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Kasuistiken

Anaesthesist S. Ackermann1 · J. Schimpf1 · M. Richter2


DOI 10.1007/s00101-017-0307-3 1
Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin, Klinikum Augsburg, Augsburg, Deutschland
Eingegangen: 3. November 2016 2
I. Klinik für Kinder und Jugendliche, Klinikum Augsburg, Augsburg, Deutschland
Überarbeitet: 10. Februar 2017
Angenommen: 22. März 2017
© Springer Medizin Verlag GmbH 2017
Intrakranielle Vitamin-K-Mangel-
Blutung trotz oraler Vitamin-K-
Gabe bei einem Säugling
Auch eine anästhesiologische
Herausforderung

Intrakranielle Blutungen infolge Vita- laxe war oral zur U1 (direkt nach der Laborwerte
min-K(Vit.-K)-Mangels trotz Prophyla- Geburt) und zur U2 (3.–10. Lebenstag)
xe im Neugeborenen- und Säuglingsalter gegeben worden. Der Junge habe sich Sowohl Quick-Wert (<5 %) als auch die
sind selten [1, 6]. Wir präsentieren einen bisher normal entwickelt. In der Famili- partielle Thromboplastinzeit (>160 s)
solchen Fall einer späten Vit.-K-Mangel- enanamnese ergab sich kein Anhalt für sind außerhalb des Messbereichs. Fer-
Blutung (VKMB) bei einem 6 Wochen Blutungsneigungen. ner sind der Hämoglobin (Hb)-Wert
alten Säugling. In letzter Zeit wurden (7,6 g/dl) und die Cholestaseparame-
mehrere solcher Fallberichte in nicht- Klinischer Befund ter pathologisch (S-Bilirubin direkt:
anästhesiologischen Fachzeitschriften 4,7 mg/dl (Normalwert [NW]: 0–
publiziert [2, 14, 17, 19]. Wir möch- Bei der Aufnahmeuntersuchung ist die 0,3 mg/dl), S-Bilirubin gesamt: 5,8 mg/dl
ten nun auch aus anästhesiologischer Fontanelle prall gespannt. Rezidivierend [NW: 0–1,2 mg/dl], γ-GT: 131 U/l [NW:
Sicht über dieses Krankheitsbild und kommt es für jeweils wenige Sekunden 0–60 U/l]). Die durchgeführte Rotations-
dessen besondere Gerinnungsstörung zu starren Blickwendungen nach rechts thrombelastometrie (ROTEM , TEM ®
berichten. sowie zum Sonnenuntergangsphänomen International GmbH, Basel) zeigt über
und zum Überstrecken des Rumpfes. Es lange Zeit eine Nulllinie in allen Kanälen
Fallbeschreibung imponiert ein blass-ikterisches Hautko- (INTEM, EXTEM, FIBTEM, HEPTEM),
lorit ohne Petechien, Hämatome oder äu- d. h. keine Gerinnselbildung in vitro
Anamnese ßere Verletzungszeichen. Die Vitalpara- (. Abb. 2a).
meter sind im Normbereich. Nach Bekanntwerden der pathologi-
Ein 6 Wochen alter männlicher Säug- schen Gerinnungswerte wird aufgrund
ling wird vom Notarzt um Mitternacht Diagnostik und Therapie der neurochirurgischen Vorgaben ent-
in die Notaufnahme einer Klinik der Ma- schieden, vor der Kraniotomie die Gerin-
ximalversorgung gebracht. Das Kind ha- Bei der orientierenden Schädelsonogra- nung zu optimieren. Zu diesem Zweck
be am Aufnahmetag mehr als üblich ge- phie wird der Verdacht auf eine zere- werden 350 Internationale Einheiten
schlafen, schlechter getrunken und zu- brale Blutung gestellt, der sich in der (I.E.) Prothrombinkomplexkonzentrat
dem schwallartig erbrochen. Der Mut- unmittelbar im Anschluss durchgeführ- (70 I. E./kgKG, Ziel-Quick-Wert >70 %)
ter seien eine ungewöhnliche Blässe so- ten CT bestätigt. Auf ein MRT wurde und 100 mg Tranexamsäure appliziert.
wie eine gespannte Fontanelle aufgefal- wegen des erforderlichen Zeitaufwands Außerdem werden bei einem Hb-Wert
len. Beim Stillen sei ein ca. 5-minüti- verzichtet. In der CT zeigt sich eine große, von 5,4 g/dl 50 ml Erythrozytenkonzen-
ger, rechtsbetonter zerebraler Krampfan- linksseitige Parenchymblutung mit sub- trat transfundiert. Parallel dazu wird
fall aufgetreten. arachnoidalem Blut, subduralem Häma- mit der Narkose begonnen. Bei einem
Die weitere Anamnese ergab eine tom sowie konsekutiver Mittellinienver- Körpergewicht von 5,3 kg wird die Nar-
unauffällige Schwangerschaft mit Ent- lagerung nach rechts (. Abb. 1). Der hin- kose i.v. mit 25 mg Thiopental, 10 μg
bindung in der 38. Schwangerschafts- zugezogene Neurochirurg stellt die Indi- Fentanyl und 2,5 mg Atracurium einge-
woche durch Vakuumextraktion. Peri- kation zur schnellstmöglichen operati- leitet. Nach nasaler Intubation mit einem
und postpartal fielen lediglich ein leises ven Entlastung der intrakraniellen Blu- ungecufften Tubus (3,5 mm ID) werden
Herzgeräusch sowie ein rechtsseitiges tung bei intakter bzw. optimierter Gerin- ultraschallgestützt ein Zugang in die
Ohranhängsel auf. Die Vit.-K-Prophy- nungssituation. linksseitige A. radialis und ein zentraler

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auffällig und unter antikonvulsiver The- Vitamin K wirkt als essenzieller


rapie anfallsfrei. Kofaktor bei der Carboxylierung von
Die tatsächliche Ursache der VKMB Glutamatresten in verschiedenen Prote-
unseres Patienten wird in der Cholestase inen zu γ-Carboxyglutamat (Gla). Die
und der dadurch bedingten Resorpti- Gla-Reste binden hochaffin Kalzium und
onsstörung gesehen. In der primären sind damit für die physiologische Wir-
Abklärung der cholestatischen Leber- kung dieser Proteine verantwortlich. Bei
erkrankungen konnte zunächst keine Vit.-K-Mangel entstehen in Hepatozy-
Diagnose gestellt werden. Aufgrund der ten uncarboxylierte Proteine („proteins
Schwere der Erkrankung und der an- induced by vitamin K absence“, PIVKA),
steigenden Cholestaseparameter erfolgte die im Blut nachgewiesen werden können
eine molekulargenetische Diagnostik [23].
(Sanger-Sequenzierung). Hier konnten Da Vit. K nicht plazentagängig ist,
2 Varianten im „Tight-junction-protein- herrscht beim Neugeborenen ein gewis-
Abb. 1 8 Computertomographie des Schädels 2“(TJP-2)-Gen gefunden werden, die ser physiologischer Mangelzustand, der
mit Nachweis einer linksseitigen intrakraniellen
Blutung
bislang nicht beschrieben wurden und sich in einer ca. 50%igen Konzentrati-
bei dem Patienten compound-hetero- onsminderung des Prothrombinkomple-
zygot vorliegen (jeweils eine Variante xes (Faktoren II, VII, IX, X) gegenüber
Venenkatheter (2 Lumen, 3 French) in konnte beim Vater und bei der Mutter Werten im Erwachsenenalter äußert. Der
die rechtsseitige V. jugularis interna ein- gefunden werden). Die bei der Mutter Vit.-K-Spiegel erreicht bei den meisten
gelegt. Danach wird bei nun akzeptablen beschriebene Variante führt zu einem voll gestillten, gesunden Neugeborenen
Gerinnungswerten (Quick-Wert 76 %, veränderten oder fehlenden Genprodukt. nach 2 bis 3 Tagen normale Werte [13].
PTT 47 s) und normalisierten ROTEM - ® Die beim Vater gefundene Variante wird Die sehr seltene, potenziell dann aber
Kurven (. Abb. 2b) die Ausräumung des ebenfalls als pathogen eingestuft, wo- lebensbedrohliche späte VKMB ist fast
intrazerebralen und des subduralen Hä- bei dies nach aktueller Datenlage aber ausschließlich mit alleinigem Stillen und
matoms durchgeführt. Die Narkose wird nicht sicher bestätigt werden kann. Bei- (transienter) Cholestase assoziiert [8], da
mit Sevofluran 1,4–1,7 Vol.-% bei FiO2 de Eltern sind symptomfreie Träger, die Gallensalze essenziell für die Absorption
0,5 und intermittierenden Fentanyl- und Gerinnungsanamnese ist unauffällig, die des fettlöslichen Vit. K sind; daher ge-
Atracuriumboli aufrechterhalten. Durch Laborwerte waren ebenfalls normwer- ben die Empfehlungen zur täglichen Ein-
die perioperativ bekannt gewordenen Er- tig (Leberwerte, Cholestaseparameter, nahmemenge im Säuglingsalter aus Si-
gebnisse der Gerinnungsfaktorenanalyse Gallensäuren im Serum). Die Varianten cherheitsgründen deutlich höhere Werte
im Aufnahmelabor und die Bestimmung werden mit einer Wahrscheinlichkeit an (5–10 μg/Tag), als durch den Mutter-
des Vit.-K-Spiegels (Faktor V: 108 %, Fak- von 50 % übertragen, sodass für weitere milchgehalt (ca. 2 μg/l) gedeckt werden
tor VII: 3 %, Vit.-K-Spiegel: <0,1 μg/l; Kinder ein Wiederholungsrisiko von könnte [11].
Referenz: 0,17–0,68 μg/l) wird die zuvor 25 % besteht. Beide gefundenen Varian-
als Verdacht geäußerte Diagnose eines ten sind zusammen daher mit sehr hoher Gerinnungsdefekte
Vit.-K-Mangels gesichert. Postoperativ Wahrscheinlichkeit ursächlich für eine
wird der Junge mit stabilen Kreislauf- progressive familiäre intrahepatische Bei einer VKMB ist die Aktivität der
verhältnissen intubiert und beatmet auf Cholestase Typ 4 [15]. Vit.-K-abhängigen Gerinnungsfaktoren
die Kinderintensivstation verlegt. (II, VII, IX, X) vermindert, während die
Diskussion nicht-Vit.-K-abhängigen Faktoren al-
Weiterer Verlauf und Diagnose- tersentsprechend normale Werte zeigen.
sicherung Vitamin K und Vitamin-K-Mangel- Im Blut sind PIVKA nachweisbar. In der
Blutung Praxis sind eine INR >3,5 oder ein Quick-
Im weiteren Verlauf imponieren zere- Wert <20 % bei normaler Thrombozy-
brale Krampfaktivitäten, die eine fort- Entdeckt wurde Vit. K (Koagulationsvita- tenzahl und normalem Fibrinogengehalt
gesetzte Beatmung unter hochdosierter min) 1929 durch den Dänen und späte- sowie die Abwesenheit von Fibrinspalt-
antikonvulsiver Therapie nötig machen. ren Nobelpreisträger Henrik Dam. Das produkten hochverdächtig für einen Vit.-
Zudem demarkiert sich ein linksseiti- Verständnis der Zusammenhänge um die K-Mangel. Eine Normalisierung der Ge-
ger Mediateilinfarkt. Nach Überwindung Hämostase führte bereits in den 1940er- rinnung nach Vit.-K-Gabe innerhalb
weiterer intensivmedizinischer Probleme Jahrenzum BeginnderoralenProphylaxe 30–120 min sichert die Diagnose [9, 21].
(Tracheobronchitis, Harnwegsinfektion) bei Neugeborenen. Im Jahr 1961 empfahl Im Notfall sollte diese Gabe unbedingt
erholt sich der Junge gut. Wenige Monate die American Society of Pediatrics erst- intravenös (z. B. 1 mg) erfolgen [2, 18],
nach dem Ereignis ist er bei diskreter Ent- mals die einmalige i.m.-Gabe von 1 mg bei lebensbedrohlichen Blutungen ist
wicklungsretardierung neurologisch un- Vit. K. zusätzlich die Gabe von Prothrombin-

Der Anaesthesist
Zusammenfassung · Abstract

komplexpräparaten (50 IE/kg KG) zu Anaesthesist DOI 10.1007/s00101-017-0307-3


erwägen [14, 22]. © Springer Medizin Verlag GmbH 2017
Die VKMB wird gemäß ihrem zeitli-
chen postnatalen Auftreten in eine frühe S. Ackermann · J. Schimpf · M. Richter
(24 h), klassische (2 bis 7 Tage) und späte Intrakranielle Vitamin-K-Mangel-Blutung trotz oraler Vitamin-K-
(2. Woche bis 6. Monat) Form unterschie- Gabe bei einem Säugling. Auch eine anästhesiologische
den (. Tab. 1; [21]). Herausforderung
Die frühe VKMB kommt nahezu aus-
nahmslos bei Neugeborenen vor, deren Zusammenfassung
Mütter während der Schwangerschaft Wir berichten über den Fall eines 6 Wochen die Therapie und das interdisziplinäre
alten Säuglings, der, trotz erfolgter oraler Vi- Vorgehen werden beschrieben. Auf übliche
Medikamente mit Vit.-K-inhibierender
tamin-K-Prophylaxe und ansonsten normaler Empfehlungen zur Prophylaxe sowie spezielle
Wirkung einnahmen (Carbamazepin, Entwicklung, eine schwere intrazerebrale Risikofaktoren wird eingegangen.
Phenytoin, Barbiturate, Rifampicin, Iso- und subdurale Blutung mit Indikation zur
niazid, Cephalosporine, Cumarine, z. B. operativen Entlastung erlitt. Das in der Schlüsselwörter
Phenprocoumon). Die Inzidenz der westlichen Welt seltene Krankheitsbild Intrazerebrale Blutung · Vitamin-K-
der durch Vitamin-K-Mangel bedingten Mangel-Blutung · Säugling · Gerinnung ·
VKMB liegt in dieser Risikogruppe bei
intrakraniellen Blutung wird erstmals in der Rotationsthrombelastometrie
6–12 %. Meist kommt es hierbei zu anästhesiologischen Literatur dargestellt;
schweren, häufig lebensbedrohlichen
Blutungen (Zephalhämatom, Nabelblu-
tungen, intrakranielle und gastrointesti- Intracranial hemorrhage secondary to vitamin K deficiency in an
nale Blutungen). infant despite oral vitamin K prophylaxis. Also a challenge for the
Die klassische VKMB verläuft dem- anesthesiologist
gegenüber meist milder mit Nabelblu-
tungen, Unterhauthämatomen, Meläna Abstract
oder iatrogenen Blutungen aus Blutent- This article presents the case of a 6-week-old rare in the Western World, is described in
infant who, despite oral vitamin K prophylaxis the anesthesiology literature for the first
nahmestellen oder Nachblutungen bei time. The usual recommendations regarding
and otherwise normal developmental
früh durchgeführten Operationen (z. B. progress, suffered a severe intracerebral prophylaxis as well as certain risk factors are
Zirkumzision), bei denen es zu sub- and subdural hemorrhage, which required presented.
stanziellem Blutverlust kommen kann. surgical evacuation. The interdisciplinary
Lebensbedrohliche Hirnblutungen sind approach is described with emphasis on the Keywords
management of hemostasis. Furthermore, the Intracerebral hemorrhage · Vitamin K
dagegen selten. Assoziiert ist die klas- deficiency bleeding · Infant · Coagulation ·
clinical picture of intracranial bleeding due
sische Form mit verzögerter Nahrungs- to vitamin K deficiency, which is nowadays Thromboelastometry
aufnahme ohne Vit.-K-Prophylaxe.
Die späte VKMB kommt ohne Vit.-
K-Prophylaxe je nach Erhebung in 4,4
(Deutschland) bis 72 (Thailand) Fäl- Kinder [3] führten in vielen europäischen der Fälle mit später VKMB kann keine
len/100.000 Neugeborener sehr variabel Ländern zum Übergang zur oralen Pro- Ursache gefunden werden – sie gelten als
vor [7, 16]. Sie tritt nahezu ausschließlich phylaxe. In Deutschland, Österreich und „idiopathisch“.
bei voll gestillten Kindern auf. Ungefähr der Schweiz werden 3-mal 2 mg p. o. un- Typisch für eine progressive familiäre
50 % haben eine bis zur Blutung nicht- mittelbar postnatal, Tage 3–10 und mit intrahepatische Cholestase Typ 4, wie in
diagnostizierte Cholestase. In ca. 60 % 4 bis 6 Wochen empfohlen. Einer Meta- unserem Fall, ist eine Cholestase bereits
der Fälle kommt es bei später VKMB analyse für Deutschland und die Schweiz im Säuglingsalter mit chronischer Hepa-
zu intrazerebralen Blutungen mit in der zufolge beträgt die Inzidenz einer VKMB titis, Störung der Resorption von Fetten
Folge hoher Morbidität und Letalität [17, unter diesem Regime 0,35 Fälle/100.000 und fettlöslichen Vitaminen mit konse-
18]. Kinder (. Tab. 1; [8]). kutivem Vit.-K-Mangel. Häufig leiden die
Um diese Fälle zu verhindern, wird Eine Risikogruppe, die mit der ora- Patienten an einem ausgeprägten Pruri-
generell die Prophylaxe mit Vit. K für len Gabe u. U. nicht ausreichend vor der tus [10]. Die Therapie erfolgt symptoma-
jedes Neugeborene empfohlen. In den späten VKMB geschützt ist, sind gestillte tisch mit Ursodeoxycholsäure und Sub-
USA wird einmalig 1 mg i. m. gegeben. Babys, die durch eine unerkannte und un- stitution der fettlöslichen Vitamine. Der
Dies ist erwiesenermaßen die zuverläs- behandelte Cholestase eine Vit.-K-Mal- Pruritus kann mit Rifampicin behandelt
sigste Applikation, um VKMB zu verhin- absorption erleiden. Daten des holländi- werden, teilweise ist eine partielle exter-
dern (Inzidenz 0,21/100.000 Neugebore- schenGallengangsatresieregisters zeigen, ne biliäre Diversion hilfreich. Häufig ist
ner; [1, 8]). Zweifel an der Sicherheit die- dass 83 % der ausschließlich gestillten im Verlauf bei terminalem Leberversa-
ser – unphysiologisch hohen – Dosis und Säuglinge mit Gallengangsatresie trotz gen oder unstillbarem Pruritus eine Le-
(in der Folge unbestätigte) Verdachtsmo- oraler Vit.-K-Gabe eine VKMB erlitten, bertransplantation notwendig [20].
mente für ein erhöhtes Krebsrisiko dieser 43 % eine Hirnblutung [5]. In ca. 50 %

Der Anaesthesist
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Abb. 2 8 ROTEM -Analyse. a Präoperativ, b nach Prothrombinkomplexgabe (350I. E.)


®
Neben den malabsorptiv bedingten Bei unserem Patienten konnte initi- kulation. Die Arbeitsdiagnose VKMB
Blutungen mehren sich in den letzten Jah- al durch Anamnese und Untersuchung manifestierte sich uns erst nach der Ga-
ren die Fallberichte der VKMB, die auf ein ursächliches Trauma mit großer be von Prothrombinkomplex, weshalb
eine Ablehnung der Prophylaxe durch die Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen wer- perioperativ kein Vit. K gegeben wurde.
Eltern zurückzuführen sind (sowohl i. m. den. Unmittelbar nach Sicherung der
als auch oral, [17]). Um dieser Entwick- Diagnose einer intrakraniellen Blutung Einsatz der Thrombelastometrie
lung entgegenzuwirken und die Wich- wurde die Indikation zur Entlastungs-
tigkeit der Prophylaxe zu betonen, pu- kraniotomie gestellt. Für die Operation Das Ergebnis der Rotationsthrombelas-
blizierten die Fachgesellschaften (Gesell- war eine optimierte Gerinnung Vor- ®
tometrie (ROTEM ) unterstützte die
schaft für Neonatologie und Pädiatrische aussetzung. Der weitaus größte Anteil Entscheidung zur „Off-label“-Therapie
Intensivmedizin, GNPI, Deutsche Ge- der dadurch bedingten Zeitverzögerung mit Prothrombinkomplexkonzentrat.
sellschaft für Kinder- und Jugendmedi- konnte mit Vorbereitung und Einleitung Nach Ausschluss eines Fibrinogenman-
zin, DGKJ, Deutsche Gesellschaft für Gy- der Narkose sowie der Anlage je eines gels oder einer Lyse ist bei Nulllinien in
näkologie und Geburtshilfe, DGGG) im arteriellen und zentralvenösen Kathe- EXTEM und FIBTEM (. Abb. 2a) ein
April 2016 eine neue Konsensusleitlinie ters genutzt werden. Ob das Entstehen Mangel an Vit.-K-abhängigen Faktoren
(S2k) „Vitamin-K-Mangel-Blutungen bei des linksseitigen Mediateilinfarkts hätte am wahrscheinlichsten. So konnten wir
Neugeborenen, Prophylaxe“ [8]. verhindert werden können, bleibt Spe- mit der Kontrollmessung nach Gabe

Der Anaesthesist
Tab. 1 Einteilung der Vitamin-K-Mangel-Blutung (VKMB) nach Zeitpunkt des Auftretens. (Modifiziert nach [8] und Sutor et al. [21])
Frühe VKMB Klassische VKMB Späte VKMB
Alter <24 h Tage 1–7 (meist 3–5) Woche 2 bis 6 Monate (meist Wochen 2–8)
Ursache und Medikamenteneinnahme während der Geringer Vit.-K-Gehalt der Muttermilch Geringer Vit.-K-Gehalt der Muttermilch
Risikofaktoren Schwangerschaft (Antikonvulsiva, orale (idiopathisch)
Vit.-K-Antagonisten, Tuberkulostatika Inadäquate Milchzufuhr unterschiedlicher Vit.-K-Malabsorption (Leber- oder Darmer-
und Antibiotika) Ursache, später krankung)
Nahrungsaufnahmebeginn ♂>♀
Lokalisation Zephalhämatom, Nabel, intrakraniell, Gastrointestinaltrakt, Nabel, Nadelein- Intrakraniell (30–60 %), Haut, Epistaxis,
nach Häufigkeit intraabdominal, intrathorakal, gastroin- stichstellen, Beschneidung, intrakraniell Gastrointestinaltrakt, Nadeleinstichstellen,
testinal Nabel, Urogenitaltrakt, intrathorakal
Inzidenz ohne 6–12 % in entsprechender Risikogruppe 0,01–1,5 %; große regionale Variabilität 4–10/100.000 Geburten
Vit.-K-Prophylaxe aufgrund unterschiedlicher Stillgewohn- (häufiger in Südostasien)
heiten und Risikofaktoren
Vorbeugung Postnatale i. m.-Vit.-K-Gabe 1 mg + Adäquate Vit.-K-Versorgung durch frühes Vit.-K-Prophylaxe (einmal i. m. oder wie-
2-mal oral 2 mg und ausreichendes Stillen, derholt oral)
Vit.-K-Prophylaxe (oral ebenso effektiv Frühes Erkennen prädisponierender Fak-
wie i. m.) toren (verlängerter Ikterus, Entwicklungs-
verzögerung), prompte Diagnostik bei
„Warnblutungen“
Vit. K Vitamin K

von Prothrombinkomplex eine Nor- der Vit.-K-Prophylaxe. Eine VKMB trotz 2. Enz R, Anderson R (2016) A blown pupil and
intracranial hemorrhage in a 4-week-old: a case of
malisierung der Gerinnselbildung im durchgeführter Prophylaxe macht eine delayed onset vitamin K deficiency bleeding, a rare
®
ROTEM zeigen (. Abb. 2b) und somit intensive weitergehende Diagnostik “Can’t miss” diagnosis. J Emerg Med 51(2):164–167
3. Golding J, Greenwood R, Birmingham K, Mott M
den Verdacht einer VKMB in kürzes- erforderlich.
(1992) Childhood cancer, intramuscular Vitamin
ter Zeit untermauern. ROTEM wird ® K, ad pethidine given during labour. BMJ
bei pädiatrischen Patienten zunehmend Korrespondenzadresse 305(6849):341–346
verwendet. Es gibt etliche Studien zur 4. Haas T, Goobie S, Spielmann N et al (2014)
Dr. med. S. Ackermann, DESA Improvements in patient blood management
Validierung [12] und zum algorithmus- for paediatric craniosynostosis surgery using
Klinik für Anästhesiologie und Operative
basierten Gerinnungsmanagement z. B. Intensivmedizin, Klinikum Augsburg ROTEM®-assisted strategy – feasibility and costs.
bei herzchirurgischen Eingriffen oder Stenglinstraße 2, 86156 Augsburg, Deutschland Pediatr Anesth 24:774–780
5. Van Hasselt PM, De Koning TJ, Kvist N et al
Korrektur von Kraniosynostosen [4]. Sven.Ackermann@klinikum-augsburg.de (2008) Prevention of vitamin K deficiency bleeding
in breastfed infants: lessons from the Dutch
and Danish Biliary Atresia registries. Pediatrics
Fazit für die Praxis 121(4):e857–63
Einhaltung ethischer Richtlinien 6. von Kries R, Hachmeister A, Göbel U (2003) Oral
Die VKMB ist ein in Deutschland sehr mixed micellar vitamin K for prevention of late
seltener, bei Auftreten jedoch lebens- vitamin K deficiency bleeding. Arch Dis Child Fetal
Interessenkonflikt. S. Ackermann gibt an, von der Neonatal Ed 88:109–112
bedrohlicher Notfall und eine wichtige Fa. CSL Behring Sponsoring für eine 2-tägige Fort- 7. von Kries R, Hanawa Y et al (1993) Neonatal
Differenzialdiagnose der atraumati- bildungsveranstaltung angenommen zu haben. vitamin K prophylaxis. Report of scientific and
J. Schimpf und M. Richter geben an, dass kein Interes- standardization subcommittee on perinatal
schen Hirnblutung im Säuglingsalter. senkonflikt besteht. haemostasis. Thromb Haemost 69:293–295
Bei entsprechender Laborkonstellati- 8. http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/
on (Quick-Wert <20 % bzw. INR >3,5, Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren 024-022l_S2k_Prophlaxe_Vitamin_K_Mangel_
durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren. Al- Neugeborene_2016-04.pdf. Zugegriffen: 22. Juni
Thrombozytenzahl und Fibrinogenge- le Patienten, die über Bildmaterial oder anderweitige 2016
halt im Normbereich) sollten umge- Angaben innerhalb des Manuskripts zu identifizieren 9. Mihatsch W, Braegger C, Bronsky J et al (2016)
hend Vit. K i. v. (z. B. 1 mg i. v.) sowie – sind, haben hierzu ihre schriftliche Einwilligung ge- Prevention of vitamin K deficiency bleeding in
geben. Im Fall von nichtmündigen Patienten liegt die newborn infants: a position paper by the ESPGHAN
bei lebensbedrohlichen Blutungen – Einwilligung eines Erziehungsberechtigten oder des committee on nutrition. J Pediatr Gastroenterol
Prothrombinkomplexkonzentrat ge- gesetzlich bestellten Betreuers vor. Nutr 63:123–129
geben werden. Zur Bestätigung der 10. Van Mil SWC (2005) Genetics of familial intra-
Diagnose dienen die Normalisierung hepatic cholestasis syndromes. J Med Genet
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des Quick-Werts nach Vit.-K-Gabe so- Literatur 11. Nantel G, Tontisirin K (Hrsg) (2002) Human vitamin
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der Gabe von Blutprodukten und Fakto- 1. Busfield A, Samuel R, McNinch A, Tripp J (2013) K, S 133–150 (Report of a joint FAO-WHO expert
Vitamin K deficiency bleeding after NICE guidance consultation.)
renkonzentrat nachweisbar). Eine neue and withdrawal of Konakion neonatal: British 12. Oswald E, Stalzer B, Heitz E, Weiss M et al
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Der Anaesthesist
Kasuistiken

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