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Expertenstandards praktisch anwenden

1  Expertenstandards in der Pflege

1.1  Expertenstandard als Neben der Entwicklung der Expertenstandards durch


das DNQP stellen die verpflichtende Anwendung des
Bestandteil der Qualitäts-
Pflegeprozesses im Krankenpflegegesetz, die Einfüh-
entwicklung in der Pflege rung der Pflegeversicherung (SGB XI) mit der Verpflich-
tung, ein Qualitätsmanagementsystem vorzuhalten,
Durch die Entwicklung der nationalen Expertenstan- die Integration der Expertenstandards in die Quali-
dards wurde die Qualitätsentwicklung der Pflege in tätsprüfungsrichtlinien (QPR), die Implementierungs-
Deutschland und die Professionalisierung der Berufs- strategie des Strukturmodells zur Entbürokratisierung
gruppe der Pflege maßgeblich beeinflusst. Getra- der Pflegedokumentation2 (IMPS) und der Neue Pfle-
gen wurde diese Entwicklung im Wesentlichen vom gebedürftigkeitsbegriff (NBI) weitere Meilensteine der
Deutschen Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Qualitätsentwicklung in der Pflege dar. Dass die Exper-
Pflege (DNQP). Insbesondere der Initiative von Doris tenstandards ein wichtiger Bestandteil der fortschrei-
Schiemann, Professorin für Pflegewissenschaft in Os- tenden Professionalisierung in der Pflege sind, soll der
nabrück und bis 2011 wissenschaftliche Leiterin des nachfolgende kurze tabellarische Abriss der Qualitäts-
DNQP, ist es zu verdanken, dass Deutschland Anschuss entwicklung in der Pflege (ohne Anspruch auf Voll-
fand an die Qualitätsentwicklung in der Pflege im in- ständigkeit) zeigen.
ternationalen Kontext.1

1 Von Doris Schiemann gibt es auch einen sehr lesenswerten Arti-


kel über das DNQP selbst und die Entwicklung nationaler Exper- 2 Einen sehr gute Darstellung aus erster Hand zur Geschichte der
tenstandards in Deutschland, den man downloaden kann: www. Entwicklung des Strukturmodells findet sich im einleitenden Ka-
weltgesundheitstag.de/pdf/2006schiemann_abstract.pdf pitel des Buches von Beikirch et al. (2017), 2. Auflage, Hannover

Meilensteine der Qualitätsentwicklung in der Pflege


1860 F. Nightingale veröffentlicht  „Notes on Nursing: What it is and what is it not“, die erste eigenständige  „Pflegetheorie“.
1960 V. Henderson veröffentlicht im Auftrag des ICN (International Council of Nursing)  „Basic Principles of Nursing Care“ –
auf denen später sowohl die Pflegemodelle von Juchli (ATL) als auch Krohwinkel (AEDL) aufbauen.
1966 A. Donabedian veröffentlicht  „Evaluating the Quality of Medical Care“ mit der Unterteilung in Struktur-, Prozess- und
Ergebnisqualität.
1967 Yura/Walsh veröffentlichen erstmalig  „The Nursing Process“ mit dem 4-schrittigen Pflegeprozessmodell.
1974 Die WHO legt fest, dass der Pflegeprozess Bestandteil pflegerischer Arbeit ist – Basis für das 4-Phasen-Modell der
WHO ist das Modell von Yura/Walsh.
1980 WHO  „Gesundheit für alle bis zum Jahr 2000“ Aufforderung der WHO an alle Mitgliedsstaaten bis 1990 im Rahmen
ihres Gesundheitssystems Verfahren zur Qualitätssicherung zu entwickeln.
1981 Erscheint von Fiechter/Meier – Pflegeplanung in der 1. Auflage mit dem 6-schrittigen Pflegeprozessmodell.
1985 Krankenpflegegesetz macht die Anwendung der Pflegeprozessmethode verpflichtend (wird vom Pflegeversiche-
rungsgesetz 1995 aufgegriffen).
1992 Gründung EuroQUAN (Quality Assurance Network) durch das RCN (Royal College of Nursing).
1994 Das DNQP (mit seiner Geschäftsstelle an der Hochschule Osnabrück) bildet seinen ersten Lenkungsausschuss.
1994 Einführung der Pflegeversicherung (SGB XI).

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1  Expertenstandards in der Pflege

1993 Forschungsprojekt  „Fördernde Prozesspflege am Beispiel von Apoplexie“ von M. Krohwinkel, aus dem die AEDL her-
vorgehend.
1999 Gesundheitsministerkonferenz (GMK) – Auftrag zur Entwicklung von ärztlichen Leitlinien und Pflegestandards zu 10
prioritären Krankheiten und deren Anerkennung durch die Spitzenorganisationen.
1999 Beginn der Erarbeitung von Expertenstandards durch das DNQP in Kooperation mit dem DPR (Deutscher Pflegerat).
2000 Erster Expertenstandard  „Dekubitusprophylaxe in der Pflege“ des DNQP.
2008 Durch das PfWG (Pflegeweiterentwicklungsgesetz) werden Expertenstandards verbindlich bzw. Teil der QPR (Quali-
tätsprüfungsrichtlinien).
2010 1. Aktualisierung Expertenstandard  „Dekubitusprophylaxe in der Pflege“.
2010 Pflegeneuausrichtungsgesetz (PNG).
2012 Erste Ausschreibung Expertenstandard nach neuem Verfahren  „Erhaltung und Förderung der Mobilität“.
2014 ExpertInnenenstandard zur  „Förderung der physiologischen Geburt“.
2015 Implementierungsstrategie (IMPS) zur Einführung des Strukturmodells zur Entbürokratisierung der Pflegedokumen-
tation.
2016 Erste Pflegekammer in einem deutschen Bundesland in Rheinland-Pfalz.
2008/2017 Neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff (NBI).
2017 Strukturmodell geht in die Verantwortung der Verbände über.
(September)
2017 Expertenstandard  „Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen von Demenz“.
2018 2. Aktualisierung des Expertenstandards Dekubitusprophylaxe – erstmals mit einem Indikatorenset auf Basis des
Expertenstandards.
2018 Qualitätsausschuss entscheidet voraussichtlich, ob Expertenstandard  „Erhaltung und Förderung der Mobilität“ gültig
gesetzt wird.
Tabelle 1: Meilensteine der Qualitätsentwicklung (eigene Darstellung)

1.2.1  Definition  „Pflege“


1.2  Definitionen – Begriffsbe-
Spricht man über Standards in der Pflege, dann er-
stimmungen
fordert dies zuerst eine Definition des Gegenstandes,
In der Pflege gibt es nach wie vor keine allgemeine und auf den sich die Standards beziehen: die Pflege. Die bis
verbindliche Definition des Begriffes (Pflege-)Standard heute allgemein anerkannte und gültige Definition
und dessen Verwendung (manche Autoren sprechen von Pflege stammt von Virginia Henderson (im Auf-
sogar von einer  „Babylonischen Sprachverwirrung“)3, trag des ICN). Sie hat Pflege folgendermaßen definiert:
deshalb haben wir nachfolgend Definitionen vorge-
nommen, um diese in diesem Buch als Grundlage zu „Die einzigartige Funktion der Pflege besteht darin,
dem kranken oder auch gesunden Individuum bei
verwenden.
der Verrichtung von Aktivitäten zu helfen, die sei-
ner Gesundheit oder ihrer Wiederherstellung (oder
auch einem friedlichen Sterben) förderlich sind und
die es ohne Beistand selbst ausüben würde, wenn
es über die dazu erforderliche Stärke, Willenskraft
oder Kenntnis verfügte. Sie leistet ihre Hilfe auf eine
Weise, dass es seine Selbständigkeit so rasch wie
möglich wiedergewinnt“ (Henderson 1997: 42).

Das heißt: Ein Standard beschreibt Aktivitäten, die In-


3 Vgl. dazu C. Bölicke (Hrsg.) (2007): Standards in der Pflege, Mün-
chen; S. 1 f. dividuen dabei fördern, ihre Gesundheit zu erhalten

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Expertenstandards praktisch anwenden

bzw. wiederherzustellen. Ziel ist es dabei, so schnell 1.2.2  Definition  „Pflegequalität“


wie möglich ein Maximum an Selbstständigkeit wie-
derherzustellen, aber gegebenenfalls auch ein fried- Standards sind ein Instrument des Qualitätsmanage-
liches Sterben zu ermöglichen. ments, deshalb ist es in einem zweiten Schritt not-
Heute beschreibt der ICN die Aufgabe  „Professio- wendig, sich darauf zu verständigen, was Pflegequa-
neller Pflege“ etwas weiter, bleibt aber im Kern bei Hen- lität bedeutet und wie diese definiert wird.
dersons Definition: Für die Pflege hat Avedis Donabedian6 schon 1966
in seinem grundlegenden Artikel  „Evaluating the
„Professionelle Pflege umfasst die eigenverant- Quality of Medical Care“7 formuliert, dass Pflegequa-
wortliche Versorgung und Betreuung, allein oder
lität  „Die Übereinstimmung zwischen der tatsächlichen
in Kooperation mit anderen Berufsangehörigen,
von Menschen aller Altersgruppen, von Familien Pflege und zuvor dafür formulierter Kriterien“ ist.
oder Lebensgemeinschaften sowie Gruppen und Von dieser Definition ausgehend hat Donabedian
sozialen Gemeinschaften, ob krank oder gesund, eine Unterteilung der Pflegequalität in drei Bereiche/
in allen Lebenssituationen (Settings). Pflege um-
Ebenen vorgenommen, die sich gegenseitig beein-
fasst die Förderung der Gesundheit, die Verhütung
von Krankheiten und die Versorgung und Betreu- flussen:
ung kranker, behinderter und sterbender Men- (1) Strukturqualität
schen. Weitere Schlüsselaufgaben der Pflege sind (2) Prozessqualität
die Wahrnehmung der Interessen und Bedürfnisse
(3) Ergebnisqualität
(Advocacy), die Förderung einer sicheren Umge-
bung, die Forschung, die Mitwirkung in der Gestal- Diese bilden auch noch heute die Grundlage nahezu
tung der Gesundheitspolitik sowie das Manage- aller Qualitätsmanagementsysteme in der Pflege und
ment des Gesundheitswesens und in der Bildung.“ bestimmen auch den Aufbau der Expertenstandards.
(Offizielle, von Berufsverbänden Deutschlands, Donabedian beschreibt darin, dass es für das Gelingen
Österreichs und der Schweiz konzertierte Über­
setzung)4 guter Pflege(-qualität) sowohl bestimmter festgelegte
struktureller Voraussetzungen bedarf als auch klar de-
finierter und beschriebener Prozesse/Umsetzung.8
Jaqueline Fawcett hat mit dem Metaparadigma der
(Kranken-)Pflege einen Rahmen definiert, der die re-
1.2.2.1  Die Strukturqualität
levante Phänomene der Disziplin Pflege benennt. Für
Facwett ist die Krankenpflege durch folgende vier zen- Die Strukturqualität ist die  „Hardware“ der Pflege. Sie
trale Begriffe charakterisiert5: beschreibt die Rahmenbedingungen, unter denen die
1. Person pflegerische Versorgung erfolgt, Sie beschreibt dies
2. Umwelt sowohl für die Einrichtung/Organisation als Ganzes
3. Gesundheit als auch für die einzelne individuelle pflegerische Ver-
4. Pflege sorgung (in der Interaktion zwischen pflegebedürfti-
Ein Expertenstandard sollte Aussagen zu allen vier Be- ger Person und Pflegekraft).
griffen machen. Die Strukturqualität zeigt sich hauptsächlich in den
personellen und materiellen Ressourcen und schafft

6 zu A. Donabedian vgl. den Nachruf der WHO unter:


4 Zitiert nach der Homepage des Schweizer Berufsverband der http://www.who.int/bulletin/archives/78(12)1475.pdf
Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK – ASI : https://www. 7 http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1468-
sbk.ch/de/pflegethemen/pflegethemen-zusatzseiten/definition- 0009.2005.00397.x/full
der-pflege.html 8 Zum Donabedian-Modell und der Unterteilung in die drei
5 J. Fawcett (1998): Konzeptuelle Modelle der Pflege im Überblick, Qualitätsdimensionen vgl.: https://de.wikipedia.org/wiki/
2. Überarbeitete Auflage, Bern; S. 16 ff. Qualit%C3%A4tsmodell_nach_Donabedian

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1  Expertenstandards in der Pflege

die Grundlagen für eine gute Pflegequalität. Mate- und messbares (technisches) Produkt erscheinen lässt.
rielle oder sachliche Ressourcen sind die technische Pflegebedürftige und ihre Angehörigen betrachten
Ausrüstung, die bauliche Einrichtung, die Infrastruk- die Ergebnisqualität zumeist unter dem Aspekt der
tur sowie die Räumlichkeiten und Arbeitsmittel. Per- Zufriedenheit, Teilhabe und Lebensqualität. Aber auch
sonelle Ressourcen sind die Kenntnisse, Fähigkeiten, der Grad der Zielerreichung und Einhaltung von Ziel-
Kom­petenzen, Qualifikationen sowie der Aus-, Wei- vereinbarungen oder gesetzlichen Bestimmungen,
ter- und Fortbildungsstand des Personals. Zusätzlich sind Zeichen für eine erfolgreiche Pflege und Betreu-
gehören zur Strukturqualität auch die organisatori- ung.
schen und finanziellen Gegebenheiten, z. B. Pflegesys- Donabedian geht davon aus, dass alle drei Quali-
teme und Pflegeorganisation und rechtliche/vertrag­ tätsdimensionen im Zusammenhang stehen und sich ge-
liche Bestimmungen. Die Strukturqualität zeigt sich genseitig beeinflussen. Dabei ist die Strukturqualität die
aber auch in den Zugangs-, Teilhabe- und Nutzungs­ Basis für eine erfolgreiche Pflege und Betreuung. Die
möglichkeiten der Angebote und Dienstleistungen Strukturen wirken auf die Prozesse und diese bestim-
durch die Bewohner, Gäste oder Klienten. men wiederum die Ergebnisqualität. Eine gute Ergeb-
nisqualität ist nur möglich, indem Prozesse und Struktu-
ren entsprechend den Kriterien für die Ergebnisqualität
1.2.2.2  Die Prozessqualität
verändert und angepasst werden.
Die Prozessqualität ist die  „Software“ der Pflege, sie
beschreibt, wie und auf welche Weise die Leistun-
1.2.3  Definition Standard
gen erbracht werden. Sie beschreibt alle Aktivitäten,
die im Verlauf der real stattfindenden Pflege und Be- Standards im Allgemeinen sind ein Instrument des Qua-
treuung erbracht werden. Zur Prozessqualität gehö- litätsmanagements, der Duden definiert  „Standard“9
ren alle direkten pflegerischen Tätigkeiten aller Per- als:
sonen, die direkt oder indirekt am unmittelbaren •• Maßstab, Richtschnur, Norm
Versorgungsprozess beteiligt sind. Dies sind neben •• Qualitäts- oder Leistungsniveau
den Pflegekräften alle weiteren Mitglieder im the-
rapeutischen Team (Ärzte, Therapeuten, Angehöri- Dem folgend definieren wir Standard folgenderma-
ge). Zur Prozessqualität gehören die Durchführung von ßen:
Beratungen, der Ablauf der pflegerischen Versorgung, €€ Ein Standard beschreibt normativ ein allgemei-
die Handhabung von Pflegestandards, das Aufnahme- nes Qualitäts- und Leistungsniveau, das normaler-
verfahren, die Betreuungsplanung und -umsetzung so- weise in der Praxis erbracht wird bzw. zu erwar-
wie Wartezeiten. ten ist.
€€ Ein Standard legt allgemeingültig und verbind-
lich fest, wie und mit welchem Ergebnis eine
1.2.2.3  Die Ergebnisqualität
Leistung erbracht werden soll, wie die Leistung
Zur Ergebnisqualität gehören sowohl die Veränderung qualitativ beschaffen sein muss.
als auch das Erhalten des aktuellen und zukünftigen
Gesundheitszustandes, der Status (der Selbstständig-
keit) und das Wohlbefinden der pflegebedürftigen
Person, insofern ihre Ursache in einer vorausgegan-
genen pflegerischen Intervention lag. Pflegefachlich
wird dabei oft von  „outcome“ gesprochen. Wir ver- 9 Dudenverlag (2009): Duden – Die deutsche Rechtschreibung, 25.,
völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage; Mannheim, Wien,
meiden diesen Begriff, da er Pflege als eindeutig plan- Zürich

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Expertenstandards praktisch anwenden

1.2.4  Definition Expertenstandard Die WHO definiert Expertenstandards folgender-


maßen:
1.2.4.1  Definition Standard (…) Expertenstandards stellen (…) ein professionell
durch die WHO abgestimmtes Leistungsniveau dar, das dem Bedarf
Die WHO definiert einen Standard in der Pflege als und den Bedürfnissen der damit angesprochenen Be-
ein  „vereinbartes Maß an für einen bestimmten Zweck völkerung angepasst ist und Kriterien zur Erfolgskon-
benötigter pflegerischer Betreuung“. Pflegestandards trolle dieser Pflege miteinschließt.10
sind dabei Hilfsmittel zur Erfassung der zu erreichen-
den Pflegeziele und deren Qualität.
1.2.4.2.  Definition Expertenstandard
Die Ziele von Pflegestandards sind: des DNQP
•• Erreichen von Kontinuität in der Qualität der Pfle- Die nationalen Expertenstandards des DNQP sind evi-
gemaßnahmen denzbasierte, monodisziplinäre Instrumente, die den
•• Vereinheitlichung von Pflegemaßnahmen spezifischen Beitrag der Pflege für die gesundheitliche
•• Erleichterung der pflegerischen Leistungsberech- Versorgung von Patienten, Bewohnern und ihren An-
nung gehörigen aufzeigen und als Grundlage für eine konti-
nuierliche Verbesserung der Pflegequalität in Gesund-
•• Rechtssicherheit.
heits- und Pflegeeinrichtungen dienen. Ihre Funktion
Erreicht wird Pflegequalität durch Erfüllung der An- besteht hauptsächlich darin, neben der Definition be-
forderungen an die Pflege von: ruflicher Aufgaben und Verantwortung eine evidenz-
•• Kunden basierte Berufspraxis zu fördern und Innovation in
•• Kostenträgern Gang zu setzen. Darüber hinaus fördern sie – analog
zu ärztlichen Leitlinien – die interprofessionelle Ko-
•• Gesellschaft
operation in den Gesundheitseinrichtungen.11
•• Einhaltung eigener fachlicher Standards
•• Angemessenheit und Wirksamkeit (Effektivität) Aufgabe der Expertenstandards ist sowohl Qualitäts-
pflegerischer Intervention
sicherung als auch Qualitätsentwicklung:
•• (wirtschaftlicher) Effizienz. Qualitätssicherung:
•• Definition beruflicher Aufgaben und Verantwor-
Wichtig: Standards ersetzen nicht die individuelle, tungen
fachlich begründete Entscheidung der Pflegefach-
kraft. •• Darstellung des aktuellen pflegerischen Wissens
Deshalb zeigen Expertenstandards in der Pflege •• Anpassung an die Bedürfnisse der betroffenen
das angestrebte Niveau der Leistungserbringung Bevölkerungsgruppe
auf, sie sind keine Handlungsrichtlinien, dies ge-
schieht im individuellen Umsetzungsstandard der •• Zielsetzung und Kriterien zur Erfolgskontrolle der
spezifischen Organisation (Pflegeheim, Kranken- Pflege
haus, Ambulanter Pflegedienst). •• Vorgabe von Handlungsspielräumen und Hand-
lungsalternativen.

Expertenstandards sollen das aktuelle pflegefachliche Qualitätsentwicklung:


Wissen der Profession der beruflich Pflegenden re-
präsentieren. Sie sollen einen  „Goldstandard“ für die 10 Schiemann/Moers in Schiemann/Moers/Büscher (Hrsg.) (2014):
Qualitätsentwicklung in der Pflege, Stuttgart; S. 29
zentralen Themen in der Versorgung Pflegebedürfti-
11 Schiemann/Moers in Schiemann/Moers/Büscher (Hrsg.) (2014):
ger darstellen. Qualitätsentwicklung in der Pflege, Stuttgart; S. 30

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1  Expertenstandards in der Pflege

•• Innovationen in Gang zu setzen, 2018/2019 eventuell zu einem Expertenstandard zu-


•• Förderung einer evidenzbasierten Berufspraxis, sammengeführt werden12.
beruflicher Identität und Beweglichkeit
•• Grundlage für einen konstruktiven Dialog über 1.2.5  Vom Expertenstandard zum
Qualitätsfragen mit anderen Gesundheitsberu-
Umsetzungsstandard
fen.
Die Einrichtungsspezifischen Umsetzungsstan-
Die Auswahl der Themen für die einzelnen Experten- dards (für das DNQP sind sie Verfahrensregelungen)
standards erfolgt auf Anregungen und Vorschläge aus sind das pflegefachliche  „Herzstück“ des Qualitäts­
der Berufsgruppe durch den Lenkungsausschuss des managementsystems einer Einrichtung. In ihnen wer-
DNQP. den das Wissen und die Erkenntnisse aus den Exper-
tenstandards auf die eigene Einrichtung angepasst
Hinweis der Autoren: Die Expertenstandards des und die Inhalte der Expertenstandards werden so he-
DNQP sind monodisziplinäre Standards der Berufs-
runtergebrochen, dass eine sinnvolle Arbeitshilfe für
gruppe der Pflegenden. Im Unterschied dazu kön-
nen die Expertenstandards nach § 113 SGB XI auch den pflegerischen Alltag entsteht. Dort werden auch
für weitere an der Pflege beteiligte Berufsgruppen die Schnittstellen und Beziehungen zu anderen (even-
gültig sein. Mehr über die Unterscheidung der bei- tuell) schon vorhandenen Konzepten, Dokumenten,
den Arten von Expertenstandards erfahren Sie in
Maßnahmen und Bereichen definiert. Als zentrale pfle-
Kapitel 2.
gerische Prozesse sollten sie sich auch im Pflegeleit-
bild der Einrichtung wiederfinden.
Das DNQP selbst hat bis zum heutigen Tag 10 Ex- So erhält man verbindliche Handlungsanleitungen für
pertenstandards für die Pflege und einen für das alle am (Pflege-)Prozess Beteiligten (therapeutisches
Hebammenwesen entwickelt. In der unten ste­
henden Tabelle sind alle Expertenstandards in
12 Vgl. dazu den Aufruf des DNQP sich als Expertin/Experte für die
chronologischer Reihenfolge mit dem jeweiligen Expertenarbeitsgruppe zur Aktualisierung der beiden Experten-
Aktualisierungsstand aufgeführt. Die beiden Experten- standards zum Schmerz zu melden: https://www.dnqp.de/filead-
min/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Pressemitteilungen/PM_
standards zum Schmerz sollen in der Aktualisierung DNQP18.04.09.pdf

Nationale Expertenstandards (DNQP)


Titel/Thema Erstellung 1. Aktualisierung 2. Aktualisierung
1. Dekubitusprophylaxe in der Pflege 2002 2010 2018
2. Entlassungsmanagement in der Pflege 2003 2009 In Arbeit 2018
Schmerzmanagement in der Pflege bei akuten und tumorbedingten 2004
chronischen Schmerzen in der Pflege
3. Sturzprophylaxe in der Pflege 2005 2013
4. Förderung der Harnkontinenz 2006 2014
5. Pflege von Menschen mit chronischen Wunden 2007 2016
6. Ernährungsmanagement zur Sicherung und Förderung der oralen 2009 2017
Ernährung in der Pflege
7. Schmerzmanagement bei akuten Schmerzen in der Pflege 2011
8. Schmerzmanagement bei chronischen Schmerzen in der Pflege 2015
9. Physiologische Geburt 2017
10. Erhaltung und Förderung der Mobilität 2014
11. Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz 2018

Tabelle1: Expertenstandard durch das DNQP entwickelt

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15
Expertenstandards praktisch anwenden

Team), die für die einzelne individuelle Pflege- und


Betreuungssituation nutzbar sind.
1.3  Die Entstehung eines Exper-
Die Erstellung eines Umsetzungsstandards orien- tenstandards (Expertengruppe,
tiert sich aus unserer Sicht idealerweise am Aufbau der Konsensuskonferenz, Workshop)
Expertenstandards und dem Strukturmodell zur Entbü-
rokratisierung der Pflege­dokumentation als Grundlage Das DNQP mit seiner Geschäftsstelle an der Hoch-
für die fachliche Kon­zeption zur Dokumentation. Dies schule in Osnabrück ist eine unabhängige Organisa-
ist eine mögliche Option für den Aufbau eines ein- tion, seine Mitglieder, insbesondere die Mitglieder des
richtungsspezifischen Umsetzungsstandards, er sollte Lenkungsausschusses und der Expertenarbeitsgrup-
aber auf jeden Fall folgende Bereiche aufgreifen: pen, arbeiten ehrenamtlich. Das DNQP selbst besteht
1. Das inhaltlich fachliche Wissen zu einem Thema aus:
2. Die Darstellung von Prozessabläufen 1. Wissenschaftlicher Leitung – seit 2011 Professor
3. Den Umgang mit der erforderlichen Dokumen- Andreas Büscher
tation 2. Wissenschaftlichem Team
3. Geschäftsstelle an der Hochschule Osnabrück
Hinweis der Autoren: In Kapitel 3 dieses Buches fin- 4. Lenkungsausschuss
den Sie zu jedem Expertenstandard ein Beispiel/ei-
5. Expertenarbeitsgruppen zu den einzelnen Exper-
nen Vorschlag für einen Umsetzungsstandard.
tenstandards

Der Weg zu einem neuen Expertenstandard erfolgt


1.2.6  Expertenstandards und
nach einem festgelegten Weg, der im sogenannten
Verfahrensanleitungen
Methodenpapier des DNQP (2015)13 beschrieben ist:
Verfahrensanleitungen sind ebenso wie die einrich- (1) Auswahl des Themas des Expertenstandards
tungsspezifischen Umsetzungsstandards/Verfah- durch den Lenkungsausschuss.
rensregelungen zu den einzelnen Expertenstandards (2) Ernennung der Wissenschaftlichen Leitung und
konkrete Handlungsanleitungen für den pflegerischen Bildung der unabhängigen Expertenarbeits-
Alltag. Sie sind individuelle Festlegungen der einzel- gruppe.
nen pflegerischen Organisation zu zentralen Themen (3) Literaturrecherche und Erarbeitung des Experten-
und Leistungen in Pflege und Betreuung. Hier defi- standard-Entwurfs durch die Expertenarbeits-
niert die Einrichtung, wie Pflege konkret in ihrer spe- gruppe
ziellen Einrichtung erbracht und durchgeführt wer- (4) Veröffentlichung des Entwurfs auf der Home-
den soll. Die Auswahl richtet sich z. B. auch danach, page und Vorstellung des Expertenstandards der
ob Pflege und Betreuung nur von Fachkräften oder Fachöffentlichkeit und Erörterung mit dem Fach-
auch von Hilfskräften erbracht wird. Es ist ratsam, aus publikum auf der Konsensuskonferenz in Osna-
Gründen der Beherrschbarkeit nicht mehr als 20 Ver- brück.
fahrensanleitungen für eine Berufsgruppe in einer Ein- (5) Modellhafte Implementierung des Expertenstan-
richtung zu erstellen. dards mit wissenschaftlicher Begleitung durch
das wissenschaftliche Team des DNQP.

13 Das Methodenpapier kann unter folgenden Link heruntergela-


den werden: https://www.dnqp.de/de/materialien/#c83192

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16
1  Expertenstandards in der Pflege

(6) Auswertung der Implementierungsergebnisse


und Diskussion im Rahmen eines Netzwerk-Work-
1.4  Beziehung der Experten-
shops in der Charité in Berlin. standards
(7) Abschließende Buchveröffentlichung.
(8) Aktualisierung des Expertenstandards alle 5 Jahre Jeder Expertenstandard kann für sich einzeln be-
oder bei gravierenden neuen Erkenntnissen. trachtet werden, in ihrer Gesamtheit sollen sie aber
die wichtigsten Pflegephänomene und Risiken abde-
Beim Weg zum Expertenstandard muss prinzipiell un- cken und weisen so auch Beziehungen, Verbindun-
terschieden werden zwischen dem des DNQP und ei- gen und Abhängigkeiten zueinander auf. So können
nem Expertenstandard nach § 113 SGB XI. Beide Ver- z. B. die Expertenstandards Dekubitusprophylaxe (in
fahren unterscheiden sich in nur wenigen Punkten, der Fassung der 2. Aktualisierung) und der Experten-
erstens bei der Beauftragung und zweitens bei den standard Mobilität nicht mehr getrennt betrachtet
Bedingungen, der Erarbeitung und der Erprobung in werden, da im Expertenstandard Dekubitusprophy-
der Praxis, die nicht in einer Hand liegen dürfen, und laxe die Mobilitätsförderung als die wesentliche Vor-
drittens bei der Implementierung. Die Frage der recht- aussetzung für die Verhinderung der Entstehung ei-
lichen Verbindlichkeit durch Expertenstandards nach nes Dekubitus explizit benannt wird. Ebenso haben
den beiden Verfahren behandeln wir in Kapitel 2. die Expertenstandards Bedeutung für weitere wich-
tige pflegefachliche Themen/Handlungsfelder, für die
selbst kein Expertenstandard besteht, so z. B. die Kon-
trakturprophylaxe, bei der wir aktuell wissen, dass die
Förderung und Erhaltung der Mobilität die einzige evi-
denzbasierte Maßnahme darstellt, um das Entstehen
von Kontrakturen vorzubeugen.

Dekubitus-
prophylaxe

Erhaltung und
Chronische
Wunden Pflege- Förderung der
Mobilität
bedürftige
Person

Schmerz-
management Sturz-
akut und prophylaxe
chronisch
Grafik 1: Beziehung der Experten-
standards (eigene Darstellung)

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17
Expertenstandards praktisch anwenden

1.5  Aufbau der Experten- 1.6  Die Beziehung zwischen


standards Expertenstandards, Neuem
Pflegebedürftigkeitsbegriff und
Der Aufbau der Expertenstandards orientiert sich zum Strukturmodell
einen an der durch Donabedian eingeführten Auftei-
lung in Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität und Die wissenschaftsbasierten Themenmodule des
hat zum anderen in den älteren Fassungen 6 oder 5 Neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs und die Themen-
Standardebenen. Seit der Aktualisierung des Exper- felder im Strukturmodell weisen eine große Parallelität
tenstandards Ernährungsmanagement folgen die Ex- zu den Themen der Expertenstandards auf, sie sind mit
pertenstandards im Aufbau dem Pflegeprozessmodell. diesen aber nicht vollständig identisch. Wingenfeld
Der Begriff Standardebene wurde durch den Begriff et al. haben sich bei der Entwicklung des NBI an den
Handlungsebene ersetzt. weltweit wichtigsten Risiken und Pflegephänomenen
in der Langzeitpflege orientiert und die Autorinnen
Die Handlungsebenen 4 und 5 bilden gemeinsam des Strukturmodells um Elisabeth Beikirch haben sich
die Interventionsebene. In der 2. Aktualisierung des entschieden, diese als Grundlage der Themenfelder zu
Expertenstandards Dekubitusprophylaxe geht es in verwenden. Expertenstandards sind für die gesamte
Handlungsebene 4 um die direkten Maßnahmen der Berufsgruppe professionell Pflegender (Ausnahme Ex-
Pflegekraft und in der Handlungsebene 5 um die ein- pertenstandard Mobilität) verfasst, wohingegen das
zusetzenden Hilfsmittel. Strukturmodell und der Neue Pflegebedürftigkeits-

Aufbau der neueren Expertenstandards

Zielsetzung
Grundaussage: Zielgruppe und zentrale Inhalte des Standards

Strukturkriterien Prozesskriterien Ergebniskriterien


S1 P1 E1
Handlungsebene 1: Einschätzung
S2 P2 E2
Handlungsebene 2: Planung + Schnittstellenorganisation
S3 P3 E3
Handlungsebene 3: Information, Schulung + Beratung
S4 P4 E4
Handlungsebene 4: Interventionsebene + Durchführung
S5 P5 E5
Handlungsebene 5: Interventionsebene + Durchführung
S6 P6 E6
Handlungsebene 6: Evaluation

Grafik 2: Aufbau der aktualisierten und neuen Expertenstandards

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18
1  Expertenstandards in der Pflege

begriff für den Bereich des SGB XI (Pflegeversiche- Im Strukturmodell bildet das Wissen der Expertenstan-
rung), also im Wesentlichen für die Langzeitpflege, dards für die Pflegefachkräfte eine wesentliche Grund-
entwickelt wurden. lage für ihre pflegefachlichen Einschätzungen in den
Themenfeldern, der Risikomatrix und in der Maßnah-
menplanung.

Themenmodule Themenfelder Experten-


des NBI des SIS® standards

1 Kognitive und
1 Mobilität kommunikative Mobilität
Fähigkeiten

2 Kognition und Sturz


Kommunikation 2 Mobilität und
Beweglichkeit
Von
Von Modul
Modul 22und
und33
Modul mit
fließt das Modul mit dem
dem
höheren
höheren Punktwert
in indiedie Bewertung
Bewertung ein Dekubitus
3 Verhaltensweisen 3 Krankheitsbezogene
und psychische Anforderungen und
Problemlagen Belastungen
Schmerz
chronisch – akut

4 Selbstversorgung 4 Selbstversorgung
Chronische
Wunden
5 Umgang mit
krankheits- und 5 Leben in
therapiebedingten sozialen Beziehungen Ernährung
Anforderungen

6 Gestaltung des 6 Haushaltsführung


Alltagslebens und bzw. Wohnen/ Kontinenzförderung
soziale Kontakte Häuslichkeit

Beziehungsgestaltung
7 Außerhäusliche
zu Menschen
Aktivitäten
mit Demenz
Im NBI nicht
relevant für den
Pflegegrad

8 Haushaltsführung Entlassmanagement

Grafik 3: Beziehung zwischen Themenfelder SIS® – Themenmodule NBA – Expertenstandards (eigene Darstellung)

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19
Expertenstandards praktisch anwenden

Neuausrichtung der Nationale Expertenstandards:


Pflegedokumentation: Aktuelles und überprüftes
Prinzipien der Umsetzung (evidenzbasiertes) Wissen
des Konzepts des zur Unterstützung
Strukturmodells fachlicher
Entscheidungen

Ergänzen sich und bilden


eine wesentliche Grundlage
für eine
qualitätsgesicherte
Pflege

14
Grafik 4: Beziehung zwischen Expertenstandards und Strukturmodell (eigene Darstellung)

1.7  Expertenstandards und 4-phasigen Pflegeprozess nach dem WHO-Modell und


die Dokumentation nach dem Strukturmodell zur Ent-
Pflegemodell, Pflegesystem und
bürokratisierung der Pflegedokumentation und damit
Pflegekonzept auf eine Festlegung auf ein interaktionistisches Pflege-
modell15 und den person-zentrierten Ansatz. Waren
Pflegeeinrichtungen benötigen ein Pflegekonzept, die ersten Expertenstandards noch stark am pflege-
dem eine Pflegetheorie und ein damit verbundenes fachlichen Bedarf16 und dem 6-phasigen Pflegepro-
Pflegemodell zugrunde liegen sollten. Pflegetheorien zess orientiert, so ist mit den ersten Aktualisierungen
großer Reichweite, wie wir sie kennen, wollen auf ei- und den seitdem entstandenen neuen Expertenstan-
ner übergeordneten allgemeinen Ebene Zusammen- dards eine Hinwendung zu einer person-zentrierten
hänge erklären und daraus normative Handlungs- Sichtweise zu beobachten. Der neueste Expertenstan-
anleitungen ableiten. Aufgrund ihres allgemeinen dard zur Beziehungsgestaltung in der Pflege von Men-
Charakters sind sie für die konkrete Pflegesituation/ schen mit Demenz empfiehlt z. B. explizit einen person-
das spezifische Setting oft wenig hilfreich. Auf der zentrierten Ansatz.
Ebene des Leitbildes sollte sich eine Einrichtung für
eine prinzipielle Sichtweise auf die Pflege entschei- Interaktionistische Pflegemodelle/personzentrierte
den, z. B. für die person-zentrierte Sichtweise als Modelle17:
Grundlage pflegerischen Handelns. 14 •• Hildegard Peplau
Die Expertenstandards bevorzugen in der Regel •• Imogen King
keine bestimmte Pflegetheorie. Sie sind ähnlich wie
•• Rosemarie Rizzo-Parse
z. B. Kinästhetik oder das Bobath-Konzept Praxiskon-
zepte. Die vorhandenen Expertenstandards sind in der
15 Zur Unterteilung der Pflegetheorien in (1) bedürfnisorientierte,
Mehrheit prinzipiell in jedes Pflegemodell integrierbar (2) interaktionistische und (3) ergebnisorientierte Theorien vgl. A.
I. Meleis (1999): Pflegetheorie, Bern; S. 301 ff. – Meleis hat in die-
und können mit ihm zur Anwendung gebracht wer- sem Standardwerk zur Theorieentwicklung in der Pflege diese bis
den. Wir beziehen uns in unserer Darstellung auf den heute gültige Unterscheidung definiert.
16 Allerdings schon der Expertenstandard Akuter Schmerz hatte
formuliert  „Schmerz ist das, was der Patient angibt.“
14 Vgl. dazu auf der Homepage des Projektbüros ein-step die Aus- 17 Wir folgen der Einteilung von Meleis, die zwischen bedürfnisori-
führungen zum Thema in der Rubrik  „Häufigste Fragen“ unter: entierten, interaktionistischen und ergebnisorientierten Model-
https://www.ein-step.de/haeufige-fragen/ len unterscheidet.

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1  Expertenstandards in der Pflege

•• Maria Mischo-Kelling dem offen für ergänzende Konzepte (für spezielle Per-
•• Erwin Böhm sonengruppen).
•• Tom Kitwood
•• Charta der Pflegebedürftigen. Für das Pflegesystem kommt bei einem Interaktions-
modell unserer Meinung nach nur ein Bezugspfle-
gesystem infrage (Primary Nursing, Bezugspflege,
Die Charta der Pflegebedürftigen wird mittlerweile Bezugspersonenpflege). Die Ausgestaltung hängt na-
von vielen Einrichtungen als konzeptuelle Grundlage türlich stark von der Personalstruktur (Vollzeit-/Teil-
verwendet. Sie ist sowohl mit den Expertenstandards zeit), vom Qualifikationsmix (Fachkraftquote) und der
als auch mit dem Strukturmodell kompatibel und zu- Organisationsform (Wohngruppen, Ambulantisierung
etc.) ab.

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