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Aspekte ägyptischer Waffentechnologie * –

von der Frühzeit bis zum Ende des Neuen Reiches

von
ANJA HEROLD

Einleitung
Gäbe es keine Feindschaft auf der Welt, wären aus Jagd- nie Kriegswaffen
entwickelt worden, wären auf neu erdachte Kampfmittel nie Gegenmaß-
nahmen erfolgt und hätte das Wort Aufrüstung keinen Eingang in unseren
Sprachgebrauch gefunden. Im Prinzip, so schreibt James K. Hoffmeier, sei
Militärgeschichte die Aufzeichnung der Entwicklung neuer, verbesserter Waf-
fen, auf die Gegenmaßnahmen folgen; jede Waffe habe demnach ein defensi-
ves Gegenstück. 1
Freilich spielen bei dieser Entwicklungsleistung durchaus unterschiedliche
Faktoren eine Rolle, etwa die geografische Lage eines jeden Landes und damit
der Grad an Bedrohung durch die Bewohner angrenzender Gebiete 2 , der Zu-
gang zu Rohstoffen, das technologische Wissen um deren Verarbeitung und
nicht zuletzt die Ansprüche an die Funktion der Waffe. War das schnelle Zu-
rückziehen einer Speerspitze beabsichtigt, wurde ihr Blatt breit und glatt ges-
taltet. Sollte sich der Feind beim Entfernen eines Pfeils möglichst noch weiter
verletzen, versah man das Projektil mit Widerhaken.

*
In Anlehnung an A. J. Spalinger, Aspects of the Military Documents of the Ancient Egyp-
tians, New Haven/London 1982, und mit identischem Fazit, wie ebd., 241: „These ‚Aspects’
are just a beginning“.
1
Hoffmeier, in: The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt II, 2001, 410, wobei die Wech-
selwirkungen zwischen Militär und Technik natürlich nur einen Teilaspekt innerhalb der Mi-
litärgeschichte ausmachen; genau in dem Sinne, wie sie Bernhard R. Kroener, Potsdam, in
seinem Beitrag zum Mainzer Symposion skizziert hat.
2
Obschon die geografische Lage auch den Grad der Zuwanderung von außen und damit den
Zustrom von Geheimnisträgern und hochqualifizierten Spezialisten begünstigt – oder eben
auch verhindert.
188 Anja Herold

In dem verhältnismäßig gut gegen Übergriffe von außen geschützten Niltal 3


erfuhr die Waffentechnologie unterschiedlich starke Phasen von Innovation
und Stagnation. Dabei fielen technische Neuerungen meist in konfliktreiche
Zeiten. So hielt etwa die von einem Bürgerkrieg geprägte Erste Zwischenzeit
ein günstiges Klima für Innovationen vor: Die Streitaxt wurde weiter-
entwickelt 4 , der Handgelenkschutz zog in die Ausrüstung von Bogenschützen
ein. 5 Der größte Impetus für die ägyptische Waffentechnologie erfolgte jedoch
erst gegen Ende der Zweiten Zwischenzeit, als der Streitwagen am Nil gebaut
wurde und im Zuge dessen auch neue Waffen zum Einsatz kamen 6 : die Waf-
fen der Wagenkämpfer.
Doch welche Waffen gab es eigentlich im alten Ägypten? Und ab wann gab
es sie? Wer trug sie und wozu? Was trug der Nahkämpfer? Mit welchen Waf-
fen kämpfte man auf Distanz? Wie wurden Waffen hergestellt? Woraus? Wer
hat sie erfunden? Wer hat sie nachgebaut? Und wie kam es zu dem dazu not-
wendigen Transfer von Wissen, von Technologien? Warum wurden einige
Waffen aus dem Ausland am Nil übernommen, andere aber nicht? Ein paar
wenigen dieser Fragen soll im Folgenden nachgespürt werden, bei einem
Streifzug durch ägyptische „Waffenkammern“ bis zum Ende des Neuen Rei-
ches um 1070 v. Chr.

Stand der Forschung


Schlägt der Leser im sechsten Band des Lexikons der Ägyptologie aus dem
Jahre 1986 unter dem Stichwort *Waffen nach, wird er auf folgende Einzel-
einträge verwiesen: *Axt, *Bogen, *Helm, *Keule, *Köcher, *Lanze,

3
Bisher galt das Niltal durch die Wüsten im Osten und Westen als abgeschirmt. Gefahr habe
nur aus Richtung Nubien und Palästina bestanden, weshalb Festungsgürtel sowohl in der Ge-
gend der ersten Katarakte im Süden wie am Ostrand des Deltas errichtet worden seien. Neue-
re Untersuchungen in der Westwüste haben allerdings gezeigt, dass auch die Flanke nach Li-
byen eine eher offene war; etwa J. C. Darnell, Opening the Narrow Doors of the Desert: Dis-
coveries of the Theban Desert Road Survey, in: R. Friedman (Hrsg.), Egypt and Nubia, Lon-
don 2002, 132–155 oder die Forschungen von Rudolph Kuper, Heinrich-Barth-Institut an der
Universität zu Köln, auf den Spuren des Wüstenwanderers Carlo Bergmann, hier vor allem
der sogenannte Abu-Ballas-Trail von der Oase Dachla zum Gilf Kebir. Zu Festungen gene-
rell: C. Vogel, Ägyptische Festungen und Garnisonen bis zum Ende des Mittleren Reiches,
HÄB 46, 2004; dies., in diesem Band sowie E. F. Morris, The Architecture of Imperialism.
Military Bases and the Evolution of Foreign Policy in Egypt’s New Kingdom, Probleme der
Ägyptologie 22, 2005.
4
E. Kühnert-Eggebrecht, Die Axt als Waffe und Werkzeug im alten Ägypten, MÄS 15, 1969,
27; W. V. Davies, Tools and Weapons I. Axes, London 1987, 23.
5
H. W. Müller, Der „Armreif“ des Königs Ahmose und der Handgelenkschutz des Bogen-
schützen im Alten Ägypten und Vorderasien, SDAIK 25, 1989, 19: „Erst die inneren Kämpfe
während der Ersten Zwischenzeit, die in den Inschriften des Anchtifi in seinem Grabe in
Mo’alla so anschaulich beschrieben werden, haben den Handgelenkschützer in seiner primi-
tivsten Form von untereinander verbundenen Horn(?)-Ringen hervorgebracht“.
6
Dies deckt sich mit der Aussage im Vortrag von Kroener, dass „große Umwälzungen immer
dann stattfinden, wenn Gewalt ein neues Geschwindigkeitsniveau erreicht”.
Aspekte ägyptischer Waffentechnologie 189

*Panzer, *Pfeil, *Schild, *Speer, *Wagen. Freilich handelt es sich weder beim
Köcher noch beim Streitwagen um Waffen, sondern lediglich um Ausrüs-
tungsgegenstände des Kriegers oder Jägers. Dafür lässt die Liste wahrhaftige
Waffen, etwa *Dolch, *Krummschwert, *Schleuder, *Schwert und
*Wurfholz, vermissen, obwohl es Artikel zu jeder einzelnen davon im Lexi-
kon gibt.
Schon hier offenbart sich, dass uns Ägyptologen nicht immer klar zu sein
scheint, was als Waffe gilt und was nicht. 7 Nach der Encyclopaedia Britannica
ist eine Waffe im militärischen Sinne „ein Instrument, das im Kampf genutzt
wird, um zu töten, zu verletzen oder den Feind abzuwehren“. 8 Ein Köcher ge-
hört also nicht dazu, ein Panzerhemd dagegen schon. Bei anderen Geräten fällt
die Entscheidung zugestandener Maßen schwerer. Etwa dann, wenn als Ein-
ordnungskriterium Jagd- oder Kriegswaffe zur Wahl steht, wie beim Wurf-
holz, das Bonnet neben einer Jagd- auch für eine Kriegswaffe hält, Wolf hin-
gegen nicht. 9
Nun ist es aber das Glück der Ägyptologie, dass ihr eine vergleichsweise
gute Quellenlage zur Verfügung steht, die derartige Aussagen überhaupt erst
zulässt. Im Pharaonenland, wo sich im Gegensatz zu seinen Nachbarregionen
sogar vollständige Streitwagen 10 und fragile Objekte – etwa Schleudern aus
Leinenfasern 11 – erhalten haben, sind nicht nur alle bisher genannten Waffen
als Realie belegt und in Darstellungen vertreten, sondern zumeist auch in Tex-
ten identifiziert und mit Namen bekannt. 12 Zusätzlich liegen mit mu
mifizierten Körpern von gewaltsam zu Tode Gekommenen „Quellen“ vor, an
denen sich fallweise der Einsatz dieser Waffen und deren Wirkung eindrucks-

7
Dazu gehört auch eine Unsicherheit in der Ansprache der einzelnen Waffen und deren Defini-
tion. Die Verfasserin bezieht sich hier durchaus ein. So schien mir vor der Ausarbeitung des
Vortrages, der diesem Beitrag maßgeblich zugrunde liegt, der Unterschied zwischen Axt und
Beil (siehe unten Anm. 45) ebenso nebensächlich wie etwa die exakte Abgrenzung von Speer
zu Lanze, von Dolch zu Kurzschwert, etc. Den Hinweis auf diese Unstimmigkeiten verdanke
ich Susanne Petschel, Münster.
8
Encyclopaedia Britannica, s. v. Weapon.
9
H. Bonnet, Die Waffen der Völker des Alten Orients, Leipzig 1926, 108f mit Hinweis auf das
Relief Berlin, Ägyptisches Museum, Inv.-Nr. 14507 aus dem Totentempel der Hatschepsut
(1479–1458/57 v. Chr.), auf dem Soldaten neben Streitäxten auch Wurfhölzer tragen (K.-H.
Priese (Hrsg.), Ägyptisches Museum, Mainz 1991, 76 Kat.-Nr. 46; weitere Berliner Blöcke:
A. Eggebrecht (Hrsg.), Ägyptens Aufstieg zur Weltmacht, Mainz 1987, 116f Kat.-Nr. 16/17);
vgl. auch Hoffmeier, op. cit., 408 s. v. Throw sticks und George, in: Medelhavsmuseet Bulle-
tin 15, 1980, 11f m. Anm. 29; dagegen: W. Wolf, Die Bewaffnung des altägyptischen Heeres,
Leipzig 1926, 7 Anm. 3. 13.
10
M. A. Littauer/J. H. Crouwel, Chariots and Related Equipment from the Tomb of Tutcankha-
mun, Oxford 1985; W. Decker/M. Herb, Bildatlas zum Sport im alten Ägypten, HdO, 1994,
200–263 m. Taf. 84–129; W. Decker/F. Förster, Annotierte Bibliographie zum Sport im Alten
Ägypten II: 1978–2000, Hildesheim 2002, 130–152; A. Herold, Funde und Funktionen.
Streitwagentechnologie im Alten Ägypten, in: M. Fansa/S. Burmeister (Hrsg.), Rad und Wa-
gen, Mainz 2004, 123–142.
11
Decker, in: LÄ V, 656; zwei Exemplare fragmentarisch im Grab des Tutanchamun (inkl. stei-
nerner Schleudergeschosse): N. Reeves, The Complete Tutankhamun, London 1990, 175f.
12
Siehe die jeweiligen Einträge im LÄ.
190 Anja Herold

voll studieren lässt. Das wohl berühmteste Beispiel dieser Art ist der Schädel
von Pharao Seqenenre aus der 17. Dynastie, den Manfred Bietak und Eugen
Strouhal kriminaltechnisch untersucht haben. Ergebnis: Zwei der Kopfverlet-
zungen stammen von asiatischen Tüllenäxten mit meißelförmigem Blatt. 13
Leider spiegelt sich diese hier nur knapp skizzierte, aber vergleichsweise
fantastische Quellensituation nur bedingt im Bearbeitungsstand der einzelnen
Waffen wider. Auch das führen die Lexikoneinträge vor Augen: Bei mehr als
der Hälfte finden sich unter der weiterführenden Literatur fast ausschließlich
die Werke von Walther Wolf, „Die Bewaffnung des altägyptischen Heeres“,
und Hans Bonnet, „Die Waffen der Völker des Alten Orients“, beide aus dem
Jahre 1926, fallweise ergänzt durch Yigael Yadin, „The Art of Warfare in Bib-
lical Lands“, aus dem Jahre 1963 und der Pioniertat von William M. Flinders
Petrie, „Tools and Weapons“, erschienen 1917. Mit Ausnahme eines kleinen
Bändchens aus der Feder von Ian Shaw in der Reihe „Shire Egyptology“ aus
dem Jahre 1991 14 und dem gleichfalls überblicksartigen wie populären Werk
von Robert B. Partridge „Fighting Pharaos. Weapons and Warfare in Ancient
Egypt“, erschienen 2002, sind dies schon fast alle Monografien, die sich ein-
gehender der Bewaffnung des ägyptischen Kämpfers gewidmet haben. 15 Einen
Überblick aus neuerer Zeit verschaffen zwei Enzyklopädie-Beiträge von Ja-
mes K. Hoffmeier 16 und – ausführlicher – der Katalog der Ausstellung „Pha-
rao siegt immer. Krieg und Frieden im Alten Ägypten“, den Susanne Petschel
und Martin von Falck 2004 herausgegeben haben. 17
Auch die Zahl an Einzelstudien hält sich von ägyptologischer Seite eher zu-
rück, abgesehen von zahlreichen Veröffentlichungen zum Streitwagen 18 , der
jedoch, um es sogleich zu betonen, zumindest bis zur Perserzeit lediglich ein
Fortbewegungsmittel ohne eigentlichen Waffencharakter gewesen zu sein
scheint. 19 1969 hat sich Eva Kühnert-Eggebrecht mit der „Axt als Waffe und

13
Bietak/Strouhal, in: Annalen des Naturhistorischen Museums in Wien 78, 1974, 29–52; wei-
tere Beispiele führte während des Symposions Stefan J. Seidlmayer, Berlin, vor. Dazu gehör-
ten auch die rund 60 „Slain Soldiers“ aus dem Massengrab bei Deir el-Bahari, die nach neu-
esten Erkenntnissen sehr wahrscheinlich nicht um 2025/20 v. Chr. im Entscheidungs-
kampf um Herakleopolis gefallen sind: Vogel, in: JEA 89, 2003, 239–245.
14
I. Shaw, Egyptian Warfare and Weapons, Shire Egyptology 16, 1991.
15
Wertvoll, auch für die Bewaffnung ägyptischer Soldaten der Späten Bronzezeit ist darüber
hinaus R. Drews, The End of the Bronze Age, Princeton 1993, 104–225.
16
Hoffmeier, op. cit.; ders., in: The International Standard Bible Encyclopedia IV, 1988, 1033–
1043.
17
S. Petschel/M. v. Falck (Hrsg.), Pharao siegt immer. Krieg und Frieden im Alten Ägypten,
Gustav-Lübcke-Museum Hamm 21. März–31. Oktober 2004, Bönen 2004.
18
Auswahl: M. A. Littauer/J. H. Crouwel, Wheeled Vehicles and Ridden Animals in the An-
cient Near East, HdO, 1979; dies., op. cit.; P. Raulwing (Hrsg.), M. A. Littauer & J. H. Crou-
wel: Selected writings on chariots and other early vehicles, riding and harness, Lei-
den/Boston/Köln 2002; ders., Horses, Chariots and Indo-Europeans, Budapest 2000; Herold,
op. cit. Einen guten Überblick über die Bewaffnung des Streitwagenkämpfers der Späten
Bronzezeit im Vorderen Orient (inkl. ägyptischer Quellen) gibt Drews, op. cit., 104ff.
19
Schulman, in: Civilizations of the Ancient Near East I, 1995, 295; Raulwing, Horses, 51–58.
Der Einsatz des Wagens im Kampf ist verbunden mit einer Vielzahl von Unklarheiten, die
nur durch experimentelle Forschungen abschließend auszuräumen sein werden. Bis dahin
Aspekte ägyptischer Waffentechnologie 191

Werkzeug“ beschäftigt, dem folgte knapp 20 Jahre später der Katalog des Bri-
tish Museums „Tools and Weapons I. Axes“ von W. Vivian Davies. Der Be-
reich Pfeil und Bogen ist recht gut bearbeitet durch Wallace E. McLeod, der
nicht nur die Bogen aus dem Grab des Tutanchamun in zwei Monografien
vorlegte, sondern sich darüber hinaus in etlichen Artikeln mit der Technologie
der Bogenwaffe beschäftigte. 20 Allerdings gibt es kaum umfassende Studien
zu den Pfeilspitzen, die jedoch meist als einziger Teil des Pfeils aus dem Al-
ter-
tum auf uns kommen. Noch 1990 versuchte Thierry Huret den Formen- und
Nomenklaturproblemen der Metallprojektile anhand von Petrie’s „Tools and
Weapons“ Herr zu werden. 21 Erfrischend konstruktiv stellt sich demgegenüber
der Aufsatz von Thomas Hikade zu den Silex-Pfeilspitzen aus Ägypten dar. 22
Die Dolche und Schwerter Vorderasiens, darin auch einige ägyptische Stü-
cke, wurden umfassend 1946 von Rachel Maxwell-Hyslop in der Zeitschrift
Iraq vorgelegt 23 . Die ägyptischen Dolche werden demnächst von Susanne Pet-
schel publiziert, die mit ihrer Arbeit darüber 1998 in Münster promoviert hat. 24
Helm 25 , Keule 26 und Köcher wie Kästen für Pfeile, Speere oder Wurfspeere
haben von ägyptologischer Seite kaum mehr Aufmerksamkeit bekommen, als
sie bereits von Wolf erhalten hatten. 27 Glücklicher sieht die Bearbeitung des
Krumm- bzw. Sichelschwertes aus, dem sich Hans Wolfgang Müller ausführ-

bleiben Fragen nach der Balance der Wagenbesatzung, der Lenkung der Pferde, der Gelände-
tauglichkeit, der taktischen Möglichkeiten des Wagens und der Belastbarkeit der Pferde in
Angriffssituationen Theorie; nicht mehr, aber auch nicht weniger.
20
Auswahl: McLeod, in: AJA 62, 1958, 397–401; ders., in: AJA 66, 1962, 13–19; ders., Com-
posite bows from the tomb of Tutcankhamun, Oxford 1970; ders., Self bows and other arch-
ery tackle from the tomb of Tutcankhamun, Oxford 1982. Außerordentlich wertvoll sind hier
vor allem die experimentellen Arbeiten zahlreicher privater Bognervereinigungen, deren Mit-
glieder unterschiedlichste Bogentypen häufig originalgetreu nachbauen. Siehe dazu unten
Anm. 149. Weitere Literatur zum Thema findet sich in Decker/Förster, op. cit., 78–83.
21
Huret, in: CRIPEL 12, 1990, 57–66.
22
Hikade, in: MDAIK 57, 2001, 109–125.
23
Maxwell-Hyslop, in: Iraq 8, 1946, 1–65.
24
Soweit nicht anders angegeben basieren alle Angaben zu Dolchen in diesem Beitrag auf der
noch unpublizierten Zusammenfassung der Dissertation von Susanne Petschel, die sie mir
vorab hat zukommen lassen. Für ihre Hilfe und stete Diskussionsbereitschaft sei ihr an dieser
Stelle herzlich gedankt. Bis zur Publikation der Arbeit sei aber auch auf die ausführlichen Ob-
jektbeschreibungen der Dolche im Hammer Ausstellungskatalog hingewiesen: Pharao siegt
immer, 126–135.
25
Vgl. J. Borchhardt, Helme, in: H.-G. Buchholz/J. Wiesner (Hrsg.), Archaeologia Homerica
Kapitel E: Kriegswesen, 1977, 57–74.
26
Wolf, Bewaffnung, 4–7. 37f u. 68 zur sogenannten Beilkeule; 79f u. 92 sogenannte awn.t-
Keule; vgl. auch H.-G. Buchholz, Keule, in: F. Matz/H.-G. Buchholz (Hrsg.), Archaeologia
Homerica Kapitel E: Kriegswesen, 1980, 319–338.
27
Wolf, Bewaffnung, 25. 28: „der Gebrauch des Köchers war den Ägyptern des A.R. bereits
bekannt“. 31. 45f für Speerköcher. 51f für Pfeilköcher als vorderasiatischer Import. 86f. 92
für Köcher und Bogentaschen am Wagen. Zu einem Bogenkasten mit Innenaufteilung für Er-
satzteile wie Bogensehne, Pfeilbefiederung, etc. aus der späten 17., bzw. frühen 18. Dynastie
(London, British Museum, 20648) siehe Shore, in: The British Museum Quarterly 37, 1973,
4–9.
192 Anja Herold

lich gewidmet hat. 28 Doch fallen wir mit Lanze 29 , Panzerhemd 30 , Schild 31 ,
Schleuder 32 , Schwert 33 , Speer 34 und Wurfholz 35 doch meist wieder hinter die-
sen Ansätzen zurück und müssen uns häufig mit den gleichsam verdienst- wie
noch immer wertvollen Arbeiten von Wolf und Bonnet begnügen.
Eine aktualisierte Bestandsaufnahme zur Bewaffnung des altägyptischen
Kämpfers im Wandel der Zeit wäre mithin mehr als wünschenswert. Leider ist
auch im Rahmen dieses Artikels dazu keine Gelegenheit. Zu eng bemessen ist
der Platz. So mag der gegebene, sicherlich nicht vollständige Literatur-
überblick genügen, um die bestehenden Lücken anzuzeigen.

Drei Waffenklassen
Schon immer folgte die Materialwahl bei der Herstellung von Geräten der zu
ihrer Entstehungszeit vorhandenen Technologie. Bevor der Mensch Metall
verarbeiten konnte standen ihm als Rohstoffe für Waffen lediglich Holz, Leder
und Stein zur Verfügung. Zunächst dürften sich dabei Jagd- und Kriegsgerät
kaum unterschieden haben. Nach und nach wurden die Waffen allerdings ver-
bessert, effektiver und tödlicher. Seit Waffen im Kampf von Mann gegen
Mann zur Anwendung kamen, musste sich die jeweilige Gegenseite verteidi-
gen, entweder durch Defensivmaßnahmen wie Befestigungsanlagen oder
Schilde – oder durch noch bessere Angriffswaffen. Entsprechend zerfallen die
Waffen in zwei große Gruppen: Defensivwaffen einerseits, Angriffswaffen

28
H. W. Müller, Der Waffenfund von Balata-Sichem und Die Sichelschwerter, München 1987;
ders., in: Fs Jürgen von Beckerath, HÄB 30, 1990, 215–222. S. neuerdings auch C. Vogel,
Hieb- und stichfest? Überlegungen zur Typologie des Sichelschwertes im Neuen Reich, in: D.
Bröckelmann/A. Klug (Hrsg.), In Pharaos Staat. Festschrift für Rolf Gundlach zum 75. Ge-
burtstag, Wiesbaden 2006, 271–286.
29
Vgl. O. Höckmann, Lanze und Speer, in: F. Matz/H.-G. Buchholz (Hrsg.), Archaeologia Ho-
merica Kapitel E: Kriegswesen, 1980, 275–319.
30
Vgl. H. W. Catling, Panzer, in: H.-G. Buchholz/J. Wiesner (Hrsg.), Archaeologia Homerica
Kapitel E: Kriegswesen, 1977, 74–118; W. Ventzke, Zur Rekonstruktion eines bronzenen
Schuppenpanzers, in: R. Hachmann (Hrsg.), Frühe Phöniker im Libanon, Mainz 1983, 94–
100.
31
Vgl. H. Borchhardt, Frühe griechische Schildformen, in: H.-G. Buchholz/J. Wiesner (Hrsg.),
Archaeologia Homerica Kapitel E: Kriegswesen, 1977, 1–56; Schauer, in: Jb RGZM 27, 1980
(1982), 196–248.
32
Vgl. M. Korfmann, Schleuder und Bogen in Südwestasien, Antiquitas 13, 1972.
33
Schaeffer, in: Antiquity 29, 1955, 226–229; Burchardt, in: ZÄS 50, 1912, 61–63; vgl. San-
dars, in: AJA 67, 1963, 117–153 und S. Foltiny, Schwert, Dolch und Messer, in: F. Matz/H.-
G. Buchholz (Hrsg.), Archaeologia Homerica Kapitel E: Kriegswesen, 1980, 231–274.
34
Vgl. Höckmann, op. cit.; Y. Yadin, The Art of Warfare in Biblical Lands in the Light of Ar-
chaeological Discovery, London 1963, 10 zur Unterscheidung von Speer zu Wurfspeer (Jave-
lin).
35
George, in: Medelhavsmuseet Bulletin 15, 1980, die zu Recht ebd., 15 Anm. 18 darauf hin-
weist, dass „eine eingehende Untersuchung der Wurfhölzer und eine Abgrenzung von ande-
ren Stäben, Stöcken usw. sicher lohnend wäre, da recht verschiedene Ansichten in der Litera-
tur vorgetragen werden.“
Aspekte ägyptischer Waffentechnologie 193

andererseits. Bis zur Erfindung des Schießpulvers 36 lassen sich letztere in drei
Klassen teilen: Handwaffen, Wurfwaffen und Langstreckenwaffen, wobei ers-
teren mit Hoffmeier eine chronologische Priorität zukommt 37 : „Handwaffen ...
stellten zweifellos die frühesten Waffen der Menschheit dar. Dann entwickel-
ten Krieger Wurfwaffen zur Jagd, die es ihnen erlaubten, Wild zu erlegen.
Und schließlich kreierten Krieger Langstreckenwaffen, mit denen Angreifer
zuschlagen konnten, ohne vom Opfer gesehen zu werden”. Eine weitere Stufe
dieses Prozesses bildet die Entwicklung von Kriegsfahrzeugen, wie etwa dem
Streitwagen, der sozusagen als Plattform für Waffenträger diente und im Lau-
fe seines Einsatzes am Nil selbst aufgerüstet wurde. Spätestens ab der 19. Dy-
nastie fanden sich Köcher für Wurfspeere und Pfeile sowie Bogentaschen am
Wagen, führte der Kämpfer selbst Dolch, Sichelschwert und Streitaxt mit
sich. 38
Bis zum Ende des Neuen Reiches gehörten in Ägypten Knüppel, Keule,
Axt, Speer, Dolch, Schwert und Sichelschwert zu den Handwaffen im Nah-
kampf. Steine, Wurfholz und Wurfspeer gehörten zu den Wurfwaffen für mitt-
lere Distanzen, Pfeil und Bogen sowie vereinzelt Steinschleudern zu den
Langstreckenwaffen. 39 Dem gegenüber standen die Verteidigungsmaßnahmen
Parierstock, Schild, Helm und Panzerhemd. An speziellen Kriegsfahrzeugen
ist allein der Streitwagen zu nennen.

Chronologische Entwicklung
Bis zum Alten Reich

Zu den ältesten Waffen Ägyptens gehören Knüppel, Keule, Beil, Speer, Wurf-
holz sowie Pfeil und Bogen, wobei der Schild sich gerade gegen Ende der
vordynastischen Zeit als Defensivmaßnahme zu entwickeln scheint. Knüppel

36
Mit genau diesem Gedanken bereits Korfmann, op. cit., 9: „Die Entdeckung des Schießpul-
vers brachte eine einschneidende Umwälzung der Waffentechnik und Kriegsführung mit sich.
Durch die Feuerwaffe wurde die Effektivität des Schusses von menschlicher Muskelkraft ...
weitgehend unabhängig. Mit der Verbesserung der Feuerwaffen, besonders der Ladege-
schwindigkeit und Handlichkeit, verschwanden allmählich die alten Fernwaffen.“
37
Hoffmeier, in: The International Standard Bible Encyclopedia IV, 1988, 1034 s. v. Offensive
Weapons.
38
Für einen knappen Überblick Hoffmeier, in: The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt II,
2001, 408 s. v. Javelins und ebd., 411f.
39
Ägypten war stets ein klassisches „Bogenland“, doch kann die Verwendung von Schleudern
zumindest für das frühe Mittlere und das Neue Reich in mehreren Belegen festgehalten wer-
den. Siehe dazu Korfmann, op. cit.; Hoffmeier, in: The Oxford Encyclopedia of Ancient
Egypt II, 2001, 409f s. v. Slings and stones; Decker, in: LÄ V, 656; W. Wreszinski, Atlas zur
altaegyptischen Kulturgeschichte II, Leipzig 1935, Taf. 10 (Grab des Bakt III., Beni Hasan
Nr. 15) sowie vor allem Pharaonen und Fremde. Dynastien im Dunkel, Sonderausstellung des
Historischen Museums der Stadt Wien, Wien 1994, 108 für Funde von Schleudergeschossen
aus Schichten des frühen Neuen Reiches in Tell el-Dabca. Vgl. dazu Wolf, Bewaffnung, 56f,
dass die Schleuder „in Ägypten selbst nicht heimisch gewesen“ sei.
194 Anja Herold

und Keule begegnen uns zusammen in den Wandmalereien des Grabes 100
von Hierakonpolis (Negade-IIc-Zeit, etwa 3300 v. Chr.) 40 wie auf dem rund
150 Jahre jüngeren Messergriff vom Gebel el-Arak. 41 Dabei ist die Keule
nichts weiteres als ein Knüppel oder Stock mit einem darauf fixierten Stein. 42
In vorgeschichtlicher Zeit hat es überwiegend zwei Keulenkopfformen gege-
ben: die Tellerkeule, deren Kopf scheiben- bzw. trichterförmig ist, und die of-
fenbar etwas jüngere Birnenkeule, die sich in der Hieroglyphe HD wieder-
findet und bald die Tellerkeule verdrängt. 43 Die Werkstoffe der aufgefundenen
Keulenköpfe variieren stark, von hellen und dunklen Sediment- wie Hartge-
steinen bis hin zu Elfenbein. 44
Das Beil bzw. die Axt wiederum fügt der Wucht der Keule das Element
„Schneiden“ hinzu. 45 Im Gegensatz zum Keulenschlag, bei dem Knochen
bersten, verletzt das geschärfte Steinbeil zusätzlich auch die Weichteile des
Opfers. 46 Bereits gegen Ende der vordynastischen Zeit werden die ersten Beile
aus Metall gefertigt. Ihre Blätter sind ungefähr rechteckig und in offener Form

40
Hoffmeier, in: The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt II, 2001, 406f; Shaw, op. cit., 31f
m. Fig. 19. Für Abbildungen: Yadin, Warfare, 117; R. Schulz/M. Seidel (Hrsg.), Ägypten.
Die Welt der Pharaonen, Köln 1997, 20f Abb. 25/26.
41
Paris, Louvre, E 11517: Yadin, Warfare, 116 oder Schulz/Seidel, op. cit., 26 Abb. 31.
42
Buchholz, op. cit., 326.
43
Zusammen werden die beiden Formen später nur noch in den Gerätefriesen der Mittleren-
Reichs-Särge abgebildet: Wolf, Bewaffnung, 4–6; Shaw, op. cit., 31. Zu einer möglichen Ein-
führung der Birnenkeule aus Vorderasien s. Bonnet, op. cit., 15f.
44
Wolf, Bewaffnung, 7: Porphyr, Syenit, Kalkstein, Diorit, Breccie, Kalzit, Marmor, Schiefer,
Basalt u.a.
45
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Klingenbezeichnungen „Axt“ und „Beil“ in
der archäologischen Forschung sehr uneinheitlich gehandhabt werden. Nach Meyers Großes
Taschenlexikon, 2. Auflage, 1987 s. v. Beil trennt die Größe Axt und Beil, d. h. das Beil un-
terscheidet sich von der Axt „durch den kürzeren, einhändig geführten Stiel, die breitere,
meist einseitig geschliffene Schneide“. In der vor- und frühgeschichtlichen Forschung, so
Meyers Großes Taschenlexikon, s. v. Axt weiter, gilt die Axt „als Schlagwaffe mit parallel
zur Schäftungsachse verlaufender Schneide, bei denen der Schaft oder Holm durch ein
Schaftloch gesteckt war“, während die Bezeichnung Beil „für alle (im Gegensatz zur Axt)
nicht senkrecht zur Schneidenachse durchlochten schneidenden Schlagwerkzeuge“ gilt. D. h.
Beilklingen haben kein Schaftloch. So erfreulich deutlich H. Erkanal, Die Äxte und Beile des
2. Jahrtausends in Zentralanatolien, PBF IX/8, 1977, 1. Nach dieser Definition gibt es im al-
ten Ägypten ausschließlich Beile, von den wenigen vorderasiatischen Meißel- oder Enten-
schnabeläxten einmal abgesehen, vgl. Davies, Axes, 22. Ebenso auch C. E. Schulz, Nah-
kampf- und Schutzwaffen, in: Pharao siegt immer, 116. Vollends verwirrt wird der Betrachter
jedoch angesichts der Bezeichnungen für vorderasiatische Klingen wie etwa „gefenstertes“
Tüllenbeil und Entenschnabelaxt, die sich allein in der Länge des Blattes unterscheiden, nicht
jedoch in der Art der Schäftung, die der einer Axt entspricht (so etwa bei Müller, Waffen-
fund, 31–33 m. Abb. 4 und 5 oder Pharaonen und Fremde, 131 Kat.-Nr. 79 m. 103 Kat.-Nr.
37). Die deutsche Begriffsproblematik hat bereits Kühnert-Eggebrecht, op. cit., 2f aufgezeigt
und sich dann im Eintrag „Axt“ des Lexikons der Ägyptologie gleichsam mit der Aussage
„Axt ..., im deutschsprachigen Bereich auch ‚Beil’ genannt“ beschieden. Da sich der Begriff
„Axt“ in der ägyptologischen Forschung allerdings etabliert hat, und das Problem vor allem
eines des deutschsprachigen Raumes ist (vgl. englisch „axe“, italienisch „ascia“ oder franzö-
sisch „hache/hachette“ für Axt und/oder Beil), werde ich ihn hier auch weiterhin vorrangig
gebrauchen, allerdings mit dem Bewusstein, dass es sich wohl eher um Beile handelt.
46
Bonnet, op. cit., 16; Yadin, Warfare, 11.
Aspekte ägyptischer Waffentechnologie 195

aus Kupfer gegossen 47 , sie sind damit erheblich dünner und leichter als die
Steinklingen (Herold Abb. 1, 1+2). 48
Neben Keulen tragen die Kämpfer auf der Löwenjagdpalette Doppelaxt,
Speer, Wurfholz sowie Pfeil und Bogen. Als Defensivwaffe führen sie fall-
weise einen kleinen ovalen Schild (Herold Abb. 2). 49 Dieser Schild, wohl ein
auf einen Rahmen gespanntes Tierfell, taucht nach Wolf nie wieder in Ägyp-
ten auf. Dort habe sich zunächst ein hochrechteckiger Schild etabliert, der sich
im frühesten Zeichen für aHA „kämpfen“ wiederfände und dessen entwick-
lungsgeschichtliche Anfänge in der Darstellung im Grab 100 von Hierakonpo-
lis lägen. Dort kniet ein Krieger mit einem vor sich erhobenen Tierfell vor ei-
nem weiteren Kämpfer, der in jeder Hand drohend einen Stock oder Knüppel
hält. 50 Der kürzere der beiden Stöcke könnte ein Parierstock zum Abfangen
von Keulenangriffen sein. 51

Bis zur Zweiten Zwischenzeit

Spätestens mit dem Beginn des Alten Reiches hat sich in Ägypten ein fester
Waffenkanon etabliert. Als Nahkampfwaffen kommen Axt, Speer und Dolch
zur Anwendung 52 , als Mittelstreckenwaffen Wurfholz 53 (vermutlich erst später
auch der Wurfspeer 54 ), als Langstreckenwaffen Pfeil und Bogen, fallweise
aber auch die Schleuder. Einzige Defensivwaffe bleibt der Schild. Dieser Ka-
non besteht nahezu unverändert bis zum Ende des Mittleren Reiches, wobei
der Dolch erst ab der Ersten Zwischenzeit als Waffe an Bedeutung gewinnt. 55
47
Wolf, Bewaffnung, 8; Davies, Axes, 22. 28 Comment (1–5).
48
Bonnet, op. cit., 19.
49
Asselberghs, Chaos, Taf. 65–67; nicht vollständig von der Identifikation eines Schildes über-
zeugt ist Yadin, Warfare, 48.
50
Wolf, Bewaffnung, 18f. Siehe unten Abb. 9, 1 sowie für die vollständige Szene Yadin, War-
fare, 117 und Schulz/Seidel, op. cit., 20f.
51
Hoffmeier, in: The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt II, 2001, 410 s. v. Parrying stick.
52
„Einfache“ Schlagwaffen, wie Stock oder Knüppel, dürfte es daneben während der gesamten
Pharaonenzeit gegeben haben; siehe etwa die Leibwache Echnatons (1351–1334 v. Chr.) in
der Darstellung im Grab des Ahmose in Amarna, Wreszinski, Atlas II, Taf. 13, bei denen
mindestens einer eine lange Holzkeule trägt oder die Knüppel aus dem Grab des Tutanch-
amun bei Reeves, op. cit., 175f; Literatur zum Stockfechten allgemein geben Decker/Förster,
op. cit., 92f; Abbildungen finden sich bei Decker/Herb, op. cit., Taf. 308–310. Besonders
schön dort Beleg M5, das Fechttraining aus dem Grab des Amunmose, 19. Dynastie (TT 19,
PM I/12 33 [4] I, 2), wo mit Riemen an den Unteram gebundene Bretter den Kämpfern als Pa-
rierstöcke dienen.
53
Belege für Wurfhölzer vom Alten bis zum Neuen Reich: George, in: Medelhavsmuseet Bulle-
tin 15, 1980, 11 m. Anm. 20–28.
54
Siehe etwa die Darstellungen von Speerköchern in den Gräbern von Beni Hasan z. B. bei Be-
ni Hasan II, Taf. 16, oder die Funde von meist paarweise auftretenden Wurfspeerspitzen in
den Gräbern der späten 12. Dynastie in Tell el-Dabca: Pharaonen und Fremde, 102f Kat.-Nr.
34–36.
55
Petschel, persönliche Mitteilung im Herbst 2003. Vgl. zum Dolch als „Königswaffe“ auch
Wolf, Bewaffnung, 9 und Hoffmeier, in: The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt II, 2001,
407 s. v. Swords and daggers.
196 Anja Herold

Es sind allein die Formen und Ausführungen der einzelnen Waffen, die Varia-
tionen unterliegen. Besonders auffällig ist hier die Entwicklung der Streitaxt.
Bereits in der zweiten Hälfte des Alten Reiches tritt die Streitaxt als eigen-
ständige Klingenform neben die Handwerkeraxt. Allerdings stammen die frü-
hesten erhaltenen Klingen erst aus der Ersten Zwischenzeit. 56 Während der
kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Gaufürsten im
Anschluss an den Zusammenbruch des Alten Reiches werden gleich mehrere
unterschiedliche Klingen entwickelt. Sie zerfallen nach Davies in vier Haupt-
formen, von denen mindestens eine durch vorderasiatische Vorbilder beein-
flusst ist 57 :
- runde Klinge wie die Handwerkeraxt mit Fortsätzen am Rücken zum
Festbinden am Schaft, allerdings leichter als das Gerät und mit zusätz-
lichen Löchern für eine bessere Anbindung versehen (lugged, perfora-
ted, round form; hier Herold Abb. 1, 4);
- ähnlich wie die vorangehende Form, jedoch eher mit kreis-
abschnittsförmiger Klinge (segmental form);
- schmale Klinge mit langgezogener, konvexer Schneide (shallow
form);
- halbmondförmige Klinge mit drei rückwärtigen Fortsätzen, deren Halt
im Schaft zusätzlich durch Metallstifte und/oder Lederriemen gesi-
chert werden konnte (tanged form; hier Herold Abb. 1, 5+6). 58 Zu-
mindest letztere gilt als Import aus Vorderasien, wobei der Typ in
Ägypten leicht abgewandelt wurde (Herold Abb. 1, 7). Die ersten ge-
sicherten Belege stammen nach Davies aus der Ersten Zwischenzeit. 59
Am Ende des Mittleren Reiches wird diese Klingenform, auch Epsi-
lon-Klinge genannt, vorherrschend. 60
Die Herstellung all dieser Axtblätter war relativ einfach. Man goss sie in offe-
ner Form und stellte die Schneide durch Schmieden her, wodurch gleichzeitig
deren Härte erhöht wurde. 61 Die Anbringung im geschlitzten Schaft erfolgte

56
Davies, Axes, 23 m. Anm. 7.
57
Davies, a. a. O., 23.
58
Siehe auch C. E. Schulz, Studie zu den ägyptischen Beilen mit drei Rücksprüngen, in: S. Bi-
ckel/A. Loprieno (Hrsg.), Basel Egyptology Prize 1. Junior Research, AH 17, Basel/Genf
2003, 233–245 zitiert nach Pharao siegt immer, 297.
59
Davies, Axes, 42, Anm. 3 schließt die Darstellungsbelege auf einem frühdynastischen Stein-
gefäßfragment in Berlin (Inv.-Nr. 15084) und im Grab des Inti, 5. Dynastie, aus Deschascheh
aus. Ersteres stamme aus dem Handel und sei damit in der Echtheit fraglich. Hingegen zeige
die Originalpublikation des Grabes von Petrie (Petrie, Deshasheh, Taf. 4) zwar ein Beil, aber
eines ohne die typischen Aussparungen am Rücken der schmalen Klinge. Für eine derartige
Klingenform siehe die Mittlere-Reichs(?)-Axt aus Berlin (Ägyptisches Museum, Inv.-Nr.
10779) in Wolf, Bewaffnung, 21 m. Taf. 10, 3 sowie Kühnert-Eggebrecht, op. cit., Taf. 9, 1
bzw. Pharao siegt immer, 119 Kat.-Nr. 113. Eine Überprüfung des Reliefs im Grab des Inti
als Foto bei Wreszinski, Atlas II, Taf. 4 ergab tatsächlich, dass es sich dort nicht um Äxte mit
Epsilon-Klinge sondern um Exemplare der „shallow form“ von Davies handelt.
60
Davies, Axes, 23. 42 Comment (79–100); Müller, Waffenfund, 31 Abb. 5c+d.
61
Davies, a. a. O., 25; Wolf, Bewaffnung, 8.
Aspekte ägyptischer Waffentechnologie 197

dann über feucht angelegte oder durch die Perforation der Klingen geführte
Lederstreifen, die sich beim Trocknen fest zusammenzogen. Fallweise kann
eine Sicherung durch Metallstifte belegt werden; ebenso wie eine zusätzliche
Umwicklung des Holzstielendes und eine Griffschlaufe aus Leder. Letztere
ermöglichen dem Kämpfer den sicheren Halt und verhindern einen Verlust der
Waffe im Kampf. 62
Metallurgische Untersuchungen der Äxte für den Katalog des British Mu-
seum haben darüber hinaus ergeben, dass sich das Werkzeug und die Waffe
Axt sogar in ihrer Materialzusammensetzung unterscheiden: Während die
Handwerkeräxte der Ersten Zwischenzeit und des Mittleren Reiches aus unle-
giertem Kupfer oder Kupfer mit niedrigem Arsenanteil bestehen, erbrachten
die Analysen für alle Streitäxte ausschließlich Kupfer mit hohem Arsenanteil
oder Bronze. Die letzten beiden Metallzusammensetzungen sind deutlich här-
ter als die vorgenannten. 63 Zusätzlich unterscheiden sich formgleiche Hand-
werks- oder Streitäxte durch ihre Dicke und damit ihr Gewicht. Waffenklingen
sind stets dünner und damit auch leichter64 , ein Bestreben, das wir bereits oben
beim Wandel von Stein- zu Metallklingen feststellen konnten.
Möglicherweise resultieren die unterschiedlichen Klingenformen der Streit-
äxte aus mehreren Entstehungszentren, etwa aus einem Wettrüsten miteinan-
der konkurrierender Fürsten. Wenn Davies Recht hat und der frühe Beleg auf
der Berliner Steingefäßscherbe für die Epsilon-Klinge in Ägypten nicht zu
halten ist 65 , müsste sie zu Beginn der Ersten Zwischenzeit am Nil etabliert
worden sein, vielleicht durch asiatische Söldner. Da sich die Herstellung und
Schäftung der Frühform dieser Klinge nicht von ägyptischen Exemplaren un-
terschieden hat 66 , war eine schnelle Übernahme und Weiterentwicklung für die
Waffenschmiede am Nil kein Problem. Und vielleicht war es das im Vergleich
zur Flachklinge aufwändigere Gussverfahren, das die Ägypter zunächst davon
abgehalten hat, weitere vorderasiatische Axtformen zu übernehmen. Denn
obwohl mit Entenschnabeläxten ausgestattete asiatische Söldner den ägypti-

62
Vgl. dazu die Darstellungen derartig ausgerüsteter Axtgriffe in den Gerätefriesen der Mittle-
ren-Reichs-Särge, etwa bei Davies, a. a. O., Taf. 39.
63
Davies, a. a. O., 24f. 32 Comment (15–34). Hingegen kommen Maeir/Ponting, in: MDAIK
56, 2000, 276 anhand weiterer Studien und Metallanalysen zu einem etwas anderen Schluss:
„Thus it may be more correct to see the high tin content axes as high statues battle-axes rather
than simply battle-axes, leaving medium to high tin axes to be either tools or weapons of the
common soldiery.“
64
Davies, a. a. O., 32 Comment (15–34).
65
Für den frühen Beleg Kühnert-Eggebrecht, op. cit., 15 (Typ C) m. Taf. 2: Laufzeit 1./2. Dy-
nastie bis Zweite Zwischenzeit, oder auch M. Bietak, Der Übergang von der Frühen zur Mitt-
leren Bronzezeitkultur im Vorderen Orient anhand von Wandbildern in Gräbern des ägypti-
schen Mittleren Reiches, in: Fs Karl Kromer zum 70. Geburtstag, Mitteilungen der Anthropo-
logischen Gesellschaft in Wien 123/124, 1993/94, 394.
66
Müller, Waffenfund, 31 Abb. 5c: Epsilon-Klinge ohne Schaftlöcher, Abb. 5d: Epsilon-Klinge
mit Schaftlöchern; dazu auch Bietak, a. a. O., 394.
198 Anja Herold

schen Gaufürsten der 12. Dynastie dienten 67 , sind derartige Klingen nie am Nil
hergestellt, jedoch in geringer Anzahl gefunden worden. 68
Eine weitere Handwaffe ist der Speer, der zuallererst aus nicht mehr als ei-
nem zugespitzten Stock bestanden haben wird, dann aber Flint-, und spätes-
tens seit frühdynastischer Zeit auch mit lanzettförmigen Metallspitzen verse-
hen werden konnte. 69 Der technologische Fortschritt des Speeres liegt also al-
lein in der Ausgestaltung der Spitze. Exemplare aus Stein oder Metall erhöh-
ten nicht nur die „Durchschlagskraft des Speeres, sondern boten auch die
Möglichkeit, durch geeigneten Zuschnitt die Wunde breiter und ... gefährlicher
zu machen“. 70 Die Waffe hatte ungefähr Manneslänge, wobei stets auch kürze-
re Wurfspeere (Javelin) vorkamen. 71
Die Abgrenzung zur Lanze scheint nicht nur in der ägyptologischen Litera-
tur schwer. So werden etwa die Speerträger auf der Löwenjagdpalette häufig
als Lanzenträger angesprochen 72 , gleiches gilt für die Speerträger aus dem
Grab des Mesehti aus der 11. Dynastie. 73 Entscheidend ist nach Ansicht vieler
Bearbeiter die Länge der Waffe. Daher sollten besser nur deutlich übermanns-
große, beidhändig zu führende Speere als Lanzen angesprochen werden 74 , so
wie etwa die Exemplare in den Belagerungsszenen aus den Gaufürstengräbern
von Beni Hasan 75 oder die Lanzen in den Händen der Verteidiger auf den Zin-
nen der Festung Dapur aus der Zeit Ramses’ II. (1279–1213 v. Chr.), (Beitrag
Müller in diesem Band Abb. 18). 76

67
Bietak, a. a. O.; Yadin, Warfare, 166f.
68
Davies, Axes, 22 (nos. 167–8); Bonnet, op. cit., 24: „Dem Ägypter ist die Tüllenaxt über-
haupt fremd geblieben. Man wird dafür nicht eine geringere Fertigkeit im Metallguss, auch
nicht eine größere Armut an Kupfer, die zur Sparsamkeit zwang, geltend machen dürfen. Es
lag wohl einfach daran, dass die Steinaxt bei ihm nie die Verbreitung und Ausbildung erfah-
ren hatte wie in Vorderasien“. Vgl. die Funde von vorderasiatischen Äxten in Tell el-Dabca:
Pharaonen und Fremde, 103. 116. 186f.
69
Wolf, Bewaffnung, 13.
70
Bonnet, op. cit., 97.
71
Manneslänge der Speere etwa auf der Löwenjagdpalette oder bei den Speerkämpfern aus dem
Grab des Mesehti in Assiut, 11. Dynastie, Kairo, Ägyptisches Museum, CG 258: M. Saleh/H.
Sourouzian, Die Hauptwerke im Ägyptischen Museum Kairo. Offizieller Katalog, Mainz
1986, Nr. 73; vgl. Bonnet, op. cit., 105–107; Drews, op. cit., 180–192; Hoffmeier, in: The
Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt II, 2001, 408 s. v. Javelins.
72
Speerträger: Hoffmeier, in: The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt II, 2001, 407 s. v.
Spears. Lanzenträger: Wolf, Bewaffnung, 13; Decker, in: LÄ III, 937 Anm. 4.
73
Speerträger: M. Bietak, Zu den nubischen Bogenschützen aus Assiut. Ein Beitrag zur Ge-
schichte der Ersten Zwischenzeit, in: Mélanges Gamal Eddin Mokhtar, BdE 97/1, 1985, 87;
Lanzenträger: Wolf, Bewaffnung, 23f; Saleh/Sourouzian, op. cit., Nr. 73; Decker, in: LÄ III,
937 Anm. 3.
74
Nicht so Wolf, Bewaffnung, 44: „Bei der Lanze treffen wir neben einer langen Form, die ihre
Träger an Länge überragt, häufig eine kurze von etwa 1,30 bis 1,50 m Länge. Diese ist nicht
etwa als Wurfspeer zu deuten, vielmehr zeigen die Bilder ganz deutlich, dass sie im Nah-
kampf verwandt ... wird“. Vgl. dazu aber etwa Höckmann, op. cit., 275f m. Abb. 60–62 und
auch Drews, op. cit., 191.
75
Hoffmeier, in: The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt II, 2001, 407 s. v. Lances mit z. B.
Beni Hasan II, Taf. 15.
76
Luxor-Tempel, 1. Pylon, PM II 333 (202–203); Decker/Herb, op. cit., Taf. 82 G61.
Aspekte ägyptischer Waffentechnologie 199

Die letzte der bis zum Ende des Mittleren Reiches im Nahkampf gebräuch-
lichen Handwaffen ist der Dolch, die alte Waffe der Vornehmen. Er wird über
die Erste Zwischenzeit hinweg „demokratisiert“. Bereits in den Kampfszenen
der 11. Dynastie aus dem Grab des Generals Inj-jtj.f in Theben (Beitrag Müller
in diesem Band Abb. 8) tritt der Dolch als Stichwaffe bei einfachen Soldaten
im Gefecht mit direktem Körperkontakt auf. 77 Im Gegensatz zum Messer ist
ein Dolch immer zweischneidig und mehr oder minder spitz zulaufend. 78 Eine
Einordnung nach Typen erfolgt meist nach der Knaufform. 79 Wie bereits bei
Speer und Lanze scheidet die Länge den Dolch vom Schwert. Generell akzep-
tiert liegt die Schwelle zum Schwert bei rund 40 Zentimetern Gesamtlänge. 80
Doch dazu später.
Zwischen den ersten vollständig mit Knauf erhaltenen Dolchen aus der Ne-
gade-IId-Zeit und dem nächsten Beleg aus der späten 11. Dynastie klafft eine
riesige Objektlücke, die glücklicherweise durch Darstellungen gefüllt werden
kann. 81 Dabei bleibt Petschels Typ I – Dolche mit halbrunden Knäufen − bis in
die 6. Dynastie allein königlichen Personen vorbehalten, die den Dolch am
Gürtel tragen (Herold Abb. 3, 1). Der entsprechende Griff ist einteilig aus or-
ganischen Materialien (etwa Bein, vielleicht auch Holz) geschnitzt und um-
fängt die Metall- oder Flintklinge mit recht kurzen Hefthörnern.82 Typ II –
Dolche mit sichelförmigem Knauf − treten in den Darstellungen ab der 5. Dy-
nastie (Totentempel Niuserre) auf, aber nur bei Fremden. Der Typ scheint aus
dem mesopotamischen (Ur) und kleinasiatischen Raum (Alacia Hüyük) zu
stammen. 83 Der wohl prächtigste Beleg für einen derartigen Dolch gehört in
die 12. Dynastie und zwar zur Grabausstattung der Prinzessin Ita in Dah-
schur. 84 Dabei halten stets Nieten die Klinge im Heft (Herold Abb. 3, 2). Vor-

77
B. Jaroš-Deckert, Das Grab des Jnj-jtj.f. Die Wandmalereien der XI. Dynastie, AV 12, 1984,
Faltkarte 1+3 oberstes Register links.
78
Bonnet, op. cit., 43. Dieses Prinzip wird nur in der vor- und frühdynastischen Zeit von den
breiten, in zwei Spitzen gegabelten „Fischschwanzdolchen“ unterlaufen, ebd., Abb. 18c sowie
Saleh/Sorouzian, op. cit., Kat.-Nr. 5, 2.
79
Petschel unterscheidet von der vordynastischen bis in die Dritte Zwischenzeit zehn Typen mit
„acht übergeordneten Griffkonstruktionen“.
80
Hoffmeier, in: The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt II, 2001, 407 s. v. Swords and
daggers: „A sword is generally defined as longer than 40,5 centimeters, and a dagger is
shorter.“ Gordon, in: Antiquity 27, 1953, 67 gibt demgegenüber zwar eine feinere, nicht je-
doch sinnvollere Unterteilung an, die hier ohne weiteren Kommentar angegeben wird: bis
rund 35 Zentimeter „Dolch”, 35–50 Zentimeter „Langdolch“ (engl. dirk), 50–70 Zentimeter
„Kurzschwert“, und über 70 Zentimeter „Langschwert“; Drews, op. cit., 193 folgt Gordon;
Foltiny, op. cit., 257 spricht hingegen bereits bei Längen von 30–40 Zentimetern von Kurz-
schwertern. Er folgt seinerseits Mylonas (a. a. O. 252f Anm. 1526): „Klingen mit einer Min-
destlänge von 45 cm zählt er (Mylonas, die Verf.) zu den Schwertern, Klingen zwischen 30
und 45 cm zu den Kurzschwertern, und Klingen unter 30 cm zu den Dolchen“. Zur generellen
Problematik der Abgrenzung von Schwert und Dolch a. a. O., 232.
81
S. Petschel, Den Dolch betreffend. Typologische Untersuchung zu den Stichwaffen in Ägyp-
ten von der prädynastischen Zeit bis zur 3. Zwischenzeit, Dissertation Münster 1998 (i. Dr.).
82
Vgl. Wolf, Bewaffnung, 9f m. Taf. 4, 1+2.
83
Vgl. Yadin, Warfare, 140f.
84
Vgl. Wolf, Bewaffnung, 38–40 m. Taf. 4, 6 und 13, 3.
200 Anja Herold

derasiatische Vorformen (Byblos) sind auch für den Typ III – Dolche mit ge-
lochten, rundlichen Knäufen − anzunehmen. Charakteristisch dafür sind die
runden, flachen und meist hellen Knäufe aus beispielsweise Nilpferdzahn oder
Elfenbein sowie zwei Löchern für die Griffschlaufe. 85 Bis in das frühe Neue
Reich wird die Gestaltung des Heftes nun dahingehend geändert, dass die
Hefthörner immer länger ausfallen und die Klinge tiefer umschließen. Der
Dolchknauf bleibt dabei seiner Form recht treu und stets sichern Nieten den
Halt der Klinge im Heft (Herold Abb. 3, 3–5). 86 Eine Weiterentwicklung die-
ses Typs findet sich schließlich in den sehr schlanken „Kerma-Dolchen“, Typ
IV bei Petschel, die jedoch eine typologische Sackgasse darstellen. 87
Exemplare mit eingesetzten Klingen werden in der Folgezeit „von solchen
zurückgedrängt, bei denen der Griff unmittelbar aus der Klinge her-
auswächst“ 88 , um die Sollbruchstelle zwischen Griff und Klinge zu vermeiden.
Dabei ändert sich die Griffform erneut, sie ist nunmehr massiv geschlossen.
Durchlässe für Handriemen kommen nicht mehr vor, die Griffe werden länger
und sind damit effektiver zu führen. Doch die einteilig, also in einem Stück,
gegossenen Dolche sind, wie so vieles andere, erst eine Erscheinung der Zwei-
ten Zwischenzeit (Herold Abb. 3, 6+7).

Bis zum späteren Neuen Reich

Mit dem Ende des Mittleren Reiches erlebt Ägypten ein Trauma. Der Nordos-
ten des Landes fällt erstmals an ausländische Herrscher. Ab etwa 1650 v. Chr.
regieren die Hyksos von ihrer Hauptstadt Auaris aus große Teile des Ostdel-
tas. Sie sind der Anlass dafür, dass sich in Ägypten bald echter Innovations-
geist regt. 89 Der Wunsch, die Hyksos zu vertreiben, fordert die Aufrüstung.
Das Ergebnis ist ein neuer Waffenkanon, der um den leichten, zweirädrigen
und von zwei Pferden gezogenen Streitwagen gebaut ist.
Als Handwaffen für den Nahkampf kommen nun eine neue Streitaxtform,
technologisch verbesserte Dolche, erstmals Kurzschwerter und das Sichel-
bzw. Krummschwert auf. Die Wurfwaffen bleiben mit Wurfspeer und Wurf-
holz unverändert. Pfeil und Bogen beherrschen neben vereinzelten Belegen für
Schleudern die Langstreckenwaffen, erfahren aber durch die Einführung des
sogenannten Kompositbogens eine immense Steigerung ihrer Reichweite und
85
Dolche des Typs III werden ebenfalls von asiatischen Kriegern getragen, so etwa in einer
Darstellung im Grab des Chnumhotep I (Nr. 14) in Beni Hasan, Wreszinski, Atlas II, Taf. 8
(= Beni Hasan I, Taf. 47 oberes Register), oder als Grabbeigabe eines Kriegers in Tell el-
Dabca: M. Bietak, Avaris – The Capital of the Hyksos, London 1996, 10–21 m. Abb. 10 und
Taf. 2C+D.
86
Vgl. Wolf, Bewaffnung, 40–42 m. Taf. 4, 10–14 oder Yadin, Warfare, 174f.
87
Vgl. Wolf, Bewaffnung, 70 m. Taf. 5, 6. Ein besonders schönes Exemplar aus Theben beher-
bergt das Ägyptische Museum Berlin unter der Inv.-Nr. 2053: Priese, Museum Berlin, 156
Kat.-Nr. 95.
88
Bonnet, op. cit., 50.
89
Pharaonen und Fremde, 17–34.
Aspekte ägyptischer Waffentechnologie 201

Durchschlagskraft. Letzteres gilt auch für die Ausgestaltung der nun größten-
teils bronzenen Pfeilspitzen, die im militärischen Bereich mehr und mehr zu
Spezialgeschossen für unterschiedlichste Belange ausgeformt werden. Folge-
richtig erfahren auch die Defensivwaffen eine Bereicherung. Da die Bogen-
schützen auf den Streitwagen zusätzlich zu ihren Waffen nicht auch noch
Schilde tragen können, wird der Körperschutz ergänzt durch Helm und Pan-
zerhemd.
Gleichzeitig zum neuen Waffenkanon tritt mit den Wagenkämpfern eine
weitere militärische Abteilung neben die bis dahin allein aus Speerträgern und
Bogenschützen bestehende ägyptische Infanterie. 90 Doch wann und vor allem
wie gelangte der Streitwagen mit seiner Ausrüstung und dem daraus folgenden
Potential überhaupt an den Nil? Dazu muss ein wenig ausgeholt werden.

Exkurs – Zur Einführung des Streitwagens in Ägypten

Nach dem bisherigen Forschungsstand begann die Entwicklung des echten,


d. h. leichten, zweirädrigen Streitwagens mit Speichenrädern etwa um die
Wende des 3. zum 2. Jt. v. Chr. Wenn auch der Ort der Entstehung − kasachi-
sche Steppen oder Orient − noch immer umstritten ist, herrscht zumindest Ei-
nigkeit darüber, dass der Einzug der Bugholztechnik in den Wagenbau die
technologische Grundvoraussetzung für diese Innovation gewesen ist. 91 Nur
durch die Verwendung von künstlich unter Wasserdampf, beziehungsweise
mit Wasser und Feuer 92 , gebogenen Hölzern war die Konstruktion von Spei-
chen- anstelle von massiven Scheibenrädern und einem leichteren Wagenge-
stell möglich. Frühe Funde aus der Zeit zwischen 2000 und 1800 v. Chr. zei-
gen die ersten Ansätze für diese Leichtbauweise. Es handelt sich dabei um die
Abdrücke von Speichenrädern in einer Grabkammer im kasachischen Sin-
taschta (ähnlich ein Parallelbefund im gleichfalls kasachischen Krivoe Oze-
ro 93 ) und um die Darstellung auf Rollsiegeln, etwa aus dem zentralanatoli-
schen Kültepe. 94

90
Mit U. Hofmann, Fuhrwesen und Pferdehaltung im Alten Ägypten, Bonn 1989, 310–323 gab
es spätestens mit Beginn des Neuen Reiches eine Streitwageneinheit in der ägyptischen Ar-
mee. Allerdings braucht es fast die gesamte 18. Dynastie, bis aus dieser Einheit oder diesen
Einheiten eine stehende Streitwagentruppe wird, die sich auch durch entsprechende Funkti-
onstitel greifen lässt. Siehe dazu A. M. Gnirs, Militär und Gesellschaft. Ein Beitrag zur Sozi-
algeschichte des Neuen Reiches, SAGA 17, 1996, 1–34, bes. 19ff; ebd., 21 kann Gnirs fest-
halten: „So tritt der Offizierstitel des Wagenfahrers nicht vor der Amarnazeit auf“.
91
Moorey, in: World Archaeology 18/1, 1986, 203; S. Piggott, Wagon, Chariot and Carriage.
Symbol and Status in the History of Transport, London 1992, 42–45; M. A. Littauer/J. H.
Crouwel, The origin of the true chariot, in: P. Raulwing (Hrsg.), Mary Aiken Littauer & Joost
H. Crouwel, Selected Writings, 2002, 45–52 (= Antiquity 70, 1996, 934–939).
92
G. Killen, Wood [Technology], in: P. T. Nicholson/I. Shaw (Hrsg.), Ancient Egyptian Mate-
rials and Technology, Cambridge 2000, 356f.
93
Dazu etwa Raulwing, Horses, 58f. 86–93.
94
Raulwing, Horses, 43 Abb. 10, 1.
202 Anja Herold

Die kasachischen Befunde haben zu der Rekonstruktionen eines Einachsers


mit Mitteldeichsel geführt, der einen eckigen Wagenkasten und Räder mit
zehn Speichen hat. Laut Littauer/Crouwel war dieser „Proto-Streitwagen“ je-
doch kaum mehr als ein nur für geringe Geschwindigkeiten geeignetes Presti-
geobjekt ohne großen Nutzwert. 95 Das Rollsiegel aus Kültepe zeigt zwar eben-
falls einen Wagen mit hochrechteckiger Brüstung, macht aber mit seinen Vier-
speichenrädern bereits einen sehr viel eleganteren und vor allem leichteren
Eindruck als die kasachischen Exemplare. 96
Zunächst wurde der vorderorientalische Einachser mit zwei Zugtieren, Mit-
teldeichsel und Speichenrädern jedoch nur zögerlich weiterentwickelt und
übernommen. Entscheidend bei der Weitergabe von technischem Wissen ist ja
schließlich nicht nur der Weg, sondern auch der Bedarf. Wo keine Nachfrage
an einer Innovation besteht, wird sie gar nicht oder nur in wenigen Exempla-
ren eingeführt. Indes muss der Wagen als erfolgreich eingesetzte mobile Waf-
fenplattform aber irgendwann eine echte Nachfrage erzeugt haben; wobei im
Detail noch immer unklar ist, auf welchen Wegen der dafür notwendige Wis-
senstransfer vonstatten ging. Einig sind sich die meisten Bearbeiter dieses
Fragenkomplexes darin, dass Erbeutung, Handel oder Schenkung von Pferden
und Wagen für den Technologietransfer allein nicht ausreichen. 97 Es braucht
dazu vor allem Wissensträger, also Menschen. Für deren Transfer gibt es drei
Möglichkeiten: offizieller Austausch von Spezialisten zwischen den Herr-
scherhäusern; freie Gast- und Wanderarbeiter; Verschleppung kenntnisreicher
Kriegsgefangener. 98 Nur durch eine oder mehrere dieser Möglichkeiten ist zu
erklären, dass wir den leichten Streitwagen als mobile Plattform für Bogen-
schützen im 17. Jh. bei Amoritern, Hethitern, Hurritern und anderen vorder-
asiatischen Völkerschaften finden. 99
Folglich muss es damals in den Landstrichen des östlichen Mittelmeerrau-
mes − von Anatolien im Norden bis Palästina im Süden − Handwerker gege-
ben haben, die nicht nur die Bugholztechnik, sondern auch den Wagenbau be-
herrschten. Gleichzeitig sind Pferdezüchter sowie Trainer für Lenker und Ge-
spann von Nöten, müssen Kontrollmittel wie Nasenband oder Trense entwi-
ckelt worden sein und hergestellt werden können. 100 Für den militärischen wie
zivilen Erfolg des Wagens war demnach eine komplexe Infrastruktur mit Stäl-

95
Vgl. zu der unbeholfenen Rekonstruktion des Wagens aus Sintaschta bei Littauer/Crouwel,
Origin, 52 Abb. 3 jedoch die erheblich leichtere Rekonstruktion des Wagens aus Krivoe Oze-
ro bei Raulwing, Horses, 88 Abb. 25, 2.
96
Littauer/Crouwel, Origin, m. Abb. 1 und 3.
97
Hofmann, op. cit., 182.
98
Moorey, in: World Archaeology 18/1, 1986, 196–215; ders., The Mobility of Artisans and
Opportunities for Technology Transfer between Western Asia and Egypt in the Late Bronze
Age, in: A. J. Shortland (Hrsg.), The Social Context of Technological Change. Egypt and the
Near East, 1650–1550 BC, Oxford 2001, 1–14.
99
Moorey, in: World Archaeology 18/1, 1986, 211.
100
Hofmann, op. cit., 15–18; A. Herold, Streitwagentechnologie in der Ramses-Stadt. Bronze an
Pferd und Wagen, Forschungen in der Ramses-Stadt 2, Mainz 1999; vgl. Raulwing, Horses,
43.
Aspekte ägyptischer Waffentechnologie 203

len, Werkstätten, Trainingsanlagen und einer entsprechenden Logistik der


Vorratshaltung unabdingbar. 101
Wann genau und vor allem wie Pferd, Wagen und das dazugehörige Wissen
aber an den Nil gelangten, ist bis heute unbekannt. 102 Sehr wahrscheinlich
lernten Ägypter sowohl Tier als auch Gefährt vor der endgültigen Einführung
im eigenen Land während der Zweiten Zwischenzeit im Ausland kennen. 103
Nichts spricht jedoch dafür, dass es bereits in der 12. Dynastie zur Einfuhr von
Wagenteilen kam. 104 Jüngste Quelle dieser Fehleinschätzung ist die Überset-
zung des Wortes DHaat 105
in der Annalen-Inschrift von Pharao Amenem-
het II. (1914–1879/76 v. Chr.) aus dem Ptah-Tempel von Memphis.
Im Abschnitt „Rückkehr des Heeres aus IwAj und IAsjj“ (Asien) werden ne-
ben Äxten, Dolchen, einem dbt nt xntS („‘Kasten für das Umhergehen’ = Sänfte
oder Wagenkasten?“) und weiterem Gerät auch 60 DHaat als Beute aufgeführt,
was von den Bearbeitern der Inschrift aufgrund des Determinatives in Form
eines Kreises mit Innenaufteilung fragend mit „ob: Sechsspeichenrad?“ über-
setzt wurde. In der darauf folgenden Zeile ist das Wort nochmals belegt und
zwar in der Verbindung 8 a-n-aS-DHaat, gleichfalls tastend übersetzt mit „‘Arm
für die Kehle/Nabe(?) des Rades’ = Radachse(?)“. 106 Es war nach Auskunft
von Hartwig Altenmüller der „Kasten für das Umhergehen“, der zur fragenden
Übersetzung dieser Begriffe als Wagenteile geführt hat. 107
Das Problem dabei ist allerdings, dass die Innovationen Wagen und Spei-
chenrad zum Zeitpunkt der Textabfassung in der frühen 12. Dynastie (um
1900 v. Chr.) noch nicht einmal die Levante erreicht hatten. 108 Wie oben be-
reits ausgeführt, befinden wir uns im einsetzenden 2. Jt. v. Chr. gerade erst in
der Entwicklungsphase des echten Streitwagens. Dass zusammen mit einem

101
Moorey, in: World Archaeology 18/1, 1986, 211f; H.-G. Hüttel, Zur archäologischen Evidenz
der Pferdenutzung in der Kupfer- und Bronzezeit, in: B. Hänsel/S. Zimmer (Hrsg.), Die Indo-
germanen und das Pferd, Fs Schlerath, Budapest 1994, 203; F. Starke, Ausbildung und Trai-
ning von Streitwagenpferden, Eine hippologisch orientierte Interpretation des Kikkuli-Textes,
Wiesbaden 1995, 7.
102
Hoffmeier, in: The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt II, 2001, 411.
103
Hofmann, op. cit., 14–33; Gnirs, in: The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt II, 2001,
403; dies., Ancient Egypt, in: K. Raaflaub/N. Rosenstein (Hrsg.), War and Society in the An-
cient and Medieval Worlds. Asia, The Mediterranean, Europe, and Mesoamerica, Cam-
bridge/Mass. 1999, 82f.
104
So etwa Gnirs, ebd., 82f m. Anm. 73 nach H. Altenmüller/A. M. Moussa, in: SAK 18, 1991,
12–14. 35f. Zur Einfuhr des Wagens in der 13. Dynastie siehe beispielsweise Helck, in: JNES
37, 1978, 337–340; vgl. dazu allerdings El-Menshawy, in: GM 185, 2001, 41, die zu dem
Schluss kommt, dass es Handschuhe bereits ab der 5. Dynastie in Ägypten gab (Grab des He-
si, Saqqara) und diese insbesondere ab der Amarnazeit Teil der offiziellen Kleidervorschrif-
ten bei Hofe sind bzw. ein Zeichen der Ehrung durch den König vorstellen. Ein Zusammen-
hang mit Streitwagenfahrern, wie ihn Helck hergeleitet hat, besteht daher nicht.
105
Das Determinativ ähnelt zwar N15 der Gardiner-Sign-List, zeigt aber deutlich sechs anstelle
von fünf Strahlen im Kreis; Altenmüller/Moussa, in: SAK 18, 1991, Falttafel.
106
Altenmüller/Moussa, a.a.O., 12–14 M17 und M18.
107
Persönliche Auskunft im November 2003.
108
Vgl. Schulman, in: JSSEA 10, 1979–1980, 117f; Moorey, in: World Archaeology 18/1, 1986,
211.
204 Anja Herold

„Kasten für das Umhertragen“ immerhin 60 Räder und acht Achsen importiert
worden sein sollen, gerät dabei zur Nebensache.
Betrachten wir darüber hinaus die Anzahl der Speichen in den frühen klein-
asiatischen Bildbelegen, wie etwa auf dem Rollsiegel aus Kültepe, dann
kommen wir auf die Zahl vier. Auch die bisher frühesten ägyptischen Darstel-
lungen von Pferd und Wagen aus dem Tempel des Ahmose in Abydos-Süd
zeigen Räder mit vier Speichen. 109 Und ebenso verhält es sich mit den vier
dreidimensionalen Rädern am Barken-Wagen aus dem Grab der Ahhotep. 110
Die kleinasiatisch-vorderorientalischen Wagen scheinen also zunächst Räder
mit vier Speichen besessen zu haben, nicht sechs. Die Übersetzung des Beg-
riffs DHaat mit „Sechsspeichenrad“ ist daher zu verwerfen, zumal, und dies sei
nur am Rande erwähnt, die Übersetzung selbst mehrfach belegter Streitwagen-
termini noch immer mit größten Problemen behaftet ist, was Hartwig Alten-
müller und Ahmed Moussa auch deutlich niedergelegt haben. 111
Eine anhaltende Einfuhr von Pferd und Wagen in Ägypten erfolgte nach
derzeitigem Wissensstand während der Hyksoszeit (1648/45–1539/36 v. Chr.),
wobei die meisten Forscher dabei von einer Vermittlerrolle der Fremdherr-
scher aus dem syro-palästinensischen Großraum ausgehen. 112 Für Ian Shaw
hingegen sind die Hyksos eher Blockierer denn Vermittler gewesen. 113 Er ver-
tritt die Ansicht, dass erst nach der Vertreibung der fremden Pharaonen der
Weg zu den materiellen wie personellen Ressourcen des Wagen- und Waffen-
baus in der Levante offen gestanden habe. Allerdings konnte Daniel Polz an-
schaulich darlegen, dass die Ägypter der 17. Dynastie in Theben und Deir el-
Ballas zu keiner Zeit wirklich von der Levante abgeschottet waren 114 ; auch

109
Harvey, in: EA 4, 1994, 5; I. Shaw (Hrsg.), The Oxford History of Ancient Egypt, Oxford
2000, 213 Abb.
110
Saleh/Sourouzian, op. cit., Nr. 123. Der vielzitierte Wagen zum Sargtransport in einer Dar-
stellung aus dem Grab des Sobeknacht in El-Kab aus der 13. bzw. nach Spalinger, in: JSSEA
11, 1981, 49 Anm. 26 aus der 17. Dynastie, spielt hier keine Rolle, da er Scheibenräder hat:
Helck, in: LÄ V, 76f m. Anm. 2.
111
Altenmüller/Moussa, in: SAK 18, 1991, 35f. Zur Streitwagenterminologie siehe Schulman,
in: JSSEA 16, 1986, 19–35 und 39–49. Zur Problematik und einigen neuen Übersetzungsvor-
schlägen auch A. Herold, Streitwagentechnologie in der Ramses-Stadt. Knäufe, Knöpfe und
Scheiben aus Stein, Forschungen in der Ramses-Stadt 3, Mainz 2006, Exkurs – Gibt es ein
altägyptisches Wort für Jochgabelknauf?, sowie T. Schneider, Fremdwörter in der ägypti-
schen Militärsprache des Neuen Reiches und ein Bravourstück des Elitesoldaten (Pap. Ana-
stasi I 23, 2–7), in: U. Hofmann, Fuhrwesen und Pferdehaltung im Alten Ägypten, 2.
überarb. und erweit. Aufl., Handbook of Oriental Studies. Section 1: The Near and
Middle East, 84, Leiden, Boston 2008 (in Dr.vorb.). Dennoch hat die Übersetzung DHaat
als „(Sechs-) Speichenrad“ auch Eingang in Hannig, HWB, 1014 gehalten.
112
Schulman, in: JSSEA 10, 1979–1980, 105–153; Littauer/Crouwel, Chariots, 96f; Hofmann,
op. cit., 16f; Pharaonen und Fremde, 54f.
113
I. Shaw, Egyptians, Hyksos and Military Technology: Causes, Effects or Catalysts?, in: A. J.
Shortland (Hrsg.), The Social Context of Technological Change, Egypt and the Near East,
1650–1550 BC, Oxford 2001, 69.
114
D. Polz, Theben und Avaris. Zur „Vertreibung“ der Hyksos, in: H. Guksch/D. Polz (Hrsg.),
Stationen. Beiträge zur Kulturgeschichte Ägyptens. Fs Stadelmann, Mainz 1998, 219–231,
bes. 229f.
Aspekte ägyptischer Waffentechnologie 205

nicht als der Expansionskrieg der 17. Dynastie (1645–1550 v. Chr.) nach Nor-
den spätestens mit Seqenenre begann. Nach der hier verwendeten Chronologie
wurde der thebanische Herrscher etwa 1556 v. Chr. im Kampf erschlagen. 115
Mindestens zwei der Wunden im Schädel des Königs stammen eindeutig von
asiatischen Meißeläxten. Und Seqenenre stand erhöht, als ihn der erste Hieb
traf; vielleicht auf einem Streitwagen. 116 Folgen wir Gardiner, dann können
wir die erste Erwähnung von Pferdegespannen in Ägypten in der Regierungs-
zeit von Kamose belegen (etwa 1556–1550 v. Chr.). 117 Die erste gesicherte
Erwähnung von Streitwagen findet sich dann in Texten aus der Zeit von Ah-
mose (1550–1525 v. Chr.), dem Bezwinger der Hyksos und Begründer des
Neuen Reiches. 118 Gleichzeitig häufen sich die Belege für Skelettfunde von
Pferden aus der ausgehenden Hyksoszeit und dem frühen Neuen Reich. 119 Be-
denken wir weiterhin, dass die Herrscher der 17. Dynastie mit Sicherheit nicht
ohne versierte Stellmacher in den Kampf gegen die Hyksos gezogen sind,
müssen zuvor neben Pferden, Wagenlenkern und Bogenschützen auch Hand-
werker ausgebildet worden sein. All diese Vorbereitungen verschlingen Jahre.
So scheint mir ein Datum der Einführung von Pferd und Wagen in den ersten
Jahrzehnten des 16. Jhs. v. Chr., also etwa in der Mitte der Hyksoszeit, immer
wahrscheinlicher.
So waren die Hyksos Vermittler oder besser Anlassgeber für die Verände-
rung des ägyptischen Waffenkanons, auch wenn sie während des Krieges ge-
gen die Ägypter sicher deren wirtschaftliche und politische Beziehungen in
die Levante zu stören gesucht haben werden. Allerdings hätten derartige Blo-
ckaden die Thebaner kaum in ihrem Handel mit dem Mittelmeerraum beein-
trächtigt, da sie in Oberägypten wirtschaftlich nahezu eigenständig waren und
ihre Kontakte nach Vorderasien an den Hyksos vorbei über Wüstenwege an
das Rote Meer und von dort per Schiff aufrecht erhalten konnten. 120
Indes war es nicht die Technik des Holzbiegens oder der Lederverarbei-
tung, die vor rund 3600 Jahren mit Geheimnisträgern an den Nil gelangte.
Beides beherrschten ägyptische Handwerker seit Jahrhunderten. 121 Es war die
Kenntnis davon, wie man aus gebogenen Hölzern, Leder, Klebstoffen, rohen
Tierhäuten, ein wenig Metall und Stein einen leichten, flexiblen und dennoch
bruchresistenten Wagen konstruierte (Herold Abb. 4+5). 122 Es war das Wissen
darum, wie man zwei Pferde dazu brachte, mit diesem Gefährt sicher Ge-

115
J. von Beckerath, Chronologie des pharaonischen Ägypten. Die Zeitbestimmung der ägypti-
schen Geschichte von der Vorzeit bis 332 v. Chr, MÄS 46, 1997.
116
Bietak/Strouhal, op. cit.; Pharaonen und Fremde, 28.
117
Gardiner, in: JEA 3, 1916, 106f.
118
Malek, in: JEA 75, 1989, 71–73.
119
von den Driesch/Peters, in: Ä&L 11, 2001, 301–311; Herold, Funde und Funktionen.
120
Polz, op. cit., 229f.
121
Shaw, Hyksos; Killen, op. cit., 356f; C. van Driel-Murray, Leatherwork and skin products, in:
P. T. Nicholson/I. Shaw (Hrsg.), Ancient Egyptian Materials and Technology, Cambridge
2000, 307–312; Hofmann, op. cit., 16. 182.
122
Zur Wagentechnologie ausführlich: Herold, Knäufe, Knöpfe und Scheiben aus Stein, Anhang:
Mit Feuer und Wasser – Zum Nachbau eines altägyptischen Streitwagens.
206 Anja Herold

schwindigkeiten um die 30 oder 40 Stundenkilometer zu erreichen und dem


Wagenlenker auf den kleinsten Wink hin zu gehorchen. 123 Es war auch das
Wissen davon, wie man die neuen Waffen des Wagenkriegers herstellte und
wie man damit kämpfte.
Am durchschlagendsten von allen neuen Waffen − im wahrsten Sinne −
war der orientalische Kompositbogen, dessen komplizierte Bauweise vermut-
lich gleichzeitig mit der des Streitwagens in Ägypten bekannt wurde. 124 Zu-
mindest stammt ein früher, wenn nicht sogar der früheste ägyptische Beleg ei-
nes solchen Bogens aus einem Grab der 17. Dynastie in der Nähe des Taltem-
pels von Deir el-Bahari. 125
Seit mindestens 12000 v. Chr. hatten Menschen am Nil mit Pfeil und Bogen
gejagt und/oder Krieg geführt. 126 Dabei wird vorwiegend der einfache Holz-
bogen zum Einsatz gekommen sein 127 , der aus nicht mehr bestand als einem
leicht gebogenen Stock mit rundem Querschnitt, entstanden aus „der Beobach-
tung eines Naturgesetzes, des Gesetzes von der Schnellkraft elastischer Kör-
per“. 128 Doch in der Elastizität lag auch die Schwäche des Bogen, ging sie dem
Holz verloren, hatte der Bogen seine Schnellkraft eingebüßt. Daher gab es
schon früh Bestrebungen, die Schnellkraft der Waffe durch Umwicklungen
und Verstärkungen mit Bändern aus Horn oder Tiersehnen länger zu erhalten.
Eine dieser Maßnahmen war auch, dass der einfache Bogen erst kurz vor dem
Kampf gespannt wurde 129 , wie es etliche Szenen in den Gräbern von Beni Ha-
san zeigen. 130
Die Herstellung des einfachen Bogens war nicht sehr aufwändig, eine ent-
sprechende Auswahl an geeigneten Hölzern vorausgesetzt. 131 Für einen Holz-

123
Starke, op. cit.
124
Moorey, in: World Archaeology 18/1, 1986, 208–210; McLeod, in: AJA 62, 1958, 397. Die
ursprüngliche Heimat der „Entwicklung Kompositbogen“ dürfte aber nicht im syro-
palästinensischen Großraum, sondern eher im Zweistromland gelegen haben, dazu
Miller/McEwen/Bergman, in: World Archaeology 18/2, 1986, 182f.
125
McLeod, in: AJA 66, 1962, 15f.
126
Zum Nachweis der Kulturtechnik „Pfeil und Bogen“ im Bereich des späteren Pharaonenlan-
des seit etwa 12000 v. Chr. siehe Hoffmeier, in: The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt
II, 2001, 409; Hikade, in: MDAIK 57, 2001, 112; Korfmann, op. cit., passim.
127
Der frühzeitliche „Hornbogen“ aus oben und unten an einen Holzgriff montierten Antilopen-
hörnern sei hier ausgelassen; siehe dazu etwa Wolf, Bewaffnung, 14–16; Bonnet, op. cit.,
146–149; Shaw, Warfare, 37. Sein Nutzwert ist vielfach bezweifelt worden, doch hat G. Rau-
sing, The Bow. Some Notes on its Origin and Development, Acta Archaeologica Lundensia,
1967, 70 m. Abb. 32 und 76f beschrieben, dass ein Bogen aus Oryx-Hörnern dann sinnvoll
gespannt werden kann, wenn die Hörner zu einem flach ovalen Querschnitt abgeschliffen
worden sind. Ein derartiges Bogenfragment sei im Ägyptischen Museum zu Berlin erhalten
geblieben. Siehe dazu Wolf, a. a. O., 15 m. Taf. 16, 4.
128
Bonnet, op. cit., 118.
129
Bonnet, a. a. O., 119; Miller et al., in: World Archaeology 18/2, 1986, 181f.
130
Beni Hasan II, Taf. 5 und 15; Beni Hasan I, Taf. 14 und 47; ebenso Decker/Herb, op. cit., Taf.
78f G21 und G30.
131
Western/McLeod, in: JEA 81, 1995, 88–90 konnten für ägyptische Bogen Hölzer von Akazie,
Ziziphus species und Tamariske nachweisen. Die Holzarten der 14 einfachen Bogen aus dem
Grab des Tutanchamun wurden nicht bestimmt: McLeod, Self bows, 52.
Aspekte ägyptischer Waffentechnologie 207

bogen reichte ein Stock, der zunächst grob mit dem Dechsel geglättet wurde.
Anschließend erfolgte ein Erhitzen über Wasserdampf und die Formgebung
als Kreisabschnitt oder gerader Stab mit eingezogenen Enden. Nach dem
Trocknen, festgezurrt in oder an einer Form, erhielten die Enden kleine Ker-
ben (Nocken) zum Anbinden der Bogensehne aus gedrehten Pflanzenfasern
oder Tiersehne. Zum Abschluss folgte die Grob- und Feinpolitur. 132
Die Normalmaße für den ungespannten einfachen Bogen liegen zwischen
etwa 120 bis 180 Zentimeter. 133 Damit konnten Ziele in 80 bis 100 Meter Ent-
fernung treffgenau erreicht werden. 134 Je kürzer allerdings die Entfernung zum
Ziel, desto höher die Durchschlagskraft der Pfeilspitze, die meist darauf aus-
gelegt war, dem Opfer stark blutende Wunden beizubringen. Aus diesem
Grund erscheint der militärische Kampf mit Pfeil und Bogen nur dann sinn-
voll, wenn die Bogenschützen durch Nahkämpfer unterstützt werden, die
schließlich die Verwundeten mit Speer oder Streitaxt töten. 135 Auf eine derar-
tige Praxis deutet auch die berühmte Passage des Duells in der Geschichte des
Sinuhe, wo der Protagonist seinen Gegner erst mit Pfeil und Bogen kampfun-
fähig macht und anschließend mit der Streitaxt niederstreckt. 136
Ob auch die Wunden einiger Soldaten der sogenannten Armee von Mentu-
hotep Nebhepetre II. (2046–1995 v. Chr.) im Massengrab von Deir el-Bahari
auf diese Kampfpraxis hindeuten, muss offen bleiben. Auffällig ist allerdings,
dass einige Wunden den Kämpfern deutlich in senkrechtem Stoß von oben
beigefügt worden sind und zwar erst, als diese bereits von Pfeilen getroffen
am Boden lagen. Ob es sich dabei um Pfeil-, wie Winlock meint, oder Speer-
wunden handelt, kann letztlich kaum entschieden werden. 137
Bis in die Zweite Zwischenzeit bleibt die Ausstattung der Bogenschützen
nahezu unverändert; mit Ausnahme des Gebrauchs von Handgelenkschützern
seit der Ersten Zwischenzeit 138 und dem Einzug von zunächst Kupfer und ab
dem Neuen Reich verstärkt Bronze in die Herstellung von Pfeilspitzen. Dabei
werden Steinpfeilspitzen mindestens bis zum Ende des Neuen Reiches neben
den Metallprojektilen weiterverwendet. 139 Die Konstruktion des Pfeils hinge-
gen unterlag kaum Moden. Er war meist zwischen 70 und 90 Zentimeter lang
und bestand aus einem geraden Schilfrohr mit einer Befiederung am Ende zur
132
McLeod, Self bows, 51. Zum Biegen von Bogen über Wasserdampf siehe die Darstellung im
Grab des Amenemhet aus der Zeit Sesostris’ I. (1956–1911/10 v. Chr.) in Beni Hasan, Grab
Nr. 2: Beni Hasan I, Taf. 11 und Killen, op. cit., 356f m. Abb. 15.20. Zur Bogensehne und de-
ren Anbringung am einfachen Bogen Hoffmeier, in: SSEA Newsletter VI/3, 1976, 6–11.
133
McLeod, Self bows, 51f; Wolf, Bewaffnung, 47 gibt Längen zwischen 130 und 170 Zentime-
ter an.
134
Hikade, in: MDAIK 57, 2001, 109.
135
Miller et al., in: World Archaeology 18/2, 1986, 181f.
136
Lichtheim, Literature I, 228. Die gesamte Passage ist in der Übersetzung allerdings mehr als
problematisch, siehe dazu vor allem Behrens, in: GM 44, 1981, 7–11 und Goedicke, in: JAR-
CE 21, 1984, 197–201 sowie weitere Arbeiten in Decker/Förster, op. cit., 95–97.
137
Winlock, Slain Soldiers, 13f; vgl. dazu auch Vogel, in: JEA 89, 2003, 239–245.
138
Müller, Armreif, 19; vgl. Winlock, a. a. O., 10. Letztere tragen lederne Handgelenkschützer,
deren Typ nach Müller, a.a.O., 16f aus Vorderasien übernommen worden sein könnte.
139
Hikade, in: MDAIK 57, 2001, 109–125.
208 Anja Herold

Stabilisierung der Flugbahn. 140 Die Spitze aus Holz, Bein, Stein oder Metall
konnte direkt in den Rohrschaft, oder einen sogenannten Vorschaft aus Holz
eingesetzt werden. Letzterer diente der Balance eines ansonsten zu leichten
Pfeils und wurde offensichtlich aus Tischlerabschnitten gefertigt. Nur so ist zu
erklären, dass sich unter den analysierten Vorschäften hochwertige und vor al-
lem ausländische Holzarten finden, etwa Esche, Buchsbaum, Ebenholz, Eiche
oder Pinie. 141 Dieser Befund deckt sich auf willkommene Weise mit den Dar-
stellungen der Bogen- und Pfeilmacher in den Privatgräbern des Neuen Rei-
ches. Sie sind in ihrer Tätigkeit häufig zusammen mit Stellmachern abgebildet
worden, die für den Wagenbau auf hochwertige Hölzer aus dem Ausland an-
gewiesen waren (Herold Abb. 4). Einen kürzeren hölzernen oder beinernen
Einsatz konnte der Pfeilschaft zusätzlich am hinteren Ende erhalten. Mit ei-
nem Schlitz zum Einlegen in die Bogensehne versehen, verhinderte dieser
kurze Einsatz das Aufsplittern des Schaftes während des Ziel- und Schussvor-
gangs. 142
Pfeilspitzen sind nicht nur in den unterschiedlichsten Materialien, sondern
auch Formen belegt. Sie können einfach langgestreckt zugespitzt sein, aber
auch kurz und keilförmig oder als „Querschneider“ 143 mit einer Breitseite vor-
an gearbeitet werden. Sie können rückwärtige, bei bronzenen Exemplaren so-
gar bewegliche Widerhaken und zusätzliche Zahnungen erhalten (Herold Abb.
6, 5+6). Insbesondere im Neuen Reich wurden Pfeilspitzen für verschiedenste
Einsatzfelder produziert. Vorne abgeflachte Spitzen dienten dem Vogelfang. 144
Aufwändig gestaltete Metallspitzen mit beweglichen Widerhaken und Dornen
verkeilten sich im getroffenen Körper von Mensch oder Tier, schwere Bolzen-
geschosse durchschlugen selbst Bronzepanzer (Herold Abb. 6, 5+7). Es wur-
den sogar Projektile mit aufgelegten Blechen entwickelt, die sich beim Auf-
prall in das Fleisch des Getroffenen aufspreizten. Und dies ist nur ein Aus-
schnitt an Geschossspitzen aus unterschiedlichsten Materialien, die in den
Schichten der 19./20. Dynastie des Streitwagenübungsplatzes mit angeglieder-
ten Ausrüstungswerkstätten in der Hauptstadt der Ramessidenzeit (1292–
1070/69 v. Chr.), Qantir/Piramesse, gefunden worden sind. 145
Der Befund steht im Einklang mit der gängigen Praxis militärischer Bogen-
schützen, die normalerweise immer unterschiedliche Pfeilarten in ihren Kö-
chern trugen, etwa schwere Pfeile für kurze Distanzen und um Panzerhemden
zu durchschlagen, oder leichte Pfeile mit größerer Reichweite, um Feinde
140
McLeod, Self bows, 55–58.
141
Western/McLeod, op. cit., 90–93.
142
McLeod, Self bows, 54f; Miller et al., in: World Archaeology 18/2, 1986, 188f.
143
Hikade, in: MDAIK 57, 2001, 112–114.
144
Hoffmeier, in: The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt II, 2001, 409 „while others (Pfeil-
spitzen, die Verf.) flared to a blunted tip; the latter was apparently used for hunting fowl”.
Siehe auch McLeod, Self bows, 59 (3).
145
E. B. Pusch, „Pi-Ramesse-geliebt-von-Amun, Hauptquartier Deiner Streitwagentruppen“.
Ägypter und Hethiter in der Delta-Residenz der Ramessiden, in: A. Eggebrecht (Hrsg.), Peli-
zaeus-Museum Hildesheim. Die Ägyptische Sammlung, Mainz 1993, 133–135 m. Abb. 132–
134; ders., in: Pharao siegt immer, 253–258.
Aspekte ägyptischer Waffentechnologie 209

noch auf der Flucht zu treffen. 146 Sieben verschiedene Arten von Pfeilspitzen
fanden sich allein im Grab des Tutanchamun. 147 Welche Sorgfalt die Pfeilma-
cher bei der Herstellung dieser Geschosse walten ließen, zeigt sich in den ent-
sprechenden Handwerkerszenen (Herold Abb. 4, oben rechts).
Der mit rund 120 bis 140 Zentimeter etwas kleiner als der einfache Bogen
ausfallende Kompositbogen ist selbst im Vergleich zum aus Bugholz gefertig-
ten Streitwagen ein handwerkliches Meisterstück. 148 Er besteht aus einem
Holzkern mit mehreren Auflagen aus gespleißten Tiersehnen und Horn sowie
einer abschließenden Umwicklung (Herold Abb. 7). Herstellung und Aushär-
tung nehmen mindestens ein Jahr Zeit in Anspruch. 149 Für seine Konstruktion
sind die mechanischen Eigenschaften von Sehne und Horn perfekt ausgenutzt
worden. So ist Sehne extrem streckfähig, Horn hingegen gut zu stauchen. 150
Beide Materialien sind meist einander gegenüberliegend auf einem Holzkern
angebracht worden, und zwar die Sehne am Rücken (die dem Bogenschützen
abgewandte, zu dehnende Seite) und das Horn am Bauch (die dem Bogen-
schützen zugewandte, zu stauchende Seite). 151 Das Holz spielte dabei keine
Rolle. Es musste sich nur gut mit Horn und Sehne verkleben lassen, also mög-
lichst saugfähig und harzfrei sein. Den Abschluss der Konstruktion bildete ei-
ne Umwicklung aus Baumbast, etwa Birke aber auch Kirsche. 152
Der Vorteil des Kompositbogens lag in der optimalen Speicherung und Ab-
gabe der Zugenergie, also einer größeren Reichweite. Mit etwa 160 bis 175
Metern 153 übertraf der zusammengesetzte den einfachen Bogen im punktge-
nauen Schuss um etwa 80 Meter. Das entspricht großzügig der Formel, dass
ein Kompositbogen etwa die doppelte Energie freisetzt wie ein einfacher Bo-
gen mit gleichem Zuggewicht. In die Praxis übersetzt konnte man nun also mit
einem normalen Projektil doppelt so weit schießen, oder einen schwereren
Pfeilbolzen auf kürzerer Entfernung mit größerer Wucht durch ein Panzer-
hemd jagen. 154 Zusammen mit dem Streitwagen bereicherte der Kompositbo-

146
Miller et al., in: World Archaeology 18/2, 1986, 189f.
147
McLeod, Self bows, 58f m. Taf. 4+5.
148
McLeod, Composite bows, 30; ders., in: AJA 66, 1962, 18.
149
Miller et al., in: World Archaeology 18/2, 1986, 183f; McLeod, in: AJA 62, 1958, 400 spricht
sogar von fünf bis zehn Jahren, bis der Bogen eingesetzt werden kann. Ähnlich äußert sich
auch Lukas Novotny, Bogenbauer in Grand Rapids, Ohio, der seit Jahren alte Waffen nach-
baut. Er verwendet für seine Kompositbogen zerfaserte Achillessehnen von Rindern, Horn
vom Wasserbüffel und Hautleim (engl. hide glue). Nach der Fertigstellung eines Bogen er-
klärte Novotny jüngst einer Journalistin: „Then you leave it in that form for about a year, mi-
nimum. You see, hide glue only reaches its full strength after 10 years” (L. Lawrence, in:
Saudi Aramco World, September/October 2003, 8). Für diesen Hinweis und die Kopie des
Artikels danke ich Wolfgang Zwickel, Mainz, sehr herzlich.
150
Miller et al., in: World Archaeology 18/2, 1986, 183.
151
McLeod, Composite bows, 31–33; für weitere Varianten ders., in: AJA 66, 1962, 18.
152
McLeod, in: AJA 62, 1958, 400; siehe dazu den modernen Nachbau alter Kompositbogen bei
Lawrence, op. cit.
153
Hoffmeier, in: The Oxford Encyclopedia of Ancient Egypt II, 2001, 409; McLeod, Composite
bows, 37 gibt vage 175 bis 260 Meter an.
154
Miller et al., in: World Archaeology 18/2, 1986, 187.
210 Anja Herold

gen die alte Kampftaktik der ägyptischen Fußtruppen nun um die Elemente
Distanz und Mobilität, blieb jedoch wegen seiner aufwändigen Herstellung
und seiner Anfälligkeit gegen Feuchtigkeit wie auch der Wagen an sich ver-
mutlich stets nur einem bestimmten Personenkreis vorbehalten. 155
Beliebteste Schlagwaffe für den Nahkampf bleibt zunächst die Streitaxt,
obwohl selbst einfache Knüppel nach wie vor zu belegen sind. 156 Allerdings
sind mit dem Beginn der Zweiten Zwischenzeit nahezu alle bekannten runden
Klingenformen zu Gunsten einer langrechteckigen Klinge mit mehr oder min-
der konkav eingezogenen Seiten, konvexer Schneide und Fortsätzen am Rü-
cken zur Einbindung in den geschlitzten Schaft verschwunden (Herold Abb. 2,
8). 157 Das wohl berühmteste Exemplar dieses Typs ist die Prunkaxt des Ahmo-
se (1550–1525 v. Chr.). 158 Warum sich die neue Form durchsetzte, ist nach
wie vor offen. Ein Grund könnte sein, dass die schmale, langgestreckte Axt-
klinge besser zum Durchschlagen von Panzerungen geeignet war als die run-
den Formen. 159
Auch der Dolch tritt nach wie vor als Nahkampfwaffe auf. Er wird etwa auf
der bemalten Truhe des Tutanchamun mehrfach im Zweikampf von Ägyptern
gegen Nubier geführt. 160 Allerdings hat sich der im Gegensatz zum zusam-
mengesetzten Dolch mit angehefteter Klinge weitaus stabilere, einteilig gegos-
sene Dolch (Petschel Typ VII) gegenüber den anderen Formen bald durchge-
setzt. 161 Einteilig gegossene Leistengriffdolche mit in Holz eingelegten, langen
schmalen Griffschalen sind eine Neuerung aus Vorderasien, die ab der 15.
Dynastie in Ägypten belegbar ist. 162 Mit ihnen, so Petschel, „ist die Funktions-
spanne der Dolche von der Stich- zur Hieb- und Stichwaffe erweitert“.
Gleichzeitig ist damit die Entwicklungslinie zum geraden Schwert vorge-
zeichnet (Herold Abb. 3, 6+7). Bereits in der frühen 18. Dynastie kommen
Kurzschwerter mit Längen über 40 Zentimeter auf, etwa ein 52 Zentimeter
langes Exemplar aus Theben, das sich heute in New York befindet. 163 Der

155
Wolf, Bewaffnung, 85.
156
Siehe oben Anm. 52.
157
Davies, Axes, 23. Der erste Darstellungsbeleg stammt aus der späten 12. Dynastie, ebd., 48.
158
Kairo, Ägyptisches Museum, CG 52645: Saleh/Sourouzian, op. cit., Kat.-Nr. 121.
159
Davies, Axes, 23; Yadin, Warfare, 59f.
160
Kairo, Ägyptisches Museum, JdE 61467: Schulz/Seidel, op. cit., 240 Abb. 179.
161
Wolf, Bewaffnung, 70f m. Taf. 5, 4+5.
162
Petschel, op. cit. Siehe etwa den Dolch des Nehemen aus der Bestattung des Aabdu in Saqqa-
ra aus der Zeit des Hyksoskönigs Apophis: Kairo, Ägyptisches Museum, CG 52768; dazu:
Pharaonen und Fremde, 155 Kat.-Nr. 132 (ohne Abbildung). Siehe auch das 30,8 Zentimeter
lange „Kurzschwert“ aus dem Waffenfund von Balata-Sichem (München, Ägyptisches Mu-
seum, ÄS 2912) aus der Zeit um die Mitte bis zum Ende des 17. Jhs. v. Chr.; dazu: Pharaonen
und Fremde, 130 Kat.-Nr. 78 und Müller, Waffenfund, 61–67. Siehe auch den einteilig ge-
gossenen Prunkdolch des Djehuti, hoher Militär- und Verwaltungsbeamter unter Thutmosis
III. (1479–1425 v. Chr.), Darmstadt, Hessisches Landesmuseum, Inv.-Nr. Ae: I, 6: Aufstieg
zur Weltmacht, 120f Kat.-Nr. 21.
163
New York, MMA, Inv.-Nr. 16.10.453: Pharaonen und Fremde, 269 Kat.-Nr. 375.
Aspekte ägyptischer Waffentechnologie 211

Schritt zum echten Langschwert mit Längen von um bzw. über 70 Zentime-
tern aber wird bis in die späte 19. Dynastie hinein nicht gemacht. 164
Die wohl augenfälligste Neuerung im Nahkampfsortiment des ägyptischen
Kriegers bleibt allerdings noch vorzustellen: das Sichelschwert. 165 Es kann
zwar seit dem Mittleren Reich in Ägypten belegt werden (Herold Abb. 8, 1) 166 ,
ist jedoch erst ab der Zweiten Zwischenzeit verstärkt verwendet worden. Der
früheste eindeutige Darstellungsbeleg stammt aus der Regierungszeit der Hat-
schepsut (1479–1458/57 v Chr.). 167 Nach Müller hat die metallene Waffe ihren
Ursprung wahrscheinlich in Afghanistan, lieh die Sichelform in Mesopota-
mien und die technische Vollendung in den Schmieden zu Byblos. 168 Kurz ge-
sagt, das Sichelschwert entstammt der Verbindung aus mesopotamischem
Krummholz und vorderasiatischen Beilklingen. 169 Es handelt sich also um eine
„beilartige Schlagwaffe“ (Müller) zum Hieb und nicht etwa auch um eine
Stichwaffe, wie es der Namensteil „Schwert“ vermuten lassen könnte.
Wie die Dolche zeigen auch die Sichelschwerter zunächst einen angesetzten
Griff, doch sind ab der Hyksoszeit ebenso einteilig gegossene Exemplare be-
legbar (Herold Abb. 8, 2). 170 Erst durch diese technologische Verbesserung ist
eine uneingeschränkte Nutzung des Sichelschwertes als Hiebwaffe möglich.
Alle für den Kampf gefertigten Exemplare in der zweiten Hälfte des 2. Jts.
v. Chr. sind in einem Stück gegossen worden, vermutlich in einer zweiteiligen
Form. 171 Ähnlich den Leistengriffdolchen tragen die Griffschalen der Sichel-
schwerter Einlagen aus Holz. Bis mindestens Ramses III. (1183/82–1152/51
v. Chr.) bleibt das Sichelschwert die einzige echte Hiebwaffe des ägyptischen
Soldaten und gehört zu dessen Standardausrüstung. 172

164
Drews, op. cit., 201; so auch Sandars, in: AJA 67, 1963, 142f.
165
Es wird hier der Terminus Sichelschwert beibehalten, obwohl die Schneide – im Gegensatz
zur Sichel – an der Außen- und nicht der Innenkante sitzt, siehe dazu Müller, Waffenfund,
108: „Eigenformen des Sichelschwertes sind eine gebogene Klinge, die nur an einer, ihrer
konvexen Seite geschärft und mit einem abgeflachten konkaven Rücken versehen ist, und mit
einem etwas nach vorn gebogenen oder geraden Stiel, dessen beide Außenkanten abgeflacht
sind, in einem Stück gegossen ist“. Falsch hingegen Hoffmeier, in: The Oxford Encyclopedia
of Ancient Egypt II, 2001, 408 s. v. Sickle swords: „whereas the cutting edge of the xpS is on
the inside of the C-shaped blade”.
166
Sichelschwert aus der Sammlung Elie Borowski (Jerusalem, Bible Lands Museum) aus der
Nekropole von Abydos: Müller, Waffenfund, 124–127.
167
Müller, a. a. O., 137f m. Taf. 15a.
168
Müller, in: Fs Jürgen von Beckerath, HÄB 30, 1990, 215.
169
Pharaonen und Fremde, 129 zu Kat.-Nr. 75 sowie Müller, Waffenfund, 109–111.
170
Siehe etwa das Sichelschwert aus „Qantir“ (München, Ägyptisches Museum, ÄS 5557), das
von Müller, a. a. O., 131f in die Zeit um 1600 v. Chr. datiert wird.
171
Müller, a. a. O., 132f.
172
Siehe etwa die Sichelschwerter in der Waffenausgabe zur Seevölkerschlacht in Medinet Habu
in Wreszinski, Atlas II, Taf. 110f mit S. C. Heinz, Die Feldzugsdarstellungen des Neuen Rei-
ches. Eine Bildanalyse, Wien 2001, 63f. 305; oder die Waffenkammer im Grab Ramses’ III.
bei Champollion=le=Jeune, Monuments de l’Égypte et de la Nubie, Tafelband 3, Paris 1845,
Taf. 262–264; PM I/2 522 (20). Bonnet, op. cit., 94: „Im militärischen Gebrauch scheint es
sich über das zweite Jahrtausend hinab nicht erhalten zu haben.“
212 Anja Herold

Mit der Modernisierung des ägyptischen Angriffswaffensektors geht als na-


türliche Reaktion auch eine Änderung der Defensivwaffen einher. Der Schild
des Alten bis Mittleren Reiches zeigte einen hochrechteckigen Umriss, der in
der Ersten Zwischenzeit nach oben hin fallweise in einen Spitz-, dann aber
meist in einen Rundbogen ausläuft (Herold Abb. 9, 2+3). In dem Modell der
Speerkämpfer aus dem Grab des Mesehti 173 sind die Rahmen der Schilde mit
Rinderfellen unterschiedlicher Zeichnung bespannt, was bedeutet, dass die
Tierhaut nicht von ihrer Haarschicht befreit worden ist. 174 Die Angabe von
Lederschnüren zeigt darüber hinaus an, dass die Felle auf offene Holzrahmen
aufgenäht worden sind. Deren einzige Verstrebung musste den Handgriff hal-
ten. Dieser sitzt bei den Modellschilden aus dem Grab des Mesehti im oberen
Drittel. Original erhaltene Schildgriffe schützen die Hand des Schildträgers
nach vorne allein durch eine Holzscheibe. 175 Vermutlich reichte die gegerbte
steife, aber stets noch behaarte Rinderhaut aus, um Speere, Dolche oder Pfeile
abzuwehren. 176 Darstellungen von Soldaten mit Schilden zeigen entweder kur-
ze, den Oberkörper schützende oder mannshohe Exemplare. Zum Neuen
Reich hin wird die Form erneut geändert, sie gleicht nun einem Daumennagel:
oben rund, die Seiten nach unten hin mehr oder minder einscherend, die untere
Kante gerade (Herold Abb. 9, 4). 177
Andere Schildformen werden in Ägypten nur von Ausländern getragen, so
etwa der Rundschild der Scherden in Diensten Ramses’ II. (1279–1213
v. Chr.). 178 Der erste Beleg für diese Form findet sich in einer Darstellung am
1. Pylon des Luxor-Tempels, die in lebhaften Bildern die Erstürmung der Fes-
tung Dapur zeigt (Beitrag Müller in diesem Band Abb. 18). 179 Auch bei den
Rundschilden handelt es sich wohl um eine Lederkonstruktion, möglicherwei-
se über einem Holzkern oder Flechtwerk 180 , wobei der Griff in der Mitte des
Schildes angebracht ist. Funde von Treibmodeln für Schildbeschläge aus der
Ramses-Stadt sowie einige ägyptische Textbelege sprechen eindeutig für die
Verwendung von Umrandungen und Schildbuckeln aus Metall. 181 Interessan-
terweise handelt es sich bei den Modeln aber um Vorlagen für den hethiti-
schen Achterschild und den gleichfalls wohl anatolischen Trapezschild, wie

173
Siehe oben Anm. 71.
174
Vgl. Borchhardt, Schildformen, 9.
175
Einen derartigen Schildgriff unbekannter Herkunft aus der 11./12. Dynastie beherbergt etwa
das Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim unter der Inv.-Nr. 6096.
176
Vgl. dazu die nubischen Fellschilde der Neuzeit ohne jegliche Holzkonstruktion: Borchhardt,
Schildformen, 8f.
177
Wolf, Bewaffnung, 76f; Yadin, Warfare, 202f; acht derartige Schilde fanden sich etwa im
Grab des Tutanchamun: Reeves, op. cit., 176f. Sie gehören zur kürzeren Form, die auch die
ägyptischen Wagenkämpfer in den Darstellungen der Qadesch-Schlacht tragen: z. B. Wres-
zinski, Atlas II, Taf. 16. Für eine Übersicht ostmediterraner Schilde der Bronze- und Eisenzeit
siehe Borchhardt, Schildformen, Abb. 8 = Typenkarte hinter S. 56.
178
Wreszinski, Atlas II, Taf. 20; Schauer, in: Jb RGZM 27, 1980 (1982), 240–248; siehe unten
Abb. 11, 1+2.
179
PM II 333 (202–203); Borchhardt, Schildformen, 28; Decker/Herb, op. cit., Taf. 82 G61.
180
Borchhardt, Schildformen, 29f.
181
Pusch, op. cit., 136f m. Abb. 135–138.
Aspekte ägyptischer Waffentechnologie 213

sie etwa in den Reliefs der Qadesch-Schlacht in Händen der hethitischen Koa-
lition auftauchen. Dieser Befund lässt sich nur dahingehend deuten, dass nach
dem Friedensvertrag zwischen Ägypten und Hatti im 21. Regierungsjahr
Ramses’ II. hethitische Kontingente in der ägyptischen Hauptstadt stationiert
waren 182 ; ein Beispiel mehr für den Transfer von neuen Waffenformen. Doch
im Gegensatz zu Streitwagen, Sichelschwert oder Leistengriffdolch wurde der
Achterschild nie von den Ägyptern verwendet. 183
Zusammen mit dem Streitwagen gelangte auch die Schutzkleidung der Wa-
genkämpfer von der Levante aus an den Nil. 184 Sie bestand aus Helm bzw. Le-
derkappe und Panzerhemd. Die erste Erwähnung von Helmen unter syrischen
Tributen stammt aus der Regierungszeit Thutmosis III. (1479–1425 v. Chr.). 185
Da bis auf einen vermutlich recht späten Bronzehelm aus Theben im Universi-
tätsmuseum zu Manchester kein originaler Helm aus Ägypten erhalten ist 186 ,
können Aussagen zur Konstruktion der Kopfbedeckung nur anhand der Dar-
stellungen getroffen werden. Die Belege dazu hat Krauss im Lexikon der
Ägyptologie ausführlich zusammengetragen. Demnach „handelt es ich entwe-
der um lederne Helm-Kappen oder um Bronze-Helme“. Beide sind eng anlie-
gend, weisen Ohrenausschnitte auf 187 , oder nicht (Herold Abb. 10) 188 , sind
durch Querrippen in Zonen aufgeteilt 189 oder glatt. 190
Andere Helmformen, etwa der Hörnerhelm mit „Sonnen-(?)Scheibe“ der
Scherden, werden in Ägypten wiederum nur von ausländischen Söldnern ge-
tragen (Herold Abb. 11, 1+2). Zu diesen Helmformen gehört auch der myke-
nische Eberzahnhelm, für dessen Herstellung etwa 150 Hauer benötigt wur-
den. Demnach mussten allein 75 Eber für einen Helm erlegt werden. 191 Ein

182
Pusch, in: Ä&L 1, 103f. 108; ders., in: Pharao siegt immer, 242–246; Herold, Bronze an
Pferd und Wagen, 19. 172.
183
Ebenso wenig wie die Tüllen- oder auch die Entenschnabelaxt; siehe oben. Die von Nibbi, in:
DE 52, 2002, 83–88, vorgetragene Interpretation der Schildmodeln aus Qantir als Formen für
minoische Achterschilde ist interessant, vernachlässigt jedoch neben der Chronologie noch
weitere Einzelheiten: Der Achterschild minoisch-mykenischer Zeit hat ganz andere Proporti-
onen als die Qantir-Modeln. Er zeigt vor allem spitzwinklige Einziehungen an den Seiten, die
bei den Formen aus der Ramses-Stadt rund bzw. kreisabschnittsförmig ausfallen. Vgl. dazu
etwa auch Borchhardt, Schildformen, 15–17 für einen ägäischen Schild mit hethitischen Vor-
läufern.
184
Wolf, Bewaffnung, 96; Bonnet, op. cit., 207f leitet den Helmgebrauch von den Hethitern ab.
185
Krauss, in: LÄ II, 1113 m. Anm. 3.
186
R. B. Partridge, Fighting Pharaos. Weapons and Warfare in Ancient Egypt, Manchester 2002,
57 Abb. 92. Das Exemplar gleicht der Variante K „Pickelhelm” bei Borchhardt, Helme, 59
Abb. 9. Für eine bessere Abbildung und Objektbeschreibung siehe Pharao siegt immer, 139
Kat.-Nr. 142.
187
Davies, Kenamun, Taf. 22.
188
Wagenkorb Thutmosis IV., Kairo, Ägyptisches Museum, CG 46097: Carter/Newberry,
Thutmosis IV., Taf. 10+11. Für bessere Abbildungen Wreszinski, Atlas II, Taf. 1 (Foto) bzw.
die Umzeichnung bei Yadin, Warfare, 192f.
189
Ebd. oder auf einem Ostrakon der 18./19. Dynastie aus Deir el-Medineh (Stockholm, Medel-
havsmuseet, Inv.-Nr. 14111: Aufstieg zur Weltmacht, 122 Kat.-Nr. 22).
190
Davies, Kenamun, Taf. 22.
191
Borchhardt, Helme, 62.
214 Anja Herold

erst vor einigen Jahren bekannt gewordener Papyrus aus Amarna zeigt deut-
lich Soldaten mit Eberzahnhelmen auf ägyptischer Seite (Beitrag Müller in
diesem Band Abb. 15). 192 So könnte die einzelne Schuppe eines solchen Hel-
mes aus der Ramses-Stadt tatsächlich zum Helm eines mykenischen Söldners
gehört haben. 193
Die ersten Belege für Panzerhemden stammen wie die für Helme ebenfalls
aus der Zeit Thutmosis’ III. Nach der Schlacht von Megiddo wurden von ihm
neben zwei außerordentlich prächtigen „Kampfhemden“ noch weitere 200 er-
beutet. 194 Die erste flachbildliche Wiedergabe findet sich im Grab des Kena-
mun aus der Zeit Amenophis II. (1428–1397 v. Chr.). 195 Aus dem Tempel je-
nes Königs stammen auch einige der frühesten ägyptischen Funde von Panzer-
schuppen. 196 Wie weitere Exemplare aus der Ramses-Stadt belegen, konnten
diese aus Bronze, Knochen und sogar Fayence bestehen. 197 Der vollständige
Panzer aus dem Grab des Tutanchamun fügt Leder zu diesen Materialien hin-
zu und gibt wertvolle Hinweise auf die Konstruktionsweise dieser Kampfbe-
kleidung. Wie Dachziegel einander überlappend wurden die Schuppen auf ei-
ne Leinen- oder Lederunterlage genäht und boten damit zumindest einen ge-
wissen Schutz gegen Pfeile und Wurfspeere (Herold Abb. 10). 198 Gegen im
Nahkampf von unten geführte Angriffe mit Dolch oder Kurzschwert dürften
sie allerdings weitgehend wirkungslos geblieben sein.

Das späte Neue Reich

Alle bisher besprochenen Waffen, so bereits Bonnet, „reichten in ihren An-


fängen bis in uralte, jenseits jeder geschichtlichen Erinnerung liegende Zeit
zurück. Anders das Schwert“, denn „brauchbare Schwertklingen waren nur in

192
London, British Museum, EA 74100: R. Parkinson/L. Schofield, Images of Mycenaeans. A
recently acquired painted papyrus from El-Armana, in: W. V. Davies/L. Schofield (Hrsg.),
Egypt, the Aegean and the Levant, Interconnections in the Second Millennium BC, London
1995, 125–126; dies., in: EA 3, 1993, 34–35.
193
Pusch, Hauptquartier, 135 Abb. 134 FundZettelNummer FZN 82/0489.
194
Wolf, Bewaffnung, 97; Urk. IV 664, 3–6.
195
Catling, op. cit., 92 mit Davies, Kenamun, Taf. 24 = Yadin, Warfare, 197 Abb. Weitere Dar-
stellungen finden sich auf dem Wagenkorb Thutmosis IV. (siehe oben Anm. 188), auf Blö-
cken aus dem Grab des Ky-jrj in Saqqara, frühe 19. Dynastie (Kairo, Ägyptisches Museum,
JdE 43275: A. Herold, Ein Puzzle mit zehn Teilen. Waffenkammer und Werkstatt aus dem
Grab des Ky-jrj in Saqqara, in: N. Kloth/K. Martin/E. Pardey (Hrsg.), Es werde niedergelegt
als Schriftstück, Fs Altenmüller, BSAK 9, 2003, 193–202, Abb. 1+2), auf einem Ostrakon der
18./19. Dynastie aus Deir el-Medineh (siehe oben Anm. 189) und in der sogenannten Waf-
fenkammer im Grab Ramses’ III. (siehe oben Anm. 172).
196
Catling, op. cit., 91; vgl. auch die Panzerhemdfragmente aus dem Palast Amenophis III.
(1388–1351/50 v. Chr.) in New York, MMA, Inv.-Nr. 11.215.452, dazu Winlock, Rise and
Fall, 162f m. Anm. 38; Taf. 29.
197
Pusch, Hauptquartier, 134f m. Abb. 134.
198
Reeves, op. cit., 176; vgl. die Rekonstruktion eines Panzerhemdes anhand von Funden aus
Kamid el-Loz bei Ventzke, in: Hachmann (Hrsg.), Frühe Phöniker im Libanon, Mainz 1983,
94–100; Wolf, Bewaffnung, 98.
Aspekte ägyptischer Waffentechnologie 215

Metall denkbar“. 199 Es wurde zuletzt von Petschel gezeigt, dass die Geschichte
des einteilig gegossenen Dolches in Ägypten in der Zweiten Zwischenzeit be-
ginnt. Mit dieser technischen Innovation war der Weg zum Schwert nicht
mehr weit. 200 Und dennoch erfolgte der Anstoß für die Entwicklung zum ech-
ten Langschwert wiederum von außen und zwar aus Nord- bzw. Mitteleuro-
pa. 201 Es handelt sich dabei vor allem um das Naue-II-Schwert, das wahr-
scheinlich durch die Seevölker nach Vorderasien vermittelt wurde. 202 Das erste
ägyptische Langschwert eines ähnlichen Typs misst 74 Zentimeter, stammt
aus Ugarit/Ras Schamra und trägt den Namen des Merenptah (Herold Abb. 11,
3). 203 Das erste auf ägyptischem Boden gefundene Exemplar kommt angeblich
aus Tell Faraun (Tell Nabascha) am Ostrand des Nildeltas und hat Thron- und
Eigennamen Sethos’ II. (1200/1999–1194/93 v. Chr.) eingraviert. 204 Dennoch
finden wir das Langschwert in den Darstellungen bis Ramses III. (1183/82–
1152/51 v. Chr.) nahezu ausschließlich in Händen der Scherden und Philis-
ter. 205
Während das Kurzschwert, die typische Waffe der Scherden in ägyptischen
Diensten der 19. Dynastie, zwar eine echte Stich- und Hiebwaffe war, konnten
die Soldaten damit jedoch kaum etwas ausrichten gegen das Langschwert der
Seevölker mit seinem Schwerpunkt vorne auf der Schneide (Herold Abb. 11,
1+2). Das Langschwert des Naue-II-Typs (beziehungsweise dessen nahe
Verwandte) war die perfekte Hiebwaffe des Infanteristen und somit auch dem
kurzen Sichelschwert weit überlegen. 206 Seine Ankunft im ostmediterranen
Raum brachte, zumindest wenn man Drews folgen will, das Ende der Streit-
wagenkriegsführung. 207

199
Bonnet, op. cit., 71f.
200
Wolf, Bewaffnung, 73.
201
Wolf, Bewaffnung, 74; Foltiny, op. cit., 266–268; Drews, op. cit., 194f.
202
J. Naue, Die vorrömischen Schwerter aus Kupfer, Bronze und Eisen, München 1903, 12–23
Typ II. bes. 14 m. Anm. 2; Sandars, in: AJA 67, 1963, 142 „probably very little if at all befo-
re 1200 BC“; Drews, op. cit., 180ff bes. 192f.
203
Schaeffer, in: Antiquity 29, 1955, 226; siehe auch Helck, in: LÄ V, 765, der allerdings Kurz-
schwert und Langschwert nicht trennt; Drews, op. cit., 205f.
204
Berlin, Ägyptisches Museum, Inv.-Nr. 20305: Burchardt, in: ZÄS 50, 1912, 61–63; Milojčić,
in: Germania 30/1, 1952, 95–97; Wolf, Bewaffnung, 74f; Drews, op. cit., 203; Pharao siegt
immer, 136 Kat.-Nr. 137. Welchem Typ das über 40 Zentimeter lange Schwert aus der Ram-
ses-Stadt (FZN 86/0720; dazu Herold, Bronze an Pferd und Wagen, 171f) zugehörig ist, kann
aufgrund des schlechten Erhaltungszustands nicht beurteilt werden.
205
Wolf, Bewaffnung, 64 Abb. 42+43; 73–75; Drews, op. cit., 198f.
206
Drews, a. a. O., 193f.
207
Drews, a. a. O., 209–225. Dagegen mit sehr guten und knapp vorgetragenen Argumenten Lit-
tauer/Crouwel, in: Oxford Journal of Archaeology 15, 1996, 297–305. Vgl. dazu auch die
einschränkenden Bemerkungen im Vortrag von Andrea M. Gnirs, Basel, während des Sym-
posions und in diesem Band.
216 Anja Herold

Ausblick
Wie viele andere Wissenschaftler halte ich die soeben skizzierte These von
Robert Drews für eine allzu drastische Interpretation des letzten Wandels in
der spätbronzezeitlichen Waffentechnologie. Zum Zerfall einer ganzen Staa-
tenwelt gehören mehr als Horden von todesmutigen, mit Helm, Schild und
Panzer geschützten Infanteristen, die den Pfeilhagel der gegnerischen Bogen-
schützen unterlaufen und die Streitwagen, eigentlich deren Pferdegespanne,
mit Wurfspeeren und mutig geführten Schwertstreichen außer Gefecht set-
zen. 208 Natürlich werden Streitwagen auch nach dem Ende der Bronzezeit im
Kampf eingesetzt, man denke nur an die neuassyrischen Reliefs und Wagen-
funde wie jene im nordiranischen Hasanlu. 209 Dabei ist eine Tendenz in der
Wagenkonstruktion weg von leichten Zwei- hin zu schweren Vierspännern zu
beobachten, doch bleibt das Konzept des Streitwagens als Waffenplattform
stets und überall erhalten. 210
Gleichwohl haben Drews eigenwillige Gedanken durchaus etwas für sich.
Sie führen zurück zu den eingangs gestellten Fragen nach dem praktischen
Einsatz von Waffen in Nah- oder Fernkampf, nach dem taktischen Wert des
Streitwagens wie nach der gesamten, äußerst vielschichtigen Organisation und
Logistik eines Kriegsapparates. 211 Natürlich ist ein gepanzerter Infanterist,
einmal bei den Pferden angelangt, ein probates Mittel, um die Tiere auszu-
schalten. Doch waren die Streitwagen zu dieser Zeit überhaupt kriegsentschei-
dend? Waren sie es je? Hat man tatsächlich Pferde dazu bewegen können,
Feinde zu überrennen, wie es die Darstellungen und Texte nicht nur des ägyp-
tischen Neuen Reiches vielfach verkünden, was jedoch Pferdekenner für mehr
oder minder unmöglich halten?
Welcher Wahrheitsgehalt derartigen Quellen innewohnen kann, hat nicht
zuletzt der kleine assyrische Textfund im Vortrag von Andreas Fuchs ge-
zeigt. 212 Mithin werden uns die meisten der hier gestellten Fragen also noch
weiter beschäftigen, ebenso wie die Entwicklungslinien etlicher ägyptischer
Waffen, deren Heimat häufig gar nicht am Nil gelegen hat, und deren Techno-
logie als Teil der pharaonischen Militärgeschichte hier nur in Ansätzen aufge-
zeigt werden konnte.

208
Siehe vorangehende Anm.
209
De Schauensee, in: Expedition 31, 1989, 37–52; M. de Schauensee/R. H. Dyson Jr., Hasanlu
Horse Trappings and Assyrian Reliefs, in: P. O. Harper/H. Pittman (Hrsg.), Essays on Near
Eastern Art and Archaeology in Honor of Charles Kyrle Wilkinson, New York 1983, 59–77;
Herold, Knäufe, Knöpfe und Scheiben aus Stein, Katalog: Hasanlu. Vgl. aber auch Spalinger,
in: JSSEA 11, 1981, 37–58, zu Streitwagen der 25. Dynastie in Ägypten.
210
Littauer/Crouwel, in: RdA 5, 1980, 344–351; dies., Wheeled Vehicles; Yadin, Warfare, 297–
302 m. Tafeln auf 366f. 382f. 386f u. 452–455.
211
Schulman, in: JSSEA 10, 1979–1980, 105–153; Littauer/Crouwel, in: Oxford Journal of Ar-
chaeology 15, 1996, 297–305. Im Bezug auf Rüstungsindustrie und Stellmacherbetriebe etwa
Herold, in: Fs Altenmüller, BSAK 9, 2003, 193–202.
212
Fuchs in diesem Band.