer ist, als er unbemerkt bleibt.

Pontificia Universidad Cat6Uca de Chile


(Sonliogo de Chile)

J) In die gleiche Richlung wie die hier hervorgehobenen Zusammenhange weisl auch Heideg-
gers These. daß die Irlldilionelle Ontologie. indem sie sich an der Grundunterscheidung von Wesen
und Sein orientien hat, das Sein im Rlkkgriff auf das Paradigma des Herslel1ens verslanden hat.
Hierzu siehe Heidegger (1921) §§ 10-12 bes. S. 140-171. Heidegger betont zudem, daß die Grund-
orientierung am Paradigma des Herstellens auch in der kantischen Auffassung bezüglich der Kon-
SlitUlion der Gegensländlichkeil fongesettl wird, mil dem wichtigen Unierschied jedoch, daß der
endliche Intellekt (intellectus ectypus). im Gegensalz. ZlJm gOnlichen Inlellekl (intellectus (JTche-
typus), den Gegensland nicht intuitiv-kreativ erfassen und nur als bloße Erscheinung, d. h. nichl
"ie er an sich selbsl ist, erkennen kann. Siehe Heidegger (1921) § 14 c) $. 209 ff.

283
000444'.

Alejandro G. Vigo

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