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PD Dr. habil.

Anke Levin–Steinmann WS 2007/08

Interkulturelle Kommunikation
(an Beispielen aus dem Russischen)

Stoffverteilungsplan
LV am Thema der Lehrveranstaltung
1. 17.10.07 Kommunikation, Sprache und Kultur
2. 24.10.07 Fortsetzung s.o.; Das sog. sprachliche Weltbild; Wierz-
bicka: theoretische Grundlagen der Konzeption der „uni-
versal primitivs“
3. 31.10.07 Zeichen – Begriff – Beziehung als Schlüssel zum Kul-
turverständnis; Die Prototypen-/Stereotypentheorie als
Schlüssel zu interkulturellen Phänomenen
4. 07.11.07 Sog. kulturelle Schlüsselkonzepte
5. 14.11.07 Sprachspezifischer Lexikgebrauch
6. 21.11.07 „Idiomatischer Sprachgebrauch“; auf dem Weg zur Phra-
seologie
7. 28.11.07 Phraseologismen als kulturelle Texte?
8. 05.12.07 Patriarchalisch geprägte Sprache als Ausdruck der Ge-
sinnung?
9. 12.12.07 Kulturelle Stereotypen, das Unsere ↔ das Fremde
10. 19.12.07 Kulturgemeinschaften in gegenseitiger und in Selbstre-
flexion
11. 9.01.08 Der Sprechakt als Ausdruck von Kulturspezifik
12. 16.01.08 Kulturspezifisches bei Sprechakten...
13. 23.01.08 Gestik und Mimik
14. 30.01.08 Translatorische Probleme
15. 6.02.08 Konsultation

Literatur
Austin, J.L.: How to Do Things with words. Qxford 1962./Zur Theorie der Sprechakte. Stutt-
gart 1972.
Bausinger, H.: Typisch deutsch. Wie deutsch sind die Deutschen? München 2000.
Beiträge des Gender-Blocks zum XIII. Int. Slavistenkongress in Ljubljana... (Hrsg. J. van
Leeuwen-Turnovcová/U. Röhrborn) München 2003.
Brinker, K.: Linguistische Textanalyse. Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden. 2.
Aufl. Berlin 1988.
Cobabus, N.: Vertrautheit und Fremdheit. Das Eigene und das Andere im Spiegel unterschied-
licher Untersuchungsansätze: eine kulturanthropologische Kritik. Aachen 1997.
Ertelt-Vieth, A.: Interkulturele Kommunikation und kultureller Wandel. Eine empirische Stu-
die zum russisch-deutschen Schüleraustausch. Tübingen 2005.
Forum Translationswissenschaft. (Hrsg. Lew Zybatow) Bde. XXX, Frankfurt a.M. XXX
Gottburgsen, A.: Stereotype Muster des sprachlichen doing gender. Wiesbaden 2000.
Hardman, M.J.: Was Jaqi-Frauen uns voraushaben: Gleichheit in grammatischer und konver-
sationeller Struktur. – Frauengespräche: Sprache der Verständigung. (Hrsg. S. Trömel-
Plötz) Frankfurt a.M. 1996, 304-323.
Heringer, H.-J.: Interkulturelle Kommunikation. Tübingen 20072.

1
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haltensstrategien für die interkulturelle Geschäftspraxis. Wien 1992.
Klann-Delius, G.: Sprache und Geschlecht. Stuttgart, Weimar 2005.
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Würzburg 1999.
Pinker, S.: The Language Instinct. The New Science of Language and Mind. London 1994.
Rathmayr, R.: Pragmatik der Entschuldigungen. Vergleichende Untersuchung am Beispiel der
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Сравнительное исследование на материале русского языка и русской культуры. М.
2003.]
Schlieben-Lange, B.: Linguistische Pragmatik. Stuttgart et a. 19792 [1975].
Scholz, A.: Verständigung als Ziel interkultureller Kommunikation. Münster 2000.
Searle, J.R.: Sprechakte – Ein sprachphilosophischer Essay. Frankfurt 1983.
Tannen, D.: Du kannst mich einfach nicht verstehen. Warum Männer und Frauen aneinander
vorbeireden. Hamburg 1991.
Wierzbicka, A.: The alphabet of human thoughts. – Conceptualizations and Mental Process-
ing in Language. (Hrsg. R.A. Geiger & B. Rudzka-Ostyn) Berlin 1993, 23-51.
Yakovleva, E.: Deutsche und russische Gespräche. Ein Beitrag zur interkulturellen Pragmatik.
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Zybatow, L.: Was die Partikeln bedeuten. München 1990.
Вежбицкая, А.: Язык – Культура – Познание. Москва 1996.
Вежбицкая, А.: Понимание культур через посредство ключевых слов. Москва 2001.
Верещагин, Е.М./Костомаров, В.Г.: Язык и культура. Лингвострановедение в
преподавании русского языка как иностранного. Москва 1990.
Григорьева, С.А., Григорьев, Н.В., Крейдлин, Г.Е.: Словарь языка русских жестов.
Москва–Вена 2001.
Степанов, Ю.С.: Константы: Словарь русской культуры. Москва 20012.
Тер-Минасова, С.Г.: Язык и межкультурная коммуникация. Москва 2000.

2
1. Seminar: Kommunikation, Sprache und Kultur

Einf.:
– dieses Seminar verbindet zwei Schwerpunkte miteinander

Коммуникация1 = акт обмена (особенно новостями); данная информация; общение


Коммуникация2 = акт или процесс передачи информации другми людям или живым
существам.
3
Коммуникация = системы и процессы, используемые для общения или для передачи
информации.
Коммуникация4 = письмо или телефонный звонок
Коммуникация5 = различные методы передачи информации между людьми, особенно
официальные системы – почта, радио, телефон и т.д.
6
Коммуникация = это также способы, с помощью которых люди строят отношения друг
с другом и понимают чувства друг друга.
(Тер-Минасова 2000: 12)

– auf der einen Seite sind diese Bestimmungen sehr subtil und gehen nahtlos ineinander über

Der frame „Kommunikation“ (Heringer 2007: 23)

1. Wann und wo? [Szenario] 4. Wozu? [Intention]

2. Wer? [Beteiligte] KOMMUNIKATION 5. Wie? [Modus]

3. Worüber? [Topik] 6. Womit? [Medium]

zu 2) Beteiligte: zu 4) Intention:
– Anzahl der Teilnehmer – Klarheit über das Ziel
– Geschlecht der Teilnehmer – gegenseitige Akzeptanz
– Altersstruktur des Ziels
– Gegenseitige Beziehung – Entwicklung zum Ziel hin

Zu 3) Topik: zu 5) Modus:
– Klarheit über das Topik – direkt oder indirekt?
– Akzeptanz des Topiks und – Mutter- o. Fremdsprache?
seiner Strukturen (welche Subtopiks wann?) – Stilform
– Wissen um Tabuthemen – wer hat welche turns?

zu 6) Medium:
– schriftlich od. mündlich?
– per Körpersprache?
– direkt od. indirekt?
• Telefon?
• Chat?
• Projektor?

3
auf den Ebenen:
a) sprachliche Verständigung, die zu Verstehen führen soll,
b) konsensuale Verständigung, die zu Einverständnis führen soll und
c) emotionale Verständigung, die zu Verständnis führen soll.

Kulturbegriff:
„Eine Kultur stellt ein Ensemble von in symbolischem Handeln manifestierten Wissensbe-
ständen dar, die sich in den verschiedenen sozial-historischen Domänen und Entwicklungs-
phasen einer Gesellschaft unterscheiden oder für diese Domänen spezifisch sind, die aber
durch den Bezug auf die gleiche Gesellschaft einen mehr oder weniger gemeinamen Kern an
Weltbildern, Wertvorstellungen, Denkweisen, Normen und Konventionen aufweisen und die
sich deshalb – vor allem aus der homogenisierenden Perspektive von außen – als solche einer
bestimmten Kultur darstellen.“
(Knapp/Knapp-Potthoff 1990 zit. nach Heringer 2007: 107)

?vs.?

„Eine Kultur ist eine Lebensform.


Kultur ist ein Objekt besonderer Art. Wie Sprache ist sie eine menschliche Institution, die auf
gemeinsamem Wissen basiert.
Kultur ist entstanden, sie ist geworden in gemeinsamem menschlichen Handeln. Nicht, dass
sie gewollt wurde. Sie ist vielmehr ein Produkt der Unsichtbaren Hand. Sie ist ein Potenzial
für gemeinsames sinnträchtiges Handeln. Aber das Potenzial zeigt sich nur in der Performanz,
im Vollzug. Und es ist entstanden über Performanz.“
(Heringer 2007: 107)

– in einer weiteren Definition mit der Bezeichnung „Triadischer Kulturbegriff“ ist der direkte
Bezug zur „Sprache“ vorhanden, vgl.:

a) Die mentale Dimension: Kultur fungiert als Handlungsorientierung für real existie-
rende Probleme, indem sie Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsstrukturen bietet.
b) Die materielle Dimension: Kultur objektiviert sich in der Gesamtheit von Artefakten
als real hervorgebrachten Leistungen zur Repräsentation von Sinn, Bedeutungen
und Problemlösungen.
c) Die situative Dimension: Kultur vollzieht sich in der konkreten Praxis von Hand-
lungen – d.h. auch in der Kommunikation –, in denen gemeinsame Orientierungen
durch Rückgriff auf Deutungs- und Verhaltensmuster aufgebaut werden. (Scholz
2000: 19)

– in Form der unter a) erwähnten Handlungsorientierungen treten sog. „Kulturstandards“ auf


(Scholz 2000: 20ff), für die Heringer eine Wahl an Definitionsmustern zur Verfügung stellt,
vgl.:

4
Kulturstandards
wirken als
sind
bezeichnen Maßstäbe
benennen > Gradmesser
bestimmen Bezugssysteme
definieren Orientierungsmerkmale
dienen als
werden aufgefasst als

bestimmen das Denken(s)


sind Kennzeichen des Handeln(s)
Wahrnehmen(s)
Verhalten(s)
(Heringer 2007: 196)

– Scholz hat sich für die Formulierung „KS sind... typische Orientierungsmaßstäbe“ entschie-
den, die über den Prozess der Sozialisation internalisiert werden (2000: 20f)
– das Adjektiv „typisch“ suggeriert eine „Erwartbarkeit“ von Verhaltensweisen und Interakti-
onen, ist aber nicht unproblematisch, weil
→ „KS in mehrfacher Hinsicht relativ sind“:
• Ihre Verbindlichkeit ist unterschiedlich stark, sie unterliegen einer dynamischen Verände-
rung
• Durch die Persönlichkeit jedes einzelnen sind sie niemals bei allen Mitgliedern völlig i-
dentisch ausgeprägt (Scholz 2000: 21)

– mit den KS verbunden sind: Standardisierungen des Denkens, die eng mit der für eine Kul-
tur typischen Mentalität zusammenhängen: auf der Grundlage ähnlicher „psychischer Dispo-
sitionen, emotionaler Neigungen und geistig-seelischer Haltungen“ (Vester 1996, zit. nach
Scholz 2000: 25)

– in Form der unter b) erwähnten Artefakte treten u.a. Zeichensysteme auf, darunter das Zei-
chensystem der Sprache, aber auch alle nonverbalen Zeichen... (Scholz 2000: 30f)

Was halten Sie von folgender Bestimmung des Terminus „Interkulturelle Kommunikati-
on“?

Межкультурная коммуникация = адекватное взаимопонимание двух участников


коммуникативного акта, принадлежащих к разным
национальным культурам. [Interkulturelle Kommuni–
kation ist das adäquate gegenseitige Verstehen zweier Teil-
nehmer eines kommunikativen Aktes, die unter–
schiedlichen Kulturen angehören.] (Верещагин/Косто–
маров, 1990, 26, zit. nach Тер-Минасова 2000: 14)

→ hier wird automatisch der wechselseitige Verständigungsprozess „Kommunikation1-2“ zum


gegenseitigen Verstehen, also „Kommunikation6“ erklärt, was der Idealfall sein und bleiben
dürfte und von bestimmten Kriterien abhängig ist, z.B.:
1. grammatisches Wissen

5
2. lexikalisches Wissen
3. Weltwissen (fachliches, soziales, kulturelles, normatives, Handlungswissen)
4. Kontextwissen
5. kommunikativ-strategisches Wissen (Heringer 2007: 133)
→ und erst unter der Voraussetzung des „Funktionierens“ bzw. der Koordination entweder
auf intra- oder interultureller Ebene zum gegenseitigen Verstehen, Einverständnis oder Ver-
ständnis führen, vgl.:
a) sprachliche Verständigung, die zu Verstehen führen soll,
b) konsensuale Verständigung, die zu Einverständnis führen soll und
c) emotionale Verständigung, die zu Verständnis führen soll.

– zusammenfassend heißt das nach Loenhoff 1992 (zit. nach Scholz 2000: 87):

„[...] unter interkultureller Kommunikation oder interkultureller Verständigung nur solche


Kommunikationsprozesse verstanden werden, die zwischen Angehörigen unterschiedlicher
Sprach- und Kulturgemeinschaften stattfinden und folglich dadurch charakterisiert sind, daß
sich die Interaktionspartner* weitgehend an unterschiedlichen symbolischen Codes orientie-
ren und damit ein relativ hohes Maß gegenseitiger Fremdheit empfinden.“
* d.h. mindestens ein Interaktionspartner (Anmerkung von mir)

– die Wissensebenen, s.o., lassen sich auf der interkulturellen Ebene wie folgt (um)benennen:
a) Punkte 1, 2 und ein Teil von 5 zusammengefasst bildet die sprachliche Kompetenz,
b) Punkt 3 enthält das notwendige (fremd)kulturelle Hintergrundwissen

– es ist natürlich, dass die Verständigung auf interkultureller Ebene viel häufiger von Unsi-
cherheiten und Fehlschlägen betroffen ist als die intrakulturelle
– ist das Wissen in irgendeiner Form bei einem Gesprächspartner nicht gegeben, spricht man
von einem „rich point“, von einer Stelle, „an der in der Kommunikation häufiger Probleme
auftreten“ (Agar, zit. nach Heringer 2007: 162)
– in der interkulturellen Kommunikation gibt es eine ganze Menge solcher möglichen rich
points, s. die fünf Wissensbestände oben
– in der interkulturellen Kommunikation gibt es eine ganze Menge solcher möglichen rich
points, s. die fünf Wissensbestände oben
→ z.B. das Wort ‚Heimat‘

– ein rich point kann auch an ein Wort gebunden sein, dann sprich man von einem „Hotword“
– es sind Wörter, die
• bedeutungsmäßig nicht eindeutig bestimmbar sind
• deren verschiedenen [Assoziations-/Vorstellungs-]Komponenten ein kulturelles Muster
bilden
• die in einer bestimmten Gruppe oder Kultur eine spezifische Rolle spielen
• die mit bestimmten Emotionen und Assoziationen positiver oder negativer Art verbunden
sind

– um ein Hotword einer anderen Kultur richtig zu verstehen, muss man:


→ sich intensiv mit der Kultur und der Geschichte der jeweiligen Kultur auseinandersetzen,
d.h.
→ muss man quasi in die Zielkultur „eintauchen“ (ebenda)

6
– das Wissen über den oder die jeweils „Anderen“ wird in den verschiedensten Wissen-
schaftsdisziplinen oft über Umfragen zusammengetragen, auf der interkultuellen Ebene oft
der erfolgversprechendste Weg, um an entsprechende Wissensbestände heranzukommen
– die Objektivität von Umfragen wird dabei in der Regel überschätzt, u.a. auch deshalb, weil
falsche Schlüsse über die jeweils anderen Wissensbestände gezogen werden, vgl.:
→ Umfrage zum „Sinn des Lebens“ unter Amerikanern und Koreanern (Folie)
– die Grafik zeigt den Stellenwert, der den Bereichen zugesprochen wurde
– im nächsten Schritt ergab sich dann noch, dass natürlich Koreaner zu Liebe ganz Anderes
assoziieren als US-Amerikaner (!!!)
→ die Rolle von der Bedeutung-Begriff-Beziehung, auf die wir zuarbeiten

7
2. Seminar: Kultur und Sprache; Das sog. sprachliche Weltbild; Wierzbicka: theoretische
Grundlagen der Konzeption der „universal primitivs“

Widerspiegelung der Wechselbeziehung zur Kultur im Sprachbegriff:


Язык1 = зеркало культуры, в нём отражается не только реальный мир, окружающий
человека, не только реальные условия его жизни, но и общественное
самосознание народа, его менталитет, национальный характер, образ
жизни, традиции, обычаи, мораль, система ценностей, мироощущение,
видение мира.
Язык2 = сокровищница, кладовая, копилка культуры. Он хранит культурные ценности
– в лексике, в грамматике, в идиоматике, в пословицах, в фольклоре, в
художественной и научной литературе, в формах письменной и устной речи.
Язык3 = передатчик, носитель культуры, он передаёт сокровища национальной
культуры, хранящейся в нём, из поколения в поколение. Овладевая родным
языком, дети осваивают вместе с ним и обобщённый культурный опыт
предшествующих поколений.
Язык4 = орудие, инструмент культуры. Он формирует личность человека, носителя
языка, через навязанные ему языком и заложенные в языке видение мира,
менталитет, отношение к людям и т.п., то есть через культуру народа,
пользующегося данным языком как средством общения. (Тер-Минасова 2000:
14f)

Steht die folgende Passage nicht im Widerspruch zu der obigen Sprache2-Definition?


Однако язык – это не копилка или склад, в котором хранятся вышедшие из употребле-
ния слова-понятия.
[Allerdings ist die Sprache keine Sparbüchse bzw. Lager, in dem aus dem Gebrauch gekom-
mene Wörter bzw. Begriffe aufbewahrt werden.] (Тер-Минасова 2000: 87)
Bsp.: ни зги не видно, бить баклуши, ничтоже сумняшеся, на босу ногу, без царя в
голове
→ in Phraseologismen werden schon Archaismen aufbewahrt und auch noch aktiv gebraucht,
aber bei den Sprachträgern fehlt das Wissen ihrer ursprünglichen Bedeutung
→ bei der Bewusstwerdung hat man alerdings einen Schlüssel zur wortwörtlichen Bedeutung
dieser Einheiten, von der man dann die phraseologische ableiten bzw. erklären kann

Welcher der zwei Beschreibungen der Rolle von Sprache und Kultur geben Sie den Vorzug,
begründen Sie!

„В каком-то смысле человек раб своего родного языка: он с младенчества попадает под
влияние и власть языка родителей и вместе с языком усваивает хранящуюся в нём
культуру того речевого коллектива, членом которого он совершенно случайно, не имея
никакого выбора, оказался.“ [Im gewissen Sinne ist der Mensch ein Sklave seiner Mutter-
sprache: von Kindesbeinen an fällt er unter den Einfluss und die Macht der Sprache der Eltern
und eignet sich zusammen mit der Sprache die in ihr steckende Kultur des sprachlichen Kol-
lektives an, dessen Mitglied er vollkommen zufällig, d.h. ohne eine Wahl zu haben, geworden
ist.] (Тер-Минасова 2000: 134)

↑vs.↓

„Человек не рождается ни русским, ни немцем, ни японцем и т.д., а становится им в


результате пребывания в соответствующей национальной общности людей.

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Воспитание ребёнка проходит через воздействие национальной культуры, носителями
которой являются окружающие люди.“ [Der Mensch wird weder als Russe, Deutscher
noch Japaner geboren, sondern wird zu einem solchen im Resultat des Verweilens in der ent-
sprechenden Sprachgemeinschaft. Die Erziehung des Kindes verläuft durch die Wirkung der
nationalen Kultur, deren Träger die das Kind umgebenden Menschen sind.]
(Верещагин/Костомаров 1990: 25)

– die Überbewertung der Rolle der Sprache hat zur Statuierung des Terminus „sprachliches
Weltbild“ geführt

Языковая картина мира отражает реальность через культурную картину мира.


[Das sprachliche Weltbild spiegelt die Realität durch das kulturelle Weltbild wider.]
Речь идёт, во-первых, о том, что язык как идеальная, объективно существующая
структура подчиняет себе, организует восприятие мира его носителями. А во-вторых, о
том, что язык – система чистых значимостей – образует собственный мир, как бы
наклеенный на мир действительный.
[Es geht darum, dass erstens die Sprache als ideelle, objektiv existierende Struktur sich die
Wahrnehmung der Welt durch seine Sprecher unterordnet und organisiert. Zweitens bildet die
Sprache als System reiner Bedeutungen eine eigene Welt, die auf bestimmte Art auf die reale
Welt aufgeklebt ist.] (Антипов/Донских/Марковина/Сорокин, 1989, 75, zit. nach Тер-
Минасова 2000: 46)

Argumentation von Ter-Minasova (Тер-Минасова 2000: 47ff)


– Sprache ist ein Teil der Kultur, aber auch die Kultur ist nur ein Teil der Sprache
– das sprachliche Weltbild wird nicht vollständig von dem kulturellen vereinnahmt
– in der oberen Definition wird die physische Tätigkeit des Menschen und seine physische
Erfahrung der Wahrnehmung der Umwelt nicht berücksichtigt
 die Sprache fixiert bei Weitem nicht alles [in Wort- oder Phrasemform], was in der natio-
nalen Weltsicht vorhanden ist, ist aber in der Lage, alles zu beschreiben
– ein Wort kann man mit einem Mosaiksteinchen vergleichen, und diese Teilchen setzen sich
in verschiedenen Sprachen zu verschiedenen Bildern zusammen
– am Beispiel der Farbbeschreibung kann man das wie folgt demonstrieren:

Голубой Синий
Blue
(blau)

– es ist wohl offensichtlich, dass sowohl Russen, Engländer, Amerikaner und Deutsche die-
selben physischen Voraussetzungen zur Farbwahrnehmung haben, auch wenn es in ihren
Sprachen auf verschiedene Art und Weise verbalisiert ist
– es gibt aber kein Hindernis, die einzelnen Abstufungen per Umschreibung sprachlich wie-
derzugeben, vgl.:

Голубой Синий
sky-blue, himmelblau dark-blue, dunkelblau
светло-голубой тёмно-синий
pale-blue, hellblau navy blue, dunkelblau

 ein und derselbe Begriff, ein und dasselbe Stückchen Realität hat verschiedene Formen
der sprachlichen Realisierung in verschiedenen Sprachen – eine komplexere oder weniger
komplexe

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– die Wörter verschiedener Sprachen, die ein und denselben Begriff bezeichnen, können sich
aufgrund ihres semantischen Umfangs unterscheiden, können verschiedene Abschnitte der
Realität abdecken → das Vorhandensein «interkultureller Synonyme» ist deshalb höchst
zweifelhaft
– beim Fremdsprachenlernen wird auf das primäre Weltbild der Muttersprache und Heimat-
kultur ein sekundäres Weltbild der erlernten Sprache draufgelegt

Widerspiegelung der Wechselbeziehung zum Denken im Sprachbegriff:


→ Язык и образ мышления взаимосвязаны [Sprache und Denkungsart sind wechselseitig
bedingt]
„С одной стороны, в языке находят отражение те черты внеязыковой действительности,
которые представляются релевантными для носителей культуры, пользующейся этим
языком; с другой стороны, овладевая языком и, в частности, значением слов, носитель
языка начинает видеть мир под углом зрения, подсказанным его родным языком...“ [Ei-
nerseits finden in der Sprache die Dinge der außersprachlichen Realität Widerspieglung, die
für die diese Sprache sprechenden Kulturträger relevant sind und andererseits fängt der
Sprachträger über die Sprache, insbesondere die Wortbedeutungen, an, die Welt so zu sehen,
wie sie ihm durch die Muttersprache vorgegeben wird.] (Шмелёв, А.: Могут ли слова языка
быть ключом к пониманию культуры? – Вежбицкая 2001: 7)
→ Bezug zu den Ideen von Humboldts, Sapir und Whorf
→ s. solche „besonderen“ Wörter wie Bruderschaft, barszcz oder тыкать
– diese lexikalischen Beispiele sind zweifelsohne Besonderheiten, weil sie kulturspezifische
Rituale oder Gerichte bezeichnen und nicht auf den gesamten Wortschatz übertragen werden
können, wodurch natürlich Probleme bei der Übersetzbarkeit entstehen (s. auch Eigennamen)
– andere Besonderheiten weisen Wörter wie пошлый, храмить auf, s. auch Lexik
„Das Wort пошлость bezeichnet und stimuliert eine bestimmte Sichtweise auf menschliche
Handlungen und Ereignisse. Kulturspezifische Wörter stellen begriffliche Instrumente dar, die
die erlebten Erfahrungen der Gesellschaft bezüglich der Handlungen und Vorstellungen über
verschiedene Dinge auf bestimmte Art und Weise... darstellen und sie fördern die Verewi-
gung dieser Weisen.“ (Вежбицкая 1996: 20)
– mit ihren Werken hat Wierzbicka ein weltweites Echo herbeigerufen, das sich in zwei Lager
teilt
– als Anhänger gilt die sog. Moskauer Schule
– entschiedene Gegner sind vor allem in der westlichen Welt zu finden, u.a. Steven Pinker,
der über das Funktionieren des Konzeptes ‚freedom‘ folgendes schreibt:

„... since mental life goes on independently of particular languages, concepts of freedom and
equality will be thinkable even if they are nameless.“ (1994: 82)
↑vs.↓
„... das Konzept ‚freedom‘ ist nicht unabhängig von der konkreten Sprache (indem es sich
z.B. vom römischen Konzept ‚libertas‘ oder vom russischen ‚свобода‘ unterscheidet). Es ist
von der Kultur und der Geschichte als Teil des gemeinsamen Erbes der Träger der englischen
Sprache gebildet worden.“ (Вежбицкая 1996: 23)

– die Aussagen von Wierzbicka suggerieren eine 1:1-Beziehung von Bedeutung und bezeich-
netem Begriff, eine weitgehende Identifizierung von Sprache und Denken
→ wäre hier nicht von einem Konzept oder Begriff die Rede, sondern eben von einer kultur-
spezifischen Bedeutung, dann könnte man alles ohne Weiteres unterschreiben, s. Lexik

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– diese These von Wierzbicka kann nur funktionieren bei Zugrundelegung einer relativ festen
Merkmals-Semantik von „Wörtern“ (verlässt man das Wortfeld, bricht alles in sich zusam-
men)
– auf der bereits zitierten Seite 20 relativiert sie allerdings diese Sichweise selbst, indem sie
formuliert:
„... die Sichtweisen eines einzelnen Indivuums sind niemals völlig von den begrifflichen In-
strumenten determiniert, die ihm seine Muttersprache geben,... es finden sich immer alternati-
ve Ausdrucksmöglichkeiten (sic!!!).
Aber die Sprache wirkt ganz offensichtlich auf seine konzeptuelle Sicht auf das Leben.“ (e-
benda)
– es besteht kein Zweifel, dass auch die Sprache begriffsbildend wirkt
– geht man außerdem davon aus, dass das Merkmalscluster, das sich gegenwärtig hinter ei-
nem Wortformativ verbirgt, kaum noch etwas zu tun hat mit dem zu Zeiten der „Wortbil-
dung“, stünde ein sog. sprachliches Weltbild auf sehr wackligen Beinen, da dieses auf „Ste-
reotype“ geradezu angewiesen ist
→ ganz abgesehen von der damit verbundenen Frage nach großen Unterschieden bei den
Merkmalsclustern innerhalb einer Sprachgemeinschaft
→ ganz abgesehen von der damit verbundenen Frage nach dem überindividuellen, gesell-
schaftlichen durchschnittlichen Abbild

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3. Seminar: Zeichen – Begriff – Beziehung als Schlüssel zum Kulturverständnis; Die
Prototypen-/Stereotypentheorie als Schlüssel zu interkulturellen Phänome-
nen

vorbereitende HA:
→ zu dem Wort ‚Heimat‘
Versuchen Sie, über die Zusammenstellung relevanter Merkmale das Wort ‚Heimat‘ (aus
Ihrer kulturellen Sicht) zu definieren!
– Zusammenfassung für das deutsche Wort

Gefühl Deutschland
Recht angestammt Dorf Liebe
Alt Sprache
Stadt Land
daheim Gefühl
verlassen HEIMAT zurück
heimatlos zurückkehren
Verbundenheit Sehnsucht
Vertriebene Roman
vertrieben Heimweh
Film
(Heringer 2007: 175)

Wiederholen Sie das Ganze nochmals für das Wort ‚Dorf‘!


– Nennen typischer Merkmale (aus der jeweiligen kulturellen Sicht)
– Vorstellen der Sicht von Andrej Makin, einem russ. Schriftsteller, geboren 1957 in Krasno-
jarsk, aus seinem Roman „Французкое завещание“, erschienen 1995 in französischer Spra-
che (zit. nach Тер-Минасова 2000: 64)
– Makin ist zweisprachig aufgewachsen (hat eine französische Großmutter) und 1987 nach
Frankreich ausgewandert
– Ter Minasova fasst das Leseerlebnis in Bezug auf einen Punkt so zusammen:
„Говоря о месте своего рождения, Нёйн-сюр-Сен, Шарлотта, бабушка Макина,
называет это место деревней. В культурном мышлении её внука и внучки есть только
одно представление – о русской деревне....“

Forts.:
→ „... представление – о русской деревне: деревянные избы, стадо, петух, деревенские
мужики и бабы.“

Prototypen-/Stereotypensemantik
– Lexeme sind sprachliche Zeichen
→ ein Zeichen besitzt nach nach de Saussure zwei Seiten:
• eine Ausdrucksseite (signifiant, Bezeichnendes) und
• eine Inhaltsseite (signifié, Bezeichnetes)

(a) Bilateralität: jedes Z. besteht aus der Zuordnung von zwei Aspekten, dem materiellen
(lautlich oder graphisch realisierten) Z.-Körper (= → Bezeichnendes) sowie einem be-
grifflichen Konzept (= Bezeichnetes). Zur unterschiedlichen Terminologie vgl. → Be-
zeichnendes vs. Bezeichnetes.

12
(b) Im Unterschiede zu DE SAUSSUREs zweiseitigem Z. gehen andere Forscher, z.B. PEIRCE
[1931 ff.], von der triadischen Struktur des Zeichens aus und unterscheiden zwischen
Zeichenkörper, Bezeichnetem und Sprecher.

Z M

(F ≈ A)
B

M = Mensch, der Zeichen verwendet


F = Formativ bzw. Lautgestalt des Zeichens
B = Bedeutung des Zeichens
Z = Zeichen, bestehend aus einem Formativ (F), das durch eine Bedeutung (B) in Relation zu
einem gedanklichen Abbild (A) steht (= Begriff oder Konzept)
O = Objekt, auf das das gedankliche Abbild rekuriert

∗ Sprachliche Zeichen - „bilaterale Komplexe von materiellem Zeichenkörper und ihm zu-
geordneten Bedeutungen/Abbildern.“ (Lorenz/Wotjak, 74)
∗ ... - „kleinste Verbindung zwischen einer Bedeutung, die...Signifikat genannt wird, und
einem Schallsegment, das Signifikant genannt wird.“ (Hagege, 104))

Besteht ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen der formalen und der inhaltlichen Seite?
– die Verbindung von lautlicher und inhaltlicher Seite ist willkürlich, arbiträr
– das Gesagte trifft auch auf die lautliche Wiedergabe bzw. Nachahmung bestimmter Geräu-
sche zu, die sich u.U nur geringfügig von Sprache zu Sprache, aber dennoch voneinander un-
terscheiden, vgl.: мяу

Bezeichnung/Referieren:
Welche Größen werden benötigt, um kommunizieren zu können?
• sprachliches Zeichen (Formativ + Bedeutung),
• Sprecher,
• Referenzobjekt,
• Begriff bzw. Konzept

13
Beziehung: sprachliches Zeichen – Referenzobjekt
a) Monolateralität des sprachlichen Zeichens, d.h.:
→ Wörter bezeichnen/bedeuten (d.h. verweisen in dem Fall auf) konkrete Objekte

– Entwickeln einer Alternative:

b) Bilateralität des Zeichens


→ Wörter haben ein an sie gebundenes Signifikat oder Bedeutung(en)
→ Wörter bezeichnen/bedeuten außer(einzel)sprachliche Begriffe

Abb. 1 Beziehung: sprachliches Zeichen - Referenzobjekt

sprachliches Zeichen

Formativ – Bedeutung

Abbild
(Begriff) kann in
als besonderer Teil des Abhängig-
keit vom
Kontext/
konzeptuellen Wissens Kotext
über das auf ein
konkretes Obj.
referieren
(Objekt)
als Bestandteil der
außersprachlichen Welt

Zusammenfassung:
→ die Bedeutung eines Ausdrucks i.e.S. darf nicht verwechselt werden mit dem, was er be-
zeichnet
→ das Erfassen der Bedeutung darf nicht gleichgesetzt werden mit dem Erfassen... des be-
zeichneten Gegenstandes in der Welt
→ die Kenntnis der Referenz darf nicht verwechselt werden mit der Kenntnis der Bedeutung
(Runggaldier, 89ff))

Was verstehen Sie nach dem bisher Gehörten unter dem Terminus „Bedeutung“?
vorläufige Definition von „Bedeutung“:
a) Die Bedeutung eines Wortes ist die Regel seines Gebrauchs in der betreffenden Sprache
b) Die Bedeutung eines Wortes ist die mit ihm assoziierte Vorstellung
c) Die Bedeutung eines Wortes ist der/das von ihm bezeichnete Begriff/Konzept

→ die jeweilige Vorstellung von (in der in Frage kommenden Situation normalen) x nennen
wir... ein STEREOTYP (bzw. PROTOTYP bei einem engen sem. Zusammenhang zwischen einer
Vorstellung und seiner Kategorie)
- Stereotypen sind alsoVorstellungen bzw. Bündel von Eigenschaften, die normale, typische
Mitglieder bestimmen, d.h., die ein Sprecher und mit ihm die Sprachgemeinschaft im ganzen

14
konventionell mit typischen Vertretern natürlicher Klassen assoziiert, z.B. das braune Fell
eines Löwen anstatt eines weißen, das die Ausnahme bildet
- Prototypen sind entweder die besten Repräsentanten einer Kategorie bzw. stellen den
Durchschnitt aus mehreren Merkmalsmengen dar (Es gibt ... wenige, vielleicht keine, Eigen-
schaften, die für alle die ‘peripheren’ Individuen gemeinsam sind, es gibt nur eine ‘familiy
resemblance’ oder nur Ähnlichkeit mit dem Prototyp)

lexikalische Bedeutung (nach Lutzeier 1995, 128):


S’ sei eine natürliche Sprache; X eine Sprachgemeinschaft, die die Sprache S’ beherrscht; w’
ein Wort der Sprache S’.
a) Die Bedeutung von w’ in S’ ist eine Struktur (d.h. eine Kette von hierarchisch und anders-
weitig, z.B. netzwerkartig, geordneten Merkmalen)
b) Die Bedeutung von w’ in S’ hat eine Struktur über von X als verbindlich angesehene Ste-
reotypen. Diese Stereotypen sind die Teile der Struktur und die Beziehungen der Stereoty-
pen ergeben sich aus für X relevanten Gesichtspunkten und entsprechend dem Wissens-
stand von X.
m.a.W.:
Die Bedeutung eines Wortes w einer bestimmten Sprache S hat eine Struktur von Stereoty-
pen, die für einen Sprecher X als relevant angesehen werden. Diese Stereotypen sind Teile
von Merkmalen der Gesamtstruktur und die Beziehungen der Stereotypen ergeben sich aus
Gesichtspunkten, die in einer bestimmten Situation für den Sprecher X wesentlich sind und
sich aus seinem Wissensstand ergeben.

15
4. Seminar: Sog. kulturelle Schlüsselkonzepte

– müssten Sie ganz spontan kulturelle Schlüsselkonzepte für eine Kulturgemeinschaft nennen,
ohne bereits definieren zu können, was sich hinter diesem Terminus verbirgt
→ welche würden Sie für das Deutsche, Russische usw. nennen?
– Aufzählung einiger Konzepte

Kulturelle Schlüsselkonzepte (KS)


i. KS haben eine lange kulturelle Tradition. Sie sind im öffentlichen Bewusstsein stark
verankert und daher veränderungsresistenter als andere Konzepte,
ii. KS haben Konzepte als mentale Organisationseinheiten individueller und interpersona-
ler (kollektiver) Natur zur Grundlage,
iii. KS sind sog. „Ideologien/Mentalitäten“, d.h. besonders tief verwurzelte Bestandteile
kultureller Austauschprozesse,
iv. KS werden im Diskurs ausgehandelt und sind daher prinzipiell nicht statisch. (Hoff-
mann 2004: 59)
– würde sich die Existenz solcher „Schlüsselkonzepte bzw. -begriffe“ bestätigen, hätte man
nicht zuletzt auch über die jeweilige Sprache, die ja laut dieser Konzeption als Spiegel der
Kultur auftritt, einen direkten Zugang zur Welt der „Anderen“
– das klingt verlockend, denn es heißt nicht anderes, als dass wir ein System und das Funktio-
nieren einer Sprache lernen müssten, um sich in der Welt der „Anderen“ zurechtfinden zu
können

Funktioniert das wirklich so?


– dabei wollen wir zunächst die Widersprüche zwischen der Punkte i-iv, also zwischen einer
„langen Tradition“ und einer dem Diskurs geschuldeten (Bedeutungs-)Dynamik vernachlässi-
gen
– wir lassen auch unberücksichtigt, dass historisches Wissen, wenn es denn überhaupt bei den
Kulturträgern vorhanden ist, nicht unverändert oder unfiltriert über Generationen hinweg
transportiert wird und deshalb nicht ohne Weiteres das Wesen von Schlüsselkonzepten aus-
machen kann
– das beiseitegelassen, wären unter kulturellen Schlüsselkonzepten:
„entsprechende Sachverhalte widerspiegelnde kognitive Entitäten zu verstehen, die bei der
Mehrheit der Kulturträger mit einem größtmöglichen Kontinuum an Merkmalen präsent sind
und damit über eine hohe kulturelle Bedeutsamkeit verfügen. Die kulturelle Bedeutsamkeit
steht in einem proportionalen Verhältnis zum Grad der Verwurzelung des Kontinuums in der
Gemeinschaft, d.h. je länger es existiert bzw./und je stärker es propagiert wird, desto höher ist
die Bedeutsamkeit.“

Exkurs: Das sog. Schlüsselkonzept KAČESTVO ‚Qualität‘


– ich glaube, wir können davon ausgehen, dass alle europäischen Sprachen über ein Wort mit
der Bedeutung ‚Qualität‘ verfügen
– Es ist auch anzunehmen, dass dieses Wort und das mit ihm versprachlichte Begriffskonti-
nuum eine kulturelle Schlüsselstellung einnehmen, wenn sein Gebrauch in allen gesellschaft-
lichen Bereichen durchschnittlich hoch frequentiert ist
– dann beginen aber schon die Probleme, denn
→ Wird das Wort kaum gebraucht, heißt das allerdings nicht, dass der entsprechende oder ein
leicht modifizierter Begriff nicht kommuniziert wird, da es viele Wege der Umschreibung
oder „indirekten“ Bezeichnung geben kann, denkt man nur an den Bereich der Tropen oder
der Phraseologie...

16
KAČESTVO
– das russische Wort kačestvo wird in der Bedeutung ‚Güte‘ in erster Linie im Medien- und
Wirtschaftsdiskurs verwendet
– das verwundert nicht, da es sich um ein Abstraktum mit spezifischen Bedeutungsmerkma-
len, d.h. um eine Art terminus technicus, handelt
– Sein seltener Gebrauch bzw. Nichtvorkommen in anderen Diskursen bzw. in Texten aus der
Periode 1960-1989 bedeutet keinesfalls, dass der Begriff nicht thematisiert wurde – im Ge-
genteil,
→ es erfolgte nur entweder auf andere, d.h. „alltägliche“, oder subtilere Art und Weise.
– Es verwundert nicht, dass russische belletristische Texte kaum das entsprechende Wort
aufweisen bzw. nur unterdurchschnittlich auf die Thematik ‚Qualität‘ eingehen
– Dieses Ergebnis ist durchaus textsortenbedingt und es dürften diesbezüglich nur geringe
Unterschiede zwischen den einzelnen Sprach(gemeinschaft)en bestehen
– Aus kulturologischer Sicht spielt außerdem eine Rolle, dass das Thema „Qualität“ zu sowje-
tischen Zeiten vor der Perestrojka im öffentlichen Diskurs ob der vielen Probleme, die einer
Qualitätserreichung im Wege standen, eher vermieden wurde
→ und zwar auf konkrete Beispiele bezogen, nicht dagegen im Rahmen von Ideologismen im
politischen Diskurs
– In Wirklichkeit war die „Jagd“ nach qualitativ hohen und damit defizitären Waren alltags-
bestimmend und deshalb auch bevorzugtes Thema im privaten Diskurs
– Die Zensur tat jedoch ihr Möglichstes, um diese „unerwünschte Realität“ nicht schriftlich
fixieren zu lassen
 An dieser Stelle muss man sich bewusst machen, dass Wortbedeutung und Begriff in kei-
nem 1:1-Verhältnis stehen, sondern auf ganz vielfältige Weise aufeinander bezogen sein
können.
– Zum Zwecke der Bedeutungsfindung für eine sprachliche Einheit hat sich die Methode be-
währt, usualisierte Kollokationen, die sie enthalten, zu analysieren
– Für die Bestimmung der Begriffsstruktur reicht dieses Vorgehen allerdings nicht aus, son-
dern es bedarf einiger Erwägungen mehr
– Selbst wenn man im inner- und zwischensprachlichen Bereich von derselben Bedeutung des
Wortes ‚Qualität‘ ausgeht, in dem Fall also von ‚Güte‘, wird damit noch lange nicht ein und
dieselbe Assoziation, sprich: ein und dieselbe Begriffsstruktur, aufgerufen
– Das Wort ‚Qualität‘ bezeichnet etwas Abstraktes, wovon man isoliert nur eine sehr vage
bzw. keine Vorstellung haben kann.
– Die ersten Assoziationen gehen in die Richtung ‚positiv‘, ‚unabdingbar, notwendig‘, ‚wün-
schenswert‘ usw.,
→ die erst durch die Einbeziehung einer individuell prototypischen Bezugsgröße in die Beg-
riffsstruktur eine „konkrete Gestalt“ annehmen, wenn gedanklich oder kommunikativ keine
solche bereits vorgegeben ist
– Die Akzeptanz dieser These führt zu weitreichenden Konsequenzen, da in dem Sinne die
Vorstellung von ‚Qualität‘ wiederum von der individuellen bzw. stereotypischen Vorstellung
der Bezugsgröße abhängt und man sich damit gewissermaßen in eine „Spirale ohne bzw. mit
ungewissem Ende“ begibt
– Nur so ist zu verstehen, dass Person X unter der Qualität z.B. einer bestimmten Arbeit etwas
ganz anderes verstehen kann als Person Y, wobei uninteressant ist, welche Sprache(n) diese
Personen sprechen
– Auf die Übersetzbarkeit der entsprechenden Worte bzw. auf die mit ihnen gebildeten kli-
scheehaften Kollokationen hat das Gesagte keinen Einfluss,

17
→ d.h. für Kollokationen des Typs ‚eine hohe Qualität‘ (russ.: vysokoe kačestvo), ‚die Quali-
tät sinkt‘ (russ.: kačestvo padaet), ‚die Qualität erhöhen‘ (russ.: povysit‘ kačestvo) usw. lassen
sich in beinahe allen Sprachen „wortwörtliche“ Übersetzungsäquivalente finden.
– Eine ganz andere Sache ist die, ob jeder dasselbe darunter „versteht“, vor allem dann, wenn
,Bezugsgrößen hinzugefügt werden, vgl.:
‚eine hohe Produktqualität‘ (russ.: vysokoe kačestvo produktov), ‚die Qualität des Unterrichts
sinkt‘ (russ.: kačestvo obučenija padaet), ‚die Qualität der Arbeit erhöhen‘ (russ.: povysit‘
kačestvo raboty)
– Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, was für eine Diskussion der Inhalt dieser Kollokati-
onen auszulösen vermag, was nicht möglich wäre, wenn sie bei jedem dieselben Assoziatio-
nen auslösen bzw. dasselbe „bedeuten“ würden...
– den prototypischen Bedeutungsgehalt und die kulturelle Bedeutsamkeit des Wortes/ Begrif-
fes ‚Qualität‘ in einer Sprach- bzw. Kulturgemeinschaft festzustellen, ist theoretisch zwar
nicht vollkommen auszuschließen, aber praktisch kaum umsetzbar
– das Wörterbuch, die Wortzählung in Texten oder das Durchführen vereinzelter Umfragen
istbei weitem nicht ausreichend, um Schlüsselkonzepte zu ermitteln
– Die kulturelle „Bedeutsamkeit“ von bestimmten „Nennungen“ wurde von Kollegen zwar
durch Umfragen zu ermitteln versucht, ohne jedoch deren Bedeutungs- bzw. Begriffsstruktur
zu hinterfragen
– damit bleibt man sozusagen an der „Oberfläche“, an der Worthülle, stecken, ohne tatsäch-
lich zum Inhalt vorzudringen
– auf diese Weise kann es passieren, dass Äpfel mit Birnen miteinander verglichen werden,
→ keinesfalls aber kultur- bzw. sprachrelevante Sachverhalte
– Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Existenz von Schlüsselbegriffen oder -
konzepten, d.h. von in der Gemeinschaft mehrheitlich geteilten übereinstimmenden Vorstel-
lungen in Bezug auf einen Begriffskomplex in seiner ganzen Entfaltung, nur wenig wahr-
scheinlich ist bzw. nur die Ausnahme sein kann

Stereotyp
– auch wenn man über Stereotype sprechen will, ist der Bezug zur Zeichenfunktion von Kul-
tur und Sprache immer präsent
„Wir wissen alle, daß wir einzigartig sind, doch wir neigen dazu, andere als Repräsentanten
von Gruppen zu betrachten. Das ist eine natürliche Tendenz, weil wir die Welt in vorgegebe-
nen Bildern [Kategorien] sehen müssen, um ihr Sinn zu geben; wir wären [sonst] nicht in der
Lage, mit dem täglichen Ansturm von Menschen und Dingen umzugehen...“ (Tannen 1991:
14)

Что такое национальный характер? Существует ли он вообще? [Was ist das:


Nationalcharakter? Gibt es einen solchen überhaupt?] (Тер-Минасова 2000: 136)
– Diskussion

Stereotyp: ist ein schematisches bzw. standardisiertes emotionales festes Bild oder eine Vor-
stellung von [Menschen(gruppen)], soziale(n) Erscheinung(en) oder einem Objekt. (zit. nach
Тер-Минасова 2000: 138)
→ Stereotype existieren sowohl in Bezug auf die „eigene“ Gruppe (Autostereotype) als natür-
lich auch in Bezug auf „fremde“ Gruppen

18
Wo ist evtl. doch ein Unterschied festzustellen?

Kulturstandard vs. Stereotyp


basiert auf der Vereinfachung sind individuelle
komplexer Interaktionsituationen Wissensstrukturen,
und sind damit auch die generalisieren,
STEREOTYPE selektieren,
durch gezielte Reduktion auf das Typische kontrastieren, u. zw.
Unseres ↔ Fremdes
wirken als
sind
bezeichnen Maßstäbe
benennen > Gradmesser
bestimmen Bezugssysteme
definieren Orientierungsmerkmale
dienen als
werden aufgefasst als

bestimmen das Denken(s)


sind Kennzeichen des Handeln(s)
Wahrnehmen(s)
Verhalten(s)

– Kulturstandards sollten das Ergebnis empirischer, wissenschaftlicher Untersuchungen sein;


als Resultat von Reflexion und Analyse [...] über ein Stereotyp hinausgehen
(Heringer 2007: 196)

„Сердечность, эмоциональность как черты русского национального характера,


естественно, ведут к повышенной совестливости...“ [Herzlichkeit und Emotionalität als
Züge des russischen Nationalcharakters führen natürlich zu einem erhöhten Grad des Gewis-
sen...] (Ильин zit. nach Тер-Минасовa 2000: 170)
„Русскому национальному характеру свойственны повышенный интерес, любопытство
и доброжелательство к иностранцам и иностранному образу жизни, культуре, видению
мира.“ [Dem russischen Nationalcharakter sind ein erhöhtes Interesse, Neugier und Wohlwol-
len gegenüber Ausländern und dem ausländischen Lebensstil, der Kultur und der Weltsicht
eigen.] (Тер-Минасовa 2000: 184)

→ nach Meinung von Parygin „не вызывает сомнения факт существования


психологических особенностей у различных социальных групп, слоёв и классов
общества, а также наций и народов.“ (zit. nach Тер-Минасова 2000: 136)

Teilen Sie diese Meinung?


– Diskussion (unter Einbeziehung der folgenden Passage):
из эссе Тер-Минасовы «о типично русском человеке» (2000: 138):
„Когда требуется описать национальный тип, сталкиваешься с бесконечными
сложностями. Я вспомнила десятки (или сотни?) своих русских знакомых, но, как
оказалось, ни одному из них я не могу присвоить почётный титул самого типичного
русского человека. Сразу возникает вопрос о ‚более типичном‘ или ‚менее типичном‘.
Некоторые наиболее типичные люди не были чисто русскими. Некоторые
чистокровные русские были не совсем типичными. Вот почему мне пришлось

19
отказаться от мысли описать русского, который мог бы послужить образцом.“ [Wenn
man einen nationalen Typ beschreiben soll, stößt man auf unzählige Probleme. Ich denke an
Dutzende (oder Hunderte) meiner russischen Bekannten, aber – wie gesagt – nicht einem von
ihnen kann ich den ehrenvollen Titel eines typischen russischen Menschen verleihen. Sofort
taucht die Frage nach dem „typischeren“ bzw. „weniger typischen“ auf. Einige der typischs-
ten waren keine reine Russen. Andere Vollblut-Russen waren nicht ganz typisch. Deshalb
musste ich mich von dem Gedanken verabschieden, einen Russen zu beschreiben, der als
Vorbild dienen könnte.]

20
5. Seminar: Sprachspezifischer Lexikgebrauch

sprachliches Zeichen
– innersprachlich sind Zeichenketten, deren Gesamtbedeutung nicht aus der Summe der Ein-
zelbedeutung der einzelnen Glieder ableitbar ist, Objekt der Pragmatik
– die Frage ist, ob das gleiche Resultat auf zwischensprachlicher Ebene einer Art „interkultu-
rellen Pragmatik“ zuzuschreiben ist, vgl.: die Übersetzung von
deut. graue Haare: седина, серые волосы (vs. серый) oder:
deut. starker Tee: крепкий чай (vs. сильный)
– innersprachlich handelt es sich hier um die „normale“ semantische Verbindbarkeit der Le-
xeme, die man beim Erstspracherwerb automatisch mitlernt
– Sprechern nur einer Sprache fällt es schwer zu akzeptieren, dass das nicht der Normalfall ist
und versuchen, bei ihren ersten Schritten in eine andere Sprache, diese Kollokationen 1:1 auf
die Fremdsprache zu übertragen
– im Vergleich mit anderen Sprachen zeigen die obigen Beispiele jedoch, dass die Wörter
jeder Sprache eine unterschiedliche Verbindbarkeit aufweisen
→ daraus folgt, dass eine hypothetisch angenommene Grundfläche von Begriffen, die Men-
schen mit einer ähnlichen Erfahrungswelt über Sprachgrenzen hinaus miteinander teilen kön-
nen, durch ganz unterschiedliche Wort-Schablonen, die auf diese Fläche aufgelegt werden,
sprachlich verschieden wiedergegeben werden
– gute zweisprachige Wörterbücher müssen vor allem Beispiele aufnehmen, die sich in ihrer
Verbindbarkeit bei der Wiedergabe ganz alltäglicher Gedanken unterscheiden

– gibt es abweichende Kollokationen auch nicht auf den ersten Blick, dann sind die Unter-
schiede dennoch an irgendeinem Punkt vorhanden
– vgl. dazu einen authentischen Beleg mit dem Wortgebrauch нормально:
In welcher Bedeutung wird 'normal' hier verwendet? Kennen Sie noch andere Bedeutun-
gen?

Hörbeleg aus (Yakovleva 2004: 388)


Situation: A besucht ihre russische Freundin B, die mit ihrem Ehemann in eine neue Woh-
nung gezogen ist:
A: ну ну как вы тут живёте чё ещё делаете?
B: да хорошо чё
A: нормально живёте (УЛЫБАЕТСЯ)
B: всё что надо для жизни мы всё имеем
– eine solche Wortverwendung hat ihren Grund in der besonderen Wort-Begriff-Beziehung in
jeder Sprache
– die Verwendung von нормально für den Begriff ‚gut‘ decken die Vorgänge auf, die dem
vorangegangen sein muss: eine metaphorische Assoziationsbeziehung der Art ‚was gut ist, ist
als Norm zu werten‘, zu deren Versprachlichung ein und dasselbe Wort genutzt wird (sprach-
liche Effektivität)
– solche Assoziationen sind zunächst individuell, können sich aber vergesellschaften und im
besonderen Fall auch Sprachgrenzen überschreiten
– rein kognitiv, aber auch semantisch gesehen, spräche nichts dagegen, die obige Gesprächs-
sequenz wortwörtlich in andere Sprachen zu übersetzen – das Verständnis wäre nicht gestört
– allerdings würde man in dem Fall gegen den Usus, d.h. gegen die gewohnte Ausdruckswei-
se verstoßen

21
– der hier vorliegende kognitive Prozess, der sprachunabhängig verläuft, erklärt, warum sol-
che erstmaligen Wortverwendungen allgemein, d.h. von Mutter- aber auch Nichtmutter-
sprachlern, bei einer entsprechenden kontextuellen Einbettung verstanden werden (können)
→ wenn nicht prinzipielle kulturelle Erfahrungen dieses Resultat verhindern

– wenn es um Verhandlungen geht, dann spielt der Zeitfaktor bei Absprachen eine wesentli-
che Rolle
– jede Sprache verfügt bekanntlich über eine riesige Palette von Ausdrücken, um sich über
zeitliche Vorstellungen zu äußern
– wenn dabei nicht exakt mit Datum und Uhrzeit vorgegangen wird, kann das zu einigen
Missverständnissen darüber führen, was für eine zeitliche „Dimension“ denn nun tatsächlich
mit dem einen oder anderen Adverbial gemeint ist
– Ordnen
скоро, в ближайшее время, посмотрим..., не медленно, сразу же, тогда, совсем скоро,
скоро, чуть попозже, тут же, сразу, сейчас же, как-нибудь, в ближайшие дни

Немедленно ‚unverzüglich‘ 1,6


Сейчас же ‚sofort‘ 2,4
Тут же ‚auf der Stelle‘ 3
Сразу же ‚sogleich‘ 3,4
Сейчас/срочно ‚sofort/dringend‘ 3,8
Сразу ‚sogleich‘ 4,3
Скоро ‚bald‘ 7,3
Совсем скоро ‚recht bald‘ 7,4
В ближайшие дни ‚in den nächsten Tagen‘ 8,3
Чуть попозже ‚etwas später‘ 8,5
В ближайшее время ‚in der nächsten Zeit‘ 8,6
(Kappler et al. 1992: 100)
Как-нибудь ‚irgendwann‘, тогда ‚dann‘,
посмотрим... ‚wir werden sehen‘ ???
→ hier fehlt jede Verbindlichkeit; im Gegenteil: es kommt eher der Unwille zum Ausdruck,
das Gesagte zu realisieren

– eine Umfrage zu den Zeitwerten dieser Adverbiale ist natürlich keineswegs objektiv
– das individuelle Empfinden kann dabei immer abweichen
– Adverbien dieser Art sind immer relativ; die mit ihnen in Verbindung gebrachte konkrete
zeitliche Dimension hängt von Ereignis ab (Servieren von Tee vs. Lieferfristen)
– außerdem ist nicht auszuschließen, dass der Gesprächspartner vorgibt, die «Genauigkeits–
maxime» einzuhalten, dem aber keine Taten folgen lässt oder nicht beabsichtigt, dem Taten
folgen zu lassen, deshalb folgender Rat:
 Ist es äußerst wichtig, einen Zeitpunkt nicht zu überschreiten, immer auf konkrete Daten
insistieren, aber so, dass noch eine „Pufferzone“ für Sie bleibt!

– Farbbezeichnungen sind, wie wir schon gesehen haben, ein Bereich in der Lexik, der so gut
wie kein anderer die Kulturspezifik widerspiegelt

22
– Anna Wierzbicka hat sich sehr ausführlich dieser Problematik in bezug auf die verschie-
densten Kulturen gewidmet und konnte feststellen, dass
• Farbbezeichnungen nicht universell sind
• Es aber in jeder Sprache ein Wort für ‚schwarz‘ und ‚weiß‘ gibt, das u.U. mit den Begrif-
fen ‚dunkel‘ und ‚hell‘ interagiert (Вежбицкая 1996: 231ff)
– in diesem Bereich ist außerdem die Bezeichnung der Kombination von verschiedenen Beg-
riffen (eines Begriffkomplexes) durch ein spezifisches Wort gut nachvollziehbar
– dabei ist es schwierig zu entscheiden, ob es sich um feste Begriff(skomplex)e handelt, die
bezeichnet werden, oder um die Verbindung von autonomen Begriffen
– die folgende Aufstellung zeigt nur die „Farbsammlung“ des russisch-deutschen Teils aus
Daum/Schenk, vgl.:

gelb blau braun rot schwarz


жёлтый голубой коричневый красный чёрный
‚himmelblau‘
палевый синий бурый алый бурый
‚strohgelb‘ ‚dunkelblau‘ ‚graubraun‘, ‚purpurrot‘, ‚graubraun‘,
‚schwarzbraun‘ ‚blutrot‘ ‚schwarzbraun‘
янтарный бирюзовый гнедой гнедой вороной
‚bernsteingelb‘ ‚türkisblau‘ ‚rotbraun‘ Pfer- ‚rotbraun‘ Pfer- ‚schwarz‘ Pfer-
defarbe defarbe defarbe
золотистый, кубовый каракоый багровый каракоый
золотой ‚indigoblau‘ ‚dunkelbraun‘, ‚glutrot‘, ‚blut- ‚dunkelbraun‘,
‚goldgelb‘ ‚schwarzbraun‘ rot‘ ‚schwarzbraun‘
Pferdefarbe Pferdefarbe
лимонный лазоревый каштановый бордо,
‚zitronengelb‘ ‚lasurblau‘ ‚kastanienbraun’ бордовый
‚bordeauxrot‘,
‚weinrot‘
сивый каурый карминный сивый
‚blaugrau‘ ‚hellkastanien- ‚karminrot‘ ‚blaugrau‘
(‚aschgrau‘, braun’Pferde (‚aschgrau‘,
‚grauschwarz‘) ‚grauschwarz‘)
Pferdefarbe Pferdefarbe
сизый карий кровавый
‚graublau‘, ‚tau- ‚kastanien- ‚blutrot‘
benblau‘ braun’Pferde,
Augen
стальной муругий муругий муругий
‚stahlblau‘, ‚rotbraun‘, ‚rotbraun‘, ‚rotbraun‘,
‚stahlgrau‘ ‚schwarzbraun‘ ‚schwarzbraun‘ ‚schwarzbraun‘
Fell Fell Fell
электирик мухортый огненный смолистый,
‚taubenblau‘ ‚braun mit gel- ‚flammend rot‘ смоляной
ben Flecken’ ‚glänzend
Pferdefell schwarz‘ Haare
порыжелый пламенный
‚rötlich-braun‘ ‚glutrot‘
durch Ausblei-
chen

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русый пунцовый
‚hellbraun‘, ‚grellrot‘
‚dunkelblond‘
Haare
рыжеватый
‚rotblond‘
рыжий рыжий
‚rötlich-braun‘ ‚rötlich-braun‘
Haare Haare, ‚fuchsrot‘
Pferdefell
саврасый пурпурный,
‚hellbraun mit пурпуровый
schwarzer Mähne ‚purpurrot‘
u. schwarzem
Schweif’ Pferd
смуглый рдяный
‚braungebrannt‘ ‚purpurrot‘ poe-
tisch
шоколадный розовый
‚dunkelbraun‘, ‚rosarot‘
‚schokoladenfar-
ben‘
рубиновый
‚rubinrot‘
румяный
‚rotwangig‘
Mensch, ‚rot‘
Apfel
свекольный
'rotlila'
червонный
‚hochrot‘, ‚hell-
rot‘ veralt

→ die zahlreichen Nuancierungen von Farben, die mit dem Aussehen des Pferdes im Zusam-
menhang stehen, was mit der herausragenden Rolle dieses Tieres in der russischen Geschichte
zu tun haben muss
→ die einzigartigen Bezeichnungen eines ganzen Farbspektrums mit einem Wort, z.B.:
сивый ‚blaugrau‘ (‚aschgrau‘, ‚grauschwarz‘) Pferdefarbe, муругий ‚rotbraun‘, ‚schwarz-
braun‘ Fell
→ ebenso die einzigartigen Bezeichnungen der Farben von verschiedenen Bezugsobjekten
(eines Pferdes) mit einem Wort, z.B.: мухортый ‚braun mit gelben Flecken’ Pferdefell,
саврасый ‚hellbraun mit schwarzer Mähne u. schwarzem Schweif’ Pferd
→ die Bezeichnung von unterschiedlichen Objekten mit einer vergleichbaren Farbnuance,
z.B.: карий ‚kastanienbraun’ Pferde, Augen, румяный ‚rotwangig‘ Mensch, ‚rot‘ Apfel
– andere Besonderheiten weisen Wörter wie пошлый, храмить auf, die immer wieder als
Beispiele herangezogen werden, wenn es um die Kulturspezifik bzw. „Unübersetzbarkeit“
geht (Вежбицкая 2001: 15ff)

24
– in der Tat wird es schwierig, ein entsprechendes Wort in anderen Sprachen zu finden, die
genau das „prototypische Verhalten (???)“ bezeichnet, das sich hinter dem russischen Wort
verbirgt
– wenn man aber verstanden hat, was «genau» sich dahinter verbirgt, kann man es zumindest
umschreiben

Soziale bzw. konnotative Komponente der Lexik


– im interkulturellen Vergleich in Bezug auf das Russische ist zu beachten, dass die sog. Stil-
ebenen ganz anders definiert sind
– das trifft in erster Linie auf die sog. Umgangssprache bzw. (saloppe bzw. niedere) Um-
gangssprache zu, im Russischen Prostrečie genannt, die ganz anders motiviert ist als das, was
im Deutschen damit gemeint ist
– Yakovleva sagt dazu: „Für russische Sprecher (aber eben nicht nur!) scheint das deutsche
Alltagsgespräch oft einen offiziellen Charakter zu haben. Dieser Eindruck kommt dadurch
zustande, daß die deutschen Interaktanten, die meist miteinander vertraut sind, häufig den
Wortschatz der Hochsprache verwenden.“ (Yakovleva 2004: 316)
– hier spielen sowohl eine qualitative als auch eine quantitative Seite eine Rolle
– auf der qualitativen Seite wirkt sich aus, dass das Deutsche z.B. keine Mutterflüche kennt
– auf der quantitativen wirkt sich aus, dass die Slavinen in fast allen Bereichen (Phonetik,
Lexik, Syntax) sich diesbezüglich gegenüberstehende Dubletten besitzen, vgl.: den umg. Ge-
brauch von у меня: она у меня.... (жена)
→ neben der standardsprachlichen Bedeutung ‚ich habe/besitze‘ oder ‚bei mir ist‘ hat das
Russische zwei Bedeutungen ausgebildet, die nur in der Umgspr. verwendet werden dürfen:
1. Ersatz für das Possessivpronomen мой, vor allem dann, wenn dieses aus syntaktischen
Gründen nicht gebraucht werden darf, z.B. in Verbindung mit Personalpronomen, s.o.:
она у меня
→ diese Konstruktion klingt weniger „besitzergreifend“, vgl. das deutsche meine Frau, und
hat auch noch eine emotive Funktion, d.h. den Ausdruck der besonderen Zuneigung zu der
entsprechenden Person vonseiten des Sprechers
2. rein emotive Funktion, vgl. mit dem dativus etheticus, vgl. im Deutschen die Verwendung
von mir
– im privaten Bereich greift man traditionell auf diese „Ebene“ zurück (hier machen auch
Intellektuelle keine Ausnahme, wenn auch einige diesen Stil verabscheuen und ausdrücklich
vermeiden)
– der Eindruck bei Yakovleva kommt aber auch daher, weil die Slawinen z.T. sehr hohe Hür-
den in Bezug auf die Standardsprache ziehen, während es im Deutschen einen viel breiteren
Toleranzbereich gibt...
– hinter dieser Thematik verbirgt sich eine ganze Reihe von Problemen, die hier nicht aus-
führlich besprochen werden können, das wäre ein separater LV-Zyklus
– eine soziale Komponente hat auch der Fakt der sprachlichen Widerspiegelung von gesell-
schaftlichen Veränderungen, die interkulturell gesehen zu Verwirrungen führen können
– nehmen wir das Problem der Anrede im Russischen, was für Deutsche immer ein Problem
dargestellt hat
– zu Sowjetzeiten konnte man nichts falsch machen, wenn man jemanden mit товарищ ange-
sprochen hat, da war man immer auf der richtigen Seite
– in den 90ern benutzen aber weniger als ein Viertel der Moskauer noch diese Anrede, vgl.
die Ergebnisse einer Umfrage von Minaeva von 1998 (zit. nach Тер-Минасова 2000: 104):
22% – товарищ
21% – гражданин
19% – женщина

25
17% – сударь/сударыня
10% – господин/госпожа
– aus der deutschen Sicht ist wichtig zu verstehen, dass das von uns bevorzugte господин/
госпожа ganz weit unten in der Akzeptanz steht und sogar negativ konnotiert ist, weil es
1. entweder nur in Bezug auf Neureiche
2. oder Ausländer
benutzt wird
– hier entsteht natürlich ein echtes Übersetzungsprblem, denn die wörtiche Übersetzung der
ersten vier Anredeformen wirkt auf Deutsche befremdlich
– ebenfalls eine soziale Komponente hat die russische Wortbildung
– diese muss vor interkulturellem Hintergrund besonders beleuchtet werden, weil ihre Rolle
im Vergleich zu den vor allem nicht-slawischen Sprachen viel größer, d.h. vielfältiger, ist
Was meinen Sie soll mit diesen Namenvariationen zum Ausdruck gebracht werden?
Юрочка → zärtlich
Юрик → deminutiv
+ Машенька, Машутка,
Машечка, Машуня,
Машунечка
Юрка → salopp-abwertend (vulgär??)
Юрище → ‚mobbing‘, verächtlich
Юрашка → geringschätzig
Юришка → abfällig, demütigend
(Вежбицкая 1996: 108)
– die Grenzbereiche im positiven sowie negativen Bereich sind natürlich nicht eindeutig von-
einander abzugrenzen
– Fakt ist jedoch, dass mit solchen Formen meist nichts Denotatives, sondern etwas „Emotio-
nales“ übermittelt wird
→ das trifft in erster Linie auf Eigennamen mit Ausnahme evtl. von Юрик und Юрочка zu,
während bei Gegenständen das Suffix -ищ- vor allem die Großheit (Augmentiva) wiedergibt
– im Bereich der Eigennamen stehen auch in anderen Sprachen entsprechende Suffixe zur
Verfügung, allerdings nur um positive Empfindungen zu vermitteln, vgl. engl.: -ie oder deut.:
-i, -lein, -chen
– die Suffixe –lein und –chen sind im Deutschen auch im Gegenstandsbereich gebräuchlich,
um die 'Kleinheit' auszudrücken; die emotive Komponente kommt dabei aber äußerst selten
zum Tragen (im Gegensatz zum Russischen), vgl.:
дом: домик, домичек, домишечка, домичек, домок, домушка, домишка
Haus: Häuschen, Häuslein???
– besonders häufig ist diese Art von Wortverwendung von seiten älterer Leute, und zwar Kin-
dern gegenüber, um dem Gesagten eine zärtliche Nuance zu geben
– Erwachsenen gegenüber wird Achtung, Takt und eine gute Beziehung vermittelt (Тер-
Минасова 2000: 154), d.h. es wird gewissermaßen vorab um „gut Wetter“ gebeten
– es kann aber auch um ganz andere Absichten gehen, wenn z.B. ein Patient vom госпиталек
spricht, in das er eingewiesen wurde, dann will er dem Hörer die Angst nehmen, oder wenn
Verkäufer die Deminutivformen verwenden, dann wollen sie ihre Waren anpreisen usw.
– völlig auszuschließen in nicht-slawischen Sprachen sind entsprechende Bildungen im Ad-
jektivbereich wie миленький im Nichtslawischen
→ die Anwendung ist hier sogar auf weibliche Personen üblich: мой миленький

26
6. Seminar: Idiomatischer Sprachgebrauch; auf dem Weg zur Phraseologie

– vor dem interkulturellen Hintergrund wurde schon mehrmals thematisiert, dass einzelne
Lexeme oder ganze Zeichenketten nicht das bedeuten, was sie für den Nicht-Muttersprachler
zu bedeuten scheinen
– diesem Problem wollen wir uns im Folgenden verstärkt zuwenden

1. Hörbeleg aus (Yakovleva 2004: 326f)


Situation: Eine Russin A ruft die Mutter B ihrer deutschen Freundin C an, die in N studiert
und manchmal am Wochenende nach hause D fährt:
A: ist C morgen zu hause?
B: ich weiß nicht (MIT DER INTONATION DES ERSTAUNENS)
A: ja + aber wird sie in D sein?
B: ja
A: na dann sagen sie ihr bitte daß ich sie morgen anrufe
B: gut
Interpretation: Missverständnis durch den unterschiedlichen deiktischen Bezug:
für A: zu Hause (дома) → Ort D
für B: zu Hause → konkreter Wohnort: sie weiß nicht, ob ihre Tochter den
ganzen Tag zu Hause bleibt oder irgendwohin ausgeht
– für Russen allgemein: zu Hause (дома) → Land, Stadt, ELTERNHAUS, Wohnung
– für den Deutschen trifft aber m.E. auch zu: Land, Stadt + konkrete Wohnung, aber nicht
ELTERNHAUS, wenn man da (schon länger) nicht mehr wohnt
→ hier werden also andere Prioritäten gesetzt, obwohl der bedeutungsumfang der jeweiligen
Wörter übereinstimmt

– die Unverständlichkeit der nächsten Äußerung mit zu Hause (дома) für Russen hat ganz
andere Ursachen:
Unsere Kinder waren schon aus dem Hause, als.... (Yakovleva 2004: 327)
Ü1: Наши дети жили уже отдельно от нас, когда....
Ü2: Наши дети жили уже не с нами, когда....
→ aus dem Hause sein ist hier phraseologisch gemeint im Sinne 'aus dem Elternhaus ausge-
zogen sein'
– die auch mögliche wörtliche Lesart wird aufgrund der vorliegenden Situation nicht favori-
siert

– ganz vergleichbar mit dem letzten Beleg ist folgender:


2. Hörbeleg aus (Yakovleva 2004: 327)
1A: is die Mutter schon draußen?
B: nein + noch nicht
2A: wann kommt sie denn aus dem krankenhaus 'raus?
Ü1 – 1A: Мама уже дома?
Ü2 – 1A: Маму уже выписали?
→ draußen sein ist hier phraseologisch gemeint im Sinne 'sich nicht in einem (bestimmten)
Raum aufenthalten'

27
– die auch mögliche wörtliche Lesart wird aufgrund der vorliegenden Situation nicht favori-
siert; der Sprecher stützt sich auf das mit dem Hörer gemeinsame Wissen, dass sich eine Per-
son X zurzeit nicht zu hause aufhält
– dabei kommen aber nur bestimmte Situationen wie Krankenhaus- oder Gefängnisaufenthalt
infrage

– mit Erscheinungen des „uneigentlichen“ Sprachgebrauchs wollen wir uns im Folgenden


intensiver beschäftigen
– dabei werden die Adjektive „metaphorisch“ (eigentlich unzulässig unifizierend) in Bezug
auf Einworttropen und „phraseologisch“ auf Mehrwortkomplexe gebraucht
– im Band 6 des „Forums Translationswissenschaft“ hat sich Zybatow in einem Artikel
(2006: 312) mit einer immer wiederkehrenden und Linguisten sehr umtreibenden Frage be-
schäftigt, die da lautet:

„Sind Metaphern universell oder kulturspezifisch?“

(mit Metaphern ist hier der gesamte Tropenbereich gemeint)


– wie wir ahnen können, führt auch diese Frage wieder zum Kernproblem der Linguistik, zum
Zeichen-Bedeutung-Begriff-Verhältnis
– welchen Argumentationsstrang folgt aber nun Zybatow?
– zu ihrer kognitiven Leistung ist zu sagen, dass sie:
„abstrakte, kognitiv schwer fassbare, komplexe Phänomene über konkrete, sinnlich erfahrba-
re, vertraute metaphorische Quellbereiche ‚verstehbar‘ bzw. interpretierbar machen.“ (Zyba-
tow 2006, 6: 312)
universell ist dabei: „dass sie offensichtlich grundlegende Modelle und Szenarien für Sicht-
und Verhaltensweisen innerhalb [...] zur Verfügung stellen.“ (ebenda)
kulturspezifisch ist dabei: „dass sie offensichtlich grundlegende Modelle und Szenarien für
Sicht- und Verhaltensweisen (in) [...] [„prinzipiell jeder“ – hinzuge-
fügt von mir] Sprach- und Kulturgemeinschaft(en) zur Verfügung
stellen.“
→ da sich die Erfahrungs- und Vorstellungswelten, sprich: das Begriffssystem, der Menschen
auf diesem Erdball im Wesentlichen übereinstimmen dürften

– Zybatow führt weiter aus, „dass es dabei zu gleichen sprachlichen Ausdrücken kommen
muss, ist nicht notwendig, wenn man [...] nicht von einer Gleichsetzung der konzeptuellen
und der semantischen Struktur ausgeht.“ (2006, 6: 313)
– der Prozess der Metaphorisierung ist universell, die Verbalisierung ist einzelsprachlich
(2006, 6: 314), was bedeutet
→ dass sich die einzelnen Sprachen in
• Art und Weise sowie
• Umfang der Verbalisierung
erheblich voneinander unterscheiden können, davon aber die prinzipielle Fähigkeit zur Meta-
phorisierung nicht in Frage zu stellen ist
– wenn also bestimmte Metaphernbereiche in einer Sprache gänzlich fehlen, kann das damit
zu tun haben, dass diese bestimmten „Tabus“ in der Kommunikation unterliegen, die Vorstel-
lungen in den Köpfen der jeweiligen Sprachträger aber wohl existieren (vgl. Zybatow 2006,
6: 315)

28
– im folgenden Netzausschnitt metaphorischer Modelle der deutschen Alltagssprache mit ih-
ren Vernetzungen und Interdependenzen von Quell- und Zielbereichen gibt es viele Universa-
lien und transkulturelle Übereinstimmungen, vgl.:

Gefühle Raum

Wasser Geld
Viele weitere Quell- und
Zielbereiche....
Rede Idee Zeit

Gedanken Infor-
mationen

Krieg

(Liebert 1992, 110, zit. nach Zybatow 2006, 6: 318)

– in die transkulturellen Übereinstimmungen ist das Russische natürlich miteinbezogen, z.B.:


‚ARGUMENT is WAR‘: ins Schwarze treffen – попасть в точку/не в бровь, а в глаз – trafić w
dziesiątkę??? – to hit the bull’s eye (Zybatow 2006, 6: 323)
‚TIME is MONEY‘: Zeit verschwenden – тратить время – spend time (ebenda)

– bei aller Universalität gibt es auch kulturspezifische Unterschiede in der (u.U. zusätzlichen)
Interpretation bestimmter Bereiche, was auf bestimmte historisch gewachsene Vorstellungen
verweist
– die Hervorhebung des historischen Aspekts ist hier besonders wichtig, da dieser zum ge-
genwärtigen Zeitpunkt nicht mehr formativmotivierend sein muss, sondern:
• Die Sprachträger zu den entsprechenden usualisierten Ausdrücken greifen, ohne deren
Motivation zu reflektieren
• Die entsprechenden Ausdrücke nur noch schwach usualisiert sind, d.h. von anderen
„Bildbereichen“ bereits abgelöst wurden

– für einen kulturspezifischen Bereich steht die ‚Eiche‘ (Zybatow 2006, 6: 325):

‚Eiche‘
Deutsch polnisch bulgarisch russisch
Eiche dąb дъб дуб
Über einen standhaften und zuver- За несъобрази– О нечутком,
lässigen Menschen ↔ телен, недодя– тупом человеке
лан човек;
дръвник, пън

29
7. Seminar: Phraseologismen als kulturelle Texte?

Wierzbickas universal primitivs


Wdhg.:
→ Widerspiegelung kulturell relevanter Charakteristika der außersprachlichen Wirklichkeit in
der Sprache und andererseits Widerspiegelung der Welt, bedingt durch die Muttersprache und
der mit ihr im Zusammenhang stehenden Konzeptualisierung
„Die Sprachen sind sehr uneinheitlich in bezug auf die Art ihrer Lexik. Die Unterschiede, die
uns unausweichlich erscheinen, können durch die Sprachen völlig ignoriert werden, die einen
ganz anderen Typ von Kultur repräsentieren, und diese wiederum können ihrerseits Unter-
schiede machen, die uns vollkommen unverständlich sind.“ (Sapir, zit. nach Вежбицкая
2001: 19)
„Wörter mit besonderen, kulturspezifischen Bedeutungen spiegeln nicht nur die für eine be-
stimmte Gemeinschaft typische Lebensweise wider, sondern auch deren Denkweise.“
(Вежбицкая 2001: 19)
⇑⇓
„Wie wir in diesem Kapitel sehen werden, gibt es keine wissenschaftlichen Daten, die bele-
gen, daß Sprachen die Denkweise der Träger ihrer Sprache entscheidend prägen.“ (nach
Pinker „The language instinct“)

Anwendung auf Phraseologismen (Телия, В.Т.: "Русская фразеология", М. 1996, S.


214ff, besonders S. 232-237)

Was ist Ihrer Meinung nach Kulturspezifisches an diesen Phraseologismen? Auf welcher
Ebene soll das Kulturspezifische überhaupt verankert sein?
трудиться в поте лица
каждый должен нести свой крест
ни копейки в кармане у кого-н. нет
бить баклуши
ехать в Тулу со своим самоваром
женская логика
девичья память
у бабы волос долог, а ум короток

"эмотивность, или эмотивная коннотация, – это не только след эмоциональной реакции


на образ, лежащий в основе значения, который сам по себе также вызывает
психологическое напряжение, но ещё и результат интерпретации образного основания
в категориальном пространстве установок культуры и её 'идеалов'... " [Emotivität oder
emotive Konnotation – das ist nicht nur die Spur einer emotionalen Reaktion auf das Bild, das
der Bedeutung zugrunde liegt und für sich genommen bereits eine psychologische Spannung
hervorruft, sondern auch das Resultat der Interpretation der bildlichen Grundlage im Rahmen
der Festlegungen der Kultur und ihrer ‚Ideale‘] (Телия 1996: 232)

"... это 'навязывание' языком культурно-национального самосознания впитывается


'вместе' с молоком матери, когда осваивается и потом воспроизводится – сознательно и
бессознательно – вся несомая единицами языка информация... " [... dieses ‚Aufzwängen‘
eines kulturell-nationalen Selbstbewusstseins durch die Sprache wird ‚zusammen‘ mit der
Muttermilch eingesogen, wenn man sich – bewusst oder unbewusst – die von den Sprachein-
heiten beinhaltete Information aneignet und danach reproduziert...] (Телия 1996: 232)

30
"... в языке закрепляются и фразеологизируются именно те образные выражения,
которые ассоциируются с культурно-национальными эталонами, стереотипами,
мифологемами и т.п. и которые при употреблении в речи воспроизводят характерный
для той или иной лингвокультурной общности менталитет...." [... in der Sprache werden
gerade die bildlichen Ausdrücke verfestigt und phraseologisiert, die mit kulturell-nationalen
Maßstäben, Stereotypen, Mythen usw. assoziiert werden und die beim Gebrauch in der Rede
die für diese oder jene linguokulturelle Gemeinschaft charakteristische Mentalität reproduzie-
ren] (Телия 1996: 233)

– mit diesen Äußerungen sieht sich Telija – wie nicht weniger ihrer Moskauer Kollegen – als
Vertreterin einer neuen Konzeption, die „Kulturologie“ genannt wird
→ laut Jutta Scherrer eine Art „Ersatzrolle“ für die Suche nach einer neuen russischen Identi-
tät, die nichts mit genuiner Kulturwissenschaft zu tun hat (Scherrer, J.: „‘Kul’turologija‘ als
ideologischer Diskurs.“ – Kultur als Übersetzung. Würzburg, 1999, 279-292, 281)

– versuchen wir, den Wert dieser Konzeption an konkreten Beispielen zu überprüfen

Was stellen Sie an folgendem Text aus einer Erzählung von Nikolaj Koljada fest?
– Analyse

1. „Ты смотришь телевизор? Как всегда так громко, что у меня чашки прыгают в
шкафу. Да. Я понимаю, что ты хочешь сказать, что у меня от анаболиков не все
чашки в шкафу.“ (Н. Коляда – Девушка моей мечты)

„Du siehst fern? Wie immer so laut, dass bei mir die Tassen im Schrank rumspringen. Ja. Ich
verstehe, dass du sagen willst, dass ich von den Anabolik[a] nicht alle Tassen im Schrank
habe.“ (Dobrovol’skij 2002: 250)

Was sagt uns der Gebrauch dieses Phr. im Russischen?


– Diskussion

→ obwohl er okkasionell ist, gibt es keine Verstehensprobleme, da er einem kognitiv weit


verbreiteten Muster folgt:
‚geistige Störung ist Fehlen an Vollständigkeit oder Fehlen an Entitäten, die im Normalfall da
sein müssen...‘ (Dobrovol’skij 2002: 250)
→ deshalb muss auch kein Entlehnungsprozess vorliegen und
→ es liegt hier nichts typisch „Deutsches“ vor
– das beweist, dass die Kulturbedingtheit von Phr. immer als relativ zu sehen ist, und zwar:
→ allerhöchstens auf den Zeitpunkt begrenzt, wenn sich diese Einheit im Sprachgebrauch
verbreitet und verfestigt (da können aber auch ganz andere Faktoren ausschlaggebend sein,
nicht unbedingt ein besonderes kulturelles Bewusstsein!), z.B.:
• spezifische Situationsbezogenheit,
• Originalität,
• Autorität usw.

– nehmen wir ein weiteres Beispiel mit dem russ. Phr. кто-л. в гробу (и в белых тапочках)
видал/видел кого-л./что-л. ‚j-d/etw. ist für j-n absolut ohne Interesse, sodass diese Person
damit nichts zu tun haben und von diesem Menschen bzw. dieser Sache sogar nichts hören
will‘(Dobrovol’skij 2002: 251)

31
2. „Так что ж ты гонишь мне опять про своих Пикассо шмикассо Утрилло шмутрилло,
я ж в гробу видел твоего Ван Гога там шмангога.“ (В. Сорокин – Дорожное
происшествие)

„also was quatschst du mich wieder voll mit deinem Picasso Schmikasso Utrillo Schmutrillo,
ich hab ja deinen Gogh dings Schmangoch im Sarg gesehen.“ (Dobrovol’skij 2002: 250)

→ laut einer Umfrage von Dobrovol’skij hat kein Deutscher diesen Phr./Kontext verstanden
– er begründet das so:
„Die im betreffenden russischen Idiom fixierten Vorstellungen sind aus der deutschen Per-
spektive nicht nur vom kognitiven, sondern auch vom kulturellen Standpunkt aus spezifisch.“
(Dobrovol’skij 2002: 252)

→ zweifellos ist dieser Phr einzigartig, sowohl in Bezug auf das Szenario als auch auf dessen
Deutung
– allerdings drückt das Szenario nichts russisches Kulturspezifisches aus und der Eingang
dieser Einheit ins russische Lexikon ist all den Zufallsfaktoren geschuldet, die allgemein eine
Rolle spielen, s.o.
– selbst wenn etwas Kulturspezifisches zur Bildungszeit ausschlaggebend war, dann ist es den
heutigen Kultur- und Sprachträgern nicht mehr bewusst

die Rolle von sog. Schlüsselbegriffen in der Phraseologie am Bsp. von „душа“
– ein anderes Argument in Richtung „Kulturspezifik“ ist das häufige/gehäufte Vorkommen
bestimmter Komponenten in Phraseologismen, was bei „душа“ der Fall ist
– allein im russ.-dt. phras. Wb auf 6 Seiten (205-211) Beispiele mit „душа“, z.B.:
без души; болеть душой; в чём душа держится; влезть в душу; всей душой; души не
чаять; прийтись по душе; тёмная душа; чернильная душа usw.

→ diese Häufigkeit scheint tatsächlich von einer kulturellen Bedeutsamkeit zu zeugen


– aber auch hier ist mit Vorsicht heranzugehen, denn
• die Einheiten sind nicht gleichzeitig entstanden
• sie können per „Analogie“ weiterverwendet worden sein (d.h. ohne bewusste kulturbe-
dingte Entscheidung für gerad diese Komponente!)
• bedeutungsmäßig kann unter dieser Entität ganz Verschiedenes gemeint sein, was die Kul-
turgemeinschaft aufspalten würde

32
8. Seminar: Patriarchalisch geprägte Sprache als Ausdruck der Gesinnung?

Einf.:
– ich behaupte einfach mal, dass das Deutsche eine in Bezug auf das natürliche Geschlecht
weniger diskriminierende Sprache als das Russische ist
Was sagen Sie dazu???

Министер выступил с речью.


Коллеги засмеялись, когда я споткнулась о порог.

Substantive mit doppelter Genuszuweisung


– im Slavischen gibt es Substantive auf -a, die Personenbezeichnungen sowohl von männli-
chen als auch weiblichen Personen darstellen
– die Zuordnung des grammatischen Geschlechts kann daher entweder mask. sowie fem., aber
auch nur fem. sein, z.B.:
russ.: пьяница (m/f), убийца (m/f), сирота (m/f) ‘Waise’
– diese sind von den Personenbezeichnungen auf -a zu trennen, die ausschließlich männliche
Personen bezeichnen, z.B.:
russ.: папа, дядя, дедушка
– sie sind auch von den Personenbezeichnungen männlichen Geschlechts zu unterscheiden,
die männliche als auch weibliche Personen bezeichnen, z.B.:
russ.: министр, доцент, инженер
– unter den betreffenden Substantiven sind sowohl Entlehnungen als auch eigensprachliche
Wörter

syntaktische Kongruenz:
– syntaktisch richtet sich mehrheitlich die Kongruenz nach dem natürlichen Geschlecht (Se-
xus) der bezeichneten Personen, vgl.:
russ.: хороший/-ая врач, врач пришёл/пришла

→ das Genus der Personenbezeichnungen stimmt nicht immer mit dem Sexus der referierten
Person überein (bzw. kann bei prädikativem Gebrauch nicht mit dem Sexus in Übereinstim-
mung gebracht werden)
Oнa действительно настоящий профи!
Он хочет стать кино-звездой.

Begründen Sie den Einzelfall! Warum ist Ihrer Meinung nach профи maskulin und wa-
rum фильмова звезда feminin?
профи: jüngere Entlehnung aus dem Engl., bei der die Genuszuordnung bestimmt sem. moti-
viert war (mask. Personenbezeichnungen wurden historisch gesehen und werden immer noch
für Männer geschaffen)
фильмовая звезда: der Genus von ‘Stern’ kann aus den verschiedensten Gründen entstanden
sein (u.a. kann der Stern den „weiblichen“ Ursprung signalisiert haben, vgl. russ. звезда <
[*kue(n)t] und altengl.: cwen ‘Frau’ oder eine Zahl als grundlegendes Lebensprinzip der
Weltordnung repräsentieren, vgl.: звезда < [*kue(n)t] und hethitisch: hantezzis ‘erste’ bzw.
altengl.: *kuetuor ‘vier’, vgl.: (Маковский, 158)
→ der metaphorische Gebrauch in bezug auf eine Person ist völlig sexusunabhängig

33
Bsp. профи
Seit wann stehen solche Art von Bezeichnungen im Widerspruch zur sozialen Realität?
→ seit die Frauen massenhaft in traditionll männliche Bereiche des Berufs– u. gesell. Lebens
eindringen
sprachl. Reflexion: ein Maskulinum kann in den meisten Genussprachen auch zur Bezeich-
nung einer weiblichen Person eingesetzt werden, soll also als „geschlechtunspezifisch“ gelten
Wen stellen Sie sich vor, wenn Sie folgenden Satz lesen?
Ты увидел пилота того самолета?
Wen stellt sich der Durchschnittssprecher des Russ. vor?
→ garantiert einen Mann, d.h. die geschlechtliche Nichtspezifik ist solange ein Mythos bis
bestimmte soziale Stereotypen nicht ausgeräumt sind

Movierung
– darunter versteht man die „explizite Ableitung von Substantiven anderen Geschlechts von
einer Basis, die eine Personenbezeichnung oder Tierbezeichnung darstellt. Vorwiegend han-
delt es sich dabei um die Bildung femininer Bezeichnungen von maskulinen.“ (Fleischer
„Wortbildg. der dt. Gwsp.“ 1982: 182)

→ es würde damit ein gender– bzw. sexusspezifisches Substantiv geschaffen, was nicht un-
problematisch ist, vgl. folgendes Bsp.:

Maria ist die beste Lehrerin der Schule.


Мария – самая хорошая учительница школы.

Wie ist das gemeint bzw. kann gemeint sein?


→ als beste von allen Lehrern bzw. als beste nur der Lehrerinnen
→ in dem Fall würde nur die genaue Kenntnis der Situation eine Disambiguierung ermögli-
chen, die sprachlichen Mittel der Genusbezeichnung sind dafür ungeeignet, denn:
→ feminines Genus ist sexusspezifisch (nur mit einer gewissen sozialen Kompetenz ist der
oben aufgeführte Superlativ als Oberbegriff auch für männl. Personen zu verstehen)

– Klärung des Terminus „Referenz“:


Referenz: der m.H. bestimmter sprachlicher Mittel aufgezeigte Zusammenhang zwischen der
Äußerung und der außersprachlichen Wirklichkeit

→ das obige Bespiel hat gezeigt, daß man prinipiell unterscheiden muß zwischen:
generischem und referenzspezifischem Gebrauch von Personenbezeichnungen und
Gebrauch von Personenbezeichnungen im Singular bzw. Plural

Sing./generisch:
Maria ist eine gute Leiterin. (ein guter Leiter?)
Мария – хороший руководитель. (хорошая руководительница?)
Она – хорошая врач.
→ im Ggs. zum Deutschen, wo die Movierung bereits zur Norm geworden ist, wird im Bulg.
die feminine Entsprechung zum großen Teil noch gewöhnungsbedürftig und wird sie im Russ.
als umgspr. markiert angesehen, d.g. gilt als unerwünscht in der Lit.-sprache

Sing./referentiell:
Будущий филолог из Минска выиграла конкурс.
Eine/Die künftige Philologin aus Minsk hat den Wettbewerb gewonnen.
Гость вошёл в комнату. (Гость вошла в комнату.?)

34
Der Gast kam zum Zimmer hinein. (auch weibl.?)
→ hier muß fast immer auf das natürliche Geschlecht referiert werden, was mit den unter-
schiedlichsten sprachl. Mitteln erfolgen kann:
• Wortbildungssuffix
• sexusspezifische Kongruenz im Satz
• andersweitig: Verwendung von Personalpronomen bzw. anderen sexusmarkierten lexika-
lischen Einheiten im engeren Kontext

Pl./generisch und referentiell:


Die Lehrer haben den 8. März gefeiert.
Die Lehrerinnen haben den 8. März gefeiert.
Die LehrerInnen haben den 8. März gefeiert.
→ fast ausschließliche Verwendung von mask. Personenbezeichnungen, wenn es sich nicht
um reine Frauengruppen handelt
→ das große „I“ im Deutschen soll der der „Mitbezeichnung“ von weiblichen Personen durch
mask. Personenbezeichnung im Pl. entgegenwirken
→ inzwischen Mittel der political correctness als Reaktion auf bestehende sprachliche A-
symmetrien

Probleme der Femininmovierung im Russischen


„Manche Frauen fürchten – zu Recht –, daß jede Beobachtung geschlechtsspezifischer Unter-
schiede als Beweis dafür genommen wird, daß es die Frauen sind, die anders sind – anders als
der Standard, der sich in allen bereichen danach definiert, wie der Mann ist. Der Mann gilt als
Norm, die Frau als Abweichung von der Norm. Und es ist nur ein kleiner – vielleicht unver-
meidlicher – Schritt von ‚anders‘ zu ‚schlechter‘. (Tannen 1991: 13)

Welche Bewertung wird in der Literatur dieser Verbform zugeschrieben?

russ.: Моя врач пришла.


deut.: *Unsere Gast kam.

Welche Bewertung wird in der Literatur diesen Formen zugeschrieben und warum?
врачиха und кассирша

Wie bewerten Sie den sprachl. Status der jeweiligen Femininmovierungen?

feminin maskulin
армянка армянин
бегунья бегун
врачиха врач
- политик

zu (1): sem. Symmetrie der Ausdrücke


zu (2): sem. Symmetrie; abgesehen von der Tatsache, daß die mask. Nomen als Hyperonyme
zu den femininen auftreten
zu (3): negative stil. Markierung der femininen Ausdrücke
zu (4): keine Existenz von femininen Ausdrücken
→ alle diese Erscheinungen sind als sprachl. Reflexe von gesell. Erscheinungen zu werten,
aber dennoch sprachlich Fakt und deshalb nicht ohne weiteres und mit einem Schlag verän-
derbar

35
Warum bestehen weibliche Lehrkräfte in Rußland auf die Verwendung der Maskulina
учитель bzw. преподаватель?

Warum gibt es kein weibliches Pendant zu политик?

Zus.:
Verwendung movierter Personenbezeichnungen
– neben (referenz)sem. und syntaktischen Kriterien gibt es stilistische und soziale Aspekte
(Prestige, Etikette, Zusammenhang mit der sozialen Realität usw.) der Verwendung movierter
Personenbezeichnungen
sem. Kriterien:
– Movierungen treten typischerweise im Singular auf (da Movierungen im Plural auf reine
Frauengruppen referieren)
– Movierungen sind am häufigsten in referierenden und prädikativen Nps
→ in prädikativen NPs dient sie neuerdings zur Darstellung der Kongruenz, die mit anderen
Normen bzw. sogar gramm. Regeln in Konflikt geraten [kann]
(Doleschal 1992)

Was verstehen Sie unter Frauen– bzw. Männersprache oder männlichen vs. weiblichen
Gesprächsstilen?
Haben diese Termini Ihrer Meinung nach eine Existenzberechtigung?
Was halten Sie von folgenden Feststellungen von Tannen aus dem Jahr 1990/91?

„dass das Gespräch zwischen Frauen und Männern zur interkulturellen Kommunikation wird,
[weil Jungen und Mädchen im Grunde in verschiedenen Kulturen aufwachsen]“ (1991: 17)

männliches Kommunikationsverhalten Weibliches Kommunikationsverhalten


Als Individuen in einer hierarchischen Ord- Als Individuen eines Netzwerkes zwischen-
nung, in der der Mann entweder über- oder menschlicher Bindungen sind für Frauen
unterlegen ist, sind für ihn Gespräche Ver- Gespräche Verhandlungen über Nähe, bei
handlungen, bei denen man denen man
• Die Oberhand gewinnen oder behalten • Bestätigung und Unterstützung geben
will und und erhalten möchte und
• Sich gegen andere verteidigt, die einen • Übereinstimmung erzielen will
herabsetzen oder herumschubsen wollen
(Tannen 1991: 20)

Spechakt der Entschuldigung


– eine geschlechtsspezifische Häufigkeit des Entschuldigens konnte nur festgestellt werden,
wenn der „Verursacher“, d.h. die zur Entschuldigung eigentlich verpflichtete Person, „höher
gestellt“ war, denn dann haben sich:
• nur die Hälfte aller Frauen und
• keiner der Männer entschuldigt (Rathmayr 1996: 191)
– Eigenheiten gab es bezüglich des Einsatzes bestimmter Ausdrücke, vgl.:

Typisch männlich Typisch weiblich


Виноват Мне стыдно
Чёрт возьми! Ой!
(Rathmayr 1996: 191)

36
9. Seminar: Kulturelle Stereotypen, das Unsere ↔ das Fremde (свой ↔ чужой)

– «СВОИ и ЧУЖИЕ» diese Gegenüberstellung [...] durchdringt die ganze Kultur und ist ist
eins der wichtigsten Konzepte jeglicher kollektiven, Massen-, Volks- sowie nationalen Gesin-
nung. (Степанов 2001: 126)
„Die Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Vertrautheit und Fremdheit‘ bzw. dem Eigenen
und dem Anderen dürfte anfangs wohl eher von der pragmatischen und praktischen Seite aus
erfolgt sein. Später wurde dieser Pragmatismus dann wohl auch gedanklich-konzeptionell
unterstützt. Noch später dürften über den Pragmatismus und die Konzeptionen dann auch ge-
legentliche Diskussionen und Auseinandersetzungen aufgekommen sein. Alles dies hat sich
mit Sicherheit auch durch Tradierung in den nachfolgenden Generatinen bestimmter Gruppen
niedergeschlagen und hat mit zur Ausprägung ihrer Kulturform beigetragen.“ (Cobabus 1997:
1)

1. Der praktische/pragmatische Umgang mit „(den) Anderen“


2. Durch Klassifikationsprozesse/Schlussfolgerungen Bildung von Konzepten über
„(den/die) Anderen“
3. Verbreitung und Durchsetzung bestimmter Konzepte → „prototypisches“ Verhal-
ten/Denken gegenüber „(den/die) Anderen“ in einer bestimmten Kulturgemeinschaft

Zu 1) (Cobabus 1997: 24)


Ausgangssituation: es treten sich zwei verschiedenartige Individuen gegenüber = Begegnung
des Eigenen mit dem Anderen
– Menschen stehen sich „von Natur aus“ weder freundschaftlich noch... feindlich gegen-
über; weder gibt es ein sog. „Urvertrauen“ noch ein „Urmisstrauen“ (Cobabus 1997: 509)
– die Begegnung [mit dem Anderen] ist aber stets eine Begegnungsbeziehung (Cobabus 1997:
24ff)
→ Das Eigene erfährt sich als das Eigene bei dieser Begegnung durch das Andere – und vice
versa bzw.
→ Das Eigene spiegelt sich also durch das Andere als Eigenes wider – und vice versa
– jede Begegnung zwischen Individuen... ist von Anfang an nicht neutral
→ denn sie ist stets durch die eigene Sichtweise und damit durch diese eigene wertende Pro-
jektion auf den Anderen mitsamt der sich dabei vollziehenden Rückprojektion auf sich
selbst... individuell und damit spezifisch, somit auch kulturspezifisch, geprägt (ebenda 28)
– diese Begegnung als soziale Interaktion hat zunächst keine eindeutig voraussagbare Ent-
wicklungscharakteristik..., sondern ist ambivalent (ebenda 34)

Voraussetzungen der Begegnungssituation

Beziehungsnähe bzw. Beziehungsferne


Wenn das soziale und/oder natürliche Wenn das soziale und/oder natürliche
Umfeld der einander begegnenden Umfeld der einander begegnenden Men-
Menschen einander sehr ähnlich ist schen voneinander sehr verschieden ist

immer auch möglich


sehr wahrscheinlich sehr wahrscheinlich
Voraussetzungen für eine
positive Begegnungstendenz durch negative Begegnungstendenz
• positive Interessenlage → auf den ● negative Interessenlage → auf
Anderen (Neugier) den Anderen

37
• positive Kenntnislage ● negative Interessenlage
• positive emotive Ausformung (Sympathie) ● negative emotive Ausformung
(Antipathie bis hin zur Ablehnung,
Feindschaft, Hass)
• positive psychische Ausprägung (Selbst- ● negative psychische Ausprägung
Sicherheit u. –vertrauen → Zutrauen) (über Unsicherheit → Misstrauen
und Fremdenfurcht bzw. –angst
• eine sich positiv ausgestaltende Ver- ● eine sich positiv ausgestaltende
Verhaltens- und Aktionsform

VERTRAUTHEIT FREMDHEIT
(Cobabus 1997: 35, 37f)

– jedes Aufeinandertreffen, jede soziale Begegnungsinteraktion ist in irgendeiner Weise ...


kulturspezifisch vorgeprägt (Cobabus 1997: 517)
– jede dieser sozialen Begegnungsinteraktionen läuft immer auf eine Form der Integration
oder der Ausgrenzung hinaus
– die kulturelle Evolution, also die Menschheitsgeschichte, setzt sich aus lauter solchen her-
vorgebrachten konkreten kulturspezifischen Situationen zusammen (Cobabus 1997: 510)

→ das „eigen-fremd-Prinzip“ trennt Familien, uns und unsere Nachbarn, Dynastien und
Clans..., religiöse Sekten, sexuelle Minderheiten usw. (Степанов 2001: 126) → „andere“
Kulturgemeinschaften

zu 2) (s. Cobabus 1997: 65f)


– von letztlich historisch entscheidender Bedeutung ist die mental-kognitive Ebene und sind
somit die... kulturellen Konzeptionen..., die den Verlauf der sozialen Begegnungsinteraktio-
nen steuern
– ein jedes Individuum wird im Laufe seines Lebens durch Sozialisierungsprozesse geprägt
und dabei zumeist auch in... Gruppenbezüge mehr oder weniger intensiv einbezogen
– dabei übernimmt er freiwillig bzw. gezwungenermaßen bestimmte kulturelle Konzeptionen
– im Laufe seines Lebens baut sich bei ihm eine kulturell-konzeptionelle Ebene auf..., die ein
Teil der Eigenpersönlichkeit bildet

zu 3) (s. Cobabus 1997: 66)


– soziale Begegnungsinteraktionen vollziehen sich nun immer bezüglich des mental-kogni–
tiven/ kulturell-konzeptionellen Bereichs auf der Ebene der kulturellen (Gruppen)Identität
 Eine kulturelle Identität im Sinne einer gesamten Kulturgemeinschaft... gibt es hingegen
nicht
→ denn selbst eine Gruppenidentität ist niemals vollständig identisch mit der individuellen
Form einer Identität
– die individuelle kulturelle Identität weicht doch sehr häufig von der kulturellen Gruppen–
identität ab (ebenda: 236)
→ insofern haftet der vermeintlichen – kulturellen – Gruppenidentität häufig tatsächlich eher
ein fiktiver nach außen und somit Anderen gegenüber behaupteter Charakter an, der mit dem
wirklichen realen Charakter nicht übereinstimmt
 ... eine vollständige auf die gesamte Kulturform bezogene Zuordnung und damit Identität
gibt es bei keinem Menschen (ebenda: 66)

38
 Universelle, für die gesamte Menschheit allgemeingültige moralische Regeln oder ethi-
sche Konzeptionen gibt es nicht (Cobabus 1997: 531)

kulturell konzipierte Gruppenbezüge:


1. kulturell konzeptionelle Verwandtschaftsgruppenbezüge
2. gesellschaftliche Funktionsgruppenbezüge
3. mythologisch/religiöse, weltanschaulich-politisch/ideologisch, politisch-ideologisch ori-
entierte Gruppenbezüge
4. sonstige Interessens- und Aktionsgruppenbezüge (Cobabus 1997: 161)

Auf welche Weise spiegeln sich diese Gruppenbezüge variativ in einer Sprache wider?
1. kulturell konzeptionelle Verwandtschaftsgruppenbezüge → Umgangssprache
2. gesellschaftliche Funktionsgruppenbezüge → Literatursprache, Fachsprache
3. mythologisch/religiöse, weltanschaulich-politisch/ideologisch, politisch-ideologisch ori-
entierte Gruppenbezüge → Literatursprache, Jargon
4. sonstige Interessens- und Aktionsgruppenbezüge → Umgangssprache, verschiedene Jar-
gons, Argot
wird überdacht vom

das „eigen-fremd-Prinzip“ in Bezug auf das Ethnos (Volk, Volksgruppe):


– das ethnische Verhaltensstereotyp (zusammen mit der Sprache der Kommunikation) ist das
wichtigste, das das Ethnos für sich selbst bestimmt (Степанов 2001: 128)
→ hier geht es also um ein ideelles Selbstempfinden einer gewissen Gruppe von Leuten als
„eigen“ im Gegensatz zu „fremd“ (129)
– die Grundlage der ethnischen Beziehungen liegt außerhalb des Bewusstseins, sie ist in den
Emotionen veranhkert: in Sympathien–Antipathien, Liebe-Hass (Gumilev, zit. nach Степанов
2001: 131)
– allerdings gibt es kein festes Merkmal für die Ethnosbestimmung, es können alle folgenden
relevant werden:
• Sprache,
• Herkunft,
• Traditionen,
• Materielle Güter,
• Ideologie (einschließlich Sitte, Moral und Glaube), ergänzt durch (Cobabus 1997: 422)

– in Bezug auf die Angehörigen einer Gruppe eines beliebig großen Rahmens kann man bei
Zugrundelegung des gemeinschaftlichen Vorhandenseins der oben genannten Merkmale (und
entsprechender Variativen bei kleineren Gruppenzusammenhängen) von einer Kulturgemein-
schaft sprechen

Ebenen der kulturspezifischen Vorstellungswelten nach (Cobabus 1997: 385)


1. die Ebene der Bestimmung des Eigen-Seins
2. die Ebene der Festlegung der Formen des sozialen Umgangs
3. die Ebene der Absicherung und Bewahrung der Lebensform
4. die Ebene der Ausgestaltung weiterer kultureller Formen
– ausgehend von der individuellen Ebene und sich fortsetzend im jeweiligen vergesellschafte–
ten Rahmen hat sich immer der Selbstbezug und das daraus gewonnene Eigenbild durch Ei-
gen-Setzung oder Eigen-Bestimmung (s. oben Punkt 1) in Bezug zum Anderen gesetzt (Co-
babus 1997: 370)

39
– bei der Eigenwahrnehmung bzw. bei dem Eigenverständnis und der Anderenwahrnehmung
bzw. bei dem Anderenverständnis gibt es Unterschiede:
• im größeren Differenzierungsgrad bei der Eigensicht und
• in der ganz überwiegend überhöhten Eigensicht und Eigencharakterisierung ↔ einer ganz
überwiegend eher indifferenten, spöttelnden, belächelten, herablassenden.... Anderensicht
bzw. Anderencharakterisierung (Cobabus 1997: 395)
– in fast allen Kulturgemeinschaften gibt es... einen latenten bis offenen Übergang von der
kulturellen Zentriertheit zum kulturellen Zentrismus, d.h.
→ der Übergang von den eigentlich überall z.T. vorhandenen Klischees über sich manifestie-
renden Vorurteile bis hin zu einer mehr oder weniger manifesten Form der Ideologisierung ist
fast in allen diesen kulturellen Substrukturen gegeben (Cobabus 1997: 401)

der Weg von der kulturellen Zentriertheit zum Kulturzentrismus

Kulturelle Zentriertheit* Klischees Begegnungsikonographien


mit vorausgehenden Urteilen

Vorurteilen Ideologie
=Kulturzentrismus

– dieses Grundschema ist nur von theoretischer Art, es ist ein Denkmodell
– am Anfang einer sozialen Begegnungsinteraktion steht also die kulturelle Zentriertheit mit
den vorausgehenden/generalisierten Urteilen..., von dort [gibt es] einen Weg hin zu Klischees,
die sich zu Begegnungsikonographien ausformen bzw. Vorurteilen umformen können; diese
wiederum können... sich auch zu mehr oder weniger starkt ausgeprägten Ideologien auswach-
sen (Cobabus 1997: 679)
→ „Denn die sog. reine kulturelle Zentriertheit mit bloßen vorausgehenden Urteilen gibt es
nämlich ab dem Zeitpunkt nicht mehr, ab dem sich verschiedene Kulturgemeinschaften bzw.
kulturelle Substrukturen das erste Mal begegnet sind.“ (680)
– nach der „ersten Begegnungsinteraktion“ treten anstelle der vorausgehenden Urteile be-
stimmte Aspekte, die pars pro toto als Urteil über den Anderen bzw. die andere Gruppe ge-
setzt werden (sodass das obige Schema weiter funktionieren kann) (680f)
– die dabei entstehenden Klischees, die sehr wandlungsfähig sind, sind mit den unterschied-
lichsten Emotionen, Verhaltensmustern und Reaktionen verbunden (682)
– Begegnungsikonographien dagegen, die eher mystischer Natur sind und sich auf Wahrneh-
mungen von Lebewesen beziehen, die falsch gedeutet wurden, oder gar auf Naturerscheinun-
gen, die man nicht begreifen konnte,
• werden über eine längere Zeit tradiert,
• wobei sie eine feste Form annehmen,
• die sich nach ihrer Verfestigung gar nicht mehr oder nur wesentlich ändern (682f)
– Vorurteile stellen gegenüber den vorher genannten kulturellen Ausprägungsformen eine
verschärfte Form dar, die handlungsmäßig wirksam werden, indem man auch im Sinne dieser
Urteilsbildung auf die Anderen reagiert (684)
– damit stehen aber Vorurteile in Gefahr, sich nicht nur zu verfestigen, sondern auch oft aus-
zuweiten, denn ein Vorurteil sucht zumeist nach seiner Bestätigung
– Ideologien oder ideologisierte Konzepte sind zunächst einmal realitätsverzerrte fiktional
konzipierte Eigenbilder über einen oder mehrere eigene Gruppenbezüge bzw. z.T. auch die
behauptete Gemeinsamkeit der gesamten jeweiligen Kulturform (Cobabus 1997: 404)

40
– diesem ideologisiertem Eigenbild werden im Kontext der sozialen Begegnungsinteraktion
immer Anderenbilder als davon verschieden (und zwar nicht nur partiell, sondern immer als
grundsätzlich) gegenübergestellt
→ das Ganze läuft fast immer auf eine Selbstbestätigung hinaus (Cobabus 1997: 409)

Sprachliche Widerspiegelung des „eigen-fremd-Prinzips“


– nach den Aussagen von Benveniste ist der Gegensatz „eigen-fremd“ in den indoeuropäi-
schen Sprachen allgemein nachzuweisen (Степанов 2001: 135)
– die Analyse einer Reihe von indoeuropäischen Wrtguts hat demzufolge eine Entgegenset-
zung von:
„eigen“ als Gefühl der Blutsverwandtschaft einer Gruppe von Leuten, in deren Gren-
zen der Mensch sich ‚frei‘ fühlt gegenüber dem

„Fremden, Anderen, den Feinden, Sklaven“ (135f)

– der Nachweis dieser semantischen Beziehungen gelingt allerdings nur am Beispiel von „ei-
gen“, vgl.:
1. i.-e.: *leudh ‚zusammenwachsen‘, lat.: liber ‚frei‘ und liberi ‚Kinder‘ (also: aufgewachsen
mit dem, der frei ist), griech.: έλεύθερος ‚frei‘, altsl.: людъ, russ.: люди 'Leute', deut.: Leu-
te (136)
2. i.-e.: sue-/suo- ‚selbst, sich, eigene‘, russ.: свой und свобода 'Freiheit' (136f)
ˆ ˆ

41
10. Seminar: Kulturgemeinschaften in gegenseitiger und in Selbstreflexion

→ Bedeutung von individuellen Beziehungen, der Einstellung zueinander und dem Wissen
übereinander für das Gelingen von Kommunikation
– dabei soll man sich vor allem über das Wirken von Stereotypen bewusst sein und diese eben
nicht bemühen

Was ist ein Stereotyp? Welche Auswirkungen können diese auf ein normales Aufeinander-
treffen von Menschen verschiedener Länder haben?
– Wiederholung und Diskussion

Umfragen von Ter-Minasova (Folien)


Aufgabe:
Stellen Sie sich die Europakarte vor! Welche Gebiete/Länder würden Sie ganz spontan mit
welchen Begriffen versehen?
– 1 Gruppe: allgemeine Begriffe, 1 Gruppe: in Bezug aufs Essen
– Auswertung unter Einbeziehung der Folie

1. Was glauben Sie, welche Eigenschaften sind Russen als typisch zu den Amerikanern
eingefallen?
2. Welche Eigenschaften verbinden Russen Ihrer Meinung nach mit Deutschland?
– Auswertung unter Einbeziehung der Folie

Bringen solche Umfragen irgendwelche objektiven Ergebnisse?


Ist automatisch jede Eigenschaftsnennung in Bezug auf einen Anderen/eine andere Grup-
pe ein Stereotyp?
– Diskussion

kurzes Experiment:
– Sammlung von „typischen Eigenschaften“ der Deutschen und Russen über sich selbst
– Sammlung von „typischen Eigenschaften“ der Deutschen und Russen über den jeweils an-
deren

– Vergleichen mit folgender Sammlung:

Eigenstereotype deutsch Eigenstereotype russisch


Beckmann aus • Deutschland ist männlich Saraskina aus Zu Russland:
„Stereoty- • [dt. Mann] stark, strah- „Stereoty- • hat große Aufgaben in der
pen...“ 2000: lend, gewinnend pen...“ 2000: Welt zu erfüllen,
214 • ordentlich, häuslich und 175ff • grenzenlose Freiheit,
nüchtern • Streben nach absoluter,
• kategorisch (kennt nur ewiger Liebe,
das Entweder-Oder) • Verneinung von routinier-
• prinzipientreu ter Ordnung, Wohlstand
• fest in seiner Religion und bourgeoiser Ge-
verwurzelt schäftsinteressen
• vertritt Dt. in der Welt • Dreieinigkeit von Kirche,
und auch gegen sie... Staat und Gesellschaft,
• Treue zu den heimatli-
chen Wurzeln

42
Bausinger • romantisch veranlagt, Zu den Russen:
2000: 78 • rückwärtsgewandt, • (in Märchen:) ehrlich,
• schwärmerischer Anhän- edel, gut, stark und wahr-
ger der Natur und des heitsliebend ↔ Tölpel,
Natürlichen, Säufer, Schwindler, Be-
• organisiert in Vereinen, trüger und Lügner
• zufrieden in der selbst- • Anarchie und Zügellosig-
gewählten, gemütlich keit,
ausstaffierten Enge, • können sich nicht an
• seßhaft und trinkfest Recht und Disziplin hal-
• „Ordnung ist das halbe ten,
Leben“ • imstande, alles zu ertra-
gen,
• sklavisch demütig,

– Zusammenfassen der Ergebnisse und Ziehen eines Fazits zur Stereotypenproblematik

43
11. Seminar: Der Sprechakt als Ausdruck von Kulturspezifik

Was sind Sprechakte?


– Searle definitierte sie in seinem Werk „speech act“ aus dem Jahre 1969 auf beinahe triviale
Art als:
„basic or minimal units of linguistic communication“ und setzte diese Minimaleinheiten in
Beziehung zur: „production or issuance of a sentence token under certain conditions“

– die Notwendigkeit der Einbeziehung der Faktoren wie „Funktion der Sprache“, der Einfluss
„sozialer“ sowie „situativer“ Faktoren hat in den 70ern in der Linguistik für eine kleine „Re-
volution“ gesorgt, die man als
→ pragmatische Wende bezeichnet
– Sprache (und Text) wird von da ab im Verhältnis zum Sprechen und den Sprechern gesehen
– Sprache als eine solche Tätigkeit..., bei der Zeichen hervorgebracht werden, mit denen man
etwas tut (d.h. was wir tun, wenn und indem wir sprechen, und wie wir auf diese Weise auch
einen anderen dazu bringen können, etwas zu tun) (Helbig 1990: 180)

– im Hinblick auf die interkulturelle Kommunikation bildet die Erzeugung von Sprechakten
eine besondere Herausforderung
→ auch wenn man davon ausgehen kann, dass prinzipiell jeder Gedanke in jeder Sprache
ausdrückbar ist, so ist die Art und Weise, angefangen von der lexikalischen bis hin zur Äuße-
rungseinheit, jeweils verschieden
→ in Bezug auf komplexe Äußerungseinheiten, was ja Sprechakte sind, potenzieren sich na-
türlich die Differenzen
– eines der anschaulichsten Beispiele sind die „Formeln“, mit denen man sich üblicherweise
vorstellt bzw. eine Altersangabe macht, vgl.:

Wie heißt du? Wie alt bist du?


What’s your name? How old are you?
Как се казваш? На колко си години?
Jak se jmenuješ? Kolik je ti let?
Como te llamas/llaman? Cuanto años tienes?
Как тебя зовут? Сколько тебе лет?
Kako se zoveš? Koliko imaš godina?
Jak się nazywasz? / Jak ci na imię? Ile masz lat?

Grußformeln
– gehören zu den Sprechakten, die im Deutschen und Russischen viele Gemeinsamkeiten
aufweisen, was die Determiniertheit in Bezug auf bestimmte Situationen, Tagesabschnitte,
Sprechergruppen anbelangt
– interessant sind deshalb die zu beachtenden Abweichungen oder Interferenzen, vgl.:

deutsch russisch
„Guten Morgen!“/„Доброе allgemeingebräuchlich zur beschränkt auf privaten oder
утро!“ frühen Tageszeit vertrauten Personenkreis
„Guten Abend!“/„Добрый allgemeingebräuchlich zur zur offiziellen Sprache gehö-
вечер!“ späten Tageszeit rig (Begrüßung im TV)
„Alles Gute!“/„Всего Wunschformel funktioniert auch als reine
доброго/хорошего!“ Verabschiedungsformel

44
„Meine Verehrung!“/„Моё dient der Verabschiedung, ist eine Begrüßungs- u. Ver-
почтение!“ begrenzt auf Österreich abschiedungsformel unter
Moskauer Intellektuellen
„Gesundheit!“ ≠ „Здорово!“ Genesungswunsch als Reakti- saloppe Begrüßung unter
on aufs Niesen Kumpels, jungen Leuten
(Yakovleva 2004: 180ff)

„Begrüßung“ ist nicht gleich „Begrüßung“!


– Grußformeln werden nicht selten auch in indirekten Sprechakten verwendet, also in ganz
anderer, und zwar ironischer Funktion, vgl. mit dem österreichischen „Na, Servus!“ ‚Das hat
gerade noch gefehlt!‘, Na, klasse! Oder im Extremfall: „Na dann gute Nacht!“
– diesem Gebrauch entspricht das russ. Привет!, vgl.:
А: Он не придёт сегодня.
В: Привет! А я его жду! (Yakovleva 2004: 182)
– eine ähnliche Reaktion als Ausdruck des Erstaunens bzw. der Unzufriedenheit zeigt sich im
umgspr. Gebrauch von Здравствуйте!
– entsprechend unterschiedlich fallen auch die Übersetzungsäquivalente aus, deren genaue
Form wieder von der konkreten Situation abhängt
– allgemein oder kontextungebunden wären da zu nennen:
'Erstaunen': Menschenskinder!, Mein lieber Scholli!
'Unzufriedenheit': Was, das hast du nicht gewusst?!, Auch schon ausgeschlafen?!

Höflichkeitsäußerungen
– prinzipiell ist zwischen einer „positiven Höflichkeit“ (Solidaritätshöflichkeit) und einer
„negativen“ (Distanzhöflichkeit) zu unterscheiden, wodurch andere Kriterien für die Wahl
einer Entschuldigung gelten (Rathmayr 1996: 22)
– in der russischen Kultur überwiegt eindeutig die positive Höflichkeit (ebenda)
– als besonders wichtiges Attribut eines höflichen Menschen im russischen Kulturkreis wird
die Redeweise angegeben, wozu folgendes zählt:
• eine angenehme und leise Stimme
• Höflichkeitsfloskeln
• Vermeidung unangenehmer Themen und unwahrer Äußerungen
• Nicht zu lautes und zu vieles Reden
• Ausreden lassen
• Einhaltung des Themas
• Zuvorkommendes Eingehen auf Äußerungen des Partners
• Verwendung der Standardsprache und kein Prostorečie (Rathmayr 1996: 25)
– ein Übermaß an Höflichkeit wird in Russland bis heute mit mangelnder Aufrichtigkeit
gleichgesetzt (Aufrichtigkeit, Direktheit, Wahrhaftigkeit) (ebenda)
→ wobei als „Übermaß“ in der russischen Kultur manches in anderen Kulturen als neutral
eingestuftes Verhalten gilt (!!!) (ebenda)
Danksagungen, s. (Yakovleva 2004: 256)

Entschuldigungen (Yakovleva 2004: 258ff mit Bezug auf Rathmayr 1996)


– Entschuldigungen sind korrektive Tätigkeiten, deren Funktion darin besteht, „die Bedeutung
zu ändern, die andernfalls einer Handlung zugesprochen werden könnte...“ (Rathmayr 1996:
16)
– durch die Dominanz der positiven Höflichkeit im Russischen gelten für die Wahl einer Ent-
schuldigung andere Kriterien (Rathmayr 1996: 22)

45
– hierbei kommt es auf das „richtige Maß an Ehrerbietung“ an, was kultur- und schichtspezi-
fisch ist (Rathmayr 1996: 16)
– im Vergleich mit den Danksagungen fällt auf, dass auch Entschuldigungen im Russischen
viel weniger ausgesprochen werden als im Deutschen, wo Entschuldigungen nicht selten zu
Floskeln „verkommen“
– der Entschuldigungsakt – sein Zustandekommen bzw. die konkrete Äußerungsform – ist
stark an personellen Konstellationen in Abhängigkeit von sozialer Dominanz, dem Grad der
Vertrautheit, dem Bildungsgrad (!!!) und dem Interesse an einer ungetrübten Beziehung ge-
bunden
– interessant ist in dem Zusammenhang, dass in der russischen Kultur alle Angehörigen der
Dienstleistungsberufe keinesfalls als dem Klienten untergeordnet eingestuft werden: Es ist
vielmehr so, dass der Kunde vom Bedienungs- und Verkaufspersonal abhängig ist...
(Rathmayr 1996: 41)
– im Unterschied zu adressatlosem Entschuldigen wie „sorry!“ oder „Entschuldigung!“ gibt
es im Russischen nahezu ausnahmslos (извиняюсь) adressatenbezogene Formen, d.h.:
→ der Adressat ist in der Verbalendung des Imperativs Sg. (Du-Etikette) oder Pl. (Sie-
Etikette) jeweils explizit präsent und wird oft zusätzlich nominal angesprochen, vgl.: Извини,
Олечка!, Простите (меня), Нина Петровна! (Rathmayr 1996: 38)
– der Sprecher seinerseits ist immer nur fakultativ explizit
– ebenso können die Motive und Intentionen expliziert sein: Я этого не хотел, Я хотел как
лучше, Я прошу прощения за то, что наступила тебе на ногу (Rathmayr 1996: 38f)
– auch das ist eine Entschuldigung, wenn sie auch einiges über die miteinander kommunizie-
renden Personen aussagt:
Situation Schlangestehen:
– Ой бля! На хуя же на ногу? [Au, verfluchte Scheiße! Das war mein Fuß!]
– Извини, старик. [Tschuldige, Alter.]
(aus Sorokin „Die Schlange“, zit. nach Rathmayr 1996: 146)
– in der russischen Kultur wird sich besonders wenig entschuldigt, wenn der Vertrautheits-
grad sehr hoch bzw. sehr niedrig ist (Unseres ↔ Fremdes) (Rathmayr 1996: 190)
– bei diesem Sprechakt kommt aber noch – bei allen Übereinstimmungen – ein oft differen-
zierter situativer Gebrauch hinzu
– übereinstimmend ist, dass es prinzipiell vorgreifende und nachträgliche Entschuldigungen
gibt
– für die nachträglichen Entschuldigungen gibt es jeweils zwei Verben:
извинять/извинить – entschuldigen: geringere Vergehen od. distanziertes
Verhältnis, Angehörigen
anderer Schichten gegenüber
прощать/простить – verzeihen: größere Vergehen od. enges Verhältnis,
ältere Menschen od. die Intelligenz unter
sich
– bei Bagatellfällen können beide Verben gleichermaßen auftreten bei ernsten Anlässen ist die
Verwendung von простить geboten, vgl.: Я тебя оскорбил, прости/???извини (Rathmayr
1996: 69)
– desweiteren scheint auf beide Kulturgruppen gleichermaßen zuzutreffen, dass, je größer die
Schuld und die soziale Distanz ist, umso umfangreicher der Akt der Entschuldigung ausfällt,
allerdings in aller Regel vonseiten des niedriger Gestellten
→ das ist erklärlich weil der niedriger Gestellte u.U. Sanktionen zu befürchten hat
– der Unterschied besteht darin, dass im Deutschen das oben Gesagte auch auf den höher Ge-
stellten zutrifft, während man sich im Russischen in dieser Position viel seltener entschuldigt
– abweichende Situationen für Entschuldigungsäußerungen:

46
Situation deutsch russisch
Beendigung einer Interaktion Entschuldigen Sie bitte, aber –
ich muss jetzt gehen!
Vom Specher persönlich nicht regelhaft: Wir bitten um Ihr selten: Просим извинения за
verschuldete Störungen usw. Verständnis! технические неполадки!
regelhaft: Entschuldigung, regelhaft: Ø Я это не сделал,
aber ich konnte das nicht er- потому что болел.
ledigen, weil ich krank war.*1
Reaktion auf eine unerfüllt A: здравствуйте / Машу
gebliebene(r) Bitte (Wunsch) можно?
B: её нет
A: извините*2 (eine an-
schließende Verabschiedung
ist hier unüblich)
(Yakovleva 2004: 262ff)
*1 eigene Beispiele
*2 Yakovleva spricht hier von einer Dankes- und Verabschiedungsfunktion sowie von einer
Entschuldigung für die Störung bzw. für den vergeblichen Aufwand (Rathmayr 1996: 174f)
→ diese Art der Entschuldigung wird nur bei der Nichtrealisierung des Sprecheranliegens
ausgebracht, was den Deutschen einigermaßen verwirrt und unpassend erscheint, da er nicht
versteht, warum er sich dafür entschuldigen muss, dass der andere ihm nicht weiterhelfen
kann...
– für die Störung und für die mit der Bitte bereitete Unannehmlichkeit entschuldigt sich der
Anrufer ja deshalb im vornherein

komplexe Interaktion Geschäftsverhandlung (Kappler et al. 1992):


2. Grundlegende Strategien
2.1. Schaffen eines günstigen Verhandlungsklimas
2.1.1. Taktik der Einstimmung...
2.1.2. Taktik des Eingehens auf das Image des Partners
2.1.3. Taktik des Auflockerns der Gesprächsatmosphäre
2.1.4. Taktik des Erweisens von Aufmerksamkeiten
2.1.5. Taktik.... des Schließens von Verhandlungen und Verabschiedung
2.2. Initiative bei der Verhandlungsführung 3. Optimale Argumentation
2.2.1. Taktik der Themenbestimmung 4. Hilfsstrategien bei Problemen
2.2.2. Taktik, Fragen zu stellen
2.3. Richtige Verständnissicherung
2.4. Eingehen... auf den Geschäftspartner
2.5. Vermeidung von Fettnäpfchen
2.5.1. Taktik präventiver Fragen zur Schadensverhütung
2.5.2. Taktik der höflichen Entschuldigung im Notfall

– das Stellen von Fragen ist eine der schwierigsten Aufgaben in der interkulturellen Kommu-
nikation, aber von großer Bedeutung für den Gesprächsverlauf

Правильно я вас понял? Habe ich Sie richtig verstanden?


Итак, вы придерживаетесь мнения, что...? Sie sind also der Ansicht, dass...?
Это действительно так? Ist das wirklich so?
Правда ли, что...? Stimmt es, dass...?
Может быть, вы подумали, что...? Sie dachten vielleicht, dass...?
Простите, что я вас перебиваю, но не Verzeihung, dass ich Sie unterbreche, könnten

47
могли бы вы уточнить это? Sie das vielleicht präzisieren?
Если я вас правильно понял, то у вас есть Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann
некоторые сомнения по поводу...? haben Sie einigen Zweifel bezüglich...?
Можно ли в целом сказать, что....? Kann man generell sagen, dass....?
Так можно ли расценивать факт, что..., как Kann man also die Tatsache, das..., als reell
реальный? einschätzen?
(Kappler et al. 1992: 94f)

– zu Punkt 2.4. gehört auch die Äußerung von einer Ablehnung

Мне кажется, вы заблуждаетесь. Mir scheint, Sie irren sich.


Не может этого быть! Das kann nicht sein!
Я придерживаюсь другого мнения. Da habe ich eine andere Meinung.
Я не разделяю вышу точку зрения/ваше Ich teile Ihren Standpunkt/Ihre Meinung
мнение. nicht.
Я не согласен с вашим утверждением. Ich bin mit Ihrer Behauptung nicht einver-
standen.
Я не могу с вами согласиться в том, что... Ich kann Ihnen nicht darin recht geben, dass...
Сожалею, но я не разделяю этой точки Bedaure, aber diesen Standpunkt teile ich
зрения. nicht.
К сожалению, я не могу согласиться с Leider kann ich damit nicht einverstanden
этим. sein.
Здесь я должен вам, к сожалению, Da muss ich Ihnen leider widersprechen,
возразить, так как... weil...
Извините, но это не так, потому что... Entschuldigen Sie, aber ds stimmt nicht,
weil...
Это просто невероятно! Das ist einfach unglaublich!
Нет, ни в каком случае! Nein, keinesfalls!
Я решительно против, потому что... Ich bin entschieden dagegen, weil...
Я должен решительно отклонить эту точку Ich muss diesen Standpunkt entschieden zu-
зрения. rückweisen.
(Kappler et al. 1992: 120)

48
12. Seminar: Kulturspezifisches bei Sprechakten...

– obwohl dieses Seminar mit dem vorhergehenden eine Einheit bilden sollen, wollen wir in
diesem die kulturspezifischen Besonderheiten an ausgewählten Beispielen noch stärker her-
ausarbeiten

Telefongespräch
→ in Russland meldet man sich traditionsgemäß bis heute nicht am Telefon mit eigenem Na-
men
– die übliche Weise, sich am Telefon zu melden, ist: Да. / Алло! / Слушаю. / Я слушаю вас.
– der Anrufer fragt selbst, ob es sich um die gewünschte Institution/Person handelt, um sich
zu vergewissern, dass er richtig gewählt hat/durchgekommen ist (Yakovleva 2004: 157)
– wenn der Anrufer mit keiner konkreten Person (gilt also nicht bei Institutionen untereinan-
der) zu sprechen wünscht, stellt er sich überhaupt nicht vor, vgl. (ebenda):

b) (Telefon klingelt)
(B: да/алло)
А: (здравствуйте) это вокзал?
В: да
А: э скажите (пожалуйста)....
→ die in Klammern gesetzten Ausdrücke müssen nicht vorkommen, sollten es aber unter dem
Höflichkeitsaspekt

deutsch Russisch
Beginn des Telefo- (Telefon klingelt) b) (звонит телефон)
nats an eine kon- A: A A: да/алло
krete Person B: guten Abend hier B könnte ich B: добрый вечер
herrn professor N (einmal) Могу я поговорить с
sprechen? профессором Н ('N')?*
A: der is im Moment noch nicht da A: его сейчас нет
(Yakovleva 2004: 158)

* die in Russland unübliche Anrede lässt sich vielleicht mit der Handlung eines Russen in
Deutschland erklären oder mit der Nichtbekanntheit von Vor- und Vatersname....

deutsch Russisch
Meldung an einem Schulze bei Meyer Diese Art von Vorstellung gibt es
fremden Telefon Apparat Meyer, Schulze mein Na- nicht, was allgemein zu großen
me Missverständnissen führt
Frage nach einer Kann ich...? Могу я...?
konkreten Person Könnte ich....? Мог бы я...?
Можно...?
Vorstellung des Hier (spricht)... Это звонит....
Anrufers nach der Это .... Вас беспокоит.
Meldung des Ange-
rufenen
Fragen nach der Und wer ruft an? А это кто звонит?
Identität Und wer sind Sie? А кто это?
Und er ruft (für ihn) an? А кто его спрашивает!
(Yakovleva 2004: 158)

49
– Frage nach dem Wohlbefinden im Russischen :
Как дела?
Как (вы) поживаете/живёте?
Как жизнь?
Как ты?
Что нового?
Ну, как оно?
Как (твои) успехи?
Как на работе?
Как жена?
Что слышно?
Как (ваше) здоровье?
Как вы себя чувствуете?
→ mögliche Schattierungen als Antwort, s. Kopien aus (Yakovleva 2004: 173f)

– vergleicht man die Struktur der Äußerungen mit gleicher Intention in verschiedenen Spra-
chen miteinander, dann werden hier offensichtliche Interferenzen deutlich
– eines der Schlüsselprobleme interkultureller Kommunikation sind Fehlschläge (‚miscom-
munication‘) oder auch Missverständnisse (‚misunderstandings‘), die meist dann entstehen,
wenn der Ausländer die Regeln seiner eigenen Muttersprache auf die Fremdsprache überträgt
(Yakovleva 2004: 21)
– Fehlschlagende Kommunikation und Missverständnisse verursachen ihrerseits wiederum:
• Unsicherheit sowie explizite oder implizite Diskriminierung auf Seiten der Angehörigen
der sprachlichen Mehrheit und
• Resignation und Handlungsverzicht auf Seiten der Angehörigen der sprachlichen Minder-
heit
• Fehlinterpretationen der Äußerung und damit evtl. einhergehende Unterstellung von „Un-
höflichkeit“
(Yakovleva 2004: 21)

– bei der Beurteilung der interkulturellen Kompetenz bei Gesprächen sind grob gesagt deren
Verlaufsqualitäten und der thematische Bezug zu analysieren, vgl.:

Beurteilung von interkultureller Kompetenz bei Gesprächen nach:


1) Verlaufskriterien
a) Verbale bzw. paralinguistische
b) Nonverbale bzw. gestisch-mimische
2) thematischer Rahmen
– zu den einzelnen Punkten sind laut Yakovleva (2004: 7) folgende Faktoren zu rechnen:
1a)
– Art und Weise der
• Einleitung
• Beendigung
• Abgabe
• Übernahme
• (Weiter)Haltens
eines Gesprächsschrittes
– Länge der Zeitspanne von Schweige- und Unterbrechungstoleranz

50
1b)
– Art und Weise
• des Minenspiels
• der Hand– bzw. Kopfzeichen (Kopfschütteln vs. Kopfnicken)
• der Körperhaltung
• des körperlichen Abstandes
2)
– Art der in eine Sprechsituation (Rahmenthema) einzubringenden (Sub-)Themen
– Geltung von sprecher- und hörertypischen rituellen Gesprächsformen (Sprechakte) in be-
stimmten Stuationen
– andere Sprecher- und Hörersignale usw.

– die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die gesamten Untersuchungsergebnisse Ya-
kovlevas, die natürlich nicht als repräsentativ gelten können, vgl.:

Deutsch Russisch
1a Sprechersignale zur Ü- Oft Nicht so oft
berprüfung der Aufmerk-
samkeit und Kontaktsi-
cherung
Rückmeldungssignale Oft Nicht so oft
Sprecherwechsel durch Oft Nicht so oft
Unterbrechen und Über-
lappen
„glatter“ Sprecherwechsel Nicht so oft Die Regel
Sprechpausen Dreimal höher
Pausenlänge bzw. Pau- Doppelt so lang
senhäufigkeit
Sprachtempo Sehr hoch (zur Wiedergabe
der Intensität der Handlung,
um unangenehme Themen
schnell abzuhandeln)
Schweigen (sehr) lange (Denk- und → wird oft als Gesprächsen-
Formulierungsprozesse) de missinterpretiert
Verbale Mittel ← Als Reaktion auf Danksagung
Elliptische Satzabbrüche Sehr oft
Ausdruck verbaler Hand- Sehr intensiv
lungen
1b Lachen – Pausenfüller, Ausdruck von
Sympathie, Schaffen einer
guten Atmosphäre, Vermei-
den eines peinlichen Themas
Händedruck bei der Be- Nur unter Männern typisch
grüßung
Begrüßung Umarmung ohne Küsschen, Mit 2-3 Küsschen wechsel-
zurzeit aber Modeerschei- weise auf die Wange
nung unter Jugendlichen (1X
auf eine Wange!)
Verabschiedung s.o. s.o.
Abschiedszeremoniell Sehr lang

51
2 „Biertischgespräche“ Typisch Nicht vorhanden
Frage nach dem Einkom- Offizielles Tabu-Thema Typisch
men
„Wohin gehen Sie?“ Untypisch Typisch
Andere kulturspezifische (beengtes) Zusammenleben
Themen, die auf der ande- mehrerer Generationen, Fahrt
ren Seite keine Rolle spie- ins Grüne, gute Angel- oder
len Pilzsammelplätze usw.
Anwendung von Begrü- Hallo! (über Statusgrenzen Привет! (über Statusgrenzen
ßungsformeln hinweg) hinweg nicht denkbar)
Anwendung von Verab- Tschüss! (über Statusgrenzen Пока! (über Statusgrenzen
schiedungsformeln hinweg) hinweg nicht denkbar)
kulturspezifisch Mahlzeit! Schönes Wochen- Звони! Забегай! ('Komm
ende! Komm gut nach Hau- wieder' – Ausdruck der Gast-
se! freundschaft)
Motivationsbasis Lebe wohl! Прощай!
Frage nach dem Wohler- Meistens floskelartig Kann als Begrüßungsformel
gehen dienen bzw. indirekt gestellt
→ meistens Interesse an einer
ehrlichen Antwort
Anredeformen Du → gilt als grob
gilt als grob ← Мужчина!, женщина!
Normal: Frau... / Herr... Господин... / госпожа....
(nur Neureichen gegenüber)
Normal: Vorname + Vaters-
name
Sprechakt ‚AUFFORDERN‘, Meist indirekter Vollzug Direkt, Höflichkeit durch
‚EINLADEN‘, ‚BEFEHLEN‘, parasprachliche Mittel
‚RATEN‘, ‚VORSCHLAGEN‘
(Yakovleva 2004)

direkte vs. indirekte Sprechakte


– prinzipiell haben beide Typen im Deutschen und Russischen ihren Platz
– der prinzipielle Unterschied besteht in der Anwendungshäufigkeit des indirekten Sprechak-
tes, die im Deutschen viel höher liegt
– gilt es im Deutschen z.B. als besonders höflich, eine AUFFORDERUNG, einen BEFEHL, eine
WARNUNG, BITTE, einen VORSCHLAG m.H. einer Frage zu formulieren, so ist im Russischen
die direkte Art (Imperativ) üblich, vgl. Folie aus (Yakovleva 2004: 285)
→ die prinzipielle Anwendbarkeit des direkten bis hin zum idiomatischen Sprechakt auch in
diesen Situationen beweist die Übersetzbarkeit aller „Monika-Beispiele“, vgl. Folie
– geht es um eine BITTE, dann überwiegt auch im Russischen der indirekte Sprechakt, vorge-
tragen als Frage, oft kombiniert mit dem Verb im Konjunktiv

der Spechakt 'ANTWORT auf Auskunftsfrage'


– das ist wohl eine der Situationen, in die man als Ausländer garantiert irgendwann einmal
kommt...
– in Großstädten wie Moskau macht es fast keinen Sinn, nach dem Weg zu fragen
– fragt man dennoch, kann man mit den unterschiedlichsten Reaktionen rechnen:

52
• Null-Reaktionen, weil der Befragte den Ausländer identifiziert (häufig bei älteren Leuten)
• Scheinbar ausführliche Auskunft, obwohl der Befragte sich nicht auskennt, wie sich später
herausstellen wird
• Offenes Bedauern über das Nicht-Wissen oder
• Folgende Reaktion:
Вы не могли бы сказать мне, где ближайшая станция метро?
(Вот) не скажу.
→ die für fremde Ohren grob klingende Antwort ist keine «Abfuhr», sondern das allgemein
übliche Bedauern über das Nicht-Antworten-Können

der Spechakt 'ANBIETEN'


– dieser Sprechakt verbirgt eine ganze Reihe von Verstehensproblemen zwischen den Vertre-
tern er deutschen und russischen Kultur, was bestimmt jeder von uns, der die andere Seite
einmal besucht hat, aus Erfahrung weiß
– natürlich sind diesbezügliche Missverständnisse nicht allein auf den „Sprechakt“ als solchen
zurückzuführen, sondern bereits auf bestimmte kulturspezifische „Begleitumstände“, die da
wären:
• die große Rolle, die dem gemeinsamen Essen bei einem Besuch beigemessen wird,
• sichtbar unter anderem an der Gangabfolge und der Essensmenge...,
• die entsprechend lange Zeit, die darauf verwendet wird und während der nur „Konversati-
on“ angesagt ist,
• der Fakt, dass man als Gast in Russland mehr oder weniger mit den „Herren der Schöp-
fung“ und den Kindern allein am Tisch sitzt, während die „Hausfrauen“ pausenlos zugan-
ge sind...
• das obligatorische und fortwährende Ausbringen von Trinksprüchen usw.
• der Umstand, dass ein von Frauen verschämt vorgebrachtes „Nein“ von russischen Frauen
oft als verstecktes, geziertes „Ja“ verstanden wird (wodurch die Angebotskanonade evtl.
noch wesentlich verstärkt wird, was wiederum enorme Kräfte abverlangt, dieser entge-
genzutreten)
– rein sprachlich liegen die Unterschiede wieder in der Bevorzugung von indirekten Sprech-
akten durch die Deutschen und direkten durch die Russen, was von den Deutschen u.U. als
'Nötigung' aufgefasst werden könnte und wird, vgl.: угощайтесь, бери ещё, ешь, салат
положи
– bei dem deutschen Bediene dich! Weiß der Gast, dass er das als Aufforderung formulierte
Angebot des Gastgebers immer... ablehnen kann (Yakovleva 2004: 310f) oder überhaupt nicht
darauf eingehen muss
– ansonsten wird in der Regel indirekt m.H. einer Frage „angeboten“: Möchtest du (noch)....?
bzw. Was möchtest du?

Idiomatische Sprechakte
Не скажи!
4. 'sag das ja nicht!' = direkter Sprechakt
5. 'das finde ich nicht', 'das glaube ich ganz und gar nicht', 'das würde ich (so) nicht sagen'
(Да) брось (ты)!
1. 'Lass das' = direkter Sprechakt in Bezug auf eine (Nicht-Sprech)Handlung
2. 'Mach keine Witze!', 'Lass den Quatsch'
Иди ты! 'Wo denkst du hin!'
Что ты говоришь?! 'Was du nicht sagst!'

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Не говори! 'Sprich es bloß nicht aus! (damit es nicht wahr wird oder sich als wahr erweist)'
Не говори-ка! ‘Du sagst es!‘
Жди! ‘Da kannst du lange warten!‘
И не думай! ‘Wage es nicht!‘, ‚Komm ja nicht auf die Idee!‘, ‚Schlag dir das aus dem Kopf!‘
Ты подумай!/Подумать только! ‘Wer hätte das gedacht/für möglich gehalten!‘, ‚Na so-
was!‘, ‚Sieh mal einer an!‘
Ничего/Ничё себе! s.o.
Умереть и не встать! ‘Da wirst du Augen machen!‘
Умираю! ‘Ich kann nicht mehr!‘
С ума сойти!
1. ‘Irre!‘, ‚Super!‘
2. ‚Es ist zum Verrücktwerden/Mäusemelken!‘
Ну, ты, молодец! ‘Toll!‘
(Какой) ужас/кошмар! ‘Einfach schrecklich!‘, ‚Wie furchtbar!‘, ‚Entsetzlich!‘ usw.

54
13. Seminar: Mimik und Gestik

Non- und Paraverbales


– in der Konversation wirken Verbales, Nonverbales und Paraverbales zusammen
– das Verbale steht absolut im Vordergrund, Gestik und Mimik ist oft nur sprechbegleitend
und nicht selbstständig kommunikativ
– nonverbale und paraverbale Merkmale sind nicht immer eindeutig konventionalisiert, also
nicht universell
– die Trennung der einzelnen Merkmale voneinander ist kompliziert, da oft mehrere gemein-
sam auftreten

Nonverbales (Heringer 2007: 94)


– ist begleitend, läuft neben der verbalen Kommunikation einher
– nonverbale K. kann ein Feedback in Bezug auf das verfolgte Gesprächsziel geben, sie kann
aber auch widersprechende Parallelbotschaften senden
– die nonverbale K. bleibt diffus, auch wenn sie als solche nicht gewertet wird, sondern als
ikonisch, direkt, wahrhaftig usw.

Paraverbales (Heringer 2007: 95)


– ist sprachlichen Äußerungen eigen und nach bestimmten Merkmalen unterscheidbar wie:
• Prosodie, Intonation, Stimmlage, Stimmfärbung, Tempo, Rhythmus, Akzent, Intensität,
Tonhöhe, Lautstärke usw.
– diese Merkmale sind nie autonom, sondern sog. „Huckepack-Phänomene“, die sich auf vo-
kale Äußerungen „aufpfropfen“ und sie damit modulieren
– Paraverbales ist sowohl genetisch (Mann – Frau), persönlich (Charakter), gruppenbezogen
als auch kulturell bedingt
– Merkmale von Tonfall und Stimme, s. Kopie
– Deutungsversuche, s. Kopie

Gestik
→ Bewegungen der Hände, Finger, Arme und auch des Kopfes (Heringer 2007: 81)
– Gesten können für Emotionalität aber auch für Engagement sprechen (ebenda)
– die spezielle Art und Weise der Gestik, die Anzahl und Intensität ist stark kulturabhängig

Kopfnicken bei Bulgaren (Heringer 2007: 88):


– wird auch für Ja-Sagen verwendet, sodass sich folgende Fragen ergeben:
• Unterscheiden die beiden Versionen sich in der Intensität des Ja-Sagens?
• Werden beide bei verschiedenen Gelegenheiten verwendet, in verschiedenen Partnerkons-
tellationen?
• Spielt eine Rolle, wie oft man den Kopf schüttelt, wie schnell, wie intensiv?
• Nach welcher Seite fängt man an? Spielt das eine Rolle?

Mimik
→ Spiel der Gesichtsmuskeln (Mund-Nasenpartie, Augenbrauen, Stirnpartie)
– die Mimik steht für die Gemütsverfassung und die Einstellung zum Partner
– Mimik läuft um einiges unbewusster ab als die Gestik, außerdem kann der kommunikative
Effekt nur an der Reaktion des Partners abgelesen werden (und wird z.T. auch auf diesem
Wege erlernt)
– auch die Mimik ist stark kulturspezifisch

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Proxemik (Heringer 2007: 82)
→ räumliche Haltung der Gesprächspartner zueinander nach folgenden Kriterien:
• nah vs. auf Distanz
• in der Runde vs. paarweise
• locker vs. zentriert

– Herausarbeitung von Gemeinsamkeiten/Unterschieden mit dem russischen paraverbalen


Verhalten

Geste Sprechakt Deutsch russisch


Händedruck Begrüßung Prinzipiell üblich, Nur unter Männern
außer unter Verwand- (vor allem unter guten
ten und engen Freun- Bekannten, sonst: bei
den der ersten Bekannt-
→ relativ lange und schaft oder nach län-
kräftig gerer Abwesenheit)
Verabschiedung s.o. s.o.
Umarmung Begrüßung Evtl. + das Aneinan- s.u.
derreiben der Wangen
Umarmung mit Küss- Begrüßung Eigentlich unüblich, Prinzipiell üblich
chen zurzeit aber Modeer-
scheinung unter Ju-
gendlichen (1X auf
eine Wange!)
Verabschiedung s.o. s.o.
(Yakovleva 2004)

Geste/Mimik Sprechakt Deutsch russisch


Schuldbewusst zu Entschuldigung Üblich üblich
Boden schauen (Ver-
meidung von Blick-
kontakt)
Lächeln Entschuldigung Üblich Absolut unüblich
(Rathmayr 1996: 97f)

– Vorstellung des Wörterbuches der russ. Gesten (Krejdlin et al.)

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14. Seminar: Translatorische Probleme

– die Übersetzung stellt einen Versuch dar, Distanz zu überwinden, ohne sie gewaltsam auf-
zuheben – es ist eine Begegnung ohne Aufdringlichkeit
– das Fremde wird zwar assimiliert, aber nicht in seiner Selbständigkeit angetastet; die Über-
setzung zerstört das Original nicht, sondern vermehrt es sozusagen, verleiht ihm einen neuen
Sinn...
– solcherart Übersetzung ist sozusagen eine Begegnung zwischen Kulturen...
– Übersetzung überwindet kulturelle Unterschiede (Krasnodębski, Z.: „Übersetzungen zwi-
schen Kulturen, Nationalkulturen in Ostmitteleuropa und ‚Politik der Anerkennung‘.“ – Kul-
tur als Übersetzung. Würzburg, 1999, 221-238, 221)

die wichtigsten Überlegungen vor der eigentlichen Übersetzungsarbeit:


1. Was? → in bezug auf AS-Text und ZS-Text
2. Wo? → in bezug auf ZS-Text
3. für Wen? → in bezug auf ZS-Text
und Wozu? → in bezug auf ZS-Text

4. Wie?

→ dabei ergibt sich das Wie? immer aus der Gesamtbeurteilung von 1) – 3)

zu 1) Klären der AS-Textsorte und der ZS-Textsorte


zu 2) Rahmen der Präsentation des ZS-Textes
zu 3) Adressatenkreis und Funktion des ZS-Textes

Fazit: Übertragung des kommunikativen Sinns und damit Erstellung eines Translats
→ zwischen dem AS-Text und dem ZS-Text soll ein Verhältnis von maximaler semanti-
scher Äquivalenz bestehen

Wie geht man beim Übersetzen vor?

Methode
→ Zerlegung der Texteinheit in entsprechende Textteile bzw. -sequenzen

„Die Textbedeutung ist das Resultat der Bedeutungen der den jeweiligen Sprachtext konstitu-
ierenden Mittel und deren Wechselwirkung.“ (Büttner/ Ivanova 1989: 5f)

strukturelle Seite semantische Seite


Text Textbedeutung, die sich zusammensetzt
aus:
a) Komponenten der Satzbedeutung,
b) kotextuelle Satzbedeutungen und
c) Zusatzbedeutungen
einzelne Äußerungssequenz (u.U. Satz) Bedeutung der Äußerungssequenz bzw. der
Satzbedeutung, die sich zusammensetzt aus
folgenden Komponenten:
a) propostionale Bedeutung,
b) Sprechaktbedeutung (Satzmodus),
c) Einstellungs– bzw. emotionale Bedeu-
tung (Modalität)

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d) Thema-Rhema-Bedeutung (Informati-
onsstruktur)
Wort Wortbedeutung

(vgl. Jäger 1986: 14ff)

– bei der Beurteilung der Übersetzungsleistungen gehe ich den umgekehrten Weg:
→ von der kleinsten zu den jeweils größeren Spracheinheiten

– genau diesen Weg wollen wir im Folgenden beschreiten, indem wir einige „Spezialproble-
me“ näher betrachten

Partikeln
– eine Untersuchung von Rathmayr anhand des Häufigkeitswörterbuches (частотный
словарь) für das Russische hat ergeben, dass die Partikeln даже, ведь und вот zu den hun-
dert am häufigsten gebrauchten Wörtern gehören
– vor alle in Bezug auf die Übersetzung der sog. „kleinen Wörter“ wird man in Wb mit Clu-
stern von Übersetzungsmöglichkeiten konfrontiert, die – zumal ohne Angabe der Verwen-
dungssituationen oder anderer Synonyme – nur sehr bedingt weiterhelfen
– Rathmayr hat sich für ihre Untersuchungen die deutsche Partikel eben mit dem Ziel heraus-
gesucht, für deren Übersetzung ins Russsiche einen groben Kriterienkatalog zu erarbeiten
– dabei stieß sie auf folgende Übersetzungsmöglichkeiten, die man m.H. anderer Wb beliebig
erweitern könnte:
eben I: только что, сейчас; едва, только-только
eben II: именно, как раз; уж, ведь, в том-то и дело, что, значит, в таком случае, вот
именно
– bereits beim erstbesten Alltagsdialog stellte sich heraus, dass dieser oben angegebene Kata-
log nicht weiterhilft..., vgl.:
(1) A. Mein Hund hat schon wieder jemanden gebissen.
B. Warum beißt er denn dauernd?
A. Weiß ich auch nicht, er ist eben bissig.
A. Моя собака опять кого-то укусила.
B. Почему же она всё время кусает (кого-нибудь)?
A. Я тоже не знаю, она просто злая.
→ da sich hier просто als die geeignetste Variante herausgestellt hat
– wie u.a. auch im nächsten Beispiel, was bedeutet, dass diese Variante höchstfrequent ist
(2) A. Ihre Fahrkarte bitte!
B. Ich habe keine.
A. Wieso haben Sie keine?
B. Ich habe eben keine.
A. Ваш билет, пожалуйста.
B. У меня нет билета.
А. Почему у вас нет билета?
В. Просто нет.
– hier ist gut zu erkennen, dass die Verwendung von просто in einem Begründungszusam-
menhang steht, wobei der Sprecher eine wirkliche Begründung nicht geben will oder kann

58
und anstatt dessen einen offensichtlichen Tatbestand im kategorischen Ton wiederholend be-
kräftigt
→ damit will der Sprecher signalisieren, dass dieser Tatbestand evident und unabänderlich ist,
wovon er den Hörer ebenfalls überzeugen will
– просто spielt auch eine Rolle, wenn auf eine Begründung in Form einer Aufforderung oder
eines Ratschlages reagiert wird; im Deutschen werden solche Äußerungsabschnitte oft mit
dann eingeleitet
– neben просто ist in solchen Situationen auch die Verwendung von значит und ну тогда
möglich
(3) A. Gib mir ein Bier!
B. Ich habe keines.
A. Dann gib mir eben ein Glas Milch!
A. Дай-ка мне пива!
B. Нету.
A. Тогда дай просто стакан молока/Ну тогда дай стакан молока.
– eine ganz andere Situation ergibt sich, wenn auf eine Faktkonstatierung ausschließlich mit
einer Bestätigung reagiert wird, vgl.:
(4) A. Der ist auch schon über fünfzig.
B. Na eben.
A. Ему уже за пятьдесят.
B. Вот именно!
– in vergleichbaren Kontexten wäre auch die Verwendung von ну вот und точно denkbar
– möchte man eine bestimmten Einzelfakt im Rahmen einer Äußerung besonders fokussieren,
kann man zwischen как раз und именно wählen, vgl.:
(5) Eben das weiß ich nicht.
Именно/Как раз это я (и) не знаю.
– das sind noch lange nicht alle möglichen Situationen und Kontexte, in denen eben eine Rol-
le spielen kann
– die Schwierigkeiten, die sich bei der konkreten Übersetzung der Partikel ergeben, kann kei-
nesfalls dadurch gelöst werden, sie gar nicht zu übersetzen, weil das in den meisten Fällen
sinnentstellend wäre
– im Folgenden möchte ich die Ergebnisse zusammenfassen; dabei differenziere ich die Er-
gebnisse von Rathmayr etwas:
eben zum Ausdruck von:
a) in einem Begründungszusammenhang bei Bestätigung des offensichtlichen Faktes:
просто
b) Reaktion auf eine Begründung in Form einer Aufforderung oder eines Rates:
просто, значит und ну тогда
с) bestätigende Antwort: вот именно, ну вот und точно
d) eine verstärkende Hervorhebung einer Teilsequenz der Äußerung: как раз, именно
– die richtige Wahl der Z-Variante kann nur auf dem Wege der Analyse ihrer Funktion ge-
wonnen werden, d.h. der Übersetzer muss vom Kontext auf das konkrete Lexem schließen

59
Rückversicherung

Deminutivformen
– relativ selten werden solche Übersetzungspaare auftreten, vgl.:
„Thema dieses Büchleins sind die Beschreibung und die Darstellung...“ ↔ „Тема книги –
описание...“ (Kappel et al. 1992: 9, 14)

Я возьму свеколки, капустки, морковочки, всё нарежу меленько и варю на маленьком


огонёчке, добавлю лучка, петрушечки, укропчика. (подслушано в очереди)

→ im Deutschen unbedingte Vermeidung von solchen Deminutivform,en, wenn es sie denn


gibt!

Verhandlungsgespräch
– das Stellen von Fragen ist eine der schwierigsten Aufgaben in der interkulturellen Kommu-
nikation, aber von großer Bedeutung für den Gesprächsverlauf

Правильно я вас понял? Habe ich Sie richtig verstanden?


Итак, вы придерживаетесь мнения, что...? Sie sind also der Ansicht, dass...?
Это действительно так? Ist das wirklich so?
Правда ли, что...? Stimmt es, dass...?
Может быть, вы подумали, что...? Sie dachten vielleicht, dass...?
Простите, что я вас перебиваю, но не Verzeihung, dass ich Sie unterbreche, könnten
могли бы вы уточнить это? Sie das vielleicht präzisieren?
Если я вас правильно понял, то у вас есть Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann
некоторые сомнения по поводу...? haben Sie einigen Zweifel bezüglich...?
Можно ли в целом сказать, что....? Kann man generell sagen, dass....?
Так можно ли расценивать факт, что..., как Kann man also die Tatsache, das..., als reell
реальный? einschätzen?
(Kappler et al. 1992: 94f)

Idiomatisches
– es ist Zybatow (2006, 6: 327) in seiner Meinung zuzustimmen, dass sich kreative, sprich:
okkasionelle, Metaphern generell leichter, d.h. wortwörtlich, übersetzen lassen als die Meta-
phern der Alltagssprache..., die konventionalisiert bzw. kulturell verfestigt sind
– bei der Übersetzung von kreativen Metaphern werden sich universell präsente Assoziati-
onsmechanismen zunutze gemacht, mit denen man auch in Fremdsprache „Metaphern“ er-
zeugt, wenn sie dort nicht bereits konventionalisiert vorliegen...
– hier ein Beispiel für die ‚ZEIT ist GELD‘-Metapher, die auch im Russischen funktioniert, wie
aus der Übersetzung vom Michael Endes „Momo“ hervorgeht, vgl. (Zybatow 2006, 6: 330f):
(14) Außerdem fordern wir von Ihnen, sozusagen als Lösegeld, die Summe von hunderttau-
send Stunden eingesparter Zeit. Machen Sie sich keine Sorgen darüber, wie wir in den
Besitz dieser Zeit kommen werden...
(14‘) Кроме того, вы должны в качестве выкупа уплатить нам сто тысяч часов
съэкономленного времени. О том, как мы вступим во владение этим временем,
вам нечего беспокоится....
(15) Bis heute war es so, daß immer mehr Menschen immer weniger Zeit hatten, obgleich
mit allen Mitteln fortwährend Zeit gespart wurde. Aber seht ihr, gerade diese Zeit, die
da gespart wurde, war es, die den Menschen abhanden kam. Und warum? Momo hat

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es entdeckt! Den Menschen wird diese Zeit buchstäblich von einer Bande von Zeit-
Dieben gestohlen! Und dieser eiskalten Verbrecherorganisation das Handwerk zu le-
gen, das ist es, wozu wir eure Hilfe brauchen.
(15‘) До сих пор дело обстоит так, что у все большего числа людей остаётся все
меньше времени, хотя они его всеми средствами без конца экономят. Но
видите, именно съэкономленное время у людей и отняли. Почему? Момо это
разведала! Время крадёт у людей банда воров времени! Чтобы положить конец
этой преступной организации, нам нужна ваша помощь.
– im Metaphernbereich stellt sich also die Frage nach der Adäquatheit einer zur Verfügung
stehenden Zieleinheit, die sich nach mehreren pragmatischen Kriterien wie Festigkeits- und
Bekanntheitsgrad, Modernität, Struktur, Stilzugehörigkeit, Zieladäquatheit usw. richtet, umso
stärker
– treffen wesentliche Kriterien in Bezug auf den Bildbereich der Ausgangseinheit nicht zu,
muss auf ein anderer Bildbereich bemüht werden, vgl. (Zybatow 2006, 6: 329, 333):
(11) Чёрная разчарованность в жизни
(11‘) Bittere Enttäuschung über das Leben
(20) Sein Leben hängt an einem seidenen Faden.
(20‘) Его жизнь висит на волоске.
– Fälle wie diese werden im interkulturellen Bereich überwiegen und wortwörtlich übersetz-
bare konventionalisierte Metaphern die Ausnahme bleiben, vgl. (Zybatow 2006, 6: 333):
(19) Фальшивые деньги наводнили китайский рынок.
(19‘) (Das) Falschgeld hat den chinesischen Markt überschwemmt.

Wie schätzen Sie die Äquivalenzsituation bei folgenden Phraseologismuspaaren ein?


den Bock zum Gärtner machen – пускать козла в огород
„den Ziegenbock in den Garten lassen“

throw dust in(to) s.-o’s eyes – (Sand in j-s Augen streuen) – пускать пыль в чьи-л. глаза

Eulen nach Athen tragen – ехать в Тулу со своим самоваром


„nach Tula mit dem eigenen Samowar fahren“

Ergebnisse:
den Bock zum Gärtner machen – пускать козла в огород
„den Ziegenbock in den Garten lassen“
‚einer Person, die fähig zu sein scheint, ‚einer Person, die fähig zu sein scheint,
in einem bestimmten Tätigkeitsbereich, in einem bestimmten Tätigkeitsbereich,
der mit Verantwortung u./o. Macht der mit Verantwortung u./o. Macht
verbunden ist, großen Schaden anzurich- verbunden ist, großen Schaden anzurich-
ten, erlauben, eben diesen Tätigkeits- ten und selbst davon zu profitieren, erlauben,
bereich zu übernehmen.‘ eben diesen Tätigkeitsbereich zu überneh-
men.‘ (Dobrovol'skij 2002: 223)

Eulen nach Athen tragen – ехать в Тулу со своим самоваром


„nach Tula mit dem eigenen Samowar fahren“
'etw. an einen Ort bringen, wo es im Überfluss vorhanden ist' (Dobrovol'skij 2002: 218ff –
Folie)

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throw dust in(to) s.-o’s eyes – (Sand in j-s Augen streuen) – пускать пыль в чьи-л. глаза
'to confuse (s.-o.) or take his attention away from s.-th. 'indem man andere Menschen
that one does not wish him to see or know about' zu beeindrucken versucht, sich
selbst u./o. seine Situation als
besonders gut darstellen, viel
besser, als sie wirklich ist.'
(Dobrovol'skij 2002: 222)

– Diskussion des russ. Phr. накрыться медным тазом, s. Folie

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