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200 Erdkunde Band II

NORBERT KREBS ZUM GEDÄCHTNIS

H. Hassinger

Nach jahrelangem, schmerzlichem Leiden ist die Ferne, wohin die Dampfer des Heimat-
am 5. Dezember 1947 Norbert Krebs in Berlin hafens zogen.
im 72. Lebensjahr verschieden. Körperlich seit So erlebte Krebs Altösterreich, wurde sich der
langem geschwächt, seelisch tief bedrückt durch Kulturaufgabe seines Deutschtums bewußt, lernte
das Unglück von Volk und Heimat, an denen die Nationalitätenprobleme * der europäischen
er mit allen Fasern seines Herzens hing, und Mitte kennen, und diese Jugenderlebnisse be-
schwer erschüttert durch die Zerstörung so vieler stimmten auch seine stets maßvoll bleibende
Kulturwerte, an deren Schaffung er selbst mit- nationale Haltung. Er vereinigte gutes Öster-
gearbeitet hatte, schwanden ihm die Lebens- reichertum mit dem starken Bewußtsein deut-
freude und die zähe Arbeitskraft. Lichtblicke in scher Kulturgemeinschaft. Von der Politik hielt
seinem Dahinsiechen aber waren ihm die Genug- er sich stets ferne, wie überhaupt von allen In-
tuung, sein letztes Werk, eine vergleichende teressen, die abseits von unserem allerdings so
Länderkunde der Erdteile, fast druckreif hinter- beziehungsreichen Fache liegen. Man erkennt,
lassen zu können, ferner die hingebende Pflege wie sehr Familienschicksal und Jugenderlebnis
und Tröstung durch seine Frau und die Freude seinen Entwicklungsgang bestimmten und wie sie
über die Geburt eines Enkelkindes. zumindest dem Anfang seiner wissenschaftlichen
Dank Begabung und eisernem Fleiß hat sich Laufbahn die Richtung wiesen. Unbeirrt durch
Norbert Krebs aus kleinen, einfachen Verhält- andere Interessen ging Krebs zielstrebig den Weg
nissen emporgearbeitet zum Inhaber der ersten zur Ausbildung als geographischer Lehrer und
geographischen Lehrkanzel des Deutschen Rei- Forscher. Er bezog die Wiener Universität zu
ches, die ein Carl Ritter, ein Ferdinand Freiherr einem Zeitpunkt, der seinen Entwicklungsgang
von Richthofen, ein Albrecht Penck versehen überaus glücklich beeinflußte. Leuchtete doch
hatten. Als Sohn eines Eisenbahnbeamten wurde über jener Hochschule damals das Dreigestirn
er am 29. August 1876 in Leoben in Obersteier- Albrecht Penck, Eduard Sueß und Julius Hann,
mark geboren, verlor frühzeitig seine Mutter und es schlug Wilhelm Tomaschek den Geogra-
und wuchs unter der liebevollen Fürsorge seiner phen die Brücke zur Geschichtswissenschaft, die
Großmutter, einer kernigen Tirolerin, auf, die u. a. Oswald Redlich hervorragend vertrat. Mit
ihn, verständnisvoll für sein Streben, betreute großer Begeisterung folgte Krebs den zahlreichen
und ihre Reiselust auf ihn übertrug. Freifahrten Exkursionen Albrecht Pencks durch die viel-
und Fahrpreisbegünstigungen, die dem Sohn des gestaltigen Länder der Donaumonarchie, und er
Bahnbeamten bis zur Großjährigkeit zustanden, schrieb als erste Arbeit den Bericht über die
wurden für gemeinsame Fahrten von Groß- schöne Reise des Geographischen Instituts durch
mutter und Enkel und auch für dessen eigene Bosnien, Herzegowina und Dalmatien 1899 für
Unternehmungen ausgenützt, so daß ihm schon den Jahresbericht des Vereins der Geographen
in seiner Jugend der Ostalpenraum und andere an der Universität Wien. In diesem verkehrte
Teile Österreichs, aber auch die Schweiz wohl er u. a. mit seinen Studienkameraden Alfred
vertraut waren. In Wien besuchte Krebs das Grund, Fritz Machatschek, Gustav Götzinger,
Untergymnasium, in Triest legte er am deutschen Roman Lucerna und dem Verfasser dieses Nach-
Obergymnasium 1896 die Reifeprüfung ab. In rufes.
der Umgebung dieser Hafenstadt eröffnete sich Dem Land um den steirischen Erzberg, den
ihm der landschaftliche Gegensatz von Alpen Alpen zwischen Enns, Traisen und Mürz, war
und Karst, von nackten Kalkflächen und be- seine Dissertation gewidmet (Leipzig 1903), der
grünten Sandsteinhöhen und -tälern, von mittel- Halbinsel Istrien seine Habilitationsschrift (Leip-
europäischer und mediterraner Landschaft. Hier zig 1907), und auch die folgenden Schriften über
grenzte das römisch-venezianische Kulturland an die Häfen der Adria (Berlin 1911) und sein
das slawische Hirten- und Bauernland, hier be- Büchlein über das österreichisch-italienische
gegneten sich italienische und deutsche Bildung, Grenzgebiet (Leipzig 1918) sind durch Jugend-
erwuchsen Nationalitätenprobleme und zeigte eindrücke beeinflußte wissenschaftliche Arbeiten.
sich damals doch noch die Möglichkeit des fried- Bald nach Erreichung des Doktorats legte Krebs
lichen Zusammenlebens verschiedener Völker in die Prüfung für das Lehramt an Gymnasien und
einem Staat. Hier öffnete sich ein Fenster gegen Realschulen für Geographie und Geschichte ab
ein Nebenmeer des Ozeans, und sehnsuchtsvoll (1902), und nach kurzer Tätigkeit als Hilfs-
ging der Blick des jungen Geographen hinaus in lehrer in Wien erhielt er eine Lehrstelle in Triest.
H. Hassinger: Norbert Krebs zum Gedächtnis 201

So konnte er abermals während eines vierjähri- den des Deutschen Reiches ab. Sie wurde 1917
gen Aufenthaltes dort seine Kenntnisse über den durch Berufung an die Universität Würzburg
adriatischen Raum und besonders über die istri- als ordentlicher Professor eingeleitet. Bereits
sche Kreidetafel mit ihren Karsterscheinungen 1918 übersiedelte er aus dem stillen Würzburg
und Flyschmulden vertiefen und Anregungen für in den lebendigen Brennpunkt Frankfurt am
die späteren oben erwähnten Schriften sammeln. Main. 1920 aber schlug er einen Ruf nach Bres-
1907 fand er durch die Versetzung an eine Wie- lau aus und folgte einem anderen nach Freiburg
ner Realschule wieder engeren Anschluß an die im Breisgau, dieser idealen Stadt für geographi-
Wissenschaft und habilitierte sich 1909 als Pri- sche Studien am Rand der oberrheinischen Tief-
vatdozent. Als solcher wirkte er neben seiner ebene, des Schwarzwaldes und im Angesicht der
Schultätigkeit bis 1917 an der Wiener Universi- Schweizer Alpen und der Vogesen. Hier, wo er
tät. Den an den Höheren Schulen gesammelten sich fast heimisch fühlte, wirkte er sieben Jahre.
Lehrerfahrungen verdankte Krebs seine didak- Er wäre wohl noch länger geblieben, hätte ihn
tische Schulung und strenge Methodik, die ihm nicht der höchst ehrenvolle Ruf, der Nachfolger
als Hochschullehrer sehr zugute kamen. Nach seines Lehrers Penck in Berlin zu werden, er-
dem Abgang Pencks von der Wiener Universität reicht.
nach Berlin wirkte er neben Eduard. Brückner
und Eugen Oberhummer sehr fruchtbar, insbe- Durch den dreimaligen Ortswechsel hatte
sondere durch die Führung zahlreicher Exkursio- Krebs seine Kenntnis des Südwestens Deutsch-
nen und seine länderkundlichen Übungen. Auch lands außerordentlich bereichert, und seine Land-
beteiligte er sich an Führungen von Universitäts- schaftserlebnisse fanden Niederschlag in seiner
reisen nach Ungarn, in die Mittelmeerländer und „Länderkunde von Süddeutschland" (Leipzig
nach Tunis und Ägypten, wo er zum ersten Mal 1923), die in erweiterter zweiter Auflage im Rah-
die Phänomene der Wüste kennenlernte. men der von ihm herausgegebenen „Landeskunde
von Deutschland" als Band „Der Südwesten" 1931
Im Jahre 1915 hatte sich Krebs mit der Ly- erschien. Verschiedene morphologische Arbeiten
zeallehrerin Maria Dintzl vermählt. Zwei Töch- wurden den Einzelproblemen der von ihm un-
ter entsprossen der glücklichen Ehe. tersuchten Landschaften gewidmet. Mit seinem
Im Jahre 1916 hatte Krebs Gelegenheit, mit Frankfurter Schüler Hans Schrepfer, den er sich
Othenio Abel im militärischen Auftrag das be- als Assistent nach Freiburg holte, verfaßte er
setzte Serbien zu bereisen. Neben einigen kleine- einen geographischen Führer durch Freiburg und
ren Arbeiten war eine Frucht dieser Reise sein Umgebung (Berlin 1927). Aus seinen regionalen
Werk „Beiträge zur Geographie Serbiens und Arbeiten fällt das bereits 1922 für die Samm-
Rasdens" (Stuttgart 1922). Seine Hauptarbeits- lung „Aus Natur und Geisteswelt" geschriebene
kraft konzentrierte sich aber während seines Büchlein „Die Verbreitung der Menschen auf der
Wiener Aufenthaltes auf seine 1913 in Stuttgart Erdoberfläche" heraus. Aus Vorlesungen erwach-
erschienene „Länderkunde der österreichischen sen, weitet es in den Ostalpen und deutschen
Alpen", der eine in der Festschrift der Wiener Landschaften gemachte Beobachtungen über die
Geographischen Gesellschaft zum Deutschen Verteilung der Menschen in der Landschaft und
Geographentag in Innsbruck 1912 veröffent- ihr Verhältnis zur Natur zur weltweiten Be-
lichte Arbeit über die Verteilung der Kulturen trachtung aus. Diese Schrift erschien auch in spa-
und der Volksdichte in den österreichischen nischer Sprache. Krebs unterhielt stets enge Be-
Alpen vorangegangen war. Vierzehn Jahre spä- ziehungen zu Österreich und suchte dessen Berge
ter ergänzte und erneuerte Krebs, den veränder- fast allsommerlich auf, nicht nur zur Erholung,
ten politischen Verhältnissen Rechnung tragend, sondern auch zu neuer Arbeit. Davon zeugen die
in einer zweiten, auf zwei Bände erweiterten 1927 erschienene „Monographie der Dachstein-
Auflage unter dem Titel „Die Ostalpen und das gruppe" und die schon erwähnte Neuauflage sei-
heutige Österreich" (Stuttgart 1928) sein Stan- nes Ostalpenwerkes.
dardwerk über die österreichischen Alpen, das
nun auch die schweizerischen Teile der Ostalpen Der Ubergang von Freiburg nach Berlin war
und die außeralpine Landschaft Österreichs in wohl der bedeutendste Schritt seines Lebens und
die Darstellung einbezog. Die Länderkunde der stellte ihn in dessen dritter Phase vor die stärkste
österreichischen Alpen bedeutete die Bekrönung Bewährungsprobe. Große wissenschaftliche und
der ersten Phase seines wissenschaftlichen Wirkens, gesellschaftliche Aufgaben traten an ihn heran.
und mit dieser Leistung rückte Krebs in die erste Wesentlich hat ihm sein Lehrer Albrecht Penck,
Reihe der deutschen Geographen vor. der neben ihm auch weiterhin Professor blieb,
das Einleben in der Reichshauptstadt erleichtert,
Die zweite Phase seines arbeitsreichen Lebens und unter Mithilfe des älteren Freundes vollzog
als Lehrer und Forscher spielte sich auf dem Bo- es sich reibungslos. Über der Förderung, die

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Penck seinem Schüler Krebs durch Jahrzehnte Ein abschließendes Urteil über die Bedeutung
hindurch zuteil werden ließ, darf aber nicht Krebs' als Länderkundler können wir solange
übersehen werden, daß dieser seit seiner Jugend- nicht fällen, als seine mit Spannung erwartete
zeit mit außerordentlicher Energie und Zielstre- „Vergleichende Länderkunde" nicht vorliegt. Sie
bigkeit an sich selbst gearbeitet hat, um stets sei- reifte in der ländlichen Stille von Kritzendorf
nem wachsenden Aufgabenkreis gerecht zu wer- bei Wien, wohin sich Krebs nach seiner Emeritie-
den, und daß er sich in seiner Eigenpersönlich- rung im Oktober 1943 und der Bombenbeschä-
keit durchaus zu behaupten wußte. Er blieb auch digung seines Berliner Hauses mit seiner Frau
in der Reichshauptstadt der einfache, stille, herbe, zurückgezogen hatte, um erst im Herbst 1946
naturverbundene Mensch, zu dem ihn die ein- nach Berlin zurückzukehren. Doch heute schon
fachen Verhältnisse seiner Jugend in der Wald- können wir beim Vergleich seiner länderkund-
heimat geformt hatten. Er selbst bezeichnete sich lichen Arbeiten den allmählichen Aufstieg in
einmal als „das scheue Waldkind", das er auch ihrer Methode und Darstellung erkennen.
im Trubel der Weltstadt innerlich blieb, wäh-
rend er äußerlich den neuen Lebensverhältnissen Als Lehrer stand Krebs auf einer nicht leicht
Rechnung zu tragen wußte. Er ergänzte in der erreichbaren Höhe. Er stellte hohe Anforderun-
Berliner Zeit seine Landschaftskenntnis auch gen an seine Schüler und Assistenten, war ein
über den Norden und Osten des Reiches, über strenger aber gerechter Prüfer und Kritiker.
die britischen Inseln und Rußland, so daß er Klarheit und Lebendigkeit seiner Vorlesungen
Europa in großen Zügen von Cornwall bis zum und die Unmittelbarkeit der durch ein aus-
Kaukasus kannte. Das Reich als Ganzes war nun gezeichnetes Gedächtnis ermöglichten improvi-
sein Forschungsobjekt geworden, was schon in sierten Einstreuungen von Vergleichen verliehen
seiner Arbeit „Deutschland und Deutschlands ihnen besondere Anziehungskraft. Seine Übun-
Grenzen" 1929 zum Ausdruck kam. Die Preußi- gen, Seminare und Exkursionen waren metho-
sche Akademie der Wissenschaften, deren ordent- disch und didaktisch vorbildlich. Das die reiferen
liches Mitglied er seit 1935 war, übertrug ihm Schüler, Doktoranden und Gäste vereinigende
die Redaktion des von ihm geplanten „Atlas des Berliner Kolloquium, in dem neue geographische
deutschen Lebensraumes in Mitteleuropa", ein Arbeiten vorgelegt und diskutiert wurden, leitete
Werk, für das er durch seine länderkundliche Er- er ebenso wie zahlreiche Sitzungen der Gesell-
fahrung und Schulung besonders geeignet war. schaft für Erdkunde mit großem Geschick.
Leider stockte die Herausgabe dieses Sammel- Krebs erfuhr zahlreiche Ehrungen und Aner-
werkes während der letzten Jahre des zweiten kennungen seiner wissenschaftlichen Arbeit. Er
Weltkrieges und blieb unvollendet, doch griff war Ehrenmitglied oder korrespondierendes
Krebs nach Kriegsschluß die Weiterführung Mitglied vieler geographischer Gesellschaften
der Arbeit wieder auf, an der er mit besonderer Deutschlands und des Auslandes, z. B. jener von
Liebe hing. Methodisch bewältigt es eine schwie- Amsterdam, Helsinki, Leningrad, London, Lund,
rige Aufgabe, da es auch den Rahmen des deut- Sofia und Stockholm, und Mitglied der Akade-
schen Lebensraumes darstellt und über die Reichs- mien der Wissenschaften von Agram, Berlin,
grenzen hinausgreift. Von besonderem Wert Halle und Wien.
sind auch seine anderen in den Veröffentlichun-
gen der Akademie erschienenen Arbeiten, z. B Seine Hauptstärke lag in der Schärfe seiner
über das Wesen und den Wert der Länder, und Beobachtung, seiner Kritik und in der Fähigkeit,
morphologische Aufsätze. von der Analyse zur Synthese fortzuschreiten.
Über der Würdigung des bedeutenden Geo-
1931/2 erfüllte sich auch der langgehegte graphen darf die des Menschen nicht vergessen
Wunsch Norbert Krebs', die Tropenzone in einer werden. Sein Wesen war grundehrlich, geradlinig
halbjährigen Reise durch Vorderindien kennen- im Denken und im Handeln, deutlich in der Be-
zulernen. Daraus entsproß sein reifstes länder- kundung von Sympathien und Antipathien, im
kundliches Werk, „Vorderindien und Ceylon" übrigen zurückhaltend, und wohl nur wenigen
(Stuttgart 1939). Die geistige Durchdringung des erschloß sich sein zartes Empfinden. Wie sich
Stoffes ermöglichte es dem Verfasser, sich zu selbst, so war er auch Schülern und Freunden
einer bildhaften Darstellung aufzuschwingen treu, und das allein schon würde ihm ein dank-
und in der Großlandschaft der Halbinsel die bares und ehrenvolles Gedächtnis sichern. Seine
Persönlichkeiten der einzelnen Länder essayhaft österreichische Heimat wird ihm besonders dank-
zu behandeln Die Auslese des Stoffes entlastete bar in Erinnerung halten in Anbetracht der
die Darstellung von drückender sachlicher Fülle, Arbeiten, die er ihr gewidmet hat, die ganze
die in manchen seiner älteren länderkundlichen deutsche Kulturgemeinschaft aber dafür, daß er
Arbeiten stellenweise deren Durchsichtigkeit die stolze Tradition der deutschen Geographie
störte. fortgeführt und gemehrt hat.