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Seminar:

Modul Wissenschaftliches Arbeiten


Juristische Fakultät
Universität Passau

Das Zu-Eigen-Machen fremder Äußerungen


Urteilsanalyse

bei
Dr. Verena Klappstein
Dr. Thomas Heiß

Wintersemester 2018/2019

Samuel Scandola
Donau-Schwaben Str., 18
94036, Passau
samuel.scandola@gmail.com
Matrikelnummer: 89103

Passau, 24. Januar 2019

1
Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung 3
B. Urteil 5
I. Darstellung des Sachverhalts 5
II. Entscheidung und Entscheidungsbegrün-
dung 5
C. Analyse 7
I. Begriff der Störerhaftung 7
II. Die Störerhaftung mit Bezug auf die
Normen des TMG 8
III. Das Zu-Eigen-Machen 9
1. Entwicklung des Begriffs 10
2. Kurze Darstellung der Tendenzen
der Rechtsprechung 11
3. Kritik 12
D. Ergebnis 14

2
A. Einleitung
Das Gerichtsurteil (BGH Urt. v. 4.4.2017 – VI ZR 123/16, NJW
2017, 2029), womit ich mich in dieser Arbeit auseinandersetze,
bezieht sich auf Eine verhältnismäßig neuer Rechtsfragen, die
u.a. auch wegen der nun globalen Nutzung des Internets
zunehmend das Interesse der Rechtsprechung geweckt hat1.
In einer s.g. globalen Gesellschaft, in welcher die ganze Welt Teil
eines einzigen Gesellschaftssystems ist2, spielt die Reputation
im Rechtsverkehr eine wichtige Rolle, denn sie kann vorher
Informationen über die noch unbekannte(n) andere(n)
Vertragspartei(en) und ihre Zuverlässigkeit verschaffen, und
dadurch dem Einzelnen mit Sicherheit ausstatten. Das kann
auch leicht von der allgegenwärtigen Präsenz von
Bewertungsportalen gemerkt werden: die Mehrheit der Nutzer
befragt das Internet vor der Buchung von Dienstleistungen oder
Bestellung von Waren über die bereits abgegebenen
Bewertungen3.
Unter diesen Umständen ist es offenkundig, dass
rechtsverletzende Bewertungen, bzw. Äußerungen,
wirtschaftlich nachteilige Folge gegenüber dem Dienstleister
oder dem Unternehmen auslösen können und dass ferner eine
Abwägung zwischen dem Recht auf Meinungsfreiheit, das den
Äußernden gem. Art. 5 Abs. 1 GG und Art. 10 Abs. 1 EMRK
schützt, und den Persönlichkeitsrechten des Bewerteten aus Art.
1 Abs. 1 i.V.m. Art. 2 Abs. 1 GG erforderlich ist, wenn der Letzere
den gerichtlichen Weg beschreitet, um die schädigende Aussage
beseitigen zu lassen4.
Dem von einer rechtsverletzenden Bewertung Betroffenen ist
grundsätzlich nach den allgemeinen Haftungsnormen möglich,
sowohl gegenüber dem eigentlichen Täter als auch dem

1 Wollin, Störerhaftung im Immaterialgüter- und Persönlichkeitsrecht, 2018, S.


19.
2 Stichweh Zeitschrift für Sozialwissenschaft, 2001, 346 (346).
3 Petruzzelli MMR, 2017, 800 (800).
4 Petruzzelli MMR, 2017, 800 (801 f.).

3
Betreiber des Portals, in welchem sich die fragliche Äußerung
befindet, vorzugehen. Dem Nutzer ist jedoch prinzipiell die
Möglichkeit zur anonymen Nutzung von Telemedien nach § 13
Abs. 6 TMG gewährt. Darüber hinaus ist ein Auskunftsanspruch
über die Nutzerdaten des Äußernden gegen den Betreiber des
Portals nach h.M. auszuschließen5. Folglich bleibt dem
Betroffenen in den meisten Fällen lediglich die Möglichkeit, den
Betreiber als Störer i.S.v. § 1004 Abs. 1 analog i.V.m § 823 Abs.
1 BGB in Anspruch zu nehmen und von ihm eventuell auch den
Schadensersatz gem. § 823 Abs. 1 BGB zu verlangen, falls
dieser untätig geblieben ist, nachdem ihm der Betroffene die
rechtsverletzende Äußerung zur Kenntnis gebracht hat. Der
Betreiber, der Dienstanbieter im Sinne des Telemediengesetzes
ist und lediglich fremde Informationen speichert, ist nämlich nach
§ 10 TMG weder strafrechtlich verantwortlich noch zivilrechtlich
haftbar, sofern die im oben genannten § 10 TMG enthaltenen
Voraussetzungen erfüllt sind (keine Kenntnis der rechtswidrigen
Handlung, unverzügliches Tätigwerden nach Kenntnisnahme,
usw.). Es besteht allerdings die Möglichkeit, dass der
Dienstanbieter insofern dieses Haftungsprivileg nicht genießt,
und daher nach den allgemeinen Regeln haftet, als dieser die
fraglichen Äußerungen zu eigen gemacht hat6.
Das Zu-Eigen-Machen von fremden Äußerungen und seine
Voraussetzungen stellen auch die zentrale Frage, deren
Relevanz nun dem Leser klar sein soll, dar, womit sich der BGH
u.a. in diesem Urteil befasst und womit ich mich auch in dieser
Arbeit auseinandersetzen werde.
Nach einer knappen Darstellung des Sachverhalts und der
Entscheidungsbegründungen, wird in den folgenden Seiten die
Störerhaftung nach den allgemeinen im BGB enthaltenen
Normen kurz beschrieben und definiert. Ich werde mich danach
mit der Störerhaftung im Rahmen der Vorschriften des

5 BGHZ 201, 380, Rn. 9 ff.; BGH, VersR 2014, 1465.


6 Spindler/Schuster Elektron. Medien/Hoffmann TMG § 7 Rn. 16.

4
Telemediengesetzes (TMG) befassen, damit sowohl die
Relevanz des Zu-Eigen-Machen als auch seine
Entstehungsgründe vollkommen verständlich sind.
Abschließend werde ich das Zu-Eigen-Machen und seine
Voraussetzungen behandeln, indem ich die verschiedenen
Auffassungen der Rechtsprechung und der Literatur erläutere.
B. Urteil
II. Darstellung des Sachverhalts
Im vorliegenden Urteil stellte ein Patient einer Klinik (Klägerin)
eine negative und potentiell rechtsverletzende Bewertung auf
dem von dem Beklagten betriebenen Bewertungsportal
www.klinikbewertungen.de. Nachdem die Klägerin am 11.
Februar 2014 den Beklagten aufgefordert hatte, den Beitrag zu
löschen, nahm dieser unverzüglich und ohne Rücksprache mit
dem Bewertenden inhaltlich relevante Änderungen an dem Text
vor. Am nächsten Tag teilte der Beklagte der Klinik mit, er habe
die obenerwähnten Änderungen vorgenommen und sei der
Auffassung, weitere Eingriffe seien nicht erforderlich.
Die Klägerin verlangte daher vor Gericht vom Portalbetreiber, es
zu unterlassen, die in der Bewertung enthaltenen
rechtsverletzenden Behauptungen aufzustellen und zu
verbreitern. Das Landgericht gab der Klage statt. In der zweiten
Instanz wurde die Berufung des Beklagten abgewiesen und so
auch in der letzten Instanz, wo die Revision auf Kosten des
Beklagten zurückgewiesen wurde.
II. Entscheidung und Entscheidungsbegründung
Wie bereits gesagt, wurde dem von dem Beklagten verfolgten
Ziel der Klageabweisung in dem vorliegenden Urteil nicht
stattgegeben.
Die Begründung, die zum gleichen Ergebnis des
Berufungsgerichts führt, nämlich das Bestehen eines
Unterlassungsanspruch gemäß § 823 Abs. 1, 2, § 824 Abs. 1, §
1004 Abs. 1 BGB, Art. 1 Abs. 1, Art. 2 Abs. 1 GG gegen den
Beklagten als unmittelbaren Störer, gliedert sich in den vier

5
folgenden Punkten, nachdem der BGH zusammenfasend die
Entscheidung des OLG berichtet.
Als erster Punkt wird das Problem, ob die fraglichen Äußerungen
den Schutzbereich des allgemeinen Persönlichkeitsrechts der
Klägerin als juristische Person (Art. 2 Abs. 1, Art. 19 Abs. 3 GG)
eingreifen, behandelt, das nahezu unproblematisch positiv gelöst
wird. Noch weniger problematisch zeigt sich die letzte Frage, ob
eine Widerholungsgefahr i.S.v. § 1004 I 2 BGB bestehe, die auch
bejaht wird.
Viel problematischer zeigen sich dagegen der zweite und der
dritte Punkt, die beziehungsweise das Zu-Eigen-Machen fremder
Äußerungen und die Abwägung der Interessen (das
Persönlichkeitsrecht der Klägerin auf einer Seite und das Recht
auf Meinungsfreiheit des Beklagten auf der anderen) betreffen.
Bezüglich des dritten Punkts führt die erwähnte Abwägung nach
einer ausführlichen Argumentation dazu, die auf dem von dem
Beklagten betriebenen Portal eingestellten Äußerungen (eine
falsche Tatsachenbehauptung und zwei Meinungsäußerung, die
sich auf dieser falschen Tatsachenbehauptung beruhen) seien
rechtswidrig, denn kein Wahrheitsgehalt sei zu erblicken.
Das Zu-Eigen-Machen wird zunächst auf einer theoretischen
Ebene behandelt. Insbesondere handele es sich um ein Zu-
Eigen-Machen, wenn der Portalbetreiber die Verantwortung für
fremde Inhalte übernommen habe und das nach außen
erkennbar sei, „was aus objektiver Sicht auf der Grundlage einer
Gesamtbetrachtung aller relevanten Umstände zu beurteilen“7
sei. Was die Übernahme der Verantwortung für fremde Inhalte
betrifft, der Umstand, dass der Beklagte sich nicht von den
Bewertungen distanziert und sogar deutlich gemacht hat, er sei
für die eingestellten Bewertungen verantwortlich, führe nicht
zwangsläufig zu einem Zu-Eigen-Machen. Was hingegen die
Richter des BGHs für entscheidend halten, sei das Verlassen der

7 BGH NJW 2017, 2029 (2030), Rn. 18.

6
Rolle eines neutralen Vermittlers seitens des Betreibers, indem
er ohne Rücksprache mit dem Bewertenden derartige
Abänderungen an der Bewertung vorgenommen habe, dass er
sich mittelbar auf den falschen tatsächlichen Inhalt gestützt
haben müsse. Damit habe der Beklagte der Klägerin gezeigt, er
stimme dem tatsächlichen Element der Bewertung zu.
Was ferner die nach außen Erkennbarkeit des Zu-Eigen-Machen
anbelangt, ist der BGH der Auffassung, dass der Einwand, die
Änderung der Bewertung sei nach außen nicht erkennbar
geworden, denn dem Durchschnittsnutzer sei das Zu-Eigen-
Machen des Beklagten verborgen geblieben, nicht durchgreife.
Den Verfassern des Urteils zufolge genüge es, dass der
Portalbetreiber dem von einer rechtsverletzenden Bewertung
Betroffenen seinen Umgang mit der Äußerung kundgetan habe.
Das sei durch das Anwaltsschreiben vom 12. Februar erzielt. Der
BGH stützt sich auf das Argument, dass der obengenannten
objektiven Sicht eine Gesamtbetrachtung aller relevanten
Umstände erforderlich sei, zu denen auch das erwähnte
Anwaltsschreiben des Beklagten gehöre.
C. Analyse
Das Zu-Eigen-Machen fremder Äußerungen stellt eine
Problematik dar, die aus dem System der Normen der
Störerhaftung, die im BGB und im TMG enthalten sind, entsteht.
Daher werden hier zunächst die Störerhaftung im Allgemeinen
und das Haftungsprivileg, das im TMG enthalten ist, behandelt.
I. Begriff der Störerhaftung
Gesetzlicher Ausgangspunkt der Störerhaftung ist § 1004 I BGB,
der dem Beeinträchtigten einen Beseitigungs- und
Unterlassungsanspruch gegen den Störer gewährt. Nach
herkömmlicher und herrschender Auffassung ist derjenige als
Störer anzusehen, der entweder unmittelbar eine
Beeinträchtigung verursacht hat oder von seinem Willen

7
abhängigen Einfluss auf den Zustand nehmen kann8. Der Erstere
ist nach h.M. als Handlungsstörer anzusehen, der Letztere als
Zustandsstörer9. Was den Handlungsstörer betrifft,
unterscheidet man zwischen unmittelbarem und mittelbarem
Handlungsstörer10. Unmittelbarer Handlungsstörer11 ist
derjenige, welcher die Beeinträchtigung durch Unterlassung oder
eigene Handlung hervorgerufen hat12. Mittelbarer
Handlungsstörer ist hingegen, wer durch die Handlung eines
Dritten die Beeinträchtigung provoziert hat und in der Lage ist,
sie zu verhindern bzw. zu beseitigen13. Bezüglich der Haftung
des mittelbaren Störers ist der Rechtsprechung des I. Senats
nach außer den auch für die unmittelbare Störerhaftung
erforderlichen Tatbestandmerkmalen14 die Verletzung von
Prüfungspflichten zu betrachten15, deren Umfang sich danach
bestimmt, „ob und inwieweit dem als Störer in Anspruch
Genommenen nach den Umständen eine Prüfung zuzumuten
ist“16. Was den Unterlassungsanspruch betrifft, ist ferner nach
dem Wortlaut des § 1004 Abs. 1 S. 2 BGB eine
Wiederholungsgefahr zu prüfen.
II. Die Störerhaftung mit Bezug auf die Normen des TMG
Das aktuelle am 1.3.2007 in Kraft getretene Telemediengesetz
stellt sich als Nachfolger des TDG, das bereits mit den
Änderungen von 2001 der Umsetzung der E-Commerce-
Richtlinie (RL 2000/31/EG) diente17.

8 BeckOK BGB/Fritzsche, BGB § 1004 Rn. 14; BGH NJW 1977, 1920.
9 BeckOK BGB/Fritzsche, BGB § 1004 Rn. 16.
10 BeckOK BGB/Fritzsche, BGB § 1004 Rn. 17 ff.
11 Der I. Zivilsenat nennt den mittelbaren Handlungsstörer Täter; mehr dazu

Wollin, Störerhaftung im Immaterialgüter- und Persönlichkeitsrecht, 2018, S.


98.
12 BeckOK BGB/Fritzsche, BGB § 1004 Rn. 17.
13 BeckOK BGB/Fritzsche, BGB § 1004 Rn. 18.
14 Wollin, Störerhaftung im Immaterialgüter- und Persönlichkeitsrecht, 2018

SS. 96 ff.
15 Kovacs, Die Haftung der Host-Provider für

persönlichkeitsrechtsverletzende Internetäußerungen, 2018, S. 193, Wollin,


Störerhaftung im Immaterialgüter- und Persönlichkeitsrecht, 2018 S. 100.
16 BHGZ 185, 330 (336), Rn. 19; BGH ZUM 2008, 685 (689), BGH GRUR

2011, 617 (619).


17 Nomos-BR/Müller-Broich TMG Einleitung Rn. 2 f.

8
Von zentraler Bedeutung bezüglich der vorliegenden Arbeit sind
die §§ 7 und 10 TMG, die die zivil- und strafrechtliche
Verantwortlichkeit des Dienstanbieters18 regeln. Voraussetzung
dafür ist die Unterscheidung zwischen fremden und eigenen
Informationen. Unter dem Begriff von Informationen versteht
man „sämtliche Angaben, die iR des jeweiligen Teledienstes
übermittelt oder gespeichert werden, unabhängig davon, ob dies
zu gewerblichen oder privaten Zwecken erfolgt“19. Eigene
Informationen sind entweder die, die von dem Dienstanbieter
selbst hergestellt wurden, oder die, die zu eigen gemacht worden
sind20. Für eigene Informationen haftet der Dienstanbieter i.S.v.
§ 7 Abs. 1 TMG nach den allgemeinen Gesetzen. Was hingegen
die fremden Informationen anbelangt, besteht es gem. § 7 Abs.
2 TMG zulasten des Dienstanbieters keine allgemeine
vorbeugende Überwachungspflicht, was allerdings nicht eine
speziellere Kontrolle ausschließt, insbesondere nach
Kenntniserlangung einer rechtswidrigen Handlung und
hinsichtlich der kerngleichen Verstöße21, und deshalb darf sich
der Anwendungsbereich des § 7 Abs. 2 TMG nicht auf
Unterlassungsansprüche erstrecken22.
§ 10 TMG gewährt dem Hosting-Provider, d.h. dem
Dienstanbieter, der nach § 10 Abs. 1 TMG fremde Informationen
für einen Nutzer speichert, ein Haftungsprivileg, das jedoch
lediglich für die zivil- und strafrechtliche Verantwortung gilt,
während Unterlassungsansprüche unberührt bleiben23.
III. Das Zu-Eigen-Machen
Es besteht die Möglichkeit, dass der Dienstanbieter auch für im
von ihm betriebenen Portal eingestellte Inhalte nach den

18 Der Dienstanbieter ist vom § 2 Abs. 1 Nr. 1 S. 1 TMG so definiert: „jede


natürliche oder juristische Person, die eigene oder fremde Telemedien zur
Nutzung bereithält oder den Zugang zur Nutzung vermittelt“.
19 Nomos-BR/Müller-Broich TMG § 7 Rn. 1.
20 Nomos-BR/Müller-Broich TMG § 7 Rn. 1 f.
21 OLG Düsseldorf MMR 2009, 402 (403).
22 Nomos-BR/Müller-Broich TMG § 7 Rn. 10.
23 Nomos-BR/Müller-Broich TMG § 10 Rn. 1.

9
allgemeinen Gesetzten gem. § 7 I TMG haftet, falls dieser die
fremden Äußerungen zu Eigen gemacht hat. Was unter dem
Begriff von Zu-Eigen-Machen zu verstehen ist, wird in den
folgenden Paragraphen behandelt.
1. Entwicklung des Begriffs
Die Möglichkeit eines Zu-Eigen-Machens fremder Äußerungen
scheint bereits von dem Gesetzgeber bezüglich des oben
erwähnten TDG in Betracht gezogen zu sein24. Bereits in diesem
anfänglichen Stadium sei „eine Würdigung aller Umstände,
insbesondere der äußeren Form der Darstellung“25 erforderlich,
um fremde Informationen für eigene halten zu können.
Die im TDG enthaltenen Normen (§§ 8-11 TDG nF), die sich auf
die Verantwortlichkeit des Dienstanbieters beziehen, sind
wortgleich in §§ 7-10 TMG übergangen26.
Der früheren Rechtsprechung nach ist Kernelement eines Zu-
Eigen-Machens lediglich der Umstand, dass der objektive
Erklärungsempfänger den Eindruck erhält, die fremden
Informationen seien eigentlich des Anbieters27. Der Begriff des
Empfängers bezieht sich auf „das europäische Leitbild des
durchschnittlich informierten, aufmerksamen und verständigen
Verbrauchers“28 Diese Ansicht wurde eindeutig im berühmten
Urteil „Steffi-Graf-Fotos“29 vertreten. Dieser Entscheidung
zufolge reiche es, von einem Zu-Eigen-Machen sprechen zu
können, dass „Diensteanbieter und Fremdinhalt als Einheit
erscheinen und sich der Diensteanbieter den Fremdinhalt damit

24 BT-Drs. 13/7385, 19 zu § 5 TDG aF wo ausdrücklich steht: „Eigene Inhalte


sind auch von Dritten hergestellte Inhalte, die sich der Anbieter zu eigen
macht“; das ist allerdings auch bezüglich der neuen Fassung des Gesetzes
zu lesen: BT-Drs. 14/6098, 23 zu §§ 8-11 TDG nF; vgl. auch BeckOK
InforMedienR/Paal, TMG § 7 Rn. 30.
25 BeckOK InforMedienR/Paal, TMG § 7 Rn. 30.
26 Spindler/Schuster Elektron. Medien/Hoffmann TMG Vorbemerkung Rn. 5.
27 BeckOK InforMedienR/Paal, TMG § 7 Rn. 31; vgl. Spindler NJW 1997, 3193

(3196).
28 Nomos-BR/Müller-Broich TMG § 7 Rn. 2; vgl. aber auch BeckOK

InforMedienR/Paal, TMG § 7 Rn 31a.


29 LG Köln MMR 2002, 254.

10
gleichsam zu eigen macht“30. Diese Einheit erfolge auch durch
die dem Nutzer gewährte Möglichkeit, unter Pseudonym zu
handeln31. Hierbei ändere darüber hinaus eine ausdrückliche
Distanzierung des Dienstanbieters (etwa durch einen Disclaimer)
nichts32.
Die Entscheidung des Landgerichts wurde in der zweiten Instanz
mit dem zusätzlichen Argument, dass ein Zu-Eigen-Machen
auch durch eine lukrative Nutzung der fremden Informationen
bestehen kann, bestätigt33. Diese Tendenz war im Übrigen in
diesen Jahren mit vielen anderen Gerichten geteilt34 und
rechtspolitisch so begründet, dass ansonsten ein Verlust an
Rechtsschutz dem Betroffenen gegenüber bestehe35.
In jüngerer Zeit scheint allerdings die Rechtsprechung, eine
richtlinienkonformere Auslegung anzunehmen36. Eine solche
von der Perspektive eines objektiven Erklärungsempfängers
abhängige Unterscheidung zwischen eigenen und fremden
Informationen, die sich aus der älteren Auffassung ergibt, ist in
der Tat nicht in der E-Commerce-Richtlinie zu erblicken. Was
hingegen maßgebliches Kriterium eines Zu-Eigen-Machens dem
EuGH zufolge ist, sei die Neutralität des Hostproviders37.
2. Kurze Darstellung der Tendenzen der Rechtsprechung
Dieses Kriterium hat die jüngere deutsche Rechtsprechung
angenommen, obwohl das oben beschriebene objektive Element
nicht verschwunden ist38. Folglich gliedert sich die Überprüfung,
ob fremde Inhalte zu eigen gemacht wurden, in zwei Punkten:
der erste bleibt das objektive Element, der zweite ist das

30 LG Köln MMR 2002, 254 (254).


31 LG Köln MMR 2002, 254 (254).
32 LG Köln MMR 2002, 254 (255).
33 OLG Köln MMR 2002, 548.
34 Spindler Anmerkung zum Urteil OLG Köln 15 U 221/01, MMR 2002, 548

(549).
35 Spindler Anmerkung zum Urteil OLG Köln 15 U 221/01, MMR 2002, 548

(550).
36 BeckOK InforMedienR/Paal, TMG § 7 Rn. 34a.
37 Spindler MMR 2018, 48 (48 f.).
38 U.a. BGH MMR 2015, 726, Rn. 34 ff.; BGH MMR 2015, 674, Rn. 53; BGH

MMR 2014, 55, Rn. 30.

11
subjektive Element, der sich auf das Verhältnis des Host-
Providers bezieht, und zwar, ob dieser eine neutrale Rolle
gehalten hat.
Bezüglich des zweiten Merkmals erscheint die Rechtsprechung
einig zu sein, dass eine inhaltlich-redaktionelle Überprüfung der
von den Nutzern eingestellten Inhalten seitens des
Dienstanbieters seine neutrale Rolle verlieren lässt,
insbesondere wenn diese Kontrolle auf Vollständigkeit oder
Richtigkeit der fremden Äußerungen durchgeführt wird39. Das
vorliegende Urteil schließt sich dieser Auslegung ausdrücklich
an. Darüber hinaus darf eine rein automatische etwa durch einen
Wortfilter erfolgte Kontrolle nicht für erheblich i.S.d. oben
genannten Kriteriums gehalten werden40.
Das objektive Element scheint hingegen in Bezug auf die oben
beschriebene originale Auffassung im Wesentlichen unberührt
zu bleiben. Das Empfängerhorizont ergibt sich aus jenem eines
verständigen Durchschnittsnutzers41 nach dem modernen
Verbraucherleitbild42.
Das vorliegende Urteil fügt dieser letzteren Ansicht eine
Erläuterung hinzu: das Erfordernis, dass das positive Handeln
des Dienstanbieters einem Durchschnittnutzer sichtbar sein
muss, soll lediglich als Maßstab einer Beurteilung der Erfüllung
dieser Voraussetzung verstanden werden. Aufgrund dessen
reicht es, dass das Zu-Eigen-Machen des Dienstanbieters allein
dem Betroffenen offenkundig gemacht wurde, solange dies
angemessen ist, jedem, der davon Kenntnis erlangt, deutlich zu
machen, dass die fraglichen Äußerungen zu eigen gemacht
wurden.
3. Kritik

39 BGHZ 209, 139, Rn. 18; BGH MMR 2010, 556, Rn. 25; BGH MMR 2015,
726, Rn. 25.
40 KG MMR 2014, 46 (47 f.); Spindler MMR 2018, 48 (49).
41 LG Frankfurt am Main ZUM-RD 2018, 585 (589); BGH GRUR 2018, 642

(644), Rn. 28 ff.


42 Becker Anmerkung zum Urteil BGH VI ZR 123/16, MMR 2017, 526 (527);

Nomos-BR/Müller-Broich TMG § 7 Rn. 2.

12
Diese Entscheidung beschränkt m.E. das objektive Elemente
des Zu-Eigen-Machens, indem sie festsetzt, es sei nicht
erforderlich, dass der in das Zu-Eigen-Machen verwirklichte
Tatbestand jedem Durchschnittnutzer wahrnehmbar sein müsse.
Das Erfordernis, dass das objektive Element aus Sicht eines
Durchschnittnutzers geschätzt werden soll, ist m.E. rein ein
Kriterium, das als Maßstab angewandt werden muss, um die
Angemessenheit des Handelns des Dienstanbieters zur
Übernahme der Verantwortung für die fraglichen Inhalte zu
würdigen.
Das von jüngerer Rechtsprechung eingeführte subjektive
Element rechtfertigt m.E. eine restriktive Auslegung des
anderen.
Die Entscheidung ist deswegen zutreffend.
Darüber hinaus befindet sich der Betroffene einer
rechtsverletzenden Äußerung aus dem Gesichtspunkt des
Rechtsschutzes in einer schwächeren Stelle, denn er kann nur
selten den Äußernden vor Gericht bringen, und zwar lediglich
wenn der Letztere nicht anonym gehandelt hat und daher seine
Daten dem Betroffenen zugänglich sind43. In den die Störer- und
Schadensersatzhaftung betreffenden normalen Fällen ist
hingegen dem Betroffenen üblicherweise der Rechtsweg gegen
den Täter offen. Diese Betrachtung darf selbstverständlich nicht
zu einer willkürlichen Ausdehnung der Verantwortung des
Dienstanbieters führen, wenn er lediglich mittelbarer Störer ist,
die Voraussetzungen eines Zu-Eigen-Machens sollen allerdings
auch den Dienstanbieter nicht ungebührlich schützen,
insbesondere hinsichtlich seiner Tätigkeit, die daraus besteht,
fremde Informationen zu speichern. Wäre das objektive Element
so zu verstehen, dass das Verhalten jedem Nutzer wahrnehmbar
sein soll, dann würde diese Voraussetzung dem Dienstanbieter
unverhältnismäßig schützen, da er sich leicht der Verantwortung

43 Vgl. Petruzzelli MMR, 2017, 800 (803).

13
entziehen könnte, obwohl er eine inhaltich-redaktionelle
Überprüfung der fraglichen Äußerungen durchgeführt und sogar
Änderungen vorgenommen hätte.
D. Ergebnis
Der BGH trifft in diesem Urteil eine m.E. zutreffende
Entscheidung, indem er eine restriktive Auslegung der von der
Rechtsprechung entwickelten objektiven Voraussetzung eines
Zu-Eigen-Machens fremder Äußerungen anwendet. Die
Anwesenheit einer kürzlich eingeführten weiteren
Voraussetzung rechtfertigt diese restriktive Auslegung,
insbesondere hinsichtlich der schwächeren Position des
Betroffen aus dem Gesichtspunkt des Rechtsschutzes und der
ansonsten ungebührlich geschützten Position des
Dienstanbieters.

14
Literaturverzeichnis
Kommentare

Beck’scher Online- BGB, 48. Edition (Stand: 1.11.2018), zit. BeckOK


Kommentar BGB/Bearbeiter.

Beck’scher Online- Informations- und Medienrecht, 22. Edition (Stand:


Kommentar 1.11.2018), zit. BeckOK InforMedienR./Bearbeiter.

Müller-Broich, Jan „Telemediengesetz“, 1. Auflage 2012, zit. Nomos-


BR/Bearbeiter.

Spindler, Gerald/ „Recht der elektronischen Medien“, Kommentar, 3.


Schuster, Fabian (Hrsg) Auflage, München 2015, zit. Spindler/Schuster
Elektron. Medien/Bearbeiter.

Aufsätze und Beiträge in Sammelschriften

Becker, Henrik Steffen Anmerkung zu BGH VI ZR 123/16, in: Multimedia und


Recht (MMR), 2017, 526 ff.

Petruzzelli, Michelle „Bewertungsplattformen: Überdehnung der


Meinungsfreiheit zu Lasten der Betroffenen vs.
gerechtfertigte “, in: Multimedia und Recht (MMR),
2017, 800 ff.

Spindler, Gerald Anmerkung zu OLG Köln 15 U 221/01, in: Multimedia


und Recht (MMR), 2002, 548 ff.

Spindler, Gerald „Haftung ohne Ende? Über Stand und Zukunft der
Haftung von Providern“, in: Multimedia und Recht
(MMR), 2018, 48 ff.

Spindler, Gerald „Haftungsrechtliche Grundprobleme der neuen


Medien“, in: Neue Juristische Wochenschrift (NJW),
1997, 3193 ff.

Stichweh, Rudolf „Die moderne Universität in einer globalen


Gesellschaft“, in: Zeitschrift für Sozialwissenschaft,
2001, 346 ff.

Monographien

Kovacs, Andrea „Die Haftung der Host-Provider für


persönlichkeitsrechtsverletzende
Internetäußerungen“, Baden-Baden 2018.

Wollin, Sören „Störerhaftung im Immaterialgüter- und


Persönlichkeitsrecht“, Baden-Baden 2018.

15
Rechtsprechungsverzeichnis

BGH v. 01.03.2016 – VI ZR 34/15, BGHZ 209, 139.

BGH v. 01.07.2014 – VI ZR 345/13, BGHZ 201, 380.

BGH v. 05.02.2015 – I ZR 240/12, MMR 2015, 674.

BGH v. 12.05.2010 – I ZR 121/08, BHGZ 185, 330.

BGH v. 12.11.2009 – I ZR 166/07, MMR 2010, 556.

BGH v. 16.05.2013 – I ZR 216/11, MMR 2014, 55.

BGH v. 18.11.2010 – I ZR 155/09, GRUR 2011, 617.

BGH v. 19.03.2015 – I ZR 94/13, MMR 2015, 726.

BGH v. 23.09.2014 – VI ZR 358/13, VersR 2014, 1465.

BGH v. 27.02.2018 – VI ZR 489/16, GRUR 2018, 642.

BGH v. 30.04.2008 – I ZR 73/05, ZUM 2008, 685.

KG v. 16.4.2013 – 5 U 63/12, KG MMR 2014, 46.

OLG Düsseldorf v. 24.02.2009 – 20 U 204/02, MMR 2009, 402.

OLG Köln, v. 28.5.2002 – 15 U 221/01, MMR 2002, 548.

LG Köln, v. 5.10.2001 – 28 O 346/01, MMR 2002, 254.

LG Frankfurt am Main v. 9.2.2018 – 2 03 O 494/14, ZUM 2018, 585.

16