Vous êtes sur la page 1sur 4

LITERATUR

GEISTESGESCHICHTE

Die Wahrheit der Philosophie
Wie philosophisches Denken unsere Auffassungen über Gott und die Welt auf die Probe stellt
VON Martin

Seel | 20. Januar 2011 - 07:00 Uhr

Das Philosophieren gehört zu den schönen Tätigkeiten , für die man keinerlei Produktionsmittel braucht. Man kann es überall tun, sogar in der Öffentlichkeit, sofern es dort einigermaßen ungezwungen zugeht. Weder ein Labor noch sonst ein Arbeitsplatz ist nötig; Kaffeehaus, Strandkorb oder U-Bahn-Station tun es auch. Eine teure Ausrüstung fällt ebenfalls nicht an. Entgegen anderslautenden Gerüchten sind nicht einmal ordentliche Laufschuhe Pflicht. Menschen nämlich, die sich auf diese Tätigkeit einlassen, bringen alles Nötige immer schon mit. Sie haben ein gewisses Verständnis von sich und der Welt – und damit mehr als genug von jenem Rohstoff, um den sich in der Philosophie alles dreht. Diese Verständnisse sind der Ausgangspunkt, das Thema und zugleich das Medium der Philosophie. Ihre Erkundungen stützen sich auf sie, handeln von ihnen und unterziehen sie einer kritischen Behandlung. Auf diese Weise führen alle Philosophierenden ein Selbstexperiment durch. Sie stellen ihre Auffassungen über Gott und die Welt auf die Probe, indem sie sie in ein Gespräch miteinander bringen, bei dem keine das letzte Wort behält und kaum eine unangetastet bleibt. Dabei ist das philosophische Tun nicht auf ein geheimnisvolles Sonderwissen aus. Es versucht bloß das Offensichtliche zu begreifen. Mit dem Bekannten so vertraut zu werden, dass es einem fast wieder fremd erscheint: Durch dieses Verfahren macht die Philosophie den Menschen mit sich selbst bekannt – mit der Reichweite und den Grenzen, den Ambitionen und den Abgründen seines Wissens und Wollens, seines Fühlens und Denkens. Natürlich sind es nicht einfach irgendwelche Verständnisse, die die Philosophie aufzuklären und dabei gelegentlich zu renovieren versucht. Sie widmet sich Grundbegriffen und den darin enthaltenen Grundverständnissen, die das menschliche Tun und Lassen unausweichlich leiten. Dies sind solche, ohne die es in der Erhaltung und Entwicklung menschlicher Kulturen und Gesellschaften einschließlich ihrer Künste und Wissenschaften nicht – oder jedenfalls nicht gut – geht. Dazu gehören Begriffspaare wie Wahrnehmung und Erkenntnis, Ursachen und Gründe, Geist und Materie, Ding und Ereignis, Zeit und Zahl, Handlung und Widerfahrnis, Freiheit und Zwang, Zweck und Mittel, Arbeit und Spiel, Schein und Schönheit, Gleichheit und Ungleichheit, Recht und Unrecht – und viele weitere mehr.

1

363 S. Philosophische Grundbegriffe. das für die Lebensform des Menschen charakteristisch ist. 383 S. Sie stellen sich unausweichlich. für deren Schicksal sich das philosophische Nachdenken interessiert.. 5. 260 S. 163/212 S.. Sie stellen Aspekte des Charakters von Personen dar.. sobald wir unser Selbstverständnis als handelnde und für ihr Handeln verantwortliche Lebewesen aufzuklären versuchen. Reclam. Sie alle benennen und beleuchten Aspekte des Weltverhältnisses. worin menschliches Gelingen und Scheitern besteht. 238/277 S. was sinnvoll und sinnlos. Beck. die zu ihrem Stammbaum gehören – sind vielfach miteinander liiert. Band 1–5. Reclam. für die man wenigstens teilweise etwas kann. je 12. die sie zu bestimmten Arten des Handelns disponieren. dtv. Tugenden und Laster beispielsweise. Große Kontroversen von Augustin bis Voltaire. Reclam. C. die seit der Antike heftig diskutiert werden. durch die wir uns einen Reim auf den Glanz und das Elend eines bewussten Lebens zu machen versuchen. Wir hätten keinen Sinn für die Geschichte. 34€ Otfried Höffe: Kleine Geschichte der Philosophie.LITERATUR EINFÜHRUNGEN IN DIE PHILOSOPHIE Franz-Peter Burkard u. Reclam.95€ MEHR EINFÜHRUNGEN Ekkehard Martens u. tragen eine oft wechselvolle Affäre miteinander aus.: dtv-Atlas Philosophie. Alle die genannten Paare – und die Schar der Verwandten.: Philosophische Meisterstücke Band 1–2.90€ Ohne ein Verständnis solcher und weiterer Begriffe geht es nicht – oder jedenfalls nicht gut –. Wir hätten keinen Bedarf an Geschichten. Ohne den Kompass solcher Grundunterscheidungen wüssten wir nicht. Die Begriffe der 2 . weil sie in nahezu jede menschliche Praxis eingebaut sind. geben denen. 106 S..90€ Herbert Schnädelbach u. sind menschliche Vorzüge oder Nachteile.40€ Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? Eine ganz kurze Einführung in die Philosophie. 12. in der sich dieses im kleinen wie im großen Maßstab vollzieht. Die Begriffe.H. a. 2 Bände. was sollen wir tun? Zwölf philosophische Antworten. C.H.. 12. 12.: Was können wir wissen. ca.90€ Kurt Flasch: Kampfplätze der Philosophie. Beck. um ein weiteres Paar zu nennen. eine oft stillschweigende Orientierung darüber.a. ca. so unterschiedlich es sich über die Zeiten hinweg auch ausgestaltet findet. 5€ Ekkehard Martens: Philosophieren mit Kindern.. 6. 5€ Rafael Ferber. 202 S. Aber nicht nur die einzelnen Begriffspaare. 256 S. Rowohlt. die sie tagtäglich verwenden. Wie aber ist dieser Unterschied zu fassen? Wie verhalten sich hierbei Einstellung und Handlung zueinander? Wie steht es hierbei mit Determiniertheit und Freiheit ? Liegt der Vorzug der Tugend eher im eigenen Wohlergehen oder in der Rücksicht auf andere – oder in beidem zugleich? Und entsprechend: Fügt das Laster eher dem eigenen Glück oder der sozialen Moral einen Schaden zu – oder wiederum beidem? Dies sind Fragen. Klostermann. a.. angebracht oder verwerflich ist.90€ Wolfgang Detel: Grundkurs Philosophie. aussichtsreich oder vergeblich. um deren Erläuterung sich die Philosophie bemüht.

die sie mit ihren eigenen Worten und Gründen zu vertreten vermögen. Um einen zu erhellen. In erster Linie geht es um eine Deutung der Deutungen. heißt das. Sie kann nicht an irgendwelche Autoritäten weitergereicht werden. Die Behandlung dieser Fragen ist nicht delegierbar. wäre bloß »ein Gipsabdruck von einem lebenden Menschen«. die beflissen herzusagen weiß. schon gar nicht an die Hirnforschung. aber auch die Imaginationen der Literatur und anderer Künste. Lebendig Philosophierende dagegen lassen sich auf die Perspektiven und Argumente ihres jeweiligen Gegenübers ein. Etwas Reiseliteratur ist dabei durchaus unentbehrlich. wenden sich die Philosophierenden dem Naheliegendsten – ihrem eigenen Verstehen und Nichtverstehen – zu. wenn man glaubt. Nur aus der verzweigten Beteiligung an den Dingen des menschlichen Lebens heraus kann es zu einer philosophischen Erkenntnis der Grundfiguren ebendieser Verzweigungen kommen. »muß man in’s alte Chaos hinabsteigen. Die Wahrheit der Philosophie ist explikativ und normativ. die jedes Mal von vorn beginnt. kommt es nicht so sehr auf eine Erkenntnis der vielfältigen Prozesse der natürlichen und sozialen Realität an. was sie alles aufgenommen hat. Wie andere mit Sinn und Verstand unternommene Reisen dient auch sie einer gesteigerten Anschauung der Weite des Wirklichen. und sich dort wohlfühlen.LITERATUR Philosophie bilden ein Netzwerk. Während die sonstigen Reisenden in der Ferne zu sich selbst zu kommen versuchen. Ein paar Produktionsmittel sind also doch vonnöten. Dies sind vor allem die klassischen Texte der Philosophie. an einem Ende angekommen zu sein. Wer so verfahren würde. Dabei geht es jedoch nicht um eine Bücherweisheit oder sonstige Kennerschaft. Sie verlangt eine stets zu erneuernde Arbeit an dem Selbstbild der Kulturen. sondern allein von innen erkunden kann. um die sich ja die Wissenschaften redlich genug bemühen. die derzeit als das Goldene Kalb aller Weltweisheit angebetet wird. muss dabei jede und jeder zunächst an sich selbst adressieren. Deswegen ist das philosophische Tun eine Reise. »Beim Philosophieren«. sagt Kant in der Kritik der reinen Vernunft . bei den begrifflichen Expeditionen der Philosophie. muss man viele andere bedenken. um hierbei zu Einsichten zu kommen. um einen Abstand gegenüber sich selbst zu gewinnen. die auf ihre eigene Weise ebenfalls ein Durchspielen menschlicher Möglichkeiten betreiben. Zwar sind derlei Versprechungen immer mal wieder gegeben worden. bemerkt Wittgenstein deshalb.« Die Bewegung der Philosophie. Hier aber. das man nicht von außen erfassen. Die Frage. Was wie eine Schwäche oder 3 . deren Teil diese Arbeit ist. die unseren Stand in der Welt formen. In dieser reflexiven Selbstverständigung liegt eine besondere Möglichkeit der Befreiung von den Erstarrungen des individuellen wie kollektiven Agierens und Reagierens. führt weder in die lichten Höhen eines ungehinderten Überblicks noch auf den sicheren Grund unumstößlicher Gewissheiten. wie wir uns selbst in theoretischer wie praktischer Hinsicht richtigerweise verstehen sollten. doch gottlob hat sich im Buchstaben seiner Werke niemand daran gehalten.

Religion. verfolgt sie insgeheim eine subversive Mission. die sich in Kultur und Gesellschaft zu deren Gedeih und Verderb verfestigt haben.zeit. wir hätten alles im Griff oder seien dabei. Zugleich aber ist die Tätigkeit des Philosophierens selbst das beste Beispiel für eine Lebensform. Sie zweifelt an allem und jedem. durch das sie Ernst mit den Unterschieden macht.LITERATUR sogar das ewige Laster der Philosophie erscheinen mag. mit denen sie sich herumschlägt. Wissenschaft oder auch im eigenen Lager die Suppe zu versalzen. Sie vertraut auf die Wege unseres Verstehens. Eine philosophische Revue« (beide S. Fischer) Unser Philosophie-Schwerpunkt wird im Laufe der Woche fortgesetzt. Ihre primäre Tugend liegt in einem beharrlichen Zweifel auch noch gegenüber dem übertriebenen Zweifel. 2009 veröffentlichte er »Theorien«. COPYRIGHT: ZEIT ONLINE ADRESSE: http://www. über kurz oder lang alles in den Griff zu bekommen. 111 Laster. in der wenig gewiss und die ebendeshalb überaus bereichernd ist. Martin Seel ist Professor für Philosophie an der Universität Frankfurt am Main. allen großen Vereinfachern in Politik. Seit den Tagen des Sokrates ist Philosophie Antidemagogie: ein mit Argumenten ausgefochtener Widerstand gegen den Glauben. Diese seltsamen Manöver verleihen der Philosophie die Kraft. Sie gewinnt ihre Sicherheiten aus einem Spiel von Unterscheidungen. ist genau genommen ihre große Stärke. doch niemals an allem. Im Herbst 2011 erscheint »111 Tugenden. Noch an den entlegensten Problemen. da ein solcher Zweifel ganz haltlos wäre.de/2011/04/Philosophie-Seel 4 . ohne ihnen doch ganz zu trauen. das hierfür einen Anhaltspunkt bietet.