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Husserl Stud (2009) 25:219–233

DOI 10.1007/s10743-009-9061-y

Systematische Überlegungen zu Husserls


Einstellungslehre

Andrea Staiti

Published online: 18 September 2009


 Springer Science+Business Media B.V. 2009

Abstract In this paper I sketch a systematic reconstruction of Husserl’s funda-


mental concept of ‘‘attitude’’. I first explore Husserl’s account with respect to the
three faculties of intellect, will, and emotivity [Gemüt], which also define the three
basic kinds of attitude. The attitude assumed by the subject plays at this level the
important role of articulating and unifying, according to an overall direction, various
underlying moments of a complex act. I then focus on the specific intellectual, viz.
cognitive attitudes and highlight the difference between the naturalistic attitude
(which characterizes the natural sciences) and the personalistic attitude (which
characterizes the human sciences). I then consider the notion of the natural attitude
and argue that the personalistic attitude represents the systematic core of it. The
natural attitude may be defined as the human attitude, i.e., as the attitude in which
subjects posit themselves exclusively as human subjects belonging to the world,
which is itself unceasingly posited as being. In the final part of the paper I explore
the function of the phenomenological reduction insofar as it opens up a possibility
of self-understanding that breaks with the natural, human self-apprehension and
discloses subjectivity in its transcendental dimension. This opens up a radically new
attitude, the phenomenological, which should not be confused with a first-person
perspective within the framework of the natural attitude.

Zusammenfassung In diesem Aufsatz skizziere ich eine systematische Rekon-


struktion des phänomenologischen Grundbegriffs ,,Einstellung‘‘. Zuerst wende ich
mich an Husserls Erörterung des Einstellungsbegriffs im Hinblick auf die drei
grundlegenden Bewusstseinsvermögen: Verstand, Wille und Gemüt. Auf dieser
Ebene spielt die vom Subjekt eingenommene Einstellung die wichtige Rolle eines
Artikulationsprinzips, das den untergeordneten Elementen eines komplexen

A. Staiti (&)
Department of Philosophy, Boston College, 21 Campanella Way 3rd Floor, Chestnut Hill,
MA 02467-3806, USA
e-mail: andrea.staiti@philosophie.uni-freiburg.de

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Aktgefüges eine umfassende Einheit verleiht. Daraufhin ziehe ich die Klasse der
Erkenntniseinstellungen in Betracht: Ausgehend von der Grundunterscheidung
zwischen personalistischen und naturalistischen Einstellung wende ich mich der
natürlichen Einstellung zu und argumentiere, dass die personalistischen Einstellung
ihren systematischen Kern darstellt. Die natürliche Einstellung kann demnach auch
als menschliche Einstellung definiert werden, d.h., als diejenige Einstellung, in
deren Rahmen sich die Subjekte ausschließlich als menschliche Subjekte in der
seienden Welt setzen. Zum Schluss untersuche ich die Funktion der phänomeno-
logischen Reduktion als die Möglichkeit einer radikal neuartigen Einstellung im
Gegensatz zu einer bloßen Erste-Person-Perspektive innerhalb der natürlichen
Einstellung.

1 I

Die zentrale Stellung des Einstellungsbegriffes in der Phänomenologie Husserls


zeigt sich bereits dadurch, dass sich die Phänomenologie selbst durch eine
bestimmte Einstellung definiert.1 Trotz dieser zentralen Rolle zählt der Einstel-
lungsbegriff in der Husserl-Forschung zu einem der am wenigsten untersuchten
Begriffe.2 Man kann wohl sagen, es handle sich—gemäß Eugen Finks bekannter
Prägung—um einen ‘operativen Begriff‘, der in erster Linie als Grundlage für
weitere Untersuchungen und nicht selbst als thematischer Schwerpunkt auftritt.3
Obwohl Husserl keinen einzigen Text der ausschließlichen Untersuchung des
Einstellungsbegriffs widmete, finden sich in seinem Werk zahlreiche Passagen,
anhand derer die Grundzüge und die Gliederung der phänomenologischen
Einstellungslehre rekonstruiert werden können.
In diesem Aufsatz möchte ich nicht werkgeschichtlich vorgehen, sondern eine
systematische Rekonstruktion skizzieren, in welcher die verschiedenen Aspekte der
husserlschen Einstellungslehre in einen sachlichen Zusammenhang gebracht
werden. Zuerst (II.) werde ich mich auf die grundlegendste Dimension des
Einstellungsbegriffs konzentrieren, die eng mit dem Aktbegriff und der intention-
alen Verflechtungsstruktur des Bewusstseins zusammenhängt. Auf dieser Ebene
scheiden sich unterschiedliche Einstellungsweisen, die auf unterschiedliche Ver-
mögen des Bewusstseins (Verstand, Gemüt und Wille) gründen. Danach (III.) werde
ich mich auf die spezielle Klasse der Erkenntniseinstellungen konzentrieren, in
denen der Verstand die Hauptrolle spielt. Hier unterscheidet Husserl zwischen der
naturwissenschaftlichen und der geisteswissenschaftlichen bzw. personalistischen

1
Siehe Hua III/1, §§ 31–32; Hua II, S. 43 f.; Mat. VII, S. 10.
2
Dazu vgl. Spileers (1999), S. 398. Der Forschungsstand bis zum Jahr 1998 zählt nur sieben Titel, die
sich explizit auf den Terminus ,,Einstellung‘‘ beziehen. Meines Wissens hat sich die Lage bis heute im
Wesentlichen nicht geändert. Es sind mittlerweile noch drei diesbezügliche Aufsätze erschienen: Dodd
(1998), Luft (1998) und Villela-Petit (2007).
3
Vgl. Fink (1976), S. 190 f.; Luft (1998), S. 154. Fink selbst ordnet den Einstellungsbegriff nicht den
operativen Begriffen zu. Sebastian Luft übernimmt treffend in seinem Aufsatz den Ausdruck Finks in
spezieller Hinsicht auf die natürliche Einstellung. Es scheint also nicht unberechtigt zu sein, die
Übernahme zu erweitern und sie auf den Einstellungsbegriff im Allgemeinen zu beziehen.

123
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Einstellung. Hinsichtlich der Wesensunterschiede zwischen beiden Einstellungsw-


eisen versuche ich dann (IV.), den Zusammenhang zwischen diesen Einstellungen
im Hinblick auf Husserls Konzeption der natürlichen Einstellung darzustellen.
Hierbei hebe ich hervor, dass der Kern der natürlichen Einstellung nicht nur in der
Setzung einer daseienden Welt besteht, sondern auch in der Selbstsetzung als Person
in der Welt, die jedes Subjekt ständig vollzieht. Schließlich (V.) frage ich, was mit
Rücksicht auf den Wesensgehalt der natürlichen Einstellung als das Spezifische der
phänomenologischen Einstellung verstanden werden muss. Meine These lautet:
Wenn die phänomenologische Reduktion als die Zugangsweise zur phänomenolo-
gischen Einstellung eine Aufhebung der natürlichen Einstellung durch Einklam-
merung der darin naiv vollzogenen Seinssetzungen bedeutet, dann besteht das
Spezifische der phänomenologischen Einstellung zugleich auch in der Aufhebung
der menschlichen Selbstapperzeption, die das Subjektive ausschließlich als
Komponente der Welt und nicht als transzendentalen ,,Akteur‘‘ der Weltkonstitution
erscheinen lässt. Die phänomenologische Einstellung ist demnach als tiefgreifende
Änderung der natürlichen, thematischen Bedeutung des Subjektiven zu verstehen
und nicht etwa bloß als Erste-Person-Perspektive hinsichtlich der mentalen
Phänomene im Rahmen der natürlichen Einstellung.

2 II

Eine knappe und allgemeine Bestimmung des phänomenologischen Einstellungs-


begriffs sähe etwa wie folgt aus: ,,Einstellung‘‘ bezeichnet diejenige qualitative
Eigenart eines Aktes, die bestimmt, welche gegebenen Eigenschaften des im Akt
jeweils erscheinenden Gegenstandes thematisiert und aktiv aufgefasst werden
können und welche nicht.4 Dabei drängt sich eine weitere Unterscheidung auf:
,,Einstellung‘‘ impliziert nämlich einerseits einzelne Vermögen des Subjekts bzw.
sogar einzelne bewusstseinsmäßige Tätigkeiten. Andererseits—und aufgrund dieses
ersten Zusammenhangs—verwendet Husserl den Terminus ,,Einstellung‘‘, um
spezifische Erkenntniseinstellungen zu bezeichnen. Eine Erkenntniseinstellung ist
eine theoretische Disposition, die das intellektuelle Verhalten bzw. die ,,Gesin-
nung‘‘5 des Erkenntnissubjekts gegenüber dem untersuchten Gegenstandsgebiet
bestimmt. Diese zweite, spezielle Dimension wird im nächsten Abschnitt untersucht,
weil sie einen Sonderbereich innerhalb des ersten Zusammenhangs darstellt.
Eine aufschlussreiche Analyse des primären Zusammenhanges findet sich in der
Vorlesung Erste Philosophie (Hua VIII), in der Form eines Exkurses ,,zur Theorie
von Thema, Interesse, Einstellung‘‘ (ebd., S. 314). Husserl hält dabei an der
traditionellen Gliederung der ,,Seele‘‘ in drei Vermögen fest: Verstand, Gemüt und
Wille.6 Jedem Vermögen entspricht eine besondere Aktklasse, die ihre
4
Zum begriffsgeschichtlichen Erörterung des Terminus ,,Einstellung‘‘ vor Husserl siehe Fischer (1985),
S. 3–14.
5
Vgl. Dodd (1998), S. 81.
6
Die drei Vermögen sind aber nicht als getrennte Gebiete anzusehen, sondern als verschiedene
Strukturen der Intentionalität, die also im größeren Ganzen des intentionalen Bewusstseins eingebettet
sind.

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wesenseigene intentionale Struktur besitzt. So unterscheiden sich intellektive Akte,


in denen schlichte Setzungen der Erfahrung vollzogen werden (und die in der
höheren Erkenntnis auf Theoriebildung abzielen), Gemütsakte, die Werte als
gegenständliche Korrelate haben, und schließlich praktische Akte, die auf die
Verwirklichung von Zielen ausgerichtet sind (vgl. ebd., S. 101).
Jede Phase des Bewusstseinslebens ist dadurch charakterisiert, dass Akte aus
allen Klassen gleichzeitig und auf ineinander greifende Art und Weise vollzogen
werden:
Die Akte, die das reflektierende Ich als die seinen oder, genauer gesprochen,
als die seines in vorgängiger Naivität lebenden unreflektierten Ich vorfindet,
sind, wie schon ein flüchtiger Blick lehrt, in der Regel, ja genau besehen
immer, mehr oder weniger vielfältig ineinander verflochten, verknüpft,
fundiert (Hua VIII, S. 100).
Und ferner ,,sind […] beständig in jedem Puls des Ichlebens Akte aller Sphären
miteinander verflochten‘‘ (ebd., S. 99). Die Ausführung eines geometrischen
Beweises kann z.B. zwar insgesamt schlichtweg als ,,Akt‘‘ bezeichnet werden. Es
geht aber genauer besehen um einen Gesamtakt, der aus Teilakten besteht—wie der
Kenntnisnahme der vorgegebenen Hypothesen, dem Rückgriff auf bekannte Axiome,
der Ausführung der einzelnen Schritte. Alle diese Teilakte schließen sich zu der
Einheit eines intellektiven Gesamtaktes zusammen, also eines Aktes, der in seiner
Gesamtheit das besondere Siegel des Verstandes trägt. Husserl schreibt dazu: ,,Unter
diesen Teilakten scheiden sich die in dienender Funktion stehenden von denjenigen,
welche die herrschende Aktion üben, d. i. in denen dasjenige liegt, worauf das
Aktsubjekt und der einheitliche Akt sozusagen hinaus will‘‘ (ebd., S. 100 f.). Die
Kenntnisnahme der Hypothesen erfüllt lediglich eine dienende Funktion, während
durch die Ausführung der Schritte hindurch die herrschende Aktion des Beweisens
geht. Die spezifischen Leistungen der jeweiligen Einstellungen zeigen sich nun an
einem weiteren Beispiel, mit dem Husserl fortfährt:
Und auch in anderer Weise können Akte in Nebenaktion stehen oder auch in
Hauptaktion und das betrifft Akte, die zwar verbunden, aber nicht zur Einheit
eines einzigen Gesamtaktes vereinigt sind. So mag ich als Botaniker von der
Schönheit einer Blume entzückt sein, aber dieses Entzücken ist nicht in
Hauptaktion, wenn ich in der Einstellung bin, sie beobachtend kennenzulernen
und sie klassifizierend zu bestimmen. Bin ich damit fertig, so mag umgekehrt,
statt dieser theoretischen Aktion, die vordem nebenher laufende ästhetische
Freude zur Hauptaktion werden; und ich bin nun in ästhetischer Einstellung, in
der des Gemüts, statt in theoretischer Einstellung, in der des Verstandes. Ein
anderes Beispiel eines solchen Wechsels ist der zwischen der ästhetischen
Betrachtung eines Kunstwerkes und der theoretischen des Kunsthistorikers.
Hier sagen wir nicht, daß die beiderlei Akte als Teile eines Gesamtaktes
fungieren (Hua VIII, S. 101).
In diesem Zusammenhang merkt Husserl an, dass der Begriff der Einstellung ,,zur
Hauptaktion wesentlich gehört‘‘ (ebd., S. 314). Bezeichnet das Wort ,,Aktion‘‘ in
diesem Kontext ein vielschichtiges Aktgefüge aus verschiedenen Teil- und

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Gesamtakten, so wirken in jeder erdenklichen Aktion notwendig alle Vermögen


zusammen und zwar insofern, als jede erdenkliche Aktion immer aus der
verflochtenen Gesamtheit eines Bewusstseinslebens entspringt.
Die ,,Einstellung‘‘ wird von Husserl hierbei als diejenige innere Organisation
definiert, dank der die Einheit einer Aktion als Verflechtung von unterliegenden
Akten aus verschiedenen Aktklassen nach einer Hauptaktion und anderen Nebe-
naktionen bestimmt wird. Aus dieser Perspektive lässt sich auch das vorherige
Beispiel ergänzen: Die Ausführung eines geometrischen Beweises kann nicht bloß
als theoretischer Gesamtakt aus theoretischen Teilakten betrachtet werden, sondern
eben konkreter als Aktion, in der auch Akte aus anderen Klassen mitwirken. So
bleibt etwa neben der Hauptaktion des Beweisens die ästhetische Freude am
eleganten Fließen des Füllfederhalters auf dem Papier in Vollzug, die aber von der
die Hauptaktion kennzeichnenden theoretischen Einstellung im nicht-thematischen
Hintergrund gehalten wird.
Es gibt gemäß Husserl nur drei einnehmbare Grundeinstellungen, die den drei
genannten Vermögen entsprechen und also auch alle wesentlich verschiedenen
intentionalen Aktklassen bestimmen. Die Funktion der Einstellung, die Vielfalt von
Aktklassen innerhalb einer Aktion in Haupt- und Nebenaktionen zu ordnen, ist
dabei als völlig unabhängig von dem jeweils betrachteten Gegenstand zu verstehen.
Besser gesagt: Es ist jederzeit möglich, die Einstellung gegenüber demselben
Gegenstand zu wechseln. Mag das Einnehmen der wertenden Gemütseinstellung
oder der praktischen Willenseinstellung gegenüber gewissen Gegenständlichkeiten
nur leere Meinungen ergeben bzw. folgenlos bleiben (wenn ich etwa versuche,
ästhetische Werte an der Zahl 4 zu erfassen oder wenn ich als Kind versuchte, durch
das Schlagen des Fernsehbildschirms meinen praktischen Beitrag zur Niederlage
böser Charaktere in Zeichentrickfilmen zu leisten), so ist es trotzdem möglich.
Husserl betont ferner, dass die Möglichkeit der Reflexion, als Umlenkung der
Aufmerksamkeit von dem im Akt gerade hin intendierten Gegenstand auf den Akt
selbst, bei allen Einstellungsweisen besteht, wenngleich nicht in allen Fällen nur als
theoretische Reflexion: ,,Vielmehr gibt es auch spezifische Gemütsreflexion[en]‘‘
wie zum Beispiel ,,Ich liebe, und reflektierend freue ich mich, daß ich liebe, wie ich
liebe, oder aber ich mache mir darüber im Mißfallen an mir selbst Vorwürfe.‘‘ (Hua
VIII, S. 105) Dies hindert freilich nicht, ,,daß der Akt, und zwar der herrschende Akt
des reflektierenden Ich, ein andersartiger sei als der des reflektierten.‘‘ (ebd., S. 106)
So kann z. B. eine Gemütsreflexion auf einen intellektiven Akt vollzogen werden
(etwa wenn die Langeweile an einem geometrischen Beweis thematisiert wird),
ohne dass dabei der unterliegende intellektive Akt in irgend einer Weise inhaltlich
geändert würde, und umgekehrt, auf jeden Akt kann intellektiv reflektiert werden,
ohne dass deswegen die reflexiv betrachteten Akte selbst zu intellektiven Akten
werden. Da alle Akte jedoch auf einen intentionalen Gegenstand bezogen sind, ist in
jedem Akt ein minimaler Aktbestand vorzufinden, der den Gegenstand in der
entsprechenden Intentionalität schlicht setzt. ,,Setzung‘‘ ist eine intellektive
Leistung, indem unabhängig davon, welche Einstellung das Subjekt eingenommen
hat, immer ein intellektiver Kern besteht, dessen geleistete Setzung eventuell zur
Hauptaktion werden kann. Der Akt wird in diesem Fall zum theoretischen Akt und
die Einstellungsweise zur theoretischen.

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Es ist allerdings nicht nötig, eine solche Analyse, die zur Aufweisung der
Möglichkeit einer rein phänomenologischen Betrachtung für jede Aktklasse führt,
weiter zu verfolgen. Was es zur weiteren Betrachtung der spezifischen Erkennt-
niseinstellungen festzuhalten gilt, ist (1) die immer vorhandene Möglichkeit des
Einstellungswechsels aufgrund des Zusammenwirkens aller Vermögen in jedem
Lebensabschnitt; (2) die Ausgliederung der Aktklassen von den respektiven
Einstellungsweisen, die es ermöglicht, Akte einer gewissen Klasse im Rahmen
einer ihnen fremden Einstellungsweise als Nebenakte immerhin zu vollziehen; (3)
die offene Beziehung zwischen Einstellung und Gegenstand, die manchmal zur
Verfehlung von wesentlichen Merkmalen des Gegenstandes führen kann—wie im
Fall der ästhetischen Betrachtung der Zahl 4—, die aber von diesen letzteren in
keiner Weise begrenzt oder im voraus bestimmt ist.

3 III

Neben dem eben betrachteten Zusammenhang gibt es einen weiteren und weitaus
bekannteren Zusammenhang, in dem Husserl von ,,Einstellung‘‘ redet, und zwar der
der verschiedenen ,,Erkenntniseinstellungen‘‘ (Hua VIII, S. 415). Dabei wird die
theoretische Einstellung fokussiert und in verschiedene theoretische Sondereinstell-
ungen ausdifferenziert. Dies geschieht etwa am Anfang der Ideen II, wenn Husserl
von der ,,naturwissenschaftlichen Einstellung‘‘ bzw. von der ,,doxisch-theoreti-
schen‘‘ spricht, der ,,andere Einstellungen‘‘ gegenüber stehen (Hua IV, S. 2). Unter
diesen werden ,,die wertende und die praktische Einstellung‘‘ (ebd.) erwähnt.
Aufgrund der bisherigen Erörterungen kann man also sagen, die Gesamtaktion des
naturwissenschaftlichen Theoretisierens hat immer als Hauptaktion einen intellekti-
ven, auf eine theoretische Bestimmung der Natur abzielenden Akt. In den
intellektiven Akten, welche die theoretischen Einstellungen bzw. Erkenntniseins-
tellungen beherrschen, ,,ist für das Ich ein Gegenstand nicht nur überhaupt da,
sondern das Ich ist als Ich darauf gewahrend (dann denkend, tätig setzend), damit
zugleich also erfassend gerichtet, es ist als ‘theoretisches’ im aktuellen Sinne
objektivierend‘‘ (Hua IV, S. 4). In den Erkenntniseinstellungen ist also die
Gegenstandssetzung nicht etwa nebenher vollzogen, während das Ich eigentlich in
eine ästhetische Wertung oder in eine praktische Verwirklichung versunken ist,
sondern explizit, hauptsächlich vollzogen. Die naturwissenschaftliche Einstellung ist
die Einstellung, in der die Natur als kausal geregelter Zusammenhang aller
physischen Dinge in den Blick genommen wird. Diesen Zusammenhang will der
Naturwissenschaftler nach seinen induktiven Gesetzen erkennen und an den
erforschten Dingen will er diejenigen Eigenschaften und Veränderungsprinzipien
erfassen, die die Dinge an sich besitzen. Dies geschieht durch Idealisierung und
ferner mit Hilfe mathematischer Mittel. Um dieses Ziel zu verwirklichen (und dabei
zeigt sich die nebenher laufende praktische Komponente in der naturwissenschaft-
lichen Erkenntniseinstellung) bedarf es einer Ausschaltung der subjektiven Relati-
vität. Auch diejenige Dimension der Natur, in der das Subjektive ursprünglich
auftritt, nämlich die der Leiber, untersteht in der naturwissenschaftlichen Einstellung
derselben Ausschaltung: Leiber werden als bloße Körper unter Körper betrachtet.

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Ganz anders verhält es sich in den Geisteswissenschaften, die in der personal-


istischen Einstellung vollzogen werden:
Während die Naturwissenschaften ihrem eigenen Sinne nach eine abstrahie-
rende Blende haben, durch die eben alles Subjektive, aller Geist abgeblendet
wird, wäre ja die Allheit des Subjektiven das Thema der allgemeinen
Geisteswissenschaft, und nach den Allgemeinheiten und in den Besonderhei-
ten der Gesamtheit der Sonderwissenschaften vom Geiste (Hua VIII, S. 286;
Vgl. auch Hua IV, S. 183).
Die personalistische Einstellung bildet für den Geisteswissenschaftler den spezifi-
schen Rahmen seines Theoretisierens, in der doxische Setzungen von geistigen
Sachverhalten nicht nebenher vollzogen werden, sondern in expliziter Erfassung
und im Hinblick auf theoretisch begründbare Wahrheiten. Statt einer Ausschaltung
des subjektiven Bestandes seiner gegenständlichen Gehalte, wird dieses hier
thematisiert, während jedes An-sich-Sein der Natur ausgeschaltet bleibt.
Trotz dieser Parallelität besteht zwischen den beiden Einstellungen ein grund-
legender Unterschied: Während die Ausblendung des Subjektiven eine bestimmte
Ausbildung im theoretischen Subjekt voraussetzt, das mit den theoretischen
Grundlagen und Forderungen der Naturwissenschaften vertraut sein muss, fällt
die personalistische Einstellung der Geisteswissenschaft vollständig in den Rahmen
der natürlichen Einstellung (Vgl. Hua VIII, S. 415). Dies bedeutet umgekehrt: Jedes
erdenkliche Subjekt wächst notwendigerweise in eine Einstellung hinein, in der die
Natur nicht als ein ,,An sich‘‘ thematisch ist (sondern in ihrem Bezug auf
Nützlichkeit, Unnützlichkeit, Gefährlichkeit, Ausbeutefähigkeit usf.) und in der
Menschen immer schon als Personen (also als wollende, wertende, erkennende
Subjekte) betrachtet werden. Das Subjektive ist hierbei immer schon völlig zur
Geltung gekommen. Während die naturwissenschaftliche Einstellung sich eben nur
in Hinblick auf eine historisch gewachsene Klasse von Wissenschaften benennen
und definieren lässt, genießt die personalistische Einstellung einen eigenen Status,
den man als natürlich definieren kann, was bedeutet, dass er von jeder faktisch
etablierten Wissenschaft unabhängig ist.
Man kann hierbei zwar der Genauigkeit halber von ,,geisteswissenschaftlicher
Einstellung‘‘ sprechen—wie es auch Husserl gelegentlich tut. Aber diese in den
Geisteswissenschaften vorherrschende Einstellung unterscheidet sich im Wesentli-
chen nicht von der natürlich-personalistischen. Eine feinere Unterscheidung
zwischen geisteswissenschaftlicher und personalistischer Einstellung weist lediglich
darauf hin, dass in den Geisteswissenschaften ein theoretisches Tun überwiegt,
während die personalistische Einstellung nicht von vornherein auf Theorie abzielt,
also sich zumeist nicht in einer theoretischen Einstellung dekliniert.7 Die
Einstellung des Geisteswissenschaftlers bleibt aber in jedem Fall das theoretische
Pendant zu der allgemeinen Einstellung des Subjektes gegenüber der Welt, die das
Subjekt überhaupt nicht erst einzunehmen braucht, sondern ,,natürlich‘‘ immer
schon eingenommen hat: ,,Es handelt sich also um eine durchaus natürliche und
nicht um eine künstliche Einstellung, die erst durch besondere Hilfsmittel gewonnen

7
Siehe Fischer (1985), S. 65 f.

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und gewahrt werden müsste‘‘ (Hua IV, S. 183). Die personalistische Einstellung
weist also auf die natürliche Einstellung zurück. Damit gelangt man zur Frage nach
der Wesensbestimmung dieser natürlichen Einstellung und deren Verhältnis zu der
personalistischen, die nach dem bisher Gesagten ein Modus der allgemeineren
natürlichen Einstellung zu sein scheint.

4 IV

Husserl führt bekanntlich den Ausdruck ,,natürliche Einstellung‘‘ in den Ideen I ein
und verbindet diese Einstellungsweise mit einer Generalthesis, die lautet: ,,’Die’
Welt ist als Wirklichkeit immer da, sie ist höchstens hier oder dort ‘anders‘ als ich
vermeinte, das oder jenes ist aus ihr unter den Titeln ‘Schein‘, ‘Halluzination‘ u.
dgl. sozusagen herauszustreichen, aus ihr, die—im Sinne der Generalthesis immer
daseiende Welt ist.‘‘ (Hua III/1, S. 61). Die natürliche Einstellung ist also dadurch
ausgezeichnet, dass in ihr diese Generalthesis sozusagen ,,vollzogen‘‘ wird; dies
freilich nicht bewusst oder gar aktiv, sondern vielmehr stillschweigend und implizit:
Die Generalthesis ist nämlich keine bloß vertretbare These unter anderen
möglichen, sondern die einzig verfügbare, die trotz aller Täuschung und Durchs-
treichung einzelner Weltelemente nie in Frage gestellt wird. ,,Thesis‘‘ heißt nicht
nur ,,These‘‘, sondern ,,Setzung‘‘, ,,Position‘‘. Die Welt wird in der natürlichen
Einstellung vollzugsmäßig als immer daseiende Wirklichkeit gesetzt. Richard
Avenarius, an den Husserls Überlegungen anknüpfen,8 hatte seinerseits den
Grundzug des ,,menschlichen Weltbegriffs‘‘ folgendermaßen beschrieben:
Ich mit all meinen Gedanken und Gefühlen fand mich inmitten einer
Umgebung. Diese Umgebung war aus mannigfaltigen Bestandteilen zusam-
mengesetzt, welche untereinander in mannigfaltigen Verhältnissen der
Abhängigkeit standen. Der Umgebung gehörten auch Mitmenschen an mit
mannigfaltigen Aussagen; und was sie sagten, stand zumeist wieder in einem
Abhängigkeitsverhältnis zur Umgebung. Im übrigen redeten und handelten die
Mitmenschen wie ich: sie antworteten auf meine Fragen wie ich auf die ihren;
sie suchten die verschiedenen Bestandteile der Umgebung auf oder vermieden
sie, veränderten sie oder suchten sie unverändert zu erhalten; und was sie taten
oder unterließen, bezeichneten sie mit Worten und erklärten für Tat und
Unterlassung ihre Gründe und Absichten. Alles, wie ich selbst auch: und so
dachte ich nichts anderes, als dass Mitmenschen Wesen seien wie ich—ich
selbst ein Wesen wie sie.9
In Avenarius’ Formulierung hat offensichtlich das personalistische Element viel
mehr Gewicht als in der Husserls. Dieser hatte zwar selbst in den vorangehenden
Passagen der Ideen I eine ähnliche Beschreibung vorgelegt, trotzdem bezieht sich
seine Formulierung der Generalthesis der natürlichen Einstellung lediglich auf die
Welt. In den Ideen I scheint die personalistische Einstellung also ein Spezialfall der

8
Zur Auseinandersetzung Husserls mit Avenarius siehe Sommer (1985).
9
Avenarius (1905), S. 4 f.

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natürlichen Einstellung zu sein: Im allgemeinen Rahmen der Weltthesis gelten


andere Subjekte eben als Mitmenschen, als sich motivational verhaltende Personen.
,,Personalistische Einstellung‘‘ würde also auf den ersten Blick einfach ,,natürliche
Einstellung‘‘ im Hinblick auf andere Subjekte bedeuten. Die natürliche Einstellung
lässt sich anscheinend primär in Bezug auf die Welt im Allgemeinen definieren und
spezifiziert sich dann in Bezug auf die in der Welt vorgefundenen Mitsubjekte als
personalistische Einstellung.
Doch stellt sich hier eine entscheidende Frage: Wer vollzieht eigentlich die
Generalthesis? Was für ein Subjekt ist es, das sich immer schon in der natürlichen
Einstellung befindet? Fasst man die Sachlage näher ins Auge, so zeigt sich, dass—
umgekehrt zum eben vermuteten Abhängigkeitsverhältnis—die personalistische
Einstellung eigentlich als die Grundform der natürlichen Einstellung anzusehen ist
und dass demzufolge ,,natürliche‘‘ Einstellung hinsichtlich der daseienden Welt im
Allgemeinen von der personalistischen Einstellung abhängt. Nicht zu Unrecht
präzisiert Avenarius am Anfang seiner Formulierung, dass ,,ich mit all meinen
Gedanken und Gefühlen‘‘10 es bin, der sich inmitten einer Umgebung bzw. Welt aus
Dingen und Mitmenschen befindet. Anders gesagt: Ich, der ich mich immer schon
als Mensch auffasse und verstehe, verhalte mich natürlich zur Welt als immer
daseiender Wirklichkeit aufgrund dieser ursprünglichen Selbstauffassung, d.h.
meines auf mich selbst bezogenen Seinsglaubens. Allgemeiner formuliert lässt sich
also folgern: Aller Auffassung einer als Wirklichkeit daseienden Welt und
daseiender Mitmenschen liegt eine ursprünglichere Auffassung zugrunde, nämlich
die Selbstauffassung, in der ich mich selbst als Mensch, als personales Wesen
auffasse.
Hierbei geht es freilich nicht um empirische, sondern um transzendentale
Verhältnisse. Das ,,Zugrundeliegen‘‘ ist also nicht naiv als ein ,,Zuerst‘‘ zu
verstehen, etwa: Zuerst fasse ich mich selbst als Mensch auf und erst danach bin ich
befähigt, die daseiende Welt mit den daseienden Mitmenschen aufzufassen. Die
bewusste, vollständig ausgebildete Selbstauffassung als Mensch findet faktisch erst
nach einem vorangehenden, stillschweigenden Umgang mit der Welt statt.11 Die
Ursprünglichkeit der menschlichen Selbstauffassung besteht aber darin, dass die
Generalthesis, von der Husserl spricht, als Thesis notwendigerweise eines Vollzie-
hers bedarf und dass der Vollzieher der Generalthesis wesensmäßig ein sich selbst
als Mensch auffassendes Subjekt ist.
Wie es zur faktischen Ausbildung des Vollziehers kommt und unter welchen
Bedingungen ein faktisches Individuum zur vollen Aneignung der Generalthesis
gelangt, ist ein durchaus wichtiges Problem, das in eine genetische Analyse der
natürlichen Einstellung gehört. Dies betrifft aber nicht den Sinnaufbau der
natürlichen Einstellung, welche, da sie grundsätzlich durch eine Thesis hinsichtlich
der Welt bestimmt ist, a priori eines subjektiven Korrelats dieser Setzung bedarf.
Dieses subjektive Korrelat kann in der natürlichen Einstellung nur als ,,Mensch,
Person‘‘ aufgefasst werden. Dies ist sozusagen die Grundsetzung, auf der alle

10
ebd.
11
Husserl selbst ist sich darüber sehr wohl im Klaren, vgl. z.B. Hua IV, S. 252; Hua I, § 38, S. 111 f.

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weitere Setzung der vermeinten Welt ruht. Eine andere Sachlage wäre im Rahmen
der Natürlichkeit schlicht undenkbar:
Die Subjektivität ist menschliche, der Mensch als Bewusstseinssubjekt, als
Person dann notwendig (anders ist es nicht denkbar) bewusstseinsmäßig auf
das, was er mit dem Worte Welt bezeichnet, bezogen und in besonderer Weise
auf diese und jene für ihn bewusstseinsmäßig seienden, zugänglichen und
schließlich wahrnehmungsmäßig daseienden Objekte (Hua IX, S. 489).
Die personalistische Einstellung in Bezug auf sich selbst liegt also der natürlichen
Einstellung im Allgemeinen zugrunde. Im Rahmen der natürlichen Einstellung
findet sich dann auf einer höheren Stufe diejenige personalistische Einstellung
wieder, die auf andere Subjekte bezogen ist, welche ihrerseits als Bestandteile der
als wirklich daseienden Welt angesehen werden. Die personalistische Einstellung
stellt demnach sozusagen das A und O der natürlichen Einstellung und ihrer
Erkenntnismöglichkeiten dar. Man darf demzufolge behaupten, dass die personal-
istische Einstellung den Urgrund aller weiteren Ebenen der natürlichen Einstellung
darstellt, worauf diese transzendental zurückzuführen sind. Somit besteht die
Unterscheidung zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften im
Hinblick auf die natürliche Einstellung darin, dass die Geisteswissenschaften in
der natürlich-personalistischen Einstellung, während die Naturwissenschaften bloß
aus der natürlich-personalistischen Einstellung betrieben werden: Der unterliegende
Rahmen ist in beiden Fällen ursprünglich und unveränderlich festgesetzt. Husserl
schreibt hierzu:
Die personalistische Einstellung der Geisteswissenschaften ist daher immer
noch natürliche Einstellung, obschon wir in der mundanen Erkenntniseinstel-
lung eben diese doppelte Möglichkeit haben der naturalistischen Einstellung
und der personalistischen, die sich aber wieder verbinden, so wie sie innerlich
von vornherein verbunden sind und nur durch Abstraktion sich gesondert
haben (Hua VIII, S. 415).
An diesem Zitat lässt sich die doppelte Stellung der personalistischen Einstellung
deutlich erkennen: Einerseits gehören personalistische und natürliche Einstellung im
Wesentlichen zusammen, und zwar derart, dass die personalistische Einstellung als
ursprüngliche Selbstauffassung den systematischen Kern der natürlichen Einstellung
ausmacht. Andererseits ist aber die personalistische Einstellung wieder als
Einstellungsmöglichkeit neben der naturwissenschaftlichen aufzufinden, die mit
dieser auf dem allgemeinen, unveränderlichen Boden der natürlich-personalistischen
Einstellung fußt. Man kann also zwischen personalistischer Einstellung als
selbstbezogener Ureinstellung und personalistischer Einstellung als mögliche
Erkenntniseinstellung der Geisteswissenschaften unterscheiden. Sowohl die Geistes-
als auch die Naturwissenschaften sind in dieser Hinsicht mundane Erkenntniseins-
tellungen, die in der Vermeinung der Welt gemäß der Generalthesis eine
gemeinsame Auffassungsrichtung besitzen. In beiden Richtungen, wenn auch auf
je verschiedene Weise, ist das Subjekt für ,,die‘‘ Welt empfänglich und zwar dadurch,
dass es sich ursprünglich als Mensch auffasst und in die Welt selbst einordnet. Sich
selbst als Menschen auffassen, sich dabei in die Welt einordnen und für diese immer

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daseiende Welt erkenntnis- und handlungsmäßig empfänglich sein, sind daher als
Wesensmomente einer einzigen Urstruktur anzusehen, in der die personalistische
Einstellung der Geisteswissenschaften ebenso wie die naturalistische der Naturwis-
senschaften verwurzelt sind.
Dennoch hängen diese beiden Einstellungsweisen auch in einem bestimmten,
sozusagen ,,horizontalen‘‘ Fundierungsverhältnis zusammen und bestehen nicht
bloß parallel: ,,Sofern die Geisteswissenschaft als allumfassende Wissenschaft von
der Geisteswelt alle Personen, alle Arten von Personen und personalen Leistungen,
von personalen Gebilden, die da Kulturgebilde heißen, im Thema hat, umspannt sie
also auch die Naturwissenschaft und die naturwissenschaftliche Natur an sich, Natur
als Realität‘‘ (Hua VI, S. 298; vgl. auch Hua IV, S. 183). Einfach formuliert heißt
dies, dass auch die Naturwissenschaften kulturelle Gebilde sind, die aus ursprüng-
lich personalen Geistesleistungen entstanden sind und von Menschen betrieben
werden.
Vorläufig stehen wir mit dieser Einsicht nicht fern von einer historizistischen
Position, wie sie etwa Dilthey vertreten hat. Es läge daher nahe, eine Art
,,Redimensionierung‘‘ der Naturwissenschaften zu fordern, insofern ihr Geltung-
sanspruch auf ihre personale, also geschichtlich bedingte Herkunft angewiesen
wäre. Diese Schlussfolgerung allerdings hat Husserl bekannterweise in seinem
berühmten Aufsatz Philosophie als strenge Wissenschaft ausdrücklich widerlegt.12
Demgegenüber fordert Husserl etwa in der Krisis, dass man in einem ersten Schritt
zwar die historische Bedingtheit der Naturwissenschaften anerkennt und somit das
Naturwissenschaftliche auf das Geisteswissenschaftliche zurück bezieht, um dann
allerdings erst in einem weiteren Schritt, dem Übergang in die eigentlich
phänomenologische Einstellung, das Verhältnis der genannten Einstellungen
untereinander abschließend zu klären.
Wie wir gesehen haben, weisen sowohl die Geistes- als auch die Naturwissen-
schaften auf eine ihnen gemeinsame Einstellung zurück, die den allgemeinen
Rahmen der mundanen Erkenntnisleistungen überhaupt darstellt. Wir bezeichnen
diesen allgemeinen Rahmen als menschliche Einstellung. ,,Menschliche Einstel-
lung‘‘ besagt also im Wesentlichen nichts anderes als ,,natürliche Einstellung‘‘, will
aber den Ursprung und systematischen Kern dieser Letzteren explizit machen: ein
sich selbst als Mensch auffassendes Subjekt. Menschliche Einstellung realisiert sich
wesensmäßig als mundane Einstellung, in der die Welt als immer daseiende
Wirklichkeit vermeint wird. Menschliche Einstellung und mundane, weltvermein-
ende Einstellung, die sich dann in eine Vielfalt von mundanen Sondereinstellungen
dekliniert, sind also die beiden systematisch zusammengehörigen Wesensmomente
der natürlichen Einstellung im Sinne der Ideen I.13 Deswegen bezieht sich Husserl
wiederholt auf die ,,Weltlichkeit bzw. Menschlichkeit‘‘ (Hua VIII, S. 301) und stellt
zusammenfassend an einer Manuskriptstelle folgende Äquivalenz auf: ,,Natürlich
eingestellt sein, heißt sich als Mensch in der Welt finden‘‘ (Hua XXXIV, S. 156).

12
Siehe Hua XXV, S. 3–62.
13
Sebastian Luft schreibt zusammenfassend: ,,To paraphrase this we can vary Kant’s famous statement
by saying: the belief that the world exists must accompany all my attitudes‘‘. Luft (1998), S. 163.

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5 V

Die menschliche Einstellung bildet den umgreifenden Rahmen aller weiteren


natürlichen Einstellungsweisen, der praktischen wie der wertenden und im
Speziellen der mundanen Erkenntniseinstellungen. Ihr Hauptcharakter besteht
darin, dass alles Subjektive, also das Bewusstsein mit allen seinen Leistungen, als
Eigenschaften einer Entität der Welt interpretiert werden: des Menschen. Die ,,als
Wirklichkeit immer daseiende Welt‘‘ übersteigt dabei die Entität Mensch sowie alle
dieser Entität zugesprochenen Funktionen und Vermögen, die sie zum Subjekt, zum
Bewusst-Seienden machen. Mensch, Subjekt, Bewusstsein sind letztlich gleichran-
gige Sonderthemen aus der Welt als dem ,,stillschweigenden, aber gemeinten
Totalsubstrat aller Thematik‘‘ (Hua XXXIV, S. 393).
Husserls Entwurf der phänomenologischen Reduktion setzt gerade bei dieser
Sachlage an und zeigt, dass die menschliche Einstellung nicht das letzte Wort über
die Möglichkeiten des menschlichen Daseins ist, insbesondere nicht, was die
Erkenntnismöglichkeiten anbelangt. Vielmehr interpretiert Husserl die Leistung der
phänomenologischen Reduktion gerade hinsichtlich der Erschließung eines Spek-
trums von Möglichkeiten, das sich auftut, sobald die erfahrende, wertende, fühlende
und erkennende Subjektivität von der menschlichen Selbstapperzeption befreit und
rein in ihrem Leisten betrachtet wird:
Durch die phänomenologische Reduktion als ‘transzendentale Reflexion’
befreit sich das Ich von den Schranken der Natürlichkeit seines Daseins,
den\en[ der ‘naiven’ Menschlichkeit, befreit sich gewissermaßen von einer
Scheuklappe, die ihm sein absolutes, sein vollkommen konkretes Dasein
abblendet oder, was auf ein Gleiches herauskommt, ihm abblendet einen
unendlichen Reichtum von Lebensmöglichkeiten, in denen die des natürlichen
Daseins zwar beschlossen, in denen sie aber sozusagen abstrakt-unvollständig
sind (Hua XXXIV, S. 225 f.).
Die Strategie der phänomenologischen Reduktion besteht darin, dass die Einklam-
merung der Seinssetzung hinsichtlich der Welt, wie sie etwa aus den Ideen bekannt
ist, sich ebenfalls auf das Subjekt zu erstrecken hat, das in der menschlichen
Einstellung ausschließlich als eine Entität in der Welt begegnet und begriffen
werden kann. Der Mensch als Welt-Entität wird dabei selbst in Klammer gesetzt.
Das Geistige wird somit gereinigt, d. h. sein Sinn erfährt eine tief greifende
Änderung: Von einem Sonderthema im Rahmen der natürlichen Weltsetzung, in der
es gemäß der Mensch-Apperzeption schlechthin in Geltung ist, wird nun das
Geistige (also das Erfahren in all’ seine Formen und Vorformen) zum transzen-
dentalen Thema, zum Bereich, in dem alle Fragen hinsichtlich der Welt und des
Menschen als Wirklichkeiten aufzuklären und systematisch zu beantworten sind:
,,Ein Thema, das über sich kein anderes Thema hat‘‘ (Hua XXXIV, S. 52). Hierzu
schreibt Husserl an einer anderen Stelle:
Da haben wir nun das Merkwürdige, dass sich eine neuartige Einstellung aus
der rein personalistischen Einstellung und Forschung begründen lässt, dass
sich eine entsprechende neuartige reine (nicht mehr geisteswissenschaftliche)

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Erfahrung ins Spiel setzen lässt, und auf diesem Erfahrungsboden eine
‘Wissenschaft’ […], die radikal gelöst ist von der mundanen Erfahrung als
Geltung, nämlich dadurch, dass diese Geltung schlechthin und universal
‘außer Geltung gesetzt’ ist und bleibt (Hua VIII, S. 417).
Und ferner:
Die Phänomenologie ist die Wissenschaft vom transzendental reinen univer-
salen Geiste und im Übergang zur Welt die universale Geisteswissenschaft,
die in allem Weltlichen Gebilde der universalen Geistigkeit erkennt. Sie hebt
die Scheidung zwischen Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften auf,
indem sie als universale Wissenschaft überhaupt alle Wissenschaften in
Zweige der einen Geisteswissenschaft verwandelt, der Wissenschaft vom
transzendentalen universalen Geist (Hua VIII, S. 361).
Eine ausführliche Darstellung des Überganges in die phänomenologische Einstellung
bedürfte einer längeren Vertiefung in den spezifischen Charakter der universalen
phänomenologischen Reduktion gegenüber der psychologischen.14 Anhand der
letzten Bemerkung Husserls ist jedenfalls eine genaue Lokalisierung der Phänome-
nologie als Erkenntniseinstellung und der sich daraus ergebenden Wissenschaft im
Grunde schon möglich. Dabei ist ein Punkt gerade für die heutige philosophische
Debatte von besonderer Bedeutung, um den eigentümlichen Beitrag der husserlschen
Phänomenologie nicht allzu leichtfertig an andere Ansätze zu assimilieren: Die
phänomenologische Einstellung ist in erster Linie als Einstellungsmöglichkeit
hinsichtlich der Subjektivität außerhalb des Rahmens der menschlichen Einstellung
zu verstehen, und nicht etwa im Gegensatz zu Sondermodalitäten dieser Letzteren. Es
geht also nicht etwa bloß um eine Erste-Person-Perspektive in der Bewusstseinsf-
orschung, die im Gegensatz zur Dritte-Person-Perspektive der naturwissenschaftli-
chen Einstellung steht und auf diese nicht reduziert werden darf,15 sondern um eine
radikale Aufhebung der Ebene, auf der alle mundanen Perspektiven stehen, Erste- wie
Dritte-Person-Perspektive.
Die Tatsache, dass diese Aufhebung in einer ,,Ersten-Person-Perspektive‘‘
durchgeführt wird, ist freilich kein Zufall, da sich nur in der Selbstreflexion
diejenigen Einsichten aufdrängen, die zur Leistung der phänomenologischen
Epoché führen können (vgl. Hua VIII, S. 4 f.). Dies darf aber nicht zu einer
Konfusion hinsichtlich der eigentlichen Pointe führen: Der Anspruch der Phä-
nomenologie besteht darin, eine neuartige Dimension des Geistes herausgestellt zu
haben, in der alle Setzungen und Gültigkeiten angeschaut, geprüft und eventuell
begründet werden können, weil in dieser Dimension noch keine von allen diesen zu
14
Hierzu siehe Ströker (1987).
15
Diese Auffassung der Phänomenologie als Introspektion, als unentbehrliche First-Person-Perspective
zum Studium des Mentalen charakterisiert eine wichtige Strömung der neueren philosophy of mind
analytischer Art. Siehe zum Beispiel Shoemaker (1996), Siewert (1998) und Siewert (2007). Für eine
differenzierte Beurteilung dieser Perspektive siehe Zahavi (2007). In diesem wichtigen Beitrag betont
Zahavi die Relevanz der Entdeckung der First-Person-Perspective in der philosophy of mind, die die
Möglichkeit eines fruchtbaren Dialoges zwischen kontinentaler und analytischer Philosophie aufschließt.
Andererseits pointiert er aber die eigentliche Bedeutung der phänomenologischen Methode, die
keineswegs als introspektiv verstanden werden darf.

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prüfenden Gültigkeiten als Gültigkeit schon enthalten ist.16 Dadurch eröffnet


sich eine neuartige Erkenntniseinstellung, in der die explizite Setzung der zu
erkennenden Gegenstände, die alle Erkenntniseinstellungen inklusive der phänom-
enologischen charakterisiert, von der in der Natürlichkeit immer schon vollzo-
genen Seins- und Wirklichkeitssetzung entkoppelt wird. Sowohl geistige Be-
wusstseinszusammenhänge als auch die in ihnen erscheinenden Gegenstände bzw.
die in ihnen erscheinende Welt werden weiterhin gesetzt und zwar im Hinblick auf
begründbare Erkenntnis, aber auf eine Weise, die ihren natürlich innewohnenden
Seinssinn gründlich modifiziert und dabei auf eine nicht mehr mundane Ebene der
Betrachtung führt.
Gerade die Vertiefung und nicht die Bagatellisierung dieses Anspruches ist
wahrscheinlich der beste Ansatz, um die Auseinandersetzung mit anderen philo-
sophischen Strömungen sowie mit der empirischen Forschung wirklich fruchtbar zu
machen und dabei neue, gemeinsame Wege einzuschlagen.

6 Dankwort

Eine frühere Version dieses Aufsatzes habe ich am 18.04.08 am Husserl-Archiv


Köln im Rahmen eines Doktoranden-Workshops vorgetragen. Ich möchte an dieser
Stelle Prof. Dr. Dieter Lohmar für die Einladung sowie allen Teilnehmern für die
wertvollen Impulse in der anschließenden Diskussion danken. Ein herzliches
Dankwort gilt zudem meinen Freiburger Kolleginnen, Frau Claudia Bozzaro, Frau
Katharina Keßler und insbesondere meinem Kollegen Herrn Frank Steffen für die
sprachlichen und gedanklichen Ratschläge.

Literatur

Avenarius, R. (1905). Der menschliche Weltbegriff. Leipzig: Reisland.


Dodd, J. (1998). Attitude—facticity—philosophy. In N. Depraz & D. Zahavi (hrsg.), Alterity and
facticity. New perspectives on Husserl (S. 57–85). Dordrecht: Kluwer.
Fink, E. (1976). Nähe und Distanz. Phänomenologische Vorträge und Aufsätze. Freiburg/München:
Alber.
Fischer, M. (1985). Differente Wissensfelder, einheitlicher Vernunftraum. Über Husserls Begriff der
Einstellung. München: Fink.
Husserl, E. (1953). Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Zweites
Buch: Phänomenologische Untersuchung zur Konstitution. In M. Biemel (hrsg.), Husserliana IV.
Den Haag: Nijhoff. Zitiert als Hua IV.
Husserl, E. (1954). Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenol-
ogie. Eine Einführung in die phänomenologische Philosophie. In W. Biemel (hrsg.), Husserliana VI.
Den Haag: Nijhoff. Zitiert als Hua VI.
Husserl, E. (1959). Erste Philosophie (1923/24). Zweiter Teil: Theorie der phänomenologischen
Reduktion. In R. Boehm (hrsg.), Husserliana VIII. Den Haag: Nijhoff. Zitiert als Hua VIII.
Husserl, E. (1962). Phänomenologische Psychologie. In W. Biemel (hrsg.), Husserliana IX. Den Haag:
Nijhoff. Zitiert als Hua IX.

16
Vgl. Lohmar (2002), S. 753.

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Husserl, E. (1963a). Cartesianische Meditationen und Pariser Vorträge (1931). In S. Strasser (hrsg.),
Husserliana I. 2. Aufl., Den Haag: Nijhoff. Zitiert als Hua I.
Husserl, E. (1963b). Die Idee der Phänomenologie. Fünf Vorlesungen. In W. Biemel (hrsg.), Husserliana
II. 2. Aufl., Den Haag: Nijhoff. Zitiert als Hua II.
Husserl, E. (1967). Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Erstes
Buch. Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie. In K. Schuhmann (hrsg.), Husserliana
III/1. Den Haag: Nijhoff. Zitiert als Hua III/1.
Husserl, E. (1987). Philosophie als strenge Wissenschaft (1911). In T. Nenon & H.-R. Sepp (hrsg.),
Husserliana XXV: Aufsätze und Vorträge (1911–1921). Den Haag: Nijhoff. Zitiert als Hua XXV.
Husserl, E. (2002). Zur phänomenologischen Reduktion. Texte aus dem Nachlass (1926-35). In S. Luft
(hrsg.), Husserliana XXXIV. Dordrecht/Boston/London: Kluwer. Zitiert als Hua XXXIV.
Husserl, E. (2005). Einführung in die Phänomenologie der Erkenntnis. Vorlesung 1909. In E. Schuhmann
(hrsg.), Husserliana—Materialien VII. Dordrecht/Boston/London: Kluwer. Zitiert als Mat. VII.
Lohmar, D. (2002). Die Idee der Reduktion. Husserls Reduktionen und ihr gemeinsamer, methodischer
Sinn. In H. Hüni & P. Trawny (hrsg.), Die erscheinende Welt. Festschrift für Klaus Held (S. 751–
771). Berlin: Duncker & Humblot.
Luft, S. (1998). Husserl’s phenomenological discovery of the natural attitude. Continental Philosophy
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Siewert, C. (2007). Who’s afraid of phenomenological disputes? The Southern Journal of Philosophy,
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Sommer, M. (1985). Husserl und der frühe Positivismus. Klostermann: Frankfurt a. M.
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Ströker, E. (1987). Phänomenologie und Psychologe. Die Frage ihrer Beziehung bei Husserl. In Ders.,
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Zahavi, D. (2007). Subjectivity and the first-person perspective. The Southern Journal of Philosophy,
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