Karl Popper
J.C.B. Mohr UTB (Paul Siebeck)
Uni-Taschenbücher 1393
UTB
FÜR WISSEN SCHAFT
Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Wilhelm Fink Verlag München Gustav Fischer Verlag Stuttgart Francke Verlag Tübingen Paul Haupt Verlag Bern und Stuttgart Dr. Alfred Hüthig Verlag Heidelberg Leske Verlag + Budrich GmbH Opladen J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen R. v. Decker & C. F. Müller Verlagsgesellschaft m. b. H. Heidelberg Quelle & Meyer Heidelberg • Wiesbaden Ernst Reinhardt Verlag München und Basel F. K. Schattauer Verlag Stuttgart • New York Ferdinand Schöningh Verlag Paderborn • München • Wien • Zürich Eugen Ulmer Verlag Stuttgart Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen und Zürich
Bryan Magee
Karl Popper
übersetzt von Arnulf Krais
J.C.B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen
Oxford. 1986. . Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.B. ging er als Forschungsstipendiat für Philosophie nach Yale.BRYAN MAGEE wurde 1930 in London geboren. besonders zu nennen sind The New Radicalism (1962). Bryan: Karl Popper / Bryan Magee. Seine Ausbildung erhielt er am Christ's Hospital und (nach Militärdienst im Ausland) am Keble College.: Popper <dt. Pacing Death (1977). Nachdem er ein Jahr lang in Schweden gelehrt hatte. wobei er zunächst Mitglied der Labour Party war. Politik und Ökonomie ab und war Vorsitzender des Debattierklubs. Uni-Taschenbücher. Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. wahr. Der Autor dankt Professor Hans Albert für seine freundliche Unterstützung beim Zustandekommen der deutschen Übersetzung. Seit 1984 nimmt er einen Forschungs.Tübingen: Mohr.> ISBN 3-16-244948-0 NE: UTB für Wissenschaft / UTB-Taschenbücher Die Originalausgabe erschien bei Fontana Paperbacks 1973 © der deutschen Ausgabe: J. Tübingen • Druck: Presse-Druck. von Arnulf Krais. Von 1974 bis 1983 gehörte er als Abgeordneter des Wahlkreises Leyton dem Unterhaus an.und Lehrauftrag für Geistesgeschichte am King‘s College. 1393) Einheitssacht. Universität London. Übers.und Theaterkritiker wurde er für das Jahr 1983/84 zum Präsidenten der Kritikervereinigung gewählt. Er setzte diese Tätigkeit fort. und 1979 erhielt er in Anerkennung seiner Arbeit für den Rundfunk die Silbermedaille der Royal Television Society. auch nachdem er 1970 als Dozent für Philosophie am Balliol College. 1973 wurde er in den Lehrkörper des All Souls College gewählt. Als anerkannter Musik. Men of Ideas (1978) und The Philosophy of Schopenhauer (1983). wurden in ebenso viele Sprachen übersetzt. Augsburg Einbandgestaltung: Alfred Krugmann. Dort legte er Examina in Neuerer Geschichte sowie in Philosophie.Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1986. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Aspecls of Wagner (1968). Kritiker und Rundfunkjournalist zu wirken. dann aber zur Sozialdemokratischen Partei überwechselte. Oxford. The Democratic Revolution (1964). Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen. 1956 verließ er die Universität. Satz: Gneiting Filmsatz+Druck. um als Schriftsteller.C. . Stuttgart Printed in Germany. die akademische Arbeit wieder aufgenommen hatte. die Bryan Magee verfaßt hat. Die vierzehn Bücher. Von 1974 bis 1976 schrieb er als Kolumnist für die Times. Modern British Philosophy (1971). CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek Magee. (UTB für Wissenschaft.
Für Ninian und Libushka Smart .
Freiheit. Und die bedeutendste von ihnen ist die Welt der moralischen Forderungen – der Forderungen nach Gleichheit. I. der Musik. 100 . KARL POPPER Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde. die Welt der Wissenschaft. S.Bryan Magee – Karl Popper 6 Der Mensch hat neue Welten geschaffen – die Welt der Sprache. nach Hilfe für die Schwachen. der Dichtung. Bd.
Juli 1972 im Dritten Radioprogramm der BBC sogar: „Meiner Meinung nach ist Popper der größte Wissenschaftstheoretiker. Einleitung Der Name Karl Popper ist. 1963 1975 – Facing Reality.1 Wenn dieses Urteil auch nur annähernd zutrifft. der in seinem Buch Wahrheit und Wirklichkeit2 schreibt. darüber nachzudenken und sie zur Grundlage des eigenen wissenschaftlichen Lebens zu machen“. Nobelpreisträger für Medizin. „daß mein wissenschaftliches Leben so viel meiner Konversion von 1945 (wenn ich es so nennen darf) zu Poppers Lehren über die Durchführung wissenschaftlicher Untersuchungen zu verdanken hat. Sir Peter Medawar. Dieser Ansicht sind nicht nur Vertreter der experimentellen Wissenschaften. 1970 .. dann kommt dem Denker Popper – in einer Welt. . darunter Jacques Monod und Sir John Eccles. die sich marxistisch nennen – Weltgeltung zu. Aber auch unabhängig davon halten viele Karl Popper für den größten lebenden Wissenschaftstheoretiker. Das ist nicht ohne weiteres verständlich.. sagte am 28. der je gelebt hat“. Der hervorragende Mathematiker und theoretische Astronom Sir Hermann Bondi stellt schlicht fest: „Wissenschaft ist einfach 1 2 3. bislang jedenfalls. Popper mit der Formulierung und der Untersuchung fundamentaler Probleme in der Neurobiologie zu folgen“. deren Bewohner zu einem Drittel unter Regierungen leben. Ich habe versucht. wie Isaiah Berlin in seiner Biographie von Karl Marx schreibt.Bryan Magee – Karl Popper 7 1. Enthält doch Poppers Buch Die offene Gesellschaft und ihre Feinde „die gewissenhafteste und schwerwiegendste Kritik der philosophischen und historischen Lehren des Marxismus aus der Feder eines lebenden Autors“. Auch andere Nobelpreisträger haben sich öffentlich zu Poppers Einfluß auf ihre Arbeit bekannt. Eccles gibt anderen Wissenschaftlern den Rat. englische Aufl. „Poppers Aufsätze über die Philosophie der Wissenschaft zu lesen. nicht jedem Gebildeten geläufig.
daß sein Werk oft ohne Absicht falsch dargestellt wird. daß er nicht bekannter ist – es gibt viele Denker geringeren Ranges. hat uns Popper gesagt“. wenn Professor Poppers Einfluß auf jeder Seite dieses Buches zu spüren wäre“. Neben seinen naturwissenschaftlichen und philosophischen Studien war er nicht nur in der Politik und 3 1978 – Art and Illusion.Bryan Magee – Karl Popper 8 Methode. teils liegt es daran. dann wurde er zum leidenschaftlichen Sozialdemokraten. Poppers Philosophie ist. Man kann also kaum behaupten. und was diese Methode ist. Teils ist das zufallsbedingt. zum Beispiel Anthony Crosland oder Sir Edward Boyle. (Das Buch ist für Kenneth Clark „eines der geistreichsten Bücher über Kunstkritik. daß von Poppers Werk – anders als von dem vieler zeitgenössischer Philosophen – eine ausgesprochen praktische Wirkung ausgeht: Wer von Popper beeinflußt ist. teils auch daran. Umso überraschender bleibt die Tatsache. wenn man sich mit ihr nicht näher befaßt hat.) Und fortschrittliche Kabinettsmitglieder aus den beiden großen britischen Parteien. daß man Poppers Methode leicht mißversteht. eine Philosophie der Tat. Im Alter von etwa vierzehn bis siebzehn Jahren war er Marxist. Ernst Gombrich schreibt im Vorwort zu Kunst und Illusion:3 „Ich würde stolz darauf sein. Poppers geistiger Einfluß reicht weiter als der jedes anderen lebenden englischsprachigen Philosophen und erstreckt sich vom Regierungsmitglied bis hin zum Kunsthistoriker. Viele. daß Popper keine Beachtung gefunden hat. Sie erhellen nicht nur sofort den außerordentlich breiten Anwendungsbereich der Gedankengänge Poppers. ändert seine Arbeitsweise und in dieser wie in anderer Hinsicht sein Leben. Sie zeigen auch. die berühmter sind als Popper. das ich je gelesen habe“. kurz gesagt. Karl Raimund Popper wurde 1902 in Wien geboren. wurden in ihrer Sicht des politischen Handelns von Popper beeinflußt. 1959 . die auf ihrem Gebiet Hervorragendes geleistet haben. stehen in diesem Sinne unter seinem Einfluß. Diese Beispiele sind aufschlußreich.
Später. die sie herbeiführten. und das trotz der Tatsache. Die politische Szene im Wien der dreißiger Jahre war von Gewalt gekennzeichnet. in der Popper seine Jugend verbrachte. wie er sie geschrieben hatte.die offizielle Opposition’. nannte Popper scherzhaft . Das war damals der logische Positivismus des Wiener Kreises. wie so vielen anderen. hat Popper die radikale marxistische Ansicht folgendermaßen charakterisiert:4 „Die Revolution mußte auf jeden Fall kommen. Otto Neurath. daß die ökonomischen Bedingungen dieses Landes weit hinter denen Mitteleuropas 4 II. als die Revolution offenkundig schon lange überfällig war.Bryan Magee – Karl Popper 9 in der Arbeit mit sozial gefährdeten Kindern in Alfred Adlers Erziehungsberatungsstellen engagiert. Logik der Forschung (erschienen im Herbst 1934 mit der Jahreszahl 1935). sozialdemokratischer Politik. In Rußland war sie bereits eingetreten. Er fand keine Möglichkeit. ein Mitglied des Kreises. war die drastisch gekürzte Fassung eines doppelt so langen Buches. in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. im Gegensatz zur gerade herrschenden Mode. somit konnte der Faschismus nur eines der Mittel sein. Die Stadt und die Zeit. Unter dieser Oberfläche zerbröckelte die Opposition der Linken gegen den Faschismus. Hier stand Popper. boten ihm. und dies war um so sicherer. Es enthält die wichtigsten der inzwischen allgemein anerkannten Argumente gegen den logischen Positivismus. Dadurch wurde Popper in gewissem Sinne zum Außenseiter. 202f. und sein erstes und so fruchtbares veröffentlichtes Werk. Nach dem Studium verdiente er seinen Lebensunterhalt als Lehrer für Mathematik und Physik an Hauptschulen. Sein erstes Buch blieb (bis 1979) unveröffentlicht. wie seitdem immer wieder. . Aber er befaßte sich weiterhin vorwiegend mit Sozialarbeit. S. reiche Anregungen. sondern auch in Arnold Schönbergs Verein für musikalische Privataufführungen. seine ersten Bücher in der Form zu publizieren. Musik – und natürlich mit Philosophie.
und beide Eltern waren getauft. Popper sah mit deprimierender Genauigkeit die Annexion Österreichs durch Nazideutschland voraus sowie den europäischen Krieg. der folgen mußte und in dem sein Vaterland auf der falschen Seite stehen würde. Er entschied sich dafür.wahre historische Rolle’ des Faschismus entdeckt zu haben: Der Faschismus war. denn sie nahm den Arbeitern die letzte Illusion über die demokratischen Methoden. (Dieser Entschluß hat sein Leben gerettet. als die Faschisten die Macht ergriffen (niemand hat das von den Sozialdemokraten erwartet). rechtzeitig auszuwandern.Bryan Magee – Karl Popper 10 zurücklagen. Somit konnte die Zerstörung der Demokratie durch die Faschisten die Revolution nur fördern. 6. Also kämpften die Kommunisten nicht. nicht länger dauern konnte als einige Monate. gehören verzweifelte Debatten über politische Strategie und Moral. In den demokratischen Ländern aber wurde die Revolution nur durch die vergebliche Hoffnung aufgehalten. Eine Aktion von seiten der Kommunisten war daher nicht erforderlich. die die Demokratie erweckt hatte. seinem Wesen nach. daß die proletarische Revolution vor der Türe stand und daß das faschistische Zwischenspiel.) Von 1937 bis 1945 lehrte Popper Philosophie an der Universität von Neuseeland.kommunistische Gefahr’ für die faschistische Machtergreifung. Sie waren harmlos. das zu ihrer Beschleunigung notwendig war. lesen zu können. aber unter Hitler wäre er als Jude eingestuft worden. 1977 – Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Dann schrieb er The Open Society and Its Enemies5 – „ein ungewöhnlich 5 12th ed. 1980 .Wesen’ und die . besonders Platon. Damit glaubte der radikale Flügel des Marxismus das . Sie waren völlig überzeugt. die letzte Verteidigungslinie der Bourgeoisie. die aus diesem Zitat spricht. Es gab nie eine . denn Popper war zwar protestantisch erzogen. Aufl. um die griechischen Philosophen.“ Zur historischen Realität. Zunächst brachte er sich praktisch selbst Griechisch bei. an denen sich Popper beteiligte und in denen der Keim für viele seiner späteren Schriften gelegt wurde.
Wahrheit und Logik. Wer von dem Buch gehört hatte. Den endgültigen Entschluß. zu dem er schon vor langer Zeit den Grundstein gelegt hatte. wo er seither lebt. Poppers Verteidigung der Freiheit und seine Kritik des Totalitarismus (dessen Entwicklung und Anziehungskraft er in dem Buch ebenfalls zu erklären versucht) sind durch diese beiden Umstände noch leidenschaftlicher geworden. wurde das Buch verständnislos und ohne Bezug auf das Vorwort rezensiert. Poppers Logik der Forschung lag immer noch nicht in englischer Übersetzung vor und war praktisch unbekannt. war der Ausgang des Zweiten Weltkriegs noch offen. In Mind jedoch. der führenden sprachanalytischen Zeitschrift. A. und Popper fand in England nicht nur wissenschaftliche Anerkennung (1965 wurde er geadelt). wie damals in Österreich. The Open Society and Its Enemies erschien 1945 in zwei Bänden und brachte Popper in der englischsprechenden Welt den ersten Ruhm ein.Bryan Magee – Karl Popper 11 originelles und kraftvolles Werk“. 1946 kam Popper nach England. Wieder war Popper ein Außenseiter. mit dem er sich von der mittlerweile neu in Mode gekommenen Sprachanalyse distanzierte. J. So verbrachte er die 6 2nd ed. Truth and Logic6 nach England importiert. es zu schreiben. Popper hatte für die Übersetzung ein Vorwort verfaßt. 1936 – Sprache. einen Beitrag zum Krieg zu leisten. Als herrschende philosophische Lehre – sofern es überhaupt eine gab – fand er dort den logischen Positivismus vor. Aber weder in Oxford noch in Cambridge wollte man ihn als Professor haben. 1970 . bei Abschluß des Werks. wie Isaiah Berlin sagt. unter dem Titel The Logic of Scientific Discovery in englischer Sprache. Sein internationales Ansehen. 1943. faßte er an dem Tage. Es erschien erst im Herbst 1959. also nach einem Vierteljahrhundert. verstand seinen Inhalt gewöhnlich falsch. nahm indessen zu. Ayer hatte den logischen Positivismus durch sein Buch Language. den er in Wien vor dem Kriege hinter sich gelassen hatte. Dieses Buch war Poppers Versuch. was er schon lange befürchtet hatte – Hitler war in Österreich einmarschiert. als er erfuhr.
Als 1957 The Poverty of Historicism7 herauskam.9 1976 die selbständige Ausgabe seiner Autobiographie. u. 1981 – Objektive Erkenntnis: Ein evolutionärer Entwurf. Unended Quest.) Die Das Elend des Historizismus. und der dritte Teil besteht aus Dialogen der beiden Forscher über die aufgeworfenen – zum Teil vielleicht unlösbaren – Probleme.) Man kann in dem Buch das Gegenstück zu Die offene Gesellschaft und ihre Feinde sehen. Entsprechend läßt sich Conjectures and Refutations: The Growth of Scientific Knowledge. im zweiten Teil untersucht Eccles den Geist aus neurophysiologischer Sicht. dies sei „wahrscheinlich das einzige in diesem Jahr erschienene Buch. Aufl. 1972 erschien die Aufsatzsammlung Objective Knowledge: An Evolutionary Approach. verb. 4. 1982 11 Corr. 5..8 als Gegenstück zur Logik der Forschung auffassen. 1969 wurde Popper emeritiert. The Self and Its Brain. 1984 10 6th rev.. 1985 7 8 . 1979 Vermutungen und Widerlegungen (deutsche Ausgabe in Vorbereitung) 9 6th rev. erg. 5. Sammlungen von Aufsätzen.10 1977 publizierte Popper. (Im ersten Teil dieses Buches gibt Popper einen Überblick über die Geschichte des Konflikts zwischen Materialismus und Dualismus und tritt dabei für den Dualismus ein. Aufl. ed. war von der Zeitschrift Mind abgelehnt worden.Bryan Magee – Karl Popper 12 letzten 23 Jahre seiner Universitätslaufbahn an der London School of Economics. schrieb Arthur Koestler in der Sunday Times. 1963 erschienen. wo er Professor der Logik und der wissenschaftlichen Methode wurde. aus der es besteht. die er zum größten Teil bereits einzeln veröffentlicht hatte. Aufl. 2nd printing 1985 – Das Ich und sein Gehirn. 1982 – Ausgangspunkte. in Zusammenarbeit mit dem Neurophysiologen und Nobelpreisträger John Eccles. Aufl. Seither hat er weitere Bücher veröffentlicht.11 eine Untersuchung des Leib-SeeleProblems. Während dieser Jahre ließ Popper seine beiden nächsten Bücher erscheinen. überarb. (Die Aufsatzreihe. 2. das unser Jahrhundert überdauern wird“.. & expanded ed.
Das PostScript zu The Logic of Scientific Discovery wurde 1982/83 in drei Bänden veröffentlicht. für weitere Korrekturen. daß er seine wesentlichen Gedanken meist im Zuge der Kritik an den Gedanken anderer entwickelt. ist gerade ein Grundzug seines Werkes – ein bei richtiger Auffassung unübersehbarer Grundzug. Hier geht es mir nur um folgendes: Was Popper von seinen potentiellen Lesern trennt. der sich im wesentlichen mit den gleichen Problemen wie sie selbst befaßte. Noch größer ist die Zahl der unveröffentlichten Aufsätze und Vortragsmanuskripte. und sie finden seine Hartnäckigkeit ermüdend. In wissenschaftlichen Zeitschriften sind von Popper über hundert Aufsätze erschienen. von ihrem eigenen unterscheidet. Beispielsweise werden die meisten Argumente in Die offene Gesellschaft 12 13 Eine deutsche Ausgabe ist in Vorbereitung. Popper hat seine Arbeiten stets nur äußerst widerstrebend in Druck gehen lassen: Für weitere Verbesserungen. war immer noch Platz – und Zeit. wer Popper schon gelesen hat. S. und interpretierten ihn dementsprechend. Das führt dazu. der später erläutert wird) die Ansicht. Ganz ähnlich sind dann später die Sprachanalytiker verfahren. daß Erkenntnisfortschritt nur durch Kritik möglich ist. Ich komme noch auf den Kern dieser Mißverständnisse zurück.Bryan Magee – Karl Popper 13 Entwürfe und Vorarbeiten zur Logik der Forschung aus den Jahren 1930 bis 1933 erschienen 1979 unter dem Titel Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. den aber nur verstehen kann. 123-125 . denn weitere liegen als abgeschlossenes Manuskript vor. Popper vertritt (in einem Sinne. Siehe hierzu auch den Nachtrag.12 1984 erschien Auf der Suche nach einer besseren Welt. wie er selbst immer wieder betont. Es wird wohl nicht bei diesen Büchern bleiben. eine Sammlung von Vorträgen und Aufsätzen aus dreißig Jahren.13 Zu Beginn seiner Laufbahn sahen die logischen Positivisten in Popper jemanden. daß sich Poppers Standpunkt gar nicht so stark. Logische Positivisten und Sprachanalytiker haben deshalb behauptet und auch durchaus geglaubt.
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und ihre Feinde als Kritik an Platon und Marx vorgebracht. Eine Folge davon ist, daß Generationen von Studenten das Buch nur wegen dieser Kritik ausgeschlachtet haben, ohne es ganz zu lesen. Inzwischen hält man es sogar in weiten Kreisen für tatsächlich nichts anderes als eine Kritik an Platon und Marx. Das Ergebnis ist, daß viele, die von dem Buch gehört, es aber nicht gelesen haben, sich ein falsches Bild davon machen. Wegen der Kritik an Marx meinen manche sogar, das Werk habe einen Rechtsdrall. Der Gelehrtenstreit, den es angefacht hat, dreht sich nicht um Poppers Argumente, sondern darum, ob Popper andere Philosophen richtig interpretiert. Ganze Bücher sind darüber geschrieben worden, etwa In Defense of Plato von Ronald B. Levinson (1953) und Marxistische Wissenschaft und antimarxistisches Dogma von Maurice Cornforth.14 In wissenschaftlichen Zeitschriften hat man ausgiebig darüber diskutiert, ob Popper mit seiner Übersetzung dieses oder jenes Abschnitts Platon wirklich gerecht wird. Die Verteidigung der Demokratie, die das Buch doch auch enthält, hat nicht einmal einen Bruchteil dieser akademischen Aufmerksamkeit erfahren. Aber selbst wenn man zeigen könnte, daß Popper Platon und Marx falsch auffaßt – er wäre immer noch ein machtvoller Fürsprecher der Demokratie. Eine ernstzunehmende Kritik von Die offene Gesellschaft und ihre Feinde sollte sich vor allem mit den Argumenten in diesem Buch auseinandersetzen, nicht mit seiner Gelehrsamkeit – obwohl die Gelehrsamkeit, wie ich noch zeigen werde, allen Respekt verdient. Zwischen Popper und seinen potentiellen Lesern steht noch ein weiteres, allerdings leichter zu überwindendes Hindernis. Popper glaubt, daß Philosophie eine notwendige Tätigkeit ist, weil wir alle vieles für selbstverständlich halten und weil ein großer Teil dieser Annahmen philosophischer Natur ist. Wir legen sie unserem Privatleben zugrunde, der Politik, unserer Arbeit und jedem anderen Lebensbereich. Von diesen Annahmen treffen einige zweifellos zu, wahrscheinlich aber sind
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2. Aufl. 1973 – The Open Philosophy and The Open Society, 1968
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mehr davon falsch und einige sogar schädlich. Deshalb ist die kritische Prüfung unserer Voraussetzungen – also eine philosophische Tätigkeit – moralisch wie intellektuell so wichtig. Nach dieser Auffassung geht Philosophie uns alle an und gehört zu unserem Leben. Sie ist also nicht eine rein akademische Tätigkeit oder etwas für Spezialisten und besteht sicher nicht primär im Studium der Schriften von Berufsphilosophen. Trotzdem hat Poppers Werk natürlich zum größten Teil die kritische Prüfung von Theorien zum Inhalt, mit der Folge, daß viele ,Ismen’ diskutiert werden und die Anspielungen auf Denker der Vergangenheit zahlreich sind. Das gilt vor allem für die ersten Arbeiten Poppers in englischer Sprache, die er zu einer Zeit verfaßt hat, als er noch unter dem Einfluß der deutschen akademischen Tradition stand. Andererseits haben sich wenige Philosophen so sehr um Klarheit bemüht wie Popper. Die Tiefe seiner Schriften verbirgt sich hinter dem klaren Stil. Ein paar Leser haben irrtümlich geglaubt, daß das, was Popper sagt, ziemlich einfach ist und vielleicht sogar auf der Hand liegt. Ihnen ist entgangen, daß seine Schriften aufregend und wegen der Einsichten, die sie vermitteln, geradezu spannend sind. Er schreibt hervorragende, großherzige und humane Prosa, in der sich Intellekt mit Emotion verbindet. Das erinnert an Marx – hinter Poppers Argumenten ist die gleiche treibende Kraft zu finden, der gleiche Schwung, die gleiche Schärfe, das gleiche Format und das gleiche Selbstvertrauen, aber verbunden mit größerer logischer Strenge. Hat sich der Leser erst an die Lektüre gewöhnt, so regt sie ihn an und läßt ihn kaum mehr los. Und vor allem sind sämtliche Schriften Poppers – das ist an ihnen besonders eindrucksvoll – überaus reich an Argumenten. Poppers Philosophie ist eine systematische Philosophie und steht in der großen Tradition des Fachs. Aber selbst von einem sehr interessierten Leser mit einem sehr weiten Horizont kann man nicht erwarten, daß er sämtliche Vorträge und Veröffentlichungen studiert hat, in denen diese Philosophie dargelegt ist (in verschiedenen
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Sprachen, Zeitschriften, Ländern und Jahrzehnten) – oder gar erkennt, daß all dies miteinander zusammenhängt und Teil eines Erklärungsrahmens ist, der die gesamte menschliche Erfahrung umfaßt. Ein Beispiel: Popper ist Indeterminist, in der Physik wie in der Politik. Seinen Beweis dafür, daß es aus logischen Gründen unmöglich ist, den zukünftigen Verlauf der Geschichte mit rationalen Methoden vorherzusagen, hat er zuerst im British Journal for the Philosophy of Science vorgelegt, in einem Aufsatz mit dem Titel „Indeterminism in Quantum Physics and in Classical Physics“. Popper hat diesen Beweis nach verschiedenen Richtungen hin weiterentwickelt: Er ist Bestandteil seiner Verteidigung der Freiheit und seiner Kritik am Marxismus – und er war der Anstoß für eine Propensitätstheorie der Wahrscheinlichkeit, die, angewandt auf die Quantenphysik, eine Lösung für bestimmte Probleme in der Theorie der Materie bietet, die mit dem historischen Schisma zwischen Einstein, de Broglie und Schrödinger auf der einen und Heisenberg, Niels Bohr und Max Born auf der anderen Seite zusammenhängen. Es gibt wohl nur sehr wenige Spezialisten, die über das nötige Rüstzeug verfügen, allen diesen Zusammenhängen nachzugehen und alle Gedanken miteinander zu verknüpfen. Im vorliegenden Buch habe ich den anspruchsvollen Versuch unternommen, Poppers Gedanken klar und übersichtlich darzustellen und dabei ihre systematische Einheit aufzuzeigen. Ich beginne deshalb – aus Gründen, die später deutlich werden – mit der Erkenntnistheorie und der Wissenschaftstheorie. Manche Leser mögen sich von diesen Gebieten weniger angesprochen fühlen. Sie haben das Buch vielleicht eher aus Interesse an Poppers sozialen und politischen Theorien zur Hand genommen. Ich bitte diese Leser, die Passagen über Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie nicht zu überschlagen. Popper hat nämlich seine Gedanken ursprünglich für die Naturwissenschaften ausgearbeitet und dann auf die Sozialwissenschaften angewandt, und Kenntnisse auf dem einen Gebiet sind zum vertieften Verständnis des anderen unerläßlich. Ich werde außerdem zu zeigen versuchen, wie
der Wahrscheinlichkeitstheorie oder der Logik zu behandeln. Natürlich ist es in einem so knapp gefaßten Buch nicht möglich. die Gründe für den großen Einfluß dieser Philosophie herauszuarbeiten und. Ich hoffe auch. auf die Popper seine Argumente im einzelnen stützt.Bryan Magee – Karl Popper 17 Poppers Philosophie die Welt der Natur und die Welt des Geistes umfaßt. Ich werde deshalb nicht versuchen. klarzumachen. die Belege zu erörtern. warum sie zu anderen zeitgenössischen Denkschulen im Gegensatz steht. spezielle Kontroversen und die mehr technischen Aspekte der Physik. . zumindest in Grundzügen. sondern mich ausschließlich mit eben diesen Argumenten befassen. daß es mir gelingt.
Gesetz’.verletzt’ werden können. Wer sagt. Die wissenschaftliche Methode – Die traditionelle Auffassung und Poppers Auffassung Das Wort . Die Naturgesetze galten als Gebote der Götter. . das der Naturwissenschaftler hier angeblich verwendet.befolgt’ oder .eingehalten’. daß sie nicht zutreffen. was geschieht – zum Beispiel daß Wasser bei 100° Celsius kocht. Das Verfahren. Aber heute würde niemand mehr behaupten. dann wäre es ja überflüssig – keine Gesellschaft verbietet ihren Bürgern. Bacons Formulierung wurde seither vielfach modifiziert. Der vorwissenschaftliche Glaube.Bryan Magee – Karl Popper 18 2. Ein Gesetz im juristischen Sinne schreibt uns vor. Es kann verletzt werden: Wenn wir es nicht verletzen könnten.Gesetz’. zumindest seit Newton. sondern beschreibt.verletzt’ werden. die den Anspruch erheben. erweitert. hat bereits Francis Bacon beschrieben. sich an zwei Orten zugleich aufzuhalten. ist der Grund für den unglücklichen Doppelsinn des Wortes . die .Gesetz’ ist nicht eindeutig. verwechselt die beiden Hauptbedeutungen von . Man sieht vielmehr in den Naturgesetzen allgemeine Aussagen mit Erklärungscharakter. und die deshalb zu modifizieren oder aufzugeben sind. sieht man die Suche nach Naturgesetzen als zentrale Aufgabe der Naturwissenschaften an. wenn bestimmte Anfangsbedingungen erfüllt sind – wenn etwa eine gegebene Wassermasse erhitzt wird. verfeinert und verfälscht. Es will weiter nichts sein als eine Aussage über das. wenn sich herausstellt.verletzt’ wird. bei 100° Celsius zu kochen. Tatsachen zu beschreiben. aber vom siebzehnten bis zum zwanzigsten Jahrhundert stand fast jeder. der . was vor sich geht. Ein Naturgesetz dagegen schreibt nicht vor. Es sagt uns. daß es ihm befohlen wird (von einem Gott). aber es kann nicht . Es kann wahr oder falsch sein. denn es ist kein Gebot: Niemand befiehlt dem Wasser. was wir tun dürfen und was nicht. daß die Naturgesetze in irgendeinem Sinne Vorschriften darstellen. Schon lange. daß ein Naturgesetz .
in der von Bacon begründeten Tradition. Vorurteil. sicheres und verläßliches Wissen liefern. Gelingt es ihm. daß er zwecks sorgfältig kontrollierter und peinlich genauer Beobachtungen irgendwo an der Grenze zwischen unserem Wissen und unserem Nichtwissen Experimente durchführt. Ihnen stellt man alle andersgearteten Aussagen gegenüber. Tradition. ob sie sich nun auf Autorität. das weitere Geheimnisse der Natur erschließt. veröffentlicht sie vielleicht. die neue Entdeckung wird überall dort angewandt. allgemeine Hypothesen zu formulieren – Aussagen mit Gesetzescharakter. . und sie gilt herkömmlicherweise als Kennzeichen der Wissenschaft. Er hält seine Ergebnisse systematisch fest. allgemeine Aussagen auf gesammelten Beobachtungen von Einzelfällen aufzubauen. und die Grenze zu unserem Nichtwissen verschiebt sich. wird als Induktion bezeichnet. Auf diese Weise wächst der Bestand wissenschaftlicher Erkenntnisse an. Der Wissenschaftler bemüht sich um die Bestätigung seiner Hypothese und sucht Belege. Dann wird der neue Saum genäht – das heißt. seine Hypothese zu verifizieren. Man glaubt. in welchem Kausalzusammenhang diese Tatsachen miteinander stehen. wo man sich von ihr neue Aufschlüsse verspricht. die zu allen bekannten Tatsachen passen und die erklären. Die Wissenschaft ist der Bestand an sicherem und verläßlichem Wissen.Bryan Magee – Karl Popper 19 etwas mit Naturwissenschaften zu tun hatte. Gewohnheit oder auf was auch immer stützen. die sie stützen. die auf Beobachtungen und experimentellen Belegen – kurz: auf Tatsachen – beruhen. und man beginnt. Man stellte sich die Suche nach Naturgesetzen folgendermaßen vor: Der Wissenschaftler beginnt damit. Mit anderen Worten: Im Gebrauch der induktiven Methode sieht man das Abgrenzungskriterium zwischen Wissenschaft und Nichtwissenschaft. so hat er ein neues wissenschaftliches Gesetz entdeckt. Dabei zeichnen sich Regelmäßigkeiten ab. Die Methode. und im Laufe der Zeit häufen er und seine Kollegen immer mehr anerkannte und verläßliche Daten an. Gefühl. An der neuen Grenzlinie beginnt der Prozeß von neuem. daß wissenschaftliche Aussagen. Spekulation.
Wenn B oft genug auf A folgt. um wieviel Uhr morgen Sonnenaufgang ist. Dieser Versuch einer Rechtfertigung der Induktion setzt also das Induktionsprinzip bereits voraus und ist deshalb verfehlt. aber das ist eine Frage der Psychologie. daß sie auch morgen aufgeht. aber wir können doch genau vorhersagen. denn wir haben die gut begründeten Gesetze der Physik. Er hat darauf hingewiesen. logisch noch nicht. daß B auch bei einer anderen Gelegenheit auf A folgt. Sie läßt sich nicht mit Beobachtungen begründen. daß bei einer Gelegenheit auf das Ereignis A das Ereignis B folgt. so zahlreich diese Einzelfälle auch sein mögen. von der wir wissen. der Vergangenheit gleicht). Wenn ich die Beobachtung mache. daß sie auch in Zukunft gelten. daß auch aus einer noch so großen Zahl von singulären Beobachtungssätzen logisch kein uneingeschränkt allgemeiner Satz folgt. und wir können sie auf die Bedingungen anwenden. Zu diesem Wissenschaftsverständnis hat Hume einige unbequeme Fragen aufgeworfen. nicht der Logik. dann ergibt sich daraus nicht die logische Folgerung. aber diese Annahme ist auf keine Weise abzusichern.Ja. die in diesem Augenblick herrschen’. weil aus der Tatsache. dann sind zwei Antworten möglich. daß in der Natur Regelmäßigkeit herrscht (daß die Zukunft. daß die Gesetze der Physik in der Vergangenheit gegolten haben. die aus den beobachteten Einzelfällen. was die Wirkungsweise der Naturgesetze betrifft. Eine solche Folgerung ergibt sich weder aus zwei Beobachtungen dieser Art noch aus zwanzig noch aus zweitausend. nicht logisch folgen. Die Sonne mag nach jeder Nacht. denn wir können keine zukünftigen Ereignisse beobachten. daß alle vergangenen . wieder aufgegangen sein – aber daraus folgt noch nicht. dann mag ich das auch für die Zukunft erwarten. daß dieser Bestand laufend um weitere Gewißheiten vermehrt wird. Zweitens sind die Gesetze der Physik selbst allgemeine Aussagen. Sie läßt sich auch nicht durch einen logischen Schluß begründen. Unsere gesamte Naturwissenschaft beruht auf der Annahme. mit denen sie belegt werden. Erstens folgt daraus. Wenn nun jemand sagt: .Bryan Magee – Karl Popper 20 und das Wachstum der Wissenschaft besteht darin.
Für C. daß die gesamte Wissenschaft. 684 – History of Western Philosophy. aber wir sind so veranlagt. Hume selbst gelangte zu folgendem Schluß: Die Gültigkeit induktiven Vorgehens ist zwar nicht erweisbar. warum andere Abweichungen verboten sind. und daß diejenigen. geben wir uns eben mit ihm zufrieden. Aufl.“ Man hat es als äußerst peinlich empfunden. dann kann sich alles übrige entsprechend der Theorie entwickeln. fragen mögen. daß der reine Empirismus keine ausreichende Grundlage für die Wissenschaft ist. daß die Induktion ein unabhängiges logisches Prinzip ist. 1967 . daß überhaupt alles auf Grundlagen beruhen sollte. Wenn man aber dies eine Prinzip [die Induktion] gelten läßt. daß wissenschaftliche Gesetze weder in der Logik noch in der Erfahrung ein rationales und sicheres Fundament haben – denn jedes wissenschaftliche Gesetz ist uneingeschränkt allgemein und geht deshalb über die Logik wie über die Erfahrung hinaus. 1975. Diese Argumente beweisen jedenfalls (und ich halte den Beweis für schwerlich anfechtbar). Das bedeutet aber. Und weil das induktive Vorgehen in der Praxis offenbar funktioniert. S. daß dies ein beträchtliches Abweichen vom reinen Empirismus bedeutet. als unserem Denken das Induktionsprinzip zugrundezulegen. Broad ist es die „Leiche im Keller der Philosophie“.Bryan Magee – Karl Popper 21 Zukünfte wie vergangene Vergangenheiten waren. Das sind jedoch Fragen. Bertrand Russell schreibt in seiner Philosophie des Abendlandes:1 Hume hat „bewiesen.Humesches Problem’ genannt – hat den Philosophen seit Humes Zeiten zu schaffen gemacht. die keine Empiriker sind. H. wenn eine gestattet ist. und daß ohne dieses Prinzip die Wissenschaft nicht möglich wäre. die nicht unmittelbar durch Humes Argumente aufgeworfen werden. nicht folgt. deren 1 2. daß wir gar nicht anders können. das sich weder aus der Erfahrung noch aus anderen logischen Prinzipien folgern läßt. Es ist zuzugeben. Das Induktionsproblem – . daß all unsere Erkenntnis auf Erfahrung beruht. daß alle künftigen Zukünfte wie künftige Vergangenheiten sein werden.
ohne Verbindung zu einer terra firma gewissermaßen in der Luft hängt. Irrationalisten oder Mystikern geworden. daß bei der Wissenschaft etwas herauskommt – daß sie funktioniert und einen nicht abreißenden Strom nützlicher Ergebnisse hervorbringt. daß er für das Induktionsproblem eine brauchbare Lösung anbieten konnte. ihre Arbeit fortzusetzen und neue Ergebnisse vorzuweisen. als sich über ein offensichtlich unlösbares logisches Problem weiter den Kopf zu zerbrechen. Eccles und . nicht beweisen lassen und daß sie daher nicht sicher sind. so doch im höchsten vorstellbaren Grade wahrscheinlich: und das heißt so gut wie sicher – zwar nicht in der Theorie. Für sie ist entscheidend. Immerhin werden sie mit jeder Bestätigung wahrscheinlicher. einige sind zur Religion gelangt. Und so lange dieses Problem ungelöst bleibt. genau genommen. in dem die Welt weitergeht. muß man sich eingestehen. Praktisch alle haben sich zu folgendem Eingeständnis genötigt gesehen: . daß die gesamte Wissenschaft. Deshalb sind wissenschaftliche Gesetze wenn auch nicht sicher. völlig verworfen und durch eine andere Sicht ersetzt. Es ist Poppers bahnbrechende Leistung. wie sie oben dargestellt wurde. Viele empirisch orientierte Philosophen sind aus diesem Grunde zu Skeptikern. das an die Grundlagen der menschlichen Erkenntnis rührt. sofern sie sich Gedanken über die logischen Grundlagen ihres Handelns machen. Dies gilt nicht nur für die gesamte uns bekannte Vergangenheit – jeder Augenblick. Sie finden es besser. wie konsistent nach innen und wie nützlich nach außen sie auch sein mag.’ Diese Haltung nehmen fast alle Wissenschaftler ein. Für sie und für die Philosophen bildet die Induktion ein ungelöstes Problem. Im Zusammenhang damit hat Popper die herkömmliche Auffassung von der wissenschaftlichen Methode.Wir müssen zugeben. bringt Abermilliarden von Bestätigungen und niemals ein einziges Gegenbeispiel. Die nachdenklicheren unter ihnen sind jedoch tief beunruhigt.Bryan Magee – Karl Popper 22 Gültigkeit sich nicht erweisen läßt. (Natürlich liegt hier der Grund für die eingangs zitierten Äußerungen von Medawar. wohl aber in der Praxis. daß sich wissenschaftliche Gesetze.
aber aus einem einzigen Satz über die Beobachtung eines schwarzen Schwans folgt logisch der Satz ‚Nicht alle Schwäne sind weiß’. Würden wir . Weil es aber auf methodologischer Ebene keine endgültige Falsifizierung gibt. Auf diese Weise könnten wir alle falsifizierenden Erfahrungen ablehnen. der fragliche Vogel falsch bestimmt sein. Deshalb ist in der Logik – das heißt: wenn wir die Beziehung zwischen Sätzen betrachten – ein wissenschaftliches Gesetz zwar nicht endgültig verifizierbar. daß alle Schwäne weiß sind. nicht als Schwan zu klassifizieren. aus dem sie erwachsen ist. Aussagenlogisch kann man diese Asymmetrie wie folgt formulieren: Der universelle Satz ‚Alle Schwäne sind weiß’ läßt sich aus keiner noch so großen Zahl von einzelnen Sätzen über die Beobachtung weißer Schwäne logisch ableiten.Bryan Magee – Karl Popper 23 Bondi. einen Beobachtungssatz als ungültig zurückzuweisen. als fruchtbar erwiesen und zur Lösung weiterer wichtiger Probleme geführt. ihn. In der Praxis ist es nämlich immer möglich. Methodologisch gesehen liegt der Fall aber anders. wir können uns auch entschließen. hat sich diese grundlegende Leistung Poppers auch jenseits der Grenzen des Problems. eine Aussage anzuzweifeln: der Bericht über die Beobachtung mag fehlerhaft.) Wie nicht anders zu erwarten. eben weil er schwarz ist. Von der Logik her sieht alles ganz einfach aus: Wenn ein einziger schwarzer Schwan beobachtet wurde. wohl aber endgültig falsifizierbar. sondern ihm einen anderen Namen zu geben. Das bedeutet. ohne uns damit selbst zu widersprechen. In diesem wichtigen logischen Sinne sind empirische Verallgemeinerungen zwar nicht verifizierbar. die sich aus ihm ergibt. Popper beginnt mit dem Hinweis auf die logische Asymmetrie zwischen Verifikation und Falsifikation. ist der Ruf nach ihr verfehlt. Wir haben also immer die Möglichkeit. daß sich wissenschaftliche Gesetze zwar nicht beweisen. Popper hat von Anfang an zwischen diesem logischen Zusammenhang und der Methodologie unterschieden. wohl aber prüfen lassen: Sie können durch systematische Widerlegungsversuche getestet werden. dann ist damit ausgeschlossen. aber falsifizierbar.
daß wir unsere Theorien leichtfertig aufgeben sollen.Bryan Magee – Karl Popper 24 hier endgültige Falsifizierung fordern und gleichzeitig die Belege im Sinne unserer Aussagen umdeuten. unbequeme experimentelle Ergebnisse anzuerkennen oder durch irgendein anderes Verfahren dieser Art) und daß wir unsere Theorien so eindeutig formulieren. daß wir ihren empirischen Gehalt folgendermaßen verengen: ‚Wasser kocht in . an die unseres Wissens noch niemand gedacht hat. daß Wasser in geschlossenen Gefäßen nicht bei 100° Celsius kocht. indem wir nach Umständen suchen. wir gehen von dem Glauben aus. um sie möglichst klar dem Risiko der Widerlegung auszusetzen. Schon das regt uns dazu an. Man könnte Popper demnach auf logischer Ebene als naiven Falsifikationisten bezeichnen – aber auf methodologischer Ebene ist er ein überaus kritischer Falsifikationist. dann werden wir bald entdecken. Popper schlägt deshalb als methodischen Grundsatz vor. dann wäre unsere Vorgehensweise auf absurde Weise unwissenschaftlich geworden. daß Wasser bei 100° Celsius kocht. Andererseits sagt Popper nicht. Wenn wir auch nur über ein wenig Vorstellungskraft verfügen. Weil diese Unterscheidung nicht beachtet wurde. es sei ein wissenschaftliches Gesetz. wie wir können. Diese Aussage wird durch keine noch so große Zahl von Einzelfällen. hat man sein Werk oft mißverstanden. Betrachten wir jetzt ein praktisches Beispiel. Wir können sie aber prüfen. daß die Theorien selbst dann nicht streng genug geprüft werden. unter denen sie nicht gilt. Faktoren in Betracht zu ziehen. An diesem Punkt nun könnten wir den falschen Weg einschlagen und unsere ursprüngliche Aussage dadurch retten. denn das wäre eine zu unkritische Haltung gegenüber Prüfungen und würde bedeuten. durch die beharrliche Weigerung. die sie bestätigen. war also gar keines. So haben es die meisten von uns in der Schule gelernt. daß wir eine Widerlegung unserer Aussagen nicht systematisch vermeiden (etwa durch die Einführung von ad-hoc-Hypothesen. bewiesen. Nehmen wir an. Was wir für ein wissenschaftliches Gesetz gehalten haben. ad-hoc-Definitionen.
müßten wir wiederum ihren empirischen Gehalt verengen: . warum die ersten beiden Hypothesen bis zu einem bestimmten Punkt brauchbar waren.Wasser kocht in offenen Gefäßen in Meereshöhe bei 100° Celsius’. standen wir an der Schwelle der wichtigsten Art von Entdeckung. Aber durch die Formulierung einer Reihe von Aussagen mit immer geringerem empirischen Gehalt würden wir gerade die wichtigsten Aspekte der Situation verfehlen. Denn mit der Feststellung. Je gehaltvoller aber die Hypothese ist. daß diese Hypothese zwar auf Meereshöhe für offene wie für geschlossene Gefäße gilt. Wenn wir dann beispielsweise feststellen. Mit anderen Worten: Wir verfügen jetzt über eine Formulierung. daß sie aber bei geringerem Luftdruck versagt – dann müßten wir nach einer dritten. eine Hypothese vorzulegen. einfache Aussage ist – eine Hypothese. Unser nächster Schritt sollte es sein. läßt sich unser Wissen über den Siedepunkt des Wassers immer genauer festnageln. warum Wasser bei 100° Celsius in offenen Gefäßen kocht und warum es in geschlossenen Gefäßen bei dieser Temperatur nicht kocht. auch die neue . nämlich der Entdeckung eines neuen Problems: . und so weiter. daß Wasser in geschlossenen Gefäßen nicht bei 100° Celsius kocht. systematisch nach einer Widerlegung dieser zweiten Formulierung zu suchen.Bryan Magee – Karl Popper 25 offenen Gefäßen bei 100° Celsius’. die gehaltvoller als unsere ursprüngliche. dann aber versagt haben. Dann könnten wir die systematische Widerlegung unserer dritten Aussage in Angriff nehmen. verschiedene Siedepunkte exakt zu berechnen.Warum nicht?’ Es fordert uns dazu heraus. die es überhaupt gibt. so sollte man meinen. noch gehaltvolleren Hypothese suchen. sondern weit mehr. Um unsere zweite Aussage zu retten. Wir könnten uns dann nach einer systematischen Widerlegung dieser neuen Aussage umsehen. Auf diese Weise. die nicht weniger empirischen Gehalt als unsere erste hat. die erklärt. und die es uns außerdem ermöglicht. Und mit noch ein wenig mehr Vorstellungskraft würden wir hoch über dem Meeresspiegel fündig. und desto eher ermöglicht sie es uns. die erklärt. desto mehr sagt sie uns über die Beziehungen zwischen den beiden Situationen.
Aus jeder der Hypothesen. sie durch eine bessere zu ersetzen. ob wahr oder falsch. über unser vorhandenes Wissen hinausgehen und daher von der Phantasie . Diese müssen. daß sie zutrifft. daß Wasser bei 100° Celsius kocht. Die Feststellung. was die Theorie besagt. wäre eine neue Entdeckung: Sie würde unser Wissen vermehren und die Suche nach einer besseren Theorie einleiten. daß einiges von dem. Eine der Möglichkeiten. die diese Aussage bestätigen). (Gerade in diesem Sinne wurden so viele berühmte Entdeckungen in der Wissenschaft .) Denn das Wachstum unseres Wissens geht von Problemen aus und von unseren Versuchen. würde uns mehr über die Welt sagen. sie anzuzweifeln. sie zu lösen. Unser Wissen hätte nie zugenommen – es sei denn.zufällig’ gemacht. nicht zutrifft. könnten wir Folgerungen ableiten. zu . die Theorie zu prüfen. wenn sie überhaupt mögliche Lösungen liefern sollen. Hätten wir uns vorgenommen. solcher Einzelfälle gefunden. Bei diesen Lösungsversuchen werden Theorien vorgeschlagen. unsere ursprüngliche Aussage. wir wären bei unserer Suche nach Bestätigungen unbeabsichtigt auf ein Gegenbeispiel gestoßen.verifizieren’ (durch die Ansammlung von Einzelfällen. Soweit in nuce Poppers Ansicht vom Erkenntnisfortschritt. ihre Konsequenzen mit neuen Beobachtungen zu konfrontieren. die über das vorhandene Tatsachenmaterial hinausgehen – unsere Theorie. Und was am schlimmsten ist: Das bloße Sammeln von Einzelfällen. Milliarden und Abelmilliarden. die wir nacheinander formuliert haben. Das wäre das beste gewesen. die unsere Aussage bestätigen. bestünde darin. als wir bereits wissen. und wir wären immer bei unserer ursprünglichen Aussage stehengeblieben. dann hätten wir ohne Schwierigkeit beliebig viele. Dabei ist verschiedenes zu beachten. was uns hätte passieren können. geschweige denn. Und dann müßten wir diese Hypothese testen. hätte uns nie einen Grund dafür geliefert. Aber damit hätten wir weder die Wahrheit der Aussage bewiesen noch – und diese Erkenntnis dürfte erschreckend sein – die Wahrscheinlichkeit dafür erhöht.Bryan Magee – Karl Popper 26 Situation zu erklären.
daß das. warum für Popper das.Wissen’ wahr ist. (Gleichzeitig ist allerdings die Wahrscheinlichkeit größer. und das ist ungemein wichtig: Wir können begründen. geistige Unabhängigkeit und gedanklicher Wagemut erforderlich waren. sondern auch tiefe Einsicht. daß die jeweilige Theorie zutraf. Nichts in der Wissenschaft ist auf Dauer begründet. falsch ist. desto mehr sagt sie uns. ist völlig verfehlt. und wir sollten durch strenge Überprüfung herausfinden. Diese Situation ist für jede Wissenschaft charakteristisch. von Natur aus vorläufig bleibt. daß es sich bei den Wissenschaften um Ansammlungen gut begründeter Tatsachen handelt. Je gewagter die Theorie ist. Wie die Geistesgeschichte der Menschheit lehrt. denn er versucht das logisch Unmögliche. und immer besteht die Möglichkeit. daß es sich als falsch erweist. was wir unser Wissen nennen.Bryan Magee – Karl Popper 27 beflügelt sein. Offensichtlich ändert sich die Wissenschaft laufend. nichts unwandelbar. Wir können aber etwas anderes tun. ob es tatsächlich falsch ist. und zwar auf Dauer.bestes Wissen’ (wie man völlig zu . Wer also versucht. was Wissenschaftler und Philosophen fast immer versucht haben: die Wahrheit einer Theorie zu beweisen oder unseren Glauben an eine Theorie zu rechtfertigen – der begeht einen grundlegenden Fehler. Nie können wir beweisen. und desto kühner ist auch der schöpferische Akt. und zwar nicht dadurch. daß neue Gewißheiten hinzukommen.wußte’. Die populäre Vorstellung. am Ende als unzutreffend erwiesen. was man einmal .) Die meisten großen wissenschaftlichen Revolutionen sind von atemberaubend kühnen Theorien ausgegangen. dann stützen wir unsere Entscheidungen und Erwartungen immer auf unser . Wir sehen jetzt. daß sie der vorangegangenen Theorie überlegen war. warum wir die eine Theorie der anderen vorziehen. hat sich das meiste von dem. was uns die Theorie sagt. und zwar zu jedem Zeitpunkt. Wenn wir rational handeln. Bei unseren einzelnen Beispielen zum Siedepunkt des Wassers konnten wir nie zeigen. daß unser jetziges . wir konnten aber in jedem Stadium zeigen. für die nicht nur schöpferische Vorstellungskraft.
genau sechs Millimeter’ – überhaupt die Idee einer genauen Messung – überschreitet jede Erfahrung. daß dieses Wissen . dessen Länge sich mit Sicherheit in einem noch engeren Toleranzbereich bewegt. was meßbar länger oder meßbar kürzer ist. Und weitere Verbesserungen werden kommen. Wir wissen lediglich. dann können wir es uns in genau dieser Länge anfertigen lassen – innerhalb des Toleranzbereichs. weil absolut genommen völlig unerreichbar. Wo aber innerhalb dieses Toleranzbereichs die sechs Millimeter genau liegen.Wahrheit’ verhält es sich ganz ähnlich: Beim Streben nach Wissen sind wir bemüht. was das bedeutet. es zu revidieren.wahr’ ist – denn es bildet die am wenigsten unsichere Grundlage. daß Messungen der Menschheit nicht großen. Nach dieser Auffassung ist die Wahrheit eines Satzes – Popper versteht darunter (in Anlehnung an Tarski) seine Übereinstimmung mit den Tatsachen – eine regulative Idee. Ein Vergleich mit dem Begriff der Genauigkeit macht klar. bleibt uns naturgemäß verborgen. Die nächste Verbesserung der Werkzeugmaschinen liefert uns ein Stahlstück. Jede Messung in Zeit oder Raum ist nur mit einem bestimmten Genauigkeitsgrad möglich.Bryan Magee – Karl Popper 28 Recht sagt) und nehmen für praktische Zwecke vorläufig an. es ist eine metaphysische Idee. ja unschätzbaren Nutzen bringen oder daß Genauigkeit. daß die Länge auf den und den Millimeterbruchteil genau ist und daß sie der erwünschten Länge näher kommt als alles. aber das können wir nicht wissen. daß die Erfahrung jederzeit unser Wissen als falsch erweisen und uns zwingen kann. Aber daraus folgt nicht. über die wir verfügen. uns immer mehr an die . Vielleicht ist unser Stahlstück tatsächlich genau sechs Millimeter lang. Wir müssen uns dabei aber immer vor Augen halten. bei Messungen keine Rolle spielt oder daß wir durch immer weitere Verbesserung der Genauigkeit keine Fortschritte erzielen können. der sich mit den höchstentwickelten Maschinen erzielen läßt und heute Bruchteile eines millionstel Millimeters beträgt. Wenn wir ein sechs Millimeter langes Stahlstück bestellen. Doch der Begriff . Mit Poppers Begriff der .
Wir können sogar wissen. Bryan Magee. daß sie beide falsch sind. Sichere Wahrheit erkannte kein Mensch und wird keiner erkennen Über die Götter und alle die Dinge. denn wir sind der Meinung. daß Newtons Theorie wie Einsteins Theorie zur Wissenschaft gehört – aber diese Theorien können nicht beide wahr sein. von denen ich spreche.Bryan Magee – Karl Popper 29 Wahrheit anzunähern. ob wir unser Ziel erreicht haben. war die Herausforderung. S. aber es bleibt uns immer verborgen. die von Einstein kam und sich gegen Newton richtete. Aber im Laufe der Zeit finden sie suchend das Bess’re. Die Newtonsche Physik war die erfolgreichste und bedeutsamste wissenschaftliche Theorie. und es ist auch gut möglich. daß ein Fortschritt erzielt wurde.“2 Ein Lieblingszitat Poppers stammt von dem Vorsokratiker Xenophanes. Alles in der beobachtbaren Welt schien diese Theorie zu bestätigen. Wissen könnt’ er das nicht: Es ist alles durchwebt von Vermutung. Sollte einer auch einst die vollkommenste Wahrheit verkünden. Poppers Sicht der Wissenschaft paßt genau zur Wissenschaftsgeschichte. in Modern British Philosophy. 1971. ed.78 . die jemals vorgelegt und anerkannt wurde. 2 Popper. und er übersetzt es folgendermaßen: Nicht von Beginn an enthüllten die Götter den Sterblichen alles. Was ihm aber die stets hypothetische Natur wissenschaftlicher Erkenntnis vor Augen geführt hat. „Wir können die Wissenschaft nicht mit der Wahrheit identifizieren.
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Mehr als zwei Jahrhunderte lang haben sich ihre Gesetze nicht nur in der Beobachtung bewährt, sondern auch im kreativen Gebrauch, denn sie wurden zum Fundament der westlichen Wissenschaft und Technik. Sie lieferten unglaublich exakte Vorhersagen über eine Vielzahl von Erscheinungen – von der Existenz neuer Planeten bis hin zur Bewegung der Gezeiten und zur Wirkungsweise von Maschinen. Wenn es überhaupt so etwas wie Wissen gab, dann hier, und zwar das sicherste und bestimmteste Wissen, das sich der Mensch jemals über seine physikalische Umwelt verschafft hatte. Wären überhaupt jemals wissenschaftliche Gesetze induktiv als Naturgesetze verifiziert worden, dann diese, und zwar durch ungezählte Milliarden von Beobachtungen und Experimenten. Ganze Generationen von Menschen im Westen hatten gelernt, daß Newtons Gesetze definitive, unerschütterliche Tatsachen sind. Und nun legte Einstein zu Beginn unseres Jahrhunderts eine ganz andere Theorie vor. Die Meinungen darüber, ob Einsteins Theorie zutrifft, waren geteilt, aber unbestreitbar blieb, daß sie ernsthafte Aufmerksamkeit verdiente und daß sie den Anspruch erhob, in ihrem Anwendungbereich über die Theorie Newtons hinauszugehen. Und das ist der entscheidende Punkt. Alle Beobachtungsergebnisse, die mit Newtons Theorie vereinbar waren (und einige, über die sie nichts sagte), waren auch mit Einsteins Theorie vereinbar. (Tatsächlich kann man mit Hilfe der Logik zeigen – und Leibniz hat das vor langer Zeit getan – daß sich jede endliche Anzahl von Beobachtungen mit einer unendlich großen Anzahl von verschiedenen Erklärungen in Einklang bringen läßt.) Die Welt war einfach im Irrtum, als sie glaubte, daß all das ungeheuere Tatsachenmaterial Newtons Theorie beweise. Und doch hatte diese Theorie die Grundlage einer ganzen Kulturepoche mit einem bis dahin unerreichten materiellen Erfolg gebildet. Wenn die Wahrheit einer Theorie nicht durch diese vielen Verifikationen und induktiven Belege zu beweisen war – wodurch dann? Popper wurde klar, daß die Wahrheit einer Theorie unbeweisbar ist. Er sah ein, daß man sich niemals auf eine Theorie als die endgültige Wahrheit verlassen
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darf. Wir können höchstens sagen, daß eine bestimmte Theorie bisher durch jede Beobachtung bestätigt wurde und daß sie mehr, und genauere, Vorhersagen liefert als jede andere. Es wird aber immer noch möglich sein, sie durch eine bessere Theorie zu ersetzen. Wenn Newtons Theorie nicht ein System von Wahrheiten ist, die der Welt innewohnen und die der Mensch aus Beobachtungen der Realität abgeleitet hat – woher stammt sie dann? Die Antwort lautet, daß sie eben von Newton stammt.3 Sie ist eine Hypothese, die ein Mensch aufgestellt hatte und die mit allen damals bekannten Tatsachen vereinbar war. Die Physiker hätten aus ihr weiter Folgerungen ableiten, mit ihnen arbeiten und sich auf sie verlassen können – so lange, bis sie dabei in nicht länger hinnehmbare Schwierigkeiten geraten wären. Die neue Theorie trat jedoch in Erscheinung, bevor es soweit gekommen war, und in der alten Theorie hatte es immer einige Unregelmäßigkeiten gegeben. Eine Theorie mag, wie die Euklidische Geometrie oder die Aristotelische Logik, mehr als zweitausend Jahre lang als objektive Erkenntnis akzeptiert worden und während dieser Zeit fast unbegrenzt fruchtbar und nützlich gewesen sein – und doch kann sie schließlich als in irgend einer Hinsicht unzulänglich befunden und durch eine bessere Theorie ersetzt werden. Wir verfügen jetzt über eine Alternative, die nach Ansicht der meisten Physiker der Theorie Newtons überlegen ist. Aber wir sind damit noch nicht im Besitz der endgültigen Wahrheit. Einstein selbst sah seine Theorie als unvollständig an und verbrachte die zweite Hälfte seines Lebens mit dem Versuch, eine bessere zu finden. Es ist zu erwarten, daß eines Tages eine Theorie vorgelegt wird, die Einsteins Theorie genau so umfaßt und erklärt, wie Einsteins Theorie die Newtons umfaßt und erklärt. Derartige Theorien sind nicht Ansammlungen unpersönlicher
3
Oder vielmehr, folgt man Popper, aus der Wechselwirkung zwischen Newton und Welt 3. Was damit gemeint ist, wird in Kapitel 4 deutlich.
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Fakten über die Welt, sondern Erzeugnisse des menschlichen Geistes. Das macht sie zu hochrangigen, bewundernswerten persönlichen Leistungen. Die wissenschaftliche Schöpfung ist nicht im gleichen Sinne frei wie die künstlerische, denn sie muß eine eingehende Konfrontation mit der Erfahrung überstehen. Trotzdem ist der Versuch, die Welt zu begreifen, eine Aufgabe, die dem Wissenschaftler weiten Raum läßt, und als schöpferische Genies stehen Galileo, Newton oder Einstein auf gleicher Stufe wie Michelangelo, Shakespeare oder Beethoven. Popper ist sich dieser Tatsache bewußt und sieht sie mit Erstaunen, wie sein gesamtes Werk zeigt. Seine Theorie betrifft aber – und das muß man sich klarmachen – die Logik und die Geschichte der Wissenschaft und nicht die Wissenschaftspsychologie. Popper ist so wenig wie jeder andere Wissenschaftstheoretiker in der Vorstellung befangen, die Wissenschaftler seien der Meinung, sie verhielten sich seiner Beschreibung entsprechend. Wichtig ist vielmehr, daß Popper – ob es die Wissenschaftler zur Kenntnis nehmen oder nicht – das Grundprinzip ihres Handelns beschreibt und erklärt, wie sich das menschliche Wissen entwickelt. Was im Verstand eines Wissenschaftlers vorgeht, kann für ihn selbst interessant sein, für seine Bekannten, für seinen Biographen oder für Leute, die sich mit bestimmten Aspekten der Psychologie befassen – aber für die Beurteilung seiner Arbeit ist es unmaßgeblich. Wäre ich Wissenschaftler und würde eine wissenschaftliche Theorie veröffentlichen, dann würde sich die Welt nicht für mein subjektives Ich interessieren, sondern für meine objektive Theorie. Was besagt sie? Ist sie in sich konsistent? Wenn ja, ist sie wirklich empirisch, oder ist sie tautologisch? Wie steht sie da, verglichen mit anderen, bereits gut getesteten, Theorien? Sagt sie mehr aus als diese Theorien? Wie läßt sie sich prüfen? Und so weiter. Man wird die Theorie auf bestimmte Aspekte der Realität anwenden und aus ihr auf deduktivem Wege logische Konsequenzen in Gestalt von singulären Sätzen ableiten, die durch Beobachtung und Experiment prüfbar sind. (Ich kann das tun, genauso gut aber auch ein anderer.)
durch eine bessere ersetzen. Diese Auffassung aber war völlig verfehlt und läßt sich. Poppers Antwort lautet folgendermaßen: Eben weil es wissenschaftlich oder logisch bedeutungslos ist. er ist überflüssig. Der Kritiker beschreibt jedoch einen psychologischen .Bryan Magee – Karl Popper 33 Wir werden die Theorie als desto besser bewährt ansehen. Es gibt so etwas gar nicht. besonders einem Wissenschaftler. Erstens ist es für den wissenschaftlichen oder logischen Status der Theorie unmaßgeblich. ist kein Weg unzulässig. wie hier geschehen. daß Popper gerade den Vorgang nicht berücksichtigt hat. die Theorie zu testen. aus einzelnen Beobachtungen keine allgemeine Theorie folgen kann. nämlich den Vorgang der Theoriebildung. Drittens kommt nirgends die Induktion ins Spiel. Deshalb können Theorien durch Verallgemeinerungen von einzelnen Beobachtungen zustande kommen. daß man auf dem beschriebenen Wege zu völlig einwandfreien Theorien gelangt. wie eine Theorie zustande kommt. und das nennen wir Induktion. und sie sind dazu bestimmt. Das Induktionsproblem ergab sich aus der traditionellen Auffassung von unserer Art zu denken und von der wissenschaftlichen Methode. der über Einsicht und Vorstellungskraft verfügt. Drei Punkte verdienen bei diesem Prozeß besondere Beachtung. und sie kommen auch tatsächlich so zustande. Ein Kritiker könnte einwenden. Zweitens haben die fraglichen Beobachtungen und Experimente nicht etwa zur Aufstellung der Theorie geführt. ein Märchen. bei dem die Induktion auftritt.Sprung’. so mögen diese Beobachtungen doch eine allgemeine Theorie nahelegen. aber der Vorgang ist nicht rein zufällig oder irrational – er gehorcht einer bestimmten Logik. Selbst wenn. sondern sie leiten sich teilweise aus ihr her. auf welchem Wege ich zu ihr gelangt bin. so mag er sagen. je besser sie derartige Tests und Vergleiche mit anderen Theorien besteht. in deren Rahmen kein Induktionsproblem mehr auftritt. so mag unser Kritiker sagen. und deshalb ist es gut möglich. Zugegeben. Laut Popper brauchen wir den Induktionsbegriff gar nicht. vom Einzelnen zum Allgemeinen ist es immer ein .
keinen logischen. daß man sagt.. nicht gibt. „Auch heute ist der Glaube. rational nachkonstruierbare Methode.. so Popper. sei eine . aus denen durch reine Deduktion das Weltbild zu gewinnen ist. durch blitzartige Inspiration und sogar infolge von Mißverständnissen und Fehlern. Daß das nicht erkannt wurde. die Schwachstelle im Fundament der empiristischen Tradition. daß der Weg der Wissenschaft von Beobachtungen zur Theorie führt.irrationales Moment’. die auf unterschiedlichste Art zu Theorien gelangt sind: in Träumen oder traumähnlichen Zuständen. Gesetze... daß es eine logische.’“4 In einem Brief an Popper. daß die meisten Theorien nicht auf solchen Wegen und auch nicht durch Verallgemeinerung experimenteller Beobachtungen zustande kommen. „daß Theorie nicht aus Beobachtungsresultaten fabriziert.Bryan Magee – Karl Popper 34 Prozeß.. das Aufsuchen jener allgemeinsten . Wenn man der Sache nachgeht und sich mit der Geschichte der Wissenschaft befaßt.. sondern durch die Modifizierung bereits vorhandener Theorien. 4 Logik der Forschung. er sei wie Popper der Ansicht. sondern nur erfunden werden kann“. jede Entdeckung enthalte ein . „Unsere Auffassung (von der die Ergebnisse unserer Untersuchung jedoch unabhängig sind). ähnlich spricht Einstein über .. S. etwas Neues zu entdecken. pflegt man oft dadurch auszudrücken. 7 . Mehr noch – die Beobachtung kann der Theorie überhaupt nicht vorangehen. der im Anhang zur Logik der Forschung abgedruckt ist. denn jede Beobachtung setzt irgendeine Theorie voraus.schöpferische Intuition’ (im Sinne Bergsons). sondern nur die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition. dann bleibt kein Zweifel daran. ist. Uns liegen Berichte von Wissenschaftlern vor. Eine Logik der Schöpfung kann es in der Wissenschaft genauso wenig geben wie in der Kunst. betont Einstein ausdrücklich. Und in der Tat hat das ganze Induktionsproblem seine Wurzel darin. Gesetzen führt kein logischer Weg. daß man nicht zwischen Logik und Psychologie unterscheidet. Zu diesen .
„daß Beobachtungen und erst recht Sätze über Beobachtungen und über Versuchsergebnisse immer Interpretationen der beobachteten Tatsachen sind und daß sie Interpretationen im Lichte von Theorien sind. indem ich meinen Vortrag mit der Anweisung begann: . was er nur beobachten konnte. alles niederschrieb. Nicht einmal die Begriffe. Beobachtung ohne Auswahl gibt es nicht. eine begrenzte Aufgabe. die Eigenschaften ausdrücken. Und unsere Theorien sind die Erzeugnisse unseres Geistes. Sie setzt daher auch Ähnlichkeit und Klassifikation voraus. Fußn... 1. wenn ich ihm entgegentrete.Beobachten Sie!’ ist klarerweise absurd.Bryan Magee – Karl Popper 35 noch so weitverbreitet und so fest. Die Anweisung . und dann seine unschätzbare Sammlung von Aufzeichnungen der Royal Society vermachte. ein Problem. daß man ohne Zuhilfenahme einer Theorie oder dergleichen nur von Beobachtungen ausgehen könne.“6 Unser Wissen kann also auf jeder Stufe nur aus unseren Theorien bestehen. S. ein Interesse. absurd. der sein Leben der Naturwissenschaft weihte.V Logik der Forschung. und das wieder ist nicht möglich ohne Interessen. .Nehmen Sie Bleistift und Papier zur Hand. Abschn.. was sie beobachten sollten.. sind uns (wie Empiriker von Locke und Hume an bis auf den heutigen Tag glauben) von außen durch objektive Regelmäßigkeiten in unserer Umwelt 5 6 Vermutungen und Widerlegungen.. Standpunkte und Probleme. . mit Wörtern. daß ich oft auf Unglauben stoße. .“5 Das bedeutet. Wir können uns das anhand der Geschichte von dem Mann klarmachen.. Kap. Ihre Voraussetzung ist ein bestimmtes Objekt. Und die Beschreibung von Beobachtungen setzt eine zur Beschreibung geeignete Sprache voraus. was Sie beobachtet haben!’ Natürlich wollten Sie wissen. beobachten Sie sorgfältig. Vor etwa fünfundzwanzig Jahren suchte ich dieselbe Sache einer Gruppe von Physikstudenten in Wien klarzumachen. damit sie als induktives Beweismaterial verwertet werden könnte. und schreiben Sie auf. 72. ein Standpunkt. *2 . mit denen wir denken. Aber in Wirklichkeit ist der Glaube.
Wenn die Beobachtungen interessant waren. von Theorien. zu deren Erklärung sie aufgestellt wurde. auf die erste: . wie bei einer Theorie. Aber diese Beobachtungen setzen ihrerseits die Annahme eines Bezugsrahmens voraus. die wir betrachten. nach einer Erklärung verlangten und so zur Aufstellung einer neuen Hypothese führten. auf immer primitivere Theorien und Mythen. Und das „Problem . 7 Vermutungen und Widerlegungen. und bei Begriffen führt die Frage . so muß der Grund darin liegen. werden wir am Ende zu unbewußten. angeborenen Erwartungen gelangen. Interessen und Ansichten entwickelt: Unsere Begriffe finden wir nicht. Kap. nach Wahrheit oder Falschheit fragen. Abschn.Was ist Leben?’.Bryan Magee – Karl Popper 36 .gegeben’ – sondern wir haben sie als Antwort auf unsere eigenen Probleme.V . des alten Erwartungshorizonts. Die Gefahr eines unendlichen Regresses besteht hier nicht..Was ist Geist?’) zu unfruchtbarer Analyse und Wortklauberei. Beobachtungen vorausgegangen sein werden – unter anderem die Beobachtungen. Wir kommen darauf in Kapitel 4 wieder zurück.Ein früheres Ei’.“7 An dieser Stelle mündet Poppers Erkenntnistheorie also in eine Evolutionstheorie ein. genau wie unser Wissen.?’ (. eines Rahmens von Erwartungen.Was war zuerst da. daß man sie innerhalb des alten theoretischen Rahmens. nicht erklären konnte. . Wenn wir immer weiter zurückgreifen. Es ist durchaus richtig. die Hypothese (H) oder die Beobachtung (B) ?’ ist ebenso lösbar wie das alte Problem: .Eine frühere Hypothese’. daß jeder Hypothese. 1.Was war zuerst da: die Henne (H) oder das Ei (B) ?’ Die Antwort auf diese zweite Frage ist: . (Mehr darüber im nächsten Kapitel. Aber bei einem Begriff kann man nicht. sondern wir schaffen sie uns.Was ist .) Deshalb sollten wir Begriffserläuterungen vermeiden und statt dessen lieber Theorien prüfen..
nämlich die Tautologien. dann könnte sie sich zwar im Prinzip als falsch erweisen. weil sie unabhängig von der Sachlage notwendig wahr sind. daß es eines Tages regnen wird. kann es noch immer wahr bleiben. Sie sagen uns gar nichts über die Welt. Wenn wir die Aussage in unserem Beispiel dadurch falsifizierbar machen wollen. Die Wahrscheinlichkeit dafür. die Popper an ihre Stelle gesetzt hat. daß sie die induktive Methode verwendet. Was aber kommt dann als Abgrenzungskriterium in Betracht? Zu Poppers Antwort auf diese Frage kann man unter anderem dadurch gelangen. Jeder Narr. dann kann dies nicht das Abgrenzungskriterium sein. ist aber praktisch immer noch zwangsläufig wahr. ist maximal. deren Wahrscheinlichkeit gleich Eins und deren Informationsgehalt gleich Null ist. daß wir sie auf eine endliche Zeitspanne begrenzen (. weil ihr Informationsgehalt minimal ist. daß man sich den Unterschied zwischen der traditionellen Auffassung und der Auffassung klarmacht. kann eine unbegrenzte Anzahl von Vorhersagen mit einer Wahrscheinlichkeit von fast gleich Eins abgeben: Behauptungen wie . Sie bleibt also nutzlos. Wenn es jedoch so etwas wie Induktion gar nicht gibt.Es wird regnen’ sind praktisch zwangsläufig wahr und nie widerlegbar – nie. Wenn wir den Gehalt . Das Kriterium der Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Nichtwissenschaft Nach der (wie ich sie genannt habe) traditionellen Auffassung unterscheidet sich die Wissenschaft von der Nichtwissenschaft dadurch. In der Tat gibt es wahre Aussagen.Bryan Magee – Karl Popper 37 3. Der traditionellen. daß die Aussage zutrifft. denen angesichts des Tatsachenmaterials der maximale Wahrscheinlichkeitsgrad zukommt. induktivistischen Auffassung zufolge suchen Wissenschaftler Aussagen über die Welt.Irgendwann im nächsten Jahr wird es regnen’). so führt er aus. denn selbst wenn viele Millionen Jahre ohne einen Tropfen Regen vergehen. Popper bestreitet das.
dann fangen wir endlich an.In der nächsten Woche wird es in England regnen’. Der Umstand. desto unwahrscheinlicher ist sie nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung. ihren Informationsgehalt ausmacht. so kann jeder Narr auch Aussagen mit sehr hohem Informationsgehalt formulieren. daß sie falsch ist. desto mehr Möglichkeiten gibt es dafür. Je mehr Information nämlich eine Aussage enthält. die sich aus diesen Aussagen ableiten lassen. Und genau für solche Aussagen interessieren sich die Wissenschaftler. nützlicher – bis wir zu Aussagen gelangen wie .Irgendwann im nächsten Jahr wird es in England regnen’). macht sie auch in hohem Grade prüfbar: Der Informationsgehalt einer Aussage ist ihrer Wahrscheinlichkeit umgekehrt und ihrer Prüfbarkeit direkt proportional. . etwas zu sagen. falls sie wahr ist. Je bestimmter wir unsere Aussage gestalten – wir können sie immer mehr einengen: . daß sie sich als unzutreffend erweist.Heute nachmittag wird es in der Londoner Innenstadt regnen’. denn es gibt auf der Erde so manche Stelle. ob sie falsch sind. Wir sind also an Aussagen mit hohem Informationsgehalt interessiert. sind Aussagen mit hohem Informationsgehalt und deshalb geringer Wahrscheinlichkeit.Bryan Magee – Karl Popper 38 unserer Aussage weiter erhöhen und sie zum Beispiel auf eine bestimmte Gegend beschränken (. die trotzdem der Wahrheit nahekommen. wenn er sich nicht darum kümmert.In der nächsten Woche wird es in London regnen’. Gleichzeitig aber wird unsere Aussage immer informativer und. Eine vollständige. und so weiter – desto wahrscheinlicher ist es. wobei die Gesamtheit der nichttautologischen Behauptungen. Jetzt wird zum ersten Mal eine nützliche Information vermittelt. die uns praktisch nichts sagen. daß sie in hohem Grade falsifizierbar sind. eindeutige und genaue Beschreibung der Welt . Was wir brauchen. Genau wie jeder Narr Aussagen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit formulieren kann. wo es im nächsten Jahr nicht regnen wird. Je höher jedoch der Informationsgehalt einer Aussage. die (an einem wolkenlosen Sommertag um die Mittagszeit) ganz bestimmt nicht auf der Hand liegen und deren praktischer Nutzen unbestreitbar ist.
Bryan Magee – Karl Popper 39 wäre die wahre Aussage mit dem maximalen Informationsgehalt. daß die Welt ganz anders ist. 386 S. daß die Wissenschaft „eines der größten geistigen Abenteuer ist.45 . Eine derartige Aussage träfe nur mit einer Wahrscheinlichkeit zu. daß es in der Welt anders aussieht. die von der Wissenschaft enthüllt wird: eine Welt der unbeobachtbaren Entitäten und unsichtbaren Kräfte. Es gehört vielmehr zur Größe und Schönheit der Wissenschaft. die die Welt trägt und unseren Sinnen offenbart. in der alles ineinandergreift und in der eine Ordnung waltet. eine Wirklichkeit höherer Ordnung steht. obwohl Popper vielleicht nicht im üblichen Sinne religiös ist.“1 Ein Gefühl der Ehrfurcht vor der Wissenschaft und der Welt. S. denn Möglichkeiten dafür. und jede mögliche Beobachtung oder Erfahrung würde für sie einen Test. das sind keine Binsenwahrheiten. daß hinter der Welt der Erscheinungen. die der Mensch macht. die unvorstellbar nahe bei Null liegt. Partikeln. die der Mensch bisher kennt“. Wellen. die unser Fassungsvermögen übersteigt. hinter der Alltagswelt des gesunden Menschenverstandes und der üblichen Beobachtungen und Erfahrungen. gäbe es denkbar viele. Schließlich gehen die meisten religiösen Systeme von der Auffassung aus. Und genau so ist die Realität beschaffen. findet sich sogar in Poppers politischen Schriften. In Das Elend des Historizismus sagt Popper. als wir sie uns vorstellten – bevor unsere Vorstellungskraft durch die Widerlegung unserer früheren Theorien angespornt wurde. daß wir durch unsere eigene kritische Forschung lernen können. die durch sie enthüllt wird. „Was die Wissenschaft uns enthüllt.2 Hier kommt so etwas wie eine religiöse Haltung zum Ausdruck. eine potentielle Falsifikation darstellen. Der Mensch hat wohl schon immer Blumen betrachtet und war von ihrer Schönheit und ihrem Geruch bewegt – aber erst seit dem letzten Jahrhundert kann man in dem 1 2 Logik der Forschung. Zellen.
kann man um den Aufbau dieser Zellen und um die Vorgänge bei ihrer Entwicklung wissen. die man sich ohne eine selten kühne Vorstellungskraft nicht einmal auszudenken vermag. wie das Licht von der Blume ins Auge gelangt. Phosphor und viele andere Elemente zu einer komplexen Einheit von Zellen verbinden. daß man ein Gebilde aus organischen Bestandteilen in die Hand nimmt. daß interessante Wahrheiten aus völlig unwahrscheinlichen Behauptungen bestehen. Und wir stehen vor unendlichen Möglichkeiten solcher Entdeckungen. Poppers theoretische Methodologie ist erfüllt von einem allgegenwärtigen. kann man im einzelnen wissen. Diese unausschöpfiichen und fast unglaublichen Wirklichkeiten um uns und in uns sind noch nicht sehr lange entdeckt und werden weiter erforscht. Und er weiß. Stickstoff. dann wird das immer die adhoc-Erklärung sein. Wasserstoff. Popper weiß. Sauerstoff. daß solche gewagten Hypothesen viel eher falsch als richtig und so lange nicht einmal vorläufig akzeptabel sind. die am wenigsten über das vorhandene Tat- . um die genetischen Prozesse. Andererseits weiß Popper auch: Wenn wir bei jeder Begegnung mit einem Problem die wahrscheinlichste Erklärung heranziehen. Er weiß. die alle aus einer einzigen Zelle hervorgegangen sind. zu schmecken und zu spüren. und nach wie vor kommt es zu ähnlich bedeutsamen Neuentdeckungen. lebhaften Gespür für all dies und auch dafür. durch die diese Blume entstanden ist und durch die sie andere Blumen hervorbringt. die es uns erlauben. und im Detail die Funktionen des Auges. die weit in die Zukunft reichen und von denen der Mensch bis fast in unsere Zeit hinein nicht einmal zu träumen wagte. herauszufinden. daß uns jede Entdeckung neue Probleme eröffnet. der Nase und des neurophysiologischen Systems kennen.Bryan Magee – Karl Popper 40 Bewußtsein nach einer Blume greifen. die Blume zu sehen. was mit ihnen nicht in Ordnung sein könnte. daß unser Nichtwissen mit unserem Wissen wächst und daß wir deshalb immer über mehr Fragen als Antworten verfügen werden. bei dem sich Kohlenstoff. als wir keinen ernsthaften Versuch unternommen haben.
. Kühnere Theoriebildung bringt uns zwar weiter. daß wir uns nur dann verbessern können. daß es ein schweres wissenschaftliches Vergehen ist.3 Auf den Wissenschaftler kann diese Erkenntnis eine von Sir John Eccles treffend beschriebene befreiende Wirkung haben: „Der irrige Glaube. die in ihrer Allgemeingültigkeit und ihrem Ausmaß die experimentellen Beweise überschreiten. 146f. recht zu behalten. daß die Hypothese sich als falsch erweist und ganz oder teilweise durch eine andere Hypothese mit größerer erklärender Macht ersetzt werden muß. Man verliert auf diese Weise Angst und Gewissensbisse. Hingegen ist laut Popper die teilweise oder ganze Widerlegung das vorausgeahnte Schicksal für alle Hypothesen.C. daß die Wissenschaft letzten Endes die Gewißheit einer endgültigen Erklärung liefern wird. eine Hypothese veröffentlicht zu haben. Eccles. das nicht mehr Mögliche zu verteidigen.“4 Diese befreiende Wirkung beschränkt sich nicht auf Wissenschaftler. S. Der Gedanke. die Widerlegung einer solchen Hypothese zuzugeben. daß 3 4 Logik der Forschung. Doch davor brauchen wir keine Angst zu haben: „Der Ehrgeiz. die sich letzten Endes als falsch erweist. bei dem Vorstellungskraft und Phantasie zu Begriffsentwicklungen führen. Die präzise Formulierung ideenreicher Einblicke in Hypothesen öffnet den Weg für härteste Prüfungen durch Experimente. wenn wir Verbesserungsmöglichkeiten aufspüren und dann auch realisieren. und ihr Leben mag mit dem Versuch vergeudet werden. S. wenn sich die betreffende Theorie als richtig erweist – wahrscheinlicher aber ist. Daher sind Wissenschaftler oft nicht geneigt. Wahrheit und Wirklichkeit. wobei immer erwartet werden muß. birgt die Folgerung in sich. 225 J. die unsere Lieblingsidee darstellte. verrät ein Mißverständnis“. und die Wissenschaft wird zum atemberaubenden Abenteuer.Bryan Magee – Karl Popper 41 sachenmaterial hinausgeht und die daher am kürzesten greift. und wir sollen uns sogar über die Widerlegung einer Hypothese freuen. daß sich ihre Falschheit herausstellt.
und je größer der Fehler. jemanden dazu zu bringen. Käme Poppers Einstellung zur Kritik in unserer Gesellschaft zum Tragen. die durch seine Aufdeckung ermöglicht wird. daß Kritik übelgenommen wird – weshalb wir eigene und fremde Fehler lieber schweigend übergehen. in denen sie versagt haben.Bryan Magee – Karl Popper 42 wir deshalb Mängel nicht verstecken oder übergehen. verurteilt sich selbst zum Stillstand. die allen diesen Ansprüchen genügen. mag bedeuten.) Wenn in einer Problemsituation mehrere Theorien vorgelegt werden. Wer Kritik begrüßt und sich nach ihr richtet. Aber um auf den Wissenschaftler zurückzukommen: Seine kritische Suche nach immer besseren Theorien führt zu hohen Ansprüchen an jede Theorie. Verbesserung setzt Kritik voraus. (So erklärt sich. In erster Linie muß eine Theorie eine Lösung für ein Problem liefern. Sie muß ihnen jedoch in den Punkten widersprechen. uns für eine von ihnen zu entscheiden. Daß Unterschiede zwischen den Theorien bestehen. daß wir kritische Bemerkungen von seiten anderer als unschätzbare Hilfe begrüßen sollen. Es mag also schwierig sein. daß er Kritik äußert. Aber sie muß auch mit allen bekannten Beobachtungen vereinbar sein und die einschlägigen früheren Theorien als erste Annäherungen enthalten. und zwar bei unserem gesamten Tun. daß sich aus einer von ihnen prüfbare Behauptungen ableiten lassen. sondern aktiv suchen sollen. wer Kritik aus Sorge um die Erhaltung seiner Position bekämpft. die Kontinuität der Wissenschaft. desto größer die Verbesserung. und erwarten. nebenbei bemerkt. Kritik übelzunehmen. dann wäre hierin eine Revolution der sozialen Beziehungen und vor allem der organisatorischen Praxis zu sehen. wird sie fast höher einschätzen als Freundschaft. Wir sind allerdings daran gewöhnt. die er zu formulieren bereit ist. was an unserem Denken und Handeln falsch ist. und sie muß eine Erklärung für ihr Versagen liefern. dann müssen wir versuchen. das uns interessiert. tut uns den denkbar größten Gefallen. Aber wer uns zeigt. die aus der anderen nicht . anstatt sie übelzunehmen – dieser Gedanke wirkt auf uns alle ungemein befreiend. Wir gehen darauf noch ein.
die herrschende Lehre umzustürzen.Bryan Magee – Karl Popper 43 ableitbar sind. und sie müssen selten zwischen Theorien wählen. eine Theorie A habe einen höheren (oder niedrigeren) Bewährungsgrad als eine konkurrierende Theorie B im Lichte der kritischen Diskussion – zu der Prüfungen gehören – bis zu einem Zeitpunkt t. empirisch entscheidbar sein. sondern sie ist auch nützlicher. und wie sie diese Prüfungen bestanden hat. Man hat darauf hingewiesen. die Strenge der Prüfungen. die am besten bewährt ist und den höchsten Informationsgehalt aufweist – und diese Theorie setzt sich deshalb durch oder sollte sich durchsetzen. Kuhn in 5 Objektive Erkenntnis. 18 . Eine solche Theorie hat sich nicht nur besser bewährt. so liefert uns immer diejenige Theorie die besten Ergebnisse. der sie unterzogen wurde. daß die überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler überhaupt nie versucht. In diesem Falle kann die Frage. Unter sonst gleichen Bedingungen werden wir. sondern daß sie sich mit ihrer Arbeit im Rahmen dieser Lehre bewegt und dabei zufrieden ist. Diese Wissenschaftler führen keine Neuerungen ein. anerkannte Theorien anzuwenden. der Grad ihrer Prüfbarkeit. (Hierfür hat sich der Ausdruck .normale Wissenschaft’ eingebürgert. der (zu einem bestimmten Zeitpunkt) den Stand der kritischen Diskussion einer Theorie hinsichtlich folgender Punkte bewertet: wie die Theorie ihre Probleme löst.“5 Stehen also verschiedene Theorien im Wettbewerb. immer der Theorie mit dem höheren Informationsgehalt den Vorzug geben – weil sie besser geprüft wurde und weil sie uns mehr sagt. Wie die Bevorzugung ist die Bewährung wesentlich komparativ: Im allgemeinen kann man nur sagen. nach entsprechender Prüfung. Ihre Tätigkeit besteht darin. S. die miteinander im Wettbewerb stehen. welcher Theorie der Vorzug gebührt. Bewährung(sgrad) ist also ein bewertender Bericht über die bisherigen Leistungen. „Unter dem Bewährungsgrad einer Theorie verstehe ich einen konzentrierten Bericht. den Thomas S.
7 Wenn wir. daß die meisten Wissenschaftler Theorien. Und es trifft auch zu. ist eine soziologische Theorie über die Arbeit von Wissenschaftlern in unserer Gesellschaft. über die Verwendung von Theorien reden. deren Tun Popper mit seinen Theorien ganz offensichtlich gerecht wird. der ja gerade eine Logik der Problemlösung liefert. die diese Theorien und dieses Wissen anwenden. Nehmen wir beispielsweise an. Wahrheitsgehalt zukommt. 1976 – The Structure of Scientific Revolutions. die sich näher mit dieser Frage befassen möchten. v. spricht aber nicht gegen Popper.) Der Hinweis ist meiner Ansicht nach berechtigt.Bryan Magee – Karl Popper 44 Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen6 in diesem Sinne verwendet. Musgrave. als erwiesen ansehen. und außerdem hat Kuhn sie seit der ersten Formulierung erheblich in Richtung auf Poppers Auffassung abgewandelt. die aus einer Theorie folgen. u. erg. wie jetzt. 6 7 2. Popper hat sich immer in erster Linie mit Entdeckungen und Neuerungen und deshalb mit der Prüfung von Theorien und mit dem Wachstum des Wissens befaßt. was Kuhn liefert. 1974 – Criticism and the Growth of Knowledge. einschließlich der falschen. Leser. Es trifft zu. um auf einer niedrigeren Stufe Probleme lösen zu können. Imre Lakatos und Alan E. die nur von wenigen Kollegen bestritten werden. 2nd ed. daß auch hier Poppers Ansatz greift. Soziologie usw. daß sich Poppers Schriften in etwas erhabener Exklusivität auf die bahnbrechenden Genies der Wissenschaft beschränken. Es zeigt sich jedoch. dann stellt sich die Frage nach ihrem Wahrheitsgehalt. Mit diesem Ausdruck bezeichnet Popper die Klasse der wahren Aussagen. daß allen empirischen Aussagen. 1970 . Kuhn dagegen fragt danach. bei ihrer Arbeit vorgehen. Aufl. wie die Menschen. 1970 Hrsg.. Diese Theorie ist mit Poppers Ansicht durchaus vereinbar. seien auf das Symposium Kritik und Erkenntnisfortschritt verwiesen. gewahrt. Popper hat immer sorgfältig die (bereits erwähnte) Unterscheidung zwischen der Logik des wissenschaftlichen Handelns und seiner Psychologie. Man muß sich klarmachen. rev.
Aber üblicherweise müssen Wissenschaftler mit einer Theorie arbeiten.Es ist jetzt genau zwölf Uhr’ falsch. die aus unserer falschen Aussage folgen.Das französische Wort für diesen Wochentag besteht aus fünf Buchstaben’ oder .Heute ist nicht Donnerstag’ und viele andere wahre Aussagen. Dann ist die Aussage . viele wahre Schlüsse erlaubt – möglicherweise mehr als ihre Vorgänger – und deshalb äußerst bedeutsam und nützlich sein kann. Dann ist die Aussage . mehr gedient als mit einer Aussage. daß wir uns mit falschen Aussagen zufriedengeben sollten.Heute ist nicht Mittwoch’. die nicht wahr ist. daß man seine Prämissen entkräftet. Aber für fast jeden denkbaren Zweck hat diese falsche Aussage mehr sachdienlichen und nützlichen Wahrheitsgehalt als die wahre Aussage . zum Beispiel: . von der sie wissen. Natürlich wird der Wahrheitsgehalt einer beliebigen Theorie zum größten Teil entweder trivial oder für unseren jeweiligen Zweck unbrauchbar sein – offensichtlich kommt es auf den sachdienlichen oder nützlichen Wahrheitsgehalt an. empfiehlt Popper. daß wir unsere Theorien so klar wie möglich formulieren. daß aus diesem Grunde eine wissenschaftliche Theorie. Ich will damit natürlich nicht sagen.Es ist jetzt zwischen zehn Uhr morgens und vier Uhr nachmittags’. um sie ganz unzweideutig der Wider- .Bryan Magee – Karl Popper 45 heute sei Montag. die wahr aber unbestimmt ist.Heute ist nicht verkaufsoffener Samstag’. die nicht ganz zutrifft. Nehmen wir an. Wichtiger in unserem Zusammenhang ist. Wie bereits erwähnt. . daß sie fehlerhaft ist. Jede falsche Aussage hat eine unbeschränkte Anzahl wahrer Konsequenzen – und deshalb kann man bei einer Diskussion die Schlüsse des Gegners nicht dadurch widerlegen. In der Wissenschaft verhält es sich nicht anders: Für die meisten Zwecke ist uns mit einer klaren Aussage. Doch aus dieser falschen Aussage folgen die Aussagen . es sei jetzt eine Minute vor Zwölf. weil vorläufig keine bessere Theorie zur Verfügung steht.Heute ist Dienstag’ falsch. Tatsächlich sind eine unbeschränkte Anzahl anderer Aussagen wahr. Aber der kann einer falschen Aussage sogar in höherem Maße zukommen als einer richtigen.
doch geschieht. Und nur dann. die diese Theorie widerlegt. die wir zu Beginn dieses Kapitels aufgeworfen haben. keine Beobachtung. wenn etwas. läßt sich dann nicht aufgrund von Beobachtungen entscheiden. wenn man sich eine Beobachtung vorstellen kann. Und damit kommen wir zu Poppers Antwort auf die Frage. Er war beeindruckt und begeistert davon. kein Experimentalergebnis als Beleg für die Theorie beansprucht werden. dann kann kein Umstand. Eine wissenschaftliche Theorie. ist sie wissenschaftlich. Entscheidend ist dabei folgendes: Wenn es nichts gibt. Sie vermittelt also keine wissenschaftliche Information. und sich dadurch vorbehaltlos einer Widerlegung aussetzte. was möglicherweise geschehen kann: Im Gegenteil – sie verbietet das meiste von dem. um beide in Übereinstimmung zu halten und dadurch systematisch einer Widerlegung auszuweichen. weil der junge Popper unter anderem durch Überlegungen zu diesen Theorien zu seinem Abgrenzungskriterium gelangt ist. setzt sich also selbst laufend einem Risiko aus. die diesen Namen verdient. Eine Theorie ist nur dann prüfbar. Aus der Allgemeinen 8 Siehe S. wie Einsteins Relativitätstheorie beobachtbare Effekte vorhersagte. Ob die Theorie wahr oder falsch ist. was möglich ist.Bryan Magee – Karl Popper 46 legung auszusetzen. Das Kriterium der Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Nichtwissenschaft ist die Falsifizierbarkeit. die niemand auch nur im Traum erwarten konnte. die alles erklärt. Ich habe eben Marxismus und Psychoanalyse erwähnt. Sie ersetzen dabei Wissenschaft durch Dogmatismus. 19 . was sie verbietet. wenn sich die Theorie prüfen läßt. während sie doch Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben.8 Genau das aber tun viele Marxisten und viele Psychoanalytiker. was sich mit einer Theorie nicht vereinbaren läßt. Deshalb wird sie auch aufgegeben. Und auf methodologischer Ebene sollten wir Popper zufolge nicht laufend unsere Theorie oder unser Beweismaterial neu formulieren. Eine wissenschaftliche Theorie ist nicht eine Theorie.
(Übrigens ist Einsteins Weg von der Speziellen zur Allgemeinen Relativitätstheorie das Thema eines unvollendeten Buches von Popper. Und Popper erkannte. . die wissenschaftlichen Anspruch erhoben und zu Poppers Jugendzeit in Wien intellektuelle Mode waren – etwa die Theorien von Freud und Adler –. Die Schwierigkeit bestand darin. bei einer der berühmtesten wissenschaftlichen Beobachtungen des Jahrhunderts. wichen einem derartigen Risiko von vornherein aus. daß der größte Fehler dieser Theorien gerade auf der Eigenschaft beruhte. daß Licht von Körpern mit großer Masse angezogen wird. weil die Sonne sie überstrahlt. Mai statt. Anders lag der Fall beim Marxismus. dann würden sie aufgrund der Ablenkung der Lichtstrahlen an anderen als den uns bekannten Positionen erscheinen. Normalerweise sehen wir solche Sterne bei Tag nicht. der einzigen anderen modischen Theorie. das auf seinem Weg von einem Stern zur Erde die Sonne in geringem Abstand passiert. die wissenschaftlichen Anspruch erhob und vergleichbare Anziehungskraft ausstrahlte.Bryan Magee – Karl Popper 47 Relativitätstheorie folgt. Andere Theorien. von der ihre Anhänger so überzeugt und bewegt waren – auf der Eigenschaft. alles zu erklären. aber wenn wir sie sehen könnten. Keine wie auch immer geartete Beobachtung konnte zu ihnen im Widerspruch stehen. daß man einen Fixstern bei Tag unter geeigneten Umständen photographiert und dann wieder bei Nacht. durch das Schwerefeld der Sonne abgelenkt werden muß. Die vorhergesagte Abweichung läßt sich dadurch überprüfen. von der aus nach seiner Berechnung die Sterne aufgrund einer Sonnenfinsternis bei Tag sichtbar und damit photographierbar waren. wenn die Sonne woanders steht. Und Einsteins Theorie hat sich bei diesen Beobachtungen bewährt. Aus ihr ließen sich tatsächlich falsifizierbare Voraussagen ableiten. daß – falls diese Folgerung zutrifft – Licht. Solche Theorien hatten für jedes Vorkommnis eine Erklärung parat (wenn auch jeweils eine andere).) Einstein erkannte. Die Beobachtungen fanden am 29. Im Jahre 1919 führte er eine Expedition in eine Gegend Afrikas. Genau so ist Eddington verfahren.
sei es. was noch wichtiger ist. alles zu erklären. und sie erkannten eine neue Wahrheit. aber unzutreffend. sondern. Ein Marxist war nicht imstande. Was immer sich ereignete. So schien ihre Wahrheit offenbar zu sein. Die Welt war voll von Verifikationen der Theorie. Psychoanalytiker der Schule Freuds betonten. Sie maßen ihren Ideen in der Praxis die unfalsifizierbare Gewißheit eines religiösen Glaubens bei (so. waren offenkundig Leute. was die Zeitung nicht brachte. sah man überall bestätigende Beispiele. oder infolge von Verdrängungen. die die offenbare Wahrheit nicht sehen wollten.Bryan Magee – Karl Popper 48 daß einige dieser Voraussagen bereits falsifiziert waren. . daß ihre Theorien ständig durch ihre . so bemerkt Popper. was auch immer geschieht. Und wenn einem die Augen geöffnet worden waren. auch die Gewißheit. Aber die Marxisten weigerten sich.analysiert’ waren und dringend der Behandlung bedurften. eine Zeitung aufzuschlagen.. ohne auf jeder Seite seine Geschichtsauffassung bestätigt zu finden: nicht nur in den Nachrichten selbst. daß diese Ideen wissenschaftlich seien. um sich die Falsifikation vom Leibe zu halten. Popper hat oft betont. die noch nicht . daß das Geheimnis der enormen psychologischen Anziehungskraft dieser Theorien in ihrer Fähigkeit liegt. die Wirkung „einer intellektuellen Bekehrung oder Offenbarung. und die. in der sie geboten wurden – denn aus dieser ging in klarer Weise der Klassenstandpunkt des Blattes hervor – und natürlich ganz besonders in dem. die nicht daran glaubten.. und wenn sie darauf beharrten. und lieferten ohne Unterlaß Neuformulierungen der Theorie (und des Beweismaterials). weil sie ihrem Klasseninteresse widersprach. der hat nicht nur das Gefühl der intellektuellen Überlegenheit. das zur Kenntnis zu nehmen. Die Annahme einer dieser Theorien hat. war eine Bestätigung für sie. Wer im voraus weiß. sondern auch in der Form. dann war das zwar ehrlich gemeint.klinischen Beobachtungen’ verifiziert . wie es die Psychoanalytiker in der Theorie taten). sich in der Welt zurechtzufinden. die den Uneingeweihten verborgen war. daß er in der Lage sein wird. Den Eingeweihten gingen die Augen auf. zu verstehen.
ihre Theorien bestätigen. aber nach Art und Weise von Mythen. über einen Fall in der Beratungsstelle. Ich war darüber etwas schockiert und fragte ihn. Er aber hatte nicht die geringste Schwierigkeit. Abschn. wie die Analytiker naiverweise glauben. von beträchtlicher Bedeutung ist. Aber die . ihn im Sinne seiner Theorie als einen Fall von Minderwertigkeitsgefühlen zu diagnostizieren.Und mit diesem Fall ist Ihre Erfahrung jetzt eine tausendund-einfache geworden!’“9 Popper hat derartige Theorien niemals – und das kann nicht deutlich genug betont werden – als wertlos und oder gar als Unsinn verworfen. und es mag durchaus eines Tages in einer wissenschaftlichen – das heißt prüfbaren – Psychologie seine Rolle spielen. was sie sagen. Ich persönlich zweifle nicht daran. obwohl er das Kind nicht einmal gesehen hatte. 1. Und was Adler anbelangt. Kap. wieso er seiner Sache so sicher sein könne. so hatte ich selbst ein Erlebnis. . daß Freud und Adler nicht gewisse Dinge richtig gesehen haben. Sie enthalten hochinteressante Gedanken über psychologische Probleme. im Jahre 1919. worauf ich mich nicht enthalten konnte zu erwidern: . auf die die Astrologen in ihrer Praxis täglich stoßen. „Damit soll nicht gesagt sein. I . daß derartige Mythen eine Entwicklung zur 9 Vermutungen und Widerlegungen.Bryan Magee – Karl Popper 49 wurden. Das haben aber von Anfang an viele angenommen.“ „Es war mir aber klar. daß vieles von dem. aber leider nicht in prüfbarer Form. der mir nicht sehr . Ich berichtete ihm damals. Überich und Es kann kaum mehr Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben als Homers gesammelte Geschichten vom Olymp. das auf mich großen Eindruck machte. Freuds Epos vom Ich. sind dazu ebenso ungeeignet wie die bestätigenden Beobachtungen.adlerianisch’ vorkam. Diese Theorien erklären einige Tatsachen.klinischen Beobachtungen’.Auf Grund meiner tausendfachen Erfahrung’ war seine Antwort. die Popper den logischen Positivisten zugerechnet und ihn infolgedessen mißverstanden haben. die.
alles. daß historisch betrachtet alle oder doch die meisten wissenschaftlichen Theorien aus Mythen entstanden sind und daß ein Mythos wichtige wissenschaftliche Theorien vorwegnehmen kann. obwohl sie ihrer Entstehung nach vielleicht auf Beobachtungen zurückgeht. in Einsteins blockartiges Weltall verwandelt (in dem sich auch nie etwas ereignet.unsinnig’ zu gelten habe. sei Unsinn.metaphysisch’ (wie man sagen könnte) angesehen wird. damit nicht zugleich als unwichtig. Als Beispiel nenne ich Empedokles’ Theorie der Entwicklung durch Versuch und Irrtum oder den Mythos des Parmenides von einem unwandelbaren blockartigen Weltall. Und sie gelangten zu der Ansicht. daß eine Theorie. die keinen Anspruch darauf erheben. sinnlos oder gar .Bryan Magee – Karl Popper 50 Prüfbarkeit durchmachen können. Da sind einmal die Sätze der Logik und der Mathematik. 10 Vermutungen und Widerlegungen. im wissenschaftlichen Sinn durch Erfahrung gestützt zu sein. den metaphysischen Wortschwall zu beseitigen. daß es zwei Arten von bedeutsamen Aussagen gibt. Man glaubte. II . Die logischen Positivisten waren entschlossen.“10 Popper hat die Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium zwischen Wissenschaft und Nichtwissenschaft vorgeschlagen. der die Philosophie belastet hatte. daß man sein Kriterium als Abgrenzungskriterium zwischen Sinn und Unsinn auffaßte. die als nicht-wissenschaftlich oder . da ja vierdimensional gesehen alles vom Urbeginn an determiniert und festgelegt ist). was nicht Wissenschaft ist. in dem sich nichts ereignet. das sich aber. Das erste und immer noch oft zu lesende Mißverständnis von Poppers Werk beruhte darauf. Abschn. wenn wir noch eine Dimension hinzufügen. Ich war daher überzeugt. unbedeutend. Aber eine solche Theorie kann nicht den Anspruch erheben. Kap. und setzte darum – ganz gegen Popper – die Abgrenzung zwischen Wissenschaft und Nichtwissenschaft der zwischen Sinn und Unsinn gleich. und ihr zentrales Anliegen war die Suche nach einem Abgrenzungskriterium zwischen wirklich inhaltsreichen und inhaltsleeren Aussagen. 1.
historisch gesehen. die Wissenschaft hervorgegangen. Das Verifikationsprinzip würde also nicht nur die Metaphysik ausschalten. muß demnach sinnlos sein. Gerade aus der Metaphysik – aus abergläubischen. die Idee des einen Urstoffs. daß Mathematik und Logik dasselbe sind) und der auch nicht empirisch verifizierbar ist.Bryan Magee – Karl Popper 51 Information über die empirische Welt zu liefern und sich deshalb ohne Bezug auf die Erfahrung als wahr oder falsch erweisen lassen: die wahren Sätze sind Tautologien. die von Bacon als erdichtet bekämpfte Theorie der Erdbewegung. zum Beispiel wissenschaftliche Gesetze. die Fluidumtheorie der Elektrizität (wieder aufgelebt in der Elektronengashypothese der metallischen Leitung). die den Anspruch erheben. sicher nicht empirisch verifizierbar. kann prüfbar und damit wissenschaftlich werden. Zweitens wird mit dem Verifikationsprinzip die Sinnlosigkeit aller Metaphysik verkündet. S. 222 . Deshalb sah man in der Verifizierbarkeit das Abgrenzungskriterium zwischen sinnvollen und sinnlosen Aussagen über die Welt. Eine Idee. die zu einer bestimmten Zeit nicht prüfbar und deshalb metaphysisch ist. die falschen Kontradiktionen. wenn sich die Umstände ändern. „Beispiele solcher Entwicklungen sind: der Atomismus. Popper hat dieser Auffassung von Anfang an aus verschiedenen Gründen widersprochen. sondern die gesamte Naturwissenschaft.“11 Eine metaphysische Theorie 11 Logik der Forschung. Information über die empirische Welt zu liefern und deren Wahrheit oder Falschheit sich in der Realität auf irgendeine Weise zeigen muß und deshalb durch Beobachtung zu ermitteln ist. die uralte Korpuskulartheorie des Lichtes. mythischen oder religiösen Weltauffassungen – ist aber. bei dem es sich nicht um eine formale Aussage der Mathematik oder der Logik handelt (Bertrand Russell hat versucht zu zeigen. Erstens sind – ob sich nun singuläre Aussagen empirisch verfizieren lassen oder nicht – universelle Aussagen. Jeder Satz. Andererseits gibt es Sätze.
Viele ihrer Argumente gegen Popper beruhen auf dieser falschen Annahme. Popper habe den Einfall gehabt. hielten sie ihn für ihresgleichen. und ihnen dabei unangenehm bewußt wurde. Argumenten wie diesen zu begegnen. sie mag sogar wahr sein.Bryan Magee – Karl Popper 52 mag nicht nur sinnvoll. die Metaphysik als Unsinn abzutun – er hat immer erklärt. daß Popper niemals in irgendeiner Form Positivist war. waren die logischen Positivisten so vom Sinnproblem besessen und in der Ansicht befangen. an seiner Stelle das der Falsifizierbarkeit vorzuschlagen. daß sie auf Poppers Feststellung. es laufe doch ziemlich auf das gleiche hinaus. kritisch zu diskutieren und ihr Für und Wider zu vergleichen. Wie bereits bemerkt. Popper ist also weit davon entfernt. unwissenschaftliche Theorien seien sinnlos. dann kann es keine empirischen Belege für sie geben. entgegneten. die für sie von zentraler Bedeutung waren. . wie stark einige der Argumente gegen das Kriterium der Verifizierbarkeit waren. Weil Popper mit ihnen über Themen diskutierte. hat schließlich zum Verschwinden des logischen Positivismus geführt. die sich nicht empirisch testen lassen. Aber anfänglich haben die logischen Positivisten Popper in ihrem Sinne verstanden und ihn deshalb lange verkannt. zum Beispiel über die Existenz von Regelmäßigkeiten in der Natur. ein Abgrenzungskriterium zwischen Sinn und Unsinn zu finden. daß er metaphysische Anschauungen vertritt. wenn man allein verifizierbare und tautologische Aussagen als sinnvoll zuläßt. Das anhaltende Unvermögen der logischen Positivisten. er bezwecke mit seinem Vorschlag etwas völlig anderes. und sie ist nicht als wissenschaftlich anzusehen. Als drittes und vernichtendes Argument führt Popper gegen die logischen Positivisten an. Immerhin sind wir in der Lage. Tatsache ist. glaubten sie. Theorien. Wenn wir aber keine Möglichkeit haben. daß jede Debatte über den Sinnbegriff zwangsläufig sinnlose Aussagen enthält. sie zu prüfen. Und weil ihr Hauptziel darin bestand. Im Ergebnis kann dann eine Theorie einer anderen überlegen erscheinen.
Bei guten wissenschaftlichen Definitionen ist noch etwas anderes zu beachten: Sie sind. die Lautfolge . Physiker verzichten üblicherweise darauf. Popper würde sagen.Bryan Magee – Karl Popper 53 Ganz im Gegenteil – er ist entschiedener Antipositivist und hat von Anfang an die Argumente vorgebracht. weshalb Physiker sie zum größten Teil undefiniert lassen. weil sie sich auf keine denkbare Weise falsifizieren läßt. ist die Vorstellung.Gott existiert’ sei ein sinnloses Geräusch. die schließlich (nach sehr langer Zeit) zur Auflösung des logischen Positivismus geführt haben. die Aufstellung eines Sinnkriteriums sei ein grundlegender philosophischer Irrtum. nachweislich inkonsequent. nicht . Eine genaue Analyse und Definition derartiger Begriffe würde zu unerschöpflichen Schwierigkeiten führen. den Sinn der vielen Begriffe – etwa von . Ähnlich verhält es sich mit der Vorstellung. auch sie ist nachweislich falsch. daß es sich um eine Aussage handelt. präzises Wissen erfordere präzise Definitionen.Licht’ – zu definieren. und man ist dann gezwungen. über das wir verfügen. läßt sich anhand von ganz einfachen Beispielen zeigen: Die logischen Positivisten hätten gesagt. Popper hat nicht nur kein Sinnkriterium vorgeschlagen – er hat auch immer die Ansicht vertreten. Daß Popper einen völlig anderen Ansatz vertritt als die logischen Positivisten.Energie’ oder von . So gelangt man überhaupt nie zu einer Diskussion. muß man auf neue Begriffe zurückgreifen (andernfalls wäre die Definition ja zirkulär). weil man nie die notwendigen Präliminarien abschließen kann. der Sinn zukommt und die wahr sein könnte. Denn jedesmal. Wir müssen deshalb in der Diskussion auch Undefinierte Begriffe verwenden. sondern sogar für schädlich. Die übliche Diskussion des Sinns von Worten hält er nicht nur für langweilig. eigentlich von rechts nach links zu lesen. daß wir unsere Begriffe erst definieren müssen. Und doch liefert uns die Physik das präziseste und umfassendste Wissen. mit denen sie laufend arbeiten. wie Popper sagt. die neuen Begriffe ihrerseits zu definieren. bevor wir eine sinnvolle Diskussion führen können. wenn man einen Begriff definiert. Wie Popper bemerkt. daß es aber keine wissenschaftliche Aussage ist.
Der Satz . um eine . den Bereich in Betracht zu ziehen. daß es einen solchen Bereich nicht gebe. sondern vielmehr in seiner expliziten Anerkennung. 27f. daß sie sich sorgfältig bemüht. II. „Die Idee. nur wäre die Verständigung zwischen den Physikern etwas beschwerlicher.Düne’ oder . Die Präzision einer Sprache hängt vielmehr gerade davon ab. um . S. das zwei Neutronen umfaßt?’. aber ich halte sie nichtsdestoweniger für ein bloßes Vorurteil.Dünen von einer Höhe zwischen einem und acht Metern’ oder . innerhalb dessen Fehler auftreten können. diesen Bereich zur Gänze zu beseitigen.Was ist ein Di-Neutron?’ Das Wort .Di-Neutron’ ist ein praktischer Ersatz für eine lange Beschreibung.“12 Etwas überspitzt formuliert.Wind’ ist sicher sehr vage.Wie wollen wir ein instabiles System nennen. wenn ein höherer Grad der Unterscheidung verlangt wird. das zwei Neutronen umfaßt’ ist die Antwort des Wissenschaftlers auf die Frage . Bei physikalischen Messungen zum Beispiel bemühen wir uns immer. Ohne dieses Wort ginge die Physik genauso weiter.Wind’ genannt zu werden?) Dennoch sind diese Begriffe für viele Zwecke des Geologen hinreichend genau. Ein Begriff wie . nicht mehr – seine Analyse liefert keine Aufschlüsse über die Physik. noch in der Behauptung. daß die Genauigkeit der Wissenschaft oder der wissenschaftlichen Sprache von der Genauigkeit ihrer Begriffe abhängt.Wind von einer Geschwindigkeit zwischen fünfzehn und dreißig Kilometern pro Stunde’. .Bryan Magee – Karl Popper 54 von links nach rechts. könnte man behaupten.Düne’ zu heißen? Wie schnell muß sich die Luft bewegen. Und in den mehr exakten Wissenschaften ist die Situation ähnlich. ist sicher sehr plausibel. und in anderen Umständen. präzise zu sein.Ein Di-Neutron ist ein instabiles System. ihre Begriffe nicht mit der Aufgabe zu belasten. und Präzision besteht weder in dem Versuch. (Wie viele Zentimeter hoch muß ein kleiner Sandhügel sein. nicht eine Antwort auf die Frage . daß sich auf 12 Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. kann er immer sagen .
sich klar und deutlich auszudrücken. je weniger über den Sinn von Worten diskutiert wird. ist wie ein Zimmermann. daß es unmaßgeblich bleibt. so arbeiten. das alle denkenden Menschen interessiert. und für mich ist die Philosophie. 1959) . daß es zumindest ein philosophisches Problem gibt. S. die für die nächste Generation maßgeblich war. wozu man sie gebraucht – in diesem Falle zur Formulierung und Diskussion von Theorien über die Welt. verpflichtet. wenn es solche überhaupt gibt. daß es keine echten philosophischen Probleme gibt. die wir ja zu dieser Welt gehören. der sich sein Leben lang mit der Sprache beschäftigt. glaube ich. wie sie ihre Worte gebrauchen. der sich aus dem logischen Atomismus entwickelt hat und eine Generation lang vorherrschte. seine Werkzeuge zu schärfen.XIV (Vorwort zur 1. und unser Wissen. wie jedermann. ausschließlich wegen ihres Beitrages zur Kosmologie interessant. nicht anders als die Physiker. aber sie sollten. „Die Sprachanalytiker glauben. die Welt zu verstehen – auch uns selbst. und die Sprachanalyse. Die Sprache ist ein Werkzeug. Ein Philosoph. Von diesem Standpunkt aus hat Popper laufend die beiden Philosophien angegriffen. Philosophen sind. die auf Wittgenstein zurückgehen: den logischen Positivismus. und entscheidend ist.Bryan Magee – Karl Popper 55 einem Forschungsgebiet desto mehr nützliche Erkenntnisse zeigen.“13 13 Logik der Forschung. der seine ganze Arbeitszeit damit verbringt.) Für klares Denken und präzises Wissen sind derartige Diskussionen entbehrlich – im Gegenteil. englischen Ausg. Ich glaube jedoch. ebenso wie die Naturwissenschaft. Probleme des Sprachgebrauchs und Fragen über den Sinn oder die Bedeutung von Wörtern sind. Es ist das Problem der Kosmologie: das Problem. sie verschleiern beides und führen zwangsläufig zu endlosem Wortstreit statt zu fruchtbaren Auseinandersetzungen. Alle Wissenschaft ist Kosmologie in diesem Sinn. (Eine Ausnahme bildet natürlich die Sprachforschung. oder daß die Probleme der Philosophie.
(Im heutigen Sinne des Wortes ist Popper Realist. die zur ersten Gruppe gehörten. daß man an beiden Problemen arbeitet. aber man sollte keine davon zu weit treiben: Irreführend ist bei allen besonders der Umstand. Offensichtlich ist es unmöglich. Ein Dualismus jedoch durchzieht fast die gesamte Philosophiegeschichte: Der einen Sicht zufolge versucht die Philosophie zu verstehen. Die Philosophie in der englischsprachigen Welt hat sich in unserem Jahrhundert meist auf die Erhellung von Begriffen konzentriert. die Welt zu verstehen.B. daß eine materielle Welt unabhängig von der Erfahrung existiert. für etwas. 1959 .) Ganz am Anfang seines Buches Philosophie: Die Entwicklung meines Denkens14 berichtet Bertrand Russell. ohne daß sich die Realität ändert’). 14 1973 – My Philosophical Development. welchen Gebrauch wir von Begriffen machen. die zwischen Nominalisten und Realisten. denn er glaubt.Bryan Magee – Karl Popper 56 Die Philosophiegeschichte verzeichnet viele Dichotomien (z. das man verwendet. für die er heute berühmt ist – die Sprache „immer für eine Art . Trotzdem werden oft völlig andere Schwerpunkte gesetzt.Begriffe sind selbst reale Entitäten und kommen vor den Einzeldingen. Materialisten und Idealisten). und deshalb sind die Dinge vorrangig: die Bezeichnungen können ausgewechselt werden. (. wie er bis etwa 1917 – er war damals 45 und hatte fast die gesamte philosophische Arbeit geleistet. und deshalb glaubt man gewöhnlich in beiden Lagern mit einigem Recht. die sich aus ihnen ableiten und von ihnen abhängen’) und den Nominalisten. die Welt zu verstehen. Empiristen und Transzendentalisten. daß sich die Großen gewöhnlich nicht klar einordnen lassen.Begriffe bezeichnen Dinge.durchsichtiges Medium’ gehalten [hatte]. Im Mittelalter gab es die berühmte Unterscheidung zwischen den Realisten (für uns ist diese Bezeichnung heute irreführend). die der zweiten Gruppe zuzurechnen sind (. der anderen zufolge versucht sie. Poppers Philosophie ist entschieden anderer Natur. ohne dabei Begriffe zu gebrauchen.
Wittgenstein dagegen war sein ganzen Leben lang von der Sprache. Wittgensteins einschlägiges Hauptwerk. Tractatus Logico-Philosophicus.) In Philosophie: Die Entwicklung meines Denkens schreibt Russell:16 „In diesen – den auf 1914 folgenden – Jahrzehnten haben in Großbritannien drei philosophische Richtungen nacheinander das Feld beherrscht: zuerst kam Wittgensteins Tractatus. Sein erstes Buch. ausschließlich zum Guten. danach die logischen Positivisten. dem Wittgenstein des Tractatus) W II nennen will – finde ich bis auf den heutigen Tag total unverständlich. Die Zielsetzungen der logischen Positivisten waren mir im großen und ganzen sympathisch. wie ich heute meine. (Als nächstes wäre Gilbert Ryles Der Begriff des Geistes15 zu nennen.Bryan Magee – Karl Popper 57 ohne ihm weiter Beachtung schenken zu müssen“. das Buch sei verfehlt. hat die britische Philosophie wahrscheinlich mehr beeinflußt als jedes andere Buch seit dem Zweiten Weltkrieg. Wittgenstein rang sich später zu der Ansicht durch. 224 . 1949. besonders von der Bedeutung.Sprachanalyse’ bezeichnet. Der Tractatus hat mich nachhaltig beeinflußt – allerdings nicht. 1960 S. ein Buch. auf welchen verschiedenen Wegen unserer eigener Sprachgebrauch uns in die Irre führen kann. weil es eine falsche Bedeutungslehre enthalte. die man gewöhnlich als . Philosophische Untersuchungen. Daraufhin begann er – nachdem er selbst so fehlgeleitet worden war – zu untersuchen. und schließlich der Wittgenstein der Philosophischen Untersuchungen. war der Text. Die positiven Thesen dieser Richtung erscheinen mir 15 16 1969. 1953 posthum erschienen. der den Wiener Kreis am stärksten beeinflußt hat. besessen. und zwar gerade deshalb. Daraus ist eine neue philosophische Richtung entstanden. Die dritte Richtung – die ich der Einfachheit halber (und im Unterschied zu W I. das seinerseits durch Wittgensteins Spätphilosophie geprägt ist. das 1921 erschien.The Concept of Mind. obwohl ich einige ihrer markantesten Thesen entschieden bestritten haben würde.
131 ff. und so kommt Popper im hohen Alter zu seinem Recht.“ Russell hat sich. die Hoffnungen ihrer Anhänger zu erfüllen. einen Gegenstand in dem Zustand zu belassen.“17 Aber immerhin hatte Russell Bedeutendes geleistet und sein großes Ansehen erlangt.. 19 Ebenda.Bryan Magee – Karl Popper 58 trivial. als er älter wurde. wieso eine ganze Philosophenschule in diesem Buch eine Quelle profunder Weisheiten erblickt. wenn man feststellen muß. seinen Berufskollegen immer mehr entfremdet. was mich interessierte. Siehe Modern British Philosophy. und es ist nicht ganz einfach.221f. dem mit der gebührenden Fassung zu begegnen. S. in dem sie ihn vorfinden.88 17 18 . und zufrieden mit dem Strom zu schwimmen“. daß Popper in einer Hinsicht die umgekehrte Erfahrung wie Russell machen darf: Das Unvermögen der Wittgensteinschen Philosophien. bevor Wittgenstein bekannt wurde. S. Bevor wir das Gebiet vergangener und gegenwärtiger MißverEbenda. Es ist nicht besonders angenehm. Das erklärt die eigentlich verblüffende Tatsache. S. Es war – in Österreich wie in England – sein ganz besonderes Mißgeschick. Wie Geoffrey Warnock sagte: „Philosophen haben eine ausgeprägte Neigung dazu. der mich in der Hochschätzung vieler heutiger britischer Philosophen abgelöst hat . Er spricht von „Wittgenstein. Popper jedoch. und ich kann einfach nicht verstehen.19 Aber es hat den Anschein. Ich habe in den Philosophischen Untersuchungen schlechthin nichts gefunden. in denen Wittgenstein dominierte.. während er außerhalb dieses Kreises (und auf so viele begabte Menschen) großen Einfluß ausübt. läßt sich nicht länger leugnen. daß er meist an Orten und zu Zeiten gearbeitet hat.18 blieb diese Chance versagt. daß man auf einmal nicht mehr in Mode ist und als antiquiert gilt. daß Popper von seinen Berufskollegen unterbewertet wird. und die negativen nicht hinreichend fundiert. der Russells Ansicht über den späten Wittgenstein ausdrücklich teilt.
ist noch ein wichtiger Hinweis angebracht. dann geschieht ihm damit nicht mehr und nicht weniger Unrecht als anderen auch. die in der Erhellung von Begriffen und Begriffssystemen die Aufgabe der Philosophie sahen. daß er die betreffende historische Gestalt so weit wie möglich als Zeitgenossen behandelt und mit ihr so diskutiert. waren der aufrichtigen Überzeugung. Generationen von Studenten haben moderne analytische Techniken an den Schriften der großen Toten eingeübt. das hier zutage tritt. Popper ist bei weiten nicht das einzige berühmte Opfer dieser Einstellung. Die analytische Hegemonie vergangener Jahrzehnte hatte ein auffallendes Merkmal: Die Philosophen. 20 Modern British Philosophy. 193 .Bryan Magee – Karl Popper 59 ständnisse verlassen. in der zeitgenössischen philosophischen Literatur und in der Lehre an den Universitäten ausbreiten konnte. wie er mit einem Kollegen in der Aristotelian Society diskutieren würde. ob sie sich nun dessen bewußt waren oder nicht. Wie Alasdair MacIntyre sagte: „Wenn ein britischer Philosoph etwas über die Geschichte der Philosophie schreibt. Wenn man deshalb behauptet. daß sich Poppers Werk gar nicht so sehr von dem seiner berühmten Zeitgenossen unterscheidet oder daß der frühe Popper gar nicht so sehr im Gegensatz zu den logischen Positivisten stand.“20 Dieses Verfahren ist im Laufe der Zeit so gebräuchlich geworden. daß alle guten Philosophen schon immer Begriffe und Begriffssysteme erhellt haben. dann besteht seine Methode gewöhnlich darin. und in vielen Büchern kehren die Riesen der Vergangenheit als so etwas wie analytische Philosophen wieder. daß sich das gründliche. aber ehrliche Mißverständnis. S.
4. ohne damit zum Ausdruck bringen zu wollen. aus deren Zusammenbruch sich unser Problem ergeben hat?’. Problem (gewöhnlich das Debakel einer vorliegenden Theorie oder Erwartung).Aus Phase 5 eines vorangegangenen Prozesses’. Und wenn wir die betreffenden Prozesse immer weiter zurückverfolgen. wobei jede Phase auf der vorhergehenden aufbaut: 1. 3. beschützt und geliebt) zu werden. „Ich halte die Theorie vom Bestehen angeborener Ideen für absurd. mit anderen Worten: neue Theorie. Beweis oder Widerlegung. aber jeder Organismus besitzt angeborene Reaktionen. 5. Man kann solche Reaktionen als . dann kommen wir zu Erwartungen. Überprüfung. d. Wissen. induktive Verallgemeinerung. Popper hat diese Reihenfolge durch eine andere ersetzt: 1. und darunter befinden sich auch solche. sondern auch den Tieren.Bryan Magee – Karl Popper 60 4. 3. Beobachtung und Experiment. Eine angeborene Erwartung. 2.erwartet’ ein neugeborener Säugling. die zukünftigen Ereignissen angepaßt sind. 4. genährt (und man könnte sogar behaupten.Wissen’ nicht a priori gültig. 2.angeborenem Wissen’ sprechen. 6. Hypothese.Woher stammt die Theorie oder Erwartung in Phase 1. Poppers Evolutionismus und seine Theorie der Welt 3 Nach traditionellem Verständnis der wissenschaftlichen Methode durchläuft die Forschung bestimmte Phasen in einer bestimmten Reihenfolge. Präferenz für eine von mehreren konkurrierenden Theorien. mag sie noch so intensiv und . Ableitung prüfbarer Behauptungen aus der neuen Theorie. In diesem Sinne . daß diese Erwartungen bewußt sind. dann gibt es darauf üblicherweise eine einfache Antwort: .Erwartungen’ bezeichnen. Wenn wir Poppers Schema betrachten und fragen: . unter anderem durch Beobachtung und Experiment (aber nur unter anderem). Versuch einer Verifizierung der Hypothese. Lösungsvorschlag. 5.h. die angeboren sind – nicht nur den Menschen. Versuch einer Widerlegung. Jedoch ist dieses . In Anbetracht der engen Beziehung zwischen Erwartung und Erkenntnis können wir durchaus vernünftig von .
Abschn. (Popper lehnt die empiristische Erkenntnistheorie ab und besteht darauf. Tag und Nacht.) So werden wir alle mit Erwartungen geboren. neue Erwartungen. daß jede Beobachtung theoriedurchtränkt ist. (Der Säugling kann ausgesetzt werden und verhungern. Das Problemlösen ist die grundlegende Aktivität. dann können sie schließlich das Lebewesen selbst – eines seiner Organe oder eine seiner Erscheinungsformen – verändern und so (durch Selektion) in seine Anatomie übergehen. auf die Dauer gut bewähren. die ungeeignete Veränderungen abschwächen oder unterdrücken. denen sie unterworfen werden. mit dem Lösen von Problemen beschäftigt. 1. kann falsch sein. die unter der Stufe des Menschen stehen. 1 2 Vermutungen und Widerlegungen.Bryan Magee – Karl Popper 61 bestimmt sein.Wissen’. Poppers Theorie bezieht sich nur auf die Entwicklung des Lebens. die ja hochentwickelte Versuche zur Anpassung an unsere Umwelt darstellen. mit .“2 Problemlösungsversuche treten bei Organismen und Tieren. das heißt. Theorien verkörpern.“1 Poppers Erkenntnistheorie deckt sich also mit einer Evolutionstheorie. das gilt auch für alle jene evolutionären Folgen von Organismen – die Arten. wenn auch nicht a priori gültig. „Alle Organismen sind ständig. S. und das Überleben ist das grundlegende Problem. aller auf Beobachtung beruhenden Erfahrung vorausgeht. das.V Objektive Erkenntnis. neue Verhaltensweisen auf. Kap. die mit den primitivsten Formen begannen und deren neueste Beispiele die jetzt lebenden Organismen sind.) Die Fehlerelimination kann entweder in der sogenannten natürlichen Auslese bestehen – ein Organismus. doch psychologisch oder genetisch a priori ist. 252 . geht unter – oder in der Entwicklung von Kontrollvorrichtungen innerhalb des Organismus. wenn sie sich bei den Prüfungen. als neue Reaktionen. daß unsere Sinnesorgane selbst. er begründet das unter anderem damit. der eine notwendige Änderung versäumt oder eine ungeeignete vorgenommen hat.
. Neuheit in der Physik ist nur eine Neuheit der Zusammenstellungen.. die Entwicklung der Ver3 S. .“ Das Problem der Entstehung. bereits erste Ansätze einer Darstellungsfunktion. In Das Elend des Historizismus schreibt er:3 „In der Welt.Wahrheit’ und . als Geschichte der Problemlösung betrachtet. der Entstehung des wirklich Neuen. Eine neue Maschine kann erfunden werden. Im biologischen Prozeß der Evolution.wesenhaft’ sein. aber der Mensch hat mindestens zwei weitere hinzugefügt: die Darstellungsfunktion und die argumentative Funktion. (Allerdings enthalten die höchstentwickelten Formen der tierischen Kommunikation. die selbst keineswegs neu sind. Tatsächlich glaubt Popper..Falschheit’ konnten sich herausbilden. Insofern Neuheit rational analysiert und vorhergesagt werden kann.. eines Kunstwerks oder einer Theorie – der rationalen Erklärung entzieht. Die Begriffe . In scharfem Gegensatz dazu . sondern nur intuitiv begriffen werden.innerlich’ und . daß sich der Ursprung – des Lebens. in der Sprache des Menschen sind diese beiden Funktionen praktisch immer gegenwärtig.Bryan Magee – Karl Popper 62 seine Entstehung erklärt sie genauso wenig wie Darwins Theorie. kurz gesagt. aber sie läßt sich stets als Neuanordnung von Elementen begreifen. innerliche Neuheit. kann sie niemals . der Kombinationen. und so hat die Sprache. neben vielem anderen. Tiere machen Geräusche. beschäftigt Popper in besonderem Maße und ist eines der Themen. . 19. Neuheit kann nicht kausal oder rational erklärt.9.. kann nichts wirklich und wesenhaft Neues geschehen. die durch die Physik beschrieben wird. Die Sprache hat. die Kundgabefunktion und Auslösefunktion haben. auch die Verständigung möglich gemacht. zu denen er vielleicht noch wichtige Beiträge leisten wird. 115 . ist die soziale Neuheit wie die biologische Neuheit eine wesenhafte. etwa der Tanz der Bienen. kommt einer Entwicklung überragende Bedeutung zu – der Entwicklung der Sprache.) Mit Hilfe der Sprache läßt sich die Welt beschreiben..
Mythos. etwas davon zu ändern oder auch nur in Frage zu stellen. den dieser Vorgang beanspruchte. All das war menschlichen Ursprungs. muß also falsch sein: Der Mensch war ein soziales Wesen. Aberglaube. das dem Stamm Zusammenhalt und Identität verlieh. Diese Einrichtungen standen jedem Menschen als eine Art objektiver Realität gegenüber. und es lag auch meist nicht in seiner Macht. daß er während des langen Zeitraums. die weitverbreitete Ansicht. „Wie entsteht ein Wildwechsel im Urwald? Ein Tier bricht vielleicht durch das Unterholz. abergläubischer und magischer Natur. Popper behauptet. daß der Mensch allmählich aus dem Tierreich hervorgegangen ist. die ihn von Geburt an formte. Sitte. ihn zum Menschen machte. Religion. besagt übrigens. Formen sozialer Organisation und Herrschaft. in Frage stellte.) Popper ist der Auffassung. ermöglicht. (Mit seinen einschlägigen Arbeiten hat Popper in einem erstaunlichen Ausmaß Chomsky vorweggenommen. . lange bevor er ein menschliches Wesen wurde. sondern auch als Individuum zu Menschen macht. der Beschreibung und der Argumentation durch Zeichen und Symbole – uns nicht nur als Art. Sprache. Konvention. alle sozialen Erscheinungen seien letztlich durch die menschliche Natur erklärbar. wer sie oder etwas anderes. aber der Einzelne hatte nichts davon selbst geschaffen. Gesetz. daß jedem einzelnen von uns erst der Erwerb einer Sprache in diesem Sinne das volle menschliche Bewußtsein. fast sein gesamtes Leben bestimmte – und waren dabei gewissermaßen autonom. (Die Tatsache. in Gruppen gelebt hat. So wurde der Primitive in eine Welt hineingeboren.) Die ersten Beschreibungen der Welt waren wohl animistischer. daß sie fast nie geplant oder beabsichtigt waren. der Kommunikation. Tradition. das Bewußtsein des eigenen Ich.Bryan Magee – Karl Popper 63 nunft ermöglicht (oder ist vielmehr selbst Teil dieser Entwicklung gewesen) und kennzeichnet so die Loslösung des Menschen vom Tierreich. die von Abstraktionen beherrscht war – Verwandschaftsbeziehungen. Ritual. brach ein Tabu und war gewöhnlich des Todes. daß erst die Sprache – im Sinne einer geordneten Form des Kontakts. Bündnisse und Feindschaften.
S. Ihre Vorläufer im Tierreich sind Vogel.Welt 1’) und eine Welt der subjektiven Erfahrungen (. die (nicht unbedingt beabsichtigte) Schöpfungen des menschlichen Geistes sind. Spinnennetze. Doch sie können ein neues Bedürfnis oder neue Ziele schaffen: Die Zielstruktur von Tieren oder Menschen ist nicht . Sie ist nicht geplant – sie ist eine unbeabsichtigte Folge des Bedürfnisses nach leichter und schneller Bewegung.und Wespennester. und so können die Sprache und andere nützliche Einrichtungen entstehen. Diese Gebilde gewinnen in der Umwelt der betreffenden Tiere zentrale Bedeutung und bestimmen viele ihrer wichtigsten Verhaltensweisen – hier kommen die Tiere gewöhnlich zur Welt und machen dabei ihre ersten Erfahrungen mit der physikalischen Umgebung außerhalb des Mutterleibes. Auf diese Weise kann ein ganz neues Reich von Möglichkeiten entstehen: eine Welt. Biberdämme – höchst komplizierte Gebilde. einmal geschaffen. Sie sind nicht geplant oder beabsichtigt. . die sich Tiere außerhalb ihres Körpers schaffen. Andere finden es am einfachsten. daß es drei Welten gibt: nicht nur eine objektive Welt der physikalischen Objekte (Popper nennt sie . das Auftauchen des Menschen und die Entwicklung der Kultur erörtert. sondern entwickelt sich mit Hilfe einer Art Rückkopplungsmechanismus aus früheren Zielen und Ergebnissen. dieser Spur zu folgen. Ameisenbauten. unabhängig von ihm existieren. Bienenwaben. so können sie ihre Existenz und Entwicklung ihrer Nützlichkeit verdanken.gegeben’.Welt 2’). um durch sie ihre Probleme zu lösen. und ehe es sie gab. macht er durchweg von der Vorstellung Gebrauch. 120f. gab es vielleicht kein Bedürfnis nach ihnen.Bryan Magee – Karl Popper 64 um an eine Wasserstelle zu kommen. die in hohem Maße autonom ist. So mag sie durch Gebrauch erweitert und verbessert werden. sondern auch eine . die beabsichtigt oder nicht beabsichtigt waren.“4 Wenn Popper die Entfaltung des Lebens.Welt 3’ der objektiven Strukturen. So entsteht ursprünglich ein Pfad – vielleicht sogar auch bei Menschen –. Einige der objektiven Struk4 Objektive Erkenntnis. die aber.
Der Unterschied zwischen geraden und ungeraden Zahlen ist nicht von uns geschaffen: Er ist eine unbeabsichtigte und unvermeidliche Folge unserer Schöpfung. die er geschaffen hat – Sprache. erweitern. er mußte sich an sie anpassen und wurde so durch sie geformt.5 Diese Vermutungen beziehen sich indirekt auf unsere Erzeugnisse. und in ihrem Fall ist offensichtlich. 5 . und deshalb konnte er sie untersuchen. daß die Folge der natürlichen Zahlen eine menschliche Konstruktion ist. Gesetz. die sich irgendwie aus unserer Schöpfung ergeben haben Goldbach vermutete. Einen Beweis für diese Vermutung hat bisher noch niemand gefunden. haben die Schöpfungen des Menschen in seiner Umwelt zentrale Bedeutung erlangt. schafft sie ihrerseits ihre eigenen autonomen Probleme. Religion. „Ich stimme mit Brouwer darin überein. direkt aber auf Probleme und Tatsachen. Doch obwohl wir diese Folge schaffen. die im Verlauf der Auseinandersetzung mit der Umwelt entstanden sind. Sie sind für ihn objektiv vorhanden. Das gilt auch für die abstraktesten Schöpfungen des Menschen. und neben dieser Leistung nehmen sich die abstrakten Strukturen. zum Beispiel für die Mathematik. Institutionen. Ähnlich wie bei den Tieren. Philosophie. – B. M. Beim Menschen haben einige der biologischen Merkmale. aber sie trifft für jeden Fall zu. auf den sie angewendet wurde.Bryan Magee – Karl Popper 65 turen im Tierreich sind überdies abstrakter Natur – zum Beispiel die Formen der sozialen Organisation und der Kommunikation. daß es für uns viele Tatsachen zu entdecken gibt: Es gibt Vermutungen wie die Goldbachsche. bewerten und kritisieren. eben diese Umwelt auf eindrucksvolle Weise verändert: die menschliche Hand ist dafür nur ein Beispiel. daß jede gerade Zahl die Summe zweier Primzahlen ist. erforschen. Kunst und Wissenschaft – nicht weniger groß und meisterhaft aus. Die Primzahlen sind natürlich ebenfalls unbeabsichtigte autonome und objektive Tatsachen. aber in noch stärkerem Ausmaß. Ethik. Der Mensch hat seine physikalische Umwelt verwandelt. verändern oder umstoßen und in ihrem Rahmen völlig unerwartete Entdeckungen machen.
der Sprache. das gesamte kulturelle Erbe – sofern es in Gegenständen der Welt 1. die über begriffliches Denken verfügen. In dieser fundamentalen Hinsicht unterscheidet sich der Mensch in seiner Art radikal vom Tier. und die Wahrheit über sie ist oft schwer zu entdecken. was ich damit meine. Es gibt keine Hinweise darauf. aber sie können unabhängig von einem erkennenden Subjekt existieren (die Linearschrift-B-Texte der minoischen Kultur hat man erst vor einigen Jahren entziffert) – vorausgesetzt. der Kunst. der Wissenschaft. beispielsweise in Gehirnen. 121 f. Büchern.“7 Der Gedanke einer von Menschen geschaffenen. im Grunde ist das ein Denken. 236 f. daß die Welt 3 weitgehend autonom sei. obwohl sie von uns geschaffen ist. Im Gegensatz dazu ist das Verhalten von Tieren durch ihre wahrnehmende Gegenwart und ihre stets vorhandene Konditionierung geprägt. Das veranschaulicht. . der Institutionen: kurz... Dieses Denken übertrifft die wahrnehmende Gegenwart.Bryan Magee – Karl Popper 66 und die wir nicht kontrollieren oder beeinflussen können: Es sind harte Tatsachen.) In Wahrheit und Wirklichkeit schließt sich Sir John Eccles der Auffassung an. sie sind in einer zur Welt 1 gehörenden und potentiell zugänglichen Form verschlüsselt und bewahrt. der Ethik. Computern. Alle Gegenstände der Welt 3 entstammen dem Geist von Menschen. . (Es besteht also ein grundlegender Unterschied zwischen dem Wissen in den Köpfen der Menschen und dem weit wichtigeren Wissen in den Bibliotheken. Maschinen. das sich auf die Komponenten von Welt 3 bezieht. Bildern und Aufzeichnungen aller Art verschlüsselt und bewahrt ist. daß heißt. „daß nur der Mensch eine behauptende Sprache habe und daß diese Sprache nur von Subjekten benützt werden könne.. S. aber autonomen dritten Welt ist einer der vielversprechendsten Züge von Poppers 6 7 Objektive Erkenntnis..“6 Die Welt 3 ist also die Welt der Ideen. S. . Filmen. daß Tiere an dieser Welt – selbst in geringem Maße – teilhaben.
auf die es keine Antwort gibt. Auf diesen Gebieten gibt es nicht unbedingt Fortschritte. Anhand der Theorie läßt sich ein weiteres Zentralproblem der abendländischen Philosophie analysieren. aber sie sind naturgemäß offen für den Wandel. der sich wahrscheinlich als in seinen Anwendungen ungemein ergiebig erweisen wird. Denn weil die menschlichen Schöpfungen in Welt 3 objektiver Natur sind und weil sich daraus Wechselbeziehungen zwischen ihnen und den Menschen ergeben. ästhetische und andere Maßstäbe subjektiv oder objektiv sind.Bryan Magee – Karl Popper 67 Philosophie. läßt sich endlos fortspinnen. Sprachen. Ernst Gombrich hat ihn in höchst origineller Weise auf die Kunstgeschichte und die Kunstkritik übertragen. von beiden Seiten Argumente vorgebracht wurden. . Wissenschaften. (Schon allein die Auffassung. den Popper selbst von seinem Gedanken macht. In einem seiner unvollendeten Bücher wendet Popper diesen Gedanken auf das Leib-Seele-Problem an. ob ethische. und meist sind sie auch im Fluß. Vor allem erklärt Poppers Theorie. die er auf dieser Grundlage für Probleme des politischen wie für Probleme des geistigen und künstlerischen Wandels anbieten kann. haben die Ideen. wie einer Entwicklung ein Prinzip zugrunde liegen kann. mit dem anderen viele Philosophen seit Hegel und einige schon lange vor ihm.) Unabhängig davon erleichtert uns die Theorie der Welt 3 das Verständnis dafür. mit dem einen Problemkreis haben sich die größten politischen Philosophen von Platon bis Marx befaßt. daß in dem uralten Streit darüber. die Institutionen. das Problem des sozialen Wandels. Was den Gebrauch betrifft. ohne daß es (wie etwa Marx glaubte) einen Gesamtplan oder eine Verschwörung gibt und auch ohne daß (wie etwa Hegel glaubte) ein Weltgeist oder eine Kraft den Prozeß gleichsam von innen vorantreibt. Das ist ein außerordentlich erhellender Gedanke. so sind besonders die Lösungen wichtig. die Ethik und die anderen angeführten Errungenschaften eine Geschichte. daß wir erst durch Wechselwirkung mit der Welt 3 zum Selbst werden. Künste. und viele sehen das Ergebnis als geradezu genial an.
seine Lehre sei die wahre Lehre des Gründers. verfügen offenbar alle oder fast alle menschlichen Gesellschaften. „Eine Schule dieser Art läßt niemals eine neue Idee zu. Die Geburtsstunde der wissenschaftlichen Methode hatte geschlagen. Abschn. eine neue Erfindung eingeführt zu haben. sollte ein Mitglied der Schule versuchen. sondern auch ermutigt und begrüßt haben. daß sich eine kritische Haltung herausbildete und daß sie später akzeptabel wurde. die Kritik nicht nur zugelassen. die Lehre zu ändern. die Wahrheit dieser Interpretation in Frage zu stellen. sondern eine Chance. Neue Ideen sind Häresien und führen zu Schismen.Bryan Magee – Karl Popper 68 Die wichtigste Entwicklung in der Geschichte der Welt 3 als ganzes (seit dem Entstehen der Sprache) war. Wie bereits erwähnt.“8 Popper glaubt. Irrtümer waren jetzt keine Katastrophe mehr. rationalen Tradition. Denkschulen. 25 . Denn nicht anders als Tiere oder niedere Organismen stand oder fiel der 8 9 Vermutungen und Widerlegungen. die eine unbefleckte Wahrheit weitergeben wollte. die in einem Mythos oder einer Religion Ausdruck findet. in einem fortgeschrittenen Stadium. daß. Zu diesem Zweck entwickeln sich Institutionen – Mysterien. Aber in der Regel behauptet ein Häretiker.9 Das bedeutete das Ende der dogmatischen Tradition. Die Wahrheit darf nicht entweiht und muß unbefleckt von Generation zu Generation weitergereicht werden. und in primitiven Gesellschaften ist es gewöhnlich bei Todesstrafe verboten. die Spekulationen einer kritischen Diskussion unterzog. 5. über eine Interpretation der Welt. so wird es als Ketzer ausgeschlossen. Nicht einmal der Erfinder gibt also zu. er glaubt vielmehr. seinem Schüler Anaximander und dessen Schüler Anaximenes – die ersten waren. zur wahren Orthodoxie zurückzukehren. Kap. XI Siehe auch das Xenophanes-Zitat auf S. die Denkschulen der Vorsokratiker – beginnend mit Thales. Priesterschaften und. die irgendwie entstellt worden war. historisch gesehen. von denen wir wissen. und den Beginn einer neuen.
durch das sich die Kultur des alten Griechenland und seiner Erben so völlig von allen anderen Kulturen unterscheidet. Auf der wissenschaftlichen Stufe versuchen wir systematisch. 73 .“10 Sobald der Mensch nicht länger mit seinen Theorien in den Tod ging. Damals begann das unaufhaltsame Wachstum der Forschung und damit der Erkenntnis. Die Vorsokratiker befaßten sich mit Fragen der Naturforschung. mit ihrem ganzen Gewicht. Sokrates wandte die gleiche kritische Rationalität auf das menschliche Verhalten und die sozialen Institutionen an. eliminiert. in Modern British Philosophy. „Auf der vorwissenschaftlichen Stufe werden wir oft selbst zusammen mit unseren falschen Theorien zerstört. defensiv ausgerichtet und diente der Bewahrung herrschender Lehren. S. jetzt bildete sie erstmals das Fundament einer kritischen Haltung und wurde so zur Triebkraft des Wandels. Früher war die geistige Tradition. begann er Mut zu fassen und etwas zu wagen. 10 Popper. unsere falschen Theorien zu eliminieren – wir versuchen. wir gehen mit unseren falschen Theorien zugrunde. unsere Theorien an unserer Stelle sterben zu lassen.Bryan Magee – Karl Popper 69 dogmatische Mensch mit seinen Theorien.
durch die Formel P1 → VT → FE → P2 charakterisiert. „Die vorläufigen Lösungen. Der Prozeß ist auch nicht dialektisch (im Sinne von Hegel oder Marx). zu deren Veränderung sie beitragen können. Und ganz wie Theorien oder wie Werkzeuge üben neue Organe und ihre Tätigkeiten sowie neue Verhaltensweisen ihren Einfluß auf die Welt 1 aus. VT für die versuchsweise vorgeschlagene Theorie. die sich daraus ergibt und die wiederum neue Probleme mit sich bringt. Objektive Erkenntnis Betrachtet man den allmählichen. S. das dieser kontinuierlichen Entwicklung zugrunde liegt. FE für den Prozeß der Fehlerelimination. der auf diese Theorie angewandt wird. haben wir doch etwas darüber erfahren. weil hier Widersprüche (im Unterschied zur Kritik) in 1 Objektive Erkenntnis. in der wir leben. Selbst wenn unser Lösungsvorschlag völlig gescheitert sein sollte.“1 Popper hat das Muster. 149f. Ganz wie Theorien sind auch Organe und ihre Tätigkeiten versuchsweise Anpassungen an die Welt. sind biologische Analogien von Theorien. nahtlosen Übergang von der Amöbe zu Einstein. die Tiere und Pflanzen in ihre Anatomie und ihr Verhalten aufnehmen. Das Ganze ist im Grunde ein Rückkopplungsprozeß. so zeigt sich überall das gleiche Muster. denn P2 unterscheidet sich immer von P1. und umgekehrt: Theorien entsprechen (gleich vielen exosomatischen Erzeugnissen wie Bienenwaben und besonders exosomatischen Werkzeugen wie Spinnennetzen) endosomatischen Organen und ihrer Arbeitsweise.Bryan Magee – Karl Popper 70 5. wo bei diesem Problem die Schwierigkeiten liegen und welchen Minimalbedingungen jede Lösung genügen muss – und damit stehen wir vor einer neuen Problemsituation. Er läuft nicht zyklisch ab. Dabei steht P1 für das Ausgangsproblem. und P2 für die neue Situation. .
1970 . Popper war jahrzehntelang der Ansicht. befaßt sich oft einer seiner Nachfolger. so bleibt das natürlich nicht ohne Folgen. Erst spät haben ihn Imre Lakatos’ Arbeiten vom Gegenteil überzeugt – Lakatos war also in dieser Hinsicht mehr Popperianer als Popper selbst.7. Die wichtigste Konsequenz ist. ohne daß er Popper gelesen hatte. Und doch stellt Ernst Gombrich in Kunst und Illusion die Geschichte der bildenden Künste ganz im Sinne Poppers als „eine allmähliche Modifizierung der überkommenen schematischen Konventionen des Bildermachens unter dem Druck neuer Anforderungen“ dar. Wir projizieren diese Vorurteile auf den Unbekannten. 12.Bryan Magee – Karl Popper 71 keinem Stadium Platz finden. die Formel sei nicht auf Mathematik und Logik anwendbar. sogar bei dem Vorgang.“2 Übernimmt man diesen Denkansatz. und mit Problemen. Eine derartige Betrachtung ist bei praktisch allen organischen Entwicklungsprozessen (im wörtlichen oder im übertragenen Sinne) möglich und bei allen Lernvorgängen. obwohl ihm besonders Musik sehr viel bedeutet und er seine fruchtbaren Gedanken zur Problemlösung gerade im Zusammenhang mit seinen frühen musikhistorischen Studien entwickeln konnte. Er selbst hat ihre Anwendungsmöglichkeiten in vielen verschiedenen Forschungsbereichen erprobt. Über Kunst hat Popper wenig publiziert. durch den Menschen einander kennenlernen. daß sich unser Interesse 2 The Observer Magazine. wie er wirklich ist. zu folgendem Schluß: „Wenn wir einem bislang unbekannten Menschen gegenüberstehen. über die er selbst nicht gearbeitet hat. Einen Menschen kennenzulernen. Die Formel enthält einige der wichtigsten Gedanken Poppers. Der Psychiater Anthony Storr kam. geschweige denn willkommen sind. das ist tatsächlich weitgehend eines Frage des Rückgängigmachens solcher Projektionen: Wir zerreißen den Nebel unserer Vorstellungen und sehen den Menschen so. dann bringen wir in die neue Situation Vorurteile aus der Vergangenheit und unsere früheren Erfahrungen mit Menschen ein.
soziale. daß man die Entwicklungen im Zeitablauf verfolgt. Eine andere Konsequenz ist für Poppers gesamte Philosophie von grundlegender Bedeutung. Die evolutionäre Sicht führt unter anderem zwangsläufig dazu. Eine Aufgabe beginnt mit dem Problem selbst und mit den Gründen dafür. ist und bleibt eine Illusion. lernt. was der Philosoph sagt.Was für ein Problem versucht er zu lösen?’ Das mag selbstverständlich klingen. daß es sich um ein Problem handelt. der von Kritik getragen ist und in dem laufend Anpassungen stattfinden.Bryan Magee – Karl Popper 72 auf Probleme konzentriert und daß wir dabei auch die Anstrengungen anderer zu schätzen wissen. künstlerische. administrative – nur allmählich geschaffen und geändert werden können. nicht der erste. sehen aber nicht. Wer so vorgeht. worum es ihm eigentlich geht. hart und ausdauernd an der Formulierung von Problemen zu arbeiten und erst dann sein Augenmerk auf die Suche nach möglichen Lösungen zu verlagern. neigt dazu. Denn das kann nur. sondern eine nicht abreißende Diskussion. zu verstehen. daß komplexe Strukturen – zum Beispiel geistige. wer sich in die betreffende Problemsituation versetzt. daß sich solche Strukturen auf einen Schlag. schaffen oder umbauen lassen. Die Vorstellung.Was versucht er zu sagen?’ Sie haben daher gewöhnlich den Eindruck. Das Problem wird oft desto besser gelöst. die Dinge im Lichte dieser Konsequenz zu sehen: Es ist die Erkenntnis. und wer von Popper beeinflußt ist. und von selbst kommen sie nicht darauf. je besser es formuliert ist. wie nach Plan. eine Kette von miteinander verflochtenen . Man sieht dann beispielsweise in der Geschichte der Wissenschaft oder der Philosophie nicht einen Bericht über die Irrtümer der Vergangenheit. ein Problem zu lösen – der Lösungsvorschlag ist der zweite Bestandteil der Formel. Eine Aufgabe beginnt nicht mit dem Versuch. aber meiner Erfahrung nach werden die meisten Philosophiestudenten nicht dazu angehalten. diese Frage zu stellen. Wenn man beispielsweise die Werke eines Philosophen studiert. Stattdessen fragen sie: . durch einen Rückkopplungsprozeß. dann sollte die erste Frage lauten: .
daß man ein interessantes Problem hat und sich aufrichtig um seine Lösung bemüht.Bryan Magee – Karl Popper 73 Problemen und dazugehörigen Lösungen. wie die Existentialisten sagen. und sie besagt. daß Popper. auch ein Gelehrter aus Leidenschaft ist. denen zufolge Wissenschaft und Rationalität Leidenschaft. Phantasie oder schöpferische Intuition ausschließen. entwickelt ein Gespür dafür. die sich ihm tatsächlich stellen und mit denen er gerungen hat – ist. (So erklärt es sich. sogar vom Verhalten Poppers. das gedankliche Schema. wohl unterschieden – ist denkbar undogmatisch. Bekanntlich haben sich Positivisten und Sprachphilosophen im allgemeinen wenig um die Geschichte ihres Faches gekümmert. daß er sich seiner Arbeit existentiell verpflichtet fühlt und daß die Arbeit. Eine weitere Konsequenz ist die Gleichgültigkeit gegenüber gebräuchlichen Abgrenzungen zwischen den Fachgebieten: Es kommt allein darauf an. daß wir nie etwas tatsächlich wissen – daß wir jeder Situation und jedem Problem gegenüber eine Einstellung bewahren sollen. radikal umzuwandeln. der immer von Problemen ausgeht. daß er persönlich an der Geistesgeschichte Anteil nimmt. Poppers Philosophie – objektiv betrachtet und vom Verhalten eines Einzelnen. . mit dem (oder sogar: innerhalb dessen) wir arbeiten. Wer sich aber Poppers Haltung zu eigen macht. Sie ist nicht nur von intellektuellem Interesse.Authentizität’ erlangt. fortführen dürfen. Diese Philosophie ist völlig unvereinbar mit allen Auffassungen. daß wir durch die Wissenschaft sicheres Wissen erhalten und daß sie uns eines Tages . wenn wir Glück haben. Sie verwirft die Vorstellung.) Eine persönliche Konsequenz für den. ein mit der modernen Physik vertrauter Wissenschaftstheoretiker. sondern wird mit emotionaler Anteilnahme vollzogen und befriedigt ein tief empfundenes Bedürfnis. die wirklich Probleme sind – Probleme. die wir jetzt. Sie mißt der Kühnheit der Phantasie den größten Stellenwert bei. bei der stets noch Raum für unvorhersehbare Beiträge bleibt und die immer auch die Möglichkeit offenläßt.
ganz von vorn zu beginnen. Konflikte anerkennen und ständig für uns fruchtbar machen (und selbst wenn Lernen. Wenn Popper recht hat. dann würde er bis zu seinem Tode nicht weiter kommen als der Neandertaler. Wenn wir aber dadurch lernen. daß wir Erwartungen der Prüfung durch die Erfahrung unterwerfen.Szientismus’. daß wir niemals einen völlig neuen Anfang machen können. Beide streben nach Wahrheit und können dabei die Intuition nicht entbehren. denen viele radikal oder unabhängig Gesinnte gar nicht gern ins Auge sehen. Beide machen also von rationalen und von irrationalen Fähigkeiten Gebrauch. Das sind Tatsachen. die ihrerseits eine komplizierte Geschichte aufzuweisen haben und (an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit) einer Gesellschaft angehören. sondern beide versuchen. die . als . Die heute so weitverbreitete Enttäuschung über die Wissenschaft und die Vernunft beruht zum großen Teil gerade auf solchen verfehlten Vorstellungen von Wissenschaft und Vernunft und geht insofern an Poppers Philosophie vorbei. die einer kritischen Kontrolle unterworfen ist. Bevor wir uns als Individuen überhaupt unserer Existenz bewußt werden. Der Wissenschaftler und der Künstler gehen keinesfalls einander entgegengesetzten oder unvereinbaren Tätigkeiten nach.Bryan Magee – Karl Popper 74 sogar endgültige Antworten auf unsere berechtigten Fragen liefern könnte. Selbst wenn es einem Menschen möglich wäre. sind wir bereits beträchtliche Zeit (schon im Mutterleib) tiefgreifend durch unsere Beziehungen zu anderen Menschen beeinflußt. wachsen und uns entwickeln. einen Beitrag zum vertieften Verständnis unserer Erfahrungen zu leisten – mit Hilfe schöpferischer Vorstellungskraft. dann gibt es nicht zwei Kulturen – eine wissenschaftliche und eine ästhetische oder eine rationale und eine irrationale – sondern nur eine. Beide erforschen das Unbekannte und versuchen. der Suche und ihren Ergebnissen Ausdruck zu verleihen. Wachstum und Entwicklung auf rein gedanklicher Ebene mittels Kontrolle und Korrektur von mehr oder weniger kühnen Spekulationen durch mehr oder weniger strenge Kritik vor sich gehen) – dann folgt daraus.
Diese Wahrheit gilt für geistige und künstlerische Tätigkeiten aller Art. ist das Produkt einer unvorstellbar langen Evolution.Bryan Magee – Karl Popper 75 auf eine noch weit kompliziertere und längere Geschichte zurückblickt. ist völlig verfehlt. haben wir die gesamte Vergangenheit geerbt. etwas mitzuteilen oder um jemandem eine Freude zu bereiten. und wir können uns auf keine Weise von ihr befreien. In der Wissenschaft wie in der Kunst haben wir es im Grunde mit der gleichen Situation zu tun. daß unsere eigene Existenz das Ergebnis einer sozialen Handlung zweier anderer Menschen ist. Die Vorstellung. daß sie zum Ursprung zurückkehren. daß ein junger Wissenschaftler. und Künstler. der wir uns nicht entziehen können. eine bereits weit fortgeschrittene Entwicklung weiter und stehen auf den Schultern von unzähligen Generationen. frei von der Vergangenheit und ohne Verpflichtung gegenüber anderen. und daß er gut . Und wenn wir dann in der Lage sind. die sich über zahllose Generationen hinweg bis zum jetzigen Stand entwickelt hat. dann bedienen wir uns bereits der Kategorien einer Sprache. der Entdeckungen machen möchte. Wir sind im Innersten unseres Wesens soziale Geschöpfe. Wir müssen von der Tradition ausgehen. Popper sagt nicht (aber er könnte es gesagt haben). daß man irgend etwas ganz am Nullpunkt beginnen könnte. führen. eine Fläche mit Zeichen zu versehen oder Geräusche zu erzeugen. Üblicherweise kommen wir dadurch voran. um etwas auszudrücken. die wir weder auswählen noch ablehnen konnten und deren genetisches Erbe in unserem Körper und in unserer Persönlichkeit verankert ist. und bei allem. eine bewußte Wahl zu treffen. daß wir die Tradition kritisieren und einen Wandel zustandebringen: Wir machen uns die Tradition zunutze. was wir tun. Bei allem.Schau dich um und beobachte’. Die bloße Fähigkeit. und sei es auch nur. Die Tradition erhält auf diese Weise eine Bedeutung. wir verwenden sie als Vehikel. wenn sein Lehrer ihm sagt: . was wir sind. indem wir uns gegen sie auflehnen. so sehr das auch unser Wunsch sein mag. schlecht beraten ist. „All das heißt. was immer sie auch tun. die sich einbilden.
Hinsichtlich der Ziele.Versuche herauszufinden. muß sprachlich formuliert sein. mit denen du dich befassen solltest. Dies sind die Fragen. deshalb wird jeder entsprechende Vorschlag zu einem objektiven Vorschlag. wo und wie andere Menschen begonnen haben und wohin sie gelangt sind. in der wir leben. und interessiere dich dafür..“3 Die Tatsache. Genau das geschieht mit interessanten Gedanken fast dauernd.’ Mit anderen Worten: Untersuche die heute vorliegende Problemsituation. Dadurch wird die enorme Bedeutung der Objektivierung unserer Gedanken in der Sprache. Kap. Analyse. daß sie unendlich komplex ist. daß die Entwicklung in diesem oder jenem Bereich einer Wissenschaft. und jede Kritik. bevor man sie prüfen oder überhaupt nur diskutieren kann. wo oder wie wir mit der Analyse dieser Welt beginnen sollen. daß man eine Forschungslinie aufgreift und fortzuführen versucht. ist die Welt. jede Problemlösung. stellt für jeden Einzelnen. die den ganzen Hintergrund der früheren Entwicklung der Wissenschaft im Rücken hat. Sie sagt uns bloß. im Verhalten oder in 3 Vermutungen und Widerlegungen. –. Es gibt keine Weisheit. jeder Änderungswunsch. eine objektive Tatsache dar. Dies bedeutet.. 4 . .Bryan Magee – Karl Popper 76 beraten ist. Selbst die wissenschaftliche Tradition sagt es uns nicht. äußerst komplex. eines Fachgebiets. die der Einzelne vorbringen kann. von wem der Vorschlag stammt. der die Szene betritt. Man kann über ihn diskutieren. Voraussage. ihn angreifen oder verteidigen oder von ihm Gebrauch machen – ohne Rücksicht darauf. wo die Schwierigkeiten liegen. wenn der Lehrer ihm sagt: . Ich wäre versucht zu sagen. worüber Uneinigkeit herrscht. Wir wissen nicht. man reiht sich in die Tradition der Wissenschaft ein. die wir als Wissenschaftler erreichen wollen – Verstehen. Finde heraus. usw. was heutzutage in der Wissenschaft diskutiert wird. die uns das sagen könnte. wenn dieser Ausdruck überhaupt einen Sinn hätte. einer Kunst (oder einer Gesellschaft oder einer Sprache) bis zu diesem oder jenem Stand gediehen ist.
an dem ich schreibe. so gesehen. Flugzeugen. ist von Regalen mit Nachschlagewerken umgeben. Die Aussage . Es gehört dem öffentlichen Bereich an (der Welt 3). Der Tisch. Straßen. Und die Gültigkeit jedes einschlägigen Arguments ist wiederum eine objektive Angelegenheit: Sie hängt nicht davon ab.Ich weiß’.Wissen’ im privaten. wo es weh tut – und selbst diese unmittelbaren Berichte über unseren eigenen derzeitigen Bewußtseinszustand sind nicht immer genau. Schon ihre Bekanntgabe bringt gewöhnlich einen Fortschritt mit sich. lassen sie sich kaum kritisieren. Er existiert ausschließlich auf dem Papier. Das menschliche Wissen ist zum größten Teil überhaupt kein . . und sie nimmt dafür auch Geltung in Anspruch.Bryan Magee – Karl Popper 77 Kunstwerken unterstrichen. drückt meine Bereitschaft aus. Wissen ist. wir akzeptieren sie nicht einmal als wissenschaftliche Beobachtungen. als Aussage über mich selbst betrachtet. das die Konstrukteure von Gebäuden. Es handelt sich hier um überaus nützliches Wissen. aber all das ist kein Wissen im objektiven Sinne: Niemand wird meinen ungeprüften Behauptungen den Status des Wissens zubilligen (es sei denn. wenn andere durch Experimente und Beobachtungen zum gleichen Ergebnis gelangt sind. wie viele bereit sind. Nehmen wir eines. etwas Objektives. Brücken. das Popper in diesem Zusammenhang selbst als Beispiel herangezogen hat – ein Buch mit Logarithmentafeln. Bei der wissenschaftlichen Arbeit nehmen wir also sogar unsere eigenen Beobachtungen nicht als sicher hin. wie jeder Arzt aus Erfahrung weiß). pflegt die wissenschaftliche Welt sie erst dann zu übernehmen. Auch wenn eine Theorie wissenschaftlich ist und von ihrem Urheber strengstens getestet wurde. individuellen Sinne. das Argument zu akzeptieren. nicht dem subjektiven Denken von Einzelnen (der Welt 2). Solange die Gedanken nur in unserem Kopf vorhanden sind. bestimmte Dinge zu tun. etwa wenn ich die Fragen des Optikers beantworte oder dem Arzt sage. zu sagen und zu glauben. bevor wir sie nicht wiederholt und getestet haben. das Wissen hat etwas in meinem eigenen Bewußtsein zum Gegenstand.
Es macht tatsächlich den größten Teil unseres Wissens aus. Sogar der Gelehrte.. sein Wert und sein Nutzen hängen nicht davon ab. an und erstellt seine Bücher anhand seiner Notizen: Er . Tabellen.weiß’ nicht einmal alles (im Sinne von Welt 2). Aber ich bezweifle.weiß’ – nicht einmal der . Daten. daß es einen Menschen gibt.ich erkenne’. Das gilt für Aufzeichnungen aller Art. ob es jemanden gibt. Belege usw. Die Bibliotheken. Nachschlagewerken usw.ich denke nach’. so behaupte ich. er kann nicht alle Zitate wortwörtlich wiedergeben.weiß’ sie. der das Buch zusammengestellt hat (vielleicht wurde diese Arbeit sogar einem Computer übertragen). Sein Status als Wissen. Entscheidend ist: Er kann seine eigenen Bücher nicht aufsagen – sie sind auf dem Papier gespeichert. der die Zahlen in dem Buch . was in seinen eigenen Büchern steht.Bryan Magee – Karl Popper 78 Maschinen und von tausend anderen Dingen in aller Welt täglich aktiv nutzen. herunterrasseln. doch tatsächlich beschäftigten sie sich mit etwas. . was für die wissenschaftliche Erkenntnis ohne Bedeutung ist.weiß’. „Die herkömmliche Erkenntnistheorie hat sich mit der Erkenntnis oder dem Denken in einem subjektiven Sinne beschäftigt – im gewöhnlichen Sinne der Ausdrücke . Er kann nicht die ganzen Statistiken.. Dokumentationen und Archive der Menschheit enthalten Material aus Welt 3. die . Wissen im objektiven Sinne ist Wissen ohne einen Wissenden – es ist Wissen ohne wissendes Subjekt. nicht in seinem Kopf. das meist ebenfalls nicht im Kopf irgendwelcher Menschen vorhanden ist. fertigt (normalerweise ausgiebige) Exzerpte aus allen möglichen Dokumenten. der sein Leben der Abfassung seiner wissenschaftlichen Abhandlungen widmet. Von diesem Standpunkt aus greift Popper die orthodoxe Erkenntnistheorie an. Die herkömmliche Erkenntnistheorie.ich erkenne’ oder . Büchern. Denn wissenschaftliche Erkenntnis ist gar nicht die Erkenntnis im gewöhnlichen Sinne von . hat die Erkenntnistheoretiker in Irrelevantes verwickelt: Sie wollten die wissenschaftliche Erkenntnis untersuchen. aber trotzdem ein mehr oder weniger wertvolles und nützliches Wissen darstellt. Das. der es im subjektiven Sinne .
“5 4 5 Objektive Erkenntnis. Dieser Subjektivismus hat die westliche Philosophie beherrscht. 11 . doch die Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes halte ich für einen subjektivistischen Irrtum. Daraus ergibt sich. ihn auszumerzen und durch eine Theorie des objektiven Wissens zu ersetzen: des objektiven Vermutungswissens. Dieser ist. sie ziele auf eine Theorie der wissenschaftlichen Erkenntnis. wesentlich selbstkritisch und kann sich neu orientieren. Jeder epistemische Logiker kann sich aber leicht völlig gegen meine Kritik immunisieren. S. Leider bedeutet das auch einen Bruch mit der Tradition der Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes oder des gesunden Menschenverstandes. würde ich bis zum letzten verteidigen. Hume. der verbessert werden muß. den ich für eine wichtige Wahrheit halte.Bryan Magee – Karl Popper 79 von Locke. braucht aber wohl keine Entschuldigung. Den Realismus des Alltagsverstandes. Ich habe versucht. denke ich. Berkeley. Ich bin ein großer Bewunderer des Alltagsverstandes. indem er einfach erklärt. falls wir ihr unterstellen. Objektive Erkenntnis. Das ist vielleicht ein allzu kühnes Unterfangen.epistemische’ Logik.“4 Im Vorwort zu Objektive Erkenntnis sagt Popper: „Die Aufsätze in diesem Buch brechen mit dieser Tradition. Dazu gehört die moderne . die sich bis zu Aristoteles zurückverfolgen läßt: mit der Tradition des rein subjektiv gedeuteten Wissens. daß ein großer Teil der gegenwärtigen Erkenntnistheorie ebenfalls irrelevant ist. ja auch von Russell. 111 f. S. er wolle nichts zur Theorie der wissenschaftlichen Erkenntnis beitragen. ist irrelevant in einem mehr oder weniger genauen Sinne des Wortes. des Wissens als eines Zustandes unseres Bewußtseins.
die Kausalbeziehung verläuft also genau umgekehrt. Der Leser. ist aus dieser Sicht völlig verfehlt. Die weitverbreitete Vorstellung. Eine Gesellschaft mit freien Institutionen ist – nicht nur in materieller Hinsicht – zwangsläufig erfolgreicher als eine Gesellschaft ohne freie . Bei der Schaffung und Erhaltung eines hohen Lebensstandards hat die Demokratie eine maßgebliche Rolle gespielt. sondern auch auf Logik und Wissenschaft und letztlich auf die Erkenntnistheorie. Popper glaubt (und es ist äußerst wichtig. zumindest in der Theorie sei eine Art Diktatur die leistungsfähigste Gesellschaftsform. Bei dem guten Dutzend Ländern mit dem höchsten Lebensstandard (natürlich ist das nicht Poppers Hauptkriterium) handelt es sich durchweg um liberale Demokratien – und zwar nicht deshalb. die es uneingeschränkt zulassen. und in denen dann tatsächlich Veränderungen im Lichte der Kritik möglich sind. Und weil für die Lösung von Problemen kühne Lösungsvorschläge eingebracht und dann der Kritik und Fehlereliminierung unterworfen werden müssen.Bryan Magee – Karl Popper 80 6. daß eine derart organisierte Gesellschaft ihre Probleme wirksamer löst und deshalb die Ziele ihrer Mitglieder erfolgreicher verwirklicht als eine anders organisierte – von allen moralischen Überlegungen einmal ganz abgesehen. erstrecken sich nicht nur auf soziale und historische Entwicklungen. Weil das Leben für Popper in erster Linie ein Problemlösungsprozeß ist. weil die Demokratie ein Luxus ist. Im Gegenteil: Die Massen lebten dort in Armut. sieht jetzt. der mir bis hierher gefolgt ist. den sich diese Länder aufgrund ihres Reichtums leisten können. als sie das allgemeine Wahlrecht erlangten. die die Lösung von Problemen fördern. daß verschiedenste Vorschläge unterbreitet und anschließend kritisiert werden. sich das klarzumachen). in denen die meisten großen politischen Philosophien von Platon bis Marx wurzeln. daß Popper keine Ausnahme bildet. bejaht er Gesellschaften. Die offene Gesellschaft Die Ansichten. bejaht er Gesellschaftsformen.
Es ist durchweg rationaler und spart im allgemein Ressourcen. bis sie in der Praxis zutage treten. bei allen Entscheidungen der Exekutive und der Administration. daß sie beabsichtigt ist. Außerdem lassen sich manche Fehler oft erst durch kritische Prüfung der praktischen Ergebnisse von Maßnahmen (nicht schon durch Prüfung der Maßnahmen selbst) aufdecken. wenn wir andererseits B erreichen wollen. und auch diese direkte Folge meines Handelns hat nichts mit meinen Absichten zu tun.Bryan Magee – Karl Popper 81 Institutionen. spielen empirische Vorhersagen eine Rolle: . anstatt zu warten. Daraus ergeben sich weitreichende Folgerungen für die Politik. daß wohl jede unserer Handlungen unbeabsichtigte Konsequenzen hat. aber niemand wird behaupten wollen. wenn man weiter mit ihnen arbeiten will. daß man sie modifizieren muß. 116 und S. die an der Realität überprüft und im Lichte der Erfahrung korrigiert werden muß. Wenn ich mir ein Haus kaufen will. Bei allen politischen Maßnahmen der Regierung.Wenn wir X tun. Und wenn ich dann bei der Aufnahme einer Hypothek eine Versicherung abschließe. dann steigt der Preis tendenziell schon dadurch. daß ich als Käufer am Markt auftrete. die niemand will und die niemand geplant hat. so kommt es laufend zu Verzerrungen. für die Verwaltung und für jede Form der Planung. unterbleibt das.1 Dauernd geschehen Dinge. 119 . dann ist Y die Folge. Diese unumstößliche Tatsache sollte bei Entscheidungen und bei der Schaffung von Organisationsstrukturen berücksichtigt werden. Beispiele sind leicht anzuführen. Denn in diesem Zusammenhang muß man unbedingt der simplen Tatsache ins Auge sehen. Eine politische Maßnahme ist eine Hypothese. Das ist eine direkte Folge meines Handelns. dann steigen tendenziell die Aktien der Versicherungsgesellschaft. wenn man Fehler und Gefahrenquellen durch kritische Diskussion vorher aufdeckt. Nerven und Zeit. dann müssen wir A tun’. und es ist normal. Hier 1 Siehe S. Bekanntlich erweisen sich derartige Vorhersagen nicht selten als falsch (wir alle machen Fehler).
was der Ingenieur will. so gut sie auch sein mögen. daß sie die gewünschte Leistung erbringt. so gesehen. wenn sich die unbeabsichtigten schädlichen Konsequenzen bereits eingestellt haben. Maßnahmen durch Fehlerelimination zu korrigieren. Sie hat zur Folge. die praktische Anwendung ihrer Maßnahmen kritisch zu prüfen. viele ihrer Fehler teurer zu bezahlen und sie später zu entdecken. Fehler selbst dann noch eine Weile mitzuschleppen. daß die starren Strukturen mit ihren falschen Theorien untergehen oder bestenfalls (wenn die Führung Glück hat und rücksichtslos ist) verknöchern und daß sich die weniger starren mühevoll. sondern nur das. daß jemand. Und es ist bei einer Organisation genauso schwer wie bei einer physikalischen Maschine. seine Ziele zu erreichen. unabhängig . der über Macht verfügt (sei es in der Regierung oder in einer weniger bedeutenden Organisation). die es nicht zuläßt. in der politischen Praxis zukommt. Eine Obrigkeit. möglichst klar formuliert. daß ihre Maßnahmen vorher kritisch geprüft werden. das zu leisten. welche Bedeutung der kritischen Wachsamkeit und der Möglichkeit. Organisationen und Institutionen aller Art sind. ist vernunftwidrig. Wenn ein Ingenieur eine neue Maschine nicht zweckgerecht konstruiert oder wenn er eine bereits vorhandene umbaut. Für die Organisationsmaschinerie gilt weitgehend das gleiche: Sie ist nicht in der Lage. dann kommt dabei unmöglich das heraus. im Sinne von Absichten und Zielen. was die Maschine eben hergibt – und das kann höchst mangelhaft oder sogar gefährlich sein. sie so zu konstruieren. Es genügt nicht. üblicherweise verbietet sie es auch. dann müssen sie geschaffen werden. ohne alle notwendigen Änderungen vorzunehmen. verurteilt sich also nicht nur dazu. als es nötig wäre. die kennzeichnend ist für streng autoritäre Strukturen. kostspielig und unnötig langsam weiterentwickeln. seine Politik. was ihre Betreiber von ihr fordern. und damit verurteilt sie sich dazu. Wenn die Mittel fehlen. Diese ganze Haltung. andernfalls bleiben die Ziele unerreichbar. Ihm müssen auch die Mittel zu Gebote stehen.Bryan Magee – Karl Popper 82 zeigt sich wieder. Maschinen für die Durchführung von Politik.
Bryan Magee – Karl Popper 83 davon. Schließlich verschlingt eine verfehlte Politik oft gewaltige Summen und Anstrengungen. Und natürlich tut man sich in autoritären Strukturen besonders schwer damit. auch von anderen zum Ausdruck gebracht. wie klug die Betreiber und wie gut und wohl formuliert ihre Ziele und Absichten sind. und dabei ist nicht nur nach Anzeichen dafür zu suchen. dauernd Fehler zu suchen und zuzugeben. bewegt den Leser tief. und seien es auch nur organisatorische Fehler. schon deshalb. daß das Herz die Vernunft . während sie doch gerade nach solchen Anzeichen Ausschau halten sollten. daß sich ihre Vorstellungen nicht verwirklichen. der sich dem Studium der Institutionen im Sinne Poppers widmet (er wurde von Tyrrell Burgess am North East London Polytechnic eingerichtet). die gegenüber organisatorischen Mitteln im Hinblick auf sich ändernde Ziele eine stets kritische. während man gleichzeitig mit wenig Geld und Mühe feststellen könnte. von denen sie Gebrauch machen. daß sich die Irrationalität derartiger Strukturen sogar auf die Instrumente erstreckt. Was Popper hier zu sagen hat. sondern auch nach Anzeichen für das Gegenteil. ob diese Politik zu unerwünschten Resultaten führt. Die Mitglieder von Organisationen verschließen aber gern die Augen vor Anzeichen dafür. und die dort erzielten Ergebnisse sind einfach und von großem potentiellem Nutzen. Im britischen Hochschulwesen gibt es bereits mindestens einen Fachbereich. aber konstruktive Haltung einnimmt. Jede Politik muß in ihrer Durchführung überprüft werden. daß die Anstrengungen die erwünschten Wirkungen zeigen. So kommt es. aber besonders kennzeichnend für Popper sind der Reichtum und die Kraft der Argumente. Eine derartige Überprüfung läßt sich in der Praxis gewöhnlich leicht und mit geringen Kosten durchführen. allerdings wohl weniger leidenschaftlich. weil akribische Genauigkeit selten erforderlich ist. Wir brauchen deshalb eine politische (oder Verwaltungs-)Technologie und eine politische (oder Verwaltungs-)Wissenschaft. mit denen er zeigt. Poppers moralische Ansichten über politische Fragen wurden.
ist weit verbreitet – in unserem Jahrhundert weiter als je zuvor. Deshalb bringen politische Änderungen von einer bestimmten Größenordnung an personelle Änderungen mit sich. Logik und wissenschaftliches Denken weisen auf eine Gesellschaft hin. Die wichtigsten Voraussetzung für die Verwirklichung einer offenen Gesellschaft ist also.Bryan Magee – Karl Popper 84 auf seiner Seite hat. daß Rationalität. die Lösungsvorschläge anderer. die eine andere Politik vertreten als die Regierung. daß die Regierenden in angemessenen Zeitabständen und gewaltfrei abgelöst und durch Vertreter einer anderen Politik ersetzt werden können. in der es jedem freisteht. die . sich als Alternative zur Regierung zu konstituieren und sich für die Übernahme der Regierungsgewalt bereitzuhalten. geplanten und geleiteten Gesellschaft verlangen. Popper hat gezeigt. die in der einen oder anderen Weise auf eben diese Politik festgelegt sind. auf eine Gesellschaft. Gerade Rationalität. Das heißt. Logik und wissenschaftliches Denken nach einer zentral als Ganzes organisierten. zu schreiben.offen’ und pluralistisch ist. zum Beispiel durch regelmäßig abgehaltene freie Wahlen. während der Planung oder während der Ausführung zu kritisieren. daß diese Vorstellung nicht nur autoritär ist. Denn der Glaube. besonders die der Regierung. in der unvereinbare Ansichten zum Ausdruck gebracht und gegensätzliche Ziele verfolgt werden. zu lehren. in der es jedem freisteht. die Regierenden zu ersetzen. auf eine Gesellschaft. muß es Menschen. sondern auf einem verfehlten und überholten Wissenschaftsbegriff beruht. Problemsituationen zu untersuchen und Lösungen vorzuschlagen. in der sich die Politik der Regierung im Lichte der Kritik ändert. und vor allem auf eine Gesellschaft. zum Zweck der Kritik an den Regierenden zu reden. . daß es ihnen möglich sein muß. Gewöhnlich wird eine Politik von Menschen vertreten und durchgesetzt. die Medien zu nutzen und sich zu organisieren und daß sie eine verfassungsmäßig garantierte Möglichkeit haben müssen. Und damit diese Möglichkeit nicht nur auf dem Papier steht. freistehen.
denn diese Sicht führt zum . trotzdem eine Gruppe zur Gewalt greift. eine Mehrheit für dieses System stimmt. vor allem derjenigen.Bryan Magee – Karl Popper 85 Eine derartige Gesellschaft ist für Popper eine . daß die Regierung durch Mehrheitsvotum gewählt wird. Poppers Denken vermeidet dieses Paradox. Entscheidend ist. verstößt gegen seine Prinzipien – wenn derartige Parteien aber an die Macht kommen. in der ein friedlicher Regierungswechsel möglich ist.freie Institutionen’ zu nennen. daß Regierungen durch eine Mehrheit der Regierten gewählt werden. wie immer. bis die amerikanische Propaganda im Kalten Krieg diesen Ausdruck in Mißkredit brachte). ohne daß er sich dabei in Widersprüche verwickelt. sieht sich hier in einem unlösbaren Dilemma: Jeder Versuch. Wer auf die Bewahrung freier Institutionen festgelegt ist. freie Institutionen durch Waffengewalt zu beseitigen. weil sie sich anders nicht durchsetzen kann. keinen besonderen Wert legen. dann schaffen sie die Demokratie ab. Was soll man davon halten. dann ist sie (was immer auch ihre Gedanken und Absichten sein . Und er widerspricht sich auch nicht selbst. daß für Popper die Demokratie in der Bewahrung bestimmter Institutionen besteht (man pflegte sie . wenn die Mehrheit für eine Partei stimmt – zum Beispiel für eine faschistische oder kommunistische Partei – die mit freien Institutionen nichts im Sinne hat und sie fast immer zerstört. die Regierenden wirksam zu kritisieren und ohne Blutvergießen auszuwechseln. Demokratie besteht für Popper nicht lediglich darin. die Faschisten oder die Kommunisten an der Machtübernahme zu hindern. mit gleichen Mitteln entgegentritt.Paradox der Demokratie’. Außerdem ist ihm die moralische Basis für den aktiven Widerstand etwa gegen ein faschistisches System entzogen. wie er es nennt. woran in Deutschland nicht viel gefehlt hat. wenn sie erst einmal die Macht erlangt hat? Wer darauf festgelegt ist. die es den Regierten ermöglichen. wenn. auf das Wort würde er allerdings. wenn er einem Versuch. kann sie gegen Angriffe aus jeder Richtung verteidigen (ob sie nun von Minderheiten oder von Mehrheiten kommen). Wenn nämlich in einer Gesellschaft.Demokratie’.
ist das . deren Beseitigung nur gewaltsam möglich ist – mit anderen Worten: eine Tyrannis. dann wird sie wahrscheinlich zerstört. auf rationale Argumente – die sie ein Täuschungsmanöver nennen – zu hören. Bereits erwähnt wurde das . sie können ihren Anhängern verbieten. sondern führt zwangsläufig zu ihrem Gegenteil. Eine tolerante Gesellschaft muß also unter bestimmten Umständen bereit sein. gewaltsam eine Regierung zu errichten. wenn sie die Errichtung freier Institutionen zum Ziel (und eine reelle Aussicht auf Erfolg) hat. Aber die Feinde der Toleranz können „beginnen. und sie werden ihnen vielleicht den Rat geben. das sich auf Gewalt stützt. moralisch gerechtfertigt sein. „Wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord. Argumente mit Fäusten und Pistolen zu beantworten“.Paradox der Freiheit’. und eine tolerante Gesellschaft kann nur dann überleben. I.“2 Ein anderes. das Argumentieren als solches zu verwerfen. die er mit seiner Haltung vermeidet. die Feinde der Toleranz zu unterdrücken – natürlich nur. das implizit zuerst von Platon formuliert wurde. und die Toleranz mit ihr. Grenzenlose Freiheit zerstört sich – genau wie grenzenlose Toleranz – nicht nur selbst. denn sonst kommt es leicht zu einer Hexenjagd. Denn wenn alle 2 Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. In der Tat kann Gewalt gegen ein Regime. vertrauteres Paradox. zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels. S.Paradox der Toleranz’: Wenn eine Gesellschaft schrankenlos tolerant ist. denn sie ist von der Absicht getragen. die Herrschaft der Gewalt durch eine Herrschaft der Vernunft und der Toleranz zu ersetzen. 359 . wenn sie wirklich eine Gefahr darstellen. solche Leute durch Gewalt im Zaum zu halten. Und man sollte ihnen zunächst auf der Ebene rationaler Argumentation begegnen und dabei alle Möglichkeiten ausschöpfen. wenn sie in letzter Konsequenz bereit ist. Popper führt andere Paradoxa an.Bryan Magee – Karl Popper 86 mögen) dabei.
„Welche Freiheit soll der Staat schützen? Die Freiheit des Arbeitsmarktes oder die Freiheit der Armen. S.. Er führt unter allen Umständen zu einer Ausdehnung der wirtschaftlichen Verantwortlichkeit des Staates.“4 Und allgemeiner: „Wenn 3 4 Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. dann könnte nichts mehr die Starken davon abhalten. Auch hier muß es ein Heilmittel geben. Wir müssen soziale Institutionen konstruieren. zum Einsatz organisierter politischer Gewalt von seiten des Staates wie auch von seiten der Gewerkschaften im Bereich ökonomischer Bedingungen. die die wirtschaftlich Schwachen vor den wirtschaftlich Starken schützen.219 . aufgegeben werden muß. daß das Prinzip der Nichtintervention. Popper weist insbesondere auf das Paradox der ökonomischen Freiheit hin: Sie ermöglicht die uneingeschränkte Ausbeutung der Armen durch die Reichen und führt dazu. daß der schrankenlose Kapitalismus einem ökonomischen Interventionismus weiche. . daß die Armen ihre ökonomische Freiheit fast vollständig verlieren. daß die Politik schrankenloser ökonomischer Freiheit durch die geplante ökonomische Intervention des Staates ersetzt werde. die Schwachen (oder die Sanftmütigen) zu versklaven. Wir müssen fordern. II.“3 Und Popper zeigt dann. ein politisches Heilmittel – „ähnlich jenem. Das bedeutet natürlich. sich zu vereinigen? Welcher Entschluß auch immer gefaßt wird. II. daß sich prinzipielle Gegner des Staatsinterventionismus selbst widersprechen. und deshalb sind Befürworter einer völligen Freiheit eigentlich – was immer ihre Absichten auch sein mögen – Feinde der Freiheit. ob diese nun bewußt akzeptiert wird oder nicht. er führt zu einer Staatsintervention. 154 Ebenda. wenn wir die Freiheit sicherstellen wollen.Bryan Magee – Karl Popper 87 Einschränkungen wegfielen. dann müssen wir fordern. Völlige Freiheit würde also das Ende der Freiheit bedeuten. S. und die Staatsgewalt muß diesen Institutionen zur Wirksamkeit verhelfen. eines unbeschränkten ökonomischen Systems.. das wir gegen den Gebrauch physischer Gewalt verwenden.
das Proletariat. Aber schon die Frage ist aus mehreren Gründen verfehlt. S. wird in gefährliche Nähe totalitärer Methoden führen. 445 . daß man sie richtig anlegen muß. denn dafür gibt es keine Garantie: Der Preis der Freiheit ist ständige Wachsamkeit.Paradox 5 Ebenda. aber auch bei zu massivem Einsatz. wenn sie überhaupt bestehen soll. aber nicht hinreichend. ist eine zweischneidige Waffe: Wenn von ihr zu wenig oder gar kein Gebrauch gemacht wird. Die Regierungsintervention. haben Institutionen und Festungen gemeinsam. wie Monopole. . Andrerseits ist die Einsicht von höchster Wichtigkeit. ein und machen die Freiheit des Marktes zu einer Fiktion. die Mehrheit. das Popper das . die Starken. daß das ganze ökonomische System seinen einzigen vernünftigen Zweck – die Befriedigung der Bedürfnisse des Konsumenten – ohne einen sorgsam geschützten freien Markt nicht erfüllen kann.Bryan Magee – Karl Popper 88 sich der Staat nicht einmischt.. denn sie muß beschränkt werden. das nicht auf ökonomische Freiheit in diesem Sinne abzielt.“5 In allen diesen Fällen ist die größtmögliche Toleranz oder Freiheit nicht absolut zu sehen. verschiedene Antworten zu rechtfertigen: ein Einzelner. Ökonomisches . der einzige Garant der Freiheit.Planen’. Diese Bedingung allerdings ist zwar notwendig. Trusts. dann mischen sich andere halbpolitische Organisationen. und so weiter. Erstens führt sie geradewegs zu einem weiteren Paradox. sondern als Optimum. Sie garantiert nicht. daß sie aber erst durch die richtige Bemannung einsatzbereit werden. Wie Popper bemerkt. daß die Freiheit bewahrt bleibt. geht die Freiheit zugrunde. Damit sind wir wieder bei der Kontrolle (und wirksame Kontrolle bedeutet Absetzbarkeit) der Regierung durch die Regierten als conditio sine qua non der Demokratie. die Vornehmen.Wer soll herrschen?’ zentrale Bedeutung beigemessen und im Rahmen ihrer unterschiedlichen Philosophien versucht.. Politische Philosophen haben im allgemeinen der Frage . II. wenn sie sich halten sollen. die Reichen. Vereinigungen usw. die Guten. die Weisen.
wenn das wichtigste eben die Einrichtung einer Kontrollinstanz wäre.Bryan Magee – Karl Popper 89 der Souveränität’ nennt. Die Frage: . eine Gesellschaft. die beste Möglichkeit. die größtmögliche Freiheit ist eine qualifizierte Freiheit.Es ist falsch. wirtschaftliche und soziale Leben. so gering wie möglich halten?’ Der Gedankengang ist also folgender: Aus praktischer wie aus moralischer Sicht ist die beste Gesellschaft. dann sagt er vielleicht.Ja. ein zu geringes wie ein zu großes Maß an Intervention beeinträchtigt die Freiheit in unnötiger Weise. Die entscheidende Frage lautet nicht: . besteht darin. den sie gegebenenfalls anrichten. In einigen Gesellschaften ist die Macht alles andere als an einer Stelle konzentriert. und den Schaden. die wichtigsten Institutionen von . von denen sich keines in allen Fragen durchsetzen kann. daß irgendjemand letztlich die Macht innehaben muß. die zu diesem Zweck entworfen wurden und hinter denen die Macht des Staates steht. Wenn etwa die Macht in die Hände des Weisesten gelegt wird. sondern der sittlich Gute sollte Herrscher sein’.Wir wollen einen starken Mann. was wir tun sollen’.Bei wem sollte die Souveränität liegen?’ auf der – unzutreffenden – Annahme beruht. die es gibt. sondern die Mehrheit. sondern: . Nicht ich sollte herrschen.Nicht ich. Ein zweiter Einwand ist.Wie können wir die Wahrscheinlichkeit. daß die Frage . die ihren Mitgliedern größtmögliche Freiheit läßt. heiligmäßig wie er ist: . nur diejenigen Institutionen können die Freiheit schaffen und erhalten. wenn ich anderen meinen Willen aufzwinge. daraus ergeben sich weitreichende staatliche Eingriffe in das politische. der Ordnung schafft und uns sagt. dann kommt er vielleicht aus den Tiefen seiner Weisheit zu dem Schluß: . Die meisten Gesellschaften besitzen verschiedene und bis zu einem gewissen Grade konkurrierende Machtzentren. daß schlechte Herrscher an die Macht kommen.Wer soll herrschen?’. an die Macht gelangt.’ Die Mehrheit. sagt vielleicht: . und zwar gerade dann. sich gegen Gefahren aus der einen oder der anderen Richtung abzusichern. Wenn der sittlich Gute die Macht hat. aber wo liegt sie letztlich?’ schließt die Möglichkeit einer Kontrolle der Herrschenden bereits von vornherein aus.
und muß nötigenfalls mit Gewalt verhindert werden. eine autoritäre Herrschaft zu errichten. nicht durch Gewalt und Revolution. wenn die Mehrheit die Tyrannei unterstützt. hätte er es begrüßt. aber nur zwei legitime Ziele rechtfertigen den Einsatz von Gewalt: die Verteidigung freier Institutionen dort. wo es noch keine gibt. dessen politischer Einfluß auf seinen Freundeskreis beschränkt war. und zwar einer Veränderung auf rationalem und humanem Wege. nämlich die verfassungsmäßigen Mittel. die den Sozialdemokraten besonders viel bedeuteten. jeder Versuch. Seine Partei hat ihn schließlich enttäuscht – nicht primär durch ihr verworrenes Gedankengut. wohl aber die Werte zerstören könnte. Gewalt gegen eine Tyrannei kann selbst dann gerechtfertigt sein. sondern dadurch. Für mich hat es immer auf der Hand gelegen. Popper war als Sozialdemokrat zu der Überzeugung gelangt. Als junger Mann. wie er sie vertrat – aber er mußte annehmen. die im Programm seiner Partei eine zentrale Stellung einnahm. wie sie die Arbeiter der . daß die Verstaatlichung der Industrie. die Probleme nicht von selbst lösen würde. wenn die Sozialdemokraten die marxistische Analyse des sozialen Wandels aufgegeben und sie durch ähnliche Gedanken ersetzt hätten. und die Errichtung freier Institutionen dort. daß darauf keine Aussicht bestand. derartige Institutionen auszuschalten. die es den Regierten ermöglichen. Denn es ist vor allem eine Philosophie der Veränderung.Bryan Magee – Karl Popper 90 allen zu bewahren. wie sich diese Philosophie nahtlos in Poppers Wissenschaftstheorie einfügt. der Verkehrsbetriebe und des Geldwesens. daß der Autor von Die offene Gesellschaft zwanzig Jahre lang im Kontakt mit aktiven Mitgliedern der Sozialdemokratischen Partei Österreichs gestanden hatte. daß es sich hier um eine Philosophie der Sozialdemokratie handelt – so unverkennbar antikonservativ einerseits wie unverkennbar antitotalitär (und damit antikommunistisch) andererseits. wo sie bestehen. stellt den Versuch dar. die Inhaber der Staatsmacht zu entfernen und durch Vertreter einer anderen Politik zu ersetzen. Ich glaube gezeigt zu haben. Aber wir dürfen auch nicht vergessen.
(Wenn ich in diesem Punkte recht habe. daß diese Gedanken den Mischmasch von Marxismus und liberal gesinntem Opportunismus ersetzen. Er würde sich jetzt. aber ich möchte seine Gedanken für den demokratischen Sozialismus in Anspruch nehmen. daß der ältere Popper in Fragen der praktischen Politik einfach nicht die radikalen Konsequenzen seiner eigenen Gedanken akzeptiert. dadurch. im Gegensatz zu denen der Kommunisten. daß die Partei mit den Kommunisten gemeinsame Sache machte und der Machtergreifung durch die Nazis nicht den äußersten Widerstand entgegensetzte (allerdings waren ihre Motive. daß er kein Marxist sei. und vor allem dadurch. . daß niemand das philosophische Fundament des demokratischen Sozialismus gedanklich besser ausgearbeitet hat als der junge Popper.Bryan Magee – Karl Popper 91 Gewalt aussetzte. und unsere Auseinandersetzung darüber dauert schon lange. daß die Parteiführer Furcht vor der Verantwortung hatten. dem er anfangs eng verbunden war. Ich behaupte. und hier liegt ihre Zukunft. den man bei der demokratischen Linken als politische Theorie durchgehen läßt. zu einer Stellungnahme gedrängt. das sich mit der Politik der British Labour Party befaßt. so glaube ich. als Liberalen im klassischen Sinne bezeichnen. Ich bin demokratischer Sozialist und glaube. Seit dieser Zeit ist Popper sozialdemokratischen Parteien gegenüber mißtrauisch.Halte vermeidbares Leid möglichst gering’. Hier liegt. sondern von Schwäche geprägt). Und wie er würde ich es gern sehen. das in Die offene Gesellschaft formuliert wird.) Das allgemeine Prinzip der Politik. nicht machiavellistisch. während ihr ein Programm zum Widerstand gegen diese Gewalt fehlte. Und hier muß ich mich für befangen erklären. ich habe deutlich gemacht.) Kurz: Popper hat seine Gedanken als Antwort auf die Bedürfnisse des demokratischen Sozialismus entwickelt. ihre wahre Bedeutung. lautet: . daß Popper kein Sozialist mehr ist. (Dafür habe ich in meinem 1962 veröffentlichten Buch The New Radicalism plädiert. dann gibt es wenigstens einen berühmten Präzedenzfall: Marx hat im Alter Wert auf die Feststellung gelegt.
die sozialen Mißstände. die am schlechtesten ausgestattet sind – den Schulen mit der schlimmsten Lehrerknappheit..Bryan Magee – Karl Popper 92 Kennzeichnend für diese Maxime ist. „Ich glaube. Der Leser bemerkt sofort eine Analogie zur Verifizierbarkeit oder Falsifizierbarkeit wissenschaftlicher Sätze. ausfindig zu machen und für sie Abhilfe zu schaffen. mit der schlechtesten Lehrmittelversorgung –. mit den überfülltesten Klassen. wie das zu bewerkstelligen ist. Dieser Ansatz ist also vor allem pragmatisch und dabei doch dem Wandel verpflichtet. daß vom ethischen Standpunkt aus betrachtet keine Symmetrie zwischen Freuden und Leiden oder zwischen Lust und Schmerz besteht. aber wir wissen. sondern dazu. Institutionen umzuformen. daß sie die Aufmerksamkeit sofort auf Probleme lenkt. Wenn sich zum Beispiel eine Erziehungsbehörde das Ziel gesetzt hat. aus verständlichen Gründen.. Benachteiligungen möglichst gering zu halten. nämlich den Appell zu helfen. während keine ähnliche Nötigung besteht. dann weiß man dort. aktiven Bereitschaft. vielleicht regt sich auch der Gedanke. das Glück oder die Freuden eines Menschen zu vermehren.Schaffe größtmögliche Glückseligkeit’. wie wir ihr Unglück vermindern können. wie wir die Menschen glücklich machen sollen. den Kindern unter ihrer Obhut größtmögliche Chancen zu bieten. dem es ohnehin gut . . den heruntergekommensten Gebäuden. wohl nicht so recht. über die Errichtung von Utopia nachzudenken. Wenn es dagegen erklärtes Ziel ist. das vorhandene Geld für den Bau von Modellschulen auszugeben. an denen Menschen leiden. und dann wird vorrangig die Situation dieser Schulen verbessert. Es liegt hier eine logische Asymmetrie vor: Wir wissen nicht. Er geht von der Sorge um den Menschen aus und führt zu einer unablässigen. Das ist die unmittelbare Konsequenz von Poppers Ansatz: Er ermutigt nicht dazu. .Halte die Unglückseligkeit möglichst gering’ ist nicht bloß eine negative Formulierung der utilitaristischen Maxime . Meiner Ansicht nach enthält das menschliche Leiden einen direkten moralischen Appell. dann wendet sich die Aufmerksamkeit sofort den Schulen zu.
Halte die Unglückseligkeit möglichst gering’ als politische Leitmaxime genügend tragfähig ist – so groß ihr heuristischer Wert auch sein mag. Vom moralischen Standpunkt aus betrachtet. daß die Formel im Prinzip eine Art von kontinuierlicher Glückseligkeitsskala annimmt. S. Eine derart erzkonservative Position wäre keine natürliche Konsequenz aus 6 Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. wiederum zu recht. ob die Devise . vor dem Utopismus. Besitz und Chancen. Und derartiges Handeln dürfte der allgemeinen Anerkennung sicher sein und zu spürbaren Verbesserungen führen. (Dieser Punkt wird im nächsten Kapitel noch ausführlicher behandelt. daß sich aus einem solchen Ansatz die unablässige Forderung nach sofortigem Handeln zur Behebung konkreter Mißstände ergibt. Sie beschränkt sich auf die Berichtigung von Mißbräuchen und Unregelmäßigkeiten innerhalb einer bestehenden Verteilung von Macht. den Schmerz als negative Glückseligkeit aufzufassen. (Eine weitere Kritik der utilitaristischen Formel .Bryan Magee – Karl Popper 93 geht. Wollte man sie wörtlich auffassen. Popper hütet sich auch. der in praxi intolerant und autoritär ist. insbesondere nicht der Schmerz des einen Menschen durch die Glückseligkeit eines anderen. und man sollte weiterhin verlangen. daß unvermeidbares Leid – wie Hunger in Zeiten eines unvermeidlichen Mangels an Nahrungsmitteln – möglichst gleichmäßig verteilt werde.)“6 Popper hat mit seiner Behauptung recht. Statt der größten Glückseligkeit für die größte Zahl sollte man – etwas bescheidener – das kleinste Maß an vermeidbarem Leid für alle fordern. I.) Allerdings erscheint es etwas zweifelhaft. dann ließen sich wohl auch so gemäßigt liberale Maßnahmen wie die staatliche Kunstförderung und die Errichtung von kommunalen Sportstätten und Schwimmbädern nicht mit ihr vereinbaren. . die es uns gestattet.Schaffe größtmögliche Glückseligkeit’ geht davon aus. die durch positive Glückseligkeit aufgewogen werden kann. läßt sich aber Schmerz nicht durch Glückseligkeit aufwiegen. 387f.
New Society. Wir sollten es uns zur methodologischen Regel machen. ergiebigeren Formulierung zu betrachten. in der unsere erste enthalten ist. in der Kulturpolitik. wo irgend möglich.Bryan Magee – Karl Popper 94 Poppers radikaler Philosophie. daß sie die Wahlmöglichkeiten und damit die Freiheit des Einzelnen erweitern. die Situation neu im Lichte einer zweiten. jedenfalls nicht für eine Gesellschaft im Überfluß – sie hat sich sogar für einen konservativen Berufspolitiker als zu konservativ erwiesen7 –. und Popper selbst würde sie bestimmt nicht aufrechterhalten wollen.1963 . im Wohnungsbau. 7 Sir Edward Boyle. immer zunächst von der genannten Devise und ihren Konsequenzen auszugehen. dann aber. sein Leben nach seinen eigenen Wünschen zu gestalten’. 12.9.Schaffe dem Einzelnen größtmögliche Freiheit. im Gesundheitswesen und in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen nötig – sie müssen sich aber immer so auswirken. Diese zweite Formulierung lautet: . Zur Verwirklichung dieser Forderung sind umfangreiche öffentliche Vorkehrungen im Bildungswesen.
von Erfolg zu Erfolg eilte. Popper stand bei Abfassung des Buches der Sozialdemokratie nahe. auszuweichen und uns die Last von den Schultern nehmen zu lassen. Das ist lästig.Bryan Magee – Karl Popper 95 7. Und wir alle sind nicht frei von der – vielleicht infantilen – Neigung. die ihm zu Gebote standen. wenn wir die falsche Wahl getroffen haben. dann bedeutet das. Durch dieses anspruchsvolle Programm wird die Philosophie der Sozialdemokratie in einen nach Ort und Zeit denkbar umfassenden Zusammenhang gestellt. Wenn wir für unser Leben Verantwortung übernehmen. den Freud in Das Unbehagen in der Kultur formuliert hat. aber er hat es hauptsächlich aus einem anderen Grunde geschrieben. daß wir laufend vor schwierigen Entscheidungen stehen und die Konsequenzen tragen müssen. dem Begriff verwandt. Ich bin sicher. Unter diesen Umständen ging es Popper darum. weil sie Angst vor der Verantwortung haben. daß diese Aussage eine wichtige Wahrheit enthält.meisten Menschen’ im Grunde gar keine Freiheit wollen. in Europa ein Land nach dem anderen eroberte und tief nach Rußland hinein vorstieß. ob sie nun für die . Freiheit aber Verantwortung mit sich bringt. um nicht zu sagen beängstigend. während das Buch entstand. Wir hören oft die Behauptung. den er die . und . Unser stärkster Instinkt aber ist der Überlebensinstinkt. Der abendländischen Kultur drohte unvermittelt der Rückfall in die Barbarei. die Anziehungskraft totalitären Gedankenguts zu verstehen. daß die . entgegenzuwirken – und außerdem kundzutun.Last der Kultur’ nennt – er ist. Man darf nicht vergessen. zu erklären und ihr mit allen Mitteln. wie wertvoll und wie wichtig Freiheit im weitesten Sinne ist. daß Hitler. wie Popper zugibt. Die Feinde der offenen Gesellschaft Meiner Ansicht nach ist die Philosophie der Sozialdemokratie heute der bedeutsamste Aspekt von Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Im Mittelpunkt von Poppers Erklärung für die Anziehungskraft des Totalitarismus steht ein sozio-psychologischer Begriff.meisten Menschen’ zutrifft oder nicht.
es sollte die Autorität in Frage stellen und Verantwortung für sich und andere übernehmen.Bryan Magee – Karl Popper 96 daher ist unser Bedürfnis nach Sicherheit wohl am stärksten ausgeprägt. wenn herauskommt. Verantwortung zu übertragen. (Deshalb hätten es die Menschen gern. aus diesem Grunde sind wir nur bereit. das klüger als wir ist und weniger oder keine Fehler macht. daß die Herrscher eben nicht . der wir mehr vertrauen als uns selbst. oder sie sollen uns von einem praktischen gedanklichen System abgenommen werden. die sie in ihrem Vertrauen bestätigen. drohte der Gesellschaft nun der Zerfall. aber gütiger Vater – stärker als wir und uns trotzdem gut gesonnen ist. Rituale und Tabus.besser’ sind als sie selbst.besser’ sind. als noch die alten Gewißheiten galten. wurden neue und erschreckende Forderungen laut: Das Individuum sollte bezweifeln. Vor allem suchen wir Befreiung von der Angst. der – wie vielleicht ein strenger. Diesen Bedürfnissen kamen die unwandelbaren Gewißheiten vorkritischer Gesellschaften entgegen – ihre Autoritäten. deshalb glauben sie so viele Ungereimtheiten. vor Fremden. Deshalb verlangen wir immer nach Garantien dafür. die uns versichern. vor der Zukunft und vor den Folgen unseres Handelns – sind letztlich Formen der Angst vor dem Unbekannten. und politische Philosophien. daß wir nicht sterben werden. dem Individuum die Orientierungslosigkeit. daß das Unbekannte in Wahrheit gar nicht unbekannt ist und daß es etwas birgt. daß die Gesellschaft einmal – und zwar vielleicht schon bald – vollkommen sein wird. etwa der Angst vor dem Dunkel. die uns versichern. vor dem Tod. was es immer als gegeben hingenommen hatte. beim Einzelnen . Anders als zu der Zeit. einer Person oder einer Institution.) Die unausweichlichen und schwierigen Entscheidungen. und deshalb sind sie so erschüttert. Hierarchien. das wir ohnehin brauchen. Wir machen uns Religionen zu eigen. die unser Leben bestimmen. soll jemand treffen. daß ihre Herrscher . Als sich aber der Mensch vom Stammesverband löste und eine kritische Tradition entstand. Und die meisten Ängste – einschließlich der am tiefsten sitzenden. Diese Bedrohung rief von Anfang an eine Reaktion auf den Plan.
oder weiterentwickelt. die eine stärkere . Und weil man dem Wandel nur durch strengste soziale Kontrolle vorbeugen . Gleichheit auf Kosten unserer Selbstachtung und ein kritisches Bewußtsein unserer selbst auf Kosten unseres Seelenfriedens. möchte ihr. seit den Vorsokratikern. nicht nur die Kultur herausgebildet. Dauer verleihen. Der Reaktionär wie der Utopist haben also eine Gesellschaft ohne Wandel im Auge. daß es besser ist. und von ihrem größten Sozialkritiker und Fragesteller heißt es seither. und viele möchten ihn überhaupt nicht zahlen. und das bedeutet ebenfalls. wenn sie errichtet ist.geschlosseneren’ Gesellschaft zurück. daß er an der vollkommenen Gesellschaft der Zukunft baut. daß sich der Handel lohnt. keiner von uns bezahlt ihn gern. Beide lehnen die bestehende Gesellschaft ab und verkünden. Wer glaubt. Wir erwerben Freiheit auf Kosten von Sicherheit. Der Preis ist hoch. daß sich die Gesellschaft vom Schlechten hin zum noch Schlechteren entwickelt. den Veränderungen Einhalt zu gebieten. ein unzufriedener Sokrates zu sein als ein zufriedenes Schwein. Und seit seinem Schüler Platon hat es nie an außerordentlich begabten Menschen gefehlt. möchte die Veränderungen zum Stillstand bringen. Aus ihr sind die Philosophien der Rückkehr zum Mutterschoß einer vorkritischen Stammesgesellschaft oder des Fortschritts hin zu einem Utopia hervorgegangen. daß sich die Gesellschaft zu einer . wer der Meinung ist. So hat sich seit Beginn des kritischen Denkens.Bryan Magee – Karl Popper 97 (das ist zum Teil Freuds Thema) wie bei der Gesellschaft. stehen sie einander ihrem Wesen nach sehr nahe. daß eine vollkommenere Gesellschaft einem anderen Zeitalter angehört. und Sokrates wurde wegen seines Fragens zum Tode verurteilt. Es gab jedoch eine Gegenbewegung. Beide neigen deshalb zur Gewalt und dabei doch zur Romantik. Weil solche reaktionären und utopischen Ideale ähnliche Bedürfnisse befriedigen. sondern parallel zu dieser Tradition (oder vielleicht genauer: in ihr) eine Reaktion gegen die Last der Kultur.Öffnung’ der Gesellschaft bekämpfen und denen daran liegt. Für die besten Geister der Griechen aber gab es keinen Zweifel daran.
alles so hinzunehmen. aber der Wunsch nach einer vollkommenen Gesellschaft entspringt natürlich nicht der menschlichen Bosheit. das den Anstoß gibt. ist eher ein Anzeichen für Intelligenz und Vorstellungskraft als für das Gegenteil – Menschen. die ja zu einem großen Teil durch Autokratien und Kriege aus ideologischen und religiösen Gründen bestimmt ist. An der Spitze des Aufstandes gegen die Kultur – das heißt gegen Freiheit und Toleranz und gegen ihre Folgen: Verschiedenheit.) Die praktischen Folgen reaktionärer und utopischer Theorien sind Gesellschaften wie die unter Hitler oder unter Stalin. daß sich die eine oder andere utopische oder reaktionäre Theorie (zum Beispiel der Kommunismus oder die Mär von der Diktatur als leistungsfähigster Regierungsform) sehr schön ausmacht. aus ehrlicher Überzeugung begangen – etwa von den Inquisitoren in Spanien. Hier liegt ein Trugschluß vor. Wenn eine Theorie in der Praxis nicht funktioniert. dann ist das bereits ein Anzeichen dafür. (Genau da liegt auch der springende Punkt beim wissenschaftlichen Experiment. wenn sie aber in Gang gekommen ist. die auf diesen Weg geraten: Das Gefühl der Unzufriedenheit mit der bestehenden Gesellschaft. denen diese Eigenschaften abgehen. sondern ihrem Gegenteil.Bryan Magee – Karl Popper 98 kann – indem man die Menschen daran hindert. auf eigene Faust irgendetwas zu unternehmen. Die schrecklichsten Ausschreitungen wurden von Idealisten. daß mit ihr etwas nicht stimmen kann. sind mit größerer Wahrscheinlichkeit konservativ und neigen dazu. die Theorie sei pervertiert worden. Es sind keineswegs nur Dummköpfe. deren Absichten durch und durch lauter waren. Man hat mittlerweile schon oft gehört. Das Sprichwort . Der Keim zu dieser Entwicklung ist von Anfang an gelegt. . wird es heißen.Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert’ läßt sich am besten anhand der abendländischen Geschichte veranschaulichen. das ernsthafte soziale Auswirkungen haben könnte – führt der Weg für den Reaktionär wie für den Utopisten in den Totalitarismus. aber in der Praxis leider nicht funktioniert. wie es eben ist.
Jede Argumentation hat schwächere wie stärkere Punkte und bezieht ihre Anziehungskraft offensichtlich aus den stärkeren. Der zweite Band enthält eine entsprechende Kritik an Marx als dem herausragenden Philosophen. Wo Popper die Feinde der offenen Gesellschaft angreift. die noch deutlich werden. In der gesamten Geschichte der geistigen Auseinandersetzung haben selbst geniale Polemiker wie Voltaire immer die schwachen Punkte in der Argumentation ihres Gegners ausfindig gemacht und angegriffen. Als herausragendes Beispiel für einen genialen Philosophen. da billigt er den meisten von ihnen höchst ehrenwerte Motive und manchen von ihnen höchste Intelligenz zu.Bryan Magee – Karl Popper 99 Konflikt. Unsicherheit an allen Ecken und Enden – standen. aber er legt dar. Er unterzieht Platons Theorie im ersten der beiden Bände von Die offene Gesellschaft und ihre Feinde einer ausgiebigen und detaillierten Kritik. auf die sie sich letztlich stützen. zwischen dem Marxismus und utopischen Theorien. ein Angriff auf die schwächeren Punkte kann mithin ihre Anhänger verwirren. wie ich bereits angedeutet habe. angeht. die tief in uns allen verwurzelt sind. besonders Marx. Dieser Vorgehensweise haftet aber ein schwerer Nachteil an. ist allein schon eine der wichtigsten Lektionen in Methode. dessen politische Theorie den Wunsch nach Rückkehr zur Vergangenheit verkörpert. führt Popper Platon an. der mit seiner Theorie eine vollkommene Zukunft entwirft. Das ist . die man aus seinen Schriften lernen kann. daß und warum er beide Richtungen ablehnt. und er räumt ein. daß sie sich an einige unserer edelsten Triebe wenden und an Unsicherheiten.natürlicher’ erschienen. unvorhersagbarer und unkontrollierbarer Wandel. nicht aber die Überlegungen erschüttern. Weil sie Genies waren. und sie haben sich dabei umso wohler gefühlt.) Wie Popper diese gewichtigen Gegner. ist ihr Elitedenken – die Verachtung für den trägen Konservatismus der gewöhnlichen Sterblichen und als Folge davon die Ablehnung der Demokratie und der Lehre von der Gleichheit – umso . einige der größten Geister der Menschheit. (Popper unterscheidet aus Gründen.
und wenn sie Erfolg hat. und er werde durch das ausgezeichnete. ist der Angriff auf Platon. denn sie gewinnen ständig durch die Kritik der Gegenseite. Häufiger führt ein Rückschlag dazu. die im zweiten Satz dieses Buches zitiert wurde. Wenn Popper so das Argument in die bestmögliche Form gebracht hat. Denn es bleibt keine Version des widerlegten Arguments übrig.Bryan Magee – Karl Popper 100 einer der Gründe dafür. die stärkste Stelle eines Gegners ausfindig zu machen und gerade dort anzugreifen. Diese Methode ist faszinierend und intellektuell denkbar ernstzunehmen. wer in einer Diskussion unterliegt. daß man die schwächsten Punkte in seiner Argumentation fallenläßt oder verbessert und so letztlich seine Position stärkt. sind die Ergebnisse verheerend. daß mir nicht klar ist. Nur zu viele einschlägige Bemerkungen zeichnen sich durch Unkenntnis aus. (Eine Erklärung im Sinne Poppers liegt auf der Hand. Der Aspekt von Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Ich habe oft sagen hören. greift er es dort an. Es kommt bei einer Diskussion zwischen zwei intelligenten Menschen oft vor. daß die Argumente auf beiden Seiten mit der Zeit immer besser werden. legt alle Zweifel zugunsten des Gegners aus und übergeht jede offensichtliche Lücke. Popper schätze Platon als Philosophen gering. der unter den Gelehrten immer am umstrittensten war. ob sich Schwächen ausräumen und Formulierungen verbessern lassen. und das tut er dann auch nach Kräften. der erste Band von Die offene Gesellschaft sei tatsächlich in erster Linie eine Kritik an Platon. So ist Popper nach Einschätzung vieler mit dem Marxismus verfahren – daher die Bemerkung von Isaiah Berlin. warum so selten seine Ansichten ändert. wie ein rational denkender Mensch nach Lektüre von Poppers Kritik des Marxismus noch Marxist sein kann. Bevor er angreift.) Popper zielt darauf ab. Aber darauf kommen wir gleich zu sprechen. Und ich muß gestehen. die zerpflückt wurde. . die sich im Lichte der Kritik rekonstruieren ließe. versucht er sogar. die gegnerische Argumentation noch zu stützen. wo es am überzeugendsten und anziehendsten wirkt. weil jede Ausflucht und jeder Vorbehalt bereits in der Fassung enthalten war. Er prüft.
1 Nichts davon stimmt.4 Und Levinson.3 Er schließt sich Whiteheads Ausspruch an. Man tut Platon nicht Gewalt an. . wenn man sein politisches Ideal als eine sehr differenzierte Spielart der vielen Formen autoritärer Herrschaft klassifiziert. S. daß Platon – um Poppers Ausdruck zu gebrauchen – den Vorschlag machte. rationale Entscheidungen ihr Leben immer humaner und aufgeklärter gestalten“. Levinson .vollständig zu widerlegen’.geschlossene’ Gesellschaft zu errichten. Popper nennt Platon eindeutig den „größten Philosophen aller Zeiten“2 und spricht beispielsweise. Levinson stellt Poppers Position richtig dar. 155 4 In Defense of Plato. selbstverständlich und ohne Ironie. die gesamte abendländische Philosophie bestehe aus Fußnoten zu Platon. S. wenn er schreibt: „Der Angriff auf Platon bildet das Gegenstück zu Poppers Überzeugung. von der „ganzen Kraft seiner unübertroffenen Intelligenz“. 2 Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. die einander in ihren Rechten achten und die durch verantwortliche. 17 1 .geschlossenen’ zur . Die Antwort Poppers auf dieses Buch ist in einer Ergänzung zur 4. I.. in der der gewöhnliche Bürger bevormundet wird. die das ganze Buch motiviert – daß die bedeutsamste aller Revolutionen der Übergang von der .. 141 3 Ebenda. gibt Popper schließlich im wichtigsten Punkt recht: „In erster Linie stimmen wir darin überein.Bryan Magee – Karl Popper 101 gewichtige und kenntnisreiche Buch In Defense of Plato von Ronald B. eine .offenen’ Gesellschaft ist. von Menschen. weit davon entfernt. Auflage von The Open Society and Its Enemies (1961) nachzulesen. Poppers Urteil über Platon . zu einem Zusammenschluß freier Menschen innerhalb eines staatlichen Rahmens. S.vollständig widerlegt’ (oder was dergleichen Redensarten mehr sind). der wechselseitigen Schutz bietet. die unter unsere verallgemeinerte Version von Websters Definition des Totalitarismus fallen. I. wir sind bereits dahingehend übereingekommen. Es geht Popper auch nicht in erster Linie um eine Kritik an Platon.
Nach Popper muß man Platon anders lesen. daß er sich auf „vielen Gebieten gründlich auskennt“ und „uneingeschränkt für liberale und demokratische Ideale eintritt. aber meiner Meinung nach voll gerechtfertigt“. was Popper sagt. Und Gilbert Ryle.’“5 Levinson lehnt vieles von dem.Bryan Magee – Karl Popper 102 daß man hier auch von . deren Verteidigung das gesamte Werk [Die offene Gesellschaft und ihre Feinde] gewidmet ist“. weil sie ungeprüft wiederholt wird.nicht mehr zwischen dem Bereich des privaten Ermessens und dem der öffentlichen Kontrolle unterscheidet. eine überwältigende praktische Bedeutung zu. aber mit ihr ist es selbst nicht weit her. 573 Ebenda. man habe auf irgendeine Weise gezeigt. Der Platonismus als solcher ist im politischen und sozialen Leben der modernen Welt kein aktuelles Thema. 19 . S. die Philosophie der Vorsokratiker auch nicht – wohl aber der Marxismus. Juli 1972) hat Ryle im Dritten Programm der BBC dieses Urteil noch einmal ausdrücklich bekräftigt.Totalitarismus’ im genau abgewogenen Sinne Sabines sprechen kann. selbst ein bedeutender Platonkenner. daß es mit Poppers Platonkenntnis nicht weit her ist. Bertrand Russell schrieb: „Poppers Angriff auf Platon ist unorthodox. 571. scharf ab.“ Ein Vierteljahrhundert später (am 28. wie sie sich in der heutigen Weltlage verkörpert. schrieb in einer Besprechung von Poppers Buch in Mind: „Er hat sich offenbar gründlich und in schöpferischer Weise mit griechischer Geschichte und griechischem Denken befaßt. scheint unausrottbar. S. Tatsächlich kommt der persönlichen Leistung von Marx. die . von einer Regierung. Die bedeutenderen Philosophen allerdings haben sich in dieser Hinsicht nichts zuschulden kommen lassen. Vor kaum mehr als hundert Jahren war Marx – ein Intellektueller in den Sechzigern. er zollt Popper aber immer Respekt dafür. durch die sie in der Geschichte ohne Beispiel dasteht. der mit Frau und Familie in Hampstead lebte und seine 5 6 Ebenda.6 Die Ansicht.
sondern zu. Karl Marx. daß Marx der einflußreichste Philosoph der letzten hundert Jahre ist und daß wir die Welt. Sein Wissenschaftsverständnis war natürlich noch nicht von Einstein geprägt. Ausg. Meiner Meinung nach ist dieses außergewöhnliche Phänomen noch gar nicht hinreichend gewürdigt worden. Wie jeder gutinformierte Zeitgenosse glaubte Marx.und Selektionstheorie für die Morphologie der Naturwissenschaften das erreicht habe. rev. Der Marxismus erhebt Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. anders als vor dreißig Jahren. S. was er für die menschliche Geschichte zu tun versuchte“.) Im Grunde geht es um folgendes: Marx glaubte. Aber kaum jemand wird bestreiten wollen. die sich nach Marx benennen. Und keine siebzig Jahre nach seinem Tode hatte ein Drittel der Menschheit.7 (Einer vielzitierten Legende zufolge hatte Marx sogar beabsichtigt. war er doch der Ansicht. und das ist für ihn von zentraler Bedeutung. Und. Marx sah sich sozusagen als den Newton oder den Darwin der Geschichts-. daß Newton Naturgesetze entdeckt habe. Gesellschaftsformen übernommen. den zweiten Band seines Werkes Das Kapital Darwin zu widmen.Bryan Magee – Karl Popper 103 Zeit mit Lesen und Schreiben verbrachte – selbst dem gebildeten Publikum kaum bekannt. 175 . daß dieser mit seiner Entwicklungs. und daß folglich bei Kenntnis der 7 Isaiah Berlin. denen die Bewegungen der Materie im Raum gehorchen. ohne Kenntnisse über das politische und soziale Denken von Marx unmöglich verstehen können. daß die Entwicklung der Gesellschaft wissenschaftlichen Gesetzen unterliege und daß er der Entdecker dieser Gesetze sei. 1968. u. nimmt heute im gesamten Westen an den Universitäten und bei der intellektuellen Jugend das Interesse für den Marxismus nicht ab.und der Wirtschaftswissenschaft – man könnte auch allgemein sagen: der Sozialwissenschaft. der Politik. in der wir heute leben. Er zollte Darwin „größere Bewunderung als jedem anderen seiner Zeitgenossen. unter anderem im gesamten Russischen Reich und in ganz China. erw.
(Dem Astronomen kann es natürlich Spaß machen. Ebbe und Flut. Im Kapital beschreibt er sich als den Entdecker der „Naturgesetze der kapitalistischen Produktion“ und macht auf folgendes aufmerksam: „Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die Spur gekommen ist – und es ist der letzte Endzweck dieses Werks. daß er sie befürwortet hat. es mit ihrer Hilfe zu kontrollieren – die Naturgesetze wirken gewissermaßen mit eherner Notwendigkeit auf unausweichliche Ergebnisse hin. Das industriell entwickeltere Land zeigt dem minder entwickelten nur das Bild der eignen Zukunft. ist wissenschaftlich unerheblich. Andere Formen des Sozialismus hat er als . er freut sich vielleicht darauf und kann es kaum erwarten. . Sonnenfinsternisse. daß er nicht vorschreibe. persönlich begrüßte. daß seine Theorie im geschilderten Sinne . die er als unausweichlich ansah.. daß er die Sonnenfinsternisse befürwortet.. Es handelt sich um diese Gesetze selbst. eine Sonnenfinsternis zu beobachten. und er hat die Parallele durch eine bewußt an Newton erinnernde Terminologie betont.wissenschaftlich’ sei. die er vorhersagt. die wir wissenschaftlich vorhersagen und beschreiben. bis es soweit ist.Bryan Magee – Karl Popper 104 entsprechenden Daten über ein beliebiges physikalisches System alle künftigen Zustände des Systems vorhersagbar seien. aber nicht ändern können. Eigentlich darf man von Marx genauso wenig sagen.“ Daß Marx die Entwicklung. um diese mit eherner Notwendigkeit wirkenden und sich durchsetzenden Tendenzen. wie man von einem Astronomen sagen darf.) Marx hat immer betont. und so weiter. Wir können mit Hilfe der Naturgesetze die Zukunft unseres Sonnensystems vorhersagen. sondern beschreibe. So können wir im voraus die Zeiten von Sonnenaufgang und -untergang angeben. aber wir sind nicht in der Lage. das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen –. Marx verstand seine Entdeckungen als genaues Gegenstück zu diesen Naturgesetzen. kann sie naturgemäße Entwicklungsphasen weder überspringen noch wegdekretieren.utopisch’ abgelehnt – als .
daß wir keine Möglichkeit haben. Meiner Meinung nach ist der Kommunismus utopisch. und aus diesem Grunde hätten alle Gesellschaften zunächst ihr kapitalistisches Entwicklungsstadium bis zum Ende durchlaufen müssen: Tatsächlich aber hat der Übergang zum Kommunismus nur in vorindustriellen Ländern stattgefunden (eine . Popper billigt diese Unterscheidung.Vulgärmarxisten’ (wie Popper sagen würde) oder . von denen aber die wichtigsten mittlerweile falsifiziert worden sind. ist allerdings weit verbreitet und wird anscheinend sogar von den meisten Kommunisten geteilt. Die Zerstörung des marxistischen Anspruchs auf wissenschaftliche Wahrheit – und zwar so gründlich.utopische Sozialisten’ (wie Marx gesagt hätte). der Marxismus muß sich der wissenschaftlichen Überprüfung stellen und die Konsequenzen akzeptieren. aber Popper begeht nicht den Fehler. den sie verdient. Beispielsweise wäre der Übergang zum Kommunismus laut Marx nur in voll entwickelten kapitalistischen Gesellschaften möglich gewesen. daß an ein Aufleben nicht mehr ernsthaft zu denken ist – wird Popper zugeschrieben. Unterliegt er hier in einem Punkt. sie sind demnach . Daraus folgt zwangsläufig. so gibt es kein Ausweichen auf andere Argumentationsebenen: Kurz. schlimmstenfalls bloße Visionen. mit dem intellektuellen Ernst behandelt. wenn er sich in der wissenschaftlichen Diskussion nicht behaupten kann. Popper hat nicht etwa die Unfalsifizierbarkeit der Theorie von Marx nachgewiesen. ist also nicht mit utopischen Ansichten zu verwechseln. eine vollkommene Gesellschaft zu schaffen. Die marxistische Ansicht. Der Vulgärmarxismus ist unfalsifizierbar. den Lauf der Geschichte zu gestalten. denen zufolge es in unserer Macht steht. der Marxismus gehöre zur zweiten Gruppe. und dieser Unterschied darf nicht vergessen werden. daß er zum Zerfall verurteilt ist. der Marxismus dagegen nicht. hat eine ganze Reihe falsifizierbarer Vorhersagen geliefert.Bryan Magee – Karl Popper 105 bestenfalls bloße Empfehlungen. den Vulgärmarxismus Marx anzulasten. Marx’ Theorie. Der Marxismus erhebt Anspruch auf Wissenschaftlichkeit. Das Mißverständnis.
den Übergang zum Kommunismus bewerkstelligen: In Wahrheit jedoch ist es der kommunistischen Partei bis auf den heutigen Tag in keinem Lande – nicht einmal in Chile – gelungen. daß die Verfügungsgewalt in die Hände einer neuen Klasse. Der Theorie nach müßte sich das Eigentum an den kapitalistischen Produktionsmitteln zwangsläufig in immer weniger Händen konzentrieren: Tatsächlich aber hat es sich mit der Aktie so weit verbreitet.Bryan Magee – Karl Popper 106 Ausnahme bildet die Tschechoslowakei). gewöhnlich einer fremden. die Entwicklung der meisten Wissenschaften über die einschlägigen Äußerungen von Marx und Engels hinweggegangen. klassenbewußter und revolutionärer werden muß: Tatsächlich aber ist es seit den Zeiten von Marx in allen Industrieländern wohlhabender und weniger zahlreich. bei einer freien Wahl die Mehrheit für sich zu gewinnen. zahlreicher. um einen anderen Gedankengang aufzunehmen. der Manager. Zudem ist. und ein immer zahlreicheres Proletariat. Beispielsweise ist ihre Theorie der Materie seit Einstein überholt. die Massen. Der Theorie nach können nur die Arbeiter selbst. aber nicht arbeitet. klassenbewußt und revolutionär geworden. wo der Kommunismus an die Macht kam. wurde er der Mehrheit mit Hilfe einer Armee aufgezwungen. Nach der Theorie hätte die Revolution vom Industrieproletariat ausgehen müssen: Mao Tse Tung. das arbeitet. Ho Chi Minh und Fidel Castro jedoch haben diesen Gedanken ausdrücklich verworfen und erfolgreiche Revolutionen mit Unterstützung der Landbevölkerung durchgeführt. niemals in einer voll entwickelten kapitalistischen Gesellschaft. daß das Industrieproletariat zwangsläufig ärmer. übergegangen ist. Folgt man der Theorie. ihr Verständnis des Individualverhaltens seit Freud. aber nichts besitzt oder kontrolliert –. daß sich die Gesellschaft zunehmend in zwei Klassen aufspaltet – in eine immer kleinere Kapitalistenklasse. Das Auftauchen dieser Klasse widerlegt außerdem die marxistische Vorhersage. Das von Ricardo gelegte ökonomische . die besitzt und kontrolliert. während alle anderen Klassen unvermeidlich verschwinden. so gibt es gute Gründe dafür.
die historische Entwicklung gehorche wissenschaftlichen Gesetzen. 2 . daß der Fundamentalsatz des Marxismus – die Entwicklung der Produktionsmittel sei der einzige Bestimmungsfaktor des historischen Wandels – logisch inkohärent ist. ist ein Beispiel für das. Marx’ Auffassung. Wir haben also die grundlegende Methode zur Prüfung einer Theorie angewandt.. eine Theorie zurückzuweisen. seine auf Hegel beruhenden logischen Grundlagen seit Frege. Sie muß auch den logischen Kriterien der inneren Widerspruchsfreiheit und Kohärenz genügen. was Popper .Historizismus’ jene Einstellung zu den Sozialwissenschaften . der 8 Das Elend des Historizismus.Rhythmen’ oder . daß historische Voraussage deren Hauptziel bildet und daß sich dieses Ziel dadurch erreichen läßt. die Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt: Die getroffenen Vorhersagen wurden anhand der Erfahrung geprüft und dabei falsifiziert. die . daß man die . denn eine derartige Theorie kann nicht erklären.Trends’ entdeckt.Bryan Magee – Karl Popper 107 Fundament des Marxismus gehört seit Keynes in die Rumpelkammer. Er versteht „unter .Gesetze’ oder . die annimmt. in der für eine so bedeutsame Entwicklung kein Platz war.) Das alles ist Anlaß genug.8 Beispiele historizistischer Anschauungen sind: der alttestamentarische Glaube an die Mission des auserwählten Volkes. warum sich die Produktionsmittel überhaupt entwickeln.. daß eine Theorie nach weiteren Gesichtspunkten zu beurteilen ist.Patterns’. weil sie die Herausbildung der parlamentarischen Demokratie nicht ernstnahmen. S.Historizismus’ nennt. vor allem deshalb. die der geschichtlichen Entwicklung zugrunde liegen“. (Zu diesem Versäumnis wurden sie wiederum durch ihre Theorie verleitet. als sie dann schließlich verlaufen ist – wie ich vermute. Und hier stellt sich heraus.. Marx und Engels sahen die Entwicklung der politischen Institutionen ganz anders voraus. anstatt unverändert zu bleiben. Der Leser wird sich jedoch aus den früheren Kapiteln daran erinnern.
. und in diesem Falle müssen gänzlich deterministische materielle Prozesse am Werk sein. Oder es gibt überhaupt keine derartigen Wesenheiten. der Glaube Hitlers an die Errichtung eines Tausendjährigen Reiches.Geschick der Menschheit’) vorangetrieben. Oder die Geschichte wird von einer ihr innewohnenden Intelligenz (einem immanenten Geist. bemerkt. Entscheidungen. Aber auch wenn man von bestimmten Theorien absieht – die allgemeine Vorstellung scheint weit verbreitet zu sein. Glück und andere Faktoren Anteil haben. Rom sei zur Herrin des Erdkreises bestimmt. einer Lebenskraft oder etwa vom . die sich nicht vorhersagen lassen. der Glaube der Aufklärer. Die beiden ersten Alternativen sind offensichtlich metaphysischer Natur: sie sind unfalsifizierbar und bestimmt nicht wissenschaftlich. Nach allem bisher Gesagten dürfte klar sein. Sofern überhaupt ein zielgerichteter Prozeß abläuft. daß die Geschichte wenn nicht ein Ziel. daß Veränderungen das Ergebnis unserer Versuche sind. der Fortschritt sei unaufhaltsam und der Mensch lasse sich vervollkommnen. wie selten sich diese bewahrheiten. unsere Probleme zu lösen – und daß an unseren Problemlösungsversuchen Vorstellungskraft. Verantwortung tragen wir dabei für unsere Entscheidungen. Entweder lenkt eine außenstehende Intelligenz (gewöhnlich Gott) die Geschichte nach seinen Plänen. Und die dritte geht von einem heute unhaltbaren Wissenschaftsbegriff aus. so doch einen Plan oder jedenfalls einen Sinn haben muß oder daß ihr wenigstens eine Art Muster zugrundeliegt. daß es vor der Wiederkunft des Herrn unausweichlich zu Massenbekehrungenen kommen müsse.Bryan Magee – Karl Popper 108 Glaube mancher Römer. der Glaube der frühen Christen. einige berühmte Beispiele für historizistische Anschauungen aufzuzählen. Er ist Indeterminist und glaubt. dem stehen eine Anzahl von Erklärungen zur Verfügung. Schon wer beginnt. der Glaube so vieler Sozialisten an den zwangsläufigen Sieg des Sozialismus. warum Popper diese Ansichten ablehnt. Wer ernsthaft eine historische Notwendigkeit geltend machen will.
zukünftiges Wissen vorherzusagen: Könnten wir das Wissen der Zukunft vorhersagen. Technisch gesehen. argumentiert Popper. und es wäre kein zukünftiges Wissen mehr. der ihm zukommt. „daß es keinem wissenschaftlichen Prognostiker – gleichgültig ob Mensch oder Rechenmaschine – möglich ist. die die Geschichte voranbringen – im Zusammenwirken mit anderen Menschen. haben wir ihm gegeben.“9 Einfacher ausgedrückt. Daraus folgt: Wenn die Zukunft überhaupt bedeutsame Entdeckungen mit sich bringt. jeden Sinn. auch 9 Das Elend des Historizismus. dann wären es bereits die Entdeckungen der Gegenwart. die Zukunft vorherzusagen. Und am schärfsten geht er dabei mit dem Marxismus ins Gericht – weil der Marxismus die einflußreichste historizistische Theorie der Gegenwart ist und weil vor allem er den Anspruch erhebt. Von dieser gedanklichen Position aus greift Popper alle historizistischen Theorien an. Jeder Zweck. Aber es ist logisch unmöglich. daß der Ablauf der menschlichen Geschichte durch das Anwachsen des menschlichen Wissens stark beeinflußt worden ist. dann ist es unmöglich. S. ohne sich in Widersprüche zu verwickeln. ist ihm von uns verliehen. mit unserer physikalischen Umgebung (die der Mensch als Gattung nicht geschaffen hat) und mit der Welt 3 (die der Mensch als Gattung geschaffen hat. daß die historische Entwicklung nach wissenschaftlichen Gesetzen verläuft und daß es uns die Kenntnis dieser Gesetze (die der Marxismus liefert) erlaubt. sie mit wissenschaftlichen Mitteln vorherzusagen. der diesem Vorgang innewohnt. XII .Bryan Magee – Karl Popper 109 sind wir es. dann würden wir bereits jetzt darüber verfügen. die das Individuum jedoch erbt und an der es nur wenig ändern kann). kann diese Tatsache zugeben. Auch wer in unserem Wissen nur das Nebenprodukt einer materiellen Entwicklung sieht. mit wissenschaftlichen Methoden seine eigenen zukünftigen Resultate vorherzusagen. indem er zeigt. ergibt sich folgender Gedankengang: Es läßt sich leicht zeigen. könnten wir die Entdeckungen der Zukunft vorhersagen.
sich der Entwicklung zu entziehen. dann könnte sie. Ich habe diese philosophische Annahme die . die der theoretischen Physik entspricht. nicht 10 Popper. wie bereits gezeigt. Wir stünden dann außerdem vor einem Paradox der Möglichkeit beziehungsweise Unmöglichkeit. S.Bryan Magee – Karl Popper 110 wenn sie unabhängig von menschlichen Wünschen determiniert ist. von der Utopisten im allgemeinen ausgehen (Marx allerdings nicht. weil unsere Handlungen. Dieser letzte Punkt legt übrigens den Trugschluß in der Annahme offen. und wir müssen deshalb die – für den Marxismus zentrale – Vorstellung zurückweisen. als er den (wie er es nannte) .absichtlich’ getan. daß es eine theoretische Geschichtswissenschaft gibt. Schon aus diesen rein logischen Gründen bricht der Historizismus zusammen. Arbeitslosigkeit –. in Modern British Philosophy.“10 Poppers Angriff gegen den Marxismus stützt sich ferner auf Argumente. sie erneut zu aufzudecken. Das wichtigste dieser Argumente ist das folgende: Marx war. dann muß das einer bösen Absicht entspringen. Sie enthält. dann ist die Vorstellung von der total geplanten Gesellschaft ebenfalls nicht mehr tragfähig. weil sie keine konsequente Antwort auf die Frage . die hier bereits dargelegt wurden und deshalb nicht wiederholt zu werden brauchen. Es gibt ein weiteres Argument: Wäre die Zukunft wissenschaftlich vorhersagbar. 67 . Wenn die Vorstellung zusammenbricht.Schlechtem’ betroffen ist. weil prinzipiell jeder imstande wäre. einem finsteren Plan: Jemand hat es . und zweitens.Verschwörungstheorie der Gesellschaft’ genannt. der Marximus drückt sich hier deutlicher aus als große Teile der Sozialdemokratie).wissenschaftlichen Sozialismus’ propagierte. und natürlich profitiert jemand davon. nicht länger verborgen bleiben.Wer plant die Planer?’ liefert. einmal enthüllt. Wenn eine „Gesellschaft von etwas . Armut. daß sich die Zukunft mit wissenschaftlichen Mitteln vorhersagen läßt. wahrscheinlich in jedem Falle unbeabsichtigte Konsequenzen haben. das wir verabscheuen – etwa Krieg. wie sich zeigen läßt. von etwas. weitere innere Widersprüche: erstens.
daß Normen konventionell oder künstlich sind. die wirklich wissenschaftlich ist. Es muß natürlich zugegeben werden.“ Poppers evolutionäre Erkenntnistheorie und besonders seine Theorie der Welt 3 liefert eine ausführliche Erklärung dafür. S. Andere wieder befürchten.) Aber Künstlichkeit hat keinesfalls völlige Willkür zur Folge. ein gewisses Element von Willkür andeutet: es kann verschiedene Systeme von Normen geben. Theaterstücke in hohen Grade künstlich. beunruhigt so manchen. ein beliebiges normatives System auszuwählen. Außerdem – und das kann nicht genug betont werden – richten sich dann die Wissenschaftsfeindlichkeit und der Aufstand gegen die Vernunft. Poppers Argumentation. Sinfonien. daß alle Werte und Normen willkürlich sind. den wir selbst ihr beilegen. Mit dem zweiten Mißverständnis setzt sich Popper in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde auseinander:11 „Fast alle diese Mißverständnisse gehen auf einen fundamentalen Irrtum zurück. wenn Popper recht hat. sobald wir nur die Freiheit haben. Aber daraus folgt nicht. Zum Beispiel sind mathematische Kalküle. daß die Ansicht. daß ein Kalkül oder eine Sinfonie oder ein Theaterstück ebenso gut ist wie jedes andere. sondern auch über die Wissenschaft – vertrat er doch genau die Wissenschaftsauffassung. 100 . (Diesen Umstand hat Protagoras gebührlich betont. gerade gegen ein falsches Verständnis der Wissenschaft und der Vernunft. daß ein System ebenso gut ist wie jedes andere.Konvention’ . die in unserer Zeit so stark zum Ausdruck kommen. warum das nicht so ist und worin seiner 11 I. der sich durch sie desorientiert und in eine Art existentieller Leere versetzt sieht.Bryan Magee – Karl Popper 111 nur über die Gesellschaft im Irrtum. die Popper widerlegt zu haben glaubt. dann verfügt er auch über die einzige politische Philosophie. daß wir von keinem Sinn der Geschichte wissen können als von dem. Wenn Popper die Wissenschaft richtig sieht. daß . nämlich auf die Annahme.Willkür’ bedeutet. zwischen denen nicht viel zu wählen ist.
völlig Neues’ ersetzt werden können. die aber von ihm erst später veröffentlicht wurden.“12 Jeder Idealist – wenn er den ernsthaften Wunsch verspürt. uns die besten Mittel und Wege zu ihrer Verwirklichung zu überlegen und einen Plan für praktisches Handeln aufzustellen. „Die utopische Sozialtechnik kann durch die folgende Argumentation plausibel gemacht werden. bevor irgendeine praktische Handlung unternommen wird. wenn dieses Ziel zumindest in rohen Umrissen bestimmt ist. Diese Theorien finden sich in Schriften Poppers. dann vergessen wir auch uns zu fragen. wir müssen unsere wirklichen und endgültigen Ziele sorgfältig festsetzen. in dem sie ihr Ziel bewußt und konsequent verfolgt und in dem sie ihre Mittel diesem Ziel entsprechend festsetzt. Die Wahl eines Ziels ist also die erste Aufgabe. Nur dann. wenn wir rational zu handeln wünschen. Einige der Argumente Poppers gegen den Marxismus lassen sich auch auf den Utopismus anwenden – etwa seine Argumente dagegen. und damit hören wir auf. verlangen die angeführten Prinzipien die Festlegung unseres endgültigen politischen Ziels oder des idealen Staates. ob es wahrscheinlich ist. Jede rationale Handlung muß ein bestimmtes Ziel haben. Auf das Gebiet politischer Tätigkeit angewendet. Sie ist rational in eben dem Ausmaß. wenn wir einen Bauplan der von uns angestrebten Gesellschaftsordnung besitzen. 214 .Bryan Magee – Karl Popper 112 Meinung nach die wahre Orientierung des Menschen besteht. die wir bereits früher diskutiert haben. I. nur dann können wir beginnen. rational zu handeln. die mit einem Plan beginnen und sich 12 Die offene Gesellschaft und ihre Feinde.oder Zwischenziele klar unterscheiden. daß Gesellschaften .hinweggefegt’ und durch etwas . die wir lösen müssen. daß diese Teilziele das letzte Ziel fördern. und wir müssen von ihnen jene Teil. ein Idealist ohne Illusionen zu sein – muß sich Poppers Argumenten gegen alle politischen Ansätze stellen. S. die eigentlich nur als Mittel oder als Schritte auf dem Wege zum endgültigen Ziel in Betracht kommen: Wenn wir diese Unterscheidung vergessen.
macht irreführenden Gebrauch von einer Metapher: In Wirklichkeit geht es doch um eine zeitlich nahegelegene Gruppe von Ereignissen. Mehr noch: Die erste Gruppe von Ereignissen liegt zeitlich näher und wird deshalb eher als die zweite. wohin die Reise auch gehen soll. gar keine andere Wahl hat. bevor man überhaupt etwas ändern kann – und das ist ein Widerspruch in sich. in der Wissenschaft oder in der Kunst. Deshalb ist der Zweck in Wahrheit gar kein Zweck. die vorgesehene Gestalt annehmen. die man als . auf die eine zeitlich weiter entfernte Gruppe von Ereignissen folgt. die wir auch treffen mögen.Mittel’ bezeichnet. die man den .Bryan Magee – Karl Popper 113 dann an seine Verwirklichung machen. setzt soziologisches Detailwissen in einem Ausmaß voraus. für das man nicht ernstlich eine Sonderstellung beanspruchen kann. die in naher Zukunft um eben dieser Belohnungen willen . Aber an diese werden sich – sofern die Geschichte nicht einfach aufhört – weitere Gruppen von Ereignissen anschließen. Das erste Argument ist. versprochen für die ferne Zukunft. Jeder Wandel. zeitlich weiter entfernte und weniger sichere. daß man. unbeabsichtigte Konsequenzen haben. Zweitens werden alle Maßnahmen. daß man alles ändern muß. Wer mit Anspruch auf Rationalität eine durchgreifende Veränderung der Gesellschaft als Ganzes plant. sind unsicherer als die Opfer. aber das läuft auf nichts anderes als auf die Behauptung hinaus. Utopisten pflegen zu behaupten. als von dort aufzubrechen. sondern lediglich das zweite Glied in einer endlosen Kette. der real ist und nicht lediglich in der Vorstellung stattfindet. Wir können in der Politik genauso wenig bei Null beginnen wie in der Erkenntnistheorie. wo man gerade steht. Und je umfassender die Maßnahmen angelegt sind. die Gesellschaft als Ganzes müsse geändert werden. die nur zu leicht unserem Plan zuwiderlaufen. Und wer nach utopischer Manier über Mittel und Zwecke spricht. bevor sich dies oder das ändern lasse. kann nur Wandel unter den tatsächlich bestehenden Bedingungen sein. Belohnungen. desto mehr unbeabsichtigte Konsequenzen wird es geben.Zweck’ nennt. wie es uns einfach nicht zur Verfügung steht.
wie kritisch sie auch sein mögen. Wer die Gesellschaft wirklich hinwegfegen will. wenn nicht sogar zwingen müssen. den sie nicht billigen. sehr viele Menschen. Was nun den Plan selbst betrifft. nimmt ihnen ihren Halt und verbreitet seelische wie materielle Not. zumal es definitionsgemäß eine Zeit revolutionären Umbruchs ist? Wenn sie sich aber wirklich wandeln. daß sich wenigstens einige Leute . daß sich soziale Ziele. tiefgreifend von eben dieser Gesellschaft beeinflußt. immer weiter von der gerade erwünschten Gesellschaftsform abweicht. daß man über die gewünschte Gesellschaft unterschiedlicher Ansicht sein kann – auch unter Konservativen. daß die Gesellschaftsform. und es ist zu erwarten. die einmal am erstrebenswertesten erschien. die an der Planung gar nicht beteiligt waren. je mehr man sich ihr nähert. eine Generation für die nächste zu opfern. dann ist es falsch. ihren Plan in die Tat umzusetzen – sie wird ihre Gegner zur Unwirksamkeit verurteilen. Liberalen oder Sozialisten im üblichen Sinne. Der radikale Umbau der Gesellschaft ist ein gewaltiges Unterfangen. Das gilt für die Urheber des Plans und in noch stärkerem Maße für ihre Nachfolger. Eine freie Gesellschaft kann keine allgemein verbindlichen sozialen Ziele vorgeben. das zwangsläufig viel Zeit erfordert: Ist es nicht sehr wahrscheinlich. Auf jeden Fall entwurzelt ein Umbau der Gesellschaft. aber eine Regierung mit utopischen Zielen muß genau das tun und damit unvermeidlich autoritär werden. dann bedeutet das. von den anderen ganz zu schweigen. einem Zweck zu dienen. muß auch die Planer mit ihren Planungen hinwegfegen. der radikal ist und deshalb lange dauert. die sie hinwegfegen möchten. Welche Gruppe auch immer an die Macht kommt und bestrebt ist. Und wenn alle Menschen gleiche moralische Ansprüche haben. sondern zwangsläufig sind auch ihre sozialen Erfahrungen und folglich ihre sozialen Annahmen und Ziele. Ideen und Ideale in dieser Zeit grundlegend wandeln. so ist es unbestreitbar. Ein anderes Argument hängt damit zusammen: Die Planer gehören nicht nur selbst der Gesellschaft an.Bryan Magee – Karl Popper 114 gebracht werden müssen.
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den Maßnahmen widersetzen, die sie derart bedrohen. Die Machthaber, die die ideale Gesellschaft verwirklichen wollen, werden in ihnen – gar nicht einmal ganz zu Unrecht – Menschen sehen, die sich dem durch und durch Guten aus Eigeninteresse entgegenstellen. Die Opponenten erscheinen damit als Feinde der Gesellschaft, und in der Folgezeit werden sie zwangsläufig zu Opfern. Denn ideale Ziele werfen, weil sie unerreichbar sind, lange Schatten voraus, und der Zeitraum, in dem man Kritik und Opposition ersticken muß, wird immer länger. Intoleranz und autoritäre Haltung nehmen zu; natürlich wollen die Verantwortlichen dabei nur das Beste. Und gerade aus der Auffassung, daß Absichten und Ziele ideal sind, erwächst, wenn die Ziele nach wie vor unerreichbar bleiben, zwangsläufig die Beschuldigung, daß jemand seine Finger im Spiel hat – Saboteure, ausländische Mächte, korrupte Gestalten müssen am Werk sein, denn wenn Kritik an der Revolution nicht vorgesehen ist, lassen sich Unzulänglichkeiten nur mit dem Wirken bösartiger Kräfte erklären. Deshalb wird es notwendig, die Schuldigen zu ermitteln und sie auszurotten, und wenn es Schuldige geben muß, dann finden sie sich auch. Mittlerweile dürfte das revolutionäre Regime bis zum Halse in den unvorhergesehenen Konsequenzen seiner Maßnahmen stecken. Denn selbst wenn die Feinde der Revolution den verdienten Lohn erhalten haben, entziehen sich die Ziele der Revolution nach wie vor hartnäckig der Realisierung, und die herrschende Clique bricht in ihrer Bedrängnis immer mehr Lösungen für gerade anstehende Probleme übers Knie (Popper nennt das ,ungeplante Planung’) – üblicherweise war das einer der Gründe dafür, warum ihr das frühere Regime besonders verachtenswert erschien. So vertieft sich der Graben zwischen den erklärten Zielen und dem tatsächlichen Tun, und man agiert immer mehr wie eine Regierung, die zynisch denkbar unutopischen Zielen nachgeht. Natürlich erwarten wir fast alle, daß die Ordnung auch während eines Umbaus in den wichtigsten Bereichen aufrechterhalten bleibt: die Menschen müssen weiter mit Nahrung und Kleidung versehen,
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untergebracht und warm gehalten werden; Kinder müssen weiter versorgt und erzogen werden, wenn man ihnen nicht unerträgliche Opfer auferlegen will; Verkehrsmittel, Krankenhäuser, Polizei und Feuerwehr müssen weiter funktionsfähig bleiben. Und in einer modernen Gesellschaft sind diese Einrichtungen ohne großangelegte Organisation undenkbar. Wer das alles mit einem Male ,hinwegfegen’ wollte, würde buchstäblich ein Chaos schaffen; und der Glaube, daraus werde dann irgendwie eine ideale Gesellschaft entstehen, grenzt an Wahnsinn – nicht anders als der Glaube, eine Gesellschaft, die nicht vollkommen, sondern schlicht besser als unsere gegenwärtige ist, könne mit größerer Wahrscheinlichkeit aus einem Chaos hervorgehen als eben aus unserer gegenwärtigen Gesellschaft. Doch so sehr wir auch von Perfektion träumen – niemals könnten wir alles hinwegfegen und von neuem beginnen, selbst wenn wir dazu entschlossen wären. Die Menschheit gleicht der Mannschaft eines Schiffes auf See: Es steht ihr frei, jeden Teil des Schiffes umzubauen, das sie trägt; sie kann sogar das ganze Schiff umbauen – aber eben nur abschnittweise, nicht mit einem Schlage. Der Wandel kommt nie zum Stillstand. Aus diesem Grunde verliert bereits die Vorstellung vom Plan einer guten Gesellschaft ihren Sinn, denn selbst wenn die Gesellschaft schließlich dem Plan entspräche, würde sie sofort beginnen, sich wieder von ihm zu entfernen. Ideale Gesellschaften bleiben also nicht nur deshalb unerreichbar, weil sie ideal sind, sondern auch, weil sie statisch, festgeschrieben und unveränderlich sein müßten, um überhaupt einem Plan zu entsprechen – und so wird keine Gesellschaft aussehen, die wir voraussagen können. Der soziale Wandel scheint seinen Schritt mit jedem Jahr zu beschleunigen, nicht zu verlangsamen. Und dieser Prozeß findet, so weit wir sehen können, noch kein Ende. Deshalb muß sich ein politischer Ansatz, will er überhaupt eine Chance haben, der Realität gerecht zu werden, nicht mit dem Zustand der Dinge befassen, sondern mit ihrem Wandel, Uns stellt sich nicht die unlösbare Aufgabe, eine
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bestimmte Gesellschaftsform zu errichten und zu bewahren; wir sind vielmehr dazu aufgerufen, die Veränderungen, die im endlosen Prozeß des Wandels Zustandekommen, möglichst gut in der Hand zu behalten und diese Macht weise zu gebrauchen. Weil die Gesellschaft niemals vollkommen sein wird, sind Fragen wie ,Was ist die ideale Gesellschaftsform?’ rein akademischer Natur. Tatsächlich lehnt Popper ,Was ist?’-Fragen grundsätzlich ab. Fragen wie ,Was ist Schwerkraft?’ und ,Was ist Leben?’ sind für den Fortschritt in der Wissenschaft so unerheblich wie die Fragen ,Was ist Freiheit?’ und ,Was ist Gerechtigkeit?’ für den Fortschritt in der Politik.13 Genauso abzulehnen sind verkleidete ,Was ist?’-Fragen – zum Beispiel die Frage ,Ist Großbritannien eine Demokratie?’, aus der sich prompt die Frage ergibt ,Was verstehen Sie unter Demokratie?’ oder ,Was ist Demokratie?’ Derartige Fragen stellen einen quasimagischen Versuch dar, das Wesen der Realität in einer Definition zu erfassen, und Popper hat ihren Gebrauch deshalb als ,Essentialismus’ gebrandmarkt. In der Politik führt der essentialistische Ansatz fast selbstverständlich zum Utopismus und zu dogmatischen Konflikten. Wirklich wichtige Fragen sehen eher so aus: ,Was sollten wir in dieser Lage tun?’ ,Was schlagen Sie vor?’ Auf solche Fragen gibt es Antworten, die man fruchtbar diskutieren und kritisieren und, wenn sie sich dabei bewähren, praktisch erproben kann. Was nicht vorgeschlagen wird, läßt sich nie in die Praxis umsetzen. In der Politik kommt es also, wie in der Wissenschaft, nicht darauf an, Begriffe zu analysieren, sondern Theorien kritisch zu diskutieren und der Prüfung durch die Erfahrung zu unterwerfen. Autoritäre politische Strukturen sind den gleichen verfehlten Vorstellungen von Sicherheit und den gleichen verfehlten methodologischen Annahmen verhaftet wie die traditionelle Wissenschaftsauffassung. Die Argumente, die Popper zur Kritik der Ansicht heranzieht, es sei in der Politik möglich oder man solle sich gar das Ziel
13
Siehe S. 32 u. S. 51
Bryan Magee – Karl Popper 118 setzen. und .Stückwerk-Sozialtechnik’. unerfreuliche Nebenbedeutungen. auf Menschen angewandt. sei der Leser auf die Bücher von Karl Popper verwiesen. Für sie und für so vieles. wie Poppers Philosophie aus einem Guß ist. . Popper nennt diesen Ansatz in der Philosophie . die seiner Kritik der Ansicht zugrundeliegen.Technik’ hat.kritischer Rationalismus’. sicheres Wissen zu erlangen und zu bewahren. sowie seine Sicht dieser Methode. es sei in der Wissenschaft möglich oder man solle sich gar das Ziel setzen.Stückwerk-Sozialtechnik’ klingt herzlos. in der Politik . und mich dabei im vorliegenden Buch auf die logischen Argumente und ihre Wechselbeziehungen konzentriert. Dieser Ausdruck ist aus drei Gründen unglücklich gewählt: . in dessen Verlauf neue Ideen kühn vorgeschlagen und beständig der strengen Fehlereliminierung im Lichte der Erfahrung unterworfen werden. daß die Wissenschaft in der wissenschaftlichen Methode besteht. Und Poppers Auffassung. Ich habe versucht zu zeigen. mit Gefühl und Phantasie einen unaufhörlichen Rückkopplungsprozeß zu nutzen. mit dem wir uns hier nicht befassen konnten. einen bestimmten Zustand der Gesellschaft anzustreben und zu bewahren. sind auf jeder Ebene mit seiner Auffassung verknüpft.Stückwerk’ hat gewöhnlich schon eine abwertende Bedeutung und hier den weiteren Nachteil. In beiden Fällen ermuntert uns Popper. aber Popper tritt denkbar leidenschaftlich für dieses Verfahren ein und bringt dafür einige denkbar humane Argumente vor. und mit seiner Sicht dieser Methode. . sind deshalb Punkt für Punkt die gleichen Argumente. daß die Politik in der politischen Methode besteht. Noch wichtiger jedoch sind die moralischen Argumente. daß der Radikalismus der vorgeschlagenen Methode verschleiert wird.
hierauf in einem Postskript zur englischen Ausgabe einzugehen. Ich konnte mich damals im Text zwar noch nicht auf sie beziehen. Sein erstes Buch. In der Zwischenzeit hatten sich Poppers Gedanken zu einigen der Themen. daß sich die Veröffentlichung seiner Bücher um Jahrzehnte verzögert hat. schrieb Popper in den Jahren 1930 bis 1933. Man beschloß. Aber das Postskript nahm unter seiner Hand einen solchen Umfang an. daß es zu einem selbständigen Buch wurde. und das Buch wurde mit der Zeit immer umfangreicher. Weil diese Schriften aber mittlerweile zugänglich sind. es als Begleitband zu veröffentlichen. Das dauerte bis 1962. in der einflußreicheren englischen Übersetzung aber erst fünfundzwanzig Jahre später. sondern der Initiative von W. . abgesetzt worden. Während des ganzen Arbeitslebens von Popper war es durchaus nichts Ungewöhnliches. aber die Veröffentlichung verzögerte sich ständig. erschien gleich 1934. Auf den Druckfahnen sammelte sich unterdessen eine Fülle neuen Stoffes an. daß von einem seiner umfangreichsten und wichtigsten Werke ein Vierteljahrhundert lang lediglich die Fahnen vorlagen. und die Logik der Forschung erschien separat.) Bei der Abfassung konnte ich auf viele unveröffentlichte Schriften Poppers zurückgreifen. und selbst das ist nicht unmittelbar Popper zu verdanken. die in dem Buch behandelt werden. 1956/57. aber es erschien erst 1979. aber ich habe sie bei meiner Darstellung von Poppers Gedanken berücksichtigt. dann wendete sich Popper schließlich der Arbeit an anderen Problemen zu. Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. (Inzwischen liegt die zehnte englische Auflage vor. die mittlerweile das Licht der Welt erblickt haben. Poppers Absicht war es zunächst.W. muß jetzt etwas über sie gesagt werden. Das PostScript war inzwischen.Bryan Magee – Karl Popper 119 Nachtrag Die Originalausgabe dieses Buches erschien 1973. Sein zweites Buch. Erst 1982/83 wurde es veröffentlicht. Die Folge war. gewandelt oder zumindest weiterentwickelt. Logik der Forschung.
der zweite enthält dreiunddreißig kritische Artikel namhafter Autoren. Im übrigen enthalten Poppers unveröffentlichte Schriften eine Anzahl schöpferischer Beiträge zu Themen. Sie umfaßt vier Teile: im ersten stellt Popper seine intellektuelle Entwicklung dar. der als Herausgeber fungierte. Die Titel der einzelnen Bände lauten Realism and the Aim of Science – Der Realismus und das Ziel der Wissenschaft. Bis alle erschienen sind. Für den Leser also wird sich Poppers Philosophie noch über viele Jahre hinweg weiterentwickeln.A. Popper war achtzig. Unter anderem handelt es sich um zwei Bände. jeweils mit dem Untertitel From the Postscript to the Logic of Scientific Discovery. ebenfalls in drei Bänden. Schilpp in der Library of Living Philosophers eine zweibändige Darstellung von Poppers Philosophie heraus. das Werk in drei Bänden zu veröffentlichen. werden wohl noch Jahrzehnte vergehen. unter dem Titel Postskript zur Logik der Forschung erscheinen. Beide sind Sammlungen kürzerer Arbeiten. er hatte sie aber verfaßt. Ihre Arbeitstitel lauten Philosophy and Physics (eine bewußte Anspielung auf Heisenbergs Physik und Philosophie) und The Myth of the Framework. Bartley beschloß auch. . Besondere Aufmerksamkeit im letztgenannten Band verdient eine ausführliche Kritik des soziologischen und politischen Gedankenguts der Frankfurter Schule. als er auf der Höhe seiner Schaffenskraft stand. 1974 gab P. Dr. Die deutsche Ausgabe wird. der dritte ist Poppers „Antwort an meine Kritiker“ und der vierte eine vollständige Bibliographie bis zum Jahre 1974. Es bleibt eine Fülle von unveröffentlichten Arbeiten. und sie enthalten einige seiner wertvollsten Gedanken. über die er wenig oder nichts publiziert hat. Quantum Theory and the Schism in Physics – Die Quantentheorie und das Schisma in der Physik. The Open Universe: An Argument for Indeterminism – Das offene Universum.Bryan Magee – Karl Popper 120 Bartley III. Poppers Autobiographie erschien 1976 selbständig als Unended Quest und 1979 in deutscher Übersetzung unter dem Titel Ausgangspunkte. die schon seit mehreren Jahren als abgeschlossenes Typoskript vorliegen. als die Bände erschienen.
8. & expanded ed. London: Routledge & Kegan Paul. 6. corr. 6th rev.Bartley III. München: R. 1973. in Vorbereitung Objective Knowledge: An Evolutionary Approach. Marx und die Folgen. 1945. 1979. offenes Universum. 1978 – Vermutungen und Widerlegungen. 1934 [mit Jahreszahl 1935]. Wien: Springer.Mohr (Paul Siebeck). 1980 (UTB 472/473) The Poverty of Historicism. 1976. ed. Bern: Francke. 2. Hamburg: Hoffmann u. I: Der Realismus und das Ziel der Wissenschaft. 1982/83 – Postskript zur Logik der Forschung. Tübingen: J. Aufl. Jahren 1930-1933 hrsg. Aufl. II: Falsche Propheten. Popper. Marx. hrsg.. Campe. 1977. 1987 Conjectures and Refutations: The Growth of Scientific Knowledge. London: Routledge & Kegan Paul. 1957/58. Franz Kreuzer im Gespräch mit Karl R. Aufl. London: Hutchinson. III: Die Quantentheorie und das Schisma in der Physik. d. Campe. II: The High Tide of Prophecy: Hegel. 1982 The Self and Its Brain: An Argument for Interactionism (zus. London: Routledge & Kegan Paul. 1977 – Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. 2nd printing 1985 – Das Ich und sein Gehirn. I: Der Zauber Platons. m. 1976 – Das Elend des Historizismus. 1982 [verbesserte Version von „Autobiography of Karl Popper“. London: Fontana/Collins. and the Aftermath. The Philosophy of Karl Popper. 9th ed. 1963. 4.C. 1974] Ausgangspunkte: Meine intellektuelle Entwicklung. Tübingen: J. Tübingen: J. Tübingen: J. Aufl. 3. durchges.C. in The Library of Living Philosophers. erg. T. Hamburg: Hoffmann u. 1959. London. The Open Universe: An Argument for Indeterminism. 1965. Aufl. 12th ed. Wien: Franz Deuticke.Bryan Magee – Karl Popper 121 Bücher von Karl Popper Logik der Forschung. London: Hutchinson. II: Das offene Universum. 1957.B. Quantum Theory and the Schism in Physics. B. 1979 Offene Gesellschaft.Mohr (Paul Siebeck). 1981 — Objektive Erkenntnis: Ein evolutionärer Entwurf. Eccles). 6. Mohr (Paul Siebeck).B. 1982.v. Schlipp.B. 1984 – The Logic of Scientific Discovery. Berlin. 1985 Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie. LaSalle. WilliamW. hrsg.C.A. P. Tübingen: J. Heidelberg. v.Piper. v. Oxford: Clarendon. l0th rev.: Open Court. Aufl. Aufgrund v. Aufl. ed. Mohr (Paul Siebeck). 6th rev. u. weiter verb. 1983 From the Postscript to the Logic of Scientific Discovery ist der Untertitel der drei Bände Realism and the Aim of Science.E.. C. Mohr (Paul Siebeck). John C. I: The Spell of Plato.Hansen.C. Ill. überarb. Hegel. verm. u. in . 1982. Manuskripten a.B. 1980 The Open Society and Its Enemies. 7th ed. 1984 Unended Quest: An Intellectual Autobiography. 1972. 5. New York: Springer.
A.Bryan Magee – Karl Popper 122 Vorbereitung Auf der Suche nach einer besseren Welt: Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren. Bryan Magee. Piper 1984 Der Leser wird außerdem auf Poppers Beiträge zu folgenden Sammelwerken verwiesen: Modern British Philosophy. v. P. 1971 The Philosophy of Karl Popper. 1974 Eine ausgewählte Bibliographie der Schriften Karl Poppers findet sich in Ausgangspunkte: Meine intellektuelle Entwicklung . hrsg. LaSalle. Ill. hrsg. Schilpp. v.: Open Court. London: Secker & Warburg. München: R.