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Selbstverteidigung – wappnen Sie sich fü r den Ernstfall!

– Stand Zusatz mit Kids + Lektorat WW


Jochen Wiebe

1. Einleitung

2. Selbstverteidigung (SV)

a. Definition und Abgrenzung zu Kampfsport

b. Struktur und Analyse von Gewalt auf der Straße

c. Raubtier vs. Affentanz – warum Gewalt?

d. Die drei Phasen: Vorkonflikt, offener Konflikt, Nachkonflikt in der SV

e. Psychologie in der SV – das „Mindset“!

f. Deeskalationstechniken

g. Zivilcourage

h. Rechtlicher/ juristischer Teil – Notwehr, Nothilfe, Putativnotwehr

i. Einsatz von/ Bedrohung durch Waffen in der SV

3. Modelle in der SV:

a. O.O.D.A. Loop nach John Boyd

b. Defense Conditions nach Jeff Cooper

c. Vier Phasen der SV in Anlehnung zu „Facing Violence“, Rory Miller

4. Technikteil/ praktische Umsetzung

a. Der Fence – verdeckte und offene Kampfhaltung, Distanz

b. Verteidigung/ Abwehr von Angriffen

c. Pre-emptive Strikes/ „Erstschlag“

d. Verteidigung/ Abwehr von Griffen, Wü rgegriffen etc.

e. Bodenkampf/Aufstehkampf

5. Training

a. Ü bersicht

b. Kombination

c. Drills
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d. Konkrete Workouts/ Ablaufplä ne

1. Einleitung

Das Bedü rfnis, sich zu schü tzen und gegen Gewalt und Bedrohung zu wappnen, ist durch die
stä ndige Prä senz des Themas in den Medien und durch drastische Vorfä lle in der Vergangenheit
gestiegen. Obwohl die Statistiken das Gegenteil belegen, fü hlen viele sich vermehrt unsicher und

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schutzlos. In der Tat hat die Brutalitä t zugenommen und die Medien bieten einen
schonungslosen Einblick in die Vorfä lle. Die Angst fü hrt zu Unsicherheit, die uns im alltäglichen
Leben belastet, und im schlimmsten Fall zu Ü berreaktionen, die uns entweder stark
einschrä nken („ich gehe gar nicht mehr aus“) oder sogar gefährden („ich bewaffne mich jetzt mit
einem Messer, einer Pistole, etc.“). Bei allen Ü bertreibungen bei der Behandlung des Themas,
geht es dennoch darum, sich konkret mit dem Thema Selbstverteidigung (im Folgenden SV) zu
beschä ftigen, um sich auf einen Ernstfall vorzubereiten.

Die differenzierte und konstruktive Vorbereitung ist weniger aufwä ndig als es scheinen mag.
Seminare und Kurse werden verbreitet angeboten, sehr gut sind z.B. Seminare durch die Polizei,
die zumeist kostenfrei sind und das Wesentliche behandeln.

Wö chentliches Training wird nicht durch Lektü re oder Seminare ersetzt. Allerdings kommt es
bei der SV nicht in erster Linie auf Techniken an: Wichtig ist, sich aufmerksam und sensibilisiert
im ö ffentlichen Raum zu bewegen. Frü hzeitig und aktiv zu reagieren, auf sein Bauchgefü hl hö ren.
Entschlossen zu handeln, einen Plan zu entwickeln und diesen konsequent umzusetzen, wenn es
erforderlich ist. Wie geschickt Sie kä mpfen, ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist: Heftigkeit
und Entschlossenheit. Insofern kö nnen Informationen bereits das Wichtigste erwirken. Ohne
Hintergrundwissen nutzt es Ihnen auch nicht, wie gut Sie kämpfen kö nnen.

Dieses Buch ist ein Versuch, die wichtigsten und entscheidenden Faktoren zu behandeln und
eine Sensibilisierung fü r das Thema sowie das konkrete Verhalten fü r den Ernstfall (bzw. dessen
Vermeidung) zu schaffen.

2. Selbstverteidigung

Im Folgenden findet eine notwendige Abgrenzung von SV zum Kampfsport statt, um den Fokus
auf die relevanten Aspekte zu reduzieren. Unterstrichen wird dies durch Schilderung, wie Gewalt
auf der Straße „ablä uft“. Zur Annäherung an das richtige Verhalten folgt die Unterteilung der
Situationen in mehrere Phasen. Da wir nicht auf den Ernstfall trainiert werden (und selbst
wenn), sind wir nicht vorbereitet auf die starken kö rperlichen Reaktionen, die auftreten, wenn
es „zur Sache geht“. Dies, und die Konsequenz daraus, werden im Folgenden behandelt. Die
richtige Einstellung („Mindset“), d.h. Aufmerksamkeit, Bewertung der Lage, Planung und
konsequente Umsetzung der Planung, sind entscheidend und finden darin Platz.

Deeskalationstechniken werden behandelt, auch wenn Vermeidung, Flucht oder Kampf deutlich
aussichtsreicher sind und kein falscher Schwerpunkt gesetzt werden soll. Daher eine kritische
Betrachtung.

Drei „Nebenschauplä tze“, die zu dem Thema gehö ren, sind die Themen Zivilcourage, juristische
Folgen und Hinweise, sowie die Behandlung des Themas Waffen in der SV.

2.a. Gewalt auf der Straße

Ü berfä lle, Angriffe mit Messern und anderen Waffen, eskalierende Streits mit brutalem Ausgang,
werden oft berichtet und mit drastischen Bildern belegt. Viele Videoaufnahmen aus ö ffentlichen
Kameras oder Handys lassen uns hautnah an den Situationen teilnehmen. Oft sind die Einblicke
schwer zu ertragen. Deutlich wird: Es gibt Ä hnlichkeiten in der Anbahnung und dem Verlauf von
Gewalttaten – Muster sind erkennbar. Signale in der Anbahnung, ebenso wie zum Teil die

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Unbedarftheit von Opfern (auch von Dritten) werden deutlich. Unterstrichen wird das Thema
durch massive Gewalt auch gegen wehrlose, am Boden liegende Opfer, die nicht aufhö ren will.
Insofern dient dieser Abschnitt in erster Linie dem Erkennen, dass es sich nicht um eine
spielerische, faire oder unbedenkliche Angelegenheit handelt. Auch harmlos anmutende
Streitigkeiten kö nnen zum Tod oder schwersten Verletzungen fü hren, sodass Sie sich niemals
leichtsinnig in einer solchen Situation bewegen sollten.

2.b. Abgrenzung SV zu Kampfsport

Wie eben beschrieben, ist bei Gewalt auf der Straße kein „Fairplay“ zu finden – keine Ehre
(hö chstens eine „Ehrverletzung“, die unsinnigerweise zu ü bler Gewalt fü hren kann), keine
Rü cksicht und oft keine Grenze. Die Unterschiede, und daher eine vö llig andere
Herangehensweise als beim Sport, werden deutlich:

 Unü berschaubare Situation – wie viele Gegner sind es, ist es ein Hinterhalt, wie weit
wü rde Ihr Gegner gehen?

 Oft wird dem Opfer der Konflikt aufgedrä ngt – fü hlen Sie sich nicht verpflichtet,
„mitzuspielen“! Sie haben das Recht, sich der Situation zu entziehen und sich auf nichts
einzulassen. Sie sind nicht Teilnehmer eines Wettkampfes!

 Die Bedingungen sind alles andere als optimal – dunkle Gä nge, schwere Kleidung, zwei
Bier intus – wir kö nnen uns nicht auf unsere Reaktionsfä higkeit verlassen und mü ssen
uns auf einfache, direkte Techniken konzentrieren.

 Fairer Wettstreit? – I.d.R. will Ihr Gegenü ber sich nicht mit Ihnen messen. Er will Gewalt
ausü ben und wird sich nicht auf faire Mittel verlassen. Also sollten Sie das auch nicht tun!
Mehrere Gegner, Waffen, gezielte Angriffe aus der Ü berraschung – Sie mü ssen auf alles
gefasst sein.

 Kein Schiedsrichter – selbst sportliche Kämpfe mü ssen immer wieder abgebrochen


werden, da im Kampf die Wahrnehmung eingeschrä nkt ist und Rü cksicht nicht das
wichtigste Thema darstellt. Ganz zu schweigen bei Gewalt in der SV – erwarten Sie nicht,
dass Ihr Gegner Sie in Ruhe lä sst, wenn Sie am Boden liegen oder kapitulieren. Aufgeben
ist daher keine Option!

Als Fazit kö nnen wir daher feststellen, dass klassische Kampfsportarten, die komplizierte
Techniken vermitteln, sich auf Fairness verlassen oder sich einschrä nken (z.B. keinen In-Fight
zulassen oder keine Schlä ge) oder gar eine tiefe Philosophie vermitteln, nicht fü r die SV
abschließend wappnen. Gleichwohl haben Sie positive Effekte, die Ihnen auch bei der SV
zugutekommen kö nnen. Doch eine echte Vorbereitung auf SV sieht anders aus.

2.c. Raubtier vs. Affentanz – warum Gewalt?

Fall 1 – Eine Frau wird nachts auf dem Heimweg ü berfallen und vergewaltigt. Fall 2 – ein junger
Mann wird von einem Herrn mit Versprechungen in einen Hinterhalt gelockt, weg von anderen
Menschen, und dort heimtü ckisch ermordet. Fall 3 – beim Betreten einer Bar erö ffnet ein
grobschlächtiger Mann vor seinen Freunden, dass ihm die Bar gehö ren wü rde und der neue Gast
sich verziehen soll – ansonsten gä be es Dresche.

Diesen drei Fä llen ist eines gemein – es geht um Gewalt. Was sie stark unterscheidet, sind die
Absichten der Protagonisten und deren Mittel. Daher unterscheiden wir zwischen zwei
Gewalttä tern:

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Einerseits dem „Raubtier“ und andererseits Seite dem „Affen“, der zum Tanz auffordert.

Diese Typeneinteilung ist wichtig, da die Absichten und der Weg, diese zu erreichen,
unterschiedliche Gegenmaßnahmen erfordern.

2.c.a. Das Raubtier: Fall 1 und 2

Das Raubtier ist daran interessiert, etwas zu erlangen oder Sie zu verletzen. Es schert
sich nicht um Ihre Meinung, Beschwichtigung und Deeskalation sind vö llig zwecklos. Er
sieht Sie nicht als gleichwertigen Menschen. Konzentrieren Sie sich darauf, ihm zu
entgehen (beim Versuch, Sie wegzulocken sollten Sie energisch auf sich aufmerksam
machen, beim Ü berfall Ihr Hab und Gut aushä ndigen, beim Angriff so heftig wie mö glich
reagieren) und Abstand zu ihm gewinnen!

2.c.b. Der Affentanz

Fall 3 besticht durch die Tatsache, dass auch hier Sie Mittel zum Zweck sind – Zielgruppe
ist aber eindeutig seine Gefolgschaft, sein Publikum. Ihm geht es darum, Sie in ein Spiel
einzubinden, aus dem er gestä rkt hervorgeht – sei es, um seinen Rang in seiner Gruppe
zu festigen oder eine gute Show zu liefern. Wenn sein Publikum weg ist, haben Sie
womö glich kein Problem. Hier kann es durchaus lohnen, klar und entschieden zu
artikulieren, dass Sie keinen Gegner fü r ihn darstellen, dass Sie sich nicht darauf
einlassen und, ohne ihn zu beleidigen oder respektlos zu behandeln, aus der Situation
gehen. Hier lohnt ggf. Deeskalation. Lassen Sie sich auf die Diskussion ein, mü ssen Sie
aufpassen, nicht in verbale Fallen zu geraten. Genaueres entnehmen Sie dem Abschnitt
„Deeskalation“.

Entscheidend ist zu handeln!

2.d. Konfliktphasen

Vermeidung – Flucht – Deeskalation – Kampf - Nachkonfliktphase

Fü r die SV ist entscheidend, zu erkennen, dass jedem offenen Konflikt (dem Angriff selbst) eine
Vorkonfliktphase vorausgeht. Da die beste Form der SV die Vermeidung ist (siehe Rory Miller),
mü ssen Sie aufmerksam im Alltag sein. Das frü hzeitige Erkennen gibt Ihnen die Chance, zu
entkommen. Gleichzeitig markiert der Punkt, an dem es „kö rperlich“ wird, einen Wendepunkt in
Ihrem Maßnahmenkatalog. Deeskalation und Vermeidung sind nicht mehr mö glich, wenn Sie
direkter, kö rperlicher Gewalt ausgesetzt sind. Verfolgen Sie konsequent Ihre Handlungen.

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Die Nachkonfliktphase sollte normalerweise Erste-Hilfe-Maßnahmen und juristische
Bearbeitung des Falls beinhalten. Fü r den Ablauf ist aber zunä chst wichtig, dass Sie sich
vergegenwä rtigen, dass erst im Nachhinein wirklich feststeht, wann die offene Konfliktphase
vorbei war. Konsequente Flucht oder sich abzusichern, indem man seinen Gegner wirklich
kampfunfä hig macht, bewahren davor, hinterher zu erkennen, dass man sich allzu schnell in
(falscher) Sicherheit gewogen hat. Im weiteren Verlauf gehen wir diese Phasen ausfü hrlich
durch.

Vor kurzem sprach ich mit einem Freund ü ber eine SV-Situation: Ein in Krav Maga trainierter
Mann hatte eine Auseinandersetzung in einer Bar. Nach einem Streitgespräch hielt er sich
unnö tig lange am selben Ort auf – plö tzlich flog eine Bierflasche „aus dem Nichts“ in sein
Gesicht und er verletzte sich schwer. Dies sah mein Freund als Beleg dafü r, dass er in der
falschen Schule trainiert hatte. Meine Meinung ist: Eventuell verhielt sich der Mann lange Zeit
richtig (Kampf vermieden), er beginn jedoch den Fehler, anzunehmen, dass der Konflikt vorbei
wä re. Er entspannte sich zum falschen Zeitpunkt. Wä re er weiterhin in Alarmbereitschaft
verblieben, wä re die Flasche nicht „aus dem Nichts gekommen“. Weiter gesponnen: Wä re er
konsequent in der Vermeidung gewesen, hä tte er den Laden verlassen und erst in echter
Sicherheit sich entspannen dü rfen.

2.e. Psychologie in der SV – und der „Freeze“

Bei der Bilanz, welche Menschen sich souverä n in SV-Situationen verhalten haben und welche
nicht, fä llt auf, dass nicht die kö rperlichen Fähigkeiten (Kraft, Ausdauer, Technik) entscheidend
sind, sondern die Einstellung. Gutes Kampftraining nutzt nichts, wenn Sie im Ernstfall wie
gelä hmt sind und passiv werden. Wenn Sie sich vergegenwä rtigen, dass nicht die perfektionierte
Schlagtechnik entscheidend ist, sondern nur ein wuchtiger Aufprall, z.B. durch das Werfen einer
Bierflasche oder der Schlag mit einem Regenschirm, kö nnen Sie zwei Dinge daran ableiten – es
nü tzt nichts, etwas zu kö nnen, wenn Sie es nicht tun, und b) – auch Sie kö nnen massive
Gegenwehr leisten, (beinahe) egal, wie stark und trainiert Sie sind.

Fö rderliche Gedanken bei einer Auseinandersetzung , in der Sie sich mobilisieren mü ssen sind
z.B.: „Ich kämpfe dafü r, mein Kind heute Abend in den Arm nehmen zu kö nnen.“, oder: „Ich
liebe mein Leben und bin bereit, dafü r zu kämpfen.“ Nicht fö rderlich sind eher negative
Gedanken, wie z.B. „Was passiert, wenn ich verletzt werde?“, oder „Warum passiert das wieder
mir?“

Bleiben Sie positiv und konzentrieren Sie sich auf etwas, wofü r Sie kämpfen wü rden. Sie
mü ssen aktiv und entschlossen bleiben, um zu bestehen. Gift hierfü r ist der sogenannte
„Freeze“

Unser Kö rper hat eine Antwort auf Stress – durch die Versorgung und Ausschü ttung von
Adrenalin unterstü tzt er Sie dabei, entweder zu fliehen, oder anzugreifen. Dieses evolutionä r
erprobte System hat den Nachteil, dass wir, als gewaltfrei erzogene, zivilisierte Menschen, bei
Stress in einen negativen Strudel geraten, wenn wir nicht reagieren und dann diesem
natü rlichen Doping ausgesetzt sind. Viele kennen den „Freeze“, das Unbeweglich-werden in einer
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Situation, wo Gewalt angedroht wird oder stattfindet. Die Beine werden schwer, die Arme sind
unbrauchbar und der Atem ist flach. Man fü hlt sich fahrig und selbst, sich zu erheben, erscheint
als Kraftakt. Diesen Zustand gilt es zu vermeiden, bzw. es gibt Maßnahmen, um darauf zu
reagieren.

Vermeiden des Freeze: Durch Verfolgung eines Plans (best case, worst case) kö nnen wir uns
zwingen, aktiv zu sein, bevor der Kö rper „dicht macht“. „Wenn der Mann nä her kommt, stehe
ich auf und renne aus der Tü r!“ Durch den Plan kö nnen Sie sich mobilisieren. Dieses Vorhaben
umzusetzen (aktiv sein ist in der SV das „A und O“) vermeidet die Schockstarre.

Ist es zu spä t, und das Adrenalin durchströ mt Sie, gibt es Entspannungsmaßnahmen, die Sie
treffen kö nnen. Sitzend die Fü ße fest auf den Boden zu drü cken und den Kö rper anzuspannen, 4
Sekunden einzuatmen, 4 Sekunden die Luft anzuhalten und dann 4 Sekunden lang auszuatmen,
ist eine Mö glichkeit. Wiederholen Sie die Prozedur mehrfach.

Es gibt zahlreiche Techniken, Stress abzubauen. Bleiben Sie konstruktiv, Angst ist kein Fehler,
aber natü rlich auch nicht die Lö sung des Problems.

Aufzurü sten, sich aufzuplustern oder hoch zu pushen ist keine geeignete Haltung, um
gewalttä tige Auseinandersetzungen zu vermeiden. Wir haben im Training folgende Ü bung
angewandt (Gruppenstä rke etwa 12 Personen). Die Aufgabe war es, sich auf engem Raum zu
bewegen. Zuvor wurden zwei Teilnehmer (fü r andere nicht sichtbar) ausgewä hlt und
informiert, sie sollten unvermittelt und zu einem selbstgewählten Zeitpunkt andere
Teilnehmer angreifen. Neben der Ü bung, sich zu verteidigen, ging es um die Untersuchung, wie
die Opfer sich verhalten, wie die Menge sich verhä lt und wie schwer es ist, zu erkennen, wer
Angreifer und wer Opfer ist.

Interessanterweise haben die beiden Aggressoren, ohne voneinander zu wissen, sich


„gefunden“ und gegenseitig attackiert. Das war nicht der Plan und ist zudem unvorteilhaft fü r
die Angreifer gewesen. Unsere Interpretation: Signale, die Aggressivitä t und Gewalttä tigkeit
vermitteln, lassen Aggressoren „andocken“. Wenn Sie sich mit einer aggressiven Grundhaltung
bewegen, ziehen Sie Gewalttä ter eher an, als dass Sie sie abwehren!

2. f. Deeskalation

Wie zuvor beschrieben, ist dieser Abschnitt zwar wichtig, ist aber nur ein kleiner Baustein in
dem SV System. Der Hintergrund dafü r ist, dass wir als gewaltfrei erzogene Menschen diesen
Part ü berbewerten und dabei ü bersehen, dass er oft nicht zum Erfolg fü hrt. Bei der Ausü bung
versä umen wir wichtige Maßnahmen wie Flucht oder Kampf. Aufgrund der unterschiedlichen
Typen (Raubtier und Affe) fällt in den meisten Fä llen der Gewalt gegenü ber Frauen der Part
„Deeskalation“ schlicht weg. Das ist in diesem Kontext umso bedauerlicher, weil Frauen hä ufig
kommunikationsstark sind und dieses Feld ggf. besser beherrschen und sich darauf verlassen.
Vermeiden Sie, anzunehmen, dass der Triebtä ter oder Vergewaltiger an Ihrem Verstä ndnis
interessiert ist oder dass auch nur im Geringsten seine Absichten ä ndern kö nnte.

Fü r Mä nner und das Problem des „Affentanzes“ gilt – nehmen Sie Ihr Ego heraus. Was
wahrscheinlich oft im Leben hilft, gewinnt in der SV massiv an Bedeutung. Die Aufforderung
„seine Bar zu verlassen“ mit „das Bier trinke ich aber noch aus“ zu quittieren, bedeutet, dass Sie
das Tä nzchen mittanzen. Sie fordern Ihr Gegenü ber auf, den nä chsten Schritt zu machen – hin
zur Eskalation.

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Wenn Sie Ihr Glü ck nicht in der Flucht suchen (kö nnen) und nicht kä mpfen wollen, kö nnen Sie
versuchen, hö flich und respektvoll auf Ihr Gegenü ber zu reagieren. Siezen Sie, halten Sie
Abstand. Vermeiden Sie Hochnä sigkeit oder Arroganz und machen Sie klar, dass Sie nicht der
„Tanzpartner“ sind. Das muss aber verbunden sein mit dem Versuch, zu entkommen oder zu
kä mpfen! Sie wollen nicht mit ihm den Abend verbringen oder sein Freund werden – Sie wollen,
und sollten, Abstand gewinnen!

Hilfreich ist, wenn Sie während Ihres Beschwichtigungsversuchs parallel Ihre Situation
verbessern. Bringen Sie Tische und Stü hle zwischen sich und Ihrem Gegenü ber, gehen Sie nä her
an den Ausgang – oder bewaffnen Sie sich mit einer Bierflasche, Ihrem Regenschirm oder
ähnlichem. Verbessern Sie Ihre Chancen zur Flucht oder zum Kampf – und begreifen Sie die
Deeskalation als einen kleinen Puffer, bevor Sie den Schalter umlegen. Oftmals gewinnt man nur
etwas Zeit.

2.g. Zivilcourage

Bei Gewalt gegenü ber Dritten steht die Frage im Raum, ob man sich wirklich entziehen dü rfe.
Diese Frage verstehe ich. Entscheidend bei der Ü berlegung, wie man Zivilcourage ausü ben kann,
ist immer die grundsä tzliche, wie es auch bei 1. Hilfe ist – der Schutz des eigenen Lebens muss
zunächst gewährleistet sein. Es gibt Fä lle, in denen beherzte Schlichter ums Leben kamen, bei
dem Versuch, zu helfen. Darum gilt an dieser Stelle folgende Priorisierung:

Halten Sie Abstand. Lohnt es sich tatsä chlich, einzugreifen? Bei Sachbeschä digung oder
Ordnungswidrigkeit – Sie sind nicht die Polizei oder der Ordnungsdienst! Rufen Sie Hilfe per
Telefon, erstatten Sie Anzeige – aber halten Sie keine Diebe fest, stellen Sie keine Randalierer
zur Rede, mischen Sie sich nur ein, wenn Sie genü gend Informationen ü ber die Situation
haben, und es lohnenswert und vor allem sicher ist.

Sollten Sie Zeuge eines Ü berfalls oder einer Gewalttat werden, bei der es wichtig ist, diese zu
stoppen, um Schlimmeres zu vermeiden (noch mal: Rennen Sie keinem Taschendieb hinterher –
wer weiß, wie gefä hrlich er ist, sollten Sie ihn ü berhaupt ü berwä ltigen kö nnen), versuchen Sie:

2.g.a. Verbü ndete zu engagieren (Achtung: Keine Passivaufforderung a la „so hilf doch
jemand!“, sondern konkret: „Sie, in dem blauen Sakko, rufen Sie bitte die Polizei und laufen Sie
nicht weg, hier mü ssen wir helfen!“),

2. g.b. machen Sie lautstark auf sich aufmerksam und bleiben Sie auf Distanz – die eigene
Sicherheit ist wichtig.

Natü rlich kö nnen Sie auch erlernte Techniken aus dem Hinterhalt anwenden. Behalten Sie Ihre
Sicherheit im Fokus und alarmieren Sie so erfolgreich wie mö glich Unterstü tzer.

2.h. Juristische Betrachtung

Sie dürfen sich verteidigen. Handlungen sind abgesichert, wenn Sie geeignet (hat es
geholfen?), erforderlich (oder wä re es auch ohne Ihr Zutun vorbeigegangen), angemessen (nicht
mit Kanonen auf Spatzen) und nicht widerrechtlich (ein Polizist, der Sie festhält, ist kein Gegner
in der SV) sind. Ein gesundes Augenmaß hilft hierbei – was bei einer Anklage herauskommt,
bleibt jedoch immer noch verschiedenen Einflü ssen ausgesetzt. Eine falsch verstandene
Reaktion kann Probleme verursachen (Bsp.: Sie verprü geln einen Zivilbeamten in der Annahme,
er wä re Straftä ter; oder: Sie erschießen jemanden, der mit einer täuschend echt aussehenden

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Spielzeugpistole herumfuchtelt), ist aber grundsä tzlich ebenfalls abgesichert. Die sogenannte
Putativnotwehr bezieht Ihre Subjektivitä t ein.

„Pre-emptive-Strike“: Sie dü rfen als erster zuschlagen! Wenn die Bedrohung konkret ist und
Ihre Maßnahme geeignet , verhalten Sie sich vor dem Gesetzt angemessen.

Entscheidend ist, dass es bei der SV um Ihre Unversehrtheit geht – und passiv sein, oder Opfer,
aus der Sorge vor juristischen Folgen, sollte nicht Ihre Wahl sein.

Nothilfe: Um Schaden anderer abzuwenden, gelten die gleichen Regeln wie fü r Sie in der
Verteidigung.

Bewaffnen Sie sich nicht mit illegalen Waffen und Gerä ten. Schon ein Regenschirm oder eine
Taschenlampe kö nnen den Unterschied machen. Angestrahlt mit erhobener Hand und ggf. als
Verstä rker beim Schlag, gehen Sie kein Risiko ein und. Mehr zu den Waffen im folgenden
Abschnitt.

Hinweis: Halten Sie sich vor Ort nach dem Konflikt im Gesprä ch mit den Beamten zurü ck mit
Ihren Aussagen. Ihr kö rperlicher Stress bringt Sie ggf. zu Aussagen, die schwer zu relativieren
sind, wenn es nö tig ist. Halten Sie sich bedeckt, geben Sie sich Zeit.

2.i. Einsatz von/ Bedrohung durch Waffen in der SV

2. i. a. Einsatz von Waffen unterliegt zwei wichtigen Regeln: Sie mü ssen bereit sein, die Waffe
einzusetzen (ein Bluff kann ü bel enden!) und: Sie sollten die Waffe griffbereit haben –
idealerweise bereits in der Hand. Im Ernstfall nach der Waffe zu kramen, ist schlimmer, als ohne
sie dazustehen.

Immer gilt: Machen Sie sich vertraut im Umgang mit Waffen oder Hilfsmitteln. Wie sprü ht Ihr
Pfefferspray – produziert es eine Wolke oder einen Strahl, wie weit reicht die Wirkung und wie
lang? Tipp: Sollte Ihre Wahl hierauf fallen, kaufen Sie zwei Dosen und testen Sie eine der
beiden in geeigneter Umgebung. Die Dü sen sind i.d.R. nicht dafü r gemacht, mehrfache
Benutzung zu gewähren, sondern sie verkleben.

Folgende Kurzü bersicht soll eine Orientierung bieten:

Messer/ Klinge: Ungeeignet, zu gefä hrlich, als Abschreckung womö glich zu eskalierend. Ab
bestimmter Grö ße verboten.

Kubotan: Sollte im Umgang trainiert sein, ist eher sehr filigran in der Anwendung. Vorteil ist
sicherlich, dass er nicht verboten ist.

Taschenlampe: Gerade stä rkere Modelle sind hilfreich, da sie blenden und gleichzeitig den Fokus
auf Ihr Ziel legen (in der Wahrnehmung von Unbeteiligten). Zudem kö nnen Sie viele Techniken
einsetzen mit der Lampe in der Hand, was einen Vorteil bietet (Hammerschlä ge, Faustschlä ge)

Regenschirm: Gutes Mittel, um Angreifer auf Distanz zu halten. Tipp: Stechen statt hauen, da
schwerer abzuwehren und zu erkennen.

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Pistole (Gas/ Schreckschuss): Abschreckende Wirkung, dabei bleibt es aber. Da das Fü hren nicht
unkritisch ist, auch mit Nachteilen verbunden.

Pistole (Scharf): Selbst, wenn Sie einen Waffenschein haben, ist es wahrscheinlich „Kanonen auf
Spatzen“. In einer Stresssituation angemessen damit umzugehen, ist schwer. Verletzungsgefahr
von nicht Beteiligten ist denkbar – zudem brauchen Sie Abstand zu Ihrem Angreifer.

Totschlä ger: Illegal, nicht empfohlen

2.i.b. Bedrohung/ Angriffe durch Waffen

Wichtig: Eine Bedrohung ist noch kein Angriff. Es ist eine sehr ernste Vorstufe, doch wir mü ssen
es unterscheiden, da es andere Optionen zulä sst. Kämpfen Sie nicht um Ihr Leben, wenn es um
Ihr Handy oder Ihre Geldbö rse geht! Auf der anderen Seite sollten Sie sich nicht in eine
ausweglose Situation bringen lassen. In das Auto einzusteigen und die Stadt zu verlassen, ist ggf.
riskanter, als beim Einsteigen zu kä mpfen. Auch, wenn Waffen im Spiel sind.

Messerangriffe sind heimtü ckische Angriffe, die selten bis nie offen oder vorhersehbar
durchgefü hrt werden. Achten Sie auf auffä llige Verhaltensmuster, achten Sie auf Hä nde, die
hinter dem Rü cken sind oder in Hosentaschen verschwinden oder ruhen. Viele, von
Messerangriffen Betroffene, berichten, dass sie selbst im Falle der Verwundung zum Teil noch
nicht bemerkten, dass eine Klinge im Spiel war. Erst bei großem Blutverlust wurde ihnen das
Ausmaß der Situation bewusst.

Vermeiden Sie IMMER den Kampf mit einem bewaffneten Aggressor! Ein Messer ist eine tö dliche
Waffe!

Wenn Sie mit einer Waffe angegriffen werden, gilt, noch mehr als ohnehin: Nutzen Sie Abstand
zu Ihrem Gegner, bringen Sie Raum zwischen sich mit Hilfe von Autos, Sä ulen, Zäunen, etc.
Nutzen Sie Handtaschen, Regenschirme und was Ihnen in die Finger kommt, um Abstand zu
wahren. Und wenn Sie kä mpfen, dann geben Sie niemals auf. Nutzen Sie jede Gelegenheit zur
Flucht. Stü rzen Sie sich nicht auf die herabgefallene Waffe, sondern konzentrieren Sie sich auf
den Gegner.

Kapitel 1 und 2: Zusammenfassung und konkrete Verhaltensweise:

 Gehen Sie aufmerksam durch den Alltag! Vermeiden Sie zu starke Ablenkung und achten
Sie auf Ihre Umgebung!

 Hö ren Sie auf Ihr Bauchgefü hl! Wenn etwas nicht stimmt, merken Sie dies intuitiv.

 Gehen Sie aktiv mit der Situation um – entscheiden Sie und handeln Sie! Sich zu
entziehen ist oftmals (neben Vermeidung) die beste Variante.

 Vergessen Sie verletzten Ehrgefü hl oder Ego – es findet kein faires „sich messen“ statt!
Wer weiß, wohin die Situation fü hrt, „gewinnen“ kann man kaum.

 Seien Sie respektvoll und hö flich und lassen Sie sich nicht hinreißen, auf eine
Provokation einzusteigen!

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 Bluffen Sie nicht!

 Deutliche, defensive Sprache (und Kö rpersprache) geben die richtigen Signale und
vermeiden ggf. Verwechslungen! Abschließend schü tzen wird das aber nicht.

 Wenn Sie kä mpfen mü ssen, geben Sie alles – bis zum Schluss. Rutschen Sie nicht zurü ck
in die Deeskalation, sondern fü hren Sie Ihren Weg konsequent fort! Halten Sie den
Gegner nicht am Ende fest, sondern entziehen Sie sich wirkungsvoll!

 Nutzen Sie alles, was hilfreich ist! Ihre Tasche, Jacke, Regenschirm, die Sä ule zwischen
Ihnen und dem Angreifer.

 Beim Helfen mü ssen Sie darauf achten, nicht selbst zur Zielscheibe zu werden. Dafü r gibt
es prominente Beispiele – achten Sie auf sich, ähnlich wie in einer Erste-Hilfe-Situation
nach einem Unfall.

 Rufen Sie die Polizei – Es ist nicht strafbar das zu tun, selbst, wenn Sie die Situation
ü berbewerten.

3. Theorie

Warum sollten Sie sich mit taktischen/ strategischen Gedankenspielen beschä ftigen? Die
Antwort lautet: Diese Ideen geben eine Struktur, um angemessen und vorteilhaft in einer
gefährlichen Situation zu agieren. Was auch in anderen Fä llen hilft (Diskussionen, bei der Arbeit,
in technischen Fragestellungen), gibt Ihnen Orientierung in einer chaotischen Situation. Und in
der SV gehen wir vom Chaos aus. „Jeder Plan ist hinfä llig, sobald die ersten Kugeln fliegen/
sobald die Fä uste fliegen“.

3. a. Der O.O.D.A. Loop

Diese Theorie schlü sselt Verhaltensweisen auf, bzw. das Aufeinandertreffen von Individuen in
einer Situation. Der Militä rstratege John Boyd entwickelte diese, sie wird zur taktischen Analyse
und in der Psychologie eingesetzt.

Diese Theorie geht von einem Entscheidungsprozess aus und stellt sie wie folgt dar:

1. Observe - beobachten

2. Orient - orientieren

3. Decide - entscheiden

4. Act - handeln

John Boyd beschreibt, dass der Gegner die Ereignisse um sich herum beobachtet (observe) und
versucht, daraus Informationen oder Schlü sse zu ziehen. Anhand dieser wahrgenommenen
Situation orientiert er sich (orient) und fällt daraufhin eine Entscheidung (decide). Hieraus

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ergibt sich seine Handlung (act). Durch diese Handlung kö nnen erneut Ereignisse ausgelö st
werden, die wiederum beobachtet (observe) werden.

Man kann unter Umstä nden einen Vorteil erlangen, indem man den OODA-Loop schneller
durchlä uft als der Gegner. Durch das eigene Handeln (am Ende der Schleife) verä ndert man die
Situation, während der Gegner noch dabei ist, die alte Situation zu verarbeiten. Der Gegner ist
gezwungen, den Loop von vorne beginnen, ohne rechtzeitig gehandelt zu haben.

Ein weiteres, wichtiges Fazit fü r das Thema SV ist folgendes: Durch den Abschluss der Schleife
„Act“ (handeln) wird betont, dass ein aktives Handeln und Umsetzung der Ü berlegungen zum
Erfolg fü hren. Passivitä t kann auch bedeuten, das richtige Bauchgefü hl zu erleben, es korrekt zu
deuten, sich zu einer Handlung durchzuringen – sie aber am Ende aufgrund fehlenden Mutes
oder Unentschlossenheit zu versä umen. Wie beschrieben: Sie mü ssen aktiv sein und konsequent
das tun, was Sie schü tzt.

Der OODA-Loop und ein Praxisbeispiel einer SV-Situation:

1. Observe: Sie haben die zwei angetrunkene Partygä ste ausgemacht, die andere Gä ste um
sich herum anpö beln und zum Teil physisch bedrohen. Sie sind mit Ihrer Partnerin da
und stehen an der Bar. Die Aggressoren bewegen sich auf sie zu, auf der Suche nach
„Stress“.

2. Orient: Es sind keine Tü rsteher zugegen und es ist keine Hilfe zu erwarten, wenn Sie
beide als Opfer ausgesucht werden. Neben Ihnen stehen Bierflaschen auf dem Tresen, die
Sie als Waffe nutzen kö nnten.

3. Decide: Sie nehmen eine Flasche in die Hand, wechseln die Position, sodass sie die
beiden besser im Blick haben und entschließen, wenn Sie gepackt und angegriffen
werden, voller Entschlossenheit mit der Bierflasche zuzuschlagen. Dann werden Sie ihn
schubsen Sie ihn und zum Ausgang flü chten.

4. Act: Sie werden als Opfer ausgewä hlt, der Aggressor packt Sie am Kragen, um
zuzuschlagen. Sie sind vorbereitet und schlagen mit voller Wucht zu. Diese Heftigkeit
trifft den Aggressor unerwartet und Ihre Abwehr gelingt. Sie stoßen ihn beiseite und
flü chten aus der Bar.

Zu martialisch? Entscheiden Sie sich vorher, so schnell es geht, zu flü chten. Sobald der Aggressor
Sie ausgewä hlt hat, stoßen Sie ihn hart zurü ck und flü chten mit Ihrer Freundin aus der Bar.

Das angemessene Mittel hä ngt von der Beurteilung der Situation ab. Entscheidend ist, dass Ihr
Gegner nicht mit Ihrem Game-Plan rechnet und wiederum reagieren muss. Das verschafft Ihnen
Vorteile: Sie kö nnen entscheiden, Sie fü hren in der Situation, Sie kö nnen ü berraschen, Sie
bleiben aktiv und behalten die Initiative.

3. B. Jeff Coopers Farbencode

Are You Combat Ready? John Cooper gilt als Begrü nder des sogenannten Cooper-Color-Codes.
Coopers Grundbotschaft lautet, dass das Ü berleben im Krieg in erster Linie nicht von der Stä rke
der Waffen abhä ngt, sondern von der Gefechtsbereitschaft.
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Was nü tzt das stä rkste Gewehr, wenn es nicht geladen und entsichert ist?

Und genau das mü ssen SIE in gewissen Situationen sein: Geladen und entsichert! Im zivilen
Bereich lassen sich diese militä rischen Begriffe in etwa so beschreiben: Aufmerksamkeit und
Wachsamkeit.

Wie gut bin ich auf eine Auseinandersetzung vorbereitet?

In diesem Fall werden verschiedene Farben zur Darstellung von Bereitschafts- und
Aufmerksamkeitszustä nden (Conditions) benutzt.

Condition WHITE (Weiß)

Sie sind unaufmerksam und vollkommen unvorbereitet. Sie fü hlen sich absolut sicher. Wenn Sie
in diesem Zustand unvermittelt angegriffen werden, ist das einzige, was Sie noch retten kann, die
Unfä higkeit des Angreifers, viel Glü ck oder eine dritte Person. Condition WHITE gleicht der
Gefechtsbereitschaft eines Schlafenden. Sie sind hierbei nicht in der Lage, Gefahren
wahrzunehmen und angemessen zu reagieren.

Opfer, die aus diesem Zustand angegriffen wurden, umschreiben dies meist mit „plö tzlich und
unerwartet“…, wenn Sie dazu noch in der Lage sind.

Jedem ist schnell klar, dass ein solcher Zustand sowohl im Straßenverkehr als auch in allen
ü brigen Lebensbereichen ä ußerst gefä hrlich ist. Gehen Sie mit offenen Augen durch Ihre Umwelt
und beobachten Sie Menschen. Wie viele davon betrachten stä ndig ihr Smartphone, sind vö llig
abwesend, tragen Kopfhö rer und sind schlicht und ergreifend TAUB und BLIND.

Tä ter suchen Opfer und scannen ä hnlich ihre Umwelt. Tä ter beurteilen Gefahren. Tä ter sind oft
Profis. Wen wü rden Sie als Opfer auswählen? Menschen, die umsichtig ihre Umgebung
beobachten oder Menschen, die vö llig abwesend und schutzlos sind?

Nehmen Sie lieber den weisen Rat von Jeff Cooper an: Never go out in White! (Gehe niemals in
Condition White vor die Tü r!)

Im Klartext bedeutet dies: Condition WHITE ist fü r Sie bestenfalls akzeptabel, wenn

 Sie sich in Ihrer Wohnung oder einer anderen geschü tzten Ö rtlichkeit befinden,

 die Zugä nge verschlossen sind,

 Sie die vollstä ndige Kontrolle ü ber die Zugä nge haben

 Sie allein sind oder in Gesellschaft von Personen, denen Sie vö llig vertrauen

Sobald es an der Tü r klingelt (auch wenn Sie irgendjemanden erwarten) oder sonst irgendwie
irgendwer auf der Bildflä che erscheint, sie irgendwelche ungewö hnlichen Gerä usche hö ren, ist
Condition WHITE passé. Wechseln Sie sofort in den nä chsthö heren Bereitschaftszustand.

Condition YELLOW (Gelb)

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Sie sind allgemein entspannt, aber aufmerksam. Das ist der Zustand, in dem Sie die meiste Zeit
verbringen werden. Es ist keine konkrete Gefahr erkennbar, aber Sie sind wachsam. Vergleichen
Sie dies mit der aktiven Teilnahme im Straßenverkehr! Hier mü ssen Sie auch die anderen
Verkehrsteilnehmer beobachten, um auf Fehlverhalten angemessen reagieren zu kö nnen!

Ihre Einstellung lautet: Heute kö nnte der Tag sein, an dem ich mich verteidigen muss.

Sie nutzen Ihre Augen und Ohren aktiv, um die Umgebung wahrzunehmen. Sie bewerten
Personen und Situationen. Sie mü ssen sich dafü r nicht stä ndig gehetzt umblicken. Meist reicht
einfach eine andere Positionierung. Genießen Sie das Gefü hl, im wahrsten Sinne des Wortes, den
Ü berblick zu haben.

Sie werden nicht unvorbereitet in irgendeine Situation hinein stolpern, sondern der Gefahr
mö glichst vorher ausweichen.

Entgegen hä ufiger Annahmen passieren die meisten Angriffe nä mlich NICHT plö tzlich und
unerwartet. Im Gegenteil. Jeder Tä ter sendet vor der eigentlichen Tat mehr oder weniger offene
Signale aus. Ein Ladendieb zum Beispiel wird sich hä ufig schnell umblicken, um etwaige
Beobachter zu erkennen.

Ziel des Tä ters ist es dabei, das vermeintliche Opfer und die Situation einzuordnen, die Lage zu
bewerten und zu verä ndern, um seine Chancen dadurch zu erhö hen.

Mit ein wenig Training kö nnen Sie die Vorbereitungshandlungen Ihres Gegners erkennen.
Gewö hnen Sie sich hierzu als erstes an, alle Menschen in Ihrer unmittelbaren Umgebung aktiv
wahrzunehmen. Scannen Sie immer alle ö rtlichen Bereiche, in denen Sie sich aufhalten
(werden) - und dies mö glichst vorausschauend.

Wenn eine Person auftaucht, fü hren Sie sofort einen Schnell-Check durch: Eine ungefährliche
ältere Dame oder ein angetrunkener Halbstarker?

Achten Sie insbesondere auf folgende Hinweise:

•Wer beobachtet Sie (direkt oder auffällig unauffä llig)?

•Wer verä ndert seine Position, wenn Sie Ihre Position verä ndern?

•Wer bleibt lä nger in Ihrer Nä he als unbedingt notwendig?

•Wer kommt Ihnen kö rperlich nä her als unbedingt erforderlich?

•Wo befinden sich die Hä nde der Person? Sind diese fü r Sie sichtbar?

•Welche Gegenstä nde werden durch die Person mitgefü hrt oder sind fü r sie leicht erreichbar?

• „Passt“ die Person von ihrer Gesamterscheinung in die Situation?

•Wer verursacht bei Ihnen das sogenannte mulmige Bauchgefü hl?

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Sie kö nnen diese Ü bungen mü helos und unauffä llig in Ihren Alltag integrieren. Machen Sie ein
kleines Spiel daraus, Ihr persö nliches Gefahrenradar auszubauen Vertrauen Sie dabei Ihrem
Bauchgefü hl und lassen Sie es konsequent zu. Besonders Frauen haben häufig eine sehr
sensible Wahrnehmung dafü r, wenn „etwas nicht stimmt“.

Verdrängen sie diese Wahrnehmung nicht. Sie kann Ihr Leben retten.

Achten Sie also auf Ihre Umgebung und stellen Sie sich diesbezü glich konkrete Fragen:

•Warum fährt dieses Fahrzeug nun schon zum wiederholten Mal an Ihnen vorbei?

•Warum fragt der Mann Sie nach der Uhrzeit, obwohl er doch eine Armbanduhr und ein Handy
hat?

•Warum legt der Kerl beim Gespräch mit Ihnen immer wieder seine Hand auf Ihren Arm?

•…

Wenn Sie sich verfolgt fü hlen, prü fen Sie den Verdacht, indem Sie Ihre Route ä ndern. Achten Sie
dabei allerdings darauf, sich nicht in abgelegene Bereiche wie Hinterhö fe, Keller oder Parks zu
begeben.

Wenn sich ihr Bauchgefü hl meldet oder Sie eine konkrete, verdä chtige Wahrnehmung machen,
wechseln Sie auf die nä chste Ebene.

Condition ORANGE (Orange)

Irgendetwas stimmt hier nicht. Sie erhö hen Ihre grundsä tzliche Aufmerksamkeit und sehen
genauer hin. Vermeiden Sie dabei aber den Tunnelblick und halten Sie die gesamte Lage
peripher im Blick, um nicht in einen Hinterhalt zu geraten.

Wechseln Sie Ihr Mindset: Es kann sein, dass ich mich gegen diese Person verteidigen muss.

Sie treffen eine konkrete Entscheidung: „Wenn er X tut, werde ich Y tun.“ – z.B. Angriff oder
Flucht! (nehmen Sie den Ansatz des OODA-Loop)

Condition ORANGE kann eine stä rkere mentale Anspannung bedeuten. Sie kö nnen diesen
Zustand aber ohne Probleme relativ lange aufrecht halten. Sie werden bemerken, dass sich Ihr
Kö rper unbewusst auf eine Konfliktsituation einstellt. Gesteigerter Puls, Hormonausschü ttung
und Muskelanspannung.

Haben Sie die Lage geklä rt und festgestellt, dass keine akute Gefahr vorliegt, wechseln Sie wieder
zurü ck auf YELLOW. Trainieren Sie dies im Alltag. Stellen Sie sich in Bezug auf eine anwesende
Person vor, wie diese Sie plö tzlich angreift. Achten Sie auf Behelfswaffen und etwaige
Fluchtwege.

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Wechseln Sie sofort in ORANGE, wenn jemand bereits aktiv in Ihre Richtung agiert. Egal ob
kö rperlich oder verbal. In Condition ORANGE kann es also zu (verbaler) Interaktion mit einem
potenziellen Gefahrenverursacher kommen. Wenn er sich Ihnen nä hert, halten Sie Blickkontakt,
wahren aber Distanz. Zeigen Sie ihm, dass Sie ihn wahrgenommen haben und er Sie nicht
ü berraschen kann. Dies untermauert Ihre Position als „hard target“. Jede anders geartete
Handlung seinerseits ist klares Alarmsignal fü r Sie.

Sie sind geladen und entsichert – Schalten Sie spä testens jetzt sofort um auf Condition RED.

Condition RED (Rot)

Condition RED bedeutet Kampf oder Flucht. Beides mit aller Konsequenz und ohne
Kompromisse. Versuchen Sie niemals, sich zu verteidigen. TUN SIE ES!

Ihr mentaler Abzug wurde ausgelö st. Er hat X getan, Sie tun Y. Jetzt sofort. Ohne Wenn und Aber.
Sie sind nicht aufzuhalten. Dies alles im Rahmen der Notwehr, mit allen Rechten und
Einschrä nkungen. Sie bleiben solange in RED, bist die Gefahr zweifelsfrei abgewehrt ist und Sie
sich an einem sicheren Ort befinden. Noch besser – kommen Sie Ihrem Gegner zuvor. Er muss
nicht erst ausholen, um zuzuschlagen. Der Schritt in Ihre Richtung ist im entsprechenden
Kontext genü gend Information fü r Sie. Statt zu reagieren, mü ssen Sie agieren.

Ihre Einstellung muss jetzt sein: Ich werde mein Leben verteidigen.

Bitte beachten Sie, dass der Wechsel von einer Condition in die andere nicht zwangslä ufig der
Reihe nach erfolgen muss. Im Falle eines ü berraschenden Angriffs ist es natü rlich mö glich und
erforderlich von YELLOW direkt in RED zu wechseln.

Jedem ist spä testens jetzt klar, dass von WHITE in eine RED-Lage zu geraten, absolut ungü nstig
und gefä hrlich ist.

3.c. Vier Phasen

Rory Miller ist Experte auf dem Gebiet der SV. Als Justizvollzugsdienstbeamter und Polizist
konnte er im beruflichen Alltag Erfahrungen sammeln – mit einer Reihe von Extremsituationen
sowie der Dauerbelastung durch allgegenwä rtige Aggressivitä t, die immer wieder in explosiver
Gewalt mü ndete. Seine Erfahrungen und sein Knowhow hat Miller in einem empfehlenswerten
Buch „Facing Violence“ zusammengefasst. In dieser Ausfü hrung beziehen wir uns auf einige
seiner Aspekte. In einer Kaskade lassen sich vier wichtige Phasen unterscheiden.

Einerseits ist es eine zeitliche Abfolge – ich versuche, zunächst die Gefahr zu meiden durch
vorbeugende Maßnahmen (ich halte nicht in der Rocker-Kneipe auf, sondern fahre zu einer
harmloseren.). Die Flucht, als zweite Phase, kann natü rlich nicht vorher stattfinden, denn hier ist
die Gefahr bereits prä sent. Allerdings ist der Ü bergang fließend, und, wie bei dem Farbcode nach

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Cooper, kann auch Phase vier (Kampf) die erste bewusst erlebte Phase sein. Die Abschnitte
stellen jedoch stets Strategien dar, die als Antwort auf gefä hrliche Situationen einsetzbar sind.

1. Vermeidung

Es ist keine Offenbarung, dass die Vermeidung zu der effektivsten Maßnahme zur Verhinderung
von Gewalt und SV-Situationen zä hlt. Die Logik ist profan – wenn Sie nicht da sind, kann Ihnen
auch nichts passieren. Die Kunst besteht wohl darin, konsequent, und ohne zu starke
Einschrä nkung der Lebensqualitä t, diesen Weg zu gehen. Wir nehmen ein Beispiel – und hangeln
uns durch dieses Szenario.

Als Großstä dter hat man das Selbstbild eines mondä nen, modernen Menschen, der auf der Hö he
der Zeit ist. Diese Eigenschaften (und seien sie nur unterstellt) sind zwar nicht negativ, gehen
jedoch gefü hlt mit Arroganz und Ü berheblichkeit einher. Auf dem Weg zum Urlaubsort fährt der
Großstä dter, an seinem Auto, seiner Kleidung, dem Nummernschild und seinem Verhalten leicht
erkennbar, durch kleine, abgeschiedene Orte. Die Dorfjugend, vom Großstä dter als
„Hinterwä ldler“ abwertend kategorisiert, verbringt den Nachmittag in einer einschlä gigen
Kneipe. Versetzen wir uns in die Rolle des Stadtmenschen. Mü de von der Autofahrt erscheint
eine Erfrischung in der Gaststä tte attraktiv. Dass der „hippe“ Gast nicht erwü nscht ist, muss ihm
zunächst nicht bewusst sein.

Konsequente Vermeidung, bei Cooper durch Farbcode Gelb mö glich, wü rde hier bedeuten, dass
er den Besuch in der Kneipe vermeidet und er sich lieber an der Tankstelle erfrischt.

Auch nach dem Aussteigen und den ersten Blicken, die er erntet, kann er sich gut aus dem Staub
machen. Unbedarft steigt er aus und betritt die Rä umlichkeiten. Jetzt gehen wir zu der Phase
ü ber, in der eine Flucht mö glich ist. Analog nehmen Sie folgende Beispiele: Sie gehen nicht spä t
abends an dem Geldautomaten Geld abheben, der, an der ö ffentlichen Straße gelegen, exponiert
liegt. Sondern am Folgetag, auf dem Weg zur Arbeit. Oder: Sie wechseln die Straßenseite und
gehen nicht direkt an der Bushaltestelle vorbei, wo die Jugendlichen Bier trinken und lautstark
ihr Umfeld „beglü cken“.

2. Flucht

Der Stä dter ist ausgestiegen, ist arglos und betritt die Kneipe. Ein wachsamer (Condition Yellow)
Beobachter wü rde die latent feindseligen Blicke wahrnehmen, das gockelhafte Verhalten der
Alphatiere der Dorfjugend, das Stirnrunzeln des Barmanns. An dieser Stelle, wir befinden uns im
Grunde zwischen Vermeidung und Flucht, kann konsequent auf die Wahrnehmung gehö rt, und
entsprechend umgesetzt werden. Sie verlassen die Bar, steigen ins Auto, und alles ist in Ordnung.
Es gibt zwei schlechte Grü nde, nicht auf die Wahrnehmung zu hö ren – man ist taub auf diesem
Ohr (Aufmerksamkeitsdefizit) oder nicht bereit, die Einschrä nkung in Kauf zu nehmen (Ego). Um
Millers Unterscheidung zwischen Raubtier und Affentanz in Erinnerung zu rufen: Eine
Aufforderung, die Bar zu verlassen, mit „das Bier trinke ich aber noch aus“ zu beantworten, lä sst
Sie zum Partner in einer mö glicherweise gefährlichen Situation werden – dem Affentanz-Partner,
der die Eskalation akzeptiert.

Zur Flucht ist folgender Faktor zusä tzlich zu beachten: Wenn Sie fliehen, sind Sie exponiert. Bei
einem Amoklauf ist die Flucht mit dem Risiko verbunden, das Feuer auf sich zu ziehen. Sie muss
also gut abgewogen werden.

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Zudem findet ein Prozess statt, der Sie in Schwierigkeiten bringen kann: Bei der Flucht steht Ihr
Kö rper voll unter Stress. Sie schü tten Hormone aus und laufen Gefahr, in Panik zu geraten. Daher
gilt folgender Leitsatz: Machen Sie sich Teilziele (ich laufe zur Tü r, dann zur Treppe, dann auf die
Straße, dann zur Polizeiwache gegenü ber), damit werden Sie wieder Herr der Lage und nicht
kopflos. Zweitens: Hin zur Sicherheit, nicht weg von der Gefahr. Auf der Flucht rennen Menschen
vor Autos, gegen Wä nde, in die Arme von weiteren Gegnern, etc.

Die Fluchtrichtung ist idealerweise vor uns, bzw. gut sichtbar. Wenn es uns gelingt, an dem
Gegner vorbeizulaufen, mü ssen wir uns nicht erst neu orientieren oder Glü ck haben, freie
Bahn zu haben. Im Technikteil werden hierzu Varianten vorgestellt.

Hin zur Sicherheit heißt, bewusst in die richtige Richtung, zu einem lohnenden Ziel zu laufen.

Und – machen Sie nichts halbherzig! Streben Sie Ihr Ziel konsequent an und flü chten Sie so weit
von der Gefahr weg, wie Ihnen mö glich ist. Erst auf der Wache oder zuhause in der Badewanne
gehen Sie wieder in die „Condition White“, in der Sie sich vö llig entspannen.

3. Deeskalation

Wie angedeutet, ist dieser Abschnitt eher „kleingeschrieben“ in dieser Abhandlung. Zwar liegt
unsere Konzentration naturgemä ß stark auf diesen Part – wir sind es gewohnt, sind so erzogen,
mit Worten und Argumenten Konflikte zu lö sen – fü r die SV dü rfen wir jedoch die Bedeutung
nicht ü berheben. Hat ein potenzieller Angreifer erst mal angedockt, ist es schwer, ihn davon zu
ü berzeugen, dass das, was er tut, nicht nö tig oder richtig ist, Sie nicht der Richtige fü r ihn sind,
etc.

Darauf hat er nä mlich gar keine Lust.

Er hat Sie bereits gewählt und will sein Spiel mit Ihnen beginnen (denken Sie daran: Wenn wir
von einem „Raubtier“ sprechen, jemanden, der Sie umbringen oder ausrauben mö chte, lassen
wir den Part „Deeskalation“ einfach aus, da Sie niemals damit zum Ziel gelangen kö nnen), und
die Show will er sich nicht verderben lassen. Da die perfide Taktik, alles, was Sie entgegnen, als
Abwertung zu deuten, um eine Eskalation zu erzeugen, schwer durchbrochen werden kann,
sollten Sie nur daran arbeiten, Ihre Position zu verbessern. Das heißt konkret, verbessern Sie
Ihren Ausgangspunkt fü r eine Flucht, oder einen Kampf. Lassen Sie sich nicht in die Ecke
drä ngen, die Situation weiter zuspitzen, bis es kein Entrinnen gibt, wä hrend Sie sich auf die
Argumente konzentrieren.

„Was glotzt du so?“ „Soll das heißen, ich spinne, oder was?“ „Du willst nicht mit mir sprechen,
hä ltst dich wohl fü r was Besseres?“ „Ach du meinst, du kannst es mit mir aufnehmen?“

Wie ein Strudel gelingt es dem trainierten Aufwiegler, alles, was Sie sagen, gegen Sie zu
verwenden. Wenn Sie geschickt sind, und es Ihnen gelingt, ihn mit Worten zu ü berzeugen, dann
ist das sehr gut. Verlassen Sie sich nicht darauf, und ruhen Sie sich nicht auf den Gedanken aus,
der nä chste Schritt wü rde von Ihrem Gegenü ber nicht kommen. Immerhin hat er vor Publikum
das Spiel begonnen, vertrauen Sie nicht darauf, dass er so gewaltfrei durch das Leben geht, wie
Sie das selbst gewohnt sind.

Insofern sollten Sie klare Botschaften senden, respektvoll bleiben und sich dabei bewegen.
Bleiben Sie nicht lange mit ihm in unmittelbarer Nähe, am besten noch ohne Deckung! Bewegen
Sie sich aus der Situation, bewaffnen Sie sich unauffä llig (Glasflasche, Regenschirm, vielleicht
legen Sie schon mal die Hand auf eine Stuhllehne, um den Stuhl als „Equalizer“ zwischen sich
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und den Gegner bringen zu kö nnen) und behalten Sie Ihre Umgebung im Blick. Flucht sollte
immer zur Sicherheit gehen, lassen Sie sich nicht umzingeln und lassen Sie Ihren Gegner nicht zu
nah an sich heran. Unterhalb einer Armlä nge dü rfen Sie sich keinen Moment unbedarft befinden,
heben Sie die Hä nde, werden Sie aktiv.

Die Deeskalation ist die Phase, in der eine Lä hmung wahrscheinlich ist. In Videos von
Extremsituationen sieht man immer wieder Opfer, die während dieser Phase vö llig untä tig
sind, verharren und sich nicht aktiv aus der Situation bewegen. Vermeiden Sie diese Fehler!

Wenn Sie klar, aber respektvoll sind, wird auch Ihr Umfeld erkennen, dass Sie Opfer, und nicht
Tä ter sind. Das kann die Situation sehr begü nstigen (Nothilfe, aber auch bei der juristischen
Nachbearbeitung), wird aber ggf. nicht entscheidend fü r den guten Ausgang sein.

„Lassen Sie mich in Ruhe, ich habe mit Ihrer Aggressivitä t nichts zu tun!“ „Kommen Sie nicht
nä her, lassen Sie mich in Ruhe!“ Das sind keine Lö sungen, aber Sie machen einiges deutlich.
Verschlimmern werden Sie die Situation damit wahrscheinlich nicht. Seien Sie bereit zu fliehen,
oder zu kä mpfen.

4. Kampf

Es gibt beim Kampf zwei Mö glichkeiten. A) Sie werden geschlagen /gepackt und mü ssen
reagieren, B) Sie kommen dem Angriff zuvor und schlagen zuerst zu.

Offensichtlich ist Variante B) Erfolg versprechender. Sie ü berraschen Ihr Gegenü ber, Sie sind ihm
im OODA Loop voraus (er muss reagieren). Allerdings mü ssen Sie die Reißleine ziehen und aktiv
werden. Dies kostet Ü berwindung und sollte „antrainiert“ werden. Ü ber seinen Schatten zu
springen und aktiv zu werden, ist hierbei die große Herausforderung.

A) nimmt Ihnen hierbei die Initiative ab (das mag ironisch klingen, tatsä chlich rü ttelt
Kö rperlichkeit auf und ermö glicht auch beim Freeze eine Aktion). Sie laufen dabei jedoch Gefahr,
verletzt zu werden. Verlassen Sie sich, auch bei Kampfsporterfahrung, niemals darauf, einen
Schlag erstklassig parieren zu kö nnen, um dann zu reagieren. Sie befinden sich nicht im Dō jō !

Immer wieder gibt es Demonstrationen von Kampfsporttrainern, wie sie meisterhaft und
scheinbar spielend Schlä ge kontern und ihr Gegenü ber dominieren. Hä ufig wird dabei jedoch
mit Tricks gearbeitet, um dieses Bild zu zeichnen. Achten Sie bei solchen Demonstrationen (die
es auch z.B. bei YouTube en masse gibt) auf den Angreifer. In der Regel greift er mit
ausladenden, offensichtlichen Schlä gen oder Tritten an, die genü gend Reaktionszeit gewähren,
um kunstvoll abzuwehren, zu schleudern und zu hebeln. Zumeist sind die Schlä ge nicht mal in
Reichweite und haben häufig einen vö llig anderen Charakter als Schlä ge, die geeignet sind, zu
verletzen.

Finden Sie ein Training, wo echte Gegenwehr stattfindet und Sie diese ü berwinden mü ssen, um
zu gewinnen!

Entscheidend ist beim Kampf der Wille, nicht aufzugeben. Es gibt Ü berlebende bei
Messerangriffen, die ü bersä t mit Stichwunden davongekommen sind – andere starben bereits
beim ersten Angriff. Geben Sie nicht auf. Versuchen Sie sich etwas zu vergegenwä rtigen, wofü r
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Sie bereit sind, zu kä mpfen. Nutzen Sie alles, was Sie in die Finger bekommen, als Waffe. Beißen
Sie, spucken Sie, seien Sie enthemmt! Stellen Sie sich vor, wie es ist, eine Katze einzufangen. Sie
ist schwach und klein, doch scharfe Krallen machen die Angelegenheit sehr unangenehm. Ihr
Gegenü ber ist relativ wahrscheinlich auf der Suche nach einem leichten Opfer. Das dü rfen Sie
nicht sein!

Wenn Sie kä mpfen, sollten Sie jede Gelegenheit nutzen, Kombinationen anzubringen. Ein
einzelner Schlag auf das Kinn mag genü gen, doch Sie sollten sich nicht darauf verlassen. Beenden
Sie Ihre Gegenwehr erst dann, wenn Sie absolut sicher sind, dass Ihr Gegner Sie nicht mehr
angreift. Fliehen Sie bei geeigneter Gelegenheit, nutzen Sie alles, um aus der Situation
herauszukommen.

Im Falle von mehreren Gegnern sollten Sie es vermeiden, zwischen diese zu gelangen.
Verhindern Sie frü hzeitig, sich einkesseln zu lassen, indem Sie Ihre Position ä ndern. Sie sollten
einen der Gegner zwischen sich und den anderen bringen. Wenn Sie kämpfen, kä mpfen Sie stets
nur mit einem, weichen Sie zudem nach außen weg von den andern aus.

Landen Sie mö glichst niemals auf dem Boden! Mit dem Gegner zu ringen, mag wie eine gute
Option klingen, wenn er ein geü bter Boxer ist. Doch abgesehen von der Verletzungsgefahr sollten
Sie nicht auf dem Boden bleiben, denn damit machen Sie sich gegenü ber weiteren Gegnern
verwundbar. Sie sollten so schnell wie mö glich aufstehen und flü chten oder kä mpfen. Haltegriffe
und Hebel sind schwer unter hö chstem Stress abrufbar. Sollten Sie dazu in der Lage sein, bleiben
Sie dennoch nicht bei Ihrem Gegner, sondern versuchen Sie, aus der Situation herauszukommen.

Sie sind nicht dazu berufen, Ihren Gegner festzuhalten, bis die Polizei eintrifft. Entkommen Sie
unversehrt, um das Einfangen von Verbrechern sollten sich andere, beauftragte, geschulte und
vorbereitete Krä fte kü mmern.

4. Technikteil/ praktische Umsetzung

a. Distanz

b. Der Fence – verdeckte und offene Kampfhaltung, Distanz

c. Verteidigung/ Abwehr von Angriffen

d. Pre-emptive Strikes/ „Erstschlag“: Offene Hand, Faustschlag, Schelle

e. Schlagtechniken: Hammer, Ellenbogen, Knie

f. Unmittelbarer Tritt

g. Verteidigung/ Abwehr von Griffen, Wü rgegriffen etc.

4. Technikteil/ Praktische Umsetzung

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Einige Grundprinzipien sollen in diesem Teil veranschaulicht werden. Es ist viel einfacher,
Kampftechniken durch Nachahmung zu erlernen, als durch Beschreibungen. Dennoch soll hier
der Versuch unternommen werden, einfachste Techniken darzustellen, da diese leicht
anzuwenden sind und auch unter Stress funktionieren.

Insgesamt gilt: Vermeiden Sie die kö rperliche Auseinandersetzung, so lange es geht – wenn es
unvermeidlich wird, setzen Sie auf Heftigkeit. Geben Sie 100%, hö ren Sie erst auf, wenn Sie
sicher sind, dass die Gefahr gebannt ist.

4.a. Distanz und die Abwehrhaltung „Fence“

Beim Kä mpfen spielt die Distanz und der adä quate Umgang mit ihr eine Schlü sselrolle.
Vergleichen Sie: a) Ihr Gegner ist so nah ist, dass ein Kopfstoß oder ein Hieb kaum abzuwehren
ist und b) Ihr Gegner ist nah, Sie haben aber die Hä nde oben oder c) Ihr Gegner ist mehr als
einen Meter entfernt.

Bild: Distanz zu nah vs. Fence

Neben der Reaktionszeit haben Sie vö llig unterschiedliche Dinge zu befü rchten. Ist Ihr Gegner
ganz nah, gibt es ein riesiges Repertoire an Angriffstechniken, aus denen er wä hlen kann.

Der Fence, Englisch fü r den Zaun, ist eine bekannte Haltung in der Selbstverteidigung. Die Hä nde
und Arme markieren die Linie, die der Aggressor nicht ü berschreiten darf. Bei plö tzlichen
Schlä gen oder Angriffen verschafft sich der Verteidiger mehr Reaktionszeit, Kopf und Kö rper
sind weiter vom Angreifer weg und die Arme sind „oben“, sodass Gegenmaßnahmen erfolgen
kö nnen. Zusä tzlich ist die defensive Haltung mit offenen Hä nden ein klares Statement auch in
Richtung etwaiger Unbeteiligter, was sich positiv beim Thema Zivilcourage als auch bei einem
juristischen Nachspiel auswirken kann.

Bilder

Bedenken Sie: Ihr Gegner ist nicht gekommen, um mit Ihnen zu tanzen oder zu kuscheln. Er hat
keinen angemessenen Grund und kein Recht, Ihnen zu nahe zu kommen. Daher gilt:

Lassen Sie ihn nicht zu nahe kommen. Werden Sie aktiv! Halten Sie ihn auf Distanz, indem Sie die
Umgebung nutzen und etwas zwischen sich und ihn bringen.

Bleiben Sie nicht zu statisch. Eine erhobene Hand, die vor dem Gesicht des Aggressors ruht, kann
auch gegriffen oder verletzt werden. Wir bewegen uns leicht, reden „italienisch“ und gestenreich,
sodass es gewissermaßen stimmig wirkt, dass Ihre Hä nde den Aggressor und Sie voneinander
trennen.

Rote Linie: Neben dem psychologischen Effekt, den eine Zä sur mit sich bringt, sollten Sie ganz
praktisch mit ihr arbeiten. Strecken Sie einen Arm aus, wenn er Ihnen zu nahekommt – nicht,
um Ihren Gegner zu schubsen, sondern nur um ihm ein „Halt“ zu signalisieren. Ziehen Sie ihn
wieder zurü ck (keine Angriffsflä che bieten!) und seien Sie bereit, aktiv zu werden, wenn er
diese Markierung ü berschreitet. Wenn er das tut, hat er nichts Gutes im Sinn! Warten Sie nicht ,
bis er zuschlä gt.

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Bild rote Line

Verdeckte Kampfhaltung – wie schaffen wir es, gleichzeitig „Combat-Ready“ zu sein, ohne ein
kä mpferisches Signal auszustrahlen? Zur Erinnerung: Erhobene Fä uste sind ein Signal fü r den
fairen Gegner, den Faustkampf aufzunehmen. Fü r den unfairen Gegner ist es eine Einladung, sich
einen Vorteil zu verschaffen. Wenn wir boxerisch erfahren wirken, wird der Gegner eine Waffe
ziehen oder mit unfairen Mitteln arbeiten wollen. Eine mö gliche Lö sung ist die verdeckte
Kampfhaltung. Mit locker verschrä nkten (Achtung: Nicht verknoteten) Armen vor der Brust, eine
Hand vor dem Kinn gehalten, ist die Reaktionszeit, um die Arme schü tzend zu erheben, rapide
verkü rzt und kann helfen. Zudem kann aus erhobenen Hä nden eine (trainierte) Attacke
ausgefü hrt werden, hierfü r mü ssen Sie nicht in einer ausgewogenen Kampfhaltung oder Auslage
stehen.

Offene Kampfhaltung und Verdeckte Haltung: Der „Denker“, am Bart spielen, verschrä nkte Arme,
italienisch reden

4.b. Verteidigen von Schlä gen

Wie zuvor ausgefü hrt, ist es sehr schwer, einen Schlag ideal zu parieren (aufzuhalten mit den
Hä nden oder Armen). Dies erfordert ein hohes Maß an Timing und Training und gelingt selbst
dann nicht immer.

Entscheidend ist, dass der Kopf nicht vö llig ungeschü tzt ist, also mü ssen die Hä nde davor
gehalten werden. Hier ist der „Helm“ eine gute Lö sung.

Hierbei zeigen die Ellenbogen zum Gegner, wä hrend die Hä nde den eigenen Kopf oder
Hinterkopf umfassen. Aus den erhobenen Hä nden fahren wir also die Hä nde zurü ck zum Kopf
und heben gleichzeitig die Ellenbogen nach oben/ vorne. Gleichzeitig verlagern wir uns, sodass
wir uns nicht mehr genau da befinden, wo der Schlag uns treffen sollte. Das nimmt Wucht und
ermö glicht Flucht oder Angriff. Der Ellenbogen kann als Rammbock genommen werden,
alternativ ziehen wir uns etwas zurü ck.

Bild Helm sowie Fence zu Helm

Diese Technik hat allerdings einen gravierenden Nachteil: Der Schlag erreicht unseren Kopf,
wenn auch indirekt. Hier kann viel Wucht auftreffen. Sollte der Angreifer eine Stich- oder
Schlagwaffe in der Hand halten, ist diese womö glich auch in Kopfnä he.

Als Trainer habe ich jedoch keine echte Alternative erlebt. Der Vorteil ist auch, dass wir uns nicht
darauf konzentrieren oder verlassen mü ssen, von wo der Schlag kommt. Ob Schwinger links
oder rechts, auch bei einer Geraden – der Helm wird stets gleich ausgefü hrt und schü tzt Kopf
und Hals.

4.c. Pre-emptive Strike: Der Erstschlag

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Werden Sie bedroht, dü rfen Sie auch zuerst schlagen. Pauschal stimmt diese Aussage definitiv.
Natü rlich muss die Verhä ltnismäßigkeit gewahrt werden, aber hier geht es um den physischen
und technischen Abschnitt und nicht um Juristerei.

Aus dem „Fence“ kö nnen diverse Schlä ge mit relativ hoher Wucht und vor allem ansatzlos
abgefeuert werden. Dies erfordert Training. WICHTIGER HINWEIS: Die Schlagtechniken kö nnen
verheerende Wirkung erzielen. Sie sollten jedoch niemals nur fü r sich und allein eingesetzt
werden. Es gilt stets, wenn das „Feuer erö ffnet ist“, dran zu bleiben und immer weiter zu
schlagen. Wir hö ren erst auf, wenn wir die Gefahr definitiv gebannt haben oder bereits flü chten.

Es empfehlen sich drei Varianten fü r den ersten Schuss, wichtig ist, dass Sie diese einsetzen
kö nnen.

Palm-Strike – die offene Hand

Aus dem leicht angewinkelten Arm kann links oder rechts die Hand in das Gesicht oder auf den
Hals des Aggressors geschlagen werden. Trainieren Sie die Mechanik und entwickeln Sie Wucht!
Eine erhobene Hand, die plö tzlich und wuchtig ausgestreckt wird, ist durch den Gegner sehr
schwer erkennbar und sollte ohne Warnung erfolgen.

Bild Palm Strike

Hinweis: Achten Sie auf Ihre Atmung und Ihre Sprache. Wenn Sie wä hrend des Sprechens
zuschlagen wollen, verraten Sie sich durch Pressatmung und Verä nderung der Stimme. Drehen
Sie den Spieß um: Erkundigen Sie sich beim Aggressor, was er nun vorschlä gt, oder was er
wirklich will – „Was soll ich denn jetzt machen?“ Sobald er Luft holt oder antwortet, schlagen
Sie zu. Eine Faustformel sagt: Wer spricht, kann nicht kämpfen, und umgekehrt!

Faustschlag

Wenn Sie trainiert sind, spricht grundsä tzlich nichts gegen den Einsatz Ihrer Fäuste. Solange sie
die Nase, das Kinn, die Wange oder den Hals des Gegners treffen. Ein Schlag auf die hä rtere
Schä delplatte oder Stirn kann starke Verletzungen bei Ihnen verursachen, was fü r den weiteren
Verlauf des Kampfes unerwü nschte Auswirkungen haben kann. Schlagen Sie also lieber zu
niedrig als zu hoch und versuchen Sie, unmittelbar und ohne sichtbaren Einsatz Ihrer Schultern
zu arbeiten.

Bild Faustschlag/ Haken, Trefferzonen Kopf (harter Schä del vs. Kinn)

Die Backpfeife

Durch die Rotation des Oberkö rpers entsteht viel Wucht beim Schlagen. Hier kommt die Kraft
nicht aus den Schultern oder Armen, sondern durch die schnappartige Drehung des Kö rpers.
Sind die Arme und Hä nde erhoben, muss auch nicht ausgeholt werden, was uns verraten wü rde.
Die Hand „aufgeklappt“ (siehe Abbildung) und mit einer Frage garniert („Was soll ich denn bitte
tun?“), ist die Ausgangslage. Sobald der Gegner spricht oder wegschaut, drehen wir den
Oberkö rper schwungvoll und lassen die Hand auf das Gesicht des Gegners sausen. Wichtig:
Schlagen Sie durch ihn durch, stoppen Sie nicht an der Wange. So erreichen wir maximale Wucht.

Bild Schelle

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Nach dem Erstschlag und beim Kämpfen: Dran bleiben! Hierfü r sind die Schlagtechniken
gemacht.

Sobald der Kampf durch uns oder den Angreifer erö ffnet wurde, beginnen wir ihn mit unseren
Schlä gen zu bombardieren. Hierbei geht es nicht um den sportlichen Austausch von Angriff und
Verteidigung, sondern um ein brachiales „Nach-Vorne-Gehen“, bei dem wir durchgehend
austeilen. Im Ring kann dies sehr schwer sein, da unser Gegenü ber sich anders verhä lt und
besser parieren kann. In einer SV-Situation ist das „Trommelfeuer“ eine gute Variante, unseren
Gegner zu bezwingen.

Schnapptritt

Diese Variante des Tritts ist aus zwei Grü nden beliebt: Er ist (vergleichsweise) ansatzlos und
kann auch aus etwas grö ßerer Distanz genutzt werden.

Bei dieser Technik verlagern wir unser Gewicht auf den hinteren Fuß, sodass wir imstande sind,
den vorderen Fuß anzuheben, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Indem wir unseren
Oberkö rper nach hinten kippen lassen und dabei den Fuß nach oben zu schwingen, erreichen
wir eine schnelle und wuchtige Bewegung, ohne diese vorher zu offenbaren.

Bild Schnapptritt

Nach einem Treffer greifen wir den Gegner, wo wir ihn zu packen bekommen, und setzen ihm
weiter zu. Ist das nicht erforderlich, fliehen wir. Sollte der Tritt ins Leere gegangen sein, haben
wir uns verraten und mü ssen mit der offenen Kampfhaltung weiterkämpfen. .

Mit der vorderen oder freien Hand greifen wir den Gegner. Wir packen ihn am Revers, an der
Jacke, an den Haaren, wo immer wir ihn zu greifen bekommen. Mit der anderen Hand beginnen
wir, zu schlagen. Hier kommt die Hammer-Faust zum Einsatz:

Hammer

Die Faust saust von der Seite oder von oben auf den Kopf oder Oberkö rper des Aggressors. Wir
treffen dabei mit der Faust-Unterseite (siehe Abbildung) und nicht mit den zerbrechlichen
Knö cheln oder Fingerknochen. Vergleichen Sie es mit dem Schlagen gegen eine massive Holztü r.
Boxen wir dagegen, verletzten wir uns. Beim Hammerschlag (etwa wie beim kraftvollen
Anklopfen) kö nnen wir relativ gefahrlos draufhauen. Nach jedem Schlag holen wir erneut aus
und erreichen dabei eine hohe Frequenz beim Schlagen. Wo genau wir treffen, ist zweitrangig.
Das Ziel wird markiert durch die Hand, mit der wir unseren Gegner gepackt haben.

Hammerschlag, greifen und ausholen Bilder

Ellenbogen

Wä hrend wir unseren Gegner mit Hammerschlä gen bearbeiten, rü cken wir bestä ndig vor. Das
bedeutet, dass er im Rü ckwä rtsgang ist oder wir ihm immer nä herkommen. Bei weniger Distanz
empfiehlt sich die nä chste Nahkampf-Waffe: Der Ellenbogen. Aus verschiedenen Winkeln kann
die Ellenbogenspitze zum Gegner geschwungen werden – sei es von unten als Uppercut, von

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oben oder von der Seite. Wichtig ist, dass die Spitze und nicht der Unterarm treffen. Wir lassen
unseren Gegner nicht los und schlagen wuchtig und ununterbrochen auf ihn ein.

Ellenbogen Bild mit Griff

Hinweis: Diese brutale Vorgehensweise sollte natü rlich nur im grö ßten Notfall eingesetzt
werden – wie Selbstverteidigung im Grunde auch. Verhä ltnismä ßigkeit ist oft erst rü ckblickend
zu bewerten. Das Risiko, einen Kampf erst richtig zu entfachen, ist bei halbherzigen Schlä gen
und Aktionen aber wahrscheinlicher. Von der Ausfü hrung eines einzelnen Schlages mit
Rü ckkehr in die Verhandlung wird dringend abgeraten!

Kniestoß

Wir bearbeiten unseren Gegner, bzw. haben ihn an der Schulter oder am Kragen gepackt. Ziel
jetzt soll sein, das Knie in den Unterleib zu jagen – ein effektiver und fü r ihn schmerzhafter
Angriff. Wichtig ist dabei, ihn durch unseren Griff so zu fixieren, dass sein Kopf und Oberkö rper
uns nicht verletzen.

Entweder gelingt dies ü ber den Speer (siehe Abbildung) oder den Clinch (siehe Abbildung). Dies
sollte idealerweise trainiert werden, entscheidend ist aber, den eigenen Kopf zu schü tzen und
den Gegner zu blockieren.

Bild Speer / Clinch und Knie

Abgrenzung zum Thai-Box-Knie: Achtung, wir treffen den Gegner nicht im Bauch oder Brust.
Diese Treffer sind zwar wirkungsvoll, verhindern aber gewissermaßen den Vorwä rtsgang.
Beim Krav Maga rast der gesamte Oberschenkel in die Region des Gegners, um sicherzustellen,
dass das Knie dort landet, wo es weh tut (Gewalttä ter sind eben i.d.R. mä nnlich). Die Fixierung
der Schulter oder des Nackens des Gegners sollte beim Ausholen, beim Treffen und auch
danach bestehen bleiben, um den Gegner zu kontrollieren. Wir beenden den Angriff mit
Hammerschlä gen auf den Nacken und Hinterkopf und bringen ihn zu Fall.

Bild Knie: Bild Gesamtabfolge

4.d. Abwehr von Griffen/ Wü rgeangriffen

Die Abwehr beim „Gegriffen werden“ erfreut sich großer Beliebtheit bei
Selbstverteidigungskursen und beim Kampfsport. Das ist grundsä tzlich nicht schlecht, da es
Hebel und Angriffspunkte aufzeigt und uns wehrhafter macht. Allerdings werden viele
Techniken sehr statisch und ohne Druck trainiert. Zudem habe ich in meiner Laufbahn selten
erlebt, dass ein bestimmter Wü rgeangriff durchgefü hrt und dieser aufrechterhalten wird. Sobald
Menschen miteinander ringen, zu Boden gehen oder im Clinch bewegen, ist die Situation alles
andere als statisch. Sie ist voller Bewegungen und wechselnden Energierichtungen, und eine
isolierte Technik, auf die es eine elegante Antwort gibt, ist kaum auszumachen.

Insofern reduzieren wir uns in dieser Abhandlung auf universelle, allgemein nü tzliche
Schwerpunkte bei der Verteidigung.

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Beim Wü rgeangriff, wie auch bei diversen anderen Attacken, bei denen unser Gegner uns packt,
bauen wir keine Distanz auf, sondern gehen in den Mann „rein“. Das hat zwei Grü nde: Der
natü rliche Impuls ist, Distanz aufzubauen; deshalb zielt die Energie des Gegners darauf, Sie
festzuhalten. Wir kö nnen die Kraft nicht umleiten. Wenn der andere stä rker ist, scheitern wir am
puren „Gegenhalten“. Zweitens gilt es, den Gegner unschä dlich zu machen. Schließlich sind seine
Hä nde und Arme beschä ftigt, und er bietet Angriffsflä che. Zudem wü rde er den Kampf sofort
wieder aufnehmen, wenn wir uns elegant aus der Umklammerung befreien, und uns dann
wieder in der Konfrontation wiederfinden.

Auf den folgenden Bildern demonstrieren wir die Verteidigung eines Wü rgeangriffs, einer
Umklammerung und eines „Schwitzkastens“. Die Bilder dienen der Orientierung; ohne Training
werden diese Sie nicht wehrhafter machen:

Bilder gepackt werden am Kragen, Wü rgen und Schwitzkasten

Grundsä tzlich: Wir bewegen uns nicht weg, sondern fixieren unseren Gegner und gehen auf die
Angriffspunkte, die Wirkung erzielen – Gesicht/ Augen und/ oder Unterleib.

Bilder Gegenmaßnahme gepackt werden

Auch hier gilt: Wir lassen erst locker, wenn wir unseren Gegner bezwungen haben. Sobald der
Griff gelockert ist, beginnt unser Trommelfeuer, bis er auf dem Boden liegt oder wir eine
Gelegenheit haben zu fliehen.

4.e. Aufstehkampf

Dieses Kunstwort hat folgenden Hintergrund: Im klassischen Bodenkampf (verbreitet durch


Brazilian Jiu-Jitsu und Mixed Martial Arts) wenden Sie Techniken an, um Ihren Gegner z.B.
mittels Hebel zur Aufgabe zu zwingen. Das ist ein anspruchsvolles und spannendes Training und
stellt eine großartige Ergä nzung anderer Trainings dar.

In der SV mü ssen wir uns in wesentlichen Punkten dazu abgrenzen.

- Wir wollen nicht auf dem Boden landen: Allein der Aufprall kann bereits sehr gefährlich
sein, wenn wir auf Bordsteine, gegen Wä nde oder auf Gegenstä nde stü rzen.

- Wir wollen nicht auf dem Boden bleiben: Während Sie mit dem Gegner ringen, sind Sie
hochgradig gefährdet, von Dritten angegriffen zu werden. Sie sehen sie nicht und kö nnen
sich kaum vor Tritten oder anderen Attacken schü tzen.

- Wir wollen nicht zur Aufgabe zwingen: Was machen Sie, wenn Ihr Hebel gelingt? Wie
lange wollen Sie den Gegner festhalten? Sie mü ssen das Schlachtfeld verlassen und in
Sicherheit gelangen und sollten sich nicht unnö tig lange dort aufhalten!

- Beim Ringen sind Sie blind: Greift Ihr Gegner in die Tasche und zü ckt ein Messer?
Kontrollierte Gegenwehr ist sehr schwer, selbst dann, wenn Sie die Waffe erkennen!

- Bodenkampf ist schwierig: Auch geü bten Kä mpfern gelingt es bei wehrhaften/ agilen
Gegnern nicht ohne weiteres, wirkungsvolle Hebel anzusetzen. Beim Sparring konnten
wir hä ufig beobachten, dass auch technisch sehr trainierte Bodenkä mpfer eine ganze
Weile brauchen, Ihren Gegner zu fixieren, und nicht selten dabei scheitern.

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Dennoch verdient das Thema selbstverstä ndlich seinen Platz in der SV! Kämpfe kö nnen immer
am Boden enden, das dü rfen wir nicht ignorieren. Training im Bodenkampf ist nicht verkehrt,
solange wir auch den „Aufstehkampf“ trainieren.

4.e.1. Das Fallen

Hierzu zählt, das Fallen/ zu Boden gehen zu trainieren. Bauen Sie dies in Ihr Training ein! Im
Gegensatz zur klassischen Lehre aus dem Judo klatschen wir nicht bewusst hart mit flachen
Hä nden auf die Matte, sondern rollen eher ab. Trainieren Sie, indem Sie sich zunä chst auf das
hintere, angewinkelte Bein abstü tzen und sanft abrollen.

Bild Fall Training

4.e.2. Die Haltung am Boden

Wir richten uns auf unseren Gegner aus. Ein Bein ist angewinkelt und fest auf dem Boden,
während das andere Bein bereit ist, zum Tritt ausgefahren zu werden. Die Hä nde bleiben vor
dem Oberkö rper und die Oberarme liegen fü r die Stabilitä t auf. Sie kö nnen sich nun drehen und
ausrichten.

Bild Liegen

Achtung: Halten Sie Ihren Gegner auf Abstand (bis Sie aufstehen kö nnen, was Sie forcieren
sollten, siehe 4.e.3.) mit Tritten, die auf die Knie und Schienbeine des Gegners zielen. Treten Sie
zu hoch (Hü fte des Gegners, oder noch hö her), kann Ihr Fuß gegriffen werden! Dann kann sich
das Blatt schnell wenden! Bleiben Sie in Bewegung, lassen Sie Ihren Gegner nicht zu nah heran
oder an Ihre Flanke!

Bild Tritt, Tritt zu hoch und passend

4.e.3. Das Aufstehen

Hier muss der Schwerpunkt liegen. Wenn Sie einfach aufstehen, sind Sie womö glich zu nah an
Ihrem Gegner dran. Stü tzen Sie sich seitlich ab und machen Sie mit den Fü ßen einen Satz nach
hinten (hinten = weg vom Gegner) und kommen Sie so auf die Beine. Das kann mit einem Tritt
kombiniert werden. Das Rollen ist nicht zu empfehlen, da Sie zwar Abstand gewinnen, jedoch ins
Unbekannte rollen und sich verletzen kö nnen.

Bilderserie Aufstehen, Aufstehen mit Tritt, falsch Aufstehen und zu nah am Feind sein,

4.e.4. Verteidigen aus der Guard oder Mount

Befindet sich der Gegner auf uns, mü ssen wir andere Techniken einsetzen. Sie sind nur der
Vollstä ndigkeit halber erwä hnt, da sie angeleitetes Training erfordern. Thematisch gehö ren sie
dazu; hier dient dieser Abschnitt der Anregung.

Bild Mount , Guard Verteidgung

1. Kinder und Selbstverteidigung

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Aus zwei Grü nden ist es sinnvoll, das Thema SV bereits in der Kindheit zu erlernen. Kinder
kö nnen betroffen sein von Gewalt – sei es auf dem Schulhof durch andere Kinder, sei es durch
gefährliche Erwachsene. Kinder sind betroffen und sollten daher geschult werden.

Zum anderen sind die Kinder von heute die Erwachsenen von morgen. Wenn wir bereits als
Kinder lernen, mit Gewalt umzugehen, laufen wir in der Jugend und als Erwachsene nicht Gefahr,
in die berü chtigten und gefährlichen Fallen zu tappen, die auf uns warten.

Es gibt das Zitat, dass es einen Komfort darstellt, bereits als Jugendlicher einen Schlag ins
Gesicht abbekommen zu haben. Die Logik besagt, dass wir dann nicht Gefahr laufen, paralysiert
auf Gewalt (-androhung) zu reagieren, denn so ü bel kö rperliche Gewalt sein kann, die
psychischen Schä den kö nnen ungleich verheerender sein und das ganze Leben beeinträchtigen.
Und panische Angst vor kö rperlicher Gewalt(-androhung) kann eine Ü berreaktion sein und es
kann Traumatisierung erzeugen.

Es bereits hilfreich, sich mit der Materie vertraut zu machen und mit Kindern zu trainieren.

Dabei gilt es nicht, die kleinen Menschen mit tö dlichen Techniken auszustatten und harten Drills
auszusetzen. SV hat, wie im Buch zuvor beschrieben, mit dem Verstä ndnis zu tun, frü hzeitig
Signale der Bedrohung zu erkennen und sich konsequent ihr zu entziehen. Also: Sei kein Opfer!

Selbstverteidigung mit Kindern zu trainieren heißt, zu sensibilisieren, ohne Ä ngste zu schü ren.

Sicherheit hat mit Aufmerksamkeit, Selbstbewusstsein und damit zu tun, einen Plan zu haben:
Was tue ich, wenn Gefahr droht?

5.a Gewalt durch Erwachsene

Erwachsenen sollte man nicht blind vertrauen. Halte Abstand zu ihnen. Lasse dich nicht
berü hren, folge ihnen nicht. Laufe auf dem Weg zu Schule nicht am Straßenrand, halte Abstand
zu Autofahrern, die dich ansprechen, steige niemals in das Auto. Nimm nichts von ihnen an.
Wenn du Hilfe von Erwachsenen benö tigst, wähle die, die du kennst oder die in Geschä ften
arbeiten.

Tä ter locken Kinder damit, im Auftrag der Eltern unterwegs zu sein. Machen Sie dem Kind klar,
dass sie niemals den Kindern Fremde beauftragen wü rden, sie abzuholen, auch nicht im Notfall.
Vereinbaren Sie vielleicht einen Code, der dem Kind zeigt, dass Sie Bescheid wissen.

Wenn das Kind bedrä ngt wird, hilft Lautstä rke. Das fü rchten die potentiellen Tä ter am meisten –
Aufmerksamkeit. Geben Sie dem Kind dabei etwas an die Hand. Sä tze wie: „Hilfe, ich werde
entfü hrt!“, oder „Lassen Sie mich los, lassen Sie mich in Ruhe! Polizei!“, helfen dem Umfeld zu
erkennen, dass es sich nicht um einen Familienstreit oder um allzu kö rperliche Erziehung der
Eltern geht. Vor allem das Siezen, das Wort „Hilfe“ und „Polizei“ sind Schlü sselbegriffe dabei.

Neben dem Verbalen geht es auch um die kö rperliche Wehrhaftigkeit. Bringen Sie dem Kind bei,
wie ein Verrü ckter zu zappeln, mit Armen und Beinen um sich zu schlagen, zu kratzen, spucken
und zu beißen.

Haben Sie mal eine Katze im Arm gehabt, die anfing zu beißen oder zu kratzen? Der Tä ter
sollte seine Mü he haben, Ihr Kind festzuhalten oder gar wegzutragen, und er sollte von
anderen Menschen dabei gesehen werden. Lautstä rke und wilde Kö rperlichkeit bewahren Ihr
Kind vielleicht davor, in ein Auto gezerrt, oder in eine Wohnung entfü hrt zu werden.

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Trainieren Sie mit Ihrem Kind:

Bei der SV gilt es, die Umgebung einzubeziehen. Ü ben Sie mit dem Kind, Begrenzungspoller,
Schilder, Stromkä sten oder Bäume zwischen sich und Ihnen zu bringen. Ergä nzt wird dieses
Spiel um das Rufen nach Hilfe. Trainieren Sie das in einer abgelegenen Umgebung, das enthemmt
und fü hrt natü rlich dazu, dass Sie nicht Gefahr laufen, fü r einen Tä ter von anderen gehalten zu
werden. Ü ben Sie auch das Verhalten, wenn Ihr Kind angesprochen wird. Werten Sie gemeinsam
im Anschluss aus. Was hat geklappt, wie hat sich Ihr Kind gefü hlt, was konnten Sie dabei lernen?

Tipp: Seien Sie unbesorgt, wenn Ihr Kind wä hrenddessen nicht ganz ernst bleibt. Es wird vieles
lernen, auch wenn es sich zu Albernheiten hinreißen lä sst.

5.b Gewalt durch andere Kinder/ Gleichaltrige

Mobbing, Bedrohung, Raub – auf dem Schulhof wird Gewalt und Straftat nicht nur gespielt.
Sprechen Sie mit Ihrem Kind ü ber das, was es erlebt. Ä ngste und Sorgen kö nnen tiefe Narben
hinterlassen. Viele Dinge, die uns als Erwachsene beeinträ chtigen, haben wir in der Kindheit
erlebt. Gewalt ist nicht „natü rlich“ – Vä ter verharmlosen gerne das Thema, oder haben sogar
positive Verbindung zu einer fairen Schlä gerei unter Kindern und Jugendlichen. Gewalt sollte
keine Lö sung sein, gleichzeitig aber auch kein Tabuthema.

Durch den tä glichen Umgang mit denjenigen, die Gewalt ausü ben, kostet es vielleicht sogar noch
mehr Ü berwindung, entschlossen darauf zu reagieren. Ihr Kind will eventuell nicht als Feigling
dastehen und spielt auf unglü ckliche Weise mit.

Zunächst geht es, wie im Buch beschrieben, um das Realisieren, wann Gewalt anfä ngt, und dass
wir nicht gezwungen sind, mitzuspielen. Wo findet bereits Erpressung, Bedrohung oder
Ankü ndigung von Gewalt statt? Hier hilft es sicher, Nä he zum Kind zu haben. Haben Sie ein Ohr
fü r Signale, dass Ihr Kind sich unwohl fü hlt, Angst hat, zur Schule zu gehen, oder sich mit
„Freunden“ umgibt, die subtil oder sogar offen feindselig miteinander umgehen.

- Hilfe holen – auch wenn Lehrer und Direktoren nicht immer ein offenes Ohr haben, oder
wissen, wie sie sich verhalten sollen: Vor Ort sollten diese Ansprechpartner gewä hlt
werden. Bringen Sie dem Kind bei, sich nicht wegschicken zu lassen. Auch hier findet
hä ufig Verharmlosung statt, oder man glaubt Ihrem Kind nicht. Lassen Sie Ihr Kind den
Ansprechpartner auffordern, Sie anzurufen. Das setzt zum Teil nochmals Energie frei und
offenbart das Ausmaß.

- Laut sein, Aufmerksamkeit erregen – Wie im Kapitel zuvor, sollte Ihr Kind die
Ö ffentlichkeit nutzen. „Lass mich in Ruhe, hö re auf mich zu schlagen, Hilfe!“. Natü rlich
kostet es Ü berwindung, aus der Passivitä t zu treten und als Bedrohter in Erscheinung zu
treten. Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass es nicht „cool“ ist, ein stilles Opfer zu sein, und
dass es durch sein angepasstes Verhalten die Tä ter animiert, immer wiederzukommen.

- Flucht – das andere Kind zu schubsen, um fliehen zu kö nnen, ist legitim. Bringen Sie ihm
nicht unbedingt Schlä ge und Tritte bei! Es darf sich wehren, aber der Fokus liegt auf der
Vermeidung und der Entziehung, also der Flucht. Hin zur Sicherheit, nicht weg von der
Gefahr (siehe Kapitel Flucht)

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- Raub – „Abziehen“ von Kindern, also schlicht Raub, ist eine Straftat, mit der viele Kinder
konfrontiert sind. Still mitzuspielen, ist dabei die Tü cke (wobei Gewalt natü rlich noch
schlimmer ist). Wenn Ihr Kind neue Sachen verliert oder angeblich verschenkt, sollten
Sie hellhö rig werden. Wie in der allgemeinen SV gilt: Hä ndigen Sie alles aus ohne
Widerrede und ohne auf Ihren Stolz zu hö ren. Sorgen Sie dafü r, dass Sie heil nach Hause
kommen. Dann gilt es, alle Maßnahmen zu ergreifen: Zeigen Sie den Tä ter an (also prä gen
Sie sich Beobachtetes ein), sprechen Sie ü ber das Erlebte, vertrauen Sie sich an. Als
Eltern mü ssen Sie sicherstellen, dass Ihr Kind wieder sorglos zur Schule geht (begleiten
Sie es dabei) und berü cksichtigen Sie, dass es zu einem schwerwiegenden traumatischen
Erlebnis zä hlen kann, das Ihr Kind lange begleitet. Nicht selten ist psychologische Hilfe
ratsam!

Kinder lernen vor allem durch Nachahmung und durch das Wecken von Verstä ndnis. Es geht
nichts ü ber regelmä ßiges Training,

4. Das Training

Krav Maga wird hä ufig in wö chentlichen Trainings á 1- 1,5 Stunden in jeweils drei Abschnitten
durchgefü hrt:

1. Kraft und Schnellkraft Training

1. Techniken und Pratzen/ Schlagpolster-Training

2. Drills

Der erste Part ist im Grunde ein klassischer Sportteil, wahlweise mit (Gruppen)-spielerischen
Ü bungen, Kö rpergewichtsü bungen, Medizinball- und Kampfsportü bungen. Darunter fä llt auch
das Abhä rtungstraining, wobei hier bereits Schlag- und Tritttechniken geü bt werden. Ein
Kämpfer lebt beim Kampf von seiner Physis und sollte krä ftig, schnell und mö glichst
einigermaßen ausdauernd sein.

Der zweite Teil umfasst Schlag- und Tritttechniken. Diese kö nnen langsam und technisch geü bt
werden (z.B. Schattenboxen), aber auch mit voller Geschwindigkeit und Wucht (hauptsä chlich
auf Schlagpolster).

Der dritte Teil umfasst den Einsatz des Erlernten unter Stress – einerseits durch die Kombination
aus sehr anstrengenden Ü bungen, andererseits durch Drill-artige Ansprache und Kommandos.
Dieser Druck wird aufgebaut, um den Adrenalinstoß im Ernstfall besser zu ertragen und auch
unter hö chster Anstrengung und Erschö pfung wehrhaft zu bleiben.

1. Sport-Teil

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Beim Training sorgen wir fü r adä quate Aufwä rmung und Dehnung und beginnen bewusst locker.
Spielerische Ü bungen, um den Puls hochzutreiben, sind z.B.:

- Partnerü bung Schulter oder Oberschenkel berü hren. Sparringsartig versuchen die
Teilnehmer, mit offenen Hä nden an besagten Stellen anzutippen. Spielerisch bleiben,
nicht zu viel Ehrgeiz entwickeln (Verletzungsgefahr Augen, Hä nde, etc.)

- Gruppenü bung Hinterkopf oder Kniekehle berü hren. In einem abgesteckten Bereich
mü ssen alle Teilnehmer sich bewegen und kämpfen. Gelingt es, einem anderen an den
Hinterkopf oder in die Kniekehle zu berü hren, muss dieser aus dem Feld treten und fü nf
Liegestü tze machen. Dann kehrt er sofort wieder in das Feld zurü ck und macht weiter.
Tritt ein Teilnehmer versehentlich aus dem Feld, muss er ebenfalls Liegestü tze machen,
bevor er wieder zurü ckkehren muss.

Im Folgenden sind in einer Ü bersicht einige Ü bungen aufgezeigt.

Bilderserie Workout

1. Pratzen/ Technik-Teil

Bei der Partnerarbeit an den Schlagpolstern ist es sehr wichtig, das Halten der Polster gut zu
vermitteln. Die Pratzen sollten eng an den Oberkö rper gezogen werden und nicht verrutschen.
Das Einstecken der Schlä ge ist eine gute Abhä rtungsü bung – wenn die Polster verrutschen, droht
Verletzungsgefahr.

Bild Pratzen halten stehend, lowkick Pratzen halten

Die Schlä ge kö nnen einzeln, in Serie oder in Kombination mit anderen Schlä gen trainiert werden,
was sich empfiehlt. Der Instruktor sollte darauf achten, das Tempo und die Wucht festzulegen.
Außerdem sollten alle Serien in einer Kampfhaltung auch beendet werden, die ein
Weiterkä mpfen ermö glicht.

Bild Hammer, Ellenbogen, Knie, Bild Schnapptritt und Hammer, Bild Seithammer, HEK, Fronttritt
oder Jab mit HEK

a. Kombination

b. Drills

c. Konkrete Workouts/ Ablaufplä ne

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