Let it be

© Christof Wahner 2011 Dieser Text umfasst zwei Teile. Der einleitende Teil beschreibt einen Tag, wie er kaum schlimmer und eigenartiger daneben gehen könnte – ganz nach dem Motto "Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt". Der zweite Teil liefert die Moral von und zu dieser exemplarischen Geschichte. Wichtig sind jedenfalls die philosophischen und psychologischen Erkenntnisse, die hinter dem Leitmotiv "Let it be" stecken. 6:20 Du kommst gestresst und frustriert aus deinem ursprünglich hart erkämpften, redlich verdienten und gründlich vorbereiteten Urlaub zurück. Nun ertönt wieder dieser bescheuerte, tinnitusartige Ohrwurm mit dem Titel "Guten Morgen, liebe Sorgen". Du suchst etwas zu essen. Einige Nahrungsmittel im Kühlschrank haben scheinbar begonnen, ein regelrechtes Eigenleben zu führen, indem sie sich aus lauter Langeweile Hippie-, Punk- und Dreadlock-Frisuren wachsen lassen. Deine Lebensgefährtin hält dir einen umfangreichen Vortrag zum Thema Haushaltspflichten. Du erinnerst dich nun wieder daran, dass sie sich im Verlauf der Jahre zu deiner Bewährungshelferin entwickelt hat, so dass deine Wohnung inzwischen eine offene Strafvollzugsanstalt ist. Du stellst fest, dass dein Appetit sich mittlerweile gründlich verflüchtigt hat. Wie dem auch sei, statt dessen entscheidest du dich, die Post kurz durchzusehen. Du erfährst, dass deine Krankenversicherung gerade sang- und klanglos pleite gegangen ist. Dir dämmert, dass ja genauso wie "damals" die staatskapitalistischen Systeme des Ostblocks 1990 kollabiert sind, nun die marktkapitalistischen Systeme seit 2007 unaufhaltsam kollabieren. Eine gute Bekannte hat dir mit einem liebevoll gestalteten Brief offenbart, dass sie damals bei dieser netten Affäre mit dir versehentlich schwanger wurde und jetzt im fünften Monat ist. Als deine Lebensgefährtin dir über die Schulter schaut, weißt du, dass nun dein Ende naht und dass nun deine Lebensgefährtin durchaus zu deiner Lebensgefahr werden könnte. Nach einer kurzen, aber umso intensiveren Standpauke geht sie zu den Nachbarn und holt den Hund ab, der während dem Urlaub dort untergebracht war. Die freudige Begrüßung mit dem Hund und der saftig gewürzte Abgang deiner Lebensgefährtin ergänzen sich irgendwie, aber erzeugen irgendwie auch sehr gemischte Gefühle. Du merkst, dass dich der Hund gründlich unter seiner Kontrolle hat, so dass du "sein Herrchen" im wörtlichen Sinne der Verkleinerungsform bist. Das darf bloß niemand im Betrieb erfahren! Du schaust die 13 Absagen auf deine kreativ und individuell gestaltete Bewerbung als staatlich geprüfter Mr. Perfekt durch, die du gerade noch rechtzeitig vor deinem Urlaub versendet hast. Dein Blackberry meldet sich zu Wort, so dass es Dir wieder einmal ganz deutlich gewahr wird, dass dich Dein Terminkalender vollumfänglich im Griff hat. Du merkst, dass deine Knie matscheweich sind. Du machst dir nicht nur Gedanken über die nächste Woche, sondern eher über die nächste Minute, wie du das alles irgendwie ansatzweise überleben können sollst. Du hegst Zweifel, dass du vom Privatleben den leisesten Hauch von Glück erwarten kannst. Also machst du dich schleunigst auf den Weg, um in der Arbeit dein Heil zu suchen.

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Auf dem Weg zur Arbeit kommt dir eine angetrunkene Person mut- und willenlos über deinen Weg daher geschlurft, stoppt dich ab und behauptet, dass das alles sowieso nichts mehr bringt, dass Optimismus und Zynismus eigentlich das gleiche ist und dass man sich doch möglichst frühzeitig darum kümmert, auf eine möglichst simple und elegante Art sein Leben zu beenden. Du schaffst es endlich, dich von dieser Besitz ergreifenden Gestalt los zu reißen. Aber du erinnerst dich an diese Gerüchte, die für Dezember 2012 den finalen Weltuntergang voraussagen. Du kommst im Geschäft an. Später als geplant, aber immerhin rechtzeitig. Allerdings kannst du deine Beunruhigung nicht verbergen, so dass du daraufhin mehrfach angesprochen wirst. Bei der Konferenz vom Marketingprojekt wird durch das Management verkündet, dass bei jeder denkbaren Gelegenheit im Zweifelsfall eine gute Miene zum bösen Spiel gemacht werden muss, um den Erfolg des Projekts und der beteiligten Firmen nicht noch zusätzlich zu gefährden.

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10:20 Einer deiner besten Kumpels hat gerade dir per e-Mail geschrieben, dass er seit einiger Zeit seltsame Symptome hat, die auf Multiple Sklerose hindeuten könnten. Du weißt Du jedoch, dass er lieber mindestens zwei Mal jährlich in Urlaub fährt als sich endlich einmal von einem gescheiten Heilpraktiker behandeln zu lassen oder wenigstens von einem soliden Facharzt. 12:40 Auf dem Weg zur Kantine siehst du herbstlich gefärbte Blätter wie tote Vögel von den Bäumen purzeln. 12:45 Du stellst wieder einmal fest, dass du in vielerlei Hinsicht nicht so ganz normal bist. Zum Glück weiß niemand in der Firma, dass du dir den Film Melancholia schon vier Mal angeschaut hast. Du empfindest einen leichten Schauer, als du dir vorstellst, dass das Mittagessen plötzlich nach Asche schmecken könnte. 12:50 Du wirst von Arbeitskollegen im Tonfall ernsthafter Bewunderung darauf angesprochen, dass du in einigen Angelegenheiten du so erschreckend normal wirkst, dass man glauben könnte, dass du keine individuelle Persönlichkeit hast und so "locker vom Hocker" wie eine Marionette bist. 12:55 Während einem Smalltalk am Büffet glaubst du die allgemeine Auffassung vertreten zu müssen, dass Immanuel Kant der großartigste Philosoph überhaupt gewesen ist. 13:00 Du erfährst zufällig von Leuten am gleichen Tisch, dass neulich eine mittelständische Firma mit einem üppigen Feuerwerk eine Kosteneinsparung infolge der Entlassung von 20 Mitarbeitern gefeiert hat. 13:10 Einer der "Mitesser" am gleichen Tisch wird plötzlich von einer üblen Panikattacke heimgesucht, so dass er regelrecht austickt, zuerst durch nervöse Zuckungen auffällt und dann wie am Spieß brüllt, dass man das alles doch nicht so einfach auf sich beruhen lassen könne, dass man sich durch tatenloses Zuschauen schuldig macht, und überhaupt. 13:15 Du machst dir daraufhin für einige Minuten intensive Gedanken über deine möglichen Beiträge, um die Welt zu verbessern oder sogar um sie vielleicht noch zu retten. 13:30 Beim Nachtisch kommst du eigenständig auf die geniale Erkenntnis, dass du dich immer wieder mal zwischendurch entspannen musst – so einfach nach dem Motto "don't worry, be happy". 14:10 Du liest das e-Mail mit der 14. Absage auf deine Bewerbung als staatlich geprüfter Mr. Perfekt und kämpfst gegen äußerst negative Emotionen an – von Verzweiflung bis zu Rachegelüsten. 15:20 Als du beim Weg zu einem Meeting versehentlich im Firmengebäude die falsche Tür erwischst, bekommst du kurz mit, wie eine nahestehende Mitarbeiterin gerade in tiefster Trauer versinkt, ohne dass vermutlich irgendjemand die Story dahinter kennt.

16:40 Spätestens beim feierabendlich-kulinarischen Apero in der Marketingabteilung kommt es dir so vor, als ob du von lauter "Weltuntergangsfetischisten" umgeben bist! Ständig und überall wird immer nur von Risiken gesprochen, am allerliebsten von "unkalkulierbar irreversiblen Risiken". Und kaum jemand hält etwas konstruktives dagegen. Aber wenn es dann doch einmal passiert, werden die betreffenden Leute als unverbesserliche Idealisten gebrandmarkt und dazu angeregt, am besten sofort ihre Kündigung einzureichen. 17:00 Als du darauf achtest, mit welchem Zeug sich einige Arbeitskollegen vollstopfen, schlussfolgerst du, dass diese Leute scheinbar Zivilisationskrankheiten dermaßen geil finden, dass sie nicht genug davon kriegen können und ihre Lebensweise aus diesem Grund partout nicht ändern. 18:00 Bei der Heimfahrt hockt im Bus gegenüber von dir ein komischer Vogel. Die Unterschiede von Homosexualität und Transsexualität waren dir schon immer schleierhaft. Jedenfalls fühlst du dich nun im Bezug auf deine eigene geschlechtliche Orientierung deutlich irritiert und unsicher. 18:07 Ein anderer Fahrgast neben dir sackt plötzlich in sich zusammen, so ganz als ob er tot ist. 18:08 Nach einer ersten Schrecksekunde bekommst du einen Anflug von Panikattacke. 18:12 Als du merkst, dass Panik in diesem Fall definitiv nichts bringt, verfällst du in eine depressive Lethargie. 19:00 Du meinst glauben zu müssen, an diesem Tag noch etwas sinnvolles erleben zu müssen, wenigstens etwas unkomplizierte Unterhaltung. Ach ja, da findet ja ein "Poetry Slam" statt. Das könnte ein tauglicher Notnagel sein, falls sich nichts besseres findet. 19:30 Es hat sich zumindest für diesen Abend nichts besseres gefunden. Du merkst, dass du schon mächtig müde bist, aber du spürst andererseits, dass du diesem himmelarschbeknackten Tag noch irgendetwas abgewinnen möchtest. 20:40 Du willst bei einem Poetry Slam einfach auf unverfängliche Weise unterhalten werden und nicht an einem tiefenpsychologisch-existenzphilosophischen Selbsterfahrungsworkshop teilnehmen. Du bist einfach nicht so der Typ, der zum Entspannen geboren ist. Dein schicksalhafter Alltag macht dich schon genug zum Sklaven, so dass du nicht von ungefähr unter einer sozialphobisch und zwanghaft ausgeprägten Persönlichkeitsstörung leidest, weshalb du höchstwahrscheinlich nie in deinem Leben eine Managerposition ergattern wirst. 21:10 Obwohl du es wirklich nicht im geringsten geplant hattest, beschäftigst du dich spontan mit dem Sinn des Lebens. Na ja, immerhin ist es für dich schon einmal ausgesprochen klar, dass sich der Sinn des Lebens nicht auf die Zahl 42 beschränken kann. 22:00 Es geht dir mächtig auf den Keks, dass dieser dahergelaufene Typ da vorne am Mikrofon einen so nihilistischen Sinnlos-Text vorträgt, dass dieses "Let it be" nach jedem Satz eigentlich kaum etwas mit dem Song von den Beatles zu tun haben kann und dass es außerdem gar nicht klar sein kann, was in diesem Sinnlos-Text eigentlich damit gemeint ist. 23:20 Du willst schnell nach Hause, weil du für heute schon genügend Zeit verplempert hast. Als du eine Abkürzung nimmst, verläufst du dich in einem Dickicht und versinkst immer mehr in einem faulig-glitschigen Morast, mit dem Du niemals mitten in einer Wohngegend gerechnet hättest.

And now to the meanings of "Let it be":


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Bleib bei dir! Wenn es um Selbstmanagement geht, dann orientier dich möglichst konsequent an der logischen Reihenfolge Selbstfürsorge → Selbstdisziplin → Selbstverwirklichung! Vertrau der Schwerkraft! Und glaub an den positiven Einfluss höherer Mächte und Gewalten! Führ keine sinnlosen Kämpfe (Stellungskriege, Rechtfertigungsarien, etc.)! Häng dich an keine Illusionen! Und glaub nur an Statistiken, die du selbst gefälscht hast! Lass den Dingen ihre Zeit! Erinner dich immer wieder daran, dass Rom auch nicht an einem einzigen Tag abgebrannt ist. Akzeptier die Dinge möglichst so wie sie sind und versuch nicht sie zu manipulieren! Ersetz nicht Beobachtung durch Bewertung! Betrachte Vergänglichkeit als eine Chance für neue Entwicklungen! Hör auf, nach dem Sinn des Lebens zu suchen und zu fragen! Du kennst bereits die Antwort, nämlich "42". Statt suchen und fragen sollst du lieber schauen und spielen und sinnlich sein! So schau, was um dich herum so alles abgeht und welchen Herausforderungen du in welcher Weise sinnvoll entsprechen kannst. Aber spiel deine Rolle möglichst ohne Maske und ohne Requisiten! Und spiel nicht irgendeine Rolle, sondern such den Weg zu deiner eigenen Rolle! Das Leben ist eine Bühne, aber deswegen noch lange keine Sache für oberflächliche Naturelle. Konzentrier dich auf das Hier und Jetzt! Sei bei der Sache! Und wenn du gerade einmal nicht so richtig bei der Sache bist, dann trau dich zur Sache zu kommen! Aber falls dir sogar dies einmal unmöglich erscheinen sollte, dann lass wenigstens die Sache an dich heran kommen! Denk, sprich und wirk in der Verlaufsform Präsens und sei in diesem Sinne möglichst präsent und dynamisch! Lass dich inspirieren, aber lass dich nicht vor irgendeinen Karren spannen! Misch nicht ungeprüft in der gleichen Weise im gleichen Fahrwasser mit! Verdirb deinen Mitmenschen nicht ihren guten Gefallen an schlechten Dingen! Bedenke, dass das eigentliche Gegenteil von Liebe nicht Hass, sondern Angst ist! Versuch nicht, angst- und stressabhängige Leute zu einem entspannteren Leben zu bekehren! Erstens erzeugt so ein Unterfangen jede Menge Stress für beide Seiten, zweitens überträgst du dadurch Angst und Stress auf dich selber und drittens nimmst du den Leuten ein Lebenselixier und eine wichtige Grundlage ihrer so genannten Zivilisation. Identifizier und infizier dich nicht mit angst- und stressabhängigen Leuten, aber grenz dich nicht zu sehr von ihnen ab, weil sie für dich eine Bereicherung und Inspiration bedeuten könnten! Versuch du selbst zu sein, aber ohne dich dabei irgendwie von anderen Leuten abzugrenzen und ohne irgendetwas besonderes darstellen zu wollen! Selbstbehauptung und Selbstenthauptung liegen oft viel näher beisammen als man denkt. Fühl dich bei Kritik nicht persönlich angegriffen! Lass dich nicht gehen – auch wenn du zwischendurch einmal ganz gerne eine Marionette bist oder wenn du ein Faible für die masochistische Mechanik der so genannten Zivilisation hast! Beachte und pflege Strukturen in deinem Leben (Rituale, Rollen, Institutionen, Bindungen, Verträge, Prinzipien, Kontrollmechanismen, Klischees etc.), aber nur so lange sie einen wirklichen Sinn ergeben und dich nicht abhängig machen und auch niemanden von dir abhängig machen! Verabschiede dich von missverständlichen Allgemeinbegriffen wie z.B. Theorie, Gesellschaft, Kunst, Moral, Glück, Materialismus, Realität, wissenschaftlich, sozial, normal, eigentlich und man!




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Kalkulier stets gemäß dem Grundgesetz von Ursache und Wirkung deine persönliche Schuld ein, aber ohne skrupelhaft oder zwanghaft zu werden! Betrachte Schuld ebenso wie Schicksal in der ursprünglich wertfreien Bedeutung des Wortes! Schuld bedeutet ursprünglich, dass etwas in absehbarer Zeit geschehen oder sein soll. Schicksal bedeutet, dass man "geschickt" (worden) ist, um eine Aufgabe zu erledigen. Steh zu deinen Schwächen und Fehlern, denn genau darin kann deine wahre Stärke liegen! Unterdrücke niemals deine Gefühle, Bedürfnisse, Träume, Ideen und Fähigkeiten, aber lass dich möglichst nicht von ihnen beherrschen! Und instrumentalisier sie nicht, z.B. um andere Leute zu beherrschen oder um irgendetwas zu manipulieren! Bemüh dich um solide Erkenntnisse, wie deine Hormone funktionieren und wie du sie im Detail auf sanfte und ausgleichende Weise beeinflussen kannst! Entspann dich, aber zwing dich nicht zur Entspannung! Lass dich nicht durch Nebensächlichkeiten irritieren! Berücksichtige, dass Perfektionismus die Kehrseite von Chaos und Hoffnungslosigkeit ist – und umgekehrt! Lass Neues entstehen und lass deiner spielerischen Neugier freien Lauf! Fürchte dich nicht vor dem so genannten Primitiven, vor dem Ursprünglichen, vor der Quelle! Verabschiede dich von unnötigem Krempel und von Luxus, aber achte auf ein bescheidenes und komfortables Leben! Spuck lieber keine großen Töne, wenn es nicht nötig ist und keinen wirklichen Sinn ergibt! Mach dir lieber keinen Druck, in deinem Leben großartige Leistungen vollbringen zu müssen! Für manche Leute ist es schon ein hehres Ziel, nicht ständig Quatsch mit Soße zu fabrizieren. Sei vorsichtig mit Unterscheidungen, Differenzierungen, Diskriminierungen, Kategorisierungen aller Art, denn sie erzeugen prinzipiell Stress und Komplikationen, wofür es jeweils eine solide Rechtfertigung braucht! Sie machen dich zwar eventuell sehr schlau, aber nicht wirklich weise. - Sexismus unterteilt alles in der Welt in männlich und weiblich. - Rassismus unterteilt alles in der Welt in zwischen weiß und schwarz. - Feudalismus unterteilt alles in der Welt in mächtig und hörig. - Kapitalismus unterteilt alles in der Welt in reich und arm. - Utilitarismus unterteilt alles in der Welt in nützlich und nutzlos. - Rationalismus unterteilt alles in der Welt in planmäßig und mystisch. - Perfektionismus unterteilt alles in der Welt in exzellent und minderwertig. - Aktionismus unterteilt alles in der Welt in unterhaltsam und langweilig. - Dogmatismus unterteilt alles in der Welt in richtig und falsch. - Moralismus unterteilt alles in der Welt in gut und böse. - Fetischismus unterteilt alles in der Welt in allmächtig und impotent. - Dualismus unterteilt alles in der Welt in subjektiv und objektiv. - Humanismus unterteilt alles in der Welt in zivilisiert und primitiv. Beherzige, dass die "Kritik der reinen Vernunft" gleichzeitig die Krise der reinen Vernunft ist. Das griechische Wort Kritik bedeutet Unterscheidung. Und Vernunft ist kein Selbstzweck. So lass Vorsicht walten, wenn du Früchte vom Baum der kritischen Vernunft verzehrst! Unterscheide wichtige und dringende Angelegenheiten! "Notfälle" resultieren oft aus Schlamperei und lassen sich häufig nur noch verschlimmbessern, während Wichtiges eher mit genügender Sorgfalt vorbereitet wird. In der Ruhe liegt die Kraft.

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Lass die Finger davon, auf irgendeine Weise Leiden zu erzeugen oder auch nur ansatzweise Leiden zu verlängern! Leiste möglichst wenig Widerstand, weil du tendenziell damit am ehesten dir selber schadest! – Aber sei vorsichtig mit Kompromissen! Falls es einmal keine Alternative zu geben scheint, dann entscheide dich im Zweifelsfall für die kategorische Alternative, nämlich nichts zu tun! Nichtstun hat jedoch gar nichts mit Resignation zu tun. Versuch nicht, es allen Leuten recht machen zu wollen! Sei tolerant und demokratisch und setz dich für Toleranz und Demokratie ein, aber tu weder dir noch sonst jemandem dabei einen Zwang an! Bemüh dich redlich, aber ohne deine Energie sinnlos aufzureiben und ohne dich zu verzetteln! Lüg dir möglichst nicht in die eigene Tasche, aber ohne dabei päpstlicher als der Papst zu sein, wenn es um die Wahrheit in deinem Leben geht! Befrei dich von dieser bescheuerten Zwangsvorstellung, dass sich die Leute noch in einigen hundert Jahren an dich erinnern sollen können müssen! Nun ja – je mehr du dich vergisst, umso mehr erinnert sich deine Mitwelt an dich. Mag schon sein, aber viel entscheidender ist, dass du dich selbst an dich erinnern kannst, und zwar mit einem überwiegend guten Gefühl. Pfleg eine nette und entspannte Beziehung zu deinem wichtigsten Medizinmann, dem Schlaf, und zu dessen großem Bruder, dem wichtigsten Erlöser, dem Tod! Wenn du nämlich Angst vor dem Tod hast, dann hast du leider genauso viel Angst vor seiner Schwester, dem Leben. Freu dich des Lebens mit allem, was dazu gehört, aber ohne davon abhängig zu werden! Lass den Lebenden ihren Schlaf und den Toten ihre Ruhe! Du weißt ja: In der Ruhe liegt die Kraft. Und wenn du einen Text schreibst, dann schreib ihn nicht mit dem Anspruch fertig zu werden. Wie viele wunderschöne und imposante Fragmente gibt es – und zwar nicht nur in der Kunst. Und ganz bestimmt wären sie längst nicht so schön, wenn sie vollständig wären. Die Kunst liegt eher darin, immer wieder anzufangen – und nicht den großen Mut zu verlieren, ein blutiger Anfänger zu sein.


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